{"numero_id": "bm-bmtnabi-1863-05-02-01", "volume": "bmtnabi_1863-05-02_01", "ocr_sha256": "2c2aef61cb8d205e4b4e34b12482aeb53941450bdfb29381e059af1ebc60fda1", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1863/05/02_01/bmtnabi_1863-05-02_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630502-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1863-05-02-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1863-05-02_01#c001", "volume": "bmtnabi_1863-05-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "137", "page_fin": "137", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630502-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "137", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630502-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 454, "texte": "Inhalt.\nMusica sacra. Psalmen auf alle Sonn- und Festtage des evangelischen Kirchenjahres. Von der YVestgränze. A. Aus\nLüttich» Von N. JB. Aus Mastricht. Von L. A. Analecta von E. Krüger. I. Von Kunst-Kategorieen. Tages- und Unterhal-\ntungsblatt (Köln, Matinee, Soiree für Kammermusik Mannheim, Theater-Novitäten Meiningen, Concert der Hofcapelle Frank-\nfurt am Main, Mozart-Stiftung Königsberg, „Incognito;; von H. Kipper Wien, Concert, Ehrengeschenke)."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1863-05-02-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1863-05-02_01#c002", "volume": "bmtnabi_1863-05-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "137", "page_fin": "139", "image_debut": 1, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630502-01.2.2", "titre_corps": "Musica sacra.", "titre_sommaire": "Musica sacra.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "137", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630502-01.1.1", "debut_caractere": 456, "fin_caractere_exclue": 4041, "texte": "Musica sacra.\nVerlag von G. Bock in Berlin.\nDiese verdienstliche Sammlung von kirchlichen Musik-\nstücken, namentlich Gesängen (nur der I. Band enthält\nOrgelstücke älterer Componisten, herausgegeben von Franz\nCommer), ist durch die seit dem Jahre 1855 verzögerte\nErscheinung des VIII., IX. und X. Bandes um ein Bedeu-\ntendes reicher geworden. Es enthalten nämlich diese drei\nBände die\nPsalmen auf alle Sonn- und Festtage des evangeli-\nschen Kirchenjahres. Auf Befehl Sr. Majestät des\nKönigs Friedrich Wilhelm IV. von Preussen com-\nponirt von Engel, Ed. Grell, Ferd. Hiller,\nKästner, F. Mendelssohn-Bartholdy, Giac.\nMeyerbeer, Emil Naumann, Neithardt,\nO.Nicolai, Reinthaler, C. G. Reissiger,\nRichter, Schulz, Stahlknecht, Taubert\nund zum Gebrauche des k. Dom-Chors, so wie\naller evangelischen Kirchenchöre herausgegeben\nvon Emil Naumann, k. pr. Hofkirchen-Musik-\nDirector. VIII. 6 und 108 S., IX. S. 110 260,\nX. S, 262—351 gr. Fol.\nEin gut geschriebenes Vorwort weist in geschichtlichen\nAngaben über den evangelischen Kirchengesang seit Luther\nund Calvin nach, dass die Reformation mehr als den ein-\nstimmigen Choral gewollt, dass zwar die Gemeinde den\nCantus firmus damals wie jetzt gesungen, aber dabei von\nden Sängern auf dem Chor vier-, fünf- und selbst achtstim-\nmig begleitet wurde, und zwar in figurativer und contra-\npunktischer Weise, wobei die Orgel schwieg. Luther selbst\nwar dieser künstlerischen Gestaltung des Kirchengesanges\nhold, wofür Naumann aus dessen Lob der Tonkunst (Wit-\ntenberg, 1538) folgende Stelle anführt: »Wo die natür-\nliche Musica durch die Kunst geschärft und polirt wird,\nda sieht und erkennt man erst mit Verwunderung die\nGrosse und vollkommene Weisheit Gottes in seinem wun-\nderlichen Werke der Musica, in welcher vor Allem das\nseltsam und zu verwundern ist, dass Einer die schlechte\n(schlichte) Weise hersingt, neben welcher drei, vier oder\nfünf andere Stimmen auch gesungen werden, die um\nsolche schlechte Weise gleich als mit Jauchzen rings herum\nspielen und springen und mit mancherlei Art und Klang\ndieselbige Weise wunderlich zieren und schmücken und\ngleich wie einen himmlischen Tanzreigen führen, freund-\nlich einander begegnen und sich herzen und lieblich um-\nfangen.\" In der That ein trefflicher Gefühls-Ausdruck\nzu Gunsten der Polyphonie.\nDie für diesen höheren Choralgesang, den die dama-\nligen Componisten auf diese Weise zur Motette umbilde-\nten, bestimmten Liederdichtungen lehnten sich dem Geiste\ndes Protestantismus gemäss an das Bibelwort, an Psal-\nmen und Bibelstellen an. „So sind z. B. von Luther's Lie-\ndern sieben blosse Umdichtungen von Psalmen, acht an-\ndere beziehen sich auf Bibelstellen.\" Eben dahin weiset\ndie von Calvin veranlasste Uebersetzung der Psalmen ins\nFranzösische durch Clement Marot, welche Goudi-\nmel, Palestrina's Lehrer, mehrstimmig componirte und\ndie, wie Naumann behauptet, „wirklich von den reformir-\nten Gemeinden mehrstimmig gesungen wurden und sich\nin dieser Gestalt, besonders in der französisch reformirten\nSchweiz, bis ins vorige Jahrhundert in Gebrauch erhielten.'\"\nBald nach der Reformation trat indess der puritanische\nEifer feindlich der Tonkunst in der evangelischen Kirche\nentgegen*); sie musste sich nothgedrungen von ihrer frü-\nheren Verbindung mit der Gemeinde lösen und sich auf\nsich selber zurückziehen, wofür dann die Compositionen\nvon Eccard, Hammerschmidt und Anderen und selbst\n\n*) Wie sonderbar, dass sich dieselbe, historisch als hyperpro-\ntestantisch erwiesene, Musikteindschaft in unseren Tagen\nin der katholischen Kirche wiederholt! „Das war schon\nAlles einmal da!\" Dießedaction."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "138", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630502-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5281, "texte": "von J. S. Bach die Beweise liefern. Hierin hat der Ver-\nfasser vollkommen Recht; sagt doch Eccard selbst in der\nVorrede zu seinen Choral-Bearbeitungen, er habe in der\nHauptstimme den Volksgesang gegeben, „damit ihn die\nchristliche Gemeinde bei sich selbst nach ihrer Andacht\nsingend imitiren kann\", d. h. im Stillen, innerlich. Eben\nso J. S. Bach, worüber Mosewius zu vergleichen ist in\n„Vorrede zu J. S. Bach's Choralgesängen und Cantaten\"\nund in der Schrift über die „Matthäus-Passion\" S. 30.