{"numero_id": "bm-bmtnabi-1862-10-04-01", "volume": "bmtnabi_1862-10-04_01", "ocr_sha256": "80af055d35494e06a0c1ef99dd9673176dbf395b709b323e59788ac7b48dc736", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1862/10/04_01/bmtnabi_1862-10-04_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18621004-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1862-10-04-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1862-10-04_01#c001", "volume": "bmtnabi_1862-10-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "313", "page_fin": "313", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18621004-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "313", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18621004-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 432, "texte": "Inhalt.\nv • /a ,?aS ,WeSe?n Und die N°fWCndigkcit der musicalischen Form. 111. - Eine Stimme aus Frankreich über Musik- und Ge-\nsg- ereine ( c uss). Tages- und Unterhaltungsblatt (Köln, Eröffnung des neuen Stadttheaters Berlin Orchesterstimmune-\nainz, Eröffnung des Stadttheaters Auszeichnung für Herrn Methfessel Dingelstedt - Dresden, Geibel's „Brunhild« - Wien\nBenedix s „Die deutschen Komödianten\", Herr Ander, Normal-Stimmung)."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1862-10-04-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1862-10-04_01#c002", "volume": "bmtnabi_1862-10-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "313", "page_fin": "318", "image_debut": 1, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18621004-01.2.2", "titre_corps": "Das Wesen und die Nothwendigkeit der musicalischen Form.", "titre_sommaire": "Das Wesen und die Nothwendigkeit der musicalischen Form.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "313", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18621004-01.1.1", "debut_caractere": 434, "fin_caractere_exclue": 4018, "texte": "Das Wesen und die Nothwendigkeit der musicalischen\nForm.\nIII.\n(I. s. Nr. 37, 11. Nr. 38.)\nWenn Ä. von Dommer in dem X. Abschnitt: „Vo-\ncalmusik\",mit allen musicalischen Schriftstellern vor ihm\nim „Gesänge\" die „ursprüngliche Musik\" sieht, so wird\nNiemand widersprechen. Wenn er aber daraus und „weil\nalle Musik vermöge ihrer eigentlichen Bestimmung, das\nmenschliche Selbst in seinem Gefühlsleben zu verlautba-\nren, stets auf den Gesang zurückweist\", folgert, „dass die\nInstrumental-Musik erst in ihrer Vermählung mit der Vo-\ncal-Musik die höchsten Ansprüche an die Tonkunst über-\nhaupt zu erfüllen vermöge\", so ist diese irrthümliche An-\nsicht, welche übrigens vielem, was der Verfasser in frü-\nheren Abschnitten über die „reine Musik\" gesagt hat,\nwiderspricht, wiederum nur aus der Hinneigung desselben\nzu jener Theorie zu erklären, welche durchaus etwas Ge-\ngenständliches in der Musik haben will und „die höchsten\nAnsprüche an die Tonkunst\" in die Durchsichtigkeit oder\nErleichterung des Verständnisses ihres aussermusicalischen\nInhalts setzt.\nIndess verwahrt sich von Dommer doch vor der kras-\nsen Auslegung, die ihn vielleicht zum Wortmusiker ma-\nchen wollte, dadurch, dass er dem Satze: „Der Ton an\nsich drückt unmittelbar das Gefühl aus, das Wort ver-\nmittelt das \\ erständniss der dargestellten inneren Zustände\ndurch den Begriff\"—folgende Anmerkung hinzufügt:\n„Damit ist nicht gesagt, dass die Gesang-Melodie\ndurchaus an das einzelne Wort gebunden sei, wenngleich\nsie den Text fordert. Auch in Verbindung mit diesem ist\nsie etwas kunstfrei und sinnvoll in sich Beschlossenes. Alle\nwahre Vocai-Musik hat nicht aus der Sprach-Declamation,\nsondern aus der freien Coloratur, jenem ungehemmten\nErguss eines gehobenen Gefühls in Tönen, sich entwickelt.\nGregor's Neumen sind schon voll davon, und die Kunst\nauf ihrer höchsten Vollendungsstufe hat colorirte Entfal-\ntung der Melodie keineswegs verschmäht. Die Notwen-\ndigkeit des in Worten ausgedrückten Gedankens für den\nGesang wird dadurch nicht verneint, wenn auch nicht im\nSinne mancher nur nach materieller Deutlichkeit streben-\nder Tonsetzer zugegeben.\" (S. 207.) Späterhin fügt er\nhinzu: „Die Coloratur verdankt ihren ersten Ursprung\neiner gewissen Ueberschwänglichkeit des Gefühls, welche,\nindem Wort und einfacher Ton nicht genügen, in frei\nmelodischen Gängen sich ergiesst. Und in diesem Sinne ist\ncolorirter Gesang so alt wie Gesang und Melodie über-\nhaupt (man gedenke nur der Neumen in Gesängen der\nalten Kirche) und als erste Grundlage aller freien Melodie-\nEntfaltung anzusehen. Später bemächtigte sich ihrer die\nGesang-Virtuosität\" u. s. w. (S. 238). Man könnte da-\nfür auch das so genannte Jodeln der deutschen Alpenbe-\nwohner und die melodischen Refrains mancher slawischen\nGesänge ohne Text anführen.\nWas über die Erfordernisse des Musikers an die Dich-\ntung für Composition gesagt ist, enthält gute Winke. Dem-\nnächst werden die Formen der Vocal-Musik erläu-\ntert: Recitativ (Psalmodie), Arioso, Melodrama, Lied,\nArie, Duett u. s. w., Chor (Anhang über Partitur). S\n208 265.\nHiernach lässt der Verfasser den Abschnitt XI über\n„die Formen der Instrumental-Musik\" folgen (S.\n266 323) und nimmt dann in Abschnitt XII: „Kir-\nchenmusik (Choral, Responsorien, Motette, Anthem,\nMesse, S. 324 339), Vocal- und Instrumental-\nMusik auf dramatischem Gebiete\" (Cantate, Ora-\ntorium, Passionsmusik, S. 339 —361) —die Besprechung\nder grösseren Compositionsformen der Vocal-Musik, wie\ndie Inhalts-Angabe zeigt, wieder auf.\nWie man sieht, hat der Verfasser die Oper als mu-\nsicalisches Kunstwerk nicht in den Bereich seiner Form-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "314", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18621004-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5451, "texte": "Betrachtungen gezogen. Ueber die allgemeine Stellung der\nOper zur Tonkunst überhaupt sind an den geeigneten\nPunkten Andeutungen vorhanden; auch sind die Einzel-\nformen der Vocal-Musik, welche in der Oper zur Anwen-\ndung kommen, erläutert und zum Theil recht ausführlich\nbehandelt: immerhin aber dürfte doch die gar zu geringe\nBerücksichtigung der Oper in dem ganzen Buche über-\nhaupt nicht zu billigen sein, da die Vernachlässigung die-\nser Kunstgattung erstens der oben angezogenen Ansicht\ndes Verfassers: „dass nur erst die Vereinigung von Vocal-\nund Instrumental-Musik die höchste Aufgabe der Tonkunst\nlöse\" —nicht so, wie zu erwarten war, gerecht wird, und\nzweitens die fast völlige Ignorirung der Meisterwerke in\nder Oper sich selbst bis auf die Anführung von Beispielen\nzur Erläuterung der einzelnen Vocalformen erstreckt, für\nwelche der Verfasser nur auf Bach und Händel hinweist.\nWir glauben kaum, dass eine solche Einseitigkeit dem an-\ngegebenen Zwecke des Buches, „dem gebildeten Kunst-\nfreunde die Kenntniss des technischen Apparats, der Aus-\ndrucksmittel und Formen der Tonkunst zu vermitteln\"\nu. s. w., entspreche. Je verwirrter die Ansichten über die\nhöchst bedeutende Kunstgattung der Oper heutzutage sind,\ndesto lieber hätten wir in einem Elementarwerke wie das\nvorliegende eine Zusammenstellung der musicalischen\nGrundsätze über das Wesen derselben gelesen, zumal da\nder Verfasser an vielen Stellen hinlänglich darthut, dass\nseine Ansichten über die Ausdrucksmittel und die Formen\nder Tonkunst in Bezug auf die Oper wohl geeignet sein\ndürften, die Verwirrung der Begriffe über diese Gattung\nklären zu helfen.\nZum Beweise lassen wir einige Stellen aus dem Ab-\nschnitte über die Arie folgen.\n„Entfaltung voller und breiter Melodie ist der Arie\nwesentlich eigen, diese aber vom Tonfalle der Rede und\nvom Haften am Wortbegriffe völlig losgebunden. Der Sinn\nallein bestimmt die melodische Bewegung. Denn vom Ton-\nfälle der Sprache wird Niemand seine Melodieen abstrahi-\nren, wenn er deren zu erfinden überhaupt befähigt ist;\nWort, Rede und Declamation sind höchst nüchtern und\nunvollkommen, wenn es darauf ankommt, die feinsten\nSchattirungen des Seelenlebens wiederzugeben. Ist aber\ndas Gemüth bis zu jenem Punkte der Ueberfülle gehoben,\nwo ihm unmittelbarer Erguss in Tönen zur unwillkürli-\nchen Nothwendigkeit wird und den Eindruck eines sol-\nchen unwillkürlichen Ueberströmens soll eine jede, auch\nnoch so fein und kunstvoll gebaute Arie machen—, so\nhat es mit sich selbst genug zu thun, trifft den natürlichen\nAusdruck, ohne über das Wort zu reflectiren oder beim\nunkünstlerisch naturalistischen Tongange der Sprache an-\nzufragen. Tongang und Rhythmik sind allein vom Bewe-\ngungs-Rhythmus der Empfindung abhängig, also durchaus\nmusicalisch selbstständig. Mit ihm hebt und senkt sich der\nTon-Ausdruck. Drängen die Vorstellungen den, der im\nAffect sich befindet, vorwärts, so wird die Melodie nicht\nverweilen; bedarf das Gefühl einer speciellen Auseinander-\nsetzung, so wird die Musik diesem Verlangen nachkom-\nmen, und andererseits sich kurz fassen, wenn der Gedanke\ndanach beschaffen, nichts auszumalen und zu schildern ist.\nDie Wote der Arie fassen den ganzen Affect in einen kur-\nzen Inbegriff zusammen, geben aber der Musik Veranlas-\nsung zu dessen völliger austragender Darlegung; und diese\nist allein gebunden an die der Tonkunst natureigenen Ge-\nsetze. Es kann hier nun nicht mehr die Rede davon sein,\ndass jede Sylbe, wie im Recitativ, mit nur einem Tone,\nnicht mit mehreren Tönen besetzt sein dürfe. Indem wir\nder Musik die Macht und den Zweck zugestehen, im Ge-\nfühls-Ausdruck über die praktische Rede weit hinauszu-\ngreifen, kann in der freien Melodie die Anzahl der Töne\nnicht mehr durch die Sylben bestimmt werden. Ist dieses\nauch der Recitation natürlich, so eignen dem entwickelten\nGesänge doch eben so naturgemäss mannigfache Tonbie-\ngungen, Bindungen, melodische Durchgänge, welche besser\nauf einen Vocal zusammengezogen, wie durch Aussprache\nverschiedener Sylben getheilt und gebrochen werden.\"\n„Die Arie fordert Begleitung, und zwar nicht\ndas eintönige, verhallende Ciavier wenngleich dieses\nwohl als Verstärkungs- und Aushülfsmittel dienen kann\n—, sondern das vielfarbige Orchester, oder wenigstens\nInstrumente, welche selbst des Gefühls-Ausdrucks durch\nGesang fähig und in verschiedener Combination einer hö-\nheren Klang-Charakteristik zugänglich sind. Die schil-\ndernde Kraft der Instrumental-Musik wird bei der Arie\nmehr wie bei jeder anderen Gesangform als wesentliche\nBeihülfe nöthig, indem Singstimme und Melodie allein nicht\nhinreichen, den ganzen Reichthum eines bis zum Ueber-\nströmen gehobenen Gefühls vollständig darzulegen. Es\nmuss nicht allein Harmonie, sondern diese auch in ihrer\nStimmenmehrheit hinzutreten, der nun Manches zur Cha-\nrakterisirung Nöthige, über das Gebiet der Melodie und\nSingstimme jedoch Hinausgreifende übergeben wird. Jeder-\nmann sind die ungemein feine Zeichnung und mannigfache\nFarbenschattirung bekannt, in welchen das Orchester in\nMozart's Opern- und Concert-Arien sich ergeht, und es\nbedarf einer weiteren Auseinandersetzung eben so wenig,\nwie nach der anderen Seite hin nothwendig erscheint, der\nUeberladung mit Instrumenten als einer kunstwidrigen\nAusschreitung eingehender zu gedenken. Die neueste Zeit\nlässt sich eine solche so über alles vernünftige Maass hinaus\nzu Schulden kommen, dass die Missverhältnisse zwischen\nStimme und Begleitung in manchen modernen Opern auch"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "315", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18621004-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5472, "texte": "dem anspruchlosesten Kunstfreunde nicht entgehen können.