{"numero_id": "bm-bmtnabi-1862-11-29-01", "volume": "bmtnabi_1862-11-29_01", "ocr_sha256": "e985487f3ae0614b42cd241d063bf5fb3566ae51398e67162f4f3d4560b10139", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1862/11/29_01/bmtnabi_1862-11-29_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18621129-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1862-11-29-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1862-11-29_01#c001", "volume": "bmtnabi_1862-11-29_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "377", "page_fin": "377", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18621129-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "377", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18621129-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 472, "texte": "Inhalt.\nBetrachtungen zu Schumann's Faust und Manfred. Von Ed. Krüger. Aus Frankfurt am Main (Aufführung von\nJ. Haydn's „Tobias\" durch den Eühl'schen Gesangverein). Von AS. Das fünfzigjährige Jubelfest der musicalischen Gesellschaft und\ndes städtischen Gesangvereins zu Köln. Drittes Gesellschafts-Concert zu Köln im Gürzenich. - Tages- und Unterhaltungsblatt\n(Barmen, 11. 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Den Faust-Ideen\nsind die des Manfred nahe verwandt, zwar mehr der Aus-\nsenseite als dem Kern nach; beide aber fesselten Schu-\nmann's verwandte Seele, die auch in den glücklichsten Ta-\ngen seines Wirkens einen Hang nach der Nachtseite des\nLebens hegte. Wer beide Partituren aufmerksam betrach-\ntet, wird darin naheverwandte Züge erblicken, aber auch\nwesentliche Verschiedenheilen in Stil und Gedanken; räth-\nselhaft bleibt Manches, wie der ganze Schumann ein Räth-\nsel ist; Fragen erheben sich, die das Rälhsel lösen möch-\nten, im vorliegenden Falle vorzüglich die, wie weit beide\nDramen musicalischer Gestaltung fähig sind, und wie weit\nes Schumann gelungen, sie musicalisch zu gestalten oder\nzu vertiefen.\nDer ersten Frage antworten wir: die musicalische\nDarstellung ist bei beiden nicht in dem Maasse ursprüng-\nlich gefordert, wie das z. ß. der Fall scheint bei Don\nJuan, Zauberflöte, Yestalin, Freischütz, Preciosa, Tann-\nhäuser, Lohengrin; denn wenn auch kein logisches Gesetz\nzwingt, diese sieben nur musicalisch zu denken, so würde\ndoch den vorhandenen Texten bei bühnenhafter Vorfüh-\nrung ohne das sinngeistige Element von Ton und Bild\netwas zu fehlen scheinen. Und wenn auch von einem\nvölligen Decken beider Seiten, der logischen und musi-\ncaiischen, niemals die Rede sein kann—die Voraussetzung\ndes Völlig-Deckens ist einer der Haupt-Irrthümer der\nWagner'schen Richtung —, so gibt es doch Näherungen,\nWahlverwandtschaften der Stoffe, die sich dem Gefühle\nunzweideutig kundgeben, so dass man nicht unrichtig\nspricht von plastischen, malerischen, musicalischen Gedich-\nten. Nun steht aber nichts den sinnlichen oder (nach Schel-\nling) realen Kunstformen ferner, als die gedankenhafte oder\nrein ideale Dichtung, wohin alles Dogmatische, Didakti-\nsche und Philosophische gehört. Während der König in\nThüle, die feste Burg, Rule Britannia gleich wie von selbst\naus sich heraus singen und manches liebliche Naturbild\nvon Goethe und seinen Verwandten wie von selbst ein\nGemälde hervorruft, so wird es im Gegentheil Jedermann\nunmöglich scheinen, Plato's Dialoge, Schillers Spazirgang,\nIdeal und Leben, Künstler u. a. m. in Ton und Bild zu\nfassen. Aus ähnlichen Gründen sind Fiesco und Räuber\nunsingbar, weil das Didaktisch-Rhetorische überwiegt,\nnicht weil sie äusserlich des metrischen Rhythmus entbeh-\nren; denn biblische Stoffe tragen den melodischen Gehalt\nin sich, obwohl in prosaischer Gestalt.\nNun möchte Einer sagen: Goethe's Faust bietet doch,\nwie die Bibel, wegen seines lyrischen Gehaltes und man-\ncher lyrischen Einzelheiten gar viele Gelegenheit zu bild-\nvoller Betonung. Antwort: Ja wohl, Einzelheiten; aber\ndas Ganze hat Leben und Gehalt im Gedanken, im phi-\nlosophischen Bereich, und ist innerhalb dieses so selbst-\nbegnügt, dass jeder Zutritt realer Kunst der Einheit scha-\ndet und die klare Empfängniss stört; es ist eben ideale\nKunst, reine Poesie, und darum eben so gewiss Son-\nderkunst, specifisches Kunstleben innerhalb dieses Gebie-\ntes, wie es die Beethoven'schen Sinfonieen im ihrigen sind;\ndenn wie es Töne gibt, die jenseit und über allem Worte\nstehen und Unaussprechliches singen, so gibt es auch\nWortdichtung über und ausser aller Musik. Damit soll\nnicht gesagt sein, dass eine Einleitung, Ouvertüre oder"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "378", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18621129-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5372, "texte": "Sinfonie vor dem Goethe'schen Gedichte zu verschmähen\nsei, oder dass die Gesänge der Engel, die Hexenküche\nu. s. w. nicht melodramatische Zwischenglieder gestatte-\nten. Soll das Melodramatische wogegen sich die ratio-\nnalistischen Illusions-Aesthetiker von je her ereiferten—,\nsoll es überhaupt gestattet und möglich bleiben, so ist hier\ndie Stelle. Wo ein lyrisches Verweilen ist, da mag\nder ganze aufgeführte Goethe'sche Faust auch solche\nGlieder aufnehmen, aber auch nur hier; dagegen die rein\ndramatischen, d. h. thatsächlich fortschrittigen Scenen,\nwie z. ß. die ganze Scene im Dom, würde bei ganzer\nDarstellung unmöglich zu singen sein; nur der kirch-\nliche Klang des Dies iraeklinge fern hindurch, ohne die\nHandlung unkenntlich zu machen.\nEs scheint, dass Schumann selbst eine vollkommen mit\nGoethe's Drama zusammengehende Aufführung nicht ge-\ndacht und gewollt hat. Da der Titel lautet: „Scenen aus\nFaust\", so sind wir auf den rein musicalischen, nicht\ndramatischen, Standpunkt hingewiesen, und da die drei\nTheile keinen (musicalisch) zwingenden Zusammenhang\nhaben, wird es erlaubt sein, sie als abgesonderte Concert-\nstücke zu behandeln, wie auch schon mehrmals geschehen;\nals einheitliche Aufführung im Cantaten-Stil werden sie\nschwerer eingehen.\nEhe wir der besonderen technischen Structur oder\nmusicalischen Factur des Faust nachgehen, betrachten wir\nvergleichsweise Byron's Manfred. Hier ist ein weit gün-\nstigeres Feld realer Kunst. Schon äusserlich fällt zu Man-\nfred's Gunsten, dass es ein Ganzes ist, nicht, wie Faust,\ngleich manchen deutschen Dramen, ein Fragment ist\noder heisst?!—innerlich aber, je weiter Manfred von phi-\nlosophischer Tiefe absteht, desto mehr wiegt vor die phan-\ntastische, herzrührende Gemüthsseite, und sowohl diese,\nals die derb reale Zeichnung der Personen leiden gar wohl\ndie opernhafte, d. h. musicalisch-dramatische Auffassung.\nDer Gedanken-Inhalt des Manfred ist auf Goethe'sche\nReminiscenzen erbaut, die thatsächliche Ausführung da-\ngegen im Persönlichen und Sachlichen specifisch englisch;\nder religiöse Gehalt weit ab von Goethe's deutscher Tiefe,\naber zuckend und blitzend, dass er desto besseren Büh-\nnen-Eflect machen kann. Treffend sagt ein katholischer\nPhilosoph: „Voltaire spottet des Christenthums, Byron\nhasst es'-; was von beiden das Schlimmere, ist nicht die-\nses Ortes zu untersuchen. Genug, aus den angeführten\nGründen erscheint der Manfred, einheitlich genommen,\nmusicalischer als der Faust, und so ist es auch Schumann\nbei jenem besser gelungen, ein einiges Kunstwerk daraus\nzu entwickeln.\nNun aber unsere specifische Kunst die wir trotz\naller klugen Korinthier bis auf den jüngsten Tag festhalten,\nso gut wie R. Wagner das thut—, unsere specifisch mu-\nsicalische Kunstschönheit in diesen beiden Spätlingen des\nSchumann'schen Genius anzusehen, das ist eine wehmü-\nthige Sache. Auf dem Höhepunkte von Schumann's That-\nkraft wagte einmal ein Berliner—nicht Kritiker von Fach\ndie Frage: Hat der Schumann wirklich Genie? Wir\nwürden so nicht fragen, obwohl wir ihn auch nicht für\nden weltbewegenden Genius erkennen, den einige eifrige\nFreunde aus ihm machen wollten. Sollen wir aber den\nKern seines Genius erkennen, so wird uns dazu helfen\nnicht sowohl die mehr chronicalische als philosophische\nBiographie von Wasilewski, auch nicht irgend ein specu-\nlatives Schema aus der neudeutschen Schule: vielmehr\nnehmen wir Bath von der Ansicht seiner Werke und mes-\nsen diese an dem Kunst-Ideale, sei es ein ewiges oder zeit-\nliches. Dem ewigen Ideal der in sich ruhenden reinen\nSchönheit hat Schumann am wenigsten nachgerungen;\nihm schwebten die Zeit-Ideale vor, die man etwa Titanis-\nmus, Dämonismus, Humanismus, Freiheit benannt hat.\nDas Titanische, was seit der Sturm- und Drang-\nPeriode in Deutschland beliebt ward, will durch Kampf\nzur Herrlichkeit eingehen, durch Leid zur Wonne; seine\nSignatur ist das Uebermenschliche, die Kraft des trotzigen\nIch, sich mit göttlichen Naturgewalten in Kampf einzulas-\nsen auf Tod und Leben. Solche Gestalten, dem deutschen\nSinne von Alters her beliebt, hat in ihrem Zeitalter Nie-\nmand wirklicher ausgeführt, als Beethoven; in ihm\nherrscht das Titanische, dass man daran glaubt, das\ntrotzig sehnsüchtige, überwunden triumphirende Geschlecht\nvor Augen zu sehen. Während und nach Beethoven trat\nneben das Titanische der Dämonismus, die dunklen\nGestalten der zwischenlebigen Welt, was nicht göttlich,\nnicht menschlich, ja, zwischen Thier und Pflanze unent-\nschieden schwebt (oder im kühneren Falle entschieden zum\nTeufel geht..., an den zwar, wie Herr Omnes in Han-\nnover will, nicht zu glauben ist, der aber eben desshalb\nder unglaublich verlogenen Poesie Relief geben muss).\nDiese Art machte reissende Fortschritte in der neuesten\nDramatik. Weber webt mit Vorliebe in der dämonischen\nWelt, doch hebt er die lieblich märchenhaften, die necki-\nschen, halbmenschlichen Gestalten hervor, während seine\neigentlichen Lieder mehr menschliche Empfindung zei-\ngen. Manches Mendelssohn'sehe geht in dieser speci-\nfisch Weber'schen Richtung. Der dunklere Dämonismus,\ndie vampyrische Art, die sich zuletzt in qualmende Sümpfe\nverliert bis zum Irrlichter-Gesang, ist vornehmlich von\nMarschner, einem Schössling Weber's, eingeführt.\nWer sich lange in der titanischen oder dämonischen\nGletscher- und Sumpfluft herumgetrieben, der fühlt wohl\nendlich ein menschliches Rühren, ein Sehnen nach rein"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "379", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18621129-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5315, "texte": "menschlichen Gestalten; ja, man sagt uns, dass etliche Ver-\nschworene des Hegeliter-Corps heimlich Nächtens eine\nMozart'sche Sonate aufgeschlagen, daran geschlürft, sich\nfestgesogen und ganz heimlich geflüstert haben: Das ist\ndoch Fleisch von meinem Fleisch und Bein von meinem\nBein; wohlan, lasset uns Menschen sein!\nDiese reine Humanität ist kein „Standpunkt\", der\netwa nur dem „zopftragenden, spieluhrflötenden, überwun-\ndenen\" Mozart zukäme, sondern es ist dem Menschen\nGrundwesenheit, menschlich zu sein oder nach Menschlich-\nkeit, d. h. Gott-Ebenbildlichkeit, zu ringen. Freilich ent-\nwickeln sich auch hier gewisse Standpunkte, als z. B. Re-\nvolution, Reaction, Aristokratie, Freiheit u. dgl., aber diese\nalle können wiederum hoch menschlich erscheinen in ge-\nsunden, schönen Gestalten, so wie andererseits umgekehrte\nSeelenbilder nach der dunklen Seite hin als Wuth,\nSchrecken, Raserei, Verzweiflung, Wollust, Verzückung\nu. s. w. am Menschen erscheinen können. Aber alle diese\nStandpunkte erschüttern nicht das Humanitäts-Ideal\nder freien, selbstbewussten Persönlichkeit voll klarem Wil-\nlen und klaren Leidenschaften in heiliger Liebe und heili-\ngem Zorn.