{"numero_id": "bm-bmtnabi-1863-01-03-01", "volume": "bmtnabi_1863-01-03_01", "ocr_sha256": "9dec08af7da0fd4bee175d240582e2924e8f3834361b01ec427dfffcb65aed80", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1863/01/03_01/bmtnabi_1863-01-03_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630103-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1863-01-03-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1863-01-03_01#c001", "volume": "bmtnabi_1863-01-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "1", "page_fin": "1", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630103-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "1", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630103-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 446, "texte": "Inhalt.\nDie allgemeine Biographie der Tonkünstler von Fetis. Karl Franz Gounod (Biographie). Prolog zum Concerte am\n- \\ / W\nCäcilien-Tage, den 22. November ]862, in Köln. Tages- und Unterhaltungsblatt (Köln, Zweite Soiree für Kammermusik\nBerlin, Orchester-Stimmung, Pianoforte-Niederlage, Theodor Kullack f - Darmstadt, „Die Königin von Saba\" Oldenburg, „Gideon\",\nOratorium von L. 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Fetis.\nWenn die bedeutende Vermehrung des Werkes, die bes-\nsernde Hand, welche an alle Artikel gelegt ist, und die\nvollständige Umschmelzung sehr vieler Biographieen mit\njedem neuen Bande die Bewunderung des enormen Fleis-\nses und unendlich vielseitigen Wissens des Verfassers ver-\nmehren, so erregt die beispiellose Arbeitskraft, welche die\nrasche Aufeinanderfolge der Bände möglich macht, um\nso mehr Erstaunen, wenn man die umfassende anderwei-\ntige schriftstellerische, musicalische und amtliche Thätig-\nkeit des unermüdlichen Mannes bedenkt und erfährt, dass\nihm allein die Correctur der Biographie täglich acht\nStunden wegnimmt! Freilich hat ihm der Himmel eine\nvortreffliche Gesundheit verliehen und eine in so hohem\nAlter höchst seltene Geistesfrische. Beklagt doch der rast-\nlos thätige Achtundsiebenziger (am 25. März d. J. wird\ner 79 Jahre alt) nur die Unzuverlässigkeit seines Gedächt-\nnisses, das ihm sonst so treu war; aber er thut das auf\nso gemüthliche Weise, dass man wohl sieht, dass dies die\neinzige Altersschwäche ist, die sich bis jetzt bei ihm ein-\ngefunden hat. „Die Kritik meines biographischen Wer-\nkes\"—sagt er—„heftet sich manchmal an Kleinigkeiten,\nauf welche ich, offen gestanden, keinen grossen Werth\nlege. Niemand kann mehr als ich von dem Wunsche be-\nseelt sein, in allem Thatsächlichen so wahr und genau wie\nmöglich zu sein, denn das ist die Pflicht eines Historikers;\nallein wenn ich mich in irgend einem Datum irre, wenn\nich Andreas, statt Michel, oder Michel, statt Andreas setze,\nwenn mein Gedächtniss, das mich sonst selten im Stich\nliess, mich jetzt bei einigen weniger wichtigen Umständen\ntäuscht oder verlässt, so gestehe ich unumwunden, dass\nich nicht geneigt bin, darüber in Verzweiflung zu gera-\ntlien.\" —Und wer hätte wohl mehr Recht, so zu sprechen,\nals der Mann, von dessen Pflichtgefühl und Gewissenhaf-\ntigkeit in Selbstforschung und Selbsteinsicht so zahlreiche\nBeweise vorliegen! Oder will man es ihm zum Vorwurf\nmachen, dass er alles, was er von Musik und Werken\nüber Musik selbst gelesen, gehört und studirt hat, auch\njselbstständig beurtheilt ? Unterscheidet dies nicht gerade"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "2", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630103-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5484, "texte": "t j a f; p »\ndie geistvolle Arbeit von der geistlosen Compilation? Ist\nnicht die Selbstständigkeit des Urtheils Folge und Beweis\neines wirklichen Quellen-Studiums?\nMan sagt häufig, ein so umfassendes Werk wie ein\nLexikon der Tonkünstler erfordere die Betheiligung Meh-\nrerer. Das ist eine Ansicht, die man von den Encyklopä-\ndieen und Conversations- und Zeitungs-Dictionairen her-\nnimmt, die als Magazin des verschiedenartigsten mensch-\nlichen Wissens auch eben so verschiedene Arbeiter erfor-\ndern, um sie mit den heterogensten Stoffen zu füllen. Allein\nbei einem Werke über eine bestimmte Kunst und deren\nGeschichte dürfte die Theilung der Arbeit die Einheit und\nden Charakter des Ganzen zerstören, sobald es darin auf\nmehr ankommt, als auf blosse Nomenclatur und nackte\nThatsachen.\nAber, wirft man ein, von Einem kann man auch nur\nein einseitiges Urlheil erwarten, und das ist ein Un-\nglück für die Leser und besonders für die Kunstschüler.\nMan betrachte jedoch nur die Sache sogleich vom prakti-\nschen Gesichtspunkte aus und frage sich, ob über die mu-\nsicalischen Schöpfungen von drei Jahrhunderten das be-\ngründete Urtheil eines einzelnen Mannes nicht willkom-\nmener sein muss und am Ende selbst durch seine Mängel\noder Irrthümer belehrender, als die verschiedenartigsten\nAnsichten, Meinungen, Theorieen und Systeme Vieler, die\nnur theils individuel, meist aber abhängig von Schule oder\ngar von Mode und Coterie sind? Durch ein solches Ar-\nbeiten Vieler an einem kunstgeschichtlichen Werke würde\nnicht ein Zusammen, sondern ein Durcheinander entstehen,\nein buntes Stückwerk von Gegensätzen, eine Sammlung\nvon dem Ungleichartigsten—wie wir es in Deutschland in\nSchilling's Lexikon der Tonkunst ja schon vor Augen ha-\nben, welches einzelne vortreffliche Aufsätze unter einer\nMenge von trivialen und urtheilslosen Schreibereien ent-\nhält. Wir können also nur in Bezug auf die Herbeischaf-\nfung des so zu sagen rohen Materials ein Zusammenarbei-\nten oder richtiger ein Zusammentragen billigen und wün-\nschen, und dazu kann und müsste eigentlich Jeder, dem\nGelegenheit und Geschick dazu gegeben, mitwirken. Aber\ndie geistige charakteristische Einheit des Ganzen kann\nnicht eine blosse Redaclion, sondern nur die wirkliche\nAusarbeitung eines Einzigen herstellen.\nFetis läugnet bekanntlich den Fortschritt der Kunst,\nso wie ihn die neuere Schule versteht. Es fällt ihm natür-\nlich nicht ein, die fortschreitende Entwicklung der Kunst\nz. B. vom Volksliede bis zu Franz Schubert, vom Lulher'-\nschen Choral bis zur Passion und dem Oratorium, von\nCarissimi bis Mozart, von Scarlatti und Ph. E. Bach bis\nBeethoven zu läugnen. Aber den Fortschritt der Kunst von\nGeneration zu Generation des Menschengeschlechtes, den\nFortschritt ins Unendliche, den der Kreislauf der Jahre\neo ipso mit sich bringe und durch den die Kunst in ihren\nErzeugnissen stets auf gleicher Höhe mit den Resultaten\nder Wissenschaft u. s. w. bliebe, diesen Fortschritt läug-\nnet er mit Recht. Denn dieser setzt die immer grössere\nVollkommenheit der Kunstwerke voraus, was wiederum\nnichts Anderes heisst, als die immer grössere Begabung\nder gegenwärtigen und zukünftigen Schöpfer derselben im\nVergleich zu den früheren, mithin die Erscheinung stets\ngrösserer Genies auf dem Gebiete der Kunst, als diejeni-\ngen waren, die man bisher bewunderte. Dass man mit\ndiesem Glauben zum Absurden gelangt, zeigt die Erfah-\nrung, die unerbittliche und unbestechliche Gegnerin aller\nHirngespinnste, nicht nur in der Musik, sondern in allen\nschönen Künsten. Es kann also nur verderblich wirken,\nwenn in der Geschichte der Kunst durch ähnliche Glau-\nbensbekenntnisse und darauf gebaute Orakelsprüche eine\nallgemeine Verwirrung der Begriffe und Urtheile über die\nTonkunst herbeigeführt wird, indem nicht Jeder, nament-\nlich nicht das jüngere Geschlecht, gleich im Stande ist, die\nConsequenzen aus jener merkwürdigen Fortschritts-Logik\nzu ziehen. Freilich hat es für die Sache selbst keine grosse\nGefahr, wenn ein Musik-Historiker z. B. Wagner und\nLiszt auf die Spitze der Fortschritts-Pyramide stellt, ohne\nzu bemerken, dass die Verjüngung beim Kegel äqual\nVerdünnung und Schmälerung ist und also die da oben\ngegen die breiten Schultern der Riesen, welche die Grund-\nlage bilden und sie tragen, wie Pygmäen erscheinen; es\nist auch nicht wahrscheinlich, dass, weil derselbe Histori-\nker sie „Gründer der neuen Aera\" und „Bahnbrecher\"\nnennt, die Welt sie desshalb als solche betrachte und ver-\nehre, womit ihre Begabung übrigens gar nicht geläug-\nnet werden soll. Aber dennoch heissen wir immer ein\nhistorisches Werk über Kunst, dessen Verfasser, wie Fe-\nlis, seine theoretischen und ästhetischen Grundsätze aus\nden Meisterwerken der classischen Periode und den Prin-\neipien einer gesunden Kunst-Philosophie abstrahirt hat,\ngar sehr willkommen. Nur auf diesem Wege—wenn auch\nFetis selbst auf demselben sich zu einigen, jedoch sehr ein-\nzeln stehenden Ungerechtigkeiten z. B. gegen die letzten\nWerke Beethoven's verleiten lässt kann man gewissen\nTendenzen der grossen Menge entgegen treten, die eine\nZeit lang, wie das schon oft da gewesen ist, das Gewöhn-\nliche, welches in mehr oder weniger auffallende Formen\ngekleidet ist, für das wirklich Schöne nimmt, weil die\nMode oder der Zeitgeist ihm einen momentanen Werth\nverleihen. Dass diesem Einflüsse auch talentvolle, ja, zuwei-\nlen selbst hochbegabte Tonkünstler nicht immer wider-\nstehen, dass sie ihre Meisterschaft im Formellen, im Hand-\nwerk, die bei Manchem von den Koryphäen der neuen"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "3", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630103-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5203, "texte": "Richtung fehlt, und eben so ihre Herrschaft über alle Hülfs-\nmittel der Harmonie und Instrumentirung missbrauchen,\num einem Ideal des Schönen nachzustreben, welches sie\nim guten Glauben für ein wirkliches halten das lässt\nsich nicht läugnen, und Fetis macht darüber sehr richtige\nBemerkungen, die mutatis eben so gut für\nDeutschland als für Frankreich gelten können.\n„Die Entwicklung des musicalischen Gedankens in\neinem Werke\", sagt er unter Anderem, „ist, wenn sie in\ngewissen Gränzen bleibt, ohne Zweifel eine Bedingung\ndes musicalisch Schönen: allein wenn man sie über die\nGebühr ausdehnt und dem natürlichen Flusse immer neue\nHindernisse entgegenthürmt, Incidenz auf Incidenz, Vor-\nhalt auf Vorhalt häuft, so verliert man über den Abschwei-\nfungen den Kern des ersten Gedankens, und der Verstand\nermüdet, während der Phantasie nichts geboten wird, um\ndie Spannung der Theilnahme in Kraft zu halten. Die\nGewalt des Grossartigen bei Händel, Gluck, Beethoven ist\nwunderbar und herrlich: aber die Uebertreibung dessel-\nben ins Maasslose, zumal durch äussere Klangmittel, bei\nneueren Productionen ist nicht Fortschritt, sondern Ver-\nfall. Die Modulation, auch die,überraschende und frap-\npante, ist ein ofienbarer Reichthum des neueren Ton-\nSystems, und Mozart, dieser vollkommene Musiker, den\nman immer und immer anführen muss, wenn man Bei-\nspiele des Schönen geben will, verdankt ihr wunderbare\nWirkungen: aber bis zum Uebermaass verbraucht, jeden\nAugenblick angewendet, um die Armuth der melodischen\nGedanken zu verhüllen, wird sie monoton und ist eben-\nfalls ein Zeichen des Sinkens der Kunst und des Mangels\nan Genie. Die Klangfarben der Instrumente unseres jetzi-\ngen Orchesters sind eine wahre Eroberung der neueren\nMusik, sie beweisen den Fortschritt im Material und in\nden Mitteln. Gewiss ist nichts bezaubernder, als die Aus-\nführung eines schönen Gedankens durch geschmackvolle\nInstrumentirung, durch charakteristische Nuancen und\nVarietäten der eigentümlichen Klangarten: aber die An-\nwendungaller Instrumente zusammen von vorn herein, die\nalsdann nur durch Lärm und krachendes Geschmetter\nmögliche Steigerung, die Ueberladung der einfachsten Mo-\ntive mit materiellen Tonmassen, von der Erdrückung des\nGesanges durch das Orchester zu schweigen, das ist Be-\ntäubung, nicht Wohllaut, das ist Verfall, nicht Fort-\nschritt.