\nBei aller kunstvollen und reichen Combination der Instru-\nmental-Begleitung muss der Singstimme dennoch vor Al-\nlem eine gesicherte Stellung bleiben. Das ist ein so einfa-\ncher und in der Natur begründeter Satz, dass man fast\nzögern möchte, ihn nochmals auszusprechen, und kaum\nbegreift, wie auch bedeutende Tonsetzer so oft dawider\nhandeln konnten. Die Ueberladung mit Instrumenten-Mas-\nsen an sich ist schon genugsam als Aeusserlichkeit bezeich-\nnet, welche die Charakteristik nicht etwa fördert, son-\ndern herabdrückt und ins Materielle hineinzieht, abgesehen\ndavon, dass eine schöne Gesammtwirkung nicht möglich\nsein kann, wenn die Stimme gezwungen ist, durch ein\nChaos von Blech- und anderen Instrumenten mühsam sich\nBahn zu brechen, statt von einer in sich bedeutungsvollen\nBegleitung gehoben und getragen zu werden.\"\n„Der ästhetische Werth der Arie, namentlich\nfür die Oper, ist in neuester Zeit energisch angefochten.\nRichard Wagner verwirft bekanntlich diese wie überhaupt\njede geschlossene musicalische Form an sich und besonders\nim Musik-Drama. Bis jetzt ist aber noch nicht gelungen,\nnoch dürfen wir erwarten, dass es je gelingen wird, etwas\nVollkommeneres dafür hinzustellen. Denn der declamato-\nrisch recitirende Gesang, halb Arioso, halb Recitativ, bie-\ntet nicht im Entfernten einen Ersatz dafür. Der kunstmäs-\nsige Einzelgesang ging von der Recitation aus, und ihr\nWerth kann nicht bestritten werden; nichts desto weniger\nwar das höhere Ziel, dem jener nachstreben musste, Ent-\nwicklung selbstständiger Formen, welche mit dem ihrem\nWesen und Bedürfniss entsprechenden Ausdruck zugleich\ndie Anschaulichkeit eines in sich Beschlossenen gewähren\nsollten. Dass die Form einseitig gepflegt und von der Un-\nproduetivität zum Schema herabgesetzt werden kann, wie\ngenug geschehen, beweist nichts gegen ihre Berechtigung\noder vielmehr Nothwendigkeit, wenn die Musik wirklich\nals selbstständige Kunst gelten soll. Die Ausartungen, de-\nnen die Arie verfiel, zeugen noch keineswegs gegen ihre\nBedeutsamkeit an sich. Die alleinige Anwendung decla-\nmatorischen Gesanges in der Oper ist kein Schritt vor-\nwärts, sondern ein Zurückfallen in einen Zustand der Un-\nvollkommenheit, aus welchem die Kunst schon Tange sich\nzu befreien gewusst hat, wie wir erinnern müssen, wenn\nwir ihre ganze Entwicklung von 1600 bis zu Beethoven's\nTode nicht völlig verkennen wollen. Diesen ganzen Zeit-\nraum hindurch (auch vordem schon) hat sie nach der Bil-\ndung reicher und zur Aufnahme des verschiedenartigsten\nInhalts befähigter und dabei bestimmt und deutlich ausge-\nprägter Formen gestrebt. Jener Grund für Ausschliessung\nder Arie, dass die Handlung im Fortschritt gehemmt\nwerde durch Entwicklung einer breit angelegten musica-\nlischen Form, ist eine reine Aeusserlicbkeit, welche auch\nnicht einmal durch das gewöhnliche Leben, auf dessen\nbloss naturalistische Nachahmung es diesen Fortschritts-\nmännern doch im Wesentlichen ankommt, gerechtfertigt\nwird. Denn auch im gewöhnlichen Leben treten Momente\nein, in welchen die äussere Handlung keineswegs vorwärts\ngeht, die aber dennoch höchst bedeutungsvoll sind für den\nganzen Gang des Ereignisses durch Entwicklung und Be-\nstimmung innerer Zustände, welche wiederum auf den\nferneren Fortgang der Handlung bedingend einwirken,\nalso im engsten Zusammenhange mit ihr stehen. Auch im\nDrama findet dieses Statt; weit häufiger aber noch und\nmit noch weit mehr Berechtigung in der Oper. Denn\ndiese Kunstgattung ist in ihrer Absicht auf musicalische\nDarstellung, welche jederzeit im Vordergrunde bleiben\nmuss, vorzugsweise auf Entwicklung und Aussprache in-\nnerer Seelenzustände hingewiesen. Dass dieses geschehe,\nohne einen störenden Conflict mit der sichtbaren Darstel-\nlung hervorzurufen, ist Sache des Dichters. Durch Reci-\ntativ und Arioso allein, oder durch Mischung beider, wird\naber niemals eine kunstmässige Schilderung fertiger und\nandauernd beharrender Seelenzustände zuwege gebracht.\nEs wird höchstens ein Schein von Naturwahrheit gewon-\nnen, und zwar auch nur ein trügerischer, indem das ge-\nwöhnliche praktische Leben kein Vorbild für die Kunst\nist und diese, über jenes hinausgreifend, ihre eigenen Mit-\ntel wählt. Wollte man dieses ausser Acht lassen, so liegt\nauch der triviale Einwurf nicht fern, eine singend darge-\nstellte Handlung sei überhaupt Unsinn, da im wirklichen\nLeben allerdings keinem Menschen einfallen wird, seine\nEmpfindungen und Gedanken in Recitativen und Arien\nauszudrücken. Hat aber der Gesang in der Oper über-\nhaupt Geltung, so auch die kunstgemässe Form. Wie\nübrigens in der Wirklichkeit keine innere oder äussere\nHandlung der Höhepunkte entbehrt, so noch weniger im\nDrama und in der Oper. Die Arie ist in letzterer aber\nHöhepunkt der Scene, nicht allein in dramatischer, son-\ndern auch in musiealiseber Hinsicht, und der musicalisch-\ndramatischen Darstellung wird durch Fortschaffung der-\nselben die Spitze abgebrochen, abgesehen davon, dass die\nMonotonie einer in gleicher Weise fortgehenden recitiren-\nden oder ariosen Musik ohne Anfang und Ende, grössere\nGliederung, Gruppirung und ohne Schwerpunkte ausge-\nbildeter Formen unerträglich wird. Wagner's „Lohen-\ngrin\"8 beweist es.\"\nDer XI. Abschnitt behandelt die Formen der In-\nstrumental-Musik. Er enthält in seinem praktischen\nTheile klare und deutliche Darstellung und Erläuterung\nder verschiedenen Formen; mit der ästhetischen Begrün-\ndung derselben können wir uns aber sehr häufig nicht\n\nrj"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "316", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18621004-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5260, "texte": "einverstanden erklären, da der Verfasser dabei ein Princip\naufstellt, dessen folgerichtige Durchführung—er mag\nsich dagegen verwahren, wie er wolle am Ende not-\nwendig zur Programm-Musik führt.\nEs spukt dieses Princip schon bei der Besprechung\nder Tanzformen, denen neben der Fähigkeit zum Aus-\ndruck auch des Ernsten, Pathetischen, selbst Tragischen\nwogegen wir nichts haben —, auch das Geeignetsein\n„zur Aufnahme eines bedeutungs- und inhaltsvollen Ge-\ndankens\" zugeschrieben wird. Uebrigens spricht der Ver-\nfasser nur von den älteren Tanzformen bei Bach u. s. w.\nund rechtfertigt das Uebergehen der heute üblichen durch\ndie Bemerkung, dass „ihnen neue wesentliche Entwick-\nlungs-Momente nicht zuzuschreiben\", was nicht richtig ist,\nda sich nicht läugnen lässt, dass Strauss namentlich die\nWalzerform gar sehr erweitert und durch die Anwendung\ndes Widerstreiis der Melodie mit dem Rhythmus ein ganz\nneues Element der Bewegung in dieselbe gebracht hat,\nwas zugleich die Schlussbemerkung des ersten Alinea von\nS. 271 widerlegt. Auch die Mazurka hätte eine Erwäh-\nnung verdient. Dass die Hinweisungen auf Muster der ab-\ngehandelten Formen zu ausschliesslich die Alten, nament-\nlich Bach und Händel, berücksichtigen, haben wir schon\nbemerkt; in einem Elementarwerke über Musik wird es\nimmer auffallen, wenn Haydn und Mozart so selten, wie\nbei von Dommer, erwähnt werden; sie werden z. B. in\nden Paragraphen über die „Variation\" ganz ignorirt,\nwährend neben Bach und Beethoven Schubert, Mendels-\nsohn und Schumann genannt werden. Die Bemerkung\n(S. 278), dass „vom Gesichtspunkte des höheren musica-\nlischen Formbegriffs aus betrachtet, wenigstens die einfache\nVariationsform trotz aller interessanten Schöpfungen nur\nuntergeordnete ästhetische Geltung habe\" fliesst auch\nwieder aus derselben Quelle, welche uns als Grundbedin-\ngung aller ästhetischen Geltung einer Gattung, ja, jedes\nMusikstückes, nicht den musicalischen Gedanken,\nsondern irgend etwas Aussermusicalisches, mag es\nnun ein „Gefühls-Ereigniss\" oder „Erlebniss\" oder gar\n„ein bestimmtes Object\" sein, aufdrängen will.\nDer Verfasser drückt diesen Grundsatz so aus (S. 283):\n„Die mehrsätzigen Formen bestehen aus mehreren ver-\nschiedenen, der äusseren Gestaltung, Zeitbewegung, Ton-\nart und inneren Durchbildung nach in sich selbstständig\nabgeschlossenen Sätzen, von denen ein jeder jedoch nicht\nals ein Vollständiges für sich allein, sondern als Glied eines\nästhetischen Zusammenhanges gelten und zum ganzen\nWerke in einem ähnlichen Verhältnisse stehen soll, wie\ndie einzelne Phase eines inneren Erlebnisses\nzu dessen ganzem Verlauf.\"\nNachdem nun die Formen der vier Sätze der Sonate\nu. s. w. recht anschaulich aus einander gesetzt sind, wird\nder Schluss-Passus des eben angeführten Paragraphen im\nFolgenden (S. 293 u. ff.) dahin erläutert, dass sämmtliche\nSätze „als Analogon des geschichtlichen Verlaufs\neines inneren Hergangs in einem ästhetischen Zusam-\nmenhange stehen müssen.\" „Dieser Hergang, der im\nTonwerke darzustellen ist, muss nicht notwendiger Weise\nein in allen seinen Theilen vorher klar gedachter sein. Er\nkann eben so gut aus einem Complex von Gefühlen und\nStimmungen bestehen, für welche weder Tonsetzer noch\nHörer irgend eine Auseinandersetzung in Worten zu geben\nim Stande wären. Auch hat der Componist—nach frühe-\nren Bemerkungen sich vom Begrifflichen seines Planes\nvollständig loszusagen, die ganze innere Bewegung durch-\naus in Tonbewegung umzusetzen. Nichts desto weniger\nmuss der Seelenzustand ein im Gefühle bestimmt be-\nschlossener (!) sein, weil er sonst in seiner Entwicklung\nnicht als Totalität erscheinen, überhaupt nicht dargestellt\nwerden kann.\"\nWer sieht nicht, dass hier Eines das Andere aufhebt?\nWie kann ein Seelenzustand, der aus einem „Complex von\nGefühlen\" u. s. w. besteht, also doch ein unbestimmter\nist, trotzdem ein im Gefühl bestimmt beschlossener\nsein? Und was sagt denn am Ende der Satz: „die innere\nBewegung in Tonbewegung umsetzen\", Anderes, als was\ndie alte Maxime sagt: Der wahre Musiker denkt nur\nMusik, alles, was er sieht, erlebt, empfindet, wird ihm\nzur Musik? Nach dem Verfasser soll die „Durchbil-\ndung (?) eines (poetischen, aussermusicalischen) Hauptge-\ndankens die Einheit der drei oder vier Sätze vermitteln\",\nwenn auch „die Vermittlung, wie vieles Andere in der\nMusik, nicht immer begrifflich sich nachweisen lässt.\" Ja\nwohl, ja wohl! Das Letztere ist ganz richtig, aber das\nErstere ist falsch, wenn mit dem Hauptgedanken nicht der\nmusicalische gemeint ist. Der allerpoetischste aus-\nsermusicalische Gedanke ist nicht im Stande, eine Einheit\nim musicalischen Kunstwerke zu bewirken, wenn der Mu-\nsiker kein Genie ist. Exempla sunt odiosa!