{"numero_id": "bm-bmtnabi-1862-04-12-01", "volume": "bmtnabi_1862-04-12_01", "ocr_sha256": "7d1dd7cbfcaa73a3c9f0dc8a64d3aad1e5421c165a8e21eb1344b71d2c64f808", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1862/04/12_01/bmtnabi_1862-04-12_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620412-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1862-04-12-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1862-04-12_01#c001", "volume": "bmtnabi_1862-04-12_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "113", "page_fin": "113", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620412-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "113", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620412-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 336, "texte": "Inhalt.\nAus Frankfurt am Main (Das Quartett-Spiel). Von A. Schindler. „Gesang und Opera (Drittes Heft). Lon-\ndoner Briefe (Die Populär Concerts Joachim Die Operntheater). Tages- und Unterhaltungsblatt (Köln, Sechste\nSoiree für Kammermusik, F. Hiller, J. Offenbach Wien, Staats-Stipendien für Kunstzwecke, Fräulein Tietjens, Herr Laube)."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1862-04-12-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1862-04-12_01#c002", "volume": "bmtnabi_1862-04-12_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "113", "page_fin": "116", "image_debut": 1, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620412-01.2.2", "titre_corps": "Aus Frankfurt am Main.", "titre_sommaire": "Aus Frankfurt am Main.", "signature_source": "A. 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Aber\nauch Anderes kam darin zum Vorschein, was von Uner-\nfahrenheit der Beurtheiler Zeugniss gegeben und Veran-\nlassung zu vorliegendem Aufsatze wird.\nBringt man Zweierlei in Erwägung, dass nämlich die\nTonkunst heutzutage mehr wie jede andere der schönen\nKünste mit Grund ihre Blicke zurück in eine frühere Zeit\nrichtet, um sowohl Trost als auch Belehrung bei ihr zu\nsuchen; dass ferner die musicalische Kritik heutzutage zum\ngrössten Theile von jungen Männern geübt wird, deren\nBildungsgang in die letzten zwei Decennien fällt, sonach\nin die Zeit schon allgemein gewordener Begriffs-Verwir-\nrung in Folge des vollzogenen Bruches mit den Traditionen\nder classischen Epochen (Herrschaft des Virtuosenthums)\nso ergeben sich hieraus für den kleinen Rest von Fach-\nmännern aus der früheren Epoche, die noch einigen An-\ntheil an den Ereignissen des Tages nehmen, Veranlassun-\ngen genug, um wichtige culturhistorische Thatsachen aus\njener Zeit ans Licht zu ziehen, weil sie verloren zu sein\nscheinen. Wohl darf behauptet werden, dass die unzähli-\ngen Widersprüche und Irrthümer in Sachen der Musik,\nvornehmlich in dem praktischen Theile, gemindert oder\nvielleicht ganz beseitigt werden könnten, wenn die Mehr-\nzahl der öffentlichen Beurtheiler ihre Erinnerungen schon\nvon dem Beginne des laufenden Jahrhunderts her zu dati-\nRen vermöchten, nicht aber erst aus dessen viertem oder\ngar fünftem Jahrzehend, wo besonders in der Praxis eine\nWandlung vorgegangen war, die mit den schöpferisch rei-\nchen Epochen, deren Producte wiederum allzusammt in\nPflege gekommen, wenig mehr übereinstimmt. Diese Wi-\ndersprüche und Irrthümer aber werden durch die Menge\nder unerfahrenen Beurtheiler nicht nur erhalten, sondern\nnoch vermehrt, weil die oft unbewusst Irrenden durch die-\nselben in ihrem Thun und Lassen bestärkt werden. Man\nurtheilt eben nach dem in der Gegenwart bestehenden\nSachverständniss; es bedarf jedoch der Vermittlung des\nBestehenden mit dem Bestandenen, in so weit diese noch\nin der Möglichkeit liegt.\nEinige Sätze des wackeren Referenten der „Zeit\" in\nder Beilage vom 11. März, die ich zu citiren mir erlaube,\nwerden ein weiteres Ausholen überflüssig machen. Nach-\ndem dieser Referent das Verdienst des Herrn Straus und\nseiner Collegen um die frankfurter Musik-Bestrebungen\nanerkannt, äussert er: „Aber wir können uns nicht ver-\nhehlen, dass uns die Ausführung der Quartette weniger\ngenügt, als früher. Da die sechs Abende nun vorüber sind,\nso müssen wir dahin resumiren, dass in diesem Winter\nein süssliches und weichliches Element hereingekommen\nist, das uns wenigstens nicht behagt. Wir vermissen eine\nfrische, kräftige Auffassung und wünschen weniger Re-\nflexion und weniger Sentimentalität. Auch ein kräftigeres\nHerausspielen, glauben wir, wäre wünschenswerth; die\nPiano's und Pianissimo's werden übertrieben, und oftmals\nhat man die erste Geige gar nicht gehört vor allzu grosser\nZartheit bei dem Vortrage einer Melodie. Die Quartette\nunserer grossen Meister sind meist kerngesunde Musik-\nstücke von frischem Leben und warmer Poesie, die ihren\nFarben-Reichthum in sich tragen und gar nicht gewinnen,\nwenn sie zu fein ausgeklügelt werden.\"\n- Mit jedem Satze hat der Kritiker den Nagel auf den\nKopf getroffen. Indess wird doch darauf zu bemerken sein,"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "114", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620412-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5386, "texte": "Dass, wenn dem treulichen Manne die Ausführung der\nQuartelte dermal weniger genügt hat, als früher, der\nGrund zumeist in der längeren Uebung des Hörens sei-\nnerseits liegt. Ein empfänglicher Sinn für kräftiges, le-\nbensfrisches Colorit wird bei längerem Anschauen von\nGemälden ermüden, wenn sie diese Eigenschaften entbeh-\nren; stösst der Blick aber zuweilen sogar auf Gelecktes,\nden äussersten Gegensatz von Kraft und Natürlichkeit,\ndann wird er sich wohl mit Widerwillen davon abwenden.\nNach der intellectuellen Seite hin war in unseren Quartett-\nAufführungen im letzten Winter wohl keine Veränderung\nvorgegangen, und war in Folge allzu grosser Zartheit der\nersten Geige das Ensemble zuweilen wirklich gestört, so\nlag dies nach meiner Beobachtung—an dem veränder-\nten Locale, dessen minder gute Akustik gegen das frühere\ndie anderen Instrumente mehr begünstigt hat. Dieses Mehr\nfindet wieder seinen Grund darin, dass die drei Collegen\ndes Herrn Straus frei sind von modernen Manieren, die\ndem Quartettspiel unfehlbar Nachtheil bringen, daher sie\nin dem neuen Saale die erste Geige an Kraftäusserung\nunabsichtlich überboten haben. Was hier dankbar ver-\nzeichnet werden soll, betrifft das Weglassen des springen-\nden Bogens und seltener vorgekommenes Ueberjagen der\nAllegrosätze.\nMit diesen Prämissen gehen wir nun an unsere eigent-\nliche Aufgabe, die von den wesentlichen Anforde-\nrungen Seitens der Technik an das Quartett-\nspiel handeln soll.\nIn den classischen Epochen, die den Namen unserer\ndrei Helden in der Instrumental-Musik tragen, waren nicht\nbloss Goncert- und Quartett-Musik zwei gesonderte Zweige\n—was sie naturgemäss in aller Zeit verbleiben werden —,\nauch die Violinspieler sonderten sich in zwei Gruppen:\nin Concert- und Quartettspieler. Der klare Begriff von den\nAnforderungen, die jeder dieser Zweige für sich an den\nSpieler macht, jener nämlich vorzugsweise Bravour und\nglanzvolle Tonfärbung, dieser hingegen Objectivität in des\nWortes engster und strengster Bedeutung,—dieser Begriff,\nfeststehend wie ein religiöser Glaubens-Artikel, wies jedem\nGeigenkünstler seine Stellung an, dem einen als Concert-,\ndem anderen als Quartettspieler, je nachdem Neigung und\nSchule hierzu quaiificirt hatten. Diese Sonderung unter den\nVioünspielern war eine so entschieden festgehaltene, dass\ndas die Quartett-Musik in dermalen ungekanntem Grade\ncultivirende Publicum jeden Uebergriff in ein dem Künst-\nler fremdes Gebiet, insbesondere des Concertisten in das\nQuartett, sehr verübelt und bei seinen Productionen sich\nnicht eingefunden haben würde. Dass Wien damals die\nhohe Schule für das Quartettspiel in Deutschland gewesen,\ndavon spricht bereits die Kunstgeschichte, und dass Ignaz\nSchuppanzigh der Hohepriester dieses Culius war, ist auch\nbekannt. Von den gleichzeitig in Wien lebenden Künst-\nlern von Auszeichnung, als: Mayseder, Böhm, beide bis zu\ndiesem Tage noch in Wirksamkeit, dann Klement, Pechat-\nschek, Jaell und Anderen, war keiner mit einem Quartett\nvor das Publicum getreten, weil sie Concerlspieler waren.\nNach Schuppanzigh's Ableben (1830) konnte es nur Auf-\ngabe seines ehemaligen Schülers Mayseder werden, die\nTraditionen im Quartettspiel fortzupflanzen, wozu er auch\naufgefordert worden, jedoch soll er sein eigentliches Fach\nals Haupthinderniss erkannt haben; und dennoch hatte die-\nser ausgezeichnete Künstler das Quartettspiel im Privat-\nkreise unablässig cultivirt*). In Folge dieser Weigerung\nwar es vorauszusehen, dass diesem Zweige in dem neue-\nrungssüchtigen Wien eine baldige Wandlung bevorstehen\nwerde. Wir werden hören, aus welcher Himmelsgegend\nder Impuls hierzu gekommen.\nIn Betreff der durch eine lange Reihe von Jahren in\nWien aufgetretenen fremden Violinspieler, sofern sie\nsich auch im Quartett hören liessen, ward allein Lipinski\ndie Ehre zu Theil, als guter Quartettspieler Anerkennung\nzu finden. Diese Anerkennung wog um so schwerer, als\nSchuppanzigh und Genossen sich eben in voller Thätigkeit\nbefanden.\nIn Pai •is aber lebte Bai Hot, gross als Theoretiker\nund Lehrer, ein Beispiel sonder Gleichen im Concert- und\nQuartettspiel. Von diesem ausserordentlichen Künstler soll\nerst am Schlüsse dieses Aufsatzes die Rede sein.\nWorin ist wohl der Unterschied zwischen Concert-\nund Quartettspiel zu finden? Im Allgemeinen in der Schule,\nwie selbstverständlich, im Besonderen aber in der von der\nSchule angewandten Manier (das Wort im besseren Sinne),\ndie sich zumeist in der Eigentümlichkeit der Bogenfüh-\nrung kund gibt. In letzterer findet sich das charakteristi-\nsche Merkmal, durch das sich die verschiedenen Schulen\nvon einander unterscheiden, als z. B. die alte italiänische\nSchule (Tartini, Nardini bis Paganini) kurzer Bogen, das\nMeiste mit der Mitte gespielt; die französische Schule (Rode,\nKreutzer) langer Bogen, der Schwerpunkt in dessen Spitze;\ndie deutsche Schule (Spohr) langer Bogen, der sich so\nwenig als nur möglich von den Saiten entfernen soll. In\nvierter Ordnung die belgische Schule (Beriot) als die\njüngste. Diese ermangelt eines eigenthümlichen Merkmals,\nweil sie ein Mixtum-Compositum aus der italiänischen und\nfranzösischen Schule ist. So stand es damit, als im vierten\nJahrzehend de Beriot seine Triumphzüge durch Europa\nmachte. Allein schon unter seinen ersten Schülern hat die\nGrundsatzlosigkeit der Charlatanerie die Thore geöffnet.