{"numero_id": "bm-bmtnabi-1862-09-13-01", "volume": "bmtnabi_1862-09-13_01", "ocr_sha256": "acdd908cfb080d39d2cf89317a2ba49266b2eba57883a6275291605c2f1ad8cd", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1862/09/13_01/bmtnabi_1862-09-13_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620913-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1862-09-13-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1862-09-13_01#c001", "volume": "bmtnabi_1862-09-13_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "289", "page_fin": "289", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620913-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "289", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620913-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 389, "texte": "Inhalt.\nDas Wesen und die Nothwendigkeit der musicalischen Form. Die heutigen Bülinensäneer. Tatres- und Unter-\nHaltungsblatt (Felicien David's „Lalla RookhLl Leipzig, Frau Nina Zottmayr-Hartmann, Frau Johanna Wagner-Jachmann Te-\nnorist Auerbach „Vtneta\",Oper von liichard Wiirst Wien, Capellmeister Johann Strauss, Gesangverein Biedersinn\" Faris\nitalienische Oper, Meyerbeer's „Prophet\")."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1862-09-13-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1862-09-13_01#c002", "volume": "bmtnabi_1862-09-13_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "289", "page_fin": "294", "image_debut": 1, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620913-01.2.2", "titre_corps": "Das Wesen und die Nothwendigkeit der musicalischen Form.", "titre_sommaire": "Das Wesen und die Nothwendigkeit der musicalischen Form.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "289", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620913-01.1.1", "debut_caractere": 391, "fin_caractere_exclue": 4035, "texte": "Das Wesen und die Nothwendigkeit der musicalischen\nForm.\nWir haben nicht vor, unsere bekannten Ansichten\nüber dieses Thema von Neuem aus einander zu setzen,\nsondern die erfreuliche Reaction zu bekunden, welche sich\nin den neuesten theoretischen Schriften gegen die Veräch-\nter der Form offenbart.\nß e n e d i c t W i d m a n n, Formenlehre d e r 111 s t r u-\nmentalmusik. Nach dem System Schnyder's\nvon Wartensee zum Gebrauche für Lehrer\nund Schüler ausgearbeitet. Leipzig, Verlag von\nKarl Merseburger. 1862. VIII und 147 S. Gr. 8.\nPreis 24 Sgr.\nDer noch immer körperlich und geistig rüstige sechs-\nundsiebenzigjährige Veteran unter den deutschen Musik-\ngelehrten, Xaver Schnyder von Wartensee in Frank-\nfurt am Main, der in jeder Hinsicht tief durchgebildete\nMann der Kunst und Wissenschaft, vorzugsweise aber einer\nder bedeutendsten Contrapunktisten und Theoretiker, zu\nwelchem seit Jahrzehnden eine Menge von Jüngern der\nTonkunst wanderte, um seinen gründlichen, anregenden\nund für das Edle in der Musik begeisternden Unterricht\nzu gemessen, hat, trotz seiner Gewandtheit im Schreiben,\nniemals die Grundsätze seiner Lehrweise in einem beson-\nderen Werke veröffentlicht.\nHerr Benedict Widmann in Frankfurt hat nun\nmit Bewilligung und Unterstützung Schnyder's, dessen Un-\nterricht er vor zwei Jahren genoss, es unternommen, die\nLehre von den Formen der Instrumental-Musik, als einen\nTheil der Compositionslebre nach Schnyder's System, zu\nbearbeiten, und so ist das vorliegende Buch entstanden,\ndas Ludwig Erk, dem königlichen Musik-Dircctor und Se-\nminarlehrer in Berlin, gewidmet ist.\nUnserer Meinung nach hat er damit keineswegs eine\nüberflüssige Arbeit unternommen, denn obschon in den\nvorhandenen Compositions-Theorieen tüchtiger Musiker\ndie Formenlehre e.ne Stelle einnimmt, so müssen wir doch\ngestehen, dass wir das Wesentliche derselben noch nir-\ngends in so einfacher und leicht fasslicher Klarheit darge-\nlegt gelesen haben, und da heutzutage eine ganze Partei\nvon Musikern vorhanden ist, welche den Fortschritt in der\nVernachlässigung der Form suchen, so ist es sehr zu wün-\nschen, dass dieses Buch, welches ganz speciel dem Unter-\nricht in den Kunstformen der reinen Musik gewidmet ist,\nin recht viele Hände angehender Musiker komme. Aber\nauch gebildeten Dilettanten können wir es empfehlen;\nnach dem durchaus nicht anstrengenden, im Gegentheil\nsehr interessanten Studium desselben werden sie nicht nur\ndie musicalischen Werke der grossen Meister mit besserem\nVerständniss gemessen, sondern sich auch in den Stand\ngesetzt sehen, den Mangel an Form in so manchen Erzeug-\nnissen der Componisten unserer Tage besser zu durch-\nschauen und diese Producte hiernach richtiger zu würdigen.\nAuf welchem Standpunkte der Verfasser in Bezug auf\ndas Verhällniss des Inhalts zur Form in der Tonkunst\nsteht, geht aus folgenden zwei Paragraphen hervor:\n„§. 4. Der musicalische Gedanke. Die\nGefühlswelt bildet demnach das Innere der Musik, die\nSeele, wenn man nämlich auch in dieser Kunst zwischen\nGedanken und Form unterscheiden will, wie zwischen\nSeele und Körper, obwohl beide zusammen erst ein leben-\ndiges Ganzes, den Menschen, ausmachen. Das Leben der\nGefühlswelt selbst ist aber ein sehr verschwommenes und\nverworrenes; desshaib kann man auch nicht von einem\neigentlichen Inhalte der Musik sprechen, eben weil zur\nBildung eines solchen bestimmte, d. h. einen Gegenstand\nvoraussetzende Gefühle gehören. Und doch hat sie umge-\nkehrt wieder den Vorzug vor allen anderen Künsten da-\ndurch, dass sie besser als jede ihrer Schwestern das Un-\naussprechliche der Gefühlswelt in Tönen ausdrücken kann.\nDarum konnte auch Vischer behaupten: „„Geahnt und"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "290", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620913-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5353, "texte": "dunkel vorschwebend hat sie die ganze Welt, in klarer\nWirklichkeit hat sie nichts. Sie ist die reichste Kunst, sie\nspricht das Innigste aus, sagt das Unsagbare, und sie ist\ndie ärmste Kunst, sagt nichts.\"\" Was nun von so genann-\nter Charakter- und Tendenz-Musik, so wie von Tonmalerei\nzu halten ist, mag aus dem Gesagten leicht selbst entnom-\nmen werden. Denn obschon die Musik, wie gezeigt, zum\nGefühls-Ausdruck unter sämmtlichen Künsten die geeig-\nnetste ist, so ist es ihr dennoch unmöglich, Empfindungen\nin Tönen zu malen, oder so darzustellen, dass man aus\nder Darstellung den Gegenstand des Gefühls wieder heraus\nempfinden könnte. Man verwechsele nicht die Nachahmung\ngewisser Schälle, Naturtöne, rhythmischer Bewegungen\nu. s. w. mit Darstellung und Nachahmung bestimmter Ge-\nfühle und Empfindungen. So ahmt z. B. Haydn in den\n„Jahreszeiten\" das Krähen des Hahns und in der Gewitter-\nScene das Blitzen nach; aber bestimmte Gefühle und Em-\npfindungen, wie z. B. von Liebe und Hass, Frieden und\nEintracht, Sieg und Triumph u. s. w. schildern zu wollen,\nliegt nicht in dem Wesen der Tonkunst, da ihr alle jene\nMittel fehlen, durch welche die anderen Künste bauen,\nbilden, zeichnen, malen und schildern können.\"\n„§. 6. Die musicalisehe Form. Im §.4 unterschie-\nden wir in der Musik zwischen Gedanken und Form,\nwie zwischen Seele und Leib. Ja, die Form ist gewisser\nMaassen der verkörperte Gedanke, und der Ton selbst\nschon ist, als nächster Ausdruck des Gefühls, eine Form.\n„„Die Musik hat keinen Inhalt, wie man sonst meinte,\nund was man ihr auch andichten wollte. Sie hat nur For-\nmen, geregelte Zusammenverbindung von Tönen und Ton-\nreihen zu einem Ganzen\"\"*). Diese Zusammenverbindung\noder das Nacheinander der Töne ist nun aber bedingt\ndurch die Zeit, so wie selbst auch, genauer bestimmt, das\nGefühl als eine rein geistige Form wesentlich Zeitleben,\neine Zeitform ist, also eine Form des Nacheinander;\ndenn das, was nach einander entsteht, geschieht in Zeit-\nräumen. So wie aber schon der einzelne Ton von den\nVerhältnissen der Schwingungen eines tönenden Kör-\npers abhängt, so ist auch die Form wesentlich Verhält-\nniss. Verhältnisse werden durch Zahlen ausgedrückt; da-\nher kann die Musik ihre mathematische Natur selbst in\nder Form nicht verläugnen, und die Alten konnten sie nicht\nganz mit Unrecht zu den so genannten mathematischen\nFächern zählen. Im Nacheinander der Töne nehmen wir\naber auch Bewegung wahr. „„Bewegung ist das\nGrund-Element der Tonkunst. Und der Bewegung\nder Töne liegt zum Grunde, was auch aller anderen gere-\ngelten Bewegung zum Grunde liegt: Zahlgesetz, ein\nGrundzahlgesetz, das nämliche, das ohne Zweifel der gan-\nzen Weltschöpfung zum Grunde liegt. Unzweifelhaft tra-\ngen wir von dem grossen Uhrwerk des Weltalls auch ein\nRädchen in uns. Der menschliche Erfindungsgeist dreht\nnur auf eine sinnvolle Weise dieses Bädchen herum, indem\ner eine musicalische Composition zu Stande bringt. Er be-\nwährt sich damit als der versteckte Rechenmeister. Es ist\nein künstlich geregeltes Spiel mit den Grundzahlen, das\ner treibt. So tiefsinnig es ist, im Kunstwerk wird's offen-\nbar\" \"*). Desshalb konnte der Philosoph Leibnitz dasCom-\nponiren ein „ „unbewusstes Zählen der Seele\"\" nennen.\n„„Die Seele rechnet zwar nicht bloss\"\", setzt unser\nAesthetiker Vischer hinzu, „ „aber sie durchläuft jene gei-\nstigen Verhältniss-Stellungen in einer durch die jeweilige\nStimmung gegebenen Ordnung, und würde diese nicht\nbilden und bauen, wenn sie nicht unbewusst zählte. Man\nkann auch die Geltung dieses Wortes nicht beschränken\nauf die elementaren Gesetze der Harmonie, wie sie der\nmusicalische Instinct unbewusst geschaffen hat und im\nComponiren unbewusst befolgt; das ganz Individuelle der\nTondichtung selbst ist ein unendlich eigenes Schaffen neuer\ninnerer Verhältniss-Stellungen des Gefühlslebens, welche\nin ihren unendlichen Schwingungen der Geist gar nicht\nordnen könnte, wenn er sie sich nicht unbewusst als Punkte\naus einander hielte und verbände, und dies ist eben ein\nunbewusstes Zählen. Ist nun das Kunstwerk vollendet, so\nkann dieser unbewusste Process zum bewussten erhoben\nwerden, und muss es zum Behuf der Ausführung, ja, der\nErfinder selbst, wenn er sein inneres Tönen und Weben\nin Zeichen niedergelegt für diese, muss bereits in das be-\nwusste Zählen übergehen. Das fertige Werk kann wirk-\nlich nachgezählt werden, aber der beste Rechner hätte es\ndarum nicht erfinden können, denn es ist durch ein genial\nbewusstloses Zählen entstanden.\"\" Die Tonverbindung als\nMit- und Nacheinander zu Accorden und zu Melodieen im\nweiteren Sinne ist noch nicht Musik, gibt noch kein musi-\ncalisches Kunstwerk; ein solches entsteht erst dann, wenn\nsich dieses Tonmaterial zu einem geregelten, zusammenhan-\ngenden und geschlossenen, nach einem wohldurchdachten\nPlane abgefassten Ganzen gestaltet, das wir Melodie im\nengeren Sinne nennen; sie ist die Form des musicalischen\nKunstwerkes. Mit der Melodie kommt erst ein Kunstge-\nbilde aus dem Tonmaterial hervor; mit anderen Worten:\ndie formlose Masse gewinnt dadurch eine Form. In einem\nmusicalischen Kunstwerke macht also die Melodie das\nWesentlichste aus, abgesehen von den einzelnen Ausnah-\nmen, in welchen ein bestimmter Ausdruck auch durch\nblosse Accordfolgen erreicht, oder der Ton zu bloss rhyth-\n\n*) H. G. Nägeli's „Vorlesungen über Musik\".