{"numero_id": "bm-bmtnabi-1863-03-21-01", "volume": "bmtnabi_1863-03-21_01", "ocr_sha256": "b41667ad1f6a956322f4ae864ecabb93b2f2e6c3d0f57a7ec2bec023b02793c9", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1863/03/21_01/bmtnabi_1863-03-21_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630321-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1863-03-21-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1863-03-21_01#c001", "volume": "bmtnabi_1863-03-21_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "89", "page_fin": "89", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630321-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "89", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630321-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 494, "texte": "Inhalt.\nAus Frankfurt am Main (Sinfonie von J. 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Rietz; Messe in D, Requiem für gemischten\nChor, Sinfonie in D von Cherubini; Lauda Sion von Mendels -\nsöhn; Violin-Concert von Joachim; der Violoncellist B. Coss-\nmann; die Pianistin Fräulein Luise Hauffe.)\nIhr Correspondent aus dieser Mainstadt hat sich dies-\nmal einer ungewohnten Saumseligkeit anzuklagen. Man-\ncherlei Gründe jedoch, darunter auch solche, die wochen-\nlang zu geistiger Unthätigkeit zwingen, werden ihn ent-\nschuldigen. Andererseits will es ihm auch scheinen, als ob\nsein Mittheilungs-Vermögen mehr und mehr im Abnehmen\nbegriffen sei, woran keineswegs die auf dem Rücken ha-\nbenden Jahre, die ihm Gottlob in keiner Weise noch be-\nschwerlich werden, vielmehr die höchst unerfreulichen,\nwirren Zustände und Verhältnisse in der Kunst und Kunst-\nwelt die Schuld tragen. Indess ich bin nicht gewillt, im\nWinde verhallende Klagen, wohl aber einen Bericht über\nmehrere in den Monaten Januar und Februar in unserem\ngrossen Concertsaale zu Gehör gebrachte Werke nieder-\nzuschreiben, die theils zu den neuen Producten der Zeit,\ntheils der früheren Epoche angehören, dennoch aber so\ngut als neu sind, die auch hierorts als Unbekannte erschie-\nnen und alles, was Interesse für Tonkunst hat, anzuregen\nund zu Urtheilen aufzufordern geeignet waren. Es sei\ndemnach gestattet, auch unsere Stimme in diesem Chorus\nhören zu lassen.\nVorübergehend an zwei für unser Publicum neuen\nOuvertüren von Gade, die beide einen sehr ruhigen Ver-\nlauf gehabt, wollen wir uns sogleich zur Aufführung der\nSinfonie in Es-dur von Julius Rietz wenden, die am\n16. Januar im Museum Statt gefunden. Auf dieses Werk\ndes hier nicht unbekannten Componisten war Seitens des\nVorstandes einiges Vertrauen gesetzt, als könne und werde\nes nicht bloss flüchtige Beachtung, wohl aber laute Wür-\ndigung finden. Allein ungeachtet sorgfältigster Feile, so-\nnach vortrefflicher Ausführung, ward das Werk in allen\nseinen Theilen ohne einen Beifallslaut aufgenommen, ja,\nes ward mit einem Uebermaass von Strenge beurtheilt,\ndie es dem Vorstande räthlich machte, das Auditorium mit\nkeiner Sinfonie aus der jüngsten Epoche mehr in der lau-\nfenden Saison in Versuchung zu führen. Wodurch mag\nwohl diese Rietz'sche Sinfonie solch' rigorose Beurtheilung\nhervorgerufen haben? Wenn die Haupt-Eigenschaft eines\nsinfonischen Werkes ein allgemeines Interesse zu erwecken\nvermögender Grundgedanke sein soll, es gehöre derselbe\ndem Bereiche des Idyllischen, Heiteren, Grossen, Erhabe-\nnen oder Feierlichen an, so vermisst man einen solchen in\ndem Werke des dresdener Hof-Capellmeisters; wohl trägt\nes den Charakter des Ernsten, dem jedoch der erforder-\nliche Wechsel von Licht und Schatten abgeht, daher Mo-\nnotonie die unvermeidliche Folge und Langeweile die un-\nausbleibliche Wirkung sein wird. Das, was der Componist\nAchtungswerthes an Beweisen angewandter Kunstmittel\nin Harmonie, Rhythmik und geschickter Anwendung aller\nInstrumente geleistet, womit sich der gebildete Zuhörer\noft begnügt, das überhört ein gemischtes Publicum gänz-\nlich, dem allein ein ausgeprägter, die Phantasie leicht er-\nregender Grundgedanke, mit der gehörigen Dosis von Spi-\nritus verarbeitet, imponirt. In dem in Rede stehenden\nWerke, den vierten Satz ausgenommen, geht Alles an-\nscheinend mit so absichtlicher Ruhe, vermischt zuweilen\nmit unverkennbarem Phlegma, her, wie dergleichen am\nallerwenigsten in der Sinfonie Platz finden soll. Sogar das\nScherzo bietet keine Entschädigung für das bis dahin Ver-\nmisste; obendrein gefällt es dem Componisten, auch die-\nsen Satz ohne kraftvollen Abschluss hören zu lassen, um\nso sonderbarer, da Rietz als erfahrener Orchester-Director\nunbezweifelt die äusserlichen Hebel kennt, von denen sich\njegliches Publicum am liebsten bewegen lässt.\nFügung des Zufalls war es, dass der Monat Februar\nvon unseren drei Conservatorien hauptsächlich dem An-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "90", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630321-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5474, "texte": "denken Cherubini's gewidmet war, und zwar führte der\nCäcilien-Verein am 9. dessen Messe in auf; dieser\nFeierlichkeit folgte schon am 23. der Rühl'sche Verein\nmit dem Requiem für gemischten Chor, und am 27. Fe-\nbruar brachte das Programm zum Museums-Concerte\ndie einzige von Cherubini geschriebene Sinfonie, die bis\nzu diesem Tage noch Manuscript geblieben.— Der Messe,\ndie im letzten Jahrzehend wiederholt in den Concerten des\ngenannten Vereins mit Clavier-Begleitung und ganz unge-\nnügenden Solostimmen gesungen worden, widerfuhr dies-\nmal die gebührende Achtung, mit vollständigem Orchester\nund ausgezeichneten Solostimmen ausgeführt zu werden.\nDieser Umstand stempelte das kolossale Werk (dieses\nEpitheton sei auf dessen ungeheuerliche Dimensionen, nicht\nminder auf die enorme darin niedergelegte Kunstwissen-\nschaft bezogen) zu einem fast ganz neuen. Selbst Ihr Cor-\nrespondent muss gestehen, diese Messe zum ersten Male\nin ihrer Vollständigkeit gehört zu haben, denn eine einzige\nvor ungefähr vierzig Jahren in der Augustiner Hofkirche\nzu Wien Statt gehabte Aufführung davon hatte sich bis\nauf die Thalsache in meiner Erinnerung verwischt; eben\nso wüsste ich nicht mehr zu sagen, ob das Werk vollstän-\ndig oder nur in einigen Theilen zur Aufführung gekom-\nmen. Wenn ich voraussetzen darf, dass vielleicht doch\neinem kleinen Theile der zahlreichen Verehrer des grossen\nfranzösischen Tonmeisters bekannt geblieben, was die\ndeutsche Kritik vor länger als einem Menschenalter den\ndrei grossen Cherubinischen Messen in und die\nin kurzen Zwischenräumen an einigen Orten zur Auffüh-\nrung gelangten, bei aller Würdigung derselben als grosse\nKunstwerke entgegengestellt hat, so darf ich auch wagen,\neinige kritische Anmerkungen über die Messe in hier\nniederzuschreiben; ausserdem wäre es gerathener, zu\nschweigen, um nicht solchen Bewunderern dieses Compo-\nnisten Aerger zu verursachen, die sogar die Gedankenspäne\nihres Kunstheiligen für unantastbar, für classisch erklären,\nspeciel aber von katholischer Kirchenmusik Alles in Allem\nhöchstens sechs Werke und diese nur aus dem Concert-\nsaale kennen, nicht aber aus der Kirche in Verbindung\nmit der gottesdienstlichen Handlung, wo allein das wahre\nVerdienst des Componisten in dem Maasse der entspre-\nchenden Wirkung auf die der Andacht wegen Dahinkom-\nmenden zu beurtheilen ist. .\nVon vorn herein wird dieses Tonwerk nicht als zum\nGebrauche für den Gottesdienst bestimmt aufzufassen sein.\nGründe hiefür finden sich, wie schon bemerkt, in seinen\nDimensionen, aber auch im Stil desselben. Beide bezeugen\nfast evident, dass es nicht in der Intention des Schöpfers dieser\nMesse gelegen, selbe zur Erhöhung der gottesdienstlichen\nFeier bestimmt zu haben, denn ein festtägiges Hochamt in den\nKirchen Frankreichs gleicht vollkommen einem solchen in\nDeutschland, wird demnach airch im Maasse seiner Zeit-\ndauer überall sich gleichen. Erfährt man, dass und\nGloria aus dieser Messe allein schon über eine volle Stunde\nin Anspruch nehmen und dass zu würdiger Ausführung\ndes ganzen Werkes mehr denn zwei Stunden (mit den\nkürzesten Zwischenpausen) erforderlich sind, so wissen wir\nauch, dass in Verbindung mit der gottesdienstlichen Hand-\nlung das Hochamt mindestens zwei und eine halbe Stunde\nwähren müsste. Solches Uebermaass an Zeitdauer steht\njedoch im Widerspruch mit der wohlbemessenen, von Al-\nters her eingeführten Kirchen-Ordnung in allen Ländern.\nWenn über Beethoven's sowohl hin-\nsichtlich ihrer anderthalbstündigen Dauer beim Ge-\nbrauche in der Kirche, zugleich wegen ihres mehr welt-\nlichen als kirchlichen Charakters ein Streit zulässig und in\nder Sache selbst begründet ist (zu Frankfurt am Main war\nein solcher Streit nach der Aufführung 1855 durch den\nRühl'schen Verein lichterloh entbrannt), so wäre eine der-\nlei Ereiferung über diese Messe Cherubini's unter Sach-\nkennern gar nicht denkbar, weil diese beiden Streitpunkte\ndurch ihr Gepräge vorweg entschieden sind. Dass der\ndeutsche Meister bei Conception seiner Messe zunächst an\ndie Kirche gedacht hat, steht geschichtlich fest; eben so\nist es bei unbefangenen Beurtheilern seines Werkes aus-\ngemacht, dass mehrere Theile desselben, als:\ntollis, Et incarnatus est, Sanctus und Agnus mit Dona,\nbis zum Allegro assai,S. 262 Partitur, einen wahrhaft\nkirchlichen Charakter (versteht sich im Sinne der neueren\nKirchenmusik) tragen, wohingegen über einige der ande-\nren Theile der Discussion Kaum gegeben wird, sich—im-\nmer. nur mit Rücksicht auf den Gottesdienst für oder\nwider auszusprechen. Der französische Meister aber ge-\nbraucht nur zu offenbar die heiligen Worte des Messe-\nTextes zur Hervorbringung eines Werkes für den Concert-\nsaal, denn wie in der ganzen Composition Spuren von re-\nligiöser Begeisterung nicht zu entdecken, so wird auch der\nZuhörer in keinem Augenblicke angeregt, an die Kirche\nzu denken, weil ihn in allen Theilen, in denen die freie\nSchreibart vorwaltet, vorzugsweise aber in den All egro-\nSätzen, der Reiz prachtvollen Instrumentenspiels befangen\nmacht, wodurch derselbe unfähig wird, einen anderen als\neinen sinnlichen Maassstab an das Gehörte zu legen. Aus\ndiesem Grunde wird diese Messe nicht auf gleiche Stufe\nmit irgend einem geistlichen Oratorium zu stellen sein,\nwobei meines Erachtens die Spohr'schen Oratorien\nzunächst in Betracht kommen sollen. Gleiche Gründe ge-\nben den Maassstab bei Beurtheilung der kleinen Kirchen-\nCompositionen von Cherubini, die vor dreissig Jahren der\nVerleger Diabelli in Wien sämmtlich in Partitur heraus-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "91", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630321-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5519, "texte": "gegeben bat. In allen bekundet sich der grosse Opern -\nComponist. Wer vermöchte z. B. das (für\nChor und Orchester) so bar aller religiösen Stimmung zu\nPapier zu bringen, als wir es von Cherubini besitzen?