\nWir erfahren dann aus dem Vorworte, dass der Ge-\ndanke, neben dem jetzt üblichen schlichten, immer wir-\nkungsvollen Choralgesange (wenn er gut mit der Orgel\nbegleitet und rein gesungen wird) künstlerisch bedeutsa-\nmere Formen der Tonkunst, wie zur Zeit der Beformato-\nren, wieder in die evangelische Kirche einzuführen, von\ndem Könige Friedrich Wilhelm IV. herrühre, und dass\nder fromme und kunstsinnige Fürst durch Hinweisung auf\ndie Psalmen in einer alternirenden Vortragsweise\ndie Verwirklichung dieses Gedankens ins Auge gefasst habe.\nEr wählte Felix Mendelssohn zur. Ausführung des\nPlanes; dieser Meister sollte eine Form des Psalmengesan-\nges schaffen, in der die Gemeinde sich an dem Gesänge\nbetheiligen könne und andererseits der Kunst durch den\nDom-Chor genügt werde.\nObwohl nun Mendelssohn die Gemeinde-Betheiligung\nfallen liess, so geschah doch durch ihn „der erste Schritt\nzum Ziele dadurch, dass er in den für den Dom-Chor\ncomponirten Psalmen der musicalischen Recitation, der\nBetonung des Einzelwortes, Rechnung trug. Diese Reci-\ntation verstattet allein, das Princip der Reformatoren, das\nBibelwort überall dem Volke zugänglich zu machen, auch\ndurch die Tonkunst zur Anwendung zu bringen.\" Es wer-\nden dann als in einer durch das Psalmenwort bedingten,\nin sich abgeschlossenen Form von Mendelssohn componirt\ngenannt der 2., 22., 43. und 100 Psalm.\nNach Mendelssohn's Tode beauftragte der König, ob-\nwohl die Mendelssohn'sche Form bei einem grossen Theile\nder Gemeinde und der Geistlichkeit Widerspruch fand,\nden Capellmeister Otto Nicolai mit der Untersuchung,\nob ein Vortrag der Psalmen durch die Gemeinde zu er-\nmöglichen wäre. Nach dessen Hinscheiden wurde dieselbe\nAufgabe Emil Naumann zu Theil.\nEr suchte zunächst historisch zu ermitteln, was in Be-\nzug auf Psalmodie unter Theilnahme der Gemeinde an ihr,\nauch alternirend, vorhanden gewesen. Die Resultate seiner\nUntersuchung hat er in der Schrift: „Ueber Einführung\ndes Psalmengesanges in die evangelische Kirche\", Berlin,\nbei Reimer, niedergelegt. Sie lassen sich darin zusammen-\nfassen, dass der alternirende Psalmengesang wahrschein-\nlich bis auf das Judenthum, gewiss bis in das dritte und\nzweite Jahrhundert nach Christus zurückzuführen sei; fer-\nner, dass nach ganzen Versen alternirt worden, nicht\nnach halben; endlich, dass die Kunstform eines alterni-\nrenden Vortrages am entwickeltsten im XVI. und XVII.\nJahrhundert, z. B. in Allegri's Miserere, erscheint.\nSodann nahm der Verfasser Kenntniss von dem, was\nin Rom, London, in der reformirten Schweiz und dem re-\nformirten Frankreich, in der russisch-griechischen Psal-\nmodie und in den Synagogen noch von' psalmodischer\nWeise übrig war. „Am meisten überraschten ihn die Re-\ncitationen und Responsorien in den katholischen Gemein-\nden der preussischen Rheinlande. Nicht nur in Städten,\nsondern selbst auf abgelegenen Dörfern hörte er dort die\nGemeinden in so vollem Tone, einem so reinen Unisono\nund mit einer Deutlichkeit und Gleichzeitigkeit der Aus-\nsprache der einzelnen Sylben singend [?] recitiren, dass\nseine Erwartungen von dem, was einer Gemeinde zu er-\nreichen möglich, übertroffen wurden. In der Klosterkirche\nzu St. Apollinaris im Aarthal (?) leisteten sogar Dorfschul-\nkinder, und zwar ohne Unterstützung eines Erwachsenen,\ndasselbe*).\"\nDiese Erfahrungen entschieden den Verfasser für die\nAnwendung der im XVI. Jahrhundert vorhandenen Kunst-\nform „einer auf einem und demselben Tone\nruhenden einfachen, aber höchst wirkungsvollen\nAussprache der Textesworte im Unisono, der der\nSängerchor in reicher Harmoniefülle antworte!\"\n—, auf die evangelische Psalmodie. Als die ersten Ver-\nsuche im Sinne jener Musterform bezeichnet er den Psalm\n130, 22 (der auf den Charfreitag fällt) und den Psalm 66\nim Anhange des Bandes X. Indess gibt er in demselben\nAnhange auch Beispiele von Verbindungen anderer Art\nals durch Responsorien, z. B. durch Aiterniren der Psal-\nmodie mit dem Choral u. s. w., ist aber doch der Ueber-\nzeugung, dass jene mehrerwähnte Kunstform das einzig\nvollkommene Vorbild einer evangelischen Psalmodie sei.\nDieser Meinung können wir indess nicht so unbedingt\nbeitreten, wie der Verfasser.\nWir können uns unmöglich vorstellen, dass das im\neigentlichsten Sinne des Wortes eintönige Hersagen des\nBibeltextes durch die ganze Gemeinde, selbst wenn es im\nreinen Unisono Statt fände, die evangelische Andacht er-\nhöhen würde oder ihr überhaupt nur angemessen wäre;\nda aber vollends in der Ausführung dieses reine Unisono\nkeinesfalls zu erreichen ist, so dürfte die Recitation in ein\n\n*) Nun freilich, eben weil es Schulkinder waren, denen diese\nResponsorien eingeübt werden. In dieser Beziehung kann man\ngegenwärtig bei den Gesangfesten in Brühl vom sieg-rheini-\nschen Lehrer-Vereine noch weit kunstvollere Leistungen hören.\nDie Redaction."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "139", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630502-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3498, "texte": "sehr antimusicalisches Gemurmel oder Geplapper ausarten,\nwelches erfahrungsmässig überall, wo etwas Aehnliches\nStatt findet, die religiöse Sammlung des Gemüthes stört.\nUebrigens sieht Herr Naumann die Schwierigkeit oder die\nUnmöglichkeit der Verwirklichung dieser Art von Psal-\nmodie im praktischen Kirchenleben auch selbst ein, wenig-\nstens für die Gegenwart.\n„Vorläufig\" sagt er, wir aber möchten zusetzen:\nund auch in alle Zukunft hinaus „sind unsere Gemein-\nden noch so weit von der Fähigkeit, zu psalmodiren, ent-\nfernt, dass es thöricht sein würde, in dieser Beziehung\nschon jetzt auf Resultate zu hoffen. Im Augenblicke kann\ngar nicht von einer Betheiligung der Gemeinden am Psal-\nmen-Vortrage überhaupt, geschweige denn von einer alter-\nnirenden mit einem Kunst-Chor die Rede sein\" u. s. w.