\n\n*) Siehe Beethoven's Biographie, 11., S. 157, 7.Der schwer ge-\nfasste Entschluss\"."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "115", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620412-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5499, "texte": "Der belgischen Schule gebührt das Verdienst, die franzö-\nsische so gut wie vernichtet zu haben; auch der deutschen\nhat sie grossen Eintrag gethan; sie ist es eigentlich, von\nder die laufende Epoche beherrscht wird. Täuschung ist\nes, in diesem und jenem Ausläufer der deutschen Schule\nein reines, unverfälschtes Muster finden zu wollen; es ist\nnur ein Mixtum-Compositum von belgisch-deutscher Schule.\nDiesen verschiedenen Schulen entsprach und entspricht\nauch das Werkzeug, Bogen benannt. Die italiänische be-\ndiente sich eines sehr leichten, bald sägeförmigen, bald\noben in eine Spitze auslaufenden und unten mit einem\nhohen Frosche versehenen Bogens. Die französische und\ndie deutsche Schule gebrauchten dagegen einen schweren\nBogen, dessen Stange nach der Spitze zu ausgeschweift,\ndas Haar aber straff angespannt war. Ein solcher Bogen\nbesass natürliche Schwungkraft, sein Gewicht trug über-\ndies noch insbesondere bei, einen vollen, kräftigen Ton\naus dem mit starken Saiten bezogenen Instrumente zu ge-\nwinnen. Die belgische Schule hat wieder den leichten,\nsägeförmigen hervorgesucht, indem sich nur mit diesem\ndie mancherlei von ihren Jüngern erfundenen Streicharten\nausführen lassen. Bei Teresa Milanollo und anderen belgi-\nschen Virtuosen sah man solche immer schlaff gespannte\nBögen, deren Haar mehr als einen Zoll von der Stange\nabstand. Es scheint, dass gegenwärtig alle deutschen\nConservatorien letztere Bogenform angenommen haben, ja,\nes sind mir in letzter Zeit Virtuosen aus Spohr's Schule\nvorgekommen, die sich ebenfalls solcher Bögen bedienen.\nIch erlaube mir aber die Behauptung, dass mit diesem\nBogen die Concertwerke von Spohr, Rode, Kreutzer, Viotti,\nMaurer und alles, was damit in Verwandtschalt steht, eben\nso wenig in ihrem eigenthümlichen Charakter gespielt, als\nFrescobilder mit einem nur für Genrebilder tauglichen\nPinsel gemalt werden können. Man höre mit solchem Bo-\ngen unter Anderem ein langes Staccato ausführen, wie\niahm und holperich erklingt es nicht! Herr Capellmeister\nBott scheint nur noch der einzige zu sein, der diese schwie-\nrige und imponirende Strichart in Spohr's Weise anzuwen-\nden versteht. Gut für die Herren Collegen Bott's, dass so-\nwohl Beethoven wie auch Mendelssohn von dieser Strich-\nart in ihren Concertwerken Umgang genommen. Gar Man-\ncher der gegenwärtigen Koryphäen der Geige wäre weni-\nger bewundert und berühmt, existirten diese beiden Con-\ncerte nicht.\nEs liegt in der Natur der Sache, dass der angehende\nKünstler sich einer der genannten Schulen anvertrauen\nmuss, wenn er sich dem Concertspiel widmen will. Leider,\ndass dieser so entscheidende Schritt bei den Meisten ohne\nWahl geschieht; ob Brüssel oder Leipzig, wird nicht ge-\nfragt. Sehen wir den Jüngling dann eine Reihe von Jah-\nreu sich mit den Eigentümlichkeiten der Schule beschäf-\ntigen, die zu allermeist die Mechanik zum obersten Zwecke\nhaben, den Verstand aber last gar nicht oder viel zu we-\nnig in Thätigkeit bringen, so begreifen wir auch, wie der-\nselbe nur jenen Compositionen mehr oder weniger gerecht\nwerden könne, die ausschliesslich für diese Schule gechric-\nben worden. Aus diesem beschränkten Zauberkreise tritt\nkeiner zurück, der nicht halb oder ganz zur Maschine ge-\nworden und mehr als die Subjectivität des Meisters zur\nGeltung zu bringen vermöchte, weil die eigene sachgemäss\nder fremden gewichen ist.\nEs entsteht nun die Frage, welche von den genannten\nSchulen den jugendlichen Künstler zum Quartettspiel be-\nfähigen werde. Die Antwort ergibt sich schon aus dem\nVorstehenden: Keine, weil jede ihn von ihren Eigentüm-\nlichkeiten unfehlbar befangen machen wird. Nur vermittels\neiner so genannten guten Schule, die bloss eine kunstge-\nrechte Behandlung des Instrumentes lehrt und die subjec-\ntiven Eigenschaften des künstlerischen Individuums nicht\nzerstört, wird der Jünger den Zweck erreichen, einst ein\nguter Quartettspieler zu werden. Und da ein Quartett von\nvier Spielern ausgeführt wird, da dessen Objectivität aus\ndem Tiefinnersten heraus zu holen, Aufgabe des Vortrags\nist, so ist vollkommene Uebereinstimmung in der techni-\nschen Behandlung des Instrumentes bei den Spielern er-\nforderlich. Sollte eine Abweichung hierin nur bei der er-\nsten Geige Statt finden, sollte sich die Bogenführung da\nfür jede vom Autor verlangte Wendung nicht leicht ge-\nfügig zeigen und das Ganze nicht wie von Einem Rauche\nbelebt werden, so wird die erforderliche Einheit im Wie-\ndergeben der getheilten Idee nicht zu erreichen sein. Er-\nwägt man gar das kunstreich verschlungene Gewebe in\nden Quartetten unserer Classiker, so stellt sich eine gleich-\nmässige Schule bei allen an dem Vortrage Betheiligten\nals wesentliche Bedingung zur Darstellung des Charakte-\nristischen vor Augen. In Spohr's Violinschule lesen wir\nim Capitel vom Vortrage des Quartetts unter Anderem\nauch nachstehende gewichtige Worte: „Da die Art des\nVortrags stets aus der Idee und dem Geiste der Compo-\nsition hervorgehen soll, so muss der Solospieler beim Quar-\ntettspiel seine ihm eigentümliche Vortragsweise des Solo's\nzu verläugnen und dem jedesmaligen Charakter des Vor-\nliegenden anzupassen wissen. Nur wenn er dies vermag,\nwird es ihm gelingen können, sowohl den Charakter der\neinzelnen Sätze des Quartetts, wie auch die Verschieden-\nheit des Stils in den Werken unserer classischen Quartett-\nComponisten klar hervorzuheben.\"\nZur Zeit, als Meister Spohr seine Violinschule verfasst,\nhat die belgische Schule noch nicht existirt; möglich,\ndass es einem oder dem anderen in seiner oder in der\n\n[*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "116", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620412-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 550, "texte": "französischen Schule gebildeten Solospieler gelungen, die\nihm eigenthümliche Vortragsweise im Quartettspiel zu ver-\nläugnen. Von dem Gründer der deutschen Schule weiss\nman zu sagen, dass derselbe während seines Aufenthaltes\nin Wien öfter sich im Quartett hören liess, darin er aber\ndie ihm als Solospieler eigenthümliche Vortragsweise nie-\nmals verläugnet hat. Es muss demnach wohl selbst für\nden genialen Künstler sehr schwer werden, seine Subjec-\ntivität zu verläugnen, und wird es auch bei ihm heissen:\nConsuetudo altera natura*).\n(Schluss folgt.)"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1862-04-12-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1862-04-12_01#c003", "volume": "bmtnabi_1862-04-12_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "116", "page_fin": "118", "image_debut": 4, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620412-01.2.3", "titre_corps": "„Gesang und Oper.“", "titre_sommaire": "„Gesang und Oper.“", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "116", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620412-01.1.4", "debut_caractere": 552, "fin_caractere_exclue": 5325, "texte": "„Gesang und Oper.“\nVon den „kritisch-didaktischen Abhandlungen\", welche\nunter obigem Titel von Maria Heinr. Schmidt in Mag-\ndeburg (bei Heinrichshofen) herausgegeben werden, ist\ndas dritte Heft erschienen. Das erste und zweite haben\nwir in Nr. 32 und 33 des vorigen Jahrgangs besprochen.\nDas jetzt vorliegende enthält zunächst auf 44 Seiten\neine populär geschriebene Abhandlung über den methodi-\nschen Gang, der bei dem Gesang-Unterricht zu beobach-\nten ist, eingekleidet in die Darlegung der Art und Weise,\nwie der Verfasser den Bildungsgang einer jungen Gesang-\nschülerin zu leiten pflegt. Sie enthält, abgesehen von eini-\ngen Wiederholungen und Weitschweifigkeiten im Stil,\nmanches Gute und erfahrungsmässig Begründete, was bei\nMusikern, die mehr durch ihre Stellung in kleineren\nStädten oder in Familien, als durch ausschliesslichen Beruf\nzum Ertheilen von Gesang-Unterricht gewisser Maassen\ngenöthigt sind, recht nutzenbringend sein kann und dess-\nhalb Empfehlung verdient. Aber auch der Gesanglehrer\nvon Fach wird die Ueberzeugungen eines Collegen, die\naus langer Praxis geschöpft sind, gern prüfen und mit sei-\nnen eigenen Erfahrungen zusammenhalten.\nIn dem vielbesprochenen Streit über die Register der\nweiblichen Stimmen eifert der Verfasser gegen Dr. Schwarz,\nder nur zwei Register, Brust und Falset, anerkennt; im\nGegensatz zu ihm und mehr—jedoch nicht ganz—im An-\nschlüsse an Nehrlich und Garcia nimmt er vier Register\nan, deren Scheidungen er bei Mezzo-Sopranstimmen (vom\nkleinen b bis zweigestrichenen g oder as) in der Regel\nzwischen eingestrichen e und f, zwischen eingestrichen\nh und zweigestrichen c und zwischen zweigestrichen e und\nzweigestrichen / (oder f und fis) setzt. „Doch ist es\nbei der ruhigen Tonleiter immer (?) nothwendig, schon\nbei es, ja, nicht selten schon bei mit dem Falset zu be-\nginnen.\" Wir haben nichts dagegen, ja, wir halten es\nebenfalls für nothwendig, dass der Lehrer mit Vorsicht\nauf diese Uebergangsfarben innerhalb der zwei Haupt-\nRegister sorgfältig achte; allein für die Praxis können wir\nsie doch nicht für feste Abstufungen, sondern nur so zu\nsagen für Schattirungen des Brust- und Kopf-Registers\nhalten.\n\\\nBekanntlich hat man in neuerer Zeit gegen den Be-\nginn des Gesang-Unterrichts mit der Uebung der Tonleiter\nim An- und Abschwellen vielerlei Einwendungen gemacht,\ndie sich am Ende darauf zurückführen lassen, dass es nicht\ngerathen sein könne, mit dem letzten Ziel der Gesang-\nkunst den Unterricht zu beginnen; denn die vollkommene\nHerrschaft über den Ton, wie sie sich in der vollendet\nkunstgemässen Messa di voce offenbart, sei der Gipfel-\npunkt des Runstgesanges und schliesse alle übrigen Schat-\ntirungen des Tones und des Ausdrucks in sich. Das ist\nnun allerdings richtig; allein es entsteht nur die Frage, ob\ndie Vorbereitung, die Anbahnung des Weges, auf wel-\nchem man zu jenem Ziele gelangen kann, nicht schon zu\nden Elementar-Uebungen gehöre. Wir sind mit dem\nVerfasser entschieden der Ansicht, dass diese Frage bejaht\nwerden müsse, natürlich immer unter der Voraussetzung,\ndass der Unterricht in der Hand eines wirklichen Gesang-\nlehrers liege, d. h. eines geschickten und erfahrenen Man-\nnes von Fach, der nicht nach der Schablone unterrichtet,\nsondern seine Methode überhaupt und im Einzelnen also\nauch in Bezug auf diese Art der Tonleiter-Uebung—zu\nindividualisiren weiss.