{"numero_id": "bm-bmtnabi-1862-06-14-01", "volume": "bmtnabi_1862-06-14_01", "ocr_sha256": "ae0f9ebfa13c30ef7172b9933b499785b547a2a6a0bf9ad8eb5c136fca29c7c1", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1862/06/14_01/bmtnabi_1862-06-14_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620614-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1862-06-14-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1862-06-14_01#c001", "volume": "bmtnabi_1862-06-14_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "185", "page_fin": "185", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620614-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "185", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620614-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 174, "texte": "Inhalt.\nDas neununddreissigste niederrheinische Musikfest. 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Juni hier in Köln zum 39. Male seine Zu-\nsammenkunft unter Leitung des städtischen Capellmeisters\nHerrn Ferdinand Hiller und unter Mitwirkung von\nFrau Louise Dust mann, kaiserlich königlicher Kammer-\nsängerin in Wien; Fräulein Gertrude von Conraths\nin Köln; Fräulein Francisca Schreck, Concertsängerin\nin Bonn; Herrn Karl Schneider, Hof-Opernsänger in\nWiesbaden; Herrn Karl Becker, grossherzoglich hessi-\nschem Kammersänger in Darmstadt; Herrn Karl Hill,\nConcertsänger in Frankfurt am Main; Herrn Franz We-\nber, Dom-Organisten und königlichem Musik-Director in\nKöln, so wie von Künstlern und Dilettanten aus den Städten:\nAachen, Barmen, Bonn, Braunschweig, Brüssel, Coblenz,\nDüsseldorf, Elberfeld, Essen, Frankfurt am Main, Köln,\nMeiningen, Oldenburg, Paris, Trier, Wesel u. s. w.\nZur Aufführung kamen:\nSonntag, den 8. Juni: „Salomon\", Oratorium von\nG. F. Händel, nach der Original-Partitur für Doppelchor,\nSolostimmen, Orchester und Orgel. (Die Orgelstimme von\nF. Mendelssohn-Bartholdy.)\nMontag, den 9. Juni: Erster Theil. 1) Sanctus und\nOsanna aus der hohen Messe in H-moll, für sechsstimmi-\ngen und Doppel-Chor, Orchester und Orgel, von J o h.\nSeb. Bach; 2) Ouvertüre und Scenen aus der Oper\n„Iphigenie in Aulis\" von Gluck. Zweiter Theil. 3) Sin-\nfonie Nr. 9 mit Schlusschor über Schiller's Ode „An die\nFreude\" von L. van Beethoven.\nDinstag, den 10. Juni: Erster Theil. 1) Sinfonie in\nD-dur von J. Haydn; 2) Concert-Arie von Mozart,\ngesungen von Herrn C. Schneider; 3) „Die Nacht\",\nHymne von M. Hartmann, für Chor, Solostimmen und\nOrchester componirt von Ferd. Hiller (zum ersten Male);\n4) Ouvertüre zu „Genovefa\" von Rob. Schumann.\nZweiter Theil. 5) Chor aus „Salomon\" von Händel; t>\nClavier-Concert in D-durvon W. A. Mozart, vorge-\ntragen von Herrn Fe rd. Hiller; 7) Arie aus „Jessonda\"\nvon L. Spohr, vorgetragen von Frau Dust mann; 8)\nOuvertüre zu „Ruy Blas\" von F. Mendelssohn-Bar-\ntholdy; 9) Chor aus „Salomon\" von Händel.\nDie Programme der zehn früheren Feste in Köln gc-\nben den Beweis, dass ihre Ordner neben dem Festhalten\nan der alten Satzung, welche vorzugsweise Aufführungen\nälterer Meisterwerke fordert, auch den Bestrebungen der\njedesmaligen Zeitgenössen, deren Schöpfungen sich in\nForm und Geist den erhabenen Mustern anschlössen, voll-\nständig Rechnung trugen.\nWährend Händel an den Festen in Köln durch den\n100. Psalm (zwei Mal), Samson, Salomon, Psalm: „O,\npreis' den Herrn\", Josua, Jephta, Messias den Vorrang er-\nhielt, J. S. Bach durch Himmelfahrts-Cantate, das Credo\naus der H-mott-Messe,Naumann durch das „Vater unser\",\nGluck durch Scenen der Armide, Havdn durch die „Jah-\nreszeiten\", Mozart durch zwei Sinfonieen, Beethoven durch\nseine beiden Messen in C und D, „Preis der Tonkunst-*\n(„Der glorreiche Augenblick\") und die Sinfonieen Nr. V.,\nVI., VII. (zwei Mal), VIII., IX. vertreten waren, wurden\nvon zeitgenössischen Componisten und meistens unter de-\nren persönlicher Leitung aufgeführt: „Das Weltgericht\",\n„Die Sündllut\", „Der 24. Psalm\" von Friedr. Schneider,\n„Der 103. Psalm\" von Fesca, „Jephta\" und „David\" von\nBernh. Klein von Köln, Messe in und Hvmnen von Che-\nrubini, der zweite Act der „Olympia\" von Spontini, „Der\n114. Psalm\", „D ie Walpurgisnacht\" von Mendelssohn,\n„Saul\" von Ferd. Hiller.\nWenn nun auch die Neueren, wie auf unseren Musik-\nfesten überhaupt, so auch auf den in Köln gefeierten, ihren\nehrenvollen Platz gefunden haben, so ist es doch ausge-\nmacht, dass hauptsächlich die Aufführung der classischen"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "186", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620614-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5485, "texte": "Meisterwerke, deren monumentale Grösse aus der Vergan-\ngenheit in die Gegenwart und Zukunft hineinragt, die bei\nWeitem grösste Menge der Zuhörerschaft anzieht, und die\nTheilnahme des Publicums, welche sich seit der Wieder-\naufnahme des Festes im Jahre 1851 nach dessen dreijäh-\nriger Unterbrechung stets gesteigert hat, ist ein erfreuli-\ncher Beweis für das Gedeihen des Kunstlebens am Rheine\nin seiner edelsten Richtung auf die höchsten Gattungen der\nTonkunst: auf das Oratorium und die Sinfonie.\nDesshalb glänzten denn auch bei dem diesjährigen\nFeste am ersten und zweiten Tage die Namen Hän-\ndel, J. S. Bach, Gluck, Beethoven. Selbst den dritten\nTag zierten auch noch Haydn und Mozart, jener mit\neiner Sinfonie, dieser mit einem Clavier-Concert und einer\nArie; ihnen reihten sich Mendelssohn und Schumann\nmit Ouvertüren, Ferd. Hill er mit einem neuen, für das\nFest geschriebenen Gesangwerke an.\nDass nur Musikwerke deutscher Meister für\ndas Musikfest gewählt worden sind trotz der Bedeutung,\ndie ein solches immer auch für die gesammte Tonkunst\nhat, bedarf wohl keiner Rechtfertigung. AHein abgesehen\ndavon, dass in den Gattungen, die hier in Betracht kom-\nmen, kein anderes Volk Schöpfungen von ähnlichem Um-\nfange und Gehalt aufzuweisen hat, ist auch der Einwurf,\nden man vom weltbürgerlichen Standpunkte aus, den die\nTonkunst einnehmen müsse, machen könnte, nicht stich-\nhaltig; denn um für die idealen Zwecke der Menschheit\nzu wirken, braucht weder die Wissenschaft noch die Kunst\nihre Nationalität zu verläugnen. Wie deutsche Philosophie\nund Naturforschung überall hin weltbewegende Ideen ge-\ntragen haben, so haben auch Haydn, Mozart und Beetho-\nven für die deutsche Tonkunst alle Länder erobert und,\neinestheils rückwärts wirkend, der Wiederaufnahme ihrer\ngrossen Vorgänger Bach und Händel die Stätte bereitet,\nanderentheils vorbereitend ihren Nachfolgern Weber und\nMendelssohn die Bahn geebnet. So ist die deutsche Musik\nWeltmusik geworden, und jedes deutsche Musikfest ist eine\nVerherrlichung der Tonkunst für alle Nationen.\nFür die Aufführung am ersten Festtage war das Ora-\ntorium „Salomon\" von G. F. Händel gewählt worden.\nMehrere Gründe, unter Anderem auch die so seltene Er-\nscheinung dieses Werkes auf den Concert-Programmen in\nDeutschland, dass es dem bei Weitem grössten Theile der\nZuhörer ganz neu gewesen sein wird, sprachen für die Wahl\ndesselben, besonders aber der überaus günstige Umstand,\ndass für die Verwirklichung eines längst gehegten Wun-\nsches die Ilauptbedingung hier in Köln vorhanden war.\nJener Wunsch war nämlich der, auf einem Musikfeste wie-\nder einmal die Aufführung eines Händel'schen Oratoriums\nin einer Weise zu veranstalten, die der ursprünglichen Art\nder Ausführung unter Händel selbst so viel als möglich\ngleich käme, d. h. also durch Massen von Chören und Sai-\nten-Instrumenten und fortwährende Mitwirkung der Or-\ngel. Dasselbe war schon einmal mit Erfolg versucht wor-\nden im Jahre 1835 in Köln am ersten Pfingsttage, dem\n7. .Juni. Felix Mendelssohn, der Dirigent des damali-\ngen Festes,'hatte eben zu dem Salomon eine Örgelstimme\nvollständig ausgesetzt, welche Franz Weber auf einer\nprovisorisch im alten Gürzenichsaale aufgestellten, nicht\neben vollständigen Orgel spielte. Die Alt-Partie (Salomon)\nsang Frau von Beckerath, geb. Wolf, aus Crefeld; die\nSopran-Partieen Fräulein Bochkoltz (damals noch nicht\nFalconi) und Frau Eschborn; Tenorist war der gewal-\ntige Breiting, Bassist der unvergessliche Michael Du-\nMont, Beide bereits abberufen von dieser Welt, wie schon\ni % ■ w f 4 1 mf M.'■.. fll v * MwA M 7ff I H/1f . F M 41 \\l 19\nweit früher als sie der treffliche Meister, unter dessen Lei-\ntung sie sangen. Der Eindruck, den diese Aufführung vor\n27 Jahren machte, ist vielen Zuhörern aus jener Zeit noch\nlebhaft in der Erinnerung; er musste sich aber jetzt noch\neindringlicher und mächtiger wiederholen, da die gegen-\nwärtigen Verhältnisse, namentlich die räumlichen, durch\nden Umbau des Gürzenich, dessen Hauptsaal mehr als die\ndoppelte Höhe jdes damals vorhandenen erhalten hat, bei\nWeitem günstiger sind. Diese Erinnerungen und Erwä-\ngungen, das Vorhandensein der von Mendelssohn durch\ndie Orgelstimme vervollständigten Partitur, und die ermög-\nlichte Aufstellung einer Orgel durch die Herren Ibach &\nSöhne in Bärmen, deren Werkstatt zur Zierde der Rhein-\nprovinz gehört und durch zahlreiche Kunstwerke Bürg-\nschaft für den gelungenen Bau einer Concert-Orgel dar-\nbot, bewogen das Comite, das Oratorium Salomon für den\nersten Tag zu bestimmen. Herr Capellmeister Hiller,\nvon der Pietät gegen Mendelssohn und der richtigen An-\nsicht ausgehend, dass jedes Hinzuthun die Einheit der Ge-\nstaltung, die dessen Bearbeitung dem Werke gegeben,\nstören würde, brachte das Oratorium genau nach der Par-\ntitur Mendelssohn's zur Aufführung.