\nWie erhaben über solche allerdings wohlklingende Ver-\nstandes-Musik eines Katholiken stehen nicht die Protestan-\nten S. Bach, Naumann, Andre, Friedrich Schneider u. A.\nin ihren Messen für die katholische Kirche! Nur dort, wo\nmau die Schätze von katholischer Kirchenmusik, die wir\nMich. llaydn, Eybler, Seyfried, Tomaschek, Witasek, Ett\nu. A. verdanken, nicht kennt, deren Bekanntschaft sich\naber nicht im Concertsaale machen lässt, wird man zu so\nverkehrten Urtheilen kommen, denen man in einigen frank-\nfurter Blättern über diese Cherubini'sche Messe begegnet.\nEs gibt dergleichen wiederum den Beweis, dass Beurthei-\nler, die von dem Ruhme ausgezeichneter Tonsetzer und\nder Vorzüglichkeit ihrer Leistungen in einem Fache musi-\ncalischer Composition geblendet sind, alles für gross, er-\nhaben, himmlisch halten, was von demselben ausgeht,\nwäre es auch oft das pure Gegentheil*).\nAus Vorstehendem ist schon zu ersehen, wie leicht es\nCherubim mit Auffassung kirchlicher Texte im Allgemei-\nnen genommen hat, gewiss leichter, wie mit Opern-Texten.\nAuffassung und Behandlung des Textes vom Credo in der\nfraglichen Messe mag dem Auge des Verständigen etwas\nnäher gerückt werden. Bekanntlich bietet dieser Theil des\nMesse-Textes vorzugsweise grosse Schwierigkeiten dar.\nVor Allem hat der Componist zu beachten, dass die an-\nwesende Gemeinde vereint das Glaubensbekenntniss betet.\nDas wird ihm Fingerzeig sein, den Text im Ganzen der\nGemeinde in den Mund zu legen und nur aus Rücksicht\naul Colorit und Mannigfaltigkeit in dem Tongemälde stel-\nlenweise Solostimmen mit dem Chor abwechseln zu lassen.\nZu einer Modificirung des gewählten Zeitmaasses ergibt\nsich nur das Et incarnatus est bis Et resurrexit als ge-\neignet. Dem Geiste dieser Worte gemäss findet sich deren\nBehandlung bei den Tonsetzern aller Epochen gleich, wie\nüberhaupt alle sich bestrebt haben, den Text des Credo\nvon Zerstückelung fern zu halten. —ln der in Rede stehen-\nden Messe findet sich das wesentlich anders. Der Chor be-\nginnt den Satz Allegro und singt ihn cursorisch durch bis\nzum Et incarnatus est,wobei sich verschiedene bei Cheru-\nbini öfter vorkommende Störungen im Gebrauche des Syl-\nV-> — KJ W\nbenmaasses, als: Deum verum, filius u. s. w. bemerkbar\nmachen. In die Textes-Stelle bis zu\nhomo /actus esttheilen sich sechs Solostimmen im Tempo\n„Sostenuto assai\", da hingegen die folgenden Worte: Cru-\ncifixus bis einschliesslich sepaltus est in demselben Zeit-\nmaasse vom Chor gesungen werden. Hierbei hat der Com-\nponist nach einem Effect gestrebt, der am wenigsten in\nKirchenmusik passend ist. Sämmtliche Chorstimmen singen\nnämlich diese Worte mit dem Tone e piano, während die\nSaiten-Instrumente, gleichsam arabeskenartig und in man-\ncherlei Tonarten ausweichend, dieses e umschlingen—ein\nKunststück, wenn es ja noch so zu nennen, das an jener\nStelle nur zu beklagen ist. — Beim tritt wie-\nder der Chor in aller Stärke ein und singt bis non erit finis.\nDie folgende Textes-Stelle Et in spiritum sanctum bis zum\nSchiussworte Amen singt ein Quartett. Gerade in dieser\nnicht kurzen Stelle häufen sich die Schwierigkeiten für\nden Componisten, wenn er sich nicht bloss von den Wor-\nten, aber auch von seiner Begeisterung fortreissen lassen\nund unkirchlich oder wohl gar llach werden will, was so\nmanchem tüchtigen Tonsetzer schon geschehen. Cherubini\nweicht allen diesen Gefährlichkeiten damit aus, dass er\nsein Quartett im Tempo Larghettsingen lässt. Dadurch\nwird der Begeisterung ein schwerer Hemmschuh ange-\nlegt. Er lässt ferner die vier Solostimmen meist nach einan-\nder erklingen und, was am seltsamsten, die Worte:\nunam sanetam catholicam et apostolicam ecclesiam, singt\nder Tenorist in einer wahrhaft ordinären Ton-Phrase!\nNachdem die vier Stimmen auch das genugsam hö-\nren gelassen, ergreift es der Chor zu einer gewaltigen Fuge\nmit einem chromatischen Motiv von vier Tacten, <7, fis, f, e,\ndas sich zur Umkehrung, Verlängerung und sonstigen im\nFugenbau zur Anwendung kommenden Beweisen von Ge-\nlehrsamkeit des Componisten leicht gebrauchen lässt.\nIst es denn aber nicht Frevel, solcher Geringfügigkei-\nten in dem Werke eines grossen Componisten zu erwäh-\nnen, nicht vielmehr, Anderen gleich, Alles darin gross,\nerhaben, himmlisch zu finden? Wäre ich um vierzig Jahre\njünger und zählte ich gleichfalls zu den Cherubini-Enthu-\nsiasten ä tout prix,ich würde es wahrscheinlich selber da-\nfür halten; allein ein Musiker in meinem Alter, der sich\nnoch vollkommen gesunder Sinne und der Empfänglichkeit\nfür alles wahrhaft Gute und Schöne bewusst ist, welchen\nNamen es auch tragen und welcher Epoche es immer an-\ngehören mag, der nimmt sich zuweilen mehr heraus, als\nandere Menschenkinder, und erlaubt sich, etwas abwei-\nchender Meinung zu sein. Aus diesem Grunde wird er\n\n*) Mit Besonnenheit urtheilt allein Didaskalia über diese\nMessj. Der Referent sagt unter Anderem: „Wenn in dieser\nMesse eine gerade diesem Meister sonst ganz fremde Breite,\ndie sich in öfteren, nichts Neues sagenden Wiederholungen\nkundgibt, auffällt, wenn zuweilen eine dem edlen, einfachen\nStile Eintrag thuende Ueberfülle in der Harmonisirung, ja, an\neinzelnen Stellen ein allzu weltliches Klingen sich geltend\nmaebr, so bleibt doch immer so viel des Herrlichen und Schö-\nnen, dass für die Kritik in diesen Blättern Schweigen als ein\nRecht beansprucht werden darf.\"\n[*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "92", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630321-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5530, "texte": "noch eines anderen wichtigen Punktes, dieses Cherubini-\nsche Werk betreffend, erwähnen. Es ist wohl begreif-\nlich, dass, wenn der Componist sich in so breiten Dimen-\nsionen ergeht, wie oben schon gezeigt, er genöthigt wird,\ndas Capitel von der Lehre der Modulation, resp. ihres Ge-\nbrauches, fast zu erschöpfen. Hübsch in der gewählten\nHaupt-Tonart zu verbleiben und nur die verwandten\nKlangfarben zum Ausmalen seines Gemäldes zu gebrauchen,\nwie man dies Beethoven in seiner Missa solemnis nach-\nrühmen muss, war in unserem Falle auch noch auf Grund\nder vielen Zerstückelung der Sätze Gloria und Credo eine\nselbst für einen Cherubini schwer zu lösende Aufgabe.\nWenn sich z. ß. das Gloria in so vielen „nichts Neues sa-\ngenden Wiederholungen\" kund gibt, um den Satz bis auf\ndrei Viertelstunden Dauer auszudehnen (das Qui tollis wech-\nselt sechs Mal die Bewegung und kehrt darunter drei\nMal zum Tempo primozurück), so kann dies selbstver-\nständlich nur mittels unzähliger Modulationen bewerkstel-\nligt werden. Am reinsten, weil frei von modulatorischen\nAbsonderlichkeiten, ist der Stil im Benediclus_, das sich in\neinem natürlichen Flusse bewegt und dadurch wohlthuend\nwirkt. Könnte ein solches Superplus oder auch Meer von\nModulationen in der freien Schreibart noch zu ertragen\nsein, in der Fuge ist es dies schlechterdings nicht, und\ngerade hierin hat Cherubini jede auch in der Natur be-\ngründete Regel in Rücksicht auf Klarheit und Verständ-\nlichkeit gewiss im vollsten Bewusstsein ausser Acht\ngelassen. Aber Cherubini war ja mit Recht der gefeierte\nDirector einer Musikschule, in welcher Reicha's berühmte\nLehre von der Fuge als Leitfaden gedient hat!—So wer-\nden wir z. B. im ersten Theile der Fuge zum Gloria,\nHaupt-Tonart B-dur, durch eine Menge präcipitirter Mo-\ndulationen bis nach Fis-dur geführt und zehn Tacte lang\nauf dieser Bergeshöhe gehalten (Orgelpunkt eis), bis das\nHeruntersteigen über Fis-moll beginnt. Im zweiten Theile\ndieser ungeheuer gelehrten Fuge führt uns der Componist\nnach B-durhinab, und lässt uns nach eben so langem\nAufenthalte dort unten, wie vordem auf über\nmoll wieder in das freundliche Thal B-dur hinaufsteigen*).\nWer im Stande wäre, ohne vorheriges Studium dieser\nFuge jede ihrer Modulationen sofort mit Sicherheit zu\nnennen, verdiente, von der Universität zu Oxford zum\nDoctor doctissimus in Musica creirt zu werden. Bekannt-\nlich ist diese Universität die einzige in Europa, die Musik-\nDoctor-Diplome ertheilt. Und wir Kritiker wollen die Com-\nponisten unserer Tage ob des angewandten Superplus an\nModulationen in ihren Arbeiten tadeln!? Wolle man doch\nbedenken, dass unsere Zeit ausser der Oper „Der Was-\nserträger\", dann den Ouvertüren und drei Streich-Quar-\ntetten nichts Anderes mehr von Cherubini kennt! Dass\nhierorts 1860 die Oper „Faniska\" wieder einige Vorstel-\nlungen erlebt und nun die Messe in D vollständig zur\nAusführung gekommen, ist eine Ausnahme von der Regel.\nWie will man sonach seiner Muse Universalität zuerkennen\nund sie in allen Beziehungen der unserer drei Heroen\ngleichstellen ?\nAuffallend erscheint es, über die Zeit des Entstehens\ndieser Messe in Felis' Biographie\ngar nichts Näheres zu finden, während doch über die drei-\nstimmige in Fund über die Krönungsmesse in die ge-\nschichtlichen Daten dort nicht fehlen. Eine Aufführung\nder Messe in D scheint wohl in Paris niemals Statt ge-\nfunden zu haben, wenigstens vollständig nicht; wie und\nwo auch, wenn wir ihren Umfang betrachten?\nDer Aufführung dieses in vt>caler wie orchestraler\nHinsicht eben so schwierigen wie in Bezug der erforder-\nlichen Schattirung sehr delicaten Werkes in unserem Con-\ncertsaale muss nach jeder Seite hin mit dem grössten\nLobe gedacht werden. Vor Allem gebührt Herrn Musik-\nDireclor Müller gerechte Anerkennung; er war in der\nThat an diesem Abende die Seele des Ganzen. Die Haupt-\nSolostimmen befanden sich in den Händen der Frau Zick-\nwolf, Mitglied des Cäcilien-Vereins (Sopran), des Fräuleins\nSchreck aus Bonn (Alt), dann der Herren Brandes aus\nKarlsruhe (Tenor) und Hill (Bass) von hier. Ueber dem\nGanzen waltete eine Weihe, wie sie nur selten in solchem\nGrade getroffen wird. Nun wäre es in vieler Beziehung\nerwünscht, der conservative Verein machte sich alsbald an\ndas Studium der Krönungsmesse, über deren Charakte-\nristik Fetis sich also äussert: „Diesem Werke hat Cheru-\nbini aber einen so grossartigen Charakter gegeben, dass\nes als ein monumentales für ewige Zeiten dasteht durch\nGrösse und Erhabenheit der Gedanken, Tiefe der Auffas-\nsung, Adel des Ausdrucks, Reichthum und Pracht der\nHarmonie und Klangfarben und durch leuchtende Klarheit\nin allem Polyphonen und Harmonischen.\" Selbstüber-\n\n*) Ausser den Fugen zum Gloria und schliesst auch das\nviertheilige Kyrie mit einer langen Fuge, und Dona nobis\npacemist gleichfalls eine Fuge. Eine andere Messe mit einer\ngleichen Anzahl vollständiger Fugen, wovon jede von ausser-\nordentlicher Gelehrsamkeit des Autors Zeugniss gibt, dürfte\nwohl nicht wieder existiren. Jedoch, auch diese Anzahl von\nFugen zählen wir ungescheut zu dem Superplus, womit dem\nsachkundigen und aufmerksam die Dinge verfolgenden Zuhörer\narg zugesetzt wird. Von der Fuge zum lässt sich mit\nweit mehr Recht sagen, was Meister Cherubini 1806 über Beet-\nhoven's Ouvertüre zu Fidelio gesagt hat, dass er nämlich we-\ngen Bunterlei an Modulationen darin die Haupt-Tonart nicht\nzu erkennen vermochte. Dieses Urtheil Cherubini's ist in die-\nsen Blättern bezweifelt worden; es beruht jedoch auf Wahr-\nheit und wird von noch lebenden Gewährsmännern beglaubigt\nwerden."