{"numero_id": "bm-bmtnabi-1863-02-21-01", "volume": "bmtnabi_1863-02-21_01", "ocr_sha256": "08046029c9ed68224453b53ba661c9d49bc1964ce03c19f4086ce2b5461d4a46", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1863/02/21_01/bmtnabi_1863-02-21_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630221-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1863-02-21-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1863-02-21_01#c001", "volume": "bmtnabi_1863-02-21_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "57", "page_fin": "57", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630221-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "57", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630221-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 469, "texte": "Inhalt.\nWilhel mine Schrö der-Devrie nt. I. Kirchenmusik-Streit. Siebentes Gesellschafts-Concert in Köln im Gürze-\nnich (Schluss)* Tages- und Unterha 1 tungsb 1 att (Köln, Dritte Soiree für Kammermusik, Gounod's Faust, Herr Marchesi, Ferd.\nHiller Barmen, Coneert Schwelm, Concert Cleve, Mendelssohn's „Elias\" Berlin, Sivori, Fräulein Artot Karlsruhe, Ordens-\nVerleihung Wien, Italienische Oper Triest, Alfred Jaell Neapel, Fräulein Tietjens Brüssel, Jean Becker Paris)."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1863-02-21-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1863-02-21_01#c002", "volume": "bmtnabi_1863-02-21_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "57", "page_fin": "60", "image_debut": 1, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630221-01.2.2", "titre_corps": "Wilhelmine Schröder-Devrieit", "titre_sommaire": "Wilhelmine Schröder-Devrieit", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "57", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630221-01.1.1", "debut_caractere": 471, "fin_caractere_exclue": 4312, "texte": "Wilhelmine Schröder-Devrieit\n*).\nI.\nDie grosse Schauspielerin Sophie Schröder, ge-\nborene Bürger, aus Paderborn heirathete im Jahre 1795,\nerst fünfzehn Jahre alt, den bisherigen kurkölnischen Cri-\nminalrichter Joh. Nik. Smets aus Eynatten bei Aachen,\nwelcher damals unter dem Namen Stollmers Mitglied\neiner Schauspieler-Gesellschaft in Beval war. Aus dieser\nEhe, die 1799 wieder getrennt wurde, stammte der am\nNiederrheine bekannte Dichter Wilhelm Smets, der\nspäterhin mit seiner acht Jahre jüngeren Stiefschwester\nWilhelmine in Wien zusammentraf, wo sie etwa neun Mo-\nnate zusammen waren. Sophie vermählte sich nachher\nmit Friedrich Schröder, Schauspieler und Sänger und\nzu seiner Zeit besonders als Darsteller des Don Juan be-\nrühmt. Ihre älteste Tochter war Wilhelmine, geboren\nzu Hamburg den 6. December 1804 nach ihrer eigenen\nAufzeichnung (also nicht 1805, wie in den anderen Bio-\ngraphieen steht; jene Aufzeichnungen, einen sehr bald abge-\nbrochenen Anfang von Memoiren, hat Ciaire Glümer\nin ihren „Erinnerungen an W. Schröder-Devrient\", Leip-\nzig, bei Barth, 1862, die Wolzogen benutzt hat, mitge-\ntheilt). . '' ,\nDie Eltern bestimmten sie schon als Kind von vier\nJahren zur Tänzerin, und sie war mit ihren zwei Schwe-\nstern zuerst in Prag, dann in Wien Mitglied des Kinder-\nBallets von Friedrich Horschelt (geboren zu Köln 1793).\nWenn dieses Institut auch wohl nicht die beste moralische\nSchule sein mochte, so fand doch Wilhelmine in ihm eine\ntreffliche Vorübung zu mimischem und plastischem Aus-\ndrucke, welchem sie späterhin einen sehr grossen Theil\nihrer Erfolge verdankte.\nNach dem Tode ihres Vaters, der den 18. Juli 1818\nin Karlsbad starb, sorgte die Mutter für die Ausbildung\ndes begabten Mädchens für die Bühne als Schauspie-\nlerin.\nWilhelmine betrat, fünfzehn Jahre alt, am 13.0ctober\n1819 als Aricia in Schiller's „Phädra\" zum ersten Male\ndie Bühne auf dem Hofburgtheater in Wien, und ein ge-\nwisser Höhler, unter welchem Namen man keinen Ande-\nren als den bekannten wiener Theaterdichter und Humo-\nristen Castelli zu suchen haben wird, referirte über die-\nses Debüt in der dresdener „Abendzeitung\" mit folgenden\nWorten, die offenbar das Gepräge der schlichten Wahr-\nheit an sich tragen; „Eine einnehmende körperliche Bil-\ndung, eine für ihr Alter bewundernswerthe Besonnenheit\nim Spiele, eine reine und verständige Declamation zeugten\nvon der guten Schule, aus der sie hervorging. Als das Pu-\nblicum sie am Schlüsse hervorrief, führte die geehrte Mut-\nter sie an der Hand vor und empfahl sie nicht nur der\nNachsicht, sondern auch der Strenge des Publicums.\"\nIm Verlaufe dieses Engagements spielte sie von bedeuten-\nden Partieen noch die Luise in Schiller's „Cabale und\nLiebe\", die Beatrice in der „Braut von Messina\" und die\nOphelia in „Hamlet\". Ihre jüngere Schwester Betty wurde\nvon der Mutter am 16. October 1819, dreizehn Jahre alt,\nals Melitta in Grillparzer's „Sappho\" vorgeführt, und über\nsie urtheilte Castelli: „Diese steht noch auf der Gränzlinie\nzwischen Kind und Jungfrau, daher war es wohl auch zu\nerklären, dass ihr die Aeusserungen der Kindlichkeit mehr\ngelangen, als jene der Leidenschaft.\" Wegen nicht geeig-\nneter Beschäftigung an der Hofburg ging Betty Schröder\nim Januar 1823 zum Theater an der Wien über, und\n\n*) Wilhelm ine Schröder-D evrien t. Ein Beitrag zur Ge-\nschichte des musicalischen Drama's. Von Alfred Freiherrn\nvon Wolzogen. Leipzig. F. A. Brockhaus. 1863. XII und\n351 S. in 8. Eine interessante Biographie, aus den vor-\nhandenen, sehr zerstreuten Nachrichten über das Leben und\ndie Bühnen-Darstellungen der grossen Künstlerin in anziehen-\nder Weise zusammengestellt und aus Privat-Collectaneen und\nFamilien-Mittheilungen ergänzt und berichtigt. Zunächst geben\nwir die Nachrichten über das erste Auftreten der Künstlerin,\ndanach werden wir uns auch über das Buch im Ganzen aus-\nsprechen."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "58", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630221-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5690, "texte": "auch der schon 1821 Statt findende Uebergang Wilhel-\ntninens vom Schauspiel zur Oper war durch die damaligen\nVerhältnisse des Hofburgtheaters wesentlich mitbedingt;\ndenn da es weder ihr noch ihren beiden Schwestern ge-\nlang, sich dort auch nur die bescheidenste Stellung zu er-\nobern, so sah sich die Mutter genöthigt, an eine anderwei-\ntige und gewinnbringendere Beschäftigung ihrer Töchter\nzu denken.\nEs ist oft so dargestellt worden, als sei das musicali-\nsche Talent Wilhelminens ganz urplötzlich in ihr erwacht,\nals habe Niemand in der jungen Schauspielerin, welcher\ngewisse prophetische Stimmen bereits die Erfolge der Mut-\nter, als einer grossen Tragödin, geweissagt, die künftige\nSängerin zu ahnen vermocht, als habe überhaupt Niemand\ngewusst, dass die angehende Künstlerin zu allen reichen\nNalurgaben auch noch mildem köstlichen Gnadengeschenke\neiner schönen, hohen Sopranstimme ausgestaltet worden\nwar. Diese Erzählungen sind richtig, wenn man das grosse\nPublicum dabei im Auge hat, das allerdings durch die\nSängerin Wilhelmine Schröder nicht wenig überrascht\nwurde; falsch aber ist die Annahme, als sei selbst die Mut-\nter und ihr Freundeskreis durch dieses Meteor überrascht\nworden. Die Mutter hat vielmehr Wilhelminen mit aller\nSorgfalt zur Sängerin ausbilden lassen, sobald sie es inne\nwurde, dass das Mädchen stimmbegabt und mit einem\nfeinen Gehör ausgerüstet war.\nDen besten Lehrern hat sie den musicalischen Unter-\nricht ihrer Tochter anvertraut; der deutsche Singmeister\nder Letzteren war der tüchtige Joseph Mozatti (gestor-\nben den 5. Juni 1858), von dem unter Anderen auch der\nwackere Baritonist Schober und Caroline Unger (jetzige\nUngher-Sabatier)*] ausgebildet worden sind, und später\nkam Wilhelmine, wie mehrere zuverlässige Gewährsmän-\nner uns versichern, auch noch zu Giulio Radichi (ge-\nstorben den 16. September 1846), einem in Wien etablir-\nten italiänischen Maestro von grossem Rufe, in die Lehre.\nJedenfalls war der Unterricht Mozatti's derjenige, der am\nlängsten dauerte und am meisten fruchtete, obschon Wil-\nhelmine in ihrer Jugend keinen grossen Eifer zum Lernen\nzeigte und z. ß. zum Scalasingen stets gezwungen werden\nmusste. Am höchsten aber ist der Vortheil zu veranschla-\ngen, der ihr daraus erwuchs, dass sie alle Rollen, mit wel-\nchen sie in Wien debutiren sollte, unter der speciellen\nLeitung ihrer Mutter, die früher selbst länger als zehn\nJahre in der Oper mitgewirkt, einstudirte, wobei nicht\nbloss Mozatti, sondern auch noch ein besonderer Ciavier-\nspieler zur Begleitung gegenwärtig war und die Mutter ihr\nüber jedes Wort, jede Bewegung, jeden Schritt und Tritt\nden einsichtsvollsten Rath ertheilte. Und nun vergesse man\nferner nicht, welchen grossen Vorsprung vor anderen jun-\ngen Sängerinnen sie dadurch schon gewonnen, dass sie\nbereits zwei Jahre hindurch so schwierige dramatische\nAufgaben wie eine Ophelia bis zu einem gewissen Grade\nder Vollkommenheit zu lösen sich bestrebt hatte, ehe sie\ndie Opernbühne betrat. Musste doch eine solche Vorschule\nihre geistigen Anlagen ganz anders entfalten, ihre schöpfe-\nrische Selbstthätigkeit in ungleich stärkerem Grade an-\nspornen, als dies bei Künstlerinnen der Fall zu sein pflegt,\nwelche ihre Laufbahn gleich mit der Oper anfangen, bei\nder der sinnliche Klangreiz des Organs die ersten Erfolge\nfast allein bestimmt, und schon desshalb von einer eigent-\nlichen Kunstleistung ab ovo kaum die Rede sein kann.\nEs versteht sich, dass, wer den kleinen, überaus nütz-\nlichen Umweg von Shakespeare's Ophelia zu Mozart'» Pa-\nmina nicht zurückgelegt hat, diese „singende Ophelia\",\nwelche viele unserer gewöhnlichen Opern-Debutantinnen\noft wohl schon von vorn herein für eine unbedeutende\nAufgabe zu halten belieben, weil die Partie keine grossen\nBravour-Passagen enthält, so nicht zur Darstellung bringen\nwerden, wie unsere siebenzehnjährige Künstlerin, als sie\ndamit zum ersten Male vor das wiener Publicum trat und\nFriedrich August Kanne in der „Wiener Musicali-\nschen Zeitung\" über dieses Debüt wie folgt referiren\ndurfte: „Am 20. Januar 1821 war eine neue Erschei-\nnung für das Hof-Operntheater am Kärthnerthor, Wilhel-\nmine Schröder als Pamina. Die kluge Mutter hatte das\nMädchen früher in keinem Privat-Cirkel singen lassen; Nie-\nmand wusste, dass das Mädchen musicalische Kenntnisse\nbesitze, und so war gleichsam eine Sängerin aus den Wol-\nken herausgefallen. Man wunderte sich daher um so mehr,\nbei ihr eine ziemlich ausgebildete Stimme, eine ganz reine\nIntonation und einen zwar ganz einfachen, von allen Schnör-\nkeleien entfernten, aber sehr angenehmen Vortrag zu fin-\nden. Diese Vorzüge, verbunden mit einem Schauspieler-\nTalente, wie noch wenige grosse Sängerinnen bewiesen\nhaben, gewährten einen eigenen Zauber und entzückten\ndie überraschten Zuhörer so sehr, dass das Haus von Bei-\n\n*] Sie trat ziemlich gleichzeitig mit der Schröder-Devrient ihre\nOpera-Laufbahn an, lind zwar nicht schon 1819 als Cherubin\nin j.Figaro's Hochzeit\", wie in den von Irrthüniern wimmeln-\nden Werken, dem Blum'schen rTheater-Lexikon\" und dem\n„Tonkünstler-Lexikon\" von Schilling, zu lesen ist, sondern am\n!24. Februar 1821 in Mozart's „Cosl fan tutteL\\ Vorher hatte\nsie öffentlich nur in Concerten gesungen und in Privat-Cirkeln\nsich durch ihren Gesang vielen Beifall erworben. Ihr Debüt auf\nder Oper fand aber ganz im Gegensatze mit dem der Schrö-\nder-Devrient gar keinen Anklang, und man fragte sich nach\ndem ersten nicht glücklichen Versuche achselzuckend, warum\ndas Hoftheater dieses Mädchen aus dem bürgerlichen Leben in\ndie Oeffentlichkeit gerissen, da die Bühne durch sie nichts ge-\nwinnen, sie selbst aber nur verlieren werde. Später freilich\nwandte sich das Blatt. (Notizen des Herrn Eichard Kiessling.)"