\nIn der Reihe der Händel'schen Oratorien ist der Sa-\nlomon das vierzehnte; ihm folgten nur noch drei: Susanna,\nTheodora und Jephta. Händel schrieb das Werk im Jahre\n1748 vom 5. Mai bis 19. Juni; in demselben Jahre die\nSusanna vom 11. Juli bis 24. August. Er war damals 63\nJahre alt. In der londoner Musikzeit des folgenden Jahres\n1749 führte er beide Oratorien auf, Susanna vier, Salo-\nmon zwei Mal. In seinem Todesjahre (1759) gab er den\nSalomon noch zwei Mal, das erste Mal am 2. März zur\nEröffnung der Saison. Am 6. April desselben Jahres diri-\ngirte er zum letzten Male seinen Messias. Am Freitag\ndarauf, den 13. April, gab er den Geist auf, der auch für\ndiese Erdenwelt Unsterbliches geschaffen."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "187", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620614-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5235, "texte": "Was das Textbuch betrifft, so kann von dramatischer\nHandlung und einem scenischen Zusammenhange dersel-\nben nicht die Rede sein, indem die einzige dramatische\nScene, das Auftreten der beiden Mütter und Salomon's\nweise Schlichtung des Streites um das Kind, auch nur eine\nEpisode ist. Das Ganze bewegt sich um die Verherrlichung\nSalomon's in seiner Macht, Gerechtigkeit und Prachtliebe,\nund auch die Königin von Saba ist ziemlich naiv in dem\nletzten Theile nur eingeführt, um den Tempel in Salem\nund die Chorgesänge am Hofe des Herrschers über Israel\nzu bewundern.\nSalomon ist also, mit Ausnahme der eben erwähnten\nEpisode, ein rein lyrisches, rein musicaJisches Werk. Je\nweniger Handlung in diesem Oratorium ist, desto mehr\nMusik, Musik um der Musik willen, ist darin, und wohl\nmag Händel's, des Musikers, Hand bei der Gestaltung des\nTextes mit thätig gewesen sein, weil geschickt eingeführte\nVeranlassungen gegeben sind, dem Ausdruck der Empfin-\ndungen mannigfach wechselnden Charakter und ein Colorit\nzu verleihen, welches die Einförmigkeit des Stoffes hinter\nden lebhaften musicalischen Farben verschwinden lässt.\nDaher schreibt sich denn auch wohl im Ganzen, bei viel-\nleicht weniger Tiefe und Reichthum polyphoner Ausarbei-\ntung, eine fasslichere Fügung und ein absichtliches Hin-\nneigen zu einer edeln Popularität in den Chören. Diese\nletztere zeigt sich besonders in den anmuthigen und lieb-\nlichen Chören, während z. B. in den drei ersten Chorge-\nsängen des ersten Theiles, im Anfangs-Chor des zweiten,\ndem vorletzten des dritten u. s. w., die Schwingen des\nHändel'schen Genius trotz der dreiundsechszig Jahre ih-\nres Trägers sich eben so mächtig regen, als in seinen\nanderen Werken.\nSehr beachtungswerth sind die Sologesänge. Sie sind\nnicht in dem Bravour-Stile geschrieben, in welchem Hän-\ndel sonst in anderen Werken manche Zugeständnisse an\nden damaligen Zeitgeschmack macht.. Mit Ausnahme von\nzwei Arien der Tenor-Partie, für welche der Meister wahr-\nscheinlich gerade damals einen tüchtigen italiänischen Vir-\ntuosen hatte, die dritte ist prachtvoll, sind die Soloslücke\nin melodischer Einfachheit dem Charakter der Empfin-\ndung angemessen. So ist namentlich die Partie des Sa-\nlomon durchweg höchst edel gehalten und ohne alle\nSchnörkelei. Die Charakter-Verschiedenheit der beiden\nstreitenden Frauen ist meisterhaft musicalisch ausgedrückt,\nund die Arie der wahren Mutter: »Könnt' ich seh'n des\nKindes Blut\", ist eine echte Perle, die sich dem Schönsten,\nwas Händel geschrieben hat, würdig anreiht.\nDie Vocal- und Instrumentalkräfte, mit denen dieses\nOratorium am 8. Juni ausgeführt wurde, waren sowohl\nan Zahl als an künstlerischer Tüchtigkeit so bedeutend,\ndie Vorübungen und die Gesammt-Proben so eifrig und\nandauernd gehalten worden und die Leitung der Auffüh-\nrung durch t erdinand Miller so sicher und energisch\nund ein so treffliches Resultat des entschiedenen Talents\ndesselben für die Auffassung und Wiedergabe des wahren\nGeistes der grossen classischen Werke, dass sich unter der\nganzen zahlreichen Zuhörerschaft das einstimmige Urtheil\nbildete und durch die verständigsten Aussprüche und die\nbegeistertsten Beifallsbezeigungen offenbarte: „diese Auf-\nführung gehöre zu dem Grossartigsten und Vollkommen-\nsten, was man je gehört habe\".\nDer Sängerchor und das Orchester gewährten durch\ndie zweckmässige und zugleich architektonisch schöne Auf-\nstellung einen prachtvollen Anblick.\nDer Chor zählte 163 Mitglieder im Sopran, 135 im\nAlt, 102 im Tenor, 169 im Bass, mithin 569 im Gan-\nzen. Dazu hatten die anderen niederrheinischen Städte öl\nSopranistinnen, 45 Altistinnen, 36 Tenöre und 60 Bässe,\nzusammen 192 gesandt, die übrigen 377 bildeten den\nStamm aus Köln.\nDas Orchester hatte 53 Violinen, 20 Bratschen, 20\nVioloncelle, 14 Contrabässe. Die Tüchtigkeit dieser 107\nSpieler und ihre fast durchgängig vortrefflichen\nInstrumente bildeten ein Geigen-Quartett, das wohl\nnoch nicht seines Gleichen gehabt hat in Vereinigung von\nTonfülle und technischer Virtuosität Ausser den trefflichen\nMitgliedern des kölnischen Orchesters unter Anführung\nder Concertmeister Grunwald und von Königslöw,\nzählten wir unter den auswärtigen Künstlern bei den Vio-\nlinen die Herren Leopold Auer aus Pesth, Bargheer,\nConcertmeister aus Detmold, Bargheer aus Münster.\nBender, Concertmeister aus Düsseldorf, Engel, Concert-\nmeister aus Oldenburg, .Fleischhauer, Concertmeister\naus Aachen, Müller, Concertmeister aus Meinungen das\nganze Quartett der Gebrüder Müller war unter den\nMitwirkenden),Seiss, Concertmeister aus Barmen, Scholl-\nmeyer aus Düren, Spanke, Capeilmeister aus Pader-\nborn u. s. w.; bei den Bratschen de Bas aus Brüssel,\nKochner aus Düsseldorf, Kugler aus Coblenz, Paulus\naus Rotterdam, Posse aus Elberfeld, Reimers aus Bonn,\nSperr, Capeilmeister aus Aachen, Wolf, Musik-Direc-\ntor aus Crefeld u. s. w.; bei den Violoncellen Forberg\naus Düsseldorf, Geul aus Dortrecht, Goltermann aus\nStuttgart, E. Helfer aus Essen, Müller aus Meiningen,\nMüll er aus Paris, Schmit aus Prag, Jäger aus Elber-\nfeld, P. Müller aus Aachen u. s. w.; bei den Contrabäs-\nsen Prof. Bernier aus Brüssel, Simon aus Sondershau-\nsen u. s. w.\nDie Holz-Blas-Instrumente waren doppelt besetzt: 4\nFlöten u. s. w.; jedoch nur 4 Hörner, 3 Trompeten, 3\n\n[*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "188", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620614-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4410, "texte": "Posaunen und 1 Tuba, so dass das Klang-Verhältniss zwi-\nschen dem Geigen-Quartett und dem Blech vortrefflich\nwar, da das letztere nicht im Geringsten vortönte; die\nHolz-Blas-Instrumente in den Stellen, wo ihre Harmonie\nvorherrschte, ebenfalls voll schönen Klanges, im\nder Tutti's aber durch die Wucht der Streich-Instrumente\nmanchmal kaum gehörig durchdringend.\nDazu nun das Haupt-Instrument, die Orgel, zu dem\nMusikfeste besonders erbaut von Ibach Söhne in Bar-\nmen und auf dem breiten Galerieraume über den hinter-\nsten Reihen der Orchester-Pulte und der Chorsänger auf-\ngestellt, mit meisterhafter Behandlung der Registrirung\ngespielt vom königlichen Musik-Director Herrn Franz\nWeber. Dem Erbauer war nur kurze Zeit zum Bau und\nzu der Aufstellung der Orgel gestattet, und dennoch hat\ner ein Instrument geliefert, das sowohl in der Klangfülle\ndes vollen Werkes, als in den sanften Stimmen zur Be-\ngleitung der Sologesänge die erhebendsten und ergreifend-\nsten Wirkungen hervorbrachte und der Aufführung eine\nWeihe und dem Orchester an vielen Stellen eine so eigen-\nthümliche Klangfarbe verlieh, dass man sich in eine ganz\nandere Kunst-Athmosphäre möchten wir sagen ver-\nsetzt fühlte, als man sonst im Concertsaale gewohnt ist.\nDie Verbindung des Orgeltones mit dem mächtigen Chor\nund dem starken Geigen-Quartett war eine so vollkom-\nmene, dass Alles zu einem Gesammtklange verschmolz,\ndessen wunderbaren Eindruck man tief empfand, allein\nMühe hatte, sich ihn durch Zerlegung in seine einzelnen\nBestandteile zu erklären.\nUnd dennoch hatte die Orgel nur einundzwanzig\nStimmen, zwölf im Manual und neun im Pedal. Die\nDisposition ist folgende:\nManual.\n1. Principal 8 Fuss.\n2. Bordun 16 Fuss.\n3. Flauto maj.B Fuss.\n4. Viola di Gamha 8 Fuss.\n5. Gedackt 8 Fuss.\n6. Flauto trav. 8 Fuss.\n7. Octav 4 Fuss.\n8. Quint 22/3 Fuss.\n9. Octav 2 Fuss.\n10. Scharf, fünffach, 2 Fuss.\n11. Cornet, vierfach, 4 Fuss.\n12. Trompete 8 Fuss.\nPedal.\n13. Violonbass 16 Fuss.\n14. Subbass 16 Fuss.\n15. Octav 8 Fuss.\n16. Violoncello 8 Fuss.\n17. Gedackt 8 Fuss.\n18. Quint Ö2/3 FUSS,\n19. Octav 4 Fuss. • H\n20. Posaune 16 Fuss.\n21. Trompete 8 Fuss.\nMit diesen einfachen Mitteln hat Herr Ibach eine\nConcert-Orgel hergestellt, welche die geschilderte Wir-\nkung machte, ein Werk, das für den Augenblick alle Er-\nwartungen übertraf und für die Zukunft den Wunsch nach\neiner durch die Stimmen eines zweiten und dritten Manuals\nund noch eines sechszehnfüssigen Principals im Pedal ver-\nvollständigten Orgel doppelt rege machte.\nUnter der Zuhörerschaft waren die Tonkünstler und\nMänner vom Fach so zahlreich vertreten, wie noch bei\nkeinem Musikfeste am Rheine. Es waren unter Anderen\nan allen drei Tagen anwesend: Moscheies, Reinecke,\nvon Bernuth aus Leipzig, Blumner aus Berlin, Pas-\ndeloup und Gouvy aus Paris, Kufferath aus Brüssel,\nSoubre, Director des Conservatoriums in Lüttich, Kuf-\nferath der Aeltere aus Utrecht, Verhülst aus Rot-\nterdam, Richard Hol und van Bree aus Amsterdam,\nDietrich aus Oldenburg, Scholz aus Hannover, von\nPer fall aus München, Boch aus Heidelberg, Gerns-\nheim aus Saarbrücken, Schindelmeisser aus Darm-\nstadt, Müller aus Frankfurt, Brahms aus Hamburg,\nAnger aus Lüneburg, Wolf aus Crefeld, Schornstein\naus Elberfeld, Engels aus Mülheim an der Ruhr, Zur\nNieden aus Duisburg, Tausch aus Düsseldorf, Wüll-\nner aus Aachen, Otto Jahn und Heimsoeth aus Bonn,\n0. Grimm und Michälek aus Münster, Petsch aus\nSiegen, Lenz und Kugler aus Coblenz, Helfer aus Es-\nsen, Breidenstein aus Dortmund, Weinbrenner aus\nLüdenscheid, Brambach aus Bonn, Engel aus Bremen,\nFiedler aus Cleve, Kalliwoda aus Karlsruhe, Lenz,\nMusik-Director aus Mitau in Russland, Wetrens aus Lei-\nden u. s. w. u. s. w. in der That ein stattlicher musi-\ncalischer Congress!