{"numero_id": "bm-bmtnabi-1863-01-10-01", "volume": "bmtnabi_1863-01-10_01", "ocr_sha256": "deeb70e0dfb96488ac149db9ae13a11b357c9a30710c6ce5ec8367c29955bda6", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1863/01/10_01/bmtnabi_1863-01-10_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630110-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1863-01-10-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1863-01-10_01#c001", "volume": "bmtnabi_1863-01-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "9", "page_fin": "9", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630110-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "9", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630110-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 262, "texte": "Inhalt.\nRückblick, I. Erinnerungen an T. 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Jedes Streben, der Kunst ihr Recht zu\nsichern und es auch unter erdrückenden Verhältnissen gel-\ntend zu machen, das Recht, eben so wie Religion und\nPhilosophie, das Edle im Menschen gegen den Andrang\nder Aussenwelt zu schützen, der Seele das Gegengewicht\ngegen die steigende Macht des Gemeinen zu geben, jedes\nStreben nach diesem Ziele hin schien uns einer angestreng-\nten Thätigkeit würdig.\nEs leitete uns also auf der einen Seite weniger die\nAbsicht, ein neues kritisches Institut zu gründen, als ein\nOr gan, welches durchaus nicht bloss für Künstler, für\nMänner vom Fach, sondern auch für die Masse der Gebil-\ndeten bestimmt wäre, um in den weitesten Kreisen die\nwahre Würdigung der Tonkunst zu fördern und eine\nernste Kunstliebe im Gegensatze der spielenden Liebhabe-\nrei zu wecken und zu nähren. Soll die Musik auf die Bil-\nDung und Veredlung des Volkes wirken, so müssen sich\nihre literarischen Vertreter an das ganze Publicum wen-\nden, um als leitende Führer den Verlangenden und Em-\npfänglichen die Hand zu bieten, um ihnen das Erkennen\nder Musen in ihrer wahren Gestalt zu vermitteln, um ihnen\nV\ndas Verständniss der Kunstwerke zu erleichtern und den\nGenuss daran zu erhöhen.\nDesshalb gaben wir unserer Zeitung die Ueberschrift:\n„Für Kunstfreunde und Künstler\", und deuteten\ndurch die Voranstellung der „Kunstfreunde\" einen Haupt-\nzweck des Unternehmens an.\nDie Form der Darstellung, welche durch diesen Zweck\nbedingt wird, hat allerdings ihre Schwierigkeit; allein\ndiese Schwierigkeit wurde für uns wenigstens nicht durch\ndie Befürchtung vergrössert, dadurch die Würde der\nKunst zu entweihen. Wir waren im Gegentheil von der\nUeberzeugung belebt, dass wir gerade um der Würde der\nKunst willen den steifen Kanzleistil der Musikgelehrten\nverbannen und mit einer Sprache vertauschen müssten, die\njedem Gebildeten verständlich sei. Nur dadurch, meinten\nwir, sei es möglich, die Oberflächlichkeit des Urtheils der\nMenge über Kunstwerke in verständigere Erwägung zu\nverwandeln, und durch eine ernste und gesunde Liebe zur\nMusik die eitele und tändelnde und krankhafte Liebelei,\nja, die frivole Buhlerei mit ihr zu verdrängen. Wir brau-\nchen wohl kaum zu erinnern, dass eine solche Form der\nDarstellung auf der Grundlage der Wissenschaft der Kunst\nberuhen und von ihrem Geiste durchweht sein muss, wenn\nsie wirken soll, was sie wirken will.\nDie Art und Weise, wie wir unseren Zweck zu ver-\nfolgen gestrebt haben, liegt dem Publicum in dreizehn\nJahrgängen (drei im Verlage von M. Schloss, 1850\nbis 1852, und zehn im Verlage der M. DuMont-Schau-\nberg'schen Buchhandlung, 1852 bis 1862) vor. Dank\nden trefflichen Kräften, welche eben so kenntnissreiche als\nin künstlerischer Beziehung gesinnungstüchtige Männer an-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "10", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630110-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5144, "texte": "dauernd und meist ganz uneigennützig, bloss von der\nLiebe zur Sache geleitet, der Zeitschrift gewidmet haben,\nhat die Theilnahme des Publicums für dieselbe unsere\nHoffnung in dem Grade befriedigt, bis zu welchem das\nInteresse der Lesewelt überhaupt sich den Kunstblättern\nzuwendet. Die Verbreitung derselben aber nicht nur in\nDeutschland, sondern auch im Auslande, hat unsere Er-\nwartung übertreffen; eine grosse Anzahl von unseren Ar-\ntikeln eignen sich seit Jahren die ausgezeichnetsten musi-\ncalischen Blätter anderer Nationen an, und es kann uns\nnur freuen, wenn unsere Grundsätze und Ansichten auch\nin den musicalischen Kreisen von London, Paris, Peters-\nburg u. s. w. zur Geltung kommen, wiewohl einige Blätter\nes in der That etwas arg damit treiben, wie denn z. B.\ndas londoner Journal Musical World in einer einzigen\nNummer des Jahrgangs 1861 einmal sechs aus der Nie-\nderrheinischen Musik-Zeitung übersetzte Artikel enthielt,\nohne bei allen die Quelle zu nennen, was es übrigens\nsonst gewissenhaft thut.\nAusserdem hat uns auch die Zustimmung zu unseren\nGrundsätzen und die wohlwollende Anerkennung der Lei-\nstungen unserer Zeitschrift von Seiten so vieler Männer\nvom Fach und so bedeutender Musiker wohlgethan und\nzu thätigem Fortscbreiten auf der betretenen Bahn ermun-\ntert, namentlich in Bezug auf die andere Aufgabe unseres\nUnternehmens, auf die Bestrebung, die wahre Lehre\nvom Schönen in der Tonkunst gegen die Theorieen\njener unreifen Kunst-Philosophen zu schützen, welche die\nganze grosse Vergangenheit der Tonkunst verläugnen und\nnicht etwa unsere Zeit, sondern sich selbst als Repräsen-\ntanten derselben, durch einen unverhüllten Cultus des\nSubjectes, das heisst hier ihrer eigenen Persönlichkeit,\nvergöttern.\nBolcli Einer sagt: „Icli bin von keiner Schule,\nKein Meister lebt, mit dem ich buhle:\nAuch bin ich weit davon entfernt,\nDass ich von Todten was gelernt.\"\nWenn wir nun auch nicht mit dem Dichter die Conse-\nquenz ziehen wollen: „Das heisst, wenn ich ihn recht ver-\nstand: Ich bin ein Narr auf eigne Hand!\"—weil Manche\nvon jener so genannten Partei es um so ehrlicher meinen,\nje engere Gränzen die Natur ihrem Gesichtskreise gezogen\nhat, so mussten und müssen wir uns doch gegen diejeni-\ngen erklären, die anstatt verständiger Prüfung und Zurück-\nführung der neuen Münze auf ihren wahren Werth,\n„begabten Manns Natur- und Geisteskraft,\ndas Gold gemünzt und ungemünzt zu finden,\nmit der Partei Posaunenton verkünden.\"\nDieses Trompeten-Gefolge wirklich begabter und wenn\nauch im Wissen unklarer, im Können unbefriedigender,\n(loch im Wollen folgerichtiger und energischer Männer\nbringt die Kritik überhaupt durch den bündlerischen Geist,\nder sie leitet, in Misscredit, und was sie Partei nennen, ist\nnichts Anderes, als was bei den Franzosen Coterie, Clique,\nCamaraderie heisst und wofür die deutsche Sprache eigent-\nlich gar kein Wort hat.\nWenn nun auch in den letzten Jahren sich die Un-\nhaltbarkeit der neuen Fortschritts-Theorieen, der Lehre\nvom aussermusicalischen gegenständlichen Inhalt der Mu-\nsik u. s. w. mehr und mehr erwiesen hat, wenn auch die\npraktische Beweisführung durch Composilions-Versuche\nnach neuestem System meistens verunglückt ist, weil in\ndiesen Versuchen gerade nur dasjenige ansprach, was mit\nder alten Schönheits-Lehre harmonirte, so ist doch beson-\nders bei dem jüngeren Geschlechte der Tonkünstler noch\nein gewisser Nachhall zu vernehmen, der aus jener Pe-\nriode herübertönt, wo die Apostel der neuen Lehre un-\naufhörlich die grosse Glocke läuteten und sich eine Menge\nHandlanger herandrängten, um sich mit an die Stricke zu\nhängen.\nFreilich lesen wir wohl heute kaum noch Dinge, wie\nin den Nachjahren von 1848, wo den Heissspornen der\nTonkunst „Beethoven auf halbem Wege stehen geblieben;\ner hat rcformirt, aber nicht revolutionirt er ist Ueber-\ngangs-Periode (!) er hat uns eine Zwitterschaft geboren\nund ist Schuld daran, dass die freie Tochter Musik noch\neine Zwangsjacke trägt, denn selbstständige Formen und\nfeststehende Gesetze sind Unsinn in der Musik\" oder:\n„Der Fortschritt der Instrumental-Musik besteht darin,\ndass sie Gegenstände zum Ziel nimmt und diesem Inhalt\nim Ausdruck den Grad der Bestimmtheit gibt, den sonst\nnur Poesie und bildende Kunst (!) ihrem Gegenstande\nleihen können\"—oder: „Haydn hat es nie bis zur Sünde\ngebracht, Mozart sündigte und bereute, Beethoven halte\ndie Sünde von vorn herein überwunden\"!! Das belächelt\nman heute: und auch mit der „Allkunst\" ist es vorbei.\nAber trotz alledem sind wir noch lange nicht wieder\nganz aus dem Dunst und Nebel in klare Regionen gekom-\nmen, wie wir nächstens durch Beispiele zeigen werden,\nund eine von den widersinnigsten Behauptungen des Kory-\nphäen jener Zeit, an die er wohl selbst jetzt nicht mehr\nglaubt, scheint auf die ungeheure Productionswuth unserer\nMusiker noch nachzuwirken.\nEs ist dies die neue Genie-Lehre Wagner's. „Die Le-\nbenskraft als schaffendes Princip in der Kunst\"\nsagte er, ist nicht eine Gabe der Allmacht oder der Will-\nkür Gottes oder des Zufalls, sondern sie ist bei allen\nMenschen dieselbe, nur dass durch die Erziehung ihre\nEntwicklungsfähigkeit unterdrückt und nach und nach zer-\nstört wird.\""}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "11", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630110-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4844, "texte": "Es darf also nicht mehr heissen: „Der Künstler wird\ngeboren\", sondern: „Der Mensch ist ein geborener Künst-\nler\", und nur seine Erziehung ist Schuld, wenn er kein\nMozart oder Raphael wird.\nSo absurd das nun auch ist\nü n'y a qu'im pas—, so scheint doch die stets zunehmende\nZahl von Handwerkern in der Kunst, überhaupt das Wu-\nchern der Mittelmässigkeit auf ihrem Gebiete, dafür zu\nzeugen, dass jener Glaube sich weiter verbreitet hat.\nBei der Wahl des Lebensberufes spielt jetzt die Musik\neine Hauptrolle, sie ist ein Fach, ein Brod-Studium gewor-\nden, das man nach äusseren Rücksichten und Verhältnis-\nsen ergreift, wie es häufig auch mit anderen Fächern gei-\nstiger Thätigkeit geschieht. Dass der Eine Arzt wird, weil\nsein Vater eine Apotheke hat, der Andere Jurist, weil er\nvon dem seinigen Processe erben wird, der Dritte Theo-\nloge, weil die Familie ein Stipendium geniesst, das ist was\nAltes. Vor der Kunst aber hatte man doch bis jetzt noch\nScheu; man dachte nicht daran, sich ihr zu widmen, wenn\nnicht die Natur sichtbar durch ausserordentliche Anlagen\nden Entschluss rechtfertigte. Jetzt aber ist die Kunst, na-\nmentlich die Musik, ebenfalls ein Beruf geworden, nur mit\ndem Unterschiede, dass er noch häufiger als die anderen\nohne Beruf gewählt wird.\nDer Vater oder die Mutter entdeckt im Söhnlein ein\nBehagen an Klang, oder lange geschmeidige Finger, oder\nein gutes Gehör, oder ein Bisschen Stimme: die Glückli-\nchen! Sie besitzen ein Capital, das nicht vortheilhafter als\nin Kunst angelegt werden kann. Gedacht, gelhan! Die\nAbrichtung geht in allen Regeln ihren Weg, und der tech-\nnische Musiker wird fertig. Aber er muss auch compo-\nniren, um sich zur Geltung zu bringen. Nun ja! die\nGrammatik der Harmonielehre ist nicht schwerer zu be-\ngreifen, als die Elementar-Mathematik und die lateinische\nSyntax: er braucht ja nur das Componiren zu lernen,\nund dazu gibt es Gelegenheiten genug. Kurz, in diesem\nGlücklichen ist der „geborene Künstler\" nicht „vernich-\ntet\" worden, er hat die „richtige Erziehung\" genossen,\nund—der Stümper ist fertig.