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "59", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630221-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5392, "texte": "fall wiederhallte. Wir wünschen uns und der jungen Sän-\ngerin Glück, wenn sie anders in der Folge ihre Stimme\ngehörig zu pflegen versteht und bei vermehrter Biegsam-\nkeit derselben nicht auch zugleich von dem herrschenden\nModegeschmack verführt, in faden Verzierungen ihr Heil\nsucht, sondern die Einfachheit und Wahrheit sich zum\nhöchsten Ziel ihrer Leistungen setzt.\"\nDiese würdigen Worte einer besonnenen Anerkennung\nstechen von den ekelhaften Lob-Ps,almen, womit heutzu-\ntage jedes neue Bühnen-Talentchen gleich als ein Nonplus-\nultra der Vollendung ausgeschrieen und auf diese w eise\nrecht absichtlich dem faulen Eitelkeitsteufel überliefert\nwird, so vortheilhaft ab, dass wir einen angemesseneren\nProlog zur Eröffnung der Opern-Laufbahn unserer Künst-\nlerin uns kaum zu denken wüssten. Kanne's Urtheil be-\nhielt, wie wir in der Folge sehen werden, seine Wahrheit\nbis ans Ende dieser ruhmreichen Laufbahn. Nach dem\nersten glücklichen Debüt wurde Wilhelmine bei den in\nWien so häufigen Concerten vielfach in Anspruch genom-\nmen. Zuerst sang sie am 2. Februar 1821 in einem Con-\ncerte des berühmten Contrabassisten Dali' Occa, wo sie\ndurch eine sehr anmuthig vorgetragene Arie von Pavesi\nund in einem Duett aus Bossini's „Armide\" zeigte, „dass\nihre schöne klangreiche Stimme schon viel Biegsamkeit\ngewonnen hatte\". Mit steigender Spannung sah das Publi-\ncum hiernach einer neuen dramatischen Leistung der ta-\nlentvollen jungen Künstlerin entgegen. So gross aber die\nErwartungen auch immer sein mochten, sie wurden durch\nihre ausserordentlich gelungene Darstellung der Emmeline\nin Weigl's „Schweizerfamilie\" am 2. März noch überlrof-\nfen. „Ihr Spiel\", so schrieb Kanne, „war meisterhaft\nidealisch kann man es nennen—, voll Innigkeit, Natur und\nWahrheit. Sie sang einfach und herzlich, wie es die Bolle\nerfordert, declamirte richtig, und ihre Intonation war\ndurchgehends rein. Bewunderungswürdig ist die Sicher-\nheit, mit welcher sie die einzelnen hohen Töne und die\nvon einander entfernten Intervalle, ohne sie erst nach Art\nsehr vieler Sänger und Sängerinnen durch einen Vorschlag\nzu suchen und zu bilden, sogleich in voller Beinheit zu\ntreffen weiss. Dies beweist ihre glücklichen und natürlichen\nAnlagen und die zweckmässige, gute Schule Mozatti's. In\nihrer Darstellung fand sich keine Spur von einer Anfän-\ngerin. Bei den mannigfaltigen Talenten, welche sie uns\noffenbarte, ist sie für die Oper eine eben so erwünschte\nals ganz ungewöhnliche Erscheinung, und wir hoffen, dass\nihre grosse Lehrerin die vielen Keime, welche einst die\nherrlichste Blüthe versprechen, sorgsam pflegen und hüten\nwerde. Möge der ihr bisher gewordene Beifall ihren Eifer\nverdoppeln. Das Publicum liebt sie schon.\"\nIhre drille Op ern-Partie war am 12. April 1821 die\nMarie in Gretry's „Blaubart\" Schon\ndamals schrieb Kanne, dass sich die herzdurchdringenden\nTöne und Geberden, welche uns mit Mitleiden und Schau-\ndern erlüllten, als wirklich dem Innern entquollen beur-\nkundeten. Sie gab den ganzen Part mit gleicher, ja, gegen\nden Schiuss der Oper mit steigender Kraft und leistete im.\nSpiele, besonders in den zwei letzten Acten von dem Mo-\nmente ihres Herausstürzens aus dem Schreckensgemache\nbis zum Schlüsse so Bedeutendes, dass diese Rolle wohl\nnicht leicht wahrer und ergreifender irgendwo gegeben\nwerden dürfte. Sie bewies sich auch als Sängerin, beson-\nders in solchen Stellen, die einen hohen Grad leidenschaft-\nlichen Ausdrucks fordern, alles Beifalls würdig, der ihr\nauch sowohl im Verlauf, als am Schlüsse der Oper reich-\nlich zu Theil ward. Fleissige und unter sorgfältiger Lei-\ntung fortgesetzte Uebungen werden sie im Gesänge auf\neine noch höhere Stufe und sicher zu dem Bange einer\nbedeutenden tragischen Sängerin erheben.\nNoch grösser aber war der Erfolg, den sie am Vor-\nabende des kaiserlichen Namensfestes, den 3. November\n1821, in Weber's „Freischütz\", der zum ersten Male in\nWien gegeben wurde, als Agathe errang.\nAm 20. Deceinber wurde am Kärtbnerthorc zum er-\nsten Male Spohr's „Zemire und Azor\" aufgeführt. Wil-\nhelmine gab die Partie der Zemire „mit frischer Stimme\nund angemessenem Spiele\". Nach Kanne's Bericht gefiel\nvorzüglich die Bomanze an die Bose, obwohl man deutlich\nsah, „dass an mehreren Orten die Bolle eine grosse, kunst-\nfertige Sängerin erfordert hätte\"; mehrmals war ihre In-\ntonation auch schwankend.\nIm Sommer 1822 machte die Mutter mit ihren bei-\nden ältesten Töchtern Wilhelmine und Betty die erste Gast-\nspiel-B eise über Prag zunächst nach Dresden, wo Sophie\nund Betty Schröder am 13. Juli in Houwald's „Fluch und\nSegen\", am 16. in Grillparzer's „Sappho\" spielten, und\nBetty für die Bolle der Melitta noch zu jung gefunden\nwurde. Ausserordentlich aber war die Sensation, die Wil-\nhelminens erstes Auftreten am 21. Juli als Emmeline in\nder „Schweizerfamilie\" hervorrief. „Schon ihre Tracht,\"\nso schrieb Friedrich Kind in Nr. 184 der dresdener „Abend-\nzeitung\", „ohne alle Füttern, aber idyllisch zierlich, gab\nhinlänglichen Beweis, welcher Vortheil sich von Local-\ntrachten ziehen lässt. Wer erkannte nicht augenblicklich\nund streng von allem Aehnlichen geschieden das Schwei-\nzermädchen? Wer glaubte, als sie gleich anfänglich mit\nüber die Kniee gefalteten Händen auf der Steinbank sass,\nnicht irgend eine holde Sennerin belebt vor sich zu sehen,\ndie, vor ihrer Hütte sitzend und irgend eines entfernten\nJakob Friburg träumerisch denkend, in das liebe Abend-\n\n[*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "60", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630221-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3931, "texte": "roth schaut? In gleicher Art führte sie dann auch das\nGanze aus; ihr Spiel war durchgängig der Dichtung ange-\nmessen und gerundet; das „ „Ich weine, ich lache!\"\" war\nungemein hinreissend, und die Stellung, als sie sich von\ndem Rosenstock ab und, die Hand am Boden, aulhorchend\nzurückbeugte, nicht nur der Situation angemessen, sondern\nauch höchst malerisch.\" Sie trug in dieser Rolle einen\nRock von grober Wolle, ein schlichtes rothes Mieder, weisse\nLeinwand-Aermel, eine weite Bauernschiirze, bunte, vom\nKnie bis zum Knöchel reichende geringelte Strümpfe, wie\nheute noch die ramsauer und berchtesgadener Bäuerinnen,\nund einen Strohhut, dem man ansah, dass er eben so ge-\ngen Regen und Wind, als gegen die Strahlen der Sonne\nzu schützen bestimmt war. Ihr Haar war in zwei durch\nbunte Bänder verlängerte Zöpfe gellochten, die ihr über\nden Rücken lang herabhingen. Es konnte in der That nichts\nEinfacheres und Naturgetreueres geben, als diesen Anzug.\nUnd doch wie entzückend war nicht der Eindruck, da\nsie, so gekleidet, mit gefalteten Händen und freudig zum\nHimmel gerichteten Blicken im dritten Acte am Fenster\nder Hütte erschien, um in das Terzett: „Ach, wie herrlich\nist der Morgen!\" einzustimmen! Die Bewunderung ihrer\nreizenden Erscheinung pflegte in diesem Momente mit-\nunter einen solchen Höhegrad allgemeinster Ekstase zu\nerreichen, dass der Capeilmeisler sich genöthigt sah, mit\nder Intonirung des Musikstückes anzuhalten, bis sich das\nPublicum an der himmlischen Gestalt der frommen Beterin\nso recht von Herzen satt gesehen und sein Entzücken dar-\nüber ausgejauchzt hatte*).\nNachdem sie ihr dresdener Gastspiel am 26. Juli als\nParaina geschlossen, ging es weiter nach Leipzig, wo die\nMutter Ende Juli als Sappho, Gräfin Orsina und Medea\n(von Gotter) grosse Bewunderung erregte, aber auch Wil-\nhelmine wiederum als Emmeline, Pamina und in den er-\nsten Scenen des zweiten Actes vom „Freischütz\" als Agathe\nnach Eduard Genast's Bericht**) „den hohen dramatischen\nFunken bekundete, der in späteren Jahren zur Feuersäule\nheranwachsen sollte, den Weg beleuchtend, den die Jün-\nger ihrer Kunst zu gehen hatten.\" Dann heisst es weiter:\n„Ihre klangvolle, schöne Stimme, das liebliche Gesicht, von\ndem reichen blonden Haar umwallt, die ebenmässige Ge-\nstalt nahmen sofort das Publicum für sie ein, und ihr sin-\nniges Spiel steigerte nur noch den Beifall. Aber nicht allein\nauf der Bühne entfaltete sie so viel Liebenswürdigkeit,\nauch im geselligen Leben; ich konnte das täglich in mei-\nnem Hause beobachten, wo sie sich ganz ihrem reizenden\nNalurel überliess. Ihre Mutter war ja die eben so wohl-\nwollende als von uns hochverehrte Lehrerin meiner Frau\").\nWie eine flüchtige Gazelle sprang Wilhelmine in dem\ngrossen Garten, der sich an unserer Wohnung befand,\nherum, und wenn sie sich ausgetobt hatte, warf sie sich\nwie ein Kind ins Gras und jauchzte dem Himmel zu: „Ich\nbin so fröhlich, so selig, und immer umgaukeln mich\nFreude und Lust!\" Ein reines R hervorzubringen, war ihr\ndamals fast unmöglich (sie hat es nie fertig gebracht); darum\nwurden zu ihrer und unserer Belustigung alle möglichen\nUebungen damit vorgenommen. Ich sagte: „Sie müssen\nmit der Zunge an den Oberzähnen und dem weichen Gau-\nmen einen förmlichen Pralltriller schlagen.\" Ihre Mutter,\ndie ein makelloses R sprach, bestätigte das auch. Auf den\nSpazirgängen sprang sie meistens vor uns her und übte\ndas abscheuliche R, wie sie es nannte. Meinte sie es nun\ninne zu haben, so kam sie zurückgesprungen, stellte sich\nmit untergeslemmten Armen vor uns hin und rief: „„Da\nhabt ihr eure Schnarre, Rrrrrr!\"\" und dieses Manöver\ndehnte sie, immer dabei rückwärts gehend und Verbeu-\ngungen machend, bis zur Ermüdung aus.\"\n\n*) Vgl. Nr. 31 der „Vossischen Zeitung44 von 18C0, Beilage 1,\nS. 2: „Wilhelmine Schröder-Devrient\", von Fr. Tz. (Friedrich\nTietz).\n**) »Aus dem Tagebuche eines alten Schauspielers. Von Eduard\nGenast.\" (Leipzig, Voigt und Günther, 18G2.) 11., 173—174."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1863-02-21-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1863-02-21_01#c003", "volume": "bmtnabi_1863-02-21_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "60", "page_fin": "62", "image_debut": 4, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630221-01.2.3", "titre_corps": "Kirchenmusik-Streit.", "titre_sommaire": "Kirchenmusik-Streit.