\nIst doch der Verfasser selbst gezwungen, zu sagen\n(S. 296): „Eine Veranlassung zur Anordnung der Sätze\nals Allegro, Adagio, Scherzo (Menuett) und Finale liegt\nallerdings auch in der äusserlichen Forderung der\nAb wechselung. Der innere Grund dafür ist aber in je-\nnen Gegensätzen zu finden, welche jedes Gefühl in sich\nselbst hat, dass einem Grundgefühl verwandte Regungen\nsich anschliessen, jenes zeitweilig sich abschwächt, wieder\nerneute Kraft gewinnt, oder sich beruhigt. Ob wir hier\nvon Gefühls- oder Tonbewegung sprechen, ist einerlei,\nbeide sind in der Musik dasselbe. Die Tonformen sind al-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "317", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18621004-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5317, "texte": "lerdings aus sich entstanden, ohne dass man viel (nein:\nohne dass man überhaupt nur) über Analogisirung\neines ausserhalb der reinen Ton Verbindung lie-\ngenden Inhalts redectirt hat. Eben so wenig kann man sa-\ngen, es sei von vorn herein eine bewusste Absicht bei An-\nordnung der einzelnen Sätze thätig gewesen. Im Laufe der\nZeit wurde aber dasjenige mit Bewusstsein durchgebildet,\nwas ein künstlerischer lustinet lange vorher bereits als das\nRichtige empfunden und ausgeübt hatte.\" (Soll heissen:\nNachdem die Kunst, selbst allmählich bildend und durch\nauf einander folgende Genie's unterstützt, ihre festen For-\nmen aus sich selbst entwickelt hatte, kam die Reflexion\nund abstrahirte von jenen Formen die Theorie, wobei\nsie denn in philosophischer Erklärungssucht auf mancher-\nlei Abwege, und heute mehr wie jemals, gerieth.)\nSehr versöhnend wirkt es, wenn der Verfasser bei der\nSinfonie denn doch endlich über Haydn und Mozart\nsich so ausspricht:\n„Die Symphonie Haydn's und Mozart's offenbart vor-\nzugsweise jenes herrliche und frische Tonleben, als welches\neine in der Ueberfülle des Stoffes und der bildenden Kraft\nnun zur freien Selbstständigkeit gelangte Instrumental-\nMusik mit aller Unbefangenheit und Naivetät, zugleich aber\nauch mit aller Bedeutsamkeit eines reichen Inhalts und\nhoher Kunst sich kundgeben konnte. Die noch heute un-\ngeschwächte künstlerische Wirkung der symphonischen\nSchöpfungen beider Meister beruht nicht allein auf Schön-\nheit der Form-Verhältnisse, Reichthum an Melodie und\nstets neuen Gedanken überhaupt, sondern auch auf Wärme\nund Frische des inneren Lebens, auf der normalen Gesund-\nheit des Gefühls, dessen naturgemässer Ausdruck sie sind.\nEs bedürfen die durch sie erweckten rein musicalischen\nStimmungen noch durchaus keines Hinweises auf ein be-\nstimmtes inneres Ereigniss, sondern sie spiegeln das Ge-\nmüthsleben im Allgemeinen, und zwar in seinen feinsten\nSchattirungen, in reichster Mannigfaltigkeit wieder. Bei\neiner Symphonie Haydn's oder Mozart's eine bestimmte\nVorstellung sich machen zu wollen, ist daher kaum mög-\nlich; die Tiefe eines dichterischen, auf ein erfassbares Ob-\nject gerichteten Planes finden wir nicht darin. Wohl aber\nein Tonleben, welches in seiner Fülle doch nur Aeusse-\nrung eines eben so reich bewegten, von tiefster Empfin-\ndung durchdrungenen und durch eine unerschöpfliche\nPhantasie gehobenen Seelenlebens sein kann, indem es\nuns sonst kalt und unberührt lassen müsste.\n„Ob Haydn zuerst den damals üblichen drei Sätzen\nden vierten, die Menuett, hinzugefügt hat, ist unbestimmt;\nwahrscheinlich war die Suite Veranlassung, aus ihrer lan-\ngen Reihe den damals beliebtesten der Tänze in die Sym-\nphonie mit herüberzunehmen. Gewiss ist aber, dass Haydn\nder Menuett ihren eigentümlichen, seither typisch gewor-\ndenen Charakter verliehen hat, indem er sie, den Tanz\nder damaligen vornehmen Welt, mehr ins Volksleben\nübertrug, und das, was er an Gravität ihr benahm, durch\nvolkstümliche Laune und Heiterkeit ersetzte. (Vgl. „Mo-\nzart\" von O. Jahn, Bd. I.) °\n„Aus der Unzahl von Haydn's Schöpfungen möchte\nman schliessen, er habe sehr schnell gearbeitet; doch er\nsagt selbst, dass er „ „nie ein Geschwindschreiber gewe-\nsen sei, sondern mit Bedächtigkeit und Fleiss componirt\nhabe. Solche Arbeiten sind aber auch für die Dauer, und\neinem Kenner verräth sich das auch sogleich aus der Par-\ntitur\" \" (Griesinger, Biographie). Ueber die Empfin-\ndungen und Ideen, welche beim Componiren in seinem\nGemüthe sich bewegt haben mögen, sind uns keine weite-\nren Aufklärungen geblieben. Wir vermissen sie auch\nnicht.\n„UeberMozart sSymphonieen nur dieses Allgemeine.\nIm Grossen und Ganzen gewann die cyklische Form über-\nhaupt durch ihn nur technische Durchbildung. Fest aus-\ngeprägte Gedanken, einheitlich entwickelte Stim-\nmung [also doch! und zwar ohne poetischen Grundge-\ndanken!], kunstvollster Tonsatz, so wie edle, schöne Form,\nherrliche, gesangreiche Behandlung der Instrumente cha-\nrakterisiren seine symphonischen Arbeiten. Doch hatte\n(sagt Jahn) die Symphonie der damaligen Zeit noch nicht\ndie Aufgabe, mit individuel charakteristischem Ausdruck\nauf Schilderung tief und leidenschaftlich erregter Gemüths-\nZustände auszugehen. Freiere Gestaltung der Form und\nconsequentes Festhalten der angeregten Stimmung war\nihre Haupt-Aufgabe. Die Form erweiterte sich wenig;\ndies konnte erst geschehen, als ein neuerer und reicherer\nInhalt gewonnen und die Kunst durch allseitige Verarbei-\ntung des Technischen alle Mittel zum völlig freien Aus-\ndruck desselben erlangt hatte. Lebhaftigkeit, Glanz oder\nruhige Beschaulichkeit machen den wesentlichen Charak-\nter der damaligen Symphonie aus. Doch haben wir man-\nchen Symphonieen von Mozart (z. B. G-moll, E-dur, D-dur\nin drei Sätzen, C-durmit der Schlussfuge) wohl mehr als\ndieses allein zuzuschreiben. Uebrigens war die Symphonie\ndamals noch nicht die ausschliesslich bedeutendste Instru-\nmentalform; erst seit Beethoven ist sie die unumschränkte\nHerrscherin der Instrumental-Musik geworden.\"\nEndlich noch dieses, dass der Verfasser in einer An-\nmerkung über Beethoven's Symphonieen selbst einräumt,\n„dass es schwer halten dürfte, der IV. Sinfonie irgend\nwelche poetische Idee unterzubreiten\", eben so der ach-\nten, und bei Gelegenheit der siebenten und der maass-\nlosen Auslegungen derselben gesteht er, dass das „Dinge"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "318", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18621004-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1023, "texte": "seien, die man Jedermann selbst überlassen\nsollte.\" Ei nun, dann sind wir ja einig!\nErfreulich war uns auch die Bemerkung (S. 298) über\ndie Tempi in der Ausführung, die heutzutage in einem\nElementarwerke über Musik sehr am Orte ist. Es heisst\ndort: „Der Grad der Bewegung geht aus der Harmonie\ndes Ganzen hervor, und der Ausführende muss bedacht\nsein, diese nicht zu stören. Vergriffenes Tempo eines ein-\nzelnen Satzes ist nicht ein Missgriff nur an diesem allein,\nsondern auch am Ganzen. Die Gegenwart mit ihrer hasti-\ngen Eilfertigkeit und Freude am Effect macht diese Eigen-\nschaft auch an Stellen geltend, wo sie gar nicht hingehört,\nso dass man mitunter ein fremdes Gebilde zu hören glaubt,\nin welchem an Stelle feiner, seelischer Züge und richtiger\nVertheilung von Licht und Schatten unberechtigte Hast\nund übermütliiges Spiel mit dynamischen Effecten Gewalt-\nsamkeiten ausüben, und die virtuose Instrumental- oder\nOrchester-Musik eine ihr nicht zukommende Stellung über\ndem Geiste und Gehalt des Tonwerkes usurpirt.\""}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1862-10-04-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1862-10-04_01#c003", "volume": "bmtnabi_1862-10-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "318", "page_fin": "320", "image_debut": 6, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18621004-01.2.3", "titre_corps": "Eine Stimme aus Frankreich über Musik- und Gesang-Vereine.", "titre_sommaire": "Eine Stimme aus Frankreich über Musik- und Gesang-Vereine.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "318", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18621004-01.1.6", "debut_caractere": 1025, "fin_caractere_exclue": 5215, "texte": "Eine Stimme aus Frankreich über Musik- und\nGesang-Vereine.\n(Scliluss. S. Nr. 39.)\nGlücklich sind dann wenigstens die Stadtarmen, wenn\nsolche Productionen einige Francs in ihre Uiterstülzungs-\nCasse iiiessen lassen. Aber selbst diese Reunionen, wie\nschwierig sind sie zu Stande zu bringen! Dazu gehört Zeit,\nGeschick, diplomatische Manieren, denn Eigenliebe und\nEitelkeit spielen die Hauptrollen bei den musicalischen\nLocalgrössen. An Disciplin, an Ordnung ist nicht zu denken.\nEndlich entschliesst sich das Orchester zum Stimmen; die\nAufgabe wird aber nur annähernd gelöst. „Sie sind zu\nhoch!\" ruft der Dirigent dem ersten Violinisten zu. „Mir\nklingt es nach Wunsch!\" erwidert der beleidigte Virtuose.\nSolcher Scenen kommen Hunderte vor, und wir kennen\nnur wenige Gesellschaften, die eine Ausnahme machen und\nder Würde der Kunst gerecht werden. Es ist Jammer und\nSchade, dass so viele gute musicalische Elemente in diesem\nschönen Lande entweder gar nicht zu gedeihlicher Entwick-\nlung kommen, oder mitten in derselben stehen bleiben und\ndann natürlich zu Grunde gehen. Und doch hat die Menge\nnoch Empfänglichkeit für das wahre Schöne in der Mu-\nsik, wie vor Kurzem der Enthusiasmus des Publicums bei der\neinen blassen Copie der pariser Sinfonie-Concerte von Pas-\ndeloup, die in Toulouse versucht wurde, deutlich offenbarte.\nUnd nun vollends die Männer-Gesangvereine!\nDie Gesang-Vereine theilen zwar die Mängel der\nphilharmonischen Gesellschaften nicht in Allem, aber sie\nhaben wieder andere Eigenschaften, welche ein künstleri-\nsches Gedeihen hindern.\nSie zerfallen im südlichen Frankreich in zwei verschie-\ndene Lager: in dem einen sehen wir die älteren Vereine,\ndie eine gewisse praktische Sicherheit erlangt haben und\nstolz auf ihren Ruf und ihre Erfolge, eitel auf ihre Ueber-\nlegenheit sind und alles über die Schulter ansehen, was\nausserhalb ihrer Höhe und ihres Ruhmes steht; in dem\nanderen scharen sich die neuen Vereine kleinerer Städte\nund vom Lande zusammen, eine unabsehbare Menge, die\nnicht das Geringste von den ersten Elementen der Musik\nkennt, aber entzückt über ihre Leistungen und voll Selbst-\ngefühl ist, sobald sie unter einem Banner von gold-gestick-\ntem Sammet die unvermeidliche oder die „Dorf-\nhochzeit\", oder sonst ein Trallerlied nothdürftig singen\nkann. Beide Lager leben im Allgemeinen so lange in\nFreundschaft und Frieden, bis die Gesang-Wettstreite sie\nin Weifen und Ghibellinen, in Capulets und Montague's\nscheiden. Aber der Parteihass siedet nur im Stillen fort:\nden öffentlichen Ausbruch hindern die Theilnahme des\nPublicums und die Autorität der Gemeinde-Behörden,\nwelche dort zu Lande jeden musicalischen Versuch ermu-\nthigen zu müssen glauben. Auch wäre der Scandal zu arg,\nwenn man den häuslichen Zwist von Gesellschaften, die\neine so hohe Stellung in der Welt einnehmen, unter das\nVolk bringen wollte. Auch haben zu viele Vertreter der\nMänner-Gesangvereine in zu schwungvollen Ausdrücken\nbewiesen, dass diese Vereine die Wiedergeburt des mensch-\nlichen Geschlechtes, die Umgestaltung der socialen Ver-\nhältnisse in ihren Liederheften bei sich trügen, dass sie\nselbst daran glauben und desshalb ihre äussere Würde\ndem Ernste einer so hohen Mission gemäss zu bewahren\nsuchen. Einige unter ihnen setzen freilich diesen Beruf im\nGegentheil so sehr aus den Augen, dass sie bei den Wett-\nstreiten in phantastischen Trachten von Matrosen, proven-\ngalischen Minnesängern, Bergleuten, spanischen Toreado-\nren u. s. w. bunt genug auftreten.