\nBei der Bearbeitung der Orgelstimme hat Mendels-\nsohn sich enge Gränzen gezogen; man erkennt überall\ndarin den feinen Tact, der ihn bei solchen Dingen leitete.\nNicht nur bei den Sologesängen, sondern auch selbst in den\nChören lässt er die Orgel bescheiden auftreten, wodurch\ndenn ihre Wirkung durch Steigerung und am Ende durch\ndie ganze Kraft mit dem vollen Werke um so herrlicher\nin das Ganze eingreift. Es wäre zu wünschen, dass\ndie Partitur, die im Besitze des Herrn Ignaz Seyd-\nlitz hierselbst ist, von der leipziger Händel-Ge-\nsellschaft für die Herausgabe des Salomon be-\nnutzt würde. Bei der bekannten Kunstliebe des Besitzers\nwürde dieser gewiss mit derselben Zuvorkommenheit, mit"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "189", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620614-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3726, "texte": "welcher er die Schätze seiner grösstenteils von seinem\nSchwiegervater, dem um Kölns musicalische Zustände so\nhochverdienten Verkenius, herstammenden musicalischen\nBibliothek zur Benutzung gestattet, gern dem desfalls ge-\näusserten Wunsche entsprechen.\nGleich in der Ouvertüre, die nur für 2 Violinen (mit\ndenen die zwei Oboen gehen), 2 Bratschen und Bässe ge-\nschrieben ist, macht nicht nur in dem Largo die Orgel mit\nden Accorden des vollen Werkes, sondern auch im Allegro\nmit der Verstärkung der Bässe durch das Pedal und der\nharmonischen Füllung im Manual durch die Labialslimmen\nohne Zungenwerke eine vortreffliche Wirkung.\nIm ersten Chor (Nr. 2) gibt der der\nOrgel, der dem Einsetzen der Chor-Bässe ohne Begleitung\nauf das vierte Viertel vorausgeht, eine ganz andere Ankün-\ndigung des Festgesanges: „Mit Harf' und Cymbelklang er-\nhebt Jehovah's Macht\", als das blosse der Contrabässe.\nDen vollen Chor begleitet sie nur im bei den\nSätzen des Soprans, Alts und Tenors (ohne Bass) verstärkt\nsie die Singstimmen ohne Mixtur und lßfüssige Register,\nund erst am Schlüsse, wo die Chor-Bässe und Tenörc zum\nletzten Male das Haupt-Motiv: „Ihm, aller Herren Herr\",\nin B-dur intoniren, tritt das volle Werk ein.\nDie folgende Bass-Arie in (Nr. 3,3ji), die ein-\nzige für Bass-Solo im ganzen Oratorium (vielleicht eine\nspätere Einlage?), im Original bloss von 2 Violinen und\ndem bezifferten Bass begleitet, hat Mendelssohn mit sicht-\nbarer Liebe für die Orgel instrumentirt mit vorherrschen-\ndem Register der Viola di Gamba. Fast in keiner anderen\nNummer erscheint die Orgel so selbstständig; aber die Zu-\nthat bleibt immer sehr bescheiden und ist mit einem be-\nwundernswerthen Zartgefühl aus Andeutungen, die in den\nViolinen oder in der Gesangstimme liegen, geschöpft. Z. B.\nTact 10 —ls des Vorspiels:\nDie in den Tacten 12—15 anklingende Violoncell-Solo-\nstimme erhält sogar späterhin eine ganz selbstständige Fi-\ngur beim Schlüsse des Thema's in F-dur auf der Domi-\nnante von Es, fünf Tacte vor dem Wiedereintritt der\nHaupt-Tonart: „Preise den gütigen Herrn alle\nAber auch diese Figur ist nur vorweggenommen, denn\nihre Basis tritt später in der ersten Violine, in der Sing-\nstimme und im Bass auf:\nDie in der Partitur nur mit dem Bass begleiteten Schlüsse\nder melodischen Perioden füllt Mendelssohn durch die Or-\ngel harmonisch aus.—Wir sind bei dieser Nummer etwas\nausführlicher gewesen, um den Lesern eine ungefähre\nVorstellung von der Art zu geben, wie Mendelssohn die\nOrgelstimme ergänzt hat.\nHerr Karl Hill aus Frankfurt am Main trug die\nArie mit seiner vollen, weichen Stimme, die sich vortreff-\nlich zum Oratoriengesang eignet, ausdrucksvoll und wür-\ndig vor.\nIn dem Einleitungs-6r?wedes prachtvollen Doppelchors\nNr. 4in B-dur: »Mit frommem Sinn und heil'gem Mund\",\nlernten wir zuerst die eigenthümlich wunderbare Wirkung\nempfinden, welche die gehaltenen Accorde des vollen Orgel-\nwerkes zu den in lauter schweren Achteln gehenden Sai-\nten-Instrumenten machen. Diese Klang-Vermählung ist in\nder That gar nicht zu beschreiben; die Schallwellen strö-\nmen dermaassen auf uns los, dass wir nicht mehr unter-\nscheiden können, welche Wogen drängen und welche ge-\ndrängt werden, so merkwürdig und so schauerlich rauschten\ndie vom Hauche des Windes erbebenden Luftsäulen der\nPfeifen mit den Schwingungen der Saiten der hundert und\nsieben Geigen von allen Maassen und Formen in einander.\nUnd nun in dem Hauptsatze die zwei überaus klangvollen\nChöre dazu, deutlich durch die Aufstellung gesondert\ndenn die Breite des Saales verstattete, das Orchester na-\nmentlich die Violinen) dazwischen zu schieben —, an Prä-\ncision der Einsätze und der Accentuation und an Frische\nder Stimmen mit einander wetteifernd, mit dem kräftigen\nHaupt-Motiv:"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "190", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620614-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 761, "texte": "von allen Seiten des Saales her einsetzend, wie verschiedene\nVölkerscharen, die im Tempel zusammenströmen, dann\nauf- und abwogend mit der zweiten Figur des Thema's:\nwelche in der Mitte und dann wieder am Schlüsse zu einer\nlängeren Beihe ausgedehnt wird und durch die vereinigten\nChöre—die Bässe dreifach in Chor, Orchester und Pedal\nder Orgel—eine Steigerung erzeugt, deren Tonstufen sich\nriesig über einander thürmen: das Alles zusammen be-\nschwor mit unwiderstehlicher Gewalt einen Sturm von Bei-\nfall herauf, wie man ihn selten erlebt. Erstaunt, und doch\nauch selber hingerissen, fragte sich der Musiker: „Womit\nhat der Componist diese ungeheure Wirkung erreicht?\"\nOben stehen die paar Noten der vier Tacte, aus denen\nder ganze Chor von 90 Tacten gebaut ist."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1862-06-14-01-c008", "article_bluemountain": "bmtnabi_1862-06-14_01#c008", "volume": "bmtnabi_1862-06-14_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "190", "page_fin": "192", "image_debut": 6, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620614-01.2.3", "titre_corps": "Johann Nestroy.", "titre_sommaire": "Johann Nestroy.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "190", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620614-01.1.6", "debut_caractere": 763, "fin_caractere_exclue": 5135, "texte": "Johann Nestroy.\nGeboren 1802. Gestorben 1862.\nJohann Nestroy hatte als Opernsänger begonnen.\nBald indessen fühlte er sich in dem Fache eines „ersten\"\nBassisten zweiten Banges unbehaglich. Er empfand zwar\nfür Musik eine wahre Neigung, die er auch in der Folge\nnie ganz verläugnet hat (er besuchte stets noch mit Vor-\nliebe das Kärnthnerthor-Theater, den ersten Schauplatz\nseines Sarastro-Debuts) —allein inmitten der vielerlei Ueber-\nIreibungen, die er Gelegenheit hatte selbst an bedeutenden\nund gefeierten, geschweige denn an mittelmässigen Opern-\nsängern zu beobachten, musste allmählich jener Hang zur\nTravestie in ihm erwachen, den er sein Leben lang als\nunterscheidendes Zeichen seiner schauspielerischen und\nschriftstellerischen Bichtung bewahrt hat, jener unwider-\nstehliche Kitzel, die Verkehrtheiten der Menschen durch\ntravestirende und parodirende Steigerung höhnend zu ver-\nnichten. Er wandte sich demgemäss dem Fache der Local-\nKomik zu und spielte vorläufig auf Provinz-Bühnen.\nIn Graz fand ihn Direclor Carl, liess ihn in Wien\ngastiren und wollte ihn engagiren. Carl's Vorsicht jedoch\nund bekannte Knickerei, und Nestroy's jetzt noch einmal\nerwachende Neigung zur Oper hätten bald ein Abbrechen\nder bezüglichen Unterhandlungen und ein Engagement\nNestroy s als Buflo am Kärnthnerthor zur Folge gehabt;\nallein Carl besann sich noch zu rechter Zeit, und Nestroy\nblieb der LocabPosse erhalten.\nEhedem waren die Volks-Komiker stereotype Beprä-\nsentanten stehender, conventionel adoptirter Charakter-\nMasken, welche unter irgend einem theatralischen Vor-\nwande oder auch ohne weiteres Motiv als die Nothwendig-\nkeit komischer Zuthaten in jedwede Komödie, selbst in\nStücke ernster Gattung, hineingezwängt wurden und ohne\nviel Bücksicht auf die sonstige Handlung, auf die übrigen\nCharaktere und die Gesammt-Tendenz des Stückes ihre\nurwüchsigen Spässe zum Besten gaben, wie es ihr Altvater\nHanswurst seiner Zeit mit urseligem Behagen gethan\nhatte. Nestroy, so dünkt uns, gehörte seinem Komiker-Na-\nturel.nach zu den Ausläufern dieser Bace. Jene Tage aber\nwaren vorüber, wo eine neue Erscheinung nach Art des\n„Casperl\" oder des „Taddädl\" den gesteigerten Anforde-\nrungen der Zeit hätte genügen können. Eben noch hatte\nFerdinand Baimund als Schauspieler und Dichter der\nVolksbühne einen neuen Horizont eröffnet, der Volks-\nmuse einen höheren Aufschwung, der Volkschauspielerei\neine intensivere Bedeutung gegeben. Nestroy selbst war\nals Mensch zu einsichtsvoll, intelligent und gebildet, um\nseine Wirksamkeit auf jenes abgetretene Feld beschränken\nzu wollen. Er fühlte sich auf neue Bahnen gedrängt, und\nzwar um so mehr, je weniger er von Baimund's volkstüm-\nlich er Poesie auch nur einen Funken in sich trug. Er be-\ngann fürs Theater zu schreiben, zuerst noch mit pflicht-\nschuldiger Anwendung der allegorischen Zauberformeln,\ndie aber bei ihm eben niejits als Formeln und Schemen\nwaren, nicht wie bei Baimund bedeutungsvoll verkörperte\nIdeen. Dem Inhalte nach griffen Nestroy's Stücke (Lum-\npaci Vagabundus) sofort ins reale Leben, ja, sofort mit\nsichtlichem Behagen in niedrige Verhältnisse, und bald\nward das leere Formel- und Schemenwesen als fremder\nBlutstropfen abgestreift und mit kecker Hand der Staub\nund der Schlamm aufgewühlt, den man sonst kaum neben-\nbei und ausnahmsweise zu berühren wagte. Der neue\nVolksdichter begnügte sich nicht mit der Schilderung,\ner zog die satirische Geisselung, die höhnende Züch-\ntigung der Menschen und Zustände in den Bereich seiner\nAufgabe,—und er erfüllte diese Aufgabe, wenn auch nicht\nimmer in löblichster, doch zumeist in so kühn überlegener\nWeise, dass die gezüchtigte Menge denn sie war es selbst,\ndie in ihren verschiedenen Bestandtheilen getroffen ward\n—die Meisterhand erkennen und bewundern musste.