\nDer Verfasser bringt viel Richtiges und viel Beach-\ntungswerthes bei, indem er die genannte Uebung gegen\ndie andere, die Tonleiter erst im gleichbleibenden piano,\ndann eben so im mezzoforte und im forte singen zu las-\nsen, vertheidigt. Wir fügen seinen Bemerkungen nur noch\nhinzu, dass wir, was den Punkt der Schwierigkeit be-\ntrifft, die Uebung der Messa di voce für leichter halten,\nals die Uebung, einen Ton in sich gleichbleibender Stärke\noder Schwäche auszuhalten. Dieses letztere scheint uns das\nSchwierigere, folglich im methodischen Gange erst später\nzu Uebende. Denn das An- und Abschwellen des Tones,\nobwohl in seiner Vollkommenheit ein Erzeugniss der Kunst,\nliegt doch in seinem Grundwesen in der Natur der\nmenschlichen Stimme. Hebung und Senkung des Sprach-\ntones sind dem Menschen angeboren; erstere ist der natür-\n\n*) Das letzte Mal hörte ich Spohr im Quartett 1840 zu Aachen.\nDie Gebrüder Müller aus Braunschweig hatten naoh geendig-\ntem niederrheinischen Musikfeste, das Spohr dirigirt hatte, eine\nQuartett-Matinee im grossen Saale der Redoute veranstaltet.\nNachdem die vier Brüder ein Quartett vorgetragen, setzte sich\nder wahrhaft grosse Poet, vornehmlich in Bezug auf Tonqua-\nlität, an Karl Müller's Platz und spielte zwei seiner schönsten\nSolo-Quartette zum Entzücken des gefüllten Saales. Der\nVerfasser dieses Aufsatzes hatte das Gehörte als das wichtigste\nEreigniss in jenen musikreiohen Tagen zu verzeichnen."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "117", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620412-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5334, "texte": "liche Ausdruck der Erregung, der Steigerung, der Leiden-\nschaft, der Empfindung, das ist, auf den Gesang über-\ntragen, das Crescendo und Forletztere ist der Ausdruck\nder Abnahme der Aufregung, der Beruhigung, der Ab-\nspannung, musicalisch das Diminuendo und Piano. In der\nRede wie in dem Gesänge wird nur derjenige das Ziel er-\nreichen, der durch Befähigung und Uebung beide Fac-\ntoren des wirksamen Ausdrucks auf ihre künstlerische\nHöhe gebracht hat. Es weist also die Natur selbst darauf\nhin, die Messa di voce als die Grundübung der Gesanges-\nkunst anzunehmen.\nDer zweite Abschnitt des Heftes (S. 44\ntigt sich mit der gegenwärtigen Lieder-Literatur.\nLieder-Literatur! 0 Himmel! bei diesem Worte ringt sich\nauch aus unserer Brust ein tief geschöpfter Seufzer empor,\nund wir blicken dabei auf die riesigen Stösse von Lie-\ndern für alle möglichen Stimmen und Stimmen-Gruppen,\ndie da in unserem Archiv liegen und der Erlösung harren!\nEs bleibt uns nichts Anderes übrig, als um einen General-\nPardon zu bitten; es ist uns unmöglich, mit den Herren\nVerlegern durch Dick und Dünn zu gehen. Jetzt, wo der\nFrühling die Tage länger macht, dürften wir vielleicht ver-\nsuchen, durch das Dickicht zu brechen, um zu sehen, ob\nwir einige Maiblumen oder Röslein darin finden.\nUeber die unglaubliche Fruchtbarkeit der deutschen\nLiederzucht drückt sich unser Verfasser sehr energisch\naus; er hat aber Recht, wenn er sagt: „Es ist unglaub-\nlich, wie schlecht meistens etwas sein muss, um für den\nVerleger schnellen und lohnenden Absatz zu finden.\" Auch\nseine Classen-Eintheilung und allgemeine Beurtheilung der\nheutigen Lieder-Literatur enthält sehr viel Wahres. Er\ntheilt dieselbe im grossen Ganzen in zwei Gruppen.\nZu der einen stellt er alles, „was zu jener flachen\nBänkelsängerei gehört, welche die verbrauchtesten, abge-\ntriebensten musicalischen Floskeln und Wendungen immer\nvon Neuem wiederkäut und den Markt mit Liederfluten\nüberschwemmt, um jenen grossen geschmacklosen, heiss-\nhungerigen Dilettantenhaufen zu versorgen, der unersätt-\nlich nach Neuem begehrt und glücklich ist, stets das Alte\nwiederzufinden.\n„Die Vertreter und Koryphäen dieser Gruppe sind die\nKücken, Abt, Gumbert, Proch, Graben-Hoff-\nmann und Legionen ihrer Nacheiferer. In ihren Liedern\nfindet sich meist für singende Kehlen eine gewisse mund-\ngerechte Sangmässigkeit in leichter Ausführung; im Uebri-\ngen aber sind sie alle schablonenartig desselben Stiles,\naller tieferen Intention, alles höheren musicalischen Wer-\nthes bar und häufig mit zu Grunde liegenden dürftigen\nund platten Gedichten. Es vermag sie kaum ein gebilde-\nter, geschweige denn ein musicalisch gebildeter Mensch\nzu singen, da sie absolut nicht im Stande sind, einen wirk-\nlich künstlerischen Genuss zu gewähren. Sie dienen ledig-\nlich zu jener flauen verwerflichen Musikmacherei, die kei-\nnen anderen Zweck hat, als sich die müssige Zeit auf eine\nangenehm sein sollende Weise zu verdudeln, wobei Geist\nund Gemütb ohne alle Kräftigung bleiben.\n„Zu der anderen Gruppe zählen jene geistreichen Com-\nponisten, die keine Rücksicht auf bestimmte Stimmgattun-\ngen nehmen und an die Gesetze der Natur und an die\nNotwendigkeit dessen, was der Sänger zu freier, schöner\nDarstellung und bequemer Ausführbarkeit gebraucht, nicht\ndenken. Von Rücksichten gegen den Sänger ist gar keine\nRede; aber auch die Texte selbst sind nicht selten der\nmusicalischen Belebung geradezu widerstrebend, so dass\nder Sänger dadurch nicht innerlich erregt werden kann,\nund folglich auch mit Aufbietung aller seiner Kunst nicht\nim Stande ist, durch seinen Vortrag einen Eindruck bei\ndem Hörer hervorzubringen. Dazu gehören alle jene Ge-\ndichte, die keine bestimmte Stimmung aussprechen.—\n„Wie wenig von den meisten Componisten die zarten\nEigenthümlichkeiten der verschiedenen Stimmgattungen\ngekannt sind, davon geben die unzähligen Liederhefte\nZeugniss, welche für eine Sopran- oder Tenorstimme er-\nschienen sind und noch täglich erscheinen. Weiss es doch\njeder verständige Sänger, dass ein und dasselbe Lied für\nden Sopran sehr bequem, für den Tenor aber sehr unbe-\nquem in der Stimme liegen kann, und umgekehrt. Dass\ndiese Componisten, unbeschadet ihres musicalischen Talen-\ntes, nicht tief in die Mysterien der Gesangskunst einge-\ndrungen sind, wird jeder Sachkundige bekräftigen, und ist\nsomit auch leicht die Erklärung gefunden, wesshalb ihre\nLieder bei all ihrem Reichthum an musicalischen Schön-\nheiten. verhältnissmässig so wenig gesungen werden und\nsich stets mehr der Musiker als der Sänger daran er-\ngötzen wird.\n„Im Allgemeinen lässt sich die angegebene Gruppen-\nEintheilung festhalten: hier Laues, Flaues, Abgenutztes,\nmit leichter, bequemer Singbarkeit und für gewöhnliche\nOhren angenehm klingend; dort Geistreiches, Tiefes, mu-\nsicalisch Ueppiges, mit instrumentalem Ductus ohne rechte\nSingbarkeit und nur für solche Ohren tauglich, die den\nSänger dem Musiker opfern.\n„Ein Lied zu schreiben, was junge Componisten für\nleicht erachten, bedingt neben den unerlässlichen musica-\nlischen Kenntnissen schöpferisches Talent, gereiftes, ver-\nedeltes, leicht erregbares Gefühl, ein tiefes Verständniss\ndes menschlichen Herzens, einen feinen, eindringlichen Sinn,\nGeschmack, Erfahrung, Formengewandtheit und Routine;\nnur durch die Vereinigung dieser Eigenschaften können\nLieder erzeugt werden, die allen wesentlichen Anforderun-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "118", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620412-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2398, "texte": "gen zu entsprechen vermögen. Lieder lassen sich überhaupt\nnicht machen. Das echte Lied kann immer nur der Er-\nguss des rechten Augenblickes und einer dem Gedichte\nentsprechenden Stimmung sein, und nur so ist es zu er-\nklären, dass nicht selten untergeordneten Componisten,\ndenen jedes bessere Wollen, jedes höhere Streben fremd\nist, dennoch einzelne Lieder trefflich gelingen, hingegen\nin den Lieder-Compositionen der hervorragendsten Meister\ndas Gemachte, Zusammengefügte zu erkennen und nach-\nzuweisen ist, wenn diesen beim Schaffen die analoge Stim-\nmung fehlte.\n„Die Bestrebung neuerer Componisten, in ihren Lie-\ndern absonderlich geistreich zu erscheinen, beruht auf\nVerkennung des Liedes. Das eigentlich Geistreiche in Ton-\nschöpfungen ist stets überwiegend Sache des Verstandes,\nder ersinnt, abwägt und künstlerisch speculirt, während\ndas Lied nur die Frucht der Empfindung, also des Her-\nzens, sein soll. Ich setze natürlich das nöthige Talent dabei\nvoraus, jene wunderbare Kraft, welche sich der Quelle\ngleich aus der Tiefe zu Tage drängt, ohne dass wir ihrem\nUrsprünge nachspüren können.\n„Kein Componist gibt uns hierzu ein glänzenderes\nBeispiel, als Franz Schubert. Bei der tiefinnersten\nWahrheit dieser Lieder kann man nirgends das Prädicat\n„„geistreich\"\" darauf anwenden; alle Melodieen dersel-\nben tragen entschieden den Stempel der Einfachheit und\nNatürlichkeit und sind so treu aus den Worten heraus-\ngewachsen, dass, wer sie einmal kennt, sich eine andere\nmusicalische Belebung derselben gar nicht mehr denken\nkann. Dabei ist die Begleitung wiederum so geistig eins\nmit den Melodieen, so unverkennbar zugleich mit densel-\nben entstanden, dass eine Trennung oder Veränderung\nnicht möglich ist, ohne das ganze Lied zu zerstören.\n„Von dieser Weise Schubert's hat sich die neuere\nRichtung theilweise entfremdet; die Melodieen werden ge-\nsucht, statt zu entstehen, das Natürliche wird absichtlich\nvermieden, um pikant zu sein, die Begleitung umspielt die\nMelodie, ohne ihr anzugehören, die Harmonie wird so\nwirksam gemacht, dass darüber alle Wirkung verloren\ngeht, weil jede natürliche Folge in derselben peinlichst\nverhütet wird. Dass über dieser Absichtlichkeit die Sang-\nbarkeit der Melodieen gleichfalls verloren geht, begreift\nsich, da durch die Vermeidung des natürlichen Flusses\nsich die schwierigen Intervallen häufen und die Ausführung\ndadurch erschwert und unerfreulich wird.\""}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1862-04-12-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1862-04-12_01#c004", "volume": "bmtnabi_1862-04-12_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "118", "page_fin": "120", "image_debut": 6, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620412-01.2.4", "titre_corps": "Londoner Briefe.", "titre_sommaire": "Londoner Briefe.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "118", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620412-01.1.6", "debut_caractere": 2400, "fin_caractere_exclue": 4982, "texte": "Londoner Briefe.\n[Die P opular Co n certs Joachim Die Operntb eater,]\nLondon, 5. April 1862.