{"numero_id": "bm-bmtnabi-1862-05-03-01", "volume": "bmtnabi_1862-05-03_01", "ocr_sha256": "121a382ffd90e45e51f00024bd62aa1fec458cda823f38da5af5c36ba84cf4b9", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1862/05/03_01/bmtnabi_1862-05-03_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620503-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1862-05-03-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1862-05-03_01#c001", "volume": "bmtnabi_1862-05-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "137", "page_fin": "137", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620503-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "137", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620503-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 420, "texte": "Inhalt.\nAus Berlin („Actäa, das Mädchen von Korinth\", Oper von Jean Bott Frau Jauner Fräulein Lucca Fräu-\nlein Sulzer). Aus Brüssel (Musikleben August Kömpel Louis Brassin). Von S. S. Der Meistergesang in musicalischer Be-\nziehung. Von J. Baader. Tages- und Unterhaltungsblatt (Frankfurt am Main, Musikschule Wien, Schuberts Oper „Die Ver-\nschworenen\" - Paris, Violinist Ernst Petersburg, Karl Davidoff und Jean Becker)."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1862-05-03-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1862-05-03_01#c002", "volume": "bmtnabi_1862-05-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "137", "page_fin": "140", "image_debut": 1, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620503-01.2.2", "titre_corps": "Aus Berlin.", "titre_sommaire": "Aus Berlin.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "137", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620503-01.1.1", "debut_caractere": 422, "fin_caractere_exclue": 4249, "texte": "Aus Berlin.\nDie königliche Oper hat eine Neuigkeit gebracht, eine\ngrosse heroische, altrömische Oper, mit Musik von einem\ndeutschen Componisten. Das Letztere ist dabei die Haupt-\nmerkwürdigkeit; aber so erfreulich es ist, dass die Inten-\ndanz ein Werk eines deutschen Musikers, der nicht Capell-\nmeister in Berlin ist, auT so sorgfältige Weise in Scene\ngesetzt hat, so bedauerlich ist es auf der anderen Seite,\ndass ihre Wahl dabei auf eine Oper gefallen ist, der man\nbei einigem kritischen Urtheil von vorn herein keinen Er-\nfolg prophezeien konnte.\nSie nennt sich „Actäa, das Mädchen von Ko-\nrinth, grosse Oper in vier Acten von Jul. Rodenberg,\nMusik von Jean Bott\". (Beiläufig: auf dem Concert-Zet-\ntel des ausgezeichneten Violin-Virtuosen lassen wir uns den\nJean allenfalls gefallen, aber auf einem deutschen Opern-\nbuche macht er sich doch gar zu komisch.)\nActäa, die von Nero geraubte und aus Korinth nach\nRom entführte Griechin, ist die Heldin der Oper; vielleicht\ndankt sie ihre dichterische Entstehung dem Gedanken an\njene freigelassene Acte, von der Tacitus in seinen Annalen\nerzählt, Nero habe sich mit ihr in einen Liebeshandel ein-\ngelassen, der eben so der Agrippina, der Mutter des Im-\nperators, wie der Poppäa Sabina, seiner Buhlerin und nach-\nherigen Gemahlin, ein Dorn im Auge gewesen. In der\nOper benutzt Poppäa die Griechin als Stufe zum Raiser-\nthrone, wogegen Agrippina aus ihr ein Werkzeug der\nRache machen will, um Nero und mit ihm seinen bösen\nDämon, die nach der Krone lüsterne Poppäa, zu stürzen.\nDurch Agrippina erfährt Actäa, dass der vermeintliche\nRömer Lucius, dem sie als Gemahlin nach Rom gefolgt,\nder Kaiser Nero ist, der als Fechter und Sänger durch\ndie Provinzen zieht. Agrippina, deren Leben selbst von\ndem verruchten Sohne bedroht ist, rettet sich mit dem\nGriechenmädchen auf ein Fahrzeug. Aber das gehoffte\nRettungsschiff wird ihr Verderben, es ist heimlich durch-\nbohrt (Tacitus im 14. Buche seiner Annalen). Das Fahr-\nzeug sinkt auf offenem Meere. Actäa allein entkommt dem\nWassergrabe, von einer Welle an den Strand des Meeres\ngeworfen. Dort führt der Zufall sie wieder mit ihrem frü-\nheren Verlobten, dem griechischen Seefahrer Agenor, zu-\nsammen; sie wähnte ihn im Zweikampfe von Nero getödtet,\ner war aber nur verwundet und lebt, um sie zu seinen\nGlaubensbrüdern, den Christen in den Katakomben, zu\ngeleiten. Agenor will, dass sie als Christin Vergebung ihrer\nSchuld, Frieden für ihre von Heue gemarterte Seele finde.\nDa kommt die Schreckensbotschaft, der Aelteste der Ge-\nmeinde sei vom Marlyrertode durch Nero bedroht. Actäa\nfühlt sich plötzlich zu seiner Bettung begeistert; sie kennt\ndie Gefängnisse in Rom, kennt die Wächter und schwört,\ndie Ketten des Märtyrers zu lösen. Dies in kurzen Umris-\nsen die Handlung der drei ersten Acte.\nDer vierte und letzte Act spielt zu Anfang auf dem\nForum in Rom: der Marsch und Chor erklingen, welche\nNero's Hochzeit mit Poppäa Sabina feiern. Als der Fest-\nzug vorüber, treten Actäa und Agenor auf; die Griechin\nfühlt die Gluth der Rache in ihrem gebrochenen Herzen\nbei der Entdeckung, dass die verhasste Sabina Nero's Weib\ngeworden. Verschworene kommen und lluchen dem Ty-\nrannen (was allerdings unter Nero so öffentlich auf dem\nForum sehr bedenklich gewesen sein dürfte), ein spani-\nscher Legionär gesellt sich dazu und bringt die frohe\nKunde;, Galba, der Statthalter in Spanien, sei mit seinem\nHeere zum Sturze des Tyrannen im Anmarsch. Actäa will\ndie Verschworenen in das ihr bekannte goldene Haus des\nNero führen; sie entreisst dem Legionär das Schwert und\nstellt sich an die Spitze der Rächer. Darauf verwandelt\nsich die Scene in ein prachtvolles Zimmer des goldenen\nHauses. Nero schläft und sieht im Traume die Geister der\nvon ihm Gemordeten, wie Richard 111. in seinem Kriegs-\nzelt bei Bosworth. Dem aus dem Schlafe emporgeschreckten"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "138", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620503-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5406, "texte": "Wütherich tritt Actäa mit dem Schwerte entgegen; aber\nder von aussen herein tönende Chor der Christen, welcher\nLob und Dank für die Rettung des Märtyrers singt, ver-\nändert plötzlich ihren wilden Sinn. Sie wirft das Schwert\nfort und will Nero (liehen lassen. Die Verschworenen, die\nhereinstürzen, halten sie für eine Verrätherin; sie fällt\nunter dem Schwerte des Legionärs, und während sie stirbt,\nfindet man den Leichnam des Nero, der sich, da die Flamme\nihm den Ausgang verwehrt, selbst erstochen hat.\nIm Ganzen betrachtet, hat das Textbuch poetische In-\ntentionen und dramatische Situationen, die noch spannen-\nder wirken würden, wären sie weniger reich an Worten.\nDaher die Längen, die sich jetzt noch, ungeachtet schon\nviel gestrichen worden, bei der Aufführung fühlbar ma-\nchen. Auch die Charakteristik der Heldin ist für die Ton-\nsprache zu complicirt; im dritten Filiale schwört Actäa bei\ndem Kreuze, im vierten Acte ruft sie wieder den Mars\nund die Ileidengöüer an, und dann verändert sie wieder\nihren bald heidnischen, bald christlichen Sinn, als sie den\nChor der Christen hört. Diese Wandlungen liessen sich\nnur im Rede-Drama gehörig motiviren, schwerlich aber\nin bestimmter Weise durch die Tonsprache. Abgesehen\nvon diesen Mängeln, athmet an vielen Stellen, besonders\nden lyrischen, ein poetisches Leben darin, und das Aussen-\nwerk der „grossen Oper\" ist so geschickt in die Handlung\nverwebt, dass selbst das Ballet nicht als willkürliches Ein-\nschiebsel, sondern als wesentlicher Bestandteil der Oper\nauftritt.\nUeber die Musik urtheilt E. N. (Naumann) sehr scharf:\n„Herr Bott hat, ohne Richard Wagner's Talent zu be-\nsitzen, sich die Sache in Wagner'scher Weise leicht ma-\nchen wollen und von Wort zu Wort, von Tact zu Tact\ncomponirt, wobei er sich dennoch nur mühsam, und häu-\nfig bis zu gänzlicher Gedanken-Ohnmacht herabsinkend,\ndurch die vier langen Acte fortwindet. Die Ouvertüre hat\ner sich unter solchen Umständen ganz erspart. Ein paar\nTacte matter Introduction führen zu einem Chor der mit\nNero landenden Börner. Dieser, wie alle übrigen Männer-\nchöre der Oper, trägt das Gepräge gewöhnlicher Lieder-\ntafel-Chöre, ohne eine Spur von localer Charakteristik\noder historischer Färbung. Nero singt darauf eine Art Lied,\ndas an Kücken's und Proch's modern-sentimentale\nWeise erinnert und uns, da es drei Mal in der Oper wie-\nderkehrt, die Ideen-Armuth des Componisten recht augen-\nscheinlich erkennen lässt, dem es nicht einmal hier, wo die\nAnlage der Oper etwas Hervorragendes forderte, gelang,\neinen irgend selbstständigen, angemessenen oder interessan-\nten Gedanken zu produciren.\n„Die Festscene in Korinth bewegt sich in einem Bal-\nletstil, wie wir ihn sowohl von unserem Hof-Componisten\nHertel, wie bei den pariser Componisten dieses Genre's\nunendlich besser und geschmackvoller gewohnt sind; und\nhier handelt es sich nun noch dazu um Tänze auf dem\nclassischen Boden Griechenlands.\n„Agenor ist ein unleidlich modern süsslicher Liebhaber,\nder uns in tausend Mal gehörten und eigentlich nur aus\nSchluss-Cadenzen bestehenden Phrasen von seinen Empfin-\ndungen für Actäa erzählt, und sich höchtens ein einziges\nMal, zu den Worten: „bei kühlem Sterngeflimmer'', zu\neiner Art von musicalischem Gedanken erhebt. Doch wird\nauch hier der weiche, schmachtende Seladon, der sich nicht\nweit über die Gränzen von Tonica und Dominante hinaus-\nwagt, auf die Länge ermüdend.\n„Bei den dramatischen Aclschlüssen greift der Com-\nporiist in innerer Hülflosigkeit zu den unschönsten und un-\nsangbarsten Fortschreitungen der Stimmen und den lär-\nmendsten Instrumental-ElTecten, ohne hierbei auch nur\neinen Augenblick zu wahrem dramatischen Leben, wie\ndies nur bei musicalischer Charakteristik der Personen\nmöglich ist, zu gelangen.\n„Das Haupt-Thema des Chors in der Scene im kaiser-\nlichen Garten im zweiten Acte würden wir kaum bei einem\ngewöhnlichen Tanz-Componisten, geschweige denn hier\ngelten lassen. Ein wenig, wenn auch nur im Vergleich mit\nsich selber, hebt sich die Musik bei der Scene zwischen\nNero, Agrippina und Actäa und in den Momenten, wo Sa-\nbina dem Kaiser den von ihr eingeleiteten Untergang der\nbeiden Frauen mittheilt. In den Zeilen: „ „Dunkel verhüllt\ndas gefährliche Riff; stark ist die Strömung, schwarz sind\ndie Segel, Charon, der Fährmann, steuert das Schiff\", be-\ngegneten wir zum ersten Male einem wirklichen musicali-\nschen Ergriffensein des Componisten. Ein völliges Erlahmen\nzeigt sich dagegen wiederum in der Scene des Wiederse-\nhens zwischen Actäa und Agenor. Wir sind selten einer\nMusik begegnet, wo eine falsche, weil süsslich-krankhafte,\nSentimentalität so sehr als Deckmantel aller fehlenden wirk-\nlichen Empfindung herhalten musste, wie hier.