\nNestroy's Stücke machen der Erfindungs- und drama-\ntischen Gestaltungskraft ihres Autors wenig Ehre. Der\nStoff ist fast durchgängig aus französischen Quellen entlehnt\nund leicht in einander gefügt. Dagegen enthalten sie mit-\nunter sehr wirksame Situations-Komik, sind reich an cha-\nraktergetreuen, lebenswahren Schilderungen wirklicher\nZustände und übersprudeln von witzigen Einfällen und\ntreffenden Worthieben gegen moderne Verkehrtheiten und\nThorheiten. Witz, Satire, Geist, parodistische Darstellungs-\ngabe, eindringendes Verständniss der realistischen Tenden-\nzen der Gegenwart, geniale Macht der Travestie dahin"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "191", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620614-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5558, "texte": "concentrirt sich die Wirksamkeit dieser Stücke. Ziehen sie\neinestheils die Volksposse in ekle Regionen herab, so erhe-\nben sie sich wieder durch die kecke Genialität der Aus-\nführung über das Maass des Gewöhnlichen. Findet das\nGemüth darin keine Nahrung, so verletzen sie doch nicht\ndurch falsche Gemüthlichkeit.\nDie erste Kategorie aus den dreissiger Jahren\n„Lumpaci\", „Eulenspiegel\", „Der gefühlvolle Kerkermei-\nster\", „Robert der Teuxel\", „Nagerl und Handschuh\"\n(die vier letzteren als Parodieen) trägt noch deutlich\nden Stempel der Harmlosigkeit in der Anlage und reiht\nsich in dieser Beziehung gewisser Maassen an die Vor-Rai-\nmund'sche Periode, an Meissl und Bäuerle an, nur mit\nbis dahin ganz unerhörter Kühnheit im Witzemachen und\nim Ironisiren.—Die Stücke der zweiten Periode, zu Ende\nder dreissiger und Anfangs der vierziger Jahre— „Eisen-\nbahn-Heirathen\" , „Liebesgeschichten undHeirathssachen\",\n„Die verhängnissvolle Faschingsnacht\", „Einen Jux will\ner sich machen\", „Unverhofft\" u. s. w. —, flunkern im-\nmer glänzender im Rauschgolde der witzigen Wortver-\ndrehung, geissein immer kühner alles Bestehende, strafen\nThorheit und Laster mit vernichtendem Spotte, vergreifen\nsich aber auch an allem, was dem Menschen werth und\nlieb und heilig, und verschmähen keine Zweideutigkeit,\nwenn sie nur drastisch wirkt.—Mit dem Jahre 1847 end-\nlich kommt plötzlich zu allgemeiner Ueberraschung ein\nneues Element in die Nestroy'sche Dichtung: ein Anflug\npolitisch-socialen Ernstes. Etwas von einem Dichter musste\ndoch in dem Manne stecken; denn die Gewitterschwüle,\ndie vor der achtundvierziger Rewegung die Luft so drückend\nmachte, fand in seinem „Unbedeutenden\", in seinem\n„Schützling\" ahnungsvollen Ausdruck. Ohne die früher\nbezeichneten Eigenschaften der Nestroy'schen Stücke ganz\nzu verläugnen, hatten diese beiden letzteren doch einen we-\nniger frivolen Zug; ohne viel Aufhebens damit zu machen,\nwar jetzt ein ernster Ton beigemischt, tiefer einschnei-\ndende sociale Fragen waren angeklungen, berechtigte Re-\ngungen des potenzirten Volksbewusstseins machten sich\nfühlbar. Das war die dritte Periode der Nestroy'schen\nTheater-Muse. Dem Taumel des Jahres 1848 widmete er\nnoch eine drastisch-tolle Opfergabe: „Die Freiheit in Kräh-\nwinkel\", dann folgten in immer längeren Zwischenräumen\neinige mehr oder minder erfolglose Versuche, dann nur\nnoch Bearbeitungen, wie „Tannhäuser\", „Der gebildete\nHausknecht\" u. s. w Die eigentliche schriftstelleri-\nsche Kraft war versiegt, und Nestroy hatte Tact genug,\nsich nicht zum Schreiben zu forciren. Er hatte bittere Er-\nfahrungen genug angesammelt. In seiner glänzendsten Pe-\nriode war das Publicum mit gespanntester, ungeduldigster\nNeugierde, aber auch mit unerbittlicher Strenge jedem\nSchritte seiner schriftstellerischen Laufbahn gefolgt. So\nviele von seinen Stucken tumultuarisch bejubelt worden\nwaren, eben so viele wurden rücksichtslos zurückgewiesen,\ndie einen lautlos, die anderen unter Zischen und Pochen\nund Pfeifen unbarmherzig verhöhnt. Tief empfand dies der\nVerfasser, und fühlte sich namentlich als Schauspieler da-\ndurch eingeschüchtert. So kühn, so cvnisch seine Feder\nwar, so ängstlich war der Mann, so ängstlich der Schau-\nspieler Nestroy; und nachdem ihn der Unwille des Publi-\ncums wiederholt so arg behandelt, so tief gedemülhigt\nhatte, konnte er sich späterhin in keiner neuen Rolle einer\nunbezwingbaren Angst erwehren., die ihm die Kehle zu-\nschnürte, das Gedächtniss raubte und ihn regelmässig die\nersten Scenen verderben liess, bis ihn die erste wärmere\nApplaus-Salve wieder in Fassung brachte.\nNestroy war überhaupt, so begabt er äusserlich durch\nGestalt, Physiognomie und Organ auch erscheinen mochte,\nkein eminentes schauspielerisches Talent, wenn man ein\nscharfes Charakterisirungs- und Individualisirungs-Vermö-\ngen als Merkmal eines solchen annimmt. Das Stereotyp-\nKomische lag ihm, wie schon angedeutet, näher, als das\nPrägnant-Charakteristische. Seine Specialität als Darstellung\nwar die burleske Travestie und die fratzenhaft gesteigerte\nCharge; hierin allein wirkte er mit ursprünglich komischer\nKraft, mit elementarer Genialität. Die Anforderungen der\nZeit, seine eigene geistige Regsamkeit und seine schrift-\nstellerische Fruchtbarkeit veranlassten ihn freilich zurUeber-\nnahme einer Menge zumeist selbstgeschriebener Rollen, die\nausser diesem Kreise lagen, und mit denen er nichts desto\nweniger Erfolge errang. Allein uns dünkt, der Dichter\nNestroy habe hierbei weit öfter dem Schauspieler Nestroy,\ngeholfen, als umgekehrt der Schauspieler dem Dichter. Der\nWitz des Dichters hielt die Rolle mehr als die Kunst des\nSchauspielers; die Kunst des Letzteren bestand zunächst\nin stereotypen Geberden. Der Charakter als solcher ward\nvon Nestroy kaum äusserlich angedeutet, nie täuschend fest-\ngehalten, nie sorgsam ausgeführt; einer dramatischen Stei-\ngerung war Nestroy nicht fähig. Caricaturen wie Sans-\nquartier, parodistische Gestalten wie Bertram, Chargen wie\ndie „Hausmeisterin\"—wer wäre so griesgrämig gewesen,\ndem drastischen Zauber dieser Figuren, die man oft und\nmit Recht Hogarth'sche genannt hat, zu widerstehen? Ihre\nGränze überschritten diese Bilder aber späterhin nur zu\noft.— Wer Nestroy nicht mit den Augen der Gewohnheit\noder der Voreingenommenheit beobachtete, musste geste-\nhen, dass viele seiner selbstgeschriebenen Rollen trotz man-\nnigfacher drastischer Einzel-Momente eine bestimmtere\nCharakterzeichnung verlangt hätten. Sein Knieriem freilich\nwar eben so genial gespielt als geschrieben; hier traf ein\nsicherer Instinct den erschreckend richtigen Ton zur Cha-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "192", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620614-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2436, "texte": "rakterisirung des behaglich gemeinen Lumpenthums. Von\nentschiedener Wichtigkeit für Nestroy's künstlerische Wirk-\nsamkeit war seiner Zeit seine Stellung an der Wien unter\nDirector Carl neben Wenzel Scholz. Nestroy war damals\nein wichtiges Glied in der Entwicklung des wiener Volks-\ntheaters. Er beherrschte nicht unbeschränkt die Lachlust\nund den Beifall der Menge, dafür sorgte seines Directors\nKlugheit und seines beliebten Collegen eminentes Talent.\nEr war beliebt, nicht überschätzt. An seinen Stücken\nwurde damals strenge, oft überstrenge Justiz geübt. Wie\nviele Stücke werden heutzutage geduldig hingenommen\noder gar von unverschämten Claqueurs bejubelt, die wohl\nein weit ärgeres Schicksal verdienten, als den schwächeren\nNestroy'schen Stücken damals bereitet ward. Viel nachsich-\ntiger war man seit je her gegen den Schauspieler Nestroy,\ndem man Vieles ungerügt passiren liess und in allen Ueber-\ntreibungen freien Spielraum gewährte.\nVon Carl's Tode, dem der alte Scholz zwei Jahre spä-\nter ins Grab folgte,datirt Nestroy's materieller Glücksstern;\nvon derselben Zeit müssen wir seine künstlerische Deca-\ndenz datiren. Als Schriftsteller hat er seit dieser Zeit\nnichts Nennenswertes producirt, als Schauspieler be-\ngann er zu altern und hatte keinen natürlichen Anhalts-\npunkt mehr auf den Trümmern der wiener Localposse;\nals Director endlich, zu dem man ihn gemacht hatte, war\ner die unbedeutendste Null, welche je einem Weiber- und\nCoterie-Begiment den Namen geliehen. Dafür ward er frei-\nlich von jetzt an gehätschelt und bejubelt, wie nie vorher;\ndafür ward er freilich jetzt erst zum reichen Manne; dafür\nward er freilich zum Halbgott der wiener Volksposse aus-\nposaunt, der armen Posse, die in den letzten Zü gen lag\nund der ein genialer, aber gealterter Chargenspieler nicht\nmehr auf die Beine helfen konnte. Dieser unverdiente Er-\nfolg, an dem sich der einflussreichste Theil der wiener Ta-\ngespresse in unverantwortlicher Weise betheiligte, dauerte\nsechs Jahre, nach welchen Nestroy die Direction nieder-\nlegte und nur mehr als Gast unter Herrn Treumann's Lei-\ntung mitwirkte. Sein Abschied als Knieriem in seinem\nberühmten Erstlingswerke „Lumpaci-Vagabundus\" war\nglänzend, und wer wollte diesen letzten Triumph dem letz-\nten Mohikaner der wiener Volksmuse missgönnen?!