{"numero_id": "bm-bmtnabi-1862-06-07-01", "volume": "bmtnabi_1862-06-07_01", "ocr_sha256": "fee9ab88fd54d8806f83ca6c301f9546f28c7af057843e12539d112d810fa6d2", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1862/06/07_01/bmtnabi_1862-06-07_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620607-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1862-06-07-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1862-06-07_01#c001", "volume": "bmtnabi_1862-06-07_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "177", "page_fin": "177", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620607-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "177", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620607-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 261, "texte": "Inhalt.\nPariser Briefe. 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Die unend-\nliche Reihe der übrigen, obwohl zum Theil recht tüchti-\ngen Renner in der Laufbahn des Künstlerruhms zu mu-\nstern, wirst Du mir erlassen.\nSonderbar bleibt es freilich, dass noch immer eine so\ngrosse Menge von grünen Künstlern nach Paris strömt und\nan den Nimbus glaubt, der sich von hier aus durch ein\npaar Zeilen Reclame über die ganze Welt verbreite! Das\nberechtigt dann gewisser Maassen die Franzosen, Europa\nein grosses Conservatorium der Musik zu nennen, dessen\nZöglinge zur Preisbewerbung oder auch nur zum Examen\nnach Paris kamen. Leider muss ich auch viele Deutsche\nunter diesen Leichtgläubigen Jahr aus, Jahr ein erblicken,\nund doch sollten diese zu stolz sein, um pariser Reclame\nzu betteln, da in unserer Zeit ein in Deutschland be-\ngründeter Ruhm dem Tonkünstler hier in Paris die Thore\nder Concertsäle öffnet und ihm einen ganz anderen Em-\npfang bereitet, als umgekert ein in Paris gemachter Ruf\nihm in seinem Vaterlande Triumphe bereitet, er müsste\ndenn Baden-Baden und Homburg für Deutschland halten\nund die Allerwelts-Bevölkerung in den rheinischen Bädern\nfür die deutsche Nation.\nParis hat in musicalischer Hinsicht das blasirteste Pu-\nblicum von der Welt, und es verstimmt mich nichts auf\nErden mehr, als wenn mich Einer mit den Worten be-\ngrüsst: „Ich komme nach Paris, um bekannt zu werden.\"\nDu lieber Himmel! „bekannt werden\"! Was gehört er-\nstens dazu für Verschwendung an Zeit, an Geld, was für\nBemühungen, Plackereien, ja, Demüthigungen, um die\nAufmerksamkeit eines mit Mühe zusammengebrachten Pu-\nblicums von einer geringen Anzahl von wirklich gebildeten\nund es ehrlich meinenden Leuten auf ein paar Stunden zu\nerregen! Und auch dazu muss Einer noch Glück haben\nund Geld, denn beide vermögen mehr als Talent.\nHat er dann das ersehnte Ziel erreicht, eine Matinee\noder Soiree in Erard's oder Pleyel's Salon, verschallt er\nsich nicht bloss Gehör, sondern fesselt, reisst hin, entzückt,\nso wird er das Gespräch in der musicalischen Salonwelt,\nman streitet für und wider ihn, man bewundert, man\nrühmt, man schüttet ein Füllhorn von Reclamen, und nicht\nnur in kleinen Blättern, über ihn aus und nach vierzehn\nTagen ist er vergessen. Was ist zu thun? Er muss wieder\nvon vorn anfangen. Er kommt richtig nach einem oder\nzwei Jahren wieder. Glücklicher Weise stösst er gleich bei\nseinem ersten Ausgange auf einen der einflussreichsten\nKunstrichter, eilt entzückt auf ihn zu und strömt über von\nglühendem Danke für die ehrenvolle Aufmunterung seines\nStrebens durch die so wohlwollende Kritik seiner Leistun-\ngen im vorigen Jahre. Der Andere ist etwas verlegen: „Ich\nweiss —in der That ich erinnere mich nicht.\" —„0, ich\nwerde Ihre Güte nie vergessen. Ich bin Terpander; im\nFebruar vor anderthalb Jahr gab ich ein Concerl; Sie\nhaben meine Ouvertüre und mein Clavier-Concert so ge-\nlobt, dass es mich unendlich glücklich gemacht hat!\"\n„So? ich kann wirklich nicht recht daraufkommen; Sie\nverzeihen, man hört so eine Menge Concerte \" —und\nder arme Componist und Virtuose wird blass und roth\nund fühlt sich wie mit kaltem Wasser überschüttet. Doch"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "178", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620607-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5310, "texte": "er verliert den Muth nicht; der Gedanke, dass sein gan-\nzer pariser Ruhm wie Rauch verflogen sei, ist ihm uner-\nträglich, unmöglich. Er kündigt sein Concert an und schickt\nBillets an seine alten Gönner und die hervorragenden Per-\nsonen der Musikwelt und der Ruhm-Assecuranzen. Zwei\nvon den. tonangebenden Dilettanten begegnen einander am\nConcerttage. „Kommen Sie diesen Abend in Terpander's\nConcert?\" —Terpander?— „Ja freilich! derselbe, über den\nSie vor anderthalb Jahr so entzückt waren, erinnern Sie\nSich nicht?\" Ach ja, er bläst Flöte. „Nein doch, er\nist Pianist, ein bedeutender Pianist.\" Nein, den kenne\nich nicht. Ich verwechselte ihn mit einem gewissen, ich\nglaube, Klingemann hiess er. Wer kann auch behalten,\nwas voriges Jahr da gewesen ist!\nBei solchen Zuständen ist es einem Wunder gleich zu\nachten, wenn ein Künstler hier einen grossen und dauern-\nden Eindruck macht. Ich brauche über das geniale Spiel\nder Frau Schumann in einem Berichte, der für Deutsch-\nland bestimmt ist, kein Wort zu sagen; abjjr Urlheile der\nFranzosen über die grosse deutsche Künstlerin dürften\nnicht ohne Interesse sein. So sagt z. B. die\ncale unter Anderem:\n„In dem schönen und gediegenen Talente der Frau\nSchumann liegt eine Art von Männlichkeit, die den gros-\nsen, ernsten Compositionen der deutschen Schule gar wohl\nansteht, ihrem Spiel Kraft und Adel gibt, es über das Ge-\nwöhnliche erhebt und sich auch auf den feineren Vortrag\nanmuthiger Stellen erstreckt im Gegensatz zu der ge-\nschminkten Grazie, dem gehackten und gestossenen Rhyth-\nmus, dem gezierten Tone, den plötzlichen Contrasten und\nallem Aehnlichen, wozu man sich so oft heutzutage er-\nniedrigt, um hartnäckig dem so genannten Effect nachzu-\njagen.\"\n„Neulich Abends hat die Künstlerin einige Stücke von\nScarlatti und J. S. Bach mit einer Vollendung, Feinheit,\nverständigen Einfachheit und Hoheit des Stils vorgetragen,\ndie ihr die Stimmen der schärfsten Kunstrichter gewonnen\nhaben. Sie gab diesen Stücken ihre ursprüngliche Frische,\nihre bezaubernde Einfachheit besonders auch dadurch wie-\nder, dass sie durch einen ganz eigentümlichen Anschlag\nden allzu vollen Klang unserer jetzigen Flügel mässigte\nund sie ohne alle Kraltanstrengung, aber auch ohne die\ngeringste Trockenheit der Accentuation vortrug.\"\nDann verbreitet sich die in jeder Hinsicht, auch in Be-\nzug auf die Compositionen recht gesunde Kritik über den\nVortrag der grossen Sonate in von Beethoven, der\nSonate von Rob. Schumann für Pianoforte und Violine,\nwelche trotz der trefflichen Ausführung (mit Herrn Armin-\ngaud) nicht so allgemein ansprach, als die übrigen Sachen,\nund den Vortrag seiner Carnevalsstücke (hier Masques beti-\nteil), dieser „reizenden Musik, welche alles, was die Phan-\ntasie an Glanz, Humor, Feinheit und Originalität hat, in\nFülle darbietet\".\nIn dem siebenten Conservatoire-Concerte hat Frau\nSchumann das Us-dur-Concerivon Beethoven gespielt,\nedel und vortrefflich, wie immer, obwohl der letzte Satz\ndurch ein zu schnelles Tempo verlor; den Franzosen war\naber diese Composition für ein Clavier-Concert zu gross-\nartig, sie wussten die eminenten Vorzüge des Vortrags\nweniger zu schätzen, sie meinten zum grossen Theil: »die\nSinfonie erdrücke überall den Solospieler, das Ganze sei\nzu lang—• man könne die Wahl eben nicht ganz billigen,\ndesshalb wäre auch die Künstlerin nicht gerufen worden\nFrau Schumann sei ein immenses Talent, aber ihr Spiel\nhabe keine sympathischen Eigenschaften.\" —Andere spra-\nchen indess eben so laut dagegen, nannten die Ausfüh-\nrung „une executionincomparable\", „es sei unmöglich,\ndie grosse classische Musik mit tieferem Verständniss und\nGefühl und mit mehr Verschmähung aller Prahlerei zu\nspielen\". Noch Andere meinten, diesem Lobe hinzufügen\nzu müssen, „es sei kein geringes Verdienst der Künstlerin,\nsich diese classische Reinheit unter den tumultuarischen\nund exccntrischen Einflüssen der Schumann'schen Schule\nbewahrt zu haben\". (!)\nWeil ich einmal bei den Conservatoire-Concerten bin,\nso will ich doch erwähnen, dass endlich Beethoven's Phan-\ntasie Op. 80 für Ciavier, Orchester, Soli und Chor auch\nauf das Repertoire der gestrengen Herren gekommen ist.\nDie Ciavier-Partie wurde von Saint-Saens, einem tüchtigen\nContrapunktisten aber sehr trockenen Ciavierspieler, nicht\nmit dem rechten Geist und Feuer vorgetragen, aber die\nübrige Ausführung war gut; trotzdem erlebte das schöne\nStück in dem Conservatoire lange nicht die glänzende Auf-\nnahme beim Publicum, als vor eilf Jahren in dem Cäcilien-\nConcerte unter Seghers Direction,, der es zum ersten Male\nin Paris gab.—ln demselben Conservatoire-Concerte sang\nStockhausen eine Arie aus Händel's Oper „Julius Cä-\nsar\" mit seiner bekannten Meisterschaft, welche die Fran-\nzosen sogar dahin brachte, an dem alten Händel Gefallen\nzu finden und den Wunsch auszusprechen, öfter derglei-\nchen „Opern-Arien\" von Händel und durch Stockhausen\nzu hören. Aber es wird wohl beim Wunsch bleiben! Ein\nöffentliches Blatt benutzt selbst diese Gelegenheit, dem\nPublicum die Oratorien Händel's zu empfehlen. Die Pari-\nser und Oratorien!\nDas bringt mich auf die zwei Aufführungen des:\n„Elias\" von Mendelssohn durch Pasdeloup im Cir-\ncus Napoleon, das heisst des ersten Theiles des Oratoriums,\ndas eine Mal unterbrochen von einer Fantasich appassion-\nnata, coroponirt und gespielt von Vieuxtemps, das andere"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "179", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620607-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5377, "texte": "Mal in Verbindung mit Becthoven's Musik zu den Ruinen\nvon Athen. Solche Zusammenkoppelungen können nur hier\nin Paris Statt finden. Pasdeloup hat allerdings sein Publi-\ncum nach und nach an die Theilnahme an grosser classi-\nscher Musik gewöhnt, und das ist sein bedeutendstes Ver-\ndienst; allein Sinfonieen und Oratorien sind gar verschie-\ndene Dinge, und der Geschmack, selbst eine Art von Ver-\nsländniss ist, wie die Erfahrung zeigt, bei der grossen\nMenge jetzt leichter für die Sinfonie zu bilden und zu er-\nreichen, als für das Oratorium. Namentlich für das bibli-\nsche ist auf dem Boden des Reiches der ehemaligen aller-\nchristlichsten Könige kein Gedeihen möglich. Desshalb wird\nMendelssohn's „Walpurgisnacht\" noch am meisten von den\nFranzosen gewürdigt; allein sein prächtiges und weit gross-\nartigeres Werk „Elias\" erregte keineswegs den lebhaften\nBeilall, in welchen das tausendhändige Publicum des Cir-\ncus sonst bei den Sinfonieen von Beethoven ausbricht. Die\nApplaudissements wurden nach alter französischer Sitte\nnur durch die Solo-Vorträge hervorgerufen. Nach meiner\nMeinung athmeten aber auch diese, obwohl von Madame\nViardot (Alt), dem schönen Tenor Michot und dem treff-\nlichen Bass Cazeaux gesungen—die schwächste Partie war\nder Sopran durch Madame d'Orwill —, nicht denjenigen\nGeist der Einfachheit und des tief empfundenen, würdigen\nAusdrucks, den sie verlangen. Der Chor war viel zu\nschwach, nicht nur für den grossen Raum, sondern auch\nnur gegen das Orchester genommen, wodurch dann schon\ndie Hauptwirkung der Gesammt-Gesänge verloren gehen\nmusste.