\nDiese Armee von Sängern der Süden allein zählt\nderen an 20,000—bekundet allerdings eine Ausbreitung\nder Kunst (?) beim Volke. Eifer zeigen sie fast alle, und\nes sind sehr schöneStimmen darunter, aber es kommt nicht\ndie rechte Ordnung und der rechte Geist hinein. Wenn\nwir auch im Allgemeinen dem Männergesange sein Ver-\ndienst nicht absprechen wollen, so sind doch alle verstän-\ndigen Leute, die sich für diese Frage interessiren, darüber\neinig, dass die Vereine sich bis zur Unzahl vermehren, aber\nkeinen wirklichen musicalischen Fortschritt aufweisen. Mit\nwenigen Ausnahmen, welche übrigens gerade die Regel\nbestätigen, ist ihr Vortrag roh, monoton und anspruchs-\nvoll. Die Dirigenten können ihre Schüler nichts lehren,"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "319", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18621004-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5527, "texte": "wovon sie selbst nichts verstehen, und so nimmt gar bald\neine bedauernswerthe Stagnation überhand, eine unerträg-\nliche geckenhafte Eitelkeit und Halbwisserei, welche jeden\nguten Rath verschmäht und allen Mahnungen zum Bessern\ndas Ohr schliesst, wozu denn die unseligen Wettstreite\nkommen, die nur dazu bestimmt scheinen, die kleinlichste\nEitelkeit zu krönen, bis ein eclatanter Durchfall die gräss-\nlichste Enttäuschung und damit gewöhnlich die Zertrüm-\nmerung des Vereins herbeiführt. Nun nehme man die über-\ntriebenen Lobpreisungen hinzu, die Wallfahrten zu den\nSängerfesten, den Quellen so mancher verkehrten socialen\nIdeen, und endlich den Schlendrian eines Repertoires, das\nsich ewig um seine Achse dreht, anstatt den deutschen\nCompositionen das Bürgerrecht zu verleihen und die Pro-\nducte der älteren französischen Schule zu studiren und\nman wird einsehen, dass eine sehr kräftige Constitution\ndazu gehört, wenn ein Verein der Gesammtwirkung dieser\nhemmenden und am Ende zerstörenden Elemente wider-\nstehen soll.\nSo war vor Kurzem ein Sängerfest in Perigueux. In\nder schönen Landschaft Perigord, deren Hauptstadt die\ngenannte Stadt ist, haben die Trüffeln, an sich ein treffli-\nches Product, lange den idealen Cultus des Liedes oder der\nFanfare beeinträchtigt. Aber die Menschheit schreitet vor:\nman beabsichtigte eine Pflanzen-, Gemüse- und Blumen-\nAusstellung nebst Pferderennen, und fand nach vielem Hin-\nund Herreden in dem dirigirenden Ausschüsse, dass dem\nZeitgeiste gemäss Musik und Gesang dabei nicht fehlen\ndürften. Das Wort Orphöon hat in Frankreich eine grosse\nBedeutung erlangt; man wandte sich an den Local-Orpheon,\ndenn welch ein Ort auf der Welt ist nicht im glücklichen\nBesitze eines solchen! und dieser beschloss, einen Wettstreit\nauszuschreiben; und so öffnete denn das altrömische Ve-\nsona am 1. September dieses Jahres seine Thore den her-\nbeiströmenden Sängern, um auch in seinen Mauern eines\nvon jenen Festen zu feiern, welche die Provincialblätter\nden olympischen Spielen der Griechen vergleichen!\nFreilich fühlen die Spitzen der Gesangvereins-Noblesse\nsich gestossen, dass eine so materielle Ausstellung und ein\nPferderennen durch den Gesang verschönert werden solle.\nSie halten es für unwürdig, dass Sänger-Vereine in Bezug\nauf dieTheilnahme desPublicums mit einer phänomenalen\nRübe oder einem Vollblutschimmel concurriren sollen; der\nVereinsgesang dürfe weder Zierde noch Zugabe zu etwas\nAnderem sein, sondern nur Selbstzweck und Selbstfest.\nWir werden uns hüten, diese heikelige, wichtige Frage\nzu erörtern, und bestätigen nur historisch, ohne uns um\ndie hippische oder horticultorische Veranlassung zu küm-\nmern, den unläugbaren Fortschritt, dass die Hauptstadt\nvon Perigord zum ersten Male seit ihrer Gründung durch\ndie Römer den Volksgesang gastlich bei sich aufgenom-\nmen hat, und dass wir dafür dem Fest-Ausschusse besten\nDank schulden.\nVierzig Gesang- und Instrumental-Vereine hatten ihr\nErscheinen zugesagt, jedoch konnten mehrere ihre Zusage\nnicht erfüllen, weil die Eisenbahn-Verwaltung in ihrer un-\nkünstlerischen Verstocktheit keine billigeren Fahrpreise\nbewilligen wollte. Aufzüge, bewimpelte Stangen, Fahnen,\nKränze, Kronen, Laubgewinde, Triumphbogen, Lampions,\nFackeln, Gelage, Toasts und Speechs, Ball, Lärm, Getüm-\nmel, Gedränge, Ohnmächten, Beifallssalven, begeisterter\nRausch, Hitze, selige Brüderschaft, kurz, nichts von allen\nobligaten Zuthaten zu einem Sängerfeste fehlte in Peri-\ngueux. Natürlich hatte man auch Preisrichter, eben so na-\ntürlich aus Paris verschrieben; einer derselben, Camille\nde Vos, gegenwärtig ein Hauptlieferant von Gesangstoff\nfür Männer-Vereine, hatte sogar das Concursstück, ein\nrecht schönes 0 salutaris,componirt; ein zweiter ein Lo-\ncalstück: Les Enfants de Vesou. s. w. u. s. w. Dass\ndaneben auch ein Fanfaren-Concurs Statt fand, versteht\nsich bei uns von selbst; Trompete und Cornet ä Piston und\nFamilie sind die steten Begleiter der Orpheonisten.\nAn Sieg und Erfolg und Preisen fehlte es nicht. Der\nVolksgesang stirbt noch lange nicht; eine Generation von\nSängern folgt der anderen, und jede bringt, wie der junge\nFrühling, ihre Blüthen, ihre Lust und Liebe, ihre Lieder\nmit. Das Schwierige ist dabei nur, dass ein künstlerischer\nSinn darüber walte und diesen schnell auf einander folgen-\nden Producten wahre Jugend und Dauer verleihe, dass die\nimmer neu auftauchenden Vereine sich nicht in Selbstge-\nfälligkeit spiegeln, sondern dass die Spielerei ihnen Ernst,\ndie Lust eine Arbeit werde, so dass sie Geist und Gemüth\nder Hörer dadurch erheben können. Angenehme Zer-\nstreuung bieten sie jetzt allerdings, aber ihr wirklich künst-\nlerisches Gedeihen wird meist schon im Keime gefährdet.\nMit den Instrumental-Vereinen, die übrigens im Süden\nvon langer Zeit her bestehen, ist es jetzt im Allgemeinen\nauch nicht viel besser bestellt; da die Uebung eines Instru-\nmentes mehr Arbeit und Ausdauer fordert, als der Gesang,\nso fehlt es nicht an zahlreichen Ueberläufern aus dem La-\nger der Instrumentalistcn in das Lager der Sänger. Daher\ndenn ein gewisser Stolz bei jenen; der Serpentbläser, der\nmit der Posaune Vertraute, der Fanatiker für die Clari-\nnette, sie alle stellen sich hoch über die Vereinssänger. Das\nhält sie noch so ziemlich zusammen. Aber was spielen,\noder vielmehr: was blasen sie? Lauter Opernstücke, und\nin Arrangements, die zum Davonlaufen gemacht sind. Die\nLeute gehen aber mit einem fabelhaften Selbstvertrauen\nan die Ausführung. Im Nothfalle spielen sie die Ouvertüre\nzu Wilhelm Teil mit Piccoloflöte, Posaune und Tambourin!"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "320", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18621004-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1649, "texte": "Es gibt in den grossen Handelsstädten im Süden allerdings\neinige gute Orchester, aber wie viel bleibt ihnen noch zu\nthun, um die Höhe der Instrumental-Ausführungen in\nDeutschland und selbst in Belgien und im nördlichen\nFrankreich zu erreichen!\nGehen wir aber nun vollends in die Kirchen, wenn die\nFanfaren- und Orpheonisten-Vcreine zur Verherrlichung\ndes Cultus mitwirken, dann muss sich der Musiker und der\nGläubige die Haare ausraufen vor Verzweiflung. Die Ouver-\ntüre zur Stummen von Portici und die allerweltlichsten Ge-\nsänge sind an der Tagesordnung. Beim Ausgehen aus der\nKirche hörten wir irgendwo einen Contretanz spielen, ja,\nwährend des Offertoriums jämmerliche Solo-Vorträge einer\nClarinelte. Erst seit kurzer Zeit versuchen einige Vereine\nMessen und Motetten für die Kirche einzuüben, und das\nist immerhin ein Fortschritt, wenn auch Wahl und Aus-\nführung oft noch sehr unkritisch und roh ausfallen.\nUebrigeus findet man häufig den Choralgesang durch\nDilettanten verstärkt, besonders durch Bassisten. Wir er-\ninnern uns einer dadurch veranlassten höchst komischen\nScene in der Kirche einer kleinen Pyrenäenstadt. Als der\nLector am Allerbeiligenfeste recitirt hatte: „Sedenti in\nthrono et agno benedictio et honor et gbria et potestas in\nsaecula saecubrum\",so intonirten vier Dilettanten, weil\nder Priester, um Athem zu schöpfen, eine kleine Pause\nmachte, im Respondiren: Amweil sie das öfter vor-\nkommende saecula saeculorum für die Schlussformel hiel-\nten. Der Lector fuhr aber unmittelbar darauf fort:\nquatuor animalia dicebant Amen —worauf dann ein Ge-\nlächter ausbrach, das selbst die Heiligkeit des Ortes nicht\nzurückdrängen konnte."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1862-10-04-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1862-10-04_01#c004", "volume": "bmtnabi_1862-10-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "320", "page_fin": "320", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18621004-01.2.4", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "320", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18621004-01.1.8", "debut_caractere": 1651, "fin_caractere_exclue": 4659, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKöln. Am 1. October wurde das neue Stadttheater mit Goethe's\n„Egmont\" eröffnet und brachte am folgenden Tage als erste Opern-\nVorstellung Mozart's „Don Juan\".\nDie Einführung der tiefen Orchesterstimmung in der königlichen\nOper steht auch in Berlin bevor, und es sind bereits die erforder-\nlichen neuen Blas-Instrumente angekauft worden.\nHafnz. Unser Stadttheater ist Anfang September mit der\n„Stummen von Portici\" eröffnet worden, welcher als erste Schau-\nspiel-Vorstellung Laube's „Essex\" folgte. So viel aus den bisher\nStatt gefundenen Aufführungen abzunehmen ist, kann man im Gan-\nzen genommen mit dem engagirten Personale wohl zufrieden sein,\nund wenn auch einzelne Fächer früher besser besetzt waren, so dür-\nfen wir doch hoffen, dass wir ein gutes Ensemble und abgerundete\nVorstellungen zu sehen bekommen, wenn Capellmeister und Regisseur\nihre Schuldigkeit thun. Als Capellmeister fungirt Herr Fischer,\nbisher am Würzburger Theater engagirt, der ein tüchtiger und rou-\ntinirter Dirigent zu sein scheint; nur übertreibt er leider gern die\nTempi, was namentlich in „Stradella\" fast durchgängig der Fall war\nund auch im „Freischütz\" theilweise recht unangenehm auffiel.\nMöchte man doch endlich einmal von diesem sinnlosen Jagen, unter\nwelchem Ausdruck und Deutlichkeit so sehr leiden, abstehen!\nDer König von Hannover hat dem Nestor der deutschen Capell-\nmeister, Methfessel in Braunschweig, die goldene Medaille für\nKunst und Wissenschaft verliehen.\nDingelstedt hat den Text zu Benedicts Oper „The Lily of\nKillarneyu übertragen, und zwar unter dem Namen „Die Rose von\nErin\".