\nWenn man den Beginn der londoner Season für Mu-\nsik, wie gewöhnlich, erst von der Eröffnung der italiäni-\nschen Opern und der grossen Concerte der musicaiischen\nGesellschaften an (philharmonische, neu-philharmonische,\nSacrecl Harmony Societyu. s. w.) rechnet, so sind wir\nnoch nicht oder kaum im Anfange derselben begriffen.\nAllein es hat sich in Bezug auf den alten Brauch, sofern\ner das Musikmachen und Musikhören betrifft, in den letz-\nten Jahren gar Vieles verändert; denn wir haben jetzt auch\nden Winter hindurch eine Oper, und zwar eine englische,\nund eine grosse Anzahl von Concerten gehabt. Wenn diese\nNeuerung auch die hohe Aristokratie nicht bewogen hat,\neinige Wintermonate in der Residenz zuzubringen, so hat\nsich doch dadurch herausgestellt, dass diese vornehme\nWeit zwar allerdings immer eine mächtige, aber doch\nnicht die einzige Stütze der Kunst in London ist; denn die\nWinter-Concerte und die englische Oper haben auch ohne\nsie ein zahlreiches Publicum gefunden, was um so erfreu-\nlicher ist, als dadurch der Einlluss der Tonkunst auf die\nMasse der Gebildeten durch Anregung des nationalen Ele-\nmentes und durch Vorführung classischer Instrumental-\nMusik weit mehr Boden gewinnt, als früher.\nAn der Spitze der Concert-Unternehmungen dieser Art\nstehen die Monday Populär Concerts, die, wie der Name\nzeigt, alle Montage in St. James Hall Statt finden. Dem\nTitel nach sollte man in ihnen Orchester- und Chormusik\nerwarten, etwa wie in den populären Concerten in Paris\nund Berlin. Dem ist aber nicht also; man hört hier nur\nKammermusik, Quartette, Trio's, Duette und Solostücke\nfür Violine oder Pianoforte, und dazwischen in der Regel\nzwei Gesang-Vorträge, meistens Lieder. Der Eintritts-Preis\nist für hiesige Verhältnisse billig: nach drei Abstufungen\nder Plätze fünf, drei und ein Shilling. Es wird—nament-\nlich in den Instrumental-Vorträgen, welche durchaus vor-\nherrschen—nur classische Musik gemacht, und es mag in\nDeutschland sehr überraschen, wenn man hört, dass Joa-\nchim bei seinem diesjährigen ersten Auftreten am 3. März\nin dem 77. Populär-Concerte Beethoven's Violin-\nQuartett in Cis-moll, Op. 131, spielte! Die anderen Mit-\nglieder des Quartetts sind die Herren L. Ries, H. Webb\nund P iatti.\nDas Concert wurde mit dieser Meister-Production er-\nöffnet, und was war der Erfolg? Am Schlüsse derselben\nerschallte ein einstimmiger und starker Applaus, welcher\nso lange anhielt, bis Joachim und seine Genossen wieder\nauf der Tonbühne erschienen. Eigentlich wünschte das"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "119", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620412-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5276, "texte": "Publicum den letzten Satz noch einmal zu hören, was aber\nwegen der Länge des Programms unmöglich gewährt\nwerden konnte.\nDie Musical World bezeichnet in ihrem Bericht über\ndiesen Concert-Abend Joachim als „einen von jenen ern-\nsten und gewissenhaften Künstlern, welche Begeisterung\nmit strengem Urtheil vereinigen und keinen Stillstand ken-\nnen, sondern, ein ideales Ziel im Auge haltend, der Voll-\nkommenheit immer näher und näher kommen. Es muss\neinstimmig zugegeben werden, dass er ohne allen Vergleich\nin jeder Hinsicht der bewundernswertheste Beherrscher\nseines Instrumentes ist, welchen das Land geboren hat, das\nihn als den grössten von den grossen Meistern zu den Sei-\nnigen zählt. Schon als Knabe ein musicalisches Wunder,\nwas diejenigen bezeugen können, die ihn, etwa 13 Jahre\nalt, im Jahre 1844 Beethoven's Vioiin-Concert in den phil-\nharmonischen Concerten spielen gehört, hat er einen so\nvortrefflichen Gebrauch von seinen Naturgaben gemacht,\nseine Kunst von einem so ernsten Standpunkte aus betrach-\ntet, dass er jetzt als Mann, obwohl noch jung, nach dem\nallgemeinen Urtheil die höchste Stellung einnimmt, nach\nwelcher sein Ehrgeiz streben konnte. Vergleichungen kön-\nnen bei anderen hervorragenden Künstlern angestellt wer-\nden, dass der Eine in Diesem, der Andere in Jenem höher\n+ 7\nsteht; aber Joachim steht allein da, und die wärmsten Lob-\nredner seinerzeit- und Kunstgenossen werden seine Ueber-\nlegenheit keinen Augenblick in Zweifel stellen.\"\nAusserdem brachte der Abend die Clavier-Sonate\n„ Non plus ultra\" von Wölfl (Miss Arabe 11 a Goddard),\neine Sonate in Bfür Pianoforte und Violine von Dussek\n(dieselbe und Joachim — beide gerufen), das Clavier-Trio\nin Es von Hummel (dieselben und Piatti) und zwei Ge-\nsangstücke (Miss Poole).\nDas folgende Concert (d. 10.März) begann mit Beet-\nhoven's Violin-Quartett Nr. 11 in (Op, 95). Das\nPianoforte spielte dieses Mal Karl Halle; er wurde nach\ndem trefflichen Vortrage der Sonate in D-moll von C. M.\nvon Weber gerufen. Zum Schluss spielte er mit Joachim\ndie reizende 6/-c/wr-Sonate Op. 96, die einen Sturm von\nBeifall hervorrief. Eine zierliche Sonate für das Violoncell\nvon Bocherini, gespielt von Piatti und von Benedict,\nwelcher der artistische Leiter der Montags-Concerte ist,\nam Ciavier begleitet, und einige Lieder von Schubert\nu. s. w. bildeten die Intermezzi des Abends.\nDer Abend des IT. März brachte zwei Quartette, zu\nAnfang des ersten Theils Mendelssohn's Op. 44, Nr. 3\nin E, dessen Scherzo wiederholt werden musste, und zu\nAnfang des zweiten Theils Beethoven's wundervoll phan-\ntastisches Op. 130 in A-mott. Miss Arabella Goddard\nspielte die grosse Sonate von Dussek: Le retour ä Paris,\ndie man hier „Plus ultra\" nennt, weil sie Wölfl, dem\nComponisten der „Non plus ultra\", gewidmet ist, und mit\nJoachim die grosse von Mozart. Joachim\nriss durch sein breites, gediegenes und überall poetisches\nSpiel die überaus zahlreiche Versammlung hin und erregte\ndie grösste Bewunderung der Renner durch die Meister-\nschaft in der Auffassung und dem charakteristischen Vor-\ntrage der drei verschiedenen Tondichter, deren Werke er\njedes nach seinem eigentümlichen Geiste wiedergab. Aber\nauch das Zusammenspiel des Quartetts ist, je länger, desto\nvortrefflicher, so dass man nicht leicht etwas Vollkom-\nmeneres hören kann.\nDas Programm des 80. Montags-Concertes brachte\nMozart's Quintett in G-mottund J. S. Bach's Ciaconna\nfür die Violine. Halle spielte Beethoven's e,\nOp. 53, und das E-dur-Trio von Hummel. — Das 81.\nwar zum Vortheil der Miss Goddard, welche zum letzten\nMale in dieser Saison darin spielte. Sie trug die grosse So-\nnate Op. III von Beethoven, Präludium und Fuge in\nmollvon J. S. Bach und mit Joachim die Kreutzer gewid-\nmete Sonate Op. 47 vor. Ein Quartett in C von Ilaydn\neröffnete die Sitzung. Der Saal war überfüllt und das Pu-\nblicum sehr enthusiastisch gestimmt.\nDie ganze Einrichtung dieser Concerte ist sehr zweck-\nmässig. Sie beginnen um 8 Uhr und enden vor 101 Das\nProgramm zerfällt in zwei Theile, die gewöhnlich mit\nViolin-Quartetten beginnen, während ein Solo-Vortrag auf\ndem Pianoforle den ersten und ein Duo oder Trio, eben-\nfalls für Pianoforte, den zweiten Theil schliesst. Für die-\njenigen Dilettanten, welche gewohnt sind, die Güte der\nProduction nach dem Eintrittspreise zu beurtheilen, sind\nin den letzten Concerten auch Sophaplätze in der Nähe\ndes Flügels für eine Guinee eingeführt worden. „Diejeni-\ngen Zuhörer, welche nicht bis zu Ende bleiben wollen,\nwerden gebeten, vor dem letzten Musikstücke sich zu ent-\nfernen, wozu eine Pause von fünf Minuten bestimmt ist,\ndamit die anderen, welche bleiben, nicht in dem Genüsse\nder letzten Nummer gestört werden.\"\nFür das sechste Auftreten Joachim's in den Montaus-\nConcerten kündigt die Musical world von heute—welche,\nbeiläufig gesagt, eine vollständige Uebersetzung des Be-\nrichts der Niederrheinischen Musik-Zeitung über F. IIil -\nler's Oper „Die Katakomben\" bringt — das Quartett in\nC Nr. 77 von Haydn, die Ciaconna von Bach, welche\nauf allgemeinen Wunsch wiederholt werden soll, und eben\nso Beethoven's Op. 47 für Ciavier und Violine, dieses\nMal mit Halle, an.\nAusserdem hat Joachim in einem der Samstags-Con-\ncerte im Krystall-Palaste Mendelssohn's Concert gespielt\nund wird heute dort zum zweiten Male auftreten, und am"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "120", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620412-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 93, "texte": "7. 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Mts. beschloss der hiesige Verein für\nKammermusik seine Sitzungen mit der sechsten, in welcher das\nViolin-Quartett in F-dur, Op. 59, von Beethoven und das in G-\ndur von Haydn, zwischen beiden das Clavier-Trio in C-moll, Op.\n66, von Mendelssohn die Clavier-Partie von Herrn F. Breu-\nnung vorgetragen zur Aufführung kamen. Ueber die vortreff-\nlichen, echt künstlerischen Leistungen des kölner Quartetts haben\n\"wir öfter und zuletzt in Nr. 11 d. 81. unsere auf eigene langjährige\nErfahrung im Anhören der tüchtigsten Vereine ähnlicher Art begrün-\ndete und von dem hiesigen Publicum einstimmig getheilte Ansicht\ndargelegt, so dass uns nur übrig bleibt, allen bei den Kammermu-\nsik-Abenden Mitwirkenden den Dank auszusprechen für ihre erfolg-\nreiche Betheiligung an dem Cultus des wahrhaft Schönen in der\nTonkunst. Wir wünschten lebhaft, dass unser geehrter Mitarbeiter,\nder Verfasser des Artikels über „das Quartett spiel\" in der heu-\ntigen Nummer, einer von den hiesigen Productionen in diesem Win-\nter beigewohnt hätte; er würde sich dann überzeugt haben, dass\nseine privatim gegen uns ausgesprochene Ansicht, „dass das kölner\nQuartett nach unseren Bemerkungen über dessen Vortrefflichkeit, die\ner mit grossem Vergnügen gelesen, durch seine Auslassungen über\ndas heutige Quartettspiel sich nicht berührt fühlen könne\" voll-\nkommen begründet ist.\nDie wiener Sing-Akademie hat in ihrer letzten Sitzung\nFerdinand Hiller einstimmig zu ihrem Ehren-Mitgliede\nernannt.\nJakob Offenbach weilt seit einigen Tagen hier in seiner Va-\nterstadt. Er hatte die Freundlichkeit, seinen „Orpheus in der Unter-\nwelt-', dessen siebenundsechszigste Vorstellung am Donnerstag Statt\nfand, zum Besten des Theater-Orchesters selbst zu dirigiren. Er\nwurde mit rauschendem Applaus und Fanfaren empfangen und meh-\nrere Male gerufen. Seine Leitung brachte unverkennbar mehr aus-\ndrucksvolle Schattirung und Lebendigkeit in die Aufführung, welche\nHerr Jupiter-L'Arronge seinerseits durch mehrere schlagende An-\nspielungen auf die Zeitverhältnisse zu würzen wusste»\nX% ien. Staats-Stipendien für Kunstzwecke. Hiesigen\nZeitungen zufolge wurde im vergangenen Monate dem Abgeordneten-\nHause eine von 406 Schriftstellern und Künstlern unterzeichnete\nAdresse überreicht, in welcher der Wunsch ausgesprochen wird, dass\nin dem nächsten Staats-Voranschlage auch für Kunstzwecke eine an-\ngemessene Summe ausgesetzt werde. Der Finanz-Ausschuss, welchem\ndiese Eingabe übergeben wurde, hat nun auf Grund der in derselben\nangeführten Motive beschlossen, zu beantragen, dass alljährlich eine\nSumme von 10,000 Fl. zu Stipendien für junge, begabte Künstler\naus allen Theilen des Reiches bewilligt werden möge.