{"numero_id": "bm-bmtnabi-1863-02-28-01", "volume": "bmtnabi_1863-02-28_01", "ocr_sha256": "703ddf36d4147d5839d91b33cc363e3dc7e0e9beb97f3064b90549fd1e21c09e", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1863/02/28_01/bmtnabi_1863-02-28_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630228-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1863-02-28-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1863-02-28_01#c001", "volume": "bmtnabi_1863-02-28_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "65", "page_fin": "65", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630228-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "65", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630228-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 385, "texte": "Inhalt.\nWilhelmine Schrö der-Devrient. 11. Aus Frankfurt am Main (Ein verwünschtes Qui pro quo). Vxm S.\nKirchenmusik-Streit. Tages- und Unterhaltungsblatt (Köln, Vierte Soiree für Kammermusik, Gounod's „Faust\", F. Hillens\nKatakomben\" Ariadne auf Naxos Berlin, Jubiläums-Feiern, Theodor Wachtel, KrolFs Theater Danzig, Herr Niemann Herr\nKarl Caffieri Braunschweig, „Die Rose von Erin\")."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1863-02-28-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1863-02-28_01#c002", "volume": "bmtnabi_1863-02-28_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "65", "page_fin": "69", "image_debut": 1, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630228-01.2.2", "titre_corps": "Wilhelmine Schröder-Devrient.", "titre_sommaire": "Wilhelmine Schröder-Devrient.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "65", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630228-01.1.1", "debut_caractere": 387, "fin_caractere_exclue": 4108, "texte": "Wilhelmine Schröder-Devrient.\nII.\n(I. s. Nr. 8.)\nDie Rollen der jugendlichen Künstlerin waren bis zum\nJahre 1822 Pamina, Emmeline, Agathe und Marie in\nGretry's „Blaubart\". Am 9. November 1822 gab sie zum\nersten Male die Leonore in Beethoven's „Fidelio\".\nWir haben nichts dagegen, wenn Herr von Wolzogen\nsagt, dass sie durch diese Partie erst „den eigentlichen\nGrundstein ihres unverwelklichen Ruhmes legte\", müssen\naber der Behauptung, dass ihre Leonore erst die Oper\n„gerettet\" (!) und diesem Meisterwerke Beethoven's den\nBoden auf den deutschen Bühnen errungen ent-\nschieden widersprechen, noch entschiedener den Ansichten\ndes Verfassers über die Oper selbst. Diese beweisen, wie\nschwer es für einen Biographen ist, sich durch das warme\nGefühl für seinen Helden nicht zur Ungerechtigkeit gegen\nanderes Verdienst hinreissen zu lassen.\nHerr von Wolzogen entwickelt übrigens im Allgemei-\nnen in dieser Biographie der Schröder-Devrient sonder-*\nbare und sehr eigentümliche Urtheile über deutsche\nOpern und deutschen Gesang, in die wir nicht aus Pa-\ntriotismus, dessen Betheiligung an der Kritik er voraus-\nschauend abwehrt (S. 99), sondern aus ästhetischen Grund-\nsätzen nicht einstimmen können. Wenn er in der ange-\nführten Stelle sagt: „Die Kunst ist durchaus kosmopoliti-\nscher Natur, und was wirkliche Kunst ist, muss in London\nund Paris, Rom und Petersburg den Einsichtigen ganz\neben so gut gefallen, als in Wien und Berlin\" —so ist das\nfür alle modernen Künste grundfalsch und vor Allem für\ndie Tonkunst, denn diese ist vermöge ihres eigentümli-\nchen Wesens so innig mit der Natur des Volkes, bei dem\nsich ihre Werke erzeugen und dessen Geschmack sie\nzusagen, verflochten, dass mit der obigen Behauptung\nnicht bloss die Nationalität der Musik, sondern auch die\nNationalität und ihr verschiedener Charakter in Anschau-\nungs- und Gefühlsweise der Völker überhaupt geläugnet\nwird.\nDass es eine specifisch deutsche Gesangschule gebe,\nhat noch Niemand behauptet; die Declamationen gegen\ndie „gutmüthige Einbildung, welche daran glaube\", dürf-\nten also sehr überflüssig sein. Jedermann weiss, dass die\nwahre Gesangschule, d. h. die Unterrichts-Methode, die\nzur vollkommenen Herrschaft über das Stimm-Material\nund zu vollendeter Technik führt, bei allen Nationen die\nalt-italiänische ist. Allein das schliesst keineswegs aus, dass\ndie drei musicalischen Nationen, die Italiäner, die Franzo-\nsen und die Deutschen, nicht ihre eigentümliche Vor-\ntragsweise hätten, die in nichts Anderem als in ihrer\nNationalität wurzelt. Dass der Deutsche einen Charakter\nder französischen oder auch der italiänischen komischen\nOper bei gleicher technischer Ausbildung als Sänger nicht\nso wahr und fein durch den Gesang darstellen kann, wie\nein Franzose oder Italiäner, lehrt die Erfahrung; aber sie\nlehrt eben so, dass ein Franzose und Italiäner keine deut-\nsche Musik so singen kann, wie ein Deutscher. Das zeigt\nsich vor Allem beim Vortrage des deutschen Liedes;\nSchubert'sche Melodieen von Italiänern und Franzosen zu\nhören, ist eine wahre Qual; „Der Wanderer\" von La-\nblache und von Staudigl waren dermaassen verschieden,\ndass man unbedingt dem deutschen Sänger die Palme zu-\nerkennen musste, und Lablache war doch wahrhaftig ein\nSänger ersten Ranges. Aber nicht bloss im Liede, auch in\nOpern deutscher Componisten ist derselbe Unterschied\nwahrzunehmen, selbst in denen von Mozart, der doch den\nItaliänern noch am mundgerechtesten ist. Zu der Stelle einer\nfranzösischen Kritik der „Agathe\" der Schröder-Devrient:\n„Man muss den Stil der Madame Devrient mit dem der\nitaliänischen Sängerinnen nicht vergleichen; zwei verschie-\ndene Gattungen können zu gleich befriedigenden Resulta-\nten führen\", was, beiläufig gesagt, doch beweist, dass es"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "66", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630228-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5273, "texte": "nicht bloss die Deutschen allein sind, die sich „einbilden\",\nes gebe eine deutsche Vortragsweise —: zu dieser Stelle\nsagt Herr von Wolzogen in einer Anmerkung (S. 151):\n„Nicht desshalb sind selbst grosse italiänische Sänger\ngewisse deutsche Opern mit Erfolg zu singen ausser Stande,\nweil die letzteren etwa einen besonderen deutschen Ge-\nsangstil erforderten, der in Wahrheit nie existirt hat, son-\ndern weil das Wesen dieser Opern in einer Gefühlswelt\nwurzelt, die der italiänischen durchaus fremd, ja, oft ge-\nradezu entgegengesetzt ist.\"\nHeisst denn das etwas Anderes, als dass die deutsche\nMusik, die in deutscher Gefühlswelt wurzelt, denjenigen\nGesangstil fordert, welcher in dieser selben Gefühlswelt\nwurzelt? Kann eine italiänische oder „kosmopolitische\"\nGesangschule diese Vortragsweise deutscher Musik lehren?\nDass sie aber nicht bloss Naturgesang ist, wie Herr von\nWolzogen behauptet, sondern eben so gut wie der italiäni-\nsche Gesang einer methodischen Entwicklung und eines\ntiefen Studiums bedarf, das haben die grossen deutschen\nSänger und Sängerinnen aller Zeiten und bis auf diese\nStunde gezeigt, und der Kenner weiss sehr wohl die\nEffecte des ungebildeten Naturgesanges, der allerdings\njetzt leider überhand nimmt, von den Wirkungen einer\nkünstlerischen Leistung in deutschem Gesänge zu unter-\nscheiden.\nNoch ärger aber ist die Folge derselben Anmerkung:\n„Doch trifft auch dies (dass die Italiäner ausser Stande\nsind, deutsche Opern zu singen) nur bei den Weber'schen,\nSpohr'schen und Marschner'schen Opern und bei „Fidelio\"\nzu, die als urdeutsche Werke, in welchen überdies die\nCantilene oft erst in zweiter Linie wirkt, entschieden im-\nmer verlieren, wenn Italiäner sich daran machen; Mozart\naber haben wir, die Zauberflöte nicht ausge-\nschlossen (wer könnte Ronconi's Papageno je verges-\nsen?) von guten Italiänern stets lieber gehört, als\nvon Deutschen.\"\nDer Verfasser hat hier vergessen, uns die italiänischen\nSarastro, Pamina, selbst Tamino namhaft zu machen!\nRonconi's Don Giovanni war uns eben so unausstehlich,\nwie Lablache's Leporello, der statt des prachtvollen auf\nmovermi non possonach dem e des Comthurs im Duett\nauf dem Kirchhofe ein schnarrendes Brr! für die Galerie\nertönen liess, und ein anderer Don Juan, der in Paris eine\nschauderhafte Fermate im Fin han anbrachte\nund das reizende Ständchen im vor-\ntrug. Nein, nicht einmal den Don Juan können die italiäni-\nschen Celebritäten der Gegenwart und unseres Jahrhun-\nderts überhaupt singen, geschweige denn die Zauberflöte\nund die Entführung aus dem Serail. Wenn Herr von Wol-\nzogen den Don Juan zu der schönsten Zeit der berliner\nOper gesehen hätte, Donna Anna die Schulz, Elvira die\nMilder -Hauptmann, Zerline die Wranitzki-Seid-\nler, Don Juan Blume, Leporello Wauer, Ottavio Stü-\nmer, dann würde er eine Erfahrung darüber haben, wie\nMozart von deutschen Sängern gesungen wird. Und die\nEntführung aus dem Serail! Eine Constanze wie die\nSchmalz und nach ihr die Schulz brauchten den Ver-\ngleich mit den grössten italiänischen Sängerinnen nicht zu\nscheuen, und einen Osmin wie Ludwig Fischer kann\nkeine andere Nation aufweisen.\nAllein Herr von Wolzogen lässt nur vier deutsche\nSänger ersten Ranges gelten: Anton Raff, Gertrud\nMara, Ludwig Fischer (seinen Sohn Joseph also nicht)\nund Henriette Sontag. „Im Ganzen mit Ausnahme\nfür den zwischen Singen und Declamiren die Milte halten-\nden Vortrag unseres Liedes (Ali!) gebt den Deutschen\nder richtige Gesangs-Instinct, die Delicatesse des\nGefühls (!) ab. Was wir unseren Stil zu nennen belie-\nben, ist nichts als der völlig naive Zustand einer Natur-\nsingerei, die es bisher nicht einmal zur Aneignung einer\ngewissen Manier bei uns hat kommen lassen, denn eine\nsolche lässt doch immerhin wenigstens auf etwas mehr, als\neinen nur spontanen Stimmgebrauch schliessen.\" (!) S. 99.\nWir suchen nach dem Grunde dieser absoluten Ver-\ndammungs-Urtheiie des Verfassers und finden ihn eines\nTheils in der gerechten Empörung desselben, die wir voll-\nkommen theilen und in diesen Blättern hundert Mal aus-\ngesprochen haben, über die jetzige Rohheit unseres Büh-\nnengesanges im Allgemeinen, die übrigens bei den Italiä-\nnern und Franzosen heutzutage eben so arg herrscht.\nWenn er nun aber (ebenfalls S. 99) anerkennt, „dass jetzt\nauch in Italien und Frankreich zum grossen Theile spott-\nschlecht gesungen wird\", aber hinzufügt, „das ändere\nnichts an der Tliatsache, dass wir Deutschen uns noch nie-\nmals als eine in künstlerischer Beziehung besondere Be-\nrücksichtigung verdienende Sänger-Nation bewährt haben\"\n—, so offenbart sich anderen Theils die Hauptquelle sei-\nner furchtbaren Strenge gegen den deutschen Kunstgesang\nin der oben schon erwähnten Vorliebe des Biographen für\nseine Heldin, denn er will hauptsächlich dadurch die aller-\ndings unläugbarenMängel dieser in Bezug auf eigentliche\nGesangschule rechtfertigen. Dies spricht er im Schlusssatze\nder angeführten Stelle geradezu aus: „und das (nämlich\ndass wir Deutschen als Sänger-Nation noch .nie eine Berück-\nsichtigung verdient haben) entschuldigt zugleich viel an dem\nbeklagenswerthen Umstände, dass selbst eine Künstlerin von\ndem unsterblichen Genius der Schröder-Devrient es nicht\nbis zur wirklichen Sängerin hat bringen können\" —was\nnach anderen Stellen des Buches heissen sollte: „hat brin-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "67", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630228-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5438, "texte": "gen wollen\", denn die eigentlichen Gesang-Studien wa-\nren ihr zuwider.