\nIm dresdener Hoftheater ging am 18. September Geibel's\n„Brunhild\" zum ersten Male in Scene, brachte es jedoch nicht über\neinen Succ&s d estiiue hinaus; hingegen wurde der Darstellung, na-\nmentlich Fräulein Janauscheck, grosser Beifall gezollt.\nWien« Hier fand die Leseprobe des dreiactigen Lustspiels „Die\ndeutschen Komödianten\" von Roderich Benedix im Hofburg-\ntheater Statt.\nHeir Ander feierte den siebenzehnten Jahrestag seines ersten\nAuftretens im Hof-Operntheater und hatte hierzu die Titelrolle in\n„Stradella\" gewählt, in welcher er am 23. Sept. 1845 debutirte.\nVon den für das Orchester des Hof-Operntheaters angeschafften\nInstrumenten sind die Holz-Instrumente bereits seit dem 4. Septem-\nber in den Händen der betreffenden Künstler; einige, wie z. B. eine\nPosaune, dann die beiden Flöten für die Gebrüder Doppler, sind\nschon im Juli übergeben worden. Vollständig abgeliefert sind ferner\ndie Instrumente für das Bühnen-Orchester des Operntheaters und\nein Theil der für das Burgtheater bestellten. Im Ganzen sind für\ndie beiden Hoftheater 107 Instrumente beigeschafft worden, und zwar\nfür das Opern-Orchester 53 Instrumente im Kostenbetrage von 469 i\nFl., für die Bühnenmusik 33 Instrumente im Kostenbetrage von 1600\nFl., fürs Burgtheater 21 Instrumente im Kostenbetrage von 1810\nFl.; Gesammtkosten, einschliesslich der auf 200 FL bezifferten Um-\nänderungskosten der Theater-Orgel: 8304 Fl."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "313", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18621004-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nv • /a ,?aS ,WeSe?n Und die N°fWCndigkcit der musicalischen Form. 111. - Eine Stimme aus Frankreich über Musik- und Ge-\nsg- ereine ( c uss). Tages- und Unterhaltungsblatt (Köln, Eröffnung des neuen Stadttheaters Berlin Orchesterstimmune-\nainz, Eröffnung des Stadttheaters Auszeichnung für Herrn Methfessel Dingelstedt - Dresden, Geibel's „Brunhild« - Wien\nBenedix s „Die deutschen Komödianten\", Herr Ander, Normal-Stimmung).\n\nDas Wesen und die Nothwendigkeit der musicalischen\nForm.\nIII.\n(I. s. Nr. 37, 11. Nr. 38.)\nWenn Ä. von Dommer in dem X. Abschnitt: „Vo-\ncalmusik\",mit allen musicalischen Schriftstellern vor ihm\nim „Gesänge\" die „ursprüngliche Musik\" sieht, so wird\nNiemand widersprechen. Wenn er aber daraus und „weil\nalle Musik vermöge ihrer eigentlichen Bestimmung, das\nmenschliche Selbst in seinem Gefühlsleben zu verlautba-\nren, stets auf den Gesang zurückweist\", folgert, „dass die\nInstrumental-Musik erst in ihrer Vermählung mit der Vo-\ncal-Musik die höchsten Ansprüche an die Tonkunst über-\nhaupt zu erfüllen vermöge\", so ist diese irrthümliche An-\nsicht, welche übrigens vielem, was der Verfasser in frü-\nheren Abschnitten über die „reine Musik\" gesagt hat,\nwiderspricht, wiederum nur aus der Hinneigung desselben\nzu jener Theorie zu erklären, welche durchaus etwas Ge-\ngenständliches in der Musik haben will und „die höchsten\nAnsprüche an die Tonkunst\" in die Durchsichtigkeit oder\nErleichterung des Verständnisses ihres aussermusicalischen\nInhalts setzt.\nIndess verwahrt sich von Dommer doch vor der kras-\nsen Auslegung, die ihn vielleicht zum Wortmusiker ma-\nchen wollte, dadurch, dass er dem Satze: „Der Ton an\nsich drückt unmittelbar das Gefühl aus, das Wort ver-\nmittelt das \\ erständniss der dargestellten inneren Zustände\ndurch den Begriff\"—folgende Anmerkung hinzufügt:\n„Damit ist nicht gesagt, dass die Gesang-Melodie\ndurchaus an das einzelne Wort gebunden sei, wenngleich\nsie den Text fordert. Auch in Verbindung mit diesem ist\nsie etwas kunstfrei und sinnvoll in sich Beschlossenes. Alle\nwahre Vocai-Musik hat nicht aus der Sprach-Declamation,\nsondern aus der freien Coloratur, jenem ungehemmten\nErguss eines gehobenen Gefühls in Tönen, sich entwickelt.\nGregor's Neumen sind schon voll davon, und die Kunst\nauf ihrer höchsten Vollendungsstufe hat colorirte Entfal-\ntung der Melodie keineswegs verschmäht. Die Notwen-\ndigkeit des in Worten ausgedrückten Gedankens für den\nGesang wird dadurch nicht verneint, wenn auch nicht im\nSinne mancher nur nach materieller Deutlichkeit streben-\nder Tonsetzer zugegeben.\" (S. 207.) Späterhin fügt er\nhinzu: „Die Coloratur verdankt ihren ersten Ursprung\neiner gewissen Ueberschwänglichkeit des Gefühls, welche,\nindem Wort und einfacher Ton nicht genügen, in frei\nmelodischen Gängen sich ergiesst. Und in diesem Sinne ist\ncolorirter Gesang so alt wie Gesang und Melodie über-\nhaupt (man gedenke nur der Neumen in Gesängen der\nalten Kirche) und als erste Grundlage aller freien Melodie-\nEntfaltung anzusehen. Später bemächtigte sich ihrer die\nGesang-Virtuosität\" u. s. w. (S. 238). Man könnte da-\nfür auch das so genannte Jodeln der deutschen Alpenbe-\nwohner und die melodischen Refrains mancher slawischen\nGesänge ohne Text anführen.\nWas über die Erfordernisse des Musikers an die Dich-\ntung für Composition gesagt ist, enthält gute Winke. Dem-\nnächst werden die Formen der Vocal-Musik erläu-\ntert: Recitativ (Psalmodie), Arioso, Melodrama, Lied,\nArie, Duett u. s. w., Chor (Anhang über Partitur). S\n208 265.\nHiernach lässt der Verfasser den Abschnitt XI über\n„die Formen der Instrumental-Musik\" folgen (S.\n266 323) und nimmt dann in Abschnitt XII: „Kir-\nchenmusik (Choral, Responsorien, Motette, Anthem,\nMesse, S. 324 339), Vocal- und Instrumental-\nMusik auf dramatischem Gebiete\" (Cantate, Ora-\ntorium, Passionsmusik, S. 339 —361) —die Besprechung\nder grösseren Compositionsformen der Vocal-Musik, wie\ndie Inhalts-Angabe zeigt, wieder auf.\nWie man sieht, hat der Verfasser die Oper als mu-\nsicalisches Kunstwerk nicht in den Bereich seiner Form-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "314", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18621004-01.1.2", "texte": "Betrachtungen gezogen. Ueber die allgemeine Stellung der\nOper zur Tonkunst überhaupt sind an den geeigneten\nPunkten Andeutungen vorhanden; auch sind die Einzel-\nformen der Vocal-Musik, welche in der Oper zur Anwen-\ndung kommen, erläutert und zum Theil recht ausführlich\nbehandelt: immerhin aber dürfte doch die gar zu geringe\nBerücksichtigung der Oper in dem ganzen Buche über-\nhaupt nicht zu billigen sein, da die Vernachlässigung die-\nser Kunstgattung erstens der oben angezogenen Ansicht\ndes Verfassers: „dass nur erst die Vereinigung von Vocal-\nund Instrumental-Musik die höchste Aufgabe der Tonkunst\nlöse\" —nicht so, wie zu erwarten war, gerecht wird, und\nzweitens die fast völlige Ignorirung der Meisterwerke in\nder Oper sich selbst bis auf die Anführung von Beispielen\nzur Erläuterung der einzelnen Vocalformen erstreckt, für\nwelche der Verfasser nur auf Bach und Händel hinweist.\nWir glauben kaum, dass eine solche Einseitigkeit dem an-\ngegebenen Zwecke des Buches, „dem gebildeten Kunst-\nfreunde die Kenntniss des technischen Apparats, der Aus-\ndrucksmittel und Formen der Tonkunst zu vermitteln\"\nu. s. w., entspreche. Je verwirrter die Ansichten über die\nhöchst bedeutende Kunstgattung der Oper heutzutage sind,\ndesto lieber hätten wir in einem Elementarwerke wie das\nvorliegende eine Zusammenstellung der musicalischen\nGrundsätze über das Wesen derselben gelesen, zumal da\nder Verfasser an vielen Stellen hinlänglich darthut, dass\nseine Ansichten über die Ausdrucksmittel und die Formen\nder Tonkunst in Bezug auf die Oper wohl geeignet sein\ndürften, die Verwirrung der Begriffe über diese Gattung\nklären zu helfen.\nZum Beweise lassen wir einige Stellen aus dem Ab-\nschnitte über die Arie folgen.\n„Entfaltung voller und breiter Melodie ist der Arie\nwesentlich eigen, diese aber vom Tonfalle der Rede und\nvom Haften am Wortbegriffe völlig losgebunden. Der Sinn\nallein bestimmt die melodische Bewegung. Denn vom Ton-\nfälle der Sprache wird Niemand seine Melodieen abstrahi-\nren, wenn er deren zu erfinden überhaupt befähigt ist;\nWort, Rede und Declamation sind höchst nüchtern und\nunvollkommen, wenn es darauf ankommt, die feinsten\nSchattirungen des Seelenlebens wiederzugeben. Ist aber\ndas Gemüth bis zu jenem Punkte der Ueberfülle gehoben,\nwo ihm unmittelbarer Erguss in Tönen zur unwillkürli-\nchen Nothwendigkeit wird und den Eindruck eines sol-\nchen unwillkürlichen Ueberströmens soll eine jede, auch\nnoch so fein und kunstvoll gebaute Arie machen—, so\nhat es mit sich selbst genug zu thun, trifft den natürlichen\nAusdruck, ohne über das Wort zu reflectiren oder beim\nunkünstlerisch naturalistischen Tongange der Sprache an-\nzufragen. Tongang und Rhythmik sind allein vom Bewe-\ngungs-Rhythmus der Empfindung abhängig, also durchaus\nmusicalisch selbstständig. Mit ihm hebt und senkt sich der\nTon-Ausdruck. Drängen die Vorstellungen den, der im\nAffect sich befindet, vorwärts, so wird die Melodie nicht\nverweilen; bedarf das Gefühl einer speciellen Auseinander-\nsetzung, so wird die Musik diesem Verlangen nachkom-\nmen, und andererseits sich kurz fassen, wenn der Gedanke\ndanach beschaffen, nichts auszumalen und zu schildern ist.\nDie Wote der Arie fassen den ganzen Affect in einen kur-\nzen Inbegriff zusammen, geben aber der Musik Veranlas-\nsung zu dessen völliger austragender Darlegung; und diese\nist allein gebunden an die der Tonkunst natureigenen Ge-\nsetze. Es kann hier nun nicht mehr die Rede davon sein,\ndass jede Sylbe, wie im Recitativ, mit nur einem Tone,\nnicht mit mehreren Tönen besetzt sein dürfe. Indem wir\nder Musik die Macht und den Zweck zugestehen, im Ge-\nfühls-Ausdruck über die praktische Rede weit hinauszu-\ngreifen, kann in der freien Melodie die Anzahl der Töne\nnicht mehr durch die Sylben bestimmt werden. Ist dieses\nauch der Recitation natürlich, so eignen dem entwickelten\nGesänge doch eben so naturgemäss mannigfache Tonbie-\ngungen, Bindungen, melodische Durchgänge, welche besser\nauf einen Vocal zusammengezogen, wie durch Aussprache\nverschiedener Sylben getheilt und gebrochen werden.\"\n„Die Arie fordert Begleitung, und zwar nicht\ndas eintönige, verhallende Ciavier wenngleich dieses\nwohl als Verstärkungs- und Aushülfsmittel dienen kann\n—, sondern das vielfarbige Orchester, oder wenigstens\nInstrumente, welche selbst des Gefühls-Ausdrucks durch\nGesang fähig und in verschiedener Combination einer hö-\nheren Klang-Charakteristik zugänglich sind. Die schil-\ndernde Kraft der Instrumental-Musik wird bei der Arie\nmehr wie bei jeder anderen Gesangform als wesentliche\nBeihülfe nöthig, indem Singstimme und Melodie allein nicht\nhinreichen, den ganzen Reichthum eines bis zum Ueber-\nströmen gehobenen Gefühls vollständig darzulegen. Es\nmuss nicht allein Harmonie, sondern diese auch in ihrer\nStimmenmehrheit hinzutreten, der nun Manches zur Cha-\nrakterisirung Nöthige, über das Gebiet der Melodie und\nSingstimme jedoch Hinausgreifende übergeben wird. Jeder-\nmann sind die ungemein feine Zeichnung und mannigfache\nFarbenschattirung bekannt, in welchen das Orchester in\nMozart's Opern- und Concert-Arien sich ergeht, und es\nbedarf einer weiteren Auseinandersetzung eben so wenig,\nwie nach der anderen Seite hin nothwendig erscheint, der\nUeberladung mit Instrumenten als einer kunstwidrigen\nAusschreitung eingehender zu gedenken. Die neueste Zeit\nlässt sich eine solche so über alles vernünftige Maass hinaus\nzu Schulden kommen, dass die Missverhältnisse zwischen\nStimme und Begleitung in manchen modernen Opern auch"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "315", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18621004-01.1.3", "texte": "dem anspruchlosesten Kunstfreunde nicht entgehen können.