\"\nVergessen nicht viele der talentvollsten und strebsam-\nsten Musiker heutzutage, dass das Einfache auch schön,\nvielleicht das Schönste ist? Fallen sie nicht aus Furcht vor\ndem Gewöhnlichen, vor dem Dagewesenen ins Barokke,\nWunderliche, Ungeheuerliche? Sieht man ihren Arbeiten\nnicht an, dass sie wahrhaft hange sind vor rhythmischen\nCadenzen, vor Schlüssen und Ruhepunkten, die ihnen zu\nnatürlich und eben desswegen nicht neu genug sind?\nKaum hat sie ein glücklicher Moment der Erfindung und\nPhantasie auf einen ebenen Weg durch duftende Blumen\nund blühende Sträucher geführt, so werfen sie plötzlich\nDissonanzen, Vorhalte oder Synkopen als Steine und Blöcke\nauf den glatten Pfad, damit der Wanderer darüber stol-\npere und in seinem geistigen Schwärmen für das Schöne\nzur rechten Zeil daran erinnert werde, dass er aus Haut\nund Knochen, Muskeln und Nerven zusammengesetzt ist.\nWir haben schon viele Jahre lang über die falsche\nLehre vom Fortschritt geklagt und werden in diesem Jahre\n1863 auch noch oft darauf zurückkommen müssen; den-\nnoch geben wir die Hoffnung nicht auf, dass Alles seine\nZeit habe, und dass nach dem Heisshunger die Ueber-\nsättigung, nach dem Taumel die Ernüchterung kommen\nwerde, dass die Tonkunst durch die Kraft ihrer ureigenen\nSchönheit die irdischen Fesseln abstreifen und als himm-\nlische sich aus dem Dunst neu verklärt erheben werde.\nZwar sind unsere Zustände, der Materialismus der Zeit,\ndie Verllachung der Charaktere, die Zerstreuungssucht\neinem solchen Aufschwünge der Kunst, des Gemüthes und\nder edleren Gefühle nicht günstig: die Menschen haben\nzu viel mit allem Anderen zu thun, als dass die Freude\ndes Herzens an Poesie und Musik noch bei ihnen aufkom-\nmen könnte. Aber wenn nur die Künstler wieder in das\nHeiligthum des inneren Menschen zurückkehren, aus' der\nSeele zur Seele sprechen, nicht mit raffinirter Speculation\nnur die Nerven reizen, packen, erschüttern wollen, dann\nkönnen wir getrost mit dem Dichter sagen:\nDu kannst zwar heut\nUnd manche Zeit\nDem Feinde viel erlauben.\nDie Flamme reinigt sich vom Rauch 1\nSo reinig' unsern Glauben —\nunsern Glauben an die Kunst und ihre unsterbliche\nSchönheit.\nDoch kehren wir zu Fetis' biographischem und biblio-\ngraphischem Werke zurück: die obige Herzensergiessung\nmöge die Neujahrs-Nummer entschuldigen. Uebrigens\nwollen wir derjenigen wegen,, welche nur mit Parteisucht\nlesen und stets bereit sind, durch Generalisirung oder auch\nSinnverdrehung auf den Unverstand der Menge und die\nLeidenschaft der Sectirer zu speculiren, indem sie mit ba-\nnalen Schlagwörtern der Coterie, als da sind: Reaction,\nZopf u. dgl., statt logischer Gründe gegen uns zu Felde\nziehen — dieser Leute wegen wollen wir bemerken, dass,\nwas sich bei Vernünftigen von selbst versteht, nur der\nFortschritt der Kunst in ihren Erzeugnissen, der Fortschritt\nder genialen Schöpfung geläugnet wird, während Niemand\n\n[*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "4", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630103-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5315, "texte": "den Fortschritt der Wissenschaft der Kunst in ihrem\nganzen Umfange von Theorie, Methode, Geschichte u. s. w.,\nso wie der Vervollkommnung der Mittel zum Ausdruck\nund der artistischen Technik verkennen will.\nEs liegen uns jetzt vier Bände des Werkes von Fe-\ntis vor. Sie umfassen die Buchstaben bis der\nfünfte Band wird den Best von K und den Buchslaben L\nenthalten. Bedenkt man den Umfang des bereits gelieferten\nManuscripts und die Arbeit, welche die Herstellung durch\nden Druck verlangt, so muss man anerkennen, dass das\nWerk durch die Thätigkeit des Verfassers und des Verle-\ngers Firma Diclot Freres filsin Paris weit\nschneller vorschreitet, als dies je bei ähnlichen Unterneh-\nmungen der Fall gewesen. Denn der I. Band enthält 2\nBogen Vorrede und 30 Bogen Text: Aaron Bohrer;\nder 11. Band 30V4 Bogen: Bo— der 111.\nBand 30 Bogen: Desargus der IV. Band\n303/4 Bogen: Gibbons— KazynslciZusammen 1970 Sei-\nten in Gross-Octav, jede Seite in zwei Spalten scharfen,\nnicht zu kleinen und weit durchschossenen Druckes auf star-\nkem, glänzend weissem Papier man kann sagen: eine\nPracht-Ausgabe. Die deutschen Tonkünstler-Lexica sind\n—mit Ausnahme des alten Gerber—wahre Satiren auf\nden gerühmten deutschen Fleiss im Vergleich zu dem\nbiographischen und bibliographischen Inhalt des Werkes\nvon Fetis; denn der letztere, die Verzeichnisse der Werke\nder Componisten, ist ein besonders wichtiger und nützli-\ncher Theil des Buches. Während der belgische Biograph\nder Familie Bach 24 Seilen (48 Spalten) widmet, thut\nsie das „Universal-Lexikon der Tonkunst\" von Ed. Berns-\ndorf auf sechs Seiten ab! Felis führt 29 Musiker des\nNamens Bach auf, der deutsche Lexikograph kennt nur\nneun von seinen Landsleuten desselben Namens. Bei je-\nnem nimmt Johann Sebastian über 26 Spalten ein, bei\ndiesem 2 Seiten und 6 Zeilen. Das Verzeichniss seiner\ngedruckten Werke füllt dorlin sechs Bubriken 12 Spal-\nten nebst 4 Spalten über dessen Manuscripte; dagegen\nmacht Ed. Bernsdorf die ganze Sache mit folgenden, den\nGeist des ganzen Buches charakterisirenden Zeilen ab:\n„Seine Werke, deren er auch viele selbst in Kupfer ätzte (!),\nsind zahllos; Vieles davon ist noch ungedruckt, und es ist\nhier zu erwähnen, dass sich in Leipzig seit einigen Jahren\neine Bach-Gesellschaft gebildet hat, die seine Werke in\nmöglichster Vollständigkeit und Correctheit herauszugeben\nbeabsichtigt und auch schon fünf starke Bände in splen-\ndidester Ausstattung in die Welt geschickt hat.\"\ntout! Was soll nun eigentlich solch ein Buch in der\nWelt? Kann der Erfolg ein anderer sein, als das ober-\nflächlichste Geschwätz über Musik und Musiker zu begün-\nstigen und noch weiter verbreiten zu helfen, als es leider 1\nschon verbreitet ist? Der ganze Buchstabe B füllt bei\nFelis 435 Seiten, in dem neuesten deutschen Musik-Lexi-\nkon 166 Seiten. Freilich enthält dieses letztere auch noch\neine Menge nichtbiographischer Artikel und Artikelchen,\nes soll eine Art von musicalischer Encyklopädie bilden;\nallein der Vorrede von Schladenbach gemäss sollte das\nWerk „theoretisch und praktisch, ästhetisch und histo-\nrisch das ganze Gebiet der Tonkunst umfassen\" und „na-\nmentlich in seinem historischen Theile nach einer relativen\nVollständigkeit mit Vermeidung lexicalischer Trockenheit\nstreben\". Dieser Vorsatz ist aber selbst da, wo es gar\nnicht an guten Quellen fehlte, zu keinerlei Befriedigung\nausgeführt. Gäbe nun noch ein so flüchtig und mangel-\nhaft gefertigtes Buch die besonderen Quellen an, aus denen\nder Leser je nach Bedürfniss und Neigung sich weiter be-\nlehren könnte, so wäre das doch wenigstens etwas: aber\nauch dies geschieht nirgend, während Felis diesem Nach-\nweise ganz besondere Bücksicht widmet.\nAls Probe der Behandlung der Biographieen von Zeit-\ngenossen und der Beurtheilung ihrer Werke lassen wir\nden Artikel über Gounod folgen, der ja jetzt auch bei uns\nein allgemeineres Interesse durch seinen „Faust\" erregt\nhat.\nKarl Franz Gounod.\nDieser Componist ist in Paris am 17. Juni 1818 ge-\nboren, hat von Halevy auf dem Conservatorium in den\nJahren 1836 lB3B Unterricht im Contrapunkt erhalten\nund praktische Compositions-Studien unter Lesueur und\nPaer gemacht. Im Jahre 1837 erhielt er bei der Preis-\nbewerbung im Institut einen zweiten und 1839 für die\nComposition der Canlate „Fernand\" den ersten Preis. Da\nihm dieser ein Stipendium vom Staate einbrachte, so ging\ner nach Bom und widmete sich dort vorzugsweise dem\nStudium der Kirchenmusik. Im Jahre 1843 war er in\nWien und liess dort eine vierstimmige Messe a capella im\nStile von Palestrina in der Karlskirche aufführen.\nNach Paris zurückgekehrt, erhielt er die Dijreclion der\ngeistlichen Musik in der Kirche der Missions etrangeres,\nund es hatte den Anschein, als wollte er in den geistlichen\nStand treten, da er schon dessen Kleid trug. Bis 1851\nherrschte Schweigen in der musicalischen Welt über Gou-\nnod, sowohl was seine Person als seine Arbeiten betraf;\nnur die Gazette Musicale von Paris hatte angezeigt, dass\ner die Weihen erhalten. Auf einmal ging den musicali-\nschen Kreisen gleichsam eine Offenbarung auf durch einen\nArtikel im „Athenäum\" von London, welcher damals\nHerrn Viardot, dem Gemahl der berühmten Sängerin und\nrühmlich bekannten artistischen Schriftsteller, zugeschrie-\nben wurde. Man berichtete darin über ein Concert in St.\nMarlins Hall, in welchem vier Compositionen von Gounod"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "5", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630103-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5709, "texte": "aufgeführt worden waren. Es hiess darin unter Anderem:\n„Diese Musik erinnert uns weder in der Form, noch in\nder Melodie, noch in der Harmonie an einen anderen\nComponisten der Vorzeit, noch der neueren Schule; sie ist\nnicht neu, wenn man unter neu seltsam und barock ver-\nsteht; nicht alt, wenn alt so viel als steif ist, wenn es ge-\nnügt, ein dürres Gerüst aufzurichten, hinter welchem sich\nkein schöner Bau erhebt; sie ist das Werk eines vollende-\nten Künstlers, die Poesie eines neuen Dichters\" u. s. w.\n„Nicht aus dem grossen und tiefen Eindruck, den die\nMusik offenbar machte, nicht aus der Aufnahme, die sie\nfand, sondern aus ihr selbst prophezeien wir Herrn Gou-\nnod eine ungewöhnliche Laufbahn, denn wenn in seinen\nWerken kein wahres und neues Genie ist, so muss ich das\nABC der Kunst und der Kritik noch einmal vornehmen.