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "60", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630221-01.1.4", "debut_caractere": 3933, "fin_caractere_exclue": 5148, "texte": "Kirchenmusik-Streit.\nWährend hier in Köln der Streit über die Zulässig-\nkeit musicalischer Messen beim katholischen Gottesdienste\nruht und im Dome nach wie vor Aufführungen geistlicher\nMusik mit vollständiger Besetzung der Solostimmen, des\nChors und Orchesters an Feiertagen u. s. w. Statt finden,\nhören wir mit Erstaunen, dass in unserer Nachbarstadt\nAachen von Neuem darauf hingearbeitet wird, die Orche-\nster-Instrumente und die Frauenstimmen aus der Kirche\nzu verbannen. Durch das Feuilleton der „Aachener Zei-\ntung\" erfahren wir, dass in einer öffentlichen Vorlesung\noder Ansprache oder Predigt über den bereglen Gegen-\nstand dem singenden Theile des schönen Geschlechtes zu-\ngerufen worden sei: „Fräulein, iihr brucht hü nüt senge\nzu komme; wenn sie üch nüthig hant, lasse se et üch\nsage.\" Horribile auditu! Das heisst doch wohl die aposto-\nlische Regel: Mulier taceat in ecclesia! aufs ärgste miss-\nverstehen, denn die nothwendige Consequenz der Verban-\nnung der weiblichen Sopranistinnen müsste doch die Wie-\ndereinführung der männlichen Sopranisten sein, wogegen\nsich bedeutender Widerspruch in abstracto und in concreto\nerheben dürfte.\n\n*) Christine Bohler war in Prag Sophie Schroder's Schülerin\ngewesen."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "61", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630221-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5285, "texte": "Wenn der Propagandist für die Abschaffung der In-\nstrumental- und Frauenstimmen eine curiose Zusammen-\nstellung!— in der gedachten (d. h. für\nseine Ansicht, nicht „für den Dom\") sagte, „er würde lie-\nber die Damen die Messe bedienen, als sie im Singchor\nsehen, da sie nicht die christliche Gemeinde vorstellen\nkönnten\", und am Ende zur Bestätigung seines Bann-\nspruches anführte: „Jesus Christus habe niemals seiner hei-\nligen Mutter geboten, in der Kirche zu singen\", so ver-\nlohnen sich so schlagende Beweisgründe freilich keines\nAufwandes von Logik und werden vom Verfasser des\naachener Feuilletons mit Recht mit der Antwort abgefer-\ntigt, „dass es auch nirgend geschrieben stehe, Christus\nhabe seiner heiligen Mutter das Singen verboten\".\nIm Verlauf folgten natürlich die alten Vorwürfe über\ndie Unkirchlichkeit der geistlichen Musik von Haydn, Mo-\nzart und Beethoven in Bausch und Bogen. Doch wagte\nman nicht, diese Heroen aller historischen Wahrheit zum\nTrotz als Unchristen oder Antichristen zu bezeichnen. Da-\ngegen stand man nicht an, zu erklären, dass ein Protestant\ngar keine Messe für die katholische Kirche schreiben\nkönne. „Für diese Theorie\"—sagt die Aachener Zeitung\n„ist es schlimm, dass wir dieser gewagten Hypothese ein\nfrappantes Beispiel entgegen zu stellen haben; denn wer\nwürde nicht den ganzen musicalischen Kram des Paters\nLambilotte, mit dem er die katholischen Kirchen über-\nschwemmt hat, für ein Dutzend Tacte aus der Messe des\nProtestanten Bach hingeben, und welche Kirchenmusik\nkann in Beziehung auf Stil, Ausdruck und religiösen Cha-\nrakter mit der H-moll-Messe des grossen Patriarchen ver-\nglichen werden? Das aus innerster Seele hervorgehende\nFlehen um göttliches Erbarmen, die Lobpreisung Gottes,\ndas Rekenntniss des Glaubens, die Heiligkeit und der\nFriede Gottes sind hier in einer Weise ausgesprochen, die\nselbst, wie wir es erlebt haben, im Concertsaale mit\neinem reinen und frommen Gefühle beseelt, das bis in die\ninnersten Tiefen der Seele dringt.\"\nUnter den Beweisstücken für Mozart's Religiosität fin-\nden wir hier ein uns bisher unbekanntes Zeugniss. Der\nCanonicus Goschler sagt in seinem „Leben eines christ-\nlichen Künstlers im achtzehnten Jahrhundert\" (Jahreszahl\nund Verlagsort sind nicht genannt): „Ohne Zweifel war\nMozart ein Christ; die Beweise seines aufrichtigen Glau-\nbens gestatten keinen Zweifel. Ich citire seine authentischen\nBriefe mit um so grösserer Befriedigung, als sie den Le-\nsern, welche darin edle Beispiele, rührende Beweise der\nGefühle, welche der christliche Glaube einflösst, und der\nTugenden, die er erzeugt, finden werden, zur Erbauung\ndienen können.\"\nVon der abgeschmackten Erzählung, welche der Herr\nRedner vorgebracht, dass ein Capellmeister Scholtz Beet-\nhoven einen lächerlichen Text zu seiner C-dur-Messe ge-\ngeben, worüber Beethoven „Thränen vergossen\" habe, ist\nuns nichts bekannt, und wir haben in Schindlers Biogra-\nphie, auf welche man sich beruft, nichts darüber gefun-\nden. Dagegen ist die betonte Perhorrescenz der Fuge\nBeethoven's auf Amen auf folgende Weise interessant ab-\ngewiesen: „Wenn man in dieser und ähnlichen Wieder-\nholungen etwas Lächerliches findet, wie will man Pale-\nstrina, das Idol der Regeneratoren, verlheidigen, der oft\nauf einen einzigen Vocal endlose Phrasen singen lässt, die\nvon den Sängern Lungen wie Blasebälge verlangen! Und\nwelchen Eindruck muss das Ite Missa est und das Alleluja\nin festis primae classis machen, wenn der Priester fünf\nMinuten lang eine endlose Masse von Noten auf die An-\nfangsbuchstaben lund Asingt, ehe er die zweite Sylbe\nausspricht!\"\nAus dem Schlüsse des sehr wohlgemeinten und mit\nWärme geschriebenen Artikels führen wir unter Anderem\nnoch an:\n„Der Zweck des katholischen Cultus\", sagte unser\nRedner mit Recht, „ist die Erbauung; die Kirchenmusik\nist Mittel zum Zweck, nicht Selbstzweck. Sie soll den Cul-\ntus heben, nicht die Aufmerksamkeit von ihm auf sich\nselbst lenken.\" Wir sind ganz mit dieser Ansicht einver-\nstanden, aber gerade darum glauben wir, dass die neuere\nMusik diesen Zweck erreicht. Nicht eine streng contra-\npunktische Arbeit, eine Reihenfolge von Fugen spricht am\nmeisten zum Herzen der Gläubigen; diese Sprache würde\nsie ermüden, weil sie für sie des Inhalts und des Gefühls\nentbehrt. Die erste Eigenschaft der Kirchenmusik ist, wie\ndie des Predigers, sich dem Zuhörer verständlich zu ma-\nchen. Man liebt desshalb eine breite Harmonie, erhabene\nChöre, ruhige und melodische Soli, welche die verschiede-\nnen Bewegungen der mit Gott vereinten Seele wiederge-\nben. Dies sind aber nicht die Eigenschaften der alten Mu-\nsik, die jetzt als allein fähig ausgegeben wird, die Seele\nauf sich selbst zu lenken und zur Sammlung anzuregen.\nUm von einer Sprache durchdrungen zu sein, muss man\nsie verstehen, ihren Sinn fassen. Die dem Contrapunkte\nangeschmiegte Musik ist aber sicher keine ausdrucksvolle:\nsie lässt kein Wort verstehen, und dies scheint doch nach\ndem Ausspruche über das Amen der Beethoven'schen\nMesse eine Hauptbedingung zu sein. Unser Ohr ist ausser-\ndem zu sehr gewöhnt an die grossen Eindrücke, die mit\ndem stets wachsenden Pomp des Gottesdienstes Hand in\nHand gehen, und mit welchen die späteren Meister unsere\nSeele erfüllt haben, als dass wir die Messen der alten\nItaliäner mit dem kindlichen Ohr derjenigen anhören"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "62", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630221-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2418, "texte": "sollten, welche vor zweihundert Jahren das Auditorium\nbildeten.\nWenn jemals jene Partei zum Siege gelangt, so wird\ndie Kunst auf ihre Wiege zurückgeführt, und das Genie\ngeht unter. Man verbannt jetzt die Instrumental-Musik aus\nden Kirchen, man behält nur einige Instrumente, das heisst\nVioline, Alt, Bass und Fagott, welches das Violoncell er-\nsetzt. Wodurch hat aber gerade das Pagott solche Ehre\nverdient*)? Die Freude darüber kann eine vorübergehende\nsein, denn in einer Stunde kann dieses Instrument nach\nder Ansicht eines Herrn durch den traditionellen Kommel-\npott ersetzt werden, der ehemals die frommen Gesänge der\nLiedersänger am Dreikönigen-Tage und zu St. Marlin be-\ngleitete; im nächsten Jahre wird man in den bunten Fen-\nstern einen Anlass zur Zerstreuung finden, und die schö-\nnen Malereien werden durch mattes Glas ersetzt werden;\naus demselben Grunde wird man die Vergoldungen ab-\nschaffen, und die in dem Sinne gemachten Geschenke, wie\ndie zur Erhaltung der Instrumental-Messe ausgesetzten\nFonds werden keinen Zweck mehr haben.\nHerr Stein hat in seinem interessanten Vortrage die\nWahrheit unserer Angaben in Bezug einer Citation des\nWerkes De cantu et musica svom Fürstbischöfe Ger-\nbert in Zweifel gestellt. Wir begnügen uns, nur einen un-\nter tausend Beweisen für unsere Behauptung aus demsel-\nben Werke des Fürstbischofs Gerbert, Band 11., Buch IV.\nc. V., Pag. 366, das im Jahre 1774 gedruckt wurde, zu\ncitiren. „Wer kann ungerührt bleiben, wenn er z. B. an\neinem Festtage, der der Freude gewidmet ist, das\nDeurn oder Magnificat von Graun hört? Er wird wider\nseinen Willen zur Freude hingerissen. Wer kann ein sanf-\ntes Gefühl verläugnen, wenn in seine Ohren die harmoni-\nschen Töne deren ausnehmend verfertigten Werke eines\nBach, Hasse, Teleman u. s. w. schallen? Ja, wer kann\nsich der Thränen und des Mitleids enthalten, wenn er\nausser anderen verfertigten Oratorien den über allen Werth\nerhabenen Passions-Oratorien des seligen Graun beige-\nwohnt? Ich bin ein Augenzeuge davon, dass einst bei ihrer\nAufführung ein Ungläubiger Thränen des Mitleids und des\nErbarmens fliessen liess: um wie viel mehr ein Christ, der\nbei der Vorstellung des schmerzlichen Leidens seines Er-\nlösers nothwendig in Traurigkeit muss versetzt werden.\"\nJeder mag daraus entnehmen, ob Gerbert nicht toleranter\nwar, als unsere Gegner.\n\n*) Vielleicht durch den Serpent in den Dorfkirchen in Frank-\nreich? Anm. der Redaction."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1863-02-21-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1863-02-21_01#c004", "volume": "bmtnabi_1863-02-21_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "62", "page_fin": "62", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630221-01.2.4", "titre_corps": "Siebentes Gesellchasts-Concert in Köln im Gürzenich, unter Leitung des städtischen Capellmeisters Herrn Ferdinand Hiller.", "titre_sommaire": "Siebentes Gesellchasts-Concert in Köln im Gürzenich, unter Leitung des städtischen Capellmeisters Herrn Ferdinand Hiller.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "62", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630221-01.1.6", "debut_caractere": 2420, "fin_caractere_exclue": 5652, "texte": "Siebentes Gesellchasts-Concert in Köln im Gürzenich,\nunter Leitung des städtischen Capellmeisters Herrn\nFerdinand Hiller.\nDinstag, den 10. Februar 1863.\n(Schluss. S. Nr. 7.)