\nAuch hebt er hervor, was sich Jedem als ein Hinderniss\nder Einführung selbst bei Befähigung der Gemeinden so-\ngleich aufdrängt, „dass die Aehnlichkeit dieser Psalmodie\nmit den Responsorien in der katholischen Kirche zu Miss-\nverständnissen Anlass geben würde.\"\nWenn wir nun die Hoffnung des Herausgebers auf\ndie künftige musicalische Befähigung der Gemeinden nicht\ntheilen, ja aufrichtig gesagt —, diese Befähigung weit\nlieber für den Choral, als für die Psalmodie durch die\nSchulen und Kirchen-Gesangvereine gefördert zu sehen\nwünschen, so können wir auch seiner Sammlung das Ver-\ndienst eines Beitrags zur „Vermittlung des Uebergangs\nvom Kunstgesange zur Psalmodie\" nicht eben anrechnen,\nwährend wir sie als zum Gebrauche von wirklichen Kir-\nchenchören und Gesangvereinen, sowohl für kirchliche, als\ndurch ernste Musik erbauliche Zwecke, sehr hoch halten\nund mit wahrer Freude willkommen heissen. Wenn man\nsonst bei manchen Werken sagen mussr „Der Wille ist\ngut, aber die Kraft schwach\", so kann man hier behaup-\nten, dass die Kraft weit über den Willen, die That weit\nüber die Absicht hinausgegangen ist.\nDie drei Bände enthalten 18 vierstimmige und 21\nachtstimmige Psalmen, welche nach Uebereinstim-\nmung mit geistlichen Autoritäten für den wirklichen Got-\ntesdienst, wenn dieser, wie im Dome zu Berlin geschieht,\nmit einem Psalm beginnt, in Beziehung zu den Sonn- und\nFesttagen des evangelischen Kirchenjahres gebracht sind.\nDarunter sind zwölf von E. Naumann, vier von Mendels-\nsohn, acht von Neithardt, zwei von Nicolai, drei von Grell\nund je einer von Kästner, F. Hiller, Dupuis, Engel, Meyer-\nbeer, Reissiger, Schulz, Stahlknecht, Richter, Reinthaler.\nDie ganze Sammlung enthält nur Würdiges und gros-\nsentheils Vortreffliches, wozu namentlich auch die Psalmen\nvon E. Naumann selbst zu zählen sind. Sie liefern, was\nman überhaupt von sämmtlichen Compositionen dieser\nMusica sacra mit mehr oder weniger Recht sagen kann,\nden Beweis, dass die deutschen Tonsetzer unserer Zeit in\nErfindung des Melodiösen und Behandlung des mehrstim-\nmigen Gesanges a capellasich den älteren Meistern wür-\ndigst anreihen. Dergleichen Psaimengesänge sind eine\nZierde des Gottesdienstes jeder Confession. Mögen sie über-\nall zur Errichtung von Kirchenchören beitragen, welche\nbei der so sehr verbreiteten musicalischen Bildung in\nDeutschland wenigstens in Städten durchaus nicht schwie-\nrig herzustellen sind, wenn nur die Geistlichkeit da-\nfür ist. Aber auch den nicht kirchlichen Gesangvereinen\nund Akademieen sind diese Psalmen sehr zu empfehlen,\nja, mehrere von ihnen eignen sich selbst zu Aufführungen\nin Concerten, z. B. der 19. von Naumann, der 2. von\nMendelssohn (Op. 78), der 119. von Hiller und andere."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1863-05-02-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1863-05-02_01#c003", "volume": "bmtnabi_1863-05-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "139", "page_fin": "141", "image_debut": 3, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630502-01.2.3", "titre_corps": "Von der Westgränze.", "titre_sommaire": "Von der Westgränze.", "signature_source": "A. Aus Lüttich ; L. A", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "139", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630502-01.1.3", "debut_caractere": 3500, "fin_caractere_exclue": 5182, "texte": "Von der Westgränze.\nA. Aus Lüttich.\n\nDie Hauptstadt der Wallonen, das kohlen- und dampf-\nreiche Lüttich mit beinahe 90,000 Einwohnern und den\nschönsten landschaftlichen Umgebungen, beginnt neuer-\ndings, sich in musicalischer Beziehung nicht nur als Ge-\nburtsort Gretry's geltend zu machen, sondern auch durch\nseine gegenwärtige Pflege der Tonkunst sich dieser Ehre\nwürdig zu zeigen. Das bereits seit längerer Zeit bestehende\nConservatorium der Musik hat unter der Direction des\ntüchtigen Musikers und Componisten Soubre seit vorigem\nJahre einen bedeutenden Aufschwung genommen, und die\nConcerte desselben haben in dem Bestreben, das Publicum\nan gute deutsche, classische Musik zu gewöhnen, einen\nbereits recht erfreulichen Erfolg gehabt. Es liegen uns\ndarüber zwei Berichte vor, von denen der erste, aus der\nFeder eines belgischen Schriftstellers, die bisher vor-\nherrschende Geschmacksrichtung seiner Landsleute durch-\nblicken lässt, der andere von einem Dilettanten aus Deutsch-\nland herrührt, der auf einer Reise durch. Belgien dem\nzweiten Concerte in Lüttich beiwohnte.\nI. Wie wir vorhergesagt, hat uns das Conservatorium\nin seinem ersten Concerte (Anfang Februar) kräftige,\nernste, gehaltvolle Musik vorgeführt. Nun, es kommt ihm\nzu, ein gutes Beispiel zu geben, seinen Concerten ein spe-\nciales Gepräge aufzudrücken und das Publicum endlich\nin die gesunde Erkenntniss und das wahre Wesen der\nhöheren Tonkunst einzuweihen. Indess wünschten wir doch\nnicht, um es frei zu gestehen, dass man uns auf immer zu\neiner gelehrten Musik verurtheilte, welche nur den Ver-\nstand des Musikers interessirt und die Zuhörer kalt lässt.\nWeg mit den starren Formen, welche die so genannten\n\n[•]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "140", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630502-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5243, "texte": "Kenner allein über Alles setzen! Wählen wir lieber Werke,\nin denen die Begeisterung Hand in Hand mit dem Wissen\ngeht, der Reichthum an Gedanken mit der geschickten\nBehandlung der Gesetze der Composilion sich verbindet.\nWir glauben auch nicht, dass Herr Soubre seinen\nZuhörern jemals zu schwerfällige und für ihr Tempera-\nment unverdauliche Speise vorsetzen wird. Das wäre ein\ngrosser Fehler. Die Gränzlinie zwischen dem wirklich\nSchönen und dem Langweiligen muss streng gezogen wer-\nden u. s. w. u. s. w. -\nIn diesem Sinne ist die Wahl des Directors auf vor-\ntreffliche Werke gefallen: Haydn's Sinfonie Op. 80,\nMozart's Ave verum.Mendelssohn's Violin-Conceri,\ndas wir für unvergleichlich halten würden, wenn das von\nBeethoven nicht vorhanden wäre— führen über die Gränze\nder gewöhnlichen Welt hinaus ins Reich der Ideale. Men-\ndelssohn's Sinfonie-Cantate „Lobgesang\" hörten wir\nzum ersten Male; das Werk scheint ein mehrmaliges Hö-\nren zu erfordern, nicht als ob es nicht Schönheiten ersten\nRan ges, die sogleich auffallen, enthielte, aber weil die Form\ndes grossen Ganzen eine sehr umfassende und ungewöhn-\nliche ist. Nach drei Sinfoniesätzen folgt ein Finale mit Soli\nund Chören von grosser Länge im Stil des Oratoriums,\nvon dem sich Mendelssohn nicht hat losmachen können.