\n„Der Festmarsch, der den vierten Act eröffnet, lässt\neinen abermaligen Blick in die Gedankenleere des Compo-\nnisten thun. Wir sollen einen römischen Triumphmarsch\nhören und vernehmen statt dessen eine farblose Musik im\nhergebrachtesten Marsch-Rhythmus, wie sie sonst nur ta-\nlentlose Dilettanten fertig bringen, die auch einmal einen\nMarsch gemacht haben wollen. Der darauf folgende Chor\nder Frauen mit Ballet ist bis auf eine ganz geringe Abwei-\nchung Note für Note der Chor der Frauen mit Ballet aus\ndem zweiten Acte des Spontini'schen Cortez und würde\nohne diese Reminiscenz vielleicht die einzige etwas localer\ngefärbte Nummer der Bott'schen Oper sein. Im Uebrigen\nreiht sich dieselbe fast den ganzen Abend hindurch mittels"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "139", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620503-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5443, "texte": "musicalischer Mosaikstückchen von zwei, drei oder vier\nTacten an einander. Der Componist hat nach unserem Ge-\nfühle zuletzt im Schweisse seines Angesichtes gearbeitet,\num die zur Vollendung und Aufführung der Oper in sei-\nner Partitur noch gebliebenen Lücken einiger Maassen\nauszufüllen. Wagner, dessen Princip sich Bott scheinbar\naneignet, bietet uns für die fehlende Einheit in Form und\nStil eine Einheit der Stimmung, die uns den Mangel der\nersteren wieder vergessen lässt. Im Lohengrin weht über-\nall deutsche Sagen- und Märchenluft. Bei Bott aber be-\ngegnen wir keinen Bömern und Griechen, sondern höch-\nstens der gänzlich verbrauchten modern-sentimentalen Sa-\nlons-Phrase. Dabei zeigen die sowohl in den Chören wie\nin den etwas entwickelteren Stücken von Tacttheil zu Tact-\ntheil in gleicher Bewegung mit einander fortschreitenden\nSing- und Orchesterstimmen eine fast dilettantische Aus-\nbildung des Componisten in Behandlung der Kunstformen.\nDie abgebrauchten Schlüsse nach der Tonica mittels des\nDominant-Septimen-Accords, über welchem die Stimme\ndes Sängers mit zögernd wiederholter Sexte und Quinte\nauf den Grundton der Tonart hinabschmachtet, müssen\nwir in dieser Oper wohl einige hundert Mal mit in den\nKauf nehmen. An anderen Stellen werden ohne jegliche\ninnere Motivirung Wagner's aus dem Venusberg im Tann-\nhäuser bekannte chromatische Sexten- und Quarten-Fort-\nschreitungen der Geigen in Anwendung gebracht, oder Er-\ninnerungen an Elisabeth's von Holzbläsern begleitetes Ge-\nbet im dritten Acte des Tannhäuser.\n„Frau Harries-Wippern, Fräulein d e A h na, Herr\nBetz und Herr Formes unterzogen sich der Ausführung\nder Haupt-Partieen mit bewundernswerther Gewissenhaf-\ntigkeit und Ausdauer. Der Componist war zur Direction\nseines Werkes von Meiningen herübergekommen. Der sehr\nmässige Beifall galt fast nur den rühmlichen Anstrengun-\ngen der Sänger, die zum Theil hervorgerufen wurden.\n„Die Ausstattung und Anordnung der Aufzüge und\nBallets, die reichen Costume und die Pracht und maleri-\nsche Schönheit der Gropius'schen Decorationen liessen\nnichts zu wünschen übrig und .bewährten aufs Neue den\naltbegründeten Buf unserer königlichen Oper als der in\ndieser Beziehung ersten in Deutschland.\"\nWenn wir nun auch diesem Urtheil und namentlich\nder Form desselben nicht überall beistimmen können und\nin dem Werke einige Nummern hervorgehoben, auch die\ntechnische Gewandtheit in der Factur mehr anerkannt zu\nsehen wünschten, so lässt sich doch nicht läugnen, dass die\nMelodie nicht so frisch und reichlich fliesst, wie es erfordert\nwird, wenn eine Oper Glück auf die Dauer machen soll.\nEs fehlt durchaus an Originalität und an Schwung und\nSteigerung des Dramatischen. So war denn auch der Er-\nfolg beim Publicum nicht nur kein durchschlagender, son-\ndern überhaupt ein höchst zweifelhafter, und der einmalige\nBewillkommungs-Applaus des Componisten, der die Oper\nselbst dirigirte, bei seinem Wiedererscheinen nach einem\nZwischenacle konnte kaum für den Mangel des Hervor-\nrufs weder nach einem der drei ersten Acte, noch am\nSchlüsse der Oper entschädigen.\nEine Erscheinung aus alter Zeit tauchte mit Weigl's\n„Sch weizerfamilie\" im Friedrich-Wilhelmstädtischen\nTheater wie eine Erinnerung schöner Tage aus der Kind-\nheit, nein, aus der Einfachheit und Natürlichkeit der mensch-\nlichen Empfindung und des eben so einfachen und natür-\nlichen musicalischen Ausdrucks dafür in uns auf. Es war\nein Gast, Frau Jauner, geb. Krall, aus Dresden, die\nuns dieses Vergnügen verschaffte. Wenn ich nicht irre, so\nhat Fräulein Krall auch bei einem Ihrer Musikfeste mit\nBeifall gesungen; sie sang die Emmeline sehr schön und\nausdrucksvoll und ärntete vom Publicum ausnehmend leb-\nhaften Beifall, den sie auch verdiente. Auch ihr Spiel war\nrecht hübsch, das Organ ist aber für das Sprechen weni-\nger wohllautend und gebildet, als für den Gesang. Ihr\nMann ist ein sehr braver Komiker.\nIn Verdi's „Troubadour\" trat Fräulein Lucca nach\nlängerem Urlaub am Sonntag den 20. April zum ersten\nMale wieder auf. Eine wie grosse, echt künstlerische Kraft\nin ihr wirkt und schafft, bewies uns ihre Darstellung der\nLeonore von Neuem. Wir reden nicht von der Frische des\nKlan ges, von der Sicherheit und Kühnheit, mit der sie die\näusserste Höhe erfasst, von der, wenn auch nicht für alle\nSchwierigkeiten durchgebildeten, so doch immer bedeuten-\nden Technik; nur dies Eine heben wir hervor, wie in jedem\nTone sich die Empfindung der Seele wiederspiegelt, und\nwie diese Empfindung so energisch und doch wieder so\ninnig und sanlt zu sein vermag; wir erkennen es nament-\nlich lebhaft an, in wie hohem Grade sich Fräulein Lucca,\nseitdem sie unter uns weilt, in ihrer Darslellungsweise von\nden Schlacken eines zu ungestümen Gestaltungsdranges ge-\nreinigt hat, so dass sie jetzt selbst Verdi zu veredeln und\nihm den tieferen Gehalt abzugewinnen vermag. Dem war-\nmen Empfange, den stürmischen Beifallsbezeigungen, die\nihr zu Theil wurden, schliessen wir uns vollständig an.\nEine traurige Erfahrung mussten wir indess in Bezug auf\ndie Gastdarstellerin machen, welche die Bolle der Azucena\ngab, Fräulein Sulzer aus Wien. Wir haben in den ver-\ngangenen Jahren manche Sängerin gehört, die in keiner\nanderen Beziehung bemerkenswerth war, als darin, dass\nsie eine gute Gelegenheit zum Studiren der modernen Ge-\nsangskrankheiten gab, des Tremolo, der Verzerrung der\nStimme durch extreme Klangfarben, der falschen Behand-\nlung der Begister; eine Sängerin indess wie Fräulein Sul-\n\n[*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "140", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620503-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4106, "texte": "zer, die in solchem Grade diese Krankheiten zur Schau\ntrug, mit einem gewissen Stolz darauf und mit dem siche-\nren Gefühle, gerade dadurch ihr Glück bei dem Publicum\nzu machen, ist uns bis jetzt noch nicht vorgekommen. Hätte\ndieses Publicum nun aus lauter angehenden Sängern und\nMusikern bestanden, denen ein Lehrer des Gesanges eine\nAnzahl von Krankheits-Erscheinungen und Verstössen ge-\ngen den guten Geschmack in einer recht auffallenden und\nabschreckenden Weise vorführen wollte, so hätten wir uns\nin einer Gesangs-Klinik befunden; wir würden den don-\nnernden Beifall, der nach dem entsetzlichen Vortrage der\nStelle: „Ma nell' almadell'ingrato\" (die deutschen Worte\nsind uns nicht zur Hand), erfolgte, begriffen haben; aber\ndieses Publicum bestand aus Leuten, die einen künstleri-\nschen Genuss haben wollten, und es jubelte laut und un-\ngeberdig, als ob ein grosses Gesangs-Phänomen vor ihm\naufträte. War dies dasselbe Publicum, das einer Trebelli,\nMarchisio, Patti und Artot zugejauchzt hat? Wir können\nes uns kaum denken; denn wir sind vollständig überzeugt,\ndass alle diese Sängerinnen, so sehr sie auch wieder von\neinander abweichen und so verschieden sie von der Kunst\ndes Gesanges denken mögen, in dem Abscheu gegen solche\nArt des Gesanges einig sein würden, wie denn überhaupt\nauch bei uns alle Gesangs- und Musikkundigen darin einig\nsein werden, dass eine Leistung, wie diese Azucena es war,\nschlechterdings verwerflich und für jedes einiger Maassen\ngebildete Kunstbewusstsein geradezu beleidigend ist. Indess\nder äussere Erfolg ist einmal da, und wir müssen fürch-\nten, dass daraus Consequenzen gezogen werden, die für die\nZukunft unserer Bühne höchst traurig sein würden. Wir\ngeben dem gegenüber zu bedenken, dass es ein Sonntags-\nPublicum war, das diesen Beifall, bei dem möglicherweise\nauch Motive von äusserlicher Natur mitgewirkt haben,\nspendete. Wir geben ferner zu bedenken, dass eine Bühne\nvon dem Range der unsrigen selbst dem äusseren Erfolge\ngegenüber an gewissen Kunst-Principien festhalten muss;\nund dass die von uns vertretenen in diesem Falle unzwei-\nfelhalt richtig sind, darüber sind wir so sehr der Zustim-\nmung aller Sachkenner gewiss, dass wir einen weiteren\nBeweis für überflüssig halten. Kann Fräulein Sulzer uns\nnichts Anderes vorführen, als eine solche Azucena, so passt\nsie in den Verein von Künstlern, den wir den unsrigen\nnennen, noch weniger hinein, als der ungeschickteste An-\nfänger, der nach dem Guten wenigstens strebt.\nAm Freitag den 27. April setzte sie als Orsino ihr\nGastspiel in „Lucrezia Borgia\" fort. Obgleich ihr die\nPartie, die sich im Wesentlichen auf ein pikantes Trink-\nlied beschränkt, weniger Gelegenheit gab, sich in so unna-\ntürlichen und unschönen Verzerrungen der Stimme zu er-\ngehen, als die Azucena, so gaben doch das fortwährende\nTremoliren, der aufgequollene Klang der Mittellage, der\nhin und her schwimmende Triller auf dem hohen E, der\njedes Ohr in Ungewissheit liess, auf welchen Tönen eigent-\nlich getrillert wurde, vor Allem aber die breite, unedle\nBildung der tiefen Töne, worin Fräulein Sulzer sich rüh-\nmen darf, es fast allen lebenden Sängerinnen zuvor zu thun,\nauch diesmal hinreichend Zeugniss, welcher Richtung sie\nangehört. Wenn gerade das Schlechteste, nämlich der\nKlang der tiefen Töne, wiederum einigen Beifall fand, ob-\nschon die Zahl der Verehrer gegen die erste Vorstellung\ndoch bedeutend vermindert schien, so finden wir das nach\nfrüheren wiederholten Erfahrungen ganz natürlich, bleiben\naber auch bei unserer Behauptung, dass eine solche Art\ndes Gesanges sich mit den Kunst-Principien, welche die\nkönigliche Bühne zu wahren hat, schlechterdings nicht\nverträgt, und den kleineren Theatern zu überlassen ist, die\nsich des Gelderwerbes wegen leider oft mit dem begnügen\nmüssen, was, ohne innerlich gediegen und gesund zu sein,\neine gewisse äussere Wirkung hervorbringt. Wir hoffen\nübrigens, dass die Gefahr, Fräulein Sulzer könnte in eine\ndauernde Verbindung zu unserer Bühne treten, beseitigt\nist. Wenigstens sind, so viel wir hören, die Proteste von\nmusicalischer Seite zahlreich und entschieden genug.