\nBei aller kunstvollen und reichen Combination der Instru-\nmental-Begleitung muss der Singstimme dennoch vor Al-\nlem eine gesicherte Stellung bleiben. Das ist ein so einfa-\ncher und in der Natur begründeter Satz, dass man fast\nzögern möchte, ihn nochmals auszusprechen, und kaum\nbegreift, wie auch bedeutende Tonsetzer so oft dawider\nhandeln konnten. Die Ueberladung mit Instrumenten-Mas-\nsen an sich ist schon genugsam als Aeusserlichkeit bezeich-\nnet, welche die Charakteristik nicht etwa fördert, son-\ndern herabdrückt und ins Materielle hineinzieht, abgesehen\ndavon, dass eine schöne Gesammtwirkung nicht möglich\nsein kann, wenn die Stimme gezwungen ist, durch ein\nChaos von Blech- und anderen Instrumenten mühsam sich\nBahn zu brechen, statt von einer in sich bedeutungsvollen\nBegleitung gehoben und getragen zu werden.\"\n„Der ästhetische Werth der Arie, namentlich\nfür die Oper, ist in neuester Zeit energisch angefochten.\nRichard Wagner verwirft bekanntlich diese wie überhaupt\njede geschlossene musicalische Form an sich und besonders\nim Musik-Drama. Bis jetzt ist aber noch nicht gelungen,\nnoch dürfen wir erwarten, dass es je gelingen wird, etwas\nVollkommeneres dafür hinzustellen. Denn der declamato-\nrisch recitirende Gesang, halb Arioso, halb Recitativ, bie-\ntet nicht im Entfernten einen Ersatz dafür. Der kunstmäs-\nsige Einzelgesang ging von der Recitation aus, und ihr\nWerth kann nicht bestritten werden; nichts desto weniger\nwar das höhere Ziel, dem jener nachstreben musste, Ent-\nwicklung selbstständiger Formen, welche mit dem ihrem\nWesen und Bedürfniss entsprechenden Ausdruck zugleich\ndie Anschaulichkeit eines in sich Beschlossenen gewähren\nsollten. Dass die Form einseitig gepflegt und von der Un-\nproduetivität zum Schema herabgesetzt werden kann, wie\ngenug geschehen, beweist nichts gegen ihre Berechtigung\noder vielmehr Nothwendigkeit, wenn die Musik wirklich\nals selbstständige Kunst gelten soll. Die Ausartungen, de-\nnen die Arie verfiel, zeugen noch keineswegs gegen ihre\nBedeutsamkeit an sich. Die alleinige Anwendung decla-\nmatorischen Gesanges in der Oper ist kein Schritt vor-\nwärts, sondern ein Zurückfallen in einen Zustand der Un-\nvollkommenheit, aus welchem die Kunst schon Tange sich\nzu befreien gewusst hat, wie wir erinnern müssen, wenn\nwir ihre ganze Entwicklung von 1600 bis zu Beethoven's\nTode nicht völlig verkennen wollen. Diesen ganzen Zeit-\nraum hindurch (auch vordem schon) hat sie nach der Bil-\ndung reicher und zur Aufnahme des verschiedenartigsten\nInhalts befähigter und dabei bestimmt und deutlich ausge-\nprägter Formen gestrebt. Jener Grund für Ausschliessung\nder Arie, dass die Handlung im Fortschritt gehemmt\nwerde durch Entwicklung einer breit angelegten musica-\nlischen Form, ist eine reine Aeusserlicbkeit, welche auch\nnicht einmal durch das gewöhnliche Leben, auf dessen\nbloss naturalistische Nachahmung es diesen Fortschritts-\nmännern doch im Wesentlichen ankommt, gerechtfertigt\nwird. Denn auch im gewöhnlichen Leben treten Momente\nein, in welchen die äussere Handlung keineswegs vorwärts\ngeht, die aber dennoch höchst bedeutungsvoll sind für den\nganzen Gang des Ereignisses durch Entwicklung und Be-\nstimmung innerer Zustände, welche wiederum auf den\nferneren Fortgang der Handlung bedingend einwirken,\nalso im engsten Zusammenhange mit ihr stehen. Auch im\nDrama findet dieses Statt; weit häufiger aber noch und\nmit noch weit mehr Berechtigung in der Oper. Denn\ndiese Kunstgattung ist in ihrer Absicht auf musicalische\nDarstellung, welche jederzeit im Vordergrunde bleiben\nmuss, vorzugsweise auf Entwicklung und Aussprache in-\nnerer Seelenzustände hingewiesen. Dass dieses geschehe,\nohne einen störenden Conflict mit der sichtbaren Darstel-\nlung hervorzurufen, ist Sache des Dichters. Durch Reci-\ntativ und Arioso allein, oder durch Mischung beider, wird\naber niemals eine kunstmässige Schilderung fertiger und\nandauernd beharrender Seelenzustände zuwege gebracht.\nEs wird höchstens ein Schein von Naturwahrheit gewon-\nnen, und zwar auch nur ein trügerischer, indem das ge-\nwöhnliche praktische Leben kein Vorbild für die Kunst\nist und diese, über jenes hinausgreifend, ihre eigenen Mit-\ntel wählt. Wollte man dieses ausser Acht lassen, so liegt\nauch der triviale Einwurf nicht fern, eine singend darge-\nstellte Handlung sei überhaupt Unsinn, da im wirklichen\nLeben allerdings keinem Menschen einfallen wird, seine\nEmpfindungen und Gedanken in Recitativen und Arien\nauszudrücken. Hat aber der Gesang in der Oper über-\nhaupt Geltung, so auch die kunstgemässe Form. Wie\nübrigens in der Wirklichkeit keine innere oder äussere\nHandlung der Höhepunkte entbehrt, so noch weniger im\nDrama und in der Oper. Die Arie ist in letzterer aber\nHöhepunkt der Scene, nicht allein in dramatischer, son-\ndern auch in musiealiseber Hinsicht, und der musicalisch-\ndramatischen Darstellung wird durch Fortschaffung der-\nselben die Spitze abgebrochen, abgesehen davon, dass die\nMonotonie einer in gleicher Weise fortgehenden recitiren-\nden oder ariosen Musik ohne Anfang und Ende, grössere\nGliederung, Gruppirung und ohne Schwerpunkte ausge-\nbildeter Formen unerträglich wird. Wagner's „Lohen-\ngrin\"8 beweist es.\"\nDer XI. Abschnitt behandelt die Formen der In-\nstrumental-Musik. Er enthält in seinem praktischen\nTheile klare und deutliche Darstellung und Erläuterung\nder verschiedenen Formen; mit der ästhetischen Begrün-\ndung derselben können wir uns aber sehr häufig nicht\n\nrj"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "316", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18621004-01.1.4", "texte": "einverstanden erklären, da der Verfasser dabei ein Princip\naufstellt, dessen folgerichtige Durchführung—er mag\nsich dagegen verwahren, wie er wolle am Ende not-\nwendig zur Programm-Musik führt.\nEs spukt dieses Princip schon bei der Besprechung\nder Tanzformen, denen neben der Fähigkeit zum Aus-\ndruck auch des Ernsten, Pathetischen, selbst Tragischen\nwogegen wir nichts haben —, auch das Geeignetsein\n„zur Aufnahme eines bedeutungs- und inhaltsvollen Ge-\ndankens\" zugeschrieben wird. Uebrigens spricht der Ver-\nfasser nur von den älteren Tanzformen bei Bach u. s. w.\nund rechtfertigt das Uebergehen der heute üblichen durch\ndie Bemerkung, dass „ihnen neue wesentliche Entwick-\nlungs-Momente nicht zuzuschreiben\", was nicht richtig ist,\nda sich nicht läugnen lässt, dass Strauss namentlich die\nWalzerform gar sehr erweitert und durch die Anwendung\ndes Widerstreiis der Melodie mit dem Rhythmus ein ganz\nneues Element der Bewegung in dieselbe gebracht hat,\nwas zugleich die Schlussbemerkung des ersten Alinea von\nS. 271 widerlegt. Auch die Mazurka hätte eine Erwäh-\nnung verdient. Dass die Hinweisungen auf Muster der ab-\ngehandelten Formen zu ausschliesslich die Alten, nament-\nlich Bach und Händel, berücksichtigen, haben wir schon\nbemerkt; in einem Elementarwerke über Musik wird es\nimmer auffallen, wenn Haydn und Mozart so selten, wie\nbei von Dommer, erwähnt werden; sie werden z. B. in\nden Paragraphen über die „Variation\" ganz ignorirt,\nwährend neben Bach und Beethoven Schubert, Mendels-\nsohn und Schumann genannt werden. Die Bemerkung\n(S. 278), dass „vom Gesichtspunkte des höheren musica-\nlischen Formbegriffs aus betrachtet, wenigstens die einfache\nVariationsform trotz aller interessanten Schöpfungen nur\nuntergeordnete ästhetische Geltung habe\" fliesst auch\nwieder aus derselben Quelle, welche uns als Grundbedin-\ngung aller ästhetischen Geltung einer Gattung, ja, jedes\nMusikstückes, nicht den musicalischen Gedanken,\nsondern irgend etwas Aussermusicalisches, mag es\nnun ein „Gefühls-Ereigniss\" oder „Erlebniss\" oder gar\n„ein bestimmtes Object\" sein, aufdrängen will.\nDer Verfasser drückt diesen Grundsatz so aus (S. 283):\n„Die mehrsätzigen Formen bestehen aus mehreren ver-\nschiedenen, der äusseren Gestaltung, Zeitbewegung, Ton-\nart und inneren Durchbildung nach in sich selbstständig\nabgeschlossenen Sätzen, von denen ein jeder jedoch nicht\nals ein Vollständiges für sich allein, sondern als Glied eines\nästhetischen Zusammenhanges gelten und zum ganzen\nWerke in einem ähnlichen Verhältnisse stehen soll, wie\ndie einzelne Phase eines inneren Erlebnisses\nzu dessen ganzem Verlauf.\"\nNachdem nun die Formen der vier Sätze der Sonate\nu. s. w. recht anschaulich aus einander gesetzt sind, wird\nder Schluss-Passus des eben angeführten Paragraphen im\nFolgenden (S. 293 u. ff.) dahin erläutert, dass sämmtliche\nSätze „als Analogon des geschichtlichen Verlaufs\neines inneren Hergangs in einem ästhetischen Zusam-\nmenhange stehen müssen.\" „Dieser Hergang, der im\nTonwerke darzustellen ist, muss nicht notwendiger Weise\nein in allen seinen Theilen vorher klar gedachter sein. Er\nkann eben so gut aus einem Complex von Gefühlen und\nStimmungen bestehen, für welche weder Tonsetzer noch\nHörer irgend eine Auseinandersetzung in Worten zu geben\nim Stande wären. Auch hat der Componist—nach frühe-\nren Bemerkungen sich vom Begrifflichen seines Planes\nvollständig loszusagen, die ganze innere Bewegung durch-\naus in Tonbewegung umzusetzen. Nichts desto weniger\nmuss der Seelenzustand ein im Gefühle bestimmt be-\nschlossener (!) sein, weil er sonst in seiner Entwicklung\nnicht als Totalität erscheinen, überhaupt nicht dargestellt\nwerden kann.\"\nWer sieht nicht, dass hier Eines das Andere aufhebt?\nWie kann ein Seelenzustand, der aus einem „Complex von\nGefühlen\" u. s. w. besteht, also doch ein unbestimmter\nist, trotzdem ein im Gefühl bestimmt beschlossener\nsein? Und was sagt denn am Ende der Satz: „die innere\nBewegung in Tonbewegung umsetzen\", Anderes, als was\ndie alte Maxime sagt: Der wahre Musiker denkt nur\nMusik, alles, was er sieht, erlebt, empfindet, wird ihm\nzur Musik? Nach dem Verfasser soll die „Durchbil-\ndung (?) eines (poetischen, aussermusicalischen) Hauptge-\ndankens die Einheit der drei oder vier Sätze vermitteln\",\nwenn auch „die Vermittlung, wie vieles Andere in der\nMusik, nicht immer begrifflich sich nachweisen lässt.\" Ja\nwohl, ja wohl! Das Letztere ist ganz richtig, aber das\nErstere ist falsch, wenn mit dem Hauptgedanken nicht der\nmusicalische gemeint ist. Der allerpoetischste aus-\nsermusicalische Gedanke ist nicht im Stande, eine Einheit\nim musicalischen Kunstwerke zu bewirken, wenn der Mu-\nsiker kein Genie ist. Exempla sunt odiosa!