\nEs ist zu verwundern, dass das in der Tonkunst so weit\nvorgeschrittene und hervorragende Deutschland sich ver-\npachtet glaubt, die ursprünglichen Formen des Orato-\nriums in ernsten, einfachen, feierlichen Gesängen zu ver-\newigen, die zwar ihr Schönes haben, aber wie das Echo\naus einer vergangenen Zeit klingen und aller dramatischen\nBewegung ermangeln. (!) Warum beraubt man sich ab-\nsichtlich der mächtigen Hülfsquellen der dramatischen\nMusik, die ja selbst bis in die Musik beim Gottesdienste\nden Weg gefunden haben?—Uebrigens war die Ausfüh-\nrung sehr gut, die Chöre, vorzüglich der Sopran, verdienen\nbesonderes Lob. Das Orchester haben wir noch nie so\nvollständig gehört: bessere Violinen dürfte es kaum an-\nderswo geben.\" Das einzige Störende ist der Mangel an\nreiner Stimmung in gewissen Blas-Instrumenten.\nHerr J. Dupuis hat das Violin-Concert von Mendels-\nsohn meisterhaft gespielt; das Conservatorium kann sich\nzu diesem ausgezeichneten Künstler, welchem das Lehramt\ndes Violinspiels anvertraut ist, Glück wünsche!1). Der Er-\nfolg seiner Leistung war, wie immer, ein glänzender.\nDie musicalische Welt ist Herrn Soubre den gröss-\nten Dank schuldig. Kaum seit einem halben Jahre, als Di-\nrector des Conservatoriums thätig, hat er bereits Dinge\nins Werk gesetzt, deren Zustandekommen wir nach einer\nReihe von Jahren dankbar anerkannt haben würden.\nSollte man aber wohl glauben, dass so trefflichen\nkünstlerischen Genüssen gegenüber sich unter der glänzen-\nden Menge der Societe d'Emulatiin deren Saale die\nConcerte Statt finden, einige junge Leute befanden, die\nso unartig waren, den ganzen Abend hindurch zu plau-\ndern und trotz wiederholter Erinnerungen durchaus nicht\ndamit aufzuhören? Was wollen solche unausstehliche Gäste\nim Concerte?\nDen 25. April 1863.\n11. Bei meiner neulichen Anwesenheit in Lüttich fiel\nmein Blick auf grosse Anschlagszettel, welche das\ncert du Conservatoire royal de Musique ankündigten. Das\nmachte mich neugierig auf die musicalischen Zustände in\ndiesem grossen industriellen Bienenstocke, den die Musik\nder Ambose, Waffenschmieden, Hochöfen und Dampfma-\nschinen so berühmt und reich gemacht hat. Noch reger\nwurde meine Neugierde, als ich mit Verwunderung die\nNamen unserer grossen deutschen Meister auf dem Zettel\n-erblickte; Haydn, Mendelssohn, Weber u. s. w. bildeten\nnicht etwa nur den Haupttheil des Programms, sondern\nausschliesslich das ganze. Ich erfuhr bald, dass diese Me-\ntamorphose der Programme das Verdienst des Herrn\nEtienne Soubre sei, jenes tüchtigen Musikers, der vor\neiniger Zeit an die Spitze des Conservatoriums gestellt wor-\nden ist, welches gegenwärtig in voller Blüthe steht. Natür-\nlich ging ich in das Concert.\nEs fand in dem Saale der Societe d'Emulation Statt,\nwelcher leider zu klein für die zur Aufführung vereinigten\nKräfte und für das Publicum ist, das sich zu diesen Con-\ncerten zu drängen scheint. Das Orchester, welches Herr\nSoubre dirigirte, zählte 75 bis 80 Mitglieder, der Chor,\nerst neuerdings durch ihn gebildet, soll schon die Zahl von\n140 Mitwirkenden erreicht haben.\nDie Sinfonie in D,Op. 5, von Haydn machte den\nAnfang. Es war eben so interessant, die Vollkommenheit\nder Ausführung durch das Orchester zu beobachten, als\nden fesselnden Eindruck, den sie auf das Publicum machte,\nwelches nicht nur jeden Satz mit Enthusiasmus beklatschte,\nsondern sogar das Andante da rief. Man kann sagen,\ndass der gemüthliche Haydn seinen Einzug in Gretry's\nVaterstadt mit allen seinem Genius gebührenden Ehren\ngehalten hat. Die zweite Nummer waren drei Gesang-\nstücke aus Weber's Oberon: der Männerchor, die Barca-\nrole und der Chor in Amit Tenor-Solo; sie wurden recht\nschön gesungen und erhielten ebenfalls grossen Beifall.\nDer einzige Instrumental-Solist an diesem Abende war\nHerr Leon Massart, Lehrer des Violoncellspiels am\nConservatorium; allein die Qualität ersetzte die Quantität.\nIn dem schwierigen Concerte für das Violoncell von Mo-\nlique zeigte er sich als würdigen Nacheiferer von Servais;"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "141", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630502-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4618, "texte": "der Vortrag des Ganzen und vorzüglich des Adagio's war\nim höchsten Grade vollkommen und rief unbeschreiblichen\n• *+\nEnthusiasmus hervor.\nDen zweiten Theil des Concertes füllte Mendels-\nsohn's Musik zum Sommernachtstraum. Es zeigte\nsich, dass man die Ausführung dieser geistvollen Musik\nsich zur Ehrensache gemacht hatte; Herr Soubre soll, wie\nman mir sagte, sieben sehr sorgfällige Proben davon ge-\nhalten haben. So viel ist gewiss, die Ausführung war vor-,\ntrefflich; selten haben wir eine solche Feinheit des Aus-\ndrucks gehört, als diejenige, mit der hier die Ouvertüre\nund das Scherzo gespielt wurden. Der Erfolg war ein voll-\nständiger und hat die aufgewandte Mühe reichfich belohnt.\nWir wünschen Herrn Soubre den erfolgreichsten Fort-\nschritt auf der betretenen Bahn, welche das Publicum zum\nGenüsse wahrer Kunstwerke führt. N.\nB.Aus Mastricht.\nDen April 1863.