\nWer dieses Ideal, an dem sich denn doch etwelche\nKünstler von Homer bis Goethe emporgerankt haben, für\nTitanen und Dämonen dahingibt, der sehe wohl zu, ob\ner nicht Freude und Leben der Kunst vertausche mit\nThierheit oder Teufelei. Die in diesen Regionen wirklich\nund alleinig ihr Leben verbringen, sind erbarmenswerthe\nSubjecte. Wer aber diesen Mächten noch nicht ganz ver-\nfallen ist, der hüte sich doch, allzu neugierig hinzuhorchen,\nwas die Propheten der „Gegenwart, Neuzeit, Zukunft\"\nihm vorhexen: je neugieriger, desto eher gefangen! Ein\npaar Beispiele zur Warnung. Ein Literator rühmt die be-\nrüchtigte Virtuosin der Declamation, die jüdische Rachel,\nin der Preussischen Zeitung, 1852, 160, mit folgendem\nFreuden-Erguss:\n„Die süsse Hölle, die schöne Satanik, die medusische\nWollust des lauernden Rachegelüstes diese Verherrli-\nchung der Rache, in deren flüssigem Schwefel das Gött-\nliche sich offenbart, darin der entzückte Recensent gleich-\nwie im Thau der Morgenrölhe sich baden möchte ...\"\nNicola Marselli in seiner „Ilagione della musica\nmoderna\"( Neapel, 1859) erzählt mit nicht geringerem\nEntzücken von Verdi's Trovatore:\n„Das Grässliehe und Abscheuliche ist vorzüglich darge-\nstellt; rasende Verliebtheit [satyriasist—?],\nFluch, Blasphemie, Blutrache, Verzweiflung, Untergang bil-\nden il concetto principale del d...\" (5.185 —188).\nUnd ein leipziger Scribent, den ich nicht nennen will,\nrühmte in ähnlicher Weise von einer neuen Clavier-So-\nnate, sie sei „im Geiste der Neuzeit geschaffen, das Dia-\nbolische höchst gelungen dargestellt . . . und so fort in\nseliger Zerrissenheit ... ein Meisterwerk!\"\nEine weitere Blüthenlese solcher Diavolini aus orien-\ntalisch-berlinischen Referaten versagen wir uns hier zu\ngeben, weil sie bekannt genug sind. Aber Warnung!\nMerkwürdig nur, dass eine ganze Horde Dichter das Hei-\nlige und das Teuflische, an das sie Beides nicht glauben,\nso gern auf die Bühne bringen. Ist die Dichtung nur da,\num Ungeglaubtes, Unwahres, Erlogenes auszusagen ? Un-\nsere deutschen Kerndichter dachten anders: sie haben die\nDichtung allzeit als Spiegel und Prophetin der Wahr-\nheit, ebenbürtig oder dienend, verstanden und ausgeübt.\nSchumann hat von den titanischen und dämonischen\nRichtungen ein gut Theil in sich aufgenommen; einfältig\nMenschliches steht ihm fern. Zwar gewahren wir ein Auf-\nstreben zum Lichte in ihm, und er gehört nicht in die\nSchar derer, die mit dem Bösen freventlich spielen, also\nauch nicht alles, was im bürgerlichen Verstände verlo-\ngen heisst, eo ipso für poetisch halten. Seinem tiefen\nGemüthe mögen viele ihm selbst unverstandene Sehmer-\nzensschreie entfahren sein, wo er nach menschlicher Schön-\nheit rang und sie nicht erreichte. Eine frühe Neigung nach\nvertrackt philosophischen Aufgaben hat ihn auch im spä-\nteren Wirken nicht verlassen, daher wohl die Vorliebe\nfür didaktische oder allegorische Märchen, welche eben\nso viel Raum geben für dämonische Scenen als für das\nVersenken in grundlose Gedankentiefen; denn der poeti-\nsche Werth von Peri und Rose ist äusserst gering, ihr\ndämonisches Schweben aber gewisser Maassen anregsam\nzu allem, was mystische Hexerei heisst in den ausserpoe-\ntischen Künsten. In seinen Jugendwerken—von den Da-\nvidsbündler-Tänzen bis zu den köstlichen Liedern der\nglücklichen Zeit—ist Schumann eigentümlich schön durch\ndie Vereinigung witzigen Tiefsinns mit zärtlicher Liebes-\nrührung. Von einem Anlehnen an altclassische Muster sind\ndort weniger Spuren, als sonst bei den Jugendwerken ge-\nwöhnlich. Seine Verehrung Seb. Bach's leuchtet hindurch;\nnachgeahmt hat er ihn wenig, auch in den späteren Fu-\ngen weit weniger Bach'sche Richtung, als Beethoven'sche.\nAus Beethoven ist manches Rhythmische und Harmonische\ngeradezu entlehnt; zuweilen tritt eine Art Rivalität, ein\nUeberbietenwollen der Beethoven'schen Ideen an den Tag,\nworaus dann ein geistsuchender Kritiker einmal die ganz\nnatürliche Consequenz leitete: Schumann sei der richtige\nErbe Beethoven's, habe seine Ideen weiter geführt, stehe\nauf seinen Schultern, d. h. über ihm, als ,Repräsen-\ntant der Neuzeit\". Diese überraschende Entdeckung über-\nlassen wir ihrem Erfinder zu weiterem Gebrauch.\n\n[*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "380", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18621129-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4407, "texte": "Die Jugendwerke kleinsten Umfanges sind die gelun-\ngenen, sein Ideal am meisten wirklich erfüllenden; ein\nVorzug der Miniatur-Arbeit, der unserer Zeit eigen-\ntümlich ist, obgleich sich viele Künstler—auch Schumann\n—dagegen verwahren mögen. Von Chopin und Mendels-\nsohn gilt dasselbe; ihre grossleibigen Gestalten stehen\nweil hinter köstlich lieblichen Genrebildern zurück. Schu-\nmann ist späterhin eben so sehr durch persönliche Stellung\nund beglückte Häuslichkeit, als durch Wirkung seines\nGenius der Mittelpunkt der leipziger Musikwelt nach 1838\ngeworden. Ueber Leipzig hinaus drang sein Name lang-\nsam: ein solchem Meister zu enges „Stromgebiet des Ruh-\nmes!\" mit Riehl zu reden. Bald regte sich in ihm,\nnächst der eigenen inneren Stimme, die Zeitstimmung nach\ndramatischer Kunst, auch wohl aufblühender Ehrgeiz.\nIn grösseren Instrumentalformen, wie in dramatischer Lie-\nderei fand er den erwünschten Uebergang zu den grösse-\nren Werken seiner besten Zeit.\nParadies und Peri fanden weiten Anklang, die Oper\nGenoveva wenig. Von dieser Zeil beginnt die Verdüsterung\ndes Gemüthes, welche wohl mehr Natur-Anlage als Er-\ngebniss künstlerischer Schicksale war. Die späteren Werke\nsind, abgesehen von der äusseren Fülle des Umfanges,\ndes Rhythmus und der Instrumentation, auf dem Stand-\npunkte der Peri und der Genoveva verharrt. Eine grössere\nKlarheit der Melodie und Entwicklung tieferer contra-\npunktischer Stimmführung, wonach Schumann sich lan-\nge gesehnt hatte, findet sich in den späteren Werken\nnicht; überhand aber nehmen die Absonderlichkeiten, die\ndunklen Seiten, welche demnächst die Zukunftsmeister sich\naneigneten, um Schumann den Ihrigen zu nennen, der\nfreilich viel in das futurisch-amphigurische System Hinein-\nragendes hatte, aber doch eine ganze Leibeslänge über\nder Horde stand an Gesinnung und Gaben.\nSchumann's künstlerische Richtung, sowohl angebo-\nrene als in Arbeit erworbene, hat allerdings mehr und mehr\nden Zug genommen nach der Seite der ungewöhnlichen,\neffectvollen Ueberraschungen hin, die, bald in sinnige Räth-\nsel gekleidet, bald in fieberische Traumbilder zerlös't, gar\noft den eigentlichen Inhalt verhüllen, statt, wie das Urge-\nsetz der Kunst fordert, klar zu Tage zu bringen. Diejeni-\ngen technischen Mittel, welche er zur Aussprache seiner\nIdeale verwendet, beruhen zum grossen Theile auf dem\nGegentheil des Natürlichen; aus Angst vor Triviali-\ntät muss ein Fremdes, ausser der Bahn Liegendes heran-\ngezogen werden, und nicht unrichtig hat der neuzeitliche\nSchwärmer Graf Lauren ein Schumann's Genius bezeich-\nnet als das ewige inganno*).Er meint ihn damit zu\nloben. Freilich, wem alle Kunst lediglich als Uebung des\nScharfsinnes gilt, deren Aufgabe die Dechiffrirung unbe-\nkannter Grössen sei, der lobe es. Und wäre nur die Auf-\nlösung des Räthsels jedesmal ein handgreifliches Ob-\n.ject! Wo aber die Lösung weiter nichts sagt, als: der\nAutor war so und so gestimmt oder verstimmt, da achten\nwir die Mühe des Autors wie des Hörers verloren. Das\n„In sich hinein\", was Schumann als Symbolum man-\ncher Tonsätze dachte, ja, zuweilen darüberschrieb oder\naussagte, ist das Gegentheil der genialen Kunstschöpfung,\nwelche aus sich heraus geht, um die Welt zu überwin-\nden. Uns Anderen, die wir im Kunstwerke ein unend-\nlich Höheres suchen, als Räthselrathen, erscheint die habi-\ntuel gewordene, ja, fast principielle Neigung zu den rhyth-\nmisch-harmonischen Räthseln der Synkope und Prolepsis\nnicht mehr kunsthaft, sondern krankhaft. Vielleicht, dass\nsolche Richtungen oder Neigungen zeitgemäss sind; haben\nwir doch auch bei einigen allerneuesten „Gedanken-Ma-\nlern\" Verwandtes gefunden: allerlei schwebende Arabes-\nken-Gestalten, fallend fliegend, hektisch plethorisch, an\nKopf oder Steiss oder Gliedern mangelhaft, ziehen vorüber,\nnur bei Leibe keine ganze, auf eigenen Füssen stehende,\ndie trotzig gesund spräche: Hier bin ich!— Und wer nach\ndem Sinne fragt oder die künstlerische Einheit sucht, der\nwird auf den Katalog, auf das Programm verwiesen!\n(Fortsetzung folgt.)\n\n*) Vollkommen im Costume der .... Schule ist, was neulich\nR. Pohl, der Kecensent des Liszt'sehen „Faust\", in der\nN. M. Zeitschrift, 1862, Bd. 57, S, 175 b, an geistlichem apergu\nvon sich gegeben; es wird an Gretchen's Tonbild das inganno\nmit Entzücken gelobt und noch entzückter ad marginem ge-\nwitzelt: „Ist es nicht bezeichnend, dass das ganze Zwiege-\nspräch der Liebe auf lauter Trugschlüssen beruht?\""}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1862-11-29-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1862-11-29_01#c003", "volume": "bmtnabi_1862-11-29_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "380", "page_fin": "382", "image_debut": 4, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18621129-01.2.3", "titre_corps": "Aus Frankfurt am Main.", "titre_sommaire": "Aus Frankfurt am Main.", "signature_source": "A. 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Während es\neinerseits den besten Werken des grossen Meisters zuge-\nzählt wird, wollen die Anderen diesem Oratorium nur\neinen untergeordneten Rang in des Meisters Literatur zu-\nerkennen und bedauern keineswegs dessen Zurücklegung.\nEs sei gestattet, auch unsererseits einen Part in diesem\ndissonirenden Chorus auszuführen; vielleicht wird ihm die\nEhre zu Theil, angehört zu werden. Zunächst sollen un-\nverfängliche Zeugen, Zeitgenossen des grossen Componi-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "381", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18621129-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5665, "texte": "sten, einige wichtige Aussagen über das Geschichtliche des\nWerkes machen.\nDer königlich sächsische Legationsrath G. A. Grie-\nsinger, ein intimer Freund Haydn's, theilt in seinen\n„biographischen Notizen über J. Haydn\" nachstehende\nDaten über dieses Oratorium mit: „Das Oratorium II\nRitorno di Tobia (Die Bückkehr des Tobias) schrieb Haydn\nim Jahre 1774, um in die Witwen- und Waisen-Gesell-\nschaft für die Musiker in Wien aufgenommen zu werden...\nIm December 1808 wurde das Oratorium, von Herrn\nNeukomm [bekanntlich Haydn's Schüler] überarbeitet\nund nach dem heutigen Geschmack reicher instrumentirt,\nwieder in Wien zum Besten der musicalischen Witwen-\nund Waisen-Gesellschaft aufgeführt. Die darin befindlichen\nChöre sind voll Kraft und Nachdruck, und sie. erhielten\nden grössten Beifall; aber die Anlage des ganzen Orato-\nriums ist verfehlt und viel zu einförmig; von Anfang bis\nzu Ende folgt auf den wenig interessanten Dialog immer\nnur eine Arie, ohne allen Wechsel mit Duo's und Trio's*).\nDer Dichter (Johan Gaston Boccherini aus Lucca) behan-\ndelt die Rückkehr des Tobias und die geheilte Blindheit\ndes Vaters bloss historisch, und man muss bedauern, dass\nder Dichter und der Musiker ihre Mühe nicht auf einen\ngünstigeren Stoff verwendet haben.\"\nUeber die Wiederaufführung des Oratoriums am 22.