\nNun, trotz alledem rechnen wir doch die Schröder-\nDevrient zu den grossen deutschen Sängerinnen, und\nder Verfasser geräth durch seine Kritik der deutschen\nSänger-Anlagen in arge Widersprüche. Denn er wird doch\nwohl einer Emmeline und Agathe und Leonore der Schrö-\nder-Devrient nicht die „Feinheit des Gefühls\" absprechen,\nwelche den Deutschen überhaupt abgehen soll? Und der\nUnwürdigkeit jeder Berücksichtigung der Deutschen als\n„Sänger-Nation\" gegenüber will er uns doch nicht etwa\ndie Franzosen und Engländer als „Sänger-Nationen\" vor-\nziehen? Doch wahrlich! S. 98 lesen wir, dass „wir Deut-\nsche ausnehmend wenig natürliches Geschick\" (und doch\nsoll unsere ganze Gesangkunst bloss „Natursingerei\" sein!)\n„und einen Mangel an Geschmack zeigten, der uns sogar\nnoch unter England setzt!!\" Und womit unterstützt Herr\nvon Wolzogen diese Behauptung? etwa mit der Novello,\nIvemble, Dolby, was sich noch hören liesse? Nein: „Wir\nhaben aui den gesammten deutschen Bühnen keinen Tenor\nwie Sims Reeves und keinen Bariton wie Santlev\" —nach\nHerrn von Wolzogen. Wir müssen ihm aber sagen, dass\nes keinen steiferen und ungewandteren Bühnensänger\ngibt, als Sims Reeves, wesshalb er denn auch nach einigen\nwiederholten verunglückten Versuchen, von denen wir sei-\nnen Max im Freischütz und seinen Fra Diavolo selbst ge-\nsehen, der Oper ganz entsagt hat und nur in Oratorien\nund Concerten singt. Wer Santley aber z. B. mit unserem\nBeck in Wien (eben so Sims Reeves mit Ander) oder gar\nmit Stockhausen nur vergleichen, geschweige denn über\ndiese stellen will, der dürfte, wenn er ein Deutscher ist,\nallerdings einen Beweis zu dem den Deutschen vorgewor-\nfenen „Mangel an Geschmack\" liefern. Herr Santley ist\nein ganz achtungswerlher Sänger, der aber gegenwärtig\nhauptsächlich nur durch die National-Eitelkeit der engli-\nschen Kritik gehoben und zum ersten Male zu einem En-\ngagement bei der italiänischen Oper gelangt ist.\nEs dürfte übrigens die Frage sein, welche Nation, die\nitaliänische oder die deutsche, seit 1800 mehr ausgezeich-\nnete Sängerinnen für die ernste Oper und die edle Ge-\nsanggattung überhaupt trotz der Grisi, Malibran undViar-\ndot-Garcia, wenn wir diese beiden Spanierinnen zu den\nItaliänern rechnen wollen, aufzuweisen habe. Allerdings\ngibt es eine gewisse Vollendung der Technik des Gesan-\nges, welche vielleicht die Italiäner leichter erreichen, als\ndie Deutschen; allein dagegen stellen wir den anderen\nTheil einer wahrhaft künstlerischen Ausbildung, die rich-\ntige Auffassung des Charakters der Partie, den angebore-\nnen Tact für das Edle und Grosse im musicalischen Vor-\ntrage, mit Einem Worte das Seelische des Gesanges, und\ndies nehmen wir in höherem Grade für die Deutschen in\nAnspruch, als für die südlichen und westlichen Nachbarn.\nGewiss würde eine Johanna Wagner oder überhaupt eine\ndeutsche Sängerin Gluck's Orpheus und Alceste niemals\ndermaassen entstellt und mit ungehörigen Glanzfarben\nübertüncht haben, wie es die Viardot in den letzten Jah-\nren in Paris gethan hat; wenn die Virtuosität der Kunst\nzu solchen Missgriffen führt, so ist uns die „Natursingerei\"\nzehn Mal lieber.\nUnd au! welcher Seite ist denn die grössere Natur-\nAnlage, auf Seite derjenigen, die nur ihre bestimmte Gat-\ntung und nur die Musik ihrer Nation singen können, oder\nderjenigen, die Lied, Oper und Oratorium aller Nationen\ndurch angemessenen Vortrag wiederzugeben befähigt sind?\nMan weise doch eine einzige Italiänerin auf, welche deut-\nsche Musik mit solchem Erfolg singen könne, wie unsere\nSängerinnen die italiänische! Die Sontag, die Schröder-\nDevrient, die Bochkoltz (Falconi), die Carl, Unger, Grün-\nbaum, Charlotte Häser (die divi von San Carlo),\nHasselt-Bartb, Sabine Heinefetter, Kraus-Wranitzki, So-\nphie Löwe, Lutzer, Schebest, Schechner, Babnigg, Vesper-\nmann, Seidler, Tuczek, Johanna Wagner, Josepha Weber,\nConstanze Lange, Anna Zerr, Sophie Krüwel (CruvelIi),\nNatalie Eschborn (Frassini), Köster, Ney, Louise Meyer,\nCzillag, Tietjens u. s. w. — haben sie nicht alle sowohl auf\ndeutschen ais selbst auf italiänischen Theatern italiänische\nMusik vortrefflich gesungen? ja, waren nicht viele von\nihnen berühmte Zierden der italiänischen Oper in Ita-\nlien selbst, in Paris, in London, in Petersburg? Gehört\ndenn nicht etwas mehr als Stimme dazu, um eine Emme-\nline und Desdemona, eine Agathe und Semiramis, einen\nFidelio und Romeo u.s. w., und dann wieder einen Engel\nGabriel in der „Schöpfung\", eine Sopran- oder Alt-Partie\nvon Händel und endlich ein Lied von Schubert so zu sin-\ngen, dass es in die Seele dringt, d. b. so, wie es unsere\ndeutschen Sängerinnen zu singen verstehen? Hilft aber\nAlles nichts: „es fehlt ihnen der Gesangs-Instinct und die\nDelicatesse des Gefühls!\" Und wenn ihr Deutschen auch\nbehauptet, dass euer oratorischer Chorgesang doch nicht\nübel wäre, da die Kenner und Kunstfreunde des Auslan-\ndes zu euren Musikfesten strömen und mit Erstaunen ge-\nstehen, dergleichen nie gehört zu haben — nichts da! das\nist Alles eitel Einbildung! „Ihr verdient keine Berücksich-\ntigung als Sänger-Nation!\"\nWenn die Deutschen bei ihren hervorragenden musi-\ncalischen Anlagen allerdings und besonders heutzutage in\nder Technik des Gesanges zurückbleiben, so liegt es nicht\nan dem Mangel an Instinct und Gefühl, sondern an dem\nMangel an Fleiss. Niemand kann eifriger als wir die Rück-\nkehr zu den Studien der alt-italiänischen Schule von\n\n; VIJ \\-4 ■ V\nH"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "68", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630228-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5267, "texte": "ihnen fordern; aber sie wegen theilweiser, ja, häufiger\nVernachlässigung derselben als Gesang-Instinctlose unter\nalle anderen Nationen zu stellen, das ist denn doch zu\nstark.\nDoch diese Behauptung des Herrn von Wolzogen ist\nnicht die einzige schroffe und unhaltbare über deutsche\nKunst in seiner sonst gewiss sehr schätzbaren und interes-\nsanten Biographie der Schröder-Devrient.\nSo meint er zum Beispiel, dass die Rolle der Em-\nmeline in der „Schweizerfamilie\" bloss „in Deuschland\nvollauf gewürdigt worden ist.\" Darin hat er gewiss Recht;\naber wenn er als Grund hinzufügt, „weil nur ein deut-\nsches Publicum den matten und kränklich sentimentalen\nJammer der Dichtung und Composition jemals zu vertra-\ngen im Stande gewesen\" (S. 49)—so müssen wir wenig-\nstens gegen „den Jammer der Composition\" protestiren.\nWir erblicken in Weigl's „Schweizerfamilie\" einen treff-\nlichen musicalischen Stoff, der ohne Zauberei und Fast-\nnachtsspiel, was nur ein Mozart mit der Weihe der Poesie\nzu erheben und zu verklären im Stande war, der eigent-\nlichen und ewigen Aufgabe der dramatischen Musik, das\nmenschliche Herz in den Verhältnissen und Kämpfen mit\ndem Leben zu zeigen, vollkommen angemessen ist. Dass\ndieser Stoff ein echt deutscher und Weigl's Musik aus der\nNaivetät des deutschen Genius entsprossen ist,der noch nichts\nvon Reflexion wusste, das soll beiden doch wohl nicht zum\nVorwurf gereichen? Neben die „Schweizerfamilie\" kann\nman noch Winter's „Unterbrochenes Opferfest\" trotz der\nVerlegung der Handlung nach Peru als deutsche Oper\nstellen, welche in Beethoven's „Fidelio\" ihren Gipfelpunkt\nerreichte und auch in Spohr's „Jessonda\" noch zu finden\nist. Weber, Marschner und vollends Meyerbeer betraten\nandere Bahnen, zogen die phantastische Welt von Elfen,\nHexen, Kobolden und den Teufel selber in die Gefühls-\nwelt, die deren wahrlich nicht bedarf, hinein, und konnten\nam Ende ohne Spektakel und Decoration nicht mehr aus-\nkommen. Damit war der Reflexion und der Tonmalerei\nein weites Feld geöffnet, und selbst dem Genie wurde es\nschwer, sich aus alle dem dann und wann einmal wieder\nin die eigentliche deutsche Heimat der Gefühle und Kämpfe\ndes Herzens zu retten.\nAber jene echt deutsche dramatische Musik, wie sie\nin der Zauberflöte und im Don Juan durchbricht und sich\nbei Weigl und Winter, endlich in Beethoven's Fidelio in\nhöchster Entwicklung zeigt, welche keiner Wunder und\nkeiner Symbolik, keiner Herbeiziehung der übersinnlichen\nWelt bedarf, weil ihr der Mensch, die Tiefe der mensch-\nlichen Seele genügt, um Liebe und Hass, Grauen und\nWonne, Zorn und Hingebung, Verzweiflung und Ent-\nzücken auszudrücken diese Musik scheint, da Fidelio\nvor ihm keine Gnade findet, auch nicht nach Wolzogen's\nGeschmack zu sein.\n. Herr von Wolzogen behauptet nämlich zunächst, dass\nFidelio erst durch die Darstellung der Leonore durch die\nSchröder-Devrient Anerkennung gefunden habe. Dies ist\nein historischer Irrthum, zu dem wiederum die.Vorliebe\ndes Biographen für seinen Gegenstand verleitet hat. Er ist\naber weniger verzeihlich, als ähnliche, da dem' Biographen\neiner dramatischen Sängerin die Geschichte einer Oper\nwie Fidelio nicht unbekannt sein durfte, und da er da-\ndurch zugleich einer anderen, um diese Oper hochverdien-\nten Künstlerin schreiendes Unrecht thut. Er sagt nämlich\nS. 52, dass „Anna Milder-Flauptmann trotz ihrer\nkolossalen, herrlichen Stimmmittel und der angeborenen\nWürde ihrer Plastik, wohl mit in Folge des ihr eigenen\netwas phlegmatischen Temperaments, bei den ersten Auf-\nführungen 1805 und 1806 in Wien der Partie der Leo-\nnore keinen besonderen Erfolg zu erringen vermochte.\"\nWeiterhin wird sogar von „Rettung\" der Oper Beetho-\nven's durch die Devrient, von dem „Wunder\", das sie\ndamit vollbracht, weil Fidelio „bis dahin nirgend durchge-\nschlagen habe\", gesprochen.\nDem allem ist keineswegs so. In den ersten drei Vor-\nstellungen im Nov. 1805 begriff das Publicum in Wien aller-\ndings die Oper noch wenig; allein dieses Publicum bestand\nzumeist aus französischem Militär, der musicalische Adel\nhatte die Residenz verlassen, und die Bevölkerung war\nnicht gestimmt, ins Theater zu gehen. Ueber die zweite\nWiederaufnahme (im März 1806) berichtet bereits die Allg.\nMusik-Zeitung von 1806, S. 460: „Das Stück bat ge-\nwonnen und nun auch besser gefallen.\"\nAber vollends 1814, nachdem Beethoven nach seiner\neigenen Angabe „die Oper vom März bis 15. Mai neu ge-\nschrieben und verbessert\" (A. Schindler, 1., 126), dann\ndie Aufführungen (die erste den 23. Mai) selbst mit Festig-\nkeit leitete, „war der Beifall gross und stieg mit\njeder Vorstellung; die siebente wurde Beethoven zum\nVortheile statt eines Honorars überlassen.