\nIn unserer Stadt von 25,000 Einwohnern blühte einst\ndie Musik, so dass auch in öffentlichen Blättern die Rede\ndavon war. Ein anständiges Orchester, ein imposanter\nChor, ausgezeichnete Dilettanten für Solo-Vorträge standen\nuns zur Verfügung. In den letzten Jahren aber, sollte man\nmeinen, wäre die Hauptstadt des holländischen Herzog-\nthums Limburg aus der Welt verschwunden. War die\nKunst gänzlich untergegangen, oder konnten die Berichte\ndarüber nicht durch die dreifache Zolllinie dringen, welche\nMastricht leider umschliesst? Ich weiss es nicht: doch ist\nes gewiss, dass die zuletzt genannte Isolirung, die den Han-\ndel vernichtet hat, auch betrübenden Einfluss auf die Musik\nübte. Nach der Auflösung des rühmlichen Vereins „Or-\npheus\", die vor etwa zwanzig Jahren Statt fand, entstan-\nden verschiedene Vereine, die, kaum geboren, wieder zu\nGrabe getragen wurden; zuletzt traf dasselbe Geschick die\nGesellschaft der Harmonie royale, welche an der Abneh-\nmungskrankheit verschied und ihre Gesangs-Abtheilung\n(Männergesang) mit sich in den Tod riss. Dass bei allen\ndiesen Unfällen Dame Zwietracht eine Bolle spielte, ver-\nsteht sich bei „harmonischen\" Vereinen von selbst. Am\nEnde war es mit der Musik in Mastricht so weit gekom-\nmen, dass Weber's Freischütz, den eine deutsche Gesell-\nschaft gab, nur mit Clavier-Begleitung aufgeführt werden\nkonnte*). .\nWährend man nun von zwei Seiten her überlegte,\nwie es anzufangen sei, den Wagen der Melpomene aus\ndem Lehm, in den er sich verfahren, wieder ins festere\nGeleise zu bringen, machte sich eine lebhaftere Actions-\nPartei mit der Ladung auf und davon, und machte sich\ndaran, sie auszubeuten. Dank dem Eifer und der einfluss-\nreichen Thätigkeit einer Dame, der Frau Baronin von\nVerschuur, welche einige Herren mit willigem Sinn für\ndie Sache Unterstützten, gelang es, einen neuen Verein,\n„Toonkunst\" genannt, zu gründen.\nDem zweiten Concerte desselben habe ich beigewohnt,\nund nach dem Erfolge, den es hatte, darf man aus dem\nbereits Vorhandenen Hoffnungen für die Zukunft schöpfen.\nEin Orchester von einigen und zwanzig Instrumentalisten,\nfreilich grösstenteils eifrige Becruten, ein Chor von etwa\nsechszig Mitgliedern, jungen Damen mit reinen Stimmen,\nguten Tenören und, wenn der Erfolg ermuthigt, gewiss\nbald zahlreichen Bassisten, bilden die Keime der neuen\n„Toonkunst\". Das Programm zeigte ein Streben nach gu-\nter Musik, es brachte unter Anderem Hiller's geistreiche\nComposition: „Der Gesang der Geister über dem Was-\nser\" , welche nicht nur correct gesungen wurde, sondern\nauch in dem Vortrage eine richtige Auffassung und ein\nGefühl für Nuancirung offenbarte; ferner Mozart's\nHymne: „Gottheit, Dir sei Preis und Ehre\", und zwei\nChöre aus Neukomm's Hymnus an die Nacht. Die Be-\ngleitung konnte man freilich noch nicht dem ganzen Or-\nchester anvertrauen; man ergänzte es durch das Geigen-\nQuartett und das Ciavier. Herr Lehr mann dirigirte das\nGanze recht gut. Von den Solisten ist ein Schüler des ge-\nnannten Herrn zu erwähnen, der eine Phantasie für die\nVioline von de Beriot recht gut spielte, und einige vorzüg-\nliche Gesangs-Dilettanten, namentlich eine schöne Bass-\nstimme, welche nach künstlerischer Ausbildung viel Beifall\nfinden würde. Kurz, der Abend war ganz interessant, und\nwenn der neue Verein über seine Gegner siegt, so wird\ner das Verdienst haben, zu dem Wiederaufleben der Kunst\nin einer Stadt, wo sie ehemals blühte, reichlich beigetra-\ngen zu haben.\n\n*) Das klingt ja beinahe wie Ulibisch eff's Schilderung von\nder Verbreitung des Freischütz in Russland: „Ueberall, auch\nin den Landstädten, wurde der Freischütz eingebürgert und\nwurde ein Cassenstück, mochte ein Orchester und Sänger da\nsein oder nicht; Samiel und die Eule ersetzten alles Uebrige.\"\nBeethoven\", S. 35.\n\nL. A."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1863-05-02-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1863-05-02_01#c004", "volume": "bmtnabi_1863-05-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "141", "page_fin": "143", "image_debut": 5, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630502-01.2.4", "titre_corps": "Analecta von E. Krüger.", "titre_sommaire": "Analecta von E. Krüger.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "141", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630502-01.1.5", "debut_caractere": 4620, "fin_caractere_exclue": 5105, "texte": "Analecta von E. Krüger.\nI. Von Kunst-Kategorieen.\nMissa brevis soll nach Arrey v. Dommer's „Ele-\nmente der Musik\", S. 339, so viel bedeuten, als pro-\ntestantische Messe. Uns ist ein solcher Sprachgebrauch\nnicht erinnerlich und weder als typischer Ausdruck, noch\nin lässlicher Rede als bekannter nachweisbar. l>as Kirchen-\nLexikon von Aschbach, so wie das von Welte, beide\nkatholisch, nennen diese Unterscheidung nicht; die pro-\ntestantischeßeal-Encyklopädie von Herzog ebenfalls nicht."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "142", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630502-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5234, "texte": "Praktische und theoretische Kenner der liturgischen Ter-\nminologie haben sich gegen mich persönlich dahin geäus-\nsert, dass ein solcher Sprachgebrauch ihnen unbekannt sei.\nAllerdings kommt der Name Missa brevis vor, aber\nnur als äusserliche Benennung, um sie von den unzähligen\ndes gleichen Wortinhalts bezeichnend zu unterscheiden,\nund zwar bei den katholischen Componisten Palestrina\nund Orlando Lasso; s. Proske, I. 1.\nDiese Missae breves haben sämmtliche Theile und\nWorte der gewöhnlichen Messen und sind nicht länger\nund kürzer, als diese.\nEben so hat Luther's protestantische Messe sämmt-\nliche Theile und Worte der römischen vollständig\nbeibehalten: Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus, Benedictas,\nAgnus, und nirgend braucht er das Wort Missa brevis\nfür seine neue Liturgie, die sich nur in den übrigen\nTheilen und deren Anwendung von der älteren unterschied,\nnicht aber in den Kerntheilen.\nWoher rührt nun A. v. Dommer's Benennung an der\nangegebenen Stelle? Das Vorwort des achten Bandes der\nBach-Ausgabe von M. Hauptmann erwähnt ihrer\ntransitu; auch das Vorwort das sechsten Bandes zur\nH-mcll-Messe— von Jul. Rietz thut ein Gleiches. Beide\nMale erscheint die Benennung nicht als eine Definition\noder typische Terminologie. Wäre dieselbe irgendwo accep-\ntirt, so würden wir sie in den zahreich gewordenen litur-\ngischen Handbüchern, Lexikons u. s. w. irgendwo wieder\nfinden. Es würde also von Interesse sein, wenn A. v. Dom-\nmer oder M. Hauptmann oder J. Rietz die Herkunft die-\nser Benennung, welche ausser den eben angegebe-\nnen Stellen nicht vorzukommen scheint, zu öffentlicher\nKunde zu bringen die Güte hätten.