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "93", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630321-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 85, "texte": "Zeugung wird gerathen sein, ob dieses Urtheil in allen\nStücken wahr.\n(Schluss folgt.)"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1863-03-21-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1863-03-21_01#c003", "volume": "bmtnabi_1863-03-21_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "93", "page_fin": "95", "image_debut": 5, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630321-01.2.3", "titre_corps": "Ferdinand Hiller und seine neue Oper.", "titre_sommaire": "Ferdinand Hiller und seine neue Oper.", "signature_source": "F. Pletzer", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "93", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630321-01.1.5", "debut_caractere": 87, "fin_caractere_exclue": 5193, "texte": "Ferdinand Hiller und seine neue Oper.\nVon F. Pletzer.\nBremen, den 11. März 1863.\nFür die Besprechung der Oper „Die Katakomben\"\nvon Ferdinand Hiller haben wir die dritte Aufführung\ndes Werkes abgewartet, um mit demselben immer mehr\nvertraut zu werden und so den festen Boden für ein ein-\ngehendes Urtheil zu gewinnen. Wir haben die bisherigen\nDarstellungen mit Interesse verfolgt und den Clavier-Aus-\nzug der Oper durchgesehen. Allerdings gehören „Die Ka-\ntakomben\" zu denjenigen Tondichtungen, auf welche die\nvielfach missbrauchte Regel, dass man erst nach mehrma-\nligem Hören urtheilen dürfe, im vollsten Maasse Anwen-\ndung findet. Diese Forderung bietet sich ungemein bequem\ndar, um Mittelmässiges und Hohles, das sich die Miene\ngibt, gross zu sein, vor den scharfen Streiflichtern der Kri-\ntik zu bewahren. Die Erfahrung beweist, dass dieses Ver-\nlangen ganz besonders dringend von solchen Componisten\ngestellt wird, denen ihr eigenes Gewissen sagt, dass die\nLeute eigentlich mit dem besten Willen aus ihren Werken\nbei wiederholtem Hören nicht mehr heraushören können,\nals beim ersten: nämlich, weil überhaupt nichts darin ist.\nDa sieht es denn der Menge gegenüber immerhin nach\netwas aus, wenn einer ungünstigen Kritik, welche sich\nungenirt hervorwagt, erwidert wird, es sei ungerecht, so\nrasch abzuurtheilen.\nBei der Oper Hiller's steht die Sache aber in Wahr-\nheit anders. Der Stoff sowohl als die Ausführung dessel-\nben durch den Componisten geben so viel zu denken und\nhaben so viel Eigenartiges, so manche Abweichung von\nden breitgetretenen Wegen, dass der erste Gesammt-Ein-\ndruck bei näherer Bekanntschaft die vielfachste Berichti-\ngung erhält. Obwohl der Componist nicht nach blendender\nOriginalität hascht und dadurch den Zuschauer so fremd-\nartig berührt, dass er sich nicht zurechtzufinden vermöchte,\nso hat er doch so viel interessante Selbstständigkeit, dass\nman sich von der Stimmung, mit welcher man im Uebri-\ngen heutzutage einer neuen Oper entgegen zu treten pflegt,\nlosmachen muss. Wir wollen, um deutlicher zu sein, einen\nVergleich aus der Gegenwart heranziehen. Der „Faust\"\nvon Gounod und „Die Katakomben\" von Hiller sind Pro-\nducte unserer Zeit, stehen insbesondere bei uns hart neben\neinander, sind auf demselben Boden der heutigen Opern-\nmusik, welche alle Fortschritte und Consequenzen der\nEntwicklung der dramatischen Musik benutzt und gezo-\ngen hat, erwachsen, sind beide Werke, die als werthvoll\nund bedeutend anzusehen sind. Und wie unendlich ver-\nschieden sind diese Opern, wie charakteristisch hebt sich\nin ihnen der Gegensatz des französischen und des deutschen\nStils ab! Oder richtiger, der Gegensatz des französischen\nund des deutschen Meisters, denn von einem einheitlichen\nund festen Stil kann bei Gounod nicht die Hede sein. L)er\npariser Componist findet mit der Gewandtheit und Leicht-\nlebigkeit seines Stammes rasch die Stellen und Seiten her-\naus, mit denen eine gute Wirkung, ein glücklicher Effect\nzu erreichen ist, und bringt denselben dann geschickt zum\nAusdruck, so dass er sofort den 'Zuhörer gewinnt. Dieser\nfindet sich angenehm angeregt, indem er einfach und naiv\ngemessen kann, ohne dass man ihm zumuthet, nachzuden-\nken. Auch wo von Rechts wegen etwas Tiefe sein sollte,\nwird er glatt darüber hinweggehoben, indem Gounod ge-\nrade nicht zu denjenigen gehört, die „in der Wesen Tiefe\ntrachten\". Dabei ist er aber ein so guter Musiker, dass er\nalles vermeidet, was ihm den Vorwurf der Gewissenlosig-\nkeit oder der affectirten Uebertreibung zuziehen könnte.\nIm Ganzen hat der Zuhörer das Gefühl, dass er sich in\nguter und anständiger Gesellschaft befindet, bei der er sich\nnicht compromittirt, der er sich vielmehr mit Behagen und\nohne grosse Gewissensbisse hingeben kann.\nWenn aber die Kritik, welche jede neue Erscheinung\nmit Ernst und unparteiischer Ruhe zu prüfen hat, dem\nfranzösischen Componisten, so gern sie ihn mit seinem\nWerke willkommen heisst, die Schwächen und das Unzu-\nlängliche aufweisen und rügen muss, so hat sie dagegen\nden deutschen Meister freudig zu begrüssen wegen seiner\nernsten und würdevollen Haltung, die man um so höher\nschätzt, je näher man seine Oper kennen lernt. Die Vor-\nzüge und Schönheiten derselben liegen durchaus nicht auf\nder flachen Hand; ihre besten Eigenschaften sind nicht\nkokett herausgeputzt und so an die Oberfläche gebracht,\ndass man ihrer im ersten Augenblicke gleich habhaft würde\nund sie bequem mit sich nach Hause tragen könnte. Hiller\nwill seine Zuhörer nicht bloss einige Stunden lang ange-\nnehm unterhalten; es ist nicht damit abgethan, dass die\nLeute sich behaglich im Sperrsitz ausstrecken, eine pikant\nzurecht gemachte Handlung mit ganzem Auge ansehen\nund mit halbem Ohr süsse Melodieen schlürfen. Es wird\nvielmehr von den Leuten verlangt, dass sie denken, vom\nlandläufigen und hergebrachten Opernstil absehen und sich\nin die Sache vertiefen. Das Denken ist nun nicht Jeder-\nmanns Sache, namentlich nicht eine Beschäftigung, welche\nmit besonderer Vorliebe von der grossen Mehrzahl der\nregelmässigen Theaterbesucher getrieben würde. Bei Gou-\nnod geniesst man den Teufelsspuk, die Chöre mit viel Blech,"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "94", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630321-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5506, "texte": "die lüsternen Tänze der Damen der Walpurgisnacht, die\nhübschen Gesichter in der Schluss-Apotheose ohne alle\ngeistige Anstrengung. Bei Hiller sind die nach dieser Seite\neinschlagenden ftestandtheile der Oper rein nebensächlich,\nwie sie es im Kunstwerke sein sollen; er verschmäht sie\nnicht in puritanischem Hochmuthe, aber er lässt derglei-\nchen nicht weiter zu, als der Stoff es verlangt, fordert da-\ngegen aber vom Zuhörer, dass er seine ganze Aufmerk-\nsamkeit der Musik selbst zuwende. Das französische Werk\nwird man immer gern hören, das deutsche mit jedem Male\nhöher schätzen.\nAuf die Parallele, welche wir so eben aufgestellt ha-\nben, legen wir keinen grossen Werth, wissen vielmehr\nsehr gut, dass sie, wie alles dergleichen, ein wenig hinkt.\nAllein sie kann doch dazu dienen, unsere nächsten Leser\nin ihrem Urtheile, wenn es anders mit dem unserigen über-\neinstimmt, zu befestigen, die entfernteren aber, welche die\nHiller'sche Oper nicht kennen, einiger Maassen zu orien-\ntiren. Es sollte uns freuen, wenn dadurch etwas zur Ver-\nbreitung dieses Werkes beigetragen würde. Allerdings sind\nbei dem Schicksal deutscher Opern die Bühnen-Leitungen\nin weit höherem Grade eine entscheidende Instanz, als man\nglaubt. Die mit aller» Mitteln reichlich ausgestatteten In-\ntendanzen der Hofbühnen nicht nur, sondern auch Direc-\ntionen städtischer Bühnen, wenn sie ernsten Kunstsinn und\nwahre Liebe zum Guten haben, können unendlich viel thun\nfür Unterstützung und Beförderung der musicalischen Pro-\nduetion. Man sagt wohl, der Geschmack der Masse neige\nsich besonders dem Mittelmässigen und Schlechten zu, er\nzwinge die Vorsteher der deutschen Theater, denselben\nWeg zu gehen. Das ist aber nur halb wahr; es ist ganz\nwohl ausführbar, wie gerade in diesem Augenblicke die\nhiesige Bühne beweist, das Gute zu fördern und die Gu-\nten lür dasselbe zu gewinnen. Die Directoren und der Ca-\npellmeister wissen recht wohl, dass der Faust ihnen weni-\nger Mühe macht und mehr Geld einbringt, als die Kata-\nkomben lliller's, aber sie haben doch nun die Genugthuung,\ndass die Oper des deutschen Meisters grosse, und zwar,\nwas das Entscheidende ist, steigende Theilnahme gefunden\nhat. Selbst der Versuch, das Werk an einem Sonntage zu\ngeben, dessen Publicum am allerwenigsten sich gern mit\nernsten Dingen beschäftigt, ist gelungen.\nDenn ernst müssen allerdings Stimmung und Neigung\nderjenigen sein, welche diese Oper würdigen wollen. Der\nComponist hätte mit leichter Mühe den von Handlung und\nMusik leichtsinnig und frivol denkenden Leuten eine Reihe\nvon Concessionen machen können. Er hat das verschmäht\nund auf die Aussicht, der Masse zu gefallen, verzichtet, um\ndagegen von dem besseren Theile der musicalischen Welt\ndas Zeugniss zu erhalten, dass er ein werthvolles Werk\ngeschaffen hat, dessen treffliche Eigenschaften sich immer\nklarer herausstellen werden, je mehr man sie betrachtet\nund geniesst, das dem Modegeschmack des Tages nichts\nvon der Würde und der Gewissenhaftigkeit des Kunstwer-\nkes opfert.\nVon dem Texte Moriz Hartmann's war schon bei Ge-\nlegenheit der ersten Aufführung der „Katakomben\" die\nRede. Wir haben hier eine der besten Arbeiten vor uns,\neine der wenigen wirklich guten, die deutschen Componi-\nsten zu Gebote gestanden haben. Die heutige Musik ist ja,\nwie neulich näher ausgeführt wurde, zum Glück über den\nunsinnigen Satz hinaus, den die Romantiker aufstellten oder\ndoch guthiessen, dass auf den Text gar nichts ankomme.