{"numero_id": "bm-bmtnabi-1863-01-31-01", "volume": "bmtnabi_1863-01-31_01", "ocr_sha256": "7c111750a7aec2f2407d4bf2a0635e7471e6d6a2698a0075ab2c31690176c842", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1863/01/31_01/bmtnabi_1863-01-31_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630131-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1863-01-31-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1863-01-31_01#c001", "volume": "bmtnabi_1863-01-31_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "33", "page_fin": "33", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630131-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "33", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630131-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 371, "texte": "Inhalt.\nLouise Köster, Ihre Rollen in Gluck's Opern. Aus Wien (Richard Wagner's Concerte. Das „Vaterland\"\nüber Wagner. Zellner's historische Concerte. Alfred Jaell und Laub. Sechstes Gesellschafts-Concert in Köln im Gürzenich.\nTages- und Unter haitun gsblatt (Berlin, Aufführung von Gounod's „Margarethe\" Meiningen, Concert, Oper August Kömpel,\nConcertmeister in Weimar)."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1863-01-31-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1863-01-31_01#c002", "volume": "bmtnabi_1863-01-31_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "33", "page_fin": "36", "image_debut": 1, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630131-01.2.2", "titre_corps": "Louise Köster.", "titre_sommaire": "Louise Köster.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "33", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630131-01.1.1", "debut_caractere": 373, "fin_caractere_exclue": 4266, "texte": "Louise Köster.\nAm 11. December v. J. beging das königliche Opern-\nhaus in Berlin eine Abschiedsfeier. Frau Köster schied\nin Beethoven's „Fidelio\" von der Bühne, der sie seit zwan-\nzig Jahren ihr Talent mit dem nachhaltigsten Eifer gewid-\nmet hatte.*).\nDurch das ganze Leben der Künstlerin ist ein be-\nstimmter, scharf ausgeprägter Zug künstlerischen An-\nschauens und Gestaltens erkennbar: das Streben, die höch-\nsten Ideale, welche der Genius der deutschen Musik\ngeschaffen, in ihren Darstellungen zu verwirklichen; die\nplastischen Gestalten des tragischen Stils eben so wie die\ntief empfundenen, innigen Melodieen der deutschen Ro-\nmantik in Ton und Erscheinung zu verkörpern. Der blen-\ndende Schimmer der Technik, dem die Kunst des Auslan-\ndes Lorbern spendet und in den der Beff&Jl der Menge\nsich schwelgend versenkt, war ihr stets von untergeordne-\nter Bedeutung; sie verschmähte den nur aus der Technik\ndes Gesanges herzuleitenden Effect und sonderte mit fei-\nnem Sinne das schmückende Beiwerk von dem wesentli-\nchen Gehalte der musicalischen Gedanken. Diese Kunst-\nrichtung erwuchs mit innerster Notwendigkeit aus einem\nNaturel, welches für reine Liebe zur Kunst, für ein be-\nscheidenes Auftreten in der Gesellschaft, für ein pflicht-\ntreues Wirken in der Familie angelegt war. Wenn die\nmit überraschendem Glänze in eine Kunstleistung einschla-\ngenden Blitze des Genies den Zuhörer, nicht selten ver-\nletzen, so bereitete Auffassung und Vortrag unserer Künst-\nlerin stets den Eindruck eines dauernden, wohlthuenden\nund erquickenden Genusses, und wir begegneten in ihren\nLeistungen überall einer schönen, weiblich und künstle-\nrisch entwickelten Harmonie des Lebens und der Kunst.\n(0. Lange.)\nWenn man versuchen wollte, die eigentümliche Be»\ndeutung, die sich Louise Köster in der deutschen\nKunstwelt errungen hat, zu entwickeln, so würde man\nzunächst auf einen äusseren Umstand aufmerksam zu ma-\nchen haben, aus dem bei näherer Betrachtung auch manche\ninnere Eigentümlichkeit sich ergeben würde, darauf näm-\nlich, dass Louise Köster die einzige Sängerin der beiden\nletzten Decennien ist, in deren Bepertoire die Hauptwerke\nGluck's einen der wesentlichsten Bestandtheile bildeten.\nWar es ein angeborener Zug der Natur, der unsere Sän-\ngerin zu den frühesten und strengsten Offenbarungen der\ndramatischen Idee auf musicalischem Gebiete hinführte,\noder der günstige Umstand, dass sie in Berlin ihre künst-\nlerische Thätigkeit entfalten konnte, in Berlin, wo fast al-\nlein noch die herbere Schönheit Gluck'scher Ausdrucks-\nweise geliebt und bewundert wird, wir wissen es nicht\ngenug, sie ward in Berlin die Künstlerin, von der wir re-\nden; ihre persönliche Empfindung wusste sich mit den ob-\njectiven Kunst-Anschauungen und Gewohnheiten, die unter\nuns herrschen, auf das glücklichste zu verschmelzen; sie\nward eine Vertreterin des Geistes,, in dem hier, in der\nnorddeutschen Metropole, die Musik verstanden und geübt\nwird. „Alceste\", die das Grauen des Todes durch Liebe\nüberwindende Gattin, das Seitenbild zu Beethovens „Leo-\nnore\"; „Iphigenia\", „Eurydice\", „Armide\"—das sind die\nhohen Gestalten Gluck's, die Louise Köster eine Reihe\nvon Jahren hindurch mit tiefem Verständnisse, treuer Hin-\n\n*) Die „Neue Berliner Musikzeitung\" von G. Bock hat\neine Fest-Nummer (vom 19. December v. J.) als Erinne-\nrungsblatt an diesen Tag herausgegeben, in welchem die\nHauptrollen der Künstlerin von den Vertretern der berliner\nKritik, den Herren G. Engel, Fl. Geyer, O. Gumprecht)\nFr. Adami, E. Wuerst und Emil Naumann, besprochen\nwerden. Ferner liegt das Gesammt-Repertoire der Frau Köster\nvon 1830—1862 bei. Die interessante Nummer ist auch ein-\nzeln zu haben. Wir theilen daraus die Hauptstelle der Einlei-\ntung (von O. Lange) und den Artikel über die Darstellungen\nder weiblichen Charaktere in GluckV Opern (von G. Engel),\nwelcher das meiste allgemeine Interesse hat, auszugsweise mit.\nDie Redaction."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "34", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630131-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5519, "texte": "gebung und der nie versagenden Gewalt einer edlen, sym-\npathischen Stimme unter uns lebendig erhalten hat. Es\nwar das ein Beharren bei einer älteren Richtung der\nKunst, das nur wenigen lebenden Sängerinnen gelingen\nmöchte. Dehn der Geschmack des heutigen Publicums, die\nneuere Gesangskunst führt zu einer anderen Behandlung\nder Stimme, zu einer anderen Vortragsweise, als Gluck's\nOpern sie verlangen.\nGluck war dem vorigen Jahrhundert der grosse Dra-\nmatiker, der das nichtssagende Spiel mit Tönen aus dem\nder Kunst verwiesen und an die Stelle ober-\nem\nflächlicher Empfindungen tiefe und kräftige Gefühle, an\ndie Stelle blosser Theaterhelden wahrhaft heroische Ge-\nstalten gesetzt hatte; so muss er auch uns freilich noch er-\nscheinen: dennoch darf uns nicht entgehen, dass sein Bild,\ndas vor Mozart nur zu den gegenwärtig vergessenen ita-\nliänischen Meistern einer früheren Periode in einem Con-\ntraste stand, heute von zwei ganz verschiedenen Seiten be-\nleuchtet wird. Das dramatische Princip ist seit Gluck nicht\nwieder verloren gegangen, aber es ist in einer Weise ent-\nwickelt, die zu der seinigen doch wieder den äussersten\nGegensatz bildet. Wir brauchen uns nur die Anwendung\ndes dramatischen Princips in der neuesten italiänischen\nMusik, das Toben der Leidenschaften, die gewaltsame Ver-\nzerrung der Charaktere, die unnatürliche Spannung der\nSituationen, die dort üblich ist, in das Gedächtniss zu ru-\nfen; werfen wir nach solcher Erinnerung einen Blick auf\nGluck, so erscheint uns sein Bild fest und mächtig zwar,\naber still und ruhig. Wir erkennen, dass das Streben der\nneuesten dramatischen Musik dahin geht, die äusserste Er-\nregung des Gefühls hervorzurufen, welche die Phantasie\nnur zu ersinnen, die Technik durch äussere Mittel zu ver-\nwirklichen vermag; Gluck wollte nur überall tiefe und\nwahre Empfindung im Gegensatz zu inhaltlosem Tonspiel,\nmarkige, männliche Charaktere im Gegensatz zu den ga-\nlanten Melden der italiänisch-französischen Zeit; die äusser-\nsten Wirbelwinde der Leidenschaft blieben seinem Stile\ntheils ganz fern, theils wurden sie als letzte Steigerung zu-\nrückbehalten. Im Zusammenhange damit steht es, dass\nauch der moderne dramatische Gesang vorzugsweise nach\ndem Aufregenden strebt und jene stille Einfachheit, jene\nlyrische Beschaulichkeit, die in Gluck's Gestalten noch wal-\ntet, nicht festzuhalten vermag. Gluck's Opern-Figuren ha-\nben höchste individuelle Bestimmtheit, aber, verglichen mit\nder modernen Unruhe, etwas plastisch Strenges und Ge-\nhaltenes; in der Mehrzahl seiner Opern führten schon die\nantiken Stoffe darauf hin; aber selbst in der romantischen\nArmide lässt sich die gleiche Bichtung, z. B. in der breit\nausgeführten Schluss-Scene des zweiten Actes, wo Armide\nzwischen Liebe und Hass schwankt, in dem vollathmigen,\nzu umfangreicher Melodik sich ausbreitenden Anrufe an\ndie Furie des Hasses im dritten Acte noch deutlich erken-\nnen. Ein neuerer Componist würde über diese Monologe\nschneller hinwegeilen; er würde fürchten, die Geduld des\nPublicums auf eine zu harte Probe zu stellen, er würde\nselbst nicht die Buhe dazu haben.\nFür die treue Wiedergabe solcher Musik sind zunächst\ngewisse Eigenschaften der Stimme und der Technik erfor-\nderlich, die mitunter von der Natur verliehen sind, in der\nBegel aber durch andauernde, verständnissvolle Beschäfti-\ngung mit der Sache selbst erst erworben werden. Wir\nheben folgende Eigenschaften als unerlässlich hervor: festen\nAnsatz des Tones, Klarheit und Adel der Aussprache,\nFülle und Glanz der Stimme, Gleichmässigkeit der Begi-\nster, Ausdauer des Athems, eine kunstvolle\nsorgfältige Accentuation, maassvollen Gebrauch der Klang-\nfarben, ruhige Entwicklung und breitere Ausführung der\nContraste. Den festen Ansatz des Tones, das wird man am\nehesten zugeben; denn wenn es auch bei Gluck einzelne\nMomente geben mag, in denen ein leises Beben der Stim-\nme dem Charakter der Situation nicht gerade widerspre-\nchen würde, so würde doch eine Iphigenie, die den gros-\nsen Klaggesang: „O, lasst mich Tiefgebeugte weinen\",\nnicht mit festem, ruhigem Tone auszuführen und die Tiefe\ndes Schmerzes nicht durch andere Mittel, als gerade durch\ndieses, auszudrücken wüsste, eine Armide, die mit erzit-\nternder Stimme die Furie des Hasses heraufbeschwören\nwollte, eine Unmöglichkeit sein. Die neuere Oper gestattet\nin häufigeren Fällen das Tremolo der Stimme, aber Gluck\nhat zu viel Hoheit und Würde, zu viel männliche Festig-\nkeit— selbst in den Frauengestalten —, zu viel Buhe und\nBeharrlichkeit im lyrischen Verweilen, als dass ihm mit\ndiesem Ausdrucksmittel, das übrigens nicht immer als\nkünstlich erworben oder aus dem Uebermaass des Gefühls\nhervorgegangen zu betrachten ist, sondern mitunter auch\nin mangelhafter Technik seinen Grund hat, gedient sein\nkönnte. Klarheit und Adel der Aussprache, das scheint\neine unerlässliche Forderung für allen Gesang, aber doch\nist es nicht ganz so. Wir erinnern daran, dass die neueren\nComponisten die Stimme in eine Höhe treiben, die kaum\nnoch die Schönheit des rein musicalischen Tones, fast gar\nnicht mehr die deutliche Ausprägung von Vocalen und\nConsonanten gestattet, in eine Begion von Tönen, die nur\nnoch sinnlichen, nicht mehr den vollen, geistigen Werth\nder eigentlichen Menschenstimme haben. Aus dem Colora-\nturgesange, bei dem ohnehin schon die Sprache unterge-\nordnete Bedeutung hat, hervorgegangen, hat sich diese\nSitte allmählich auch in das dramatische Gebiet hinüber-\ngezogen, und so ist es gekommen, dass in der neueren\nOper den Gesetzen schöner Aussprache nicht mehr so un-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "35", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630131-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5592, "texte": "bedingt genügt zu werden braucht, ja, nicht genügt wer-\nden