\nDie Sache an sich ist von geringem Belang, sofern\neben nur die Registratur gemeint ist. Wer möchte die\nverschollenen Ringelrennen erneuern, darinnen sich vor Zei-\nten ästhetische Hitzköpfe erhitzten, um mit hochernster\nMiene zu entscheiden, ob das Ding da mehr Romanze,\nBallade oder Rhapsodie zu heissen „verdiene\"; ob jenes\nBeethoven'sche Finale mehr Fugato, Fughette oder Fuge\nsei; ob die Schubert'schen Impromptus Op. 142 nicht\nbesser Sonate zu betiteln u. s. w. Solche Untersuchungen\nsind kaum als Formstudien zu ertragen; vollends verkehrt\naber ist, aus dergleichen Verbal-Definitionen Stricke zu\ndrehen, um Schwachgläubige einzulangen in logische oder\nethische Normen, nach denen sich etwa der schaffende\nKünstler zu richten habe. Es ist ganz gleichgültig, ob ein\nniedliches Stück genannt werde Impromptu, Moment mu-\nsical, Melodie, Ciavierstück; alle jene Worte dienen le-\ndiglich zu Vignetten, Handhaben, Etiquetten, um das rich-\ntige Schubfach zutreffen; den Inhalt berühren und die\nForm lehren sie so wenig, als die Namen\nExercice,welche Sebastian Bach und Zeitgenossen völlig\ngleichdeutig gebraucht haben. Es ist leeres Schulge-\nzänke, dieses Gefrage nach dem Unterschiede untergeord-\nneter Formen. Hauptformen stehen an sich selbst fest,\nhaben ästhetische, logisch-historische Bedeutung, so: Epos,\nLyrik, Drama—Vocal, Instrumental Lied und Oper\nChoral und Oratorium Homophon, Polyphon, Harmo-\nnisch— das sind Wesens-Unterschiede, die man er-\nkennen kann und lehren muss. Sie liegen dem ästhetischen\nUrlheil überall unbewusst zu Grunde; wichtig ist daher,\nsolche Grundformen zu bestimmen =\ndagegen alles, was Uebergangs- oder Mittelform heisst,\noder vielmehr, was und wo es der Grundform nicht mehr\nbedarf, mit zeitgemässer Liberalität = Latitudinarismus\nzu beschreiben oder umschreiben = describere, nuga-\n(PQU&IV, und zwar da, wo es zur historischen Kunde\nerspriesslich ist.\nDenn die historische Kunde fordert zuweilen eine\nErörterung schwankender Terminologieen; es kann ja\nirgendwo Interesse haben, der diplomatischen Treue auch\ndieses zu gestatten, dass die meist arglos gewählten\nBenennungen der Kategorieen mit aufgeführt werden.\nZum Beispiel in unserem Falle: sagt Jemand Missa brevis,\nwas ein (heute) nicht üblicher Terminus ist, so fragt ein\nAnderer, ob es der Autor, seine theoretische Gewohnheit,\noder sein Zeitalter, oder wer sonst mit dieser Vignette be-\nnannt habe. Wissen wir nun historisch, dass Seb. Bach\nauf jene kleineren Messen in F, A, g, G den Titel M. bre-\nvis nicht geschrieben, dass er auf sein gewaltigstes Werk\nnur die Aufschrift setzte: Passionsmusik nach dem Evan-\ngelium Matthäi, so genügt uns das Avzog s'(pa vollkom-\nmen. Wo nun die Enkelkinder kommen und streiten brün-\nstiglich, ob es Divina commedia heissen müsse oder Ora-\ntorium, so ist das ein reines Privat-Vergnügen. Wer einer\nhistorisch-ästhetischen Beschreibung bedarf, findet die ge-\nsundeste und treffendste in Chrysander's Händel, 2, 457:\n„Das Oratorium ist die Vergegenwärtigung heiliger Ge-\nschichte in Tonbildern von dramatisch lebendiger Bewe-\ngung.\" Wer nun „von Händel den Begriff abstrahiren\nwill\", wie A. v. Dommer, Elemente, 343, der thut wohl\ndaran; nur vergesse er nicht, dass Händel selbst oder\nseine Zeit diesen „Begriff\" sehr weitherzig latitudinarisch\nfasste, indem z. B. Acis und Galatea verschiedentlich\nbenannt wird: a masque, pastoral opera, Serenata, Ora-\ntorium, vgl. die Ausgaben, ferner Burney, 4, 362,\nund Chrysanaer, Händel, 1, 479; 2, 263—wie denn\nüberhaupt in verschiedenen Zeiten für ein und dasselbe\nWerk gesagt worden ist a sa\nDrama mysticumund Aehnliches, worüber höchstens ein"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "143", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630502-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1931, "texte": "bibliothekarisches Repositorium wild werden kann, wäh-\nrend die Kunst-Theorie dabei ganz ruhig bleibt. Dass aber\nShakespeare's Sommernachtstraum eine andere Art Ko-\nmödie ist, als Aristophanes' Frösche, mag wahr sein: ist\ndoch jedes Lebendige seine eigene specifische Species! Wie\nschade, dass Shakespeare selbst keine Vignette angeklebt!\nwie unverantwortlich, dass Goethe seine herrlichste Tra-\ngödie bezeichnet: „Ein Fragment\"!\nAlso wir verwerfen jene Form-Unterschiede keines-\nwegs und wollen sie auch nicht unbedingt lächerlich ma-\nchen, wie Shakespeare, der im Hamlet 2, 2 den braven\nPolonius eine ganze Registratur dramatischer Kategorieen\nausschütten lässt. Wir erkennen ihr historisches Recht und\nihre philosophische Redeutung: beide so lange vernünftig,\nals sie einfältig bleiben, d. h. einander einträchtig umfas-\nsen, und nicht ästhetische Gesetze sein wollen. Ethischen\nWerth haben die Kategorieen-Tafeln nun gar nicht; schö-\npferische Dichter und empfangendes Volk bleiben davon\nunberührt; die Forderung von „Reinhalten der Gattung\"\nist eine ungültige.\nDante's Divina commedia ist auch darin einzig, dass\nsie in keinen Kategorieen-Schubkasten passt. Aeusserlich\nist sie episch gestaltet, innerlich waltet lyrisches Pathos,\nund das Ergebnissist eine „gleichsam dramatische\" Ent-\nwicklung von Ausgang, Aufgabe und Erfüllung, ähnlich\nden aristotelisch-dramatischen Kategorieen von\nnho'/.rj y.uTuoTQocprj oder Expositio Actus (douua), Kata-\nstrophe. ■— Wer sich über die Unzulänglichkeit der Kate-\ngorieen-Jägerei gründlich belehren will, der lese wunders-\nhalber die einleitende Abhandlung in Echtermeyer's und\nHiecke's Auswahl deutscher Gedichte (Halle, 1861); da\nlernt man, was die Ballade muss, was die Rhapsodie\nsoll, was die Märe fordert, worauf die Romanze an-\ngewiesen ist, und nach dem allem, wie endlich doch eine\nberühmte Railade von Gustav Schwab das Haupt-In-\ngrediens der Balladen-Definition nicht inne hält!"