\nDecember 1808 mit Neukomm's Ueberarbeitung spricht\nsich der wiener Referent im eilften Jahrgange der Allge-\nmeinen musicalischen Zeitung S. 269 nur in folgenden\nWorten aus: „Die Chöre schienen die meiste Wir-\nkung zu machen.\" Dieser Lakonismus bei einem\nOratorium von Haydn ist doch wohl ganz besonders be-\nzeichnend**).\nFast im Gegensatze zu vorstehenden kritischen An-\nmerkungen hören wir den Componisten des „Tobias\" über\ndieses sein Werk sprechen, wenn auch nur gelegentlich.\nIn einem 1836 von der Wiener Zeitschrift (Nr. 1156) zum\nersten Male veröffentlichten, ziemlich langen Briele von\nHaydn an eine Dame (dieser Brief enthält einen in ge-\ndrängter Kürze abgefassten Lebensabriss von ihm selber)\nfindet sich diese Stelle: „Unter anderen meinen Werken\nhaben folgende den meisten Beifall erhalten: die Opera\nLe Pescatrice L'incontro imwelche in Gegen-\nwart Ihrer k. k. Majestät ist aufgeführt worden L'in-\nfedeltä delusa das Oratorium Tobia, in\nWien aufgeführt. Das Stdbat ~.\"*).\nIn obigen Zeugen-Aussagen über den Erfolg der Auf-\nführung 1808, der unbezweifelt auch Griesinger beige-\nwohnt hat (seine biographischen Notizen sind 1810, mit-\nhin ein Jahr nach Haydn's Ableben, erschienen), erhalten\nwir der Anhaltspunkte zur Beurtheilung des Werkes mehr,\nals es deren bedarf. In Wahrheit darf gesagt werden, dass\nausser dem Sturm-Chor in der zweiten Abtheilung, der\nallein sich von den 21 Nummern (darunter neun Arien,\nein Duett, zwei Quartette, ein fünfstimmiger Wechselge-\nsang und zwei Chöre mit Solostimmen), aus denen das\nOratorium besteht, zu erhalten vermochte und allen Ge-\nsangvereinen mit dem abgeänderten Texte: „Des Staubes\neitle Sorgen\", bekannt ist, dann noch der Schlussfuge der\nzweiten Abtheilung, keine andere Nummer von gleicher\nErhebung den monotonen Gang wieder nur auf wenige\nMinuten unterbricht und die Geduld des bereits bis zur\nErmüdung gelangweilten Zuhörers in etwas unterstützt.\nSelbst die Chöre vermögen nicht nach den interesselosen\nund noch übermässig gedehnten Arien, an denen die In-\nstrumentirung zumeist das Beste, nach Verdienst zu wir-\nken. Mehrere der Arien bewegen sich in den alten For-\nmen: zuerst ein langer Satz in Dur, dann ein nicht kurzer\nin Moll,worauf der erstere wieder seiner ganzen Länge\nnach durchgemacht wird.\nFür den Musiker, der sich von der Berühmtheit des\nComponisten nicht blenden lässt, erscheint insbesondere\n\n*) Dem ist doch nicht ganz so, wie gezeigt werden wird.\n**) Der 22. December 1808 ist vorzugsweise ein kunstgeschicht-\nlich denkwürdiger Tag; während dieses Haydn'scbe Oratorium\nnach 34 Jahren die zweite Aufführung wieder im Hofburg-\nTheater erlebte, producirte Beethoven zu gleicher Stunde im\nTheater an der Wien zum ersten Male: die Pastoral-Sinfo-\nnie, b)die C-moW-Sinfonie, c) die Phantasie mit Chor,\nSanctusund Benedictu saus der 6'-c£u?*-Messe, e) die Arie\nperfido, und liess obendrein noch eine freie Phantasie auf dem\nPianoforte hören.\n*) Dieser Brief, der leider kein Datum trägt, dürfte wohl vor\ndem Erscheinen der „Schöpfung\" (1797) geschrieben worden\nsein, was aus nachstehender pikanten Stelle zu entnehmen, welche\nlautet: „In dem Kammerstyl habe ich ausser den Berlinern\nfast allen Nationen zu gefallen das Glück gehabt, dieses be-\nzeugen die öffentlichen Blätter und die an mich ergangenen\nZuschriften: mich wundert nur, dass die sonst so vernünftigen\nHerren Berliner in ihrer Kritik über meine Stücke kein Me-\ndium haben, da sie mich in Einer AVochenschrift bis an die\nSterne erheben, in der andern 60 Klafter tief in die Erde\nschlagen, und dieses ohne gegründeten warum: ich weiss es\nwohl, weil sie ein und andere meiner Stücke zu produciren\nnicht im Stande, solche wahrhaft einzusehen aus eigenlieb sich\nnicht die Mühe geben, und andere Ursachen mehr, welche ich\nmit der Hülf Gottes zu seiner Zeit beantworten werde. Herr\nCapellmeister von Dittersdorf schrieb mir unlängst, mit Bitte\nmich über hartes Verfahren zu rechtfertigen, ich antwortete\naber demselben, dass eine Schwalbe keinen Sommer mache,\nvielleicht wird denenselben .von unparteiischen der Mund mit\nnächsten so gestopft, als ihnen schon einmal wegen der Mo-\nnotonie ergangen. Ueber alles das aber bemühen sie sich äus-\nserst alle meine AVerke' zu bekommen, ein welches mich der\nk. k. Gesandte zu Berlin Herr Baron van Switen diesen ver-\nflossenen Winter, als derselbe in Wien wäre, versicherte: ge-\nnug hiervon.\""}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "382", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18621129-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5099, "texte": "der Periodenbau in nicht wenigen der Sologesänge als\ndas auffallendste im Werke. Von dieser Seite betrachtet,\nerscheint mir dasselbe wie eine Jugendarbeit (wofür es\nAndere gleichfalls halten), nicht aber entstanden in der\nPeriode Gluck. Joseph Haydn, der schon als musterhafter\nArchitekt in seinen frühesten Quartetten und Sinfonieen\nunsere Bewunderung erregt, zeigt uns in diesem Orato-\nrium ganz abweichende rhythmische Verhältnisse, und\ndoch zählte er nach Griesinger's Angabe bereits 42 Jahre,\nda er es componirt haben soll. Solcher Mangel an Symme-\ntrie, wie er sich oftmals allein schon zwischen Vorder- und\nNachsatz, vollends erst in den Mittelgliedern, bemerkbar\nmacht, kann bei einem Meister der Form unmöglich auf\nGrund des Textes gedacht werden. Wo findet sich von\ndergleichen nur eine Spur in der „Schöpfung\" und in den\n„Jahreszeiten\"? Wie störend und zugleich ermüdend ein\nin vagen Gliederungen sich bewegender musicalischer\nRedebau auf den Hörer wirkt, davon weiss die laufende\nEpoche leider genug zu erzählen.\nSoll dieses Oratorium nicht für alle Zeiten der Ver-\ngessenheit anheimfallen, so müssen grosse Veränderungen\ndamit vorgenommen werden; denn selbst auf zwei Stun-\nden Zeitdauer zusammengezogen (es dauert über drei Stun-\nden), wird des Langweiligen doch noch verbleiben.\nSchon hat Franz Lachner zum Behufe der münchener\nAufführung Kürzungen vorgenommen; allein der Erhal-\ntung des Werkes frommen dieselben noch lange nicht.\nSein Gedanke aber, von den drei Gellert'schen Liedern,\nvon Haydn für vier Singstimmen gesetzt, das erste: „Du\nbist's, dem Ruhm und Ehre gebührt\", mit Blasinstru-\nmenten zu versehen und vom ganzen Chor singen zu las-\nsen, war ein guter, wenngleich solche Begleitung eines\nGesangstückes zu den musicalischen Anomalieen gehört,\nda jene Epoche noch keinen die Saiten-Instrumente ab-\nschliessenden Gebrauch von Blas-Instrumenten machte,\nauch diese in solcher Ausbildung noch nicht hatte, um\nsie allein wirken lassen zu können. Dieser der ersten Ab-\ntheilung beigegebene Chor wirkt wahrhaft erfrischend, da\ner zur rechten Zeit eintritt: denn Fläche hinter uns, Fläche\nvor uns.\nIn einem von der Didaskalia gebrachten Vorbericht\nüber dieses wiedererstandene Oratorium findet sich über\ndie Ouvertüre folgende curiose Stelle: „Ein kurzes\nin C-moll schildert die Gefühle der Sorge und des Schmer-\nzes der Eltern um ihren Sohn; das folgende\nin C-dur dagegen erweckt mehr die erhabene freudige\nStimmung über die Rückkehr des jungen Tobias und die\nglückliche Heilung des Vaters.\" Wir wären doch begierig,\nzu erfahren, ob diese unserem mondsüchtigen Zeitalter\nEhre machende Auslegung sich in der Partitur angemerkt\nvorfindet, oder in der Phantasie jenes Verfassers ihren Ur-\nsprung hat. Aus einem im Dreiviertel-Tacte sich rasch be-\nwegenden Allegro-Satze von ganz gewöhnlicher Factur\nsogar die glückliche Heilung des alten Tobias heraus zu\ndefiniren, das hätten selbst die Matadore in der Auslege-\nkunst in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts,\nDittersdorf und Rosetti, die auch in der Programm-\nmacherei so Grosses geleistet, kaum fertig gebracht. Oder\nsollte sich Haydn von diesen beiden Zeitgenossen zu jenem\nProgramm haben verleiten lassen?\nDass bei so wesentlichen inneren Gebrechen die Auf-\nnahme des Werkes keine warme sein konnte, lässt sich\nwohl erralhen. Dennoch sind wir dem Rühl'schen Vereine\nfür dessen Wahl zu Dank verpflichtet, denn es knüpft sich\nauch ein nicht unwichtiges Stück Kunstgeschichte daran,\nzu dem man nicht kommt, ohne es gehört zu haben. Auch\nist unbestritten, dass verschiedene Stellen darin erklingen,\ndenen wir in Mozart's Werken, vornehmlich in seinen frü-\nheren Opern, wieder begegnen. Allein Mozart befand sich\n1774 nicht in Wien, und zur Zeit der zweiten Auffüh-\nrung 1808 war er schon lange nicht mehr unter den Le-\nbenden. Die Reminiscenzen-Auffinder wollen dies gefälligst\nbeachten.\nWas schliesslich die Aufführung in unserem neuen\nConcertsaale betrifft, so kann nur mit grösstem Lobe davon\ngesprochen werden, das sich auf alle Mitwirkenden gleich-\nmassig vertheilt. Von den Solo-Partieen befanden sich die\nbeiden Soprane—Sara und Raphael —in den Händen der\nFräulein Geisthardt (von der Oper) und Rothenber-\nger (aus Köln); die Alt-Partie Anna —sang Fräulein\nSchreck (aus Bonn); den Tobias Tenor—Herr Zott-\nmayr (von der Oper), und die Bass-Partie Tobit\nunser trefflicher Karl Hill, in weiten Kreisen geschätzte\nNamen, deren jeder für künstlerische Lösung der Aufgabe\nBürgschaft leistet. Ganz besondere Anerkennung verdient\naber Herr Musik-Director Friederich. Bei jedesmaligem\nErscheinen mit einem neuen Werke am Directions-Pulte\nbeweist dieser junge Mann ein Vorwärtsschreiten in Si-\ncherheit und Festigkeit. In richtiger Auffassung des Cha-\nrakteristischen in jeglicher Bewegung macht Herr Friede-\nrich eine rühmenswerthe Ausnahme von der heutzutage\nunter den Dirigenten grassirenden Abhetzungswuth. Mit\naller Gemüthsruhe kann man jedem Allegro-Satze entge-\ngensehen, sein Tempo wird immer das entsprechende sein.\nWie ganz anders war es in solcher Hinsicht unter Fried-\nrieh's Vorgänger in diesem Vereine!\n\nA. S."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1862-11-29-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1862-11-29_01#c004", "volume": "bmtnabi_1862-11-29_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "383", "page_fin": "383", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18621129-01.2.4", "titre_corps": "Das fünfzigjährige Jubelfest der musicalischen Gesellschaft und des städtischen Gesangvereins zu Köln.", "titre_sommaire": "Das fünfzigjährige Jubelfest der musicalischen Gesellschaft und des städtischen Gesangvereins zu Köln.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "383", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18621129-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4465, "texte": "Das fünfzigjährige Jubelfest der musicalischen Ge-\nsellschaft und des städtischen Gesangvereins\nzu Köln.\nDie musicalische Gesellschaft und der städtische Ge-\nsangverein begingen am Cäcilientage, den 22» November, und an\ndem darauf folgenden Bonntage die Erinnerungsfeier an ihre gleich-\nzeitige Stiftung vor fünfzig Jahren durch ein Vocal- und lnstru-\nmental-Concert im grossen Saale des Casino und durch ein\nFestmahl im Gürzenich.\nDas Concert wurde mit der Ouvertüre zur Oper „Der Freischütz\"\nvon C. M. v. Weber eröffnet, worauf Herr Hof-Schauspieler Deetz\neinen Prolog von L. Bischoff, in welchem durch die Hinweisung auf\ndie Kunst-Heroen Händel, Haydn, Mozart und Beethoven die Rich-\ntung auf die classische Musik, welche die beiden Vereine in Köln\nvorzugsweise vertreten, anzudeuten versucht worden, mit sonorem\nOrgan, vortrefflicher Aussprache und künstlerischer Weihe vortrug.