\" (Treitschke im\nOrpheus, Taschenbuch für 1841 von Aug. Schmidt in\nWien; Allg. Musik-Zeitung von 1814.) Und nun hören\nwir noch A. Schindler, 1., S. 125:\n„Von den Sängern ist mit jener Anerkennung zu spre-\nchen, die ihnen von Beethoven selber zu Theil\ngeworden. Ihnen zunächst verdankt der Meister die Ret-\ntung seines Werkes. Der Wahrheit die Ehre: niemals wie-\nder wirkten in diesem Werkeso classiscb geschulte Sän-\nger im Vereine, wie in den Vorstellungen von 1814, we-\nder auf der wiener Hofbühne, noch auf anderen. Die ge-\nwaltige Milder-Hauptmann, damals im Zenith ihres\nRuhmes stehend, ist wohl dem gesammten musicalischen"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "69", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630228-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3727, "texte": "Deutschland bekannt; ausserhalb Wien aber gar nicht be-\nkannt sind Michael Vogel (Pizarro) und Wein mü 1 le r\n(Rocco), zwei vollendete Künstler. Selbst der Italiäner\nRad ich i (Florestan) war für die Partie durch Stimme,\nMethode und Gestalt wie geschaffen, obwohl das Deutsch\netwas radebrechend.— Leider sollte der Schöpfer des un-\nsterblichen Werkes die Freude daran nicht lange gemes-\nsen: denn die Milder (die 1809 ein glänzendes Engagement\nfür Paris, das ihr Napoleon in Schönbrunn angeboten, aus-\nschlug) nahm einen lebenslänglichen Contract in Berlin\nan; ihre Rolle im Fidelio entsprechend zu besetzen, blieb\nfortan eine Unmöglichkeit, und blieb die Oper wieder von\n1815 bjs 1822 liegen.\"\nW as Herr von Wolzogen aus den „Erinnerungen\"\nvon Ciaire Glümer über die erste Aufführung mit der De-\nvrient im November 1822 in Bezug auf Beethoven mit-\ntheilt, hält auch keine historische Prüfung aus, nur kann\nman in diesen „Erinnerungen\" niemals genau unterschei-\nden, wer phantasirt und ausschmückt, Wilhelmine selbst\noder Ciaire. Beethoven hat in der Probe nur die Ouver-\ntüre (in E-dur)und die Nr. 1, das Duett zwischen Mar-\ncelline und Jacquino, zu dirigiren versucht; bei der Stelle\ndes Pochens am Thor kamen Orchester und Sänger zwei\nMal h eraus, worauf der unglückliche Beethoven aufsprang\nund nach Hause rannte. Die erschütternde Scene und ihre\nFolgen sind bei A. Schindler, IL, 10, nachzulesen; nach\ndiesen ist es nicht wahrscheinlich, dass er damals einer\nVorstellung seiner Oper beigewohnt hat.\nDoch begleiten wir jetzt die Milder nach Berlin. Es ist\nnicht wohl möglich, dass Herr von Wolzogen diese Sän-\ngerin jemals als Leonore gesehen hat, sonst würde ihn die\nErinnerung an ihren Fidelio zurückgehalten haben, die\neines musicalischen Kritikers unwürdige Phrase niederzu-\nschreiben: „Mit dem blossen Erscheinen der Schröder war\ndie bequeme (S. 53), angebetete Matrone schon aus\ndem Felde geschlagen (S. 77).\" Doch es kommt uns hier\nnicht darauf an, Vergleiche der Schröder mit der Milder\n(für die Cherubini seine Faniska und Beethoven seinen Fi-\ndelio geschrieben hatte), noch mit Nanette Schechner,\nLouise Köster, Louise Meyer, Johanna Wagner und ande-\nren Leonoren anzustellen. Wir wollen nur constatiren, dass\nvon 1816 an Fidelio in Berlin zu den Zug-Opern und\nBeethoven zu den „angebeteten\" Componisten gehörte,\nsieben Jahre lang, ehe die Schröder dort zum ersten Male\nauftrat. Wenn Wolzogen eine höchst schale Kritik der\nVossischen Zeitung von 1823 (die z. B. den ersten Choral\nin Graun's Tod Jesu und Em. Bach's geistliches Lied: „Wras\nsoll ich ängstlich klagen\", als Maassstab für die Beurthei-\nlung von Leonorens Tönen auf: „Ich hab' auf Gott und\nHecht Vertrauen\", empfiehlt!!) zu Gunsten seiner Hypo-\nThese anführt (S. 53), so können wir dagegen als Augen-\nzeugen des berliner Enthusiasmus während der Jahre 1816\nbis 1822 auftreten.\nAllein mit allem diesem ist dem Ruhme der Schröder\nnoch nicht genug geschehen: auch die Musik des Fidelio\nwar bis zur Schröder tadelnswerth und ist es auch grössten-\ntheils noch nach dem Biographen der Schröder. „Die\nunläugbaren Schwächen der Musik, ihre Unsangbarkeit,\nder Umstand, dass die vielgestaltige Sprache des Orchesters\ndie Cantilene des Sängers fast durchgehends lahmt,\ndeckt und erwürgt (!), alle jene Merkmale des dem\nReize der Menschenstimme eigensinnig den Rücken kehren-\nden (??) Giganten, der nur Instrumente singen zu lassen\nverstehen wollte (??), wurden, ehe Wilhelmine S. kam,\nin Deutschland noch überall bei ihrem rechten Namen\ngenannt und eben so unverhohlen getadelt, wie dies die\ngediegenen und unparteiischen Kunstrichter, des Auslandes,\nein Scudo und Chorley, heute mit vollem Rechte\nnoch thun.\" (!!)\nNun, da hört wirklich Alles auf; wir denn auch."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1863-02-28-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1863-02-28_01#c003", "volume": "bmtnabi_1863-02-28_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "69", "page_fin": "70", "image_debut": 5, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630228-01.2.3", "titre_corps": "Aus Frankfurt am Main.", "titre_sommaire": "Aus Frankfurt am Main.", "signature_source": "S", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "69", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630228-01.1.5", "debut_caractere": 3729, "fin_caractere_exclue": 5167, "texte": "Aus Frankfurt am Main.\n\n(Ein verwünschtes Qui pro quo.)\nAn die letzte Quartett-Sitzung von Straus und Ge-\nnossen am 0. Februar knüpft sich eine eben so absonder-\nliche als auch charakterisirende Thalsache, die, weil sich\ndarin zugleich die strafende Nemesis für unzählige aus\nLeichtsinn und Schwatzhaftigkeit verübte Sünden in Sachen\nder Kunstkritik erkennen lässt, weiteren Kreisen bekannt\nzu werden verdient. Der Held des Stückes ist Herr Alex.\nMalibran, der phrasenreiche Kritiker im Journal de\nFrancfort (seit Kurzem „L'Europe\" betitelt), der, zum\nGlück für Deutschland, seine kunslrichterlichen Ergiessun-\ngen in französischer Sprache schreibt, denn wären sie\ndeutsch zu lesen, nimmermehr wäre die politische Einigung\nzwischen Süden und Norden zu erstreben, auch der Handeis-\nvertrag mit Frankreich käme niemals zu Stande.\nDer Fall ist in Kürze folgender. Das Programm der\nfünften Quartett-Sitzung enthielt an zweiter Stelle Beet-\nhoven's Quartett in Cis-moll, Op. 131. Die Anwesenheit\ndes geschickten Flöten-Virtuosen, Mr. de Vroye, ver-\nanlasste jedoch Herrn Straus, anstatt dieses Quartetts die\nhier noch unbekannte Beethoven'sche Serenade für Flöte,\nVioline und Viola, Op. 25, zu Gehör zu bringen, und das\nCis-moll-Quartett erst in der sechsten und letzten Sitzung\nan Stelle des früher für diese angesetzten Quartetts in\nB-dur von Fr. Schubert folgen zu lassen. Oeffentliche\nAnzeigen und auch das am letzten Abend vertheilte Pro-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "70", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630228-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3653, "texte": "gramm {a. Quartett von Mendelssohn in E-moll, J.Quar-\ntett von Beethoven in Cisund Quintett von\nMozart in D-dur)haben das Publicum von dieser Abände-\nrung benachrichtigt. Die Kritiker in den Localblättern\nhaben den Beweis geliefert, dass sie wirklich Beethoven,\nnicht Schubert gehört. Nicht so der Kritiker in der\n„Europe\": dieser hat in Beethovens\nQuartett Schubert's B- Quartett gehört\nund mit Keulen drauf losgeschlagen. Hier folgt das\nMalibran'sche Kunststück aus dem genannten Blatte vom\n1 8. Februar in getreuer Uebersetzung:\n„Das Quartett von Schubert, das sich durch eine\nder monotonsten Einleitungen von der Welt ankündigt,\nhat es vergebens auf Originalität durch neue Effecte ab-\ngesehen. Höchst arm anMelodieen, wechselt es alle Augen-\nblicke die Tonart, zeigt überall Mangel an Logik und Ein-\nheit, und bringt es im Ganzen überhaupt zu nichts Ande-\nrem, als seltsam, barock und zerstückt zu sein.\n„Wenn Mozart auf solche ermüdende Seiten voll\nNoten folgt, so nimmt ihn die Seele, die sich glücklich\nfühlt, endlich einmal Musik zu hören, mit doppelter Be-\ngeisterung auf und berauscht sich mit innigem Behagen\nin seinen göttlichen Tönen. Vorher hörte man einen Com-\nponisten, der nach Phrasen sucht, sich wie ein Besessener\nin trockenen, dürren Reflexionen abquält, dreht und windet,\num sein Werk zu einem Labyrinth, zu einem Chaos zu\nmachen (!).. Jetzt aber hat man einen von jenen erhabenen\nDichtern vor sich, für welche die Musik ein Bedürfniss,\neine Notwendigkeit, eine zweite Natur ist. Man merkt\nnicht, dass er je etwas gesucht hat; nein, sein Gedanke\nquillt mit solcher Kraft, solcher Ursprünglichkeit, so viel\nReiz und Consequenz in den Ideen hervor, dass Alles der\nBegeisterung entsprungen scheint. Das vorhergehende\nWerk trug die Spuren einer sauern und mühsamen Arbeit;\ndieses hier hütet sich wohl, dergleichen ahnen zu lassen.\nDer Eine hat bloss Talent, das der Mensch durch Mühe\nund Arbeit erringt (!), der Andere besitzt Genie, das Gott\nallein verleiht.\"\nErwägt man, dass das Quartett in Cis-tnoll sich unter\nden letzten Schöpfungen des grossen Meisters fast in allen\nsechs Sätzen durch musterhafte Klarheit und lebhafte\nCharakteristik hervorthut; bringt man noch die fast durch-\ngehends hellen und auch scharfen Kreuztonarten dieses\nWerkes mit den weichen Tonarten in Vergleich, in denen\nsich das Schubert'sehe Quartett in B-dur ausspricht, so\nerweiset sich das kritische Product des Herrn Malibran\nals ein Non plus ultra musicalisch-wissenschaftlicher Un-\nkenntniss und kritischer Liederlichkeit, oder Herr M. wolle\nerklären, dass er sich mit dieser jüngsten Effusion einen\nFastnachtsjux gemacht habe. Der durch eine lange Reihe\nvon Grossthaten in Sachen der musicalischen Kritik be-\nkannte C. G. hat vor wenig Jahren in der Didaskalia eine\nausführliche Kritik über ein Concert geliefert, das gar\nnicht Statt gefunden. Es fragt sich, welches von beiden\nKunststücken das preiswürdigere sei, das von dem\ndeutschen, oder das nun von dem französischen Kunst-\nrichter vorgelegte?\nHerr Malibran verkündete in der „Europe\" vom 4.\nDecember dem musicalischen Universum, dass er dem-\nnächst sich auf Reisen begeben und alle grossen Städte\n•Deutschlands mit seinem Besuche beehren werde. Es\ndürfte den respectiven Vorständen der verschiedenen Musik-\nInstitute wohl anzurathen sein, unserem Kritikus von allen\nWerken die Partitur vorzulegen, damit er in seiner Ha-\nlucination nicht gar noch Herrn Rubinstein für Beethoven\nhalte und denselben nochmals mit seinen kritischen Keulen-\nschlägen tractire nach oben gegebenem Muster. Solche\nSchuld werden sich die Herren zu Köln, Berlin, Leipzig,\nWien u. s. w. doch nicht aufbürden wollen*).\n\nS."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1863-02-28-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1863-02-28_01#c004", "volume": "bmtnabi_1863-02-28_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "70", "page_fin": "71", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630228-01.2.4", "titre_corps": "Kirchenmusik-Streit.", "titre_sommaire": "Kirchenmusik-Streit.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "70", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630228-01.1.6", "debut_caractere": 3655, "fin_caractere_exclue": 5130, "texte": "Kirchenmusik-Streit.\n(Vergl. Nr. 8.)\nWir haben in der vorigen Nummer Notiz von der\nAufregung genommen, welche die Aufforderung, die\nFrauenstimmen und die Instrumental-Musik aus der ka-\ntholischen Kirche zu verbannen, in. Aachen hervorgerufen\nhat; wir haben es gethan, weil dieses Beginnen für die\nKunst die grosse Gefahr in sich trägt, eine der erhabensten\nGattungen musicalischer Composition durch kirchliche\nAechtung dem schaffenden Genius fortan zu verschliessen\nund die darin vorhandenen Meisterwerke um ihre eigent-\nliche Bestimmung zu bringen. Denn diese gänzlich dem\nfressenden Staube der Archive zu allmählicher Vernichtung,\ndie sie als Werke des musicalischen Teufels verdienen, an-\nheim zu geben, dürfte doch etwas schwerer fallen, als die\nRetrospectiven denken und, wenn sie consequent sein wollen,\nwünschen müssen.