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1863-05-02-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1863-05-02_01#c005", "volume": "bmtnabi_1863-05-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "143", "page_fin": "144", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630502-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "143", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630502-01.1.7", "debut_caractere": 1933, "fin_caractere_exclue": 6689, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nf&olll« Am 19. April fand im hiesigen Casinosaale eine von\nHerrn Capellmeister F. Hill er veranstaltete Matinee für das Sclia-\ndow-Denkmal in Düsseldorf Statt. Nach dem Trauermarsch von\nChopin sprach Herr Zademak vom hiesigen Theater ein Gedicht\nzur Erinnerung an Schadow von Dr. Wolfg. Müller. Das weitere\nProgramm brachte Psalm 23 für Frauenchor von Wold. Bargiel,\nClavier-Trio von Beethoven, Op. 70 in D (die Herren Hiller, von\nKönigslöw, A. Schmit), „Nachtlied\" und „Volkslied\" für Frauenchor\nvon F. Hiller und das Concert für drei Flügel von J. S. Bach,\ntrefflich ausgeführt von Fräulein Mathilde Bruch vom hiesigen\nConservatorium und den Herren Hiller und Bargiel. Ihre Königlichen\nHoheiten der Fürst und die Frau Fürstin zu Hohenzollern nebst\nFamilie und dem Prinzen von Altenburg beehrten die Matinee mit\nihrer hohen Gegenwart,\nAm 28. April fand die letzte (sechste) Soiree für Kammer-\nmusik im kleineren Gürzenichsaale Statt. Das Programm brachte\nBeethoven s Quartett in A.-dur, Op. 18 Nr. 5, Clavier-Trio Op. 6\nin F-dur von W. Bargiel (die Ciavierstimme vom Componisten\ngespielt) und Mendelssohn s Quintett für Streich-Instrumente. Op.\n87, bei welchem die Herren F. Weber und C. Yenth mitwirkten.\nDie Soireen waren in dieser Saison noch zahlreicher besucht, als in\nder vorigen, was um so erfreulicher ist, als die treffliche Musik,\nwelche sie dem Publicum vorführen, nothwendig zur Bildung des\nGeschmacks an classischen Tonstücken beiträgt.\nMaiiflftiieilfil. Im Gebiete der Oper war Abert's ..König\nEnzio* die erste Novität, welche, im Allgemeinen günstig aufge-\nnommen, von einem achtungswerthen Talente des Componisten\nzeugte, dessen tlicils einfach ansprechende, theils dramatisch wir-\nkungsvolle Melodieen, wie wir sie hauptsächlich in den Partieen des\nEnzio und der Bianka fanden, ihm überall eine ehrenvolle Aufnahme\nseiner Oper sichern werden. Von Gewandtheit und Kenntniss des\nBühnen-Effectes zeugen auch die grösseren Ensemblestücke, wie das\nzweite und dritte Finale, doch ist nicht zu läugnen, dass der Effect\ndes letzteren dadurch geschmälert wird, dass er mit dem des zweiten\neine zu nahe Verwandtschaft hat. Die zweite Novität war die Oper\n„Lalla Rookh\" von Fei. David, welche, wenn auch nicht ver-\nmittels rauschender Beifallsbezeigungen, wozu diese Musik nicht\nherausfordert, dennoch eine sehr günstige Aufnahme fand, die sich\nbei der seither Statt gefundenen Wiederholung der Oper noch wär-\nmer gestaltete.\n1-. April. Am 5. d. Mts., dem Geburtstage\nSpohr's, gab die hiesige Hofcapelle ihr zweites Concert und brachte\ndarin „Die Weihe der Töne\", Concert in Form einer Gesangscene,\nund zwei Lieder tür Sopran mit Begleitung der Clarinette und des\nPianoforte von Spohr zu Gehör, ausserdem Arie für Tenor aus Iphi-\ngenie auf Tauris von Gluck, Ouvertüre in C-dur zu Leonore von\nBeethoven, zwei Balladen, von Hebbel („Schön Hedwig\" und ..Der\nHaideknabeu) mit der Pianoforte-Begleitung von Schumann, Concert\nfüi Pianoforte in eister Satz (nach dem Arrangement von\nKalkbrenner), von Mozart und Phantasie für Pianoforte über Themen\naus der Oper „Der Unbekannte\" von Bott. Sämmtliche Stücke für\nPianoforte wurden von Herrn Hof-Capellmeister Bott ausgeführt.\nDerselbe producirte sich damit hier zum ersten Male als Pianist,\nwesshalb das Publicum wohl zu entschuldigen sein mag, dass es\ndiesem Auftreten mit einigem Misstrauen entgegen sali, zumal Pia-\nnisten wie Jaell und Bronsart in zu lebhafter Erinnerung standen.\nDer Erfolg war aber ein allgemein überraschender, den Concertiren-\nden um so ehrender. Die Phantasie wurde stürmisch da capo ver-\nlangt, w oiauf Herr Bott noch eine kleinere eigene Composition vor-\ntrug. Auch als Lehrer fand Herr Bott ehrende Anerkennung durch\nden Vortrag der „Gesangscene\" von Spohr durch Herrn Gottschalk.\nHerr Gottschalk ist noch sehr jung, reichere Erfahrungen werden\nihn zu grösserer Selbständigkeit führen. Fräulein Wilhelmine\nSeebach (Schwester der Marie Seebach) declamirte das Gedicht\n„Die Weihe der Töne\" und die Balladen von Hebbel mit Begeiste-\nrung; auch wurde Fräulein Schenk in dem Vortrage der Lieder\nfür Sopran, wie Herrn Stiegele in der Arie für Tenor gebührende\nAuszeichnung zu Theil. Die zufällige Durchreise des blinden Clari-\nnettisten Herrn Hentschel aus Dresden veranlasste den Vorstand,\nihn im Zwischenact des Concertes ein Concertino von Weber vortragen\nzu lassen. Vorzüge, so wie ein schönes Pianissimo müssen Herrn\nHentschel zugestanden werden; hauptsächlich aber heiligt wohl nur\nder Zweck das Mittel. Auch Sivori und ein Pianist Scharfen-\nberg besuchten uns. — Mitte dieses Monats wird das Theater ge-\nschlossen, worauf wir noch einige Barmherzigkeits-Concerte zu ge-\nwärtigen haben, bei denen natürlich eine gute Einnahme die Haupt-\nsache ist."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "144", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630502-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3629, "texte": "Am leipziger Stadttheater wurde eine neue Oper, „Der Abt von\nSt. Gallen\", von einem bisher ganz unbekannten Componisten, F.\nHerther, gegeben und fand freundliche Aufnahme.\n«!