\nFräulein Tietjens hat mit der Hofopern-Theater-Direction einen\nContract abgeschlossen und wird von der nächsten Saison an wieder\ndiesem Institute angehören, worüber man sich nur sehr zu freuen\nUrsache hat.\nDer artistische Director des Burgtheaters, der Anfang März ziem-\nlich bedenklich erkrankt war, befindet sich bereits in der Reconva-\nlcscenz, welche allerdings, wie man vernimmt, längere Zeit währen\nund Schonung erfordern wird. Nicht nur die Freunde des Herrn\nLaube, sondern auch viele ihm Fernstehende, die seine überaus\nenergische Thatigkeit kennen und schätzen, haben die lebhafteste\nIheilnahme bezüglich dieses Krankheitsfalles geäussert."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "113", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620412-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nAus Frankfurt am Main (Das Quartett-Spiel). Von A. Schindler. „Gesang und Opera (Drittes Heft). Lon-\ndoner Briefe (Die Populär Concerts Joachim Die Operntheater). Tages- und Unterhaltungsblatt (Köln, Sechste\nSoiree für Kammermusik, F. Hiller, J. Offenbach Wien, Staats-Stipendien für Kunstzwecke, Fräulein Tietjens, Herr Laube).\n\nAus Frankfurt am Main.\nVon A. Schindler.\n[Das Quartett-Spiel.]\nIn der nun zu Ende gehenden Musik-Saison hat es\nunser Quartett-Verein gegen frühere Jahre bei einem\nCyklus bewenden lassen. Der Local-Rritik gebührt die\nAnerkennung, die Leistungen dieses Vereins mit Aufmerk-\nsamkeit und mehr oder weniger Eingehen in die Sache\nverfolgt zu haben. Ziemlich weit aus einander gehende\nAnsichten, dergleichen ich schon neulich (Nr. 12) mit Be-\ndauern gedacht, kamen auch in diesen Referaten vor. Aber\nauch Anderes kam darin zum Vorschein, was von Uner-\nfahrenheit der Beurtheiler Zeugniss gegeben und Veran-\nlassung zu vorliegendem Aufsatze wird.\nBringt man Zweierlei in Erwägung, dass nämlich die\nTonkunst heutzutage mehr wie jede andere der schönen\nKünste mit Grund ihre Blicke zurück in eine frühere Zeit\nrichtet, um sowohl Trost als auch Belehrung bei ihr zu\nsuchen; dass ferner die musicalische Kritik heutzutage zum\ngrössten Theile von jungen Männern geübt wird, deren\nBildungsgang in die letzten zwei Decennien fällt, sonach\nin die Zeit schon allgemein gewordener Begriffs-Verwir-\nrung in Folge des vollzogenen Bruches mit den Traditionen\nder classischen Epochen (Herrschaft des Virtuosenthums)\nso ergeben sich hieraus für den kleinen Rest von Fach-\nmännern aus der früheren Epoche, die noch einigen An-\ntheil an den Ereignissen des Tages nehmen, Veranlassun-\ngen genug, um wichtige culturhistorische Thatsachen aus\njener Zeit ans Licht zu ziehen, weil sie verloren zu sein\nscheinen. Wohl darf behauptet werden, dass die unzähli-\ngen Widersprüche und Irrthümer in Sachen der Musik,\nvornehmlich in dem praktischen Theile, gemindert oder\nvielleicht ganz beseitigt werden könnten, wenn die Mehr-\nzahl der öffentlichen Beurtheiler ihre Erinnerungen schon\nvon dem Beginne des laufenden Jahrhunderts her zu dati-\nRen vermöchten, nicht aber erst aus dessen viertem oder\ngar fünftem Jahrzehend, wo besonders in der Praxis eine\nWandlung vorgegangen war, die mit den schöpferisch rei-\nchen Epochen, deren Producte wiederum allzusammt in\nPflege gekommen, wenig mehr übereinstimmt. Diese Wi-\ndersprüche und Irrthümer aber werden durch die Menge\nder unerfahrenen Beurtheiler nicht nur erhalten, sondern\nnoch vermehrt, weil die oft unbewusst Irrenden durch die-\nselben in ihrem Thun und Lassen bestärkt werden. Man\nurtheilt eben nach dem in der Gegenwart bestehenden\nSachverständniss; es bedarf jedoch der Vermittlung des\nBestehenden mit dem Bestandenen, in so weit diese noch\nin der Möglichkeit liegt.\nEinige Sätze des wackeren Referenten der „Zeit\" in\nder Beilage vom 11. März, die ich zu citiren mir erlaube,\nwerden ein weiteres Ausholen überflüssig machen. Nach-\ndem dieser Referent das Verdienst des Herrn Straus und\nseiner Collegen um die frankfurter Musik-Bestrebungen\nanerkannt, äussert er: „Aber wir können uns nicht ver-\nhehlen, dass uns die Ausführung der Quartette weniger\ngenügt, als früher. Da die sechs Abende nun vorüber sind,\nso müssen wir dahin resumiren, dass in diesem Winter\nein süssliches und weichliches Element hereingekommen\nist, das uns wenigstens nicht behagt. Wir vermissen eine\nfrische, kräftige Auffassung und wünschen weniger Re-\nflexion und weniger Sentimentalität. Auch ein kräftigeres\nHerausspielen, glauben wir, wäre wünschenswerth; die\nPiano's und Pianissimo's werden übertrieben, und oftmals\nhat man die erste Geige gar nicht gehört vor allzu grosser\nZartheit bei dem Vortrage einer Melodie. Die Quartette\nunserer grossen Meister sind meist kerngesunde Musik-\nstücke von frischem Leben und warmer Poesie, die ihren\nFarben-Reichthum in sich tragen und gar nicht gewinnen,\nwenn sie zu fein ausgeklügelt werden.\"\n- Mit jedem Satze hat der Kritiker den Nagel auf den\nKopf getroffen. Indess wird doch darauf zu bemerken sein,"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "114", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620412-01.1.2", "texte": "Dass, wenn dem treulichen Manne die Ausführung der\nQuartelte dermal weniger genügt hat, als früher, der\nGrund zumeist in der längeren Uebung des Hörens sei-\nnerseits liegt. Ein empfänglicher Sinn für kräftiges, le-\nbensfrisches Colorit wird bei längerem Anschauen von\nGemälden ermüden, wenn sie diese Eigenschaften entbeh-\nren; stösst der Blick aber zuweilen sogar auf Gelecktes,\nden äussersten Gegensatz von Kraft und Natürlichkeit,\ndann wird er sich wohl mit Widerwillen davon abwenden.\nNach der intellectuellen Seite hin war in unseren Quartett-\nAufführungen im letzten Winter wohl keine Veränderung\nvorgegangen, und war in Folge allzu grosser Zartheit der\nersten Geige das Ensemble zuweilen wirklich gestört, so\nlag dies nach meiner Beobachtung—an dem veränder-\nten Locale, dessen minder gute Akustik gegen das frühere\ndie anderen Instrumente mehr begünstigt hat. Dieses Mehr\nfindet wieder seinen Grund darin, dass die drei Collegen\ndes Herrn Straus frei sind von modernen Manieren, die\ndem Quartettspiel unfehlbar Nachtheil bringen, daher sie\nin dem neuen Saale die erste Geige an Kraftäusserung\nunabsichtlich überboten haben. Was hier dankbar ver-\nzeichnet werden soll, betrifft das Weglassen des springen-\nden Bogens und seltener vorgekommenes Ueberjagen der\nAllegrosätze.\nMit diesen Prämissen gehen wir nun an unsere eigent-\nliche Aufgabe, die von den wesentlichen Anforde-\nrungen Seitens der Technik an das Quartett-\nspiel handeln soll.\nIn den classischen Epochen, die den Namen unserer\ndrei Helden in der Instrumental-Musik tragen, waren nicht\nbloss Goncert- und Quartett-Musik zwei gesonderte Zweige\n—was sie naturgemäss in aller Zeit verbleiben werden —,\nauch die Violinspieler sonderten sich in zwei Gruppen:\nin Concert- und Quartettspieler. Der klare Begriff von den\nAnforderungen, die jeder dieser Zweige für sich an den\nSpieler macht, jener nämlich vorzugsweise Bravour und\nglanzvolle Tonfärbung, dieser hingegen Objectivität in des\nWortes engster und strengster Bedeutung,—dieser Begriff,\nfeststehend wie ein religiöser Glaubens-Artikel, wies jedem\nGeigenkünstler seine Stellung an, dem einen als Concert-,\ndem anderen als Quartettspieler, je nachdem Neigung und\nSchule hierzu quaiificirt hatten. Diese Sonderung unter den\nVioünspielern war eine so entschieden festgehaltene, dass\ndas die Quartett-Musik in dermalen ungekanntem Grade\ncultivirende Publicum jeden Uebergriff in ein dem Künst-\nler fremdes Gebiet, insbesondere des Concertisten in das\nQuartett, sehr verübelt und bei seinen Productionen sich\nnicht eingefunden haben würde. Dass Wien damals die\nhohe Schule für das Quartettspiel in Deutschland gewesen,\ndavon spricht bereits die Kunstgeschichte, und dass Ignaz\nSchuppanzigh der Hohepriester dieses Culius war, ist auch\nbekannt. Von den gleichzeitig in Wien lebenden Künst-\nlern von Auszeichnung, als: Mayseder, Böhm, beide bis zu\ndiesem Tage noch in Wirksamkeit, dann Klement, Pechat-\nschek, Jaell und Anderen, war keiner mit einem Quartett\nvor das Publicum getreten, weil sie Concerlspieler waren.\nNach Schuppanzigh's Ableben (1830) konnte es nur Auf-\ngabe seines ehemaligen Schülers Mayseder werden, die\nTraditionen im Quartettspiel fortzupflanzen, wozu er auch\naufgefordert worden, jedoch soll er sein eigentliches Fach\nals Haupthinderniss erkannt haben; und dennoch hatte die-\nser ausgezeichnete Künstler das Quartettspiel im Privat-\nkreise unablässig cultivirt*). In Folge dieser Weigerung\nwar es vorauszusehen, dass diesem Zweige in dem neue-\nrungssüchtigen Wien eine baldige Wandlung bevorstehen\nwerde. Wir werden hören, aus welcher Himmelsgegend\nder Impuls hierzu gekommen.\nIn Betreff der durch eine lange Reihe von Jahren in\nWien aufgetretenen fremden Violinspieler, sofern sie\nsich auch im Quartett hören liessen, ward allein Lipinski\ndie Ehre zu Theil, als guter Quartettspieler Anerkennung\nzu finden. Diese Anerkennung wog um so schwerer, als\nSchuppanzigh und Genossen sich eben in voller Thätigkeit\nbefanden.\nIn Pai •is aber lebte Bai Hot, gross als Theoretiker\nund Lehrer, ein Beispiel sonder Gleichen im Concert- und\nQuartettspiel. Von diesem ausserordentlichen Künstler soll\nerst am Schlüsse dieses Aufsatzes die Rede sein.\nWorin ist wohl der Unterschied zwischen Concert-\nund Quartettspiel zu finden? Im Allgemeinen in der Schule,\nwie selbstverständlich, im Besonderen aber in der von der\nSchule angewandten Manier (das Wort im besseren Sinne),\ndie sich zumeist in der Eigentümlichkeit der Bogenfüh-\nrung kund gibt. In letzterer findet sich das charakteristi-\nsche Merkmal, durch das sich die verschiedenen Schulen\nvon einander unterscheiden, als z. B. die alte italiänische\nSchule (Tartini, Nardini bis Paganini) kurzer Bogen, das\nMeiste mit der Mitte gespielt; die französische Schule (Rode,\nKreutzer) langer Bogen, der Schwerpunkt in dessen Spitze;\ndie deutsche Schule (Spohr) langer Bogen, der sich so\nwenig als nur möglich von den Saiten entfernen soll. In\nvierter Ordnung die belgische Schule (Beriot) als die\njüngste. Diese ermangelt eines eigenthümlichen Merkmals,\nweil sie ein Mixtum-Compositum aus der italiänischen und\nfranzösischen Schule ist. So stand es damit, als im vierten\nJahrzehend de Beriot seine Triumphzüge durch Europa\nmachte. Allein schon unter seinen ersten Schülern hat die\nGrundsatzlosigkeit der Charlatanerie die Thore geöffnet.