\n(Schluss folgt.)"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1862-05-03-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1862-05-03_01#c003", "volume": "bmtnabi_1862-05-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "140", "page_fin": "142", "image_debut": 4, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620503-01.2.3", "titre_corps": "Aus Brüssel.", "titre_sommaire": "Aus Brüssel.", "signature_source": "S. S", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "140", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620503-01.1.4", "debut_caractere": 4108, "fin_caractere_exclue": 5348, "texte": "Aus Brüssel.\n\nUnser musicalisches Leben hat in diesem Winter\nreichliche Nahrung erhalten, gute und schlechte, man\nkönnte sagen: beides die Fülle, wenn man die Opernthea-\nter, die in unserem belgischen Paris eine grosse Rolle spie-\nlen oder wenigstens spielen möchten, mit in Betracht zieht.\nDie italiänische Oper der Gesellschaft Merelli's hat trotz\nPatti und Trebelli fast keine einzige Vorstellung gebracht,\nwelche im Ensemble und in dramatisch-musicalischer Hin-\nsicht einen ungetrübten Genuss gewährt hätte. Wenn auch\nEinzelnes in mancher Oper, z. B. in Rossini's Barbier, Se-\nmiramis, Donizetti's Lucia, u. s. w. gelungen war, so er-\nregten doch andere, wie eine wahrhaft abschreckende Auf-\nführung der Martha und eine Caricatur der Regiments-\ntochter, ein Missfallen, das sogar in stürmische Unruhe des\nPublicums ausbrach, die durch alle Ausdrucksmiltel der\nUnzufriedenheit und der Verhöhnung das Haus durch-\nbrauste. An anderen Tagen fehlte es dagegen nicht an\nden gewöhnlichen Kundgebungen des Beifalls für einzelne\nLeistungen, Blumenregen, ganzen Salven von Kränzen und\nSträussen, aber au bout du compte scheint doch endlich\nunser Publicum dieser Ausbeutung durch die Italiäner,\ntrotz der Anerkennung ihres Königreiches von unserer"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "141", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620503-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5385, "texte": "Seite, überdrüssig geworden zu sein und ruft ihnen aus\nmanchem Munde ein Lebewohl auf Nimmerwiedersehen\nzu. Damit dürfte jedoch keineswegs verbürgt sein, dass\nwir im nächsten Winter nicht eine nochmalige Auferste-\nhung einer Impresaerlebten, denn so lange der Sirocco\nvon Paris herüber weht, werden wir auch seiner bösen\nInfluenza wieder unterliegen.\nDie französische Oper wendet viel auf äussere Pracht\nund Ausstattung, und wenn man über die Art der Beglei-\ntung hinwegsieht, die im Orchester herrscht, das keine\nNuancen des Ausdrucks kennt, dagegen aber im\nsimo excellirt; wenn man ferner besonders bei den Män-\nnerstimmen sich an einen gewissen nationalen Charakter\nu\ndes Organs gewöhnt, der viel Aehnlichkeit mit den Na-\nzard-Registern älterer Orgeln hat, so kann man in einigen\nVorstellungen ganz gut aushalten, und die Fremden, welche\nzum grössten Theile das Haus füllen und hieher kommen,\nweil ihre Zeit und ihre Finanzen nicht hinreichen, die Reise\nnach Paris zu machen, können hier eine ziemlich richtige\nVorstellung von der Oper der kaiserlichen Akademie der\nMusik bekommen, besonders von ihren Mängeln.\nBesser, d. h. künstlerischer, sieht es in den Concert-\nsälen bei uns aus; da hat wenigstens die gute Musik, na-\nmentlich die deutsche Instrumental-Musik, eine Stätte ge-\nfunden, wenn auch an Aufführung der Meisterwerke der\nVocal-Musik, der grossen Chor- und Orchesterwerke eines\nHandel, Haydn, Mendelssohn, oder gar Bach und Beetho-\nven nicht zu denken ist, da Sie wissen, wie unsere musi-\ncalische souveraine Behörde z. B. über Beethoven s Missa\nsolemnis denkt. Die Conservatoire-Concerte und die Con-\ncerte der Association des Artistes sind die haupt-\nsächlichsten Rendezvous der hiesigen musicalischen Welt,\nund ihre Programme geben so ziemlich den Barometer\ndes hiesigen Kunstgeschmacks ab. Ohne Solo-Vorträge ist\nein Concert hier nicht denkbar; während die Conserva-\ntoire-Gesellschaft sie in den ersten Theil verweist und we-\nnigstens in der Regel im zweiten eine Sinfonie bringt,\ntischt die Association fast nichts als Virtuosen-Leistungen\nauf, und wenn diese auch im Allgemeinen ein grosses Pu-\nblicum anziehen und zuweilen mit Recht, so war doch in\nvorigen Jahren, als mehr Orchesterwerke aufgeführt wur-\nden, der Saal noch voller, als jetzt, was ein gutes Zeichen\nund eine wohl zu beachtende Mahnung sein dürfte.\nDas Orchester spielt in den Conservatoire-Concerten\nweit besser, als im Theater; es scheint, als hätten in jenen\ndie Ausübenden weit mehr das Bewusstsein belgischer\nKünstler, einen gewissen Nationalstolz, zu welchem die\ngrosse Anzahl von Virtuosen, die das Land hervorgebracht\nhat, berechtigt. Es wäre indess sehr unrecht, wenn man\ndem Dirigenten sein grosses Verdienst um die Vorzüglich-\nkeit des Orchesters verkümmern oder gar absprechen\nwollte, wie das hier von mancher Seite und wohl nicht\nimmer aus bloss künstlerischen Gründen geschieht. Es ist\nin der That zu bewundern, mit welcher Sicherheit und\nEnergie Fetis noch immer, trotz seines hohen Alters, di-\nrigirt, und wenn man auf die Tempi sieht, die er z. ß. in\nden Beethoven'schen Sinfonieen nimmt und die von Ueber-\ntreibuil| der Bewegung weit entfernt sind, so möchte man\nmanchen jüngeren Dirigenten zurufen: „Macht, dass Ihr\nauch alt werdet!\"\nEine recht gute Ausführung wurde z. B. im dritten\nConcerte der .A-cfer-Sinfonie von Beethoven zu Theil, die\nfreilich mit Unrecht sehr lange nicht auf das Pro-\ngramm gekommen war. Desshalb war auch, zur Ehre des\nPublicums muss man es sagen, der Saal überfüllt und er-\ntönte bei jedem Satze von den lebhaftesten Ausdrücken\nungetheilten Beifalls. Die Blas-Instrumente, denen in die-\nsem Werke eine so anstrengende und schwierige Aufgabe\nzugetheilt ist, lösten dieselbe recht befriedigend, theilweise\nganz vorzüglich, was namentlich auch von den Blech-In-\nstrumenten gilt und desswegen besonders zu erwähnen ist,\nweil diese sonst wohl die schwächste—obschon manchmal\nzu starke!—Partie des Orchesters sind. Hebt doch sogar\neine hiesige Kritik hervor, dass man das hohe der ersten\nTrompete im Trio des Scherzo zum ersten Male hier ge-\nhört habe, und sie mag wohl Hecht haben.\nIn demselben Concerte trat hier zum ersten Male der\nViolinspieler August Kömpel auf und machte einen\nausserordentlichen und tiefen Eindruck. Er spielte als Schü-\nler und Nachfolger Spohr's die so genannte „Gesang-\nscene\" ..dieses Meisters, und kaum hatte der hier noch\nganz unbekannte Künstler denn die Brüsseler sind auch\ndarin Pariser, dass sie keine deutschen Zeitungen lesen—\ndie ersten recitativischen Tacte gespielt, als die lautesten\nBeifallssalven von allen Seiten ausbrachen. Der Zauber der\nTöne hielt die Zuhörer von Anfang bis Ende wie festge-\nbannt, und nach dem Schlüsse des Concertes wurde Herr\nKömpel einstimmig gerufen, und zwar zwei Mal, was in\nden hiesigen Conservatoire-Concerten ein sehr seltenes\nEreignissist. Seit Joachim und Frau Schumann hat kein\nfremder Künstler in Brüssel einen so eclatanten Erfolg\ngehabt.\nIm vierten Concerte der Association trug er das eilfte\nConcert von Spohr und Variationen von David vor, und\nfand auch bei dem Publicum dieser Concerte, das gröss-\ntenteils von der Gesellschaft der Grande Harmonie gebil-\ndet wird, trotz der Erinnerung an Joachim, der nicht lange\nvorher dort gehört worden, denselben Enthusiasmus wie-\nder, den er im Conservatorium erregt hatte. Und doch\nwirft man dem Publicum der Association—und nicht ganz"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "142", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620503-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3830, "texte": "mit Unrecht vor, dass es vorzugsweise den Effect, die\nstaunenswerthe Technik, die Kunststücke mehr als die\nKunst bewundere. Es bewährte sich aber hier, wie über-\nall, dass das wahre Schöne niemals den Eindruck verfehlt;\ndenn, ohne die übrigen trefflichen Eigenschaften von\nKömpel's Spiel in Anschlag zu bringen, ist doch haupt-\nsächlich die Natürlichkeit und Einfachheit, mit welcher\ner das Gefühl in seiner ergreifendsten Tiefe in Tönen re-\nden lässt, das Charakteristische seines Vortrags, und darin\nbesteht doch überhaupt die künstlerische Grösse.\nEin anderer Landsmann von Ihnen, der bei uns lebt,\nist Herr Louis Brassin, dessen Namen zwar sehr fran-\nzösisch klingen—ein Trost für die Franzosen und Belgier,\ndie diesen eminenten Künstler auf gallischen Ursprung zu-\nrückführen möchten, wie die Pariser von Ihrem ehemali-\ngen Sänger DuMont, als man ihnen bemerkte, er sei kein\nFranzose, sondern aus Köln, erwiederten: „Eh bien! Co-\nfogne, c'estpresque frangais\"—, aber dessen Richtung\nund musicalische Bildung durch und durch deutsch ist.\nNachdem Brassin, wie ich Ihnen schon einmal berich-\ntet, mit Entschlossenheit und Ausdauer hier für Robert\nSchumann Propaganda gemacht, die im Ganzen von glück-\nlichem Erfolg gekrönt wurde, wagte er es, in seinem Con-\ncerte am 13. März das erste Clavier-Concert von Franz\nLiszt zu spielen und damit gleichsam die Fahne der neue-\nsten deutschen Schule aufzustecken. Dass damit eine ge-\nwisse Gefahr verbunden und jedenfalls nichts zu gewinnen\nwar, wusste er vorher; um so ehrenwerther war es, den\nMuth seiner Ueberzeugung zu haben. Damit will ich jedoch\nnicht behaupten, dass Brassin's Ueberzeugung sich aus-\nschliesslich und rückhaltlos den Lisztianern und Wagneria-\nnern hingibt; das glaube ich kaum. Das bleibt aber sicher,\ndass er seinen bisher durch den Vortrag classischer und\nunter den Neueren Chopin scher und Schumann'scher Mu-\nsik erworbenen Buhm gewisser Maassen aufs Spiel setzte.