\"\nDieser Artikel, von der Gin Paris ab-\ngedruckt (in ihrer Nummer vom 26. Januar 1851), machte\num so mehr Aufsehen, als „Sappho\", das erste drama-\ntische Werk Gounod's, gerade an der Oper studirt wurde\nund nächstens aufgeführt werden sollte. Die Aufmerksam-\nkeit des Publicums war so lebhaft angeregt, als der Com-\nponist nur wünschen konnte, als sein Werk zum ersten\nMale am 16. April desselben Jahres in Scene ging. Der\nErfolg entsprach den Erwartungen seiner Freunde nicht,\nund zwar aus mehreren Ursachen, deren triftigste der\nschlecht gemachte Text, der Mangel an Einheit, Logik der\nGedanken und kunstgemässem Periodenbau in der Par-\ntitur waren. Indessen trotz der übermässigen Längen in\nden Recitativen, der gar zu eigensinnigen Prätention, die\nFormen, die durch das Genie der Meister geheiligt sind,\nzu meiden, und der Unerfahrenheit in der Bühnenkennt-\nniss wehte doch in dieser Musik ein Hauch von Poesie,\nden Niemand verkennen konnte und der alle Augenblicke\nBlitze von Genie leuchten liess. Sappho machte kein Glück\nund erlebte nur wenige Vorstellungen, aber aus dem, was\ndie Kenner darin gehört hatten, schlössen sie, dass Gou-\nnod eine Zukunft haben werde*).\nNach der Sappho schrieb Gounod Chöre zu der Tra-\ngödie „Ulysses\" von Ponsard, welche im Jahre 1852\nauf dem Theätre franqais zur Aufführung kam. In die-\nsem Werke strebte Gounod nach antikem Charakter, den\ner, sei s durch den Rhythmus, sei's durch ungewöhnliche\nModulationen, zu erreichen suchte. Obgleich diese Absicht\neine gewisse monotone Farbe erzeugte, gegen welche nur\nder eine Chor der „ungetreuen Mägde\" einen Gegensatz\nbildete, so tritt doch in dem grössten Theile des Werkes\nwahres Talent mit Evidenz hervor. Leider machte die\nschleppende Handlung und der Mangel an Interesse in der\nTragödie den Erfolg unmöglich, und so ist diese ausge-\nzeichnete Arbeit des Componisten für die Oeffentlichkeit\nverloren gewesen.\nDie Oper La Nonne sanglante, im grossen Opern-\nhause am 18. October 1854 zum ersten Male gegeben,\nbezeichnete einen Fortschritt Gounod's in gewissen wesent-\nlichen Dingen der dramatischen Musik, namentlich in der\nLührung der Gedanken, in der Form und in dem Colorit\nder Instrumentation. Es steht aber nicht Alles darin auf\ngleicher Höhe, man kann selbst sehr schwache Partieen\ndarin nachweisen, und von der Mitte des dritten Actes\nbis zum Ende der Oper wird die Ermattung der Phantasie\nfühlbar; allein ein sehr schönes Duett im ersten, fast der\nganze zweite und eine Arie und Duett im dritten Acte be-\nkunden einen offenbaren Fortschritt zum Höheren. Trau-\nrig ist es, dass ein solches Talent sich an so mangelhafte\nTexte vergeudet, welche es in ihren Fall mit verwickeln.\n„Die blutige Nonne\" hat sich auch nicht auf dem Reper-\ntoire halten können*).\nDer erste Versuch Gounod's in der komischen Gattung\nwar die Musik zu Le Medecin malgre lui, dem Lustspiel\nvon Moliere, das zu einer komischen Oper für das Theätre\nlyrique eingerichtet worden war. Einige gute Nummern\nsind wohl in der Partitur, aber man fühlt, dass der Com-\nponist kein Talent für diese Gattung hat.\n\n*) Vergl. die ausführliche Analyse des Textbuches und der Mu-\nsik durch unseren pariser Correspondenten in Nr. 49 der Rhei-\nnischen Musik-Zeitung vom 7. Juni 1851. Fetis1 Urtheil\nstimmt mit dem dort ausgesprochenen überein, nur dass in dem\npariser Briefe Gounod's Streben nach einer wirklichen Reform\nder französischen Oper mehr anerkannt und hervorgehoben,\naber auch seine Missgriffe dabei schärfer ins Auge gefasst\nwerden. Unsere Zeitung schrieb schon vor eilf Jahren über\nGounod's Zukunft: „Trotzdem ist die Oper Sappho eine bedeu-\ntende Erscheinung, und alle Mängel derselben, die auch in\nbloss musicalischer Hinsicht sehr auffallend sind, werden oder\nsollten wenigstens nicht bewirken, dass sie spurlos vorüber\ngehe; denn es ist des Schönen und Poetischen zu viel darin,\nals dass man daran nicht Hoffnungen auf Gounod's Zukunft\nknüpfen sollte.\"\nDie Redaction*\n*) Mit [dieser „blutigen Nonne\" gehen unsere pariser Briefe\nbei Weitem nicht so glimpflich um, wie Fe'tis. S. Jahrgang\n3854, Nr. 45 vom IL November. Trotzdem, dass Scribe der\nVerfasser, behaupten sie, dass noch nie ein erbärmlicheres\nOpernbuch geschrieben sei, dass mit Ausnahme von Einzelhei-\nten, denen man eine gewisse Anerkennung nicht versagen\nkönne, von Stil bei einer Musik nicht die Rede sein könne,\nwelche an alle möglichen Schulen von Gluck bis auf Berlioz\nund Wagner erinnere u. s. w. u. s. w. Sehr interessant sind\ndie dort gegebenen Beispiele der Reclame, welche die „er-\nschreckende Wahrheit\" und „die objective Macht\" dieser Musik\nrühmt, die „trotz einer gewissen Schwere und einer zuweilen\nnegativen Sonorität, welche durch die Verbindung der In-\nstrumente in zu nahen Intervallen entsteht (ein köstlicher\nAusdruck für gräuliche Dissonanzen!), vollkommen geeignet\nist, die poetische Idee zu verwirklichen\" u. s. w. u. s. w.\nDie Redaction."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "6", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630103-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5294, "texte": "Der 19. März 1859 ist der grosse Tag in Gounod's\nKünsllerleben; es war der Tag der ersten Vorstellung sei-\nnes „Faust\", seines bis jetzt vorzüglichsten Werkes. Der\nStempel der Originalität ist dieser Composition aufgedrückt:\nmehr bedarf es nicht, um die Gewissheit zu geben, dass\ndiese Partitur auf die Nachwelt als eine schöne Schöpfung\nder französischen Schule kommen wird, wenn man auch\nin gewissen Beziehungen Ausstellungen daran machen kann.\nWenn die Partieen des Faust und des Mephistopheles\nnicht ganz dem, wie man sich diese phantastischen Perso-\nnen denkt, entsprechen, so ist doch Margarethe vollendet\nschön. Einige Nummern des ersten Actes, fast der ganze\nzweite und besonders der dritte bekunden ein Talent er-\nsten Ranges. In diesem dritten Acte sind Faust's Arie:\nlut, demeure chasteet 'pure\", Gretchen's Ballade, das\nQuartett im Garten, das Duett zwischen ihr und Faust\nund die Melodie: „0 nuit d'amou, wahrhaft geniale Ein-\ngebungen. Auch gut rhythmisirte Chöre sind im zweiten\nund dritten Acte; der Chor der Alten in der Introduction\ndes zweiten Actes ist von reizender Naivetät. Der Marsch\nim vierten ist ebenfalls merkwürdig. Leider erlahmt die\nInspiration nach dieser Nummer; sie verlässt den Tondich-\nter da, wo die düstere Partie des Drama's beginnt. Wenn\nGounod nach Kraft sucht, findet er nur Lärm. Das Ter-\nzett des Zweikampfes, das darauf folgende Ensemble, die\nScene im Dom und das Terzett im Gefängniss sind mehr\noder weniger verfehlt. Ausser dem Trinkliede Faust's ist\nes mit der Brockenscene derselbe Fall; übrigens erinnert\ndiese zu oft an Weber's Freischütz*).\nIn „Philemon und Bau eis\", Oper in drei Acten,\nauf dem Theätre hjriqueden 18. Februar 1860 zuerst\ngegeben, sind hübsche Sachen, besonders in Einzelheiten\nfindet man das Talent des Componisten wieder: allein die\nInspiration der Empfindung ist weniger glücklich, weil der\nStoff des Stückes unwahr ist. Die Oper hat sich nicht auf\nder Scene gehalten**). —ln dem Augenblicke, wo wir die-\nses schreiben, wird die „Königin von Saba\" von Gou-\nnod in der grossen Oper studirt. | Siehe über diese im\nFebruar 1862 in Scene gegangene Oper Jahrg. 1862,\nNr. 11 und Nr. 14 d. Bl.]\nIm Anfange war die Kirchenmusik, wie schon im Ein-\ngange dieses Artikels gesagt worden, Hauptsache bei Gou-\nnod. Er hat Messen, Psalmen, Motetten für einen oder\nzwei Chöre, a capella und mit Orchester geschrieben. Ein\nAgnus Deiaus einer Messe wurde in dem Concerte zu\nLondon aufgeführt, über welches das „Athenäum\" be-\nrichtete; später ist es auch in einem Conservatoire-Con-\ncerte in Paris mit Erfolg gegeben worden. Eine Messe,\na capella zu singen, ist in der Kirche St. Germain l'Auxer-\nrois aufgeführt worden u. s. w. Instrumentalsachen von\nGounod, namentlich Sinfonieen, sind in Paris gemacht\nworden und wurden als achtungswerthe Compositionen\naufgenommen.\nIn seinen dramatischen Werken hat das Recitativ\nwahren Ausdruck und richtige Declamation, die Chöre\nhaben einen meisterhaft kräftigen Rhythmus; Gounod hat\nauch Melodie, die sogar zuweilen sehr einnehmend ist;\nseine Harmonie hat Eleganz und unerwartete Aufeinan-\nderfolgen, und die Instrumentation ist reich an Effecten.\nAber wenn der Ausdruck Kraft und begeisterten Schwung\nverlangt, so fehlen diese bei ihm, wie es die letzten Acte\ndes Faust beweisen. Er hat Gefühl, allein es strömt nicht\nfrei aus, es wird durch die Rellexion beengt und be-\nschränkt. Ueberall schimmert feine analytische Intelligenz\ndurch, überall zeigt sich die Factur eines Meisters: aber so\nschätzenswerth auch diese Eigenschaften sind, so können\nsie doch da, wo die dramatische Handlung energische Be-\ngeisterung fordert, diese nicht ersetzen. [Felis hat in die-\nsen Tagen nun auch „Die Königin von Saba\", die in\nBrüssel mit grossem Pomp gegeben worden ist, gesehen.\nIn dem oben angeführten Berichte aus Paris in unserer\nNr. 11 v.J. wird dieser Musik vorgeworfen, dass sie „die\nganze Manier des Wagner'schen Opernstils copire\", und\nes spricht sich das Bedauern aus, „dass sich Gounod's\nGenie hier verirrt habe, da er sich in eine Stilgattung ge-\nworfen, zu deren verzeihlicher Durchführung es ihm eben\nso sehr an Wagner's interessanten Excentricitäten, als an\nder deutschen Tiefe fehle\". Fetis dürfte wohl jetzt dersel-\nben Ansicht sein.]\nGounod ist mit einer Tochter des verstorbenen Zim-\nmermann, des berühmten Professors am Conservatorium\nzu Paris, vermählt. Seit 1852 führte er die Direction des\nOrpheons, d. i. der Gesangvereine der pariser Communal-\nschulen; im Jahre 1860 hat er jedoch diese Stelle nie-\ndergelegt, um sich ganz der Composition zu widmen.\n\n*) Yergl. Jahrgang 1859, Nr. 52 d. 81., Pariser Brief S. 410 und\n411, wo es u. A. Heisst: „Das Orchester ist gut behandelt,\nmanchmal überraschend soliön, anderswo freilich wieder nur\nLärm. Der dritte Act der beste. Hier ist Alles hübsch und\ndie Duette zwischen Faust und Gretchen schön, weil edel und\ngefühlvoll. Leider hält sich der Componist nicht auf dieser\nHöhe das Terzett gewöhnlich Mephisto's Gesang im\nDom widerliche Rhetorik Walpurgisnacht allerdings toll,\naber das ist keine Musik mehr\" u. s. w.\nDie Redaction.\n**) Yergl. die Analyse im Jahrg. 1860, Nr. 29 d. Bl.: „Der erste\nAct ist langweilig, der zweite dumm, der dritte frivol solch\nZeug zu componiren, gibt sich ein wirkliches Talent wie Gou-\nnod her!\" u. s. w. u. s. w."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1863-01-03-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1863-01-03_01#c003", "volume": "bmtnabi_1863-01-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "7", "page_fin": "8", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630103-01.2.3", "titre_corps": "Prolog zum Concerte am Cäcilien-Tage, den 22. November 1862, in Köln", "titre_sommaire": "Prolog zum Concerte am Cäcilien-Tage, den 22. 