\nDaran schloss sich zunächst Goethe's „Meeresstille und glückliche\nFahrt\" von Beethoven» Dann folgte Mozart's liebliches Doppel-\nConcert für Violine und Bratsche mit Orchester, mit der Vollen-\ndung, an die uns ihr herrliches Spiel gewöhnt hat, von den Herren\nConcertmeistern J. Grunwald und Otto von Königslöw vor-\ngetragen.\nDen Schluss der ersten Abtheilung machte eine recht schöne,\nnamentlich durch die Chöre begeisternde Ausführung von F. Men-\ndelssohn's genialer Composition der „ersten Walpurgisnacht\" von\nGoethe. Die Soli für Männerstimmen wurden von den Herren Ernst\nKoch von hier und Gottfried Becker von Mannheim gesungen;\nin dem Vortrage des kleinen x\\lt-Solo's hörten wir mit Vergnügen\ndie klangvolle Stimme einer jungen Dilettantin.\nSo glänzend diese Aufführung war, so wurde doch die begeisterte\nStimmung, welche sie in dem buchstäblich gedrängt vollen Saale\nerregt hatte, noch mehr gehoben durch die Aufführung der prächti-\ngen C-moll-Sinfonie von Beethoven. Wie bezeichnend sprach der\ntriumphirende Schlusssatz die Bedeutung auch der Feier des Tages,\ndes Jubelfestes zweier musicalischen Vereine, den Sieg ihrer Bestre-\nbungen, die Erhebung durch Kunst über das Alltägliche in seinen\nvon strahlender Glorie umgebenen Tönen aus! — Durch die treff-\nliche Leitung sämmtlicher Aufführungen bewährte Herr Ferdinand\nBreunung, der gegenwärtige Dirigent der beiden Vereine, seine\nglänzende Befähigung zur richtigen Auffassung hoher Meisterwerke\nund zur Leitung grosser Massen.\nAm Sonntag Abend vereinigte der grosse Saal im Gürzenich,\nmit Fahnen und Symbolen der Kunst und den Büsten der grössten\nTondichter geschmückt, über fünfhundert und fünfzig Gäste an den\nTafeln des Festessens, das durch die Reden einiger Mitglieder des\nVorstandes der Vereine, die durch historische Erinnerungen und\ngeistvollen Humor die Gesellschaft belebten, durch Lieder und\nToaste heiteren Inhalts, durch köstliche dramatische Opernscenen\nim Verdi'schen Stil, ausgeführt von drei sehr begabten Mitgliedern\nder Humorrhoidaria, endlich durch munteren Tanz der Jugend bis\nnach Mitternacht den Charakter ungezwungener Fröhlichkeit trug,\nwie ihn der kölnische Geist stets zu wahren weiss.\nDie musicalische Gesellschaft war im Jahre 1812 ge-\ngründet; Jakob Almenräder, einer ihrer Stifter, blieb Dirigent\nderselben bis 1845* Ihm folgten in diesem Amte die Herren Hein-\nrich Dorn von 1845—1850, Ferdinand Hiller von 1850—1854,\nEduard Franck von 1854—1858, Ferdinand Breunung seit\n1858. Ihr Versammlungs-Local hat die Gesellschaft in den fünfzig\nJahren eilf Mal gewechselt; am längsten hielt sie ihre Sitzungen\nallwöchentlich des Samstags im Hause der gegenwärtigen Abend-\nGesellschaft „Erholung\" an St. Marien Nr. 6, wo sie von 1841 bis\n1859 blieb» Seit 1859 hat sie das schöne Local in der Glocken-\nGasse gemeinschaftlich mit dem Conservatorium der Musik in Be-\nnutzung.\nDie Zahl der Mitglieder betrug 1812 nur 20, 1813 bereits 50,\nnach fünfundzwanzig Jahren (1837) 170 und gegenwärtig 280.\nDer erste Leiter des städtischen Gesangvereins war der\num die musicalischen Zustände Kölns hochverdiente Verkenius\n1812—1820. Ihm folgten Jakob Almenräder 1820, Dom-Capell-\nmeister Leibi 1827, Conradin Kreutzer 1840, Kufferath I.\n1843, H. Dorn 1844, F. Hiller 1850, E. Franck und K. Rei-\nnecke 1852, F. Hiller 1853, K. Reinthaler 1854, F. Breu-\nnung 1858.\nDie Zahl der Mitglieder betrug 1820 30, 1847 80, 1862 160.\nSein Versammlungs-Local hatte der Verein zeitweise im Miuoriten-\nkloster und auf dem Rathhause; seit 1841 gemeinschaftlich mit der\nmusicalischen Gesellschaft an St. Marien und in der Glockengasse."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1862-11-29-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1862-11-29_01#c005", "volume": "bmtnabi_1862-11-29_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "383", "page_fin": "384", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18621129-01.2.5", "titre_corps": "Drittes Gesellschafts-Concert in Köln im Gürzenich, unter Leitung des städtischen Capellmeisters Herrn Ferdinand Hiller.", "titre_sommaire": "Drittes Gesellschafts-Concert in Köln im Gürzenich, unter Leitung des städtischen Capellmeisters Herrn Ferdinand Hiller.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "383", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18621129-01.1.7", "debut_caractere": 4467, "fin_caractere_exclue": 6734, "texte": "Drittes Gesellschafts-Concert in Köln im Gürzenich,\nunter Leitung des städtischen Capellmeisters Herrn\nFerdinand Hiller.\nDinstag, den 25. November 1862.\nProgramm. Erster Theil. 1. Ouvertüre Nr. I. zu Leonore von\nBeethoven. 2. Neuntes Concert für die Violine von Rudolph\nKreutzer, vorgetragen von Herrn Job. Laute rbach, k. sächsi-\nschem Hof-Concertmeister. 3. Arie aus Donna Caritea von Merca-\ndante, gesungen von Frau Hempel-Kristinus, grossherzoglich\nhessischen Hof-Opernsängerin. 4. Violin-Concert von J. S. Bach\n(Herr Lauterbach). 5. Scene aus Orpheus mit Chor (der Furien) von\nGluck (Orpheus Frau Hempel).\nZweiter Theil. Sinfonie in C-dur von Franz Schubert.\nUeber Herrn Laute rbach's gediegenes Violinspiel stimmen wir\ngern dem Lobe bei, welches diesem trefflichen Künstler in der vo-\nrigen Nummer 47 dieser Zeitung von Frankfurt am Main aus durch\nunseren hochgeschätzten Mitarbeiter, Herrn A. Schindler, gespendet\nworden ist, wenn wir auch die Aeusserung, dass er „im Adagio das\nHöchste erreicht, was man im Laufe der Jahre in den Mnseums-\nConcerten nur ein oder zwei Mal zu hören bekam\", nicht auf uns\nanwenden können, da wir hier an das Beste der Art gewöhnt und\nmithin sogar etwas verwöhnt sind. Auch die Parenthese in dem\nfrankfurter Berichte, die gegen „die Mode, Musikstücke aus den\nAntiquarien hervorzusuchen\", gerichtet ist, passte zu unserem Be-\ndauern, wie das obige Programm zeigt, nicht zu Herrn Lauterbach's\nAuftreten bei uns. Wenn nun auch Herr Lauterbach das Concert\nvon Bach vortrefflich spielte und besonders das originelle Adagio\nsehr schön vortrug, so müssen wir doch auch unsere Meinung eben-\nfalls dahin aussprechen, dass Baeli's Violinsachen nicht in den Con-\ncertsaal des neunzehnten Jahrhunderts gehören, nicht bloss dess-\nhalb, weil die Allegrosätze derselben in Form und Geist nicht mehr\ndem Geschmack des heutigen Publicums entsprechen (und nicht\netwa des Salon-Publicums, denn dieses quält sich ja gerade seit\neinigen Jahren in Paris und anderen grossen Städten ab, Bach's\nInstrumentalsachen wunderschön zu finden und nicht dabei zu gäh-\nnen, was trotzdem nicht allen hohen Dilettantinnen gelingt!), son-\ndern weil jene Allegrosätze dem Charakter und der Bestimmung\nder Violine, welche sie in der Periode der Entwicklung der Instru-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "384", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18621129-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1214, "texte": "Mentalmusik seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts erhalten hat,\nnicht angemessen sind. Sollen denn Haydn, Mozart, Beethoven,\nRode, Spohr u. s. w. umsonst für die Königin gelebt haben ? Herr\nLauterbach erwarb übrigens auch hier, wie überall, durch sein echt\nkünstlerisches Spiel den lebhaftesten Beifall und Hervorruf, nament-\nlich nach dem Vortrage des Kreutzer'schen Concertes, in welchem\nalle Vorzüge seines grossen Talentes glänzten.\nIn Frau Hempel-Kristinus, welche früher beim grossherzog-\nlich hessischen Hoftheater in Darmstadt angestellt war, lernten wir\neine schätzenswerthe Sängerin kennen, die im Besitz einer umfang-\nreichen Altstimme ist, deren Tiefe und Höhe einen schönen, vollen,\nweder dort gequetschten, noch hier schneidenden Klang hat, wäh-\nrend allerdings die mittlere Ton-Region weniger wohllautend ist und\nder Egalisirung mit den beiden anderen Regionen bedarf. Die Aus-\nsprache ist besonders auf dem e und i besser in Uebereinstimmung\nmit dem jedesmaligen Tonklange zu bringen, und der Vortrag könnte\nzuweilen etwas innerlich bewegter sein. *\nDer prächtigen, aus überreicher Phantasie hervorgeströmten Sin-\nfonie von Schubert wurde eine recht glänzende und schwungvolle\nAusführung zu Theil."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1862-11-29-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabi_1862-11-29_01#c006", "volume": "bmtnabi_1862-11-29_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "384", "page_fin": "384", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18621129-01.2.6", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "384", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18621129-01.1.8", "debut_caractere": 1216, "fin_caractere_exclue": 5270, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nBarmen« Es ist in der That erfreulich, wie unsere Musik-\nzustände im Steigen begriffen sind. Einen sichtbaren Beweis davon\ngab die ausserordentlich eifrige Theilnahme des 160—170 Stimmen\nstarken Sängerchors an der Einübung von R. Schumann's „Para-\ndies und Peri\", welche Herr Musik-Director Krause mit so viel\nTalent und Liebe zur Sache leitete, dass eine gelungene Aufführung\ndieses grossen Werkes in dem zweiten Concerte am 22* No-\nvember nicht fehlen konnte und der allgemeine Beifall ihm und\ndem Vereine ein wohlverdienter Lohn wurde. In den Chören war\nauch das Orchester gut, die Soli und Quartette wurden freilich nicht\nmit der nothwendigen Discretion und Nuancirung begleitet. Fräulein\nRothenberger aus Köln war gut bei Stimme, dürfte jedoch vor\nForciren derselben zu warnen sein. Die andere Sopran-Partie sang\nFräulein Mann, die Alt-Partie Fräulein Assmann, den Tenor\nführte Herr Otto vom königlichen Dom-Chor aus Berlin sehr gut\naus, die Bass-Partie Herr S. Steinhaus aus Elberfeld anerken-\nnungswerth. Das Ganze war eine erhebende Aufführung.\nEin paar Wochen vorher, am 7. November, hatten wir die Freude,\nin einem zum Besten des Orgelbau-Fonds im grossen Saale der Con-\ncordia veranstalteten Concerte Herrn Capellmeister F. Lux aus\nMainz bei uns zu sehen, welcher uns nicht nur durch sein meister-\nhaftes Orgelspiel erbaute und entzückte, sondern auch von Neuem\nzeigte, welch eine Mannigfaltigkeit und reiche Abwechselung musi-\ncalischen Genusses die Orgel im Concertsaale bieten kann, wenn\nsie geschickt benutzt und in Musikstücken von verschiedenem Cha-\nrakter, zu deren Arrangement Herr Lux ein entschiedenes Talent\nbesitzt, vorgeführt wird. Nach einer Fuge in A-moll von J. S. Bach,\nwelche den Meister im gebundenen Spiel bewährte, hörten wir Beet-\n„Die Ehre Gottes\" für Männerchor und Orgel, dann Varia-\ntionen von Ad. Hesse, ein wahres Concertstück, ferner die Arie „O\ndu, die Wonne verkündet\" von Händel, mit wohllautender, jugend-\nlich klangvoller Stimme von Fräulein Assmann gesungen, und\nSchubert's Ave Maria, für Violoncell, Pianoforte und Orgel arran-\ngirt, eine eigenthümliche, aber höchst wirksame Zusammenstellung.\nDer zweite Theil des Concertes brachte Händel's Ouvertüre zu Esther,\narrangirt von C. F. Becker, zwei Gesänge der Liedertafel mit Orgel\n(Sanctus aus Cherubim's Requiem für Männerstimmen und Mozart's\n„O Isis!\"), das Gebet der Agathe aus dem Freischütz für Orgel von\nLux, die Arie nJSe in miei sospiri\" von Stradella (Fräulein Ass-\nmann) und zum Schlüsse Händel's Halleluja für Orgel, 2 Trompe-\nten, 2 Hörner und 3 Posaunen, arrangirt von Lux, welches eine\nmächtige Wirkung machte. Das schöne Instrument zeigte in diesem\nConcerte durch die geschickte Registrirung und ungewöhnliche Com-\nbinationen einzelner zarter Stimmen ganz neuen Reiz, der nicht\nbloss für den Musik-, sondern auch für den Baumeister ehrenvoll\nwar.