\n*) H. G. Nägeli's „Vorlesungen über Musik\"."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "291", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620913-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5363, "texte": "mischen Wirkungen verwandt wird. Melodie und Form\ndes musicalischen Kunstwerkes sind identisch, da man sich\nkeine Melodie denken kann ohne Form. Die Lehre von der\nForm macht es sich zur Aufgabe, die Bildung oder Ein-\nrichtung eines musicalischen Kunstwerkes zu zeigen, d. i.\nnachzuweisen, wie die Idee oder der musicalische Gedanke\neine äussere künstliche Gestaltung gewonnen hat. Die\ntormlehre analysirt die Genesis eines Tonstückes; sie\nrechnet oder zählt nach, um den Schüler den ganzen schö-\nnen Bau kennen und würdigen zu lehren.\"\nDer Verfasser erklärt dann in 23 Paragraphen die\nsämmtlichen Formen und erläutert die Erklärungen durch\nBeispiele und durch Aufgaben; von den-einzelnen\nGliedern, die er sehr ausführlich von §. 7 11 behan-\ndelt, geht er zu dem einfachen Tonslücke (Liedform),\ndem zweitheiligen und dessen Anwendung in der Me-\nnuetform u. s. w. zu der Haupt form (Allegroform)\nüber, nach deren Abhandlung er denn (durch Betrachtung\nder Abweichungen davon, der Rondoform u. s. w.) zur\nAnwendung der Grundformen auf zusammengesetzte Ton-\nschöpfungen kommt. Die Beispiele sind zahlreich, und zwar\nentweder im Text mit Notendruck gegeben oder bei Ana-\nlysen bekannter Werke mit der Angabe der Zahl der\nTacte. In der Regel sind sie aus Ciavierwerken, als den\nam leichtesten zugänglichen, von Haydn, Mozart, Clementi\nund Beethoven genommen. In den letzten Abschnitten fin-\nden sich aber auch Analysen von Mozart's C-dur-Concert,\nvon dessen Figaro-Ouverture, von Beethoven's Sinfonie Nr.\nI. und vom vierten Satz Allegro molto der Sinfonie Nr. 11.\nBei der Angabe der Tactzahl finden sich hier und da\nkleine Irrthümer in den Zahlen, die aber sich bei Ansicht\ndes Werkes selbst leicht als solche ergeben.\nWenn nun auch das besprochene Buch nicht viel Eige-\nnes, vom Verfasser Herrührendes enthält, so ist seine Ar-\nbeit doch jedenfalls eine verdienstliche und nützliche; denn\nes bleibt wahr, was der Verfasser am Schluss aus dem\n„romantischen Oedipus\" anführt:\n„Weitschweifigen Halbtalenten sind\nPräeise Formen Aberwitz; Notwendigkeit\nIst dein geheimes Weihgeschenk, o Genius !a\nund eben so, was Schiller in den Briefen an W. von Hum-\nboldt sagt: „Oer Künstler braucht mehr empirische und\nspecielle Formeln, als allgemeine philosophische.\"\nEine kurze Uebersicht der Geschichte der Instrumen-\ntal-Musik bis auf Beethoven, meist nach Nägeli's Vorlesun-\ngen, will nicht viel bedeuten und hätte eben so gut weg-\nbleiben können. Ooch ist im Schlussworte die Warnung\nvor unverständiger Nachahmung Beethoven's ganz am Orte.\nSchon S. 117 sagt der Verfasser, nachdem er die Stelle\naus Vischer's Aesthetik 111. §. 830 über Beelhoven ange-\nführt hat: „Wenn dessen ungeachtet einzelne Theoretiker\nBeethoven's letzte Instrumentalwerke für allzu verworren\noder gar für formlos erklären, so sind dieselben sehr irre\nund beweisen dadurch nur ihre eigene grosse Unkenntniss\nder Form. Beethoven hat sich in allen seinen Werken,\nauch den letzten, als Meister in der Form erwiesen, aber\nallerdings hat er sie mit grosser Freiheit und Originalität\nbehandelt u. s. w. Finden sich bei ihm fremdartige, dunkle\noder zweideutige Glieder, so erkläre man sie ja nicht für\nFormfehler, sondern man bedenke, dass Beethoven's An-\nordnung, Zusammenordnung von Ideen, die einander fremd\nscheinen, die Anordnung eines höheren Genius ist.\" —Hier,\nam Schlüsse, heisst es: „Auch neuere Schriftsteller (z. B.\nJul. Aisleben, Abriss der Geschichte der Musik, Berlin,\n1862) schliessen die Geschichte der Musik mit Beethoven\nab, wie denn der eben angeführte Autor (nach vielen an-\nderen) die Ansicht ausspricht: „„Die neunte Sinfonie ist\nder wahre Schlussstein jener Musik, die mit dem ambro-\nsianischen Lobgesange ihre erste Lebensfähigkeit bewiesen.\nMit Beethoven ist die eigentliche Aufgabe der Kunst er-\nfüllt, der gerade Weg vollendet.\"\" Damit ist angedeutet,\ndass die nun folgende Periode einen krummen, verkehrten\nWeg eingeschlagen habe. Jedenfalls ist Beethoven ein ge-\nfährliches Vorbild geworden u. s. w. Der Schüler halte\nsich an Gluck's Worte: „ „Ferner glaube ich einen gros-\nsen Theil meiner Bemühungen auf die Erzielung einer\nedlen Einfachheit verwenden zu müssen, indem Einfalt\nund Wahrheit die einzigen richtigen Grundlagen des Schö-\nnen sind.\"\nDahin gehören denn auch als beherzigungswerth die\nWorte von M. Hauptmann („Die Natur der Harmonik und\nMetrik\"): „In manchen Productionen neuer und neue-\nster Musik ist bei den Abweichungen von der direcl ver-\nständlichen metrischen Regularität nicht immer ein kunst-\nreiches verschlungenes Gewebe zu suchen [zu suchen wohl,\naber nicht zu finden]; öfter ist es auch nur ein Gewirr, in\nwelchem der Componist selbst nicht zu metrisch klarer\nEmpfindung gekommen ist und diese Unklarheit nun auch\nuns empfinden lassen muss. Es ist dies der Mangel im\nKünstler wenn man den Componisten mit diesem Mangel\nnoch so nennen darf —, ein Ganzes als Ganzes in seinen\nGliedern fassen zu können oder fassen zu wollen. Im\nGrunde genommen also ein. Mangel eigentlichen\nKunstsinnes, der nicht ein Stück in Stücken, der einen\nLeib in seinen gesunden Gliedern fordert.\"\nUnd F. Geyer in der Einleitung zu seiner musicalischen\nCompositionslehre (Berlin, 1862): „Inhalt und Form sind\nsomit zuletzt Eins, überall einander durchdringend, geheim-\nnissvoll für den Uneingeweihten. Dem Anfänger schwie-\nrig, ja, feindselig tritt die Form als Unbequemes entgegen;\n\n[*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "292", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620913-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5409, "texte": "daher wir uns nicht wundern, dass sie manche Gegner\nhat, denen sie ein Zwang erscheint. Aber Inhalt ohne\nForm würde ein leeres Phantasiren sein, und Form ohne\nInhalt kaum denkbar, gleichsam ein leeres Schema, das\nder Ausfüllung harrt.\"\nAuch aus dem Werke von Arrey von Dommer:\n„Elemente der Musik, Leipzig, 1862\", welches\nwir weiter unten ausführlicher besprechen werden, schlies-\nsen wir hier gleich an, was der Verfasser in Beziehung\nauf unser Thema sagt. Nachdem er den Grund des Strei-\ntes um Geist und Form einerseits in der Unsicherheit\nbei Bestimmung und Begränzung des Inhalts,\nandererseits in der Flüssigkeit des Tonmaterials\nfindet, jedoch einen völligen Abschluss der Kunst läugnet,\nindem „die Formen, unter denen wir die Ideale anschauen\nund ihre Vermittlung mit der Wirklichkeit zu ermöglichen\ntrachten, sich ewig neu gestalten, und die Kunst stets nach\nneuen Mitteln suche, ihre Aufgabe, Subject und Object,\nInneres und Aeusseres, Inhalt und Form in Einklang zu\nbringen, zu erfüllenI',1', fährt er (S. 173) so fort:\n„Die Ablösung von der Autorität, welche einerseits Be-\ndingung eines jeden Fortschrittes ist, kann aber anderer-\nseits, wenn wahrer sittlicher Gehalt und Genie fehlen, zu\nnatur- und kunstwidrigen Verirrungen führen. Mit Voran-\nstehendem ist daher Ausschweifungen, welche für Genia-\nlität gelten möchten, und der Unfähigkeit, welche aus Man-\ngel an Kraft, der Anerkennung werthes in kunstschöner\nForm herauszustellen, die Kunstbegriffe verwirrt, zu refor-\nmiren prätendirt, indem sie höchstens revolutionär verfährt\nund umzustossen versucht, ohne aulbauen zu können, mit\nvollem Munde von Freiheit, Zerstörung der fesselnden\nForm und dergleichen predigt, dabei aber der Selbsttäu-\nschung verfällt, zügelloseste Willkür als Freiheit anzusehen\n—■ allen solchen Erscheinungen ist selbstverständlich eben\nso wenig das Wort geredet, wie dem Handwerk, welches\nnur aus Bequemlichkeit am Ueberlieferten haftet, ohne\ndessen wahren Werth erkannt zu haben, und allein durch\nNachahmung sein Dasein fristet.\n„Eben jene vorhin erwähnte Flüssigkeit des Tonma-\nterials und die Undeutlichkeit der musicalischen Kunst-Ob-\njecte können den Tonkünstler leicht auf zwei einander ent-\ngegengesetzte Abwege führen. Er kann einerseits durch\nUeberwiegen des Inhaltes die Gesetze der Anschaulichkeit,\ndes schönen Ebenmaasses, der klaren und flüssigen Abrun-\ndung verletzen: das Tonstück kann bei reicher Fülle schö-\nner Gedanken unklar, verworren, eckig und überladen,\nmithin der Form nach unschön werden. Oder er kann mit\nHintansetzung der Idealität dem Formalismus allein huldi-\ngen: das Tonstück wird richtiger technischer Ausführung,\nangenehm formaler Abrundung und deutlicher Anschau-\nlichkcit ungeachtet unerquicklich, indem Leere und Nüch-\nternheit an Stelle eindringlicher Gefühlstiefe und Wahrheit\nuns geboten werden, und unerhebliche Gedanken einen\nAufwand von Darstellungsmitteln beanspruchen, welcher\nnur dem Höheren zukommt. Inhalt und Form strafen sich\nalsdann Lügen. Die Tonkunst verlangt aber wie jede der\nanderen Künste Gleichgewicht zwischen beiden, verneint\nvom Standpunkte der Fasslichkeit und Schönheit eine\nUeberfülle an Inhalt eben sowohl wie ein blosses Ver-\nstandesspiel mit der leeren Form.\n„Wenngleich man gesagt hat, die Musik sei diejenige\nKunst, welche am ersten den Inhalt über die Form stellen\nkönne, so hat dies nur in so fern Richtigkeit, als eine Form\nvon messbarer und wägbarer Genauigkeit darunter zu ver-\nstehen ist. Aus jener Forderung des Gleichgewichts zwi-\nschen Idee und Erscheinung ergibt sich von selbst, dass\nder ideale Inhalt eines Tonwerkes (von den durch die Mit-\ntel gesteckten Gränzen hier ganz abgesehen) nicht in allen\nseinen Einzelheiten gegeben werden kann, weil hierzu be-\ngriffliche Deutlichkeit erforderlich wäre, und da eine solche\ndem Wesen der Musik fern liegt, ein Bemühen, sie zu er-\nlangen, nur Unnatur, Zerfahrenheit der Form, Gewaltsam-\nkeit des Ausdrucks nach sich ziehen und die an sich viel-\nleicht schöne Idee mit einer umfasslichen, unschönen Er-\nscheinung in Widerspruch bringen würde.\n„Indem die Musik im Einzelnen nicht genau, sondern\nnur im Grossen und Ganzen (wenn auch durch Einzelhei-\nten im Nacheinander) ihr Object versinnlicht, wird ein fe-\nstes Zusammenfassen der Momente zu einem geschlossenen\nGanzen um so nothwendiger, weil das Einzelne hier nur\naus dem Ganzen begriffen werden kann.\n„Das Tonwerk wirkt demnach eben so durch Form\nwie durch Inhalt, wenn man beide getrennt denken will.