\nDie Aufführung fand bei Weitem'nicht dieselbe Auf-\nnahme, wie vor fünf Jahren, wo Pasdeloup ebenfalls den\nersten Theil dieses Oratoriums mit der iSociete des jeimes\nArtistes du Con-servatoire zum ersten Male in Paris auf-\nführte. Damals wurden auch die Chöre mit Enthusiasmus\naufgenommen; Stockhausen und Fräulein Bochkolz-Falconi\nsangen den Elias und die Witwe. Auch die öffentlichen\nUrtheile über das Werk waren damals ausführlicher und\ngründlicher*). Wenn ich aber damals sagte, „dass die\nOratorienmusik jemals mit vollen Segeln das Meer von\nParis befahren werde, dürfte trotz alledem zu bezweifeln\nsein; es würden immer nur einzelne Gruppen, nicht die\nMasse der Bevölkerung sich am Ufer sammeln und den\nstolzen Bau bewundern, wiewohl die Wahrnehmung, dass\nein gewisser Instinct bei der jetzigen Aufführung das Pu-\nblicum oft zum Beifall hinriss, einige Hoffnung für Gewöh-\nnung und Erziehung desselben begründe\" —: so hatte ich\nim ersten Satze Recht, den zweiten straft aber die jetzige\nAufnahme Lügen, sie bekundet eher einen Rückschritt\nals einen Fortschritt. Vollends wenn wir jetzt die ergötz-\nliche Herzcnsergiessung eines Herrn Chouquet in der\nFrance musicalelesen, der da findet, dass dieses lange\nWerk von 21 Nummern er hat nur die Ouvertüre und\ndie 20 Nummern des ersten Theils gehört; was würde er\nsagen, wenn er wüsste, dass das ganze Oratorium 42\nNummern hat!) „mehr für Engländer und Puritaner ge-\nschrieben ist, als für Pariser und Katholiken. Es erinnert\nzu sehr an die lutherischen Kirchenpsalmen, ja, wenn man\nstreng sein wollte, so copirt es sie Note für Note. Diese\nPlagiate der frommen Muse Mendelssohn's sind in unseren\nAugen keine Beweise von Unvermögen, eher können sie\nfür Beweise von Savoir faire gelten; weil der geschickte\nMusiker den Engländern gefallen wollte, ergriff er das\nsicherste Mittel dazu. Aber sich an den Sondergeist einer\nSecte (!) zu wenden, sich ausschliesslich dem Geiste ihrer\nLieblings-Psalmen hinzugeben und dann noch obenein zum\nßach'schen Stil gar zu oft seine Zuflucht (!) zu nehmen,\ndas ist nicht die Art, wie man ein begeistertes Werk\nschreibt, um alle Herzen zu gewinnen.\" —Dagegen ist die\nPhantasie von Vieuxtemps „ein Gedicht, eine herrliche\nSinfonie, die Sehnsucht eines liebenden Nordländers, dessen\nKörper allein bei der Tarantella (die den Schluss bildet\nmit herumspringt, während die liebende Seele sich alle\nAugenblicke verrälh\"!\nUnd dieses Gedicht milsammt der Tarantella, wo hör-\nten wir es? Unmittelbar nach dem Chor in G-dur: „Wohl\ndem, der den Herrn fürchtet!\" Das ist mehr als Spass,\ndas ist wahre Lästerung des Heiligen in dem Inhalt und\nin der Musik.\nEine unerwartete Erscheinung war Thalberg, der\nseit Jahren hier und überhaupt wohl in Europa nicht öf-\nfentlich aufgetreten war. Da seit seiner Glanz-l'eriode in\nParis in den Jahren 1835 —1837 ein Viertel-Jahrhun-\ndert verllossen ist, so war sein Auftreten für die jüngere\nGeneration eine Neuigkeit und für viele (Klavierspieler aus\nihr eine grosse Lehre, während alle, die ihn früher kann-\nten und gehört hatten, gleich zu seinem ersten Goncerte\n(den 22. April! wie zu einem Feste strömten, das lange\nnicht gefeiert worden war. Freilich fehlte es nicht an auf-\ngeblasenen Neologen, die bei der ersten Nachricht von sei-\nnem Auftreten mit der beliebten Redensart bei der Hand\nwaren: „Thalberg? Mein Gott, wer kann so etwas noch\nmit anhören?\" — Aber der Erfolg hat sie arg Lügen ge-\nstraft; denn seit undenklichen Zeiten hat kein \\ irtuose in\nParis solche Einnahmen gemacht, wie Thalberg in seinen\ndrei Concerten.\nThalberg ist jetzt gerade fünfzig Jahre alt und stand\nschon vor dreissig Jahren auf der höchsten Stufe des Kub-\nmes als Pianofortespieler, die ihm nur Liszt streitig machte.\n\n*) Vergl. „Pariser Briefe\" in Nr. 51 vom Jahrgang 1857 der\nNiederrheinischen Musik-Zeitung.\n:•]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "180", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620607-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4332, "texte": "Er hat jetzt hier meist von seinen neueren Compositionen\ngespielt; will man aber den Unterschied zwischen seinem\nSpiel und der Ciavierschlägerei der Heroen des Tages mit\nErstaunen gewahren, so muss man ihn eine seiner alten\nPhantasieen vortragen hören, die man, ich möchte sagen:\nvon Kindesbeinen an, kennt. Jedermann weiss, dass der\nReiz der Manier, welche Thalberg erfand, in dem Durch-\nklingen der Melodie unter einem Reichthum eleganter und\nkühner Figuren besteht, dass er durch die feine Verschmel-\nzung der glänzendsten Illustrationen mit dem Gesänge der\nmelodischen Motive gleichsam ein Rossini des Pianoforte\nwurde. Mit dem Gesänge! darin liegt die Hauptsache\nlür den Vortrag. Wie spielen die meisten Nicht-Thalberge\njene Melodieen? Sie accentuiren jede Note derselben durch\neinen steifen, überkräftigen Fingerdruck oder Fingerstoss,\nwodurch sie dann erreichen, dass die also angeschlagenen\nTöne hervorklaffen, aber nicht als melodisch verbundene\nReihe klingen und singen, und gerade den Eindruck\nmachen, als wenn eine Clarinette, ein Horn oder gar eine\nirompete eine Melodie in lauter scharf accentuirten, ge-\nhackten Tönen ohne Verbindung und Zusammenhang her-\nausstiesse. Und nun höre man Thaiberg und seinen Ton!\nEs ist lächerlich, von einem Tone auf dem Ilammer-Cla-\nvier zu sprechen, das habe ich hundert Mal gedacht und\ngesagt ehe ich Thalberg gehört habe, den Thalberg von\nheute, der wohl vor dreissig Jahren kaum schon so wie\njetzt gespielt hat, sonst hätte ja Niemand gegen ihn auf-\nkommen können. Ich komme mir selbst ganz wunderlich\nvor als Enthusiast für einen Virtuosen; aber es ist nicht\nanders, ich bin ganz und gar eingenommen von ihm und\nfühle, dass es viel leichter ist, über die Virtuosität zu\nschimpfen, als sie zu charakterisiren. Sie muss individuel\nsein und muss dabei doch auch vor Allem den Haupt-Vor-\nzug der Classicität der Ausführung, das Maasshalten, ohne\nwelches die Kunst nicht mehr Kunst ist, überall herrschen\nlassen, fhalberg's Gesang auf dem Ciavier ist in der That\nindividuel, er hat seinen eigenen, unnachahmlichen An-\nschlag von der leinheit und Zartheit an bis zur Explosion\nder leurigsten Kraft, und so wie er den Missbrauch ver-\nschmäht, den Andere mit der Verschiebung bis zu unaus-\nstehlicher Säuselei treiben, stürzt er sich auf der anderen\nSeite auch niemals kopfüber in den Strudel der Passagen,\nsondern vergisst nie, dass diese nicht um ihrer selbst willen\nda sind. Mitten in dem reissenden Strome bleibt er Herr\nseiner selbst und dadurch Herr der Flut und der Wogen.\nNirgends und niemals nur ein Moment, der ihn aus den\nFugen des ebenmässig Schönen der wahren Kunst heraus-\nschleuderte ins Formlose und Widerhaarige des vollgriffi-\ngen oder einfachen Figurenwerkes, nirgends und niemals\nein Zerreissen und Zerhacken des melodischen Gesanges,\nder seinen in sich verbundenen Fluss behält, mag ihn der\nDaumen oder der kleine Finger, die rechte oder die linke\nHand führen. Allerdings hat man Recht gehabt, wenn\nman sein Spiel und den Genuss, den es gewährt, aristokra-\ntisch genannt hat; dem ist auch jetzt noch also, vielleicht\nin noch höherem Grade, als früher. Aber die Virtuosität\nmuss aristokratisch sein, wenn sie ihre grosse Berechtigung\nin der Kunst geltend machen will. Steigt sie zum Yankee\nDoodle und zum Carneval von Venedig herab, so wird sie\nplebejisch, und der Edelgebildete wendet sich mit Recht\ndavon ab.\nIn allen drei Concerten konnte der Saal die Zuhörer\nnicht fassen. Thalberg spielte allein und fesselte jedes Mal\nzwei Stunden lang das Publicum, was in unseren Tagen\njedem Anderen schwer werden dürfte. Er ist von hier\nnach London gegangen.\nSchliesslich noch die Mittheilung, dass Hector Ber-\nlioz eine komische Oper geschrieben hat. Da sich ihm\ndie pariser Bühnen noch immer verschliessen, so hat er sie\nzur Eröffnung des französischen Theaters in Baden-Baden\nbestimmt, natürlich auf Veranlassung des dortigen Spiel-\nkönigs. Die zweiactige Oper heisst\ndas Buch soll Berlioz selbst nach einem Shakespeare'schen\nStücke verfasst haben. Sie wird Anfangs August zur Auf-\nführung kommen. Sein grosses Werk: zu\ngeben, hat sich die Direction der kaiserlichen Oper trotz\naller Mahnungen der öffentlichen Blätter noch nicht ent-\nschlossen. Eine solche Zurücksetzung eines so bedeutenden\nTalentes und Mitgliedes der Akademie bleibt in der That\nunverantwortlich.\n\nB. P."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1862-06-07-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1862-06-07_01#c003", "volume": "bmtnabi_1862-06-07_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "180", "page_fin": "183", "image_debut": 4, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620607-01.2.3", "titre_corps": "Gluck und die Oper.", "titre_sommaire": "Gluck und die Oper.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "180", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620607-01.1.4", "debut_caractere": 4334, "fin_caractere_exclue": 5142, "texte": "Gluck und die Oper.\nII.\nDer zweite Abschnitt des neuen Werkes von Marx\nist „Jugend und Schule\" überschrieben, wobei denn\nAnton Schmid's (nicht: Schmidt's, wie irrthümlich ge-\ndruckt ist) „höchst verdienstliches Werk\" wenigstens in\neiner Anmerkung erwähnt ist; es hätte aber wohl, wie über-\nhaupt die Angabe der Quellen für das Historische des Bu-\nches, eine Anführung im Vorwort verdient.