\nDas Ding ist dieses Mal missglückt; allein wenn „wir\nAlle Genie's werden können\" (R. Wagner's Mitthei-\nlungen an seine Freunde, S. 36), warum soll ein junger\nMensch nicht den Versuch machen? Gelingt's ihm nicht,\nso war er vielleicht eher geboren, als die neu entdeckte\n„communistische Kraft, welche die individuelle Kraft, die\nwir blödsinnig bisher mit der Bezeichnung Genie er-\ngründet zu haben glaubten, als solche in sich schliesst\"\n(Derselbe a. a. 0.), in Wirksamkeit treten konnte!\nFreilich, man könnte beinahe an die allgemeine Strö-\nmung eines solchen communistischen Fluidums, wenn auch\nnur in unendlicher Verdünnung, durch die Welt glauben,\nwenn man die Erscheinungen unserer Zeit auf dem Felde\nder Musik betrachtet. In der Verbreitung überflügelt die\nTonkunst alle übrigen Künste, die Theilnahme an ihr stuft\nsich von der edelsten Begeisterung und wahren Liebe bis\nzur flachen Eitelkeit und dem leichtsinnigsten Zeitvertreib\nab und geht durch alle Stände und Bildungen; die Dreh-\norgel hat so gut ihre Verehrer, als die Sinfonie und das\nOratorium, von der Oper zu schweigen, gegen die das\ngesprochene Drama gar nicht mehr aufkommen kann. Der\ngrosse Fortschritt in dem vervollkommneten Bau der be-\nkannten und in der Erfindung neuer Instrumente bietet\neinen Reichthum der Klangmittel dar, der zum Luxus\ndrängt, und die fabelhafte Steigerung der Technik auf eine\nHöhe, die keine Schwierigkeiten der Ausführung mehr\nkennt, verführt zu einer rücksichtslosen Benutzung jener Mit-\ntel, welche von den Anfängern im Componiren eben so wie\nvon den Meistern als unbestreitbares Recht in Anspruch\ngenommen wird. Die Beschäftigung mit der Musik als Le-\nbensberuf hat durch alles das dermaassen zugenommen,\ndass es nur noch an der statistischen Zusammenstellung\no\nder Musiker neben den übrigen lebendigen Landes-Pro-\ndueten eines Staates fehlt, um zu zeigen, dass da, wo sonst\nzehn, jetzt Hunderte von Musikern auf die Quadratmeile\nkommen. Nimmt man den Dilettantismus hinzu, der in\nseinem Kreise wiederum alle Qualitäten von der Stüm-\nperei bis zur wirklichen Künstlerschaft aufweist, endlich\ndie Ausbreitung und Vervollkommnung des musicalischen\nUnterrichts, der ein fast notwendiger Theil der Erziehung\ngeworden ist und durch besondere Lehranstalten und eine\njährlich steigende Flut von methodischen Schriften und\nAnleitungen die Erwerbung theoretischer Kenntnisse eben\nso erleichtert, wie die Aneignung mechanischer Fertigkei-\nten: so wird man sich nicht mehr wundem, dass unser\nmusicalisches Zeitalter hundert Mal productionssüchtiger\nist, als die früheren, und dass die Hoffnung, „ein Genie\nzu werden\" (!), reichliche Nahrung aus einem auf solche\nWeise bearbeiteten und gedüngten Boden zieht.\nMit welchem Erfolg für die Kunst? Gewiss nicht ohne\nallen und jeden; allein doch davon hernach."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1863-01-10-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1863-01-10_01#c003", "volume": "bmtnabi_1863-01-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "11", "page_fin": "15", "image_debut": 3, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630110-01.2.3", "titre_corps": "Erinnerungen an Halévy", "titre_sommaire": "Erinnerungen an Halévy", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "11", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630110-01.1.3", "debut_caractere": 4846, "fin_caractere_exclue": 5147, "texte": "Erinnerungen an Halévy\n*).\nI.\nAm 7. Brumaire des Jahres X der Republik sang\nman einen hebräischen Hymnus auf den Frieden von\n\n*) Wir haben zwar schon in Nr. 14 vom vorigen Jahrgange einen\nNekrolog gegebeil. Im December v. J. hat indess sein\njüngerer Bruder Leon Hal<£vy in der musicalischen Zeit-\n\nL*J"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "12", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630110-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5281, "texte": "Amiens in dem israelitischen Tempel zu Paris. Der dama-\nlige protestantische Pastor Marron, der als lateinischer\nDichter Ruf hatte, widmete einige Tage nachher in einer\nZeitung ein lateinisches Gedicht in Distichen Eliae Ha-\nievy, hebraico carmine paeis reditum egregie celebranti.\nDieser hebräische Dichter Elias Haievy war unser\nVater. Er war ein Deutscher aus Fürth bei Nürnberg;\nunsere Mutter, Julie Meyer, war in Lothringen auf einem\nDorfe bei Nancy geboren. Der wahre Name unseres Va-\ntors war Levy; nach Bekanntmachung des Gesetzes vom\nJahre 1807 über die Familiennamen der Juden setzte er\ndas Praefixum hal (das arabische al), das die Stelle des Ar-\ntikels vertritt, vor seinen bisherigen Namen. Hai Levy\nhatten mehrere berühmte Talmudisten geheissen, nament-\nlich der Dichter Jededias Haievy, der im dreizehnten Jahr-\nhundert blühte.\nEl ias Haievy stand in hohem Ansehen bei den Israe-\nliten, sowohl seines Charakters als seiner Gelehrsamkeit\nwegen. Diese war übrigens eine ganz specielle: er war ein\ngründlicher Hebräist und grosser Kenner des Talmuds.\nAls hebräischer Dichter war er besonders berühmt und\ngenoss sein Leben lang die hohe Achtung und Freund-\nschaft des berühmten Orientalisten Silvester de Sacy. Im\nJahre 1818 begründete er eine Monatsschrift:\nfranyais, mit dem Sinnspruche:\nserve ta foi.\"Auch für den israelitischen Religions-Unter-\nricht hat er ein Schulbuch geschrieben; ein umfassend an-\ngelegtes hebräisch-französisches Wörterbuch hat er un-\nvollendet hinterlassen, eben so eine merkwürdige Arbeit\nüber die Fabeln des Aesop, deren Ursprung er dem Kö-\nnige Salomo zuschreibt.\nBei seiner ausschliesslichen Fachgelehrsamkeit nahm\ner keinen directen Antheil durch Unterricht an unserer\nErziehung, aber er brachte, obwohl leider durch eine\nverunglückte Handels-Unternehmung zu Grunde gerichtet,\nalle möglichen Opfer, um seine beiden Söhne gründliche\nStudien für Wissenschaft und Kunst machen zu lassen.\nMein Bruder Jakob Fromental Elias wurde den\n27. Mai 1799 zu Paris geboren. Sein musicalischer Beruf\nsprach sich früh aus und dessen Entwicklung wurde durch\neinen Zufall begünstigt. Die erste höhere Schule, welche\nwir besuchten, war eine Pension, welche ein gewisser Ca-\nzot dirigirte, dessen Sohn Musiker war, bereits den ersten\nPreis im Contrapunkt davon getragen hatte und als Repe-\ntitor einer Gesangclasse am Conservalorium angestellt\nwar. Dieser bemerkte die ausnehmenden Anlagen des jun-\ngen Schülers und brachte es dahin, dass mein Bruder im\nJahre 1809 auf das Conservalorium kam*). Im Jahre\n1811 trat er in die Classe von Cherubini für Composi-\ntionslehre; die Harmonielehre studirte er bei Berton, das\nCiavierspiel bei Lambert. Während einer Abwesenheit\nvon Cherubini hatte er auch einige Monate bei Mehul\nUnterricht.\nEs ist keine Frage, dass der Unterricht, das Vorbild\nund der vertraute Umgang mit Cherubini einen grossen\nEi nfluss auf Haievy hatten und besonders seinen Sinn für\ndas Grosse und Edle in der Kunst im Gegensatze zu dem\nGemeinen und Gewöhnlichen kräftigten. Es war nicht ohne\nBedeutung, dass bei der Gründung des Conservatoriums\nund in den ersten Jahren nach ihr die Compositionslehrer\nProfesseurs de style genannt wurden.\nIch versenke mich gern in die Erinnerung der Jugend-\njahre und sehe das Zimmer mit den alten Möbeln, einen\nTisch mit Schreib-, den anderen mit Notenpapier bedeckt,\nvor mir, und das Instrument, an welchem Haievy seine\nersten Gedanken erklingen liess. Es war ein kleines Cla-\nvier aus der Werkstatt eines Deutschen, Namens Roller.\nDer Sohn dieses wackeren Mannes war unser Mitschüler\nin Cazot's Pension; er lernte etwas Latein, etwas Musik\nund etwas Malerei. Er wurde später der Erfinder des auf-\nrecht stehenden Piano's (Pianino) und erwarb Vermögen.\nDa erwachte seine frühere Neigung zur Malerei wieder,\nund er wurde einer der besten Portraitmaler. Das Bild\nHalevy's—sie waren stets Freunde geblieben —war eines\nder ersten, die er malte. Berühmt sind seine Portraits der\nFamilie Ilittorf, des Herzogs von Morny u. s. w. Gegen-\nwärtig ist er mit einem neuen grossen Bilde Halevy's be-\nschäftigt. Im Jahre 1854 wurde er aber auch einmal wieder\nInstrumentenmacher aus Freundschaft für meinen Bruder:\ner machte für ihn ein kunstvoll gearbeitetes Schreibbureau,\ndessen eine Seite durch einen Mechanismus sich in ein\nCiavier verwandelte.\nAuf jenem alten Ciavier spielte mein Bruder eines\nTages im zweiten Stock eines Hauses in der Strasse\nMichel le Comte, als unsere Mutter plötzlich hereinstürzte,\nvoll Schrecken ausrief: „Wie kannst du noch spielen?\nMacht die Fenster zu, rührt euch nicht!\" —Als sie wieder\nins Nebenzimmer gegangen, schoben wir leise einen Rah-\nmen auf—es war der 1. April 1814—: ein Trupp Ko-\nsaken ritt langsam die öde und todtenslille Strasse hinab.\n„Mache zu!\" rief mein Bruder: „das thut mir zu weh!\"\n\n*\nschrift Le Menestrel unter dem Titel rß4cits, impressions per-\nsonelles et Souvenirs\" biographische Nachrichten über den Ver-\nstorbenen gegeben, die wir auszugsweise zur Ergänzung des\nArtikels im vorigen Jahrgange mittheilen»\n\n*) Felix Cazot, Halevy's erster Lejirer, war ein Schüler von Gos-\nsec und Catel, yerliess aber das Conseryatorium bald, um sieh\nbloss dem Privat-Unterriclite zu widmen. Man hat von ihm\neine geschätzte Methode de piano. Er ist vor wenigen Jahren\ngestorben."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "13", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630110-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5203, "texte": "— Der Moment machte einen tiefen Eindruck auf' ihn. Es\nist factisch, dass unsere Strasse, dieser entlegene Winkel\ndes alten Paris, damals mit ihren geschlossenen Läden,\nThüren und Fenstern einen schneidenden Contrast mit\ndem erheuchelten und leichtsinnigen Enthusiasmus der\nPariser in anderen Vierteln bildete. Damals ahnte Halevy\nnoch nicht, dass seine Opern einst in Petersburg und\nMoskau aufgeführt werden würden.\nIndessen schritt er rüstig auf seiner Laufbahn fort;\nmit fünfzehn Jahren wurde er Repetitor einer Gesang-\nclasse, im Jahre 1816 und 1817 erhielt er den zweiten\nPreis, 1819 den ersten mit dem Stipendium für liom. In\ndemselben Jahre hatten wir den Schmerz, unsere Mutter\nzu verlieren. Mein Bruder erhielt die Erlaubniss, seine\nReise ein Jahr aufschieben zu dürfen. In diesem Jahre\ncomponirte er sein erstes grösseres Werk, ein\nda für Chor und Orchester, das im israelitischen Tempel\nzur Todtenfeier für den Herzog von Berry aufgeführt\nwurde und grossen Eindruck machte. Es wurde gestochen,\nCherubini gewidmet. Zu Ende des Jahres 1820 reiste\ner nach Rom, nachdem er bereits zum Adjuncten des\nProfessors einer Gesangclasse ernannt worden war.