\nIndess: Andaces fortuna juvai der Erfolg hat gewiss\nseine eigenen Erwartungen weit übertroffen. Freilich kann\nman behaupten, die stürmischen Beifallsbezeigungen galten\nnur dem Spiel, der wunderbar genauen und glänzenden\nAusführung; dennoch möchte ich sagen, dass,. hätte die\nComposition entschieden missfallen, der Enthusiasmus\nschwerlich sich so laut und wiederholt offenbart haben\nwürde. Der Enthusiasmus der Menge! Und diese ist oft\nwunderlich, staunt die Schöpfung einer ungezügelten, im-\nmerhin genialen oder für genial genommenen Phantasie\nan und hält die stark aufgetragenen Farben und decora-\ntiven Effecte für Charakteristik und Malerei. Was weiss\nsie von thematischer Arbeit, von in einander geschachtel-\ntem Perioden- und Passagenbau ohne Ruhe und Ende,\nohne Entfaltung irgend einer langen Melodie? Sie stutzt\nvielleicht bei widerhaarigen Harmonieen, bei schreienden\nDissonanzen, aber sie fühlt nicht die höhnische Verletzung\nder Wohlklangsregeln, die darin liegt; ewige Vorhalte\nquälen sie nicht, alle möglichen Tonarten im Fluge durch-\nrannt erscheinen ihr als glänzender Dunst, die Sehnsucht\nnach Auflösung der Widersprüche rührt ihr Ohr und Herz\nnicht, die seltsame Instrumentirung frappirt sie, selbst „das\ntönende Erz und die klingende Schelle\" am Schlüsse geni-\nren sie nicht, denn sie kennt nicht den Sinn des Bibel-\nspruches und ist von der Oper her an die grosse Trommel\ngewöhnt! Warum soll sie also nicht Beifall klatschen?\nZur Bevanche und Versöhnung der Conservativen gab\nuns Brassin im Verein mit Kömpel am 4. April noch eine\nSoiree de musique classiqueim Das zahl-\nreiche Publicum hörte darin Mozart's Sonate Op. 8 Nr. 3\nfür Pianoforte und Violine, Schumann's symphonische Stu-\ndien in Form von Variationen für Ciavier allein, eine\nPhantasie von Spohr für Violine, Beethoven's Violin-Quar-\ntett Nr. 11 und Mendelssohn's Clavier-Trio in C-moll.\nDen 18. April 1862.\n\nS. S."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1862-05-03-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1862-05-03_01#c004", "volume": "bmtnabi_1862-05-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "142", "page_fin": "143", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620503-01.2.4", "titre_corps": "Der Meistergesang in musicalischer Beziehung.", "titre_sommaire": "Der Meistergesang in musicalischer Beziehung.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "142", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620503-01.1.6", "debut_caractere": 3832, "fin_caractere_exclue": 5316, "texte": "Der Meistergesang in musicalischer Beziehung.\nIm Allgemeinen wird der Meistergesang nur in Bezug\nauf die Dichtkunst in unseren Literaturgeschichten darge-\nstellt. Es ist aber keine Frage, dass die Singschulen der\nHandwerker und Bürger auch in musicalischer Hinsicht\neine gewisse Bedeutung hatten, die zwar für die Entwick-\nlung der Tonkunst nicht hoch anzuschlagen ist, immerhin\naber auf die Ausbildung der Melodie von Einfluss war\nund das deutsche Volkslied vorbereitete. Das Wichtigste\ndabei war, dass der Meistergesang zuerst die Melodie von\nder sclavischen Anschmiegung an den Text, wie sie im\nMinnegesang Statt gefunden hatte, befreite, und zwar in\nsolchem Grade, dass sonderbarer Weise die Melodie ohne\nText als ein fertiger „Ton\" erfunden und von den kunst-\nverständigen Bichtern als „regelrecht\" festgestellt und\ndann erst dem Erfinder aufgegeben wurde, zu derselben\nnach einem bestimmten Stoffe einen Text zu machen.\nDiese Melodieen, „Weisen\" oder „Töne\", hatten die\nseltsamsten Namen, aus denen aber bei all ihrer Wunder-\nlichkeit doch die Verschiedenheit ihres musicalischen Cha-\nrakters hervorgeht. Wenn auch z. B. die „Schreibpapier-\nweiss\",die „schwarze Tintenweiss\", die „gestreiffte Saf-\nfranblümleinweiss\", die „treu Pelikanweiss\" u.s.w. u.s.w.\nkeinen Sinn für uns haben, so sind doch in vielen ande-\nren, wie z. B. „die Schneckenweiss\", die „traurige Sem-\nmelweiss\", „Orphei sehnliche Klagweiss\", „fröliche Stu-\ndentenweiss\", „Kälberweiss\", „kurtz Affenweiss\", „ver-"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "143", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620503-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4980, "texte": "schalkte Fuchsweiss\", „Posaunenweiss\", u. s. w. Andeu-\ntungen des musicalischen Charakters nicht zu verkennen.\nDa wir nun auch Vorschriften über den wirklichen\nGesang und dessen Reinheit und Vortrag (z. B. Verbot\ndes „ungebührlichen Herausschreyens\") finden, eben so\nwie über die metrische Gestaltung, Svlbenzählung u. s. w.\nder Strophen des Textes, so geht, trotz aller Rohheit und\nHandwerksmässigkeit jener Vorschriften, doch daraus und\naus dem Vorhandensein wirklicher Uebungs-Vereine im\nSingen (Singschulen) hervor, dass in dem Meistergesänge\nder Ursprung des deutschen Männergesanges zu suchen ist.\nDie hohe Schule der Meistergesang-Vereine war\nNürnberg. Aber auch in diesen frühen Zeiten ereignete\nes sich, dass zwar der Einfluss des Männergesanges auf\ndie Sittlichkeit „des jungen Volkes\" gerühmt wurde, dass\njedoch dieses junge Volk auch nach und nach mehr Ge-\nschmack an weltlichen und mitunter stark weltlichen Lie-\ndern fand, eben so wie manche Vereine heutzutage den\nTanzliedern und Possen den Vorzug geben, weil sie sich\ndabei besser amüsiren, als bei dem Studium ernster Ge-\nsänge. Der „Anzeiger für Kunde der deutschen\nVorzeit\", das Organ des germanischen Museums\niu Nürnberg*), theilt darüber im IX. Jahrgang, 1862,\nNr. 1, Folgendes aus dem dortigen Raths-Archiv mit.\nZu Nürnberg gab es um das Jahr 1540 gegen 250\nMeistersänger. Ihre Vorträge hielten sie an den hohen Fe-\nsten, zu Ostern, Pfingsten und Weihnachten, oft auch alle\nMonate. Die Vorträge waren öffentlich in irgend einem\nLocale, das ihnen der Rath einräumte; ungefähr um das\nJahr 1540 wurden sie in der Poetenschule bei St. Lorenz\ngehalten. Der Schulmeister aber entzog ihnen dieses Local\nunter dem Vorgeben, er sei desselben selbst benöthigt. Die\nMeistersänger richteten daher eine Vorstellung an den\nRath, den sie um ein anderes Local baten, in welcher es\nunter Anderem heisst:\n„So werden wir durch solche not getryben, das wir\nnit wyssen wohin. Ess wilss auch In keynen wirtzhaus füg-\nlich sein. Derhalben pytten wir ewr firchtige weyssheyt\nmit aller vnderthenikeyt vnd williger gehorsam, ein andre\nstuben zuuergunen (vergönnen) vnd zulassen, wo es ewr\nweyssheyt füglich ist, darin wir mochten singschul halten.\nSo nun das volck Itzundt mer darzu genaygt ist dan for-\nmalss, vnd dy kunst des meystergesangs mit nevven gedich-\nten heylieber schryft ser auffnympt, dem (wofür) got dy\ner (Ehre) sey, Pytten darmit Ewer fürsichtige VVeissbeyt\nmit hogstem (leyss, wollet vns darmit pehilfflich sein vnd\nvnss ein stuben zulassen, darjn wir solches festsingen, nem-\nlich zu ostern, Pfingsten vnd zu Weinnachten volstrecken\nmügen, vnd nachvolget Im Jar nach gelegner zeyt. Dan\ness nur ein christliche Übung ist, dardurch dy er (Ehre)\ngotes gesucht, vnd zu nutz vnd pesserung dem Jüngern\nvolck, das (da) durch von allerley lästern wirt abgezogen.\nDas piten wir mit aller vndertenige vnd willige gehorsam\n„Von vns Meistersingern Ewre willige\nvnd gehorsame burger.\"\nNoch zu Lebzeiten des Ilans Sachs und namentlich\nnach seinem Tode durchbrach der Meistergesang nicht sel-\nten die engen Schranken, in denen ihn der Zeitgeist, Zucht,\nSitte und Gewohnheit festgehalten hatten. Er verliess die\nbisherigen Pfade und ergoss sich in weltlichen Liedern,\ndie bei einem hochweisen Rathe nicht geringen Anstoss\nund grosses Aergerniss erregten. Dieser warnte und\nmahnte, und als er damit nichts ausrichtete, wurde das\nAbhalten der Singschulen und der Meistergesang gänzlich\nverboten. Veit Fesselmann, Weber und andere Meister-\nsänger der Stadt richteten später eine Vorstellung an den\nRath, dass er ihnen das Meistersingen an den gewöhn-\nlichen hohen Festen des Jahres, wie vor Alters geschehen,\nwieder zulassen und verstatten möge. Dieses wurde ihnen\nendlich am 20. December 1580 unter der Bedingung\nund mit dem Befehle bewilligt, „nichts dann gaistliche ge-\nsang aus hailger gotlicher schrill, vnd nichts schampares\noder sonst leichtfertigs oder ergerlichs zu singen, auch\nIr stim mit dem singen dermassen zu moderie-\nren, das es gesungen vnd nicht geplerrt haisse,\noder man wurd Ihnen das Singen den negsten wider dar-\nnider legen.\"\nIm Jahre 1583 baten Hanns Grieser und andere Mei-\nstersänger den Rath, man möge ihnen, wie vor Alters ge-\nbräuchlich gewesen, alle Monate eine Singschule erlauben.\nDer Rath bewilligte dieses am 12. März 1583 mit dem\nGeheiss, „sich schambarer vnzüchtiger lieder gentzlich zu\nenthalten.\" (J. Baader, Archiv-Conservator.)\n*\") Wir empfehlen bei dieser Gelegenheit allen Freunden und Be-\nförderern deutscher Kunst und des germanischen Mu-\nseums in Nürnberg obigen Anzeiger u. s. w. Neue\nFolge. Neunter Jahrgang, 1862. Herausgegeben von Dr. Frei-\nherrn von Aufsess, Dr. A. van Eye, Dr. G. K. Fr om-\nni an, Dr. Freiherrn Roth von Schreckenstein. In Mo-\nnats-Lieferungen zu 2% Bogen in gr. 4 mit Abbildungen, Ex-\ntra-Beilagen und genauem Register. Preis des Jahrgangs 2 Thlr.,\nzu welchem Preise auch die früheren Jahrgänge zu haben sind\nin der literarischen Anstalt des germanischen Mu-\nseums."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1862-05-03-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1862-05-03_01#c005", "volume": "bmtnabi_1862-05-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "143", "page_fin": "144", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620503-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "143", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620503-01.1.7", "debut_caractere": 4982, "fin_caractere_exclue": 5307, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nFrankfurt am Jflain. Bei Gelegenheit der Semestrai-\nPrüfung in unserer Musikschule hat der Vorstand (Henkel,\nHilliger, Oppel und Hauff) einen Jahresbericht veröffentlicht,\ndem zufolge die Anzahl der Zöglinge gegenwärtig sechszehn be-\nträgt eine Vermehrung um fünf gegen voriges Jahr zu Ostern."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "144", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620503-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1876, "texte": "Schuberts Oper „Die Verschworenen oder der häusliche Krieg\"\nist im vollständigen Ciavier-Auszuge mit Text bei A. Spina in\nWien erschienen.