\nDie feste Gliederung einer concisen Form sichert die Mu-\nsik vor Unklarheit, Verschwommenheit, unbestimmtem\nHin- und Herschweben und Schwanken, fesselt die Auf-\nmerksamkeit des Hörers durch wohlgeordnete rhythmische\nGruppirung, reichen Wechsel von Licht und Schalten,\nwohlmotivirte harmonische Wendungen und Klang-Effecte,\nbefriedigt den Geist durch sinnvolle thematische Durch-\nführung, Verflechtung der Motive und reiches Stimmen-\ngewebe, erfreut den Schönheitssinn durch frische und kräf-\ntige Sinnlichkeit, durch Fluss und äussere Abrundung\nwelche nicht etwa allein die Herrschaft des Tonsetzers\nüber die technischen Mittel des Ausdrucks und der Form-\nbildung bekunden, sondern auch ein Beweis sind für die\nFolgerichtigkeit seines Gefühls und Klarheit seines inneren\nSchauens. In den häufigsten Fällen sind nur Mangel an\ntüchtigem Können, so wie Unfähigkeit, einen Gedanken\nso allseitig zu durchdringen und auszubilden, dass er nicht"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "293", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620913-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5345, "texte": "als momentaner glücklicher Einfall dasteht, sondern zu\neinem harmonisch durchbildeten Kunstschönen erhoben,\ndurch klare Gliederung bei vollwichtiger Breite Verständ-\nniss und Ueberzeugung des Kunstgefühls für sich gewinnt,\nVeranlassung zu dem Ausspruche, dass die Phantasie durch\ndie Form in Banden geschlagen werde.\"\nSo erfreulich nun diese Zeugnisse unserer Zeit für den\nWerth der Form und mithin der classischen Musik sind,\nso traurig ist der Blick auf den Unterricht in der Ge-\nschichte der Musik auf unseren Coriservatorien, indem er\nentweder ganz fehlt, oder sehr oberflächlich behandelt,\noder endlich gar dazu benutzt wird, der musikstudirenden\nJugend Gleichgültigkeit, ja, Verachtung gegen die for-\nmelle Vollendung des Kunstwerkes einzuimpfen, dagegen\ndie Koryphäen der neuesten Schule als bahnbrechende\nMeister zu preisen und die kleine Schar ihrer Schüler und\nAnhänger durch eine dreiste und ganz ungehörige Reclame\nin die Jahrbücher der Entwicklung der Tonkunst einzu-\nschmuggeln.\nWir meinen damit besonders die Coriservatorien in\nLeipzig und in Prag, auf denen die „Grundzüge\nder Geschichte der Musik von Franz Brendel, 5.\nAuflage, Leipzig, 1861\", laut Benachrichtigung auf dem\nTitel als Grundlage des Unterrichts eingeführt sind. Wir\nwollen das Verdienst, das sich F. Brendel durch sein Buch\nüber die Geschichte der Musik erworben hat, nicht schmä-\nlern; es steht ja auch jedem Leser frei, den Inhalt der\nletzten Abschnitte über die gegenwärtige Tonkunst zu bil-\nligen, oder mit UlibischefF Einer Meinung zu sein, der da\n(Beethoven, S. 349) sagt: „Herr Brendel beurtheilt als\nMann von Talent und Geist die Musiker und ihre Werke,\ndie Menschen und die Thaten bis einschliesslich Mozart\nungefähr eben so wie andere Schriftsteller. Auch über\nBeethoven spricht er viel Wahres, bis er auf die neunte\nSinfonie stösst. Von dem Augenblicke an macht er auf den\nLeser, man kann es nicht anders sagen, den Eindruck\neines Monomanen, der nach stundenlanger, vernünftiger\nund logischer Rede auf einmal durch einige Worte ohne\nSinn und Verstand das Uebel verräth, an welchem er lei-\ndet.\"—Wie gesagt, dort ist dem Leser die Prüfung nicht\nverwehrt.\nGanz etwas Anderes ist es, wenn die Grundsätze, nach\ndenen „die Meister von Palestrina bis Beethoven für ihre\nZeit gut gewesen, aber dass ihre Zeit unwiederbringlich\nverloren sei\", von der Autorität einer musicalischen\nBildungs-Anstalt unterstützt, der Jugend vorgetragen\nwerden und ihr ein Lehrbuch in die Hand gegeben wird,\nwelches für Bach und Händel nur zwei kleine Para-\ngraphen, für Haydn, Mozart und Beethoven zusam-\nmen kaum fünf Seiten, für Mendelssohn, Weber,\nSpohr, Schumann nur Raum für die Erwähnung ihres\nNamens hat, auf Wagner und Liszt aber an zehn Sei-\nten verwendet; von den einzelnen Werken aller vorher-\ngehenden Meister kein einziges erwähnt, von Liszt aber\ndie meisten Orchester- und Vocalwerke aufführt und so-\ngar zum Theil charakterisirt und als Muster aufstellt.\nWir geben nur einige Sätze zum Besten.\nZunächst wird Hector Berlioz's Benvenuto Cellini\n„ein Fidelio\" genannt! (S. 58.) „Berlioz ist die grösste\nErscheinung der ganzen Epoche.\" „Wagner brach mit\nder durch das Uebergewicht der Musik zur leeren Scha-\nblone gewordenen Gestalt der Oper\" [also z. B. Don Juan,\nDie Zauberflöte, Fidelio, Der Freischütz!!] „nur Un-\nfähigkeit kann seinem System widerstreben\" [wenn also\nHauptmann, Richter, Moscheies, David u. s. w. anderer\nMeinung sind, so haben ihre Schüler es schwarz auf weiss,\ndass dies „unfähige\" Lehrer sind!] „Die neudeutsche\nSchule besitzt, wie jede grosse weltgeschichtliche\nErscheinung, den Beruf, das Alte vollständig in sich\naufzunehmen und später, unbeschadet des historischen\nRechtes desselben, allein an dessen Stelle zu treten,\nkeineswegs aber ist sie eine Partei im engeren Sinne, in\nwelchem dem fort und fort Gültigen nur eine Einsei-\ntigkeit mit beschränkter Berechtigung gegenüber tritt\" (S.\n61). [Also wird völlige Abschaffung der früheren Musik\ngepredigt, sie soll nicht mehr fort und fort gültig sein, von\nihrem ästhetischen Rechte kann nicht mehr die Rede sein,\ndas historische wird ihr grossmüthig gelassen. Der Schüler\nwird angewiesen, an die gänzliche Auflösung der begra-\nbenen Musik der classischen Meister zu glauben und nur\nWagner's und Liszt's Partituren zu Vorbildern zu nehmen.]\nDann werden Liszt's, als „einer bahnbrechenden Per-\nsönlichkeit, welche Wagner ergänzt, indem er neben die-\nsem die specifisch musicalische Seite überwiegend vertritt\",\nfast sämmtliche Werke aufgezählt, namentlich diejenigen,\n„durch welche er den Höhepunkt seines Schaffens erreicht\nhat die symphonischen Dichtungen\", erst ihrer neun (wie\nBeethoven's Sinfonieen), dann dazu Hamlet, Hunnen-\nschlacht, die Ideale, Dante, Faust, Prometheus, Ave Ma-\nria, Messe für Männerstimmen, Graner Messe, Psalmen,\n„Die Seligkeiten\", Die heilige Elisabeth! [ein noch nicht\neinmal vollendetes Werk in einem Grundriss der Geschichte\nder Musik erwähnt!] Endlich die Apotheose (S. 64):\n„Auch bei Liszt erblicken wir sogleich als charakte-\nristisches Unterscheidungs-Merkmal den Bruch mit der\nbisherigen Form der Instrumental-Musik, die ebenfalls\nzur Schablone zu werden drohte oder bereits mehrfach zu\neiner solchen geworden war. [Vgl. Wagner's Urlheil über\nMozart's symphonistische Tafelmusik beim Serviren!] Wenn\nbei Beethoven schon die Gestaltung [?] seiner Werke viel-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "294", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620913-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3845, "texte": "fach [?] bedingt erschien durch den zur Darstellung [??]\ngewählten Vorwurf, so sehen wir hier die Consequenz da-\nvon: engsten Anschluss an ein poetisches Programm, so\ndass dieses maassgebend wird für Form und Inhalt. Die\nneueste Musikrichtung zeigt überhaupt ein solches Stre-\nben, ein Hinarbeiten auf Anschluss an die Poesie, und wir\nhaben daher hier auf specifisch musicalischem Gebiete die-\nselbe Erscheinung, die uns auf dramatischem bei Wagner\nbegegnet. Die Zeil erkennt hierin die neue Aufgabe für\ndie Instrumental-Musik, und mit voller Entschiedenheit\nmacht sich daher das Bewusstsein darüber geltend. (!) Wenn\nferner bei Beethoven das Streben nach Bestimmtheit des\nAusdrucks als vorwaltend sich zeigte, so gewahren wir\nschon bei Berlioz und weiter sodann bei Liszt auch nach\ndieser Seite hin eine Steigerung, die mit der Bereicherung\nder Mittel des Ausdrucks im engsten Zusammenhange steht.\nEine erneute sinnliche Belebung, was die äussere Klang-\nwirkung betrifft, war damit zugleich gegeben. Durch alles\ndies aber wurden der Instrumental-Musik neue Aufgaben\nzugeführt und dadurch eine neue Befruchtung für dieselbe\ngewonnen. Andererseits aber wiederholt sich auch hier,\nwas als ein Grundgesetz in der Entwicklung der deutschen\nMusik sich immer manifestirt hat, das Auslaufen in entge-\ngengesetzte Spitzen, wie früher u. A. durch Händel und\nBach, Mozart und Beethoven, so jetzt durch Liszt\nund Wagner repräsentirt. (!) Erscheint der Letztere rein\ndeutsch, so nimmt Liszt, ähnlich wie Händel, Gluck, Mo-\nzart u. A., mehr eine universelle Stellung ein, indem er\nverschiedene Nationalitäten organisch verschmelzt, auch auf\ndiese Weise der wenigstens momentan öfters in sich ver-\nsiegenden deutschen Innerlichkeit eine neue Anregung zu-\nführend, obschon dadurch andererseits auch das Verständ-\nniss erschwert wurde, eben weil Liszt's Werke nicht allein\nund ausschliesslich im deutschen National-Charakter wur-\nzeln, sondern zu ihrer Aneignung zugleich ein Hineinleben\nin fremde Eigentümlichkeiten gehört. Wie nun Liszt\nnach diesen Seiten hin die Keime entwickelt, die Conse-\nquenzen gezogen hat, so dass er dem, was nur erst in zer-\nstreuten Anfängen vorhanden war, eine feste Gestalt ver-\nlieh und dasselbe zu einem bestimmten Abschluss brachte,\nein neues Ideal verwirklichend, so erscheint er neu\nund eigentümlich auch in den anderen Gattungen, welche\ner bearbeitete. Was Kirchenmusik betrifft, so sehen wir\nhier, abgesehen von dem allein schon entscheidenden Ver-\ndienste einer neuen Beseelung des Inhalts, einer tief ge-\nfühlten, wirklich religiösen Stimmung, trockenem For-\nmalismus und unergiebiger Starrheit oder indifferenter\nWeltlichkeit gegenüber, auch in Bezug auf die äussere\nAnlage, namentlich in der Graner Messe, ein dem Geiste\nder Neuzeit entsprechendes Verfahren, indem Liszt die frü-\nHeren kleineren Formen durch eine allumfassende grössere\nzu ersetzen bestrebt ist. Fassen wir schliesslich Liszt's welt-\nliche Gesangmusik ins Auge, so treten uns zunächst seine\nLieder als eine Leistung ersten Ranges entgegen\"\nu. s. w.\nWir haben es für nöthig gehalten, die obigen Aeusse-\nrungen wörtlich anzuführen, weil eine bloss andeutende\nHinweisung darauf als eine Verdächtigung hätte erscheinen\nkönnen, so unglaublich werden sie allen Musikern vor-\nkommen.\nHerrn Brendel bleibt es natürlich unbenommen, der-\ngleichen einseitige Ansichten, oder richtiger: grossartige\nReclamen, in Zeitschriften und Büchern nach Gefallen zu\nverbreiten; aber gehören sie in ein Compendium der\nGeschichte der Musik von nicht mehr als 72 Seiten?\nUnd was soll man von musicalischen Bildungs-Anstalten\ndenken, die einen Leitfaden für die musikgeschichtlichen\nVorträge autorisi ren, welcher den Schülern den „Bruch\nmit der bisherigen Form\", die sie studiren sollen, predigt,\nund die ganze bisherige Musik nur als Fussgestell für\nWagner und Liszt darstellt?"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1862-09-13-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1862-09-13_01#c003", "volume": "bmtnabi_1862-09-13_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "294", "page_fin": "296", "image_debut": 6, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620913-01.2.3", "titre_corps": "Die heu Bühnensänger.", "titre_sommaire": "Die heu Bühnensänger.