\nSein erstes Stipendienjahr brachte er halb in Rom,\nhalb in Neapel zu. Rom erschien ihm, wie es noch heute\nist, todt für jeden Fortschritt, für jede höhere Entwick-\nlung der Tonkunst. Aber er sah jene erhabenen Ruinen,\ndie grossen Erinnerungen erhoben seine Seele; er lernte\nRossini kennen und hörte das\nIn Neapel mag er wohl auch, wie es scheint, dem\nZauber des Dolce far niente dieser schönen Stadt gehul-\ndigt haben, doch schrieb er mir einmal scherzweise, dass\ner als dramatischer Componist aufgetreten sei. Er halte\nnämlich drei Ballet-Melodieen für San Carlo geschrieben,\nwelche gefielen. Auch widmete er seiner ältesten Schwe-\nster drei Canzonetlen auf Texte in neapolitanischem Dia-\nlect. Anders war es in Wien, wo er einen Theil des Jah-\nres 1822 zubrachte. Hier trieb er ernstere Studien, deren\nFrüchte eine Ouvertüre, ein Psalm für Doppelchor und\nOrchester und ein heroisches Opern-Finale das Opfer\ndes Marcus Curtius waren, letzteres eine grossartige\nScene mit italiänischem Texte, deren Musik schon Hale-\nvy's Streben und Sinn für breite und grosse Conceptionen\nzeigt. Er lernte Beethoven kennen, den er öfter besuchte\nund dem er lebenslang ein liebevolles und bewunderndes\nAndenken bewahrte.\nDas Beste war, dass er von der Reise gesund und\nstark wieder kam, da er schwächlich und fast krank nach\nItalien gegangen war. Wir empfingen den Rückkehrenden\nmit grosser Freude. Ich selbst war beinahe schon etwas\ngeworden: ich war Repetitor der rhetorischen Classe in\neiner höheren Schulanstalt und hatte mit zwanzig Jahren\nden Horaz in Versen übersetzt; aber wie bald sollte mich\nmein Bruder überholen! Er übernahm seine Classe im\nConservatorium wieder, bekam Unterrichtsstunden in der\nStadt und bemühte sich, wie alle die unglücklichen Lau-\nreaten von Rom, um Opern-Texte. Vial, mit dem ich be-\nkannt geworden, vertraute ihm den Text einer einactigen\nOper an, das Non plus ultra, wonach ein Laureat streben\nkann. So entstand die Operette Le Jaloux et le Mefiant.\nBald darauf componirte er eine kleine Oper antiken Stoffes,\n„Pygmalion\", auch eine dreiactige grosse Oper: „Hero-\nstrat\" .\nUnterdessen halte unser Vater die alte Wohnung in\ndem Quartiere von Paris, wo Israel vorzugsweise seine\nHütten gebaut, verlassen und war nach der Strasse Jus-\nsienne gezogen. Hier trafen uns schmerzliche Verluste: die\nälteste unserer drei Schwestern starb in ihrem dreiund-\nzwanzigsten Jahre, und am 5. November 1826 verloren\nwir unseren^trefflichen Vater. Den Tag vor seinem Tode\nhalte mein Bruder wenigstens noch den Trost, ihm seine\nErnennung zum Gesang-Director am italiänischen Theater\nan Herold's Stelle anzuzeigen, welcher in dasselbe Amt\nbei der grossen Oper trat.\nDie . verkleinerte Familie, zwei Brüder und zwei\nSchwestern, bezog eine bescheidene Wohnung im vierten\nStock in der Strasse Montholon. Unter uns wohnte der\nArchitekt Le Bas und später ein alter Freund unseres Va-\nters, Herr Rodrigues von Bordeaux. Bei diesem gingen\ndie Brüder Eduard und Henri Rodrigues von einer ande-\nren Familie aus und ein, und hier entstand die Freund-\nschaft Eduard's für meinen Bruder, welche er ihm treu\nbis an seinen Tod und noch darüber hinaus bewahrt hat.\nAuch Emil und Isaak Pereire kamen dahin, Ersterer ein\neifriger Saint-Simonist. Mit diesen geistreichen und zum\nTheil phantastischen Männern verkehrte Halevy gern, ver-\ngass aber, dabei nicht sein Ziel, eine seiner Arbeiten zur\nAufführung zu bringen.\nDen „Herostrat\" der grossen Oper anzutragen, daran\ndurfte er nicht denken, da dessen Ausstattung zu grosse\nKosten erforderte. Er bot den „Pygmalion\" an, und siehe,\ndie Pforten der Ehre öffneten sich und die Oper wurde\nim Jahre 1827 angenommen und studirt. Man hat später\ngeschrieben, Halevy habe nach den ersten Proben die\nOper selbst zurückgezogen. Dem ist aber nicht also: Pyg-\nmalion wurde kurz vor den Generalproben plötzlich zu-\nrückgelegt, und zwar durch den Einfluss eines Mannes,\nder späterhin die Aufführung anderer Werke\neifrig unterstützte. Das Textbuch war schon gedruckt, die\nMusik hatte Cherubini's Beifall, Alles versprach einen Er-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "14", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630110-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5231, "texte": "folg, als auf einmal die Proben eingestellt und nie wieder\naufgenommen wurden\").\nMein Bruder war allerdings über dieses Missgeschick\netwas empfindlich, doch durchaus nicht niedergeschlagen.\nEs ist sonderbar, dass ich ihn was ich hier offen sagen\nmuss erst dann gebeugt und entmuthigt gesehen habe,\nals er in seiner äusseren Lage und in seinem Rufe als\nComponist nichts mehr zu wünschen hatte. Erst dann em-\npfand er schmerzlich, nicht dass einige Opern kein Glück\nmachten, da ja die Erfolge anderer das stets wieder gut\nmachten, sondern dass bedeutende Werke in ihrem Er-\nfolge verkannt oder verkleinert, dass selbst die besten ver-\ngessen wurden, wodurch sein künstlerisches Selbstbewusst-\nsein und das Vermögen seiner Kinder litt.\nNach sieben Jahren arbeits- und sehnsuchtsvollen\nWartens brachte Halevy endlich im Jahre 1827 eine ein-\nactige komische Operette: L'Artisan, Text von de. St.\nGeorges, auf die Bühne. Die Aufnahme war ermuthigend.\nEinen bedeutenderen Erfolg aber hatte die dreiactige Oper\n„Clari\", besonders durch die berühmte Sängerin Mali-\nbran. Sie hatte Vertrauen zu dem jungen Maestro und\nermunterte ihn, eine Oper für sie zu schreiben. Ein ita-\nliänischer Flüchtling aus Florenz, Pietro Giannone, der\nDichter des Esule ( „Der Verbannte\" )**), verfasste den Text\nnach einer Novelle, die auch schon den Stoff zu einem\nBallet gegeben hatte. Die Musik gefiel dem Publicum des\nitaliäni'xhen Theaters und war ein Sieg über die Vorur-\ntheile der Classe von Kunstfreunden, die dort den Ton\nangab.\nIm Jah re 1829 war Halevy vom italiänischen Opern-\nTheater an die grosse Oper zu gemeinschaftlicher Thätig-\nkeit mit Herold gekommen. Der 7. November desselben\nJahres war ein Festabend für ihn; seine Oper\nlante d'Avignon (Text von Hoffmann und Leon Halevy)\nhalte einen glänzenden Erfolg am Theater der komischen\nOper. Sie erlebte über hundert Vorstellungen und wurde\nauch später öfter wieder aufgenommen.\nZu der Oper Ludovic, welche Herold unvollendet hin-\nterlassen hatte (er starb den 19. Januar 1833), compo-\nnirte Halevy ein Quartett im ersten Acte, welches stets\nda cctpoverlangt wurde, und den ganzen zweiten. Die\nerste Vorstellung fand den 18. Mai 1833, vier Monate\nnach Ilerold's Tode, Statt. Die Ouvertüre ist von Herold,\naber aus einer früheren Oper, die kein Glück machte,\nherübergenommen.\nNachdem ich bei meiner Verheirathung mit der Toch-\nter des Architekten Le Bas die Wohnung meines Bruders\nverlassen, behielt er unsere beiden Schwestern bei sich.\nIn nächster Zeit componirte er, ausser einer oder zwei Ge-\nlegenheits-Operetten und einer grösseren Partitur zu der\nzweiactigen, melodramenartigen Oper Yella*), „Die Jü-\ndin\", welche ihn bekanntlich auf die Höhe eines drama-\ntischen Componisten ersten Ranges hob.\nDer Text von Scribe wurde mannigfach umgestaltet,\nwas auch auf die musicalische Anlage Einfluss hatte. So\nwar z. B. im ersten Entwurf die Scene in Goa und die In-\nquisition spielte dabei eine Rolle; der Tenor Adolph Nour-\nrit war der Liebhaber der Rachel, und der Vater war für\nden Bassisten Levasseur bestimmt. Nourrit, ein hochgebil-\ndeter Künstler, betheiligte sich gar sehr an den Unter-\nredungen über die Veränderungen. Im Detail verlangte\nmein Bruder bei allen Libretti eine Menge Aenderungen,\nZusätze, Umstellungen u. dgl. je nach seinem musicalischen\nGefühle, und dazu bot ich stets gern hülfreiche Hand. So\nauch bei der Jüdin. Scribe war nicht gleichgültig gegen\ndiese Eingriffe in sein Gebiet, er musste sie stets erst bil-\nligen, was aber gewöhnlich mit Entgegenkommen geschah.\nSpäterhin sass er einmal neben Halevy in der General-\nprobe der Oper „Guido\" und rief bei einer Romanze aus:\n„Das ist ein schönes Stück, aber die Worte sind nicht von\nmir; ich muss Ihrem Bruder dafür danken!\"\nIm Sommer 1834 schrieb Halevy die Oper mit lei-\ndenschaftlicher Begeisterung, theils in Paris, theils auf dem\nLande in Crosne bei Duponchel, dem damaligen Director\nder Scenerie der grossen Oper. Er war übrigens während\nder Composition stets in einer fieberhaften Aufregung oder\nvielmehr in einem wirklich krankhaften Zustande, der uns\nund ihn selbst ängstigte. Cherubini suchte ihn durch die\nVersicherung zu trösten, dass er mehrere Jahre lang sich\nin ähnlichem Zustande befunden habe.\nDie trefflichen Künstler, denen die Hauptrollen zu-\nfielen, Nourrit, Levasseur, Mademoiselle Falcon, eben so\nder Director Veron, Duponchel Alle heiterten ihn auf,\nwenn er sich leidend fühlte. Er überwand die Krankheit\ndurch ihre Ursache, durch Arbeit und durch Willens-\nkraft. Der ausserordentliche Erfolg (den 23. Februar\n1835) vollendete seine Wiederherstellung. Der rauschende\nBeifall des Publicums, die Glückwünsche seiner Collegen,\ndie Verleihung des Ordens der Ehrenlegion wirkten wohl-\nthuend auf sein Gemüth und auf seinen Körper.\nWas man schon während der Composition von dem\nWerke erwartete, davon gibt das Benehmen Cherubini's,\nwelches diesen Meister eben so ehrt, als er Halevy da-\n\n*) Die Partituren dieser drei ersten Opern Le Jaloux,\n1 Act, Pygmalion, 1 Act, JErostrate: 3 Acte, sind im \"Nach-\nlasse noch vollständig vorhanden.\n**) P. Giannone lebt noch, das neue Florenz hat ihm ein Jahr-\ngehalt ausgesetzt. Sein Gedicht L'Esule erschien 1829 in Paris.\n*) Die Partitur ist im Nachlass vorhanden."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "15", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630110-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5023, "texte": "durch hoch stellte, Zeugniss. Als nämlich der Sitz, den\nBoieldieu in der Akademie der schönen Künste inne hatte,\ndurch dessen Tod am 9.* October 1834 erledigt wurde,\ntrug Cherubini in der Sitzung darauf an, dass die Be-\nsetzung der leeren Stelle ein halbes Jahr lang aufgescho-\nben werden solle, um den Verstorbenen dadurch zu ehren,\nund in seiner eigentümlich freimüthigen Weise, die nicht\nimmer auf die Convenienzen Rücksicht nahm, fügte er als\nzweiten Grund hinzu, dass Halevy mit der Composition\nder Jüdin beschäftigt sei und dass diese Oper bis dahin\nzur Aufführung gekommen sein werde. Der Vorschlag\nwurde wirklich angenommen, allein am Tage der Wahl\n(den 16. Mai 1835) siegte der gelehrte Theoretiker Rei-\ncha über Halevv mit einigen Stimmen.\nJedenfalls war dies für ihn eine ehrenvolle Niederlage.\nWie hoch auch Boieldieu selbst ihn schätzte, geht aus\neinem Briefe desselben vom Jahre 1834 hervor. Seit\n1833 nämlich war Halevy am Conservatorium an Fetis'\nStelle Professor der Fuge und des Contrapunktes, und\n1834 hatte Boield ieu's Sohn Adrien, gegenwärtig eben-\nfalls ein geachteter Componist, seine Prüfung bestanden.