\nParis. Man schreibt aus Nizza, dass der seit längerer Zeit\nzur Herstellung seiner Gesundheit dort verweilende Violin-Virtuose\nErnst sich in einem sehr bedenklichen Zustande befindet. Der Tod\nhat auf den vortrefflichen Künstler einen erschütternden\nEindruck gemacht.\nDie in Paris erscheinende Zeitschrift UArt musical sagt über die\nvon Pasdeloup veranstaltete Aufführung von Mendelssohn's\n„Elias\" unter Anderem: „Letzten Sonntag den 6. April hatte Herr\nPasdeloup die Kühnheit, einem Publicum von 4000 Personen ein\netwas ernstes Oratorium, den „Elias u von Mendelssohn vorzuführen.\nOhne heute in die Details dieser grossartigen Composition eingehen\nzu wollen, die sich weder durch die Mannigfaltigkeit, noch durch\nden Glanz ihres Colorits auszeichnet, müssen wir wenigstens bestä-\ntigen, dass die Aufführung eine sehr schwache war und dass der\nallgemeine Eindruck den Anstrengungen so vieler Künstler nicht\nentsprochen hat. Man möchte fast befürchten, dass diese Art von\nbiblischen Dramen, welche in Deutschland und England so populär\nsind, nur schwer dahin gelangen werden, den flüchtigen und welt-\nlichen Sinn eines französischen Publieums zu rühren.\" (!)\nAus Petersburg berichtet man über die ausserordentlichen Er-\nfolge der Herren Karl Davidoff und Jean Becker. Davidoff\nhat zu verschiedenen Malen bei der Kaiserin und der Grossfürstin\nHelene gespielt und ist am 12. März im Concerte der „Russischen\nMusikgesellschaft\" aufgetreten. Am 15. März gaben Davidoff und\nBecker ein von der ganzen kaiserlichen Familie und der Elite der\nGesellschaft Petersburgs besuchtes Concert. Davidoff gab ausserdem\nam 12. und am 26. März mit dem grössten Erfolge Concerte in sei-\nner Vaterstadt Moskau, das letzte in Gemeinschaft mit Nicolaus\nRubinstein."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "137", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620503-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nAus Berlin („Actäa, das Mädchen von Korinth\", Oper von Jean Bott Frau Jauner Fräulein Lucca Fräu-\nlein Sulzer). Aus Brüssel (Musikleben August Kömpel Louis Brassin). Von S. S. Der Meistergesang in musicalischer Be-\nziehung. Von J. Baader. Tages- und Unterhaltungsblatt (Frankfurt am Main, Musikschule Wien, Schuberts Oper „Die Ver-\nschworenen\" - Paris, Violinist Ernst Petersburg, Karl Davidoff und Jean Becker).\n\nAus Berlin.\nDie königliche Oper hat eine Neuigkeit gebracht, eine\ngrosse heroische, altrömische Oper, mit Musik von einem\ndeutschen Componisten. Das Letztere ist dabei die Haupt-\nmerkwürdigkeit; aber so erfreulich es ist, dass die Inten-\ndanz ein Werk eines deutschen Musikers, der nicht Capell-\nmeister in Berlin ist, auT so sorgfältige Weise in Scene\ngesetzt hat, so bedauerlich ist es auf der anderen Seite,\ndass ihre Wahl dabei auf eine Oper gefallen ist, der man\nbei einigem kritischen Urtheil von vorn herein keinen Er-\nfolg prophezeien konnte.\nSie nennt sich „Actäa, das Mädchen von Ko-\nrinth, grosse Oper in vier Acten von Jul. Rodenberg,\nMusik von Jean Bott\". (Beiläufig: auf dem Concert-Zet-\ntel des ausgezeichneten Violin-Virtuosen lassen wir uns den\nJean allenfalls gefallen, aber auf einem deutschen Opern-\nbuche macht er sich doch gar zu komisch.)\nActäa, die von Nero geraubte und aus Korinth nach\nRom entführte Griechin, ist die Heldin der Oper; vielleicht\ndankt sie ihre dichterische Entstehung dem Gedanken an\njene freigelassene Acte, von der Tacitus in seinen Annalen\nerzählt, Nero habe sich mit ihr in einen Liebeshandel ein-\ngelassen, der eben so der Agrippina, der Mutter des Im-\nperators, wie der Poppäa Sabina, seiner Buhlerin und nach-\nherigen Gemahlin, ein Dorn im Auge gewesen. In der\nOper benutzt Poppäa die Griechin als Stufe zum Raiser-\nthrone, wogegen Agrippina aus ihr ein Werkzeug der\nRache machen will, um Nero und mit ihm seinen bösen\nDämon, die nach der Krone lüsterne Poppäa, zu stürzen.\nDurch Agrippina erfährt Actäa, dass der vermeintliche\nRömer Lucius, dem sie als Gemahlin nach Rom gefolgt,\nder Kaiser Nero ist, der als Fechter und Sänger durch\ndie Provinzen zieht. Agrippina, deren Leben selbst von\ndem verruchten Sohne bedroht ist, rettet sich mit dem\nGriechenmädchen auf ein Fahrzeug. Aber das gehoffte\nRettungsschiff wird ihr Verderben, es ist heimlich durch-\nbohrt (Tacitus im 14. Buche seiner Annalen). Das Fahr-\nzeug sinkt auf offenem Meere. Actäa allein entkommt dem\nWassergrabe, von einer Welle an den Strand des Meeres\ngeworfen. Dort führt der Zufall sie wieder mit ihrem frü-\nheren Verlobten, dem griechischen Seefahrer Agenor, zu-\nsammen; sie wähnte ihn im Zweikampfe von Nero getödtet,\ner war aber nur verwundet und lebt, um sie zu seinen\nGlaubensbrüdern, den Christen in den Katakomben, zu\ngeleiten. Agenor will, dass sie als Christin Vergebung ihrer\nSchuld, Frieden für ihre von Heue gemarterte Seele finde.\nDa kommt die Schreckensbotschaft, der Aelteste der Ge-\nmeinde sei vom Marlyrertode durch Nero bedroht. Actäa\nfühlt sich plötzlich zu seiner Bettung begeistert; sie kennt\ndie Gefängnisse in Rom, kennt die Wächter und schwört,\ndie Ketten des Märtyrers zu lösen. Dies in kurzen Umris-\nsen die Handlung der drei ersten Acte.\nDer vierte und letzte Act spielt zu Anfang auf dem\nForum in Rom: der Marsch und Chor erklingen, welche\nNero's Hochzeit mit Poppäa Sabina feiern. Als der Fest-\nzug vorüber, treten Actäa und Agenor auf; die Griechin\nfühlt die Gluth der Rache in ihrem gebrochenen Herzen\nbei der Entdeckung, dass die verhasste Sabina Nero's Weib\ngeworden. Verschworene kommen und lluchen dem Ty-\nrannen (was allerdings unter Nero so öffentlich auf dem\nForum sehr bedenklich gewesen sein dürfte), ein spani-\nscher Legionär gesellt sich dazu und bringt die frohe\nKunde;, Galba, der Statthalter in Spanien, sei mit seinem\nHeere zum Sturze des Tyrannen im Anmarsch. Actäa will\ndie Verschworenen in das ihr bekannte goldene Haus des\nNero führen; sie entreisst dem Legionär das Schwert und\nstellt sich an die Spitze der Rächer. Darauf verwandelt\nsich die Scene in ein prachtvolles Zimmer des goldenen\nHauses. Nero schläft und sieht im Traume die Geister der\nvon ihm Gemordeten, wie Richard 111. in seinem Kriegs-\nzelt bei Bosworth. Dem aus dem Schlafe emporgeschreckten"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "138", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620503-01.1.2", "texte": "Wütherich tritt Actäa mit dem Schwerte entgegen; aber\nder von aussen herein tönende Chor der Christen, welcher\nLob und Dank für die Rettung des Märtyrers singt, ver-\nändert plötzlich ihren wilden Sinn. Sie wirft das Schwert\nfort und will Nero (liehen lassen. Die Verschworenen, die\nhereinstürzen, halten sie für eine Verrätherin; sie fällt\nunter dem Schwerte des Legionärs, und während sie stirbt,\nfindet man den Leichnam des Nero, der sich, da die Flamme\nihm den Ausgang verwehrt, selbst erstochen hat.\nIm Ganzen betrachtet, hat das Textbuch poetische In-\ntentionen und dramatische Situationen, die noch spannen-\nder wirken würden, wären sie weniger reich an Worten.\nDaher die Längen, die sich jetzt noch, ungeachtet schon\nviel gestrichen worden, bei der Aufführung fühlbar ma-\nchen. Auch die Charakteristik der Heldin ist für die Ton-\nsprache zu complicirt; im dritten Filiale schwört Actäa bei\ndem Kreuze, im vierten Acte ruft sie wieder den Mars\nund die Ileidengöüer an, und dann verändert sie wieder\nihren bald heidnischen, bald christlichen Sinn, als sie den\nChor der Christen hört. Diese Wandlungen liessen sich\nnur im Rede-Drama gehörig motiviren, schwerlich aber\nin bestimmter Weise durch die Tonsprache. Abgesehen\nvon diesen Mängeln, athmet an vielen Stellen, besonders\nden lyrischen, ein poetisches Leben darin, und das Aussen-\nwerk der „grossen Oper\" ist so geschickt in die Handlung\nverwebt, dass selbst das Ballet nicht als willkürliches Ein-\nschiebsel, sondern als wesentlicher Bestandteil der Oper\nauftritt.\nUeber die Musik urtheilt E. N. (Naumann) sehr scharf:\n„Herr Bott hat, ohne Richard Wagner's Talent zu be-\nsitzen, sich die Sache in Wagner'scher Weise leicht ma-\nchen wollen und von Wort zu Wort, von Tact zu Tact\ncomponirt, wobei er sich dennoch nur mühsam, und häu-\nfig bis zu gänzlicher Gedanken-Ohnmacht herabsinkend,\ndurch die vier langen Acte fortwindet. Die Ouvertüre hat\ner sich unter solchen Umständen ganz erspart. Ein paar\nTacte matter Introduction führen zu einem Chor der mit\nNero landenden Börner. Dieser, wie alle übrigen Männer-\nchöre der Oper, trägt das Gepräge gewöhnlicher Lieder-\ntafel-Chöre, ohne eine Spur von localer Charakteristik\noder historischer Färbung. Nero singt darauf eine Art Lied,\ndas an Kücken's und Proch's modern-sentimentale\nWeise erinnert und uns, da es drei Mal in der Oper wie-\nderkehrt, die Ideen-Armuth des Componisten recht augen-\nscheinlich erkennen lässt, dem es nicht einmal hier, wo die\nAnlage der Oper etwas Hervorragendes forderte, gelang,\neinen irgend selbstständigen, angemessenen oder interessan-\nten Gedanken zu produciren.\n„Die Festscene in Korinth bewegt sich in einem Bal-\nletstil, wie wir ihn sowohl von unserem Hof-Componisten\nHertel, wie bei den pariser Componisten dieses Genre's\nunendlich besser und geschmackvoller gewohnt sind; und\nhier handelt es sich nun noch dazu um Tänze auf dem\nclassischen Boden Griechenlands.\n„Agenor ist ein unleidlich modern süsslicher Liebhaber,\nder uns in tausend Mal gehörten und eigentlich nur aus\nSchluss-Cadenzen bestehenden Phrasen von seinen Empfin-\ndungen für Actäa erzählt, und sich höchtens ein einziges\nMal, zu den Worten: „bei kühlem Sterngeflimmer'', zu\neiner Art von musicalischem Gedanken erhebt. Doch wird\nauch hier der weiche, schmachtende Seladon, der sich nicht\nweit über die Gränzen von Tonica und Dominante hinaus-\nwagt, auf die Länge ermüdend.\n„Bei den dramatischen Aclschlüssen greift der Com-\nporiist in innerer Hülflosigkeit zu den unschönsten und un-\nsangbarsten Fortschreitungen der Stimmen und den lär-\nmendsten Instrumental-ElTecten, ohne hierbei auch nur\neinen Augenblick zu wahrem dramatischen Leben, wie\ndies nur bei musicalischer Charakteristik der Personen\nmöglich ist, zu gelangen.