\nBegabte Dichter halten es jetzt nicht mehr für eine unwür-\ndige Aufgabe, Opernbücher zu schreiben. Julius Rodenberg\nhat für Bott in Meiningen eine „Actäa\" und für Anton\nRubinstein eine „Lalla Rookh\" verfasst, die poetischen,\nselbstständigen Werth haben. Freilich hat Bott aus jenem\nersten Stoffe nichts weiter als eine ganz gewöhnliche Ca-\npellmeister-Oper gemacht, die in Berlin trotz neuer Deco-\nrationen keinen Erfolg hatte, und Rubinstein's Dichtung\nscheint des dramatischen Nervs zu entbehren; indess das\nist eine Sache für sich. Moriz Hartmann's Text-Dichtung\n„Die Katakomben\" ist ein Buch, das in poetischer Stim-\nmung gemacht ist und gewisser Maassen schon „Musik hat\nin sich selbst\". Wir haben dabei nur zwei Bedenken. Zu-\nnächst sind der Stoff' und die ganze Behandlung so ernst\nund streng, dass vom Zuschauer eine von der gewöhnlichen\nund alltäglichen völlig abweichende Stimmung verlangt\nwird. Die Handlung hat etwas, von dem die Leute sagen\nwerden, dass es derbe und spröde sei. Der Gegensatz des\nin Sinnenlust verkommenen Römerthums und des puritani-\nschen Wesens der ersten Christen eignet sich ganz vorzüg-\nlich zum Vorwurf für ein so genanntes weltliches Orato-\nrium, stösst aber auf der Bühne, die ein frisches, volles\nLeben verlangt, auf grosse Schwierigkeiten. Sodann ist\ndoch Lavinia eine Figur, weicher die Sympathie der Zu-\nschauer sich nicht leicht und voll zuwendet. Sie bewegt\nsich zu viel in Gefühls-Aeusserungen, für die man keine\nrechte Theilnahme hat; Weltschmerz und Lebensüberdruss\nsind Kategorieen, die unsere realistische Zeit nicht mehr\ngelten lässt, sie sind heutzutage nur noch der Vorwurf der\nKomödie, nicht mehr des ernsten Drama's. So wie sie kla-\nrer wird und sich entschliesst, nicht mehr in Gedanken zu\nwühlen, sondern das Glück des Lebens zu suchen, wird\ndie Gestalt fasslicher und gewinnt, mag sie immerhin falsch\nhandeln, doch die Zuschauer. Für den Erfolg der Oper\nhat diese Sachlage den Nachtheil, dass man Anfangs nicht\nrecht warm werden kann, dagegen den Vortheil, dass\nHandlung und Theilnahme sich künstlerisch richtig stei-"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "95", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630321-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5548, "texte": "gern, während gerade an dem Mangel dieser Notwendig-\nkeit unzählige Werke scheitern.\nDer Componist hat den Ton, welchen er für Wesen\nund Haltung seiner Musik wählen musste, sehr glücklich\ngetroffen. Es ist überall dem Werke die richtige Färbung\nverliehen und mit grosser Kunst, dabei ohne allen Zwang\nund Affectation, festgehalten. Hat man sich hineingefunden\nin die Handlung, so bewegt man sich durch die verschie-\ndenen Situationen mit grossem Interesse und hat durch-\nweg das Gelühl, dass die erste und höchste Forderung der\ndramatischen Musik, einheitlicher und wahrer Charakter,\nerfüllt und ohne die geringste Abweichung durchgeführt\nist. Dichtung und Musik decken sich vollständig, der ent-\nsprechende Ausdruck fehlt nie, er wird weder unschön in\nder Leidenschaft, bei welcher die Verlockung zu grellen\nFarben so nahe liegt, noch frivol in den weichen Stellen,\nin denen eine üppige und triviale Melodik leichte und grosse\nErfolge verheissen würde. Der Componist, der über einen\nreichlich iiiessenden Quell der Melodie zu verfügen hat,\nkönnte hier wohlfeile Wirkungen ohne Mühe erreichen\nund wäre des Dankes Vieler gewiss. Die Contraste liessen\nsich gewinnender gestalten, aber das Gesetz künstlerischer\nWürde und angemessenen Ausdrucks steht ihm höher als\nder Beifall d er gedankenlosen Masse. Eine zweite vor-\ntreffliche Eigenschaft seines Werkes ist die, dass es echt\nmusicaliscb, natürlich und sangbar gedacht ist. Als guter\nMusiker im besten und strengsten Sinne des Wortes schreibt\ner nichts, das nicht zu rechtfertigen wäre; er vermeidet\nall es Grelle, Unschöne, Unnatürliche, das Richard Wagner's\nVerderben zu werden scheint. Schwer ist seine Musik sehr\noft, aber nie unsangbar; er muthet den Sängern nichts zu,\nwas allen Gesetzen der Entwicklung und Leistungsfähig-\nkeit der Stimmen Hohn spräche und sie misshandelte, wie\nes die grosse französische Oper gelhan hat und der Com-\nponist. der Zukunft zu thun im Begriffe steht. Die Haupt-\nrolle der Lavinia ist allerdings sehr weit davon entfernt,\neine dankbare Opern-Partie im hergebrachten Sinne zu\nsein; die Sängerin hat eine Anzahl von hochdramatischen\nStellen, welche eine bedeutende Künstlerin erfordern, mit\nder vollen Kraft eines Talentes, das sich auf Charakteristik\nversteht, vorgetragen sein wollen und nur dann den vom\nComponisten gedachten grossen Erfolg haben. Einen leich-\nteren Stand hat der eigentliche Träger der Handlung, Lu-\ncius, indem seine Rolle nicht nur auf mehr Sympathie\nbeim Zuhörer rechnen darf, sondern auch den Vorzug\ngrösserer Concentration hat. In der glücklichsten Lage be-\nfindet sich die Sängerin Clythia, welche sich auf dem lyri-\nschen Gebiete bewegt und mit den ihr zugewiesenen Stel-\nlen mühelos die Herzen gewinnt. Soll unter den Bestand-\nteilen, welche das vortrefflich gruppirte Ganze bilden, ein\nUnterschied gemacht werden, so scheint uns, dass dem\nChor der Preis zu ertheilen sei. Die Aufgabe, dem Chor\nseine volle Bedeutung innerhalb des dramatischen Kunst-\nwerkes zuzuweisen, hat Hiller glänzend gelöst. In der In-\ntroduction gleich bildet er die feste Grundlage, auf welcher\ndie Exposition sich aufbaut, und den kräftigen, scharf ge-\n, O ' P\nzeichneten Hintergrund, auf dem sich die Gestalten des\nDrama's abheben. In vielleicht noch höherem Grade und\nim allerbesten Sinne ist dies der Fall in allen drei Fi-\nnalsätzen, welche meisterhaft gearbeitet sind und als Kunst-\nwerke an sich gelten können; die eindrucksvollste unter\ndiesen Nummern ist wohl das zweite, Musiker möchten\nvielleicht das erste Finale für das vollendetste erklären.\nUnter den kürzeren Scenen vermag das Duett des ersten\nActes zwischen Lavinia und Claudius weniger zu erwär-\nmen, als die Auftritte zwischen Clythia und Lucius im zwei-\nsen Aufzuge und die Scenen des dritten. Wir heben be-\nsonders den Anfang der zweiten Abtheilung, Clythia's Lied\nan die Laute, in der dritten das Duett der Lavinia und des\nLucius wegen des vortrefflich geschilderten Gefühlswech-\nsels, dann das Duett zwischen Clythia und Lucius hervor.\nWas die Instrumentation betrifft, so ist es überflüssig, zu\nsagen, dass sie vorzüglich sei, da sich das bei Hiller von\nselbst versteht. Das schöne Maass, welches er beobachtet,\nmuss indess der Verwilderung gegenüber, in welcher die\nneuromantische Schule ihre Genialität sucht und das wahre\nHeil findet, noch besonders rühmend hervorgehoben wer-\nden. Ginge es nach den Grundsätzen dieser Schule, so wä-\nren wir gerade so weit, das Natürliche und Gesunde für\nlangweilig und krankhaft zu erklären.\nIn den „Katakomben\" hat die musicalische Welt nach\nunserer Meinung ein sehr werthvolles und bedeutendes\nWerk zu begrüssen, das mit dem ganzen Ernste und der\nwürdevollen Haltung eines ausgezeichneten Musikers, dem\ndie Gesetze der künstlerischen Schönheit die höchste Richt-\nschnur sind, componirt ist. Es steht mitten in der jetzigen\nPhase der dramatischen Musik, bewegt sich in den geläu-\nterten und geklärten Formen, welche die Oper sich allmäh-\nlich geschaffen hat, überschreitet aber nie zu Gunsten fri-\nvoler Zwecke die Gränzen und Linien des Erlaubten. Der\nmusicalisch fühlende Theil des Publicums wird ihren Werth\nüberall nach Gebühr zu schätzen wissen und ihr eine der\nehrenvollsten Stellen unter den Erzeugnissen der heutigen\nO P\ndramatischen Musik anweisen. Alle Bühnen, die sich um\ndie Förderung der Kunst bemühen, mögen es sich angele-\ngen sein lassen, die Oper Hiller's mit der Sorgfalt, welche\nsie verlangt, einzustudiren, und es wird keine es zu bereuen\nhaben, dass sie um die Verbreitung des Werkes eines\ndeutschen Componisten sich bemühte."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1863-03-21-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1863-03-21_01#c004", "volume": "bmtnabi_1863-03-21_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "96", "page_fin": "96", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630321-01.2.4", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "96", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630321-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3836, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKolli« Die Proben für die Aufführung der Matthäus-Pas-\nsion von J. S. Bach am Palmsonntag im Gürzenich haben be-\nreits begonnen; die Soli sind den Damen Büchner (Sopran) von\nhier, Weiss (Alt) von Hannover, den Herren Gunz (Tenor) von\nHannover und Hill (Bass) von Frankfurt a. M. übertragen worden.\nIn der letzten Sitzung der musicalischen Gesellschaft bewährte\nsich Herr Dr. Oscar Paul aus Leipzig, ein junger Componist und\nmusicalischer Schriftsteller, dessen gründliche Studien in theoreti-\nschen und historischen Kenntnissen bereits sehr achtungswerthe\nFrüchte tragen, auch als ausübender Künstler auf dem Pianoforte\ndurch den technisch fertigen und geschmackvollen Vortrag des schö-\nnen Fis-moll-Concertes von F. Hiller, für welchen er den lebhaften\nBeifall des Componisten und der Versammlung ärntete.\nAm 17. März wurde im Stadttheater eine glänzende Vorstellung\nveranstaltet zur Erinnerungsfeier des Aufrufs Friedrich Wilhelm's 111.\nim Jahre 1813. Zu dem Gedichte „ Germania's Erwachen\" von L.\nBischoff, das durch prächtige lebende Bilder illustrirt wurde, kam\nBeethoven's Ouvertüre und Musik zu Göthe's Egmont und Beet-\nhoven's „Schlacht bei Vittoria\" zur Aufführung.\nMärz. Es ist jetzt entschieden, dass das\nniederrheinische Musikfest in diesem Jahre hier an den\nPfingsttagen gefeiert wird. Frau Jenny Lind-Goldschmidt hat\nihre Mitwirkung durch den Vortrag der Sopran-Partie in Mendels-\nsohn's „Elias\", Händel's „Ode am Cäcilienfeste\" und Haydn's\n„Schöpfung\" (111. Theil) bestimmt zugesagt.\nBarmen. Am '2B. Februar brachte das vierte Abonnements-\nConcert die Suite für Orchester von F. Lachner, F. Schu-\nbert's Ouvertüre zu Rosamunde, Molique's Violin-Concert in A-\nmoll, gespielt von Herrn Franz Seiss, und J. S. Bach's Cantate\n„Bleib' bei uns1' u. s. w. Im letzten Concerte, den 11. April,\nkommt Händel's „Samson\" zur Aufführung.\nUeber das Gastspiel Wachtel' s in Mainz seit dem 4. d. Mts.\nsagt die Süddeutsche Musik-Zeitung unter Anderem: „Wachtel's\nStimme ist in ihrer unvergleichlichen Frische und bei der fabelhaf-\nten Sicherheit, mit welcher der Sänger sich in den höchsten Lagen\nbewegt, wohl geeignet, nicht nur zu überraschen, sondern auch zu\nfesseln. Dass Wachtel, der seit Jahren sich in Gastrollen auf fast\nallen bedeutenderen Bühnen Deutschlands bewegt hat, sich auf eine\ngewisse Effecthascherei, auf ein virtuosenmässiges Hervorheben ge-\nwisser Stellen vorzugsweise verlegt hat, ist, wenn auch nicht zu\nbilligen, doch leicht zu begreifen, und die ausserordentliche Vollen-\ndung, mit der er bie ausführt, entwaffnet die strengere Kritik. Sein\nRaoul war in gesanglicher Beziehung jedenfalls die grösste Lei-\nstung. Bei allem Vergnügen, das seine herrliche Stimme uns bereitet\nhat, können wir doch seine Erfolge nur eben dieser unvergleichli-\nchen Naturgabe und einem glücklichen Naturalismus zuschreiben,\nder bei ihm in Verbindung mit einer grossen Routine den Mangel\nan eigentlicher Schule, so weit dies überhaupt möglich ist, verdeckt.