\nMarx hat einen ganz anderen Zweck vor Augen, als\nSchmid. So viel sich aus der ersten Lieferung erkennen\nlässt, ist sein Buch für Musikfreunde und überhaupt\nfür die gebildete Welt, die an der Tonkunst Theil nimmt\noder doch gern darüber spricht, verfasst, wie man aus dem\nColorit der Darstellung und aus den Erklärungen der mu-\nsicalischen Kunst-Ausdrücke (Contrapunkt, Recitativ, Satz\nu. s. w.) in den Anmerkungen siebt."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "181", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620607-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5076, "texte": "Da wir von Gluck's Rinderjahren und seiner Vorbil-\ndung zum Musiker so gut wie nichts wissen, so phantasirt\nMarx zu den wenigen Angaben Schmid's gar Manches hin-\nzu, was nicht billigen kann, wer abgesagter Feind nicht\nbloss der neumodischen Roman-Biographik der Rünstler,\nsondern auch des divinatorischen Herauslesens ihres Ent-\nwicklungsganges aus ihren späteren Werken ist. Was sol-\nlen uns Stellen, wie folgende:\n„Nicht Weidenwang,. nicht Neuschloss konnte der\nKleine als seine Heimat empfinden lernen, der Wald war\nes, der Wald mit seinen träumerischen Schatten u. s. w.\nDer trautere Tummelplatz wird wohl der Wald gewesen\nsein mit seinen Waldbeeren, mit seinen Verstecken, wo man\nden Vogelnestern nachspüren, dem Wild auf ferner Wald-\nwiese lauschen, wo unser Christoph, wenn er allein war,\nträumerisch jenem Rauschen und leisen Hall nachhangen\nkonnte, die unter der Heimlichkeit der brütenden Mittags-\nsonne, unter dem Hauche der erwachenden Abendlüfte so\nahnungsvoll durch den Wald ziehen. Niemand hat ihn da\nbeobachtet, Niemand davon erzählt; er selber ist, so viel\nwir wissen, sich dessen niemals erinnerlich gewesen. Aber\nviel später, als er längst aus dem heimlichen Forst in das\nGetreibe und Geräusch der Städte, aus dem Schoosse des\nNaturlebens auf die naturferne—damals der Natur so weit\nabgerückte Hof- und Theaterwelt übergesiedelt war: viel\nspäter sind jene Waldhalle, jene leisen und so übermächtig\ndas naturtreue Herz rührenden Liebesrufe und geheimen\nSeufzer in ihm wieder wach geworden, und er hat sie sei-\nnen Schöpfungen eingehaucht, wo es galt, unsere Ureinheit\nmit der Mutter Natur wieder herzustellen. Nichts geht im\nKünstlerleben verloren, und nichts, was in dasselbe einge-\ngangen, bleibt so leicht verschwiegen; alles Erlebte kehrt\nin den Kunstgebilden wieder. Jene Naturklänge werden\nwir weit später im Orpheus und anderen Schöpfungen\nwiederfinden.\"\nMöge es der verehrte Verfasser uns nicht übel nehmen,\nwir glauben, dass der kleine Junge, der im Winter dem\nVater barfuss dasJagdgeräth nachtragen musste, wieSchmid\nerzählt, den Wald wahrscheinlich öfter verwünscht, als da-\nfür geschwärmt hat. Eben so schwer können wir uns da-\nvon überzeugen, dass Gluck den „bedrängenden Einfluss\"\ndes Schulzwanges auf dem Jesuiten-Gymnasium zu Kom-\nmotau „empfunden haben müsse\", und dass „ihm lebens-\nlang die Narbe der Fesseln geblieben, die er in seiner Ju-\ngendzeit getragen\", was Marx „aus seinem Verhalten,\nselbst aus einzelnen Zügen seiner Werke\" (!) nachweisen\nwill. Wir sind neugierig auf diese Nachweisung.\nDer folgende Abschnitt: „Die Ausbildung des\nMusikers\", kann eben so wenig als der vorige auf siche-\nren Thatsachen fussen. Dass Sammartini's Unterricht in\nMailand (1T29 —1741) den Zögling im Contrapunkt nicht\neben weit gebracht haben mag, hätte Marx schon aus der\nAeusserung lländel's über Gluck bei dessen Anwesenheit\nin London (IT45—46): „Goddam, der versteht eben so\nviel vom Contrapunkt, wie mein Koch!\" (Burney,\nHandel, 1785, S. 42) argumentiren können. Er sucht es\nübrigens aus Gluck's De profundis zu beweisen; nur passt\ndie Analyse dieses Werkes, das eine der spätesten Arbei-\nten des Meisters ist, nicht recht hieher. Noch weniger\nkönnen wir aus der angezogenen Stelle, in welcher die\nWorte: „De profundis clamavi\", wiederkehren und ein\nAnlauf „zur Dramatik des Chors\" genommen wird, eine\nRechtfertigung des Schlusses finden, der in der Anmerkung\n(S. 28) daraus gezogen wird: „Dies Alles sagt dem für\nMusik Erweckten schon unmittelbares Empfinden. Allein\ngegenüber der ewig wiederholten Annahme, dass die\nSprache der Töne keines bestimmten Ausdrucks fähig\nund Erkenntniss ihres Inhalts nicht zu erlangen sei,\nscheint es nicht überflüssig, auf diese Erkenntniss hin und\nwieder hinzudeuten.\" Wir möchten doch wissen, wo-\nher aus:\nohne die Worte die „bestimmte Erkenntniss des Inhalts\":\n„Aus der Tiefe ruf' ich\", geschöpft werden sollte, da\ndas Motiv noch weit deutlicher (in der Höhe)\nausdrücken könnte!\nRecht befriedigend und besonders für Dilettanten, de-\nnen die grösseren Quellenwerke nicht zugänglich sind, be-\nlehrend und interessant sind die drei folgenden Abschnitte:\n„Grundlagen für die italische Oper* „Unter-\nbau der italischen Oper\" „Der musicalische\nAusbau\", nämlich derselben Oper. Diese Abschnitte sind\nganz an ihrer Stelle, um bei Gluck's Auftreten als Opern-\nComponist in Italien den Leser über die musicalischen\nZustände der damaligen Zeit zu Orientiren.\nDer erste handelt von der Entstehung der italiänischen\nOper aus der Idee, die griechische Tragödie wieder her-\nzustellen. Der zweite von den Operngedichten und deren\nStoffen. Wir theilen daraus einige Absätze mit:\n„Die Italiäner fanden für ihre ernste Oper (von der\nhier, bei der Hinführung auf Gluck, allein die Rede ist,\nkeine willkommneren Stoffe, als die Sagen und Persönlich-\nkeiten ihrer unerreichten grossen Vorfahren, der Griechen\nund Römer, einige mittelalterlich aufgefasste Bilder aus dem\nMorgenlande zugerechnet. Alle vom Alterthum herüber-\ntönende Namen—Titus, Alexander, Telemach mit der ver-\nführerischen Kalypso, die verlassene Dido, Armida, Bere-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "182", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620607-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5386, "texte": "iiice, der fabelhafte Rhamses 11. (nach den Griechen Seso-\nstris genannt) nebst Artaxerxes und Darius, dann die erz-\nstarren Römer Nero, Cato, Regulus, Cajus Gracchus, Sci-\npio, neben ihnen der furchtbare Feind Roms, Hannibal\nalle wurden heraufbeschworen aus ihren schattigen Ruhe-\nstätten vor den Lampenglanz der Oper; nicht zu vergessen\nden Wütherich Tamerlan, die Heroen und Halbgötter The-\nseus, Jason und Hercules, und wer weiss, wer noch. Ne-\nben sie traten, gleichsam ausnahmsweise und nur spärlich,\nPersonen und Hergänge der modernen Zeit oder des Mit-\ntelalters.\n„Dass sich jenen classischen Persönlichkeiten als hel-\nlende Mächte die himmlischen Heerscharen des Olymps\nzugesellten, versteht sich. Lange vor unserem Zeitabschnitte\nund fortwährend hatten sie die Herrschaft behauptet, wenn\nauch nicht in ihren alten Tempeln und dem Glauben des\nVolkes, doch auf den Schaubühnen, bei den Festen der\nFürsten und in den allegorischen Dichtungen der Hof-\npoeten. Schon aus dem vierzehnten Jahrhundert erzählt uns\nIristano Calco vom Vermählungsfeste des mailändischen\nHerzogs Galeazzo Visconti. Da trat unter dem Klange krie-\ngerischer Instrumente Jason mit den Argonauten auf, führte\nmit ihnen einen Tanz aus und legte das goldene Vliess vor\ndem neuen Paare als Festgabe nieder. Nach ihm kamen\nMercur, Apollo, Diana mit ihren Nymphen, Theseus und\nAtalanta, Iris, Hebe, kurz, der ganze olympische Tross,\nmitten darunter auch Judith aus dem alten Testamente\nherbei, alle mit Tänzen, Gesängen und Gaben. Wie oft\ndergleichen sich wiederholt (und jener Festlichkeit voran-\ngegangen), ist nicht auszurechnen. Die Italiener waren also\nder glänzenden Gesellschaft längst gewohnt.\n„Nun waren jene Glanzgeslalten des unvergesslichen\nAlterthums auf die Schaubühne der Oper getreten; was\nhätte den Italienern, den gesammten romanischen Stämmen\nnäher stehen können? Aber was begannen sie jetzt, diese\nHelden und Eroberer, diese Tyrannen und allehrwürdigen\n«J o\nHerrscher? Was konnten die tief herabgesunkenen Enkel\nihnen zu schaffen geben?\n„Diese Helden und trauervollen Königinnen, dieser\nblutige Nero und Tamerlan, dieser steife Republicaner nach\ndem Verschwundensein der Republik, Cato, dieser von den\nKnabenjahren her einzig dem Römerhass geweihte Hanni-\nbal, diese Stifter von Weltreichen, Cäsar und Alexander,\nwas hatten sie zu schaffen?— Sie liebten. Das war der\nKern ihres Lebens auf der Bühne.\n„Mit diesem ersten Worte ist das Wesen der italischen\ngrossen (oder ernsten) Oper bezeichnet. Die ganze Schar\nvon Helden und Herrscherinnen, die so viele Jahrhunderte\nlang mit den mannigfachsten Strebungen und Schicksalen\ndie Welt erfüllt, sie ist eine eitle, leere Namenreihe, eine\neinzige weitaufgebauschte Tauschung; nicht Menschen in\nder Mannigfaltigkeit ihres Lebens und Charakters stehen\nvor uns, es sind larven- und llitterreiche Masken-Anzüge,\naus denen das ewig gleiche Gesicht der alltäglichen Ver-\ngnüglichkeit breit hervorlächelt. Denn bei diesen unver-\ngänglichen Masken-Liebesspielen ist auch nicht einmal je-\nner Allen angedichtete letzte Rest ihres Lebens, die Liebe,\nfestgehalten. Die wahre Liebe passte nicht in diese prun-\nkenden Masken, und vollends unmöglich war es, dass sie\nsie ganz hätte ausfüllen können.\n„Hiermit kommen wir zum zweiten Charakterzuge der\ngrossen Oper. Das einzige Motiv, die Liebe, genügte nicht\nlür die gewählten Masken; man musste den Glanz und\nReicbthum ihrer Existenz wenigstens äusserlich zur An-\nschauung bringen, damit der liebende Kaiser sich von dem\nliebenden Schäferknecbt in etwas unterschiede, und die Zu-\nschauer in Logen und Parterre sich am Abbild ihres —-\noder des ersehnten vornehmen Prunkes vergnügten. Schau-\ngepränge ward die voranstehende Bedingung für dieses\nBühnenleben. Hiermit besonders wurden auch die Höfe der\nFürsten in das Interesse gezogen; der Prunk der Bühne\ntrat an die Stelle der mittelalterlichen Aufzüge und öffent-\nlichen Feste, mit mehr Mannigfaltigkeit und vielleicht min-\nderem Aufwände.