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "294", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620913-01.1.6", "debut_caractere": 3847, "fin_caractere_exclue": 5214, "texte": "Die heu Bühnensänger.\nDie ersten Bühnen in Deutschland besitzen jetzt, trotz\nder hohen Gehälter, die sie zahlen, oft kaum das notwen-\ndigste Personal für ein gutes Opern-Repertoire. Die „Sän-\ngernoth\" ist allgemein. In dem vierten Hefte von „Ge-\nsang und Op er\" von Maria Heinr. Schmidt (Magde-\nburg, 1862)' werden die Ursachen derselben mit einer\nerschreckenden Wahrheit, welche aus reicher Bühnen-Er-\nfahrung fliesst, dargelegt*). Der Verfasser findet dieselben\nnicht in dem Mangel an tüchtigen Stimmen, noch an hin-\nreichend lockenden Aufforderungen, sich der Bühne zuzu-\nwenden, sondern in anderen Umständen und Mängeln,\nwelche er ausführlich schildert. Die Wahrnehmung, dass\nunsere jetzigen Sänger meist nach viel kürzerer Zeit von\ndem Schauplatze wieder abtreten, als die früheren, veran-\nlasst hauptsächlich die Not der Opernbühnen. Der Ver-\nfasser erklärt nun jene Thatsache aus mehreren Ursachen,\nüber welche er sich unter Anderem folgender Maassen\nausspricht:\nDie meisten Sänger betreten die Bühne, bevor sie\nmit ihrer Stimme vertraut geworden sind und sie zweck-\nmässig haben gebrauchen lernen. Ist die Stimme nicht\n\n*) Dieses IV. Heft enthält die Fortsetzung der im 111. Hefte (vgl.\nNr. 15) begonnenen Darlegung eines methodischen Ganges des\nGesang-Unterrichts, ferner eine Abhandlung über die Eigen-\nschaften, welche ein Gesanglehrer haben soll, u. s. w."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "295", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620913-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5627, "texte": "fehlerfrei, dann muss sie bei angestrengtem Gebrauche\nund ohne bewusste kunstgemässe Behandlung auch vor der\nZeit ihrem Ruin entgegeneilen. Der angehende Sänger be-\ntritt mit der Bühne eine ihm gänzlich neue, fremde Welt.\nDie gewöhnlichsten Thätigkeiten seines Körpers, als Gehen\nund Stehen, werden ihm auf dem Podium zu einer unge-\nwohnten Ausübung; er hat zwei Arme und zwei Beine zu\nviel und weiss weder seinen Kopf noch seinen Körper an-\nständig zu tragen. Hunderterlei Dinge nehmen seine Auf-\nmerksamkeit in Anspruch, beschäftigen und verwirren ihn.\nWenn er daher nicht wenigstens mit dem wesentlichsten\nTheile seiner Aufgabe, mit dem Gesänge, so vollständig im\nReinen ist, dass er ihn gleichsam mechanisch auszuführen\nvermag, dann wird seine Bühnen-Wirksamkeit nicht allein\nihm selbst, sondern auch allen denen, die mit ihm zu wir-\nken haben, zur Qual werden. Und diese Unsicherheit in der\nAusübung seiner Kunst verschwindet nicht etwa nach den\nersten sechs Partieen, sie wird ihm vielmehr auf Jahre hin\nzu eigen bleiben, wenn er nicht eine ungewöhnliche Ener-\ngie besitzt, um sie durch den angestrengtesten Fleiss zu\nüberwinden. Aber dies geschieht nicht oft. Häufig wohl\nmag jungen Sängern, welchen der Besitz ihrer natürlichen\nMittel die Bühne öffnet, der strebsame Wille zu eigen sein,\nnoch nachträglich ihre Stimme zu einer künstlerischen Ver-\nwerthung heranzubilden; allein derselbe wird selten zur\nwirklichen That, weil entweder die Charakterfestigkeit oder\ndie Gelegenheit hierzu fehlt. Hat nämlich der debütirende\nSänger das Unglück, sich durch den Wohllaut seiner\nStimme ohne künstlerische Bildung den Beifall des Publi-\ncums zu erwerben; sieht er sich in Folge seiner natürlichen\nMittel und in Hoffnung auf deren spätere Entwicklung bei\neiner anständigen Bühne angestellt und verhältnissmässig\ngut besoldet; spendet ihm die Kritik aus übel angewandter\nNachsicht oder aus Mangel an Einsicht freigebig ihr Lob;\nfindet er endlich im Publicum enthusiastische Kunstnarren,\ndie seine Freundschaft suchen und ihm durch Schmeiche-\nleien den Kopf verdrehen: dann liegt auch die Gefahr nahe,\ndass er alle diese Begünstigungen als den schuldigen Tribut\nseines Verdienstes ansieht und sich für einen ausgezeich-\nneten Künstler hält. Mit dieser Meinung aber ist dann ein\nenergisches Ringen und Streben unverträglich; der von\nEitelkeit umsponnene Kunstjünger wird sich in allen Din-\ngen gehen lassen und kaum das Notwendigste thun, was\nsein Beruf oder vielmehr seine Stellung von ihm fordert.\nSo wenig lobenswerth dies nun auch sein mag, so begreif-\nlich ist es doch. Die wenigsten unserer jetzigen Sänger\nführt ein innerer Trieb und ein planvoll vorausgegangener\nBildungsgang der Bühne zu, die Mehrzahl wirft ein reiner\nZufall der Kunst in die Arme. Macht in geselligen Kreisen,\nin Liedertafeln, bei Commercen, in Werkstätten, auf dem\nKutscherbock und wo es sonst immer geschehen mag, eine\nStimme sich geltend, da gibt es auch gleich gescheidte\nLeute, die den Besitzer derselben mit aller Ueberredungs-\nkunst auffordern, sich der Bühne zu widmen, und ihm ein\nglänzendes Glück in Aussicht stellen. An Beispielen, wie\nAndere, gleich ihm, aus einem Handwerker berühmte,\nreich bezahlte Sänger wurden, fehlt es nicht, und wenn\nder also Ueberredete in seinem Stande nicht eben viel zu\nverlieren hat, oder seine Einbildungskraft lebhaft genug\nist, ihm die Künstler-Laufbahn mit den schillerndsten Far-\nben auszumalen, dann ist der Entschluss, sein Leben voll\nMühe und Arbeit mit einem freien und freudenreichen zu\nvertauschen, nicht schwer zu fassen. Eben so wenig fehlt\nes an Leuten, welche die Kunst verstehen, einem solchen\nrohen Edelstein in der kürzesten Zeit so viel äussere Poli-\ntur zu geben, dass er unter heutigen Verhältnissen\nes wagen kann, die Bühne als Künstler zu betreten, um,\nwie schon vorhin erwähnt, als Folge seiner Stimme so-\ngleich Beifall und Engagement zu finden. Wenn nun ein\nsolcher Sänger, der beispielsweise sein Leben bis dahin\nauf dem Droschkenbock zubrachte und in einem beschwer-\nlichen Geschäfte seine bescheidene Existenz fand, sich plötz-\nlich bewundert, geschmeichelt, gesucht und im Verhält-\nniss zu seinem früheren Erwerb glänzend bezahlt sieht,\ndann ist es wahrlich kein Wunder, sondern eine ganz na-\ntürliche Metamorphose, wenn er sich aus einem Chapelon\nin einen St. Phar umgestaltet. Ein plötzliches unverdientes\noder doch mühelos errungenes Glück können überhaupt\nnur wenige Menschen ertragen; wie sollte es denn ein\nKünstler, dessen Eitelkeit noch ohnedies auf so vielseitige\nWeise angeregt wird, wie es in anderen Ständen kaum\nvorkommen kann? Und diese erregte Eitelkeit ist dem an-\ngehenden Künstler um so gefährlicher, je geringer die Gei-\nstesbildung war, die er seinem neuen Stande zubrachte.\nWer allen Versuchungen gegenüber aber fest bleibt und\nsich in der unbefangenen Erkenntniss nicht irre machen\nlässt, wie viel der Arbeit, des Ringens und Strebens dazu\ngehört, um ein rechter Künstler zu werden, und unbeküm-\nmert um alle eitlen Anfechtungen unverrückt sein Ziel im\nAuge behält, der beweist eine moralische Kraft und eine\nEnergie des Charakters und Willens, die zu besitzen und\nin den angedeuteten Bühnen-Verhältnissen zu bewahren\nnicht Vielen nachzurühmen ist. Aber selbst mit dieser Cha-\nrakterfestigkeit ist es einem bereits engagirten und be-\nschäftigten Sänger unendlich schwer gemacht, noch\nnachträglich die versäumte Gesangbildung sich zu erwer-\nben. Denn es ergeben sich aus dem geregelten Bildungs-\ngange, den der Schüler methodisch nehmen müsste, und\nden Anforderungen, welche die Bühne an ihn stellt, so\nviele Unverträglichkeiten, dass es fast unmöglich wird, sie"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "296", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620913-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1085, "texte": "zu beseitigen, und er nothwendig das Eine auf Kosten des\nAnderen vernachlässigen muss, wenn man auch nur in An-\nschlag bringt, wie viel Zeit ein beschäftigter Sänger durch\ndie Proben und Vorstellungen für seine Ausbildung ver-\nliert. Und wenn auch alles das nicht wäre, so liegt schon\netwas Unnatürliches und Widerstrebendes darin, wenn ein\nSänger, der heute eine Aufgabe höherer Kunstfertigkeit\nzu lösen hat und die erfreulichste Anerkennung des Gelin-\ngens dafür ärntet, sich selbst seine mangelhafte Bildung\ndafür eingestehen und am anderen Tage elementarische\nUebungen machen soll, um dieser nachzuhelfen. Ueber-\nzeugender noch als die oben angegebenen Gründe mag\nfür meine Ansicht die Erfahrung sprechen, dass die bei\nWeitem meisten Naturalisten, welche als solche die Bühne\nbetreten, nach einer kurzen Zeit wieder ihre Carriere be-\nschliessen, oder wenn ihre Stimme eine eiserne Consistcnz\nbesitzt, doch Zeit ihres Lebens, was sie Anfangs waren,\nbleiben. Nur Wenige, besonders begabt und für ihren Beruf\nbeseelt, erheben sich zu einer wirklichen Künstlerschaft.\"\n(Schluss folgt.)"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1862-09-13-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1862-09-13_01#c004", "volume": "bmtnabi_1862-09-13_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "296", "page_fin": "296", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620913-01.2.4", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "296", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620913-01.1.8", "debut_caractere": 1087, "fin_caractere_exclue": 4091, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nFelicien David's komische Oper „Lalla Rookhu ist, in Par-\ntitur, Orchesterstimmen, Ciavier-Auszug u. s. w. gestochen, bei B.\nSchott's Söhnen in Mainz erschienen.\nMieigtzig* Am 18. August gastirte auf dem Stadttheater Frau\nNina Z ottm ayr-Hartm an n , früher auf dem frankfurter Thea-\nter, als Elvira in „Hernani\". In Folge dieses ihres ersten Auftre-\ntens, das von gutem Erfolg begleitet war, scheint das Engagement\ndieser Künstlerin an unserer Bühne gewiss zu sein. Das Organ der\nSängerin ist zwar abermals nicht gross und entbehrt der erwünsch-\nten Tonfülle, es ist aber so durchgängig gelenk und geschult, ihr\nSpiel ist so lebhaft und ansprechend, dass der erste Eindruck, abge-\nsehen von einigen noviciellen Sängerinnen-Untugenden, die ihr noch\nankleben, ziemlich befriedigend war. Das Publicnm nahm das Debüt\nwohlwollend auf.\nAnfang September wird Frau Johanna Wagner-Jachmann\nerwartet, und man ist sehr darauf gespannt, die berühmte Sängerin\nauch im Schauspiel auftreten zu sehen. Mit diesem Gaste soll dem\nVernehmen nach der Bescliluss des in diesem Jahre sehr grossen\nGastspiel-Reigens gemacht werden.\n/\nDas Victoria-Theater in Berlin kommt am 16. März 1863 zur\nSubh astation.\nDer bisherige Tenorist Herr Auerbach hat seiner Künstler-\nLaufbahn entsagt und ist, nachdem er sich mit der Tochter eines\nrenommirten Weinhändlers in Frankfurt a. M. verlobte, als Com-\npagnon in das Geschäft seines Schwiegervaters getreten.\nEine neue dreiactige Oper von Richard Würst, „VinetaLi,\nkommt mit Beginn der Winter-Saison an der breslauer Bühne\nzur Aufführung. Auch das Libretto derselben rührt dem Vernehmen\nnach vom Componisten her.