kann, und dass man für einzelne hoch liegende Stellen,\nfür die grossen Ensembles und Finales zumal, eine mil-\ndere Praxis gelten zu lassen genöthigt ist. Anders bei Gluck\nund seinem nächsten Nachfolger, Mozart, in ihren Haupt-\nwerken wenigstens; hier bleibt die Stimme in dem Kreise\nvon Tönen, der der Sprache noch unterworfen werden\nkann, und hier gestattet die Regel keine Ausnahme, am\nwenigsten bei Gluck, dem bekanntlich die Wahrheit der\nDeclamation oberstes Gesetz war. Etwas Anderes ist fer-\nner noch unter dem Adel der Aussprache zu verstehen,\neiner Eigenschaft, die durch Verbindung der Tonschönheit\nmit der Deutlichkeit erreicht wird, und die allerdings für\njeden Gesang nothwendig ist, deren Mangel aber doch da\nam lebhaftesten gefühlt werden wird, wo die Musik durch\nsich selbst den vollen Eindruck des Edeln, Würdevollen\nhervorruft. Fülle und Glanz der Stimme: darunter verste-\nhen wir wiederum eine Vereinigung entgegengesetzter\nEigenschaften. Gluck's Gestalten sind grosse, tiefe Naturen,\ndie zwar energisch und lebhaft empfinden, aber in ihren\nGefühlen nicht immer ausser sich, sondern in der Regel\nbei sich sind; das verlangt jenen vollen, gesättigten Ton,\nder von Grösse und Innerlichkeit zeugt. Mit einer Stimme\nindess, die nun aus diesem Gleichmaass voll quellender\nTöne gar nicht herauskäme, die nicht die Fähigkeit hätte,\nsich im entscheidenden Augenblicke zu einem scharf ge-\nschliffenen, glänzenden Tonstrahle zu concentriren, würde\nihm ebenfalls nicht genügt sein; denn er ist der Drama-\ntiker, der sich in einzelnen Momenten zu der ganzen Ener-\ngie eines sich vollziehenden Willens erhebt; dann wird die\nEmpfindung zu gespannter Erregung, die Erregung zur\nThat, und das drückt nur eine Stimme von gespannter\nSchärfe, von durchgreifendem Metallglanz aus. Die Gleich-\nmässigkeit der Register ist eine Forderung, die für Gluck\ndaraus entspringt, dass einerseits seinem geistigen Princip\nTöne von instrumentalem Charakter, z. B. die männlichen\nFalsettöne, widersprechen, während andererseits jene grel-\nlen, unvermittelten Contraste, welche die moderne Oper,\nz. B. in der Ausarbeitung der Alt-Partieen, mit besonderer\nVorliebe begünstigt, vermöge seiner ruhigeren, gehaltene-\nren Auslegung des dramatischen Princips ausgeschlossen\nsind. Ausdauer des Athems ist allerdings auch in neuer\nMusik sehr wichtig, dennoch nicht von so durchgreifender\nNothwendigkeit, wie in Gluck's langgezogenen, scharfge-\ngliederten und darum gegen jedes falsche Alhemnehmen\nbesonders empfindlichen Cantilenen. Die alten Meister ver-\nlangten eine kleinere Scala von Tönen, aber innerhalb die-\nser Gränzen eine höhere Kunstfertigkeit, eine nachhaltigere\nKraft. Hiermit hängt die Meisterschaft in der Kunst des\nSchwellens der Töne zusammen; die Neueren lieben das\nUeberraschende, den plötzlichen, schnellen Contrast, und\ndarum sind die heutigen Sänger mehr in dem stossweisen\nHervorbringen, als in dem langsamen Hervorziehen der\nTöne geübt. Gluck, als dramatischer Componist, hat auch\ndieses bereits; aber keine Sängerin wird die grossen lyri-\nschen Scenen der beiden Iphigenien, der Alceste und Ar-\nmide sinngemäss durchzurühren vermögen, die nicht in der\nKunst des Schwellens das richtige Ausdrucksmittel für die\nruhig sich entwickelnde Melodik Gluck's besitzt. Der\nmaassvolle Gebrauch der Klangfarben scheint uns aus der\nplastischen Einfachheit Gluck's zu folgen. Die Bestimmtheit\nder Accentuation ergibt sich als eine selbstverständliche\nForderung aus der declamatorischen Bedeutsamkeit der\nGluck'schen Compositionen.\nWir haben die einzelnen technischen Eigenschaften,\ndie wir von dem Sänger Gluck's verlangten, näher begrün-\ndet, und uns bleibt nun noch zum Schlüsse einige Worte\nüber dasjenige zu sagen übrig, was wir die ruhige Ent-\nwicklung und breitere Ausführung der Contraste nannten.\nDiese Eigenschaft, die sich auf die Auffassung und Durch-\nführung einer Rolle im Grossen und Ganzen bezieht, hängt\nwesentlich mit dem zusammen, was man als den grossen\nStil Gluck's bezeichnen müsste. Gluck ist der Repräsentant\ndes grossen Stils in der Oper; das ist oft gesagt worden,\nund Jeder fühlt es leicht als \"richtig heraus, ohne darum\nden Componisten des »Don Juan\" und des „Fidelio\" die\nGrösse abzusprechen, nur dass diese Opern noch andere\nElemente in sich enthalten, die aus dem reinen Stil der\ngrossen Oper auszuscbliessen sein würden. Gross kann nur\ndiejenige Oper sein, die uns ein treues Spiegelbild grosser\nmenschlicher Naturen in Tönen gibt; und gross können\nwiederum weder diejenigen Naturen genannt werden, die\nsich in einem unerschütterlichen Gleichmaasse des Stim-\nmungslebens befinden, obschon auch dies ein Element der\nGrösse ist, noch diejenigen, die die stärksten Erschütterun-\ngen in sich durchmachen, aber willenlos, ohne Herrschaft\nüber sich selbst, getrieben von der äusseren Welt, im\nschnellen Wechsel der Empfindungen. Zur Grösse gehört\nBeides: dass man das ganze Weh und die volle Lust, de-\nren das menschliche Herz fähig ist, in sich erlebt, und\ndass man sich dagegen wehrt und die ruhige Einheit mit\nsich selbst zu behaupten sucht. Zur Grösse gehört Festig-\nkeit, Gleichmaass und auf der anderen Seite die Kraft\nstarker Empfindungen. Darum entwickeln sich in grossen\nNaturen die Empfindungen langsamer, werden dann aber\nauch in ihrer ganzen Tiefe durchlebt. Wir sehen hieraus,\ndass sowohl die lyrische Beharrlichkeit, die bei Gluck dem\ndramatischen Principe zu Grunde liegt, als die allmähliche\nEntwicklung der Höhepunkte der Leidenschaften eine\nGrundbedingung des grossen Stils ist. Denn wenn die Em-\n\nL*i"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "36", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630131-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2664, "texte": "pfindung den Eindruck voller Kraft machen soll, so muss\nsie sich lyrisch ausbreiten und in sich vertiefen; wenn die\nFestigkeit einer nicht so leicht zu erschütternden Natur\nzur Erscheinung kommen soll, muss die Entwicklung eine\nlangsame sein. Das schnelle Ueberspringen von einer Em-\npfindung zur anderen, wobei keine in ihrer Tiefe erschöpft\nwird, kann unter Umständen noch dramatisch anregen,\nnie aber den Eindruck der Grösse machen. Diese Eigen-\nschaft wird denn auch von dem Darsteller verlangt, die\nRuhe in der Bewegung, die Beharrlichkeit im Wechsel; sie\nist das leitende Gesetz, das der Auffassung Gluck's im Ganzen\nund der Ausführung im Einzelnen zu Grunde liegen muss.\nWir haben im Vorhergehenden versucht, zu zeigen,\nwelche Eigenthümlichkeiten der Stimme, der Technik und\ndes Vortrages dem Geiste Gluck's am besten entsprechen.\nWerfen wir nun einen Blick auf das, was Louise Köster\nwar und noch heute ist, so können wir unumwunden aus-\nsprechen, dass sie die erwähnten Eigenschaften in seltener\nWeise in sich vereinigte, den vollen, lyrisch-innigen und\ndoch dramatisch erregbaren Ton, die technisch correcte\nDurchbildung, die Kunst des allmählichen Hervorwachsens\nder Kraft, das Stetige, langsam Werdende in der Darstel-\nlung eines Charakters. Das Phantasiebild freilich, das Gluck\nvorschweben und das er unter günstigen Umständen auch\nverwirklicht sehen mochte, werden wir nie ganz wieder-\nherstellen, weil die spätere Entwicklung der Kunst bis zu\neinem gewissen Grade mit unerbittlicher Notwendigkeit\nauf Aulfassung und Darstellung der älteren Kunstwerke\nzurückwirkt; schon das Wichtigste fehlt uns dazu, die\nrechte Tonhöhe, die von entscheidendem Einflüsse auf den\nKlang-Charakter ist, und die zu Gluck's Zeiten die Stim-\nmen voller, markiger, grösser, ruhiger machte, als sie es\nheute sind. Was aber eine neuere Sängerin, die den ver-\nschiedensten und entlegensten Kunst-Aufgaben genügen\nsoll, in der Reproduction Gluck's irgend verwirklichen\nkann, das hat Louise Köster verwirklicht; und unter\nihren reichen und hohen künstlerischen Erfolgen waren\ndaher manche andere im Sinne des Publicums vielleicht\nglänzender, keiner aber gab ein so beredtes Zeugniss von\nder objectiven Natur ihrer Kunst-Auffassung, von ihrer\nHingebung an die Idee des Componisten. Möge sie späteren\nKunstjüngerinnen ein leuchtendes Vorbild darin sein, wie\nman aus der bescheidenen Unterordnung unter die höhere\nkünstlerische Aufgabe die Kraft zu den grössten Erfolgen\ngewinnt, wie man sein eigenes Inneres fortdauernd erwei-\ntert, indem man den Offenbarungen lauscht, die in der\nkleinen Zahl der für die Ewigkeit geschriebenen Werke\nenthalten sind. (G. Engel.)\n(Schluss folgt.)"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1863-01-31-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1863-01-31_01#c003", "volume": "bmtnabi_1863-01-31_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "36", "page_fin": "38", "image_debut": 4, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630131-01.2.3", "titre_corps": "Aus Wien.", "titre_sommaire": "Aus Wien.", "signature_source": "S", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "36", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630131-01.1.4", "debut_caractere": 2666, "fin_caractere_exclue": 5243, "texte": "Aus Wien.\n\n(SeMuss. S. Nr. 4.)\nMan könnte nun freilich sagen, Wagner trägt selbst die\nSchuld, wenn die Bruchstücke, die er uns aus seinen neue-\nsten grösseren Werken vorführt, falsch beurtheilt werden:\ndenn wesshalb gibt er uns Zerstückeltes und noch dazu\nMusik zu Scenen, bei welchen nicht sowohl das Dramati-\nsche der Handlung als das Malerische der Decorationen\nund die Kunst des Maschinisten und Regisseurs notwen-\ndig sind, um der Einbildungskraft des Zuhörers durch das\nSchauen zu Hülfe zu kommen? Allein wir wollen uns so\nviel als möglich ganz in die Scenerie versetzen und den\nMangel des sichtbaren Programms dieser Musik durch\ndie Phantasie ergänzen; trotzdem können wir doch die\neigentlich beabsichtigte Wirkung und bei Wagner ist\nja Alles Absicht höchstens ahnen, vermögen aber, selbst\nbei den günstigsten Voraussetzungen für das Ganze, bei\nAnhörung dieser Fragmente das Gefühl einer musicalischen\nLeere, das sich bei allem äusserlichen Kraft-Aufwand der\nInstrumentalklänge aufdrängt, nicht abzuweisen, und einzel-\nne originelle Züge, gewisse (geniale?) Phantasie-Flüge oder\nFlüche oder Sprünge sind nicht im Stande, jenes Gefühl zu\nverdrängen, eben so wenig, wie einige seltene melodische\nFunken uns dauernd erwärmen können. Ob diese neuen\nErzeugnisse Wagner's hinter dem Tannhäuser und Lohen-\ngrin zurückstehen, dies zu behaupten, dürfte voreilig sein;\ndass aber viele und selbst solche Musiker, die Richard\nWagner's Leistungen sehr günstig aufzunehmen pflegen,\ndahin zu neigen schienen, ist Thatsache, Die Versamm-\nlung war zahlreich und günstig gestimmt und gestimmt\nworden, «ler Beifall ehrenvoll für den Componisten. Die\nletzte Abtheilung, „Das Rheingold\", sprach weniger an,\nals die beiden ersten, die Spannung der Zuhörerschaft er-\nschlaffte sichtbar.\nAm 1. Januar Mittags wiederholte das zweite Concert\ndieselben Aufführungen. Der Besuch war bei Weitem\nnicht so zahlreich, als das erste Mal, die Ausführung durch\ndas verstärkte Opern-Orchester vortrefflich, und Wagner\nist ein vortrefflicher Dirigent. Die Männer-Soli, wie das\nerste Mal von den Herren Äschbauer, Mayerhofer und\nHrabanek gesungen, hatten dem Talente dieser Sänger\nErfolg zu danken, sind auch in der Composition besser,\nals das Frauen-Terzett. Das Publicum bestand dieses Mal\ngrösstenteils aus eifrigen Enthusiasten, die einen der-\nmaassen rasenden Applauslärm machten, dass uns Moli&re's\nMarquis oder Vicomte einfiel, der seine Standesgenossen\nin die Komödie führt pour f Wir aber\nkonnten uns nur wiederholen, dass der Mangel an musi-\ncalischen Gedanken, die wirklich etwas sagen, uns dieses"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "37", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630131-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5200, "texte": "Mal noch mehr auffiel, als bei dem ersten Anhören, was\nübrigens sich leicht daraus erklärt, dass die zweifelsohne\nmit Geist und Talent verwendeten Klangwirkungen zum\nersten Male die Sinne blenden, bei -wiederholtem Hören\naber ihren Reiz verlieren.