\n(Er wurde am 2. Juni mit feierlichem Zuge begraben\nauf dem Währinger Friedhofe, in der Nähe der Buhestät-\nten von Schubert und Beethoven.)\n(W. Ree.)"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1862-06-14-01-c009", "article_bluemountain": "bmtnabi_1862-06-14_01#c009", "volume": "bmtnabi_1862-06-14_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "192", "page_fin": "192", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620614-01.2.4", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "192", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620614-01.1.8", "debut_caractere": 2438, "fin_caractere_exclue": 2739, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nHans Seling, der begabte Pianist und Componist, der uns hier\nin Köln noch vor einem Jahre in der musicalischen Gesellschaft\nmit seinen Vorträgen erfreute (vgl. Niederrh. M.-Z., 186], Nr. 14 v.\n(). April), ist am 25. Mai zu Leipzig an einer Lungen-Affection ge-\nstorben."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "185", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620614-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nDas neununddreissigste niederrheinische Musikfest. I. Johann Nestroy (geboren 1802— gestorben 1862). Nekrolog.\nTages- und Unterhaltungsblatt (Leipzig, Hans Seling f).\n\nDas 39. niederrheinische Musikfest.\nI.\nDer Niederrheinische Musikverein feierte am\n8., 9. und 10. Juni hier in Köln zum 39. Male seine Zu-\nsammenkunft unter Leitung des städtischen Capellmeisters\nHerrn Ferdinand Hiller und unter Mitwirkung von\nFrau Louise Dust mann, kaiserlich königlicher Kammer-\nsängerin in Wien; Fräulein Gertrude von Conraths\nin Köln; Fräulein Francisca Schreck, Concertsängerin\nin Bonn; Herrn Karl Schneider, Hof-Opernsänger in\nWiesbaden; Herrn Karl Becker, grossherzoglich hessi-\nschem Kammersänger in Darmstadt; Herrn Karl Hill,\nConcertsänger in Frankfurt am Main; Herrn Franz We-\nber, Dom-Organisten und königlichem Musik-Director in\nKöln, so wie von Künstlern und Dilettanten aus den Städten:\nAachen, Barmen, Bonn, Braunschweig, Brüssel, Coblenz,\nDüsseldorf, Elberfeld, Essen, Frankfurt am Main, Köln,\nMeiningen, Oldenburg, Paris, Trier, Wesel u. s. w.\nZur Aufführung kamen:\nSonntag, den 8. Juni: „Salomon\", Oratorium von\nG. F. Händel, nach der Original-Partitur für Doppelchor,\nSolostimmen, Orchester und Orgel. (Die Orgelstimme von\nF. Mendelssohn-Bartholdy.)\nMontag, den 9. Juni: Erster Theil. 1) Sanctus und\nOsanna aus der hohen Messe in H-moll, für sechsstimmi-\ngen und Doppel-Chor, Orchester und Orgel, von J o h.\nSeb. Bach; 2) Ouvertüre und Scenen aus der Oper\n„Iphigenie in Aulis\" von Gluck. Zweiter Theil. 3) Sin-\nfonie Nr. 9 mit Schlusschor über Schiller's Ode „An die\nFreude\" von L. van Beethoven.\nDinstag, den 10. Juni: Erster Theil. 1) Sinfonie in\nD-dur von J. Haydn; 2) Concert-Arie von Mozart,\ngesungen von Herrn C. Schneider; 3) „Die Nacht\",\nHymne von M. Hartmann, für Chor, Solostimmen und\nOrchester componirt von Ferd. Hiller (zum ersten Male);\n4) Ouvertüre zu „Genovefa\" von Rob. Schumann.\nZweiter Theil. 5) Chor aus „Salomon\" von Händel; t>\nClavier-Concert in D-durvon W. A. Mozart, vorge-\ntragen von Herrn Fe rd. Hiller; 7) Arie aus „Jessonda\"\nvon L. Spohr, vorgetragen von Frau Dust mann; 8)\nOuvertüre zu „Ruy Blas\" von F. Mendelssohn-Bar-\ntholdy; 9) Chor aus „Salomon\" von Händel.\nDie Programme der zehn früheren Feste in Köln gc-\nben den Beweis, dass ihre Ordner neben dem Festhalten\nan der alten Satzung, welche vorzugsweise Aufführungen\nälterer Meisterwerke fordert, auch den Bestrebungen der\njedesmaligen Zeitgenössen, deren Schöpfungen sich in\nForm und Geist den erhabenen Mustern anschlössen, voll-\nständig Rechnung trugen.\nWährend Händel an den Festen in Köln durch den\n100. Psalm (zwei Mal), Samson, Salomon, Psalm: „O,\npreis' den Herrn\", Josua, Jephta, Messias den Vorrang er-\nhielt, J. S. Bach durch Himmelfahrts-Cantate, das Credo\naus der H-mott-Messe,Naumann durch das „Vater unser\",\nGluck durch Scenen der Armide, Havdn durch die „Jah-\nreszeiten\", Mozart durch zwei Sinfonieen, Beethoven durch\nseine beiden Messen in C und D, „Preis der Tonkunst-*\n(„Der glorreiche Augenblick\") und die Sinfonieen Nr. V.,\nVI., VII. (zwei Mal), VIII., IX. vertreten waren, wurden\nvon zeitgenössischen Componisten und meistens unter de-\nren persönlicher Leitung aufgeführt: „Das Weltgericht\",\n„Die Sündllut\", „Der 24. Psalm\" von Friedr. Schneider,\n„Der 103. Psalm\" von Fesca, „Jephta\" und „David\" von\nBernh. Klein von Köln, Messe in und Hvmnen von Che-\nrubini, der zweite Act der „Olympia\" von Spontini, „Der\n114. Psalm\", „D ie Walpurgisnacht\" von Mendelssohn,\n„Saul\" von Ferd. Hiller.\nWenn nun auch die Neueren, wie auf unseren Musik-\nfesten überhaupt, so auch auf den in Köln gefeierten, ihren\nehrenvollen Platz gefunden haben, so ist es doch ausge-\nmacht, dass hauptsächlich die Aufführung der classischen"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "186", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620614-01.1.2", "texte": "Meisterwerke, deren monumentale Grösse aus der Vergan-\ngenheit in die Gegenwart und Zukunft hineinragt, die bei\nWeitem grösste Menge der Zuhörerschaft anzieht, und die\nTheilnahme des Publicums, welche sich seit der Wieder-\naufnahme des Festes im Jahre 1851 nach dessen dreijäh-\nriger Unterbrechung stets gesteigert hat, ist ein erfreuli-\ncher Beweis für das Gedeihen des Kunstlebens am Rheine\nin seiner edelsten Richtung auf die höchsten Gattungen der\nTonkunst: auf das Oratorium und die Sinfonie.\nDesshalb glänzten denn auch bei dem diesjährigen\nFeste am ersten und zweiten Tage die Namen Hän-\ndel, J. S. Bach, Gluck, Beethoven. Selbst den dritten\nTag zierten auch noch Haydn und Mozart, jener mit\neiner Sinfonie, dieser mit einem Clavier-Concert und einer\nArie; ihnen reihten sich Mendelssohn und Schumann\nmit Ouvertüren, Ferd. Hill er mit einem neuen, für das\nFest geschriebenen Gesangwerke an.\nDass nur Musikwerke deutscher Meister für\ndas Musikfest gewählt worden sind trotz der Bedeutung,\ndie ein solches immer auch für die gesammte Tonkunst\nhat, bedarf wohl keiner Rechtfertigung. AHein abgesehen\ndavon, dass in den Gattungen, die hier in Betracht kom-\nmen, kein anderes Volk Schöpfungen von ähnlichem Um-\nfange und Gehalt aufzuweisen hat, ist auch der Einwurf,\nden man vom weltbürgerlichen Standpunkte aus, den die\nTonkunst einnehmen müsse, machen könnte, nicht stich-\nhaltig; denn um für die idealen Zwecke der Menschheit\nzu wirken, braucht weder die Wissenschaft noch die Kunst\nihre Nationalität zu verläugnen. Wie deutsche Philosophie\nund Naturforschung überall hin weltbewegende Ideen ge-\ntragen haben, so haben auch Haydn, Mozart und Beetho-\nven für die deutsche Tonkunst alle Länder erobert und,\neinestheils rückwärts wirkend, der Wiederaufnahme ihrer\ngrossen Vorgänger Bach und Händel die Stätte bereitet,\nanderentheils vorbereitend ihren Nachfolgern Weber und\nMendelssohn die Bahn geebnet. So ist die deutsche Musik\nWeltmusik geworden, und jedes deutsche Musikfest ist eine\nVerherrlichung der Tonkunst für alle Nationen.\nFür die Aufführung am ersten Festtage war das Ora-\ntorium „Salomon\" von G. F. Händel gewählt worden.\nMehrere Gründe, unter Anderem auch die so seltene Er-\nscheinung dieses Werkes auf den Concert-Programmen in\nDeutschland, dass es dem bei Weitem grössten Theile der\nZuhörer ganz neu gewesen sein wird, sprachen für die Wahl\ndesselben, besonders aber der überaus günstige Umstand,\ndass für die Verwirklichung eines längst gehegten Wun-\nsches die Ilauptbedingung hier in Köln vorhanden war.\nJener Wunsch war nämlich der, auf einem Musikfeste wie-\nder einmal die Aufführung eines Händel'schen Oratoriums\nin einer Weise zu veranstalten, die der ursprünglichen Art\nder Ausführung unter Händel selbst so viel als möglich\ngleich käme, d. h. also durch Massen von Chören und Sai-\nten-Instrumenten und fortwährende Mitwirkung der Or-\ngel. Dasselbe war schon einmal mit Erfolg versucht wor-\nden im Jahre 1835 in Köln am ersten Pfingsttage, dem\n7. .Juni. Felix Mendelssohn, der Dirigent des damali-\ngen Festes,'hatte eben zu dem Salomon eine Örgelstimme\nvollständig ausgesetzt, welche Franz Weber auf einer\nprovisorisch im alten Gürzenichsaale aufgestellten, nicht\neben vollständigen Orgel spielte. Die Alt-Partie (Salomon)\nsang Frau von Beckerath, geb. Wolf, aus Crefeld; die\nSopran-Partieen Fräulein Bochkoltz (damals noch nicht\nFalconi) und Frau Eschborn; Tenorist war der gewal-\ntige Breiting, Bassist der unvergessliche Michael Du-\nMont, Beide bereits abberufen von dieser Welt, wie schon\ni % ■ w f 4 1 mf M.'■.. fll v * MwA M 7ff I H/1f . F M 41 \\l 19\nweit früher als sie der treffliche Meister, unter dessen Lei-\ntung sie sangen. Der Eindruck, den diese Aufführung vor\n27 Jahren machte, ist vielen Zuhörern aus jener Zeit noch\nlebhaft in der Erinnerung; er musste sich aber jetzt noch\neindringlicher und mächtiger wiederholen, da die gegen-\nwärtigen Verhältnisse, namentlich die räumlichen, durch\nden Umbau des Gürzenich, dessen Hauptsaal mehr als die\ndoppelte Höhe jdes damals vorhandenen erhalten hat, bei\nWeitem günstiger sind. Diese Erinnerungen und Erwä-\ngungen, das Vorhandensein der von Mendelssohn durch\ndie Orgelstimme vervollständigten Partitur, und die ermög-\nlichte Aufstellung einer Orgel durch die Herren Ibach &\nSöhne in Bärmen, deren Werkstatt zur Zierde der Rhein-\nprovinz gehört und durch zahlreiche Kunstwerke Bürg-\nschaft für den gelungenen Bau einer Concert-Orgel dar-\nbot, bewogen das Comite, das Oratorium Salomon für den\nersten Tag zu bestimmen. Herr Capellmeister Hiller,\nvon der Pietät gegen Mendelssohn und der richtigen An-\nsicht ausgehend, dass jedes Hinzuthun die Einheit der Ge-\nstaltung, die dessen Bearbeitung dem Werke gegeben,\nstören würde, brachte das Oratorium genau nach der Par-\ntitur Mendelssohn's zur Aufführung.