\n„Nach dieser Seite hin geschah viel. Schon im fünf-\nzehnten Jahrhundert zeigte Beverini's Drama mit Mu-\nsik, Darius, in drei Acten vierzehn Verwandlungen und\nSchaustücke, darunter ein Schlachtfeld mit den indischen\nElephanten, die Thürme mit Bewaffneten, die Festungs-\nwerke von Babylon, das persische Lager mit den Kriegs-\nmaschinen, den Vorhof des Palastes, die königliche Halie,\ndas Grabmal des Ninus, ein dunkles Gefängniss, die Ruinen\neines alten Schlosses, das Zelt des Darius, Reiterei und\nFussvolk in Schlachtordnung, den ganzen Palast von Baby-\nlon. In der Oper Berenice von Freschi figurirten 1680\nScharen von 100 Mädchen, 100 Soldaten, 100 Gehar-\nnischten zu Pferde, 40 Hornisten, 6 Trompetern, 6 Tromm-\nlern, 6 l'ahnenschwenkern, 6 Posaunern, 6 Flötenbläsern,\n6 Troubadours „„mit türkischen Instrumenten''''; dann\nerschienen bei dem Triumphzuge noch 12 Reitknechte, 12\nWagenführer, Löwen und Elephanten, der vierspännige\nTriumphwagen, 12 andere Wagen, mit Gefangenen und\nKriegsbeute beladen, zuletzt 6 Carossen, die der Adel dazu\nhergeliehen. Malerischer mag erscheinen, was Vittorio\nRossi von der allen florentinischen Schaubühne berichtet:\n„„Durch bewegliche Wände sah man bald Wiesen, bald\nMeer, Gärten, Himmel und Hölle, Sturm und Ungewitter;\naus den Bäumen, die sich öffneten, stiegen unvermuthet\nreizende Dryaden hervor; in den Wäldern, die sich plötz-\nlich erhoben, tummelten sich Faunen, Satyrn und Nvm-"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "183", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620607-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2493, "texte": "phen; Najaden plätscherten in Quellen und Flüssen; Vieles,\nwas vordem nie gesehen worden war, wurde vor das über-\nraschte Auge der Schaulustigen gebracht.\"\" So wurde\ndem Auge vorgebildert, wo man tieferer Anregung nicht\nmächtig war oder nicht mehr begehrte.\n„Es ist begreiflich, dass dies Alles nicht hinreichen\nkonnte, die Opern-Abende zu lullen, wenn man auch die\nBallette in Rechnung stellen wollte, die zwischen den Acten\nals Zwischenspiele, ohne Zusammenhang mit der Oper\neine Zerstreuung in der anderen—, aufgeführt wurden.\nSelbst die wahre Liebe kann im Drama nur dauernd be-\nschäftigen, wenn sie tief als Brennpunkt des ganzen Da-\nseins, das sich ihr hingegeben, aufgefasst wird; wie hätte\njene Liebe, welche man den unpassenden Masken anlog,\nfesseln können?—sie war eben nur ein Hergang, wie jeder\nandere auch, eine dramatisirte Anekdote, der noch andere\nsich zugesellen müssen, um die Unterhaltung fortzuführen.\nDaher ward nun für die Oper ein Drittes nothwendig:\nBereicherung und Mannigfaltigkeit des thatsächlichen In-\nhalts durch Verdoppelung seines Hauptmoments\nund durch fremdartige Zusätze. Ohnehin kann jedes\ndramatische Beginnen die Herkunft des Drama's aus dem\nLpos nicht verläugnen. So lange Dichter und Zuschauer\nnoch unfähig sind, in die Tiefe des menschlichen Daseins\nzu dringen, suchen sie ihr Genügen in der Breite; zuerst\nkommt es darauf an, dass nur irgend etwas vorgeht, dann,\ndass recht viel geschieht; wie hätte die Oper sich dem\nentziehen können, nachdem sie sich von ihrem ersten Ziele\nabgewandt?\n„Es wurde daher neben das eine Liebesverhältniss ein\nzweites, wo möglich ein drittes gestellt, der Liebe wurden\nnicht bloss Eifersucht, Untreue, Sprödigkeit als verwandte\nMotive zugesellt, sondern ausserdem die ihr fremdesten,\nRuhmbegier, Herrschsucht, Verdrängung von Königen und\nKönigssprossen vom Throne, Hof-Intriguen kurz, der\nganze gemeine und gemüthfremde Hofwust, den man mit\njenen Masken aus der schlechtesten Zeit der römischen\nKaiser herübergenommen und an den kleineren Höfen tä<j-\no\nlieh zu beobachten hatte. Das Alles, Ueppigkeit, Ehrsucht\nund Intrigue lag auch in der Sinnesart der Italiener jener\nZeit; wie hätte wohl ein sinnlich höchst erregsames, mit\nfeinem, beweglichem Geiste ausgerüstetes Volk in politi-\nscher Verkommenheit, unter der täglich verschlechternden\nnemden und einheimischen Tyrannei sich anders gebahren\nsollen? Die Oper war das Kind des wirklichen Lebens,\ndem Erzeuger Zug um Zug sprechend ähnlich. Es konnte\nnicht anders sein.*"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1862-06-07-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1862-06-07_01#c005", "volume": "bmtnabi_1862-06-07_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "183", "page_fin": "184", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620607-01.2.4", "titre_corps": "Ueber Wagner’s „Lohengrin“ in Wien", "titre_sommaire": "Ueber Wagner’s „Lohengrin“ in Wien", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "183", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620607-01.1.7", "debut_caractere": 2495, "fin_caractere_exclue": 5094, "texte": "Ueber Wagner’s „Lohengrin“ in Wien\nZum Vortheil des untergeordneten Personals des k. k.\nHof-Opctnthealers wurde verflossenen Mittwoch bei auf-\ngehobenem Abonnement nach längerer l'ause wieder ein-\nmal „Lohengrin\" gegeben.\nlis fügte sich, dass wir Gelegenheit hatten, nach der\nV 01 Stellung einige in Sachen der Kunst nicht uneinsichtige\nLaim zu sprechen, die, völlig unbefangen, bei dieser Ge-\nlegenheit zum ersten Male die Bekanntschaft des wunder-\nsamen „Schwanenritters\" machten. Sie fanden alle, es sei\ndieses Werk etwas ganz Neues, Eigenartiges, schon da-\ndurch, weil über die gewöhnliche klingende, singende Mit-\ntelmässigkeit Hinausragendes, welches das Interesse in be-\nsonderer Weise anspanne, schliesslich aber freilich den\nZuhörer in einem Zustande völliger Erschöpfung und Ab-\nspannung entlasse (vollends hätten sie hinzusetzen kön-\nnen , wenn er bei einer Temperatur von nahe an dreis-\nsig Grad Reaumur aul seinem Sitze eingeklemmt über drei\nStunden lang bewegungslos ausharren muss). Sie fanden\nin der Empfindungsweise, aus welcher dieses Werk her-\nvorging, etwas Krankhaftes, Ungesundes, und der über-\nschwängliche Mysticismus, in welchem es sich von Anfang\nbis zu Ende mit geringen und dann etwas rohen Unter-\nbrechungen bewegt, wurde ihnen, je weiter das Drama\nvorschritt, immer peinlicher, ja, endlich unerträglich. Sic\nfanden, der Geist fühle sich durch dieses Werk in einen\nZustand versetzt, wie wir ihn körperlich bei anhaltender\nGewitterschwüle empfinden; sehnlich erwarten wir den\nAusbruch, bis uns endlich Wetterleuchten am Saume des\nHorizontes verkündet, dass dieser in weiter Ferne von uns\nerfolgt ist, ohne dass er die Temperatur, in welcher wir\nathmen, abgekühlt hätte. Ueber die Musik an und für sich\nselbst wagten sie nicht zu urtheilen, denn diese, halten sie\ngehört, sollte ja hier—obgleich nichts weniger als im be-\nscheidenen Hintergründe verharrend (wie man sie sich etwa\nim griechischen Drama denken mag) nur als ein unter-\noder doch höchstens nebengeordnetes Moment aufgefasst\nwerden. Aber es wollte ihnen scheinen, dass die entsetz-\nliche, trotz mancher genialer Züge und einer sehr bemer-\nkenswerthen, eigenthümlich operirenden Combinations-\nkraft doch so erfindungsarme, immerfort (freilich princi-\npiel!) mit denselben Farben malende Monotonie dieser Mu-\nsik, die, wo sie sich aufschwinge, immer ins Ekstaetische,\nwo nicht gar, wie in vielen von tatarischem Lärm erfüll-\nten, Erde und Himmel erschütternde Effecte anstreben-\nden, überdies auch oft von versteckten und offenen Remi-\nniscenzen wimmelnden Stellen ins Gemeine verfalle, nicht\n\n*) Aua den Nr. 21."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "184", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620607-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3434, "texte": "wenig zu dem unerquicklichen Gesammt-Eindruck des\nGanzen beitrage, und auch ihnen schien es sonderbar,\ndass, da sowohl die Musik, wie die Poesie an sich einen\nso geringen, rein künstlerischen Genuss gewähre, aus der\nVerbindung zweier durch sich so unbefriedigenden Poten-\nzen ein drittes Höheres hervorgehen solle, welches voll-\nkommener wäre, als alles, was uns bisher Oper und Drama\ngeboten; obwohl sie nicht läugnen konnten, dass es durch\ndie eigenlhümliche Mischung der Elemente auf besondere\nWeise wirke und dass eine reine Kraft auf diesem oder\neinem ähnlichen Wege wohl noch zu einer Kunstschöpfung\ngelangen könnte, die, zum Theil auf neuen Principien be-\nruhend, sich der alten Oper, dem alten Drama ebenbürtig\nzeigte, und mit alten Mitteln eine in gewissem Sinne neue\nKunstgattung erzeugte, in der sich die abwelkenden Zweige\nder Poesie wie der Musik neu zu regeneriren vermöchten.\nDies waren im Wesentlichen die Eindrücke, welche\nmeine Freunde von der Vorstellung des „Lohengrin\" em-\npfingen, und da sie so ziemlich mit denjenigen überein-\nstimmten, welche dieses, von vielen Gesichtspunkten aus\nbetrachtet, merkwürdige Werk Wagner's, wie sein\nWirken überhaupt immer in uns erweckten, so erlaubten\nwir uns, dieselben statt eigener Betrachtungen zu repro-\nduciren, die man doch eigentümlichen Erscheinungen der\nEpoche gegenüber immer von Zeit zu Zeit gern wieder\neinmal erneuert.\nDas gedrängt volle Haus und die häufig hervorbre-\nchenden Anzeichen von Sympathie bewiesen, dass der\nAntheil des Publicums an „Lohengrin\" noch immer ein\nsehr lebhafter ist, desselben Publicums freilich, welchem\nGluck's „Iphigenie\" keine Sympathie abzugewinnen ver-\nmochte.\nWas die diesmalige Aufführung dieses Opern-Drama's\nbetrifft, welche von je her zu den besseren unserer Bühne\ngehörte, so mischte sich in ihr Vollkommenes mit Schwa-\nchem und Misslungenem. Unter den vollkommenen Leistun-\ngen ist in erster Linie jene der Frau Du st mann zu nen-\nnen, welche die Elsa kaum jemals schöner gespielt und\ngesungen hat, als diesmal. Leben und Bewegung in jedem\nTone, jedem Zuge, dass man es gesteigerter und doch\nmaassvoll gebundener nicht zu denken vermag. Leistungen\ndieser Art sind wahrhaft schöpferische, denn sie ergänzen\nden Dichter und Componisten, dass ihm sein eigenes Ge-\nbilde, durch solchen Hauch belebt, fast als ein neues er-\nscheinen muss. Die Herren Beck und Schmid bewähr-\nten sich in früherer Tüchtigkeit und Tadellosigkeit, ja, der\nLetztere schien uns den König nie mit mehr Würde und\nMajestät in Gesang und Spiel repräsentirt zu haben. Be-\nziehungsweise schwach und nur ein Schatten von ehemals\nwar Herr Ander als Held desDrama's. Es ist in der That\nbedauernswert!), zu sehen, mit welcher peinlichen Mühe\nund Anstrengung dieser Künstler ringt, um seine frühere\nHöhe nur einiger Maassen zu behaupten, und doch vermag\ner seiner Kehle kaum mehr einen hellen, freien Ton ab-\nzugewinnen. Alles klingt so gedämpft, gedrückt.\nFräulein Destinn sang zum ersten Male die Or-\ntrud, und hatte mit dieser Rolle eine Partie übernommen,\nder sie denn doch—wenigstens vorläufig—nicht gewach-\nsen ist.\nDas Ensemble der Vorstellung, von je her tüchtig,\nwar es auch diesmal, mit Ausnahme des ersten Chors im\nzweiten Acte. Sehr zweckmässig hat man (wahrscheinlich\nauch schon bei früheren Vorstellungen) einige Kürzungen\nangebracht, die wirklich noth thaten, denn auch so nimmt\ndie Aufführung dieses Opern-Drama's noch über drei\nStunden in Anspruch."