\nWenn ich vorhin von Marquis und Vicomte sprach,\nso war das eine ganz natürliche Gedanken-Verbindung,\ndenn die hiesige Claque für Wagner ist weitab keine be-\nzahlte— vom Zahlen ist er bekanntlich kein Freund, eher\nvom Gegentheil —, sondern eine sehr vornehme, und das\nOrgan für das „Kunstwerk der Zukunft\", das erst dann\nzu vollem Rechte kommen wird, „wenn keine Staaten mehr\nexistiren\", ist hier in Wien das „Vaterland\", jene\nberüchtigte journalistische Gründung der Hochgeborenen\nund Absoluten! In der neuen Aera dieses noblen Blattes,\nd. h. vom 1. Januar d. J. an, wird eine neue Auflage der\nWagner'schen Lehre von der „Melodie des Waldes\" und\nvon der „unendlichen Melodie\" *), in philosophische (?) Co-\nstüme gekleidet dargeboten. Hört, ihr Musiker: „Der\nPanmelodismus\" ist das Charakteristische in Wagner's\nMusik; also nicht bloss die „Waldmelodie\", sondern die\n„Allmelodie\". „Die Principalslimme\", heisst es da, „ist\neine höchstpersönliche Erscheinungsart, welche sich in\nWagner's neuesten Werken als ein im Gesammtver-\nban de wesentliches aufgegangenes Sein ergibt. Je-\nder einzelne Stimmträger ist ein tongedankliches\nSelbst und Alles ist Melodie. Der Panmelodismus ist\nohne alle Frage die höchste Verklärungsstufe des-\nsen, was eine frühere Zeit Polyphonie schlechthin\ngenannt hat. Die früheren Meister haben die Errungen-\nschaft des polyphonen Stils allmählich angebahnt (!),\naber erst seit Wagner's „ „Lohengrin\"\" ist sie ein wirk-\nliches allbefruchtendes Lebens-Element in der Sphäre des\nmusicalischen Schaffens geworden.\" Nun, wie wird\nIhnen zu Muthe bei diesem afterwissenschaftlichen Jargon?\nSo etwas kann nur der Feder eines Grafen enlquellen, der\nmit der heiligen Laurencia, nicht aber Cäcilia, in Ver-\nbindung steht.\nEin drittes Concert fand am 11. Januar Statt. Es fielen\neinige Stücke des früheren Programms aus, wofür die\nOuvertüre zu „Faust\", zwei Lieder der hämmernden\nSchmiede aus „JungSiegfried\" und die Tannhäuser-Ouver-\nture eintraten. Es fehlte nicht an Bewillkommung und\nApplaus, doch blieb bei der Rheingolds-Musik das Publi-\ncum eben so kalt, wie früher. Am Schlüsse hielt Wagner\neine Dankrede an das Publicum!\nDie historischen Concert-Soireen, welche Herr\nL. A. Zellner veranstaltet hat (die erste am 18. Decem-\nber v. J., die zweite am 8. Januar d. J.), sind theilweise\nganz interessant, die Auswahl der Stücke ist gut und die\nAusführung ebenfalls, nur Eines kann den Forderungen\nder Kunst nicht entsprechen und hat einen gar zu dilet-\ntantischen Anstrich, das sind die Vorträge von Orgel-\nCompositionen auf dem Harmonium durch den Concert-\ngeber. Die Programme könnten in der Reihenfolge auch\nmehr die Zeitfolge der Compositionen beobachten, weil ja\nsonst der Ausdruck „historisches Concert\" keinen Un-\nterschied gegen andere Concerte bezeichnet, in denen jetzt\nbekanntlich Altes und Neues auch durch einander vorge-\nbracht wird. Zellners Programme umfassen an drei Jahr-\nhunderte bis auf Schumann und Rubinstein, und da ist es\ndenn auffallend, wenn Chopin und Rubinstein vor Haydn\nund Mozart gestellt werden. An den eigentlich leitenden\nGedanken solcher Concerte, dem Zuhörer den Charakter\neiner jeden Periode der Entwicklung der Tonkunst an-\nschaulich zu machen, scheint also gar nicht gedacht wor-\nden zu sein. Die Jahrhunderte werden alle durch einander\ngeworfen, z. B. in Soiree I. folgen das 15., IT., 18., 17.,\n18., 19., 18. auf einander; in 11. 16., 18., 17., 18., 17.,\n19., dabei z. B. Reinhard Kayser vor A. Scarlatti; in 111.\nSpohr vor Hasse; in IV. Schumann und Rubinstein vor\nGluck und Prinz Louis Ferdinand. Ueberhaupt scheint sich\nfür Herrn Zellner die moderne Kunst in Rubinstein zu\ngipfeln, der auf drei Programmen figurirt. Liszt ist auf-\nfallender Weise auf keinem. In der ersten Soiree spielte\nTausig einige allerliebste Ciavierstücke von Rameau und\ndie Phantasie in F-moll,Op. 49, von Chopin mehr in\nschlagender Weise als mit schlagendem Beifall. In der\nzweiten wirkte Alfred Jaell mit und spielte mit gröss-\ntem Beifall drei höchst interessante Stücke: zwei Polonai-\nsen von Friedemann Bach und ein Allegro in E-moll\nvon J. P. Kirnberger; am Schlüsse A. Rubinstein's\nQuintett Op. 55 für Piano, Flöte, Clarinette, Horn und\nFagott.\nDies führt mich auf die drei Concerte, welche\nAlfred Jaell und Ferdinand Laub gegeben haben.\nEs waren, unstreitig die glänzendsten der bisherigen Sai-\nson. In dem ersten (den 21. December v. J. im Musik-\nVereinssaale mit vollem Orchester) spielte Laub dasViolin-\nConcert von Beethoven, dessen Romanze in F und ein\nRondo giocosoeigener Composition. Seit wir in Wien die-\nsen Künstler gehört, waren vier Jahre verflossen; sein An-\ndenken war indess noch lebendig genug, was die ehren-\nvolle Begrüssung documentirte. Der grosse, schöne Ton\nLaub's übte auch jetzt und noch mehr wie früher seinen\nEindruck auf die Zuhörer aus, eben so der edle Vortrag\n\n*) In dem „Briefe aus Paris an seine Freunde\". Vgl. Nieder-\nrheinische Musik-Zeitung, 1861, Nr. 1 und 2.\nDie Redaction."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "38", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630131-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3504, "texte": "und die meisterhafte Technik. Dennoch müssen wir ge-\nstehen, dass, wenn wir Laub nur an diesem Tage gehört\nhätten, wir nicht von einem bedeutenden Fortschritte sei-\nner Virtuosität hätten sprechen können; die folgenden\nConcerte zeigten uns aber, dass der grosse Künstler sich in\ndem ersten durch irgend etwas genirt gefühlt haben muss;\nob dieses Etwas in seiner augenblicklichen Stimmung oder\nan äusseren Dingen gelegen hat, können wir nicht wissen.\nJaell spielte das Concert in A-fnoll von Schumann,\neine Gavotte von J. S. Bach, den Cfe-moW-Walzer von\nChopin und seine brillante Triller-Transscription des\nenglischen Liedes „Home sweet hörne\". Wir kannten ihn\nsehr gut, wir hatten seine Concerte im Jahre 1858, seine\nSoireen mit Vieuxtemps im Jahre 1859 wahrlich nicht\nvergessen, und doch kam uns dieser merkwürdige Künst-\nler wie ein noch nicht da gewesener vor, weil wir kaum\nglaubten, dass die Höhe, auf welcher er schon damals\nstand, sich noch gipfeln könnte. Und dennoch ist es so\nwir sprechen dies als Resultat seiner Erfolge in allen drei\nConcerten aus. Wie ist das zu erklären? Einfach dadurch,\ndass wir sagen, worin Jeder, der ihn jetzt hier gehört hat,\nübereinstimmt: Jaell war ein eminenter Virtuose, und aus\n•dem Virtuosen ist ein grosser Künstler geworden. Das\nzeigte gleich im ersten Concerte die Hingebung an den\nGeist und Charakter der Composition des Schumann'schen\nConcertes, dann im Abschieds-Concerte (den 14. Januar)\nder Vortrag der Sonate von Beethoven (an Kreutzer ge-\nwidmet) mit Laub, der Variationen von Händel und vor\nAllem der grossen Sonate in Fis-moll (Florestan und Euse-\nbius) Op. 11 von Schumann, die hier noch nie öffentlich\ngespielt worden ist. Der Ausbruch des lebhaftesten Bei-\nfalls nach jedem Satze und ein dreimaliger Hervorruf wa-\nren die Folge der eminenten Leistung. In demselben Con-\ncerte spielte Laub Bach's Ciaconna, deren Vortrag den\nvollendeten Meister bekundete. In allen drei Concerten die-\nser musicalischen Dioskuren, welche in der Zwischenzeit\nauch zwei Concerte in Prag gaben, war der Saal über-\nfüllt, und wir freuen uns, dass sie im nächsten Monate\nhieher zurückkehren, um einige Soireen für Kammermu-\nsik zu geben.\nVon den übrigen Kunsterscheinungen, welche die\nhochgehende Flut der Saison bringt, möchte man bei\nmancher sagen: „Le flot qui l'apporta, recule &pouvanieu,\nwenn der Ausdruck nicht gar zu schwülstig wäre. Eine\ngrosse und schätzbare Ausnahme vom Gewöhnlichen mach-\nten die zwei Concerte von Johannes Brahms, einem\nechten Künstler, der trotzdem, dass er gewiss ein über-\nzeugtes Bewusstsein seines Berufes hat, doch so anspruchs-\nlos ist, dass er auf den Vortrag seiner eigenen Sachen we-\nniger Sorgfalt zu wenden scheint, als auf die Vorführung\nvon Werken grosser Meister in deren eigenstem Geiste.\nSo kam es uns wenigstens im zweiten Concerte vor (dem\nersten haben wir nicht beigewohnt), wenn wir den Vor-\ntrag seiner mit deren Stil wir uns freilich\nnicht befreunden können, mit dem trefflichen Spiel der\nSonate Op. 14 von Schumann, die doch auch nicht an\nzu grosser Klarheit und Einfachheit leidet, verglichen. Den\nreinsten Genuss bot der Vortrag von Bach's chromati-\nscher Phantasie und von Beethoven's prächtigen Va-\nriationen Op. 35 über das Thema aus Prometheus, spä-\nter in der Eroicabenutzt, welche Sie den künstlerisch\nstrebenden Virtuosen so oft in Ihrem Blatte zum Con-\ncert-Vortrage empfohlen haben. Sie riefen einen enthu-\nsiastischen Beifall hervor. Dem Vernehmen nach wird\nBrahms sich längere Zeit hier aufhalten.\n\nS."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1863-01-31-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1863-01-31_01#c004", "volume": "bmtnabi_1863-01-31_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "38", "page_fin": "40", "image_debut": 6, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630131-01.2.4", "titre_corps": "Sechstes Gesellschasts-Concert in Köln im Gürzenich, unter Leitung des städtischen Capellmeisters Herrn Ferdinand Hiller.", "titre_sommaire": "Sechstes Gesellschasts-Concert in Köln im Gürzenich, unter Leitung des städtischen Capellmeisters Herrn Ferdinand Hiller.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "38", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630131-01.1.6", "debut_caractere": 3506, "fin_caractere_exclue": 5557, "texte": "Sechstes Gesellschasts-Concert in Köln im Gürzenich,\nunter Leitung des städtischen Capellmeisters Herrn\nFerdinand Hiller.\nDinstag, den 27. Januar 1863.\nProgramm. Erster Theil. 1. Ouvertüre zu „Genofevaa yon\nRobert Schumann. 2. Arie aus der Oper „Ezio\" von G. F.\nHändel, vorgetragen von Herrn Salvator Marchesi, grossher-\nzoglich weimar'schem Kammersänger. 3. Concert in Es-dur für\nPianoforte mit Orchester-Begleitung von L. van Beethoven, vor-\ngetragen von Frau Dr. Clara Schumann. 4. Psalm XIII. für\nChor und Orchester von Woldemar Bargiel. (Zum ersten Male.)\nUnter persönlicher Leitung des Componisten. 5. Solostücke für Piano-\nforte, vorgetragen von Frau Dr. Clara Schumann: a) Novellette\nvon R Schumann (Op. 21, Nr. 2); b) Nocturne von F. Chopin\n(in Fis-moll); c) Frühlingslied (in A-dur) von F.\n6. Arie aus der Oper „Figaro's Hochzeit\" von W. A. Mozart, vor-\ngetragen von Herrn Salvator Marchesi.\nZweiter Theil. 7. Sinfonie Nr. IV. (B-dur) von L. van Beet-\nhoven.