\nEine Neuigkeit, welche mit vielem Beifall aufgenommen wurde,\nwar ein Salve Begina für Solostimmen, Chor und Orchester, compo-\nnirt von F. Wüllner, Musik-Director in Aachen. Herr Wüllner,\nder sich schon durch frühere Instrumental-Compositionen, unter de-\nnen besonders eine grosse Sonate für Pianoforte Auszeichnung ver-\ndient, als einen Musiker von Kenntniss und Geschmack bewährt\nhat, führte uns in diesem Kirchenstücke sein erstes grösseres Vocal-\nwerk vor, das durch melodische Erfindung, fliessende und sangbare\nStimmführung, correcte und keineswegs gesuchte Harmonie, neben\ngeschickter polyphoner Arbeit in einigen Sätzen, einen sehr guten\nEindruck macht und offenbares Talent für diese Musikgattung be-\nkundet. Es besteht aus vier Sätzen. Der erste ist ein Andante in\nF-dur, 4/4-Tact, dessen homophone melodische Perioden von einer\nlieblichen Begleitungs-Figur, welche die verschiedenen Saiten-Instru-\nmente einander abnehmen, umwunden sind. Der kurze mittlere Satz\nbringt zwar einen nicht unangenehmen Wechsel hervor, doch scheint\nes uns, als wenn die Worte: Vita, dulcedo et spes nostra, zu poly-\nphonem Anlauf, der doch bald wieder aufgegeben werden muss, um\nden Charakter des Ganzen nicht zu stören, nicht ganz passend wä-\nren. Nr. 2 ist ein lebhafter, frischer Satz, in welchem sich der Com-\n]3onist das Ad te clamamus zum bewegenden Princip genommen hat,\nwesshalb man es denn mit dem Ausdruck des Suspiramus gementes\net flentes, also mit den Seufzern und Thränen, nicht gar zu genau\nnehmen muss, da der Satz, rein musicalisch genommen, wirksam ist?\nauch wohl in der Ausführung wegen mangelnder Zeit zu wiederhol-\nten Proben die vom Componisten beabsichtigten Nuancen des Vor-\ntrags nicht immer bemerkbar wurden. Der Satz geht in ein Solo-\nQuartett (Nr. 3) aus B-dur mit einem Mittelsatz in Ges-dur über, zu\nwelchem der Chor pp tritt; es ist recht schön und wurde auch vom\nPublicum ausgezeichnet. Nummer 4 enthält einen kurzen Alla-breve-\nSatz auf Sancta Maria, ora pro nobis, dem ein recht gut durchge-\nführter Fugensatz Allegro non troppo, 4/i-Tact, in B-dur folgt, in\nwelchem das Ora pro nobis in einer einzelnen Stimme oft choral-\nmässig durch den Chor der anderen, welche das Fugato fortsetzen,\nhindurch klingt und das Ganze zu einem ruhigen, der innigen Bitte\nentsprechenden, sanften homophonen Schlüsse führt.\nIn dem Solo-Quartett lernten wir in Fräulein Emma Zum\nBusch, welche die erste Stimme sang, ein neues Talent kennen,\ndas alle Aufmerksamkeit und Theilnahme verdient. Die junge Dame\nbesitzt eine sehr ausgiebige und sonore echte Sopranstimme, welche\nin Verbindung mit allem Aeusseren der Persönlichkeit, was die Bühne\nerfordert, einen unverkennbaren Beruf zu dramatischem Gesänge be-\nkundet und bei fortgesetzten ernsten und vorsichtigen Studien eine\nbedeutende künstlerische Zukunft verspricht.\nVon Orchestersachen brachte das Concert eine Sinfonie in B-dur\nvon J. Haydn, welche ganz ausserordentlich schön und fein schat-\ntirt ausgeführt wurde, und zum Schlüsse die heroische Olympia-\nOuverture von Spontini voll Glanz und Schwung."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1863-02-21-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1863-02-21_01#c005", "volume": "bmtnabi_1863-02-21_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "63", "page_fin": "64", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630221-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "63", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630221-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 6679, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKöln« In der dritten Soiree für Kammermusik hörten\nwir das Quartett von Mozart Nr. 1 in G-dur, und das in C-dur,\nOp. 59 Nr. 3 von Beethoven; in beiden erfreute die treffliche\nAusführung und riss zu dem lebhaftesten Applaus hin. Zwischen\ndiesen Quartetten spielte Herr Tsidor Seiss die Sonate Nr. 2 in\nG-moll, Op. 22 von Schumann. Die Wc-ihl gerade dieser Sonate\nwar nieht zweckmässig getroffen, um das Publicum unserer Soireen\nfür Schumann's Musik zu gewinnen, was der mässige Beifall zeigte.\nHerr Seiss trug das sehr schwierige und völlig undankbare Stück\nmit grosser Virtuosität vor, störte aber den Genuss durch seine gar\nzu auffallende Unruhe am Flügel. Wir haben dem sehr tüchtigen\nund eleganten Spieler schon einmal einen Wink in dieser Beziehung-\ngegeben, allein an dem fraglichen Abende begleitete Herr Seiss wie-\nderum sein Spiel mit so fortwährenden mimisch-plastischen Bewe-\ngungen, dass wir beinahe in Versuchung kommen, ihn zu denjeni-\ngen Künstlern zu zählen, welche ihre Geringschätzung der Kritik\ndurch doppelt starkes Auftragen des Gerügten bekunden zu müssen\nglauben. Wir wünschen aufrichtig, uns hierin zu täuschen.\nGounod's „Faust\" ist hier mit glänzender Ausstattung bereits\nmehrere Male in Scene gegangen und macht auch hier volle Häuser.\nHerr Marc he si hat einige Gastrollen gegeben; über seinen Don\nJuan waren die Stimmen sehr getheilt, sowohl in Bezug auf den\nGesang, in welchem er sich einige höchst unmozartische Freiheiten\nerlaubt haben soll, als auf das Spiel, das nicht lebendig genug er-\nschien. In Verdi's Ernani als Karl V. und im Trovatore als Graf\nLuna war er vortrefflich und ärntete grossen Beifall.\nFerdinand HiHer ist zur Aufführung seiner „Katakomben\"\nnach Bremen und Hannover gereist.\nBarmen, 13. Februar. Gestern gab Herr Musik-Director\nAnton Krause sein Coneert im Saale der Concordia. Das Pro-\ngramm brachte eine Sinfonie in D-dur von Haydn, Sopran-Arie\naus Figaro's Hochzeit (Fräulein Mann), Lieder für Alt von F.\nBreunung und Mendelssohn (Fräulein Assmann) und Men-\ndelssohn's G-moll-Coneert, gespielt vom Concertgeber. Im zweiten\nTheile führte Herr Kr ause seine Messe für vier Solostimmen,\nChor und Orchester vollständig auf. Sie wurde vom Publicum sehr\ngut aufgenommen; der Componist und treffliche Dirigent unserer\nVereine und Concerte wurde vom Chor und Orchester mit Applaus\nempfangen und ärntete am Schlüsse einen wahren Blumenregen.\nl5. Februar. In dem gestrigen Concerte spielte\nFräulein Marie Lindemann den Clavierpart des Septetts von\nHummel mit Eleganz und Virtuosität. Das Publicum spendete\ndurch rauschenden Applaus der Pianistin die wohlverdiente Aner-\nkennung.\nCleve, 6. Februar. Unsere musicalischen Zustände fangen an,\n3ich dennaassen zu heben, dass wir sogar Men d eis söhn1 s „Elias\"\nunter Leitung des Herrn Musik-Directors Fiedler in vollständiger\nund gelungener Aufführung gehört haben. Zu Anfang des zweiten\nTheiles wurde der Dirigent mit Fanfaren und Applaus empfangen.\nDie Soli waren meist mit Dilettanten besetzt: den Elias sang Herr\nNoi z et, die Alt-Partie Fräulein Assmann, welche durch ihre\nwohllautende Stimme, den weichen Tonansatz und die in Köln er-\nlangte Ausbildung als Sängerin sehr gefiel.\nBerlin« Sivori wird hier erwartet, Fräulein Ar tot hat als\nMarie in der Regimentstochter noch mehr gefallen, als in der Nacht-\nwandlerin. Ihre nächste Rolle ist Margarethe in Gounod's Faust.\nKarlsruhe« Der Grossherzog von Baden bat dem hiesigen\nHof-Capellmeister Strauss das Ritterkreuz des Zähringer-Ordens\nverliehen.\nWien. Merelli's italiänische Oper wird dreissig Vorstellungen\ngeben; in 22 derselben wird Adelina Patti singen, zuerst als\nSonnämbula mit Carrion als Elvino. Giuglini und Madame\nLafont werden ebenfalls auftreten. Parterre- und erste Rang-Logen\n30 Gulden für jeden Abend.\nTriest. Die hiesigen Blätter sind voll von begeisterten Be-\nrichten über Alfred Jaell, der seit 18-\"7 seine Vaterstadt zum\nersten Male wieder besucht\" und am 3. Februar im Teatro Grande\nConeert gegeben hat. Unter dem Jubel des ganzen Hauses wurden\nihm Lorberkränze zugeworfen, darunter einer, auf dessen Band ein\ndeutsches Gedicht von Julius Rodenberg gedruckt war. Zu glei-\ncher Zeit flogen Abdrücke in Form einer Votivtafel mit italienischer\nInschrift von allen Logen herab, des Inhalts: „Nella sera 3 Feb-\nbraio 1863, in cui Alfredo Jaell Triestino primo fra i pianisti vi-\nventi dava un concerto nel Teatro Grande. Salve, della tua Ter-\ngeste figlio diletto! Alfine ritorni a noi carco d' allori onde £ inco-\nronarono gli ammiratori del Tamigi, delV Jstro e della Senna ra-\npid in estasi soave divina. Tu ritorni a noiy oh benedetto! col\nsorriso del genio a ricevere in fronte il bacio di amore dei plau-\ndenti concittadini.\"\nNeapel« Fräulein Tietjens ärntet seit einiger Zeit auf dem\nTheater San Carlo Lorbern ; die Neapolitaner sind ausser sich über\ndiese deutsche Sängerin. Der Engländer Mapleson, Director des\nMajestäts-Theaters in London, hat die Concession für sämmtliche\nOperntheater von Neapel auf neun Jahre erhalten.\nfiSriissel« Am 11. d. Mts. hat Herr Jean Becker in einer\nvon Herrn Fetis veranstalteten Sitzung für Kammermusik im Con-\nservatorium ein Quintett von Fetis und das zweite Quartett von\nEd. de Hart og mit ungeheurem Erfolg gespielt. Auch in Ant-\nwerpen hat Herr Becker drei Mal gespielt. Sein Coneert in Paris\nfindet am 25. d. Mts. Statt; er wird darin das Violin-Concert von\nBeethoven spielen.\nParis« Es ist die Rede davon, Gluck's „Armide4* wieder in\nScene zu setzen. Die Tänzerin Madame Ferraris verlässt am\n4. April die grosse Oper, um ein glänzendes Engagement für Lon-\ndon anzutreten, das ihr von Herrn Mapleson, dem Director von Her\nMajestxfs Theater, angetragen ist.\nAm 13. Februar sang Adelina Patti zum letzten Male die\nLucia. Das Haus war im Voraus ausverkauft, selbst die Plätze der\nobersten Galerie hinter dem Kronleuchter, die nie vorher verkauit\nwerden, waren dieses Mal genommen. Sperrsitze hinter dem Orche-\nster wurden bis mit 50 Frcs. bezahlt, Fauteuils aut dem Balcon mit\n90 Frcs. Was man auch über eine solche fanatische Liebhaberei sa-\ngen mag, gewiss ist, dass Paris noch nie eine so bezaubernde und\nhinreissende Darstellung der Lucia gesehen hat. Am 15. d. Mts.\nsang sie in Paris überhaupt zum letzten Male in Rossini's Barbier.\nDer Tenorist Tamberlik wird erwartet.\nAm Donnerstag den 19. d. Mts. sollte Flotow's „Stradella'\" in\nder italiänischen Oper gegeben werden.\nIm Theätre lyrique beginnt Gounod's „Faustu jetzt das Publi-\ncum mehr anzuziehen, als früher. Es heisst, Hector Berlioz\nwolle seine ..Trojaner\" ebenfalls diesem Theater übergeben, da er\ndaran zu verzweifeln scheint, sie auf die Bühne der grossen Oper\nzu bringen."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "64", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630221-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2298, "texte": "Die Brutto-Einnahmen von allen Theatern, Concerten u. s. w. im\nMonat Januar haben folgende enorme Summen erreicht:\nVon den kaiserlichen Theatern 622,700 Fr. 69 C.\nVon den Theatern zweiten Ranges, Vaude-\nvillen und kleinen Bühnen 1,167,876 „ 60 „\nVon Concerten jeder Art 273,372 „ 50 „\nVon verschiedenen Sehenswürdigkeiten... 7,631 „ 50 „\nTotal. . 2/174,581 Fr. 29 C.\nEine neue Oper von Gounod heisst „Ivan le terribleu und hat\nden gleichnamigen russischen Czaaren zum Helden«\nPreis-Ausschreiben.\nDie Aachener Liedertafel, in der Ueberzeugung, dass es\nfür das fernere Gedeihen des Männergesanges von förderlichem Ein-\nflüsse sein wird, wenn die Vereine in den Stand gesetzt werden,\nsich mehr als bisher mit der Aufführung von grösseren Compositio-\nnen ernsteren Stils zu befassen, eröffnet hiermit einen Concurs\nauf die beste Concert-Composition für Männergesang\nund Orchester.