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1862-06-07-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabi_1862-06-07_01#c006", "volume": "bmtnabi_1862-06-07_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "184", "page_fin": "184", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620607-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "184", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620607-01.1.8", "debut_caractere": 3436, "fin_caractere_exclue": 4368, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\n'Wien. Man versichert mit Bestimmtheit, dass Wien noch in\ndiesem Jahre eine italienische Oper bekommen werde. Das\nUnternehmen geht von Privaten aus, welche an dasselbe die\nSumme von 100,000 Fl. wenden wollen. Das Geld soll bereits bei-\nsammen sein und jede Stunde flüssig gemacht werden Die\nOpern-Gesellschaft würde vom 1. October ab durch vier Monate,\nalso bis Anfang Januar 1863, Vorstellungen geben in welchem\nTheater, scheint noch nicht bestimmt zu sein. Dagegen soll der\nOpernsänger und bisherige Regisseur an der berliner Hofoper, Herr\nWolf, bereits für die artistische Leitung dieser Unternehmung defi-\nnitiv gewonnen und mit dem Engagement der erforderlichen Gesan-\ngeskräfte betraut worden sein. Herr Wolf soll demnach auch schon\nmit hervorragenden Celebritäten, namentlich mit Fräulein Artot,\nTrebelli und den Geschwistern Marchisio, Tamberlik und\nAngelini in Unterhandlungen getreten sein."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "177", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620607-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nPariser Briefe. Schluss. (Concerte Clara Schumann Thalberg Mendelssohn's „Elias\" u. s. w.) Von B. P.\nGluck und die Oper. 11. Ueber Wagner's „Lohengrin\" in Wien. Tages- und Unterhaltungsblatt (Wien, Errichtung einer\nitaliänischen Oper aus Privatmitteln).\n\nPariser Briefe.\n\n(Schluss. S. Nr. 21.)\n[Concerte Clara Schumann Thalberg Mendels-\nsohn's „Elias\" u. s. w.]\nAuf dem Gebiete der Concertmusik haben Clara\nSchumann und nach ihr Sigismund Thalberg allein\nEroberungen gemacht; von dem Letzteren kann man das\nnämlich in so fern sagen, als er seit einer Reihe von Jah-\nren nicht hier gewesen war ich glaube, seit der Zeit,\ndass seine Oper kein Glück gemacht hatte—, und weil man\nglaubte, er würde nie wiederkommen. Sivori hat sein\naltes Terrain, auf welchem er fast jährlich einmal Rund-\nschau hielt, auch jetzt wieder mit Ruhm behauptet. Ueber\nAugust Dupont habe ich schon berichtet. Die unend-\nliche Reihe der übrigen, obwohl zum Theil recht tüchti-\ngen Renner in der Laufbahn des Künstlerruhms zu mu-\nstern, wirst Du mir erlassen.\nSonderbar bleibt es freilich, dass noch immer eine so\ngrosse Menge von grünen Künstlern nach Paris strömt und\nan den Nimbus glaubt, der sich von hier aus durch ein\npaar Zeilen Reclame über die ganze Welt verbreite! Das\nberechtigt dann gewisser Maassen die Franzosen, Europa\nein grosses Conservatorium der Musik zu nennen, dessen\nZöglinge zur Preisbewerbung oder auch nur zum Examen\nnach Paris kamen. Leider muss ich auch viele Deutsche\nunter diesen Leichtgläubigen Jahr aus, Jahr ein erblicken,\nund doch sollten diese zu stolz sein, um pariser Reclame\nzu betteln, da in unserer Zeit ein in Deutschland be-\ngründeter Ruhm dem Tonkünstler hier in Paris die Thore\nder Concertsäle öffnet und ihm einen ganz anderen Em-\npfang bereitet, als umgekert ein in Paris gemachter Ruf\nihm in seinem Vaterlande Triumphe bereitet, er müsste\ndenn Baden-Baden und Homburg für Deutschland halten\nund die Allerwelts-Bevölkerung in den rheinischen Bädern\nfür die deutsche Nation.\nParis hat in musicalischer Hinsicht das blasirteste Pu-\nblicum von der Welt, und es verstimmt mich nichts auf\nErden mehr, als wenn mich Einer mit den Worten be-\ngrüsst: „Ich komme nach Paris, um bekannt zu werden.\"\nDu lieber Himmel! „bekannt werden\"! Was gehört er-\nstens dazu für Verschwendung an Zeit, an Geld, was für\nBemühungen, Plackereien, ja, Demüthigungen, um die\nAufmerksamkeit eines mit Mühe zusammengebrachten Pu-\nblicums von einer geringen Anzahl von wirklich gebildeten\nund es ehrlich meinenden Leuten auf ein paar Stunden zu\nerregen! Und auch dazu muss Einer noch Glück haben\nund Geld, denn beide vermögen mehr als Talent.\nHat er dann das ersehnte Ziel erreicht, eine Matinee\noder Soiree in Erard's oder Pleyel's Salon, verschallt er\nsich nicht bloss Gehör, sondern fesselt, reisst hin, entzückt,\nso wird er das Gespräch in der musicalischen Salonwelt,\nman streitet für und wider ihn, man bewundert, man\nrühmt, man schüttet ein Füllhorn von Reclamen, und nicht\nnur in kleinen Blättern, über ihn aus und nach vierzehn\nTagen ist er vergessen. Was ist zu thun? Er muss wieder\nvon vorn anfangen. Er kommt richtig nach einem oder\nzwei Jahren wieder. Glücklicher Weise stösst er gleich bei\nseinem ersten Ausgange auf einen der einflussreichsten\nKunstrichter, eilt entzückt auf ihn zu und strömt über von\nglühendem Danke für die ehrenvolle Aufmunterung seines\nStrebens durch die so wohlwollende Kritik seiner Leistun-\ngen im vorigen Jahre. Der Andere ist etwas verlegen: „Ich\nweiss —in der That ich erinnere mich nicht.\" —„0, ich\nwerde Ihre Güte nie vergessen. Ich bin Terpander; im\nFebruar vor anderthalb Jahr gab ich ein Concerl; Sie\nhaben meine Ouvertüre und mein Clavier-Concert so ge-\nlobt, dass es mich unendlich glücklich gemacht hat!\"\n„So? ich kann wirklich nicht recht daraufkommen; Sie\nverzeihen, man hört so eine Menge Concerte \" —und\nder arme Componist und Virtuose wird blass und roth\nund fühlt sich wie mit kaltem Wasser überschüttet. 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Wer kann auch behalten,\nwas voriges Jahr da gewesen ist!\nBei solchen Zuständen ist es einem Wunder gleich zu\nachten, wenn ein Künstler hier einen grossen und dauern-\nden Eindruck macht. Ich brauche über das geniale Spiel\nder Frau Schumann in einem Berichte, der für Deutsch-\nland bestimmt ist, kein Wort zu sagen; abjjr Urlheile der\nFranzosen über die grosse deutsche Künstlerin dürften\nnicht ohne Interesse sein. So sagt z. B. die\ncale unter Anderem:\n„In dem schönen und gediegenen Talente der Frau\nSchumann liegt eine Art von Männlichkeit, die den gros-\nsen, ernsten Compositionen der deutschen Schule gar wohl\nansteht, ihrem Spiel Kraft und Adel gibt, es über das Ge-\nwöhnliche erhebt und sich auch auf den feineren Vortrag\nanmuthiger Stellen erstreckt im Gegensatz zu der ge-\nschminkten Grazie, dem gehackten und gestossenen Rhyth-\nmus, dem gezierten Tone, den plötzlichen Contrasten und\nallem Aehnlichen, wozu man sich so oft heutzutage er-\nniedrigt, um hartnäckig dem so genannten Effect nachzu-\njagen.\"\n„Neulich Abends hat die Künstlerin einige Stücke von\nScarlatti und J. S. Bach mit einer Vollendung, Feinheit,\nverständigen Einfachheit und Hoheit des Stils vorgetragen,\ndie ihr die Stimmen der schärfsten Kunstrichter gewonnen\nhaben. Sie gab diesen Stücken ihre ursprüngliche Frische,\nihre bezaubernde Einfachheit besonders auch dadurch wie-\nder, dass sie durch einen ganz eigentümlichen Anschlag\nden allzu vollen Klang unserer jetzigen Flügel mässigte\nund sie ohne alle Kraltanstrengung, aber auch ohne die\ngeringste Trockenheit der Accentuation vortrug.\"\nDann verbreitet sich die in jeder Hinsicht, auch in Be-\nzug auf die Compositionen recht gesunde Kritik über den\nVortrag der grossen Sonate in von Beethoven, der\nSonate von Rob. Schumann für Pianoforte und Violine,\nwelche trotz der trefflichen Ausführung (mit Herrn Armin-\ngaud) nicht so allgemein ansprach, als die übrigen Sachen,\nund den Vortrag seiner Carnevalsstücke (hier Masques beti-\nteil), dieser „reizenden Musik, welche alles, was die Phan-\ntasie an Glanz, Humor, Feinheit und Originalität hat, in\nFülle darbietet\".\nIn dem siebenten Conservatoire-Concerte hat Frau\nSchumann das Us-dur-Concerivon Beethoven gespielt,\nedel und vortrefflich, wie immer, obwohl der letzte Satz\ndurch ein zu schnelles Tempo verlor; den Franzosen war\naber diese Composition für ein Clavier-Concert zu gross-\nartig, sie wussten die eminenten Vorzüge des Vortrags\nweniger zu schätzen, sie meinten zum grossen Theil: »die\nSinfonie erdrücke überall den Solospieler, das Ganze sei\nzu lang—• man könne die Wahl eben nicht ganz billigen,\ndesshalb wäre auch die Künstlerin nicht gerufen worden\nFrau Schumann sei ein immenses Talent, aber ihr Spiel\nhabe keine sympathischen Eigenschaften.\" —Andere spra-\nchen indess eben so laut dagegen, nannten die Ausfüh-\nrung „une executionincomparable\", „es sei unmöglich,\ndie grosse classische Musik mit tieferem Verständniss und\nGefühl und mit mehr Verschmähung aller Prahlerei zu\nspielen\". Noch Andere meinten, diesem Lobe hinzufügen\nzu müssen, „es sei kein geringes Verdienst der Künstlerin,\nsich diese classische Reinheit unter den tumultuarischen\nund exccntrischen Einflüssen der Schumann'schen Schule\nbewahrt zu haben\". (!)\nWeil ich einmal bei den Conservatoire-Concerten bin,\nso will ich doch erwähnen, dass endlich Beethoven's Phan-\ntasie Op. 80 für Ciavier, Orchester, Soli und Chor auch\nauf das Repertoire der gestrengen Herren gekommen ist.\nDie Ciavier-Partie wurde von Saint-Saens, einem tüchtigen\nContrapunktisten aber sehr trockenen Ciavierspieler, nicht\nmit dem rechten Geist und Feuer vorgetragen, aber die\nübrige Ausführung war gut; trotzdem erlebte das schöne\nStück in dem Conservatoire lange nicht die glänzende Auf-\nnahme beim Publicum, als vor eilf Jahren in dem Cäcilien-\nConcerte unter Seghers Direction,, der es zum ersten Male\nin Paris gab.—ln demselben Conservatoire-Concerte sang\nStockhausen eine Arie aus Händel's Oper „Julius Cä-\nsar\" mit seiner bekannten Meisterschaft, welche die Fran-\nzosen sogar dahin brachte, an dem alten Händel Gefallen\nzu finden und den Wunsch auszusprechen, öfter derglei-\nchen „Opern-Arien\" von Händel und durch Stockhausen\nzu hören. Aber es wird wohl beim Wunsch bleiben! Ein\nöffentliches Blatt benutzt selbst diese Gelegenheit, dem\nPublicum die Oratorien Händel's zu empfehlen. Die Pari-\nser und Oratorien!