\nDass es diesem begabten Künstler nicht an Streben nach dem Bes-\nseren fehlt, dafür spricht das Urtheil Sachverständiger, die ihn früher\nund jetzt wieder gehört haben und eine auffallende Besserung in\nder Tonbildung, so wie auch in seiner Vortragsweise in Folge zu-\nnehmender Gesangs-Routine zugestehen. Allein trotz alledem wie-\nderholen wTir, dass Wachtel's Leistungen in hohem Grade anziehen\nund durch die wunderbar schönen Stimmmittel, die diesem Sänger\nzu Gebote stehen, einen Genuss gewähren, der jedem; dem derselbe\nzu Theil geworden, unvergesslicli bleiben wird.\"\nParin, Frau Clara Schumann und Frau Wilhelmine\nSzarvady-Clauss geben in Erard's und in Pleyel's Salons Con-\ncerte, bei welchen sich die beiden grossen deutschen Künstlerinnen\nwechselseitig unterstützen und die gebildete Musikwelt durch ihre\nwundervollen Leistungen entzücken."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "89", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630321-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nAus Frankfurt am Main (Sinfonie von J. Rietz; Messe in Z), Requiem für gemischten Chor, Sinfonie in D von Che-\nrubini; Lauda Sion von Mendelssohn; Violin-Concert von Joachim; der Violoncellist B. Cossmann; die Pianistin Fräulein Luise Hauffe).\nFerdinand Hiller und seine neue Oper. Von F. Pietzer. Tages- und Unterhaltungsblatt (Köln, Proben der Matthäus-Passion,\nDr. Oscar Paul, Feier des 17. März Düsseldorf, das niederrheinische Musikfest Barmen, Concerte Mainz, Hr. Wachtel —Paris).\n\nAus Frankfurt am Main.\n(Sinfonie von J. Rietz; Messe in D, Requiem für gemischten\nChor, Sinfonie in D von Cherubini; Lauda Sion von Mendels -\nsöhn; Violin-Concert von Joachim; der Violoncellist B. Coss-\nmann; die Pianistin Fräulein Luise Hauffe.)\nIhr Correspondent aus dieser Mainstadt hat sich dies-\nmal einer ungewohnten Saumseligkeit anzuklagen. Man-\ncherlei Gründe jedoch, darunter auch solche, die wochen-\nlang zu geistiger Unthätigkeit zwingen, werden ihn ent-\nschuldigen. Andererseits will es ihm auch scheinen, als ob\nsein Mittheilungs-Vermögen mehr und mehr im Abnehmen\nbegriffen sei, woran keineswegs die auf dem Rücken ha-\nbenden Jahre, die ihm Gottlob in keiner Weise noch be-\nschwerlich werden, vielmehr die höchst unerfreulichen,\nwirren Zustände und Verhältnisse in der Kunst und Kunst-\nwelt die Schuld tragen. Indess ich bin nicht gewillt, im\nWinde verhallende Klagen, wohl aber einen Bericht über\nmehrere in den Monaten Januar und Februar in unserem\ngrossen Concertsaale zu Gehör gebrachte Werke nieder-\nzuschreiben, die theils zu den neuen Producten der Zeit,\ntheils der früheren Epoche angehören, dennoch aber so\ngut als neu sind, die auch hierorts als Unbekannte erschie-\nnen und alles, was Interesse für Tonkunst hat, anzuregen\nund zu Urtheilen aufzufordern geeignet waren. Es sei\ndemnach gestattet, auch unsere Stimme in diesem Chorus\nhören zu lassen.\nVorübergehend an zwei für unser Publicum neuen\nOuvertüren von Gade, die beide einen sehr ruhigen Ver-\nlauf gehabt, wollen wir uns sogleich zur Aufführung der\nSinfonie in Es-dur von Julius Rietz wenden, die am\n16. Januar im Museum Statt gefunden. Auf dieses Werk\ndes hier nicht unbekannten Componisten war Seitens des\nVorstandes einiges Vertrauen gesetzt, als könne und werde\nes nicht bloss flüchtige Beachtung, wohl aber laute Wür-\ndigung finden. Allein ungeachtet sorgfältigster Feile, so-\nnach vortrefflicher Ausführung, ward das Werk in allen\nseinen Theilen ohne einen Beifallslaut aufgenommen, ja,\nes ward mit einem Uebermaass von Strenge beurtheilt,\ndie es dem Vorstande räthlich machte, das Auditorium mit\nkeiner Sinfonie aus der jüngsten Epoche mehr in der lau-\nfenden Saison in Versuchung zu führen. Wodurch mag\nwohl diese Rietz'sche Sinfonie solch' rigorose Beurtheilung\nhervorgerufen haben? Wenn die Haupt-Eigenschaft eines\nsinfonischen Werkes ein allgemeines Interesse zu erwecken\nvermögender Grundgedanke sein soll, es gehöre derselbe\ndem Bereiche des Idyllischen, Heiteren, Grossen, Erhabe-\nnen oder Feierlichen an, so vermisst man einen solchen in\ndem Werke des dresdener Hof-Capellmeisters; wohl trägt\nes den Charakter des Ernsten, dem jedoch der erforder-\nliche Wechsel von Licht und Schatten abgeht, daher Mo-\nnotonie die unvermeidliche Folge und Langeweile die un-\nausbleibliche Wirkung sein wird. Das, was der Componist\nAchtungswerthes an Beweisen angewandter Kunstmittel\nin Harmonie, Rhythmik und geschickter Anwendung aller\nInstrumente geleistet, womit sich der gebildete Zuhörer\noft begnügt, das überhört ein gemischtes Publicum gänz-\nlich, dem allein ein ausgeprägter, die Phantasie leicht er-\nregender Grundgedanke, mit der gehörigen Dosis von Spi-\nritus verarbeitet, imponirt. In dem in Rede stehenden\nWerke, den vierten Satz ausgenommen, geht Alles an-\nscheinend mit so absichtlicher Ruhe, vermischt zuweilen\nmit unverkennbarem Phlegma, her, wie dergleichen am\nallerwenigsten in der Sinfonie Platz finden soll. Sogar das\nScherzo bietet keine Entschädigung für das bis dahin Ver-\nmisste; obendrein gefällt es dem Componisten, auch die-\nsen Satz ohne kraftvollen Abschluss hören zu lassen, um\nso sonderbarer, da Rietz als erfahrener Orchester-Director\nunbezweifelt die äusserlichen Hebel kennt, von denen sich\njegliches Publicum am liebsten bewegen lässt.\nFügung des Zufalls war es, dass der Monat Februar\nvon unseren drei Conservatorien hauptsächlich dem An-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "90", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630321-01.1.2", "texte": "denken Cherubini's gewidmet war, und zwar führte der\nCäcilien-Verein am 9. dessen Messe in auf; dieser\nFeierlichkeit folgte schon am 23. der Rühl'sche Verein\nmit dem Requiem für gemischten Chor, und am 27. Fe-\nbruar brachte das Programm zum Museums-Concerte\ndie einzige von Cherubini geschriebene Sinfonie, die bis\nzu diesem Tage noch Manuscript geblieben.— Der Messe,\ndie im letzten Jahrzehend wiederholt in den Concerten des\ngenannten Vereins mit Clavier-Begleitung und ganz unge-\nnügenden Solostimmen gesungen worden, widerfuhr dies-\nmal die gebührende Achtung, mit vollständigem Orchester\nund ausgezeichneten Solostimmen ausgeführt zu werden.\nDieser Umstand stempelte das kolossale Werk (dieses\nEpitheton sei auf dessen ungeheuerliche Dimensionen, nicht\nminder auf die enorme darin niedergelegte Kunstwissen-\nschaft bezogen) zu einem fast ganz neuen. Selbst Ihr Cor-\nrespondent muss gestehen, diese Messe zum ersten Male\nin ihrer Vollständigkeit gehört zu haben, denn eine einzige\nvor ungefähr vierzig Jahren in der Augustiner Hofkirche\nzu Wien Statt gehabte Aufführung davon hatte sich bis\nauf die Thalsache in meiner Erinnerung verwischt; eben\nso wüsste ich nicht mehr zu sagen, ob das Werk vollstän-\ndig oder nur in einigen Theilen zur Aufführung gekom-\nmen. Wenn ich voraussetzen darf, dass vielleicht doch\neinem kleinen Theile der zahlreichen Verehrer des grossen\nfranzösischen Tonmeisters bekannt geblieben, was die\ndeutsche Kritik vor länger als einem Menschenalter den\ndrei grossen Cherubinischen Messen in und die\nin kurzen Zwischenräumen an einigen Orten zur Auffüh-\nrung gelangten, bei aller Würdigung derselben als grosse\nKunstwerke entgegengestellt hat, so darf ich auch wagen,\neinige kritische Anmerkungen über die Messe in hier\nniederzuschreiben; ausserdem wäre es gerathener, zu\nschweigen, um nicht solchen Bewunderern dieses Compo-\nnisten Aerger zu verursachen, die sogar die Gedankenspäne\nihres Kunstheiligen für unantastbar, für classisch erklären,\nspeciel aber von katholischer Kirchenmusik Alles in Allem\nhöchstens sechs Werke und diese nur aus dem Concert-\nsaale kennen, nicht aber aus der Kirche in Verbindung\nmit der gottesdienstlichen Handlung, wo allein das wahre\nVerdienst des Componisten in dem Maasse der entspre-\nchenden Wirkung auf die der Andacht wegen Dahinkom-\nmenden zu beurtheilen ist. .\nVon vorn herein wird dieses Tonwerk nicht als zum\nGebrauche für den Gottesdienst bestimmt aufzufassen sein.\nGründe hiefür finden sich, wie schon bemerkt, in seinen\nDimensionen, aber auch im Stil desselben. Beide bezeugen\nfast evident, dass es nicht in der Intention des Schöpfers dieser\nMesse gelegen, selbe zur Erhöhung der gottesdienstlichen\nFeier bestimmt zu haben, denn ein festtägiges Hochamt in den\nKirchen Frankreichs gleicht vollkommen einem solchen in\nDeutschland, wird demnach airch im Maasse seiner Zeit-\ndauer überall sich gleichen. Erfährt man, dass und\nGloria aus dieser Messe allein schon über eine volle Stunde\nin Anspruch nehmen und dass zu würdiger Ausführung\ndes ganzen Werkes mehr denn zwei Stunden (mit den\nkürzesten Zwischenpausen) erforderlich sind, so wissen wir\nauch, dass in Verbindung mit der gottesdienstlichen Hand-\nlung das Hochamt mindestens zwei und eine halbe Stunde\nwähren müsste. Solches Uebermaass an Zeitdauer steht\njedoch im Widerspruch mit der wohlbemessenen, von Al-\nters her eingeführten Kirchen-Ordnung in allen Ländern.\nWenn über Beethoven's sowohl hin-\nsichtlich ihrer anderthalbstündigen Dauer beim Ge-\nbrauche in der Kirche, zugleich wegen ihres mehr welt-\nlichen als kirchlichen Charakters ein Streit zulässig und in\nder Sache selbst begründet ist (zu Frankfurt am Main war\nein solcher Streit nach der Aufführung 1855 durch den\nRühl'schen Verein lichterloh entbrannt), so wäre eine der-\nlei Ereiferung über diese Messe Cherubini's unter Sach-\nkennern gar nicht denkbar, weil diese beiden Streitpunkte\ndurch ihr Gepräge vorweg entschieden sind. Dass der\ndeutsche Meister bei Conception seiner Messe zunächst an\ndie Kirche gedacht hat, steht geschichtlich fest; eben so\nist es bei unbefangenen Beurtheilern seines Werkes aus-\ngemacht, dass mehrere Theile desselben, als:\ntollis, Et incarnatus est, Sanctus und Agnus mit Dona,\nbis zum Allegro assai,S. 262 Partitur, einen wahrhaft\nkirchlichen Charakter (versteht sich im Sinne der neueren\nKirchenmusik) tragen, wohingegen über einige der ande-\nren Theile der Discussion Kaum gegeben wird, sich—im-\nmer. nur mit Rücksicht auf den Gottesdienst für oder\nwider auszusprechen. Der französische Meister aber ge-\nbraucht nur zu offenbar die heiligen Worte des Messe-\nTextes zur Hervorbringung eines Werkes für den Concert-\nsaal, denn wie in der ganzen Composition Spuren von re-\nligiöser Begeisterung nicht zu entdecken, so wird auch der\nZuhörer in keinem Augenblicke angeregt, an die Kirche\nzu denken, weil ihn in allen Theilen, in denen die freie\nSchreibart vorwaltet, vorzugsweise aber in den All egro-\nSätzen, der Reiz prachtvollen Instrumentenspiels befangen\nmacht, wodurch derselbe unfähig wird, einen anderen als\neinen sinnlichen Maassstab an das Gehörte zu legen. Aus\ndiesem Grunde wird diese Messe nicht auf gleiche Stufe\nmit irgend einem geistlichen Oratorium zu stellen sein,\nwobei meines Erachtens die Spohr'schen Oratorien\nzunächst in Betracht kommen sollen. Gleiche Gründe ge-\nben den Maassstab bei Beurtheilung der kleinen Kirchen-\nCompositionen von Cherubini, die vor dreissig Jahren der\nVerleger Diabelli in Wien sämmtlich in Partitur heraus-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "91", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630321-01.1.3", "texte": "gegeben bat. In allen bekundet sich der grosse Opern -\nComponist. Wer vermöchte z. B. das (für\nChor und Orchester) so bar aller religiösen Stimmung zu\nPapier zu bringen, als wir es von Cherubini besitzen?