\n\n*) Siehe Beethoven's Biographie, 11., S. 157, 7.Der schwer ge-\nfasste Entschluss\"."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "115", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620412-01.1.3", "texte": "Der belgischen Schule gebührt das Verdienst, die franzö-\nsische so gut wie vernichtet zu haben; auch der deutschen\nhat sie grossen Eintrag gethan; sie ist es eigentlich, von\nder die laufende Epoche beherrscht wird. Täuschung ist\nes, in diesem und jenem Ausläufer der deutschen Schule\nein reines, unverfälschtes Muster finden zu wollen; es ist\nnur ein Mixtum-Compositum von belgisch-deutscher Schule.\nDiesen verschiedenen Schulen entsprach und entspricht\nauch das Werkzeug, Bogen benannt. Die italiänische be-\ndiente sich eines sehr leichten, bald sägeförmigen, bald\noben in eine Spitze auslaufenden und unten mit einem\nhohen Frosche versehenen Bogens. Die französische und\ndie deutsche Schule gebrauchten dagegen einen schweren\nBogen, dessen Stange nach der Spitze zu ausgeschweift,\ndas Haar aber straff angespannt war. Ein solcher Bogen\nbesass natürliche Schwungkraft, sein Gewicht trug über-\ndies noch insbesondere bei, einen vollen, kräftigen Ton\naus dem mit starken Saiten bezogenen Instrumente zu ge-\nwinnen. Die belgische Schule hat wieder den leichten,\nsägeförmigen hervorgesucht, indem sich nur mit diesem\ndie mancherlei von ihren Jüngern erfundenen Streicharten\nausführen lassen. Bei Teresa Milanollo und anderen belgi-\nschen Virtuosen sah man solche immer schlaff gespannte\nBögen, deren Haar mehr als einen Zoll von der Stange\nabstand. Es scheint, dass gegenwärtig alle deutschen\nConservatorien letztere Bogenform angenommen haben, ja,\nes sind mir in letzter Zeit Virtuosen aus Spohr's Schule\nvorgekommen, die sich ebenfalls solcher Bögen bedienen.\nIch erlaube mir aber die Behauptung, dass mit diesem\nBogen die Concertwerke von Spohr, Rode, Kreutzer, Viotti,\nMaurer und alles, was damit in Verwandtschalt steht, eben\nso wenig in ihrem eigenthümlichen Charakter gespielt, als\nFrescobilder mit einem nur für Genrebilder tauglichen\nPinsel gemalt werden können. Man höre mit solchem Bo-\ngen unter Anderem ein langes Staccato ausführen, wie\niahm und holperich erklingt es nicht! Herr Capellmeister\nBott scheint nur noch der einzige zu sein, der diese schwie-\nrige und imponirende Strichart in Spohr's Weise anzuwen-\nden versteht. Gut für die Herren Collegen Bott's, dass so-\nwohl Beethoven wie auch Mendelssohn von dieser Strich-\nart in ihren Concertwerken Umgang genommen. Gar Man-\ncher der gegenwärtigen Koryphäen der Geige wäre weni-\nger bewundert und berühmt, existirten diese beiden Con-\ncerte nicht.\nEs liegt in der Natur der Sache, dass der angehende\nKünstler sich einer der genannten Schulen anvertrauen\nmuss, wenn er sich dem Concertspiel widmen will. Leider,\ndass dieser so entscheidende Schritt bei den Meisten ohne\nWahl geschieht; ob Brüssel oder Leipzig, wird nicht ge-\nfragt. Sehen wir den Jüngling dann eine Reihe von Jah-\nreu sich mit den Eigentümlichkeiten der Schule beschäf-\ntigen, die zu allermeist die Mechanik zum obersten Zwecke\nhaben, den Verstand aber last gar nicht oder viel zu we-\nnig in Thätigkeit bringen, so begreifen wir auch, wie der-\nselbe nur jenen Compositionen mehr oder weniger gerecht\nwerden könne, die ausschliesslich für diese Schule gechric-\nben worden. Aus diesem beschränkten Zauberkreise tritt\nkeiner zurück, der nicht halb oder ganz zur Maschine ge-\nworden und mehr als die Subjectivität des Meisters zur\nGeltung zu bringen vermöchte, weil die eigene sachgemäss\nder fremden gewichen ist.\nEs entsteht nun die Frage, welche von den genannten\nSchulen den jugendlichen Künstler zum Quartettspiel be-\nfähigen werde. Die Antwort ergibt sich schon aus dem\nVorstehenden: Keine, weil jede ihn von ihren Eigentüm-\nlichkeiten unfehlbar befangen machen wird. Nur vermittels\neiner so genannten guten Schule, die bloss eine kunstge-\nrechte Behandlung des Instrumentes lehrt und die subjec-\ntiven Eigenschaften des künstlerischen Individuums nicht\nzerstört, wird der Jünger den Zweck erreichen, einst ein\nguter Quartettspieler zu werden. Und da ein Quartett von\nvier Spielern ausgeführt wird, da dessen Objectivität aus\ndem Tiefinnersten heraus zu holen, Aufgabe des Vortrags\nist, so ist vollkommene Uebereinstimmung in der techni-\nschen Behandlung des Instrumentes bei den Spielern er-\nforderlich. Sollte eine Abweichung hierin nur bei der er-\nsten Geige Statt finden, sollte sich die Bogenführung da\nfür jede vom Autor verlangte Wendung nicht leicht ge-\nfügig zeigen und das Ganze nicht wie von Einem Rauche\nbelebt werden, so wird die erforderliche Einheit im Wie-\ndergeben der getheilten Idee nicht zu erreichen sein. Er-\nwägt man gar das kunstreich verschlungene Gewebe in\nden Quartetten unserer Classiker, so stellt sich eine gleich-\nmässige Schule bei allen an dem Vortrage Betheiligten\nals wesentliche Bedingung zur Darstellung des Charakte-\nristischen vor Augen. In Spohr's Violinschule lesen wir\nim Capitel vom Vortrage des Quartetts unter Anderem\nauch nachstehende gewichtige Worte: „Da die Art des\nVortrags stets aus der Idee und dem Geiste der Compo-\nsition hervorgehen soll, so muss der Solospieler beim Quar-\ntettspiel seine ihm eigentümliche Vortragsweise des Solo's\nzu verläugnen und dem jedesmaligen Charakter des Vor-\nliegenden anzupassen wissen. Nur wenn er dies vermag,\nwird es ihm gelingen können, sowohl den Charakter der\neinzelnen Sätze des Quartetts, wie auch die Verschieden-\nheit des Stils in den Werken unserer classischen Quartett-\nComponisten klar hervorzuheben.\"\nZur Zeit, als Meister Spohr seine Violinschule verfasst,\nhat die belgische Schule noch nicht existirt; möglich,\ndass es einem oder dem anderen in seiner oder in der\n\n[*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "116", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620412-01.1.4", "texte": "französischen Schule gebildeten Solospieler gelungen, die\nihm eigenthümliche Vortragsweise im Quartettspiel zu ver-\nläugnen. Von dem Gründer der deutschen Schule weiss\nman zu sagen, dass derselbe während seines Aufenthaltes\nin Wien öfter sich im Quartett hören liess, darin er aber\ndie ihm als Solospieler eigenthümliche Vortragsweise nie-\nmals verläugnet hat. Es muss demnach wohl selbst für\nden genialen Künstler sehr schwer werden, seine Subjec-\ntivität zu verläugnen, und wird es auch bei ihm heissen:\nConsuetudo altera natura*).\n(Schluss folgt.)\n\n„Gesang und Oper.“\nVon den „kritisch-didaktischen Abhandlungen\", welche\nunter obigem Titel von Maria Heinr. Schmidt in Mag-\ndeburg (bei Heinrichshofen) herausgegeben werden, ist\ndas dritte Heft erschienen. Das erste und zweite haben\nwir in Nr. 32 und 33 des vorigen Jahrgangs besprochen.\nDas jetzt vorliegende enthält zunächst auf 44 Seiten\neine populär geschriebene Abhandlung über den methodi-\nschen Gang, der bei dem Gesang-Unterricht zu beobach-\nten ist, eingekleidet in die Darlegung der Art und Weise,\nwie der Verfasser den Bildungsgang einer jungen Gesang-\nschülerin zu leiten pflegt. Sie enthält, abgesehen von eini-\ngen Wiederholungen und Weitschweifigkeiten im Stil,\nmanches Gute und erfahrungsmässig Begründete, was bei\nMusikern, die mehr durch ihre Stellung in kleineren\nStädten oder in Familien, als durch ausschliesslichen Beruf\nzum Ertheilen von Gesang-Unterricht gewisser Maassen\ngenöthigt sind, recht nutzenbringend sein kann und dess-\nhalb Empfehlung verdient. Aber auch der Gesanglehrer\nvon Fach wird die Ueberzeugungen eines Collegen, die\naus langer Praxis geschöpft sind, gern prüfen und mit sei-\nnen eigenen Erfahrungen zusammenhalten.\nIn dem vielbesprochenen Streit über die Register der\nweiblichen Stimmen eifert der Verfasser gegen Dr. Schwarz,\nder nur zwei Register, Brust und Falset, anerkennt; im\nGegensatz zu ihm und mehr—jedoch nicht ganz—im An-\nschlüsse an Nehrlich und Garcia nimmt er vier Register\nan, deren Scheidungen er bei Mezzo-Sopranstimmen (vom\nkleinen b bis zweigestrichenen g oder as) in der Regel\nzwischen eingestrichen e und f, zwischen eingestrichen\nh und zweigestrichen c und zwischen zweigestrichen e und\nzweigestrichen / (oder f und fis) setzt. „Doch ist es\nbei der ruhigen Tonleiter immer (?) nothwendig, schon\nbei es, ja, nicht selten schon bei mit dem Falset zu be-\nginnen.\" Wir haben nichts dagegen, ja, wir halten es\nebenfalls für nothwendig, dass der Lehrer mit Vorsicht\nauf diese Uebergangsfarben innerhalb der zwei Haupt-\nRegister sorgfältig achte; allein für die Praxis können wir\nsie doch nicht für feste Abstufungen, sondern nur so zu\nsagen für Schattirungen des Brust- und Kopf-Registers\nhalten.\n\\\nBekanntlich hat man in neuerer Zeit gegen den Be-\nginn des Gesang-Unterrichts mit der Uebung der Tonleiter\nim An- und Abschwellen vielerlei Einwendungen gemacht,\ndie sich am Ende darauf zurückführen lassen, dass es nicht\ngerathen sein könne, mit dem letzten Ziel der Gesang-\nkunst den Unterricht zu beginnen; denn die vollkommene\nHerrschaft über den Ton, wie sie sich in der vollendet\nkunstgemässen Messa di voce offenbart, sei der Gipfel-\npunkt des Runstgesanges und schliesse alle übrigen Schat-\ntirungen des Tones und des Ausdrucks in sich. Das ist\nnun allerdings richtig; allein es entsteht nur die Frage, ob\ndie Vorbereitung, die Anbahnung des Weges, auf wel-\nchem man zu jenem Ziele gelangen kann, nicht schon zu\nden Elementar-Uebungen gehöre. Wir sind mit dem\nVerfasser entschieden der Ansicht, dass diese Frage bejaht\nwerden müsse, natürlich immer unter der Voraussetzung,\ndass der Unterricht in der Hand eines wirklichen Gesang-\nlehrers liege, d. h. eines geschickten und erfahrenen Man-\nnes von Fach, der nicht nach der Schablone unterrichtet,\nsondern seine Methode überhaupt und im Einzelnen also\nauch in Bezug auf diese Art der Tonleiter-Uebung—zu\nindividualisiren weiss.