\nDer erste Preis beträgt dreihundert Thaler, der zweite hun-\ndert Thaler.\nDie näheren Bedingungen sind folgende:\nDie Aufführung des Werkes soll nicht weniger als eine halbe\nund nicht mehr als eine ganze Stunde dauern.\nDie Wahl des Textes, welcher selbstredend in deutscher Sprache\nsein muss, wird den Concurrenten anheim gegeben. Indessen ist das\nGebiet der Parodie, der Burleske, überhaupt des Niedrigkomischen\nausgeschlossen, eben so jede Composition, deren Aufführung eine\nDarstellung auf der Bühne bedingt.\nIn Betreff der in dem Werke vorkommenden Soli sind Frauen-\nstimmen statthaft.\nDie preisgekrönten Tonstücke bleiben Eigenthum des Compo-\nnisten; die Liedertafel behält sich jedoch ein Jahr lang nach Zuer-\nkennung der Preise das ausschliessliche Aufführungsrecht vor.\nDie concurrirenden Tonstücke müssen spätestens am ersten Octo-\nber dieses Jahres beim Vorstande der Liedertafel eingelaufen sein.\nDieselben sollen mit einem Motto versehen und von einem versie-\ngelten Couvert begleitet sein, welches äusserlich das nämliche Motto\nträgt und im Innern den Namen des Concurrenten enthält.\nDie Herren Niels W. Gade in Kopenhagen, Ferdinand Hil-\nler in Köln und Dr. Julius Rietz in Dresden haben das Preis-\nrichter-Amt freundlichst übernommen.\nZusendungen werden an den Vorstand der Aachener Liedertafel,\nzu Händen des Herrn Dr. Roderburg, erbeten.\nAachen, den 15. Februar 1863.\nDer Vorstand der Aachener Liedertafel."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "57", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630221-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nWilhel mine Schrö der-Devrie nt. I. Kirchenmusik-Streit. Siebentes Gesellschafts-Concert in Köln im Gürze-\nnich (Schluss)* Tages- und Unterha 1 tungsb 1 att (Köln, Dritte Soiree für Kammermusik, Gounod's Faust, Herr Marchesi, Ferd.\nHiller Barmen, Coneert Schwelm, Concert Cleve, Mendelssohn's „Elias\" Berlin, Sivori, Fräulein Artot Karlsruhe, Ordens-\nVerleihung Wien, Italienische Oper Triest, Alfred Jaell Neapel, Fräulein Tietjens Brüssel, Jean Becker Paris).\n\nWilhelmine Schröder-Devrieit\n*).\nI.\nDie grosse Schauspielerin Sophie Schröder, ge-\nborene Bürger, aus Paderborn heirathete im Jahre 1795,\nerst fünfzehn Jahre alt, den bisherigen kurkölnischen Cri-\nminalrichter Joh. Nik. Smets aus Eynatten bei Aachen,\nwelcher damals unter dem Namen Stollmers Mitglied\neiner Schauspieler-Gesellschaft in Beval war. Aus dieser\nEhe, die 1799 wieder getrennt wurde, stammte der am\nNiederrheine bekannte Dichter Wilhelm Smets, der\nspäterhin mit seiner acht Jahre jüngeren Stiefschwester\nWilhelmine in Wien zusammentraf, wo sie etwa neun Mo-\nnate zusammen waren. Sophie vermählte sich nachher\nmit Friedrich Schröder, Schauspieler und Sänger und\nzu seiner Zeit besonders als Darsteller des Don Juan be-\nrühmt. Ihre älteste Tochter war Wilhelmine, geboren\nzu Hamburg den 6. December 1804 nach ihrer eigenen\nAufzeichnung (also nicht 1805, wie in den anderen Bio-\ngraphieen steht; jene Aufzeichnungen, einen sehr bald abge-\nbrochenen Anfang von Memoiren, hat Ciaire Glümer\nin ihren „Erinnerungen an W. Schröder-Devrient\", Leip-\nzig, bei Barth, 1862, die Wolzogen benutzt hat, mitge-\ntheilt). . '' ,\nDie Eltern bestimmten sie schon als Kind von vier\nJahren zur Tänzerin, und sie war mit ihren zwei Schwe-\nstern zuerst in Prag, dann in Wien Mitglied des Kinder-\nBallets von Friedrich Horschelt (geboren zu Köln 1793).\nWenn dieses Institut auch wohl nicht die beste moralische\nSchule sein mochte, so fand doch Wilhelmine in ihm eine\ntreffliche Vorübung zu mimischem und plastischem Aus-\ndrucke, welchem sie späterhin einen sehr grossen Theil\nihrer Erfolge verdankte.\nNach dem Tode ihres Vaters, der den 18. Juli 1818\nin Karlsbad starb, sorgte die Mutter für die Ausbildung\ndes begabten Mädchens für die Bühne als Schauspie-\nlerin.\nWilhelmine betrat, fünfzehn Jahre alt, am 13.0ctober\n1819 als Aricia in Schiller's „Phädra\" zum ersten Male\ndie Bühne auf dem Hofburgtheater in Wien, und ein ge-\nwisser Höhler, unter welchem Namen man keinen Ande-\nren als den bekannten wiener Theaterdichter und Humo-\nristen Castelli zu suchen haben wird, referirte über die-\nses Debüt in der dresdener „Abendzeitung\" mit folgenden\nWorten, die offenbar das Gepräge der schlichten Wahr-\nheit an sich tragen; „Eine einnehmende körperliche Bil-\ndung, eine für ihr Alter bewundernswerthe Besonnenheit\nim Spiele, eine reine und verständige Declamation zeugten\nvon der guten Schule, aus der sie hervorging. Als das Pu-\nblicum sie am Schlüsse hervorrief, führte die geehrte Mut-\nter sie an der Hand vor und empfahl sie nicht nur der\nNachsicht, sondern auch der Strenge des Publicums.\"\nIm Verlaufe dieses Engagements spielte sie von bedeuten-\nden Partieen noch die Luise in Schiller's „Cabale und\nLiebe\", die Beatrice in der „Braut von Messina\" und die\nOphelia in „Hamlet\". Ihre jüngere Schwester Betty wurde\nvon der Mutter am 16. October 1819, dreizehn Jahre alt,\nals Melitta in Grillparzer's „Sappho\" vorgeführt, und über\nsie urtheilte Castelli: „Diese steht noch auf der Gränzlinie\nzwischen Kind und Jungfrau, daher war es wohl auch zu\nerklären, dass ihr die Aeusserungen der Kindlichkeit mehr\ngelangen, als jene der Leidenschaft.\" Wegen nicht geeig-\nneter Beschäftigung an der Hofburg ging Betty Schröder\nim Januar 1823 zum Theater an der Wien über, und\n\n*) Wilhelm ine Schröder-D evrien t. Ein Beitrag zur Ge-\nschichte des musicalischen Drama's. Von Alfred Freiherrn\nvon Wolzogen. Leipzig. F. A. Brockhaus. 1863. XII und\n351 S. in 8. Eine interessante Biographie, aus den vor-\nhandenen, sehr zerstreuten Nachrichten über das Leben und\ndie Bühnen-Darstellungen der grossen Künstlerin in anziehen-\nder Weise zusammengestellt und aus Privat-Collectaneen und\nFamilien-Mittheilungen ergänzt und berichtigt. Zunächst geben\nwir die Nachrichten über das erste Auftreten der Künstlerin,\ndanach werden wir uns auch über das Buch im Ganzen aus-\nsprechen."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "58", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630221-01.1.2", "texte": "auch der schon 1821 Statt findende Uebergang Wilhel-\ntninens vom Schauspiel zur Oper war durch die damaligen\nVerhältnisse des Hofburgtheaters wesentlich mitbedingt;\ndenn da es weder ihr noch ihren beiden Schwestern ge-\nlang, sich dort auch nur die bescheidenste Stellung zu er-\nobern, so sah sich die Mutter genöthigt, an eine anderwei-\ntige und gewinnbringendere Beschäftigung ihrer Töchter\nzu denken.\nEs ist oft so dargestellt worden, als sei das musicali-\nsche Talent Wilhelminens ganz urplötzlich in ihr erwacht,\nals habe Niemand in der jungen Schauspielerin, welcher\ngewisse prophetische Stimmen bereits die Erfolge der Mut-\nter, als einer grossen Tragödin, geweissagt, die künftige\nSängerin zu ahnen vermocht, als habe überhaupt Niemand\ngewusst, dass die angehende Künstlerin zu allen reichen\nNalurgaben auch noch mildem köstlichen Gnadengeschenke\neiner schönen, hohen Sopranstimme ausgestaltet worden\nwar. Diese Erzählungen sind richtig, wenn man das grosse\nPublicum dabei im Auge hat, das allerdings durch die\nSängerin Wilhelmine Schröder nicht wenig überrascht\nwurde; falsch aber ist die Annahme, als sei selbst die Mut-\nter und ihr Freundeskreis durch dieses Meteor überrascht\nworden. Die Mutter hat vielmehr Wilhelminen mit aller\nSorgfalt zur Sängerin ausbilden lassen, sobald sie es inne\nwurde, dass das Mädchen stimmbegabt und mit einem\nfeinen Gehör ausgerüstet war.\nDen besten Lehrern hat sie den musicalischen Unter-\nricht ihrer Tochter anvertraut; der deutsche Singmeister\nder Letzteren war der tüchtige Joseph Mozatti (gestor-\nben den 5. Juni 1858), von dem unter Anderen auch der\nwackere Baritonist Schober und Caroline Unger (jetzige\nUngher-Sabatier)*] ausgebildet worden sind, und später\nkam Wilhelmine, wie mehrere zuverlässige Gewährsmän-\nner uns versichern, auch noch zu Giulio Radichi (ge-\nstorben den 16. September 1846), einem in Wien etablir-\nten italiänischen Maestro von grossem Rufe, in die Lehre.\nJedenfalls war der Unterricht Mozatti's derjenige, der am\nlängsten dauerte und am meisten fruchtete, obschon Wil-\nhelmine in ihrer Jugend keinen grossen Eifer zum Lernen\nzeigte und z. ß. zum Scalasingen stets gezwungen werden\nmusste. Am höchsten aber ist der Vortheil zu veranschla-\ngen, der ihr daraus erwuchs, dass sie alle Rollen, mit wel-\nchen sie in Wien debutiren sollte, unter der speciellen\nLeitung ihrer Mutter, die früher selbst länger als zehn\nJahre in der Oper mitgewirkt, einstudirte, wobei nicht\nbloss Mozatti, sondern auch noch ein besonderer Ciavier-\nspieler zur Begleitung gegenwärtig war und die Mutter ihr\nüber jedes Wort, jede Bewegung, jeden Schritt und Tritt\nden einsichtsvollsten Rath ertheilte. Und nun vergesse man\nferner nicht, welchen grossen Vorsprung vor anderen jun-\ngen Sängerinnen sie dadurch schon gewonnen, dass sie\nbereits zwei Jahre hindurch so schwierige dramatische\nAufgaben wie eine Ophelia bis zu einem gewissen Grade\nder Vollkommenheit zu lösen sich bestrebt hatte, ehe sie\ndie Opernbühne betrat. Musste doch eine solche Vorschule\nihre geistigen Anlagen ganz anders entfalten, ihre schöpfe-\nrische Selbstthätigkeit in ungleich stärkerem Grade an-\nspornen, als dies bei Künstlerinnen der Fall zu sein pflegt,\nwelche ihre Laufbahn gleich mit der Oper anfangen, bei\nder der sinnliche Klangreiz des Organs die ersten Erfolge\nfast allein bestimmt, und schon desshalb von einer eigent-\nlichen Kunstleistung ab ovo kaum die Rede sein kann.\nEs versteht sich, dass, wer den kleinen, überaus nütz-\nlichen Umweg von Shakespeare's Ophelia zu Mozart'» Pa-\nmina nicht zurückgelegt hat, diese „singende Ophelia\",\nwelche viele unserer gewöhnlichen Opern-Debutantinnen\noft wohl schon von vorn herein für eine unbedeutende\nAufgabe zu halten belieben, weil die Partie keine grossen\nBravour-Passagen enthält, so nicht zur Darstellung bringen\nwerden, wie unsere siebenzehnjährige Künstlerin, als sie\ndamit zum ersten Male vor das wiener Publicum trat und\nFriedrich August Kanne in der „Wiener Musicali-\nschen Zeitung\" über dieses Debüt wie folgt referiren\ndurfte: „Am 20. Januar 1821 war eine neue Erschei-\nnung für das Hof-Operntheater am Kärthnerthor, Wilhel-\nmine Schröder als Pamina. Die kluge Mutter hatte das\nMädchen früher in keinem Privat-Cirkel singen lassen; Nie-\nmand wusste, dass das Mädchen musicalische Kenntnisse\nbesitze, und so war gleichsam eine Sängerin aus den Wol-\nken herausgefallen. Man wunderte sich daher um so mehr,\nbei ihr eine ziemlich ausgebildete Stimme, eine ganz reine\nIntonation und einen zwar ganz einfachen, von allen Schnör-\nkeleien entfernten, aber sehr angenehmen Vortrag zu fin-\nden. Diese Vorzüge, verbunden mit einem Schauspieler-\nTalente, wie noch wenige grosse Sängerinnen bewiesen\nhaben, gewährten einen eigenen Zauber und entzückten\ndie überraschten Zuhörer so sehr, dass das Haus von Bei-\n\n*] Sie trat ziemlich gleichzeitig mit der Schröder-Devrient ihre\nOpera-Laufbahn an, lind zwar nicht schon 1819 als Cherubin\nin j.Figaro's Hochzeit\", wie in den von Irrthüniern wimmeln-\nden Werken, dem Blum'schen rTheater-Lexikon\" und dem\n„Tonkünstler-Lexikon\" von Schilling, zu lesen ist, sondern am\n!24. Februar 1821 in Mozart's „Cosl fan tutteL\\ Vorher hatte\nsie öffentlich nur in Concerten gesungen und in Privat-Cirkeln\nsich durch ihren Gesang vielen Beifall erworben. Ihr Debüt auf\nder Oper fand aber ganz im Gegensatze mit dem der Schrö-\nder-Devrient gar keinen Anklang, und man fragte sich nach\ndem ersten nicht glücklichen Versuche achselzuckend, warum\ndas Hoftheater dieses Mädchen aus dem bürgerlichen Leben in\ndie Oeffentlichkeit gerissen, da die Bühne durch sie nichts ge-\nwinnen, sie selbst aber nur verlieren werde. Später freilich\nwandte sich das Blatt. (Notizen des Herrn Eichard Kiessling.)"