\nIn der Reihe der Händel'schen Oratorien ist der Sa-\nlomon das vierzehnte; ihm folgten nur noch drei: Susanna,\nTheodora und Jephta. Händel schrieb das Werk im Jahre\n1748 vom 5. Mai bis 19. Juni; in demselben Jahre die\nSusanna vom 11. Juli bis 24. August. Er war damals 63\nJahre alt. In der londoner Musikzeit des folgenden Jahres\n1749 führte er beide Oratorien auf, Susanna vier, Salo-\nmon zwei Mal. In seinem Todesjahre (1759) gab er den\nSalomon noch zwei Mal, das erste Mal am 2. März zur\nEröffnung der Saison. Am 6. April desselben Jahres diri-\ngirte er zum letzten Male seinen Messias. Am Freitag\ndarauf, den 13. April, gab er den Geist auf, der auch für\ndiese Erdenwelt Unsterbliches geschaffen."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "187", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620614-01.1.3", "texte": "Was das Textbuch betrifft, so kann von dramatischer\nHandlung und einem scenischen Zusammenhange dersel-\nben nicht die Rede sein, indem die einzige dramatische\nScene, das Auftreten der beiden Mütter und Salomon's\nweise Schlichtung des Streites um das Kind, auch nur eine\nEpisode ist. Das Ganze bewegt sich um die Verherrlichung\nSalomon's in seiner Macht, Gerechtigkeit und Prachtliebe,\nund auch die Königin von Saba ist ziemlich naiv in dem\nletzten Theile nur eingeführt, um den Tempel in Salem\nund die Chorgesänge am Hofe des Herrschers über Israel\nzu bewundern.\nSalomon ist also, mit Ausnahme der eben erwähnten\nEpisode, ein rein lyrisches, rein musicaJisches Werk. Je\nweniger Handlung in diesem Oratorium ist, desto mehr\nMusik, Musik um der Musik willen, ist darin, und wohl\nmag Händel's, des Musikers, Hand bei der Gestaltung des\nTextes mit thätig gewesen sein, weil geschickt eingeführte\nVeranlassungen gegeben sind, dem Ausdruck der Empfin-\ndungen mannigfach wechselnden Charakter und ein Colorit\nzu verleihen, welches die Einförmigkeit des Stoffes hinter\nden lebhaften musicalischen Farben verschwinden lässt.\nDaher schreibt sich denn auch wohl im Ganzen, bei viel-\nleicht weniger Tiefe und Reichthum polyphoner Ausarbei-\ntung, eine fasslichere Fügung und ein absichtliches Hin-\nneigen zu einer edeln Popularität in den Chören. Diese\nletztere zeigt sich besonders in den anmuthigen und lieb-\nlichen Chören, während z. B. in den drei ersten Chorge-\nsängen des ersten Theiles, im Anfangs-Chor des zweiten,\ndem vorletzten des dritten u. s. w., die Schwingen des\nHändel'schen Genius trotz der dreiundsechszig Jahre ih-\nres Trägers sich eben so mächtig regen, als in seinen\nanderen Werken.\nSehr beachtungswerth sind die Sologesänge. Sie sind\nnicht in dem Bravour-Stile geschrieben, in welchem Hän-\ndel sonst in anderen Werken manche Zugeständnisse an\nden damaligen Zeitgeschmack macht.. Mit Ausnahme von\nzwei Arien der Tenor-Partie, für welche der Meister wahr-\nscheinlich gerade damals einen tüchtigen italiänischen Vir-\ntuosen hatte, die dritte ist prachtvoll, sind die Soloslücke\nin melodischer Einfachheit dem Charakter der Empfin-\ndung angemessen. So ist namentlich die Partie des Sa-\nlomon durchweg höchst edel gehalten und ohne alle\nSchnörkelei. Die Charakter-Verschiedenheit der beiden\nstreitenden Frauen ist meisterhaft musicalisch ausgedrückt,\nund die Arie der wahren Mutter: »Könnt' ich seh'n des\nKindes Blut\", ist eine echte Perle, die sich dem Schönsten,\nwas Händel geschrieben hat, würdig anreiht.\nDie Vocal- und Instrumentalkräfte, mit denen dieses\nOratorium am 8. Juni ausgeführt wurde, waren sowohl\nan Zahl als an künstlerischer Tüchtigkeit so bedeutend,\ndie Vorübungen und die Gesammt-Proben so eifrig und\nandauernd gehalten worden und die Leitung der Auffüh-\nrung durch t erdinand Miller so sicher und energisch\nund ein so treffliches Resultat des entschiedenen Talents\ndesselben für die Auffassung und Wiedergabe des wahren\nGeistes der grossen classischen Werke, dass sich unter der\nganzen zahlreichen Zuhörerschaft das einstimmige Urtheil\nbildete und durch die verständigsten Aussprüche und die\nbegeistertsten Beifallsbezeigungen offenbarte: „diese Auf-\nführung gehöre zu dem Grossartigsten und Vollkommen-\nsten, was man je gehört habe\".\nDer Sängerchor und das Orchester gewährten durch\ndie zweckmässige und zugleich architektonisch schöne Auf-\nstellung einen prachtvollen Anblick.\nDer Chor zählte 163 Mitglieder im Sopran, 135 im\nAlt, 102 im Tenor, 169 im Bass, mithin 569 im Gan-\nzen. Dazu hatten die anderen niederrheinischen Städte öl\nSopranistinnen, 45 Altistinnen, 36 Tenöre und 60 Bässe,\nzusammen 192 gesandt, die übrigen 377 bildeten den\nStamm aus Köln.\nDas Orchester hatte 53 Violinen, 20 Bratschen, 20\nVioloncelle, 14 Contrabässe. Die Tüchtigkeit dieser 107\nSpieler und ihre fast durchgängig vortrefflichen\nInstrumente bildeten ein Geigen-Quartett, das wohl\nnoch nicht seines Gleichen gehabt hat in Vereinigung von\nTonfülle und technischer Virtuosität Ausser den trefflichen\nMitgliedern des kölnischen Orchesters unter Anführung\nder Concertmeister Grunwald und von Königslöw,\nzählten wir unter den auswärtigen Künstlern bei den Vio-\nlinen die Herren Leopold Auer aus Pesth, Bargheer,\nConcertmeister aus Detmold, Bargheer aus Münster.\nBender, Concertmeister aus Düsseldorf, Engel, Concert-\nmeister aus Oldenburg, .Fleischhauer, Concertmeister\naus Aachen, Müller, Concertmeister aus Meinungen das\nganze Quartett der Gebrüder Müller war unter den\nMitwirkenden),Seiss, Concertmeister aus Barmen, Scholl-\nmeyer aus Düren, Spanke, Capeilmeister aus Pader-\nborn u. s. w.; bei den Bratschen de Bas aus Brüssel,\nKochner aus Düsseldorf, Kugler aus Coblenz, Paulus\naus Rotterdam, Posse aus Elberfeld, Reimers aus Bonn,\nSperr, Capeilmeister aus Aachen, Wolf, Musik-Direc-\ntor aus Crefeld u. s. w.; bei den Violoncellen Forberg\naus Düsseldorf, Geul aus Dortrecht, Goltermann aus\nStuttgart, E. Helfer aus Essen, Müller aus Meiningen,\nMüll er aus Paris, Schmit aus Prag, Jäger aus Elber-\nfeld, P. Müller aus Aachen u. s. w.; bei den Contrabäs-\nsen Prof. Bernier aus Brüssel, Simon aus Sondershau-\nsen u. s. w.\nDie Holz-Blas-Instrumente waren doppelt besetzt: 4\nFlöten u. s. w.; jedoch nur 4 Hörner, 3 Trompeten, 3\n\n[*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "188", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620614-01.1.4", "texte": "Posaunen und 1 Tuba, so dass das Klang-Verhältniss zwi-\nschen dem Geigen-Quartett und dem Blech vortrefflich\nwar, da das letztere nicht im Geringsten vortönte; die\nHolz-Blas-Instrumente in den Stellen, wo ihre Harmonie\nvorherrschte, ebenfalls voll schönen Klanges, im\nder Tutti's aber durch die Wucht der Streich-Instrumente\nmanchmal kaum gehörig durchdringend.\nDazu nun das Haupt-Instrument, die Orgel, zu dem\nMusikfeste besonders erbaut von Ibach Söhne in Bar-\nmen und auf dem breiten Galerieraume über den hinter-\nsten Reihen der Orchester-Pulte und der Chorsänger auf-\ngestellt, mit meisterhafter Behandlung der Registrirung\ngespielt vom königlichen Musik-Director Herrn Franz\nWeber. Dem Erbauer war nur kurze Zeit zum Bau und\nzu der Aufstellung der Orgel gestattet, und dennoch hat\ner ein Instrument geliefert, das sowohl in der Klangfülle\ndes vollen Werkes, als in den sanften Stimmen zur Be-\ngleitung der Sologesänge die erhebendsten und ergreifend-\nsten Wirkungen hervorbrachte und der Aufführung eine\nWeihe und dem Orchester an vielen Stellen eine so eigen-\nthümliche Klangfarbe verlieh, dass man sich in eine ganz\nandere Kunst-Athmosphäre möchten wir sagen ver-\nsetzt fühlte, als man sonst im Concertsaale gewohnt ist.\nDie Verbindung des Orgeltones mit dem mächtigen Chor\nund dem starken Geigen-Quartett war eine so vollkom-\nmene, dass Alles zu einem Gesammtklange verschmolz,\ndessen wunderbaren Eindruck man tief empfand, allein\nMühe hatte, sich ihn durch Zerlegung in seine einzelnen\nBestandteile zu erklären.\nUnd dennoch hatte die Orgel nur einundzwanzig\nStimmen, zwölf im Manual und neun im Pedal. Die\nDisposition ist folgende:\nManual.\n1. Principal 8 Fuss.\n2. Bordun 16 Fuss.\n3. Flauto maj.B Fuss.\n4. Viola di Gamha 8 Fuss.\n5. Gedackt 8 Fuss.\n6. Flauto trav. 8 Fuss.\n7. Octav 4 Fuss.\n8. Quint 22/3 Fuss.\n9. Octav 2 Fuss.\n10. Scharf, fünffach, 2 Fuss.\n11. Cornet, vierfach, 4 Fuss.\n12. Trompete 8 Fuss.\nPedal.\n13. Violonbass 16 Fuss.\n14. Subbass 16 Fuss.\n15. Octav 8 Fuss.\n16. Violoncello 8 Fuss.\n17. Gedackt 8 Fuss.\n18. Quint Ö2/3 FUSS,\n19. Octav 4 Fuss. • H\n20. Posaune 16 Fuss.\n21. Trompete 8 Fuss.\nMit diesen einfachen Mitteln hat Herr Ibach eine\nConcert-Orgel hergestellt, welche die geschilderte Wir-\nkung machte, ein Werk, das für den Augenblick alle Er-\nwartungen übertraf und für die Zukunft den Wunsch nach\neiner durch die Stimmen eines zweiten und dritten Manuals\nund noch eines sechszehnfüssigen Principals im Pedal ver-\nvollständigten Orgel doppelt rege machte.