\nFrau kfurt am Main. Mittlerweile hat auch die Süd-\ndeutsche Zeitung die Musikberichte wieder begonnen. Somit ist der\nsechsstimrnige Chorus, der im vorigen Winter die Concerte in hiesi-\ngen Blättern kritisch besungen hat, wieder vollständig. Möge der\ndarin zu Gehör gebrachte Contrapunkt besonders den Virtuosen und\nDirigenten gefallen! Möge ferner der kritische Dissens diese Herren\nund Damen nicht noch mehr in der Gleichgültigkeit gegen alle\nKunstkritik bestärken, als dies, zumeist aus diesem Grunde, schon\nder Fall ist! S.\nWien. Das neue Operntheater an der Ringstrasse wird nach\ndem Communal-Kalender bei gedrängt vollem Hause 3000 Personen\nfassen, 430 Sperrsitze, 250 Sitzplätze und 200 Stehplätze im Par-\nterre, dann 98 Logen enthalten, und zwar 32 im Parterrre, 30 im\nersten, 30 im zweiten und 6 im dritten Range. Letzterer zählt aus-\nserdem 170 Sperrsitze und 280 Sitzplätze. Im vierten Range finden\nsich 90 Sperrsitze und 400 Sitzplätze. Die kaiserliche Loge wird\nsich rechts, die erzherzogliche Loge links von der Bühne, die Fest-\nHofloge rückwärts in der Mitte befinden. Für den Bau u. s. w. sind\n4 Millionen Gulden bewilligt. Es wird 1865 fertig sein."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "377", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18621129-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nBetrachtungen zu Schumann's Faust und Manfred. Von Ed. Krüger. Aus Frankfurt am Main (Aufführung von\nJ. Haydn's „Tobias\" durch den Eühl'schen Gesangverein). Von AS. Das fünfzigjährige Jubelfest der musicalischen Gesellschaft und\ndes städtischen Gesangvereins zu Köln. Drittes Gesellschafts-Concert zu Köln im Gürzenich. - Tages- und Unterhaltungsblatt\n(Barmen, 11. Abonnements-Concert, Orgelbau-Fonds-Concert Frankfurt am Main, Kritik Wien, das neue Operntheater).\n\nBetrachtungen zu Schumann’s Faust und Manfred.\nVon Ed. Krüger.\nGoethe sprach in seinen letzten Jahren den Wunsch\naus, es möge sein zweiter Faust in Töne gebracht wer-\nden, aber von einem Hauptmeister—er dachte dazu Meyer-\nbeer als den geeignetsten. Da Meyerbeer, der seinen Ge-\nnius anderswo besser zu verwerthen wusste, jenem Winke\nnicht nachkam, so ruhte die „Faustfrage\" eine Zeit lang,\nbis Schumann, vielleicht solchem Rivalen gegenüber desto\ntrotziger nach dem Kleinode trachtend, anflog, sich mit\ndem Gedanken zu tragen, der ihn während seiner letzten\nzehn Lebensjahre lebhaft beschäftigte. Den Faust-Ideen\nsind die des Manfred nahe verwandt, zwar mehr der Aus-\nsenseite als dem Kern nach; beide aber fesselten Schu-\nmann's verwandte Seele, die auch in den glücklichsten Ta-\ngen seines Wirkens einen Hang nach der Nachtseite des\nLebens hegte. Wer beide Partituren aufmerksam betrach-\ntet, wird darin naheverwandte Züge erblicken, aber auch\nwesentliche Verschiedenheilen in Stil und Gedanken; räth-\nselhaft bleibt Manches, wie der ganze Schumann ein Räth-\nsel ist; Fragen erheben sich, die das Rälhsel lösen möch-\nten, im vorliegenden Falle vorzüglich die, wie weit beide\nDramen musicalischer Gestaltung fähig sind, und wie weit\nes Schumann gelungen, sie musicalisch zu gestalten oder\nzu vertiefen.\nDer ersten Frage antworten wir: die musicalische\nDarstellung ist bei beiden nicht in dem Maasse ursprüng-\nlich gefordert, wie das z. ß. der Fall scheint bei Don\nJuan, Zauberflöte, Yestalin, Freischütz, Preciosa, Tann-\nhäuser, Lohengrin; denn wenn auch kein logisches Gesetz\nzwingt, diese sieben nur musicalisch zu denken, so würde\ndoch den vorhandenen Texten bei bühnenhafter Vorfüh-\nrung ohne das sinngeistige Element von Ton und Bild\netwas zu fehlen scheinen. Und wenn auch von einem\nvölligen Decken beider Seiten, der logischen und musi-\ncaiischen, niemals die Rede sein kann—die Voraussetzung\ndes Völlig-Deckens ist einer der Haupt-Irrthümer der\nWagner'schen Richtung —, so gibt es doch Näherungen,\nWahlverwandtschaften der Stoffe, die sich dem Gefühle\nunzweideutig kundgeben, so dass man nicht unrichtig\nspricht von plastischen, malerischen, musicalischen Gedich-\nten. Nun steht aber nichts den sinnlichen oder (nach Schel-\nling) realen Kunstformen ferner, als die gedankenhafte oder\nrein ideale Dichtung, wohin alles Dogmatische, Didakti-\nsche und Philosophische gehört. Während der König in\nThüle, die feste Burg, Rule Britannia gleich wie von selbst\naus sich heraus singen und manches liebliche Naturbild\nvon Goethe und seinen Verwandten wie von selbst ein\nGemälde hervorruft, so wird es im Gegentheil Jedermann\nunmöglich scheinen, Plato's Dialoge, Schillers Spazirgang,\nIdeal und Leben, Künstler u. a. m. in Ton und Bild zu\nfassen. Aus ähnlichen Gründen sind Fiesco und Räuber\nunsingbar, weil das Didaktisch-Rhetorische überwiegt,\nnicht weil sie äusserlich des metrischen Rhythmus entbeh-\nren; denn biblische Stoffe tragen den melodischen Gehalt\nin sich, obwohl in prosaischer Gestalt.\nNun möchte Einer sagen: Goethe's Faust bietet doch,\nwie die Bibel, wegen seines lyrischen Gehaltes und man-\ncher lyrischen Einzelheiten gar viele Gelegenheit zu bild-\nvoller Betonung. Antwort: Ja wohl, Einzelheiten; aber\ndas Ganze hat Leben und Gehalt im Gedanken, im phi-\nlosophischen Bereich, und ist innerhalb dieses so selbst-\nbegnügt, dass jeder Zutritt realer Kunst der Einheit scha-\ndet und die klare Empfängniss stört; es ist eben ideale\nKunst, reine Poesie, und darum eben so gewiss Son-\nderkunst, specifisches Kunstleben innerhalb dieses Gebie-\ntes, wie es die Beethoven'schen Sinfonieen im ihrigen sind;\ndenn wie es Töne gibt, die jenseit und über allem Worte\nstehen und Unaussprechliches singen, so gibt es auch\nWortdichtung über und ausser aller Musik. Damit soll\nnicht gesagt sein, dass eine Einleitung, Ouvertüre oder"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "378", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18621129-01.1.2", "texte": "Sinfonie vor dem Goethe'schen Gedichte zu verschmähen\nsei, oder dass die Gesänge der Engel, die Hexenküche\nu. s. w. nicht melodramatische Zwischenglieder gestatte-\nten. Soll das Melodramatische wogegen sich die ratio-\nnalistischen Illusions-Aesthetiker von je her ereiferten—,\nsoll es überhaupt gestattet und möglich bleiben, so ist hier\ndie Stelle. Wo ein lyrisches Verweilen ist, da mag\nder ganze aufgeführte Goethe'sche Faust auch solche\nGlieder aufnehmen, aber auch nur hier; dagegen die rein\ndramatischen, d. h. thatsächlich fortschrittigen Scenen,\nwie z. ß. die ganze Scene im Dom, würde bei ganzer\nDarstellung unmöglich zu singen sein; nur der kirch-\nliche Klang des Dies iraeklinge fern hindurch, ohne die\nHandlung unkenntlich zu machen.\nEs scheint, dass Schumann selbst eine vollkommen mit\nGoethe's Drama zusammengehende Aufführung nicht ge-\ndacht und gewollt hat. Da der Titel lautet: „Scenen aus\nFaust\", so sind wir auf den rein musicalischen, nicht\ndramatischen, Standpunkt hingewiesen, und da die drei\nTheile keinen (musicalisch) zwingenden Zusammenhang\nhaben, wird es erlaubt sein, sie als abgesonderte Concert-\nstücke zu behandeln, wie auch schon mehrmals geschehen;\nals einheitliche Aufführung im Cantaten-Stil werden sie\nschwerer eingehen.\nEhe wir der besonderen technischen Structur oder\nmusicalischen Factur des Faust nachgehen, betrachten wir\nvergleichsweise Byron's Manfred. Hier ist ein weit gün-\nstigeres Feld realer Kunst. Schon äusserlich fällt zu Man-\nfred's Gunsten, dass es ein Ganzes ist, nicht, wie Faust,\ngleich manchen deutschen Dramen, ein Fragment ist\noder heisst?!—innerlich aber, je weiter Manfred von phi-\nlosophischer Tiefe absteht, desto mehr wiegt vor die phan-\ntastische, herzrührende Gemüthsseite, und sowohl diese,\nals die derb reale Zeichnung der Personen leiden gar wohl\ndie opernhafte, d. h. musicalisch-dramatische Auffassung.\nDer Gedanken-Inhalt des Manfred ist auf Goethe'sche\nReminiscenzen erbaut, die thatsächliche Ausführung da-\ngegen im Persönlichen und Sachlichen specifisch englisch;\nder religiöse Gehalt weit ab von Goethe's deutscher Tiefe,\naber zuckend und blitzend, dass er desto besseren Büh-\nnen-Eflect machen kann. Treffend sagt ein katholischer\nPhilosoph: „Voltaire spottet des Christenthums, Byron\nhasst es'-; was von beiden das Schlimmere, ist nicht die-\nses Ortes zu untersuchen. Genug, aus den angeführten\nGründen erscheint der Manfred, einheitlich genommen,\nmusicalischer als der Faust, und so ist es auch Schumann\nbei jenem besser gelungen, ein einiges Kunstwerk daraus\nzu entwickeln.\nNun aber unsere specifische Kunst die wir trotz\naller klugen Korinthier bis auf den jüngsten Tag festhalten,\nso gut wie R. Wagner das thut—, unsere specifisch mu-\nsicalische Kunstschönheit in diesen beiden Spätlingen des\nSchumann'schen Genius anzusehen, das ist eine wehmü-\nthige Sache. Auf dem Höhepunkte von Schumann's That-\nkraft wagte einmal ein Berliner—nicht Kritiker von Fach\ndie Frage: Hat der Schumann wirklich Genie? Wir\nwürden so nicht fragen, obwohl wir ihn auch nicht für\nden weltbewegenden Genius erkennen, den einige eifrige\nFreunde aus ihm machen wollten. Sollen wir aber den\nKern seines Genius erkennen, so wird uns dazu helfen\nnicht sowohl die mehr chronicalische als philosophische\nBiographie von Wasilewski, auch nicht irgend ein specu-\nlatives Schema aus der neudeutschen Schule: vielmehr\nnehmen wir Bath von der Ansicht seiner Werke und mes-\nsen diese an dem Kunst-Ideale, sei es ein ewiges oder zeit-\nliches. Dem ewigen Ideal der in sich ruhenden reinen\nSchönheit hat Schumann am wenigsten nachgerungen;\nihm schwebten die Zeit-Ideale vor, die man etwa Titanis-\nmus, Dämonismus, Humanismus, Freiheit benannt hat.\nDas Titanische, was seit der Sturm- und Drang-\nPeriode in Deutschland beliebt ward, will durch Kampf\nzur Herrlichkeit eingehen, durch Leid zur Wonne; seine\nSignatur ist das Uebermenschliche, die Kraft des trotzigen\nIch, sich mit göttlichen Naturgewalten in Kampf einzulas-\nsen auf Tod und Leben. Solche Gestalten, dem deutschen\nSinne von Alters her beliebt, hat in ihrem Zeitalter Nie-\nmand wirklicher ausgeführt, als Beethoven; in ihm\nherrscht das Titanische, dass man daran glaubt, das\ntrotzig sehnsüchtige, überwunden triumphirende Geschlecht\nvor Augen zu sehen. Während und nach Beethoven trat\nneben das Titanische der Dämonismus, die dunklen\nGestalten der zwischenlebigen Welt, was nicht göttlich,\nnicht menschlich, ja, zwischen Thier und Pflanze unent-\nschieden schwebt (oder im kühneren Falle entschieden zum\nTeufel geht..., an den zwar, wie Herr Omnes in Han-\nnover will, nicht zu glauben ist, der aber eben desshalb\nder unglaublich verlogenen Poesie Relief geben muss).\nDiese Art machte reissende Fortschritte in der neuesten\nDramatik. Weber webt mit Vorliebe in der dämonischen\nWelt, doch hebt er die lieblich märchenhaften, die necki-\nschen, halbmenschlichen Gestalten hervor, während seine\neigentlichen Lieder mehr menschliche Empfindung zei-\ngen. Manches Mendelssohn'sehe geht in dieser speci-\nfisch Weber'schen Richtung. Der dunklere Dämonismus,\ndie vampyrische Art, die sich zuletzt in qualmende Sümpfe\nverliert bis zum Irrlichter-Gesang, ist vornehmlich von\nMarschner, einem Schössling Weber's, eingeführt.\nWer sich lange in der titanischen oder dämonischen\nGletscher- und Sumpfluft herumgetrieben, der fühlt wohl\nendlich ein menschliches Rühren, ein Sehnen nach rein"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "379", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18621129-01.1.3", "texte": "menschlichen Gestalten; ja, man sagt uns, dass etliche Ver-\nschworene des Hegeliter-Corps heimlich Nächtens eine\nMozart'sche Sonate aufgeschlagen, daran geschlürft, sich\nfestgesogen und ganz heimlich geflüstert haben: Das ist\ndoch Fleisch von meinem Fleisch und Bein von meinem\nBein; wohlan, lasset uns Menschen sein!