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "59", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630221-01.1.3", "texte": "fall wiederhallte. Wir wünschen uns und der jungen Sän-\ngerin Glück, wenn sie anders in der Folge ihre Stimme\ngehörig zu pflegen versteht und bei vermehrter Biegsam-\nkeit derselben nicht auch zugleich von dem herrschenden\nModegeschmack verführt, in faden Verzierungen ihr Heil\nsucht, sondern die Einfachheit und Wahrheit sich zum\nhöchsten Ziel ihrer Leistungen setzt.\"\nDiese würdigen Worte einer besonnenen Anerkennung\nstechen von den ekelhaften Lob-Ps,almen, womit heutzu-\ntage jedes neue Bühnen-Talentchen gleich als ein Nonplus-\nultra der Vollendung ausgeschrieen und auf diese w eise\nrecht absichtlich dem faulen Eitelkeitsteufel überliefert\nwird, so vortheilhaft ab, dass wir einen angemesseneren\nProlog zur Eröffnung der Opern-Laufbahn unserer Künst-\nlerin uns kaum zu denken wüssten. Kanne's Urtheil be-\nhielt, wie wir in der Folge sehen werden, seine Wahrheit\nbis ans Ende dieser ruhmreichen Laufbahn. Nach dem\nersten glücklichen Debüt wurde Wilhelmine bei den in\nWien so häufigen Concerten vielfach in Anspruch genom-\nmen. Zuerst sang sie am 2. Februar 1821 in einem Con-\ncerte des berühmten Contrabassisten Dali' Occa, wo sie\ndurch eine sehr anmuthig vorgetragene Arie von Pavesi\nund in einem Duett aus Bossini's „Armide\" zeigte, „dass\nihre schöne klangreiche Stimme schon viel Biegsamkeit\ngewonnen hatte\". Mit steigender Spannung sah das Publi-\ncum hiernach einer neuen dramatischen Leistung der ta-\nlentvollen jungen Künstlerin entgegen. So gross aber die\nErwartungen auch immer sein mochten, sie wurden durch\nihre ausserordentlich gelungene Darstellung der Emmeline\nin Weigl's „Schweizerfamilie\" am 2. März noch überlrof-\nfen. „Ihr Spiel\", so schrieb Kanne, „war meisterhaft\nidealisch kann man es nennen—, voll Innigkeit, Natur und\nWahrheit. Sie sang einfach und herzlich, wie es die Bolle\nerfordert, declamirte richtig, und ihre Intonation war\ndurchgehends rein. Bewunderungswürdig ist die Sicher-\nheit, mit welcher sie die einzelnen hohen Töne und die\nvon einander entfernten Intervalle, ohne sie erst nach Art\nsehr vieler Sänger und Sängerinnen durch einen Vorschlag\nzu suchen und zu bilden, sogleich in voller Beinheit zu\ntreffen weiss. Dies beweist ihre glücklichen und natürlichen\nAnlagen und die zweckmässige, gute Schule Mozatti's. In\nihrer Darstellung fand sich keine Spur von einer Anfän-\ngerin. Bei den mannigfaltigen Talenten, welche sie uns\noffenbarte, ist sie für die Oper eine eben so erwünschte\nals ganz ungewöhnliche Erscheinung, und wir hoffen, dass\nihre grosse Lehrerin die vielen Keime, welche einst die\nherrlichste Blüthe versprechen, sorgsam pflegen und hüten\nwerde. Möge der ihr bisher gewordene Beifall ihren Eifer\nverdoppeln. Das Publicum liebt sie schon.\"\nIhre drille Op ern-Partie war am 12. April 1821 die\nMarie in Gretry's „Blaubart\" Schon\ndamals schrieb Kanne, dass sich die herzdurchdringenden\nTöne und Geberden, welche uns mit Mitleiden und Schau-\ndern erlüllten, als wirklich dem Innern entquollen beur-\nkundeten. Sie gab den ganzen Part mit gleicher, ja, gegen\nden Schiuss der Oper mit steigender Kraft und leistete im.\nSpiele, besonders in den zwei letzten Acten von dem Mo-\nmente ihres Herausstürzens aus dem Schreckensgemache\nbis zum Schlüsse so Bedeutendes, dass diese Rolle wohl\nnicht leicht wahrer und ergreifender irgendwo gegeben\nwerden dürfte. Sie bewies sich auch als Sängerin, beson-\nders in solchen Stellen, die einen hohen Grad leidenschaft-\nlichen Ausdrucks fordern, alles Beifalls würdig, der ihr\nauch sowohl im Verlauf, als am Schlüsse der Oper reich-\nlich zu Theil ward. Fleissige und unter sorgfältiger Lei-\ntung fortgesetzte Uebungen werden sie im Gesänge auf\neine noch höhere Stufe und sicher zu dem Bange einer\nbedeutenden tragischen Sängerin erheben.\nNoch grösser aber war der Erfolg, den sie am Vor-\nabende des kaiserlichen Namensfestes, den 3. November\n1821, in Weber's „Freischütz\", der zum ersten Male in\nWien gegeben wurde, als Agathe errang.\nAm 20. Deceinber wurde am Kärtbnerthorc zum er-\nsten Male Spohr's „Zemire und Azor\" aufgeführt. Wil-\nhelmine gab die Partie der Zemire „mit frischer Stimme\nund angemessenem Spiele\". Nach Kanne's Bericht gefiel\nvorzüglich die Bomanze an die Bose, obwohl man deutlich\nsah, „dass an mehreren Orten die Bolle eine grosse, kunst-\nfertige Sängerin erfordert hätte\"; mehrmals war ihre In-\ntonation auch schwankend.\nIm Sommer 1822 machte die Mutter mit ihren bei-\nden ältesten Töchtern Wilhelmine und Betty die erste Gast-\nspiel-B eise über Prag zunächst nach Dresden, wo Sophie\nund Betty Schröder am 13. Juli in Houwald's „Fluch und\nSegen\", am 16. in Grillparzer's „Sappho\" spielten, und\nBetty für die Bolle der Melitta noch zu jung gefunden\nwurde. Ausserordentlich aber war die Sensation, die Wil-\nhelminens erstes Auftreten am 21. Juli als Emmeline in\nder „Schweizerfamilie\" hervorrief. „Schon ihre Tracht,\"\nso schrieb Friedrich Kind in Nr. 184 der dresdener „Abend-\nzeitung\", „ohne alle Füttern, aber idyllisch zierlich, gab\nhinlänglichen Beweis, welcher Vortheil sich von Local-\ntrachten ziehen lässt. Wer erkannte nicht augenblicklich\nund streng von allem Aehnlichen geschieden das Schwei-\nzermädchen? Wer glaubte, als sie gleich anfänglich mit\nüber die Kniee gefalteten Händen auf der Steinbank sass,\nnicht irgend eine holde Sennerin belebt vor sich zu sehen,\ndie, vor ihrer Hütte sitzend und irgend eines entfernten\nJakob Friburg träumerisch denkend, in das liebe Abend-\n\n[*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "60", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630221-01.1.4", "texte": "roth schaut? In gleicher Art führte sie dann auch das\nGanze aus; ihr Spiel war durchgängig der Dichtung ange-\nmessen und gerundet; das „ „Ich weine, ich lache!\"\" war\nungemein hinreissend, und die Stellung, als sie sich von\ndem Rosenstock ab und, die Hand am Boden, aulhorchend\nzurückbeugte, nicht nur der Situation angemessen, sondern\nauch höchst malerisch.\" Sie trug in dieser Rolle einen\nRock von grober Wolle, ein schlichtes rothes Mieder, weisse\nLeinwand-Aermel, eine weite Bauernschiirze, bunte, vom\nKnie bis zum Knöchel reichende geringelte Strümpfe, wie\nheute noch die ramsauer und berchtesgadener Bäuerinnen,\nund einen Strohhut, dem man ansah, dass er eben so ge-\ngen Regen und Wind, als gegen die Strahlen der Sonne\nzu schützen bestimmt war. Ihr Haar war in zwei durch\nbunte Bänder verlängerte Zöpfe gellochten, die ihr über\nden Rücken lang herabhingen. Es konnte in der That nichts\nEinfacheres und Naturgetreueres geben, als diesen Anzug.\nUnd doch wie entzückend war nicht der Eindruck, da\nsie, so gekleidet, mit gefalteten Händen und freudig zum\nHimmel gerichteten Blicken im dritten Acte am Fenster\nder Hütte erschien, um in das Terzett: „Ach, wie herrlich\nist der Morgen!\" einzustimmen! Die Bewunderung ihrer\nreizenden Erscheinung pflegte in diesem Momente mit-\nunter einen solchen Höhegrad allgemeinster Ekstase zu\nerreichen, dass der Capeilmeisler sich genöthigt sah, mit\nder Intonirung des Musikstückes anzuhalten, bis sich das\nPublicum an der himmlischen Gestalt der frommen Beterin\nso recht von Herzen satt gesehen und sein Entzücken dar-\nüber ausgejauchzt hatte*).\nNachdem sie ihr dresdener Gastspiel am 26. Juli als\nParaina geschlossen, ging es weiter nach Leipzig, wo die\nMutter Ende Juli als Sappho, Gräfin Orsina und Medea\n(von Gotter) grosse Bewunderung erregte, aber auch Wil-\nhelmine wiederum als Emmeline, Pamina und in den er-\nsten Scenen des zweiten Actes vom „Freischütz\" als Agathe\nnach Eduard Genast's Bericht**) „den hohen dramatischen\nFunken bekundete, der in späteren Jahren zur Feuersäule\nheranwachsen sollte, den Weg beleuchtend, den die Jün-\nger ihrer Kunst zu gehen hatten.\" Dann heisst es weiter:\n„Ihre klangvolle, schöne Stimme, das liebliche Gesicht, von\ndem reichen blonden Haar umwallt, die ebenmässige Ge-\nstalt nahmen sofort das Publicum für sie ein, und ihr sin-\nniges Spiel steigerte nur noch den Beifall. Aber nicht allein\nauf der Bühne entfaltete sie so viel Liebenswürdigkeit,\nauch im geselligen Leben; ich konnte das täglich in mei-\nnem Hause beobachten, wo sie sich ganz ihrem reizenden\nNalurel überliess. Ihre Mutter war ja die eben so wohl-\nwollende als von uns hochverehrte Lehrerin meiner Frau\").\nWie eine flüchtige Gazelle sprang Wilhelmine in dem\ngrossen Garten, der sich an unserer Wohnung befand,\nherum, und wenn sie sich ausgetobt hatte, warf sie sich\nwie ein Kind ins Gras und jauchzte dem Himmel zu: „Ich\nbin so fröhlich, so selig, und immer umgaukeln mich\nFreude und Lust!\" Ein reines R hervorzubringen, war ihr\ndamals fast unmöglich (sie hat es nie fertig gebracht); darum\nwurden zu ihrer und unserer Belustigung alle möglichen\nUebungen damit vorgenommen. Ich sagte: „Sie müssen\nmit der Zunge an den Oberzähnen und dem weichen Gau-\nmen einen förmlichen Pralltriller schlagen.\" Ihre Mutter,\ndie ein makelloses R sprach, bestätigte das auch. Auf den\nSpazirgängen sprang sie meistens vor uns her und übte\ndas abscheuliche R, wie sie es nannte. Meinte sie es nun\ninne zu haben, so kam sie zurückgesprungen, stellte sich\nmit untergeslemmten Armen vor uns hin und rief: „„Da\nhabt ihr eure Schnarre, Rrrrrr!\"\" und dieses Manöver\ndehnte sie, immer dabei rückwärts gehend und Verbeu-\ngungen machend, bis zur Ermüdung aus.\"\n\n*) Vgl. Nr. 31 der „Vossischen Zeitung44 von 18C0, Beilage 1,\nS. 2: „Wilhelmine Schröder-Devrient\", von Fr. Tz. (Friedrich\nTietz).\n**) »Aus dem Tagebuche eines alten Schauspielers. Von Eduard\nGenast.\" (Leipzig, Voigt und Günther, 18G2.) 11., 173—174.\n\nKirchenmusik-Streit.