\nDer Verfasser bringt viel Richtiges und viel Beach-\ntungswerthes bei, indem er die genannte Uebung gegen\ndie andere, die Tonleiter erst im gleichbleibenden piano,\ndann eben so im mezzoforte und im forte singen zu las-\nsen, vertheidigt. Wir fügen seinen Bemerkungen nur noch\nhinzu, dass wir, was den Punkt der Schwierigkeit be-\ntrifft, die Uebung der Messa di voce für leichter halten,\nals die Uebung, einen Ton in sich gleichbleibender Stärke\noder Schwäche auszuhalten. Dieses letztere scheint uns das\nSchwierigere, folglich im methodischen Gange erst später\nzu Uebende. Denn das An- und Abschwellen des Tones,\nobwohl in seiner Vollkommenheit ein Erzeugniss der Kunst,\nliegt doch in seinem Grundwesen in der Natur der\nmenschlichen Stimme. Hebung und Senkung des Sprach-\ntones sind dem Menschen angeboren; erstere ist der natür-\n\n*) Das letzte Mal hörte ich Spohr im Quartett 1840 zu Aachen.\nDie Gebrüder Müller aus Braunschweig hatten naoh geendig-\ntem niederrheinischen Musikfeste, das Spohr dirigirt hatte, eine\nQuartett-Matinee im grossen Saale der Redoute veranstaltet.\nNachdem die vier Brüder ein Quartett vorgetragen, setzte sich\nder wahrhaft grosse Poet, vornehmlich in Bezug auf Tonqua-\nlität, an Karl Müller's Platz und spielte zwei seiner schönsten\nSolo-Quartette zum Entzücken des gefüllten Saales. Der\nVerfasser dieses Aufsatzes hatte das Gehörte als das wichtigste\nEreigniss in jenen musikreiohen Tagen zu verzeichnen."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "117", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620412-01.1.5", "texte": "liche Ausdruck der Erregung, der Steigerung, der Leiden-\nschaft, der Empfindung, das ist, auf den Gesang über-\ntragen, das Crescendo und Forletztere ist der Ausdruck\nder Abnahme der Aufregung, der Beruhigung, der Ab-\nspannung, musicalisch das Diminuendo und Piano. In der\nRede wie in dem Gesänge wird nur derjenige das Ziel er-\nreichen, der durch Befähigung und Uebung beide Fac-\ntoren des wirksamen Ausdrucks auf ihre künstlerische\nHöhe gebracht hat. Es weist also die Natur selbst darauf\nhin, die Messa di voce als die Grundübung der Gesanges-\nkunst anzunehmen.\nDer zweite Abschnitt des Heftes (S. 44\ntigt sich mit der gegenwärtigen Lieder-Literatur.\nLieder-Literatur! 0 Himmel! bei diesem Worte ringt sich\nauch aus unserer Brust ein tief geschöpfter Seufzer empor,\nund wir blicken dabei auf die riesigen Stösse von Lie-\ndern für alle möglichen Stimmen und Stimmen-Gruppen,\ndie da in unserem Archiv liegen und der Erlösung harren!\nEs bleibt uns nichts Anderes übrig, als um einen General-\nPardon zu bitten; es ist uns unmöglich, mit den Herren\nVerlegern durch Dick und Dünn zu gehen. Jetzt, wo der\nFrühling die Tage länger macht, dürften wir vielleicht ver-\nsuchen, durch das Dickicht zu brechen, um zu sehen, ob\nwir einige Maiblumen oder Röslein darin finden.\nUeber die unglaubliche Fruchtbarkeit der deutschen\nLiederzucht drückt sich unser Verfasser sehr energisch\naus; er hat aber Recht, wenn er sagt: „Es ist unglaub-\nlich, wie schlecht meistens etwas sein muss, um für den\nVerleger schnellen und lohnenden Absatz zu finden.\" Auch\nseine Classen-Eintheilung und allgemeine Beurtheilung der\nheutigen Lieder-Literatur enthält sehr viel Wahres. Er\ntheilt dieselbe im grossen Ganzen in zwei Gruppen.\nZu der einen stellt er alles, „was zu jener flachen\nBänkelsängerei gehört, welche die verbrauchtesten, abge-\ntriebensten musicalischen Floskeln und Wendungen immer\nvon Neuem wiederkäut und den Markt mit Liederfluten\nüberschwemmt, um jenen grossen geschmacklosen, heiss-\nhungerigen Dilettantenhaufen zu versorgen, der unersätt-\nlich nach Neuem begehrt und glücklich ist, stets das Alte\nwiederzufinden.\n„Die Vertreter und Koryphäen dieser Gruppe sind die\nKücken, Abt, Gumbert, Proch, Graben-Hoff-\nmann und Legionen ihrer Nacheiferer. In ihren Liedern\nfindet sich meist für singende Kehlen eine gewisse mund-\ngerechte Sangmässigkeit in leichter Ausführung; im Uebri-\ngen aber sind sie alle schablonenartig desselben Stiles,\naller tieferen Intention, alles höheren musicalischen Wer-\nthes bar und häufig mit zu Grunde liegenden dürftigen\nund platten Gedichten. Es vermag sie kaum ein gebilde-\nter, geschweige denn ein musicalisch gebildeter Mensch\nzu singen, da sie absolut nicht im Stande sind, einen wirk-\nlich künstlerischen Genuss zu gewähren. Sie dienen ledig-\nlich zu jener flauen verwerflichen Musikmacherei, die kei-\nnen anderen Zweck hat, als sich die müssige Zeit auf eine\nangenehm sein sollende Weise zu verdudeln, wobei Geist\nund Gemütb ohne alle Kräftigung bleiben.\n„Zu der anderen Gruppe zählen jene geistreichen Com-\nponisten, die keine Rücksicht auf bestimmte Stimmgattun-\ngen nehmen und an die Gesetze der Natur und an die\nNotwendigkeit dessen, was der Sänger zu freier, schöner\nDarstellung und bequemer Ausführbarkeit gebraucht, nicht\ndenken. Von Rücksichten gegen den Sänger ist gar keine\nRede; aber auch die Texte selbst sind nicht selten der\nmusicalischen Belebung geradezu widerstrebend, so dass\nder Sänger dadurch nicht innerlich erregt werden kann,\nund folglich auch mit Aufbietung aller seiner Kunst nicht\nim Stande ist, durch seinen Vortrag einen Eindruck bei\ndem Hörer hervorzubringen. Dazu gehören alle jene Ge-\ndichte, die keine bestimmte Stimmung aussprechen.—\n„Wie wenig von den meisten Componisten die zarten\nEigenthümlichkeiten der verschiedenen Stimmgattungen\ngekannt sind, davon geben die unzähligen Liederhefte\nZeugniss, welche für eine Sopran- oder Tenorstimme er-\nschienen sind und noch täglich erscheinen. Weiss es doch\njeder verständige Sänger, dass ein und dasselbe Lied für\nden Sopran sehr bequem, für den Tenor aber sehr unbe-\nquem in der Stimme liegen kann, und umgekehrt. Dass\ndiese Componisten, unbeschadet ihres musicalischen Talen-\ntes, nicht tief in die Mysterien der Gesangskunst einge-\ndrungen sind, wird jeder Sachkundige bekräftigen, und ist\nsomit auch leicht die Erklärung gefunden, wesshalb ihre\nLieder bei all ihrem Reichthum an musicalischen Schön-\nheiten. verhältnissmässig so wenig gesungen werden und\nsich stets mehr der Musiker als der Sänger daran er-\ngötzen wird.\n„Im Allgemeinen lässt sich die angegebene Gruppen-\nEintheilung festhalten: hier Laues, Flaues, Abgenutztes,\nmit leichter, bequemer Singbarkeit und für gewöhnliche\nOhren angenehm klingend; dort Geistreiches, Tiefes, mu-\nsicalisch Ueppiges, mit instrumentalem Ductus ohne rechte\nSingbarkeit und nur für solche Ohren tauglich, die den\nSänger dem Musiker opfern.\n„Ein Lied zu schreiben, was junge Componisten für\nleicht erachten, bedingt neben den unerlässlichen musica-\nlischen Kenntnissen schöpferisches Talent, gereiftes, ver-\nedeltes, leicht erregbares Gefühl, ein tiefes Verständniss\ndes menschlichen Herzens, einen feinen, eindringlichen Sinn,\nGeschmack, Erfahrung, Formengewandtheit und Routine;\nnur durch die Vereinigung dieser Eigenschaften können\nLieder erzeugt werden, die allen wesentlichen Anforderun-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "118", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620412-01.1.6", "texte": "gen zu entsprechen vermögen. Lieder lassen sich überhaupt\nnicht machen. Das echte Lied kann immer nur der Er-\nguss des rechten Augenblickes und einer dem Gedichte\nentsprechenden Stimmung sein, und nur so ist es zu er-\nklären, dass nicht selten untergeordneten Componisten,\ndenen jedes bessere Wollen, jedes höhere Streben fremd\nist, dennoch einzelne Lieder trefflich gelingen, hingegen\nin den Lieder-Compositionen der hervorragendsten Meister\ndas Gemachte, Zusammengefügte zu erkennen und nach-\nzuweisen ist, wenn diesen beim Schaffen die analoge Stim-\nmung fehlte.\n„Die Bestrebung neuerer Componisten, in ihren Lie-\ndern absonderlich geistreich zu erscheinen, beruht auf\nVerkennung des Liedes. Das eigentlich Geistreiche in Ton-\nschöpfungen ist stets überwiegend Sache des Verstandes,\nder ersinnt, abwägt und künstlerisch speculirt, während\ndas Lied nur die Frucht der Empfindung, also des Her-\nzens, sein soll. Ich setze natürlich das nöthige Talent dabei\nvoraus, jene wunderbare Kraft, welche sich der Quelle\ngleich aus der Tiefe zu Tage drängt, ohne dass wir ihrem\nUrsprünge nachspüren können.\n„Kein Componist gibt uns hierzu ein glänzenderes\nBeispiel, als Franz Schubert. Bei der tiefinnersten\nWahrheit dieser Lieder kann man nirgends das Prädicat\n„„geistreich\"\" darauf anwenden; alle Melodieen dersel-\nben tragen entschieden den Stempel der Einfachheit und\nNatürlichkeit und sind so treu aus den Worten heraus-\ngewachsen, dass, wer sie einmal kennt, sich eine andere\nmusicalische Belebung derselben gar nicht mehr denken\nkann. Dabei ist die Begleitung wiederum so geistig eins\nmit den Melodieen, so unverkennbar zugleich mit densel-\nben entstanden, dass eine Trennung oder Veränderung\nnicht möglich ist, ohne das ganze Lied zu zerstören.\n„Von dieser Weise Schubert's hat sich die neuere\nRichtung theilweise entfremdet; die Melodieen werden ge-\nsucht, statt zu entstehen, das Natürliche wird absichtlich\nvermieden, um pikant zu sein, die Begleitung umspielt die\nMelodie, ohne ihr anzugehören, die Harmonie wird so\nwirksam gemacht, dass darüber alle Wirkung verloren\ngeht, weil jede natürliche Folge in derselben peinlichst\nverhütet wird. Dass über dieser Absichtlichkeit die Sang-\nbarkeit der Melodieen gleichfalls verloren geht, begreift\nsich, da durch die Vermeidung des natürlichen Flusses\nsich die schwierigen Intervallen häufen und die Ausführung\ndadurch erschwert und unerfreulich wird.\"\n\nLondoner Briefe.\n[Die P opular Co n certs Joachim Die Operntb eater,]\nLondon, 5. April 1862.\nWenn man den Beginn der londoner Season für Mu-\nsik, wie gewöhnlich, erst von der Eröffnung der italiäni-\nschen Opern und der grossen Concerte der musicaiischen\nGesellschaften an (philharmonische, neu-philharmonische,\nSacrecl Harmony Societyu. s. w.) rechnet, so sind wir\nnoch nicht oder kaum im Anfange derselben begriffen.\nAllein es hat sich in Bezug auf den alten Brauch, sofern\ner das Musikmachen und Musikhören betrifft, in den letz-\nten Jahren gar Vieles verändert; denn wir haben jetzt auch\nden Winter hindurch eine Oper, und zwar eine englische,\nund eine grosse Anzahl von Concerten gehabt. Wenn diese\nNeuerung auch die hohe Aristokratie nicht bewogen hat,\neinige Wintermonate in der Residenz zuzubringen, so hat\nsich doch dadurch herausgestellt, dass diese vornehme\nWeit zwar allerdings immer eine mächtige, aber doch\nnicht die einzige Stütze der Kunst in London ist; denn die\nWinter-Concerte und die englische Oper haben auch ohne\nsie ein zahlreiches Publicum gefunden, was um so erfreu-\nlicher ist, als dadurch der Einlluss der Tonkunst auf die\nMasse der Gebildeten durch Anregung des nationalen Ele-\nmentes und durch Vorführung classischer Instrumental-\nMusik weit mehr Boden gewinnt, als früher.