\nIst doch der Verfasser selbst gezwungen, zu sagen\n(S. 296): „Eine Veranlassung zur Anordnung der Sätze\nals Allegro, Adagio, Scherzo (Menuett) und Finale liegt\nallerdings auch in der äusserlichen Forderung der\nAb wechselung. Der innere Grund dafür ist aber in je-\nnen Gegensätzen zu finden, welche jedes Gefühl in sich\nselbst hat, dass einem Grundgefühl verwandte Regungen\nsich anschliessen, jenes zeitweilig sich abschwächt, wieder\nerneute Kraft gewinnt, oder sich beruhigt. Ob wir hier\nvon Gefühls- oder Tonbewegung sprechen, ist einerlei,\nbeide sind in der Musik dasselbe. Die Tonformen sind al-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "317", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18621004-01.1.5", "texte": "lerdings aus sich entstanden, ohne dass man viel (nein:\nohne dass man überhaupt nur) über Analogisirung\neines ausserhalb der reinen Ton Verbindung lie-\ngenden Inhalts redectirt hat. Eben so wenig kann man sa-\ngen, es sei von vorn herein eine bewusste Absicht bei An-\nordnung der einzelnen Sätze thätig gewesen. Im Laufe der\nZeit wurde aber dasjenige mit Bewusstsein durchgebildet,\nwas ein künstlerischer lustinet lange vorher bereits als das\nRichtige empfunden und ausgeübt hatte.\" (Soll heissen:\nNachdem die Kunst, selbst allmählich bildend und durch\nauf einander folgende Genie's unterstützt, ihre festen For-\nmen aus sich selbst entwickelt hatte, kam die Reflexion\nund abstrahirte von jenen Formen die Theorie, wobei\nsie denn in philosophischer Erklärungssucht auf mancher-\nlei Abwege, und heute mehr wie jemals, gerieth.)\nSehr versöhnend wirkt es, wenn der Verfasser bei der\nSinfonie denn doch endlich über Haydn und Mozart\nsich so ausspricht:\n„Die Symphonie Haydn's und Mozart's offenbart vor-\nzugsweise jenes herrliche und frische Tonleben, als welches\neine in der Ueberfülle des Stoffes und der bildenden Kraft\nnun zur freien Selbstständigkeit gelangte Instrumental-\nMusik mit aller Unbefangenheit und Naivetät, zugleich aber\nauch mit aller Bedeutsamkeit eines reichen Inhalts und\nhoher Kunst sich kundgeben konnte. Die noch heute un-\ngeschwächte künstlerische Wirkung der symphonischen\nSchöpfungen beider Meister beruht nicht allein auf Schön-\nheit der Form-Verhältnisse, Reichthum an Melodie und\nstets neuen Gedanken überhaupt, sondern auch auf Wärme\nund Frische des inneren Lebens, auf der normalen Gesund-\nheit des Gefühls, dessen naturgemässer Ausdruck sie sind.\nEs bedürfen die durch sie erweckten rein musicalischen\nStimmungen noch durchaus keines Hinweises auf ein be-\nstimmtes inneres Ereigniss, sondern sie spiegeln das Ge-\nmüthsleben im Allgemeinen, und zwar in seinen feinsten\nSchattirungen, in reichster Mannigfaltigkeit wieder. Bei\neiner Symphonie Haydn's oder Mozart's eine bestimmte\nVorstellung sich machen zu wollen, ist daher kaum mög-\nlich; die Tiefe eines dichterischen, auf ein erfassbares Ob-\nject gerichteten Planes finden wir nicht darin. Wohl aber\nein Tonleben, welches in seiner Fülle doch nur Aeusse-\nrung eines eben so reich bewegten, von tiefster Empfin-\ndung durchdrungenen und durch eine unerschöpfliche\nPhantasie gehobenen Seelenlebens sein kann, indem es\nuns sonst kalt und unberührt lassen müsste.\n„Ob Haydn zuerst den damals üblichen drei Sätzen\nden vierten, die Menuett, hinzugefügt hat, ist unbestimmt;\nwahrscheinlich war die Suite Veranlassung, aus ihrer lan-\ngen Reihe den damals beliebtesten der Tänze in die Sym-\nphonie mit herüberzunehmen. Gewiss ist aber, dass Haydn\nder Menuett ihren eigentümlichen, seither typisch gewor-\ndenen Charakter verliehen hat, indem er sie, den Tanz\nder damaligen vornehmen Welt, mehr ins Volksleben\nübertrug, und das, was er an Gravität ihr benahm, durch\nvolkstümliche Laune und Heiterkeit ersetzte. (Vgl. „Mo-\nzart\" von O. Jahn, Bd. I.) °\n„Aus der Unzahl von Haydn's Schöpfungen möchte\nman schliessen, er habe sehr schnell gearbeitet; doch er\nsagt selbst, dass er „ „nie ein Geschwindschreiber gewe-\nsen sei, sondern mit Bedächtigkeit und Fleiss componirt\nhabe. Solche Arbeiten sind aber auch für die Dauer, und\neinem Kenner verräth sich das auch sogleich aus der Par-\ntitur\" \" (Griesinger, Biographie). Ueber die Empfin-\ndungen und Ideen, welche beim Componiren in seinem\nGemüthe sich bewegt haben mögen, sind uns keine weite-\nren Aufklärungen geblieben. Wir vermissen sie auch\nnicht.\n„UeberMozart sSymphonieen nur dieses Allgemeine.\nIm Grossen und Ganzen gewann die cyklische Form über-\nhaupt durch ihn nur technische Durchbildung. Fest aus-\ngeprägte Gedanken, einheitlich entwickelte Stim-\nmung [also doch! und zwar ohne poetischen Grundge-\ndanken!], kunstvollster Tonsatz, so wie edle, schöne Form,\nherrliche, gesangreiche Behandlung der Instrumente cha-\nrakterisiren seine symphonischen Arbeiten. Doch hatte\n(sagt Jahn) die Symphonie der damaligen Zeit noch nicht\ndie Aufgabe, mit individuel charakteristischem Ausdruck\nauf Schilderung tief und leidenschaftlich erregter Gemüths-\nZustände auszugehen. Freiere Gestaltung der Form und\nconsequentes Festhalten der angeregten Stimmung war\nihre Haupt-Aufgabe. Die Form erweiterte sich wenig;\ndies konnte erst geschehen, als ein neuerer und reicherer\nInhalt gewonnen und die Kunst durch allseitige Verarbei-\ntung des Technischen alle Mittel zum völlig freien Aus-\ndruck desselben erlangt hatte. Lebhaftigkeit, Glanz oder\nruhige Beschaulichkeit machen den wesentlichen Charak-\nter der damaligen Symphonie aus. Doch haben wir man-\nchen Symphonieen von Mozart (z. B. G-moll, E-dur, D-dur\nin drei Sätzen, C-durmit der Schlussfuge) wohl mehr als\ndieses allein zuzuschreiben. Uebrigens war die Symphonie\ndamals noch nicht die ausschliesslich bedeutendste Instru-\nmentalform; erst seit Beethoven ist sie die unumschränkte\nHerrscherin der Instrumental-Musik geworden.\"\nEndlich noch dieses, dass der Verfasser in einer An-\nmerkung über Beethoven's Symphonieen selbst einräumt,\n„dass es schwer halten dürfte, der IV. Sinfonie irgend\nwelche poetische Idee unterzubreiten\", eben so der ach-\nten, und bei Gelegenheit der siebenten und der maass-\nlosen Auslegungen derselben gesteht er, dass das „Dinge"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "318", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18621004-01.1.6", "texte": "seien, die man Jedermann selbst überlassen\nsollte.\" Ei nun, dann sind wir ja einig!\nErfreulich war uns auch die Bemerkung (S. 298) über\ndie Tempi in der Ausführung, die heutzutage in einem\nElementarwerke über Musik sehr am Orte ist. Es heisst\ndort: „Der Grad der Bewegung geht aus der Harmonie\ndes Ganzen hervor, und der Ausführende muss bedacht\nsein, diese nicht zu stören. Vergriffenes Tempo eines ein-\nzelnen Satzes ist nicht ein Missgriff nur an diesem allein,\nsondern auch am Ganzen. Die Gegenwart mit ihrer hasti-\ngen Eilfertigkeit und Freude am Effect macht diese Eigen-\nschaft auch an Stellen geltend, wo sie gar nicht hingehört,\nso dass man mitunter ein fremdes Gebilde zu hören glaubt,\nin welchem an Stelle feiner, seelischer Züge und richtiger\nVertheilung von Licht und Schatten unberechtigte Hast\nund übermütliiges Spiel mit dynamischen Effecten Gewalt-\nsamkeiten ausüben, und die virtuose Instrumental- oder\nOrchester-Musik eine ihr nicht zukommende Stellung über\ndem Geiste und Gehalt des Tonwerkes usurpirt.\"\n\nEine Stimme aus Frankreich über Musik- und\nGesang-Vereine.\n(Scliluss. S. Nr. 39.)\nGlücklich sind dann wenigstens die Stadtarmen, wenn\nsolche Productionen einige Francs in ihre Uiterstülzungs-\nCasse iiiessen lassen. Aber selbst diese Reunionen, wie\nschwierig sind sie zu Stande zu bringen! Dazu gehört Zeit,\nGeschick, diplomatische Manieren, denn Eigenliebe und\nEitelkeit spielen die Hauptrollen bei den musicalischen\nLocalgrössen. An Disciplin, an Ordnung ist nicht zu denken.\nEndlich entschliesst sich das Orchester zum Stimmen; die\nAufgabe wird aber nur annähernd gelöst. „Sie sind zu\nhoch!\" ruft der Dirigent dem ersten Violinisten zu. „Mir\nklingt es nach Wunsch!\" erwidert der beleidigte Virtuose.\nSolcher Scenen kommen Hunderte vor, und wir kennen\nnur wenige Gesellschaften, die eine Ausnahme machen und\nder Würde der Kunst gerecht werden. Es ist Jammer und\nSchade, dass so viele gute musicalische Elemente in diesem\nschönen Lande entweder gar nicht zu gedeihlicher Entwick-\nlung kommen, oder mitten in derselben stehen bleiben und\ndann natürlich zu Grunde gehen. Und doch hat die Menge\nnoch Empfänglichkeit für das wahre Schöne in der Mu-\nsik, wie vor Kurzem der Enthusiasmus des Publicums bei der\neinen blassen Copie der pariser Sinfonie-Concerte von Pas-\ndeloup, die in Toulouse versucht wurde, deutlich offenbarte.\nUnd nun vollends die Männer-Gesangvereine!\nDie Gesang-Vereine theilen zwar die Mängel der\nphilharmonischen Gesellschaften nicht in Allem, aber sie\nhaben wieder andere Eigenschaften, welche ein künstleri-\nsches Gedeihen hindern.\nSie zerfallen im südlichen Frankreich in zwei verschie-\ndene Lager: in dem einen sehen wir die älteren Vereine,\ndie eine gewisse praktische Sicherheit erlangt haben und\nstolz auf ihren Ruf und ihre Erfolge, eitel auf ihre Ueber-\nlegenheit sind und alles über die Schulter ansehen, was\nausserhalb ihrer Höhe und ihres Ruhmes steht; in dem\nanderen scharen sich die neuen Vereine kleinerer Städte\nund vom Lande zusammen, eine unabsehbare Menge, die\nnicht das Geringste von den ersten Elementen der Musik\nkennt, aber entzückt über ihre Leistungen und voll Selbst-\ngefühl ist, sobald sie unter einem Banner von gold-gestick-\ntem Sammet die unvermeidliche oder die „Dorf-\nhochzeit\", oder sonst ein Trallerlied nothdürftig singen\nkann. Beide Lager leben im Allgemeinen so lange in\nFreundschaft und Frieden, bis die Gesang-Wettstreite sie\nin Weifen und Ghibellinen, in Capulets und Montague's\nscheiden. Aber der Parteihass siedet nur im Stillen fort:\nden öffentlichen Ausbruch hindern die Theilnahme des\nPublicums und die Autorität der Gemeinde-Behörden,\nwelche dort zu Lande jeden musicalischen Versuch ermu-\nthigen zu müssen glauben. Auch wäre der Scandal zu arg,\nwenn man den häuslichen Zwist von Gesellschaften, die\neine so hohe Stellung in der Welt einnehmen, unter das\nVolk bringen wollte. Auch haben zu viele Vertreter der\nMänner-Gesangvereine in zu schwungvollen Ausdrücken\nbewiesen, dass diese Vereine die Wiedergeburt des mensch-\nlichen Geschlechtes, die Umgestaltung der socialen Ver-\nhältnisse in ihren Liederheften bei sich trügen, dass sie\nselbst daran glauben und desshalb ihre äussere Würde\ndem Ernste einer so hohen Mission gemäss zu bewahren\nsuchen. Einige unter ihnen setzen freilich diesen Beruf im\nGegentheil so sehr aus den Augen, dass sie bei den Wett-\nstreiten in phantastischen Trachten von Matrosen, proven-\ngalischen Minnesängern, Bergleuten, spanischen Toreado-\nren u. s. w. bunt genug auftreten.