\nAus einer Beilage zu Nr. 53 von Kaatzer's „Echo\nder Gegenwart\", einem aacbener Blatte, dem gewiss\nNiemand antikirchliche Tendenzen vorwerfen wird, ersehen\nwir, dass das vor einiger Zeit in Köln abgehaltene Pro-\n\n*) Auch Reilstab soll einmal die Kritik einer Opern-Vorstellung,\nwelche wegen plötzlicher Hindernisse mit einer anderen ver-\ntauscht wurde, in der Vossischen Zeitung haben abdrucken\nlassen, weil er glaubte, sie habe Statt gefunden, selbst aber\ngar nicht im Theater gewesen war. Das ist aber alles nichts\ngegen die oben constatirte Blamage ! Hoffentlich wird „Eur op a\"\neinsehen, dass Herr M. sich unmöglich gemacht hat.\nDie Red actio n."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "71", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630228-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3757, "texte": "vincial-Concil beschlossen hat: „dass die Frauen, vom\nKirchengesange ausgeschlossen sein sollen\". Gegen diesen\nBeschluss wendet sich in der gedachten Nummer ein Auf-\nsatz von A. H. Körner, welcher nachweist, dass die\nFrauen zweifelsohne in den ersten Jahrhunderten an dem\nGesänge in der Kirche Theil nahmen, und dass hei der\nspäter auf wissenschaftliche Spitze getriebenen contra-\npunktischen Entwicklung der Kirchenmusik nur technische,\nnicht aber kirchliche Gründe ihren Rücktritt veranlasst\nhaben, bis sie durch den Umschwung der geselligen Ver-\nhältnisse und die Verbreitung der neueren Tonkunst bis\nin die häuslichen Kreise in den letzten Jahrhunderten wie-\nder zur Kirchenmusik herangezogen worden seien, deren\nAusführung ohne dieselben bei den heutzutage gestei-\ngerten Anforderungen an den Gesang gar nicht mehr\nmöglich sei, man möge nun Palestrina oder Mozart\naufführen.\n„Es konnte nicht anders sein\" sagt der Verfasser\nam Schlüsse seines Aufsatzes „als dass die Kunst alle\nin ihrer Sphäre liegenden Mittel ergreifen musste; sie er-\nfasst, erhebt und veredelt dieselben. Glaubt man, dass die\nmusicalische Kunst in der letzten Zeit ihre wahre kirchliche\nRichtung verloren, so führe man sie auf ihre rechte Bahn\nzurück, aber man beraube sie darum nicht der natürlichen,\nzu ihrer Darstellung nöthigen Mittel; denn nur im freien,\naber auf ihren himmlischen Zweck gerichteten Gebrauch\nder ihrer Natur nach ihr zukommenden Mittel und Glieder,\nkann die Kunst gedeihen und fortleben!\n„Von unserer neueren Musik steht es fest, dass es un-\nmöglich ist, sie ohne Frauenstimmen vollendet zu Gehör\nzu bringen. Der Grund, abgesehen von der verschiedenen\nKlangfarbe, ist der, dass es eine Unmöglichkeit ist, eine\ngrosse Anzahl Knaben in so kurzer Zeit zum wahren\nVerständnisse und richtigen Vortrage der Musik-\nstücke auszubilden. Beginnt man den musicalischen Unter-\nricht schon mit dem siebenten Jahre, was doch gewiss zu\nfrüh ist, so ist es nicht möglich, dass sie vor dem zehnten\nJahre eine hinreichende musicalische Kenntniss und hin-\nreichende Fertigkeit für all die auszuführenden Musik-\nstücke haben können. Gesetzt, der Knabe habe dies nun\nwirklich mit dem zehnten Jahre erlangt, und finge auch\nan, die in der Musik herrschenden Gefühle richtig zu er-\nfassen, so verlangt der richtige Ausdruck zur Uebung ge-\nwiss wieder zwei bis drei Jahre, bis wo die Knabenstimme\n4\nbricht und zu Grunde geht. Man wird also immer von\nNeuem anfangen und doch die Knabenstimme nie zu einer\nwahren Ausbildung bringen können.\n„Hierzu kommt, dass man einen so tief gehenden\nUnterricht nur auf wenige Knaben anwenden kann, wo\nman, namentlich für Palestrina, deren doch so viele bedarf.\nZu Palestrina's Zeit hat man dieses erfahren, wie wir be-\nreits gesehen, und wir sollen dasselbe Experiment jetzt\nwieder durchmachen! Jeder, der Palestrina kennt, weiss,\nwie gerade seine Compositionen, wenn sie Wirkung haben\nsollen, mit der vollendetsten Technik und dem feinsten\nGefühle gesungen werden müssen. Bei Frauenstimmen\nfallen alle jene Schwierigkeiten weg.\n„Als letzter Grund muss noch darauf hingewiesen\nwerden, dass das Volk so an den gemischten Chor seit\nJahrhunderten gewohnt ist, dass es ihm schwer werden\nwird, sich in die neue Ordnung der Dinge zu finden.\n„Wiederholen wir! Wir finden: 1) in den ersten\nJahrhunderten wurde der Frauengesang nicht beanstandet;\n2) die Frauen sind nur in Folge einer vorübergehenden\nBildungsstufe von der Kirche ausgeschlossen worden; 3)\ndie Schranken, welche die Frauen vom Gesänge fern hiel-\nten, sind gefallen; 4) die Frauenstimme ist das natürliche\nComplement zur Männerstimme; 5) die Frauen besitzen\nin weit höherem Maasse die zum Kirchengesange nöthigen\nFähigkeiten; 6) die Frauenstimmen sind in grosser Zahl\nund leicht heranzuziehen.\""}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1863-02-28-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1863-02-28_01#c005", "volume": "bmtnabi_1863-02-28_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "71", "page_fin": "72", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630228-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "71", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630228-01.1.7", "debut_caractere": 3759, "fin_caractere_exclue": 5553, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKolli. Die vierte Soi r4e für Kammermusik brachte ein\nneues Violin-Quartett von Ferd. Hill er in vier Sätzen: Al-\nlegro (D-dur) non troppo, Intermezzo vivace, Andante espressivo,\nAllegro molto vivace. Die feine Ausführung liess nichts zu wünschen\nübrig; über die Composition waren die Stimmen sehr getheilt: uns\nerschien das erste Allegro als ein schöner, durch die klar gearbeitete\nVerschlingung melodischer Figuren aller vier Instrumente anziehen-\nder Satz, während wir in den drei anderen, namentlich im Inter-\nmezzo und Finale, mehr geistreiche als ansprechende und fesselnde\nMusik zu finden vermochten. Herr F. Breunung trug die Fiano-\nforte-Partie in Fr. Schubert's Trio in B-dur, Op. 99 (mit den\nHerren von König slow und A. Schmit), vortrefflich vor und\närntete einen ungewöhnlich lebhaften Beifall des vollen Saales, den\nsein classisches musicalisches Spiel vollkommen verdiente. Den\nSchluss machte der schöne Vortrag des Quartetts in G-dur: Op. 18\nNr. 2, von Beethoven, welcher das Auditorium ebenfalls zu lau-\ntem Applaus hinriss. Der Allegro-Zwischensatz im Adagio cantabile\ndürfte etwas zu schnell genommen worden sein; wenn er nicht als\neine wunderliche Grille des Componisten erscheinen soll, so muss\nsein Zusammenhang mit dem Adagio und seine Entwicklung aus der\nSchluss-Figur des Adagio's:\ndurch ein rnässi-\nges Allegro vermittelt werden, welches ihm den Ausdruck mehr\neiner zufriedenen, heiteren Stimmung im Gegensatze zu dem Ernste\ndes Lebens, als einer übersprudelnden Lustigkeit verleiht.\nGounod's „Faust\" —wir wissen nicht, warum hier Faust und\nMargarethe\" betitelt macht immer noch volle Häuser.\nF. Hillens „Katakomben\" sind in Bremen bis jetzt zwei\nMal bei überfülltem Hause gegeben und mit enthusiastischem Bei-\nfalle aufgenommen worden."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "72", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630228-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5159, "texte": "Ariadne auf Naxos. (Aus dem Deutschen Merkur von\n1775.)*) . . . . Seit dem Februar sind bei der Seiler'schen Gesell-\nschaft eine neue komische Oper von Herrn Gott er und zwei lyri-\nsche Dramen mit Accompagnement einstudirt worden. Der „Ariadne\naufNaxos\" habe ich schon gedacht, es sei mir aber vergönnt, noch\nein paar Worte von der Gattung überhaupt zu sagen. Rousseau hat\nsie durch seinen Pygmalion veranlasst, durch den er uns es zeigen\nwollte, wie die Declamation der -Alten beschaffen gewesen. Allein\ngewiss wurden die Worte in den griechischen Trauerspielen mehr\ngesungen als gesprochen, und die Musik diente damals dazu, die\nStimme der Schauspieler zu unterstützen, nicht aber die Empfindun-\ngen, wie hier, in den Pausen weiter auszumalen und zu verstärken.\nDiese neue Gattung lässt daher nur sparsam den Dialog zu, weil,\nsobald zwei Personen sich mit einander besprechen, die Ideen fort-\nströmen und die Handlung zu rasch fortrückt. Der Sujets werden\nalso auch sehr wenige sein, die sich auf diese Art behandeln lassen.\nAriadne ist vielleicht eines der glücklichsten, die man dazu finden\nkann. Die Leidenschaft ist nicht vom Anfange in vollem Ausbruche,\nsie steigt nach und nach, und die Handlung schliesst malerisch und\nrührend mit dem Herabstürzen der Ariadne ins Meer. Herr Brandes\nfand die Geschichte vom Herrn v. Gerstenberg schon bearbeitet, aber\nCantate und Drama sind sehr verschieden. Herr Brandes hat auf\ndiesen Unterschied Rücksicht genommen, aber vielleicht doch nicht\ngenug. Man erfahrt zu wenig von den Ursachen, wesswegen Theseus\ndem Verlangen der Griechen seine Neigung opfert. Die Klagen der\nAriadne sind ein wenig zu lang und verfallen zu sehr in den Ton\nder Elegie. Sie würden vielleicht ermüden, wenn der Componist,\nHerr Capell-Director Ben da, nicht den glücklichen Einfall gehabt\nhätte, ein Violin-Solo dazu zu setzen, und wenn dieses von seinem\nSohne nicht so meisterlich gespielt würde. Medea ist das zweite\nin dieser Gattung. Die erste Vorstellung geschah zu Leipzig am 2.\nMai. Madame Seiler erschöpfte, oder wie die Franzosen sagen: de-\nployirte in diesem Stücke ihre ganze Kunst in Declamation und\nPantomime. Herr Benda hat auch zu diesem Stücke die Accom-\npagnements gesetzt, die von Kennern und Liebhabern der Musik\nganz vortrefflich gefunden werden.\nBei*liil. Der königliche Hof-Musikhändler G. Bock beging\nam 27. Januar sein fünfundzwanzigjähriges Geschäfts-Jubiläum und\nhatte sich an diesem Tage vielseitiger Aufmerksamkeiten aus mili-\ntärischen und künstlerischen Kreisen zu erfreuen. Der Commandant\ndes Invalidenhauses, General-Lieutenant v. Maliszewsky, überreichte\ndem Jubilar mit seinem Glückwunsche ein Schreiben Sr. K. Hoheit\ndes Kronprinzen. Im Namen der berliner Künstler überreichte der\nkönigliche Capellmeister Dorn dem Jubilar eine geschmackvoll aus-\ngeführte Gratulations-Adresse. Das Personal der Handlung brachte\nals Festgabe einen von einer Adresse begleiteten silbernen Tafel-\nAufsatz mit der Inschrift der Geschäftsgenossen vom Jahre 18-38 an.\nDer Musik-Director W. Wieprecht in Berlin feierte am 2. d.\nMts. den fünfundzwanzigsten Jahrestag seiner Ernennung zum Di-\nrector der gesammten Musikchöre des Gardecorps und hatte sich\ngrosser Auszeichnungen zu erfreuen. Die Musikmeister der Armee\nüberreichten ihm einen herrlichen silbernen Pocal; ein gleiches Ge-\nschenk hatte Prinz Albrecht von Preussen entsandt.