\nSchumann's Genofeva-Ouverture, schwungvoll ausgeführt, wurde\nmit Beifall aufgenommen. Die Wahl dieses Werkes konnte an die-\nsem Abende zugleich als eine Achtungsbezeigung für die Gattin des\nzu früh Dahingeschiedenen gelten, welche uns durch den Vortrag\ndes _Es-cfor-Concertes von Beethoven und der kleineren Solostücke\nvon Schumann, Chopin und Mendelssohn erfreute. Ueber das Spiel\nder Frau Clara Schumann, welches in ganz Deutschland und\neben so in Paris und London, den tonangebenden Städten für das\nAusland, bewundert wird, treten wir auch nach ihren Leistungen am\nDinstag Abend wiederum mit voller Hochachtung ihres eminenten\nTalentes der allgemeinen Stimme bei: die drei gauz verschiedenen\nStimmungsbildchen gab sie mit einer Feinheit, Anmuth und Empfin-\ndung wieder, die der Künstlerin Herz und Sinn jedes Zuhörenden\ngewinnen mussten, was eigentlich mehr ist, als die laute Bewunde-\nrung, die sich in stürmischem Applaus und wiederholtem Hervorruf\nkundgab. Was das Beethoven'sche Concert betrifft, so gestehen wir\noffen, dass uns Frau Schumann in der Reproduction der Concerte"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "39", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630131-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 7095, "texte": "von Robert Schumann und Mendelssohn mehr begeistert und hinge-\nrissen hat, als durch den Vortrag jenes Meisterwerkes, welches an\nkeiner einzigen Stelle ein auch nur momentanes Aufgeben der clas-\nsischen Ruhe des Vortragenden duldet. Dass die grosse Künstlerin\nauch diese Ruhe, diese Erhabenheit über jede persönliche Aufregung,\nmöge sie auch aus der reinsten Begeisterung stammen, wie es bei\nihr in der That der Fall ist, in ihrer Gewalt hat, zeigte der gemes-\nsene und eben dadurch imposante Vortrag der ab- und aufsteigenden\nOctavengänge im ersten Satze in der Einleitung zum Wiedereintritt\ndes Hauptthema's; an anderen Stellen hingegen haben wir sie ver-\nmisst, z. B. beim Thema, wo die Vollgriffigkeit eine Mahnung ist,\ndie nicht überhört werden dürfte. Eben so schon in der Eröffnungs-\nCadenz, welche auch nicht im entferntesten den Schein einer flüch-\ntigen Bravour-Einleitung tragen darf; denn sie ist ein integrirender\nTheil des Satzes, was die Wiederholung derselben in strengem Tempo\nbei dem zweiten Theile beweist, wesshalb ihr Vortrag nicht bloss\nglänzend präludirend, sondern breit und majestätisch gehalten und\nnamentlich auch an der mehrstimmig herabgehenden Stelle nicht\nübereilt, sondern mit Empfindung betont werden muss. Dass in der\nGlanzstelle des ersten Satzes, wo der Bass in Triolen staccato herab-\nsteigt, diese bei der Wiederkehr im zweiten Theile ligato vorgetra-\ngen wurden, können wir nicht billigen, noch weniger das beschleu-\nnigte Tempo in der Alternirung der Fragmente des Thema's zwi-\nschen Orchester und Ciavier beim Eintritt der Coda, was um so\nauffallender war, da das Orchester im strengen Tacte blieb, wie denn\nüberhaupt jedes Drängen dem so grossartig und breit angelegten\nSchlüsse nicht angemessen ist. Warum die Künstlerin in dem übri-\ngens wunderschön gespielten Adagio die Figuren der Sechszehntel-\nBegleitung zu der Melodie der Blas-Instrumente am Schlüsse gegen\ndie ausdrückliehe Bezeichnung Beethoven's, der wohl wusste, was\ner mit der Ligatur\nwollte, auf die gewöhnliche\nWeise vortrug, vermögen wir nicht einzusehen. Unstreitig am vollen-\ndetsten war die Ausführung des letzten Satzes.\nEine neue Erscheinung für uns war Heir Salvatore C. Mar-\nchesi, der auf seinen vielen Kunstreisen Köln noch nicht besucht\nhatte. Obwohl er schon eine jahrelange künstlerische Laufbahn\nhinter sich hat, besitzt er noch immer eine wunderbare Frische in\nseiner umfangreichen Baritonstimme, deren Höhe durch Weichheit\nund Wohllaut bei ganz vorzüglich gebildeter technischer Behandlung\nausserordentlich anspricht, während auch die Tiefe den Ton in sicherem\nAnsatz hergibt und ohne Schwanken oder Tremoliren festhält. Nach-\ndem er früher auf den ersten Opernbühnen Italiens geglänzt, hat er\nParis und London besucht, am längsten aber in Deutschland gelebt,\nwo er sich zu Frankfurt am Main im Jahre 1852 mit der berühmten\nSängerin Mathilde Graumann verheirathete. Seitdem gaben Beide Con-\ncerte in Italien, Frankreich, England, Holland und Deutschland, wo der\nGrossherzog von Weimar Herrn Marchesi zum Kammersänger ernannte;\nFrau Marchesi wirkte eine Reihe von Jahren als Gesanglehrerin\nam Conservatorium zu Wien und seit einiger Zeit hat das Künstler-\npaar Paris zum Aufenthaltsorte gewählt. Zu uns ist Herr Marchesi\naus Holland gekommen, wo er zu Amsterdam in einem Concerte der\nGesellschaft Felix Meritis, in welchem auch Frau Schumann spielte,\ngesungen und im Haag die Ehre hatte, in einem Hof-Concerte im Pa-\nlaste der Königin-Mutter mitzuwirken. Hier bei uns sang er mit edlem\nVortrage eine Arie aus der Oper Ezio von Händel, geschrieben\n1731 für den berühmten Bassisten Montagnana, ein Prachtstück in ge-\ntragenem Style, in welchem Herr Marchesi eine vortreffliche Ton-\nbildung und eine meisterhafte Behandlung der Respiration zeigte.\nAm Schlüsse der ersten Abtheilung des Concertes riss er das Publicum\ndurch den glänzenden Vortrag von Mozart's „Kon pih andrai far~\nfallone amoroso\", das er ohne alle Uebertreibufcg mit dem Humor\neines noblen, echt italienischen Buffo sang, zu gewaltigem Applause\nund wiederholtem Hervorrufe hin.\nDer Psalm XIII: „Herr, wie lange willst du meiner vergessen?\"\nfür Chor und Orchester componirt von Woldemar Bargiel, ist\neine neue Composition dieses begabten Tonsetzers von edelstem\nStreben und echt künstlerischer Gesinnung. Das Werk besteht aus\nvier Sätzen, welche in einander übergehen und aus E-moll (An-\ndante */<\\) durch C-dur (Vivo e marcato */n) und einen sehr schön\nmodulirenden Zwischensatz (Adagio nach dem Schlusssatze in\nE-dur (Andante con 'moto quasi Allegretto führen. Der erste\nSatz athmet in keineswegs steifer und gezwungener, sondern fliessen-\nder, klarer Polyphonie eine sanfte Klage, die aus einem bangen,\naber gläubigen Herzen dringt, das nicht in Zerknirschung vergeht,\nsondern allmählich zu immer stärkerem Vertrauen auf Gott sich\nerhebt. Diese Steigerung der Empfindung ist durch einfache, von\nkeiner Härte in ihrem harmonischen Strome unterbrochene Mittel\nin Chor und Orchester so trefflieb ausgedrückt, dass mit dem über-\nraschenden Eintritte mächtiger (7-cZwr-Accorde der Ruf zum Herrn:\n„Schaue doch und erhöre micli!tt, den der Chor im Unisono erhebt,\nschon gewisser Massen die Zuversicht auf Erhörung ausspricht. Dass\ndie preiswürdigen, in unserer Zeit der Begriffs-Verwirrung über\nmusicalische Schönheit nicht genug zu schätzenden Eigenschaften\ndes melodischen Flusses, der sangbaren Stimmführung (nur dass der\nBass an zwei melodischen Stellen etwas sehr tief liegt), der reinen\nharmonischen Strömung, welche mächtig schwillt, ohne dass ihr\nSteine und Klippen in den Weg geworfen werden, endlich der An-\nwendung nur der natürlichen Klangwirkungen der B]as-Instrumente\ndass diese Eigenschaften das ganze Werk in allen Sätzen bekundet,\ndas hat uns grosse Befriedigung gewährt. Ueber die Auffassung des\nzweiten Satzes könnte man mit dem Componisten rechten: musi-\ncalisch genommen ist der Satz effectvoll, besonders gehoben durch\ndie begleitenden Achtel-Figuren in den Bässen: allein dass bei der\nBitte des Chores um Erhörung: „Auf, dass die Feinde sich nicht\ndes Sieges freuen\", diese Freude der „Widersacher\" durch das\nOrchester versinnliclit wird, das will uns nicht zusagen. Höchst\nwohlthuend tritt darauf mit den Worten: „Ich hoffe darauf, dass du\ngnädig bist\", das wunderschöne kurze Adagio mit seinen milden\nHarmonieen ein, und der letzte und längste Satz: „Ich will dem\nHerrn singen, dass er so wohl an mir tliut\", ist dann nicht als\nhimmelanstrebender Hymnus, sondern als eine ruhig und sanft be-\nwegte Regung gläubiger Freude behandelt, eine Auffassung, welche\ndurch die vorhergehenden Worte: „Mein Herz freut sich, dass du\nso gern hilfst\", gerechtfertigt ist und ihr Analogon in Beethoven's\nBehandlung des Dona nobis in der grossen Messe findet. In diesem\nSinne ist der Satz schön durchgeführt, doch möchten wir einige\nKürzungen wünschen.\nDie zweite Abtheilung des Concertes brachte uns eine sehr\nschöne, in jeder Hinsicht vorzügliche Ausführung der vierten Sin-\nfonie (B-dur) Beethoven's, dieses köstlichen Meisterstückes ab-\nsoluter Musik, das uns wie der Anblick einer mannigfaltigen Land-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "40", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630131-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 907, "texte": "schaft erfrischt, deren reine, klare Luft eine gränzenlose Perspective\ngewährt, während sich im Vordergründe ihre Gegenstände im hellen\nSee spiegeln. Dieses Werk ist ein echtes Erzeugniss jener fruchtba-\nren Periode, welche vom Ende des vorigen Jahrhunderts in das\njetzige hineingreift, und in der Tonkunst wie in der Poesie der\nDeutschen jene hohen Blüthen getrieben hat, die ihr den Namen\nder classischen erworben. Diese vierte Sinfonie ist ein reiner Fort-\nbau auf den Fundamenten von Haydn und Mozart: beide wohnen\nauch in diesem Hause und fühlen sich darin wohl, aber Beethoven\nhat es allein gebaut. Für den überaus sorgfältigen, feinen und geist-\nvollen Vortrag sind alle Kunstfreunde dem trefflichen Dirigenten,\ndessen Verdienst um die classische Ausführung classischer Musik,\nwelche dieser nicht immer zu Theil wird, die grösste Hochachtung\ngebietet, und dem wackeren Orchester zu Dank verpflichtet."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1863-01-31-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabi_1863-01-31_01#c006", "volume": "bmtnabi_1863-01-31_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "40", "page_fin": "40", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630131-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "40", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630131-01.1.8", "debut_caractere": 909, "fin_caractere_exclue": 5007, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nBerlin. Königliches Opernhaus. Die Aufführung von\nGounod's „Margarethe\" gereichte nicht allein, als Ganzes be-\ntrachtet, unserer Bühne zu besonderem Lobe, sie bot auch im Ein-\nzelnen, Dank der Darstellung der Titelrolle durch Fräulein Lucca,\neine Reihe von Eindrücken, wie wir sie anmuthiger und überzeu-\ngender kaum bisher aus unserem Opernhause heimgetragen. Mit dem\nTact, welchen nur ursprüngliche Genialität besitzt, ergriff die Künst-\nlerin das Wesen des Charakters, um ihn mit dem warmen Athem\nunmittelbaren Lebens zu durchdringen. Nirgend steigerte sich der\nAusdruck zum mächtig aufjauchzenden Jubel der Leidenschaft, Alles\nerschien vielmehr wie in einen durchsichtigen Schleier gehüllt, wie\ndas halblaute Selbstgespräch der Liebe; so klang z. B. das Motiv\nbei Faust's Worten: „Lass mich schauen\", gleich ekiem leisen Echo\nvon den Lippen Gretchens wieder. Eben so in sich versunken war\nder Vortrag bei der Stelle: „Ich liebe dich so inniglich, bin ganz\ndie Deine.\" Nur zuletzt, wo Gretchens Seele mit freiem Flügel-\nschlag allen irdischen Staub abschüttelte, richtete sich die Stimme\nin voller Gestalt empor. Jeder Ton erschien hier in hellen, fernhin\nstrahlenden Glanz getaucht. Das Spiel schmiegte sich überall dem\nGesänge an, wie die begleitende Harmonie der Melodie, und so em-\npfingen wir ein Bild, das in jedem Zuge den Ausdruck echtesten\npoetischen Schaffens und Gestaltens trug. Herr Woworski hielt\nseinen Faust frei von aller Unnatur und Uebertreibung, zu welcher\ndie Aufgabe einen effectsüchtigeren Sänger an mehr als Einer Stelle\nverlocken könnte. Die Glanzpunkte der Rolle würden noch zu höhe-\nrer Geltung kommen, wenn der Stimme namentlich in den oberen\nLagen ein mehr geklärter und offener Ton zu Gebote stände. Herr\nSalomon war als Mephisto an seinem Platze; der Klang des Or-\ngans fest und energisch, der Vortrag voll jener dreisten, an ein\nrücksichtsloses Spiel mit Menschen und Dingen gewöhnten Laune.\nDer Valentin des Herrn Betz schlug sich als tapferer Soldat durch\ndie Partitur und musste nur zuletzt vor einem unüberwindlichen\neingestrichenen F capituliren.