\nDiese reine Humanität ist kein „Standpunkt\", der\netwa nur dem „zopftragenden, spieluhrflötenden, überwun-\ndenen\" Mozart zukäme, sondern es ist dem Menschen\nGrundwesenheit, menschlich zu sein oder nach Menschlich-\nkeit, d. h. Gott-Ebenbildlichkeit, zu ringen. Freilich ent-\nwickeln sich auch hier gewisse Standpunkte, als z. B. Re-\nvolution, Reaction, Aristokratie, Freiheit u. dgl., aber diese\nalle können wiederum hoch menschlich erscheinen in ge-\nsunden, schönen Gestalten, so wie andererseits umgekehrte\nSeelenbilder nach der dunklen Seite hin als Wuth,\nSchrecken, Raserei, Verzweiflung, Wollust, Verzückung\nu. s. w. am Menschen erscheinen können. Aber alle diese\nStandpunkte erschüttern nicht das Humanitäts-Ideal\nder freien, selbstbewussten Persönlichkeit voll klarem Wil-\nlen und klaren Leidenschaften in heiliger Liebe und heili-\ngem Zorn.\nWer dieses Ideal, an dem sich denn doch etwelche\nKünstler von Homer bis Goethe emporgerankt haben, für\nTitanen und Dämonen dahingibt, der sehe wohl zu, ob\ner nicht Freude und Leben der Kunst vertausche mit\nThierheit oder Teufelei. Die in diesen Regionen wirklich\nund alleinig ihr Leben verbringen, sind erbarmenswerthe\nSubjecte. Wer aber diesen Mächten noch nicht ganz ver-\nfallen ist, der hüte sich doch, allzu neugierig hinzuhorchen,\nwas die Propheten der „Gegenwart, Neuzeit, Zukunft\"\nihm vorhexen: je neugieriger, desto eher gefangen! Ein\npaar Beispiele zur Warnung. Ein Literator rühmt die be-\nrüchtigte Virtuosin der Declamation, die jüdische Rachel,\nin der Preussischen Zeitung, 1852, 160, mit folgendem\nFreuden-Erguss:\n„Die süsse Hölle, die schöne Satanik, die medusische\nWollust des lauernden Rachegelüstes diese Verherrli-\nchung der Rache, in deren flüssigem Schwefel das Gött-\nliche sich offenbart, darin der entzückte Recensent gleich-\nwie im Thau der Morgenrölhe sich baden möchte ...\"\nNicola Marselli in seiner „Ilagione della musica\nmoderna\"( Neapel, 1859) erzählt mit nicht geringerem\nEntzücken von Verdi's Trovatore:\n„Das Grässliehe und Abscheuliche ist vorzüglich darge-\nstellt; rasende Verliebtheit [satyriasist—?],\nFluch, Blasphemie, Blutrache, Verzweiflung, Untergang bil-\nden il concetto principale del d...\" (5.185 —188).\nUnd ein leipziger Scribent, den ich nicht nennen will,\nrühmte in ähnlicher Weise von einer neuen Clavier-So-\nnate, sie sei „im Geiste der Neuzeit geschaffen, das Dia-\nbolische höchst gelungen dargestellt . . . und so fort in\nseliger Zerrissenheit ... ein Meisterwerk!\"\nEine weitere Blüthenlese solcher Diavolini aus orien-\ntalisch-berlinischen Referaten versagen wir uns hier zu\ngeben, weil sie bekannt genug sind. Aber Warnung!\nMerkwürdig nur, dass eine ganze Horde Dichter das Hei-\nlige und das Teuflische, an das sie Beides nicht glauben,\nso gern auf die Bühne bringen. Ist die Dichtung nur da,\num Ungeglaubtes, Unwahres, Erlogenes auszusagen ? Un-\nsere deutschen Kerndichter dachten anders: sie haben die\nDichtung allzeit als Spiegel und Prophetin der Wahr-\nheit, ebenbürtig oder dienend, verstanden und ausgeübt.\nSchumann hat von den titanischen und dämonischen\nRichtungen ein gut Theil in sich aufgenommen; einfältig\nMenschliches steht ihm fern. Zwar gewahren wir ein Auf-\nstreben zum Lichte in ihm, und er gehört nicht in die\nSchar derer, die mit dem Bösen freventlich spielen, also\nauch nicht alles, was im bürgerlichen Verstände verlo-\ngen heisst, eo ipso für poetisch halten. Seinem tiefen\nGemüthe mögen viele ihm selbst unverstandene Sehmer-\nzensschreie entfahren sein, wo er nach menschlicher Schön-\nheit rang und sie nicht erreichte. Eine frühe Neigung nach\nvertrackt philosophischen Aufgaben hat ihn auch im spä-\nteren Wirken nicht verlassen, daher wohl die Vorliebe\nfür didaktische oder allegorische Märchen, welche eben\nso viel Raum geben für dämonische Scenen als für das\nVersenken in grundlose Gedankentiefen; denn der poeti-\nsche Werth von Peri und Rose ist äusserst gering, ihr\ndämonisches Schweben aber gewisser Maassen anregsam\nzu allem, was mystische Hexerei heisst in den ausserpoe-\ntischen Künsten. In seinen Jugendwerken—von den Da-\nvidsbündler-Tänzen bis zu den köstlichen Liedern der\nglücklichen Zeit—ist Schumann eigentümlich schön durch\ndie Vereinigung witzigen Tiefsinns mit zärtlicher Liebes-\nrührung. Von einem Anlehnen an altclassische Muster sind\ndort weniger Spuren, als sonst bei den Jugendwerken ge-\nwöhnlich. Seine Verehrung Seb. Bach's leuchtet hindurch;\nnachgeahmt hat er ihn wenig, auch in den späteren Fu-\ngen weit weniger Bach'sche Richtung, als Beethoven'sche.\nAus Beethoven ist manches Rhythmische und Harmonische\ngeradezu entlehnt; zuweilen tritt eine Art Rivalität, ein\nUeberbietenwollen der Beethoven'schen Ideen an den Tag,\nworaus dann ein geistsuchender Kritiker einmal die ganz\nnatürliche Consequenz leitete: Schumann sei der richtige\nErbe Beethoven's, habe seine Ideen weiter geführt, stehe\nauf seinen Schultern, d. h. über ihm, als ,Repräsen-\ntant der Neuzeit\". Diese überraschende Entdeckung über-\nlassen wir ihrem Erfinder zu weiterem Gebrauch.\n\n[*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "380", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18621129-01.1.4", "texte": "Die Jugendwerke kleinsten Umfanges sind die gelun-\ngenen, sein Ideal am meisten wirklich erfüllenden; ein\nVorzug der Miniatur-Arbeit, der unserer Zeit eigen-\ntümlich ist, obgleich sich viele Künstler—auch Schumann\n—dagegen verwahren mögen. Von Chopin und Mendels-\nsohn gilt dasselbe; ihre grossleibigen Gestalten stehen\nweil hinter köstlich lieblichen Genrebildern zurück. Schu-\nmann ist späterhin eben so sehr durch persönliche Stellung\nund beglückte Häuslichkeit, als durch Wirkung seines\nGenius der Mittelpunkt der leipziger Musikwelt nach 1838\ngeworden. Ueber Leipzig hinaus drang sein Name lang-\nsam: ein solchem Meister zu enges „Stromgebiet des Ruh-\nmes!\" mit Riehl zu reden. Bald regte sich in ihm,\nnächst der eigenen inneren Stimme, die Zeitstimmung nach\ndramatischer Kunst, auch wohl aufblühender Ehrgeiz.\nIn grösseren Instrumentalformen, wie in dramatischer Lie-\nderei fand er den erwünschten Uebergang zu den grösse-\nren Werken seiner besten Zeit.\nParadies und Peri fanden weiten Anklang, die Oper\nGenoveva wenig. Von dieser Zeil beginnt die Verdüsterung\ndes Gemüthes, welche wohl mehr Natur-Anlage als Er-\ngebniss künstlerischer Schicksale war. Die späteren Werke\nsind, abgesehen von der äusseren Fülle des Umfanges,\ndes Rhythmus und der Instrumentation, auf dem Stand-\npunkte der Peri und der Genoveva verharrt. Eine grössere\nKlarheit der Melodie und Entwicklung tieferer contra-\npunktischer Stimmführung, wonach Schumann sich lan-\nge gesehnt hatte, findet sich in den späteren Werken\nnicht; überhand aber nehmen die Absonderlichkeiten, die\ndunklen Seiten, welche demnächst die Zukunftsmeister sich\naneigneten, um Schumann den Ihrigen zu nennen, der\nfreilich viel in das futurisch-amphigurische System Hinein-\nragendes hatte, aber doch eine ganze Leibeslänge über\nder Horde stand an Gesinnung und Gaben.\nSchumann's künstlerische Richtung, sowohl angebo-\nrene als in Arbeit erworbene, hat allerdings mehr und mehr\nden Zug genommen nach der Seite der ungewöhnlichen,\neffectvollen Ueberraschungen hin, die, bald in sinnige Räth-\nsel gekleidet, bald in fieberische Traumbilder zerlös't, gar\noft den eigentlichen Inhalt verhüllen, statt, wie das Urge-\nsetz der Kunst fordert, klar zu Tage zu bringen. Diejeni-\ngen technischen Mittel, welche er zur Aussprache seiner\nIdeale verwendet, beruhen zum grossen Theile auf dem\nGegentheil des Natürlichen; aus Angst vor Triviali-\ntät muss ein Fremdes, ausser der Bahn Liegendes heran-\ngezogen werden, und nicht unrichtig hat der neuzeitliche\nSchwärmer Graf Lauren ein Schumann's Genius bezeich-\nnet als das ewige inganno*).Er meint ihn damit zu\nloben. Freilich, wem alle Kunst lediglich als Uebung des\nScharfsinnes gilt, deren Aufgabe die Dechiffrirung unbe-\nkannter Grössen sei, der lobe es. Und wäre nur die Auf-\nlösung des Räthsels jedesmal ein handgreifliches Ob-\n.ject! Wo aber die Lösung weiter nichts sagt, als: der\nAutor war so und so gestimmt oder verstimmt, da achten\nwir die Mühe des Autors wie des Hörers verloren. Das\n„In sich hinein\", was Schumann als Symbolum man-\ncher Tonsätze dachte, ja, zuweilen darüberschrieb oder\naussagte, ist das Gegentheil der genialen Kunstschöpfung,\nwelche aus sich heraus geht, um die Welt zu überwin-\nden. Uns Anderen, die wir im Kunstwerke ein unend-\nlich Höheres suchen, als Räthselrathen, erscheint die habi-\ntuel gewordene, ja, fast principielle Neigung zu den rhyth-\nmisch-harmonischen Räthseln der Synkope und Prolepsis\nnicht mehr kunsthaft, sondern krankhaft. Vielleicht, dass\nsolche Richtungen oder Neigungen zeitgemäss sind; haben\nwir doch auch bei einigen allerneuesten „Gedanken-Ma-\nlern\" Verwandtes gefunden: allerlei schwebende Arabes-\nken-Gestalten, fallend fliegend, hektisch plethorisch, an\nKopf oder Steiss oder Gliedern mangelhaft, ziehen vorüber,\nnur bei Leibe keine ganze, auf eigenen Füssen stehende,\ndie trotzig gesund spräche: Hier bin ich!— Und wer nach\ndem Sinne fragt oder die künstlerische Einheit sucht, der\nwird auf den Katalog, auf das Programm verwiesen!\n(Fortsetzung folgt.)\n\n*) Vollkommen im Costume der .... Schule ist, was neulich\nR. Pohl, der Kecensent des Liszt'sehen „Faust\", in der\nN. M. Zeitschrift, 1862, Bd. 57, S, 175 b, an geistlichem apergu\nvon sich gegeben; es wird an Gretchen's Tonbild das inganno\nmit Entzücken gelobt und noch entzückter ad marginem ge-\nwitzelt: „Ist es nicht bezeichnend, dass das ganze Zwiege-\nspräch der Liebe auf lauter Trugschlüssen beruht?\"\n\nAus Frankfurt am Main.\n\n[Aufführung von J. Haydn's „Tobias\" durch den Kührschen\nGesangverein.]\nUeber dieses seit länger als ein halbes Jahrhundert\nzurückgelegt gewesene Oratorium gehen Meinungen und\nUrtbeile in der Presse, wie auch in den Kreisen der Mu-\nsiker und Musikfreunde weit aus einander. Während es\neinerseits den besten Werken des grossen Meisters zuge-\nzählt wird, wollen die Anderen diesem Oratorium nur\neinen untergeordneten Rang in des Meisters Literatur zu-\nerkennen und bedauern keineswegs dessen Zurücklegung.\nEs sei gestattet, auch unsererseits einen Part in diesem\ndissonirenden Chorus auszuführen; vielleicht wird ihm die\nEhre zu Theil, angehört zu werden. Zunächst sollen un-\nverfängliche Zeugen, Zeitgenossen des grossen Componi-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "381", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18621129-01.1.5", "texte": "sten, einige wichtige Aussagen über das Geschichtliche des\nWerkes machen.\nDer königlich sächsische Legationsrath G. A. Grie-\nsinger, ein intimer Freund Haydn's, theilt in seinen\n„biographischen Notizen über J. Haydn\" nachstehende\nDaten über dieses Oratorium mit: „Das Oratorium II\nRitorno di Tobia (Die Bückkehr des Tobias) schrieb Haydn\nim Jahre 1774, um in die Witwen- und Waisen-Gesell-\nschaft für die Musiker in Wien aufgenommen zu werden...