\nFreitag den 13. Februar sang Herr Theodor Wachtel im\nOpernhause den Arnold in Rossini's „Teil\". Der berühmte Künstler\nhat seine Verbindlichkeiten in Kassel endlich glücklich gelöst und\nsich somit die Pforten aller Bühnen wieder eröffnet. Sein Arnold\nhatte den mächtigsten Erfolg. Herr Wachtel wird zunächst in der\n„Favorite\", dann in den „Hugenotten\" und im „Prophet\" singen. Es\nist die Rede davon, ihn hier zu engagiren.\nIn Kroll's Theater hat die neue Oper „Die Fischer von Catania\"\nvon dem Componisten der beliebten Oper „Das Glöcklein des Ere-\nmiten\". einen schlechten Erfolg gehabt. Doch trifft die Schuld nicht\ndie mitunter sehr hübsche, ansprechende Musik, sondern das höchst\nlangweilige Libretto.\nHaiizig* Herr Niemann, hannoverscher Hof-Opernsänger,\nder zu einigen Gast-Vorstellungen auf der hiesigen Bühne engagirt\nist, begann dieses Gastspiel mit der Darstellung des Joseph in der\nOper „Joseph in Aegypten\" von Die Romanze „Ich war\nJüngling noch an Jahren\" wurde vom Publicum mit ungetheiltem\nBeifalle aufgenommen, der sich im weiteren Verlaufe, bis zum En-\nsemble im dritten Acte, wo Herr Niemann so recht seine Stimm-\nmittel entwickelte, fortwährend steigerte. Auch das Spiel liess den\nechten Künstler erkennen.\nHerr Karl Caffieri, vom Hoftheater zu Wiesbaden, einer der\nbesten Tenöre, welche die musicalische Welt jetzt besitzt, ist für\ndie Saison der italiänischen Oper am Coventgarden-Theater zu\nLondon engagirt.\nBrauiisclrweig. Hier ging Julius Benedict's Oper „Die\nRose von Erin\" (Lily of Kilarney) zum ersten Male über die deut-\nsche Bühne, eine Oper, die sich bekanntlich in London durchgrei-\nfender und andauernder Erfolge zu erfreuen gehabt hat. Demnächst\nsoll dieselbe in Hamburg und Stuttgart zur Aufführung kommen.\n*) Vgl. „Die Instrumental-Musik zum Drama\" in Nr. 6."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "65", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630228-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nWilhelmine Schrö der-Devrient. 11. Aus Frankfurt am Main (Ein verwünschtes Qui pro quo). Vxm S.\nKirchenmusik-Streit. Tages- und Unterhaltungsblatt (Köln, Vierte Soiree für Kammermusik, Gounod's „Faust\", F. Hillens\nKatakomben\" Ariadne auf Naxos Berlin, Jubiläums-Feiern, Theodor Wachtel, KrolFs Theater Danzig, Herr Niemann Herr\nKarl Caffieri Braunschweig, „Die Rose von Erin\").\n\nWilhelmine Schröder-Devrient.\nII.\n(I. s. Nr. 8.)\nDie Rollen der jugendlichen Künstlerin waren bis zum\nJahre 1822 Pamina, Emmeline, Agathe und Marie in\nGretry's „Blaubart\". Am 9. November 1822 gab sie zum\nersten Male die Leonore in Beethoven's „Fidelio\".\nWir haben nichts dagegen, wenn Herr von Wolzogen\nsagt, dass sie durch diese Partie erst „den eigentlichen\nGrundstein ihres unverwelklichen Ruhmes legte\", müssen\naber der Behauptung, dass ihre Leonore erst die Oper\n„gerettet\" (!) und diesem Meisterwerke Beethoven's den\nBoden auf den deutschen Bühnen errungen ent-\nschieden widersprechen, noch entschiedener den Ansichten\ndes Verfassers über die Oper selbst. Diese beweisen, wie\nschwer es für einen Biographen ist, sich durch das warme\nGefühl für seinen Helden nicht zur Ungerechtigkeit gegen\nanderes Verdienst hinreissen zu lassen.\nHerr von Wolzogen entwickelt übrigens im Allgemei-\nnen in dieser Biographie der Schröder-Devrient sonder-*\nbare und sehr eigentümliche Urtheile über deutsche\nOpern und deutschen Gesang, in die wir nicht aus Pa-\ntriotismus, dessen Betheiligung an der Kritik er voraus-\nschauend abwehrt (S. 99), sondern aus ästhetischen Grund-\nsätzen nicht einstimmen können. Wenn er in der ange-\nführten Stelle sagt: „Die Kunst ist durchaus kosmopoliti-\nscher Natur, und was wirkliche Kunst ist, muss in London\nund Paris, Rom und Petersburg den Einsichtigen ganz\neben so gut gefallen, als in Wien und Berlin\" —so ist das\nfür alle modernen Künste grundfalsch und vor Allem für\ndie Tonkunst, denn diese ist vermöge ihres eigentümli-\nchen Wesens so innig mit der Natur des Volkes, bei dem\nsich ihre Werke erzeugen und dessen Geschmack sie\nzusagen, verflochten, dass mit der obigen Behauptung\nnicht bloss die Nationalität der Musik, sondern auch die\nNationalität und ihr verschiedener Charakter in Anschau-\nungs- und Gefühlsweise der Völker überhaupt geläugnet\nwird.\nDass es eine specifisch deutsche Gesangschule gebe,\nhat noch Niemand behauptet; die Declamationen gegen\ndie „gutmüthige Einbildung, welche daran glaube\", dürf-\nten also sehr überflüssig sein. Jedermann weiss, dass die\nwahre Gesangschule, d. h. die Unterrichts-Methode, die\nzur vollkommenen Herrschaft über das Stimm-Material\nund zu vollendeter Technik führt, bei allen Nationen die\nalt-italiänische ist. Allein das schliesst keineswegs aus, dass\ndie drei musicalischen Nationen, die Italiäner, die Franzo-\nsen und die Deutschen, nicht ihre eigentümliche Vor-\ntragsweise hätten, die in nichts Anderem als in ihrer\nNationalität wurzelt. Dass der Deutsche einen Charakter\nder französischen oder auch der italiänischen komischen\nOper bei gleicher technischer Ausbildung als Sänger nicht\nso wahr und fein durch den Gesang darstellen kann, wie\nein Franzose oder Italiäner, lehrt die Erfahrung; aber sie\nlehrt eben so, dass ein Franzose und Italiäner keine deut-\nsche Musik so singen kann, wie ein Deutscher. Das zeigt\nsich vor Allem beim Vortrage des deutschen Liedes;\nSchubert'sche Melodieen von Italiänern und Franzosen zu\nhören, ist eine wahre Qual; „Der Wanderer\" von La-\nblache und von Staudigl waren dermaassen verschieden,\ndass man unbedingt dem deutschen Sänger die Palme zu-\nerkennen musste, und Lablache war doch wahrhaftig ein\nSänger ersten Ranges. Aber nicht bloss im Liede, auch in\nOpern deutscher Componisten ist derselbe Unterschied\nwahrzunehmen, selbst in denen von Mozart, der doch den\nItaliänern noch am mundgerechtesten ist. Zu der Stelle einer\nfranzösischen Kritik der „Agathe\" der Schröder-Devrient:\n„Man muss den Stil der Madame Devrient mit dem der\nitaliänischen Sängerinnen nicht vergleichen; zwei verschie-\ndene Gattungen können zu gleich befriedigenden Resulta-\nten führen\", was, beiläufig gesagt, doch beweist, dass es"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "66", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630228-01.1.2", "texte": "nicht bloss die Deutschen allein sind, die sich „einbilden\",\nes gebe eine deutsche Vortragsweise —: zu dieser Stelle\nsagt Herr von Wolzogen in einer Anmerkung (S. 151):\n„Nicht desshalb sind selbst grosse italiänische Sänger\ngewisse deutsche Opern mit Erfolg zu singen ausser Stande,\nweil die letzteren etwa einen besonderen deutschen Ge-\nsangstil erforderten, der in Wahrheit nie existirt hat, son-\ndern weil das Wesen dieser Opern in einer Gefühlswelt\nwurzelt, die der italiänischen durchaus fremd, ja, oft ge-\nradezu entgegengesetzt ist.\"\nHeisst denn das etwas Anderes, als dass die deutsche\nMusik, die in deutscher Gefühlswelt wurzelt, denjenigen\nGesangstil fordert, welcher in dieser selben Gefühlswelt\nwurzelt? Kann eine italiänische oder „kosmopolitische\"\nGesangschule diese Vortragsweise deutscher Musik lehren?\nDass sie aber nicht bloss Naturgesang ist, wie Herr von\nWolzogen behauptet, sondern eben so gut wie der italiäni-\nsche Gesang einer methodischen Entwicklung und eines\ntiefen Studiums bedarf, das haben die grossen deutschen\nSänger und Sängerinnen aller Zeiten und bis auf diese\nStunde gezeigt, und der Kenner weiss sehr wohl die\nEffecte des ungebildeten Naturgesanges, der allerdings\njetzt leider überhand nimmt, von den Wirkungen einer\nkünstlerischen Leistung in deutschem Gesänge zu unter-\nscheiden.\nNoch ärger aber ist die Folge derselben Anmerkung:\n„Doch trifft auch dies (dass die Italiäner ausser Stande\nsind, deutsche Opern zu singen) nur bei den Weber'schen,\nSpohr'schen und Marschner'schen Opern und bei „Fidelio\"\nzu, die als urdeutsche Werke, in welchen überdies die\nCantilene oft erst in zweiter Linie wirkt, entschieden im-\nmer verlieren, wenn Italiäner sich daran machen; Mozart\naber haben wir, die Zauberflöte nicht ausge-\nschlossen (wer könnte Ronconi's Papageno je verges-\nsen?) von guten Italiänern stets lieber gehört, als\nvon Deutschen.\"\nDer Verfasser hat hier vergessen, uns die italiänischen\nSarastro, Pamina, selbst Tamino namhaft zu machen!\nRonconi's Don Giovanni war uns eben so unausstehlich,\nwie Lablache's Leporello, der statt des prachtvollen auf\nmovermi non possonach dem e des Comthurs im Duett\nauf dem Kirchhofe ein schnarrendes Brr! für die Galerie\nertönen liess, und ein anderer Don Juan, der in Paris eine\nschauderhafte Fermate im Fin han anbrachte\nund das reizende Ständchen im vor-\ntrug. Nein, nicht einmal den Don Juan können die italiäni-\nschen Celebritäten der Gegenwart und unseres Jahrhun-\nderts überhaupt singen, geschweige denn die Zauberflöte\nund die Entführung aus dem Serail. Wenn Herr von Wol-\nzogen den Don Juan zu der schönsten Zeit der berliner\nOper gesehen hätte, Donna Anna die Schulz, Elvira die\nMilder -Hauptmann, Zerline die Wranitzki-Seid-\nler, Don Juan Blume, Leporello Wauer, Ottavio Stü-\nmer, dann würde er eine Erfahrung darüber haben, wie\nMozart von deutschen Sängern gesungen wird. Und die\nEntführung aus dem Serail! Eine Constanze wie die\nSchmalz und nach ihr die Schulz brauchten den Ver-\ngleich mit den grössten italiänischen Sängerinnen nicht zu\nscheuen, und einen Osmin wie Ludwig Fischer kann\nkeine andere Nation aufweisen.\nAllein Herr von Wolzogen lässt nur vier deutsche\nSänger ersten Ranges gelten: Anton Raff, Gertrud\nMara, Ludwig Fischer (seinen Sohn Joseph also nicht)\nund Henriette Sontag. „Im Ganzen mit Ausnahme\nfür den zwischen Singen und Declamiren die Milte halten-\nden Vortrag unseres Liedes (Ali!) gebt den Deutschen\nder richtige Gesangs-Instinct, die Delicatesse des\nGefühls (!) ab. Was wir unseren Stil zu nennen belie-\nben, ist nichts als der völlig naive Zustand einer Natur-\nsingerei, die es bisher nicht einmal zur Aneignung einer\ngewissen Manier bei uns hat kommen lassen, denn eine\nsolche lässt doch immerhin wenigstens auf etwas mehr, als\neinen nur spontanen Stimmgebrauch schliessen.\" (!) S. 99.\nWir suchen nach dem Grunde dieser absoluten Ver-\ndammungs-Urtheiie des Verfassers und finden ihn eines\nTheils in der gerechten Empörung desselben, die wir voll-\nkommen theilen und in diesen Blättern hundert Mal aus-\ngesprochen haben, über die jetzige Rohheit unseres Büh-\nnengesanges im Allgemeinen, die übrigens bei den Italiä-\nnern und Franzosen heutzutage eben so arg herrscht.\nWenn er nun aber (ebenfalls S. 99) anerkennt, „dass jetzt\nauch in Italien und Frankreich zum grossen Theile spott-\nschlecht gesungen wird\", aber hinzufügt, „das ändere\nnichts an der Tliatsache, dass wir Deutschen uns noch nie-\nmals als eine in künstlerischer Beziehung besondere Be-\nrücksichtigung verdienende Sänger-Nation bewährt haben\"\n—, so offenbart sich anderen Theils die Hauptquelle sei-\nner furchtbaren Strenge gegen den deutschen Kunstgesang\nin der oben schon erwähnten Vorliebe des Biographen für\nseine Heldin, denn er will hauptsächlich dadurch die aller-\ndings unläugbarenMängel dieser in Bezug auf eigentliche\nGesangschule rechtfertigen. Dies spricht er im Schlusssatze\nder angeführten Stelle geradezu aus: „und das (nämlich\ndass wir Deutschen als Sänger-Nation noch .nie eine Berück-\nsichtigung verdient haben) entschuldigt zugleich viel an dem\nbeklagenswerthen Umstände, dass selbst eine Künstlerin von\ndem unsterblichen Genius der Schröder-Devrient es nicht\nbis zur wirklichen Sängerin hat bringen können\" —was\nnach anderen Stellen des Buches heissen sollte: „hat brin-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "67", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630228-01.1.3", "texte": "gen wollen\", denn die eigentlichen Gesang-Studien wa-\nren ihr zuwider.