\n„Mein lieber Halevy!\"—schrieb Boieldieu—„Adrien\nberichtet mir über sein Examen und sagt, Sie wären sehr\nzufrieden mit ihm, und sogar Cherubini hätte ihm Com-\nplimente gemacht. Das macht mich sehr glücklich, und da\nich in meiner Freude Sie nicht umarmen kann, so fühle\nich das Bedürfniss, Ihnen zu schreiben und ihnen tausend\nMal zu danken; denn was immer auch Adrien für Anla-\ngen haben mag, so verdankt er doch Ihren Bemühungen\nund Ihrem trefflichen Unterricht diesen ersten Erfolg, der\nuns Hoffnung auf andere macht. Glauben Sie, mein theu-\nrer Freund, an die lebhafteste Dankbarkeit eines glück-\nlichen Vaters. Boieldieu.—N.S. Ich wünsche, dass Adrien\nnicht nur ein ausgezeichneter Künstler, sondern vor Allem\nauch, dass er ein braver Mann, ein guter Mensch werde,\nund ich sehe einen Beweis für seine gute Gesinnung in\nder Anhänglichkeit und Dankbarkeit, die er offenbart,\nwenn er von Ihnen spricht. Auch mich macht er glücklich\ndurch seine Liebe und Sorge für mich. Wie würde es\nuns freuen, Sie während der Ferien einige Zeit bei uns in\nJarcy nach unserer Zurückkunft aus dem Bade zu sehen!\nSie können hier arbeiten, Sie sollen ein besonderes Zim-\nmer und ein Piano haben, und dabei recht gute Freunde.\"\nBoieldieu kehrte aus dem Bade nach Jarcy zurück,\naber nur um dort zu sterben.\nAm Schlüsse des Jahres 18-35 brachte Halevy seine\nkomische Oper „Der Blitz\" auf die Scene (den 16. De-\ncember); sie erwarb sich grossen Beifall und hielt sich auf*\ndem Repertoire. Durch die Musik dieses hübschen Lust-\nspiels von nur vier Personen ohne alle Unterstützung von\nChören und ohne Scenerie und Gepränge bewies er, dass\nsein Talent den verschiedensten Kunstgattungen gerecht\nzu werden vermochte. Als Reicha im folgenden Jahre\n(1836) starb, wurde Halevy fast einstimmig zum Milgliede\ndes Instituts ernannt.\nDie nächste grosse Oper von Scribe und Halevy war\n„Guido und Ginevra\". Die Rolle des Guido war An-\nfangs für Nourrit bestimmt, die Ginevra für die Falcon.\nAber Nourrit ging nach Italien einem furchtbaren Schick-\nsal entgegen, und die Falcon begann an dem hartnäcki-\ngen Uebel zu leiden, welches sie bald zwang, die Bühne\nzu verlassen. Nun schrieb Halevy die Tenor-Partie für\nDuprez, der damals Alles entzückte, und Madame Dorus-\nGras erhielt die Ginevra. Dadurch verzögerte sich die Auf-\nführung bis zu Anfang von 1838. Der Erfolg war bedeu-\ntend. Ob die später von der Direclion gewünschten Kür-\nzungen und Veränderungen bei der Wiederaufnahme der\nOper ihr vorteilhaft gewesen, glaube ich nicht. Halevy\nwar in solchen Dingen zu nachgiebig; er bearbeitete seine\nWerke gründlich und gewissenhaft, aber das Talent, auch\nseine Erfolge zu bearbeiten, war ihm nicht gegeben.—\nZwei komische Opern, Les Tund Sherif, die er\n1839 auf die Bühne brachte, machten kein Glück.\nDurch den Administrationswechsel an der grossen\nOper verlor Halevy im Jahre 1840 die Stelle des Gesang-\nDirectors, welche er eilf Jahre lang bekleidet hatte. Da-\ngegen rückte er an Paer's Stelle, der 1839, 76 Jahre alt,\nstarb, in das höchste Professorat am Consorvatorium.\nDamit die Leser über den Etat der Besoldung an die-\nser ersten musicalischen Anstalt der Welt aufgeklärt wer-\nden und sich überzeugen, dass auch in Frankreich die\nMarschälle und Generale der Kunst In ihren Gehältern de-\nnen der Armee unendlich weit nachstehen, und auch ab-\ngesehen von diesem Vergleich über alle Maassen kärglich\nbelohnt werden, fügen wir den authentischen Auszug über\nHalevy's Gehalt am Conservatorium bei.\nEr erhielt als Gesang-Repetitor 1816 300 Francs\n1817 500 „\nAls Titular-Professor 1818 800 „\n1826 1000 „\nAls Professor der Harmonielehre 1827 1500 „\n„ „ des Contrapunkts 1833 2000 „\n„ „ der Composition 1840 . 2500 „\nAlso von 80 Thalern jährlich stieg das Gehalt nach\nvierundzwanzigjähriger Dienstzeit nur auf 666 Thlr. 20\nSgr.! Eine höhere Stufe war nicht \"mehr zu erreichen.\nUnd so ist es auch jetzt noch mit den Gehältern bestellt."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1863-01-10-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1863-01-10_01#c004", "volume": "bmtnabi_1863-01-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "16", "page_fin": "16", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630110-01.2.4", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "16", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630110-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 6726, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKolli« (Max Bruch, Phantasie für zwei Claviere,\nOp. 11, und Schottische Lieder.) Die letzte Sitzung der musi-\ncalischen Gesellschaft am 3. d. Mts. war dadurch, dass der Compo-\nnist Herr Max Bruch bei der Anwesenheit in seiner Vaterstadt\n(er lebt jetzt in Mannheim, wo die Aufführung seiner Oper „Lore-\nlei\" mit Geibel's Text vorbereitet wird) einige Erzeugnisse seiner\nMuse aus den letzten Jahren mittheilte, bemerkenswert!]. Er spielte\nzunächst mit Herrn Breunung seine Phantasie für zwei Cia-\nvier e, Op. 11 (Leipzig, bei Breit köpf und Härtel), ein\nWerk, das bei tüchtiger contrapunktischer Arbeit seinem Titel durch\ndie Phantasie der Erfindung, die darin herrscht, Ehre macht. Es be-\nsteht aus einem feurigen Allegro, 4/4, in D-moll, der in ein origi-\nnelles Adagio in B-dur übergeht, auf das nach einem kurzen An-\nklang an den ersten Satz ein fugirtes Vivace energico, 12/ s, in _D-\nmoll folgt und das Ganze glänzend schliesst. Das Werk zeigt, wie\ndie früheren, namentlich die Violin-Quartette, die Gesinnungstüch-\ntigkeit des Componisten in Bezug auf eine ernste und charaktervolle\nRichtung und Selbstständigkeit der Erfindung und Arbeit, die alle\nHoffnung dazu gibt, dass sich Max Bruch einen Stil bilden wird.\nHöchst interessant waren dann die schottischen Lieder,\nwelche Herr A. Pütz vortrug. Max Bruch hat diese Volkslieder\nin einer Sammlung von 200 Liedern gefunden: The Scotch Mu-\nsical Mus eum, a complete Collection of Scotch populär songs,\npublished by James Johns on. Edinburgh, 1787—1789. Dieses\nBuch, zwei Theile in 8., wie ein Gesangbuch gedruckt, scheint in\nEngland verschollen und in Deutschland ganz unbekannt zu sein ;\nBeethoven, oder vielmehr Georg Thompson in Edinburgh, der Beet-\nhoven zur Bearbeitung der von ihm gesammelten Lieder in den\nJahren 1815 und 1816 veranlasste, muss aus einer anderen Quelle\ngeschöpft haben, wenigstens befindet sich in J. Johnson's Sammlung\nkeine von den gedruckten Beethoven'schen Melodieen. Herr Bruch\nverdankt die Mittheilung dieser Sammlung der Freundlichkeit des\nHerrn Capellmeisters Vinc. Lachner in Mannheim und hat zu\neiner Auswahl daraus mit vollständiger Beibehaltung der Original-\nMelodieen eine sehr gelungene C lavi er-B eglei tung geschrieben,\ndie bei grosser Einfachheit dem Gesänge durch Harmonisirung,\nwelche dem Charakter der Melodie entspricht, einen neuen Reiz ver-\nleiht. Wir kennen an 24—30 von diesen Liedern in der Bruch'schen\nBearbeitung und können hiernach nur die Herausgabe derselben\ndringend wünschen, da sie in der That wahre melodische Schätze\nenthalten, welche bei der gegenwärtigen Ueberschätzung des so ge-\nnannten Kunstliedes, das in rhetorische Declamatorik auszuarten\ndroht, ganz zur rechten Zeit kommen werden, L. B.\nBarmen. (Drittes Abonnements-Concert am 30. December v.\nJ. in der Concordia zu Barmen: „Paulus\" von F. Mendelssohn-Bar-\ntholdy.) Mendelssohn's Musik ist wesentlich elegisch, und dieser ihr\nGrundcharakter kommt vorzugsweise auch im „Paulus\" zur Geltung.\nUnser Publicum liebt es, sich elegisch stimmen zu lassen, und dess-\nhalb gefallen ihm Arien wie „Jerusalem, die du tödtest\", „Gott sei\nmir gnädig nach deiner Güte\", „Ich danke Dir, Herr\", ganz beson-\nders, obgleich sie, musicalisch genommen, nicht gerade die bedeu-\ntendsten Nummern des Werkes sind. Der Apostel selbst, wie Men-\ndelssohn ihn darstellt, entspricht dem Bilde, welches die heilige\nSchrift von ihm gibt, nur zum Theil; der Componist hat es nicht\nverstanden, ihn als das gewaltige Rüstzeug des Herrn, als den un-\nermüdlichsten aller Gotteskämpfer zu reproduciren. Sein Stephanus\nentspricht unserer Vorstellung besser. Was in dem Oratorium auf\nihn Bezug hat, gehört auch in musicalischer Beziehung zu dem Be-\nsten, was Mendelssohn geschrieben hat. Zu den gelungensten Par-\ntieen des Werkes rechnen wir ferner die Juden- und Heiden-Chöre,\ndann vor Allem die Bearbeitung der Choräle. Wir kommen zur\nAufführung. Die Soli waren in guten Händen. Frau Knöpges-\nSaart aus Gladbach, der wir zum ersten Male in unseren Concer-\nten begegneten, erfreute uns namentlich durch ihre deutliche Aus-\nsprache und die Ruhe ihres Vortrages. Die Recitative hätten keine\nbessere Vertreterin finden können. Die Stimme ist in den oberen\nLagen etwas scharf und im Allgemeinen wenig ausgiebig, daher\nmehr für den Ausdruck des Zarten als des Kräftigen geeignet. Fräu-\nlein Assmann sang ihre xlrie: „Doch der Herr vergisst nicht\", in\njeder Beziehung angemessen und wirkungsvoll. Die Stimme klang\nmilder und schöner, als in dem vorletzten Concerte. Herr Otto aus\nBerlin, der an Stelle des behinderten Herrn Gunz aus Hannover die\nTenor-Partie übernommen hatte, war den Besuchern unserer Con-\ncerte schon von der .Aufführung des „Paradieses und der Peri\" her\nbekannt. Es wäre überflüssig, zu seinem Lobe ein Wort hinzuzufü-\ngen. Herr Otto steht auch in Berlin als Oratoriensänger in erster\nReihe. Herr Hill aus Frankfurt war im vorigen Jahre schon einmal\nunter uns aufgetreten. Sein kräftiges Organ sprach, namentlich in\nden Ansätzen, nicht immer gut an ; davon abgesehen, war Auffassung\nund Vortrag durchaus zu loben. Die Chöre waren gut einstudirt und\nführten ihre anstrengende Aufgabe bis zum Schlüsse mit Kraft und\nEifer durch. Die Orgel, von Herrn Ewald gespielt, trug auch dies-\nmal wieder dazu bei, die musicalische Wirkung zu steigern. Das\nPublicum war zahlreich erschienen und spendete reichlichen Beifall.\nOb die Art, wie dies geschieht, auch bei geistlicher Musik die rich-\ntige ist, lassen wir dahingestellt. Fast schien es, als würde die\nschöne Illusion, welche das Versenken in ein Kunstwerk bewirkt,\ndurch laute Beifallsbezeugung geschwächt, wenn nicht geradezu zer-\nstört. (Die Cavatine des Tenors, allerdings sehr schön vorgetragen,\nwurde sogar da capo verlangt und wiederholt.) (Berg. Ztg.)\nAm 20. December v. J. gab die Liedertafel, ebenfalls unter\nder Leitung des Herrn Musik-Directors Anton Krause, ein In-\nstrumental- und Vocal-Concert in der Schützenhalle zum Besten der\ndurch Arbeitslosigkeit leidenden Rothfärbei-Familien. Nach Mozart's\nSinfonie in G-moll folgte B. Klein's schöne Motette: „Auferstehen\",\nwohl sein bestes Werk in dieser Form für Männerchor. Ausserdem\nsang die Liedertafel noch Schumann's Chor: „Bist duj im Wald\"\naus „Der Rose Pilgerfahrt\" und: „Auf der Wacht\" von C. Rei-\nnecke; im zweiten Theile: „Heimweh\" von C. Siebel, componirt\nvon A. Krause, und HerwegVs Rheinweinlied von Mendelssohn. An-\nfang und Schluss dieses Theiles bildeten Gluck's Ouvertüre zur\nIphigenie und Spontan1 s zur Vestalin. Zwischen den Liedern hörten\nwir noch eine Phantasie für Oboe mit Orchester von Diethe (durch\nHerrn Kurtzleb) und ein Adagio für Clarinette mit Hörnerbegleitung\nvon C. M. von Weber recht ansprechend vortragen."