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War das nicht das Jahr,\nDas letzte Jahr, dass unser Vaterland\nDes fremden Herrschers eli'rne Fesseln trug?\nDa zog vom Norden aus die dumpfe Kunde\nWie eine schwere Wölk' am Himmel her,\nBis, wie mit eines Cherubs Donnerstimme,\nDer Huf erklang: „Der Herr hat ihn geschlagen,\nSein stolzes Heer, es liegt im kalten Grab;\nUnd jener Feuersäulen wilde Gluth,\nDie an der Moskwa Strand gen Himmel lodert,\nSie sei der deutschen Freiheit Morgenroth!\"\nNoch einmal schlugen dann des Krieges Wogen\nZusammen über unserm Vaterland.\nWo blieb der Kunst noch eine feste Stätte,\nDa Alles schwankt' im Sturm der rauhen Zeit?\nUnd dennoch trieb, ihr ein Asyl zu gründen,\nDie Hoffnung, dass auch wohl ein stiller Heerd\nZu einem Hochaltare wird, wenn nur\nDer Glaube an das Wahre, Gute, Schöne\nAuf ihm die reine Opferflamme nährt.\nDie Hoffnung täuschte nicht, denn in der Luft\nDer Freiheit wuchsen hier die jungen Stämme,\nSorgsam und treu gepflegt von kund'ger Hand,\nZu hohen Palmen auf, in deren Schatten\nSich lagerte, wer in dem eignen Herzen\nMit Lust vernahm der Töne Wiederhall,\nDie in den Wipfeln ihrer Kronen rauschten.\nIst doch der Geist, der sich nach Höherm sehnt,\nSo oft gefesselt an die Wirklichkeit,\nDie feinen Flug an tausend zähen Banden\nDes Alltagslebens neidisch niederhält!\nDoch wenn des arbeitsvollen Tages Bürde\nSich löst, der Abend freundlich Ruhe bringt:\nWohl uns, wenn dann der Musen holde Gunst\nUns in das Reich der Ideale trägt!\nDann wandeln wir zu ihrem Tempel hin,\nUm aus dem frischen Lebensquell der Kunst\nZu neuer That auch neuen Muth zu schöpfen.\nUnd Blüthen brechen auf und Blumen spriessen,\nUm die der Frühling seinen Teppich webt,\nDie eine Welt der Phantasie erscliliessen,\nWorin der Geist der ew'gen Jugend lebt.\nDie Sorge weicht zurück in graue Ferne,\nDas Schöne strahlt im Glanz der Himmelssterne.\nHört ihr im Hauch der Lüft' ein leises Tönen,\nGetragen auf des Wohllauts weichen Schwingen?\nDas ist das Zauberhorn des ewig Schönen,\nVon dem die alten Märchen Wunder singen,\nMit dem vereint, Getrenntes zu versöhnen,\nDer goldnen Saiten Harmonie'n erklingen.\nDann aus der Ferne dringen holde Klänge,\nWie sanfter Wellenschlag vom Ufer her:\nBald aber rauschen mächtig die Gesänge,\nWie Wogendrang im sturmbewegten Meer;\nEin „Halleluja\" schwingt sich auf zum Herrn,\nIn glaubensfreud'ger Pracht der Jubeltöne,\n„Denn Er regiert von nun an und auf ewig!\"\nUnd siehe! „Millionen stürzen nieder\",\n„Es ahnet ihren Schöpfer eine Welt\",\nEntzückt verhallend steigen ihre Lieder\nEmpor zum „Vater über'm Sternenzelt.\"\nDoch, wie im Leben selbst der Wechsel walte*,\nSo auch in jenen fliicht'gen Lebensbildern,\nDie uns der Töne bunte Farben schildern.\nWenn sich des Frohsinns Blüthe hold entfaltet,\nDann führen sie uns aus den heil'gen Räumen\nIn heit're Gärten, wo die Freude schaltet,\nWo wir so gern uns froh und glücklich träumen,\nWenn nur das eigne Herz noch nicht erkaltet.\nO schaut, wie dort von jenen Trauben-Hügeln\nIn buntem Schmuck ein Reigen, Paar an Paar,\nHernieder steigt: den jugendlichen Greis,\nDess Töne ihren Schritt zum Tanz beflügeln,\nIhr kennt ihn wohl: den Kranz im Silberhaar\nHat ihm die Muse selbst mit Lust gebunden.\nBegeistert schwingt den Stab die muntre Schar,\nMit Rebenlaub, des Herbstes Zier} umwunden,\nUnd laut ertönen ihre frohen Weisen,\nDes Schöpfers Gaben freudenvoll zu preisen.\nDoch dort, wo in der Trauerweide Schatten\nDie Muse weinend ihren Lorber senkt\nAufs frühe Grab des hohen Göttersohnes,\nDem aller Töne Geister unterthan,\nDem aus der Seele Melodieen quollen,\nEin reicher Strom aus ewig frischem Born\nDorther erklinget aus geweih'ten Hallen\nEin Bequiem aeterncim dona eis.\nEr sang's für sich: der Schleier ist gefallen,\nUnd Himmelslicht umstrahlt ihn ewiglich.\nDa nahen sich im Morgenglanz die Hören\nLaid öffnen weit das dunkle Wolkenthor:\n„Ein neuer Genius ist euch geboren!\"\nSo tönt's herab in feierlichem Chor.\nUnd sieh, er steigt auf uns're Fluren nieder;\nUnd alles Grosse, das die Welt bewegt,\nDes Erdenlebens Kampf mit dem Geschick,\nDie Leidenschaft, die sich im Busen regt,\nDas tiefe Weh, der Wonne Sonnenblick\nDas Alles spiegeln seine Töne wieder:\nSie tauchen uns ins Meer der Schrecken\nUnd heben uns empor zu Himmelshöh'n.\n\n*) Zum fünfzigjährigen Jubelfeste der musicalischen Gesellschaft\nund des städtischen Gesangvereins zu Köln (s. Nr. 48 d. 81.\nvom *29. November v. J.) auf mehrseitiges Verlangen mit-\ngetheilt.\n*).\n*)."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "8", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630103-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 828, "texte": "Wenn auch „das Schicksal klopft an seine Pforte\",\nEr öffnet kühn, und mit der Zaubermacht\nDer Harmonie löst er den ew'gen Streit\nDes Menschenlebens zwischen Licht und Nacht,\nUnd führt uns durch der Freiheit goldnes Thor\nIns Heiligthum der wonnigen Gefilde,\nWo „Freude! schöner Götterfunken!\"\nErschallt in tausendstimmigem Chor.\nUnd das Geineine weicht vor seinen Tönen\nIns freudenleere, fahle Dunkel hin:\nSie aber feiern den Triumph des Schönen,\nAls edler Geister herrlichsten Gewinn.\nSo lasst auch uns, was wir bis heut' errungen,\nIn Lieb' und Treu fortan der Tonkunst weih'n;\nWas aus der hohen Meister Geist erklungen,\nMög1 uns ein heiliges Vermächtniss sein!\nUnd dass den Jüngern wir es treu bewahren:\n„Das Edle mit dem Schönen im Verein\",\nDas soll auch in den neuen fünfzig Jahren\nFür unsern Bund der feste Wahlspruch sein !"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1863-01-03-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1863-01-03_01#c004", "volume": "bmtnabi_1863-01-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "8", "page_fin": "8", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630103-01.2.4", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "8", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630103-01.1.8", "debut_caractere": 830, "fin_caractere_exclue": 5947, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKolli. Die zweite Soiree für Kammermusik am 30. vor.\nMonats und Jahres brachte zuerst ein ganz neues Violin-Quartett\nvon R. Volkmann, Op. 43 in Es-dur, dessen erster Satz gefiel\nund Erwartungen erregte, welche jedoch die folgenden Sätze nicht\nbefriedigten, namentlich können das Adagio und das Finale weder\nerwärmen noch besonders interessiren, wurden desshalb auch vom\nPublicum mit Schweigen aufgenommen. Das Scherzo ist allerdings\ninteressant und auch, wenn mair will, geistreich gemacht, indessen\ndoch immer mehr gemacht als gedichtet; schon der ausgesuchte,\ngekünstelte Rhythmus Fünfviertel-Tact • verräth zu sehr die\nAbsicht, neu zu sein und zu frappiren. Immerhin ist jedoch ein be-\ndeutendes Talent darin nicht zu verkennen, und es wäre zu wün-\nschen, dass Volkmann sich einmal mehr auf ebener Bahn gehen\nliesse, anstatt sich mühsam durch Gestrüpp und Dornen einen Weg\nzu suchen. Auf diese Musik folgend, wurde Mozart' s herrliche\n.4-c£wr-Sonate für Ciavier und Violine bei jedem Satze mit einem\nwahren Jubel aufgenommen, zumal da sie von den Herren Hill er\nund von Königslöw über alle Beschreibung meisterhaft vorge-\ntragen wurde. Das Geigen-Quartett feierte darauf seinen Triumph\ndurch den trefflichen, bei der grössten Correctheit und technischen\nVollendung echt poetischen Vortrag des its-dm*-Quartetts, Op. 74,\nvon Beethoven, welcher das zahlreiche Publicum denn trotz\ndes herabströmenden Regens war der zweite Saal des Gürzenich\nganz gefüllt wahrhaft begeisterte und entzückte. Den Beschluss\nmachte der feine und charakteristische Vortrag der hübschen „N o -\nvelletten\" für Ciavier, Violine und Violoncell von N. W. Gade,\nan denen wir nichts auszusetzen haben, als den wunderlichen Titel,\nda „Novellette\" nichts Anderes bedeuten kann als „kleine Novelle\",\nund doch etwas mehr als eine reiche Phantasie dazu gehört, in je-\nden der fünf kleinen Sätze den Inhalt einer Novelle hinein zu tragen.\n** ISerliii. Dem Vernehmen nach soll mit der Herabsetzung\nder Orchesterstimmung hier bei der Militärmusik der Anfang ge-\nmacht werden. Das wäre sehr löblich, denn die Militärmusik ist\nwesentlich mit an dem Hinaufschrauben der Stimmung schuld, we-\nnigstens die österreichische, von welcher dies notorisch ist. Der\nMusik-Director Wieprecht soll sich sehr für die Annahme einer\nniedrigeren, aber wo möglich in ganz Europa gleiehmässigen Stim-\nmung interessiren. Ein noch wenig beachtetes Gewicht für die Sache\nliegt in dem Vortheil, der aus einer europäischen Stimmgabel für\ndie Industrie de« Instrumentenbaues aller Länder daraus entspringen\nwürde. Die Schutzzöllner werden indess wahrscheinlich auf einer\nsächsischen, würtembergischen, baierischen, reussischen u. s. w. Gabel\nbestehen, weil sie jeder allgemeinen Stimmung abhold sind!\nSeit Kurzem haben wir hier, weil wir einmal von Industrie spre-\nchen, ein neues Etablissement der Art, das grosse Pian o forte -\nMa gazin von Heinr. Wolf & Comp. (Grosse Friedrichsstrasse\n208, Bel-Etage), welches auf hiesigem Platze die Haupt-Niederlage\nder vortrefflichen Instrumente von Gerhard Adam in Wesel bil-\ndet. Dadurch sind die Erzeugnisse dieser bedeutendsten Fabrik am\nRheine, die durch die Preis-Medaillen der düsseldorfer, pariser und\nlondoner Ausstellungen als ganz vorzüglich anerkannt worden sind,\nden musicalischen Kreisen der Residenz und der östlichen Provinzen\nüberhaupt zugänglicher geworden und haben hier Aufsehen erregt\ndurch Solidität der Arbeit und schönen, vollklingenden Ton.\nDer Ciavier-Virtuose und Professor am Conservatorium Theo-\ndor Kullack ist am 25. December, Morgens 7 Uhr, plötzlich ge-\nstorben. Er hinterlässt eine Witwe mit vier Kindern.\nMan schreibt aus Darmstadt: „Die Vorbereitungen zur neuen\nGounod'schen Oper Die Königin von Saba haben begonnen, und\ndürfte dieselbe im Januar zur Aufführung kommen. Die Musik bie-\ntet manche Schönheiten. Der Kirchenstil [?!] spielt darin keine un-\nbedeutende Rolle. Im Uebrigen scheint Wagner wiederholt zum Vor-\nbilde gedient zu haben. Die Direction scheut keine Kosten, um die\näussere Ausstattung so brillant wie möglich zu gestalten. Der zweite\nAct, der in Paris wegen Feuersgefahr wegbleiben musste [der Guss\nvon glühendem Erz], kommt hier zur Aufführung und steht von dem\ntalentvollen Maschinisten Brand Bedeutendes zu erwarten.\" (!!)\nIn Oldenburg führte man am 5. December ein Oratorium\n„Gideon\" von L. Meinardus auf. Der in Glogau lebende Compo-\nnist war zur Aufführung anwesend, und das Werk sprach das Pu-\nblicum sehr an.\nWien. Am 2G. December v. J. fand im Theater an der Wien\neine Aufführung von Stücken aus Wagner's Meistersängern, dem\nRheingold und dem Ring der Nibelungen unter seiner Direction Statt.