\nNun, trotz alledem rechnen wir doch die Schröder-\nDevrient zu den grossen deutschen Sängerinnen, und\nder Verfasser geräth durch seine Kritik der deutschen\nSänger-Anlagen in arge Widersprüche. Denn er wird doch\nwohl einer Emmeline und Agathe und Leonore der Schrö-\nder-Devrient nicht die „Feinheit des Gefühls\" absprechen,\nwelche den Deutschen überhaupt abgehen soll? Und der\nUnwürdigkeit jeder Berücksichtigung der Deutschen als\n„Sänger-Nation\" gegenüber will er uns doch nicht etwa\ndie Franzosen und Engländer als „Sänger-Nationen\" vor-\nziehen? Doch wahrlich! S. 98 lesen wir, dass „wir Deut-\nsche ausnehmend wenig natürliches Geschick\" (und doch\nsoll unsere ganze Gesangkunst bloss „Natursingerei\" sein!)\n„und einen Mangel an Geschmack zeigten, der uns sogar\nnoch unter England setzt!!\" Und womit unterstützt Herr\nvon Wolzogen diese Behauptung? etwa mit der Novello,\nIvemble, Dolby, was sich noch hören liesse? Nein: „Wir\nhaben aui den gesammten deutschen Bühnen keinen Tenor\nwie Sims Reeves und keinen Bariton wie Santlev\" —nach\nHerrn von Wolzogen. Wir müssen ihm aber sagen, dass\nes keinen steiferen und ungewandteren Bühnensänger\ngibt, als Sims Reeves, wesshalb er denn auch nach einigen\nwiederholten verunglückten Versuchen, von denen wir sei-\nnen Max im Freischütz und seinen Fra Diavolo selbst ge-\nsehen, der Oper ganz entsagt hat und nur in Oratorien\nund Concerten singt. Wer Santley aber z. B. mit unserem\nBeck in Wien (eben so Sims Reeves mit Ander) oder gar\nmit Stockhausen nur vergleichen, geschweige denn über\ndiese stellen will, der dürfte, wenn er ein Deutscher ist,\nallerdings einen Beweis zu dem den Deutschen vorgewor-\nfenen „Mangel an Geschmack\" liefern. Herr Santley ist\nein ganz achtungswerlher Sänger, der aber gegenwärtig\nhauptsächlich nur durch die National-Eitelkeit der engli-\nschen Kritik gehoben und zum ersten Male zu einem En-\ngagement bei der italiänischen Oper gelangt ist.\nEs dürfte übrigens die Frage sein, welche Nation, die\nitaliänische oder die deutsche, seit 1800 mehr ausgezeich-\nnete Sängerinnen für die ernste Oper und die edle Ge-\nsanggattung überhaupt trotz der Grisi, Malibran undViar-\ndot-Garcia, wenn wir diese beiden Spanierinnen zu den\nItaliänern rechnen wollen, aufzuweisen habe. Allerdings\ngibt es eine gewisse Vollendung der Technik des Gesan-\nges, welche vielleicht die Italiäner leichter erreichen, als\ndie Deutschen; allein dagegen stellen wir den anderen\nTheil einer wahrhaft künstlerischen Ausbildung, die rich-\ntige Auffassung des Charakters der Partie, den angebore-\nnen Tact für das Edle und Grosse im musicalischen Vor-\ntrage, mit Einem Worte das Seelische des Gesanges, und\ndies nehmen wir in höherem Grade für die Deutschen in\nAnspruch, als für die südlichen und westlichen Nachbarn.\nGewiss würde eine Johanna Wagner oder überhaupt eine\ndeutsche Sängerin Gluck's Orpheus und Alceste niemals\ndermaassen entstellt und mit ungehörigen Glanzfarben\nübertüncht haben, wie es die Viardot in den letzten Jah-\nren in Paris gethan hat; wenn die Virtuosität der Kunst\nzu solchen Missgriffen führt, so ist uns die „Natursingerei\"\nzehn Mal lieber.\nUnd au! welcher Seite ist denn die grössere Natur-\nAnlage, auf Seite derjenigen, die nur ihre bestimmte Gat-\ntung und nur die Musik ihrer Nation singen können, oder\nderjenigen, die Lied, Oper und Oratorium aller Nationen\ndurch angemessenen Vortrag wiederzugeben befähigt sind?\nMan weise doch eine einzige Italiänerin auf, welche deut-\nsche Musik mit solchem Erfolg singen könne, wie unsere\nSängerinnen die italiänische! Die Sontag, die Schröder-\nDevrient, die Bochkoltz (Falconi), die Carl, Unger, Grün-\nbaum, Charlotte Häser (die divi von San Carlo),\nHasselt-Bartb, Sabine Heinefetter, Kraus-Wranitzki, So-\nphie Löwe, Lutzer, Schebest, Schechner, Babnigg, Vesper-\nmann, Seidler, Tuczek, Johanna Wagner, Josepha Weber,\nConstanze Lange, Anna Zerr, Sophie Krüwel (CruvelIi),\nNatalie Eschborn (Frassini), Köster, Ney, Louise Meyer,\nCzillag, Tietjens u. s. w. — haben sie nicht alle sowohl auf\ndeutschen ais selbst auf italiänischen Theatern italiänische\nMusik vortrefflich gesungen? ja, waren nicht viele von\nihnen berühmte Zierden der italiänischen Oper in Ita-\nlien selbst, in Paris, in London, in Petersburg? Gehört\ndenn nicht etwas mehr als Stimme dazu, um eine Emme-\nline und Desdemona, eine Agathe und Semiramis, einen\nFidelio und Romeo u.s. w., und dann wieder einen Engel\nGabriel in der „Schöpfung\", eine Sopran- oder Alt-Partie\nvon Händel und endlich ein Lied von Schubert so zu sin-\ngen, dass es in die Seele dringt, d. b. so, wie es unsere\ndeutschen Sängerinnen zu singen verstehen? Hilft aber\nAlles nichts: „es fehlt ihnen der Gesangs-Instinct und die\nDelicatesse des Gefühls!\" Und wenn ihr Deutschen auch\nbehauptet, dass euer oratorischer Chorgesang doch nicht\nübel wäre, da die Kenner und Kunstfreunde des Auslan-\ndes zu euren Musikfesten strömen und mit Erstaunen ge-\nstehen, dergleichen nie gehört zu haben — nichts da! das\nist Alles eitel Einbildung! „Ihr verdient keine Berücksich-\ntigung als Sänger-Nation!\"\nWenn die Deutschen bei ihren hervorragenden musi-\ncalischen Anlagen allerdings und besonders heutzutage in\nder Technik des Gesanges zurückbleiben, so liegt es nicht\nan dem Mangel an Instinct und Gefühl, sondern an dem\nMangel an Fleiss. Niemand kann eifriger als wir die Rück-\nkehr zu den Studien der alt-italiänischen Schule von\n\n; VIJ \\-4 ■ V\nH"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "68", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630228-01.1.4", "texte": "ihnen fordern; aber sie wegen theilweiser, ja, häufiger\nVernachlässigung derselben als Gesang-Instinctlose unter\nalle anderen Nationen zu stellen, das ist denn doch zu\nstark.\nDoch diese Behauptung des Herrn von Wolzogen ist\nnicht die einzige schroffe und unhaltbare über deutsche\nKunst in seiner sonst gewiss sehr schätzbaren und interes-\nsanten Biographie der Schröder-Devrient.\nSo meint er zum Beispiel, dass die Rolle der Em-\nmeline in der „Schweizerfamilie\" bloss „in Deuschland\nvollauf gewürdigt worden ist.\" Darin hat er gewiss Recht;\naber wenn er als Grund hinzufügt, „weil nur ein deut-\nsches Publicum den matten und kränklich sentimentalen\nJammer der Dichtung und Composition jemals zu vertra-\ngen im Stande gewesen\" (S. 49)—so müssen wir wenig-\nstens gegen „den Jammer der Composition\" protestiren.\nWir erblicken in Weigl's „Schweizerfamilie\" einen treff-\nlichen musicalischen Stoff, der ohne Zauberei und Fast-\nnachtsspiel, was nur ein Mozart mit der Weihe der Poesie\nzu erheben und zu verklären im Stande war, der eigent-\nlichen und ewigen Aufgabe der dramatischen Musik, das\nmenschliche Herz in den Verhältnissen und Kämpfen mit\ndem Leben zu zeigen, vollkommen angemessen ist. Dass\ndieser Stoff ein echt deutscher und Weigl's Musik aus der\nNaivetät des deutschen Genius entsprossen ist,der noch nichts\nvon Reflexion wusste, das soll beiden doch wohl nicht zum\nVorwurf gereichen? Neben die „Schweizerfamilie\" kann\nman noch Winter's „Unterbrochenes Opferfest\" trotz der\nVerlegung der Handlung nach Peru als deutsche Oper\nstellen, welche in Beethoven's „Fidelio\" ihren Gipfelpunkt\nerreichte und auch in Spohr's „Jessonda\" noch zu finden\nist. Weber, Marschner und vollends Meyerbeer betraten\nandere Bahnen, zogen die phantastische Welt von Elfen,\nHexen, Kobolden und den Teufel selber in die Gefühls-\nwelt, die deren wahrlich nicht bedarf, hinein, und konnten\nam Ende ohne Spektakel und Decoration nicht mehr aus-\nkommen. Damit war der Reflexion und der Tonmalerei\nein weites Feld geöffnet, und selbst dem Genie wurde es\nschwer, sich aus alle dem dann und wann einmal wieder\nin die eigentliche deutsche Heimat der Gefühle und Kämpfe\ndes Herzens zu retten.\nAber jene echt deutsche dramatische Musik, wie sie\nin der Zauberflöte und im Don Juan durchbricht und sich\nbei Weigl und Winter, endlich in Beethoven's Fidelio in\nhöchster Entwicklung zeigt, welche keiner Wunder und\nkeiner Symbolik, keiner Herbeiziehung der übersinnlichen\nWelt bedarf, weil ihr der Mensch, die Tiefe der mensch-\nlichen Seele genügt, um Liebe und Hass, Grauen und\nWonne, Zorn und Hingebung, Verzweiflung und Ent-\nzücken auszudrücken diese Musik scheint, da Fidelio\nvor ihm keine Gnade findet, auch nicht nach Wolzogen's\nGeschmack zu sein.\n. Herr von Wolzogen behauptet nämlich zunächst, dass\nFidelio erst durch die Darstellung der Leonore durch die\nSchröder-Devrient Anerkennung gefunden habe. Dies ist\nein historischer Irrthum, zu dem wiederum die.Vorliebe\ndes Biographen für seinen Gegenstand verleitet hat. Er ist\naber weniger verzeihlich, als ähnliche, da dem' Biographen\neiner dramatischen Sängerin die Geschichte einer Oper\nwie Fidelio nicht unbekannt sein durfte, und da er da-\ndurch zugleich einer anderen, um diese Oper hochverdien-\nten Künstlerin schreiendes Unrecht thut. Er sagt nämlich\nS. 52, dass „Anna Milder-Flauptmann trotz ihrer\nkolossalen, herrlichen Stimmmittel und der angeborenen\nWürde ihrer Plastik, wohl mit in Folge des ihr eigenen\netwas phlegmatischen Temperaments, bei den ersten Auf-\nführungen 1805 und 1806 in Wien der Partie der Leo-\nnore keinen besonderen Erfolg zu erringen vermochte.\"\nWeiterhin wird sogar von „Rettung\" der Oper Beetho-\nven's durch die Devrient, von dem „Wunder\", das sie\ndamit vollbracht, weil Fidelio „bis dahin nirgend durchge-\nschlagen habe\", gesprochen.\nDem allem ist keineswegs so. In den ersten drei Vor-\nstellungen im Nov. 1805 begriff das Publicum in Wien aller-\ndings die Oper noch wenig; allein dieses Publicum bestand\nzumeist aus französischem Militär, der musicalische Adel\nhatte die Residenz verlassen, und die Bevölkerung war\nnicht gestimmt, ins Theater zu gehen. Ueber die zweite\nWiederaufnahme (im März 1806) berichtet bereits die Allg.\nMusik-Zeitung von 1806, S. 460: „Das Stück bat ge-\nwonnen und nun auch besser gefallen.\"\nAber vollends 1814, nachdem Beethoven nach seiner\neigenen Angabe „die Oper vom März bis 15. Mai neu ge-\nschrieben und verbessert\" (A. Schindler, 1., 126), dann\ndie Aufführungen (die erste den 23. Mai) selbst mit Festig-\nkeit leitete, „war der Beifall gross und stieg mit\njeder Vorstellung; die siebente wurde Beethoven zum\nVortheile statt eines Honorars überlassen.