\nWien. Capellmeister Johann Strauss hat sich am 26. August\nmit der Sängerin Fräulein Henriette Treffs vermählt.\nDas vom Gesangverein „Biedersinn\" in der „Neuen Welt\" ver-\nanstaltete Sängerfest hat ein Erträgniss von 4200 Fl. ergeben, welche\nSumme dem Fonds zur Errichtung eines Schubert-Denkmals zuge-\nwiesen wurde.\nDer Impresario Merelli gibt jetzt mit seiner wandernden italiä-\nnischen Operngesellschaft Vorstellungen in Lemberg. Von da denkt\ner nach Stockholm zu gehen.\nVom musicalischen Lyceum in Tri estist der Concurs für die\nBesetzung der Singlehrer-Stelle ausgeschrieben. Jahresgehalt 600 Fl.\nVom Bewerber wird verlangt: dass er zwölf Schüler in der hö-\nheren Gesangskunst unterrichte; dass er ein tüchtiger Ciavierspieler\nsei; dass er alljährlich mindestens zwei Messen componire; dass\ner sämmtliche vom Lyceum zu veranstaltenden Concerte arrangire,\neinstudire und dirigire. Hierauf beschränken sich die bescheidenen\nForderungen gegen das enorme Gehalt!!\nParis« Der Saal Ventadour ist nach langen Unterhandlungen\nwieder an Herrn Calzado, Unternehmer der italiänischen\nOper, vermiethet. Die Oper wird am 1. October mit Flotow's\n„Stradella\" als Neuigkeit eröffnet. Neulich brachte eine Vor-\nstellung des „Propheten\" von Meyerbeer in der grossen Oper\n10,224 Frcs. (circa 2750 Thlr.) ein. Fides Mad. Tedesco; Jo-\nhann von Leyden Gueymard."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "289", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620913-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nDas Wesen und die Nothwendigkeit der musicalischen Form. Die heutigen Bülinensäneer. Tatres- und Unter-\nHaltungsblatt (Felicien David's „Lalla RookhLl Leipzig, Frau Nina Zottmayr-Hartmann, Frau Johanna Wagner-Jachmann Te-\nnorist Auerbach „Vtneta\",Oper von liichard Wiirst Wien, Capellmeister Johann Strauss, Gesangverein Biedersinn\" Faris\nitalienische Oper, Meyerbeer's „Prophet\").\n\nDas Wesen und die Nothwendigkeit der musicalischen\nForm.\nWir haben nicht vor, unsere bekannten Ansichten\nüber dieses Thema von Neuem aus einander zu setzen,\nsondern die erfreuliche Reaction zu bekunden, welche sich\nin den neuesten theoretischen Schriften gegen die Veräch-\nter der Form offenbart.\nß e n e d i c t W i d m a n n, Formenlehre d e r 111 s t r u-\nmentalmusik. Nach dem System Schnyder's\nvon Wartensee zum Gebrauche für Lehrer\nund Schüler ausgearbeitet. Leipzig, Verlag von\nKarl Merseburger. 1862. VIII und 147 S. Gr. 8.\nPreis 24 Sgr.\nDer noch immer körperlich und geistig rüstige sechs-\nundsiebenzigjährige Veteran unter den deutschen Musik-\ngelehrten, Xaver Schnyder von Wartensee in Frank-\nfurt am Main, der in jeder Hinsicht tief durchgebildete\nMann der Kunst und Wissenschaft, vorzugsweise aber einer\nder bedeutendsten Contrapunktisten und Theoretiker, zu\nwelchem seit Jahrzehnden eine Menge von Jüngern der\nTonkunst wanderte, um seinen gründlichen, anregenden\nund für das Edle in der Musik begeisternden Unterricht\nzu gemessen, hat, trotz seiner Gewandtheit im Schreiben,\nniemals die Grundsätze seiner Lehrweise in einem beson-\nderen Werke veröffentlicht.\nHerr Benedict Widmann in Frankfurt hat nun\nmit Bewilligung und Unterstützung Schnyder's, dessen Un-\nterricht er vor zwei Jahren genoss, es unternommen, die\nLehre von den Formen der Instrumental-Musik, als einen\nTheil der Compositionslebre nach Schnyder's System, zu\nbearbeiten, und so ist das vorliegende Buch entstanden,\ndas Ludwig Erk, dem königlichen Musik-Dircctor und Se-\nminarlehrer in Berlin, gewidmet ist.\nUnserer Meinung nach hat er damit keineswegs eine\nüberflüssige Arbeit unternommen, denn obschon in den\nvorhandenen Compositions-Theorieen tüchtiger Musiker\ndie Formenlehre e.ne Stelle einnimmt, so müssen wir doch\ngestehen, dass wir das Wesentliche derselben noch nir-\ngends in so einfacher und leicht fasslicher Klarheit darge-\nlegt gelesen haben, und da heutzutage eine ganze Partei\nvon Musikern vorhanden ist, welche den Fortschritt in der\nVernachlässigung der Form suchen, so ist es sehr zu wün-\nschen, dass dieses Buch, welches ganz speciel dem Unter-\nricht in den Kunstformen der reinen Musik gewidmet ist,\nin recht viele Hände angehender Musiker komme. Aber\nauch gebildeten Dilettanten können wir es empfehlen;\nnach dem durchaus nicht anstrengenden, im Gegentheil\nsehr interessanten Studium desselben werden sie nicht nur\ndie musicalischen Werke der grossen Meister mit besserem\nVerständniss gemessen, sondern sich auch in den Stand\ngesetzt sehen, den Mangel an Form in so manchen Erzeug-\nnissen der Componisten unserer Tage besser zu durch-\nschauen und diese Producte hiernach richtiger zu würdigen.\nAuf welchem Standpunkte der Verfasser in Bezug auf\ndas Verhällniss des Inhalts zur Form in der Tonkunst\nsteht, geht aus folgenden zwei Paragraphen hervor:\n„§. 4. Der musicalische Gedanke. Die\nGefühlswelt bildet demnach das Innere der Musik, die\nSeele, wenn man nämlich auch in dieser Kunst zwischen\nGedanken und Form unterscheiden will, wie zwischen\nSeele und Körper, obwohl beide zusammen erst ein leben-\ndiges Ganzes, den Menschen, ausmachen. Das Leben der\nGefühlswelt selbst ist aber ein sehr verschwommenes und\nverworrenes; desshaib kann man auch nicht von einem\neigentlichen Inhalte der Musik sprechen, eben weil zur\nBildung eines solchen bestimmte, d. h. einen Gegenstand\nvoraussetzende Gefühle gehören. Und doch hat sie umge-\nkehrt wieder den Vorzug vor allen anderen Künsten da-\ndurch, dass sie besser als jede ihrer Schwestern das Un-\naussprechliche der Gefühlswelt in Tönen ausdrücken kann.\nDarum konnte auch Vischer behaupten: „„Geahnt und"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "290", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620913-01.1.2", "texte": "dunkel vorschwebend hat sie die ganze Welt, in klarer\nWirklichkeit hat sie nichts. Sie ist die reichste Kunst, sie\nspricht das Innigste aus, sagt das Unsagbare, und sie ist\ndie ärmste Kunst, sagt nichts.\"\" Was nun von so genann-\nter Charakter- und Tendenz-Musik, so wie von Tonmalerei\nzu halten ist, mag aus dem Gesagten leicht selbst entnom-\nmen werden. Denn obschon die Musik, wie gezeigt, zum\nGefühls-Ausdruck unter sämmtlichen Künsten die geeig-\nnetste ist, so ist es ihr dennoch unmöglich, Empfindungen\nin Tönen zu malen, oder so darzustellen, dass man aus\nder Darstellung den Gegenstand des Gefühls wieder heraus\nempfinden könnte. Man verwechsele nicht die Nachahmung\ngewisser Schälle, Naturtöne, rhythmischer Bewegungen\nu. s. w. mit Darstellung und Nachahmung bestimmter Ge-\nfühle und Empfindungen. So ahmt z. B. Haydn in den\n„Jahreszeiten\" das Krähen des Hahns und in der Gewitter-\nScene das Blitzen nach; aber bestimmte Gefühle und Em-\npfindungen, wie z. B. von Liebe und Hass, Frieden und\nEintracht, Sieg und Triumph u. s. w. schildern zu wollen,\nliegt nicht in dem Wesen der Tonkunst, da ihr alle jene\nMittel fehlen, durch welche die anderen Künste bauen,\nbilden, zeichnen, malen und schildern können.\"\n„§. 6. Die musicalisehe Form. Im §.4 unterschie-\nden wir in der Musik zwischen Gedanken und Form,\nwie zwischen Seele und Leib. Ja, die Form ist gewisser\nMaassen der verkörperte Gedanke, und der Ton selbst\nschon ist, als nächster Ausdruck des Gefühls, eine Form.\n„„Die Musik hat keinen Inhalt, wie man sonst meinte,\nund was man ihr auch andichten wollte. Sie hat nur For-\nmen, geregelte Zusammenverbindung von Tönen und Ton-\nreihen zu einem Ganzen\"\"*). Diese Zusammenverbindung\noder das Nacheinander der Töne ist nun aber bedingt\ndurch die Zeit, so wie selbst auch, genauer bestimmt, das\nGefühl als eine rein geistige Form wesentlich Zeitleben,\neine Zeitform ist, also eine Form des Nacheinander;\ndenn das, was nach einander entsteht, geschieht in Zeit-\nräumen. So wie aber schon der einzelne Ton von den\nVerhältnissen der Schwingungen eines tönenden Kör-\npers abhängt, so ist auch die Form wesentlich Verhält-\nniss. Verhältnisse werden durch Zahlen ausgedrückt; da-\nher kann die Musik ihre mathematische Natur selbst in\nder Form nicht verläugnen, und die Alten konnten sie nicht\nganz mit Unrecht zu den so genannten mathematischen\nFächern zählen. Im Nacheinander der Töne nehmen wir\naber auch Bewegung wahr. „„Bewegung ist das\nGrund-Element der Tonkunst. Und der Bewegung\nder Töne liegt zum Grunde, was auch aller anderen gere-\ngelten Bewegung zum Grunde liegt: Zahlgesetz, ein\nGrundzahlgesetz, das nämliche, das ohne Zweifel der gan-\nzen Weltschöpfung zum Grunde liegt. Unzweifelhaft tra-\ngen wir von dem grossen Uhrwerk des Weltalls auch ein\nRädchen in uns. Der menschliche Erfindungsgeist dreht\nnur auf eine sinnvolle Weise dieses Bädchen herum, indem\ner eine musicalische Composition zu Stande bringt. Er be-\nwährt sich damit als der versteckte Rechenmeister. Es ist\nein künstlich geregeltes Spiel mit den Grundzahlen, das\ner treibt. So tiefsinnig es ist, im Kunstwerk wird's offen-\nbar\" \"*). Desshalb konnte der Philosoph Leibnitz dasCom-\nponiren ein „ „unbewusstes Zählen der Seele\"\" nennen.\n„„Die Seele rechnet zwar nicht bloss\"\", setzt unser\nAesthetiker Vischer hinzu, „ „aber sie durchläuft jene gei-\nstigen Verhältniss-Stellungen in einer durch die jeweilige\nStimmung gegebenen Ordnung, und würde diese nicht\nbilden und bauen, wenn sie nicht unbewusst zählte. Man\nkann auch die Geltung dieses Wortes nicht beschränken\nauf die elementaren Gesetze der Harmonie, wie sie der\nmusicalische Instinct unbewusst geschaffen hat und im\nComponiren unbewusst befolgt; das ganz Individuelle der\nTondichtung selbst ist ein unendlich eigenes Schaffen neuer\ninnerer Verhältniss-Stellungen des Gefühlslebens, welche\nin ihren unendlichen Schwingungen der Geist gar nicht\nordnen könnte, wenn er sie sich nicht unbewusst als Punkte\naus einander hielte und verbände, und dies ist eben ein\nunbewusstes Zählen. Ist nun das Kunstwerk vollendet, so\nkann dieser unbewusste Process zum bewussten erhoben\nwerden, und muss es zum Behuf der Ausführung, ja, der\nErfinder selbst, wenn er sein inneres Tönen und Weben\nin Zeichen niedergelegt für diese, muss bereits in das be-\nwusste Zählen übergehen. Das fertige Werk kann wirk-\nlich nachgezählt werden, aber der beste Rechner hätte es\ndarum nicht erfinden können, denn es ist durch ein genial\nbewusstloses Zählen entstanden.\"\" Die Tonverbindung als\nMit- und Nacheinander zu Accorden und zu Melodieen im\nweiteren Sinne ist noch nicht Musik, gibt noch kein musi-\ncalisches Kunstwerk; ein solches entsteht erst dann, wenn\nsich dieses Tonmaterial zu einem geregelten, zusammenhan-\ngenden und geschlossenen, nach einem wohldurchdachten\nPlane abgefassten Ganzen gestaltet, das wir Melodie im\nengeren Sinne nennen; sie ist die Form des musicalischen\nKunstwerkes. Mit der Melodie kommt erst ein Kunstge-\nbilde aus dem Tonmaterial hervor; mit anderen Worten:\ndie formlose Masse gewinnt dadurch eine Form. In einem\nmusicalischen Kunstwerke macht also die Melodie das\nWesentlichste aus, abgesehen von den einzelnen Ausnah-\nmen, in welchen ein bestimmter Ausdruck auch durch\nblosse Accordfolgen erreicht, oder der Ton zu bloss rhyth-\n\n*) H. G. Nägeli's „Vorlesungen über Musik\".