\nUnter der Zuhörerschaft waren die Tonkünstler und\nMänner vom Fach so zahlreich vertreten, wie noch bei\nkeinem Musikfeste am Rheine. Es waren unter Anderen\nan allen drei Tagen anwesend: Moscheies, Reinecke,\nvon Bernuth aus Leipzig, Blumner aus Berlin, Pas-\ndeloup und Gouvy aus Paris, Kufferath aus Brüssel,\nSoubre, Director des Conservatoriums in Lüttich, Kuf-\nferath der Aeltere aus Utrecht, Verhülst aus Rot-\nterdam, Richard Hol und van Bree aus Amsterdam,\nDietrich aus Oldenburg, Scholz aus Hannover, von\nPer fall aus München, Boch aus Heidelberg, Gerns-\nheim aus Saarbrücken, Schindelmeisser aus Darm-\nstadt, Müller aus Frankfurt, Brahms aus Hamburg,\nAnger aus Lüneburg, Wolf aus Crefeld, Schornstein\naus Elberfeld, Engels aus Mülheim an der Ruhr, Zur\nNieden aus Duisburg, Tausch aus Düsseldorf, Wüll-\nner aus Aachen, Otto Jahn und Heimsoeth aus Bonn,\n0. Grimm und Michälek aus Münster, Petsch aus\nSiegen, Lenz und Kugler aus Coblenz, Helfer aus Es-\nsen, Breidenstein aus Dortmund, Weinbrenner aus\nLüdenscheid, Brambach aus Bonn, Engel aus Bremen,\nFiedler aus Cleve, Kalliwoda aus Karlsruhe, Lenz,\nMusik-Director aus Mitau in Russland, Wetrens aus Lei-\nden u. s. w. u. s. w. in der That ein stattlicher musi-\ncalischer Congress!\nBei der Bearbeitung der Orgelstimme hat Mendels-\nsohn sich enge Gränzen gezogen; man erkennt überall\ndarin den feinen Tact, der ihn bei solchen Dingen leitete.\nNicht nur bei den Sologesängen, sondern auch selbst in den\nChören lässt er die Orgel bescheiden auftreten, wodurch\ndenn ihre Wirkung durch Steigerung und am Ende durch\ndie ganze Kraft mit dem vollen Werke um so herrlicher\nin das Ganze eingreift. Es wäre zu wünschen, dass\ndie Partitur, die im Besitze des Herrn Ignaz Seyd-\nlitz hierselbst ist, von der leipziger Händel-Ge-\nsellschaft für die Herausgabe des Salomon be-\nnutzt würde. Bei der bekannten Kunstliebe des Besitzers\nwürde dieser gewiss mit derselben Zuvorkommenheit, mit"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "189", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620614-01.1.5", "texte": "welcher er die Schätze seiner grösstenteils von seinem\nSchwiegervater, dem um Kölns musicalische Zustände so\nhochverdienten Verkenius, herstammenden musicalischen\nBibliothek zur Benutzung gestattet, gern dem desfalls ge-\näusserten Wunsche entsprechen.\nGleich in der Ouvertüre, die nur für 2 Violinen (mit\ndenen die zwei Oboen gehen), 2 Bratschen und Bässe ge-\nschrieben ist, macht nicht nur in dem Largo die Orgel mit\nden Accorden des vollen Werkes, sondern auch im Allegro\nmit der Verstärkung der Bässe durch das Pedal und der\nharmonischen Füllung im Manual durch die Labialslimmen\nohne Zungenwerke eine vortreffliche Wirkung.\nIm ersten Chor (Nr. 2) gibt der der\nOrgel, der dem Einsetzen der Chor-Bässe ohne Begleitung\nauf das vierte Viertel vorausgeht, eine ganz andere Ankün-\ndigung des Festgesanges: „Mit Harf' und Cymbelklang er-\nhebt Jehovah's Macht\", als das blosse der Contrabässe.\nDen vollen Chor begleitet sie nur im bei den\nSätzen des Soprans, Alts und Tenors (ohne Bass) verstärkt\nsie die Singstimmen ohne Mixtur und lßfüssige Register,\nund erst am Schlüsse, wo die Chor-Bässe und Tenörc zum\nletzten Male das Haupt-Motiv: „Ihm, aller Herren Herr\",\nin B-dur intoniren, tritt das volle Werk ein.\nDie folgende Bass-Arie in (Nr. 3,3ji), die ein-\nzige für Bass-Solo im ganzen Oratorium (vielleicht eine\nspätere Einlage?), im Original bloss von 2 Violinen und\ndem bezifferten Bass begleitet, hat Mendelssohn mit sicht-\nbarer Liebe für die Orgel instrumentirt mit vorherrschen-\ndem Register der Viola di Gamba. Fast in keiner anderen\nNummer erscheint die Orgel so selbstständig; aber die Zu-\nthat bleibt immer sehr bescheiden und ist mit einem be-\nwundernswerthen Zartgefühl aus Andeutungen, die in den\nViolinen oder in der Gesangstimme liegen, geschöpft. Z. B.\nTact 10 —ls des Vorspiels:\nDie in den Tacten 12—15 anklingende Violoncell-Solo-\nstimme erhält sogar späterhin eine ganz selbstständige Fi-\ngur beim Schlüsse des Thema's in F-dur auf der Domi-\nnante von Es, fünf Tacte vor dem Wiedereintritt der\nHaupt-Tonart: „Preise den gütigen Herrn alle\nAber auch diese Figur ist nur vorweggenommen, denn\nihre Basis tritt später in der ersten Violine, in der Sing-\nstimme und im Bass auf:\nDie in der Partitur nur mit dem Bass begleiteten Schlüsse\nder melodischen Perioden füllt Mendelssohn durch die Or-\ngel harmonisch aus.—Wir sind bei dieser Nummer etwas\nausführlicher gewesen, um den Lesern eine ungefähre\nVorstellung von der Art zu geben, wie Mendelssohn die\nOrgelstimme ergänzt hat.\nHerr Karl Hill aus Frankfurt am Main trug die\nArie mit seiner vollen, weichen Stimme, die sich vortreff-\nlich zum Oratoriengesang eignet, ausdrucksvoll und wür-\ndig vor.\nIn dem Einleitungs-6r?wedes prachtvollen Doppelchors\nNr. 4in B-dur: »Mit frommem Sinn und heil'gem Mund\",\nlernten wir zuerst die eigenthümlich wunderbare Wirkung\nempfinden, welche die gehaltenen Accorde des vollen Orgel-\nwerkes zu den in lauter schweren Achteln gehenden Sai-\nten-Instrumenten machen. Diese Klang-Vermählung ist in\nder That gar nicht zu beschreiben; die Schallwellen strö-\nmen dermaassen auf uns los, dass wir nicht mehr unter-\nscheiden können, welche Wogen drängen und welche ge-\ndrängt werden, so merkwürdig und so schauerlich rauschten\ndie vom Hauche des Windes erbebenden Luftsäulen der\nPfeifen mit den Schwingungen der Saiten der hundert und\nsieben Geigen von allen Maassen und Formen in einander.\nUnd nun in dem Hauptsatze die zwei überaus klangvollen\nChöre dazu, deutlich durch die Aufstellung gesondert\ndenn die Breite des Saales verstattete, das Orchester na-\nmentlich die Violinen) dazwischen zu schieben —, an Prä-\ncision der Einsätze und der Accentuation und an Frische\nder Stimmen mit einander wetteifernd, mit dem kräftigen\nHaupt-Motiv:"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "190", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620614-01.1.6", "texte": "von allen Seiten des Saales her einsetzend, wie verschiedene\nVölkerscharen, die im Tempel zusammenströmen, dann\nauf- und abwogend mit der zweiten Figur des Thema's:\nwelche in der Mitte und dann wieder am Schlüsse zu einer\nlängeren Beihe ausgedehnt wird und durch die vereinigten\nChöre—die Bässe dreifach in Chor, Orchester und Pedal\nder Orgel—eine Steigerung erzeugt, deren Tonstufen sich\nriesig über einander thürmen: das Alles zusammen be-\nschwor mit unwiderstehlicher Gewalt einen Sturm von Bei-\nfall herauf, wie man ihn selten erlebt. Erstaunt, und doch\nauch selber hingerissen, fragte sich der Musiker: „Womit\nhat der Componist diese ungeheure Wirkung erreicht?\"\nOben stehen die paar Noten der vier Tacte, aus denen\nder ganze Chor von 90 Tacten gebaut ist.\n\nJohann Nestroy.\nGeboren 1802. Gestorben 1862.\nJohann Nestroy hatte als Opernsänger begonnen.\nBald indessen fühlte er sich in dem Fache eines „ersten\"\nBassisten zweiten Banges unbehaglich. Er empfand zwar\nfür Musik eine wahre Neigung, die er auch in der Folge\nnie ganz verläugnet hat (er besuchte stets noch mit Vor-\nliebe das Kärnthnerthor-Theater, den ersten Schauplatz\nseines Sarastro-Debuts) —allein inmitten der vielerlei Ueber-\nIreibungen, die er Gelegenheit hatte selbst an bedeutenden\nund gefeierten, geschweige denn an mittelmässigen Opern-\nsängern zu beobachten, musste allmählich jener Hang zur\nTravestie in ihm erwachen, den er sein Leben lang als\nunterscheidendes Zeichen seiner schauspielerischen und\nschriftstellerischen Bichtung bewahrt hat, jener unwider-\nstehliche Kitzel, die Verkehrtheiten der Menschen durch\ntravestirende und parodirende Steigerung höhnend zu ver-\nnichten. Er wandte sich demgemäss dem Fache der Local-\nKomik zu und spielte vorläufig auf Provinz-Bühnen.\nIn Graz fand ihn Direclor Carl, liess ihn in Wien\ngastiren und wollte ihn engagiren. Carl's Vorsicht jedoch\nund bekannte Knickerei, und Nestroy's jetzt noch einmal\nerwachende Neigung zur Oper hätten bald ein Abbrechen\nder bezüglichen Unterhandlungen und ein Engagement\nNestroy s als Buflo am Kärnthnerthor zur Folge gehabt;\nallein Carl besann sich noch zu rechter Zeit, und Nestroy\nblieb der LocabPosse erhalten.\nEhedem waren die Volks-Komiker stereotype Beprä-\nsentanten stehender, conventionel adoptirter Charakter-\nMasken, welche unter irgend einem theatralischen Vor-\nwande oder auch ohne weiteres Motiv als die Nothwendig-\nkeit komischer Zuthaten in jedwede Komödie, selbst in\nStücke ernster Gattung, hineingezwängt wurden und ohne\nviel Bücksicht auf die sonstige Handlung, auf die übrigen\nCharaktere und die Gesammt-Tendenz des Stückes ihre\nurwüchsigen Spässe zum Besten gaben, wie es ihr Altvater\nHanswurst seiner Zeit mit urseligem Behagen gethan\nhatte. Nestroy, so dünkt uns, gehörte seinem Komiker-Na-\nturel.nach zu den Ausläufern dieser Bace. Jene Tage aber\nwaren vorüber, wo eine neue Erscheinung nach Art des\n„Casperl\" oder des „Taddädl\" den gesteigerten Anforde-\nrungen der Zeit hätte genügen können. Eben noch hatte\nFerdinand Baimund als Schauspieler und Dichter der\nVolksbühne einen neuen Horizont eröffnet, der Volks-\nmuse einen höheren Aufschwung, der Volkschauspielerei\neine intensivere Bedeutung gegeben. Nestroy selbst war\nals Mensch zu einsichtsvoll, intelligent und gebildet, um\nseine Wirksamkeit auf jenes abgetretene Feld beschränken\nzu wollen. Er fühlte sich auf neue Bahnen gedrängt, und\nzwar um so mehr, je weniger er von Baimund's volkstüm-\nlich er Poesie auch nur einen Funken in sich trug. Er be-\ngann fürs Theater zu schreiben, zuerst noch mit pflicht-\nschuldiger Anwendung der allegorischen Zauberformeln,\ndie aber bei ihm eben niejits als Formeln und Schemen\nwaren, nicht wie bei Baimund bedeutungsvoll verkörperte\nIdeen. Dem Inhalte nach griffen Nestroy's Stücke (Lum-\npaci Vagabundus) sofort ins reale Leben, ja, sofort mit\nsichtlichem Behagen in niedrige Verhältnisse, und bald\nward das leere Formel- und Schemenwesen als fremder\nBlutstropfen abgestreift und mit kecker Hand der Staub\nund der Schlamm aufgewühlt, den man sonst kaum neben-\nbei und ausnahmsweise zu berühren wagte. Der neue\nVolksdichter begnügte sich nicht mit der Schilderung,\ner zog die satirische Geisselung, die höhnende Züch-\ntigung der Menschen und Zustände in den Bereich seiner\nAufgabe,—und er erfüllte diese Aufgabe, wenn auch nicht\nimmer in löblichster, doch zumeist in so kühn überlegener\nWeise, dass die gezüchtigte Menge denn sie war es selbst,\ndie in ihren verschiedenen Bestandtheilen getroffen ward\n—die Meisterhand erkennen und bewundern musste.