\nDas bringt mich auf die zwei Aufführungen des:\n„Elias\" von Mendelssohn durch Pasdeloup im Cir-\ncus Napoleon, das heisst des ersten Theiles des Oratoriums,\ndas eine Mal unterbrochen von einer Fantasich appassion-\nnata, coroponirt und gespielt von Vieuxtemps, das andere"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "179", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620607-01.1.3", "texte": "Mal in Verbindung mit Becthoven's Musik zu den Ruinen\nvon Athen. Solche Zusammenkoppelungen können nur hier\nin Paris Statt finden. Pasdeloup hat allerdings sein Publi-\ncum nach und nach an die Theilnahme an grosser classi-\nscher Musik gewöhnt, und das ist sein bedeutendstes Ver-\ndienst; allein Sinfonieen und Oratorien sind gar verschie-\ndene Dinge, und der Geschmack, selbst eine Art von Ver-\nsländniss ist, wie die Erfahrung zeigt, bei der grossen\nMenge jetzt leichter für die Sinfonie zu bilden und zu er-\nreichen, als für das Oratorium. Namentlich für das bibli-\nsche ist auf dem Boden des Reiches der ehemaligen aller-\nchristlichsten Könige kein Gedeihen möglich. Desshalb wird\nMendelssohn's „Walpurgisnacht\" noch am meisten von den\nFranzosen gewürdigt; allein sein prächtiges und weit gross-\nartigeres Werk „Elias\" erregte keineswegs den lebhaften\nBeilall, in welchen das tausendhändige Publicum des Cir-\ncus sonst bei den Sinfonieen von Beethoven ausbricht. Die\nApplaudissements wurden nach alter französischer Sitte\nnur durch die Solo-Vorträge hervorgerufen. Nach meiner\nMeinung athmeten aber auch diese, obwohl von Madame\nViardot (Alt), dem schönen Tenor Michot und dem treff-\nlichen Bass Cazeaux gesungen—die schwächste Partie war\nder Sopran durch Madame d'Orwill —, nicht denjenigen\nGeist der Einfachheit und des tief empfundenen, würdigen\nAusdrucks, den sie verlangen. Der Chor war viel zu\nschwach, nicht nur für den grossen Raum, sondern auch\nnur gegen das Orchester genommen, wodurch dann schon\ndie Hauptwirkung der Gesammt-Gesänge verloren gehen\nmusste.\nDie Aufführung fand bei Weitem'nicht dieselbe Auf-\nnahme, wie vor fünf Jahren, wo Pasdeloup ebenfalls den\nersten Theil dieses Oratoriums mit der iSociete des jeimes\nArtistes du Con-servatoire zum ersten Male in Paris auf-\nführte. Damals wurden auch die Chöre mit Enthusiasmus\naufgenommen; Stockhausen und Fräulein Bochkolz-Falconi\nsangen den Elias und die Witwe. Auch die öffentlichen\nUrtheile über das Werk waren damals ausführlicher und\ngründlicher*). Wenn ich aber damals sagte, „dass die\nOratorienmusik jemals mit vollen Segeln das Meer von\nParis befahren werde, dürfte trotz alledem zu bezweifeln\nsein; es würden immer nur einzelne Gruppen, nicht die\nMasse der Bevölkerung sich am Ufer sammeln und den\nstolzen Bau bewundern, wiewohl die Wahrnehmung, dass\nein gewisser Instinct bei der jetzigen Aufführung das Pu-\nblicum oft zum Beifall hinriss, einige Hoffnung für Gewöh-\nnung und Erziehung desselben begründe\" —: so hatte ich\nim ersten Satze Recht, den zweiten straft aber die jetzige\nAufnahme Lügen, sie bekundet eher einen Rückschritt\nals einen Fortschritt. Vollends wenn wir jetzt die ergötz-\nliche Herzcnsergiessung eines Herrn Chouquet in der\nFrance musicalelesen, der da findet, dass dieses lange\nWerk von 21 Nummern er hat nur die Ouvertüre und\ndie 20 Nummern des ersten Theils gehört; was würde er\nsagen, wenn er wüsste, dass das ganze Oratorium 42\nNummern hat!) „mehr für Engländer und Puritaner ge-\nschrieben ist, als für Pariser und Katholiken. Es erinnert\nzu sehr an die lutherischen Kirchenpsalmen, ja, wenn man\nstreng sein wollte, so copirt es sie Note für Note. Diese\nPlagiate der frommen Muse Mendelssohn's sind in unseren\nAugen keine Beweise von Unvermögen, eher können sie\nfür Beweise von Savoir faire gelten; weil der geschickte\nMusiker den Engländern gefallen wollte, ergriff er das\nsicherste Mittel dazu. Aber sich an den Sondergeist einer\nSecte (!) zu wenden, sich ausschliesslich dem Geiste ihrer\nLieblings-Psalmen hinzugeben und dann noch obenein zum\nßach'schen Stil gar zu oft seine Zuflucht (!) zu nehmen,\ndas ist nicht die Art, wie man ein begeistertes Werk\nschreibt, um alle Herzen zu gewinnen.\" —Dagegen ist die\nPhantasie von Vieuxtemps „ein Gedicht, eine herrliche\nSinfonie, die Sehnsucht eines liebenden Nordländers, dessen\nKörper allein bei der Tarantella (die den Schluss bildet\nmit herumspringt, während die liebende Seele sich alle\nAugenblicke verrälh\"!\nUnd dieses Gedicht milsammt der Tarantella, wo hör-\nten wir es? Unmittelbar nach dem Chor in G-dur: „Wohl\ndem, der den Herrn fürchtet!\" Das ist mehr als Spass,\ndas ist wahre Lästerung des Heiligen in dem Inhalt und\nin der Musik.\nEine unerwartete Erscheinung war Thalberg, der\nseit Jahren hier und überhaupt wohl in Europa nicht öf-\nfentlich aufgetreten war. Da seit seiner Glanz-l'eriode in\nParis in den Jahren 1835 —1837 ein Viertel-Jahrhun-\ndert verllossen ist, so war sein Auftreten für die jüngere\nGeneration eine Neuigkeit und für viele (Klavierspieler aus\nihr eine grosse Lehre, während alle, die ihn früher kann-\nten und gehört hatten, gleich zu seinem ersten Goncerte\n(den 22. April! wie zu einem Feste strömten, das lange\nnicht gefeiert worden war. Freilich fehlte es nicht an auf-\ngeblasenen Neologen, die bei der ersten Nachricht von sei-\nnem Auftreten mit der beliebten Redensart bei der Hand\nwaren: „Thalberg? Mein Gott, wer kann so etwas noch\nmit anhören?\" — Aber der Erfolg hat sie arg Lügen ge-\nstraft; denn seit undenklichen Zeiten hat kein \\ irtuose in\nParis solche Einnahmen gemacht, wie Thalberg in seinen\ndrei Concerten.\nThalberg ist jetzt gerade fünfzig Jahre alt und stand\nschon vor dreissig Jahren auf der höchsten Stufe des Kub-\nmes als Pianofortespieler, die ihm nur Liszt streitig machte.\n\n*) Vergl. „Pariser Briefe\" in Nr. 51 vom Jahrgang 1857 der\nNiederrheinischen Musik-Zeitung.\n:•]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "180", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620607-01.1.4", "texte": "Er hat jetzt hier meist von seinen neueren Compositionen\ngespielt; will man aber den Unterschied zwischen seinem\nSpiel und der Ciavierschlägerei der Heroen des Tages mit\nErstaunen gewahren, so muss man ihn eine seiner alten\nPhantasieen vortragen hören, die man, ich möchte sagen:\nvon Kindesbeinen an, kennt. Jedermann weiss, dass der\nReiz der Manier, welche Thalberg erfand, in dem Durch-\nklingen der Melodie unter einem Reichthum eleganter und\nkühner Figuren besteht, dass er durch die feine Verschmel-\nzung der glänzendsten Illustrationen mit dem Gesänge der\nmelodischen Motive gleichsam ein Rossini des Pianoforte\nwurde. Mit dem Gesänge! darin liegt die Hauptsache\nlür den Vortrag. Wie spielen die meisten Nicht-Thalberge\njene Melodieen? Sie accentuiren jede Note derselben durch\neinen steifen, überkräftigen Fingerdruck oder Fingerstoss,\nwodurch sie dann erreichen, dass die also angeschlagenen\nTöne hervorklaffen, aber nicht als melodisch verbundene\nReihe klingen und singen, und gerade den Eindruck\nmachen, als wenn eine Clarinette, ein Horn oder gar eine\nirompete eine Melodie in lauter scharf accentuirten, ge-\nhackten Tönen ohne Verbindung und Zusammenhang her-\nausstiesse. Und nun höre man Thaiberg und seinen Ton!\nEs ist lächerlich, von einem Tone auf dem Ilammer-Cla-\nvier zu sprechen, das habe ich hundert Mal gedacht und\ngesagt ehe ich Thalberg gehört habe, den Thalberg von\nheute, der wohl vor dreissig Jahren kaum schon so wie\njetzt gespielt hat, sonst hätte ja Niemand gegen ihn auf-\nkommen können. Ich komme mir selbst ganz wunderlich\nvor als Enthusiast für einen Virtuosen; aber es ist nicht\nanders, ich bin ganz und gar eingenommen von ihm und\nfühle, dass es viel leichter ist, über die Virtuosität zu\nschimpfen, als sie zu charakterisiren. Sie muss individuel\nsein und muss dabei doch auch vor Allem den Haupt-Vor-\nzug der Classicität der Ausführung, das Maasshalten, ohne\nwelches die Kunst nicht mehr Kunst ist, überall herrschen\nlassen, fhalberg's Gesang auf dem Ciavier ist in der That\nindividuel, er hat seinen eigenen, unnachahmlichen An-\nschlag von der leinheit und Zartheit an bis zur Explosion\nder leurigsten Kraft, und so wie er den Missbrauch ver-\nschmäht, den Andere mit der Verschiebung bis zu unaus-\nstehlicher Säuselei treiben, stürzt er sich auf der anderen\nSeite auch niemals kopfüber in den Strudel der Passagen,\nsondern vergisst nie, dass diese nicht um ihrer selbst willen\nda sind. Mitten in dem reissenden Strome bleibt er Herr\nseiner selbst und dadurch Herr der Flut und der Wogen.\nNirgends und niemals nur ein Moment, der ihn aus den\nFugen des ebenmässig Schönen der wahren Kunst heraus-\nschleuderte ins Formlose und Widerhaarige des vollgriffi-\ngen oder einfachen Figurenwerkes, nirgends und niemals\nein Zerreissen und Zerhacken des melodischen Gesanges,\nder seinen in sich verbundenen Fluss behält, mag ihn der\nDaumen oder der kleine Finger, die rechte oder die linke\nHand führen. Allerdings hat man Recht gehabt, wenn\nman sein Spiel und den Genuss, den es gewährt, aristokra-\ntisch genannt hat; dem ist auch jetzt noch also, vielleicht\nin noch höherem Grade, als früher. Aber die Virtuosität\nmuss aristokratisch sein, wenn sie ihre grosse Berechtigung\nin der Kunst geltend machen will. Steigt sie zum Yankee\nDoodle und zum Carneval von Venedig herab, so wird sie\nplebejisch, und der Edelgebildete wendet sich mit Recht\ndavon ab.\nIn allen drei Concerten konnte der Saal die Zuhörer\nnicht fassen. Thalberg spielte allein und fesselte jedes Mal\nzwei Stunden lang das Publicum, was in unseren Tagen\njedem Anderen schwer werden dürfte. Er ist von hier\nnach London gegangen.\nSchliesslich noch die Mittheilung, dass Hector Ber-\nlioz eine komische Oper geschrieben hat. Da sich ihm\ndie pariser Bühnen noch immer verschliessen, so hat er sie\nzur Eröffnung des französischen Theaters in Baden-Baden\nbestimmt, natürlich auf Veranlassung des dortigen Spiel-\nkönigs. Die zweiactige Oper heisst\ndas Buch soll Berlioz selbst nach einem Shakespeare'schen\nStücke verfasst haben. Sie wird Anfangs August zur Auf-\nführung kommen. Sein grosses Werk: zu\ngeben, hat sich die Direction der kaiserlichen Oper trotz\naller Mahnungen der öffentlichen Blätter noch nicht ent-\nschlossen. Eine solche Zurücksetzung eines so bedeutenden\nTalentes und Mitgliedes der Akademie bleibt in der That\nunverantwortlich.\n\nB. P.\n\nGluck und die Oper.\nII.\nDer zweite Abschnitt des neuen Werkes von Marx\nist „Jugend und Schule\" überschrieben, wobei denn\nAnton Schmid's (nicht: Schmidt's, wie irrthümlich ge-\ndruckt ist) „höchst verdienstliches Werk\" wenigstens in\neiner Anmerkung erwähnt ist; es hätte aber wohl, wie über-\nhaupt die Angabe der Quellen für das Historische des Bu-\nches, eine Anführung im Vorwort verdient.\nMarx hat einen ganz anderen Zweck vor Augen, als\nSchmid. So viel sich aus der ersten Lieferung erkennen\nlässt, ist sein Buch für Musikfreunde und überhaupt\nfür die gebildete Welt, die an der Tonkunst Theil nimmt\noder doch gern darüber spricht, verfasst, wie man aus dem\nColorit der Darstellung und aus den Erklärungen der mu-\nsicalischen Kunst-Ausdrücke (Contrapunkt, Recitativ, Satz\nu. s. w.) in den Anmerkungen siebt."