\nl2. Januar. fri einem Ende vor. Monats Statt\ngefundenen Concerte der hiesigen Capelle wurde Capellmeister Bott\nnicht nur wiederholt gerufen, sondern auch mit hier seltenem Applaus\nempfangen, denn oft spendet das Publicum in kleineren Städten\nmehr den fremden Künstlern seine Beifallsbezeigungen, als den ein-\nheimischen, selbst wenn diese bedeutender sind. Bott spielte das\nsiebente Concert von Spohr und Chaconne von J. Seb. Bach. Aus-\nserdem bot das Programm die Ouvertüren zu „Faniska\" von Cheru-\nbini und „Manfred\" von Schumann, Arie aus „Fidelio\" von Beetho-\nven und dessen Sinfonie in A-dur, und Gesänge aus „Fingal\" von\nOssian und „Der Gärtner\", Gedicht von Eichendorf, für weibliche\nStimmen mit Begleitung von zwei Waldhörnern und Harfe (auf dem\nPianoforte gespielt), gesungen von den Fräulein Schenk, Schmidt\n(welche auch die Arie aus Fidelio sehr gut vortrug), Stübecke und\nBüdinger. Sämmtliche Sachen waren gut einstudirt und kennzeichne-\nten unseren Bott als einen ausgezeichneten Dirigenten. Sehr gut\nund fein ausgeführt wurde die Sinfonie; sie bewährte unserer Ca-\npelle ihren alten Ruf.\nUnter dem Opern-Personal zeichnet sich Fräulein Schmidt\ndurch ein bedeutendes Stimm-Material aus und berechtigt unter gu-\nten Vorbildern und strenger Selbstkritik durch eifrige Studien zu\nder Hoffnung, eine hervorragende Erscheinung zu werden. Zur Auf-\nführung gelangten die Opern: von Mozart: Figaro, Don Juan uhd\nZauberflöte; von Weber: Freischütz; von Meyerbeer: Robert; von\nNicolai: Die lustigen Weiber; von Flotow: Stradella, und von Mail-\nlart: Das Glöckchen des Eremiten. s.\nDer berühmte Violinist, Herr August Kömpel, dessen Bestäti-\ngung als Concertmeister in München durch merkwürdige Ver-\nhältnisse sich verzögerte, hat die Unterhandlungen mit der dortigen,\nleitenden Behörde abgebrochen und geht als grossherzoglicher Concert-\nmeister nach Weimar, wo er in den ersten Tagen des Februars\nseine Stelle unter sehr günstigen und ehrenvollen Bedingungen an-\ntreten wird."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "33", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630131-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nLouise Köster, Ihre Rollen in Gluck's Opern. Aus Wien (Richard Wagner's Concerte. Das „Vaterland\"\nüber Wagner. Zellner's historische Concerte. Alfred Jaell und Laub. Sechstes Gesellschafts-Concert in Köln im Gürzenich.\nTages- und Unter haitun gsblatt (Berlin, Aufführung von Gounod's „Margarethe\" Meiningen, Concert, Oper August Kömpel,\nConcertmeister in Weimar).\n\nLouise Köster.\nAm 11. December v. J. beging das königliche Opern-\nhaus in Berlin eine Abschiedsfeier. Frau Köster schied\nin Beethoven's „Fidelio\" von der Bühne, der sie seit zwan-\nzig Jahren ihr Talent mit dem nachhaltigsten Eifer gewid-\nmet hatte.*).\nDurch das ganze Leben der Künstlerin ist ein be-\nstimmter, scharf ausgeprägter Zug künstlerischen An-\nschauens und Gestaltens erkennbar: das Streben, die höch-\nsten Ideale, welche der Genius der deutschen Musik\ngeschaffen, in ihren Darstellungen zu verwirklichen; die\nplastischen Gestalten des tragischen Stils eben so wie die\ntief empfundenen, innigen Melodieen der deutschen Ro-\nmantik in Ton und Erscheinung zu verkörpern. Der blen-\ndende Schimmer der Technik, dem die Kunst des Auslan-\ndes Lorbern spendet und in den der Beff&Jl der Menge\nsich schwelgend versenkt, war ihr stets von untergeordne-\nter Bedeutung; sie verschmähte den nur aus der Technik\ndes Gesanges herzuleitenden Effect und sonderte mit fei-\nnem Sinne das schmückende Beiwerk von dem wesentli-\nchen Gehalte der musicalischen Gedanken. Diese Kunst-\nrichtung erwuchs mit innerster Notwendigkeit aus einem\nNaturel, welches für reine Liebe zur Kunst, für ein be-\nscheidenes Auftreten in der Gesellschaft, für ein pflicht-\ntreues Wirken in der Familie angelegt war. Wenn die\nmit überraschendem Glänze in eine Kunstleistung einschla-\ngenden Blitze des Genies den Zuhörer, nicht selten ver-\nletzen, so bereitete Auffassung und Vortrag unserer Künst-\nlerin stets den Eindruck eines dauernden, wohlthuenden\nund erquickenden Genusses, und wir begegneten in ihren\nLeistungen überall einer schönen, weiblich und künstle-\nrisch entwickelten Harmonie des Lebens und der Kunst.\n(0. Lange.)\nWenn man versuchen wollte, die eigentümliche Be»\ndeutung, die sich Louise Köster in der deutschen\nKunstwelt errungen hat, zu entwickeln, so würde man\nzunächst auf einen äusseren Umstand aufmerksam zu ma-\nchen haben, aus dem bei näherer Betrachtung auch manche\ninnere Eigentümlichkeit sich ergeben würde, darauf näm-\nlich, dass Louise Köster die einzige Sängerin der beiden\nletzten Decennien ist, in deren Bepertoire die Hauptwerke\nGluck's einen der wesentlichsten Bestandtheile bildeten.\nWar es ein angeborener Zug der Natur, der unsere Sän-\ngerin zu den frühesten und strengsten Offenbarungen der\ndramatischen Idee auf musicalischem Gebiete hinführte,\noder der günstige Umstand, dass sie in Berlin ihre künst-\nlerische Thätigkeit entfalten konnte, in Berlin, wo fast al-\nlein noch die herbere Schönheit Gluck'scher Ausdrucks-\nweise geliebt und bewundert wird, wir wissen es nicht\ngenug, sie ward in Berlin die Künstlerin, von der wir re-\nden; ihre persönliche Empfindung wusste sich mit den ob-\njectiven Kunst-Anschauungen und Gewohnheiten, die unter\nuns herrschen, auf das glücklichste zu verschmelzen; sie\nward eine Vertreterin des Geistes,, in dem hier, in der\nnorddeutschen Metropole, die Musik verstanden und geübt\nwird. „Alceste\", die das Grauen des Todes durch Liebe\nüberwindende Gattin, das Seitenbild zu Beethovens „Leo-\nnore\"; „Iphigenia\", „Eurydice\", „Armide\"—das sind die\nhohen Gestalten Gluck's, die Louise Köster eine Reihe\nvon Jahren hindurch mit tiefem Verständnisse, treuer Hin-\n\n*) Die „Neue Berliner Musikzeitung\" von G. Bock hat\neine Fest-Nummer (vom 19. December v. J.) als Erinne-\nrungsblatt an diesen Tag herausgegeben, in welchem die\nHauptrollen der Künstlerin von den Vertretern der berliner\nKritik, den Herren G. Engel, Fl. Geyer, O. Gumprecht)\nFr. Adami, E. Wuerst und Emil Naumann, besprochen\nwerden. Ferner liegt das Gesammt-Repertoire der Frau Köster\nvon 1830—1862 bei. Die interessante Nummer ist auch ein-\nzeln zu haben. Wir theilen daraus die Hauptstelle der Einlei-\ntung (von O. Lange) und den Artikel über die Darstellungen\nder weiblichen Charaktere in GluckV Opern (von G. Engel),\nwelcher das meiste allgemeine Interesse hat, auszugsweise mit.\nDie Redaction."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "34", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630131-01.1.2", "texte": "gebung und der nie versagenden Gewalt einer edlen, sym-\npathischen Stimme unter uns lebendig erhalten hat. Es\nwar das ein Beharren bei einer älteren Richtung der\nKunst, das nur wenigen lebenden Sängerinnen gelingen\nmöchte. Dehn der Geschmack des heutigen Publicums, die\nneuere Gesangskunst führt zu einer anderen Behandlung\nder Stimme, zu einer anderen Vortragsweise, als Gluck's\nOpern sie verlangen.\nGluck war dem vorigen Jahrhundert der grosse Dra-\nmatiker, der das nichtssagende Spiel mit Tönen aus dem\nder Kunst verwiesen und an die Stelle ober-\nem\nflächlicher Empfindungen tiefe und kräftige Gefühle, an\ndie Stelle blosser Theaterhelden wahrhaft heroische Ge-\nstalten gesetzt hatte; so muss er auch uns freilich noch er-\nscheinen: dennoch darf uns nicht entgehen, dass sein Bild,\ndas vor Mozart nur zu den gegenwärtig vergessenen ita-\nliänischen Meistern einer früheren Periode in einem Con-\ntraste stand, heute von zwei ganz verschiedenen Seiten be-\nleuchtet wird. Das dramatische Princip ist seit Gluck nicht\nwieder verloren gegangen, aber es ist in einer Weise ent-\nwickelt, die zu der seinigen doch wieder den äussersten\nGegensatz bildet. Wir brauchen uns nur die Anwendung\ndes dramatischen Princips in der neuesten italiänischen\nMusik, das Toben der Leidenschaften, die gewaltsame Ver-\nzerrung der Charaktere, die unnatürliche Spannung der\nSituationen, die dort üblich ist, in das Gedächtniss zu ru-\nfen; werfen wir nach solcher Erinnerung einen Blick auf\nGluck, so erscheint uns sein Bild fest und mächtig zwar,\naber still und ruhig. Wir erkennen, dass das Streben der\nneuesten dramatischen Musik dahin geht, die äusserste Er-\nregung des Gefühls hervorzurufen, welche die Phantasie\nnur zu ersinnen, die Technik durch äussere Mittel zu ver-\nwirklichen vermag; Gluck wollte nur überall tiefe und\nwahre Empfindung im Gegensatz zu inhaltlosem Tonspiel,\nmarkige, männliche Charaktere im Gegensatz zu den ga-\nlanten Melden der italiänisch-französischen Zeit; die äusser-\nsten Wirbelwinde der Leidenschaft blieben seinem Stile\ntheils ganz fern, theils wurden sie als letzte Steigerung zu-\nrückbehalten. Im Zusammenhange damit steht es, dass\nauch der moderne dramatische Gesang vorzugsweise nach\ndem Aufregenden strebt und jene stille Einfachheit, jene\nlyrische Beschaulichkeit, die in Gluck's Gestalten noch wal-\ntet, nicht festzuhalten vermag. Gluck's Opern-Figuren ha-\nben höchste individuelle Bestimmtheit, aber, verglichen mit\nder modernen Unruhe, etwas plastisch Strenges und Ge-\nhaltenes; in der Mehrzahl seiner Opern führten schon die\nantiken Stoffe darauf hin; aber selbst in der romantischen\nArmide lässt sich die gleiche Bichtung, z. B. in der breit\nausgeführten Schluss-Scene des zweiten Actes, wo Armide\nzwischen Liebe und Hass schwankt, in dem vollathmigen,\nzu umfangreicher Melodik sich ausbreitenden Anrufe an\ndie Furie des Hasses im dritten Acte noch deutlich erken-\nnen. Ein neuerer Componist würde über diese Monologe\nschneller hinwegeilen; er würde fürchten, die Geduld des\nPublicums auf eine zu harte Probe zu stellen, er würde\nselbst nicht die Buhe dazu haben.\nFür die treue Wiedergabe solcher Musik sind zunächst\ngewisse Eigenschaften der Stimme und der Technik erfor-\nderlich, die mitunter von der Natur verliehen sind, in der\nBegel aber durch andauernde, verständnissvolle Beschäfti-\ngung mit der Sache selbst erst erworben werden. Wir\nheben folgende Eigenschaften als unerlässlich hervor: festen\nAnsatz des Tones, Klarheit und Adel der Aussprache,\nFülle und Glanz der Stimme, Gleichmässigkeit der Begi-\nster, Ausdauer des Athems, eine kunstvolle\nsorgfältige Accentuation, maassvollen Gebrauch der Klang-\nfarben, ruhige Entwicklung und breitere Ausführung der\nContraste. Den festen Ansatz des Tones, das wird man am\nehesten zugeben; denn wenn es auch bei Gluck einzelne\nMomente geben mag, in denen ein leises Beben der Stim-\nme dem Charakter der Situation nicht gerade widerspre-\nchen würde, so würde doch eine Iphigenie, die den gros-\nsen Klaggesang: „O, lasst mich Tiefgebeugte weinen\",\nnicht mit festem, ruhigem Tone auszuführen und die Tiefe\ndes Schmerzes nicht durch andere Mittel, als gerade durch\ndieses, auszudrücken wüsste, eine Armide, die mit erzit-\nternder Stimme die Furie des Hasses heraufbeschwören\nwollte, eine Unmöglichkeit sein. Die neuere Oper gestattet\nin häufigeren Fällen das Tremolo der Stimme, aber Gluck\nhat zu viel Hoheit und Würde, zu viel männliche Festig-\nkeit— selbst in den Frauengestalten —, zu viel Buhe und\nBeharrlichkeit im lyrischen Verweilen, als dass ihm mit\ndiesem Ausdrucksmittel, das übrigens nicht immer als\nkünstlich erworben oder aus dem Uebermaass des Gefühls\nhervorgegangen zu betrachten ist, sondern mitunter auch\nin mangelhafter Technik seinen Grund hat, gedient sein\nkönnte. Klarheit und Adel der Aussprache, das scheint\neine unerlässliche Forderung für allen Gesang, aber doch\nist es nicht ganz so. Wir erinnern daran, dass die neueren\nComponisten die Stimme in eine Höhe treiben, die kaum\nnoch die Schönheit des rein musicalischen Tones, fast gar\nnicht mehr die deutliche Ausprägung von Vocalen und\nConsonanten gestattet, in eine Begion von Tönen, die nur\nnoch sinnlichen, nicht mehr den vollen, geistigen Werth\nder eigentlichen Menschenstimme haben. Aus dem Colora-\nturgesange, bei dem ohnehin schon die Sprache unterge-\nordnete