\n„Das Haupt-Thema des Chors in der Scene im kaiser-\nlichen Garten im zweiten Acte würden wir kaum bei einem\ngewöhnlichen Tanz-Componisten, geschweige denn hier\ngelten lassen. Ein wenig, wenn auch nur im Vergleich mit\nsich selber, hebt sich die Musik bei der Scene zwischen\nNero, Agrippina und Actäa und in den Momenten, wo Sa-\nbina dem Kaiser den von ihr eingeleiteten Untergang der\nbeiden Frauen mittheilt. In den Zeilen: „ „Dunkel verhüllt\ndas gefährliche Riff; stark ist die Strömung, schwarz sind\ndie Segel, Charon, der Fährmann, steuert das Schiff\", be-\ngegneten wir zum ersten Male einem wirklichen musicali-\nschen Ergriffensein des Componisten. Ein völliges Erlahmen\nzeigt sich dagegen wiederum in der Scene des Wiederse-\nhens zwischen Actäa und Agenor. Wir sind selten einer\nMusik begegnet, wo eine falsche, weil süsslich-krankhafte,\nSentimentalität so sehr als Deckmantel aller fehlenden wirk-\nlichen Empfindung herhalten musste, wie hier.\n„Der Festmarsch, der den vierten Act eröffnet, lässt\neinen abermaligen Blick in die Gedankenleere des Compo-\nnisten thun. Wir sollen einen römischen Triumphmarsch\nhören und vernehmen statt dessen eine farblose Musik im\nhergebrachtesten Marsch-Rhythmus, wie sie sonst nur ta-\nlentlose Dilettanten fertig bringen, die auch einmal einen\nMarsch gemacht haben wollen. Der darauf folgende Chor\nder Frauen mit Ballet ist bis auf eine ganz geringe Abwei-\nchung Note für Note der Chor der Frauen mit Ballet aus\ndem zweiten Acte des Spontini'schen Cortez und würde\nohne diese Reminiscenz vielleicht die einzige etwas localer\ngefärbte Nummer der Bott'schen Oper sein. Im Uebrigen\nreiht sich dieselbe fast den ganzen Abend hindurch mittels"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "139", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620503-01.1.3", "texte": "musicalischer Mosaikstückchen von zwei, drei oder vier\nTacten an einander. Der Componist hat nach unserem Ge-\nfühle zuletzt im Schweisse seines Angesichtes gearbeitet,\num die zur Vollendung und Aufführung der Oper in sei-\nner Partitur noch gebliebenen Lücken einiger Maassen\nauszufüllen. Wagner, dessen Princip sich Bott scheinbar\naneignet, bietet uns für die fehlende Einheit in Form und\nStil eine Einheit der Stimmung, die uns den Mangel der\nersteren wieder vergessen lässt. Im Lohengrin weht über-\nall deutsche Sagen- und Märchenluft. Bei Bott aber be-\ngegnen wir keinen Bömern und Griechen, sondern höch-\nstens der gänzlich verbrauchten modern-sentimentalen Sa-\nlons-Phrase. Dabei zeigen die sowohl in den Chören wie\nin den etwas entwickelteren Stücken von Tacttheil zu Tact-\ntheil in gleicher Bewegung mit einander fortschreitenden\nSing- und Orchesterstimmen eine fast dilettantische Aus-\nbildung des Componisten in Behandlung der Kunstformen.\nDie abgebrauchten Schlüsse nach der Tonica mittels des\nDominant-Septimen-Accords, über welchem die Stimme\ndes Sängers mit zögernd wiederholter Sexte und Quinte\nauf den Grundton der Tonart hinabschmachtet, müssen\nwir in dieser Oper wohl einige hundert Mal mit in den\nKauf nehmen. An anderen Stellen werden ohne jegliche\ninnere Motivirung Wagner's aus dem Venusberg im Tann-\nhäuser bekannte chromatische Sexten- und Quarten-Fort-\nschreitungen der Geigen in Anwendung gebracht, oder Er-\ninnerungen an Elisabeth's von Holzbläsern begleitetes Ge-\nbet im dritten Acte des Tannhäuser.\n„Frau Harries-Wippern, Fräulein d e A h na, Herr\nBetz und Herr Formes unterzogen sich der Ausführung\nder Haupt-Partieen mit bewundernswerther Gewissenhaf-\ntigkeit und Ausdauer. Der Componist war zur Direction\nseines Werkes von Meiningen herübergekommen. Der sehr\nmässige Beifall galt fast nur den rühmlichen Anstrengun-\ngen der Sänger, die zum Theil hervorgerufen wurden.\n„Die Ausstattung und Anordnung der Aufzüge und\nBallets, die reichen Costume und die Pracht und maleri-\nsche Schönheit der Gropius'schen Decorationen liessen\nnichts zu wünschen übrig und .bewährten aufs Neue den\naltbegründeten Buf unserer königlichen Oper als der in\ndieser Beziehung ersten in Deutschland.\"\nWenn wir nun auch diesem Urtheil und namentlich\nder Form desselben nicht überall beistimmen können und\nin dem Werke einige Nummern hervorgehoben, auch die\ntechnische Gewandtheit in der Factur mehr anerkannt zu\nsehen wünschten, so lässt sich doch nicht läugnen, dass die\nMelodie nicht so frisch und reichlich fliesst, wie es erfordert\nwird, wenn eine Oper Glück auf die Dauer machen soll.\nEs fehlt durchaus an Originalität und an Schwung und\nSteigerung des Dramatischen. So war denn auch der Er-\nfolg beim Publicum nicht nur kein durchschlagender, son-\ndern überhaupt ein höchst zweifelhafter, und der einmalige\nBewillkommungs-Applaus des Componisten, der die Oper\nselbst dirigirte, bei seinem Wiedererscheinen nach einem\nZwischenacle konnte kaum für den Mangel des Hervor-\nrufs weder nach einem der drei ersten Acte, noch am\nSchlüsse der Oper entschädigen.\nEine Erscheinung aus alter Zeit tauchte mit Weigl's\n„Sch weizerfamilie\" im Friedrich-Wilhelmstädtischen\nTheater wie eine Erinnerung schöner Tage aus der Kind-\nheit, nein, aus der Einfachheit und Natürlichkeit der mensch-\nlichen Empfindung und des eben so einfachen und natür-\nlichen musicalischen Ausdrucks dafür in uns auf. Es war\nein Gast, Frau Jauner, geb. Krall, aus Dresden, die\nuns dieses Vergnügen verschaffte. Wenn ich nicht irre, so\nhat Fräulein Krall auch bei einem Ihrer Musikfeste mit\nBeifall gesungen; sie sang die Emmeline sehr schön und\nausdrucksvoll und ärntete vom Publicum ausnehmend leb-\nhaften Beifall, den sie auch verdiente. Auch ihr Spiel war\nrecht hübsch, das Organ ist aber für das Sprechen weni-\nger wohllautend und gebildet, als für den Gesang. Ihr\nMann ist ein sehr braver Komiker.\nIn Verdi's „Troubadour\" trat Fräulein Lucca nach\nlängerem Urlaub am Sonntag den 20. April zum ersten\nMale wieder auf. Eine wie grosse, echt künstlerische Kraft\nin ihr wirkt und schafft, bewies uns ihre Darstellung der\nLeonore von Neuem. Wir reden nicht von der Frische des\nKlan ges, von der Sicherheit und Kühnheit, mit der sie die\näusserste Höhe erfasst, von der, wenn auch nicht für alle\nSchwierigkeiten durchgebildeten, so doch immer bedeuten-\nden Technik; nur dies Eine heben wir hervor, wie in jedem\nTone sich die Empfindung der Seele wiederspiegelt, und\nwie diese Empfindung so energisch und doch wieder so\ninnig und sanlt zu sein vermag; wir erkennen es nament-\nlich lebhaft an, in wie hohem Grade sich Fräulein Lucca,\nseitdem sie unter uns weilt, in ihrer Darslellungsweise von\nden Schlacken eines zu ungestümen Gestaltungsdranges ge-\nreinigt hat, so dass sie jetzt selbst Verdi zu veredeln und\nihm den tieferen Gehalt abzugewinnen vermag. Dem war-\nmen Empfange, den stürmischen Beifallsbezeigungen, die\nihr zu Theil wurden, schliessen wir uns vollständig an.\nEine traurige Erfahrung mussten wir indess in Bezug auf\ndie Gastdarstellerin machen, welche die Bolle der Azucena\ngab, Fräulein Sulzer aus Wien. Wir haben in den ver-\ngangenen Jahren manche Sängerin gehört, die in keiner\nanderen Beziehung bemerkenswerth war, als darin, dass\nsie eine gute Gelegenheit zum Studiren der modernen Ge-\nsangskrankheiten gab, des Tremolo, der Verzerrung der\nStimme durch extreme Klangfarben, der falschen Behand-\nlung der Begister; eine Sängerin indess wie Fräulein Sul-\n\n[*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "140", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620503-01.1.4", "texte": "zer, die in solchem Grade diese Krankheiten zur Schau\ntrug, mit einem gewissen Stolz darauf und mit dem siche-\nren Gefühle, gerade dadurch ihr Glück bei dem Publicum\nzu machen, ist uns bis jetzt noch nicht vorgekommen. Hätte\ndieses Publicum nun aus lauter angehenden Sängern und\nMusikern bestanden, denen ein Lehrer des Gesanges eine\nAnzahl von Krankheits-Erscheinungen und Verstössen ge-\ngen den guten Geschmack in einer recht auffallenden und\nabschreckenden Weise vorführen wollte, so hätten wir uns\nin einer Gesangs-Klinik befunden; wir würden den don-\nnernden Beifall, der nach dem entsetzlichen Vortrage der\nStelle: „Ma nell' almadell'ingrato\" (die deutschen Worte\nsind uns nicht zur Hand), erfolgte, begriffen haben; aber\ndieses Publicum bestand aus Leuten, die einen künstleri-\nschen Genuss haben wollten, und es jubelte laut und un-\ngeberdig, als ob ein grosses Gesangs-Phänomen vor ihm\naufträte. War dies dasselbe Publicum, das einer Trebelli,\nMarchisio, Patti und Artot zugejauchzt hat? Wir können\nes uns kaum denken; denn wir sind vollständig überzeugt,\ndass alle diese Sängerinnen, so sehr sie auch wieder von\neinander abweichen und so verschieden sie von der Kunst\ndes Gesanges denken mögen, in dem Abscheu gegen solche\nArt des Gesanges einig sein würden, wie denn überhaupt\nauch bei uns alle Gesangs- und Musikkundigen darin einig\nsein werden, dass eine Leistung, wie diese Azucena es war,\nschlechterdings verwerflich und für jedes einiger Maassen\ngebildete Kunstbewusstsein geradezu beleidigend ist. Indess\nder äussere Erfolg ist einmal da, und wir müssen fürch-\nten, dass daraus Consequenzen gezogen werden, die für die\nZukunft unserer Bühne höchst traurig sein würden. Wir\ngeben dem gegenüber zu bedenken, dass es ein Sonntags-\nPublicum war, das diesen Beifall, bei dem möglicherweise\nauch Motive von äusserlicher Natur mitgewirkt haben,\nspendete. Wir geben ferner zu bedenken, dass eine Bühne\nvon dem Range der unsrigen selbst dem äusseren Erfolge\ngegenüber an gewissen Kunst-Principien festhalten muss;\nund dass die von uns vertretenen in diesem Falle unzwei-\nfelhalt richtig sind, darüber sind wir so sehr der Zustim-\nmung aller Sachkenner gewiss, dass wir einen weiteren\nBeweis für überflüssig halten. Kann Fräulein Sulzer uns\nnichts Anderes vorführen, als eine solche Azucena, so passt\nsie in den Verein von Künstlern, den wir den unsrigen\nnennen, noch weniger hinein, als der ungeschickteste An-\nfänger, der nach dem Guten wenigstens strebt.