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "9", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630110-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nRückblick, I. Erinnerungen an T. Tages- und Unterhaltungsblatt (Köln, Max Bruch, Phantasie\nfür zwei Claviere, Op. 11, und Schottische Lieder Barmen, Drittes Abonnements-Concert, Instrumental- und Vocal-Concert der Lieder-\ntafel zu wolilthätigen Zwecken).\n\nRückblick.\nI.\nAls wir im Jahre 1850 hier am Rheine eine neue\nmusicalische Zeitschrift gründeten, thaten wir es in der\nHoffnung, dass die Liebe der Deutschen zur Tonkunst ein\nUnternehmen freundlich begrüssen und fördern werde,\ndas den doppelten Zweck hatte, einmal die Kunst mit dem\nLeben zu vermitteln, und zweitens der damals eben be-\nginnenden Verwirrung der Begriffe über das wahre Schöne\nin ihr entgegen zu treten.\nDie erstgenannte Aufgabe schien uns um so dringen-\nder, als das Zeitalter die Theilnahme der gebildeten\nMenschheit fast ausschliesslich dem Praktischen, der Ent-\nwicklung des politischen Lebens und des materiellen Woh-\nles im weitesten Sinne zuwandte und von denjenigen Be-\nstrebungen abzog, die nicht ein sieht- und greifbares Re-\nsultat zum Ziele haben, sondern die Wahrung jener un-\nsichtbaren Güter, welche durch die Pflege des Idealen im\nGegensatze des rein Praktischen für die Menschheit ge-\nwonnen werden. Jedes Streben, der Kunst ihr Recht zu\nsichern und es auch unter erdrückenden Verhältnissen gel-\ntend zu machen, das Recht, eben so wie Religion und\nPhilosophie, das Edle im Menschen gegen den Andrang\nder Aussenwelt zu schützen, der Seele das Gegengewicht\ngegen die steigende Macht des Gemeinen zu geben, jedes\nStreben nach diesem Ziele hin schien uns einer angestreng-\nten Thätigkeit würdig.\nEs leitete uns also auf der einen Seite weniger die\nAbsicht, ein neues kritisches Institut zu gründen, als ein\nOr gan, welches durchaus nicht bloss für Künstler, für\nMänner vom Fach, sondern auch für die Masse der Gebil-\ndeten bestimmt wäre, um in den weitesten Kreisen die\nwahre Würdigung der Tonkunst zu fördern und eine\nernste Kunstliebe im Gegensatze der spielenden Liebhabe-\nrei zu wecken und zu nähren. Soll die Musik auf die Bil-\nDung und Veredlung des Volkes wirken, so müssen sich\nihre literarischen Vertreter an das ganze Publicum wen-\nden, um als leitende Führer den Verlangenden und Em-\npfänglichen die Hand zu bieten, um ihnen das Erkennen\nder Musen in ihrer wahren Gestalt zu vermitteln, um ihnen\nV\ndas Verständniss der Kunstwerke zu erleichtern und den\nGenuss daran zu erhöhen.\nDesshalb gaben wir unserer Zeitung die Ueberschrift:\n„Für Kunstfreunde und Künstler\", und deuteten\ndurch die Voranstellung der „Kunstfreunde\" einen Haupt-\nzweck des Unternehmens an.\nDie Form der Darstellung, welche durch diesen Zweck\nbedingt wird, hat allerdings ihre Schwierigkeit; allein\ndiese Schwierigkeit wurde für uns wenigstens nicht durch\ndie Befürchtung vergrössert, dadurch die Würde der\nKunst zu entweihen. Wir waren im Gegentheil von der\nUeberzeugung belebt, dass wir gerade um der Würde der\nKunst willen den steifen Kanzleistil der Musikgelehrten\nverbannen und mit einer Sprache vertauschen müssten, die\njedem Gebildeten verständlich sei. Nur dadurch, meinten\nwir, sei es möglich, die Oberflächlichkeit des Urtheils der\nMenge über Kunstwerke in verständigere Erwägung zu\nverwandeln, und durch eine ernste und gesunde Liebe zur\nMusik die eitele und tändelnde und krankhafte Liebelei,\nja, die frivole Buhlerei mit ihr zu verdrängen. Wir brau-\nchen wohl kaum zu erinnern, dass eine solche Form der\nDarstellung auf der Grundlage der Wissenschaft der Kunst\nberuhen und von ihrem Geiste durchweht sein muss, wenn\nsie wirken soll, was sie wirken will.\nDie Art und Weise, wie wir unseren Zweck zu ver-\nfolgen gestrebt haben, liegt dem Publicum in dreizehn\nJahrgängen (drei im Verlage von M. Schloss, 1850\nbis 1852, und zehn im Verlage der M. DuMont-Schau-\nberg'schen Buchhandlung, 1852 bis 1862) vor. Dank\nden trefflichen Kräften, welche eben so kenntnissreiche als\nin künstlerischer Beziehung gesinnungstüchtige Männer an-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "10", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630110-01.1.2", "texte": "dauernd und meist ganz uneigennützig, bloss von der\nLiebe zur Sache geleitet, der Zeitschrift gewidmet haben,\nhat die Theilnahme des Publicums für dieselbe unsere\nHoffnung in dem Grade befriedigt, bis zu welchem das\nInteresse der Lesewelt überhaupt sich den Kunstblättern\nzuwendet. Die Verbreitung derselben aber nicht nur in\nDeutschland, sondern auch im Auslande, hat unsere Er-\nwartung übertreffen; eine grosse Anzahl von unseren Ar-\ntikeln eignen sich seit Jahren die ausgezeichnetsten musi-\ncalischen Blätter anderer Nationen an, und es kann uns\nnur freuen, wenn unsere Grundsätze und Ansichten auch\nin den musicalischen Kreisen von London, Paris, Peters-\nburg u. s. w. zur Geltung kommen, wiewohl einige Blätter\nes in der That etwas arg damit treiben, wie denn z. B.\ndas londoner Journal Musical World in einer einzigen\nNummer des Jahrgangs 1861 einmal sechs aus der Nie-\nderrheinischen Musik-Zeitung übersetzte Artikel enthielt,\nohne bei allen die Quelle zu nennen, was es übrigens\nsonst gewissenhaft thut.\nAusserdem hat uns auch die Zustimmung zu unseren\nGrundsätzen und die wohlwollende Anerkennung der Lei-\nstungen unserer Zeitschrift von Seiten so vieler Männer\nvom Fach und so bedeutender Musiker wohlgethan und\nzu thätigem Fortscbreiten auf der betretenen Bahn ermun-\ntert, namentlich in Bezug auf die andere Aufgabe unseres\nUnternehmens, auf die Bestrebung, die wahre Lehre\nvom Schönen in der Tonkunst gegen die Theorieen\njener unreifen Kunst-Philosophen zu schützen, welche die\nganze grosse Vergangenheit der Tonkunst verläugnen und\nnicht etwa unsere Zeit, sondern sich selbst als Repräsen-\ntanten derselben, durch einen unverhüllten Cultus des\nSubjectes, das heisst hier ihrer eigenen Persönlichkeit,\nvergöttern.\nBolcli Einer sagt: „Icli bin von keiner Schule,\nKein Meister lebt, mit dem ich buhle:\nAuch bin ich weit davon entfernt,\nDass ich von Todten was gelernt.\"\nWenn wir nun auch nicht mit dem Dichter die Conse-\nquenz ziehen wollen: „Das heisst, wenn ich ihn recht ver-\nstand: Ich bin ein Narr auf eigne Hand!\"—weil Manche\nvon jener so genannten Partei es um so ehrlicher meinen,\nje engere Gränzen die Natur ihrem Gesichtskreise gezogen\nhat, so mussten und müssen wir uns doch gegen diejeni-\ngen erklären, die anstatt verständiger Prüfung und Zurück-\nführung der neuen Münze auf ihren wahren Werth,\n„begabten Manns Natur- und Geisteskraft,\ndas Gold gemünzt und ungemünzt zu finden,\nmit der Partei Posaunenton verkünden.\"\nDieses Trompeten-Gefolge wirklich begabter und wenn\nauch im Wissen unklarer, im Können unbefriedigender,\n(loch im Wollen folgerichtiger und energischer Männer\nbringt die Kritik überhaupt durch den bündlerischen Geist,\nder sie leitet, in Misscredit, und was sie Partei nennen, ist\nnichts Anderes, als was bei den Franzosen Coterie, Clique,\nCamaraderie heisst und wofür die deutsche Sprache eigent-\nlich gar kein Wort hat.\nWenn nun auch in den letzten Jahren sich die Un-\nhaltbarkeit der neuen Fortschritts-Theorieen, der Lehre\nvom aussermusicalischen gegenständlichen Inhalt der Mu-\nsik u. s. w. mehr und mehr erwiesen hat, wenn auch die\npraktische Beweisführung durch Composilions-Versuche\nnach neuestem System meistens verunglückt ist, weil in\ndiesen Versuchen gerade nur dasjenige ansprach, was mit\nder alten Schönheits-Lehre harmonirte, so ist doch beson-\nders bei dem jüngeren Geschlechte der Tonkünstler noch\nein gewisser Nachhall zu vernehmen, der aus jener Pe-\nriode herübertönt, wo die Apostel der neuen Lehre un-\naufhörlich die grosse Glocke läuteten und sich eine Menge\nHandlanger herandrängten, um sich mit an die Stricke zu\nhängen.\nFreilich lesen wir wohl heute kaum noch Dinge, wie\nin den Nachjahren von 1848, wo den Heissspornen der\nTonkunst „Beethoven auf halbem Wege stehen geblieben;\ner hat rcformirt, aber nicht revolutionirt er ist Ueber-\ngangs-Periode (!) er hat uns eine Zwitterschaft geboren\nund ist Schuld daran, dass die freie Tochter Musik noch\neine Zwangsjacke trägt, denn selbstständige Formen und\nfeststehende Gesetze sind Unsinn in der Musik\" oder:\n„Der Fortschritt der Instrumental-Musik besteht darin,\ndass sie Gegenstände zum Ziel nimmt und diesem Inhalt\nim Ausdruck den Grad der Bestimmtheit gibt, den sonst\nnur Poesie und bildende Kunst (!) ihrem Gegenstande\nleihen können\"—oder: „Haydn hat es nie bis zur Sünde\ngebracht, Mozart sündigte und bereute, Beethoven halte\ndie Sünde von vorn herein überwunden\"!! Das belächelt\nman heute: und auch mit der „Allkunst\" ist es vorbei.\nAber trotz alledem sind wir noch lange nicht wieder\nganz aus dem Dunst und Nebel in klare Regionen gekom-\nmen, wie wir nächstens durch Beispiele zeigen werden,\nund eine von den widersinnigsten Behauptungen des Kory-\nphäen jener Zeit, an die er wohl selbst jetzt nicht mehr\nglaubt, scheint auf die ungeheure Productionswuth unserer\nMusiker noch nachzuwirken.\nEs ist dies die neue Genie-Lehre Wagner's. „Die Le-\nbenskraft als schaffendes Princip in der Kunst\"\nsagte er, ist nicht eine Gabe der Allmacht oder der Will-\nkür Gottes oder des Zufalls, sondern sie ist bei allen\nMenschen dieselbe, nur dass durch die Erziehung ihre\nEntwicklungsfähigkeit unterdrückt und nach und nach zer-\nstört wird.\""}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "11", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630110-01.1.3", "texte": "Es darf also nicht mehr heissen: „Der Künstler wird\ngeboren\", sondern: „Der Mensch ist ein geborener Künst-\nler\", und nur seine Erziehung ist Schuld, wenn er kein\nMozart oder Raphael wird.\nSo absurd das nun auch ist\nü n'y a qu'im pas—, so scheint doch die stets zunehmende\nZahl von Handwerkern in der Kunst, überhaupt das Wu-\nchern der Mittelmässigkeit auf ihrem Gebiete, dafür zu\nzeugen, dass jener Glaube sich weiter verbreitet hat.\nBei der Wahl des Lebensberufes spielt jetzt die Musik\neine Hauptrolle, sie ist ein Fach, ein Brod-Studium gewor-\nden, das man nach äusseren Rücksichten und Verhältnis-\nsen ergreift, wie es häufig auch mit anderen Fächern gei-\nstiger Thätigkeit geschieht. Dass der Eine Arzt wird, weil\nsein Vater eine Apotheke hat, der Andere Jurist, weil er\nvon dem seinigen Processe erben wird, der Dritte Theo-\nloge, weil die Familie ein Stipendium geniesst, das ist was\nAltes. Vor der Kunst aber hatte man doch bis jetzt noch\nScheu; man dachte nicht daran, sich ihr zu widmen, wenn\nnicht die Natur sichtbar durch ausserordentliche Anlagen\nden Entschluss rechtfertigte. Jetzt aber ist die Kunst, na-\nmentlich die Musik, ebenfalls ein Beruf geworden, nur mit\ndem Unterschiede, dass er noch häufiger als die anderen\nohne Beruf gewählt wird.