\nWie erhaben über solche allerdings wohlklingende Ver-\nstandes-Musik eines Katholiken stehen nicht die Protestan-\nten S. Bach, Naumann, Andre, Friedrich Schneider u. A.\nin ihren Messen für die katholische Kirche! Nur dort, wo\nmau die Schätze von katholischer Kirchenmusik, die wir\nMich. llaydn, Eybler, Seyfried, Tomaschek, Witasek, Ett\nu. A. verdanken, nicht kennt, deren Bekanntschaft sich\naber nicht im Concertsaale machen lässt, wird man zu so\nverkehrten Urtheilen kommen, denen man in einigen frank-\nfurter Blättern über diese Cherubini'sche Messe begegnet.\nEs gibt dergleichen wiederum den Beweis, dass Beurthei-\nler, die von dem Ruhme ausgezeichneter Tonsetzer und\nder Vorzüglichkeit ihrer Leistungen in einem Fache musi-\ncalischer Composition geblendet sind, alles für gross, er-\nhaben, himmlisch halten, was von demselben ausgeht,\nwäre es auch oft das pure Gegentheil*).\nAus Vorstehendem ist schon zu ersehen, wie leicht es\nCherubim mit Auffassung kirchlicher Texte im Allgemei-\nnen genommen hat, gewiss leichter, wie mit Opern-Texten.\nAuffassung und Behandlung des Textes vom Credo in der\nfraglichen Messe mag dem Auge des Verständigen etwas\nnäher gerückt werden. Bekanntlich bietet dieser Theil des\nMesse-Textes vorzugsweise grosse Schwierigkeiten dar.\nVor Allem hat der Componist zu beachten, dass die an-\nwesende Gemeinde vereint das Glaubensbekenntniss betet.\nDas wird ihm Fingerzeig sein, den Text im Ganzen der\nGemeinde in den Mund zu legen und nur aus Rücksicht\naul Colorit und Mannigfaltigkeit in dem Tongemälde stel-\nlenweise Solostimmen mit dem Chor abwechseln zu lassen.\nZu einer Modificirung des gewählten Zeitmaasses ergibt\nsich nur das Et incarnatus est bis Et resurrexit als ge-\neignet. Dem Geiste dieser Worte gemäss findet sich deren\nBehandlung bei den Tonsetzern aller Epochen gleich, wie\nüberhaupt alle sich bestrebt haben, den Text des Credo\nvon Zerstückelung fern zu halten. —ln der in Rede stehen-\nden Messe findet sich das wesentlich anders. Der Chor be-\nginnt den Satz Allegro und singt ihn cursorisch durch bis\nzum Et incarnatus est,wobei sich verschiedene bei Cheru-\nbini öfter vorkommende Störungen im Gebrauche des Syl-\nV-> — KJ W\nbenmaasses, als: Deum verum, filius u. s. w. bemerkbar\nmachen. In die Textes-Stelle bis zu\nhomo /actus esttheilen sich sechs Solostimmen im Tempo\n„Sostenuto assai\", da hingegen die folgenden Worte: Cru-\ncifixus bis einschliesslich sepaltus est in demselben Zeit-\nmaasse vom Chor gesungen werden. Hierbei hat der Com-\nponist nach einem Effect gestrebt, der am wenigsten in\nKirchenmusik passend ist. Sämmtliche Chorstimmen singen\nnämlich diese Worte mit dem Tone e piano, während die\nSaiten-Instrumente, gleichsam arabeskenartig und in man-\ncherlei Tonarten ausweichend, dieses e umschlingen—ein\nKunststück, wenn es ja noch so zu nennen, das an jener\nStelle nur zu beklagen ist. — Beim tritt wie-\nder der Chor in aller Stärke ein und singt bis non erit finis.\nDie folgende Textes-Stelle Et in spiritum sanctum bis zum\nSchiussworte Amen singt ein Quartett. Gerade in dieser\nnicht kurzen Stelle häufen sich die Schwierigkeiten für\nden Componisten, wenn er sich nicht bloss von den Wor-\nten, aber auch von seiner Begeisterung fortreissen lassen\nund unkirchlich oder wohl gar llach werden will, was so\nmanchem tüchtigen Tonsetzer schon geschehen. Cherubini\nweicht allen diesen Gefährlichkeiten damit aus, dass er\nsein Quartett im Tempo Larghettsingen lässt. Dadurch\nwird der Begeisterung ein schwerer Hemmschuh ange-\nlegt. Er lässt ferner die vier Solostimmen meist nach einan-\nder erklingen und, was am seltsamsten, die Worte:\nunam sanetam catholicam et apostolicam ecclesiam, singt\nder Tenorist in einer wahrhaft ordinären Ton-Phrase!\nNachdem die vier Stimmen auch das genugsam hö-\nren gelassen, ergreift es der Chor zu einer gewaltigen Fuge\nmit einem chromatischen Motiv von vier Tacten, <7, fis, f, e,\ndas sich zur Umkehrung, Verlängerung und sonstigen im\nFugenbau zur Anwendung kommenden Beweisen von Ge-\nlehrsamkeit des Componisten leicht gebrauchen lässt.\nIst es denn aber nicht Frevel, solcher Geringfügigkei-\nten in dem Werke eines grossen Componisten zu erwäh-\nnen, nicht vielmehr, Anderen gleich, Alles darin gross,\nerhaben, himmlisch zu finden? Wäre ich um vierzig Jahre\njünger und zählte ich gleichfalls zu den Cherubini-Enthu-\nsiasten ä tout prix,ich würde es wahrscheinlich selber da-\nfür halten; allein ein Musiker in meinem Alter, der sich\nnoch vollkommen gesunder Sinne und der Empfänglichkeit\nfür alles wahrhaft Gute und Schöne bewusst ist, welchen\nNamen es auch tragen und welcher Epoche es immer an-\ngehören mag, der nimmt sich zuweilen mehr heraus, als\nandere Menschenkinder, und erlaubt sich, etwas abwei-\nchender Meinung zu sein. Aus diesem Grunde wird er\n\n*) Mit Besonnenheit urtheilt allein Didaskalia über diese\nMessj. Der Referent sagt unter Anderem: „Wenn in dieser\nMesse eine gerade diesem Meister sonst ganz fremde Breite,\ndie sich in öfteren, nichts Neues sagenden Wiederholungen\nkundgibt, auffällt, wenn zuweilen eine dem edlen, einfachen\nStile Eintrag thuende Ueberfülle in der Harmonisirung, ja, an\neinzelnen Stellen ein allzu weltliches Klingen sich geltend\nmaebr, so bleibt doch immer so viel des Herrlichen und Schö-\nnen, dass für die Kritik in diesen Blättern Schweigen als ein\nRecht beansprucht werden darf.\"\n[*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "92", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630321-01.1.4", "texte": "noch eines anderen wichtigen Punktes, dieses Cherubini-\nsche Werk betreffend, erwähnen. Es ist wohl begreif-\nlich, dass, wenn der Componist sich in so breiten Dimen-\nsionen ergeht, wie oben schon gezeigt, er genöthigt wird,\ndas Capitel von der Lehre der Modulation, resp. ihres Ge-\nbrauches, fast zu erschöpfen. Hübsch in der gewählten\nHaupt-Tonart zu verbleiben und nur die verwandten\nKlangfarben zum Ausmalen seines Gemäldes zu gebrauchen,\nwie man dies Beethoven in seiner Missa solemnis nach-\nrühmen muss, war in unserem Falle auch noch auf Grund\nder vielen Zerstückelung der Sätze Gloria und Credo eine\nselbst für einen Cherubini schwer zu lösende Aufgabe.\nWenn sich z. ß. das Gloria in so vielen „nichts Neues sa-\ngenden Wiederholungen\" kund gibt, um den Satz bis auf\ndrei Viertelstunden Dauer auszudehnen (das Qui tollis wech-\nselt sechs Mal die Bewegung und kehrt darunter drei\nMal zum Tempo primozurück), so kann dies selbstver-\nständlich nur mittels unzähliger Modulationen bewerkstel-\nligt werden. Am reinsten, weil frei von modulatorischen\nAbsonderlichkeiten, ist der Stil im Benediclus_, das sich in\neinem natürlichen Flusse bewegt und dadurch wohlthuend\nwirkt. Könnte ein solches Superplus oder auch Meer von\nModulationen in der freien Schreibart noch zu ertragen\nsein, in der Fuge ist es dies schlechterdings nicht, und\ngerade hierin hat Cherubini jede auch in der Natur be-\ngründete Regel in Rücksicht auf Klarheit und Verständ-\nlichkeit gewiss im vollsten Bewusstsein ausser Acht\ngelassen. Aber Cherubini war ja mit Recht der gefeierte\nDirector einer Musikschule, in welcher Reicha's berühmte\nLehre von der Fuge als Leitfaden gedient hat!—So wer-\nden wir z. B. im ersten Theile der Fuge zum Gloria,\nHaupt-Tonart B-dur, durch eine Menge präcipitirter Mo-\ndulationen bis nach Fis-dur geführt und zehn Tacte lang\nauf dieser Bergeshöhe gehalten (Orgelpunkt eis), bis das\nHeruntersteigen über Fis-moll beginnt. Im zweiten Theile\ndieser ungeheuer gelehrten Fuge führt uns der Componist\nnach B-durhinab, und lässt uns nach eben so langem\nAufenthalte dort unten, wie vordem auf über\nmoll wieder in das freundliche Thal B-dur hinaufsteigen*).\nWer im Stande wäre, ohne vorheriges Studium dieser\nFuge jede ihrer Modulationen sofort mit Sicherheit zu\nnennen, verdiente, von der Universität zu Oxford zum\nDoctor doctissimus in Musica creirt zu werden. Bekannt-\nlich ist diese Universität die einzige in Europa, die Musik-\nDoctor-Diplome ertheilt. Und wir Kritiker wollen die Com-\nponisten unserer Tage ob des angewandten Superplus an\nModulationen in ihren Arbeiten tadeln!? Wolle man doch\nbedenken, dass unsere Zeit ausser der Oper „Der Was-\nserträger\", dann den Ouvertüren und drei Streich-Quar-\ntetten nichts Anderes mehr von Cherubini kennt! Dass\nhierorts 1860 die Oper „Faniska\" wieder einige Vorstel-\nlungen erlebt und nun die Messe in D vollständig zur\nAusführung gekommen, ist eine Ausnahme von der Regel.\nWie will man sonach seiner Muse Universalität zuerkennen\nund sie in allen Beziehungen der unserer drei Heroen\ngleichstellen ?\nAuffallend erscheint es, über die Zeit des Entstehens\ndieser Messe in Felis' Biographie\ngar nichts Näheres zu finden, während doch über die drei-\nstimmige in Fund über die Krönungsmesse in die ge-\nschichtlichen Daten dort nicht fehlen. Eine Aufführung\nder Messe in D scheint wohl in Paris niemals Statt ge-\nfunden zu haben, wenigstens vollständig nicht; wie und\nwo auch, wenn wir ihren Umfang betrachten?\nDer Aufführung dieses in vt>caler wie orchestraler\nHinsicht eben so schwierigen wie in Bezug der erforder-\nlichen Schattirung sehr delicaten Werkes in unserem Con-\ncertsaale muss nach jeder Seite hin mit dem grössten\nLobe gedacht werden. Vor Allem gebührt Herrn Musik-\nDireclor Müller gerechte Anerkennung; er war in der\nThat an diesem Abende die Seele des Ganzen. Die Haupt-\nSolostimmen befanden sich in den Händen der Frau Zick-\nwolf, Mitglied des Cäcilien-Vereins (Sopran), des Fräuleins\nSchreck aus Bonn (Alt), dann der Herren Brandes aus\nKarlsruhe (Tenor) und Hill (Bass) von hier. Ueber dem\nGanzen waltete eine Weihe, wie sie nur selten in solchem\nGrade getroffen wird. Nun wäre es in vieler Beziehung\nerwünscht, der conservative Verein machte sich alsbald an\ndas Studium der Krönungsmesse, über deren Charakte-\nristik Fetis sich also äussert: „Diesem Werke hat Cheru-\nbini aber einen so grossartigen Charakter gegeben, dass\nes als ein monumentales für ewige Zeiten dasteht durch\nGrösse und Erhabenheit der Gedanken, Tiefe der Auffas-\nsung, Adel des Ausdrucks, Reichthum und Pracht der\nHarmonie und Klangfarben und durch leuchtende Klarheit\nin allem Polyphonen und Harmonischen.