\nIm December 1808 wurde das Oratorium, von Herrn\nNeukomm [bekanntlich Haydn's Schüler] überarbeitet\nund nach dem heutigen Geschmack reicher instrumentirt,\nwieder in Wien zum Besten der musicalischen Witwen-\nund Waisen-Gesellschaft aufgeführt. Die darin befindlichen\nChöre sind voll Kraft und Nachdruck, und sie. erhielten\nden grössten Beifall; aber die Anlage des ganzen Orato-\nriums ist verfehlt und viel zu einförmig; von Anfang bis\nzu Ende folgt auf den wenig interessanten Dialog immer\nnur eine Arie, ohne allen Wechsel mit Duo's und Trio's*).\nDer Dichter (Johan Gaston Boccherini aus Lucca) behan-\ndelt die Rückkehr des Tobias und die geheilte Blindheit\ndes Vaters bloss historisch, und man muss bedauern, dass\nder Dichter und der Musiker ihre Mühe nicht auf einen\ngünstigeren Stoff verwendet haben.\"\nUeber die Wiederaufführung des Oratoriums am 22.\nDecember 1808 mit Neukomm's Ueberarbeitung spricht\nsich der wiener Referent im eilften Jahrgange der Allge-\nmeinen musicalischen Zeitung S. 269 nur in folgenden\nWorten aus: „Die Chöre schienen die meiste Wir-\nkung zu machen.\" Dieser Lakonismus bei einem\nOratorium von Haydn ist doch wohl ganz besonders be-\nzeichnend**).\nFast im Gegensatze zu vorstehenden kritischen An-\nmerkungen hören wir den Componisten des „Tobias\" über\ndieses sein Werk sprechen, wenn auch nur gelegentlich.\nIn einem 1836 von der Wiener Zeitschrift (Nr. 1156) zum\nersten Male veröffentlichten, ziemlich langen Briele von\nHaydn an eine Dame (dieser Brief enthält einen in ge-\ndrängter Kürze abgefassten Lebensabriss von ihm selber)\nfindet sich diese Stelle: „Unter anderen meinen Werken\nhaben folgende den meisten Beifall erhalten: die Opera\nLe Pescatrice L'incontro imwelche in Gegen-\nwart Ihrer k. k. Majestät ist aufgeführt worden L'in-\nfedeltä delusa das Oratorium Tobia, in\nWien aufgeführt. Das Stdbat ~.\"*).\nIn obigen Zeugen-Aussagen über den Erfolg der Auf-\nführung 1808, der unbezweifelt auch Griesinger beige-\nwohnt hat (seine biographischen Notizen sind 1810, mit-\nhin ein Jahr nach Haydn's Ableben, erschienen), erhalten\nwir der Anhaltspunkte zur Beurtheilung des Werkes mehr,\nals es deren bedarf. In Wahrheit darf gesagt werden, dass\nausser dem Sturm-Chor in der zweiten Abtheilung, der\nallein sich von den 21 Nummern (darunter neun Arien,\nein Duett, zwei Quartette, ein fünfstimmiger Wechselge-\nsang und zwei Chöre mit Solostimmen), aus denen das\nOratorium besteht, zu erhalten vermochte und allen Ge-\nsangvereinen mit dem abgeänderten Texte: „Des Staubes\neitle Sorgen\", bekannt ist, dann noch der Schlussfuge der\nzweiten Abtheilung, keine andere Nummer von gleicher\nErhebung den monotonen Gang wieder nur auf wenige\nMinuten unterbricht und die Geduld des bereits bis zur\nErmüdung gelangweilten Zuhörers in etwas unterstützt.\nSelbst die Chöre vermögen nicht nach den interesselosen\nund noch übermässig gedehnten Arien, an denen die In-\nstrumentirung zumeist das Beste, nach Verdienst zu wir-\nken. Mehrere der Arien bewegen sich in den alten For-\nmen: zuerst ein langer Satz in Dur, dann ein nicht kurzer\nin Moll,worauf der erstere wieder seiner ganzen Länge\nnach durchgemacht wird.\nFür den Musiker, der sich von der Berühmtheit des\nComponisten nicht blenden lässt, erscheint insbesondere\n\n*) Dem ist doch nicht ganz so, wie gezeigt werden wird.\n**) Der 22. December 1808 ist vorzugsweise ein kunstgeschicht-\nlich denkwürdiger Tag; während dieses Haydn'scbe Oratorium\nnach 34 Jahren die zweite Aufführung wieder im Hofburg-\nTheater erlebte, producirte Beethoven zu gleicher Stunde im\nTheater an der Wien zum ersten Male: die Pastoral-Sinfo-\nnie, b)die C-moW-Sinfonie, c) die Phantasie mit Chor,\nSanctusund Benedictu saus der 6'-c£u?*-Messe, e) die Arie\nperfido, und liess obendrein noch eine freie Phantasie auf dem\nPianoforte hören.\n*) Dieser Brief, der leider kein Datum trägt, dürfte wohl vor\ndem Erscheinen der „Schöpfung\" (1797) geschrieben worden\nsein, was aus nachstehender pikanten Stelle zu entnehmen, welche\nlautet: „In dem Kammerstyl habe ich ausser den Berlinern\nfast allen Nationen zu gefallen das Glück gehabt, dieses be-\nzeugen die öffentlichen Blätter und die an mich ergangenen\nZuschriften: mich wundert nur, dass die sonst so vernünftigen\nHerren Berliner in ihrer Kritik über meine Stücke kein Me-\ndium haben, da sie mich in Einer AVochenschrift bis an die\nSterne erheben, in der andern 60 Klafter tief in die Erde\nschlagen, und dieses ohne gegründeten warum: ich weiss es\nwohl, weil sie ein und andere meiner Stücke zu produciren\nnicht im Stande, solche wahrhaft einzusehen aus eigenlieb sich\nnicht die Mühe geben, und andere Ursachen mehr, welche ich\nmit der Hülf Gottes zu seiner Zeit beantworten werde. Herr\nCapellmeister von Dittersdorf schrieb mir unlängst, mit Bitte\nmich über hartes Verfahren zu rechtfertigen, ich antwortete\naber demselben, dass eine Schwalbe keinen Sommer mache,\nvielleicht wird denenselben .von unparteiischen der Mund mit\nnächsten so gestopft, als ihnen schon einmal wegen der Mo-\nnotonie ergangen. Ueber alles das aber bemühen sie sich äus-\nserst alle meine AVerke' zu bekommen, ein welches mich der\nk. k. Gesandte zu Berlin Herr Baron van Switen diesen ver-\nflossenen Winter, als derselbe in Wien wäre, versicherte: ge-\nnug hiervon.\""}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "382", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18621129-01.1.6", "texte": "der Periodenbau in nicht wenigen der Sologesänge als\ndas auffallendste im Werke. Von dieser Seite betrachtet,\nerscheint mir dasselbe wie eine Jugendarbeit (wofür es\nAndere gleichfalls halten), nicht aber entstanden in der\nPeriode Gluck. Joseph Haydn, der schon als musterhafter\nArchitekt in seinen frühesten Quartetten und Sinfonieen\nunsere Bewunderung erregt, zeigt uns in diesem Orato-\nrium ganz abweichende rhythmische Verhältnisse, und\ndoch zählte er nach Griesinger's Angabe bereits 42 Jahre,\nda er es componirt haben soll. Solcher Mangel an Symme-\ntrie, wie er sich oftmals allein schon zwischen Vorder- und\nNachsatz, vollends erst in den Mittelgliedern, bemerkbar\nmacht, kann bei einem Meister der Form unmöglich auf\nGrund des Textes gedacht werden. Wo findet sich von\ndergleichen nur eine Spur in der „Schöpfung\" und in den\n„Jahreszeiten\"? Wie störend und zugleich ermüdend ein\nin vagen Gliederungen sich bewegender musicalischer\nRedebau auf den Hörer wirkt, davon weiss die laufende\nEpoche leider genug zu erzählen.\nSoll dieses Oratorium nicht für alle Zeiten der Ver-\ngessenheit anheimfallen, so müssen grosse Veränderungen\ndamit vorgenommen werden; denn selbst auf zwei Stun-\nden Zeitdauer zusammengezogen (es dauert über drei Stun-\nden), wird des Langweiligen doch noch verbleiben.\nSchon hat Franz Lachner zum Behufe der münchener\nAufführung Kürzungen vorgenommen; allein der Erhal-\ntung des Werkes frommen dieselben noch lange nicht.\nSein Gedanke aber, von den drei Gellert'schen Liedern,\nvon Haydn für vier Singstimmen gesetzt, das erste: „Du\nbist's, dem Ruhm und Ehre gebührt\", mit Blasinstru-\nmenten zu versehen und vom ganzen Chor singen zu las-\nsen, war ein guter, wenngleich solche Begleitung eines\nGesangstückes zu den musicalischen Anomalieen gehört,\nda jene Epoche noch keinen die Saiten-Instrumente ab-\nschliessenden Gebrauch von Blas-Instrumenten machte,\nauch diese in solcher Ausbildung noch nicht hatte, um\nsie allein wirken lassen zu können. Dieser der ersten Ab-\ntheilung beigegebene Chor wirkt wahrhaft erfrischend, da\ner zur rechten Zeit eintritt: denn Fläche hinter uns, Fläche\nvor uns.\nIn einem von der Didaskalia gebrachten Vorbericht\nüber dieses wiedererstandene Oratorium findet sich über\ndie Ouvertüre folgende curiose Stelle: „Ein kurzes\nin C-moll schildert die Gefühle der Sorge und des Schmer-\nzes der Eltern um ihren Sohn; das folgende\nin C-dur dagegen erweckt mehr die erhabene freudige\nStimmung über die Rückkehr des jungen Tobias und die\nglückliche Heilung des Vaters.\" Wir wären doch begierig,\nzu erfahren, ob diese unserem mondsüchtigen Zeitalter\nEhre machende Auslegung sich in der Partitur angemerkt\nvorfindet, oder in der Phantasie jenes Verfassers ihren Ur-\nsprung hat. Aus einem im Dreiviertel-Tacte sich rasch be-\nwegenden Allegro-Satze von ganz gewöhnlicher Factur\nsogar die glückliche Heilung des alten Tobias heraus zu\ndefiniren, das hätten selbst die Matadore in der Auslege-\nkunst in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts,\nDittersdorf und Rosetti, die auch in der Programm-\nmacherei so Grosses geleistet, kaum fertig gebracht. Oder\nsollte sich Haydn von diesen beiden Zeitgenossen zu jenem\nProgramm haben verleiten lassen?\nDass bei so wesentlichen inneren Gebrechen die Auf-\nnahme des Werkes keine warme sein konnte, lässt sich\nwohl erralhen. Dennoch sind wir dem Rühl'schen Vereine\nfür dessen Wahl zu Dank verpflichtet, denn es knüpft sich\nauch ein nicht unwichtiges Stück Kunstgeschichte daran,\nzu dem man nicht kommt, ohne es gehört zu haben. Auch\nist unbestritten, dass verschiedene Stellen darin erklingen,\ndenen wir in Mozart's Werken, vornehmlich in seinen frü-\nheren Opern, wieder begegnen. Allein Mozart befand sich\n1774 nicht in Wien, und zur Zeit der zweiten Auffüh-\nrung 1808 war er schon lange nicht mehr unter den Le-\nbenden. Die Reminiscenzen-Auffinder wollen dies gefälligst\nbeachten.\nWas schliesslich die Aufführung in unserem neuen\nConcertsaale betrifft, so kann nur mit grösstem Lobe davon\ngesprochen werden, das sich auf alle Mitwirkenden gleich-\nmassig vertheilt. Von den Solo-Partieen befanden sich die\nbeiden Soprane—Sara und Raphael —in den Händen der\nFräulein Geisthardt (von der Oper) und Rothenber-\nger (aus Köln); die Alt-Partie Anna —sang Fräulein\nSchreck (aus Bonn); den Tobias Tenor—Herr Zott-\nmayr (von der Oper), und die Bass-Partie Tobit\nunser trefflicher Karl Hill, in weiten Kreisen geschätzte\nNamen, deren jeder für künstlerische Lösung der Aufgabe\nBürgschaft leistet. Ganz besondere Anerkennung verdient\naber Herr Musik-Director Friederich. Bei jedesmaligem\nErscheinen mit einem neuen Werke am Directions-Pulte\nbeweist dieser junge Mann ein Vorwärtsschreiten in Si-\ncherheit und Festigkeit. In richtiger Auffassung des Cha-\nrakteristischen in jeglicher Bewegung macht Herr Friede-\nrich eine rühmenswerthe Ausnahme von der heutzutage\nunter den Dirigenten grassirenden Abhetzungswuth. Mit\naller Gemüthsruhe kann man jedem Allegro-Satze entge-\ngensehen, sein Tempo wird immer das entsprechende sein.\nWie ganz anders war es in solcher Hinsicht unter Fried-\nrieh's Vorgänger in diesem Vereine!\n\nA. S."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "383", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18621129-01.1.7", "texte": "Das fünfzigjährige Jubelfest der musicalischen Ge-\nsellschaft und des städtischen Gesangvereins\nzu Köln.\nDie musicalische Gesellschaft und der städtische Ge-\nsangverein begingen am Cäcilientage, den 22» November, und an\ndem darauf folgenden Bonntage die Erinnerungsfeier an ihre gleich-\nzeitige Stiftung vor fünfzig Jahren durch ein Vocal- und lnstru-\nmental-Concert im grossen Saale des Casino und durch ein\nFestmahl im Gürzenich.\nDas Concert wurde mit der Ouvertüre zur Oper „Der Freischütz\"\nvon C. M. v. Weber eröffnet, worauf Herr Hof-Schauspieler Deetz\neinen Prolog von L. Bischoff, in welchem durch die Hinweisung auf\ndie Kunst-Heroen Händel, Haydn, Mozart und Beethoven die Rich-\ntung auf die classische Musik, welche die beiden Vereine in Köln\nvorzugsweise vertreten, anzudeuten versucht worden, mit sonorem\nOrgan, vortrefflicher Aussprache und künstlerischer Weihe vortrug.