\nAm Freitag den 27. April setzte sie als Orsino ihr\nGastspiel in „Lucrezia Borgia\" fort. Obgleich ihr die\nPartie, die sich im Wesentlichen auf ein pikantes Trink-\nlied beschränkt, weniger Gelegenheit gab, sich in so unna-\ntürlichen und unschönen Verzerrungen der Stimme zu er-\ngehen, als die Azucena, so gaben doch das fortwährende\nTremoliren, der aufgequollene Klang der Mittellage, der\nhin und her schwimmende Triller auf dem hohen E, der\njedes Ohr in Ungewissheit liess, auf welchen Tönen eigent-\nlich getrillert wurde, vor Allem aber die breite, unedle\nBildung der tiefen Töne, worin Fräulein Sulzer sich rüh-\nmen darf, es fast allen lebenden Sängerinnen zuvor zu thun,\nauch diesmal hinreichend Zeugniss, welcher Richtung sie\nangehört. Wenn gerade das Schlechteste, nämlich der\nKlang der tiefen Töne, wiederum einigen Beifall fand, ob-\nschon die Zahl der Verehrer gegen die erste Vorstellung\ndoch bedeutend vermindert schien, so finden wir das nach\nfrüheren wiederholten Erfahrungen ganz natürlich, bleiben\naber auch bei unserer Behauptung, dass eine solche Art\ndes Gesanges sich mit den Kunst-Principien, welche die\nkönigliche Bühne zu wahren hat, schlechterdings nicht\nverträgt, und den kleineren Theatern zu überlassen ist, die\nsich des Gelderwerbes wegen leider oft mit dem begnügen\nmüssen, was, ohne innerlich gediegen und gesund zu sein,\neine gewisse äussere Wirkung hervorbringt. Wir hoffen\nübrigens, dass die Gefahr, Fräulein Sulzer könnte in eine\ndauernde Verbindung zu unserer Bühne treten, beseitigt\nist. Wenigstens sind, so viel wir hören, die Proteste von\nmusicalischer Seite zahlreich und entschieden genug.\n(Schluss folgt.)\n\nAus Brüssel.\n\nUnser musicalisches Leben hat in diesem Winter\nreichliche Nahrung erhalten, gute und schlechte, man\nkönnte sagen: beides die Fülle, wenn man die Opernthea-\nter, die in unserem belgischen Paris eine grosse Rolle spie-\nlen oder wenigstens spielen möchten, mit in Betracht zieht.\nDie italiänische Oper der Gesellschaft Merelli's hat trotz\nPatti und Trebelli fast keine einzige Vorstellung gebracht,\nwelche im Ensemble und in dramatisch-musicalischer Hin-\nsicht einen ungetrübten Genuss gewährt hätte. Wenn auch\nEinzelnes in mancher Oper, z. B. in Rossini's Barbier, Se-\nmiramis, Donizetti's Lucia, u. s. w. gelungen war, so er-\nregten doch andere, wie eine wahrhaft abschreckende Auf-\nführung der Martha und eine Caricatur der Regiments-\ntochter, ein Missfallen, das sogar in stürmische Unruhe des\nPublicums ausbrach, die durch alle Ausdrucksmiltel der\nUnzufriedenheit und der Verhöhnung das Haus durch-\nbrauste. An anderen Tagen fehlte es dagegen nicht an\nden gewöhnlichen Kundgebungen des Beifalls für einzelne\nLeistungen, Blumenregen, ganzen Salven von Kränzen und\nSträussen, aber au bout du compte scheint doch endlich\nunser Publicum dieser Ausbeutung durch die Italiäner,\ntrotz der Anerkennung ihres Königreiches von unserer"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "141", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620503-01.1.5", "texte": "Seite, überdrüssig geworden zu sein und ruft ihnen aus\nmanchem Munde ein Lebewohl auf Nimmerwiedersehen\nzu. Damit dürfte jedoch keineswegs verbürgt sein, dass\nwir im nächsten Winter nicht eine nochmalige Auferste-\nhung einer Impresaerlebten, denn so lange der Sirocco\nvon Paris herüber weht, werden wir auch seiner bösen\nInfluenza wieder unterliegen.\nDie französische Oper wendet viel auf äussere Pracht\nund Ausstattung, und wenn man über die Art der Beglei-\ntung hinwegsieht, die im Orchester herrscht, das keine\nNuancen des Ausdrucks kennt, dagegen aber im\nsimo excellirt; wenn man ferner besonders bei den Män-\nnerstimmen sich an einen gewissen nationalen Charakter\nu\ndes Organs gewöhnt, der viel Aehnlichkeit mit den Na-\nzard-Registern älterer Orgeln hat, so kann man in einigen\nVorstellungen ganz gut aushalten, und die Fremden, welche\nzum grössten Theile das Haus füllen und hieher kommen,\nweil ihre Zeit und ihre Finanzen nicht hinreichen, die Reise\nnach Paris zu machen, können hier eine ziemlich richtige\nVorstellung von der Oper der kaiserlichen Akademie der\nMusik bekommen, besonders von ihren Mängeln.\nBesser, d. h. künstlerischer, sieht es in den Concert-\nsälen bei uns aus; da hat wenigstens die gute Musik, na-\nmentlich die deutsche Instrumental-Musik, eine Stätte ge-\nfunden, wenn auch an Aufführung der Meisterwerke der\nVocal-Musik, der grossen Chor- und Orchesterwerke eines\nHandel, Haydn, Mendelssohn, oder gar Bach und Beetho-\nven nicht zu denken ist, da Sie wissen, wie unsere musi-\ncalische souveraine Behörde z. B. über Beethoven s Missa\nsolemnis denkt. Die Conservatoire-Concerte und die Con-\ncerte der Association des Artistes sind die haupt-\nsächlichsten Rendezvous der hiesigen musicalischen Welt,\nund ihre Programme geben so ziemlich den Barometer\ndes hiesigen Kunstgeschmacks ab. Ohne Solo-Vorträge ist\nein Concert hier nicht denkbar; während die Conserva-\ntoire-Gesellschaft sie in den ersten Theil verweist und we-\nnigstens in der Regel im zweiten eine Sinfonie bringt,\ntischt die Association fast nichts als Virtuosen-Leistungen\nauf, und wenn diese auch im Allgemeinen ein grosses Pu-\nblicum anziehen und zuweilen mit Recht, so war doch in\nvorigen Jahren, als mehr Orchesterwerke aufgeführt wur-\nden, der Saal noch voller, als jetzt, was ein gutes Zeichen\nund eine wohl zu beachtende Mahnung sein dürfte.\nDas Orchester spielt in den Conservatoire-Concerten\nweit besser, als im Theater; es scheint, als hätten in jenen\ndie Ausübenden weit mehr das Bewusstsein belgischer\nKünstler, einen gewissen Nationalstolz, zu welchem die\ngrosse Anzahl von Virtuosen, die das Land hervorgebracht\nhat, berechtigt. Es wäre indess sehr unrecht, wenn man\ndem Dirigenten sein grosses Verdienst um die Vorzüglich-\nkeit des Orchesters verkümmern oder gar absprechen\nwollte, wie das hier von mancher Seite und wohl nicht\nimmer aus bloss künstlerischen Gründen geschieht. Es ist\nin der That zu bewundern, mit welcher Sicherheit und\nEnergie Fetis noch immer, trotz seines hohen Alters, di-\nrigirt, und wenn man auf die Tempi sieht, die er z. ß. in\nden Beethoven'schen Sinfonieen nimmt und die von Ueber-\ntreibuil| der Bewegung weit entfernt sind, so möchte man\nmanchen jüngeren Dirigenten zurufen: „Macht, dass Ihr\nauch alt werdet!\"\nEine recht gute Ausführung wurde z. B. im dritten\nConcerte der .A-cfer-Sinfonie von Beethoven zu Theil, die\nfreilich mit Unrecht sehr lange nicht auf das Pro-\ngramm gekommen war. Desshalb war auch, zur Ehre des\nPublicums muss man es sagen, der Saal überfüllt und er-\ntönte bei jedem Satze von den lebhaftesten Ausdrücken\nungetheilten Beifalls. Die Blas-Instrumente, denen in die-\nsem Werke eine so anstrengende und schwierige Aufgabe\nzugetheilt ist, lösten dieselbe recht befriedigend, theilweise\nganz vorzüglich, was namentlich auch von den Blech-In-\nstrumenten gilt und desswegen besonders zu erwähnen ist,\nweil diese sonst wohl die schwächste—obschon manchmal\nzu starke!—Partie des Orchesters sind. Hebt doch sogar\neine hiesige Kritik hervor, dass man das hohe der ersten\nTrompete im Trio des Scherzo zum ersten Male hier ge-\nhört habe, und sie mag wohl Hecht haben.\nIn demselben Concerte trat hier zum ersten Male der\nViolinspieler August Kömpel auf und machte einen\nausserordentlichen und tiefen Eindruck. Er spielte als Schü-\nler und Nachfolger Spohr's die so genannte „Gesang-\nscene\" ..dieses Meisters, und kaum hatte der hier noch\nganz unbekannte Künstler denn die Brüsseler sind auch\ndarin Pariser, dass sie keine deutschen Zeitungen lesen—\ndie ersten recitativischen Tacte gespielt, als die lautesten\nBeifallssalven von allen Seiten ausbrachen. Der Zauber der\nTöne hielt die Zuhörer von Anfang bis Ende wie festge-\nbannt, und nach dem Schlüsse des Concertes wurde Herr\nKömpel einstimmig gerufen, und zwar zwei Mal, was in\nden hiesigen Conservatoire-Concerten ein sehr seltenes\nEreignissist. Seit Joachim und Frau Schumann hat kein\nfremder Künstler in Brüssel einen so eclatanten Erfolg\ngehabt.\nIm vierten Concerte der Association trug er das eilfte\nConcert von Spohr und Variationen von David vor, und\nfand auch bei dem Publicum dieser Concerte, das gröss-\ntenteils von der Gesellschaft der Grande Harmonie gebil-\ndet wird, trotz der Erinnerung an Joachim, der nicht lange\nvorher dort gehört worden, denselben Enthusiasmus wie-\nder, den er im Conservatorium erregt hatte. Und doch\nwirft man dem Publicum der Association—und nicht ganz"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "142", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620503-01.1.6", "texte": "mit Unrecht vor, dass es vorzugsweise den Effect, die\nstaunenswerthe Technik, die Kunststücke mehr als die\nKunst bewundere. Es bewährte sich aber hier, wie über-\nall, dass das wahre Schöne niemals den Eindruck verfehlt;\ndenn, ohne die übrigen trefflichen Eigenschaften von\nKömpel's Spiel in Anschlag zu bringen, ist doch haupt-\nsächlich die Natürlichkeit und Einfachheit, mit welcher\ner das Gefühl in seiner ergreifendsten Tiefe in Tönen re-\nden lässt, das Charakteristische seines Vortrags, und darin\nbesteht doch überhaupt die künstlerische Grösse.\nEin anderer Landsmann von Ihnen, der bei uns lebt,\nist Herr Louis Brassin, dessen Namen zwar sehr fran-\nzösisch klingen—ein Trost für die Franzosen und Belgier,\ndie diesen eminenten Künstler auf gallischen Ursprung zu-\nrückführen möchten, wie die Pariser von Ihrem ehemali-\ngen Sänger DuMont, als man ihnen bemerkte, er sei kein\nFranzose, sondern aus Köln, erwiederten: „Eh bien! Co-\nfogne, c'estpresque frangais\"—, aber dessen Richtung\nund musicalische Bildung durch und durch deutsch ist.\nNachdem Brassin, wie ich Ihnen schon einmal berich-\ntet, mit Entschlossenheit und Ausdauer hier für Robert\nSchumann Propaganda gemacht, die im Ganzen von glück-\nlichem Erfolg gekrönt wurde, wagte er es, in seinem Con-\ncerte am 13. März das erste Clavier-Concert von Franz\nLiszt zu spielen und damit gleichsam die Fahne der neue-\nsten deutschen Schule aufzustecken. Dass damit eine ge-\nwisse Gefahr verbunden und jedenfalls nichts zu gewinnen\nwar, wusste er vorher; um so ehrenwerther war es, den\nMuth seiner Ueberzeugung zu haben. Damit will ich jedoch\nnicht behaupten, dass Brassin's Ueberzeugung sich aus-\nschliesslich und rückhaltlos den Lisztianern und Wagneria-\nnern hingibt; das glaube ich kaum. Das bleibt aber sicher,\ndass er seinen bisher durch den Vortrag classischer und\nunter den Neueren Chopin scher und Schumann'scher Mu-\nsik erworbenen Buhm gewisser Maassen aufs Spiel setzte.