\nDiese Armee von Sängern der Süden allein zählt\nderen an 20,000—bekundet allerdings eine Ausbreitung\nder Kunst (?) beim Volke. Eifer zeigen sie fast alle, und\nes sind sehr schöneStimmen darunter, aber es kommt nicht\ndie rechte Ordnung und der rechte Geist hinein. Wenn\nwir auch im Allgemeinen dem Männergesange sein Ver-\ndienst nicht absprechen wollen, so sind doch alle verstän-\ndigen Leute, die sich für diese Frage interessiren, darüber\neinig, dass die Vereine sich bis zur Unzahl vermehren, aber\nkeinen wirklichen musicalischen Fortschritt aufweisen. Mit\nwenigen Ausnahmen, welche übrigens gerade die Regel\nbestätigen, ist ihr Vortrag roh, monoton und anspruchs-\nvoll. Die Dirigenten können ihre Schüler nichts lehren,"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "319", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18621004-01.1.7", "texte": "wovon sie selbst nichts verstehen, und so nimmt gar bald\neine bedauernswerthe Stagnation überhand, eine unerträg-\nliche geckenhafte Eitelkeit und Halbwisserei, welche jeden\nguten Rath verschmäht und allen Mahnungen zum Bessern\ndas Ohr schliesst, wozu denn die unseligen Wettstreite\nkommen, die nur dazu bestimmt scheinen, die kleinlichste\nEitelkeit zu krönen, bis ein eclatanter Durchfall die gräss-\nlichste Enttäuschung und damit gewöhnlich die Zertrüm-\nmerung des Vereins herbeiführt. Nun nehme man die über-\ntriebenen Lobpreisungen hinzu, die Wallfahrten zu den\nSängerfesten, den Quellen so mancher verkehrten socialen\nIdeen, und endlich den Schlendrian eines Repertoires, das\nsich ewig um seine Achse dreht, anstatt den deutschen\nCompositionen das Bürgerrecht zu verleihen und die Pro-\nducte der älteren französischen Schule zu studiren und\nman wird einsehen, dass eine sehr kräftige Constitution\ndazu gehört, wenn ein Verein der Gesammtwirkung dieser\nhemmenden und am Ende zerstörenden Elemente wider-\nstehen soll.\nSo war vor Kurzem ein Sängerfest in Perigueux. In\nder schönen Landschaft Perigord, deren Hauptstadt die\ngenannte Stadt ist, haben die Trüffeln, an sich ein treffli-\nches Product, lange den idealen Cultus des Liedes oder der\nFanfare beeinträchtigt. Aber die Menschheit schreitet vor:\nman beabsichtigte eine Pflanzen-, Gemüse- und Blumen-\nAusstellung nebst Pferderennen, und fand nach vielem Hin-\nund Herreden in dem dirigirenden Ausschüsse, dass dem\nZeitgeiste gemäss Musik und Gesang dabei nicht fehlen\ndürften. Das Wort Orphöon hat in Frankreich eine grosse\nBedeutung erlangt; man wandte sich an den Local-Orpheon,\ndenn welch ein Ort auf der Welt ist nicht im glücklichen\nBesitze eines solchen! und dieser beschloss, einen Wettstreit\nauszuschreiben; und so öffnete denn das altrömische Ve-\nsona am 1. September dieses Jahres seine Thore den her-\nbeiströmenden Sängern, um auch in seinen Mauern eines\nvon jenen Festen zu feiern, welche die Provincialblätter\nden olympischen Spielen der Griechen vergleichen!\nFreilich fühlen die Spitzen der Gesangvereins-Noblesse\nsich gestossen, dass eine so materielle Ausstellung und ein\nPferderennen durch den Gesang verschönert werden solle.\nSie halten es für unwürdig, dass Sänger-Vereine in Bezug\nauf dieTheilnahme desPublicums mit einer phänomenalen\nRübe oder einem Vollblutschimmel concurriren sollen; der\nVereinsgesang dürfe weder Zierde noch Zugabe zu etwas\nAnderem sein, sondern nur Selbstzweck und Selbstfest.\nWir werden uns hüten, diese heikelige, wichtige Frage\nzu erörtern, und bestätigen nur historisch, ohne uns um\ndie hippische oder horticultorische Veranlassung zu küm-\nmern, den unläugbaren Fortschritt, dass die Hauptstadt\nvon Perigord zum ersten Male seit ihrer Gründung durch\ndie Römer den Volksgesang gastlich bei sich aufgenom-\nmen hat, und dass wir dafür dem Fest-Ausschusse besten\nDank schulden.\nVierzig Gesang- und Instrumental-Vereine hatten ihr\nErscheinen zugesagt, jedoch konnten mehrere ihre Zusage\nnicht erfüllen, weil die Eisenbahn-Verwaltung in ihrer un-\nkünstlerischen Verstocktheit keine billigeren Fahrpreise\nbewilligen wollte. Aufzüge, bewimpelte Stangen, Fahnen,\nKränze, Kronen, Laubgewinde, Triumphbogen, Lampions,\nFackeln, Gelage, Toasts und Speechs, Ball, Lärm, Getüm-\nmel, Gedränge, Ohnmächten, Beifallssalven, begeisterter\nRausch, Hitze, selige Brüderschaft, kurz, nichts von allen\nobligaten Zuthaten zu einem Sängerfeste fehlte in Peri-\ngueux. Natürlich hatte man auch Preisrichter, eben so na-\ntürlich aus Paris verschrieben; einer derselben, Camille\nde Vos, gegenwärtig ein Hauptlieferant von Gesangstoff\nfür Männer-Vereine, hatte sogar das Concursstück, ein\nrecht schönes 0 salutaris,componirt; ein zweiter ein Lo-\ncalstück: Les Enfants de Vesou. s. w. u. s. w. Dass\ndaneben auch ein Fanfaren-Concurs Statt fand, versteht\nsich bei uns von selbst; Trompete und Cornet ä Piston und\nFamilie sind die steten Begleiter der Orpheonisten.\nAn Sieg und Erfolg und Preisen fehlte es nicht. Der\nVolksgesang stirbt noch lange nicht; eine Generation von\nSängern folgt der anderen, und jede bringt, wie der junge\nFrühling, ihre Blüthen, ihre Lust und Liebe, ihre Lieder\nmit. Das Schwierige ist dabei nur, dass ein künstlerischer\nSinn darüber walte und diesen schnell auf einander folgen-\nden Producten wahre Jugend und Dauer verleihe, dass die\nimmer neu auftauchenden Vereine sich nicht in Selbstge-\nfälligkeit spiegeln, sondern dass die Spielerei ihnen Ernst,\ndie Lust eine Arbeit werde, so dass sie Geist und Gemüth\nder Hörer dadurch erheben können. Angenehme Zer-\nstreuung bieten sie jetzt allerdings, aber ihr wirklich künst-\nlerisches Gedeihen wird meist schon im Keime gefährdet.\nMit den Instrumental-Vereinen, die übrigens im Süden\nvon langer Zeit her bestehen, ist es jetzt im Allgemeinen\nauch nicht viel besser bestellt; da die Uebung eines Instru-\nmentes mehr Arbeit und Ausdauer fordert, als der Gesang,\nso fehlt es nicht an zahlreichen Ueberläufern aus dem La-\nger der Instrumentalistcn in das Lager der Sänger. Daher\ndenn ein gewisser Stolz bei jenen; der Serpentbläser, der\nmit der Posaune Vertraute, der Fanatiker für die Clari-\nnette, sie alle stellen sich hoch über die Vereinssänger. Das\nhält sie noch so ziemlich zusammen. Aber was spielen,\noder vielmehr: was blasen sie? Lauter Opernstücke, und\nin Arrangements, die zum Davonlaufen gemacht sind. Die\nLeute gehen aber mit einem fabelhaften Selbstvertrauen\nan die Ausführung. Im Nothfalle spielen sie die Ouvertüre\nzu Wilhelm Teil mit Piccoloflöte, Posaune und Tambourin!"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "320", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18621004-01.1.8", "texte": "Es gibt in den grossen Handelsstädten im Süden allerdings\neinige gute Orchester, aber wie viel bleibt ihnen noch zu\nthun, um die Höhe der Instrumental-Ausführungen in\nDeutschland und selbst in Belgien und im nördlichen\nFrankreich zu erreichen!\nGehen wir aber nun vollends in die Kirchen, wenn die\nFanfaren- und Orpheonisten-Vcreine zur Verherrlichung\ndes Cultus mitwirken, dann muss sich der Musiker und der\nGläubige die Haare ausraufen vor Verzweiflung. Die Ouver-\ntüre zur Stummen von Portici und die allerweltlichsten Ge-\nsänge sind an der Tagesordnung. Beim Ausgehen aus der\nKirche hörten wir irgendwo einen Contretanz spielen, ja,\nwährend des Offertoriums jämmerliche Solo-Vorträge einer\nClarinelte. Erst seit kurzer Zeit versuchen einige Vereine\nMessen und Motetten für die Kirche einzuüben, und das\nist immerhin ein Fortschritt, wenn auch Wahl und Aus-\nführung oft noch sehr unkritisch und roh ausfallen.\nUebrigeus findet man häufig den Choralgesang durch\nDilettanten verstärkt, besonders durch Bassisten. Wir er-\ninnern uns einer dadurch veranlassten höchst komischen\nScene in der Kirche einer kleinen Pyrenäenstadt. Als der\nLector am Allerbeiligenfeste recitirt hatte: „Sedenti in\nthrono et agno benedictio et honor et gbria et potestas in\nsaecula saecubrum\",so intonirten vier Dilettanten, weil\nder Priester, um Athem zu schöpfen, eine kleine Pause\nmachte, im Respondiren: Amweil sie das öfter vor-\nkommende saecula saeculorum für die Schlussformel hiel-\nten. Der Lector fuhr aber unmittelbar darauf fort:\nquatuor animalia dicebant Amen —worauf dann ein Ge-\nlächter ausbrach, das selbst die Heiligkeit des Ortes nicht\nzurückdrängen konnte.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKöln. Am 1. October wurde das neue Stadttheater mit Goethe's\n„Egmont\" eröffnet und brachte am folgenden Tage als erste Opern-\nVorstellung Mozart's „Don Juan\".\nDie Einführung der tiefen Orchesterstimmung in der königlichen\nOper steht auch in Berlin bevor, und es sind bereits die erforder-\nlichen neuen Blas-Instrumente angekauft worden.\nHafnz. Unser Stadttheater ist Anfang September mit der\n„Stummen von Portici\" eröffnet worden, welcher als erste Schau-\nspiel-Vorstellung Laube's „Essex\" folgte. So viel aus den bisher\nStatt gefundenen Aufführungen abzunehmen ist, kann man im Gan-\nzen genommen mit dem engagirten Personale wohl zufrieden sein,\nund wenn auch einzelne Fächer früher besser besetzt waren, so dür-\nfen wir doch hoffen, dass wir ein gutes Ensemble und abgerundete\nVorstellungen zu sehen bekommen, wenn Capellmeister und Regisseur\nihre Schuldigkeit thun. Als Capellmeister fungirt Herr Fischer,\nbisher am Würzburger Theater engagirt, der ein tüchtiger und rou-\ntinirter Dirigent zu sein scheint; nur übertreibt er leider gern die\nTempi, was namentlich in „Stradella\" fast durchgängig der Fall war\nund auch im „Freischütz\" theilweise recht unangenehm auffiel.\nMöchte man doch endlich einmal von diesem sinnlosen Jagen, unter\nwelchem Ausdruck und Deutlichkeit so sehr leiden, abstehen!\nDer König von Hannover hat dem Nestor der deutschen Capell-\nmeister, Methfessel in Braunschweig, die goldene Medaille für\nKunst und Wissenschaft verliehen.\nDingelstedt hat den Text zu Benedicts Oper „The Lily of\nKillarneyu übertragen, und zwar unter dem Namen „Die Rose von\nErin\".\nIm dresdener Hoftheater ging am 18. September Geibel's\n„Brunhild\" zum ersten Male in Scene, brachte es jedoch nicht über\neinen Succ&s d estiiue hinaus; hingegen wurde der Darstellung, na-\nmentlich Fräulein Janauscheck, grosser Beifall gezollt.\nWien« Hier fand die Leseprobe des dreiactigen Lustspiels „Die\ndeutschen Komödianten\" von Roderich Benedix im Hofburg-\ntheater Statt.\nHeir Ander feierte den siebenzehnten Jahrestag seines ersten\nAuftretens im Hof-Operntheater und hatte hierzu die Titelrolle in\n„Stradella\" gewählt, in welcher er am 23. Sept. 1845 debutirte.\nVon den für das Orchester des Hof-Operntheaters angeschafften\nInstrumenten sind die Holz-Instrumente bereits seit dem 4. Septem-\nber in den Händen der betreffenden Künstler; einige, wie z. B. eine\nPosaune, dann die beiden Flöten für die Gebrüder Doppler, sind\nschon im Juli übergeben worden. Vollständig abgeliefert sind ferner\ndie Instrumente für das Bühnen-Orchester des Operntheaters und\nein Theil der für das Burgtheater bestellten. Im Ganzen sind für\ndie beiden Hoftheater 107 Instrumente beigeschafft worden, und zwar\nfür das Opern-Orchester 53 Instrumente im Kostenbetrage von 469 i\nFl., für die Bühnenmusik 33 Instrumente im Kostenbetrage von 1600\nFl., fürs Burgtheater 21 Instrumente im Kostenbetrage von 1810\nFl.; Gesammtkosten, einschliesslich der auf 200 FL bezifferten Um-\nänderungskosten der Theater-Orgel: 8304 Fl."}]}