\" Selbstüber-\n\n*) Ausser den Fugen zum Gloria und schliesst auch das\nviertheilige Kyrie mit einer langen Fuge, und Dona nobis\npacemist gleichfalls eine Fuge. Eine andere Messe mit einer\ngleichen Anzahl vollständiger Fugen, wovon jede von ausser-\nordentlicher Gelehrsamkeit des Autors Zeugniss gibt, dürfte\nwohl nicht wieder existiren. Jedoch, auch diese Anzahl von\nFugen zählen wir ungescheut zu dem Superplus, womit dem\nsachkundigen und aufmerksam die Dinge verfolgenden Zuhörer\narg zugesetzt wird. Von der Fuge zum lässt sich mit\nweit mehr Recht sagen, was Meister Cherubini 1806 über Beet-\nhoven's Ouvertüre zu Fidelio gesagt hat, dass er nämlich we-\ngen Bunterlei an Modulationen darin die Haupt-Tonart nicht\nzu erkennen vermochte. Dieses Urtheil Cherubini's ist in die-\nsen Blättern bezweifelt worden; es beruht jedoch auf Wahr-\nheit und wird von noch lebenden Gewährsmännern beglaubigt\nwerden."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "93", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630321-01.1.5", "texte": "Zeugung wird gerathen sein, ob dieses Urtheil in allen\nStücken wahr.\n(Schluss folgt.)\n\nFerdinand Hiller und seine neue Oper.\nVon F. Pletzer.\nBremen, den 11. März 1863.\nFür die Besprechung der Oper „Die Katakomben\"\nvon Ferdinand Hiller haben wir die dritte Aufführung\ndes Werkes abgewartet, um mit demselben immer mehr\nvertraut zu werden und so den festen Boden für ein ein-\ngehendes Urtheil zu gewinnen. Wir haben die bisherigen\nDarstellungen mit Interesse verfolgt und den Clavier-Aus-\nzug der Oper durchgesehen. Allerdings gehören „Die Ka-\ntakomben\" zu denjenigen Tondichtungen, auf welche die\nvielfach missbrauchte Regel, dass man erst nach mehrma-\nligem Hören urtheilen dürfe, im vollsten Maasse Anwen-\ndung findet. Diese Forderung bietet sich ungemein bequem\ndar, um Mittelmässiges und Hohles, das sich die Miene\ngibt, gross zu sein, vor den scharfen Streiflichtern der Kri-\ntik zu bewahren. Die Erfahrung beweist, dass dieses Ver-\nlangen ganz besonders dringend von solchen Componisten\ngestellt wird, denen ihr eigenes Gewissen sagt, dass die\nLeute eigentlich mit dem besten Willen aus ihren Werken\nbei wiederholtem Hören nicht mehr heraushören können,\nals beim ersten: nämlich, weil überhaupt nichts darin ist.\nDa sieht es denn der Menge gegenüber immerhin nach\netwas aus, wenn einer ungünstigen Kritik, welche sich\nungenirt hervorwagt, erwidert wird, es sei ungerecht, so\nrasch abzuurtheilen.\nBei der Oper Hiller's steht die Sache aber in Wahr-\nheit anders. Der Stoff sowohl als die Ausführung dessel-\nben durch den Componisten geben so viel zu denken und\nhaben so viel Eigenartiges, so manche Abweichung von\nden breitgetretenen Wegen, dass der erste Gesammt-Ein-\ndruck bei näherer Bekanntschaft die vielfachste Berichti-\ngung erhält. Obwohl der Componist nicht nach blendender\nOriginalität hascht und dadurch den Zuschauer so fremd-\nartig berührt, dass er sich nicht zurechtzufinden vermöchte,\nso hat er doch so viel interessante Selbstständigkeit, dass\nman sich von der Stimmung, mit welcher man im Uebri-\ngen heutzutage einer neuen Oper entgegen zu treten pflegt,\nlosmachen muss. Wir wollen, um deutlicher zu sein, einen\nVergleich aus der Gegenwart heranziehen. Der „Faust\"\nvon Gounod und „Die Katakomben\" von Hiller sind Pro-\nducte unserer Zeit, stehen insbesondere bei uns hart neben\neinander, sind auf demselben Boden der heutigen Opern-\nmusik, welche alle Fortschritte und Consequenzen der\nEntwicklung der dramatischen Musik benutzt und gezo-\ngen hat, erwachsen, sind beide Werke, die als werthvoll\nund bedeutend anzusehen sind. Und wie unendlich ver-\nschieden sind diese Opern, wie charakteristisch hebt sich\nin ihnen der Gegensatz des französischen und des deutschen\nStils ab! Oder richtiger, der Gegensatz des französischen\nund des deutschen Meisters, denn von einem einheitlichen\nund festen Stil kann bei Gounod nicht die Hede sein. L)er\npariser Componist findet mit der Gewandtheit und Leicht-\nlebigkeit seines Stammes rasch die Stellen und Seiten her-\naus, mit denen eine gute Wirkung, ein glücklicher Effect\nzu erreichen ist, und bringt denselben dann geschickt zum\nAusdruck, so dass er sofort den 'Zuhörer gewinnt. Dieser\nfindet sich angenehm angeregt, indem er einfach und naiv\ngemessen kann, ohne dass man ihm zumuthet, nachzuden-\nken. Auch wo von Rechts wegen etwas Tiefe sein sollte,\nwird er glatt darüber hinweggehoben, indem Gounod ge-\nrade nicht zu denjenigen gehört, die „in der Wesen Tiefe\ntrachten\". Dabei ist er aber ein so guter Musiker, dass er\nalles vermeidet, was ihm den Vorwurf der Gewissenlosig-\nkeit oder der affectirten Uebertreibung zuziehen könnte.\nIm Ganzen hat der Zuhörer das Gefühl, dass er sich in\nguter und anständiger Gesellschaft befindet, bei der er sich\nnicht compromittirt, der er sich vielmehr mit Behagen und\nohne grosse Gewissensbisse hingeben kann.\nWenn aber die Kritik, welche jede neue Erscheinung\nmit Ernst und unparteiischer Ruhe zu prüfen hat, dem\nfranzösischen Componisten, so gern sie ihn mit seinem\nWerke willkommen heisst, die Schwächen und das Unzu-\nlängliche aufweisen und rügen muss, so hat sie dagegen\nden deutschen Meister freudig zu begrüssen wegen seiner\nernsten und würdevollen Haltung, die man um so höher\nschätzt, je näher man seine Oper kennen lernt. Die Vor-\nzüge und Schönheiten derselben liegen durchaus nicht auf\nder flachen Hand; ihre besten Eigenschaften sind nicht\nkokett herausgeputzt und so an die Oberfläche gebracht,\ndass man ihrer im ersten Augenblicke gleich habhaft würde\nund sie bequem mit sich nach Hause tragen könnte. Hiller\nwill seine Zuhörer nicht bloss einige Stunden lang ange-\nnehm unterhalten; es ist nicht damit abgethan, dass die\nLeute sich behaglich im Sperrsitz ausstrecken, eine pikant\nzurecht gemachte Handlung mit ganzem Auge ansehen\nund mit halbem Ohr süsse Melodieen schlürfen. Es wird\nvielmehr von den Leuten verlangt, dass sie denken, vom\nlandläufigen und hergebrachten Opernstil absehen und sich\nin die Sache vertiefen. Das Denken ist nun nicht Jeder-\nmanns Sache, namentlich nicht eine Beschäftigung, welche\nmit besonderer Vorliebe von der grossen Mehrzahl der\nregelmässigen Theaterbesucher getrieben würde. Bei Gou-\nnod geniesst man den Teufelsspuk, die Chöre mit viel Blech,"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "94", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630321-01.1.6", "texte": "die lüsternen Tänze der Damen der Walpurgisnacht, die\nhübschen Gesichter in der Schluss-Apotheose ohne alle\ngeistige Anstrengung. Bei Hiller sind die nach dieser Seite\neinschlagenden ftestandtheile der Oper rein nebensächlich,\nwie sie es im Kunstwerke sein sollen; er verschmäht sie\nnicht in puritanischem Hochmuthe, aber er lässt derglei-\nchen nicht weiter zu, als der Stoff es verlangt, fordert da-\ngegen aber vom Zuhörer, dass er seine ganze Aufmerk-\nsamkeit der Musik selbst zuwende. Das französische Werk\nwird man immer gern hören, das deutsche mit jedem Male\nhöher schätzen.\nAuf die Parallele, welche wir so eben aufgestellt ha-\nben, legen wir keinen grossen Werth, wissen vielmehr\nsehr gut, dass sie, wie alles dergleichen, ein wenig hinkt.\nAllein sie kann doch dazu dienen, unsere nächsten Leser\nin ihrem Urtheile, wenn es anders mit dem unserigen über-\neinstimmt, zu befestigen, die entfernteren aber, welche die\nHiller'sche Oper nicht kennen, einiger Maassen zu orien-\ntiren. Es sollte uns freuen, wenn dadurch etwas zur Ver-\nbreitung dieses Werkes beigetragen würde. Allerdings sind\nbei dem Schicksal deutscher Opern die Bühnen-Leitungen\nin weit höherem Grade eine entscheidende Instanz, als man\nglaubt. Die mit aller» Mitteln reichlich ausgestatteten In-\ntendanzen der Hofbühnen nicht nur, sondern auch Direc-\ntionen städtischer Bühnen, wenn sie ernsten Kunstsinn und\nwahre Liebe zum Guten haben, können unendlich viel thun\nfür Unterstützung und Beförderung der musicalischen Pro-\nduetion. Man sagt wohl, der Geschmack der Masse neige\nsich besonders dem Mittelmässigen und Schlechten zu, er\nzwinge die Vorsteher der deutschen Theater, denselben\nWeg zu gehen. Das ist aber nur halb wahr; es ist ganz\nwohl ausführbar, wie gerade in diesem Augenblicke die\nhiesige Bühne beweist, das Gute zu fördern und die Gu-\nten lür dasselbe zu gewinnen. Die Directoren und der Ca-\npellmeister wissen recht wohl, dass der Faust ihnen weni-\nger Mühe macht und mehr Geld einbringt, als die Kata-\nkomben lliller's, aber sie haben doch nun die Genugthuung,\ndass die Oper des deutschen Meisters grosse, und zwar,\nwas das Entscheidende ist, steigende Theilnahme gefunden\nhat. Selbst der Versuch, das Werk an einem Sonntage zu\ngeben, dessen Publicum am allerwenigsten sich gern mit\nernsten Dingen beschäftigt, ist gelungen.\nDenn ernst müssen allerdings Stimmung und Neigung\nderjenigen sein, welche diese Oper würdigen wollen. Der\nComponist hätte mit leichter Mühe den von Handlung und\nMusik leichtsinnig und frivol denkenden Leuten eine Reihe\nvon Concessionen machen können. Er hat das verschmäht\nund auf die Aussicht, der Masse zu gefallen, verzichtet, um\ndagegen von dem besseren Theile der musicalischen Welt\ndas Zeugniss zu erhalten, dass er ein werthvolles Werk\ngeschaffen hat, dessen treffliche Eigenschaften sich immer\nklarer herausstellen werden, je mehr man sie betrachtet\nund geniesst, das dem Modegeschmack des Tages nichts\nvon der Würde und der Gewissenhaftigkeit des Kunstwer-\nkes opfert.\nVon dem Texte Moriz Hartmann's war schon bei Ge-\nlegenheit der ersten Aufführung der „Katakomben\" die\nRede. Wir haben hier eine der besten Arbeiten vor uns,\neine der wenigen wirklich guten, die deutschen Componi-\nsten zu Gebote gestanden haben. Die heutige Musik ist ja,\nwie neulich näher ausgeführt wurde, zum Glück über den\nunsinnigen Satz hinaus, den die Romantiker aufstellten oder\ndoch guthiessen, dass auf den Text gar nichts ankomme.