Bedeutung hat, hervorgegangen, hat sich diese\nSitte allmählich auch in das dramatische Gebiet hinüber-\ngezogen, und so ist es gekommen, dass in der neueren\nOper den Gesetzen schöner Aussprache nicht mehr so un-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "35", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630131-01.1.3", "texte": "bedingt genügt zu werden braucht, ja, nicht genügt wer-\nden kann, und dass man für einzelne hoch liegende Stellen,\nfür die grossen Ensembles und Finales zumal, eine mil-\ndere Praxis gelten zu lassen genöthigt ist. Anders bei Gluck\nund seinem nächsten Nachfolger, Mozart, in ihren Haupt-\nwerken wenigstens; hier bleibt die Stimme in dem Kreise\nvon Tönen, der der Sprache noch unterworfen werden\nkann, und hier gestattet die Regel keine Ausnahme, am\nwenigsten bei Gluck, dem bekanntlich die Wahrheit der\nDeclamation oberstes Gesetz war. Etwas Anderes ist fer-\nner noch unter dem Adel der Aussprache zu verstehen,\neiner Eigenschaft, die durch Verbindung der Tonschönheit\nmit der Deutlichkeit erreicht wird, und die allerdings für\njeden Gesang nothwendig ist, deren Mangel aber doch da\nam lebhaftesten gefühlt werden wird, wo die Musik durch\nsich selbst den vollen Eindruck des Edeln, Würdevollen\nhervorruft. Fülle und Glanz der Stimme: darunter verste-\nhen wir wiederum eine Vereinigung entgegengesetzter\nEigenschaften. Gluck's Gestalten sind grosse, tiefe Naturen,\ndie zwar energisch und lebhaft empfinden, aber in ihren\nGefühlen nicht immer ausser sich, sondern in der Regel\nbei sich sind; das verlangt jenen vollen, gesättigten Ton,\nder von Grösse und Innerlichkeit zeugt. Mit einer Stimme\nindess, die nun aus diesem Gleichmaass voll quellender\nTöne gar nicht herauskäme, die nicht die Fähigkeit hätte,\nsich im entscheidenden Augenblicke zu einem scharf ge-\nschliffenen, glänzenden Tonstrahle zu concentriren, würde\nihm ebenfalls nicht genügt sein; denn er ist der Drama-\ntiker, der sich in einzelnen Momenten zu der ganzen Ener-\ngie eines sich vollziehenden Willens erhebt; dann wird die\nEmpfindung zu gespannter Erregung, die Erregung zur\nThat, und das drückt nur eine Stimme von gespannter\nSchärfe, von durchgreifendem Metallglanz aus. Die Gleich-\nmässigkeit der Register ist eine Forderung, die für Gluck\ndaraus entspringt, dass einerseits seinem geistigen Princip\nTöne von instrumentalem Charakter, z. B. die männlichen\nFalsettöne, widersprechen, während andererseits jene grel-\nlen, unvermittelten Contraste, welche die moderne Oper,\nz. B. in der Ausarbeitung der Alt-Partieen, mit besonderer\nVorliebe begünstigt, vermöge seiner ruhigeren, gehaltene-\nren Auslegung des dramatischen Princips ausgeschlossen\nsind. Ausdauer des Athems ist allerdings auch in neuer\nMusik sehr wichtig, dennoch nicht von so durchgreifender\nNothwendigkeit, wie in Gluck's langgezogenen, scharfge-\ngliederten und darum gegen jedes falsche Alhemnehmen\nbesonders empfindlichen Cantilenen. Die alten Meister ver-\nlangten eine kleinere Scala von Tönen, aber innerhalb die-\nser Gränzen eine höhere Kunstfertigkeit, eine nachhaltigere\nKraft. Hiermit hängt die Meisterschaft in der Kunst des\nSchwellens der Töne zusammen; die Neueren lieben das\nUeberraschende, den plötzlichen, schnellen Contrast, und\ndarum sind die heutigen Sänger mehr in dem stossweisen\nHervorbringen, als in dem langsamen Hervorziehen der\nTöne geübt. Gluck, als dramatischer Componist, hat auch\ndieses bereits; aber keine Sängerin wird die grossen lyri-\nschen Scenen der beiden Iphigenien, der Alceste und Ar-\nmide sinngemäss durchzurühren vermögen, die nicht in der\nKunst des Schwellens das richtige Ausdrucksmittel für die\nruhig sich entwickelnde Melodik Gluck's besitzt. Der\nmaassvolle Gebrauch der Klangfarben scheint uns aus der\nplastischen Einfachheit Gluck's zu folgen. Die Bestimmtheit\nder Accentuation ergibt sich als eine selbstverständliche\nForderung aus der declamatorischen Bedeutsamkeit der\nGluck'schen Compositionen.\nWir haben die einzelnen technischen Eigenschaften,\ndie wir von dem Sänger Gluck's verlangten, näher begrün-\ndet, und uns bleibt nun noch zum Schlüsse einige Worte\nüber dasjenige zu sagen übrig, was wir die ruhige Ent-\nwicklung und breitere Ausführung der Contraste nannten.\nDiese Eigenschaft, die sich auf die Auffassung und Durch-\nführung einer Rolle im Grossen und Ganzen bezieht, hängt\nwesentlich mit dem zusammen, was man als den grossen\nStil Gluck's bezeichnen müsste. Gluck ist der Repräsentant\ndes grossen Stils in der Oper; das ist oft gesagt worden,\nund Jeder fühlt es leicht als \"richtig heraus, ohne darum\nden Componisten des »Don Juan\" und des „Fidelio\" die\nGrösse abzusprechen, nur dass diese Opern noch andere\nElemente in sich enthalten, die aus dem reinen Stil der\ngrossen Oper auszuscbliessen sein würden. Gross kann nur\ndiejenige Oper sein, die uns ein treues Spiegelbild grosser\nmenschlicher Naturen in Tönen gibt; und gross können\nwiederum weder diejenigen Naturen genannt werden, die\nsich in einem unerschütterlichen Gleichmaasse des Stim-\nmungslebens befinden, obschon auch dies ein Element der\nGrösse ist, noch diejenigen, die die stärksten Erschütterun-\ngen in sich durchmachen, aber willenlos, ohne Herrschaft\nüber sich selbst, getrieben von der äusseren Welt, im\nschnellen Wechsel der Empfindungen. Zur Grösse gehört\nBeides: dass man das ganze Weh und die volle Lust, de-\nren das menschliche Herz fähig ist, in sich erlebt, und\ndass man sich dagegen wehrt und die ruhige Einheit mit\nsich selbst zu behaupten sucht. Zur Grösse gehört Festig-\nkeit, Gleichmaass und auf der anderen Seite die Kraft\nstarker Empfindungen. Darum entwickeln sich in grossen\nNaturen die Empfindungen langsamer, werden dann aber\nauch in ihrer ganzen Tiefe durchlebt. Wir sehen hieraus,\ndass sowohl die lyrische Beharrlichkeit, die bei Gluck dem\ndramatischen Principe zu Grunde liegt, als die allmähliche\nEntwicklung der Höhepunkte der Leidenschaften eine\nGrundbedingung des grossen Stils ist. Denn wenn die Em-\n\nL*i"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "36", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630131-01.1.4", "texte": "pfindung den Eindruck voller Kraft machen soll, so muss\nsie sich lyrisch ausbreiten und in sich vertiefen; wenn die\nFestigkeit einer nicht so leicht zu erschütternden Natur\nzur Erscheinung kommen soll, muss die Entwicklung eine\nlangsame sein. Das schnelle Ueberspringen von einer Em-\npfindung zur anderen, wobei keine in ihrer Tiefe erschöpft\nwird, kann unter Umständen noch dramatisch anregen,\nnie aber den Eindruck der Grösse machen. Diese Eigen-\nschaft wird denn auch von dem Darsteller verlangt, die\nRuhe in der Bewegung, die Beharrlichkeit im Wechsel; sie\nist das leitende Gesetz, das der Auffassung Gluck's im Ganzen\nund der Ausführung im Einzelnen zu Grunde liegen muss.\nWir haben im Vorhergehenden versucht, zu zeigen,\nwelche Eigenthümlichkeiten der Stimme, der Technik und\ndes Vortrages dem Geiste Gluck's am besten entsprechen.\nWerfen wir nun einen Blick auf das, was Louise Köster\nwar und noch heute ist, so können wir unumwunden aus-\nsprechen, dass sie die erwähnten Eigenschaften in seltener\nWeise in sich vereinigte, den vollen, lyrisch-innigen und\ndoch dramatisch erregbaren Ton, die technisch correcte\nDurchbildung, die Kunst des allmählichen Hervorwachsens\nder Kraft, das Stetige, langsam Werdende in der Darstel-\nlung eines Charakters. Das Phantasiebild freilich, das Gluck\nvorschweben und das er unter günstigen Umständen auch\nverwirklicht sehen mochte, werden wir nie ganz wieder-\nherstellen, weil die spätere Entwicklung der Kunst bis zu\neinem gewissen Grade mit unerbittlicher Notwendigkeit\nauf Aulfassung und Darstellung der älteren Kunstwerke\nzurückwirkt; schon das Wichtigste fehlt uns dazu, die\nrechte Tonhöhe, die von entscheidendem Einflüsse auf den\nKlang-Charakter ist, und die zu Gluck's Zeiten die Stim-\nmen voller, markiger, grösser, ruhiger machte, als sie es\nheute sind. Was aber eine neuere Sängerin, die den ver-\nschiedensten und entlegensten Kunst-Aufgaben genügen\nsoll, in der Reproduction Gluck's irgend verwirklichen\nkann, das hat Louise Köster verwirklicht; und unter\nihren reichen und hohen künstlerischen Erfolgen waren\ndaher manche andere im Sinne des Publicums vielleicht\nglänzender, keiner aber gab ein so beredtes Zeugniss von\nder objectiven Natur ihrer Kunst-Auffassung, von ihrer\nHingebung an die Idee des Componisten. Möge sie späteren\nKunstjüngerinnen ein leuchtendes Vorbild darin sein, wie\nman aus der bescheidenen Unterordnung unter die höhere\nkünstlerische Aufgabe die Kraft zu den grössten Erfolgen\ngewinnt, wie man sein eigenes Inneres fortdauernd erwei-\ntert, indem man den Offenbarungen lauscht, die in der\nkleinen Zahl der für die Ewigkeit geschriebenen Werke\nenthalten sind. (G. Engel.)\n(Schluss folgt.)\n\nAus Wien.\n\n(SeMuss. S. Nr. 4.)\nMan könnte nun freilich sagen, Wagner trägt selbst die\nSchuld, wenn die Bruchstücke, die er uns aus seinen neue-\nsten grösseren Werken vorführt, falsch beurtheilt werden:\ndenn wesshalb gibt er uns Zerstückeltes und noch dazu\nMusik zu Scenen, bei welchen nicht sowohl das Dramati-\nsche der Handlung als das Malerische der Decorationen\nund die Kunst des Maschinisten und Regisseurs notwen-\ndig sind, um der Einbildungskraft des Zuhörers durch das\nSchauen zu Hülfe zu kommen? Allein wir wollen uns so\nviel als möglich ganz in die Scenerie versetzen und den\nMangel des sichtbaren Programms dieser Musik durch\ndie Phantasie ergänzen; trotzdem können wir doch die\neigentlich beabsichtigte Wirkung und bei Wagner ist\nja Alles Absicht höchstens ahnen, vermögen aber, selbst\nbei den günstigsten Voraussetzungen für das Ganze, bei\nAnhörung dieser Fragmente das Gefühl einer musicalischen\nLeere, das sich bei allem äusserlichen Kraft-Aufwand der\nInstrumentalklänge aufdrängt, nicht abzuweisen, und einzel-\nne originelle Züge, gewisse (geniale?) Phantasie-Flüge oder\nFlüche oder Sprünge sind nicht im Stande, jenes Gefühl zu\nverdrängen, eben so wenig, wie einige seltene melodische\nFunken uns dauernd erwärmen können. Ob diese neuen\nErzeugnisse Wagner's hinter dem Tannhäuser und Lohen-\ngrin zurückstehen, dies zu behaupten, dürfte voreilig sein;\ndass aber viele und selbst solche Musiker, die Richard\nWagner's Leistungen sehr günstig aufzunehmen pflegen,\ndahin zu neigen schienen, ist Thatsache, Die Versamm-\nlung war zahlreich und günstig gestimmt und gestimmt\nworden, «ler Beifall ehrenvoll für den Componisten. Die\nletzte Abtheilung, „Das Rheingold\", sprach weniger an,\nals die beiden ersten, die Spannung der Zuhörerschaft er-\nschlaffte sichtbar.\nAm 1. Januar Mittags wiederholte das zweite Concert\ndieselben Aufführungen. Der Besuch war bei Weitem\nnicht so zahlreich, als das erste Mal, die Ausführung durch\ndas verstärkte Opern-Orchester vortrefflich, und Wagner\nist ein vortrefflicher Dirigent. Die Männer-Soli, wie das\nerste Mal von den Herren Äschbauer, Mayerhofer und\nHrabanek gesungen, hatten dem Talente dieser Sänger\nErfolg zu danken, sind auch in der Composition besser,\nals das Frauen-Terzett. Das Publicum bestand dieses Mal\ngrösstenteils aus eifrigen Enthusiasten, die einen der-\nmaassen rasenden Applauslärm machten, dass uns Moli&re's\nMarquis oder Vicomte einfiel, der seine Standesgenossen\nin die Komödie führt pour f Wir aber\nkonnten uns nur wiederholen, dass der Mangel an musi-\ncalischen Gedanken, die wirklich etwas sagen, uns dieses"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "37", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630131-01.1.5", "texte": "Mal noch mehr auffiel, als bei dem ersten Anhören, was\nübrigens sich leicht daraus erklärt, dass die zweifelsohne\nmit Geist und Talent verwendeten Klangwirkungen zum\nersten Male die Sinne blenden, bei -wiederholtem Hören\naber ihren Reiz verlieren.