\nWährend hier in Köln der Streit über die Zulässig-\nkeit musicalischer Messen beim katholischen Gottesdienste\nruht und im Dome nach wie vor Aufführungen geistlicher\nMusik mit vollständiger Besetzung der Solostimmen, des\nChors und Orchesters an Feiertagen u. s. w. Statt finden,\nhören wir mit Erstaunen, dass in unserer Nachbarstadt\nAachen von Neuem darauf hingearbeitet wird, die Orche-\nster-Instrumente und die Frauenstimmen aus der Kirche\nzu verbannen. Durch das Feuilleton der „Aachener Zei-\ntung\" erfahren wir, dass in einer öffentlichen Vorlesung\noder Ansprache oder Predigt über den bereglen Gegen-\nstand dem singenden Theile des schönen Geschlechtes zu-\ngerufen worden sei: „Fräulein, iihr brucht hü nüt senge\nzu komme; wenn sie üch nüthig hant, lasse se et üch\nsage.\" Horribile auditu! Das heisst doch wohl die aposto-\nlische Regel: Mulier taceat in ecclesia! aufs ärgste miss-\nverstehen, denn die nothwendige Consequenz der Verban-\nnung der weiblichen Sopranistinnen müsste doch die Wie-\ndereinführung der männlichen Sopranisten sein, wogegen\nsich bedeutender Widerspruch in abstracto und in concreto\nerheben dürfte.\n\n*) Christine Bohler war in Prag Sophie Schroder's Schülerin\ngewesen."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "61", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630221-01.1.5", "texte": "Wenn der Propagandist für die Abschaffung der In-\nstrumental- und Frauenstimmen eine curiose Zusammen-\nstellung!— in der gedachten (d. h. für\nseine Ansicht, nicht „für den Dom\") sagte, „er würde lie-\nber die Damen die Messe bedienen, als sie im Singchor\nsehen, da sie nicht die christliche Gemeinde vorstellen\nkönnten\", und am Ende zur Bestätigung seines Bann-\nspruches anführte: „Jesus Christus habe niemals seiner hei-\nligen Mutter geboten, in der Kirche zu singen\", so ver-\nlohnen sich so schlagende Beweisgründe freilich keines\nAufwandes von Logik und werden vom Verfasser des\naachener Feuilletons mit Recht mit der Antwort abgefer-\ntigt, „dass es auch nirgend geschrieben stehe, Christus\nhabe seiner heiligen Mutter das Singen verboten\".\nIm Verlauf folgten natürlich die alten Vorwürfe über\ndie Unkirchlichkeit der geistlichen Musik von Haydn, Mo-\nzart und Beethoven in Bausch und Bogen. Doch wagte\nman nicht, diese Heroen aller historischen Wahrheit zum\nTrotz als Unchristen oder Antichristen zu bezeichnen. Da-\ngegen stand man nicht an, zu erklären, dass ein Protestant\ngar keine Messe für die katholische Kirche schreiben\nkönne. „Für diese Theorie\"—sagt die Aachener Zeitung\n„ist es schlimm, dass wir dieser gewagten Hypothese ein\nfrappantes Beispiel entgegen zu stellen haben; denn wer\nwürde nicht den ganzen musicalischen Kram des Paters\nLambilotte, mit dem er die katholischen Kirchen über-\nschwemmt hat, für ein Dutzend Tacte aus der Messe des\nProtestanten Bach hingeben, und welche Kirchenmusik\nkann in Beziehung auf Stil, Ausdruck und religiösen Cha-\nrakter mit der H-moll-Messe des grossen Patriarchen ver-\nglichen werden? Das aus innerster Seele hervorgehende\nFlehen um göttliches Erbarmen, die Lobpreisung Gottes,\ndas Rekenntniss des Glaubens, die Heiligkeit und der\nFriede Gottes sind hier in einer Weise ausgesprochen, die\nselbst, wie wir es erlebt haben, im Concertsaale mit\neinem reinen und frommen Gefühle beseelt, das bis in die\ninnersten Tiefen der Seele dringt.\"\nUnter den Beweisstücken für Mozart's Religiosität fin-\nden wir hier ein uns bisher unbekanntes Zeugniss. Der\nCanonicus Goschler sagt in seinem „Leben eines christ-\nlichen Künstlers im achtzehnten Jahrhundert\" (Jahreszahl\nund Verlagsort sind nicht genannt): „Ohne Zweifel war\nMozart ein Christ; die Beweise seines aufrichtigen Glau-\nbens gestatten keinen Zweifel. Ich citire seine authentischen\nBriefe mit um so grösserer Befriedigung, als sie den Le-\nsern, welche darin edle Beispiele, rührende Beweise der\nGefühle, welche der christliche Glaube einflösst, und der\nTugenden, die er erzeugt, finden werden, zur Erbauung\ndienen können.\"\nVon der abgeschmackten Erzählung, welche der Herr\nRedner vorgebracht, dass ein Capellmeister Scholtz Beet-\nhoven einen lächerlichen Text zu seiner C-dur-Messe ge-\ngeben, worüber Beethoven „Thränen vergossen\" habe, ist\nuns nichts bekannt, und wir haben in Schindlers Biogra-\nphie, auf welche man sich beruft, nichts darüber gefun-\nden. Dagegen ist die betonte Perhorrescenz der Fuge\nBeethoven's auf Amen auf folgende Weise interessant ab-\ngewiesen: „Wenn man in dieser und ähnlichen Wieder-\nholungen etwas Lächerliches findet, wie will man Pale-\nstrina, das Idol der Regeneratoren, verlheidigen, der oft\nauf einen einzigen Vocal endlose Phrasen singen lässt, die\nvon den Sängern Lungen wie Blasebälge verlangen! Und\nwelchen Eindruck muss das Ite Missa est und das Alleluja\nin festis primae classis machen, wenn der Priester fünf\nMinuten lang eine endlose Masse von Noten auf die An-\nfangsbuchstaben lund Asingt, ehe er die zweite Sylbe\nausspricht!\"\nAus dem Schlüsse des sehr wohlgemeinten und mit\nWärme geschriebenen Artikels führen wir unter Anderem\nnoch an:\n„Der Zweck des katholischen Cultus\", sagte unser\nRedner mit Recht, „ist die Erbauung; die Kirchenmusik\nist Mittel zum Zweck, nicht Selbstzweck. Sie soll den Cul-\ntus heben, nicht die Aufmerksamkeit von ihm auf sich\nselbst lenken.\" Wir sind ganz mit dieser Ansicht einver-\nstanden, aber gerade darum glauben wir, dass die neuere\nMusik diesen Zweck erreicht. Nicht eine streng contra-\npunktische Arbeit, eine Reihenfolge von Fugen spricht am\nmeisten zum Herzen der Gläubigen; diese Sprache würde\nsie ermüden, weil sie für sie des Inhalts und des Gefühls\nentbehrt. Die erste Eigenschaft der Kirchenmusik ist, wie\ndie des Predigers, sich dem Zuhörer verständlich zu ma-\nchen. Man liebt desshalb eine breite Harmonie, erhabene\nChöre, ruhige und melodische Soli, welche die verschiede-\nnen Bewegungen der mit Gott vereinten Seele wiederge-\nben. Dies sind aber nicht die Eigenschaften der alten Mu-\nsik, die jetzt als allein fähig ausgegeben wird, die Seele\nauf sich selbst zu lenken und zur Sammlung anzuregen.\nUm von einer Sprache durchdrungen zu sein, muss man\nsie verstehen, ihren Sinn fassen. Die dem Contrapunkte\nangeschmiegte Musik ist aber sicher keine ausdrucksvolle:\nsie lässt kein Wort verstehen, und dies scheint doch nach\ndem Ausspruche über das Amen der Beethoven'schen\nMesse eine Hauptbedingung zu sein. Unser Ohr ist ausser-\ndem zu sehr gewöhnt an die grossen Eindrücke, die mit\ndem stets wachsenden Pomp des Gottesdienstes Hand in\nHand gehen, und mit welchen die späteren Meister unsere\nSeele erfüllt haben, als dass wir die Messen der alten\nItaliäner mit dem kindlichen Ohr derjenigen anhören"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "62", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630221-01.1.6", "texte": "sollten, welche vor zweihundert Jahren das Auditorium\nbildeten.\nWenn jemals jene Partei zum Siege gelangt, so wird\ndie Kunst auf ihre Wiege zurückgeführt, und das Genie\ngeht unter. Man verbannt jetzt die Instrumental-Musik aus\nden Kirchen, man behält nur einige Instrumente, das heisst\nVioline, Alt, Bass und Fagott, welches das Violoncell er-\nsetzt. Wodurch hat aber gerade das Pagott solche Ehre\nverdient*)? Die Freude darüber kann eine vorübergehende\nsein, denn in einer Stunde kann dieses Instrument nach\nder Ansicht eines Herrn durch den traditionellen Kommel-\npott ersetzt werden, der ehemals die frommen Gesänge der\nLiedersänger am Dreikönigen-Tage und zu St. Marlin be-\ngleitete; im nächsten Jahre wird man in den bunten Fen-\nstern einen Anlass zur Zerstreuung finden, und die schö-\nnen Malereien werden durch mattes Glas ersetzt werden;\naus demselben Grunde wird man die Vergoldungen ab-\nschaffen, und die in dem Sinne gemachten Geschenke, wie\ndie zur Erhaltung der Instrumental-Messe ausgesetzten\nFonds werden keinen Zweck mehr haben.\nHerr Stein hat in seinem interessanten Vortrage die\nWahrheit unserer Angaben in Bezug einer Citation des\nWerkes De cantu et musica svom Fürstbischöfe Ger-\nbert in Zweifel gestellt. Wir begnügen uns, nur einen un-\nter tausend Beweisen für unsere Behauptung aus demsel-\nben Werke des Fürstbischofs Gerbert, Band 11., Buch IV.\nc. V., Pag. 366, das im Jahre 1774 gedruckt wurde, zu\ncitiren. „Wer kann ungerührt bleiben, wenn er z. B. an\neinem Festtage, der der Freude gewidmet ist, das\nDeurn oder Magnificat von Graun hört? Er wird wider\nseinen Willen zur Freude hingerissen. Wer kann ein sanf-\ntes Gefühl verläugnen, wenn in seine Ohren die harmoni-\nschen Töne deren ausnehmend verfertigten Werke eines\nBach, Hasse, Teleman u. s. w. schallen? Ja, wer kann\nsich der Thränen und des Mitleids enthalten, wenn er\nausser anderen verfertigten Oratorien den über allen Werth\nerhabenen Passions-Oratorien des seligen Graun beige-\nwohnt? Ich bin ein Augenzeuge davon, dass einst bei ihrer\nAufführung ein Ungläubiger Thränen des Mitleids und des\nErbarmens fliessen liess: um wie viel mehr ein Christ, der\nbei der Vorstellung des schmerzlichen Leidens seines Er-\nlösers nothwendig in Traurigkeit muss versetzt werden.\"\nJeder mag daraus entnehmen, ob Gerbert nicht toleranter\nwar, als unsere Gegner.\n\n*) Vielleicht durch den Serpent in den Dorfkirchen in Frank-\nreich? Anm. der Redaction.\n\nSiebentes Gesellchasts-Concert in Köln im Gürzenich,\nunter Leitung des städtischen Capellmeisters Herrn\nFerdinand Hiller.\nDinstag, den 10. Februar 1863.\n(Schluss. S. Nr. 7.)\nEine Neuigkeit, welche mit vielem Beifall aufgenommen wurde,\nwar ein Salve Begina für Solostimmen, Chor und Orchester, compo-\nnirt von F. Wüllner, Musik-Director in Aachen. Herr Wüllner,\nder sich schon durch frühere Instrumental-Compositionen, unter de-\nnen besonders eine grosse Sonate für Pianoforte Auszeichnung ver-\ndient, als einen Musiker von Kenntniss und Geschmack bewährt\nhat, führte uns in diesem Kirchenstücke sein erstes grösseres Vocal-\nwerk vor, das durch melodische Erfindung, fliessende und sangbare\nStimmführung, correcte und keineswegs gesuchte Harmonie, neben\ngeschickter polyphoner Arbeit in einigen Sätzen, einen sehr guten\nEindruck macht und offenbares Talent für diese Musikgattung be-\nkundet. Es besteht aus vier Sätzen. Der erste ist ein Andante in\nF-dur, 4/4-Tact, dessen homophone melodische Perioden von einer\nlieblichen Begleitungs-Figur, welche die verschiedenen Saiten-Instru-\nmente einander abnehmen, umwunden sind. Der kurze mittlere Satz\nbringt zwar einen nicht unangenehmen Wechsel hervor, doch scheint\nes uns, als wenn die Worte: Vita, dulcedo et spes nostra, zu poly-\nphonem Anlauf, der doch bald wieder aufgegeben werden muss, um\nden Charakter des Ganzen nicht zu stören, nicht ganz passend wä-\nren. Nr. 2 ist ein lebhafter, frischer Satz, in welchem sich der Com-\n]3onist das Ad te clamamus zum bewegenden Princip genommen hat,\nwesshalb man es denn mit dem Ausdruck des Suspiramus gementes\net flentes, also mit den Seufzern und Thränen, nicht gar zu genau\nnehmen muss, da der Satz, rein musicalisch genommen, wirksam ist?