\nNestroy's Stücke machen der Erfindungs- und drama-\ntischen Gestaltungskraft ihres Autors wenig Ehre. Der\nStoff ist fast durchgängig aus französischen Quellen entlehnt\nund leicht in einander gefügt. Dagegen enthalten sie mit-\nunter sehr wirksame Situations-Komik, sind reich an cha-\nraktergetreuen, lebenswahren Schilderungen wirklicher\nZustände und übersprudeln von witzigen Einfällen und\ntreffenden Worthieben gegen moderne Verkehrtheiten und\nThorheiten. Witz, Satire, Geist, parodistische Darstellungs-\ngabe, eindringendes Verständniss der realistischen Tenden-\nzen der Gegenwart, geniale Macht der Travestie dahin"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "191", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620614-01.1.7", "texte": "concentrirt sich die Wirksamkeit dieser Stücke. Ziehen sie\neinestheils die Volksposse in ekle Regionen herab, so erhe-\nben sie sich wieder durch die kecke Genialität der Aus-\nführung über das Maass des Gewöhnlichen. Findet das\nGemüth darin keine Nahrung, so verletzen sie doch nicht\ndurch falsche Gemüthlichkeit.\nDie erste Kategorie aus den dreissiger Jahren\n„Lumpaci\", „Eulenspiegel\", „Der gefühlvolle Kerkermei-\nster\", „Robert der Teuxel\", „Nagerl und Handschuh\"\n(die vier letzteren als Parodieen) trägt noch deutlich\nden Stempel der Harmlosigkeit in der Anlage und reiht\nsich in dieser Beziehung gewisser Maassen an die Vor-Rai-\nmund'sche Periode, an Meissl und Bäuerle an, nur mit\nbis dahin ganz unerhörter Kühnheit im Witzemachen und\nim Ironisiren.—Die Stücke der zweiten Periode, zu Ende\nder dreissiger und Anfangs der vierziger Jahre— „Eisen-\nbahn-Heirathen\" , „Liebesgeschichten undHeirathssachen\",\n„Die verhängnissvolle Faschingsnacht\", „Einen Jux will\ner sich machen\", „Unverhofft\" u. s. w. —, flunkern im-\nmer glänzender im Rauschgolde der witzigen Wortver-\ndrehung, geissein immer kühner alles Bestehende, strafen\nThorheit und Laster mit vernichtendem Spotte, vergreifen\nsich aber auch an allem, was dem Menschen werth und\nlieb und heilig, und verschmähen keine Zweideutigkeit,\nwenn sie nur drastisch wirkt.—Mit dem Jahre 1847 end-\nlich kommt plötzlich zu allgemeiner Ueberraschung ein\nneues Element in die Nestroy'sche Dichtung: ein Anflug\npolitisch-socialen Ernstes. Etwas von einem Dichter musste\ndoch in dem Manne stecken; denn die Gewitterschwüle,\ndie vor der achtundvierziger Rewegung die Luft so drückend\nmachte, fand in seinem „Unbedeutenden\", in seinem\n„Schützling\" ahnungsvollen Ausdruck. Ohne die früher\nbezeichneten Eigenschaften der Nestroy'schen Stücke ganz\nzu verläugnen, hatten diese beiden letzteren doch einen we-\nniger frivolen Zug; ohne viel Aufhebens damit zu machen,\nwar jetzt ein ernster Ton beigemischt, tiefer einschnei-\ndende sociale Fragen waren angeklungen, berechtigte Re-\ngungen des potenzirten Volksbewusstseins machten sich\nfühlbar. Das war die dritte Periode der Nestroy'schen\nTheater-Muse. Dem Taumel des Jahres 1848 widmete er\nnoch eine drastisch-tolle Opfergabe: „Die Freiheit in Kräh-\nwinkel\", dann folgten in immer längeren Zwischenräumen\neinige mehr oder minder erfolglose Versuche, dann nur\nnoch Bearbeitungen, wie „Tannhäuser\", „Der gebildete\nHausknecht\" u. s. w Die eigentliche schriftstelleri-\nsche Kraft war versiegt, und Nestroy hatte Tact genug,\nsich nicht zum Schreiben zu forciren. Er hatte bittere Er-\nfahrungen genug angesammelt. In seiner glänzendsten Pe-\nriode war das Publicum mit gespanntester, ungeduldigster\nNeugierde, aber auch mit unerbittlicher Strenge jedem\nSchritte seiner schriftstellerischen Laufbahn gefolgt. So\nviele von seinen Stucken tumultuarisch bejubelt worden\nwaren, eben so viele wurden rücksichtslos zurückgewiesen,\ndie einen lautlos, die anderen unter Zischen und Pochen\nund Pfeifen unbarmherzig verhöhnt. Tief empfand dies der\nVerfasser, und fühlte sich namentlich als Schauspieler da-\ndurch eingeschüchtert. So kühn, so cvnisch seine Feder\nwar, so ängstlich war der Mann, so ängstlich der Schau-\nspieler Nestroy; und nachdem ihn der Unwille des Publi-\ncums wiederholt so arg behandelt, so tief gedemülhigt\nhatte, konnte er sich späterhin in keiner neuen Rolle einer\nunbezwingbaren Angst erwehren., die ihm die Kehle zu-\nschnürte, das Gedächtniss raubte und ihn regelmässig die\nersten Scenen verderben liess, bis ihn die erste wärmere\nApplaus-Salve wieder in Fassung brachte.\nNestroy war überhaupt, so begabt er äusserlich durch\nGestalt, Physiognomie und Organ auch erscheinen mochte,\nkein eminentes schauspielerisches Talent, wenn man ein\nscharfes Charakterisirungs- und Individualisirungs-Vermö-\ngen als Merkmal eines solchen annimmt. Das Stereotyp-\nKomische lag ihm, wie schon angedeutet, näher, als das\nPrägnant-Charakteristische. Seine Specialität als Darstellung\nwar die burleske Travestie und die fratzenhaft gesteigerte\nCharge; hierin allein wirkte er mit ursprünglich komischer\nKraft, mit elementarer Genialität. Die Anforderungen der\nZeit, seine eigene geistige Regsamkeit und seine schrift-\nstellerische Fruchtbarkeit veranlassten ihn freilich zurUeber-\nnahme einer Menge zumeist selbstgeschriebener Rollen, die\nausser diesem Kreise lagen, und mit denen er nichts desto\nweniger Erfolge errang. Allein uns dünkt, der Dichter\nNestroy habe hierbei weit öfter dem Schauspieler Nestroy,\ngeholfen, als umgekehrt der Schauspieler dem Dichter. Der\nWitz des Dichters hielt die Rolle mehr als die Kunst des\nSchauspielers; die Kunst des Letzteren bestand zunächst\nin stereotypen Geberden. Der Charakter als solcher ward\nvon Nestroy kaum äusserlich angedeutet, nie täuschend fest-\ngehalten, nie sorgsam ausgeführt; einer dramatischen Stei-\ngerung war Nestroy nicht fähig. Caricaturen wie Sans-\nquartier, parodistische Gestalten wie Bertram, Chargen wie\ndie „Hausmeisterin\"—wer wäre so griesgrämig gewesen,\ndem drastischen Zauber dieser Figuren, die man oft und\nmit Recht Hogarth'sche genannt hat, zu widerstehen? Ihre\nGränze überschritten diese Bilder aber späterhin nur zu\noft.— Wer Nestroy nicht mit den Augen der Gewohnheit\noder der Voreingenommenheit beobachtete, musste geste-\nhen, dass viele seiner selbstgeschriebenen Rollen trotz man-\nnigfacher drastischer Einzel-Momente eine bestimmtere\nCharakterzeichnung verlangt hätten. Sein Knieriem freilich\nwar eben so genial gespielt als geschrieben; hier traf ein\nsicherer Instinct den erschreckend richtigen Ton zur Cha-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "192", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620614-01.1.8", "texte": "rakterisirung des behaglich gemeinen Lumpenthums. Von\nentschiedener Wichtigkeit für Nestroy's künstlerische Wirk-\nsamkeit war seiner Zeit seine Stellung an der Wien unter\nDirector Carl neben Wenzel Scholz. Nestroy war damals\nein wichtiges Glied in der Entwicklung des wiener Volks-\ntheaters. Er beherrschte nicht unbeschränkt die Lachlust\nund den Beifall der Menge, dafür sorgte seines Directors\nKlugheit und seines beliebten Collegen eminentes Talent.\nEr war beliebt, nicht überschätzt. An seinen Stücken\nwurde damals strenge, oft überstrenge Justiz geübt. Wie\nviele Stücke werden heutzutage geduldig hingenommen\noder gar von unverschämten Claqueurs bejubelt, die wohl\nein weit ärgeres Schicksal verdienten, als den schwächeren\nNestroy'schen Stücken damals bereitet ward. Viel nachsich-\ntiger war man seit je her gegen den Schauspieler Nestroy,\ndem man Vieles ungerügt passiren liess und in allen Ueber-\ntreibungen freien Spielraum gewährte.\nVon Carl's Tode, dem der alte Scholz zwei Jahre spä-\nter ins Grab folgte,datirt Nestroy's materieller Glücksstern;\nvon derselben Zeit müssen wir seine künstlerische Deca-\ndenz datiren. Als Schriftsteller hat er seit dieser Zeit\nnichts Nennenswertes producirt, als Schauspieler be-\ngann er zu altern und hatte keinen natürlichen Anhalts-\npunkt mehr auf den Trümmern der wiener Localposse;\nals Director endlich, zu dem man ihn gemacht hatte, war\ner die unbedeutendste Null, welche je einem Weiber- und\nCoterie-Begiment den Namen geliehen. Dafür ward er frei-\nlich von jetzt an gehätschelt und bejubelt, wie nie vorher;\ndafür ward er freilich jetzt erst zum reichen Manne; dafür\nward er freilich zum Halbgott der wiener Volksposse aus-\nposaunt, der armen Posse, die in den letzten Zü gen lag\nund der ein genialer, aber gealterter Chargenspieler nicht\nmehr auf die Beine helfen konnte. Dieser unverdiente Er-\nfolg, an dem sich der einflussreichste Theil der wiener Ta-\ngespresse in unverantwortlicher Weise betheiligte, dauerte\nsechs Jahre, nach welchen Nestroy die Direction nieder-\nlegte und nur mehr als Gast unter Herrn Treumann's Lei-\ntung mitwirkte. Sein Abschied als Knieriem in seinem\nberühmten Erstlingswerke „Lumpaci-Vagabundus\" war\nglänzend, und wer wollte diesen letzten Triumph dem letz-\nten Mohikaner der wiener Volksmuse missgönnen?!\n(Er wurde am 2. Juni mit feierlichem Zuge begraben\nauf dem Währinger Friedhofe, in der Nähe der Buhestät-\nten von Schubert und Beethoven.)\n(W. Ree.)\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nHans Seling, der begabte Pianist und Componist, der uns hier\nin Köln noch vor einem Jahre in der musicalischen Gesellschaft\nmit seinen Vorträgen erfreute (vgl. Niederrh. M.-Z., 186], Nr. 14 v.\n(). April), ist am 25. Mai zu Leipzig an einer Lungen-Affection ge-\nstorben."}]}