\" (Treitschke im\nOrpheus, Taschenbuch für 1841 von Aug. Schmidt in\nWien; Allg. Musik-Zeitung von 1814.) Und nun hören\nwir noch A. Schindler, 1., S. 125:\n„Von den Sängern ist mit jener Anerkennung zu spre-\nchen, die ihnen von Beethoven selber zu Theil\ngeworden. Ihnen zunächst verdankt der Meister die Ret-\ntung seines Werkes. Der Wahrheit die Ehre: niemals wie-\nder wirkten in diesem Werkeso classiscb geschulte Sän-\nger im Vereine, wie in den Vorstellungen von 1814, we-\nder auf der wiener Hofbühne, noch auf anderen. Die ge-\nwaltige Milder-Hauptmann, damals im Zenith ihres\nRuhmes stehend, ist wohl dem gesammten musicalischen"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "69", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630228-01.1.5", "texte": "Deutschland bekannt; ausserhalb Wien aber gar nicht be-\nkannt sind Michael Vogel (Pizarro) und Wein mü 1 le r\n(Rocco), zwei vollendete Künstler. Selbst der Italiäner\nRad ich i (Florestan) war für die Partie durch Stimme,\nMethode und Gestalt wie geschaffen, obwohl das Deutsch\netwas radebrechend.— Leider sollte der Schöpfer des un-\nsterblichen Werkes die Freude daran nicht lange gemes-\nsen: denn die Milder (die 1809 ein glänzendes Engagement\nfür Paris, das ihr Napoleon in Schönbrunn angeboten, aus-\nschlug) nahm einen lebenslänglichen Contract in Berlin\nan; ihre Rolle im Fidelio entsprechend zu besetzen, blieb\nfortan eine Unmöglichkeit, und blieb die Oper wieder von\n1815 bjs 1822 liegen.\"\nW as Herr von Wolzogen aus den „Erinnerungen\"\nvon Ciaire Glümer über die erste Aufführung mit der De-\nvrient im November 1822 in Bezug auf Beethoven mit-\ntheilt, hält auch keine historische Prüfung aus, nur kann\nman in diesen „Erinnerungen\" niemals genau unterschei-\nden, wer phantasirt und ausschmückt, Wilhelmine selbst\noder Ciaire. Beethoven hat in der Probe nur die Ouver-\ntüre (in E-dur)und die Nr. 1, das Duett zwischen Mar-\ncelline und Jacquino, zu dirigiren versucht; bei der Stelle\ndes Pochens am Thor kamen Orchester und Sänger zwei\nMal h eraus, worauf der unglückliche Beethoven aufsprang\nund nach Hause rannte. Die erschütternde Scene und ihre\nFolgen sind bei A. Schindler, IL, 10, nachzulesen; nach\ndiesen ist es nicht wahrscheinlich, dass er damals einer\nVorstellung seiner Oper beigewohnt hat.\nDoch begleiten wir jetzt die Milder nach Berlin. Es ist\nnicht wohl möglich, dass Herr von Wolzogen diese Sän-\ngerin jemals als Leonore gesehen hat, sonst würde ihn die\nErinnerung an ihren Fidelio zurückgehalten haben, die\neines musicalischen Kritikers unwürdige Phrase niederzu-\nschreiben: „Mit dem blossen Erscheinen der Schröder war\ndie bequeme (S. 53), angebetete Matrone schon aus\ndem Felde geschlagen (S. 77).\" Doch es kommt uns hier\nnicht darauf an, Vergleiche der Schröder mit der Milder\n(für die Cherubini seine Faniska und Beethoven seinen Fi-\ndelio geschrieben hatte), noch mit Nanette Schechner,\nLouise Köster, Louise Meyer, Johanna Wagner und ande-\nren Leonoren anzustellen. Wir wollen nur constatiren, dass\nvon 1816 an Fidelio in Berlin zu den Zug-Opern und\nBeethoven zu den „angebeteten\" Componisten gehörte,\nsieben Jahre lang, ehe die Schröder dort zum ersten Male\nauftrat. Wenn Wolzogen eine höchst schale Kritik der\nVossischen Zeitung von 1823 (die z. B. den ersten Choral\nin Graun's Tod Jesu und Em. Bach's geistliches Lied: „Wras\nsoll ich ängstlich klagen\", als Maassstab für die Beurthei-\nlung von Leonorens Tönen auf: „Ich hab' auf Gott und\nHecht Vertrauen\", empfiehlt!!) zu Gunsten seiner Hypo-\nThese anführt (S. 53), so können wir dagegen als Augen-\nzeugen des berliner Enthusiasmus während der Jahre 1816\nbis 1822 auftreten.\nAllein mit allem diesem ist dem Ruhme der Schröder\nnoch nicht genug geschehen: auch die Musik des Fidelio\nwar bis zur Schröder tadelnswerth und ist es auch grössten-\ntheils noch nach dem Biographen der Schröder. „Die\nunläugbaren Schwächen der Musik, ihre Unsangbarkeit,\nder Umstand, dass die vielgestaltige Sprache des Orchesters\ndie Cantilene des Sängers fast durchgehends lahmt,\ndeckt und erwürgt (!), alle jene Merkmale des dem\nReize der Menschenstimme eigensinnig den Rücken kehren-\nden (??) Giganten, der nur Instrumente singen zu lassen\nverstehen wollte (??), wurden, ehe Wilhelmine S. kam,\nin Deutschland noch überall bei ihrem rechten Namen\ngenannt und eben so unverhohlen getadelt, wie dies die\ngediegenen und unparteiischen Kunstrichter, des Auslandes,\nein Scudo und Chorley, heute mit vollem Rechte\nnoch thun.\" (!!)\nNun, da hört wirklich Alles auf; wir denn auch.\n\nAus Frankfurt am Main.\n\n(Ein verwünschtes Qui pro quo.)\nAn die letzte Quartett-Sitzung von Straus und Ge-\nnossen am 0. Februar knüpft sich eine eben so absonder-\nliche als auch charakterisirende Thalsache, die, weil sich\ndarin zugleich die strafende Nemesis für unzählige aus\nLeichtsinn und Schwatzhaftigkeit verübte Sünden in Sachen\nder Kunstkritik erkennen lässt, weiteren Kreisen bekannt\nzu werden verdient. Der Held des Stückes ist Herr Alex.\nMalibran, der phrasenreiche Kritiker im Journal de\nFrancfort (seit Kurzem „L'Europe\" betitelt), der, zum\nGlück für Deutschland, seine kunslrichterlichen Ergiessun-\ngen in französischer Sprache schreibt, denn wären sie\ndeutsch zu lesen, nimmermehr wäre die politische Einigung\nzwischen Süden und Norden zu erstreben, auch der Handeis-\nvertrag mit Frankreich käme niemals zu Stande.\nDer Fall ist in Kürze folgender. Das Programm der\nfünften Quartett-Sitzung enthielt an zweiter Stelle Beet-\nhoven's Quartett in Cis-moll, Op. 131. Die Anwesenheit\ndes geschickten Flöten-Virtuosen, Mr. de Vroye, ver-\nanlasste jedoch Herrn Straus, anstatt dieses Quartetts die\nhier noch unbekannte Beethoven'sche Serenade für Flöte,\nVioline und Viola, Op. 25, zu Gehör zu bringen, und das\nCis-moll-Quartett erst in der sechsten und letzten Sitzung\nan Stelle des früher für diese angesetzten Quartetts in\nB-dur von Fr. Schubert folgen zu lassen. Oeffentliche\nAnzeigen und auch das am letzten Abend vertheilte Pro-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "70", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630228-01.1.6", "texte": "gramm {a. Quartett von Mendelssohn in E-moll, J.Quar-\ntett von Beethoven in Cisund Quintett von\nMozart in D-dur)haben das Publicum von dieser Abände-\nrung benachrichtigt. Die Kritiker in den Localblättern\nhaben den Beweis geliefert, dass sie wirklich Beethoven,\nnicht Schubert gehört. Nicht so der Kritiker in der\n„Europe\": dieser hat in Beethovens\nQuartett Schubert's B- Quartett gehört\nund mit Keulen drauf losgeschlagen. Hier folgt das\nMalibran'sche Kunststück aus dem genannten Blatte vom\n1 8. Februar in getreuer Uebersetzung:\n„Das Quartett von Schubert, das sich durch eine\nder monotonsten Einleitungen von der Welt ankündigt,\nhat es vergebens auf Originalität durch neue Effecte ab-\ngesehen. Höchst arm anMelodieen, wechselt es alle Augen-\nblicke die Tonart, zeigt überall Mangel an Logik und Ein-\nheit, und bringt es im Ganzen überhaupt zu nichts Ande-\nrem, als seltsam, barock und zerstückt zu sein.\n„Wenn Mozart auf solche ermüdende Seiten voll\nNoten folgt, so nimmt ihn die Seele, die sich glücklich\nfühlt, endlich einmal Musik zu hören, mit doppelter Be-\ngeisterung auf und berauscht sich mit innigem Behagen\nin seinen göttlichen Tönen. Vorher hörte man einen Com-\nponisten, der nach Phrasen sucht, sich wie ein Besessener\nin trockenen, dürren Reflexionen abquält, dreht und windet,\num sein Werk zu einem Labyrinth, zu einem Chaos zu\nmachen (!).. Jetzt aber hat man einen von jenen erhabenen\nDichtern vor sich, für welche die Musik ein Bedürfniss,\neine Notwendigkeit, eine zweite Natur ist. Man merkt\nnicht, dass er je etwas gesucht hat; nein, sein Gedanke\nquillt mit solcher Kraft, solcher Ursprünglichkeit, so viel\nReiz und Consequenz in den Ideen hervor, dass Alles der\nBegeisterung entsprungen scheint. Das vorhergehende\nWerk trug die Spuren einer sauern und mühsamen Arbeit;\ndieses hier hütet sich wohl, dergleichen ahnen zu lassen.\nDer Eine hat bloss Talent, das der Mensch durch Mühe\nund Arbeit erringt (!), der Andere besitzt Genie, das Gott\nallein verleiht.\"\nErwägt man, dass das Quartett in Cis-tnoll sich unter\nden letzten Schöpfungen des grossen Meisters fast in allen\nsechs Sätzen durch musterhafte Klarheit und lebhafte\nCharakteristik hervorthut; bringt man noch die fast durch-\ngehends hellen und auch scharfen Kreuztonarten dieses\nWerkes mit den weichen Tonarten in Vergleich, in denen\nsich das Schubert'sehe Quartett in B-dur ausspricht, so\nerweiset sich das kritische Product des Herrn Malibran\nals ein Non plus ultra musicalisch-wissenschaftlicher Un-\nkenntniss und kritischer Liederlichkeit, oder Herr M. wolle\nerklären, dass er sich mit dieser jüngsten Effusion einen\nFastnachtsjux gemacht habe. Der durch eine lange Reihe\nvon Grossthaten in Sachen der musicalischen Kritik be-\nkannte C. G. hat vor wenig Jahren in der Didaskalia eine\nausführliche Kritik über ein Concert geliefert, das gar\nnicht Statt gefunden. Es fragt sich, welches von beiden\nKunststücken das preiswürdigere sei, das von dem\ndeutschen, oder das nun von dem französischen Kunst-\nrichter vorgelegte?\nHerr Malibran verkündete in der „Europe\" vom 4.\nDecember dem musicalischen Universum, dass er dem-\nnächst sich auf Reisen begeben und alle grossen Städte\n•Deutschlands mit seinem Besuche beehren werde. Es\ndürfte den respectiven Vorständen der verschiedenen Musik-\nInstitute wohl anzurathen sein, unserem Kritikus von allen\nWerken die Partitur vorzulegen, damit er in seiner Ha-\nlucination nicht gar noch Herrn Rubinstein für Beethoven\nhalte und denselben nochmals mit seinen kritischen Keulen-\nschlägen tractire nach oben gegebenem Muster. Solche\nSchuld werden sich die Herren zu Köln, Berlin, Leipzig,\nWien u. s. w. doch nicht aufbürden wollen*).\n\nS.\n\nKirchenmusik-Streit.\n(Vergl. Nr. 8.)\nWir haben in der vorigen Nummer Notiz von der\nAufregung genommen, welche die Aufforderung, die\nFrauenstimmen und die Instrumental-Musik aus der ka-\ntholischen Kirche zu verbannen, in. Aachen hervorgerufen\nhat; wir haben es gethan, weil dieses Beginnen für die\nKunst die grosse Gefahr in sich trägt, eine der erhabensten\nGattungen musicalischer Composition durch kirchliche\nAechtung dem schaffenden Genius fortan zu verschliessen\nund die darin vorhandenen Meisterwerke um ihre eigent-\nliche Bestimmung zu bringen. Denn diese gänzlich dem\nfressenden Staube der Archive zu allmählicher Vernichtung,\ndie sie als Werke des musicalischen Teufels verdienen, an-\nheim zu geben, dürfte doch etwas schwerer fallen, als die\nRetrospectiven denken und, wenn sie consequent sein wollen,\nwünschen müssen.\nAus einer Beilage zu Nr. 53 von Kaatzer's „Echo\nder Gegenwart\", einem aacbener Blatte, dem gewiss\nNiemand antikirchliche Tendenzen vorwerfen wird, ersehen\nwir, dass das vor einiger Zeit in Köln abgehaltene Pro-\n\n*) Auch Reilstab soll einmal die Kritik einer Opern-Vorstellung,\nwelche wegen plötzlicher Hindernisse mit einer anderen ver-\ntauscht wurde, in der Vossischen Zeitung haben abdrucken\nlassen, weil er glaubte, sie habe Statt gefunden, selbst aber\ngar nicht im Theater gewesen war. Das ist aber alles nichts\ngegen die oben constatirte Blamage ! Hoffentlich wird „Eur op a\"\neinsehen, dass Herr M. sich unmöglich gemacht hat.\nDie Red actio n."