\nDer Capellmeister am k. k. Hof-Operntheater zu Wien, Herr\nOtto Dessoff, wurde durch ein Hof-Decret ausgezeichnet, welches\nihm seine permanente Anstellung sichert und den Titel eines Hof-\nCapellmeisters verleiht. Diese Anerkennung erregt um so grössere\nBefriedigung, als sie gegen sonstige Gewohnheit einem jungen stre-\nbenden Manne verliehen wurde, der noch ein paar Jahre vor sich\nhat, um sich des Genusses der erlangten Stellung erfreuen zu können."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "1", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630103-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nDie allgemeine Biographie der Tonkünstler von Fetis. Karl Franz Gounod (Biographie). Prolog zum Concerte am\n- \\ / W\nCäcilien-Tage, den 22. November ]862, in Köln. Tages- und Unterhaltungsblatt (Köln, Zweite Soiree für Kammermusik\nBerlin, Orchester-Stimmung, Pianoforte-Niederlage, Theodor Kullack f - Darmstadt, „Die Königin von Saba\" Oldenburg, „Gideon\",\nOratorium von L. Meinardus Wien, Theater an der Wien, Capellmeister Otto Dessoff).\n\nDie allgemeine Biographie der Tonkünstler von\nFétis.\nSeit dem Jahre 1860 erscheint die zweite Ausgabe\nder Biographie universelle des Musieiens von J. Fetis.\nWenn die bedeutende Vermehrung des Werkes, die bes-\nsernde Hand, welche an alle Artikel gelegt ist, und die\nvollständige Umschmelzung sehr vieler Biographieen mit\njedem neuen Bande die Bewunderung des enormen Fleis-\nses und unendlich vielseitigen Wissens des Verfassers ver-\nmehren, so erregt die beispiellose Arbeitskraft, welche die\nrasche Aufeinanderfolge der Bände möglich macht, um\nso mehr Erstaunen, wenn man die umfassende anderwei-\ntige schriftstellerische, musicalische und amtliche Thätig-\nkeit des unermüdlichen Mannes bedenkt und erfährt, dass\nihm allein die Correctur der Biographie täglich acht\nStunden wegnimmt! Freilich hat ihm der Himmel eine\nvortreffliche Gesundheit verliehen und eine in so hohem\nAlter höchst seltene Geistesfrische. Beklagt doch der rast-\nlos thätige Achtundsiebenziger (am 25. März d. J. wird\ner 79 Jahre alt) nur die Unzuverlässigkeit seines Gedächt-\nnisses, das ihm sonst so treu war; aber er thut das auf\nso gemüthliche Weise, dass man wohl sieht, dass dies die\neinzige Altersschwäche ist, die sich bis jetzt bei ihm ein-\ngefunden hat. „Die Kritik meines biographischen Wer-\nkes\"—sagt er—„heftet sich manchmal an Kleinigkeiten,\nauf welche ich, offen gestanden, keinen grossen Werth\nlege. Niemand kann mehr als ich von dem Wunsche be-\nseelt sein, in allem Thatsächlichen so wahr und genau wie\nmöglich zu sein, denn das ist die Pflicht eines Historikers;\nallein wenn ich mich in irgend einem Datum irre, wenn\nich Andreas, statt Michel, oder Michel, statt Andreas setze,\nwenn mein Gedächtniss, das mich sonst selten im Stich\nliess, mich jetzt bei einigen weniger wichtigen Umständen\ntäuscht oder verlässt, so gestehe ich unumwunden, dass\nich nicht geneigt bin, darüber in Verzweiflung zu gera-\ntlien.\" —Und wer hätte wohl mehr Recht, so zu sprechen,\nals der Mann, von dessen Pflichtgefühl und Gewissenhaf-\ntigkeit in Selbstforschung und Selbsteinsicht so zahlreiche\nBeweise vorliegen! Oder will man es ihm zum Vorwurf\nmachen, dass er alles, was er von Musik und Werken\nüber Musik selbst gelesen, gehört und studirt hat, auch\njselbstständig beurtheilt ? Unterscheidet dies nicht gerade"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "2", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630103-01.1.2", "texte": "t j a f; p »\ndie geistvolle Arbeit von der geistlosen Compilation? Ist\nnicht die Selbstständigkeit des Urtheils Folge und Beweis\neines wirklichen Quellen-Studiums?\nMan sagt häufig, ein so umfassendes Werk wie ein\nLexikon der Tonkünstler erfordere die Betheiligung Meh-\nrerer. Das ist eine Ansicht, die man von den Encyklopä-\ndieen und Conversations- und Zeitungs-Dictionairen her-\nnimmt, die als Magazin des verschiedenartigsten mensch-\nlichen Wissens auch eben so verschiedene Arbeiter erfor-\ndern, um sie mit den heterogensten Stoffen zu füllen. Allein\nbei einem Werke über eine bestimmte Kunst und deren\nGeschichte dürfte die Theilung der Arbeit die Einheit und\nden Charakter des Ganzen zerstören, sobald es darin auf\nmehr ankommt, als auf blosse Nomenclatur und nackte\nThatsachen.\nAber, wirft man ein, von Einem kann man auch nur\nein einseitiges Urlheil erwarten, und das ist ein Un-\nglück für die Leser und besonders für die Kunstschüler.\nMan betrachte jedoch nur die Sache sogleich vom prakti-\nschen Gesichtspunkte aus und frage sich, ob über die mu-\nsicalischen Schöpfungen von drei Jahrhunderten das be-\ngründete Urtheil eines einzelnen Mannes nicht willkom-\nmener sein muss und am Ende selbst durch seine Mängel\noder Irrthümer belehrender, als die verschiedenartigsten\nAnsichten, Meinungen, Theorieen und Systeme Vieler, die\nnur theils individuel, meist aber abhängig von Schule oder\ngar von Mode und Coterie sind? Durch ein solches Ar-\nbeiten Vieler an einem kunstgeschichtlichen Werke würde\nnicht ein Zusammen, sondern ein Durcheinander entstehen,\nein buntes Stückwerk von Gegensätzen, eine Sammlung\nvon dem Ungleichartigsten—wie wir es in Deutschland in\nSchilling's Lexikon der Tonkunst ja schon vor Augen ha-\nben, welches einzelne vortreffliche Aufsätze unter einer\nMenge von trivialen und urtheilslosen Schreibereien ent-\nhält. Wir können also nur in Bezug auf die Herbeischaf-\nfung des so zu sagen rohen Materials ein Zusammenarbei-\nten oder richtiger ein Zusammentragen billigen und wün-\nschen, und dazu kann und müsste eigentlich Jeder, dem\nGelegenheit und Geschick dazu gegeben, mitwirken. Aber\ndie geistige charakteristische Einheit des Ganzen kann\nnicht eine blosse Redaclion, sondern nur die wirkliche\nAusarbeitung eines Einzigen herstellen.\nFetis läugnet bekanntlich den Fortschritt der Kunst,\nso wie ihn die neuere Schule versteht. Es fällt ihm natür-\nlich nicht ein, die fortschreitende Entwicklung der Kunst\nz. B. vom Volksliede bis zu Franz Schubert, vom Lulher'-\nschen Choral bis zur Passion und dem Oratorium, von\nCarissimi bis Mozart, von Scarlatti und Ph. E. Bach bis\nBeethoven zu läugnen. Aber den Fortschritt der Kunst von\nGeneration zu Generation des Menschengeschlechtes, den\nFortschritt ins Unendliche, den der Kreislauf der Jahre\neo ipso mit sich bringe und durch den die Kunst in ihren\nErzeugnissen stets auf gleicher Höhe mit den Resultaten\nder Wissenschaft u. s. w. bliebe, diesen Fortschritt läug-\nnet er mit Recht. Denn dieser setzt die immer grössere\nVollkommenheit der Kunstwerke voraus, was wiederum\nnichts Anderes heisst, als die immer grössere Begabung\nder gegenwärtigen und zukünftigen Schöpfer derselben im\nVergleich zu den früheren, mithin die Erscheinung stets\ngrösserer Genies auf dem Gebiete der Kunst, als diejeni-\ngen waren, die man bisher bewunderte. Dass man mit\ndiesem Glauben zum Absurden gelangt, zeigt die Erfah-\nrung, die unerbittliche und unbestechliche Gegnerin aller\nHirngespinnste, nicht nur in der Musik, sondern in allen\nschönen Künsten. Es kann also nur verderblich wirken,\nwenn in der Geschichte der Kunst durch ähnliche Glau-\nbensbekenntnisse und darauf gebaute Orakelsprüche eine\nallgemeine Verwirrung der Begriffe und Urtheile über die\nTonkunst herbeigeführt wird, indem nicht Jeder, nament-\nlich nicht das jüngere Geschlecht, gleich im Stande ist, die\nConsequenzen aus jener merkwürdigen Fortschritts-Logik\nzu ziehen. Freilich hat es für die Sache selbst keine grosse\nGefahr, wenn ein Musik-Historiker z. B. Wagner und\nLiszt auf die Spitze der Fortschritts-Pyramide stellt, ohne\nzu bemerken, dass die Verjüngung beim Kegel äqual\nVerdünnung und Schmälerung ist und also die da oben\ngegen die breiten Schultern der Riesen, welche die Grund-\nlage bilden und sie tragen, wie Pygmäen erscheinen; es\nist auch nicht wahrscheinlich, dass, weil derselbe Histori-\nker sie „Gründer der neuen Aera\" und „Bahnbrecher\"\nnennt, die Welt sie desshalb als solche betrachte und ver-\nehre, womit ihre Begabung übrigens gar nicht geläug-\nnet werden soll. Aber dennoch heissen wir immer ein\nhistorisches Werk über Kunst, dessen Verfasser, wie Fe-\nlis, seine theoretischen und ästhetischen Grundsätze aus\nden Meisterwerken der classischen Periode und den Prin-\neipien einer gesunden Kunst-Philosophie abstrahirt hat,\ngar sehr willkommen. Nur auf diesem Wege—wenn auch\nFetis selbst auf demselben sich zu einigen, jedoch sehr ein-\nzeln stehenden Ungerechtigkeiten z. B. gegen die letzten\nWerke Beethoven's verleiten lässt kann man gewissen\nTendenzen der grossen Menge entgegen treten, die eine\nZeit lang, wie das schon oft da gewesen ist, das Gewöhn-\nliche, welches in mehr oder weniger auffallende Formen\ngekleidet ist, für das wirklich Schöne nimmt, weil die\nMode oder der Zeitgeist ihm einen momentanen Werth\nverleihen. Dass diesem Einflüsse auch talentvolle, ja, zuwei-\nlen selbst hochbegabte Tonkünstler nicht immer wider-\nstehen, dass sie ihre Meisterschaft im Formellen, im Hand-\nwerk, die bei Manchem von den Koryphäen der neuen"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "3", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630103-01.1.3", "texte": "Richtung fehlt, und eben so ihre Herrschaft über alle Hülfs-\nmittel der Harmonie und Instrumentirung missbrauchen,\num einem Ideal des Schönen nachzustreben, welches sie\nim guten Glauben für ein wirkliches halten das lässt\nsich nicht läugnen, und Fetis macht darüber sehr richtige\nBemerkungen, die mutatis eben so gut für\nDeutschland als für Frankreich gelten können.\n„Die Entwicklung des musicalischen Gedankens in\neinem Werke\", sagt er unter Anderem, „ist, wenn sie in\ngewissen Gränzen bleibt, ohne Zweifel eine Bedingung\ndes musicalisch Schönen: allein wenn man sie über die\nGebühr ausdehnt und dem natürlichen Flusse immer neue\nHindernisse entgegenthürmt, Incidenz auf Incidenz, Vor-\nhalt auf Vorhalt häuft, so verliert man über den Abschwei-\nfungen den Kern des ersten Gedankens, und der Verstand\nermüdet, während der Phantasie nichts geboten wird, um\ndie Spannung der Theilnahme in Kraft zu halten. Die\nGewalt des Grossartigen bei Händel, Gluck, Beethoven ist\nwunderbar und herrlich: aber die Uebertreibung dessel-\nben ins Maasslose, zumal durch äussere Klangmittel, bei\nneueren Productionen ist nicht Fortschritt, sondern Ver-\nfall. Die Modulation, auch die,überraschende und frap-\npante, ist ein ofienbarer Reichthum des neueren Ton-\nSystems, und Mozart, dieser vollkommene Musiker, den\nman immer und immer anführen muss, wenn man Bei-\nspiele des Schönen geben will, verdankt ihr wunderbare\nWirkungen: aber bis zum Uebermaass verbraucht, jeden\nAugenblick angewendet, um die Armuth der melodischen\nGedanken zu verhüllen, wird sie monoton und ist eben-\nfalls ein Zeichen des Sinkens der Kunst und des Mangels\nan Genie. Die Klangfarben der Instrumente unseres jetzi-\ngen Orchesters sind eine wahre Eroberung der neueren\nMusik, sie beweisen den Fortschritt im Material und in\nden Mitteln. Gewiss ist nichts bezaubernder, als die Aus-\nführung eines schönen Gedankens durch geschmackvolle\nInstrumentirung, durch charakteristische Nuancen und\nVarietäten der eigentümlichen Klangarten: aber die An-\nwendungaller Instrumente zusammen von vorn herein, die\nalsdann nur durch Lärm und krachendes Geschmetter\nmögliche Steigerung, die Ueberladung der einfachsten Mo-\ntive mit materiellen Tonmassen, von der Erdrückung des\nGesanges durch das Orchester zu schweigen, das ist Be-\ntäubung, nicht Wohllaut, das ist Verfall, nicht Fort-\nschritt.