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "181", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620607-01.1.5", "texte": "Da wir von Gluck's Rinderjahren und seiner Vorbil-\ndung zum Musiker so gut wie nichts wissen, so phantasirt\nMarx zu den wenigen Angaben Schmid's gar Manches hin-\nzu, was nicht billigen kann, wer abgesagter Feind nicht\nbloss der neumodischen Roman-Biographik der Rünstler,\nsondern auch des divinatorischen Herauslesens ihres Ent-\nwicklungsganges aus ihren späteren Werken ist. Was sol-\nlen uns Stellen, wie folgende:\n„Nicht Weidenwang,. nicht Neuschloss konnte der\nKleine als seine Heimat empfinden lernen, der Wald war\nes, der Wald mit seinen träumerischen Schatten u. s. w.\nDer trautere Tummelplatz wird wohl der Wald gewesen\nsein mit seinen Waldbeeren, mit seinen Verstecken, wo man\nden Vogelnestern nachspüren, dem Wild auf ferner Wald-\nwiese lauschen, wo unser Christoph, wenn er allein war,\nträumerisch jenem Rauschen und leisen Hall nachhangen\nkonnte, die unter der Heimlichkeit der brütenden Mittags-\nsonne, unter dem Hauche der erwachenden Abendlüfte so\nahnungsvoll durch den Wald ziehen. Niemand hat ihn da\nbeobachtet, Niemand davon erzählt; er selber ist, so viel\nwir wissen, sich dessen niemals erinnerlich gewesen. Aber\nviel später, als er längst aus dem heimlichen Forst in das\nGetreibe und Geräusch der Städte, aus dem Schoosse des\nNaturlebens auf die naturferne—damals der Natur so weit\nabgerückte Hof- und Theaterwelt übergesiedelt war: viel\nspäter sind jene Waldhalle, jene leisen und so übermächtig\ndas naturtreue Herz rührenden Liebesrufe und geheimen\nSeufzer in ihm wieder wach geworden, und er hat sie sei-\nnen Schöpfungen eingehaucht, wo es galt, unsere Ureinheit\nmit der Mutter Natur wieder herzustellen. Nichts geht im\nKünstlerleben verloren, und nichts, was in dasselbe einge-\ngangen, bleibt so leicht verschwiegen; alles Erlebte kehrt\nin den Kunstgebilden wieder. Jene Naturklänge werden\nwir weit später im Orpheus und anderen Schöpfungen\nwiederfinden.\"\nMöge es der verehrte Verfasser uns nicht übel nehmen,\nwir glauben, dass der kleine Junge, der im Winter dem\nVater barfuss dasJagdgeräth nachtragen musste, wieSchmid\nerzählt, den Wald wahrscheinlich öfter verwünscht, als da-\nfür geschwärmt hat. Eben so schwer können wir uns da-\nvon überzeugen, dass Gluck den „bedrängenden Einfluss\"\ndes Schulzwanges auf dem Jesuiten-Gymnasium zu Kom-\nmotau „empfunden haben müsse\", und dass „ihm lebens-\nlang die Narbe der Fesseln geblieben, die er in seiner Ju-\ngendzeit getragen\", was Marx „aus seinem Verhalten,\nselbst aus einzelnen Zügen seiner Werke\" (!) nachweisen\nwill. Wir sind neugierig auf diese Nachweisung.\nDer folgende Abschnitt: „Die Ausbildung des\nMusikers\", kann eben so wenig als der vorige auf siche-\nren Thatsachen fussen. Dass Sammartini's Unterricht in\nMailand (1T29 —1741) den Zögling im Contrapunkt nicht\neben weit gebracht haben mag, hätte Marx schon aus der\nAeusserung lländel's über Gluck bei dessen Anwesenheit\nin London (IT45—46): „Goddam, der versteht eben so\nviel vom Contrapunkt, wie mein Koch!\" (Burney,\nHandel, 1785, S. 42) argumentiren können. Er sucht es\nübrigens aus Gluck's De profundis zu beweisen; nur passt\ndie Analyse dieses Werkes, das eine der spätesten Arbei-\nten des Meisters ist, nicht recht hieher. Noch weniger\nkönnen wir aus der angezogenen Stelle, in welcher die\nWorte: „De profundis clamavi\", wiederkehren und ein\nAnlauf „zur Dramatik des Chors\" genommen wird, eine\nRechtfertigung des Schlusses finden, der in der Anmerkung\n(S. 28) daraus gezogen wird: „Dies Alles sagt dem für\nMusik Erweckten schon unmittelbares Empfinden. Allein\ngegenüber der ewig wiederholten Annahme, dass die\nSprache der Töne keines bestimmten Ausdrucks fähig\nund Erkenntniss ihres Inhalts nicht zu erlangen sei,\nscheint es nicht überflüssig, auf diese Erkenntniss hin und\nwieder hinzudeuten.\" Wir möchten doch wissen, wo-\nher aus:\nohne die Worte die „bestimmte Erkenntniss des Inhalts\":\n„Aus der Tiefe ruf' ich\", geschöpft werden sollte, da\ndas Motiv noch weit deutlicher (in der Höhe)\nausdrücken könnte!\nRecht befriedigend und besonders für Dilettanten, de-\nnen die grösseren Quellenwerke nicht zugänglich sind, be-\nlehrend und interessant sind die drei folgenden Abschnitte:\n„Grundlagen für die italische Oper* „Unter-\nbau der italischen Oper\" „Der musicalische\nAusbau\", nämlich derselben Oper. Diese Abschnitte sind\nganz an ihrer Stelle, um bei Gluck's Auftreten als Opern-\nComponist in Italien den Leser über die musicalischen\nZustände der damaligen Zeit zu Orientiren.\nDer erste handelt von der Entstehung der italiänischen\nOper aus der Idee, die griechische Tragödie wieder her-\nzustellen. Der zweite von den Operngedichten und deren\nStoffen. Wir theilen daraus einige Absätze mit:\n„Die Italiäner fanden für ihre ernste Oper (von der\nhier, bei der Hinführung auf Gluck, allein die Rede ist,\nkeine willkommneren Stoffe, als die Sagen und Persönlich-\nkeiten ihrer unerreichten grossen Vorfahren, der Griechen\nund Römer, einige mittelalterlich aufgefasste Bilder aus dem\nMorgenlande zugerechnet. Alle vom Alterthum herüber-\ntönende Namen—Titus, Alexander, Telemach mit der ver-\nführerischen Kalypso, die verlassene Dido, Armida, Bere-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "182", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620607-01.1.6", "texte": "iiice, der fabelhafte Rhamses 11. (nach den Griechen Seso-\nstris genannt) nebst Artaxerxes und Darius, dann die erz-\nstarren Römer Nero, Cato, Regulus, Cajus Gracchus, Sci-\npio, neben ihnen der furchtbare Feind Roms, Hannibal\nalle wurden heraufbeschworen aus ihren schattigen Ruhe-\nstätten vor den Lampenglanz der Oper; nicht zu vergessen\nden Wütherich Tamerlan, die Heroen und Halbgötter The-\nseus, Jason und Hercules, und wer weiss, wer noch. Ne-\nben sie traten, gleichsam ausnahmsweise und nur spärlich,\nPersonen und Hergänge der modernen Zeit oder des Mit-\ntelalters.\n„Dass sich jenen classischen Persönlichkeiten als hel-\nlende Mächte die himmlischen Heerscharen des Olymps\nzugesellten, versteht sich. Lange vor unserem Zeitabschnitte\nund fortwährend hatten sie die Herrschaft behauptet, wenn\nauch nicht in ihren alten Tempeln und dem Glauben des\nVolkes, doch auf den Schaubühnen, bei den Festen der\nFürsten und in den allegorischen Dichtungen der Hof-\npoeten. Schon aus dem vierzehnten Jahrhundert erzählt uns\nIristano Calco vom Vermählungsfeste des mailändischen\nHerzogs Galeazzo Visconti. Da trat unter dem Klange krie-\ngerischer Instrumente Jason mit den Argonauten auf, führte\nmit ihnen einen Tanz aus und legte das goldene Vliess vor\ndem neuen Paare als Festgabe nieder. Nach ihm kamen\nMercur, Apollo, Diana mit ihren Nymphen, Theseus und\nAtalanta, Iris, Hebe, kurz, der ganze olympische Tross,\nmitten darunter auch Judith aus dem alten Testamente\nherbei, alle mit Tänzen, Gesängen und Gaben. Wie oft\ndergleichen sich wiederholt (und jener Festlichkeit voran-\ngegangen), ist nicht auszurechnen. Die Italiener waren also\nder glänzenden Gesellschaft längst gewohnt.\n„Nun waren jene Glanzgeslalten des unvergesslichen\nAlterthums auf die Schaubühne der Oper getreten; was\nhätte den Italienern, den gesammten romanischen Stämmen\nnäher stehen können? Aber was begannen sie jetzt, diese\nHelden und Eroberer, diese Tyrannen und allehrwürdigen\n«J o\nHerrscher? Was konnten die tief herabgesunkenen Enkel\nihnen zu schaffen geben?\n„Diese Helden und trauervollen Königinnen, dieser\nblutige Nero und Tamerlan, dieser steife Republicaner nach\ndem Verschwundensein der Republik, Cato, dieser von den\nKnabenjahren her einzig dem Römerhass geweihte Hanni-\nbal, diese Stifter von Weltreichen, Cäsar und Alexander,\nwas hatten sie zu schaffen?— Sie liebten. Das war der\nKern ihres Lebens auf der Bühne.\n„Mit diesem ersten Worte ist das Wesen der italischen\ngrossen (oder ernsten) Oper bezeichnet. Die ganze Schar\nvon Helden und Herrscherinnen, die so viele Jahrhunderte\nlang mit den mannigfachsten Strebungen und Schicksalen\ndie Welt erfüllt, sie ist eine eitle, leere Namenreihe, eine\neinzige weitaufgebauschte Tauschung; nicht Menschen in\nder Mannigfaltigkeit ihres Lebens und Charakters stehen\nvor uns, es sind larven- und llitterreiche Masken-Anzüge,\naus denen das ewig gleiche Gesicht der alltäglichen Ver-\ngnüglichkeit breit hervorlächelt. Denn bei diesen unver-\ngänglichen Masken-Liebesspielen ist auch nicht einmal je-\nner Allen angedichtete letzte Rest ihres Lebens, die Liebe,\nfestgehalten. Die wahre Liebe passte nicht in diese prun-\nkenden Masken, und vollends unmöglich war es, dass sie\nsie ganz hätte ausfüllen können.\n„Hiermit kommen wir zum zweiten Charakterzuge der\ngrossen Oper. Das einzige Motiv, die Liebe, genügte nicht\nlür die gewählten Masken; man musste den Glanz und\nReicbthum ihrer Existenz wenigstens äusserlich zur An-\nschauung bringen, damit der liebende Kaiser sich von dem\nliebenden Schäferknecbt in etwas unterschiede, und die Zu-\nschauer in Logen und Parterre sich am Abbild ihres —-\noder des ersehnten vornehmen Prunkes vergnügten. Schau-\ngepränge ward die voranstehende Bedingung für dieses\nBühnenleben. Hiermit besonders wurden auch die Höfe der\nFürsten in das Interesse gezogen; der Prunk der Bühne\ntrat an die Stelle der mittelalterlichen Aufzüge und öffent-\nlichen Feste, mit mehr Mannigfaltigkeit und vielleicht min-\nderem Aufwände.