\n*) H. G. Nägeli's „Vorlesungen über Musik\"."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "291", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620913-01.1.3", "texte": "mischen Wirkungen verwandt wird. Melodie und Form\ndes musicalischen Kunstwerkes sind identisch, da man sich\nkeine Melodie denken kann ohne Form. Die Lehre von der\nForm macht es sich zur Aufgabe, die Bildung oder Ein-\nrichtung eines musicalischen Kunstwerkes zu zeigen, d. i.\nnachzuweisen, wie die Idee oder der musicalische Gedanke\neine äussere künstliche Gestaltung gewonnen hat. Die\ntormlehre analysirt die Genesis eines Tonstückes; sie\nrechnet oder zählt nach, um den Schüler den ganzen schö-\nnen Bau kennen und würdigen zu lehren.\"\nDer Verfasser erklärt dann in 23 Paragraphen die\nsämmtlichen Formen und erläutert die Erklärungen durch\nBeispiele und durch Aufgaben; von den-einzelnen\nGliedern, die er sehr ausführlich von §. 7 11 behan-\ndelt, geht er zu dem einfachen Tonslücke (Liedform),\ndem zweitheiligen und dessen Anwendung in der Me-\nnuetform u. s. w. zu der Haupt form (Allegroform)\nüber, nach deren Abhandlung er denn (durch Betrachtung\nder Abweichungen davon, der Rondoform u. s. w.) zur\nAnwendung der Grundformen auf zusammengesetzte Ton-\nschöpfungen kommt. Die Beispiele sind zahlreich, und zwar\nentweder im Text mit Notendruck gegeben oder bei Ana-\nlysen bekannter Werke mit der Angabe der Zahl der\nTacte. In der Regel sind sie aus Ciavierwerken, als den\nam leichtesten zugänglichen, von Haydn, Mozart, Clementi\nund Beethoven genommen. In den letzten Abschnitten fin-\nden sich aber auch Analysen von Mozart's C-dur-Concert,\nvon dessen Figaro-Ouverture, von Beethoven's Sinfonie Nr.\nI. und vom vierten Satz Allegro molto der Sinfonie Nr. 11.\nBei der Angabe der Tactzahl finden sich hier und da\nkleine Irrthümer in den Zahlen, die aber sich bei Ansicht\ndes Werkes selbst leicht als solche ergeben.\nWenn nun auch das besprochene Buch nicht viel Eige-\nnes, vom Verfasser Herrührendes enthält, so ist seine Ar-\nbeit doch jedenfalls eine verdienstliche und nützliche; denn\nes bleibt wahr, was der Verfasser am Schluss aus dem\n„romantischen Oedipus\" anführt:\n„Weitschweifigen Halbtalenten sind\nPräeise Formen Aberwitz; Notwendigkeit\nIst dein geheimes Weihgeschenk, o Genius !a\nund eben so, was Schiller in den Briefen an W. von Hum-\nboldt sagt: „Oer Künstler braucht mehr empirische und\nspecielle Formeln, als allgemeine philosophische.\"\nEine kurze Uebersicht der Geschichte der Instrumen-\ntal-Musik bis auf Beethoven, meist nach Nägeli's Vorlesun-\ngen, will nicht viel bedeuten und hätte eben so gut weg-\nbleiben können. Ooch ist im Schlussworte die Warnung\nvor unverständiger Nachahmung Beethoven's ganz am Orte.\nSchon S. 117 sagt der Verfasser, nachdem er die Stelle\naus Vischer's Aesthetik 111. §. 830 über Beelhoven ange-\nführt hat: „Wenn dessen ungeachtet einzelne Theoretiker\nBeethoven's letzte Instrumentalwerke für allzu verworren\noder gar für formlos erklären, so sind dieselben sehr irre\nund beweisen dadurch nur ihre eigene grosse Unkenntniss\nder Form. Beethoven hat sich in allen seinen Werken,\nauch den letzten, als Meister in der Form erwiesen, aber\nallerdings hat er sie mit grosser Freiheit und Originalität\nbehandelt u. s. w. Finden sich bei ihm fremdartige, dunkle\noder zweideutige Glieder, so erkläre man sie ja nicht für\nFormfehler, sondern man bedenke, dass Beethoven's An-\nordnung, Zusammenordnung von Ideen, die einander fremd\nscheinen, die Anordnung eines höheren Genius ist.\" —Hier,\nam Schlüsse, heisst es: „Auch neuere Schriftsteller (z. B.\nJul. Aisleben, Abriss der Geschichte der Musik, Berlin,\n1862) schliessen die Geschichte der Musik mit Beethoven\nab, wie denn der eben angeführte Autor (nach vielen an-\nderen) die Ansicht ausspricht: „„Die neunte Sinfonie ist\nder wahre Schlussstein jener Musik, die mit dem ambro-\nsianischen Lobgesange ihre erste Lebensfähigkeit bewiesen.\nMit Beethoven ist die eigentliche Aufgabe der Kunst er-\nfüllt, der gerade Weg vollendet.\"\" Damit ist angedeutet,\ndass die nun folgende Periode einen krummen, verkehrten\nWeg eingeschlagen habe. Jedenfalls ist Beethoven ein ge-\nfährliches Vorbild geworden u. s. w. Der Schüler halte\nsich an Gluck's Worte: „ „Ferner glaube ich einen gros-\nsen Theil meiner Bemühungen auf die Erzielung einer\nedlen Einfachheit verwenden zu müssen, indem Einfalt\nund Wahrheit die einzigen richtigen Grundlagen des Schö-\nnen sind.\"\nDahin gehören denn auch als beherzigungswerth die\nWorte von M. Hauptmann („Die Natur der Harmonik und\nMetrik\"): „In manchen Productionen neuer und neue-\nster Musik ist bei den Abweichungen von der direcl ver-\nständlichen metrischen Regularität nicht immer ein kunst-\nreiches verschlungenes Gewebe zu suchen [zu suchen wohl,\naber nicht zu finden]; öfter ist es auch nur ein Gewirr, in\nwelchem der Componist selbst nicht zu metrisch klarer\nEmpfindung gekommen ist und diese Unklarheit nun auch\nuns empfinden lassen muss. Es ist dies der Mangel im\nKünstler wenn man den Componisten mit diesem Mangel\nnoch so nennen darf —, ein Ganzes als Ganzes in seinen\nGliedern fassen zu können oder fassen zu wollen. Im\nGrunde genommen also ein. Mangel eigentlichen\nKunstsinnes, der nicht ein Stück in Stücken, der einen\nLeib in seinen gesunden Gliedern fordert.\"\nUnd F. Geyer in der Einleitung zu seiner musicalischen\nCompositionslehre (Berlin, 1862): „Inhalt und Form sind\nsomit zuletzt Eins, überall einander durchdringend, geheim-\nnissvoll für den Uneingeweihten. Dem Anfänger schwie-\nrig, ja, feindselig tritt die Form als Unbequemes entgegen;\n\n[*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "292", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620913-01.1.4", "texte": "daher wir uns nicht wundern, dass sie manche Gegner\nhat, denen sie ein Zwang erscheint. Aber Inhalt ohne\nForm würde ein leeres Phantasiren sein, und Form ohne\nInhalt kaum denkbar, gleichsam ein leeres Schema, das\nder Ausfüllung harrt.\"\nAuch aus dem Werke von Arrey von Dommer:\n„Elemente der Musik, Leipzig, 1862\", welches\nwir weiter unten ausführlicher besprechen werden, schlies-\nsen wir hier gleich an, was der Verfasser in Beziehung\nauf unser Thema sagt. Nachdem er den Grund des Strei-\ntes um Geist und Form einerseits in der Unsicherheit\nbei Bestimmung und Begränzung des Inhalts,\nandererseits in der Flüssigkeit des Tonmaterials\nfindet, jedoch einen völligen Abschluss der Kunst läugnet,\nindem „die Formen, unter denen wir die Ideale anschauen\nund ihre Vermittlung mit der Wirklichkeit zu ermöglichen\ntrachten, sich ewig neu gestalten, und die Kunst stets nach\nneuen Mitteln suche, ihre Aufgabe, Subject und Object,\nInneres und Aeusseres, Inhalt und Form in Einklang zu\nbringen, zu erfüllenI',1', fährt er (S. 173) so fort:\n„Die Ablösung von der Autorität, welche einerseits Be-\ndingung eines jeden Fortschrittes ist, kann aber anderer-\nseits, wenn wahrer sittlicher Gehalt und Genie fehlen, zu\nnatur- und kunstwidrigen Verirrungen führen. Mit Voran-\nstehendem ist daher Ausschweifungen, welche für Genia-\nlität gelten möchten, und der Unfähigkeit, welche aus Man-\ngel an Kraft, der Anerkennung werthes in kunstschöner\nForm herauszustellen, die Kunstbegriffe verwirrt, zu refor-\nmiren prätendirt, indem sie höchstens revolutionär verfährt\nund umzustossen versucht, ohne aulbauen zu können, mit\nvollem Munde von Freiheit, Zerstörung der fesselnden\nForm und dergleichen predigt, dabei aber der Selbsttäu-\nschung verfällt, zügelloseste Willkür als Freiheit anzusehen\n—■ allen solchen Erscheinungen ist selbstverständlich eben\nso wenig das Wort geredet, wie dem Handwerk, welches\nnur aus Bequemlichkeit am Ueberlieferten haftet, ohne\ndessen wahren Werth erkannt zu haben, und allein durch\nNachahmung sein Dasein fristet.\n„Eben jene vorhin erwähnte Flüssigkeit des Tonma-\nterials und die Undeutlichkeit der musicalischen Kunst-Ob-\njecte können den Tonkünstler leicht auf zwei einander ent-\ngegengesetzte Abwege führen. Er kann einerseits durch\nUeberwiegen des Inhaltes die Gesetze der Anschaulichkeit,\ndes schönen Ebenmaasses, der klaren und flüssigen Abrun-\ndung verletzen: das Tonstück kann bei reicher Fülle schö-\nner Gedanken unklar, verworren, eckig und überladen,\nmithin der Form nach unschön werden. Oder er kann mit\nHintansetzung der Idealität dem Formalismus allein huldi-\ngen: das Tonstück wird richtiger technischer Ausführung,\nangenehm formaler Abrundung und deutlicher Anschau-\nlichkcit ungeachtet unerquicklich, indem Leere und Nüch-\nternheit an Stelle eindringlicher Gefühlstiefe und Wahrheit\nuns geboten werden, und unerhebliche Gedanken einen\nAufwand von Darstellungsmitteln beanspruchen, welcher\nnur dem Höheren zukommt. Inhalt und Form strafen sich\nalsdann Lügen. Die Tonkunst verlangt aber wie jede der\nanderen Künste Gleichgewicht zwischen beiden, verneint\nvom Standpunkte der Fasslichkeit und Schönheit eine\nUeberfülle an Inhalt eben sowohl wie ein blosses Ver-\nstandesspiel mit der leeren Form.\n„Wenngleich man gesagt hat, die Musik sei diejenige\nKunst, welche am ersten den Inhalt über die Form stellen\nkönne, so hat dies nur in so fern Richtigkeit, als eine Form\nvon messbarer und wägbarer Genauigkeit darunter zu ver-\nstehen ist. Aus jener Forderung des Gleichgewichts zwi-\nschen Idee und Erscheinung ergibt sich von selbst, dass\nder ideale Inhalt eines Tonwerkes (von den durch die Mit-\ntel gesteckten Gränzen hier ganz abgesehen) nicht in allen\nseinen Einzelheiten gegeben werden kann, weil hierzu be-\ngriffliche Deutlichkeit erforderlich wäre, und da eine solche\ndem Wesen der Musik fern liegt, ein Bemühen, sie zu er-\nlangen, nur Unnatur, Zerfahrenheit der Form, Gewaltsam-\nkeit des Ausdrucks nach sich ziehen und die an sich viel-\nleicht schöne Idee mit einer umfasslichen, unschönen Er-\nscheinung in Widerspruch bringen würde.\n„Indem die Musik im Einzelnen nicht genau, sondern\nnur im Grossen und Ganzen (wenn auch durch Einzelhei-\nten im Nacheinander) ihr Object versinnlicht, wird ein fe-\nstes Zusammenfassen der Momente zu einem geschlossenen\nGanzen um so nothwendiger, weil das Einzelne hier nur\naus dem Ganzen begriffen werden kann.\n„Das Tonwerk wirkt demnach eben so durch Form\nwie durch Inhalt, wenn man beide getrennt denken will.