\"\nVergessen nicht viele der talentvollsten und strebsam-\nsten Musiker heutzutage, dass das Einfache auch schön,\nvielleicht das Schönste ist? Fallen sie nicht aus Furcht vor\ndem Gewöhnlichen, vor dem Dagewesenen ins Barokke,\nWunderliche, Ungeheuerliche? Sieht man ihren Arbeiten\nnicht an, dass sie wahrhaft hange sind vor rhythmischen\nCadenzen, vor Schlüssen und Ruhepunkten, die ihnen zu\nnatürlich und eben desswegen nicht neu genug sind?\nKaum hat sie ein glücklicher Moment der Erfindung und\nPhantasie auf einen ebenen Weg durch duftende Blumen\nund blühende Sträucher geführt, so werfen sie plötzlich\nDissonanzen, Vorhalte oder Synkopen als Steine und Blöcke\nauf den glatten Pfad, damit der Wanderer darüber stol-\npere und in seinem geistigen Schwärmen für das Schöne\nzur rechten Zeil daran erinnert werde, dass er aus Haut\nund Knochen, Muskeln und Nerven zusammengesetzt ist.\nWir haben schon viele Jahre lang über die falsche\nLehre vom Fortschritt geklagt und werden in diesem Jahre\n1863 auch noch oft darauf zurückkommen müssen; den-\nnoch geben wir die Hoffnung nicht auf, dass Alles seine\nZeit habe, und dass nach dem Heisshunger die Ueber-\nsättigung, nach dem Taumel die Ernüchterung kommen\nwerde, dass die Tonkunst durch die Kraft ihrer ureigenen\nSchönheit die irdischen Fesseln abstreifen und als himm-\nlische sich aus dem Dunst neu verklärt erheben werde.\nZwar sind unsere Zustände, der Materialismus der Zeit,\ndie Verllachung der Charaktere, die Zerstreuungssucht\neinem solchen Aufschwünge der Kunst, des Gemüthes und\nder edleren Gefühle nicht günstig: die Menschen haben\nzu viel mit allem Anderen zu thun, als dass die Freude\ndes Herzens an Poesie und Musik noch bei ihnen aufkom-\nmen könnte. Aber wenn nur die Künstler wieder in das\nHeiligthum des inneren Menschen zurückkehren, aus' der\nSeele zur Seele sprechen, nicht mit raffinirter Speculation\nnur die Nerven reizen, packen, erschüttern wollen, dann\nkönnen wir getrost mit dem Dichter sagen:\nDu kannst zwar heut\nUnd manche Zeit\nDem Feinde viel erlauben.\nDie Flamme reinigt sich vom Rauch 1\nSo reinig' unsern Glauben —\nunsern Glauben an die Kunst und ihre unsterbliche\nSchönheit.\nDoch kehren wir zu Fetis' biographischem und biblio-\ngraphischem Werke zurück: die obige Herzensergiessung\nmöge die Neujahrs-Nummer entschuldigen. Uebrigens\nwollen wir derjenigen wegen,, welche nur mit Parteisucht\nlesen und stets bereit sind, durch Generalisirung oder auch\nSinnverdrehung auf den Unverstand der Menge und die\nLeidenschaft der Sectirer zu speculiren, indem sie mit ba-\nnalen Schlagwörtern der Coterie, als da sind: Reaction,\nZopf u. dgl., statt logischer Gründe gegen uns zu Felde\nziehen — dieser Leute wegen wollen wir bemerken, dass,\nwas sich bei Vernünftigen von selbst versteht, nur der\nFortschritt der Kunst in ihren Erzeugnissen, der Fortschritt\nder genialen Schöpfung geläugnet wird, während Niemand\n\n[*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "4", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630103-01.1.4", "texte": "den Fortschritt der Wissenschaft der Kunst in ihrem\nganzen Umfange von Theorie, Methode, Geschichte u. s. w.,\nso wie der Vervollkommnung der Mittel zum Ausdruck\nund der artistischen Technik verkennen will.\nEs liegen uns jetzt vier Bände des Werkes von Fe-\ntis vor. Sie umfassen die Buchstaben bis der\nfünfte Band wird den Best von K und den Buchslaben L\nenthalten. Bedenkt man den Umfang des bereits gelieferten\nManuscripts und die Arbeit, welche die Herstellung durch\nden Druck verlangt, so muss man anerkennen, dass das\nWerk durch die Thätigkeit des Verfassers und des Verle-\ngers Firma Diclot Freres filsin Paris weit\nschneller vorschreitet, als dies je bei ähnlichen Unterneh-\nmungen der Fall gewesen. Denn der I. Band enthält 2\nBogen Vorrede und 30 Bogen Text: Aaron Bohrer;\nder 11. Band 30V4 Bogen: Bo— der 111.\nBand 30 Bogen: Desargus der IV. Band\n303/4 Bogen: Gibbons— KazynslciZusammen 1970 Sei-\nten in Gross-Octav, jede Seite in zwei Spalten scharfen,\nnicht zu kleinen und weit durchschossenen Druckes auf star-\nkem, glänzend weissem Papier man kann sagen: eine\nPracht-Ausgabe. Die deutschen Tonkünstler-Lexica sind\n—mit Ausnahme des alten Gerber—wahre Satiren auf\nden gerühmten deutschen Fleiss im Vergleich zu dem\nbiographischen und bibliographischen Inhalt des Werkes\nvon Fetis; denn der letztere, die Verzeichnisse der Werke\nder Componisten, ist ein besonders wichtiger und nützli-\ncher Theil des Buches. Während der belgische Biograph\nder Familie Bach 24 Seilen (48 Spalten) widmet, thut\nsie das „Universal-Lexikon der Tonkunst\" von Ed. Berns-\ndorf auf sechs Seiten ab! Felis führt 29 Musiker des\nNamens Bach auf, der deutsche Lexikograph kennt nur\nneun von seinen Landsleuten desselben Namens. Bei je-\nnem nimmt Johann Sebastian über 26 Spalten ein, bei\ndiesem 2 Seiten und 6 Zeilen. Das Verzeichniss seiner\ngedruckten Werke füllt dorlin sechs Bubriken 12 Spal-\nten nebst 4 Spalten über dessen Manuscripte; dagegen\nmacht Ed. Bernsdorf die ganze Sache mit folgenden, den\nGeist des ganzen Buches charakterisirenden Zeilen ab:\n„Seine Werke, deren er auch viele selbst in Kupfer ätzte (!),\nsind zahllos; Vieles davon ist noch ungedruckt, und es ist\nhier zu erwähnen, dass sich in Leipzig seit einigen Jahren\neine Bach-Gesellschaft gebildet hat, die seine Werke in\nmöglichster Vollständigkeit und Correctheit herauszugeben\nbeabsichtigt und auch schon fünf starke Bände in splen-\ndidester Ausstattung in die Welt geschickt hat.\"\ntout! Was soll nun eigentlich solch ein Buch in der\nWelt? Kann der Erfolg ein anderer sein, als das ober-\nflächlichste Geschwätz über Musik und Musiker zu begün-\nstigen und noch weiter verbreiten zu helfen, als es leider 1\nschon verbreitet ist? Der ganze Buchstabe B füllt bei\nFelis 435 Seiten, in dem neuesten deutschen Musik-Lexi-\nkon 166 Seiten. Freilich enthält dieses letztere auch noch\neine Menge nichtbiographischer Artikel und Artikelchen,\nes soll eine Art von musicalischer Encyklopädie bilden;\nallein der Vorrede von Schladenbach gemäss sollte das\nWerk „theoretisch und praktisch, ästhetisch und histo-\nrisch das ganze Gebiet der Tonkunst umfassen\" und „na-\nmentlich in seinem historischen Theile nach einer relativen\nVollständigkeit mit Vermeidung lexicalischer Trockenheit\nstreben\". Dieser Vorsatz ist aber selbst da, wo es gar\nnicht an guten Quellen fehlte, zu keinerlei Befriedigung\nausgeführt. Gäbe nun noch ein so flüchtig und mangel-\nhaft gefertigtes Buch die besonderen Quellen an, aus denen\nder Leser je nach Bedürfniss und Neigung sich weiter be-\nlehren könnte, so wäre das doch wenigstens etwas: aber\nauch dies geschieht nirgend, während Felis diesem Nach-\nweise ganz besondere Bücksicht widmet.\nAls Probe der Behandlung der Biographieen von Zeit-\ngenossen und der Beurtheilung ihrer Werke lassen wir\nden Artikel über Gounod folgen, der ja jetzt auch bei uns\nein allgemeineres Interesse durch seinen „Faust\" erregt\nhat.\nKarl Franz Gounod.\nDieser Componist ist in Paris am 17. Juni 1818 ge-\nboren, hat von Halevy auf dem Conservatorium in den\nJahren 1836 lB3B Unterricht im Contrapunkt erhalten\nund praktische Compositions-Studien unter Lesueur und\nPaer gemacht. Im Jahre 1837 erhielt er bei der Preis-\nbewerbung im Institut einen zweiten und 1839 für die\nComposition der Canlate „Fernand\" den ersten Preis. Da\nihm dieser ein Stipendium vom Staate einbrachte, so ging\ner nach Bom und widmete sich dort vorzugsweise dem\nStudium der Kirchenmusik. Im Jahre 1843 war er in\nWien und liess dort eine vierstimmige Messe a capella im\nStile von Palestrina in der Karlskirche aufführen.\nNach Paris zurückgekehrt, erhielt er die Dijreclion der\ngeistlichen Musik in der Kirche der Missions etrangeres,\nund es hatte den Anschein, als wollte er in den geistlichen\nStand treten, da er schon dessen Kleid trug. Bis 1851\nherrschte Schweigen in der musicalischen Welt über Gou-\nnod, sowohl was seine Person als seine Arbeiten betraf;\nnur die Gazette Musicale von Paris hatte angezeigt, dass\ner die Weihen erhalten. Auf einmal ging den musicali-\nschen Kreisen gleichsam eine Offenbarung auf durch einen\nArtikel im „Athenäum\" von London, welcher damals\nHerrn Viardot, dem Gemahl der berühmten Sängerin und\nrühmlich bekannten artistischen Schriftsteller, zugeschrie-\nben wurde. Man berichtete darin über ein Concert in St.\nMarlins Hall, in welchem vier Compositionen von Gounod"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "5", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630103-01.1.5", "texte": "aufgeführt worden waren. Es hiess darin unter Anderem:\n„Diese Musik erinnert uns weder in der Form, noch in\nder Melodie, noch in der Harmonie an einen anderen\nComponisten der Vorzeit, noch der neueren Schule; sie ist\nnicht neu, wenn man unter neu seltsam und barock ver-\nsteht; nicht alt, wenn alt so viel als steif ist, wenn es ge-\nnügt, ein dürres Gerüst aufzurichten, hinter welchem sich\nkein schöner Bau erhebt; sie ist das Werk eines vollende-\nten Künstlers, die Poesie eines neuen Dichters\" u. s. w.\n„Nicht aus dem grossen und tiefen Eindruck, den die\nMusik offenbar machte, nicht aus der Aufnahme, die sie\nfand, sondern aus ihr selbst prophezeien wir Herrn Gou-\nnod eine ungewöhnliche Laufbahn, denn wenn in seinen\nWerken kein wahres und neues Genie ist, so muss ich das\nABC der Kunst und der Kritik noch einmal vornehmen.