\nDaran schloss sich zunächst Goethe's „Meeresstille und glückliche\nFahrt\" von Beethoven» Dann folgte Mozart's liebliches Doppel-\nConcert für Violine und Bratsche mit Orchester, mit der Vollen-\ndung, an die uns ihr herrliches Spiel gewöhnt hat, von den Herren\nConcertmeistern J. Grunwald und Otto von Königslöw vor-\ngetragen.\nDen Schluss der ersten Abtheilung machte eine recht schöne,\nnamentlich durch die Chöre begeisternde Ausführung von F. Men-\ndelssohn's genialer Composition der „ersten Walpurgisnacht\" von\nGoethe. Die Soli für Männerstimmen wurden von den Herren Ernst\nKoch von hier und Gottfried Becker von Mannheim gesungen;\nin dem Vortrage des kleinen x\\lt-Solo's hörten wir mit Vergnügen\ndie klangvolle Stimme einer jungen Dilettantin.\nSo glänzend diese Aufführung war, so wurde doch die begeisterte\nStimmung, welche sie in dem buchstäblich gedrängt vollen Saale\nerregt hatte, noch mehr gehoben durch die Aufführung der prächti-\ngen C-moll-Sinfonie von Beethoven. Wie bezeichnend sprach der\ntriumphirende Schlusssatz die Bedeutung auch der Feier des Tages,\ndes Jubelfestes zweier musicalischen Vereine, den Sieg ihrer Bestre-\nbungen, die Erhebung durch Kunst über das Alltägliche in seinen\nvon strahlender Glorie umgebenen Tönen aus! — Durch die treff-\nliche Leitung sämmtlicher Aufführungen bewährte Herr Ferdinand\nBreunung, der gegenwärtige Dirigent der beiden Vereine, seine\nglänzende Befähigung zur richtigen Auffassung hoher Meisterwerke\nund zur Leitung grosser Massen.\nAm Sonntag Abend vereinigte der grosse Saal im Gürzenich,\nmit Fahnen und Symbolen der Kunst und den Büsten der grössten\nTondichter geschmückt, über fünfhundert und fünfzig Gäste an den\nTafeln des Festessens, das durch die Reden einiger Mitglieder des\nVorstandes der Vereine, die durch historische Erinnerungen und\ngeistvollen Humor die Gesellschaft belebten, durch Lieder und\nToaste heiteren Inhalts, durch köstliche dramatische Opernscenen\nim Verdi'schen Stil, ausgeführt von drei sehr begabten Mitgliedern\nder Humorrhoidaria, endlich durch munteren Tanz der Jugend bis\nnach Mitternacht den Charakter ungezwungener Fröhlichkeit trug,\nwie ihn der kölnische Geist stets zu wahren weiss.\nDie musicalische Gesellschaft war im Jahre 1812 ge-\ngründet; Jakob Almenräder, einer ihrer Stifter, blieb Dirigent\nderselben bis 1845* Ihm folgten in diesem Amte die Herren Hein-\nrich Dorn von 1845—1850, Ferdinand Hiller von 1850—1854,\nEduard Franck von 1854—1858, Ferdinand Breunung seit\n1858. Ihr Versammlungs-Local hat die Gesellschaft in den fünfzig\nJahren eilf Mal gewechselt; am längsten hielt sie ihre Sitzungen\nallwöchentlich des Samstags im Hause der gegenwärtigen Abend-\nGesellschaft „Erholung\" an St. Marien Nr. 6, wo sie von 1841 bis\n1859 blieb» Seit 1859 hat sie das schöne Local in der Glocken-\nGasse gemeinschaftlich mit dem Conservatorium der Musik in Be-\nnutzung.\nDie Zahl der Mitglieder betrug 1812 nur 20, 1813 bereits 50,\nnach fünfundzwanzig Jahren (1837) 170 und gegenwärtig 280.\nDer erste Leiter des städtischen Gesangvereins war der\num die musicalischen Zustände Kölns hochverdiente Verkenius\n1812—1820. Ihm folgten Jakob Almenräder 1820, Dom-Capell-\nmeister Leibi 1827, Conradin Kreutzer 1840, Kufferath I.\n1843, H. Dorn 1844, F. Hiller 1850, E. Franck und K. Rei-\nnecke 1852, F. Hiller 1853, K. Reinthaler 1854, F. Breu-\nnung 1858.\nDie Zahl der Mitglieder betrug 1820 30, 1847 80, 1862 160.\nSein Versammlungs-Local hatte der Verein zeitweise im Miuoriten-\nkloster und auf dem Rathhause; seit 1841 gemeinschaftlich mit der\nmusicalischen Gesellschaft an St. Marien und in der Glockengasse.\n\nDrittes Gesellschafts-Concert in Köln im Gürzenich,\nunter Leitung des städtischen Capellmeisters Herrn\nFerdinand Hiller.\nDinstag, den 25. November 1862.\nProgramm. Erster Theil. 1. Ouvertüre Nr. I. zu Leonore von\nBeethoven. 2. Neuntes Concert für die Violine von Rudolph\nKreutzer, vorgetragen von Herrn Job. Laute rbach, k. sächsi-\nschem Hof-Concertmeister. 3. Arie aus Donna Caritea von Merca-\ndante, gesungen von Frau Hempel-Kristinus, grossherzoglich\nhessischen Hof-Opernsängerin. 4. Violin-Concert von J. S. Bach\n(Herr Lauterbach). 5. Scene aus Orpheus mit Chor (der Furien) von\nGluck (Orpheus Frau Hempel).\nZweiter Theil. Sinfonie in C-dur von Franz Schubert.\nUeber Herrn Laute rbach's gediegenes Violinspiel stimmen wir\ngern dem Lobe bei, welches diesem trefflichen Künstler in der vo-\nrigen Nummer 47 dieser Zeitung von Frankfurt am Main aus durch\nunseren hochgeschätzten Mitarbeiter, Herrn A. Schindler, gespendet\nworden ist, wenn wir auch die Aeusserung, dass er „im Adagio das\nHöchste erreicht, was man im Laufe der Jahre in den Mnseums-\nConcerten nur ein oder zwei Mal zu hören bekam\", nicht auf uns\nanwenden können, da wir hier an das Beste der Art gewöhnt und\nmithin sogar etwas verwöhnt sind. Auch die Parenthese in dem\nfrankfurter Berichte, die gegen „die Mode, Musikstücke aus den\nAntiquarien hervorzusuchen\", gerichtet ist, passte zu unserem Be-\ndauern, wie das obige Programm zeigt, nicht zu Herrn Lauterbach's\nAuftreten bei uns. Wenn nun auch Herr Lauterbach das Concert\nvon Bach vortrefflich spielte und besonders das originelle Adagio\nsehr schön vortrug, so müssen wir doch auch unsere Meinung eben-\nfalls dahin aussprechen, dass Baeli's Violinsachen nicht in den Con-\ncertsaal des neunzehnten Jahrhunderts gehören, nicht bloss dess-\nhalb, weil die Allegrosätze derselben in Form und Geist nicht mehr\ndem Geschmack des heutigen Publicums entsprechen (und nicht\netwa des Salon-Publicums, denn dieses quält sich ja gerade seit\neinigen Jahren in Paris und anderen grossen Städten ab, Bach's\nInstrumentalsachen wunderschön zu finden und nicht dabei zu gäh-\nnen, was trotzdem nicht allen hohen Dilettantinnen gelingt!), son-\ndern weil jene Allegrosätze dem Charakter und der Bestimmung\nder Violine, welche sie in der Periode der Entwicklung der Instru-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "384", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18621129-01.1.8", "texte": "Mentalmusik seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts erhalten hat,\nnicht angemessen sind. Sollen denn Haydn, Mozart, Beethoven,\nRode, Spohr u. s. w. umsonst für die Königin gelebt haben ? Herr\nLauterbach erwarb übrigens auch hier, wie überall, durch sein echt\nkünstlerisches Spiel den lebhaftesten Beifall und Hervorruf, nament-\nlich nach dem Vortrage des Kreutzer'schen Concertes, in welchem\nalle Vorzüge seines grossen Talentes glänzten.\nIn Frau Hempel-Kristinus, welche früher beim grossherzog-\nlich hessischen Hoftheater in Darmstadt angestellt war, lernten wir\neine schätzenswerthe Sängerin kennen, die im Besitz einer umfang-\nreichen Altstimme ist, deren Tiefe und Höhe einen schönen, vollen,\nweder dort gequetschten, noch hier schneidenden Klang hat, wäh-\nrend allerdings die mittlere Ton-Region weniger wohllautend ist und\nder Egalisirung mit den beiden anderen Regionen bedarf. Die Aus-\nsprache ist besonders auf dem e und i besser in Uebereinstimmung\nmit dem jedesmaligen Tonklange zu bringen, und der Vortrag könnte\nzuweilen etwas innerlich bewegter sein. *\nDer prächtigen, aus überreicher Phantasie hervorgeströmten Sin-\nfonie von Schubert wurde eine recht glänzende und schwungvolle\nAusführung zu Theil.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nBarmen« Es ist in der That erfreulich, wie unsere Musik-\nzustände im Steigen begriffen sind. Einen sichtbaren Beweis davon\ngab die ausserordentlich eifrige Theilnahme des 160—170 Stimmen\nstarken Sängerchors an der Einübung von R. Schumann's „Para-\ndies und Peri\", welche Herr Musik-Director Krause mit so viel\nTalent und Liebe zur Sache leitete, dass eine gelungene Aufführung\ndieses grossen Werkes in dem zweiten Concerte am 22* No-\nvember nicht fehlen konnte und der allgemeine Beifall ihm und\ndem Vereine ein wohlverdienter Lohn wurde. In den Chören war\nauch das Orchester gut, die Soli und Quartette wurden freilich nicht\nmit der nothwendigen Discretion und Nuancirung begleitet. Fräulein\nRothenberger aus Köln war gut bei Stimme, dürfte jedoch vor\nForciren derselben zu warnen sein. Die andere Sopran-Partie sang\nFräulein Mann, die Alt-Partie Fräulein Assmann, den Tenor\nführte Herr Otto vom königlichen Dom-Chor aus Berlin sehr gut\naus, die Bass-Partie Herr S. Steinhaus aus Elberfeld anerken-\nnungswerth. Das Ganze war eine erhebende Aufführung.\nEin paar Wochen vorher, am 7. November, hatten wir die Freude,\nin einem zum Besten des Orgelbau-Fonds im grossen Saale der Con-\ncordia veranstalteten Concerte Herrn Capellmeister F. Lux aus\nMainz bei uns zu sehen, welcher uns nicht nur durch sein meister-\nhaftes Orgelspiel erbaute und entzückte, sondern auch von Neuem\nzeigte, welch eine Mannigfaltigkeit und reiche Abwechselung musi-\ncalischen Genusses die Orgel im Concertsaale bieten kann, wenn\nsie geschickt benutzt und in Musikstücken von verschiedenem Cha-\nrakter, zu deren Arrangement Herr Lux ein entschiedenes Talent\nbesitzt, vorgeführt wird. Nach einer Fuge in A-moll von J. S. Bach,\nwelche den Meister im gebundenen Spiel bewährte, hörten wir Beet-\n„Die Ehre Gottes\" für Männerchor und Orgel, dann Varia-\ntionen von Ad. Hesse, ein wahres Concertstück, ferner die Arie „O\ndu, die Wonne verkündet\" von Händel, mit wohllautender, jugend-\nlich klangvoller Stimme von Fräulein Assmann gesungen, und\nSchubert's Ave Maria, für Violoncell, Pianoforte und Orgel arran-\ngirt, eine eigenthümliche, aber höchst wirksame Zusammenstellung.\nDer zweite Theil des Concertes brachte Händel's Ouvertüre zu Esther,\narrangirt von C. F. Becker, zwei Gesänge der Liedertafel mit Orgel\n(Sanctus aus Cherubim's Requiem für Männerstimmen und Mozart's\n„O Isis!\"), das Gebet der Agathe aus dem Freischütz für Orgel von\nLux, die Arie nJSe in miei sospiri\" von Stradella (Fräulein Ass-\nmann) und zum Schlüsse Händel's Halleluja für Orgel, 2 Trompe-\nten, 2 Hörner und 3 Posaunen, arrangirt von Lux, welches eine\nmächtige Wirkung machte. Das schöne Instrument zeigte in diesem\nConcerte durch die geschickte Registrirung und ungewöhnliche Com-\nbinationen einzelner zarter Stimmen ganz neuen Reiz, der nicht\nbloss für den Musik-, sondern auch für den Baumeister ehrenvoll\nwar.\nFrau kfurt am Main. Mittlerweile hat auch die Süd-\ndeutsche Zeitung die Musikberichte wieder begonnen. Somit ist der\nsechsstimrnige Chorus, der im vorigen Winter die Concerte in hiesi-\ngen Blättern kritisch besungen hat, wieder vollständig. Möge der\ndarin zu Gehör gebrachte Contrapunkt besonders den Virtuosen und\nDirigenten gefallen! Möge ferner der kritische Dissens diese Herren\nund Damen nicht noch mehr in der Gleichgültigkeit gegen alle\nKunstkritik bestärken, als dies, zumeist aus diesem Grunde, schon\nder Fall ist! S.\nWien. Das neue Operntheater an der Ringstrasse wird nach\ndem Communal-Kalender bei gedrängt vollem Hause 3000 Personen\nfassen, 430 Sperrsitze, 250 Sitzplätze und 200 Stehplätze im Par-\nterre, dann 98 Logen enthalten, und zwar 32 im Parterrre, 30 im\nersten, 30 im zweiten und 6 im dritten Range. Letzterer zählt aus-\nserdem 170 Sperrsitze und 280 Sitzplätze. Im vierten Range finden\nsich 90 Sperrsitze und 400 Sitzplätze. Die kaiserliche Loge wird\nsich rechts, die erzherzogliche Loge links von der Bühne, die Fest-\nHofloge rückwärts in der Mitte befinden. Für den Bau u. s. w. sind\n4 Millionen Gulden bewilligt. Es wird 1865 fertig sein."}]}