\nDie feste Gliederung einer concisen Form sichert die Mu-\nsik vor Unklarheit, Verschwommenheit, unbestimmtem\nHin- und Herschweben und Schwanken, fesselt die Auf-\nmerksamkeit des Hörers durch wohlgeordnete rhythmische\nGruppirung, reichen Wechsel von Licht und Schalten,\nwohlmotivirte harmonische Wendungen und Klang-Effecte,\nbefriedigt den Geist durch sinnvolle thematische Durch-\nführung, Verflechtung der Motive und reiches Stimmen-\ngewebe, erfreut den Schönheitssinn durch frische und kräf-\ntige Sinnlichkeit, durch Fluss und äussere Abrundung\nwelche nicht etwa allein die Herrschaft des Tonsetzers\nüber die technischen Mittel des Ausdrucks und der Form-\nbildung bekunden, sondern auch ein Beweis sind für die\nFolgerichtigkeit seines Gefühls und Klarheit seines inneren\nSchauens. In den häufigsten Fällen sind nur Mangel an\ntüchtigem Können, so wie Unfähigkeit, einen Gedanken\nso allseitig zu durchdringen und auszubilden, dass er nicht"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "293", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620913-01.1.5", "texte": "als momentaner glücklicher Einfall dasteht, sondern zu\neinem harmonisch durchbildeten Kunstschönen erhoben,\ndurch klare Gliederung bei vollwichtiger Breite Verständ-\nniss und Ueberzeugung des Kunstgefühls für sich gewinnt,\nVeranlassung zu dem Ausspruche, dass die Phantasie durch\ndie Form in Banden geschlagen werde.\"\nSo erfreulich nun diese Zeugnisse unserer Zeit für den\nWerth der Form und mithin der classischen Musik sind,\nso traurig ist der Blick auf den Unterricht in der Ge-\nschichte der Musik auf unseren Coriservatorien, indem er\nentweder ganz fehlt, oder sehr oberflächlich behandelt,\noder endlich gar dazu benutzt wird, der musikstudirenden\nJugend Gleichgültigkeit, ja, Verachtung gegen die for-\nmelle Vollendung des Kunstwerkes einzuimpfen, dagegen\ndie Koryphäen der neuesten Schule als bahnbrechende\nMeister zu preisen und die kleine Schar ihrer Schüler und\nAnhänger durch eine dreiste und ganz ungehörige Reclame\nin die Jahrbücher der Entwicklung der Tonkunst einzu-\nschmuggeln.\nWir meinen damit besonders die Coriservatorien in\nLeipzig und in Prag, auf denen die „Grundzüge\nder Geschichte der Musik von Franz Brendel, 5.\nAuflage, Leipzig, 1861\", laut Benachrichtigung auf dem\nTitel als Grundlage des Unterrichts eingeführt sind. Wir\nwollen das Verdienst, das sich F. Brendel durch sein Buch\nüber die Geschichte der Musik erworben hat, nicht schmä-\nlern; es steht ja auch jedem Leser frei, den Inhalt der\nletzten Abschnitte über die gegenwärtige Tonkunst zu bil-\nligen, oder mit UlibischefF Einer Meinung zu sein, der da\n(Beethoven, S. 349) sagt: „Herr Brendel beurtheilt als\nMann von Talent und Geist die Musiker und ihre Werke,\ndie Menschen und die Thaten bis einschliesslich Mozart\nungefähr eben so wie andere Schriftsteller. Auch über\nBeethoven spricht er viel Wahres, bis er auf die neunte\nSinfonie stösst. Von dem Augenblicke an macht er auf den\nLeser, man kann es nicht anders sagen, den Eindruck\neines Monomanen, der nach stundenlanger, vernünftiger\nund logischer Rede auf einmal durch einige Worte ohne\nSinn und Verstand das Uebel verräth, an welchem er lei-\ndet.\"—Wie gesagt, dort ist dem Leser die Prüfung nicht\nverwehrt.\nGanz etwas Anderes ist es, wenn die Grundsätze, nach\ndenen „die Meister von Palestrina bis Beethoven für ihre\nZeit gut gewesen, aber dass ihre Zeit unwiederbringlich\nverloren sei\", von der Autorität einer musicalischen\nBildungs-Anstalt unterstützt, der Jugend vorgetragen\nwerden und ihr ein Lehrbuch in die Hand gegeben wird,\nwelches für Bach und Händel nur zwei kleine Para-\ngraphen, für Haydn, Mozart und Beethoven zusam-\nmen kaum fünf Seiten, für Mendelssohn, Weber,\nSpohr, Schumann nur Raum für die Erwähnung ihres\nNamens hat, auf Wagner und Liszt aber an zehn Sei-\nten verwendet; von den einzelnen Werken aller vorher-\ngehenden Meister kein einziges erwähnt, von Liszt aber\ndie meisten Orchester- und Vocalwerke aufführt und so-\ngar zum Theil charakterisirt und als Muster aufstellt.\nWir geben nur einige Sätze zum Besten.\nZunächst wird Hector Berlioz's Benvenuto Cellini\n„ein Fidelio\" genannt! (S. 58.) „Berlioz ist die grösste\nErscheinung der ganzen Epoche.\" „Wagner brach mit\nder durch das Uebergewicht der Musik zur leeren Scha-\nblone gewordenen Gestalt der Oper\" [also z. B. Don Juan,\nDie Zauberflöte, Fidelio, Der Freischütz!!] „nur Un-\nfähigkeit kann seinem System widerstreben\" [wenn also\nHauptmann, Richter, Moscheies, David u. s. w. anderer\nMeinung sind, so haben ihre Schüler es schwarz auf weiss,\ndass dies „unfähige\" Lehrer sind!] „Die neudeutsche\nSchule besitzt, wie jede grosse weltgeschichtliche\nErscheinung, den Beruf, das Alte vollständig in sich\naufzunehmen und später, unbeschadet des historischen\nRechtes desselben, allein an dessen Stelle zu treten,\nkeineswegs aber ist sie eine Partei im engeren Sinne, in\nwelchem dem fort und fort Gültigen nur eine Einsei-\ntigkeit mit beschränkter Berechtigung gegenüber tritt\" (S.\n61). [Also wird völlige Abschaffung der früheren Musik\ngepredigt, sie soll nicht mehr fort und fort gültig sein, von\nihrem ästhetischen Rechte kann nicht mehr die Rede sein,\ndas historische wird ihr grossmüthig gelassen. Der Schüler\nwird angewiesen, an die gänzliche Auflösung der begra-\nbenen Musik der classischen Meister zu glauben und nur\nWagner's und Liszt's Partituren zu Vorbildern zu nehmen.]\nDann werden Liszt's, als „einer bahnbrechenden Per-\nsönlichkeit, welche Wagner ergänzt, indem er neben die-\nsem die specifisch musicalische Seite überwiegend vertritt\",\nfast sämmtliche Werke aufgezählt, namentlich diejenigen,\n„durch welche er den Höhepunkt seines Schaffens erreicht\nhat die symphonischen Dichtungen\", erst ihrer neun (wie\nBeethoven's Sinfonieen), dann dazu Hamlet, Hunnen-\nschlacht, die Ideale, Dante, Faust, Prometheus, Ave Ma-\nria, Messe für Männerstimmen, Graner Messe, Psalmen,\n„Die Seligkeiten\", Die heilige Elisabeth! [ein noch nicht\neinmal vollendetes Werk in einem Grundriss der Geschichte\nder Musik erwähnt!] Endlich die Apotheose (S. 64):\n„Auch bei Liszt erblicken wir sogleich als charakte-\nristisches Unterscheidungs-Merkmal den Bruch mit der\nbisherigen Form der Instrumental-Musik, die ebenfalls\nzur Schablone zu werden drohte oder bereits mehrfach zu\neiner solchen geworden war. [Vgl. Wagner's Urlheil über\nMozart's symphonistische Tafelmusik beim Serviren!] Wenn\nbei Beethoven schon die Gestaltung [?] seiner Werke viel-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "294", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620913-01.1.6", "texte": "fach [?] bedingt erschien durch den zur Darstellung [??]\ngewählten Vorwurf, so sehen wir hier die Consequenz da-\nvon: engsten Anschluss an ein poetisches Programm, so\ndass dieses maassgebend wird für Form und Inhalt. Die\nneueste Musikrichtung zeigt überhaupt ein solches Stre-\nben, ein Hinarbeiten auf Anschluss an die Poesie, und wir\nhaben daher hier auf specifisch musicalischem Gebiete die-\nselbe Erscheinung, die uns auf dramatischem bei Wagner\nbegegnet. Die Zeil erkennt hierin die neue Aufgabe für\ndie Instrumental-Musik, und mit voller Entschiedenheit\nmacht sich daher das Bewusstsein darüber geltend. (!) Wenn\nferner bei Beethoven das Streben nach Bestimmtheit des\nAusdrucks als vorwaltend sich zeigte, so gewahren wir\nschon bei Berlioz und weiter sodann bei Liszt auch nach\ndieser Seite hin eine Steigerung, die mit der Bereicherung\nder Mittel des Ausdrucks im engsten Zusammenhange steht.\nEine erneute sinnliche Belebung, was die äussere Klang-\nwirkung betrifft, war damit zugleich gegeben. Durch alles\ndies aber wurden der Instrumental-Musik neue Aufgaben\nzugeführt und dadurch eine neue Befruchtung für dieselbe\ngewonnen. Andererseits aber wiederholt sich auch hier,\nwas als ein Grundgesetz in der Entwicklung der deutschen\nMusik sich immer manifestirt hat, das Auslaufen in entge-\ngengesetzte Spitzen, wie früher u. A. durch Händel und\nBach, Mozart und Beethoven, so jetzt durch Liszt\nund Wagner repräsentirt. (!) Erscheint der Letztere rein\ndeutsch, so nimmt Liszt, ähnlich wie Händel, Gluck, Mo-\nzart u. A., mehr eine universelle Stellung ein, indem er\nverschiedene Nationalitäten organisch verschmelzt, auch auf\ndiese Weise der wenigstens momentan öfters in sich ver-\nsiegenden deutschen Innerlichkeit eine neue Anregung zu-\nführend, obschon dadurch andererseits auch das Verständ-\nniss erschwert wurde, eben weil Liszt's Werke nicht allein\nund ausschliesslich im deutschen National-Charakter wur-\nzeln, sondern zu ihrer Aneignung zugleich ein Hineinleben\nin fremde Eigentümlichkeiten gehört. Wie nun Liszt\nnach diesen Seiten hin die Keime entwickelt, die Conse-\nquenzen gezogen hat, so dass er dem, was nur erst in zer-\nstreuten Anfängen vorhanden war, eine feste Gestalt ver-\nlieh und dasselbe zu einem bestimmten Abschluss brachte,\nein neues Ideal verwirklichend, so erscheint er neu\nund eigentümlich auch in den anderen Gattungen, welche\ner bearbeitete. Was Kirchenmusik betrifft, so sehen wir\nhier, abgesehen von dem allein schon entscheidenden Ver-\ndienste einer neuen Beseelung des Inhalts, einer tief ge-\nfühlten, wirklich religiösen Stimmung, trockenem For-\nmalismus und unergiebiger Starrheit oder indifferenter\nWeltlichkeit gegenüber, auch in Bezug auf die äussere\nAnlage, namentlich in der Graner Messe, ein dem Geiste\nder Neuzeit entsprechendes Verfahren, indem Liszt die frü-\nHeren kleineren Formen durch eine allumfassende grössere\nzu ersetzen bestrebt ist. Fassen wir schliesslich Liszt's welt-\nliche Gesangmusik ins Auge, so treten uns zunächst seine\nLieder als eine Leistung ersten Ranges entgegen\"\nu. s. w.\nWir haben es für nöthig gehalten, die obigen Aeusse-\nrungen wörtlich anzuführen, weil eine bloss andeutende\nHinweisung darauf als eine Verdächtigung hätte erscheinen\nkönnen, so unglaublich werden sie allen Musikern vor-\nkommen.\nHerrn Brendel bleibt es natürlich unbenommen, der-\ngleichen einseitige Ansichten, oder richtiger: grossartige\nReclamen, in Zeitschriften und Büchern nach Gefallen zu\nverbreiten; aber gehören sie in ein Compendium der\nGeschichte der Musik von nicht mehr als 72 Seiten?\nUnd was soll man von musicalischen Bildungs-Anstalten\ndenken, die einen Leitfaden für die musikgeschichtlichen\nVorträge autorisi ren, welcher den Schülern den „Bruch\nmit der bisherigen Form\", die sie studiren sollen, predigt,\nund die ganze bisherige Musik nur als Fussgestell für\nWagner und Liszt darstellt?\n\nDie heu Bühnensänger.\nDie ersten Bühnen in Deutschland besitzen jetzt, trotz\nder hohen Gehälter, die sie zahlen, oft kaum das notwen-\ndigste Personal für ein gutes Opern-Repertoire. Die „Sän-\ngernoth\" ist allgemein. In dem vierten Hefte von „Ge-\nsang und Op er\" von Maria Heinr. Schmidt (Magde-\nburg, 1862)' werden die Ursachen derselben mit einer\nerschreckenden Wahrheit, welche aus reicher Bühnen-Er-\nfahrung fliesst, dargelegt*). Der Verfasser findet dieselben\nnicht in dem Mangel an tüchtigen Stimmen, noch an hin-\nreichend lockenden Aufforderungen, sich der Bühne zuzu-\nwenden, sondern in anderen Umständen und Mängeln,\nwelche er ausführlich schildert. Die Wahrnehmung, dass\nunsere jetzigen Sänger meist nach viel kürzerer Zeit von\ndem Schauplatze wieder abtreten, als die früheren, veran-\nlasst hauptsächlich die Not der Opernbühnen. Der Ver-\nfasser erklärt nun jene Thatsache aus mehreren Ursachen,\nüber welche er sich unter Anderem folgender Maassen\nausspricht:\nDie meisten Sänger betreten die Bühne, bevor sie\nmit ihrer Stimme vertraut geworden sind und sie zweck-\nmässig haben gebrauchen lernen. Ist die Stimme nicht\n\n*) Dieses IV. Heft enthält die Fortsetzung der im 111. Hefte (vgl.