\nDer Vater oder die Mutter entdeckt im Söhnlein ein\nBehagen an Klang, oder lange geschmeidige Finger, oder\nein gutes Gehör, oder ein Bisschen Stimme: die Glückli-\nchen! Sie besitzen ein Capital, das nicht vortheilhafter als\nin Kunst angelegt werden kann. Gedacht, gelhan! Die\nAbrichtung geht in allen Regeln ihren Weg, und der tech-\nnische Musiker wird fertig. Aber er muss auch compo-\nniren, um sich zur Geltung zu bringen. Nun ja! die\nGrammatik der Harmonielehre ist nicht schwerer zu be-\ngreifen, als die Elementar-Mathematik und die lateinische\nSyntax: er braucht ja nur das Componiren zu lernen,\nund dazu gibt es Gelegenheiten genug. Kurz, in diesem\nGlücklichen ist der „geborene Künstler\" nicht „vernich-\ntet\" worden, er hat die „richtige Erziehung\" genossen,\nund—der Stümper ist fertig.\nDas Ding ist dieses Mal missglückt; allein wenn „wir\nAlle Genie's werden können\" (R. Wagner's Mitthei-\nlungen an seine Freunde, S. 36), warum soll ein junger\nMensch nicht den Versuch machen? Gelingt's ihm nicht,\nso war er vielleicht eher geboren, als die neu entdeckte\n„communistische Kraft, welche die individuelle Kraft, die\nwir blödsinnig bisher mit der Bezeichnung Genie er-\ngründet zu haben glaubten, als solche in sich schliesst\"\n(Derselbe a. a. 0.), in Wirksamkeit treten konnte!\nFreilich, man könnte beinahe an die allgemeine Strö-\nmung eines solchen communistischen Fluidums, wenn auch\nnur in unendlicher Verdünnung, durch die Welt glauben,\nwenn man die Erscheinungen unserer Zeit auf dem Felde\nder Musik betrachtet. In der Verbreitung überflügelt die\nTonkunst alle übrigen Künste, die Theilnahme an ihr stuft\nsich von der edelsten Begeisterung und wahren Liebe bis\nzur flachen Eitelkeit und dem leichtsinnigsten Zeitvertreib\nab und geht durch alle Stände und Bildungen; die Dreh-\norgel hat so gut ihre Verehrer, als die Sinfonie und das\nOratorium, von der Oper zu schweigen, gegen die das\ngesprochene Drama gar nicht mehr aufkommen kann. Der\ngrosse Fortschritt in dem vervollkommneten Bau der be-\nkannten und in der Erfindung neuer Instrumente bietet\neinen Reichthum der Klangmittel dar, der zum Luxus\ndrängt, und die fabelhafte Steigerung der Technik auf eine\nHöhe, die keine Schwierigkeiten der Ausführung mehr\nkennt, verführt zu einer rücksichtslosen Benutzung jener Mit-\ntel, welche von den Anfängern im Componiren eben so wie\nvon den Meistern als unbestreitbares Recht in Anspruch\ngenommen wird. Die Beschäftigung mit der Musik als Le-\nbensberuf hat durch alles das dermaassen zugenommen,\ndass es nur noch an der statistischen Zusammenstellung\no\nder Musiker neben den übrigen lebendigen Landes-Pro-\ndueten eines Staates fehlt, um zu zeigen, dass da, wo sonst\nzehn, jetzt Hunderte von Musikern auf die Quadratmeile\nkommen. Nimmt man den Dilettantismus hinzu, der in\nseinem Kreise wiederum alle Qualitäten von der Stüm-\nperei bis zur wirklichen Künstlerschaft aufweist, endlich\ndie Ausbreitung und Vervollkommnung des musicalischen\nUnterrichts, der ein fast notwendiger Theil der Erziehung\ngeworden ist und durch besondere Lehranstalten und eine\njährlich steigende Flut von methodischen Schriften und\nAnleitungen die Erwerbung theoretischer Kenntnisse eben\nso erleichtert, wie die Aneignung mechanischer Fertigkei-\nten: so wird man sich nicht mehr wundem, dass unser\nmusicalisches Zeitalter hundert Mal productionssüchtiger\nist, als die früheren, und dass die Hoffnung, „ein Genie\nzu werden\" (!), reichliche Nahrung aus einem auf solche\nWeise bearbeiteten und gedüngten Boden zieht.\nMit welchem Erfolg für die Kunst? Gewiss nicht ohne\nallen und jeden; allein doch davon hernach.\n\nErinnerungen an Halévy\n*).\nI.\nAm 7. Brumaire des Jahres X der Republik sang\nman einen hebräischen Hymnus auf den Frieden von\n\n*) Wir haben zwar schon in Nr. 14 vom vorigen Jahrgange einen\nNekrolog gegebeil. Im December v. J. hat indess sein\njüngerer Bruder Leon Hal<£vy in der musicalischen Zeit-\n\nL*J"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "12", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630110-01.1.4", "texte": "Amiens in dem israelitischen Tempel zu Paris. Der dama-\nlige protestantische Pastor Marron, der als lateinischer\nDichter Ruf hatte, widmete einige Tage nachher in einer\nZeitung ein lateinisches Gedicht in Distichen Eliae Ha-\nievy, hebraico carmine paeis reditum egregie celebranti.\nDieser hebräische Dichter Elias Haievy war unser\nVater. Er war ein Deutscher aus Fürth bei Nürnberg;\nunsere Mutter, Julie Meyer, war in Lothringen auf einem\nDorfe bei Nancy geboren. Der wahre Name unseres Va-\ntors war Levy; nach Bekanntmachung des Gesetzes vom\nJahre 1807 über die Familiennamen der Juden setzte er\ndas Praefixum hal (das arabische al), das die Stelle des Ar-\ntikels vertritt, vor seinen bisherigen Namen. Hai Levy\nhatten mehrere berühmte Talmudisten geheissen, nament-\nlich der Dichter Jededias Haievy, der im dreizehnten Jahr-\nhundert blühte.\nEl ias Haievy stand in hohem Ansehen bei den Israe-\nliten, sowohl seines Charakters als seiner Gelehrsamkeit\nwegen. Diese war übrigens eine ganz specielle: er war ein\ngründlicher Hebräist und grosser Kenner des Talmuds.\nAls hebräischer Dichter war er besonders berühmt und\ngenoss sein Leben lang die hohe Achtung und Freund-\nschaft des berühmten Orientalisten Silvester de Sacy. Im\nJahre 1818 begründete er eine Monatsschrift:\nfranyais, mit dem Sinnspruche:\nserve ta foi.\"Auch für den israelitischen Religions-Unter-\nricht hat er ein Schulbuch geschrieben; ein umfassend an-\ngelegtes hebräisch-französisches Wörterbuch hat er un-\nvollendet hinterlassen, eben so eine merkwürdige Arbeit\nüber die Fabeln des Aesop, deren Ursprung er dem Kö-\nnige Salomo zuschreibt.\nBei seiner ausschliesslichen Fachgelehrsamkeit nahm\ner keinen directen Antheil durch Unterricht an unserer\nErziehung, aber er brachte, obwohl leider durch eine\nverunglückte Handels-Unternehmung zu Grunde gerichtet,\nalle möglichen Opfer, um seine beiden Söhne gründliche\nStudien für Wissenschaft und Kunst machen zu lassen.\nMein Bruder Jakob Fromental Elias wurde den\n27. Mai 1799 zu Paris geboren. Sein musicalischer Beruf\nsprach sich früh aus und dessen Entwicklung wurde durch\neinen Zufall begünstigt. Die erste höhere Schule, welche\nwir besuchten, war eine Pension, welche ein gewisser Ca-\nzot dirigirte, dessen Sohn Musiker war, bereits den ersten\nPreis im Contrapunkt davon getragen hatte und als Repe-\ntitor einer Gesangclasse am Conservalorium angestellt\nwar. Dieser bemerkte die ausnehmenden Anlagen des jun-\ngen Schülers und brachte es dahin, dass mein Bruder im\nJahre 1809 auf das Conservalorium kam*). Im Jahre\n1811 trat er in die Classe von Cherubini für Composi-\ntionslehre; die Harmonielehre studirte er bei Berton, das\nCiavierspiel bei Lambert. Während einer Abwesenheit\nvon Cherubini hatte er auch einige Monate bei Mehul\nUnterricht.\nEs ist keine Frage, dass der Unterricht, das Vorbild\nund der vertraute Umgang mit Cherubini einen grossen\nEi nfluss auf Haievy hatten und besonders seinen Sinn für\ndas Grosse und Edle in der Kunst im Gegensatze zu dem\nGemeinen und Gewöhnlichen kräftigten. Es war nicht ohne\nBedeutung, dass bei der Gründung des Conservatoriums\nund in den ersten Jahren nach ihr die Compositionslehrer\nProfesseurs de style genannt wurden.\nIch versenke mich gern in die Erinnerung der Jugend-\njahre und sehe das Zimmer mit den alten Möbeln, einen\nTisch mit Schreib-, den anderen mit Notenpapier bedeckt,\nvor mir, und das Instrument, an welchem Haievy seine\nersten Gedanken erklingen liess. Es war ein kleines Cla-\nvier aus der Werkstatt eines Deutschen, Namens Roller.\nDer Sohn dieses wackeren Mannes war unser Mitschüler\nin Cazot's Pension; er lernte etwas Latein, etwas Musik\nund etwas Malerei. Er wurde später der Erfinder des auf-\nrecht stehenden Piano's (Pianino) und erwarb Vermögen.\nDa erwachte seine frühere Neigung zur Malerei wieder,\nund er wurde einer der besten Portraitmaler. Das Bild\nHalevy's—sie waren stets Freunde geblieben —war eines\nder ersten, die er malte. Berühmt sind seine Portraits der\nFamilie Ilittorf, des Herzogs von Morny u. s. w. Gegen-\nwärtig ist er mit einem neuen grossen Bilde Halevy's be-\nschäftigt. Im Jahre 1854 wurde er aber auch einmal wieder\nInstrumentenmacher aus Freundschaft für meinen Bruder:\ner machte für ihn ein kunstvoll gearbeitetes Schreibbureau,\ndessen eine Seite durch einen Mechanismus sich in ein\nCiavier verwandelte.\nAuf jenem alten Ciavier spielte mein Bruder eines\nTages im zweiten Stock eines Hauses in der Strasse\nMichel le Comte, als unsere Mutter plötzlich hereinstürzte,\nvoll Schrecken ausrief: „Wie kannst du noch spielen?\nMacht die Fenster zu, rührt euch nicht!\" —Als sie wieder\nins Nebenzimmer gegangen, schoben wir leise einen Rah-\nmen auf—es war der 1. April 1814—: ein Trupp Ko-\nsaken ritt langsam die öde und todtenslille Strasse hinab.\n„Mache zu!\" rief mein Bruder: „das thut mir zu weh!\"\n\n*\nschrift Le Menestrel unter dem Titel rß4cits, impressions per-\nsonelles et Souvenirs\" biographische Nachrichten über den Ver-\nstorbenen gegeben, die wir auszugsweise zur Ergänzung des\nArtikels im vorigen Jahrgange mittheilen»\n\n*) Felix Cazot, Halevy's erster Lejirer, war ein Schüler von Gos-\nsec und Catel, yerliess aber das Conseryatorium bald, um sieh\nbloss dem Privat-Unterriclite zu widmen. Man hat von ihm\neine geschätzte Methode de piano. Er ist vor wenigen Jahren\ngestorben."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "13", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630110-01.1.5", "texte": "— Der Moment machte einen tiefen Eindruck auf' ihn. Es\nist factisch, dass unsere Strasse, dieser entlegene Winkel\ndes alten Paris, damals mit ihren geschlossenen Läden,\nThüren und Fenstern einen schneidenden Contrast mit\ndem erheuchelten und leichtsinnigen Enthusiasmus der\nPariser in anderen Vierteln bildete. Damals ahnte Halevy\nnoch nicht, dass seine Opern einst in Petersburg und\nMoskau aufgeführt werden würden.\nIndessen schritt er rüstig auf seiner Laufbahn fort;\nmit fünfzehn Jahren wurde er Repetitor einer Gesang-\nclasse, im Jahre 1816 und 1817 erhielt er den zweiten\nPreis, 1819 den ersten mit dem Stipendium für liom. In\ndemselben Jahre hatten wir den Schmerz, unsere Mutter\nzu verlieren. Mein Bruder erhielt die Erlaubniss, seine\nReise ein Jahr aufschieben zu dürfen. In diesem Jahre\ncomponirte er sein erstes grösseres Werk, ein\nda für Chor und Orchester, das im israelitischen Tempel\nzur Todtenfeier für den Herzog von Berry aufgeführt\nwurde und grossen Eindruck machte. Es wurde gestochen,\nCherubini gewidmet. Zu Ende des Jahres 1820 reiste\ner nach Rom, nachdem er bereits zum Adjuncten des\nProfessors einer Gesangclasse ernannt worden war.