\nauch wohl in der Ausführung wegen mangelnder Zeit zu wiederhol-\nten Proben die vom Componisten beabsichtigten Nuancen des Vor-\ntrags nicht immer bemerkbar wurden. Der Satz geht in ein Solo-\nQuartett (Nr. 3) aus B-dur mit einem Mittelsatz in Ges-dur über, zu\nwelchem der Chor pp tritt; es ist recht schön und wurde auch vom\nPublicum ausgezeichnet. Nummer 4 enthält einen kurzen Alla-breve-\nSatz auf Sancta Maria, ora pro nobis, dem ein recht gut durchge-\nführter Fugensatz Allegro non troppo, 4/i-Tact, in B-dur folgt, in\nwelchem das Ora pro nobis in einer einzelnen Stimme oft choral-\nmässig durch den Chor der anderen, welche das Fugato fortsetzen,\nhindurch klingt und das Ganze zu einem ruhigen, der innigen Bitte\nentsprechenden, sanften homophonen Schlüsse führt.\nIn dem Solo-Quartett lernten wir in Fräulein Emma Zum\nBusch, welche die erste Stimme sang, ein neues Talent kennen,\ndas alle Aufmerksamkeit und Theilnahme verdient. Die junge Dame\nbesitzt eine sehr ausgiebige und sonore echte Sopranstimme, welche\nin Verbindung mit allem Aeusseren der Persönlichkeit, was die Bühne\nerfordert, einen unverkennbaren Beruf zu dramatischem Gesänge be-\nkundet und bei fortgesetzten ernsten und vorsichtigen Studien eine\nbedeutende künstlerische Zukunft verspricht.\nVon Orchestersachen brachte das Concert eine Sinfonie in B-dur\nvon J. Haydn, welche ganz ausserordentlich schön und fein schat-\ntirt ausgeführt wurde, und zum Schlüsse die heroische Olympia-\nOuverture von Spontini voll Glanz und Schwung."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "63", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630221-01.1.7", "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKöln« In der dritten Soiree für Kammermusik hörten\nwir das Quartett von Mozart Nr. 1 in G-dur, und das in C-dur,\nOp. 59 Nr. 3 von Beethoven; in beiden erfreute die treffliche\nAusführung und riss zu dem lebhaftesten Applaus hin. Zwischen\ndiesen Quartetten spielte Herr Tsidor Seiss die Sonate Nr. 2 in\nG-moll, Op. 22 von Schumann. Die Wc-ihl gerade dieser Sonate\nwar nieht zweckmässig getroffen, um das Publicum unserer Soireen\nfür Schumann's Musik zu gewinnen, was der mässige Beifall zeigte.\nHerr Seiss trug das sehr schwierige und völlig undankbare Stück\nmit grosser Virtuosität vor, störte aber den Genuss durch seine gar\nzu auffallende Unruhe am Flügel. Wir haben dem sehr tüchtigen\nund eleganten Spieler schon einmal einen Wink in dieser Beziehung-\ngegeben, allein an dem fraglichen Abende begleitete Herr Seiss wie-\nderum sein Spiel mit so fortwährenden mimisch-plastischen Bewe-\ngungen, dass wir beinahe in Versuchung kommen, ihn zu denjeni-\ngen Künstlern zu zählen, welche ihre Geringschätzung der Kritik\ndurch doppelt starkes Auftragen des Gerügten bekunden zu müssen\nglauben. Wir wünschen aufrichtig, uns hierin zu täuschen.\nGounod's „Faust\" ist hier mit glänzender Ausstattung bereits\nmehrere Male in Scene gegangen und macht auch hier volle Häuser.\nHerr Marc he si hat einige Gastrollen gegeben; über seinen Don\nJuan waren die Stimmen sehr getheilt, sowohl in Bezug auf den\nGesang, in welchem er sich einige höchst unmozartische Freiheiten\nerlaubt haben soll, als auf das Spiel, das nicht lebendig genug er-\nschien. In Verdi's Ernani als Karl V. und im Trovatore als Graf\nLuna war er vortrefflich und ärntete grossen Beifall.\nFerdinand HiHer ist zur Aufführung seiner „Katakomben\"\nnach Bremen und Hannover gereist.\nBarmen, 13. Februar. Gestern gab Herr Musik-Director\nAnton Krause sein Coneert im Saale der Concordia. Das Pro-\ngramm brachte eine Sinfonie in D-dur von Haydn, Sopran-Arie\naus Figaro's Hochzeit (Fräulein Mann), Lieder für Alt von F.\nBreunung und Mendelssohn (Fräulein Assmann) und Men-\ndelssohn's G-moll-Coneert, gespielt vom Concertgeber. Im zweiten\nTheile führte Herr Kr ause seine Messe für vier Solostimmen,\nChor und Orchester vollständig auf. Sie wurde vom Publicum sehr\ngut aufgenommen; der Componist und treffliche Dirigent unserer\nVereine und Concerte wurde vom Chor und Orchester mit Applaus\nempfangen und ärntete am Schlüsse einen wahren Blumenregen.\nl5. Februar. In dem gestrigen Concerte spielte\nFräulein Marie Lindemann den Clavierpart des Septetts von\nHummel mit Eleganz und Virtuosität. Das Publicum spendete\ndurch rauschenden Applaus der Pianistin die wohlverdiente Aner-\nkennung.\nCleve, 6. Februar. Unsere musicalischen Zustände fangen an,\n3ich dennaassen zu heben, dass wir sogar Men d eis söhn1 s „Elias\"\nunter Leitung des Herrn Musik-Directors Fiedler in vollständiger\nund gelungener Aufführung gehört haben. Zu Anfang des zweiten\nTheiles wurde der Dirigent mit Fanfaren und Applaus empfangen.\nDie Soli waren meist mit Dilettanten besetzt: den Elias sang Herr\nNoi z et, die Alt-Partie Fräulein Assmann, welche durch ihre\nwohllautende Stimme, den weichen Tonansatz und die in Köln er-\nlangte Ausbildung als Sängerin sehr gefiel.\nBerlin« Sivori wird hier erwartet, Fräulein Ar tot hat als\nMarie in der Regimentstochter noch mehr gefallen, als in der Nacht-\nwandlerin. Ihre nächste Rolle ist Margarethe in Gounod's Faust.\nKarlsruhe« Der Grossherzog von Baden bat dem hiesigen\nHof-Capellmeister Strauss das Ritterkreuz des Zähringer-Ordens\nverliehen.\nWien. Merelli's italiänische Oper wird dreissig Vorstellungen\ngeben; in 22 derselben wird Adelina Patti singen, zuerst als\nSonnämbula mit Carrion als Elvino. Giuglini und Madame\nLafont werden ebenfalls auftreten. Parterre- und erste Rang-Logen\n30 Gulden für jeden Abend.\nTriest. Die hiesigen Blätter sind voll von begeisterten Be-\nrichten über Alfred Jaell, der seit 18-\"7 seine Vaterstadt zum\nersten Male wieder besucht\" und am 3. Februar im Teatro Grande\nConeert gegeben hat. Unter dem Jubel des ganzen Hauses wurden\nihm Lorberkränze zugeworfen, darunter einer, auf dessen Band ein\ndeutsches Gedicht von Julius Rodenberg gedruckt war. Zu glei-\ncher Zeit flogen Abdrücke in Form einer Votivtafel mit italienischer\nInschrift von allen Logen herab, des Inhalts: „Nella sera 3 Feb-\nbraio 1863, in cui Alfredo Jaell Triestino primo fra i pianisti vi-\nventi dava un concerto nel Teatro Grande. Salve, della tua Ter-\ngeste figlio diletto! Alfine ritorni a noi carco d' allori onde £ inco-\nronarono gli ammiratori del Tamigi, delV Jstro e della Senna ra-\npid in estasi soave divina. Tu ritorni a noiy oh benedetto! col\nsorriso del genio a ricevere in fronte il bacio di amore dei plau-\ndenti concittadini.\"\nNeapel« Fräulein Tietjens ärntet seit einiger Zeit auf dem\nTheater San Carlo Lorbern ; die Neapolitaner sind ausser sich über\ndiese deutsche Sängerin. Der Engländer Mapleson, Director des\nMajestäts-Theaters in London, hat die Concession für sämmtliche\nOperntheater von Neapel auf neun Jahre erhalten.\nfiSriissel« Am 11. d. Mts. hat Herr Jean Becker in einer\nvon Herrn Fetis veranstalteten Sitzung für Kammermusik im Con-\nservatorium ein Quintett von Fetis und das zweite Quartett von\nEd. de Hart og mit ungeheurem Erfolg gespielt. Auch in Ant-\nwerpen hat Herr Becker drei Mal gespielt. Sein Coneert in Paris\nfindet am 25. d. Mts. Statt; er wird darin das Violin-Concert von\nBeethoven spielen.\nParis« Es ist die Rede davon, Gluck's „Armide4* wieder in\nScene zu setzen. Die Tänzerin Madame Ferraris verlässt am\n4. April die grosse Oper, um ein glänzendes Engagement für Lon-\ndon anzutreten, das ihr von Herrn Mapleson, dem Director von Her\nMajestxfs Theater, angetragen ist.\nAm 13. Februar sang Adelina Patti zum letzten Male die\nLucia. Das Haus war im Voraus ausverkauft, selbst die Plätze der\nobersten Galerie hinter dem Kronleuchter, die nie vorher verkauit\nwerden, waren dieses Mal genommen. Sperrsitze hinter dem Orche-\nster wurden bis mit 50 Frcs. bezahlt, Fauteuils aut dem Balcon mit\n90 Frcs. Was man auch über eine solche fanatische Liebhaberei sa-\ngen mag, gewiss ist, dass Paris noch nie eine so bezaubernde und\nhinreissende Darstellung der Lucia gesehen hat. Am 15. d. Mts.\nsang sie in Paris überhaupt zum letzten Male in Rossini's Barbier.\nDer Tenorist Tamberlik wird erwartet.\nAm Donnerstag den 19. d. Mts. sollte Flotow's „Stradella'\" in\nder italiänischen Oper gegeben werden.\nIm Theätre lyrique beginnt Gounod's „Faustu jetzt das Publi-\ncum mehr anzuziehen, als früher. Es heisst, Hector Berlioz\nwolle seine ..Trojaner\" ebenfalls diesem Theater übergeben, da er\ndaran zu verzweifeln scheint, sie auf die Bühne der grossen Oper\nzu bringen."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "64", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630221-01.1.8", "texte": "Die Brutto-Einnahmen von allen Theatern, Concerten u. s. w. im\nMonat Januar haben folgende enorme Summen erreicht:\nVon den kaiserlichen Theatern 622,700 Fr. 69 C.\nVon den Theatern zweiten Ranges, Vaude-\nvillen und kleinen Bühnen 1,167,876 „ 60 „\nVon Concerten jeder Art 273,372 „ 50 „\nVon verschiedenen Sehenswürdigkeiten... 7,631 „ 50 „\nTotal. . 2/174,581 Fr. 29 C.\nEine neue Oper von Gounod heisst „Ivan le terribleu und hat\nden gleichnamigen russischen Czaaren zum Helden«\nPreis-Ausschreiben.\nDie Aachener Liedertafel, in der Ueberzeugung, dass es\nfür das fernere Gedeihen des Männergesanges von förderlichem Ein-\nflüsse sein wird, wenn die Vereine in den Stand gesetzt werden,\nsich mehr als bisher mit der Aufführung von grösseren Compositio-\nnen ernsteren Stils zu befassen, eröffnet hiermit einen Concurs\nauf die beste Concert-Composition für Männergesang\nund Orchester.\nDer erste Preis beträgt dreihundert Thaler, der zweite hun-\ndert Thaler.\nDie näheren Bedingungen sind folgende:\nDie Aufführung des Werkes soll nicht weniger als eine halbe\nund nicht mehr als eine ganze Stunde dauern.\nDie Wahl des Textes, welcher selbstredend in deutscher Sprache\nsein muss, wird den Concurrenten anheim gegeben. Indessen ist das\nGebiet der Parodie, der Burleske, überhaupt des Niedrigkomischen\nausgeschlossen, eben so jede Composition, deren Aufführung eine\nDarstellung auf der Bühne bedingt.\nIn Betreff der in dem Werke vorkommenden Soli sind Frauen-\nstimmen statthaft.\nDie preisgekrönten Tonstücke bleiben Eigenthum des Compo-\nnisten; die Liedertafel behält sich jedoch ein Jahr lang nach Zuer-\nkennung der Preise das ausschliessliche Aufführungsrecht vor.\nDie concurrirenden Tonstücke müssen spätestens am ersten Octo-\nber dieses Jahres beim Vorstande der Liedertafel eingelaufen sein.\nDieselben sollen mit einem Motto versehen und von einem versie-\ngelten Couvert begleitet sein, welches äusserlich das nämliche Motto\nträgt und im Innern den Namen des Concurrenten enthält.\nDie Herren Niels W. Gade in Kopenhagen, Ferdinand Hil-\nler in Köln und Dr. Julius Rietz in Dresden haben das Preis-\nrichter-Amt freundlichst übernommen.\nZusendungen werden an den Vorstand der Aachener Liedertafel,\nzu Händen des Herrn Dr. Roderburg, erbeten.\nAachen, den 15. Februar 1863.\nDer Vorstand der Aachener Liedertafel."}]}