\nNr. 15) begonnenen Darlegung eines methodischen Ganges des\nGesang-Unterrichts, ferner eine Abhandlung über die Eigen-\nschaften, welche ein Gesanglehrer haben soll, u. s. w."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "295", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620913-01.1.7", "texte": "fehlerfrei, dann muss sie bei angestrengtem Gebrauche\nund ohne bewusste kunstgemässe Behandlung auch vor der\nZeit ihrem Ruin entgegeneilen. Der angehende Sänger be-\ntritt mit der Bühne eine ihm gänzlich neue, fremde Welt.\nDie gewöhnlichsten Thätigkeiten seines Körpers, als Gehen\nund Stehen, werden ihm auf dem Podium zu einer unge-\nwohnten Ausübung; er hat zwei Arme und zwei Beine zu\nviel und weiss weder seinen Kopf noch seinen Körper an-\nständig zu tragen. Hunderterlei Dinge nehmen seine Auf-\nmerksamkeit in Anspruch, beschäftigen und verwirren ihn.\nWenn er daher nicht wenigstens mit dem wesentlichsten\nTheile seiner Aufgabe, mit dem Gesänge, so vollständig im\nReinen ist, dass er ihn gleichsam mechanisch auszuführen\nvermag, dann wird seine Bühnen-Wirksamkeit nicht allein\nihm selbst, sondern auch allen denen, die mit ihm zu wir-\nken haben, zur Qual werden. Und diese Unsicherheit in der\nAusübung seiner Kunst verschwindet nicht etwa nach den\nersten sechs Partieen, sie wird ihm vielmehr auf Jahre hin\nzu eigen bleiben, wenn er nicht eine ungewöhnliche Ener-\ngie besitzt, um sie durch den angestrengtesten Fleiss zu\nüberwinden. Aber dies geschieht nicht oft. Häufig wohl\nmag jungen Sängern, welchen der Besitz ihrer natürlichen\nMittel die Bühne öffnet, der strebsame Wille zu eigen sein,\nnoch nachträglich ihre Stimme zu einer künstlerischen Ver-\nwerthung heranzubilden; allein derselbe wird selten zur\nwirklichen That, weil entweder die Charakterfestigkeit oder\ndie Gelegenheit hierzu fehlt. Hat nämlich der debütirende\nSänger das Unglück, sich durch den Wohllaut seiner\nStimme ohne künstlerische Bildung den Beifall des Publi-\ncums zu erwerben; sieht er sich in Folge seiner natürlichen\nMittel und in Hoffnung auf deren spätere Entwicklung bei\neiner anständigen Bühne angestellt und verhältnissmässig\ngut besoldet; spendet ihm die Kritik aus übel angewandter\nNachsicht oder aus Mangel an Einsicht freigebig ihr Lob;\nfindet er endlich im Publicum enthusiastische Kunstnarren,\ndie seine Freundschaft suchen und ihm durch Schmeiche-\nleien den Kopf verdrehen: dann liegt auch die Gefahr nahe,\ndass er alle diese Begünstigungen als den schuldigen Tribut\nseines Verdienstes ansieht und sich für einen ausgezeich-\nneten Künstler hält. Mit dieser Meinung aber ist dann ein\nenergisches Ringen und Streben unverträglich; der von\nEitelkeit umsponnene Kunstjünger wird sich in allen Din-\ngen gehen lassen und kaum das Notwendigste thun, was\nsein Beruf oder vielmehr seine Stellung von ihm fordert.\nSo wenig lobenswerth dies nun auch sein mag, so begreif-\nlich ist es doch. Die wenigsten unserer jetzigen Sänger\nführt ein innerer Trieb und ein planvoll vorausgegangener\nBildungsgang der Bühne zu, die Mehrzahl wirft ein reiner\nZufall der Kunst in die Arme. Macht in geselligen Kreisen,\nin Liedertafeln, bei Commercen, in Werkstätten, auf dem\nKutscherbock und wo es sonst immer geschehen mag, eine\nStimme sich geltend, da gibt es auch gleich gescheidte\nLeute, die den Besitzer derselben mit aller Ueberredungs-\nkunst auffordern, sich der Bühne zu widmen, und ihm ein\nglänzendes Glück in Aussicht stellen. An Beispielen, wie\nAndere, gleich ihm, aus einem Handwerker berühmte,\nreich bezahlte Sänger wurden, fehlt es nicht, und wenn\nder also Ueberredete in seinem Stande nicht eben viel zu\nverlieren hat, oder seine Einbildungskraft lebhaft genug\nist, ihm die Künstler-Laufbahn mit den schillerndsten Far-\nben auszumalen, dann ist der Entschluss, sein Leben voll\nMühe und Arbeit mit einem freien und freudenreichen zu\nvertauschen, nicht schwer zu fassen. Eben so wenig fehlt\nes an Leuten, welche die Kunst verstehen, einem solchen\nrohen Edelstein in der kürzesten Zeit so viel äussere Poli-\ntur zu geben, dass er unter heutigen Verhältnissen\nes wagen kann, die Bühne als Künstler zu betreten, um,\nwie schon vorhin erwähnt, als Folge seiner Stimme so-\ngleich Beifall und Engagement zu finden. Wenn nun ein\nsolcher Sänger, der beispielsweise sein Leben bis dahin\nauf dem Droschkenbock zubrachte und in einem beschwer-\nlichen Geschäfte seine bescheidene Existenz fand, sich plötz-\nlich bewundert, geschmeichelt, gesucht und im Verhält-\nniss zu seinem früheren Erwerb glänzend bezahlt sieht,\ndann ist es wahrlich kein Wunder, sondern eine ganz na-\ntürliche Metamorphose, wenn er sich aus einem Chapelon\nin einen St. Phar umgestaltet. Ein plötzliches unverdientes\noder doch mühelos errungenes Glück können überhaupt\nnur wenige Menschen ertragen; wie sollte es denn ein\nKünstler, dessen Eitelkeit noch ohnedies auf so vielseitige\nWeise angeregt wird, wie es in anderen Ständen kaum\nvorkommen kann? Und diese erregte Eitelkeit ist dem an-\ngehenden Künstler um so gefährlicher, je geringer die Gei-\nstesbildung war, die er seinem neuen Stande zubrachte.\nWer allen Versuchungen gegenüber aber fest bleibt und\nsich in der unbefangenen Erkenntniss nicht irre machen\nlässt, wie viel der Arbeit, des Ringens und Strebens dazu\ngehört, um ein rechter Künstler zu werden, und unbeküm-\nmert um alle eitlen Anfechtungen unverrückt sein Ziel im\nAuge behält, der beweist eine moralische Kraft und eine\nEnergie des Charakters und Willens, die zu besitzen und\nin den angedeuteten Bühnen-Verhältnissen zu bewahren\nnicht Vielen nachzurühmen ist. Aber selbst mit dieser Cha-\nrakterfestigkeit ist es einem bereits engagirten und be-\nschäftigten Sänger unendlich schwer gemacht, noch\nnachträglich die versäumte Gesangbildung sich zu erwer-\nben. Denn es ergeben sich aus dem geregelten Bildungs-\ngange, den der Schüler methodisch nehmen müsste, und\nden Anforderungen, welche die Bühne an ihn stellt, so\nviele Unverträglichkeiten, dass es fast unmöglich wird, sie"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "296", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620913-01.1.8", "texte": "zu beseitigen, und er nothwendig das Eine auf Kosten des\nAnderen vernachlässigen muss, wenn man auch nur in An-\nschlag bringt, wie viel Zeit ein beschäftigter Sänger durch\ndie Proben und Vorstellungen für seine Ausbildung ver-\nliert. Und wenn auch alles das nicht wäre, so liegt schon\netwas Unnatürliches und Widerstrebendes darin, wenn ein\nSänger, der heute eine Aufgabe höherer Kunstfertigkeit\nzu lösen hat und die erfreulichste Anerkennung des Gelin-\ngens dafür ärntet, sich selbst seine mangelhafte Bildung\ndafür eingestehen und am anderen Tage elementarische\nUebungen machen soll, um dieser nachzuhelfen. Ueber-\nzeugender noch als die oben angegebenen Gründe mag\nfür meine Ansicht die Erfahrung sprechen, dass die bei\nWeitem meisten Naturalisten, welche als solche die Bühne\nbetreten, nach einer kurzen Zeit wieder ihre Carriere be-\nschliessen, oder wenn ihre Stimme eine eiserne Consistcnz\nbesitzt, doch Zeit ihres Lebens, was sie Anfangs waren,\nbleiben. Nur Wenige, besonders begabt und für ihren Beruf\nbeseelt, erheben sich zu einer wirklichen Künstlerschaft.\"\n(Schluss folgt.)\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nFelicien David's komische Oper „Lalla Rookhu ist, in Par-\ntitur, Orchesterstimmen, Ciavier-Auszug u. s. w. gestochen, bei B.\nSchott's Söhnen in Mainz erschienen.\nMieigtzig* Am 18. August gastirte auf dem Stadttheater Frau\nNina Z ottm ayr-Hartm an n , früher auf dem frankfurter Thea-\nter, als Elvira in „Hernani\". In Folge dieses ihres ersten Auftre-\ntens, das von gutem Erfolg begleitet war, scheint das Engagement\ndieser Künstlerin an unserer Bühne gewiss zu sein. Das Organ der\nSängerin ist zwar abermals nicht gross und entbehrt der erwünsch-\nten Tonfülle, es ist aber so durchgängig gelenk und geschult, ihr\nSpiel ist so lebhaft und ansprechend, dass der erste Eindruck, abge-\nsehen von einigen noviciellen Sängerinnen-Untugenden, die ihr noch\nankleben, ziemlich befriedigend war. Das Publicnm nahm das Debüt\nwohlwollend auf.\nAnfang September wird Frau Johanna Wagner-Jachmann\nerwartet, und man ist sehr darauf gespannt, die berühmte Sängerin\nauch im Schauspiel auftreten zu sehen. Mit diesem Gaste soll dem\nVernehmen nach der Bescliluss des in diesem Jahre sehr grossen\nGastspiel-Reigens gemacht werden.\n/\nDas Victoria-Theater in Berlin kommt am 16. März 1863 zur\nSubh astation.\nDer bisherige Tenorist Herr Auerbach hat seiner Künstler-\nLaufbahn entsagt und ist, nachdem er sich mit der Tochter eines\nrenommirten Weinhändlers in Frankfurt a. M. verlobte, als Com-\npagnon in das Geschäft seines Schwiegervaters getreten.\nEine neue dreiactige Oper von Richard Würst, „VinetaLi,\nkommt mit Beginn der Winter-Saison an der breslauer Bühne\nzur Aufführung. Auch das Libretto derselben rührt dem Vernehmen\nnach vom Componisten her.\nWien. Capellmeister Johann Strauss hat sich am 26. August\nmit der Sängerin Fräulein Henriette Treffs vermählt.\nDas vom Gesangverein „Biedersinn\" in der „Neuen Welt\" ver-\nanstaltete Sängerfest hat ein Erträgniss von 4200 Fl. ergeben, welche\nSumme dem Fonds zur Errichtung eines Schubert-Denkmals zuge-\nwiesen wurde.\nDer Impresario Merelli gibt jetzt mit seiner wandernden italiä-\nnischen Operngesellschaft Vorstellungen in Lemberg. Von da denkt\ner nach Stockholm zu gehen.\nVom musicalischen Lyceum in Tri estist der Concurs für die\nBesetzung der Singlehrer-Stelle ausgeschrieben. Jahresgehalt 600 Fl.\nVom Bewerber wird verlangt: dass er zwölf Schüler in der hö-\nheren Gesangskunst unterrichte; dass er ein tüchtiger Ciavierspieler\nsei; dass er alljährlich mindestens zwei Messen componire; dass\ner sämmtliche vom Lyceum zu veranstaltenden Concerte arrangire,\neinstudire und dirigire. Hierauf beschränken sich die bescheidenen\nForderungen gegen das enorme Gehalt!!\nParis« Der Saal Ventadour ist nach langen Unterhandlungen\nwieder an Herrn Calzado, Unternehmer der italiänischen\nOper, vermiethet. Die Oper wird am 1. October mit Flotow's\n„Stradella\" als Neuigkeit eröffnet. Neulich brachte eine Vor-\nstellung des „Propheten\" von Meyerbeer in der grossen Oper\n10,224 Frcs. (circa 2750 Thlr.) ein. Fides Mad. Tedesco; Jo-\nhann von Leyden Gueymard."}]}