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "71", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630228-01.1.7", "texte": "vincial-Concil beschlossen hat: „dass die Frauen, vom\nKirchengesange ausgeschlossen sein sollen\". Gegen diesen\nBeschluss wendet sich in der gedachten Nummer ein Auf-\nsatz von A. H. Körner, welcher nachweist, dass die\nFrauen zweifelsohne in den ersten Jahrhunderten an dem\nGesänge in der Kirche Theil nahmen, und dass hei der\nspäter auf wissenschaftliche Spitze getriebenen contra-\npunktischen Entwicklung der Kirchenmusik nur technische,\nnicht aber kirchliche Gründe ihren Rücktritt veranlasst\nhaben, bis sie durch den Umschwung der geselligen Ver-\nhältnisse und die Verbreitung der neueren Tonkunst bis\nin die häuslichen Kreise in den letzten Jahrhunderten wie-\nder zur Kirchenmusik herangezogen worden seien, deren\nAusführung ohne dieselben bei den heutzutage gestei-\ngerten Anforderungen an den Gesang gar nicht mehr\nmöglich sei, man möge nun Palestrina oder Mozart\naufführen.\n„Es konnte nicht anders sein\" sagt der Verfasser\nam Schlüsse seines Aufsatzes „als dass die Kunst alle\nin ihrer Sphäre liegenden Mittel ergreifen musste; sie er-\nfasst, erhebt und veredelt dieselben. Glaubt man, dass die\nmusicalische Kunst in der letzten Zeit ihre wahre kirchliche\nRichtung verloren, so führe man sie auf ihre rechte Bahn\nzurück, aber man beraube sie darum nicht der natürlichen,\nzu ihrer Darstellung nöthigen Mittel; denn nur im freien,\naber auf ihren himmlischen Zweck gerichteten Gebrauch\nder ihrer Natur nach ihr zukommenden Mittel und Glieder,\nkann die Kunst gedeihen und fortleben!\n„Von unserer neueren Musik steht es fest, dass es un-\nmöglich ist, sie ohne Frauenstimmen vollendet zu Gehör\nzu bringen. Der Grund, abgesehen von der verschiedenen\nKlangfarbe, ist der, dass es eine Unmöglichkeit ist, eine\ngrosse Anzahl Knaben in so kurzer Zeit zum wahren\nVerständnisse und richtigen Vortrage der Musik-\nstücke auszubilden. Beginnt man den musicalischen Unter-\nricht schon mit dem siebenten Jahre, was doch gewiss zu\nfrüh ist, so ist es nicht möglich, dass sie vor dem zehnten\nJahre eine hinreichende musicalische Kenntniss und hin-\nreichende Fertigkeit für all die auszuführenden Musik-\nstücke haben können. Gesetzt, der Knabe habe dies nun\nwirklich mit dem zehnten Jahre erlangt, und finge auch\nan, die in der Musik herrschenden Gefühle richtig zu er-\nfassen, so verlangt der richtige Ausdruck zur Uebung ge-\nwiss wieder zwei bis drei Jahre, bis wo die Knabenstimme\n4\nbricht und zu Grunde geht. Man wird also immer von\nNeuem anfangen und doch die Knabenstimme nie zu einer\nwahren Ausbildung bringen können.\n„Hierzu kommt, dass man einen so tief gehenden\nUnterricht nur auf wenige Knaben anwenden kann, wo\nman, namentlich für Palestrina, deren doch so viele bedarf.\nZu Palestrina's Zeit hat man dieses erfahren, wie wir be-\nreits gesehen, und wir sollen dasselbe Experiment jetzt\nwieder durchmachen! Jeder, der Palestrina kennt, weiss,\nwie gerade seine Compositionen, wenn sie Wirkung haben\nsollen, mit der vollendetsten Technik und dem feinsten\nGefühle gesungen werden müssen. Bei Frauenstimmen\nfallen alle jene Schwierigkeiten weg.\n„Als letzter Grund muss noch darauf hingewiesen\nwerden, dass das Volk so an den gemischten Chor seit\nJahrhunderten gewohnt ist, dass es ihm schwer werden\nwird, sich in die neue Ordnung der Dinge zu finden.\n„Wiederholen wir! Wir finden: 1) in den ersten\nJahrhunderten wurde der Frauengesang nicht beanstandet;\n2) die Frauen sind nur in Folge einer vorübergehenden\nBildungsstufe von der Kirche ausgeschlossen worden; 3)\ndie Schranken, welche die Frauen vom Gesänge fern hiel-\nten, sind gefallen; 4) die Frauenstimme ist das natürliche\nComplement zur Männerstimme; 5) die Frauen besitzen\nin weit höherem Maasse die zum Kirchengesange nöthigen\nFähigkeiten; 6) die Frauenstimmen sind in grosser Zahl\nund leicht heranzuziehen.\"\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKolli. Die vierte Soi r4e für Kammermusik brachte ein\nneues Violin-Quartett von Ferd. Hill er in vier Sätzen: Al-\nlegro (D-dur) non troppo, Intermezzo vivace, Andante espressivo,\nAllegro molto vivace. Die feine Ausführung liess nichts zu wünschen\nübrig; über die Composition waren die Stimmen sehr getheilt: uns\nerschien das erste Allegro als ein schöner, durch die klar gearbeitete\nVerschlingung melodischer Figuren aller vier Instrumente anziehen-\nder Satz, während wir in den drei anderen, namentlich im Inter-\nmezzo und Finale, mehr geistreiche als ansprechende und fesselnde\nMusik zu finden vermochten. Herr F. Breunung trug die Fiano-\nforte-Partie in Fr. Schubert's Trio in B-dur, Op. 99 (mit den\nHerren von König slow und A. Schmit), vortrefflich vor und\närntete einen ungewöhnlich lebhaften Beifall des vollen Saales, den\nsein classisches musicalisches Spiel vollkommen verdiente. Den\nSchluss machte der schöne Vortrag des Quartetts in G-dur: Op. 18\nNr. 2, von Beethoven, welcher das Auditorium ebenfalls zu lau-\ntem Applaus hinriss. Der Allegro-Zwischensatz im Adagio cantabile\ndürfte etwas zu schnell genommen worden sein; wenn er nicht als\neine wunderliche Grille des Componisten erscheinen soll, so muss\nsein Zusammenhang mit dem Adagio und seine Entwicklung aus der\nSchluss-Figur des Adagio's:\ndurch ein rnässi-\nges Allegro vermittelt werden, welches ihm den Ausdruck mehr\neiner zufriedenen, heiteren Stimmung im Gegensatze zu dem Ernste\ndes Lebens, als einer übersprudelnden Lustigkeit verleiht.\nGounod's „Faust\" —wir wissen nicht, warum hier Faust und\nMargarethe\" betitelt macht immer noch volle Häuser.\nF. Hillens „Katakomben\" sind in Bremen bis jetzt zwei\nMal bei überfülltem Hause gegeben und mit enthusiastischem Bei-\nfalle aufgenommen worden."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "72", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630228-01.1.8", "texte": "Ariadne auf Naxos. (Aus dem Deutschen Merkur von\n1775.)*) . . . . Seit dem Februar sind bei der Seiler'schen Gesell-\nschaft eine neue komische Oper von Herrn Gott er und zwei lyri-\nsche Dramen mit Accompagnement einstudirt worden. Der „Ariadne\naufNaxos\" habe ich schon gedacht, es sei mir aber vergönnt, noch\nein paar Worte von der Gattung überhaupt zu sagen. Rousseau hat\nsie durch seinen Pygmalion veranlasst, durch den er uns es zeigen\nwollte, wie die Declamation der -Alten beschaffen gewesen. Allein\ngewiss wurden die Worte in den griechischen Trauerspielen mehr\ngesungen als gesprochen, und die Musik diente damals dazu, die\nStimme der Schauspieler zu unterstützen, nicht aber die Empfindun-\ngen, wie hier, in den Pausen weiter auszumalen und zu verstärken.\nDiese neue Gattung lässt daher nur sparsam den Dialog zu, weil,\nsobald zwei Personen sich mit einander besprechen, die Ideen fort-\nströmen und die Handlung zu rasch fortrückt. Der Sujets werden\nalso auch sehr wenige sein, die sich auf diese Art behandeln lassen.\nAriadne ist vielleicht eines der glücklichsten, die man dazu finden\nkann. Die Leidenschaft ist nicht vom Anfange in vollem Ausbruche,\nsie steigt nach und nach, und die Handlung schliesst malerisch und\nrührend mit dem Herabstürzen der Ariadne ins Meer. Herr Brandes\nfand die Geschichte vom Herrn v. Gerstenberg schon bearbeitet, aber\nCantate und Drama sind sehr verschieden. Herr Brandes hat auf\ndiesen Unterschied Rücksicht genommen, aber vielleicht doch nicht\ngenug. Man erfahrt zu wenig von den Ursachen, wesswegen Theseus\ndem Verlangen der Griechen seine Neigung opfert. Die Klagen der\nAriadne sind ein wenig zu lang und verfallen zu sehr in den Ton\nder Elegie. Sie würden vielleicht ermüden, wenn der Componist,\nHerr Capell-Director Ben da, nicht den glücklichen Einfall gehabt\nhätte, ein Violin-Solo dazu zu setzen, und wenn dieses von seinem\nSohne nicht so meisterlich gespielt würde. Medea ist das zweite\nin dieser Gattung. Die erste Vorstellung geschah zu Leipzig am 2.\nMai. Madame Seiler erschöpfte, oder wie die Franzosen sagen: de-\nployirte in diesem Stücke ihre ganze Kunst in Declamation und\nPantomime. Herr Benda hat auch zu diesem Stücke die Accom-\npagnements gesetzt, die von Kennern und Liebhabern der Musik\nganz vortrefflich gefunden werden.\nBei*liil. Der königliche Hof-Musikhändler G. Bock beging\nam 27. Januar sein fünfundzwanzigjähriges Geschäfts-Jubiläum und\nhatte sich an diesem Tage vielseitiger Aufmerksamkeiten aus mili-\ntärischen und künstlerischen Kreisen zu erfreuen. Der Commandant\ndes Invalidenhauses, General-Lieutenant v. Maliszewsky, überreichte\ndem Jubilar mit seinem Glückwunsche ein Schreiben Sr. K. Hoheit\ndes Kronprinzen. Im Namen der berliner Künstler überreichte der\nkönigliche Capellmeister Dorn dem Jubilar eine geschmackvoll aus-\ngeführte Gratulations-Adresse. Das Personal der Handlung brachte\nals Festgabe einen von einer Adresse begleiteten silbernen Tafel-\nAufsatz mit der Inschrift der Geschäftsgenossen vom Jahre 18-38 an.\nDer Musik-Director W. Wieprecht in Berlin feierte am 2. d.\nMts. den fünfundzwanzigsten Jahrestag seiner Ernennung zum Di-\nrector der gesammten Musikchöre des Gardecorps und hatte sich\ngrosser Auszeichnungen zu erfreuen. Die Musikmeister der Armee\nüberreichten ihm einen herrlichen silbernen Pocal; ein gleiches Ge-\nschenk hatte Prinz Albrecht von Preussen entsandt.\nFreitag den 13. Februar sang Herr Theodor Wachtel im\nOpernhause den Arnold in Rossini's „Teil\". Der berühmte Künstler\nhat seine Verbindlichkeiten in Kassel endlich glücklich gelöst und\nsich somit die Pforten aller Bühnen wieder eröffnet. Sein Arnold\nhatte den mächtigsten Erfolg. Herr Wachtel wird zunächst in der\n„Favorite\", dann in den „Hugenotten\" und im „Prophet\" singen. Es\nist die Rede davon, ihn hier zu engagiren.\nIn Kroll's Theater hat die neue Oper „Die Fischer von Catania\"\nvon dem Componisten der beliebten Oper „Das Glöcklein des Ere-\nmiten\". einen schlechten Erfolg gehabt. Doch trifft die Schuld nicht\ndie mitunter sehr hübsche, ansprechende Musik, sondern das höchst\nlangweilige Libretto.\nHaiizig* Herr Niemann, hannoverscher Hof-Opernsänger,\nder zu einigen Gast-Vorstellungen auf der hiesigen Bühne engagirt\nist, begann dieses Gastspiel mit der Darstellung des Joseph in der\nOper „Joseph in Aegypten\" von Die Romanze „Ich war\nJüngling noch an Jahren\" wurde vom Publicum mit ungetheiltem\nBeifalle aufgenommen, der sich im weiteren Verlaufe, bis zum En-\nsemble im dritten Acte, wo Herr Niemann so recht seine Stimm-\nmittel entwickelte, fortwährend steigerte. Auch das Spiel liess den\nechten Künstler erkennen.\nHerr Karl Caffieri, vom Hoftheater zu Wiesbaden, einer der\nbesten Tenöre, welche die musicalische Welt jetzt besitzt, ist für\ndie Saison der italiänischen Oper am Coventgarden-Theater zu\nLondon engagirt.\nBrauiisclrweig. Hier ging Julius Benedict's Oper „Die\nRose von Erin\" (Lily of Kilarney) zum ersten Male über die deut-\nsche Bühne, eine Oper, die sich bekanntlich in London durchgrei-\nfender und andauernder Erfolge zu erfreuen gehabt hat. Demnächst\nsoll dieselbe in Hamburg und Stuttgart zur Aufführung kommen.\n*) Vgl. „Die Instrumental-Musik zum Drama\" in Nr. 6."}]}