\nAn der Spitze der Concert-Unternehmungen dieser Art\nstehen die Monday Populär Concerts, die, wie der Name\nzeigt, alle Montage in St. James Hall Statt finden. Dem\nTitel nach sollte man in ihnen Orchester- und Chormusik\nerwarten, etwa wie in den populären Concerten in Paris\nund Berlin. Dem ist aber nicht also; man hört hier nur\nKammermusik, Quartette, Trio's, Duette und Solostücke\nfür Violine oder Pianoforte, und dazwischen in der Regel\nzwei Gesang-Vorträge, meistens Lieder. Der Eintritts-Preis\nist für hiesige Verhältnisse billig: nach drei Abstufungen\nder Plätze fünf, drei und ein Shilling. Es wird—nament-\nlich in den Instrumental-Vorträgen, welche durchaus vor-\nherrschen—nur classische Musik gemacht, und es mag in\nDeutschland sehr überraschen, wenn man hört, dass Joa-\nchim bei seinem diesjährigen ersten Auftreten am 3. März\nin dem 77. Populär-Concerte Beethoven's Violin-\nQuartett in Cis-moll, Op. 131, spielte! Die anderen Mit-\nglieder des Quartetts sind die Herren L. Ries, H. Webb\nund P iatti.\nDas Concert wurde mit dieser Meister-Production er-\nöffnet, und was war der Erfolg? Am Schlüsse derselben\nerschallte ein einstimmiger und starker Applaus, welcher\nso lange anhielt, bis Joachim und seine Genossen wieder\nauf der Tonbühne erschienen. Eigentlich wünschte das"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "119", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620412-01.1.7", "texte": "Publicum den letzten Satz noch einmal zu hören, was aber\nwegen der Länge des Programms unmöglich gewährt\nwerden konnte.\nDie Musical World bezeichnet in ihrem Bericht über\ndiesen Concert-Abend Joachim als „einen von jenen ern-\nsten und gewissenhaften Künstlern, welche Begeisterung\nmit strengem Urtheil vereinigen und keinen Stillstand ken-\nnen, sondern, ein ideales Ziel im Auge haltend, der Voll-\nkommenheit immer näher und näher kommen. Es muss\neinstimmig zugegeben werden, dass er ohne allen Vergleich\nin jeder Hinsicht der bewundernswertheste Beherrscher\nseines Instrumentes ist, welchen das Land geboren hat, das\nihn als den grössten von den grossen Meistern zu den Sei-\nnigen zählt. Schon als Knabe ein musicalisches Wunder,\nwas diejenigen bezeugen können, die ihn, etwa 13 Jahre\nalt, im Jahre 1844 Beethoven's Vioiin-Concert in den phil-\nharmonischen Concerten spielen gehört, hat er einen so\nvortrefflichen Gebrauch von seinen Naturgaben gemacht,\nseine Kunst von einem so ernsten Standpunkte aus betrach-\ntet, dass er jetzt als Mann, obwohl noch jung, nach dem\nallgemeinen Urtheil die höchste Stellung einnimmt, nach\nwelcher sein Ehrgeiz streben konnte. Vergleichungen kön-\nnen bei anderen hervorragenden Künstlern angestellt wer-\nden, dass der Eine in Diesem, der Andere in Jenem höher\n+ 7\nsteht; aber Joachim steht allein da, und die wärmsten Lob-\nredner seinerzeit- und Kunstgenossen werden seine Ueber-\nlegenheit keinen Augenblick in Zweifel stellen.\"\nAusserdem brachte der Abend die Clavier-Sonate\n„ Non plus ultra\" von Wölfl (Miss Arabe 11 a Goddard),\neine Sonate in Bfür Pianoforte und Violine von Dussek\n(dieselbe und Joachim — beide gerufen), das Clavier-Trio\nin Es von Hummel (dieselben und Piatti) und zwei Ge-\nsangstücke (Miss Poole).\nDas folgende Concert (d. 10.März) begann mit Beet-\nhoven's Violin-Quartett Nr. 11 in (Op, 95). Das\nPianoforte spielte dieses Mal Karl Halle; er wurde nach\ndem trefflichen Vortrage der Sonate in D-moll von C. M.\nvon Weber gerufen. Zum Schluss spielte er mit Joachim\ndie reizende 6/-c/wr-Sonate Op. 96, die einen Sturm von\nBeifall hervorrief. Eine zierliche Sonate für das Violoncell\nvon Bocherini, gespielt von Piatti und von Benedict,\nwelcher der artistische Leiter der Montags-Concerte ist,\nam Ciavier begleitet, und einige Lieder von Schubert\nu. s. w. bildeten die Intermezzi des Abends.\nDer Abend des IT. März brachte zwei Quartette, zu\nAnfang des ersten Theils Mendelssohn's Op. 44, Nr. 3\nin E, dessen Scherzo wiederholt werden musste, und zu\nAnfang des zweiten Theils Beethoven's wundervoll phan-\ntastisches Op. 130 in A-mott. Miss Arabella Goddard\nspielte die grosse Sonate von Dussek: Le retour ä Paris,\ndie man hier „Plus ultra\" nennt, weil sie Wölfl, dem\nComponisten der „Non plus ultra\", gewidmet ist, und mit\nJoachim die grosse von Mozart. Joachim\nriss durch sein breites, gediegenes und überall poetisches\nSpiel die überaus zahlreiche Versammlung hin und erregte\ndie grösste Bewunderung der Renner durch die Meister-\nschaft in der Auffassung und dem charakteristischen Vor-\ntrage der drei verschiedenen Tondichter, deren Werke er\njedes nach seinem eigentümlichen Geiste wiedergab. Aber\nauch das Zusammenspiel des Quartetts ist, je länger, desto\nvortrefflicher, so dass man nicht leicht etwas Vollkom-\nmeneres hören kann.\nDas Programm des 80. Montags-Concertes brachte\nMozart's Quintett in G-mottund J. S. Bach's Ciaconna\nfür die Violine. Halle spielte Beethoven's e,\nOp. 53, und das E-dur-Trio von Hummel. — Das 81.\nwar zum Vortheil der Miss Goddard, welche zum letzten\nMale in dieser Saison darin spielte. Sie trug die grosse So-\nnate Op. III von Beethoven, Präludium und Fuge in\nmollvon J. S. Bach und mit Joachim die Kreutzer gewid-\nmete Sonate Op. 47 vor. Ein Quartett in C von Ilaydn\neröffnete die Sitzung. Der Saal war überfüllt und das Pu-\nblicum sehr enthusiastisch gestimmt.\nDie ganze Einrichtung dieser Concerte ist sehr zweck-\nmässig. Sie beginnen um 8 Uhr und enden vor 101 Das\nProgramm zerfällt in zwei Theile, die gewöhnlich mit\nViolin-Quartetten beginnen, während ein Solo-Vortrag auf\ndem Pianoforle den ersten und ein Duo oder Trio, eben-\nfalls für Pianoforte, den zweiten Theil schliesst. Für die-\njenigen Dilettanten, welche gewohnt sind, die Güte der\nProduction nach dem Eintrittspreise zu beurtheilen, sind\nin den letzten Concerten auch Sophaplätze in der Nähe\ndes Flügels für eine Guinee eingeführt worden. „Diejeni-\ngen Zuhörer, welche nicht bis zu Ende bleiben wollen,\nwerden gebeten, vor dem letzten Musikstücke sich zu ent-\nfernen, wozu eine Pause von fünf Minuten bestimmt ist,\ndamit die anderen, welche bleiben, nicht in dem Genüsse\nder letzten Nummer gestört werden.\"\nFür das sechste Auftreten Joachim's in den Montaus-\nConcerten kündigt die Musical world von heute—welche,\nbeiläufig gesagt, eine vollständige Uebersetzung des Be-\nrichts der Niederrheinischen Musik-Zeitung über F. IIil -\nler's Oper „Die Katakomben\" bringt — das Quartett in\nC Nr. 77 von Haydn, die Ciaconna von Bach, welche\nauf allgemeinen Wunsch wiederholt werden soll, und eben\nso Beethoven's Op. 47 für Ciavier und Violine, dieses\nMal mit Halle, an.\nAusserdem hat Joachim in einem der Samstags-Con-\ncerte im Krystall-Palaste Mendelssohn's Concert gespielt\nund wird heute dort zum zweiten Male auftreten, und am"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "120", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620412-01.1.8", "texte": "7. April im philharmonischen Concerte ein Concert von\nMolique vortragen.\n(Fortsetzung folgt.)\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKolli» Dinstag den 8. d. Mts. beschloss der hiesige Verein für\nKammermusik seine Sitzungen mit der sechsten, in welcher das\nViolin-Quartett in F-dur, Op. 59, von Beethoven und das in G-\ndur von Haydn, zwischen beiden das Clavier-Trio in C-moll, Op.\n66, von Mendelssohn die Clavier-Partie von Herrn F. Breu-\nnung vorgetragen zur Aufführung kamen. Ueber die vortreff-\nlichen, echt künstlerischen Leistungen des kölner Quartetts haben\n\"wir öfter und zuletzt in Nr. 11 d. 81. unsere auf eigene langjährige\nErfahrung im Anhören der tüchtigsten Vereine ähnlicher Art begrün-\ndete und von dem hiesigen Publicum einstimmig getheilte Ansicht\ndargelegt, so dass uns nur übrig bleibt, allen bei den Kammermu-\nsik-Abenden Mitwirkenden den Dank auszusprechen für ihre erfolg-\nreiche Betheiligung an dem Cultus des wahrhaft Schönen in der\nTonkunst. Wir wünschten lebhaft, dass unser geehrter Mitarbeiter,\nder Verfasser des Artikels über „das Quartett spiel\" in der heu-\ntigen Nummer, einer von den hiesigen Productionen in diesem Win-\nter beigewohnt hätte; er würde sich dann überzeugt haben, dass\nseine privatim gegen uns ausgesprochene Ansicht, „dass das kölner\nQuartett nach unseren Bemerkungen über dessen Vortrefflichkeit, die\ner mit grossem Vergnügen gelesen, durch seine Auslassungen über\ndas heutige Quartettspiel sich nicht berührt fühlen könne\" voll-\nkommen begründet ist.\nDie wiener Sing-Akademie hat in ihrer letzten Sitzung\nFerdinand Hiller einstimmig zu ihrem Ehren-Mitgliede\nernannt.\nJakob Offenbach weilt seit einigen Tagen hier in seiner Va-\nterstadt. Er hatte die Freundlichkeit, seinen „Orpheus in der Unter-\nwelt-', dessen siebenundsechszigste Vorstellung am Donnerstag Statt\nfand, zum Besten des Theater-Orchesters selbst zu dirigiren. Er\nwurde mit rauschendem Applaus und Fanfaren empfangen und meh-\nrere Male gerufen. Seine Leitung brachte unverkennbar mehr aus-\ndrucksvolle Schattirung und Lebendigkeit in die Aufführung, welche\nHerr Jupiter-L'Arronge seinerseits durch mehrere schlagende An-\nspielungen auf die Zeitverhältnisse zu würzen wusste»\nX% ien. Staats-Stipendien für Kunstzwecke. Hiesigen\nZeitungen zufolge wurde im vergangenen Monate dem Abgeordneten-\nHause eine von 406 Schriftstellern und Künstlern unterzeichnete\nAdresse überreicht, in welcher der Wunsch ausgesprochen wird, dass\nin dem nächsten Staats-Voranschlage auch für Kunstzwecke eine an-\ngemessene Summe ausgesetzt werde. Der Finanz-Ausschuss, welchem\ndiese Eingabe übergeben wurde, hat nun auf Grund der in derselben\nangeführten Motive beschlossen, zu beantragen, dass alljährlich eine\nSumme von 10,000 Fl. zu Stipendien für junge, begabte Künstler\naus allen Theilen des Reiches bewilligt werden möge.\nFräulein Tietjens hat mit der Hofopern-Theater-Direction einen\nContract abgeschlossen und wird von der nächsten Saison an wieder\ndiesem Institute angehören, worüber man sich nur sehr zu freuen\nUrsache hat.\nDer artistische Director des Burgtheaters, der Anfang März ziem-\nlich bedenklich erkrankt war, befindet sich bereits in der Reconva-\nlcscenz, welche allerdings, wie man vernimmt, längere Zeit währen\nund Schonung erfordern wird. Nicht nur die Freunde des Herrn\nLaube, sondern auch viele ihm Fernstehende, die seine überaus\nenergische Thatigkeit kennen und schätzen, haben die lebhafteste\nIheilnahme bezüglich dieses Krankheitsfalles geäussert."}]}