\nSein erstes Stipendienjahr brachte er halb in Rom,\nhalb in Neapel zu. Rom erschien ihm, wie es noch heute\nist, todt für jeden Fortschritt, für jede höhere Entwick-\nlung der Tonkunst. Aber er sah jene erhabenen Ruinen,\ndie grossen Erinnerungen erhoben seine Seele; er lernte\nRossini kennen und hörte das\nIn Neapel mag er wohl auch, wie es scheint, dem\nZauber des Dolce far niente dieser schönen Stadt gehul-\ndigt haben, doch schrieb er mir einmal scherzweise, dass\ner als dramatischer Componist aufgetreten sei. Er halte\nnämlich drei Ballet-Melodieen für San Carlo geschrieben,\nwelche gefielen. Auch widmete er seiner ältesten Schwe-\nster drei Canzonetlen auf Texte in neapolitanischem Dia-\nlect. Anders war es in Wien, wo er einen Theil des Jah-\nres 1822 zubrachte. Hier trieb er ernstere Studien, deren\nFrüchte eine Ouvertüre, ein Psalm für Doppelchor und\nOrchester und ein heroisches Opern-Finale das Opfer\ndes Marcus Curtius waren, letzteres eine grossartige\nScene mit italiänischem Texte, deren Musik schon Hale-\nvy's Streben und Sinn für breite und grosse Conceptionen\nzeigt. Er lernte Beethoven kennen, den er öfter besuchte\nund dem er lebenslang ein liebevolles und bewunderndes\nAndenken bewahrte.\nDas Beste war, dass er von der Reise gesund und\nstark wieder kam, da er schwächlich und fast krank nach\nItalien gegangen war. Wir empfingen den Rückkehrenden\nmit grosser Freude. Ich selbst war beinahe schon etwas\ngeworden: ich war Repetitor der rhetorischen Classe in\neiner höheren Schulanstalt und hatte mit zwanzig Jahren\nden Horaz in Versen übersetzt; aber wie bald sollte mich\nmein Bruder überholen! Er übernahm seine Classe im\nConservatorium wieder, bekam Unterrichtsstunden in der\nStadt und bemühte sich, wie alle die unglücklichen Lau-\nreaten von Rom, um Opern-Texte. Vial, mit dem ich be-\nkannt geworden, vertraute ihm den Text einer einactigen\nOper an, das Non plus ultra, wonach ein Laureat streben\nkann. So entstand die Operette Le Jaloux et le Mefiant.\nBald darauf componirte er eine kleine Oper antiken Stoffes,\n„Pygmalion\", auch eine dreiactige grosse Oper: „Hero-\nstrat\" .\nUnterdessen halte unser Vater die alte Wohnung in\ndem Quartiere von Paris, wo Israel vorzugsweise seine\nHütten gebaut, verlassen und war nach der Strasse Jus-\nsienne gezogen. Hier trafen uns schmerzliche Verluste: die\nälteste unserer drei Schwestern starb in ihrem dreiund-\nzwanzigsten Jahre, und am 5. November 1826 verloren\nwir unseren^trefflichen Vater. Den Tag vor seinem Tode\nhalte mein Bruder wenigstens noch den Trost, ihm seine\nErnennung zum Gesang-Director am italiänischen Theater\nan Herold's Stelle anzuzeigen, welcher in dasselbe Amt\nbei der grossen Oper trat.\nDie . verkleinerte Familie, zwei Brüder und zwei\nSchwestern, bezog eine bescheidene Wohnung im vierten\nStock in der Strasse Montholon. Unter uns wohnte der\nArchitekt Le Bas und später ein alter Freund unseres Va-\nters, Herr Rodrigues von Bordeaux. Bei diesem gingen\ndie Brüder Eduard und Henri Rodrigues von einer ande-\nren Familie aus und ein, und hier entstand die Freund-\nschaft Eduard's für meinen Bruder, welche er ihm treu\nbis an seinen Tod und noch darüber hinaus bewahrt hat.\nAuch Emil und Isaak Pereire kamen dahin, Ersterer ein\neifriger Saint-Simonist. Mit diesen geistreichen und zum\nTheil phantastischen Männern verkehrte Halevy gern, ver-\ngass aber, dabei nicht sein Ziel, eine seiner Arbeiten zur\nAufführung zu bringen.\nDen „Herostrat\" der grossen Oper anzutragen, daran\ndurfte er nicht denken, da dessen Ausstattung zu grosse\nKosten erforderte. Er bot den „Pygmalion\" an, und siehe,\ndie Pforten der Ehre öffneten sich und die Oper wurde\nim Jahre 1827 angenommen und studirt. Man hat später\ngeschrieben, Halevy habe nach den ersten Proben die\nOper selbst zurückgezogen. Dem ist aber nicht also: Pyg-\nmalion wurde kurz vor den Generalproben plötzlich zu-\nrückgelegt, und zwar durch den Einfluss eines Mannes,\nder späterhin die Aufführung anderer Werke\neifrig unterstützte. Das Textbuch war schon gedruckt, die\nMusik hatte Cherubini's Beifall, Alles versprach einen Er-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "14", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630110-01.1.6", "texte": "folg, als auf einmal die Proben eingestellt und nie wieder\naufgenommen wurden\").\nMein Bruder war allerdings über dieses Missgeschick\netwas empfindlich, doch durchaus nicht niedergeschlagen.\nEs ist sonderbar, dass ich ihn was ich hier offen sagen\nmuss erst dann gebeugt und entmuthigt gesehen habe,\nals er in seiner äusseren Lage und in seinem Rufe als\nComponist nichts mehr zu wünschen hatte. Erst dann em-\npfand er schmerzlich, nicht dass einige Opern kein Glück\nmachten, da ja die Erfolge anderer das stets wieder gut\nmachten, sondern dass bedeutende Werke in ihrem Er-\nfolge verkannt oder verkleinert, dass selbst die besten ver-\ngessen wurden, wodurch sein künstlerisches Selbstbewusst-\nsein und das Vermögen seiner Kinder litt.\nNach sieben Jahren arbeits- und sehnsuchtsvollen\nWartens brachte Halevy endlich im Jahre 1827 eine ein-\nactige komische Operette: L'Artisan, Text von de. St.\nGeorges, auf die Bühne. Die Aufnahme war ermuthigend.\nEinen bedeutenderen Erfolg aber hatte die dreiactige Oper\n„Clari\", besonders durch die berühmte Sängerin Mali-\nbran. Sie hatte Vertrauen zu dem jungen Maestro und\nermunterte ihn, eine Oper für sie zu schreiben. Ein ita-\nliänischer Flüchtling aus Florenz, Pietro Giannone, der\nDichter des Esule ( „Der Verbannte\" )**), verfasste den Text\nnach einer Novelle, die auch schon den Stoff zu einem\nBallet gegeben hatte. Die Musik gefiel dem Publicum des\nitaliäni'xhen Theaters und war ein Sieg über die Vorur-\ntheile der Classe von Kunstfreunden, die dort den Ton\nangab.\nIm Jah re 1829 war Halevy vom italiänischen Opern-\nTheater an die grosse Oper zu gemeinschaftlicher Thätig-\nkeit mit Herold gekommen. Der 7. November desselben\nJahres war ein Festabend für ihn; seine Oper\nlante d'Avignon (Text von Hoffmann und Leon Halevy)\nhalte einen glänzenden Erfolg am Theater der komischen\nOper. Sie erlebte über hundert Vorstellungen und wurde\nauch später öfter wieder aufgenommen.\nZu der Oper Ludovic, welche Herold unvollendet hin-\nterlassen hatte (er starb den 19. Januar 1833), compo-\nnirte Halevy ein Quartett im ersten Acte, welches stets\nda cctpoverlangt wurde, und den ganzen zweiten. Die\nerste Vorstellung fand den 18. Mai 1833, vier Monate\nnach Ilerold's Tode, Statt. Die Ouvertüre ist von Herold,\naber aus einer früheren Oper, die kein Glück machte,\nherübergenommen.\nNachdem ich bei meiner Verheirathung mit der Toch-\nter des Architekten Le Bas die Wohnung meines Bruders\nverlassen, behielt er unsere beiden Schwestern bei sich.\nIn nächster Zeit componirte er, ausser einer oder zwei Ge-\nlegenheits-Operetten und einer grösseren Partitur zu der\nzweiactigen, melodramenartigen Oper Yella*), „Die Jü-\ndin\", welche ihn bekanntlich auf die Höhe eines drama-\ntischen Componisten ersten Ranges hob.\nDer Text von Scribe wurde mannigfach umgestaltet,\nwas auch auf die musicalische Anlage Einfluss hatte. So\nwar z. B. im ersten Entwurf die Scene in Goa und die In-\nquisition spielte dabei eine Rolle; der Tenor Adolph Nour-\nrit war der Liebhaber der Rachel, und der Vater war für\nden Bassisten Levasseur bestimmt. Nourrit, ein hochgebil-\ndeter Künstler, betheiligte sich gar sehr an den Unter-\nredungen über die Veränderungen. Im Detail verlangte\nmein Bruder bei allen Libretti eine Menge Aenderungen,\nZusätze, Umstellungen u. dgl. je nach seinem musicalischen\nGefühle, und dazu bot ich stets gern hülfreiche Hand. So\nauch bei der Jüdin. Scribe war nicht gleichgültig gegen\ndiese Eingriffe in sein Gebiet, er musste sie stets erst bil-\nligen, was aber gewöhnlich mit Entgegenkommen geschah.\nSpäterhin sass er einmal neben Halevy in der General-\nprobe der Oper „Guido\" und rief bei einer Romanze aus:\n„Das ist ein schönes Stück, aber die Worte sind nicht von\nmir; ich muss Ihrem Bruder dafür danken!\"\nIm Sommer 1834 schrieb Halevy die Oper mit lei-\ndenschaftlicher Begeisterung, theils in Paris, theils auf dem\nLande in Crosne bei Duponchel, dem damaligen Director\nder Scenerie der grossen Oper. Er war übrigens während\nder Composition stets in einer fieberhaften Aufregung oder\nvielmehr in einem wirklich krankhaften Zustande, der uns\nund ihn selbst ängstigte. Cherubini suchte ihn durch die\nVersicherung zu trösten, dass er mehrere Jahre lang sich\nin ähnlichem Zustande befunden habe.\nDie trefflichen Künstler, denen die Hauptrollen zu-\nfielen, Nourrit, Levasseur, Mademoiselle Falcon, eben so\nder Director Veron, Duponchel Alle heiterten ihn auf,\nwenn er sich leidend fühlte. Er überwand die Krankheit\ndurch ihre Ursache, durch Arbeit und durch Willens-\nkraft. Der ausserordentliche Erfolg (den 23. Februar\n1835) vollendete seine Wiederherstellung. Der rauschende\nBeifall des Publicums, die Glückwünsche seiner Collegen,\ndie Verleihung des Ordens der Ehrenlegion wirkten wohl-\nthuend auf sein Gemüth und auf seinen Körper.\nWas man schon während der Composition von dem\nWerke erwartete, davon gibt das Benehmen Cherubini's,\nwelches diesen Meister eben so ehrt, als er Halevy da-\n\n*) Die Partituren dieser drei ersten Opern Le Jaloux,\n1 Act, Pygmalion, 1 Act, JErostrate: 3 Acte, sind im \"Nach-\nlasse noch vollständig vorhanden.\n**) P. Giannone lebt noch, das neue Florenz hat ihm ein Jahr-\ngehalt ausgesetzt. Sein Gedicht L'Esule erschien 1829 in Paris.\n*) Die Partitur ist im Nachlass vorhanden."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "15", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630110-01.1.7", "texte": "durch hoch stellte, Zeugniss. Als nämlich der Sitz, den\nBoieldieu in der Akademie der schönen Künste inne hatte,\ndurch dessen Tod am 9.* October 1834 erledigt wurde,\ntrug Cherubini in der Sitzung darauf an, dass die Be-\nsetzung der leeren Stelle ein halbes Jahr lang aufgescho-\nben werden solle, um den Verstorbenen dadurch zu ehren,\nund in seiner eigentümlich freimüthigen Weise, die nicht\nimmer auf die Convenienzen Rücksicht nahm, fügte er als\nzweiten Grund hinzu, dass Halevy mit der Composition\nder Jüdin beschäftigt sei und dass diese Oper bis dahin\nzur Aufführung gekommen sein werde. Der Vorschlag\nwurde wirklich angenommen, allein am Tage der Wahl\n(den 16. Mai 1835) siegte der gelehrte Theoretiker Rei-\ncha über Halevv mit einigen Stimmen.\nJedenfalls war dies für ihn eine ehrenvolle Niederlage.\nWie hoch auch Boieldieu selbst ihn schätzte, geht aus\neinem Briefe desselben vom Jahre 1834 hervor. Seit\n1833 nämlich war Halevy am Conservatorium an Fetis'\nStelle Professor der Fuge und des Contrapunktes, und\n1834 hatte Boield ieu's Sohn Adrien, gegenwärtig eben-\nfalls ein geachteter Componist, seine Prüfung bestanden.