\"\nDieser Artikel, von der Gin Paris ab-\ngedruckt (in ihrer Nummer vom 26. Januar 1851), machte\num so mehr Aufsehen, als „Sappho\", das erste drama-\ntische Werk Gounod's, gerade an der Oper studirt wurde\nund nächstens aufgeführt werden sollte. Die Aufmerksam-\nkeit des Publicums war so lebhaft angeregt, als der Com-\nponist nur wünschen konnte, als sein Werk zum ersten\nMale am 16. April desselben Jahres in Scene ging. Der\nErfolg entsprach den Erwartungen seiner Freunde nicht,\nund zwar aus mehreren Ursachen, deren triftigste der\nschlecht gemachte Text, der Mangel an Einheit, Logik der\nGedanken und kunstgemässem Periodenbau in der Par-\ntitur waren. Indessen trotz der übermässigen Längen in\nden Recitativen, der gar zu eigensinnigen Prätention, die\nFormen, die durch das Genie der Meister geheiligt sind,\nzu meiden, und der Unerfahrenheit in der Bühnenkennt-\nniss wehte doch in dieser Musik ein Hauch von Poesie,\nden Niemand verkennen konnte und der alle Augenblicke\nBlitze von Genie leuchten liess. Sappho machte kein Glück\nund erlebte nur wenige Vorstellungen, aber aus dem, was\ndie Kenner darin gehört hatten, schlössen sie, dass Gou-\nnod eine Zukunft haben werde*).\nNach der Sappho schrieb Gounod Chöre zu der Tra-\ngödie „Ulysses\" von Ponsard, welche im Jahre 1852\nauf dem Theätre franqais zur Aufführung kam. In die-\nsem Werke strebte Gounod nach antikem Charakter, den\ner, sei s durch den Rhythmus, sei's durch ungewöhnliche\nModulationen, zu erreichen suchte. Obgleich diese Absicht\neine gewisse monotone Farbe erzeugte, gegen welche nur\nder eine Chor der „ungetreuen Mägde\" einen Gegensatz\nbildete, so tritt doch in dem grössten Theile des Werkes\nwahres Talent mit Evidenz hervor. Leider machte die\nschleppende Handlung und der Mangel an Interesse in der\nTragödie den Erfolg unmöglich, und so ist diese ausge-\nzeichnete Arbeit des Componisten für die Oeffentlichkeit\nverloren gewesen.\nDie Oper La Nonne sanglante, im grossen Opern-\nhause am 18. October 1854 zum ersten Male gegeben,\nbezeichnete einen Fortschritt Gounod's in gewissen wesent-\nlichen Dingen der dramatischen Musik, namentlich in der\nLührung der Gedanken, in der Form und in dem Colorit\nder Instrumentation. Es steht aber nicht Alles darin auf\ngleicher Höhe, man kann selbst sehr schwache Partieen\ndarin nachweisen, und von der Mitte des dritten Actes\nbis zum Ende der Oper wird die Ermattung der Phantasie\nfühlbar; allein ein sehr schönes Duett im ersten, fast der\nganze zweite und eine Arie und Duett im dritten Acte be-\nkunden einen offenbaren Fortschritt zum Höheren. Trau-\nrig ist es, dass ein solches Talent sich an so mangelhafte\nTexte vergeudet, welche es in ihren Fall mit verwickeln.\n„Die blutige Nonne\" hat sich auch nicht auf dem Reper-\ntoire halten können*).\nDer erste Versuch Gounod's in der komischen Gattung\nwar die Musik zu Le Medecin malgre lui, dem Lustspiel\nvon Moliere, das zu einer komischen Oper für das Theätre\nlyrique eingerichtet worden war. Einige gute Nummern\nsind wohl in der Partitur, aber man fühlt, dass der Com-\nponist kein Talent für diese Gattung hat.\n\n*) Vergl. die ausführliche Analyse des Textbuches und der Mu-\nsik durch unseren pariser Correspondenten in Nr. 49 der Rhei-\nnischen Musik-Zeitung vom 7. Juni 1851. Fetis1 Urtheil\nstimmt mit dem dort ausgesprochenen überein, nur dass in dem\npariser Briefe Gounod's Streben nach einer wirklichen Reform\nder französischen Oper mehr anerkannt und hervorgehoben,\naber auch seine Missgriffe dabei schärfer ins Auge gefasst\nwerden. Unsere Zeitung schrieb schon vor eilf Jahren über\nGounod's Zukunft: „Trotzdem ist die Oper Sappho eine bedeu-\ntende Erscheinung, und alle Mängel derselben, die auch in\nbloss musicalischer Hinsicht sehr auffallend sind, werden oder\nsollten wenigstens nicht bewirken, dass sie spurlos vorüber\ngehe; denn es ist des Schönen und Poetischen zu viel darin,\nals dass man daran nicht Hoffnungen auf Gounod's Zukunft\nknüpfen sollte.\"\nDie Redaction*\n*) Mit [dieser „blutigen Nonne\" gehen unsere pariser Briefe\nbei Weitem nicht so glimpflich um, wie Fe'tis. S. Jahrgang\n3854, Nr. 45 vom IL November. Trotzdem, dass Scribe der\nVerfasser, behaupten sie, dass noch nie ein erbärmlicheres\nOpernbuch geschrieben sei, dass mit Ausnahme von Einzelhei-\nten, denen man eine gewisse Anerkennung nicht versagen\nkönne, von Stil bei einer Musik nicht die Rede sein könne,\nwelche an alle möglichen Schulen von Gluck bis auf Berlioz\nund Wagner erinnere u. s. w. u. s. w. Sehr interessant sind\ndie dort gegebenen Beispiele der Reclame, welche die „er-\nschreckende Wahrheit\" und „die objective Macht\" dieser Musik\nrühmt, die „trotz einer gewissen Schwere und einer zuweilen\nnegativen Sonorität, welche durch die Verbindung der In-\nstrumente in zu nahen Intervallen entsteht (ein köstlicher\nAusdruck für gräuliche Dissonanzen!), vollkommen geeignet\nist, die poetische Idee zu verwirklichen\" u. s. w. u. s. w.\nDie Redaction."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "6", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630103-01.1.6", "texte": "Der 19. März 1859 ist der grosse Tag in Gounod's\nKünsllerleben; es war der Tag der ersten Vorstellung sei-\nnes „Faust\", seines bis jetzt vorzüglichsten Werkes. Der\nStempel der Originalität ist dieser Composition aufgedrückt:\nmehr bedarf es nicht, um die Gewissheit zu geben, dass\ndiese Partitur auf die Nachwelt als eine schöne Schöpfung\nder französischen Schule kommen wird, wenn man auch\nin gewissen Beziehungen Ausstellungen daran machen kann.\nWenn die Partieen des Faust und des Mephistopheles\nnicht ganz dem, wie man sich diese phantastischen Perso-\nnen denkt, entsprechen, so ist doch Margarethe vollendet\nschön. Einige Nummern des ersten Actes, fast der ganze\nzweite und besonders der dritte bekunden ein Talent er-\nsten Ranges. In diesem dritten Acte sind Faust's Arie:\nlut, demeure chasteet 'pure\", Gretchen's Ballade, das\nQuartett im Garten, das Duett zwischen ihr und Faust\nund die Melodie: „0 nuit d'amou, wahrhaft geniale Ein-\ngebungen. Auch gut rhythmisirte Chöre sind im zweiten\nund dritten Acte; der Chor der Alten in der Introduction\ndes zweiten Actes ist von reizender Naivetät. Der Marsch\nim vierten ist ebenfalls merkwürdig. Leider erlahmt die\nInspiration nach dieser Nummer; sie verlässt den Tondich-\nter da, wo die düstere Partie des Drama's beginnt. Wenn\nGounod nach Kraft sucht, findet er nur Lärm. Das Ter-\nzett des Zweikampfes, das darauf folgende Ensemble, die\nScene im Dom und das Terzett im Gefängniss sind mehr\noder weniger verfehlt. Ausser dem Trinkliede Faust's ist\nes mit der Brockenscene derselbe Fall; übrigens erinnert\ndiese zu oft an Weber's Freischütz*).\nIn „Philemon und Bau eis\", Oper in drei Acten,\nauf dem Theätre hjriqueden 18. Februar 1860 zuerst\ngegeben, sind hübsche Sachen, besonders in Einzelheiten\nfindet man das Talent des Componisten wieder: allein die\nInspiration der Empfindung ist weniger glücklich, weil der\nStoff des Stückes unwahr ist. Die Oper hat sich nicht auf\nder Scene gehalten**). —ln dem Augenblicke, wo wir die-\nses schreiben, wird die „Königin von Saba\" von Gou-\nnod in der grossen Oper studirt. | Siehe über diese im\nFebruar 1862 in Scene gegangene Oper Jahrg. 1862,\nNr. 11 und Nr. 14 d. Bl.]\nIm Anfange war die Kirchenmusik, wie schon im Ein-\ngange dieses Artikels gesagt worden, Hauptsache bei Gou-\nnod. Er hat Messen, Psalmen, Motetten für einen oder\nzwei Chöre, a capella und mit Orchester geschrieben. Ein\nAgnus Deiaus einer Messe wurde in dem Concerte zu\nLondon aufgeführt, über welches das „Athenäum\" be-\nrichtete; später ist es auch in einem Conservatoire-Con-\ncerte in Paris mit Erfolg gegeben worden. Eine Messe,\na capella zu singen, ist in der Kirche St. Germain l'Auxer-\nrois aufgeführt worden u. s. w. Instrumentalsachen von\nGounod, namentlich Sinfonieen, sind in Paris gemacht\nworden und wurden als achtungswerthe Compositionen\naufgenommen.\nIn seinen dramatischen Werken hat das Recitativ\nwahren Ausdruck und richtige Declamation, die Chöre\nhaben einen meisterhaft kräftigen Rhythmus; Gounod hat\nauch Melodie, die sogar zuweilen sehr einnehmend ist;\nseine Harmonie hat Eleganz und unerwartete Aufeinan-\nderfolgen, und die Instrumentation ist reich an Effecten.\nAber wenn der Ausdruck Kraft und begeisterten Schwung\nverlangt, so fehlen diese bei ihm, wie es die letzten Acte\ndes Faust beweisen. Er hat Gefühl, allein es strömt nicht\nfrei aus, es wird durch die Rellexion beengt und be-\nschränkt. Ueberall schimmert feine analytische Intelligenz\ndurch, überall zeigt sich die Factur eines Meisters: aber so\nschätzenswerth auch diese Eigenschaften sind, so können\nsie doch da, wo die dramatische Handlung energische Be-\ngeisterung fordert, diese nicht ersetzen. [Felis hat in die-\nsen Tagen nun auch „Die Königin von Saba\", die in\nBrüssel mit grossem Pomp gegeben worden ist, gesehen.\nIn dem oben angeführten Berichte aus Paris in unserer\nNr. 11 v.J. wird dieser Musik vorgeworfen, dass sie „die\nganze Manier des Wagner'schen Opernstils copire\", und\nes spricht sich das Bedauern aus, „dass sich Gounod's\nGenie hier verirrt habe, da er sich in eine Stilgattung ge-\nworfen, zu deren verzeihlicher Durchführung es ihm eben\nso sehr an Wagner's interessanten Excentricitäten, als an\nder deutschen Tiefe fehle\". Fetis dürfte wohl jetzt dersel-\nben Ansicht sein.]\nGounod ist mit einer Tochter des verstorbenen Zim-\nmermann, des berühmten Professors am Conservatorium\nzu Paris, vermählt. Seit 1852 führte er die Direction des\nOrpheons, d. i. der Gesangvereine der pariser Communal-\nschulen; im Jahre 1860 hat er jedoch diese Stelle nie-\ndergelegt, um sich ganz der Composition zu widmen.\n\n*) Yergl. Jahrgang 1859, Nr. 52 d. 81., Pariser Brief S. 410 und\n411, wo es u. A. Heisst: „Das Orchester ist gut behandelt,\nmanchmal überraschend soliön, anderswo freilich wieder nur\nLärm. Der dritte Act der beste. Hier ist Alles hübsch und\ndie Duette zwischen Faust und Gretchen schön, weil edel und\ngefühlvoll. Leider hält sich der Componist nicht auf dieser\nHöhe das Terzett gewöhnlich Mephisto's Gesang im\nDom widerliche Rhetorik Walpurgisnacht allerdings toll,\naber das ist keine Musik mehr\" u. s. w.\nDie Redaction.\n**) Yergl. die Analyse im Jahrg. 1860, Nr. 29 d. Bl.: „Der erste\nAct ist langweilig, der zweite dumm, der dritte frivol solch\nZeug zu componiren, gibt sich ein wirkliches Talent wie Gou-\nnod her!\" u. s. w. u. s. w."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "7", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630103-01.1.7", "texte": "Prolog zum Concerte am Cäcilien-Tage, den 22.\nNovember 1862, in Köln\nWenn heute hier im glanzerfüllten Saale\nDer Töne Klang an uns vorüberrauscht,\nSo gilt es nicht bloss heiterrn Musenspiele,\nDas Ohr und Herz erfreut und still entzückt;\nDie Töne rufen uns zum Jubelfeste,\nDas der Erinn'rung jenes Tags geweiht,\nAn dem vor fünfzig Jahren edle Männer\nVereint zum Guten in der Heimat Boden\nZwei unscheinbare Keime freudig pflanzten.\nAus ihnen wuchs empor ein blüh'nder Hain,\nDen sie zum Heiligthum der Tonkunst weihten,\nUnd unter seinen dichtgewölbten Zweigen,\nDie sich in Schwesterliebe eng umschlangen,\nErstanden zwei Altäre, deren Flammen\nZu ihrem Opfer in einander glühten.