\nIndess: Andaces fortuna juvai der Erfolg hat gewiss\nseine eigenen Erwartungen weit übertroffen. Freilich kann\nman behaupten, die stürmischen Beifallsbezeigungen galten\nnur dem Spiel, der wunderbar genauen und glänzenden\nAusführung; dennoch möchte ich sagen, dass,. hätte die\nComposition entschieden missfallen, der Enthusiasmus\nschwerlich sich so laut und wiederholt offenbart haben\nwürde. Der Enthusiasmus der Menge! Und diese ist oft\nwunderlich, staunt die Schöpfung einer ungezügelten, im-\nmerhin genialen oder für genial genommenen Phantasie\nan und hält die stark aufgetragenen Farben und decora-\ntiven Effecte für Charakteristik und Malerei. Was weiss\nsie von thematischer Arbeit, von in einander geschachtel-\ntem Perioden- und Passagenbau ohne Ruhe und Ende,\nohne Entfaltung irgend einer langen Melodie? Sie stutzt\nvielleicht bei widerhaarigen Harmonieen, bei schreienden\nDissonanzen, aber sie fühlt nicht die höhnische Verletzung\nder Wohlklangsregeln, die darin liegt; ewige Vorhalte\nquälen sie nicht, alle möglichen Tonarten im Fluge durch-\nrannt erscheinen ihr als glänzender Dunst, die Sehnsucht\nnach Auflösung der Widersprüche rührt ihr Ohr und Herz\nnicht, die seltsame Instrumentirung frappirt sie, selbst „das\ntönende Erz und die klingende Schelle\" am Schlüsse geni-\nren sie nicht, denn sie kennt nicht den Sinn des Bibel-\nspruches und ist von der Oper her an die grosse Trommel\ngewöhnt! Warum soll sie also nicht Beifall klatschen?\nZur Bevanche und Versöhnung der Conservativen gab\nuns Brassin im Verein mit Kömpel am 4. April noch eine\nSoiree de musique classiqueim Das zahl-\nreiche Publicum hörte darin Mozart's Sonate Op. 8 Nr. 3\nfür Pianoforte und Violine, Schumann's symphonische Stu-\ndien in Form von Variationen für Ciavier allein, eine\nPhantasie von Spohr für Violine, Beethoven's Violin-Quar-\ntett Nr. 11 und Mendelssohn's Clavier-Trio in C-moll.\nDen 18. April 1862.\n\nS. S.\n\nDer Meistergesang in musicalischer Beziehung.\nIm Allgemeinen wird der Meistergesang nur in Bezug\nauf die Dichtkunst in unseren Literaturgeschichten darge-\nstellt. Es ist aber keine Frage, dass die Singschulen der\nHandwerker und Bürger auch in musicalischer Hinsicht\neine gewisse Bedeutung hatten, die zwar für die Entwick-\nlung der Tonkunst nicht hoch anzuschlagen ist, immerhin\naber auf die Ausbildung der Melodie von Einfluss war\nund das deutsche Volkslied vorbereitete. Das Wichtigste\ndabei war, dass der Meistergesang zuerst die Melodie von\nder sclavischen Anschmiegung an den Text, wie sie im\nMinnegesang Statt gefunden hatte, befreite, und zwar in\nsolchem Grade, dass sonderbarer Weise die Melodie ohne\nText als ein fertiger „Ton\" erfunden und von den kunst-\nverständigen Bichtern als „regelrecht\" festgestellt und\ndann erst dem Erfinder aufgegeben wurde, zu derselben\nnach einem bestimmten Stoffe einen Text zu machen.\nDiese Melodieen, „Weisen\" oder „Töne\", hatten die\nseltsamsten Namen, aus denen aber bei all ihrer Wunder-\nlichkeit doch die Verschiedenheit ihres musicalischen Cha-\nrakters hervorgeht. Wenn auch z. B. die „Schreibpapier-\nweiss\",die „schwarze Tintenweiss\", die „gestreiffte Saf-\nfranblümleinweiss\", die „treu Pelikanweiss\" u.s.w. u.s.w.\nkeinen Sinn für uns haben, so sind doch in vielen ande-\nren, wie z. B. „die Schneckenweiss\", die „traurige Sem-\nmelweiss\", „Orphei sehnliche Klagweiss\", „fröliche Stu-\ndentenweiss\", „Kälberweiss\", „kurtz Affenweiss\", „ver-"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "143", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620503-01.1.7", "texte": "schalkte Fuchsweiss\", „Posaunenweiss\", u. s. w. Andeu-\ntungen des musicalischen Charakters nicht zu verkennen.\nDa wir nun auch Vorschriften über den wirklichen\nGesang und dessen Reinheit und Vortrag (z. B. Verbot\ndes „ungebührlichen Herausschreyens\") finden, eben so\nwie über die metrische Gestaltung, Svlbenzählung u. s. w.\nder Strophen des Textes, so geht, trotz aller Rohheit und\nHandwerksmässigkeit jener Vorschriften, doch daraus und\naus dem Vorhandensein wirklicher Uebungs-Vereine im\nSingen (Singschulen) hervor, dass in dem Meistergesänge\nder Ursprung des deutschen Männergesanges zu suchen ist.\nDie hohe Schule der Meistergesang-Vereine war\nNürnberg. Aber auch in diesen frühen Zeiten ereignete\nes sich, dass zwar der Einfluss des Männergesanges auf\ndie Sittlichkeit „des jungen Volkes\" gerühmt wurde, dass\njedoch dieses junge Volk auch nach und nach mehr Ge-\nschmack an weltlichen und mitunter stark weltlichen Lie-\ndern fand, eben so wie manche Vereine heutzutage den\nTanzliedern und Possen den Vorzug geben, weil sie sich\ndabei besser amüsiren, als bei dem Studium ernster Ge-\nsänge. Der „Anzeiger für Kunde der deutschen\nVorzeit\", das Organ des germanischen Museums\niu Nürnberg*), theilt darüber im IX. Jahrgang, 1862,\nNr. 1, Folgendes aus dem dortigen Raths-Archiv mit.\nZu Nürnberg gab es um das Jahr 1540 gegen 250\nMeistersänger. Ihre Vorträge hielten sie an den hohen Fe-\nsten, zu Ostern, Pfingsten und Weihnachten, oft auch alle\nMonate. Die Vorträge waren öffentlich in irgend einem\nLocale, das ihnen der Rath einräumte; ungefähr um das\nJahr 1540 wurden sie in der Poetenschule bei St. Lorenz\ngehalten. Der Schulmeister aber entzog ihnen dieses Local\nunter dem Vorgeben, er sei desselben selbst benöthigt. Die\nMeistersänger richteten daher eine Vorstellung an den\nRath, den sie um ein anderes Local baten, in welcher es\nunter Anderem heisst:\n„So werden wir durch solche not getryben, das wir\nnit wyssen wohin. Ess wilss auch In keynen wirtzhaus füg-\nlich sein. Derhalben pytten wir ewr firchtige weyssheyt\nmit aller vnderthenikeyt vnd williger gehorsam, ein andre\nstuben zuuergunen (vergönnen) vnd zulassen, wo es ewr\nweyssheyt füglich ist, darin wir mochten singschul halten.\nSo nun das volck Itzundt mer darzu genaygt ist dan for-\nmalss, vnd dy kunst des meystergesangs mit nevven gedich-\nten heylieber schryft ser auffnympt, dem (wofür) got dy\ner (Ehre) sey, Pytten darmit Ewer fürsichtige VVeissbeyt\nmit hogstem (leyss, wollet vns darmit pehilfflich sein vnd\nvnss ein stuben zulassen, darjn wir solches festsingen, nem-\nlich zu ostern, Pfingsten vnd zu Weinnachten volstrecken\nmügen, vnd nachvolget Im Jar nach gelegner zeyt. Dan\ness nur ein christliche Übung ist, dardurch dy er (Ehre)\ngotes gesucht, vnd zu nutz vnd pesserung dem Jüngern\nvolck, das (da) durch von allerley lästern wirt abgezogen.\nDas piten wir mit aller vndertenige vnd willige gehorsam\n„Von vns Meistersingern Ewre willige\nvnd gehorsame burger.\"\nNoch zu Lebzeiten des Ilans Sachs und namentlich\nnach seinem Tode durchbrach der Meistergesang nicht sel-\nten die engen Schranken, in denen ihn der Zeitgeist, Zucht,\nSitte und Gewohnheit festgehalten hatten. Er verliess die\nbisherigen Pfade und ergoss sich in weltlichen Liedern,\ndie bei einem hochweisen Rathe nicht geringen Anstoss\nund grosses Aergerniss erregten. Dieser warnte und\nmahnte, und als er damit nichts ausrichtete, wurde das\nAbhalten der Singschulen und der Meistergesang gänzlich\nverboten. Veit Fesselmann, Weber und andere Meister-\nsänger der Stadt richteten später eine Vorstellung an den\nRath, dass er ihnen das Meistersingen an den gewöhn-\nlichen hohen Festen des Jahres, wie vor Alters geschehen,\nwieder zulassen und verstatten möge. Dieses wurde ihnen\nendlich am 20. December 1580 unter der Bedingung\nund mit dem Befehle bewilligt, „nichts dann gaistliche ge-\nsang aus hailger gotlicher schrill, vnd nichts schampares\noder sonst leichtfertigs oder ergerlichs zu singen, auch\nIr stim mit dem singen dermassen zu moderie-\nren, das es gesungen vnd nicht geplerrt haisse,\noder man wurd Ihnen das Singen den negsten wider dar-\nnider legen.\"\nIm Jahre 1583 baten Hanns Grieser und andere Mei-\nstersänger den Rath, man möge ihnen, wie vor Alters ge-\nbräuchlich gewesen, alle Monate eine Singschule erlauben.\nDer Rath bewilligte dieses am 12. März 1583 mit dem\nGeheiss, „sich schambarer vnzüchtiger lieder gentzlich zu\nenthalten.\" (J. Baader, Archiv-Conservator.)\n*\") Wir empfehlen bei dieser Gelegenheit allen Freunden und Be-\nförderern deutscher Kunst und des germanischen Mu-\nseums in Nürnberg obigen Anzeiger u. s. w. Neue\nFolge. Neunter Jahrgang, 1862. Herausgegeben von Dr. Frei-\nherrn von Aufsess, Dr. A. van Eye, Dr. G. K. Fr om-\nni an, Dr. Freiherrn Roth von Schreckenstein. In Mo-\nnats-Lieferungen zu 2% Bogen in gr. 4 mit Abbildungen, Ex-\ntra-Beilagen und genauem Register. Preis des Jahrgangs 2 Thlr.,\nzu welchem Preise auch die früheren Jahrgänge zu haben sind\nin der literarischen Anstalt des germanischen Mu-\nseums.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nFrankfurt am Jflain. Bei Gelegenheit der Semestrai-\nPrüfung in unserer Musikschule hat der Vorstand (Henkel,\nHilliger, Oppel und Hauff) einen Jahresbericht veröffentlicht,\ndem zufolge die Anzahl der Zöglinge gegenwärtig sechszehn be-\nträgt eine Vermehrung um fünf gegen voriges Jahr zu Ostern."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "144", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620503-01.1.8", "texte": "Schuberts Oper „Die Verschworenen oder der häusliche Krieg\"\nist im vollständigen Ciavier-Auszuge mit Text bei A. Spina in\nWien erschienen.\nParis. Man schreibt aus Nizza, dass der seit längerer Zeit\nzur Herstellung seiner Gesundheit dort verweilende Violin-Virtuose\nErnst sich in einem sehr bedenklichen Zustande befindet. Der Tod\nhat auf den vortrefflichen Künstler einen erschütternden\nEindruck gemacht.\nDie in Paris erscheinende Zeitschrift UArt musical sagt über die\nvon Pasdeloup veranstaltete Aufführung von Mendelssohn's\n„Elias\" unter Anderem: „Letzten Sonntag den 6. April hatte Herr\nPasdeloup die Kühnheit, einem Publicum von 4000 Personen ein\netwas ernstes Oratorium, den „Elias u von Mendelssohn vorzuführen.\nOhne heute in die Details dieser grossartigen Composition eingehen\nzu wollen, die sich weder durch die Mannigfaltigkeit, noch durch\nden Glanz ihres Colorits auszeichnet, müssen wir wenigstens bestä-\ntigen, dass die Aufführung eine sehr schwache war und dass der\nallgemeine Eindruck den Anstrengungen so vieler Künstler nicht\nentsprochen hat. Man möchte fast befürchten, dass diese Art von\nbiblischen Dramen, welche in Deutschland und England so populär\nsind, nur schwer dahin gelangen werden, den flüchtigen und welt-\nlichen Sinn eines französischen Publieums zu rühren.\" (!)\nAus Petersburg berichtet man über die ausserordentlichen Er-\nfolge der Herren Karl Davidoff und Jean Becker. Davidoff\nhat zu verschiedenen Malen bei der Kaiserin und der Grossfürstin\nHelene gespielt und ist am 12. März im Concerte der „Russischen\nMusikgesellschaft\" aufgetreten. Am 15. März gaben Davidoff und\nBecker ein von der ganzen kaiserlichen Familie und der Elite der\nGesellschaft Petersburgs besuchtes Concert. Davidoff gab ausserdem\nam 12. und am 26. März mit dem grössten Erfolge Concerte in sei-\nner Vaterstadt Moskau, das letzte in Gemeinschaft mit Nicolaus\nRubinstein."}]}