\n„Nach dieser Seite hin geschah viel. Schon im fünf-\nzehnten Jahrhundert zeigte Beverini's Drama mit Mu-\nsik, Darius, in drei Acten vierzehn Verwandlungen und\nSchaustücke, darunter ein Schlachtfeld mit den indischen\nElephanten, die Thürme mit Bewaffneten, die Festungs-\nwerke von Babylon, das persische Lager mit den Kriegs-\nmaschinen, den Vorhof des Palastes, die königliche Halie,\ndas Grabmal des Ninus, ein dunkles Gefängniss, die Ruinen\neines alten Schlosses, das Zelt des Darius, Reiterei und\nFussvolk in Schlachtordnung, den ganzen Palast von Baby-\nlon. In der Oper Berenice von Freschi figurirten 1680\nScharen von 100 Mädchen, 100 Soldaten, 100 Gehar-\nnischten zu Pferde, 40 Hornisten, 6 Trompetern, 6 Tromm-\nlern, 6 l'ahnenschwenkern, 6 Posaunern, 6 Flötenbläsern,\n6 Troubadours „„mit türkischen Instrumenten''''; dann\nerschienen bei dem Triumphzuge noch 12 Reitknechte, 12\nWagenführer, Löwen und Elephanten, der vierspännige\nTriumphwagen, 12 andere Wagen, mit Gefangenen und\nKriegsbeute beladen, zuletzt 6 Carossen, die der Adel dazu\nhergeliehen. Malerischer mag erscheinen, was Vittorio\nRossi von der allen florentinischen Schaubühne berichtet:\n„„Durch bewegliche Wände sah man bald Wiesen, bald\nMeer, Gärten, Himmel und Hölle, Sturm und Ungewitter;\naus den Bäumen, die sich öffneten, stiegen unvermuthet\nreizende Dryaden hervor; in den Wäldern, die sich plötz-\nlich erhoben, tummelten sich Faunen, Satyrn und Nvm-"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "183", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620607-01.1.7", "texte": "phen; Najaden plätscherten in Quellen und Flüssen; Vieles,\nwas vordem nie gesehen worden war, wurde vor das über-\nraschte Auge der Schaulustigen gebracht.\"\" So wurde\ndem Auge vorgebildert, wo man tieferer Anregung nicht\nmächtig war oder nicht mehr begehrte.\n„Es ist begreiflich, dass dies Alles nicht hinreichen\nkonnte, die Opern-Abende zu lullen, wenn man auch die\nBallette in Rechnung stellen wollte, die zwischen den Acten\nals Zwischenspiele, ohne Zusammenhang mit der Oper\neine Zerstreuung in der anderen—, aufgeführt wurden.\nSelbst die wahre Liebe kann im Drama nur dauernd be-\nschäftigen, wenn sie tief als Brennpunkt des ganzen Da-\nseins, das sich ihr hingegeben, aufgefasst wird; wie hätte\njene Liebe, welche man den unpassenden Masken anlog,\nfesseln können?—sie war eben nur ein Hergang, wie jeder\nandere auch, eine dramatisirte Anekdote, der noch andere\nsich zugesellen müssen, um die Unterhaltung fortzuführen.\nDaher ward nun für die Oper ein Drittes nothwendig:\nBereicherung und Mannigfaltigkeit des thatsächlichen In-\nhalts durch Verdoppelung seines Hauptmoments\nund durch fremdartige Zusätze. Ohnehin kann jedes\ndramatische Beginnen die Herkunft des Drama's aus dem\nLpos nicht verläugnen. So lange Dichter und Zuschauer\nnoch unfähig sind, in die Tiefe des menschlichen Daseins\nzu dringen, suchen sie ihr Genügen in der Breite; zuerst\nkommt es darauf an, dass nur irgend etwas vorgeht, dann,\ndass recht viel geschieht; wie hätte die Oper sich dem\nentziehen können, nachdem sie sich von ihrem ersten Ziele\nabgewandt?\n„Es wurde daher neben das eine Liebesverhältniss ein\nzweites, wo möglich ein drittes gestellt, der Liebe wurden\nnicht bloss Eifersucht, Untreue, Sprödigkeit als verwandte\nMotive zugesellt, sondern ausserdem die ihr fremdesten,\nRuhmbegier, Herrschsucht, Verdrängung von Königen und\nKönigssprossen vom Throne, Hof-Intriguen kurz, der\nganze gemeine und gemüthfremde Hofwust, den man mit\njenen Masken aus der schlechtesten Zeit der römischen\nKaiser herübergenommen und an den kleineren Höfen tä<j-\no\nlieh zu beobachten hatte. Das Alles, Ueppigkeit, Ehrsucht\nund Intrigue lag auch in der Sinnesart der Italiener jener\nZeit; wie hätte wohl ein sinnlich höchst erregsames, mit\nfeinem, beweglichem Geiste ausgerüstetes Volk in politi-\nscher Verkommenheit, unter der täglich verschlechternden\nnemden und einheimischen Tyrannei sich anders gebahren\nsollen? Die Oper war das Kind des wirklichen Lebens,\ndem Erzeuger Zug um Zug sprechend ähnlich. Es konnte\nnicht anders sein.*\n\nUeber Wagner’s „Lohengrin“ in Wien\nZum Vortheil des untergeordneten Personals des k. k.\nHof-Opctnthealers wurde verflossenen Mittwoch bei auf-\ngehobenem Abonnement nach längerer l'ause wieder ein-\nmal „Lohengrin\" gegeben.\nlis fügte sich, dass wir Gelegenheit hatten, nach der\nV 01 Stellung einige in Sachen der Kunst nicht uneinsichtige\nLaim zu sprechen, die, völlig unbefangen, bei dieser Ge-\nlegenheit zum ersten Male die Bekanntschaft des wunder-\nsamen „Schwanenritters\" machten. Sie fanden alle, es sei\ndieses Werk etwas ganz Neues, Eigenartiges, schon da-\ndurch, weil über die gewöhnliche klingende, singende Mit-\ntelmässigkeit Hinausragendes, welches das Interesse in be-\nsonderer Weise anspanne, schliesslich aber freilich den\nZuhörer in einem Zustande völliger Erschöpfung und Ab-\nspannung entlasse (vollends hätten sie hinzusetzen kön-\nnen , wenn er bei einer Temperatur von nahe an dreis-\nsig Grad Reaumur aul seinem Sitze eingeklemmt über drei\nStunden lang bewegungslos ausharren muss). Sie fanden\nin der Empfindungsweise, aus welcher dieses Werk her-\nvorging, etwas Krankhaftes, Ungesundes, und der über-\nschwängliche Mysticismus, in welchem es sich von Anfang\nbis zu Ende mit geringen und dann etwas rohen Unter-\nbrechungen bewegt, wurde ihnen, je weiter das Drama\nvorschritt, immer peinlicher, ja, endlich unerträglich. Sic\nfanden, der Geist fühle sich durch dieses Werk in einen\nZustand versetzt, wie wir ihn körperlich bei anhaltender\nGewitterschwüle empfinden; sehnlich erwarten wir den\nAusbruch, bis uns endlich Wetterleuchten am Saume des\nHorizontes verkündet, dass dieser in weiter Ferne von uns\nerfolgt ist, ohne dass er die Temperatur, in welcher wir\nathmen, abgekühlt hätte. Ueber die Musik an und für sich\nselbst wagten sie nicht zu urtheilen, denn diese, halten sie\ngehört, sollte ja hier—obgleich nichts weniger als im be-\nscheidenen Hintergründe verharrend (wie man sie sich etwa\nim griechischen Drama denken mag) nur als ein unter-\noder doch höchstens nebengeordnetes Moment aufgefasst\nwerden. Aber es wollte ihnen scheinen, dass die entsetz-\nliche, trotz mancher genialer Züge und einer sehr bemer-\nkenswerthen, eigenthümlich operirenden Combinations-\nkraft doch so erfindungsarme, immerfort (freilich princi-\npiel!) mit denselben Farben malende Monotonie dieser Mu-\nsik, die, wo sie sich aufschwinge, immer ins Ekstaetische,\nwo nicht gar, wie in vielen von tatarischem Lärm erfüll-\nten, Erde und Himmel erschütternde Effecte anstreben-\nden, überdies auch oft von versteckten und offenen Remi-\nniscenzen wimmelnden Stellen ins Gemeine verfalle, nicht\n\n*) Aua den Nr. 21."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "184", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620607-01.1.8", "texte": "wenig zu dem unerquicklichen Gesammt-Eindruck des\nGanzen beitrage, und auch ihnen schien es sonderbar,\ndass, da sowohl die Musik, wie die Poesie an sich einen\nso geringen, rein künstlerischen Genuss gewähre, aus der\nVerbindung zweier durch sich so unbefriedigenden Poten-\nzen ein drittes Höheres hervorgehen solle, welches voll-\nkommener wäre, als alles, was uns bisher Oper und Drama\ngeboten; obwohl sie nicht läugnen konnten, dass es durch\ndie eigenlhümliche Mischung der Elemente auf besondere\nWeise wirke und dass eine reine Kraft auf diesem oder\neinem ähnlichen Wege wohl noch zu einer Kunstschöpfung\ngelangen könnte, die, zum Theil auf neuen Principien be-\nruhend, sich der alten Oper, dem alten Drama ebenbürtig\nzeigte, und mit alten Mitteln eine in gewissem Sinne neue\nKunstgattung erzeugte, in der sich die abwelkenden Zweige\nder Poesie wie der Musik neu zu regeneriren vermöchten.\nDies waren im Wesentlichen die Eindrücke, welche\nmeine Freunde von der Vorstellung des „Lohengrin\" em-\npfingen, und da sie so ziemlich mit denjenigen überein-\nstimmten, welche dieses, von vielen Gesichtspunkten aus\nbetrachtet, merkwürdige Werk Wagner's, wie sein\nWirken überhaupt immer in uns erweckten, so erlaubten\nwir uns, dieselben statt eigener Betrachtungen zu repro-\nduciren, die man doch eigentümlichen Erscheinungen der\nEpoche gegenüber immer von Zeit zu Zeit gern wieder\neinmal erneuert.\nDas gedrängt volle Haus und die häufig hervorbre-\nchenden Anzeichen von Sympathie bewiesen, dass der\nAntheil des Publicums an „Lohengrin\" noch immer ein\nsehr lebhafter ist, desselben Publicums freilich, welchem\nGluck's „Iphigenie\" keine Sympathie abzugewinnen ver-\nmochte.\nWas die diesmalige Aufführung dieses Opern-Drama's\nbetrifft, welche von je her zu den besseren unserer Bühne\ngehörte, so mischte sich in ihr Vollkommenes mit Schwa-\nchem und Misslungenem. Unter den vollkommenen Leistun-\ngen ist in erster Linie jene der Frau Du st mann zu nen-\nnen, welche die Elsa kaum jemals schöner gespielt und\ngesungen hat, als diesmal. Leben und Bewegung in jedem\nTone, jedem Zuge, dass man es gesteigerter und doch\nmaassvoll gebundener nicht zu denken vermag. Leistungen\ndieser Art sind wahrhaft schöpferische, denn sie ergänzen\nden Dichter und Componisten, dass ihm sein eigenes Ge-\nbilde, durch solchen Hauch belebt, fast als ein neues er-\nscheinen muss. Die Herren Beck und Schmid bewähr-\nten sich in früherer Tüchtigkeit und Tadellosigkeit, ja, der\nLetztere schien uns den König nie mit mehr Würde und\nMajestät in Gesang und Spiel repräsentirt zu haben. Be-\nziehungsweise schwach und nur ein Schatten von ehemals\nwar Herr Ander als Held desDrama's. Es ist in der That\nbedauernswert!), zu sehen, mit welcher peinlichen Mühe\nund Anstrengung dieser Künstler ringt, um seine frühere\nHöhe nur einiger Maassen zu behaupten, und doch vermag\ner seiner Kehle kaum mehr einen hellen, freien Ton ab-\nzugewinnen. Alles klingt so gedämpft, gedrückt.\nFräulein Destinn sang zum ersten Male die Or-\ntrud, und hatte mit dieser Rolle eine Partie übernommen,\nder sie denn doch—wenigstens vorläufig—nicht gewach-\nsen ist.\nDas Ensemble der Vorstellung, von je her tüchtig,\nwar es auch diesmal, mit Ausnahme des ersten Chors im\nzweiten Acte. Sehr zweckmässig hat man (wahrscheinlich\nauch schon bei früheren Vorstellungen) einige Kürzungen\nangebracht, die wirklich noth thaten, denn auch so nimmt\ndie Aufführung dieses Opern-Drama's noch über drei\nStunden in Anspruch.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\n'Wien. Man versichert mit Bestimmtheit, dass Wien noch in\ndiesem Jahre eine italienische Oper bekommen werde. Das\nUnternehmen geht von Privaten aus, welche an dasselbe die\nSumme von 100,000 Fl. wenden wollen. Das Geld soll bereits bei-\nsammen sein und jede Stunde flüssig gemacht werden Die\nOpern-Gesellschaft würde vom 1. October ab durch vier Monate,\nalso bis Anfang Januar 1863, Vorstellungen geben in welchem\nTheater, scheint noch nicht bestimmt zu sein. Dagegen soll der\nOpernsänger und bisherige Regisseur an der berliner Hofoper, Herr\nWolf, bereits für die artistische Leitung dieser Unternehmung defi-\nnitiv gewonnen und mit dem Engagement der erforderlichen Gesan-\ngeskräfte betraut worden sein. Herr Wolf soll demnach auch schon\nmit hervorragenden Celebritäten, namentlich mit Fräulein Artot,\nTrebelli und den Geschwistern Marchisio, Tamberlik und\nAngelini in Unterhandlungen getreten sein."}]}