\nVor fünfzig Jahren! War das nicht das Jahr,\nDas letzte Jahr, dass unser Vaterland\nDes fremden Herrschers eli'rne Fesseln trug?\nDa zog vom Norden aus die dumpfe Kunde\nWie eine schwere Wölk' am Himmel her,\nBis, wie mit eines Cherubs Donnerstimme,\nDer Huf erklang: „Der Herr hat ihn geschlagen,\nSein stolzes Heer, es liegt im kalten Grab;\nUnd jener Feuersäulen wilde Gluth,\nDie an der Moskwa Strand gen Himmel lodert,\nSie sei der deutschen Freiheit Morgenroth!\"\nNoch einmal schlugen dann des Krieges Wogen\nZusammen über unserm Vaterland.\nWo blieb der Kunst noch eine feste Stätte,\nDa Alles schwankt' im Sturm der rauhen Zeit?\nUnd dennoch trieb, ihr ein Asyl zu gründen,\nDie Hoffnung, dass auch wohl ein stiller Heerd\nZu einem Hochaltare wird, wenn nur\nDer Glaube an das Wahre, Gute, Schöne\nAuf ihm die reine Opferflamme nährt.\nDie Hoffnung täuschte nicht, denn in der Luft\nDer Freiheit wuchsen hier die jungen Stämme,\nSorgsam und treu gepflegt von kund'ger Hand,\nZu hohen Palmen auf, in deren Schatten\nSich lagerte, wer in dem eignen Herzen\nMit Lust vernahm der Töne Wiederhall,\nDie in den Wipfeln ihrer Kronen rauschten.\nIst doch der Geist, der sich nach Höherm sehnt,\nSo oft gefesselt an die Wirklichkeit,\nDie feinen Flug an tausend zähen Banden\nDes Alltagslebens neidisch niederhält!\nDoch wenn des arbeitsvollen Tages Bürde\nSich löst, der Abend freundlich Ruhe bringt:\nWohl uns, wenn dann der Musen holde Gunst\nUns in das Reich der Ideale trägt!\nDann wandeln wir zu ihrem Tempel hin,\nUm aus dem frischen Lebensquell der Kunst\nZu neuer That auch neuen Muth zu schöpfen.\nUnd Blüthen brechen auf und Blumen spriessen,\nUm die der Frühling seinen Teppich webt,\nDie eine Welt der Phantasie erscliliessen,\nWorin der Geist der ew'gen Jugend lebt.\nDie Sorge weicht zurück in graue Ferne,\nDas Schöne strahlt im Glanz der Himmelssterne.\nHört ihr im Hauch der Lüft' ein leises Tönen,\nGetragen auf des Wohllauts weichen Schwingen?\nDas ist das Zauberhorn des ewig Schönen,\nVon dem die alten Märchen Wunder singen,\nMit dem vereint, Getrenntes zu versöhnen,\nDer goldnen Saiten Harmonie'n erklingen.\nDann aus der Ferne dringen holde Klänge,\nWie sanfter Wellenschlag vom Ufer her:\nBald aber rauschen mächtig die Gesänge,\nWie Wogendrang im sturmbewegten Meer;\nEin „Halleluja\" schwingt sich auf zum Herrn,\nIn glaubensfreud'ger Pracht der Jubeltöne,\n„Denn Er regiert von nun an und auf ewig!\"\nUnd siehe! „Millionen stürzen nieder\",\n„Es ahnet ihren Schöpfer eine Welt\",\nEntzückt verhallend steigen ihre Lieder\nEmpor zum „Vater über'm Sternenzelt.\"\nDoch, wie im Leben selbst der Wechsel walte*,\nSo auch in jenen fliicht'gen Lebensbildern,\nDie uns der Töne bunte Farben schildern.\nWenn sich des Frohsinns Blüthe hold entfaltet,\nDann führen sie uns aus den heil'gen Räumen\nIn heit're Gärten, wo die Freude schaltet,\nWo wir so gern uns froh und glücklich träumen,\nWenn nur das eigne Herz noch nicht erkaltet.\nO schaut, wie dort von jenen Trauben-Hügeln\nIn buntem Schmuck ein Reigen, Paar an Paar,\nHernieder steigt: den jugendlichen Greis,\nDess Töne ihren Schritt zum Tanz beflügeln,\nIhr kennt ihn wohl: den Kranz im Silberhaar\nHat ihm die Muse selbst mit Lust gebunden.\nBegeistert schwingt den Stab die muntre Schar,\nMit Rebenlaub, des Herbstes Zier} umwunden,\nUnd laut ertönen ihre frohen Weisen,\nDes Schöpfers Gaben freudenvoll zu preisen.\nDoch dort, wo in der Trauerweide Schatten\nDie Muse weinend ihren Lorber senkt\nAufs frühe Grab des hohen Göttersohnes,\nDem aller Töne Geister unterthan,\nDem aus der Seele Melodieen quollen,\nEin reicher Strom aus ewig frischem Born\nDorther erklinget aus geweih'ten Hallen\nEin Bequiem aeterncim dona eis.\nEr sang's für sich: der Schleier ist gefallen,\nUnd Himmelslicht umstrahlt ihn ewiglich.\nDa nahen sich im Morgenglanz die Hören\nLaid öffnen weit das dunkle Wolkenthor:\n„Ein neuer Genius ist euch geboren!\"\nSo tönt's herab in feierlichem Chor.\nUnd sieh, er steigt auf uns're Fluren nieder;\nUnd alles Grosse, das die Welt bewegt,\nDes Erdenlebens Kampf mit dem Geschick,\nDie Leidenschaft, die sich im Busen regt,\nDas tiefe Weh, der Wonne Sonnenblick\nDas Alles spiegeln seine Töne wieder:\nSie tauchen uns ins Meer der Schrecken\nUnd heben uns empor zu Himmelshöh'n.\n\n*) Zum fünfzigjährigen Jubelfeste der musicalischen Gesellschaft\nund des städtischen Gesangvereins zu Köln (s. Nr. 48 d. 81.\nvom *29. November v. J.) auf mehrseitiges Verlangen mit-\ngetheilt.\n*).\n*)."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "8", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630103-01.1.8", "texte": "Wenn auch „das Schicksal klopft an seine Pforte\",\nEr öffnet kühn, und mit der Zaubermacht\nDer Harmonie löst er den ew'gen Streit\nDes Menschenlebens zwischen Licht und Nacht,\nUnd führt uns durch der Freiheit goldnes Thor\nIns Heiligthum der wonnigen Gefilde,\nWo „Freude! schöner Götterfunken!\"\nErschallt in tausendstimmigem Chor.\nUnd das Geineine weicht vor seinen Tönen\nIns freudenleere, fahle Dunkel hin:\nSie aber feiern den Triumph des Schönen,\nAls edler Geister herrlichsten Gewinn.\nSo lasst auch uns, was wir bis heut' errungen,\nIn Lieb' und Treu fortan der Tonkunst weih'n;\nWas aus der hohen Meister Geist erklungen,\nMög1 uns ein heiliges Vermächtniss sein!\nUnd dass den Jüngern wir es treu bewahren:\n„Das Edle mit dem Schönen im Verein\",\nDas soll auch in den neuen fünfzig Jahren\nFür unsern Bund der feste Wahlspruch sein !\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKolli. Die zweite Soiree für Kammermusik am 30. vor.\nMonats und Jahres brachte zuerst ein ganz neues Violin-Quartett\nvon R. Volkmann, Op. 43 in Es-dur, dessen erster Satz gefiel\nund Erwartungen erregte, welche jedoch die folgenden Sätze nicht\nbefriedigten, namentlich können das Adagio und das Finale weder\nerwärmen noch besonders interessiren, wurden desshalb auch vom\nPublicum mit Schweigen aufgenommen. Das Scherzo ist allerdings\ninteressant und auch, wenn mair will, geistreich gemacht, indessen\ndoch immer mehr gemacht als gedichtet; schon der ausgesuchte,\ngekünstelte Rhythmus Fünfviertel-Tact • verräth zu sehr die\nAbsicht, neu zu sein und zu frappiren. Immerhin ist jedoch ein be-\ndeutendes Talent darin nicht zu verkennen, und es wäre zu wün-\nschen, dass Volkmann sich einmal mehr auf ebener Bahn gehen\nliesse, anstatt sich mühsam durch Gestrüpp und Dornen einen Weg\nzu suchen. Auf diese Musik folgend, wurde Mozart' s herrliche\n.4-c£wr-Sonate für Ciavier und Violine bei jedem Satze mit einem\nwahren Jubel aufgenommen, zumal da sie von den Herren Hill er\nund von Königslöw über alle Beschreibung meisterhaft vorge-\ntragen wurde. Das Geigen-Quartett feierte darauf seinen Triumph\ndurch den trefflichen, bei der grössten Correctheit und technischen\nVollendung echt poetischen Vortrag des its-dm*-Quartetts, Op. 74,\nvon Beethoven, welcher das zahlreiche Publicum denn trotz\ndes herabströmenden Regens war der zweite Saal des Gürzenich\nganz gefüllt wahrhaft begeisterte und entzückte. Den Beschluss\nmachte der feine und charakteristische Vortrag der hübschen „N o -\nvelletten\" für Ciavier, Violine und Violoncell von N. W. Gade,\nan denen wir nichts auszusetzen haben, als den wunderlichen Titel,\nda „Novellette\" nichts Anderes bedeuten kann als „kleine Novelle\",\nund doch etwas mehr als eine reiche Phantasie dazu gehört, in je-\nden der fünf kleinen Sätze den Inhalt einer Novelle hinein zu tragen.\n** ISerliii. Dem Vernehmen nach soll mit der Herabsetzung\nder Orchesterstimmung hier bei der Militärmusik der Anfang ge-\nmacht werden. Das wäre sehr löblich, denn die Militärmusik ist\nwesentlich mit an dem Hinaufschrauben der Stimmung schuld, we-\nnigstens die österreichische, von welcher dies notorisch ist. Der\nMusik-Director Wieprecht soll sich sehr für die Annahme einer\nniedrigeren, aber wo möglich in ganz Europa gleiehmässigen Stim-\nmung interessiren. Ein noch wenig beachtetes Gewicht für die Sache\nliegt in dem Vortheil, der aus einer europäischen Stimmgabel für\ndie Industrie de« Instrumentenbaues aller Länder daraus entspringen\nwürde. Die Schutzzöllner werden indess wahrscheinlich auf einer\nsächsischen, würtembergischen, baierischen, reussischen u. s. w. Gabel\nbestehen, weil sie jeder allgemeinen Stimmung abhold sind!\nSeit Kurzem haben wir hier, weil wir einmal von Industrie spre-\nchen, ein neues Etablissement der Art, das grosse Pian o forte -\nMa gazin von Heinr. Wolf & Comp. (Grosse Friedrichsstrasse\n208, Bel-Etage), welches auf hiesigem Platze die Haupt-Niederlage\nder vortrefflichen Instrumente von Gerhard Adam in Wesel bil-\ndet. Dadurch sind die Erzeugnisse dieser bedeutendsten Fabrik am\nRheine, die durch die Preis-Medaillen der düsseldorfer, pariser und\nlondoner Ausstellungen als ganz vorzüglich anerkannt worden sind,\nden musicalischen Kreisen der Residenz und der östlichen Provinzen\nüberhaupt zugänglicher geworden und haben hier Aufsehen erregt\ndurch Solidität der Arbeit und schönen, vollklingenden Ton.\nDer Ciavier-Virtuose und Professor am Conservatorium Theo-\ndor Kullack ist am 25. December, Morgens 7 Uhr, plötzlich ge-\nstorben. Er hinterlässt eine Witwe mit vier Kindern.\nMan schreibt aus Darmstadt: „Die Vorbereitungen zur neuen\nGounod'schen Oper Die Königin von Saba haben begonnen, und\ndürfte dieselbe im Januar zur Aufführung kommen. Die Musik bie-\ntet manche Schönheiten. Der Kirchenstil [?!] spielt darin keine un-\nbedeutende Rolle. Im Uebrigen scheint Wagner wiederholt zum Vor-\nbilde gedient zu haben. Die Direction scheut keine Kosten, um die\näussere Ausstattung so brillant wie möglich zu gestalten. Der zweite\nAct, der in Paris wegen Feuersgefahr wegbleiben musste [der Guss\nvon glühendem Erz], kommt hier zur Aufführung und steht von dem\ntalentvollen Maschinisten Brand Bedeutendes zu erwarten.\" (!!)\nIn Oldenburg führte man am 5. December ein Oratorium\n„Gideon\" von L. Meinardus auf. Der in Glogau lebende Compo-\nnist war zur Aufführung anwesend, und das Werk sprach das Pu-\nblicum sehr an.\nWien. Am 2G. December v. J. fand im Theater an der Wien\neine Aufführung von Stücken aus Wagner's Meistersängern, dem\nRheingold und dem Ring der Nibelungen unter seiner Direction Statt.\nDer Capellmeister am k. k. Hof-Operntheater zu Wien, Herr\nOtto Dessoff, wurde durch ein Hof-Decret ausgezeichnet, welches\nihm seine permanente Anstellung sichert und den Titel eines Hof-\nCapellmeisters verleiht. Diese Anerkennung erregt um so grössere\nBefriedigung, als sie gegen sonstige Gewohnheit einem jungen stre-\nbenden Manne verliehen wurde, der noch ein paar Jahre vor sich\nhat, um sich des Genusses der erlangten Stellung erfreuen zu können."}]}