\nWenn ich vorhin von Marquis und Vicomte sprach,\nso war das eine ganz natürliche Gedanken-Verbindung,\ndenn die hiesige Claque für Wagner ist weitab keine be-\nzahlte— vom Zahlen ist er bekanntlich kein Freund, eher\nvom Gegentheil —, sondern eine sehr vornehme, und das\nOrgan für das „Kunstwerk der Zukunft\", das erst dann\nzu vollem Rechte kommen wird, „wenn keine Staaten mehr\nexistiren\", ist hier in Wien das „Vaterland\", jene\nberüchtigte journalistische Gründung der Hochgeborenen\nund Absoluten! In der neuen Aera dieses noblen Blattes,\nd. h. vom 1. Januar d. J. an, wird eine neue Auflage der\nWagner'schen Lehre von der „Melodie des Waldes\" und\nvon der „unendlichen Melodie\" *), in philosophische (?) Co-\nstüme gekleidet dargeboten. Hört, ihr Musiker: „Der\nPanmelodismus\" ist das Charakteristische in Wagner's\nMusik; also nicht bloss die „Waldmelodie\", sondern die\n„Allmelodie\". „Die Principalslimme\", heisst es da, „ist\neine höchstpersönliche Erscheinungsart, welche sich in\nWagner's neuesten Werken als ein im Gesammtver-\nban de wesentliches aufgegangenes Sein ergibt. Je-\nder einzelne Stimmträger ist ein tongedankliches\nSelbst und Alles ist Melodie. Der Panmelodismus ist\nohne alle Frage die höchste Verklärungsstufe des-\nsen, was eine frühere Zeit Polyphonie schlechthin\ngenannt hat. Die früheren Meister haben die Errungen-\nschaft des polyphonen Stils allmählich angebahnt (!),\naber erst seit Wagner's „ „Lohengrin\"\" ist sie ein wirk-\nliches allbefruchtendes Lebens-Element in der Sphäre des\nmusicalischen Schaffens geworden.\" Nun, wie wird\nIhnen zu Muthe bei diesem afterwissenschaftlichen Jargon?\nSo etwas kann nur der Feder eines Grafen enlquellen, der\nmit der heiligen Laurencia, nicht aber Cäcilia, in Ver-\nbindung steht.\nEin drittes Concert fand am 11. Januar Statt. Es fielen\neinige Stücke des früheren Programms aus, wofür die\nOuvertüre zu „Faust\", zwei Lieder der hämmernden\nSchmiede aus „JungSiegfried\" und die Tannhäuser-Ouver-\nture eintraten. Es fehlte nicht an Bewillkommung und\nApplaus, doch blieb bei der Rheingolds-Musik das Publi-\ncum eben so kalt, wie früher. Am Schlüsse hielt Wagner\neine Dankrede an das Publicum!\nDie historischen Concert-Soireen, welche Herr\nL. A. Zellner veranstaltet hat (die erste am 18. Decem-\nber v. J., die zweite am 8. Januar d. J.), sind theilweise\nganz interessant, die Auswahl der Stücke ist gut und die\nAusführung ebenfalls, nur Eines kann den Forderungen\nder Kunst nicht entsprechen und hat einen gar zu dilet-\ntantischen Anstrich, das sind die Vorträge von Orgel-\nCompositionen auf dem Harmonium durch den Concert-\ngeber. Die Programme könnten in der Reihenfolge auch\nmehr die Zeitfolge der Compositionen beobachten, weil ja\nsonst der Ausdruck „historisches Concert\" keinen Un-\nterschied gegen andere Concerte bezeichnet, in denen jetzt\nbekanntlich Altes und Neues auch durch einander vorge-\nbracht wird. Zellners Programme umfassen an drei Jahr-\nhunderte bis auf Schumann und Rubinstein, und da ist es\ndenn auffallend, wenn Chopin und Rubinstein vor Haydn\nund Mozart gestellt werden. An den eigentlich leitenden\nGedanken solcher Concerte, dem Zuhörer den Charakter\neiner jeden Periode der Entwicklung der Tonkunst an-\nschaulich zu machen, scheint also gar nicht gedacht wor-\nden zu sein. Die Jahrhunderte werden alle durch einander\ngeworfen, z. B. in Soiree I. folgen das 15., IT., 18., 17.,\n18., 19., 18. auf einander; in 11. 16., 18., 17., 18., 17.,\n19., dabei z. B. Reinhard Kayser vor A. Scarlatti; in 111.\nSpohr vor Hasse; in IV. Schumann und Rubinstein vor\nGluck und Prinz Louis Ferdinand. Ueberhaupt scheint sich\nfür Herrn Zellner die moderne Kunst in Rubinstein zu\ngipfeln, der auf drei Programmen figurirt. Liszt ist auf-\nfallender Weise auf keinem. In der ersten Soiree spielte\nTausig einige allerliebste Ciavierstücke von Rameau und\ndie Phantasie in F-moll,Op. 49, von Chopin mehr in\nschlagender Weise als mit schlagendem Beifall. In der\nzweiten wirkte Alfred Jaell mit und spielte mit gröss-\ntem Beifall drei höchst interessante Stücke: zwei Polonai-\nsen von Friedemann Bach und ein Allegro in E-moll\nvon J. P. Kirnberger; am Schlüsse A. Rubinstein's\nQuintett Op. 55 für Piano, Flöte, Clarinette, Horn und\nFagott.\nDies führt mich auf die drei Concerte, welche\nAlfred Jaell und Ferdinand Laub gegeben haben.\nEs waren, unstreitig die glänzendsten der bisherigen Sai-\nson. In dem ersten (den 21. December v. J. im Musik-\nVereinssaale mit vollem Orchester) spielte Laub dasViolin-\nConcert von Beethoven, dessen Romanze in F und ein\nRondo giocosoeigener Composition. Seit wir in Wien die-\nsen Künstler gehört, waren vier Jahre verflossen; sein An-\ndenken war indess noch lebendig genug, was die ehren-\nvolle Begrüssung documentirte. Der grosse, schöne Ton\nLaub's übte auch jetzt und noch mehr wie früher seinen\nEindruck auf die Zuhörer aus, eben so der edle Vortrag\n\n*) In dem „Briefe aus Paris an seine Freunde\". Vgl. Nieder-\nrheinische Musik-Zeitung, 1861, Nr. 1 und 2.\nDie Redaction."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "38", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630131-01.1.6", "texte": "und die meisterhafte Technik. Dennoch müssen wir ge-\nstehen, dass, wenn wir Laub nur an diesem Tage gehört\nhätten, wir nicht von einem bedeutenden Fortschritte sei-\nner Virtuosität hätten sprechen können; die folgenden\nConcerte zeigten uns aber, dass der grosse Künstler sich in\ndem ersten durch irgend etwas genirt gefühlt haben muss;\nob dieses Etwas in seiner augenblicklichen Stimmung oder\nan äusseren Dingen gelegen hat, können wir nicht wissen.\nJaell spielte das Concert in A-fnoll von Schumann,\neine Gavotte von J. S. Bach, den Cfe-moW-Walzer von\nChopin und seine brillante Triller-Transscription des\nenglischen Liedes „Home sweet hörne\". Wir kannten ihn\nsehr gut, wir hatten seine Concerte im Jahre 1858, seine\nSoireen mit Vieuxtemps im Jahre 1859 wahrlich nicht\nvergessen, und doch kam uns dieser merkwürdige Künst-\nler wie ein noch nicht da gewesener vor, weil wir kaum\nglaubten, dass die Höhe, auf welcher er schon damals\nstand, sich noch gipfeln könnte. Und dennoch ist es so\nwir sprechen dies als Resultat seiner Erfolge in allen drei\nConcerten aus. Wie ist das zu erklären? Einfach dadurch,\ndass wir sagen, worin Jeder, der ihn jetzt hier gehört hat,\nübereinstimmt: Jaell war ein eminenter Virtuose, und aus\n•dem Virtuosen ist ein grosser Künstler geworden. Das\nzeigte gleich im ersten Concerte die Hingebung an den\nGeist und Charakter der Composition des Schumann'schen\nConcertes, dann im Abschieds-Concerte (den 14. Januar)\nder Vortrag der Sonate von Beethoven (an Kreutzer ge-\nwidmet) mit Laub, der Variationen von Händel und vor\nAllem der grossen Sonate in Fis-moll (Florestan und Euse-\nbius) Op. 11 von Schumann, die hier noch nie öffentlich\ngespielt worden ist. Der Ausbruch des lebhaftesten Bei-\nfalls nach jedem Satze und ein dreimaliger Hervorruf wa-\nren die Folge der eminenten Leistung. In demselben Con-\ncerte spielte Laub Bach's Ciaconna, deren Vortrag den\nvollendeten Meister bekundete. In allen drei Concerten die-\nser musicalischen Dioskuren, welche in der Zwischenzeit\nauch zwei Concerte in Prag gaben, war der Saal über-\nfüllt, und wir freuen uns, dass sie im nächsten Monate\nhieher zurückkehren, um einige Soireen für Kammermu-\nsik zu geben.\nVon den übrigen Kunsterscheinungen, welche die\nhochgehende Flut der Saison bringt, möchte man bei\nmancher sagen: „Le flot qui l'apporta, recule &pouvanieu,\nwenn der Ausdruck nicht gar zu schwülstig wäre. Eine\ngrosse und schätzbare Ausnahme vom Gewöhnlichen mach-\nten die zwei Concerte von Johannes Brahms, einem\nechten Künstler, der trotzdem, dass er gewiss ein über-\nzeugtes Bewusstsein seines Berufes hat, doch so anspruchs-\nlos ist, dass er auf den Vortrag seiner eigenen Sachen we-\nniger Sorgfalt zu wenden scheint, als auf die Vorführung\nvon Werken grosser Meister in deren eigenstem Geiste.\nSo kam es uns wenigstens im zweiten Concerte vor (dem\nersten haben wir nicht beigewohnt), wenn wir den Vor-\ntrag seiner mit deren Stil wir uns freilich\nnicht befreunden können, mit dem trefflichen Spiel der\nSonate Op. 14 von Schumann, die doch auch nicht an\nzu grosser Klarheit und Einfachheit leidet, verglichen. Den\nreinsten Genuss bot der Vortrag von Bach's chromati-\nscher Phantasie und von Beethoven's prächtigen Va-\nriationen Op. 35 über das Thema aus Prometheus, spä-\nter in der Eroicabenutzt, welche Sie den künstlerisch\nstrebenden Virtuosen so oft in Ihrem Blatte zum Con-\ncert-Vortrage empfohlen haben. Sie riefen einen enthu-\nsiastischen Beifall hervor. Dem Vernehmen nach wird\nBrahms sich längere Zeit hier aufhalten.\n\nS.\n\nSechstes Gesellschasts-Concert in Köln im Gürzenich,\nunter Leitung des städtischen Capellmeisters Herrn\nFerdinand Hiller.\nDinstag, den 27. Januar 1863.\nProgramm. Erster Theil. 1. Ouvertüre zu „Genofevaa yon\nRobert Schumann. 2. Arie aus der Oper „Ezio\" von G. F.\nHändel, vorgetragen von Herrn Salvator Marchesi, grossher-\nzoglich weimar'schem Kammersänger. 3. Concert in Es-dur für\nPianoforte mit Orchester-Begleitung von L. van Beethoven, vor-\ngetragen von Frau Dr. Clara Schumann. 4. Psalm XIII. für\nChor und Orchester von Woldemar Bargiel. (Zum ersten Male.)\nUnter persönlicher Leitung des Componisten. 5. Solostücke für Piano-\nforte, vorgetragen von Frau Dr. Clara Schumann: a) Novellette\nvon R Schumann (Op. 21, Nr. 2); b) Nocturne von F. Chopin\n(in Fis-moll); c) Frühlingslied (in A-dur) von F.\n6. Arie aus der Oper „Figaro's Hochzeit\" von W. A. Mozart, vor-\ngetragen von Herrn Salvator Marchesi.\nZweiter Theil. 7. Sinfonie Nr. IV. (B-dur) von L. van Beet-\nhoven.\nSchumann's Genofeva-Ouverture, schwungvoll ausgeführt, wurde\nmit Beifall aufgenommen. Die Wahl dieses Werkes konnte an die-\nsem Abende zugleich als eine Achtungsbezeigung für die Gattin des\nzu früh Dahingeschiedenen gelten, welche uns durch den Vortrag\ndes _Es-cfor-Concertes von Beethoven und der kleineren Solostücke\nvon Schumann, Chopin und Mendelssohn erfreute. Ueber das Spiel\nder Frau Clara Schumann, welches in ganz Deutschland und\neben so in Paris und London, den tonangebenden Städten für das\nAusland, bewundert wird, treten wir auch nach ihren Leistungen am\nDinstag Abend wiederum mit voller Hochachtung ihres eminenten\nTalentes der allgemeinen Stimme bei: die drei gauz verschiedenen\nStimmungsbildchen gab sie mit einer Feinheit, Anmuth und Empfin-\ndung wieder, die der Künstlerin Herz und Sinn jedes Zuhörenden\ngewinnen mussten, was eigentlich mehr ist, als die laute Bewunde-\nrung, die sich in stürmischem Applaus und wiederholtem Hervorruf\nkundgab. Was das Beethoven'sche Concert betrifft, so gestehen wir\noffen, dass uns Frau Schumann in der Reproduction der Concerte"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "39", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630131-01.1.7", "texte": "von Robert Schumann und Mendelssohn mehr begeistert und hinge-\nrissen hat, als durch den Vortrag jenes Meisterwerkes, welches an\nkeiner einzigen Stelle ein auch nur momentanes Aufgeben der clas-\nsischen Ruhe des Vortragenden duldet. Dass die grosse Künstlerin\nauch diese Ruhe, diese Erhabenheit über jede persönliche Aufregung,\nmöge sie auch aus der reinsten Begeisterung stammen, wie es bei\nihr in der That der Fall ist, in ihrer Gewalt hat, zeigte der gemes-\nsene und eben dadurch imposante Vortrag der ab- und aufsteigenden\nOctavengänge im ersten Satze in der Einleitung zum Wiedereintritt\ndes Hauptthema's; an anderen Stellen hingegen haben wir sie ver-\nmisst, z. B. beim Thema, wo die Vollgriffigkeit eine Mahnung ist,\ndie nicht überhört werden dürfte. Eben so schon in der Eröffnungs-\nCadenz, welche auch nicht im entferntesten den Schein einer flüch-\ntigen Bravour-Einleitung tragen darf; denn sie ist ein integrirender\nTheil des Satzes, was die Wiederholung derselben in strengem Tempo\nbei dem zweiten Theile beweist, wesshalb ihr Vortrag nicht bloss\nglänzend präludirend, sondern breit und majestätisch gehalten und\nnamentlich auch an der mehrstimmig herabgehenden Stelle nicht\nübereilt, sondern mit Empfindung betont werden muss. Dass in der\nGlanzstelle des ersten Satzes, wo der Bass in Triolen staccato herab-\nsteigt, diese bei der Wiederkehr im zweiten Theile ligato vorgetra-\ngen wurden, können wir nicht billigen, noch weniger das beschleu-\nnigte Tempo in der Alternirung der Fragmente des Thema's zwi-\nschen Orchester und Ciavier beim Eintritt der Coda, was um so\nauffallender war, da das Orchester im strengen Tacte blieb, wie denn\nüberhaupt jedes Drängen dem so grossartig und breit angelegten\nSchlüsse nicht angemessen ist. Warum die Künstlerin in dem übri-\ngens wunderschön gespielten Adagio die Figuren der Sechszehntel-\nBegleitung zu der Melodie der Blas-Instrumente am Schlüsse gegen\ndie ausdrückliehe Bezeichnung Beethoven's, der wohl wusste, was\ner mit der Ligatur\nwollte, auf die gewöhnliche\nWeise vortrug, vermögen wir nicht einzusehen. Unstreitig am vollen-\ndetsten war die Ausführung des letzten Satzes.