\n„Mein lieber Halevy!\"—schrieb Boieldieu—„Adrien\nberichtet mir über sein Examen und sagt, Sie wären sehr\nzufrieden mit ihm, und sogar Cherubini hätte ihm Com-\nplimente gemacht. Das macht mich sehr glücklich, und da\nich in meiner Freude Sie nicht umarmen kann, so fühle\nich das Bedürfniss, Ihnen zu schreiben und ihnen tausend\nMal zu danken; denn was immer auch Adrien für Anla-\ngen haben mag, so verdankt er doch Ihren Bemühungen\nund Ihrem trefflichen Unterricht diesen ersten Erfolg, der\nuns Hoffnung auf andere macht. Glauben Sie, mein theu-\nrer Freund, an die lebhafteste Dankbarkeit eines glück-\nlichen Vaters. Boieldieu.—N.S. Ich wünsche, dass Adrien\nnicht nur ein ausgezeichneter Künstler, sondern vor Allem\nauch, dass er ein braver Mann, ein guter Mensch werde,\nund ich sehe einen Beweis für seine gute Gesinnung in\nder Anhänglichkeit und Dankbarkeit, die er offenbart,\nwenn er von Ihnen spricht. Auch mich macht er glücklich\ndurch seine Liebe und Sorge für mich. Wie würde es\nuns freuen, Sie während der Ferien einige Zeit bei uns in\nJarcy nach unserer Zurückkunft aus dem Bade zu sehen!\nSie können hier arbeiten, Sie sollen ein besonderes Zim-\nmer und ein Piano haben, und dabei recht gute Freunde.\"\nBoieldieu kehrte aus dem Bade nach Jarcy zurück,\naber nur um dort zu sterben.\nAm Schlüsse des Jahres 18-35 brachte Halevy seine\nkomische Oper „Der Blitz\" auf die Scene (den 16. De-\ncember); sie erwarb sich grossen Beifall und hielt sich auf*\ndem Repertoire. Durch die Musik dieses hübschen Lust-\nspiels von nur vier Personen ohne alle Unterstützung von\nChören und ohne Scenerie und Gepränge bewies er, dass\nsein Talent den verschiedensten Kunstgattungen gerecht\nzu werden vermochte. Als Reicha im folgenden Jahre\n(1836) starb, wurde Halevy fast einstimmig zum Milgliede\ndes Instituts ernannt.\nDie nächste grosse Oper von Scribe und Halevy war\n„Guido und Ginevra\". Die Rolle des Guido war An-\nfangs für Nourrit bestimmt, die Ginevra für die Falcon.\nAber Nourrit ging nach Italien einem furchtbaren Schick-\nsal entgegen, und die Falcon begann an dem hartnäcki-\ngen Uebel zu leiden, welches sie bald zwang, die Bühne\nzu verlassen. Nun schrieb Halevy die Tenor-Partie für\nDuprez, der damals Alles entzückte, und Madame Dorus-\nGras erhielt die Ginevra. Dadurch verzögerte sich die Auf-\nführung bis zu Anfang von 1838. Der Erfolg war bedeu-\ntend. Ob die später von der Direclion gewünschten Kür-\nzungen und Veränderungen bei der Wiederaufnahme der\nOper ihr vorteilhaft gewesen, glaube ich nicht. Halevy\nwar in solchen Dingen zu nachgiebig; er bearbeitete seine\nWerke gründlich und gewissenhaft, aber das Talent, auch\nseine Erfolge zu bearbeiten, war ihm nicht gegeben.—\nZwei komische Opern, Les Tund Sherif, die er\n1839 auf die Bühne brachte, machten kein Glück.\nDurch den Administrationswechsel an der grossen\nOper verlor Halevy im Jahre 1840 die Stelle des Gesang-\nDirectors, welche er eilf Jahre lang bekleidet hatte. Da-\ngegen rückte er an Paer's Stelle, der 1839, 76 Jahre alt,\nstarb, in das höchste Professorat am Consorvatorium.\nDamit die Leser über den Etat der Besoldung an die-\nser ersten musicalischen Anstalt der Welt aufgeklärt wer-\nden und sich überzeugen, dass auch in Frankreich die\nMarschälle und Generale der Kunst In ihren Gehältern de-\nnen der Armee unendlich weit nachstehen, und auch ab-\ngesehen von diesem Vergleich über alle Maassen kärglich\nbelohnt werden, fügen wir den authentischen Auszug über\nHalevy's Gehalt am Conservatorium bei.\nEr erhielt als Gesang-Repetitor 1816 300 Francs\n1817 500 „\nAls Titular-Professor 1818 800 „\n1826 1000 „\nAls Professor der Harmonielehre 1827 1500 „\n„ „ des Contrapunkts 1833 2000 „\n„ „ der Composition 1840 . 2500 „\nAlso von 80 Thalern jährlich stieg das Gehalt nach\nvierundzwanzigjähriger Dienstzeit nur auf 666 Thlr. 20\nSgr.! Eine höhere Stufe war nicht \"mehr zu erreichen.\nUnd so ist es auch jetzt noch mit den Gehältern bestellt."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "16", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630110-01.1.8", "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKolli« (Max Bruch, Phantasie für zwei Claviere,\nOp. 11, und Schottische Lieder.) Die letzte Sitzung der musi-\ncalischen Gesellschaft am 3. d. Mts. war dadurch, dass der Compo-\nnist Herr Max Bruch bei der Anwesenheit in seiner Vaterstadt\n(er lebt jetzt in Mannheim, wo die Aufführung seiner Oper „Lore-\nlei\" mit Geibel's Text vorbereitet wird) einige Erzeugnisse seiner\nMuse aus den letzten Jahren mittheilte, bemerkenswert!]. Er spielte\nzunächst mit Herrn Breunung seine Phantasie für zwei Cia-\nvier e, Op. 11 (Leipzig, bei Breit köpf und Härtel), ein\nWerk, das bei tüchtiger contrapunktischer Arbeit seinem Titel durch\ndie Phantasie der Erfindung, die darin herrscht, Ehre macht. Es be-\nsteht aus einem feurigen Allegro, 4/4, in D-moll, der in ein origi-\nnelles Adagio in B-dur übergeht, auf das nach einem kurzen An-\nklang an den ersten Satz ein fugirtes Vivace energico, 12/ s, in _D-\nmoll folgt und das Ganze glänzend schliesst. Das Werk zeigt, wie\ndie früheren, namentlich die Violin-Quartette, die Gesinnungstüch-\ntigkeit des Componisten in Bezug auf eine ernste und charaktervolle\nRichtung und Selbstständigkeit der Erfindung und Arbeit, die alle\nHoffnung dazu gibt, dass sich Max Bruch einen Stil bilden wird.\nHöchst interessant waren dann die schottischen Lieder,\nwelche Herr A. Pütz vortrug. Max Bruch hat diese Volkslieder\nin einer Sammlung von 200 Liedern gefunden: The Scotch Mu-\nsical Mus eum, a complete Collection of Scotch populär songs,\npublished by James Johns on. Edinburgh, 1787—1789. Dieses\nBuch, zwei Theile in 8., wie ein Gesangbuch gedruckt, scheint in\nEngland verschollen und in Deutschland ganz unbekannt zu sein ;\nBeethoven, oder vielmehr Georg Thompson in Edinburgh, der Beet-\nhoven zur Bearbeitung der von ihm gesammelten Lieder in den\nJahren 1815 und 1816 veranlasste, muss aus einer anderen Quelle\ngeschöpft haben, wenigstens befindet sich in J. Johnson's Sammlung\nkeine von den gedruckten Beethoven'schen Melodieen. Herr Bruch\nverdankt die Mittheilung dieser Sammlung der Freundlichkeit des\nHerrn Capellmeisters Vinc. Lachner in Mannheim und hat zu\neiner Auswahl daraus mit vollständiger Beibehaltung der Original-\nMelodieen eine sehr gelungene C lavi er-B eglei tung geschrieben,\ndie bei grosser Einfachheit dem Gesänge durch Harmonisirung,\nwelche dem Charakter der Melodie entspricht, einen neuen Reiz ver-\nleiht. Wir kennen an 24—30 von diesen Liedern in der Bruch'schen\nBearbeitung und können hiernach nur die Herausgabe derselben\ndringend wünschen, da sie in der That wahre melodische Schätze\nenthalten, welche bei der gegenwärtigen Ueberschätzung des so ge-\nnannten Kunstliedes, das in rhetorische Declamatorik auszuarten\ndroht, ganz zur rechten Zeit kommen werden, L. B.\nBarmen. (Drittes Abonnements-Concert am 30. December v.\nJ. in der Concordia zu Barmen: „Paulus\" von F. Mendelssohn-Bar-\ntholdy.) Mendelssohn's Musik ist wesentlich elegisch, und dieser ihr\nGrundcharakter kommt vorzugsweise auch im „Paulus\" zur Geltung.\nUnser Publicum liebt es, sich elegisch stimmen zu lassen, und dess-\nhalb gefallen ihm Arien wie „Jerusalem, die du tödtest\", „Gott sei\nmir gnädig nach deiner Güte\", „Ich danke Dir, Herr\", ganz beson-\nders, obgleich sie, musicalisch genommen, nicht gerade die bedeu-\ntendsten Nummern des Werkes sind. Der Apostel selbst, wie Men-\ndelssohn ihn darstellt, entspricht dem Bilde, welches die heilige\nSchrift von ihm gibt, nur zum Theil; der Componist hat es nicht\nverstanden, ihn als das gewaltige Rüstzeug des Herrn, als den un-\nermüdlichsten aller Gotteskämpfer zu reproduciren. Sein Stephanus\nentspricht unserer Vorstellung besser. Was in dem Oratorium auf\nihn Bezug hat, gehört auch in musicalischer Beziehung zu dem Be-\nsten, was Mendelssohn geschrieben hat. Zu den gelungensten Par-\ntieen des Werkes rechnen wir ferner die Juden- und Heiden-Chöre,\ndann vor Allem die Bearbeitung der Choräle. Wir kommen zur\nAufführung. Die Soli waren in guten Händen. Frau Knöpges-\nSaart aus Gladbach, der wir zum ersten Male in unseren Concer-\nten begegneten, erfreute uns namentlich durch ihre deutliche Aus-\nsprache und die Ruhe ihres Vortrages. Die Recitative hätten keine\nbessere Vertreterin finden können. Die Stimme ist in den oberen\nLagen etwas scharf und im Allgemeinen wenig ausgiebig, daher\nmehr für den Ausdruck des Zarten als des Kräftigen geeignet. Fräu-\nlein Assmann sang ihre xlrie: „Doch der Herr vergisst nicht\", in\njeder Beziehung angemessen und wirkungsvoll. Die Stimme klang\nmilder und schöner, als in dem vorletzten Concerte. Herr Otto aus\nBerlin, der an Stelle des behinderten Herrn Gunz aus Hannover die\nTenor-Partie übernommen hatte, war den Besuchern unserer Con-\ncerte schon von der .Aufführung des „Paradieses und der Peri\" her\nbekannt. Es wäre überflüssig, zu seinem Lobe ein Wort hinzuzufü-\ngen. Herr Otto steht auch in Berlin als Oratoriensänger in erster\nReihe. Herr Hill aus Frankfurt war im vorigen Jahre schon einmal\nunter uns aufgetreten. Sein kräftiges Organ sprach, namentlich in\nden Ansätzen, nicht immer gut an ; davon abgesehen, war Auffassung\nund Vortrag durchaus zu loben. Die Chöre waren gut einstudirt und\nführten ihre anstrengende Aufgabe bis zum Schlüsse mit Kraft und\nEifer durch. Die Orgel, von Herrn Ewald gespielt, trug auch dies-\nmal wieder dazu bei, die musicalische Wirkung zu steigern. Das\nPublicum war zahlreich erschienen und spendete reichlichen Beifall.\nOb die Art, wie dies geschieht, auch bei geistlicher Musik die rich-\ntige ist, lassen wir dahingestellt. Fast schien es, als würde die\nschöne Illusion, welche das Versenken in ein Kunstwerk bewirkt,\ndurch laute Beifallsbezeugung geschwächt, wenn nicht geradezu zer-\nstört. (Die Cavatine des Tenors, allerdings sehr schön vorgetragen,\nwurde sogar da capo verlangt und wiederholt.) (Berg. Ztg.)\nAm 20. December v. J. gab die Liedertafel, ebenfalls unter\nder Leitung des Herrn Musik-Directors Anton Krause, ein In-\nstrumental- und Vocal-Concert in der Schützenhalle zum Besten der\ndurch Arbeitslosigkeit leidenden Rothfärbei-Familien. Nach Mozart's\nSinfonie in G-moll folgte B. Klein's schöne Motette: „Auferstehen\",\nwohl sein bestes Werk in dieser Form für Männerchor. Ausserdem\nsang die Liedertafel noch Schumann's Chor: „Bist duj im Wald\"\naus „Der Rose Pilgerfahrt\" und: „Auf der Wacht\" von C. Rei-\nnecke; im zweiten Theile: „Heimweh\" von C. Siebel, componirt\nvon A. Krause, und HerwegVs Rheinweinlied von Mendelssohn. An-\nfang und Schluss dieses Theiles bildeten Gluck's Ouvertüre zur\nIphigenie und Spontan1 s zur Vestalin. Zwischen den Liedern hörten\nwir noch eine Phantasie für Oboe mit Orchester von Diethe (durch\nHerrn Kurtzleb) und ein Adagio für Clarinette mit Hörnerbegleitung\nvon C. M. von Weber recht ansprechend vortragen."}]}