\nBegabte Dichter halten es jetzt nicht mehr für eine unwür-\ndige Aufgabe, Opernbücher zu schreiben. Julius Rodenberg\nhat für Bott in Meiningen eine „Actäa\" und für Anton\nRubinstein eine „Lalla Rookh\" verfasst, die poetischen,\nselbstständigen Werth haben. Freilich hat Bott aus jenem\nersten Stoffe nichts weiter als eine ganz gewöhnliche Ca-\npellmeister-Oper gemacht, die in Berlin trotz neuer Deco-\nrationen keinen Erfolg hatte, und Rubinstein's Dichtung\nscheint des dramatischen Nervs zu entbehren; indess das\nist eine Sache für sich. Moriz Hartmann's Text-Dichtung\n„Die Katakomben\" ist ein Buch, das in poetischer Stim-\nmung gemacht ist und gewisser Maassen schon „Musik hat\nin sich selbst\". Wir haben dabei nur zwei Bedenken. Zu-\nnächst sind der Stoff' und die ganze Behandlung so ernst\nund streng, dass vom Zuschauer eine von der gewöhnlichen\nund alltäglichen völlig abweichende Stimmung verlangt\nwird. Die Handlung hat etwas, von dem die Leute sagen\nwerden, dass es derbe und spröde sei. Der Gegensatz des\nin Sinnenlust verkommenen Römerthums und des puritani-\nschen Wesens der ersten Christen eignet sich ganz vorzüg-\nlich zum Vorwurf für ein so genanntes weltliches Orato-\nrium, stösst aber auf der Bühne, die ein frisches, volles\nLeben verlangt, auf grosse Schwierigkeiten. Sodann ist\ndoch Lavinia eine Figur, weicher die Sympathie der Zu-\nschauer sich nicht leicht und voll zuwendet. Sie bewegt\nsich zu viel in Gefühls-Aeusserungen, für die man keine\nrechte Theilnahme hat; Weltschmerz und Lebensüberdruss\nsind Kategorieen, die unsere realistische Zeit nicht mehr\ngelten lässt, sie sind heutzutage nur noch der Vorwurf der\nKomödie, nicht mehr des ernsten Drama's. So wie sie kla-\nrer wird und sich entschliesst, nicht mehr in Gedanken zu\nwühlen, sondern das Glück des Lebens zu suchen, wird\ndie Gestalt fasslicher und gewinnt, mag sie immerhin falsch\nhandeln, doch die Zuschauer. Für den Erfolg der Oper\nhat diese Sachlage den Nachtheil, dass man Anfangs nicht\nrecht warm werden kann, dagegen den Vortheil, dass\nHandlung und Theilnahme sich künstlerisch richtig stei-"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "95", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630321-01.1.7", "texte": "gern, während gerade an dem Mangel dieser Notwendig-\nkeit unzählige Werke scheitern.\nDer Componist hat den Ton, welchen er für Wesen\nund Haltung seiner Musik wählen musste, sehr glücklich\ngetroffen. Es ist überall dem Werke die richtige Färbung\nverliehen und mit grosser Kunst, dabei ohne allen Zwang\nund Affectation, festgehalten. Hat man sich hineingefunden\nin die Handlung, so bewegt man sich durch die verschie-\ndenen Situationen mit grossem Interesse und hat durch-\nweg das Gelühl, dass die erste und höchste Forderung der\ndramatischen Musik, einheitlicher und wahrer Charakter,\nerfüllt und ohne die geringste Abweichung durchgeführt\nist. Dichtung und Musik decken sich vollständig, der ent-\nsprechende Ausdruck fehlt nie, er wird weder unschön in\nder Leidenschaft, bei welcher die Verlockung zu grellen\nFarben so nahe liegt, noch frivol in den weichen Stellen,\nin denen eine üppige und triviale Melodik leichte und grosse\nErfolge verheissen würde. Der Componist, der über einen\nreichlich iiiessenden Quell der Melodie zu verfügen hat,\nkönnte hier wohlfeile Wirkungen ohne Mühe erreichen\nund wäre des Dankes Vieler gewiss. Die Contraste liessen\nsich gewinnender gestalten, aber das Gesetz künstlerischer\nWürde und angemessenen Ausdrucks steht ihm höher als\nder Beifall d er gedankenlosen Masse. Eine zweite vor-\ntreffliche Eigenschaft seines Werkes ist die, dass es echt\nmusicaliscb, natürlich und sangbar gedacht ist. Als guter\nMusiker im besten und strengsten Sinne des Wortes schreibt\ner nichts, das nicht zu rechtfertigen wäre; er vermeidet\nall es Grelle, Unschöne, Unnatürliche, das Richard Wagner's\nVerderben zu werden scheint. Schwer ist seine Musik sehr\noft, aber nie unsangbar; er muthet den Sängern nichts zu,\nwas allen Gesetzen der Entwicklung und Leistungsfähig-\nkeit der Stimmen Hohn spräche und sie misshandelte, wie\nes die grosse französische Oper gelhan hat und der Com-\nponist. der Zukunft zu thun im Begriffe steht. Die Haupt-\nrolle der Lavinia ist allerdings sehr weit davon entfernt,\neine dankbare Opern-Partie im hergebrachten Sinne zu\nsein; die Sängerin hat eine Anzahl von hochdramatischen\nStellen, welche eine bedeutende Künstlerin erfordern, mit\nder vollen Kraft eines Talentes, das sich auf Charakteristik\nversteht, vorgetragen sein wollen und nur dann den vom\nComponisten gedachten grossen Erfolg haben. Einen leich-\nteren Stand hat der eigentliche Träger der Handlung, Lu-\ncius, indem seine Rolle nicht nur auf mehr Sympathie\nbeim Zuhörer rechnen darf, sondern auch den Vorzug\ngrösserer Concentration hat. In der glücklichsten Lage be-\nfindet sich die Sängerin Clythia, welche sich auf dem lyri-\nschen Gebiete bewegt und mit den ihr zugewiesenen Stel-\nlen mühelos die Herzen gewinnt. Soll unter den Bestand-\nteilen, welche das vortrefflich gruppirte Ganze bilden, ein\nUnterschied gemacht werden, so scheint uns, dass dem\nChor der Preis zu ertheilen sei. Die Aufgabe, dem Chor\nseine volle Bedeutung innerhalb des dramatischen Kunst-\nwerkes zuzuweisen, hat Hiller glänzend gelöst. In der In-\ntroduction gleich bildet er die feste Grundlage, auf welcher\ndie Exposition sich aufbaut, und den kräftigen, scharf ge-\n, O ' P\nzeichneten Hintergrund, auf dem sich die Gestalten des\nDrama's abheben. In vielleicht noch höherem Grade und\nim allerbesten Sinne ist dies der Fall in allen drei Fi-\nnalsätzen, welche meisterhaft gearbeitet sind und als Kunst-\nwerke an sich gelten können; die eindrucksvollste unter\ndiesen Nummern ist wohl das zweite, Musiker möchten\nvielleicht das erste Finale für das vollendetste erklären.\nUnter den kürzeren Scenen vermag das Duett des ersten\nActes zwischen Lavinia und Claudius weniger zu erwär-\nmen, als die Auftritte zwischen Clythia und Lucius im zwei-\nsen Aufzuge und die Scenen des dritten. Wir heben be-\nsonders den Anfang der zweiten Abtheilung, Clythia's Lied\nan die Laute, in der dritten das Duett der Lavinia und des\nLucius wegen des vortrefflich geschilderten Gefühlswech-\nsels, dann das Duett zwischen Clythia und Lucius hervor.\nWas die Instrumentation betrifft, so ist es überflüssig, zu\nsagen, dass sie vorzüglich sei, da sich das bei Hiller von\nselbst versteht. Das schöne Maass, welches er beobachtet,\nmuss indess der Verwilderung gegenüber, in welcher die\nneuromantische Schule ihre Genialität sucht und das wahre\nHeil findet, noch besonders rühmend hervorgehoben wer-\nden. Ginge es nach den Grundsätzen dieser Schule, so wä-\nren wir gerade so weit, das Natürliche und Gesunde für\nlangweilig und krankhaft zu erklären.\nIn den „Katakomben\" hat die musicalische Welt nach\nunserer Meinung ein sehr werthvolles und bedeutendes\nWerk zu begrüssen, das mit dem ganzen Ernste und der\nwürdevollen Haltung eines ausgezeichneten Musikers, dem\ndie Gesetze der künstlerischen Schönheit die höchste Richt-\nschnur sind, componirt ist. Es steht mitten in der jetzigen\nPhase der dramatischen Musik, bewegt sich in den geläu-\nterten und geklärten Formen, welche die Oper sich allmäh-\nlich geschaffen hat, überschreitet aber nie zu Gunsten fri-\nvoler Zwecke die Gränzen und Linien des Erlaubten. Der\nmusicalisch fühlende Theil des Publicums wird ihren Werth\nüberall nach Gebühr zu schätzen wissen und ihr eine der\nehrenvollsten Stellen unter den Erzeugnissen der heutigen\nO P\ndramatischen Musik anweisen. Alle Bühnen, die sich um\ndie Förderung der Kunst bemühen, mögen es sich angele-\ngen sein lassen, die Oper Hiller's mit der Sorgfalt, welche\nsie verlangt, einzustudiren, und es wird keine es zu bereuen\nhaben, dass sie um die Verbreitung des Werkes eines\ndeutschen Componisten sich bemühte."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "96", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630321-01.1.8", "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKolli« Die Proben für die Aufführung der Matthäus-Pas-\nsion von J. S. Bach am Palmsonntag im Gürzenich haben be-\nreits begonnen; die Soli sind den Damen Büchner (Sopran) von\nhier, Weiss (Alt) von Hannover, den Herren Gunz (Tenor) von\nHannover und Hill (Bass) von Frankfurt a. M. übertragen worden.\nIn der letzten Sitzung der musicalischen Gesellschaft bewährte\nsich Herr Dr. Oscar Paul aus Leipzig, ein junger Componist und\nmusicalischer Schriftsteller, dessen gründliche Studien in theoreti-\nschen und historischen Kenntnissen bereits sehr achtungswerthe\nFrüchte tragen, auch als ausübender Künstler auf dem Pianoforte\ndurch den technisch fertigen und geschmackvollen Vortrag des schö-\nnen Fis-moll-Concertes von F. Hiller, für welchen er den lebhaften\nBeifall des Componisten und der Versammlung ärntete.\nAm 17. März wurde im Stadttheater eine glänzende Vorstellung\nveranstaltet zur Erinnerungsfeier des Aufrufs Friedrich Wilhelm's 111.\nim Jahre 1813. Zu dem Gedichte „ Germania's Erwachen\" von L.\nBischoff, das durch prächtige lebende Bilder illustrirt wurde, kam\nBeethoven's Ouvertüre und Musik zu Göthe's Egmont und Beet-\nhoven's „Schlacht bei Vittoria\" zur Aufführung.\nMärz. Es ist jetzt entschieden, dass das\nniederrheinische Musikfest in diesem Jahre hier an den\nPfingsttagen gefeiert wird. Frau Jenny Lind-Goldschmidt hat\nihre Mitwirkung durch den Vortrag der Sopran-Partie in Mendels-\nsohn's „Elias\", Händel's „Ode am Cäcilienfeste\" und Haydn's\n„Schöpfung\" (111. Theil) bestimmt zugesagt.\nBarmen. Am '2B. Februar brachte das vierte Abonnements-\nConcert die Suite für Orchester von F. Lachner, F. Schu-\nbert's Ouvertüre zu Rosamunde, Molique's Violin-Concert in A-\nmoll, gespielt von Herrn Franz Seiss, und J. S. Bach's Cantate\n„Bleib' bei uns1' u. s. w. Im letzten Concerte, den 11. April,\nkommt Händel's „Samson\" zur Aufführung.\nUeber das Gastspiel Wachtel' s in Mainz seit dem 4. d. Mts.\nsagt die Süddeutsche Musik-Zeitung unter Anderem: „Wachtel's\nStimme ist in ihrer unvergleichlichen Frische und bei der fabelhaf-\nten Sicherheit, mit welcher der Sänger sich in den höchsten Lagen\nbewegt, wohl geeignet, nicht nur zu überraschen, sondern auch zu\nfesseln. Dass Wachtel, der seit Jahren sich in Gastrollen auf fast\nallen bedeutenderen Bühnen Deutschlands bewegt hat, sich auf eine\ngewisse Effecthascherei, auf ein virtuosenmässiges Hervorheben ge-\nwisser Stellen vorzugsweise verlegt hat, ist, wenn auch nicht zu\nbilligen, doch leicht zu begreifen, und die ausserordentliche Vollen-\ndung, mit der er bie ausführt, entwaffnet die strengere Kritik. Sein\nRaoul war in gesanglicher Beziehung jedenfalls die grösste Lei-\nstung. Bei allem Vergnügen, das seine herrliche Stimme uns bereitet\nhat, können wir doch seine Erfolge nur eben dieser unvergleichli-\nchen Naturgabe und einem glücklichen Naturalismus zuschreiben,\nder bei ihm in Verbindung mit einer grossen Routine den Mangel\nan eigentlicher Schule, so weit dies überhaupt möglich ist, verdeckt.\nDass es diesem begabten Künstler nicht an Streben nach dem Bes-\nseren fehlt, dafür spricht das Urtheil Sachverständiger, die ihn früher\nund jetzt wieder gehört haben und eine auffallende Besserung in\nder Tonbildung, so wie auch in seiner Vortragsweise in Folge zu-\nnehmender Gesangs-Routine zugestehen. Allein trotz alledem wie-\nderholen wTir, dass Wachtel's Leistungen in hohem Grade anziehen\nund durch die wunderbar schönen Stimmmittel, die diesem Sänger\nzu Gebote stehen, einen Genuss gewähren, der jedem; dem derselbe\nzu Theil geworden, unvergesslicli bleiben wird.\"\nParin, Frau Clara Schumann und Frau Wilhelmine\nSzarvady-Clauss geben in Erard's und in Pleyel's Salons Con-\ncerte, bei welchen sich die beiden grossen deutschen Künstlerinnen\nwechselseitig unterstützen und die gebildete Musikwelt durch ihre\nwundervollen Leistungen entzücken."}]}