\nEine neue Erscheinung für uns war Heir Salvatore C. Mar-\nchesi, der auf seinen vielen Kunstreisen Köln noch nicht besucht\nhatte. Obwohl er schon eine jahrelange künstlerische Laufbahn\nhinter sich hat, besitzt er noch immer eine wunderbare Frische in\nseiner umfangreichen Baritonstimme, deren Höhe durch Weichheit\nund Wohllaut bei ganz vorzüglich gebildeter technischer Behandlung\nausserordentlich anspricht, während auch die Tiefe den Ton in sicherem\nAnsatz hergibt und ohne Schwanken oder Tremoliren festhält. Nach-\ndem er früher auf den ersten Opernbühnen Italiens geglänzt, hat er\nParis und London besucht, am längsten aber in Deutschland gelebt,\nwo er sich zu Frankfurt am Main im Jahre 1852 mit der berühmten\nSängerin Mathilde Graumann verheirathete. Seitdem gaben Beide Con-\ncerte in Italien, Frankreich, England, Holland und Deutschland, wo der\nGrossherzog von Weimar Herrn Marchesi zum Kammersänger ernannte;\nFrau Marchesi wirkte eine Reihe von Jahren als Gesanglehrerin\nam Conservatorium zu Wien und seit einiger Zeit hat das Künstler-\npaar Paris zum Aufenthaltsorte gewählt. Zu uns ist Herr Marchesi\naus Holland gekommen, wo er zu Amsterdam in einem Concerte der\nGesellschaft Felix Meritis, in welchem auch Frau Schumann spielte,\ngesungen und im Haag die Ehre hatte, in einem Hof-Concerte im Pa-\nlaste der Königin-Mutter mitzuwirken. Hier bei uns sang er mit edlem\nVortrage eine Arie aus der Oper Ezio von Händel, geschrieben\n1731 für den berühmten Bassisten Montagnana, ein Prachtstück in ge-\ntragenem Style, in welchem Herr Marchesi eine vortreffliche Ton-\nbildung und eine meisterhafte Behandlung der Respiration zeigte.\nAm Schlüsse der ersten Abtheilung des Concertes riss er das Publicum\ndurch den glänzenden Vortrag von Mozart's „Kon pih andrai far~\nfallone amoroso\", das er ohne alle Uebertreibufcg mit dem Humor\neines noblen, echt italienischen Buffo sang, zu gewaltigem Applause\nund wiederholtem Hervorrufe hin.\nDer Psalm XIII: „Herr, wie lange willst du meiner vergessen?\"\nfür Chor und Orchester componirt von Woldemar Bargiel, ist\neine neue Composition dieses begabten Tonsetzers von edelstem\nStreben und echt künstlerischer Gesinnung. Das Werk besteht aus\nvier Sätzen, welche in einander übergehen und aus E-moll (An-\ndante */<\\) durch C-dur (Vivo e marcato */n) und einen sehr schön\nmodulirenden Zwischensatz (Adagio nach dem Schlusssatze in\nE-dur (Andante con 'moto quasi Allegretto führen. Der erste\nSatz athmet in keineswegs steifer und gezwungener, sondern fliessen-\nder, klarer Polyphonie eine sanfte Klage, die aus einem bangen,\naber gläubigen Herzen dringt, das nicht in Zerknirschung vergeht,\nsondern allmählich zu immer stärkerem Vertrauen auf Gott sich\nerhebt. Diese Steigerung der Empfindung ist durch einfache, von\nkeiner Härte in ihrem harmonischen Strome unterbrochene Mittel\nin Chor und Orchester so trefflieb ausgedrückt, dass mit dem über-\nraschenden Eintritte mächtiger (7-cZwr-Accorde der Ruf zum Herrn:\n„Schaue doch und erhöre micli!tt, den der Chor im Unisono erhebt,\nschon gewisser Massen die Zuversicht auf Erhörung ausspricht. Dass\ndie preiswürdigen, in unserer Zeit der Begriffs-Verwirrung über\nmusicalische Schönheit nicht genug zu schätzenden Eigenschaften\ndes melodischen Flusses, der sangbaren Stimmführung (nur dass der\nBass an zwei melodischen Stellen etwas sehr tief liegt), der reinen\nharmonischen Strömung, welche mächtig schwillt, ohne dass ihr\nSteine und Klippen in den Weg geworfen werden, endlich der An-\nwendung nur der natürlichen Klangwirkungen der B]as-Instrumente\ndass diese Eigenschaften das ganze Werk in allen Sätzen bekundet,\ndas hat uns grosse Befriedigung gewährt. Ueber die Auffassung des\nzweiten Satzes könnte man mit dem Componisten rechten: musi-\ncalisch genommen ist der Satz effectvoll, besonders gehoben durch\ndie begleitenden Achtel-Figuren in den Bässen: allein dass bei der\nBitte des Chores um Erhörung: „Auf, dass die Feinde sich nicht\ndes Sieges freuen\", diese Freude der „Widersacher\" durch das\nOrchester versinnliclit wird, das will uns nicht zusagen. Höchst\nwohlthuend tritt darauf mit den Worten: „Ich hoffe darauf, dass du\ngnädig bist\", das wunderschöne kurze Adagio mit seinen milden\nHarmonieen ein, und der letzte und längste Satz: „Ich will dem\nHerrn singen, dass er so wohl an mir tliut\", ist dann nicht als\nhimmelanstrebender Hymnus, sondern als eine ruhig und sanft be-\nwegte Regung gläubiger Freude behandelt, eine Auffassung, welche\ndurch die vorhergehenden Worte: „Mein Herz freut sich, dass du\nso gern hilfst\", gerechtfertigt ist und ihr Analogon in Beethoven's\nBehandlung des Dona nobis in der grossen Messe findet. In diesem\nSinne ist der Satz schön durchgeführt, doch möchten wir einige\nKürzungen wünschen.\nDie zweite Abtheilung des Concertes brachte uns eine sehr\nschöne, in jeder Hinsicht vorzügliche Ausführung der vierten Sin-\nfonie (B-dur) Beethoven's, dieses köstlichen Meisterstückes ab-\nsoluter Musik, das uns wie der Anblick einer mannigfaltigen Land-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "40", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630131-01.1.8", "texte": "schaft erfrischt, deren reine, klare Luft eine gränzenlose Perspective\ngewährt, während sich im Vordergründe ihre Gegenstände im hellen\nSee spiegeln. Dieses Werk ist ein echtes Erzeugniss jener fruchtba-\nren Periode, welche vom Ende des vorigen Jahrhunderts in das\njetzige hineingreift, und in der Tonkunst wie in der Poesie der\nDeutschen jene hohen Blüthen getrieben hat, die ihr den Namen\nder classischen erworben. Diese vierte Sinfonie ist ein reiner Fort-\nbau auf den Fundamenten von Haydn und Mozart: beide wohnen\nauch in diesem Hause und fühlen sich darin wohl, aber Beethoven\nhat es allein gebaut. Für den überaus sorgfältigen, feinen und geist-\nvollen Vortrag sind alle Kunstfreunde dem trefflichen Dirigenten,\ndessen Verdienst um die classische Ausführung classischer Musik,\nwelche dieser nicht immer zu Theil wird, die grösste Hochachtung\ngebietet, und dem wackeren Orchester zu Dank verpflichtet.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nBerlin. Königliches Opernhaus. Die Aufführung von\nGounod's „Margarethe\" gereichte nicht allein, als Ganzes be-\ntrachtet, unserer Bühne zu besonderem Lobe, sie bot auch im Ein-\nzelnen, Dank der Darstellung der Titelrolle durch Fräulein Lucca,\neine Reihe von Eindrücken, wie wir sie anmuthiger und überzeu-\ngender kaum bisher aus unserem Opernhause heimgetragen. Mit dem\nTact, welchen nur ursprüngliche Genialität besitzt, ergriff die Künst-\nlerin das Wesen des Charakters, um ihn mit dem warmen Athem\nunmittelbaren Lebens zu durchdringen. Nirgend steigerte sich der\nAusdruck zum mächtig aufjauchzenden Jubel der Leidenschaft, Alles\nerschien vielmehr wie in einen durchsichtigen Schleier gehüllt, wie\ndas halblaute Selbstgespräch der Liebe; so klang z. B. das Motiv\nbei Faust's Worten: „Lass mich schauen\", gleich ekiem leisen Echo\nvon den Lippen Gretchens wieder. Eben so in sich versunken war\nder Vortrag bei der Stelle: „Ich liebe dich so inniglich, bin ganz\ndie Deine.\" Nur zuletzt, wo Gretchens Seele mit freiem Flügel-\nschlag allen irdischen Staub abschüttelte, richtete sich die Stimme\nin voller Gestalt empor. Jeder Ton erschien hier in hellen, fernhin\nstrahlenden Glanz getaucht. Das Spiel schmiegte sich überall dem\nGesänge an, wie die begleitende Harmonie der Melodie, und so em-\npfingen wir ein Bild, das in jedem Zuge den Ausdruck echtesten\npoetischen Schaffens und Gestaltens trug. Herr Woworski hielt\nseinen Faust frei von aller Unnatur und Uebertreibung, zu welcher\ndie Aufgabe einen effectsüchtigeren Sänger an mehr als Einer Stelle\nverlocken könnte. Die Glanzpunkte der Rolle würden noch zu höhe-\nrer Geltung kommen, wenn der Stimme namentlich in den oberen\nLagen ein mehr geklärter und offener Ton zu Gebote stände. Herr\nSalomon war als Mephisto an seinem Platze; der Klang des Or-\ngans fest und energisch, der Vortrag voll jener dreisten, an ein\nrücksichtsloses Spiel mit Menschen und Dingen gewöhnten Laune.\nDer Valentin des Herrn Betz schlug sich als tapferer Soldat durch\ndie Partitur und musste nur zuletzt vor einem unüberwindlichen\neingestrichenen F capituliren.\nl2. Januar. fri einem Ende vor. Monats Statt\ngefundenen Concerte der hiesigen Capelle wurde Capellmeister Bott\nnicht nur wiederholt gerufen, sondern auch mit hier seltenem Applaus\nempfangen, denn oft spendet das Publicum in kleineren Städten\nmehr den fremden Künstlern seine Beifallsbezeigungen, als den ein-\nheimischen, selbst wenn diese bedeutender sind. Bott spielte das\nsiebente Concert von Spohr und Chaconne von J. Seb. Bach. Aus-\nserdem bot das Programm die Ouvertüren zu „Faniska\" von Cheru-\nbini und „Manfred\" von Schumann, Arie aus „Fidelio\" von Beetho-\nven und dessen Sinfonie in A-dur, und Gesänge aus „Fingal\" von\nOssian und „Der Gärtner\", Gedicht von Eichendorf, für weibliche\nStimmen mit Begleitung von zwei Waldhörnern und Harfe (auf dem\nPianoforte gespielt), gesungen von den Fräulein Schenk, Schmidt\n(welche auch die Arie aus Fidelio sehr gut vortrug), Stübecke und\nBüdinger. Sämmtliche Sachen waren gut einstudirt und kennzeichne-\nten unseren Bott als einen ausgezeichneten Dirigenten. Sehr gut\nund fein ausgeführt wurde die Sinfonie; sie bewährte unserer Ca-\npelle ihren alten Ruf.\nUnter dem Opern-Personal zeichnet sich Fräulein Schmidt\ndurch ein bedeutendes Stimm-Material aus und berechtigt unter gu-\nten Vorbildern und strenger Selbstkritik durch eifrige Studien zu\nder Hoffnung, eine hervorragende Erscheinung zu werden. Zur Auf-\nführung gelangten die Opern: von Mozart: Figaro, Don Juan uhd\nZauberflöte; von Weber: Freischütz; von Meyerbeer: Robert; von\nNicolai: Die lustigen Weiber; von Flotow: Stradella, und von Mail-\nlart: Das Glöckchen des Eremiten. s.\nDer berühmte Violinist, Herr August Kömpel, dessen Bestäti-\ngung als Concertmeister in München durch merkwürdige Ver-\nhältnisse sich verzögerte, hat die Unterhandlungen mit der dortigen,\nleitenden Behörde abgebrochen und geht als grossherzoglicher Concert-\nmeister nach Weimar, wo er in den ersten Tagen des Februars\nseine Stelle unter sehr günstigen und ehrenvollen Bedingungen an-\ntreten wird."}]}