• ]?J[« Mozart-Stiftung. Das Stipendium\nbetreffend. Zur Prüfung der von den Bewerbern um das Stipen-\ndium der Mozart-Stiftung eingelieferten Arbeiten waren erwählt die\nHerren: Hof-Capellmeister Heinrich Dorn in Berlin, Hof-Capell-\nmeister Franz Lachner in München, Musik-Director Dr. Aloys\nSchmitt in Frankfurt a. M. Nach dem übereinstimmenden Inhalt\nder von diesen Herren erstatteten Gutachten konnte der Verwaltungs-\nAusschuss keine der eingelieferten Arbeiten als den Anforderungen\nunserer Stiftung genügend erkennen und hat einhellig den Beschluss\ngefasst, zur Zeit von der Vergebung eines Stipendiums Umgang zu\nnehmen. Der Verwaltungs-Ausschuss der Mozart-Stiftung: Dr. Pon-\nfick, Präsident. Dr. Eckhard, Secretär. Frankfurt am Main, den\n15. April 1863.\nDiese Entscheidung des Verwaltungs-Ausschusses verdient voll-\nständige Billigung, denn es konnte unmöglich Sinn der Begründer\nund Unterstützer der Stiftung sein, das Stipendium unter jeder Be-\ndingung dem nur relativ Tüchtigsten der Bewerber zu verleihen,\nwie das leider bei vielen Studien-Stiftungen der Fall ist, wodurch\nnur das Proletariat in Wissenschaft oder Kunst begünstigt wird. Mit\nvollem Rechte wahrt die Mozart-Stiftung ihren eigentlichen Zweck,\nnur begabte junge Künstler zu unterstützen, von denen nach den\nAussprüchen fachkundiger Männer wirklich künstlerische Leistungen\nin der Zukunft zu erwarten sind.\n£4öiaigsl>ei*g (in Preussen). Beim Stiftungsfeste des hiesigen\nMänner-Gesang-Vereins unter der tüchtigen Direction des\nHerrn Hamma wurde im zweiten Theile des Concertes die komi-\nsche Operette „Incognito\" von Hermann Kipper in Köln mit\ngrossem Beifalle aufgeführt.\nteil. Als interessante Novität wurden in dem Concerte der\nPianistin Julie von Asten sechs Chöre für Frauenstimmen mit\nLegleitung von Harfe und zwei Hörnern geboten, die Herrn J.\nBrahms zum Verfasser haben. Diese originelle Combination von\nKlangmitteln ist von guter Wirkung; die beiden Hörner, mit den\nFrauenstimmen meist einen vierstimmigen Satz bildend, vertreten\ngleichsam den Tenor und Bass und liefern häufig den täuschenden\nEffect eines gemischten Chors. Eine selbständige Rolle spielen die\nHörner nur in den Vor- und Zwischenspielen, wo dann die Harfe\nbegleitend hinzutritt. Was den Gehalt dieser Compositionen selbst\nanbelangt, so scheinen uns dieselben, das „Minnelied\" und der „Ge-\nsang aus Fingal\" ausgenommen, mehr aus der Lust am Componiren,\nals aus innerer Nöthigung hervorgegangen zu sein. Von den ausge-\nnommenen beiden Piecen jedoch zeichnet sich besonders das „Minne-\nlied \" durch seelenvolle Stimmung und anmuthende Natürlichkeit aus.\nEs ist in Strophenform gehalten, während der durchcomponirte „Ge-\nsang aus Fingal\" sich zu beinahe dramatischer Anschaulichkeit er-\nhebt und durch Plastik der Schilderung wie durch charakteristischen\nLocalton ein bedeutendes Tonbild liefert. Diese beiden Chöre fanden\nden meisten Beifall, und es musste das „Minnelied\" wiederholt\nwerden.\nIn dei jüngst Statt gehabten Versammlung der „Sing-Akademie\"\nwuide Herrn Director J. Hellmesberger in Anerkennung seiner\neben so bereitwilligen als vorzüglichen Leitung der Passions-Auffüh-\nrung ein werthvoller silberner Lorberkranz und dem zweiten Chor-\nmeister, Herrn Krenn, bei dieser Gelegenheit ein silberner Tact-\nstocK. überreicht. Der feierlichen Uebergabe dieser Ehrenspenden\nging eine herzliche und erhebende Ansprache des Vorstandes, Sr.\nExcellenz des Herrn Oberst-Hofmarschalls, Grafen v. Kueffstein,\nvoraus."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "137", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630502-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nMusica sacra. Psalmen auf alle Sonn- und Festtage des evangelischen Kirchenjahres. Von der YVestgränze. A. Aus\nLüttich» Von N. JB. Aus Mastricht. Von L. A. Analecta von E. Krüger. I. Von Kunst-Kategorieen. Tages- und Unterhal-\ntungsblatt (Köln, Matinee, Soiree für Kammermusik Mannheim, Theater-Novitäten Meiningen, Concert der Hofcapelle Frank-\nfurt am Main, Mozart-Stiftung Königsberg, „Incognito;; von H. Kipper Wien, Concert, Ehrengeschenke).\n\nMusica sacra.\nVerlag von G. Bock in Berlin.\nDiese verdienstliche Sammlung von kirchlichen Musik-\nstücken, namentlich Gesängen (nur der I. Band enthält\nOrgelstücke älterer Componisten, herausgegeben von Franz\nCommer), ist durch die seit dem Jahre 1855 verzögerte\nErscheinung des VIII., IX. und X. Bandes um ein Bedeu-\ntendes reicher geworden. Es enthalten nämlich diese drei\nBände die\nPsalmen auf alle Sonn- und Festtage des evangeli-\nschen Kirchenjahres. Auf Befehl Sr. Majestät des\nKönigs Friedrich Wilhelm IV. von Preussen com-\nponirt von Engel, Ed. Grell, Ferd. Hiller,\nKästner, F. Mendelssohn-Bartholdy, Giac.\nMeyerbeer, Emil Naumann, Neithardt,\nO.Nicolai, Reinthaler, C. G. Reissiger,\nRichter, Schulz, Stahlknecht, Taubert\nund zum Gebrauche des k. Dom-Chors, so wie\naller evangelischen Kirchenchöre herausgegeben\nvon Emil Naumann, k. pr. Hofkirchen-Musik-\nDirector. VIII. 6 und 108 S., IX. S. 110 260,\nX. S, 262—351 gr. Fol.\nEin gut geschriebenes Vorwort weist in geschichtlichen\nAngaben über den evangelischen Kirchengesang seit Luther\nund Calvin nach, dass die Reformation mehr als den ein-\nstimmigen Choral gewollt, dass zwar die Gemeinde den\nCantus firmus damals wie jetzt gesungen, aber dabei von\nden Sängern auf dem Chor vier-, fünf- und selbst achtstim-\nmig begleitet wurde, und zwar in figurativer und contra-\npunktischer Weise, wobei die Orgel schwieg. Luther selbst\nwar dieser künstlerischen Gestaltung des Kirchengesanges\nhold, wofür Naumann aus dessen Lob der Tonkunst (Wit-\ntenberg, 1538) folgende Stelle anführt: »Wo die natür-\nliche Musica durch die Kunst geschärft und polirt wird,\nda sieht und erkennt man erst mit Verwunderung die\nGrosse und vollkommene Weisheit Gottes in seinem wun-\nderlichen Werke der Musica, in welcher vor Allem das\nseltsam und zu verwundern ist, dass Einer die schlechte\n(schlichte) Weise hersingt, neben welcher drei, vier oder\nfünf andere Stimmen auch gesungen werden, die um\nsolche schlechte Weise gleich als mit Jauchzen rings herum\nspielen und springen und mit mancherlei Art und Klang\ndieselbige Weise wunderlich zieren und schmücken und\ngleich wie einen himmlischen Tanzreigen führen, freund-\nlich einander begegnen und sich herzen und lieblich um-\nfangen.\" In der That ein trefflicher Gefühls-Ausdruck\nzu Gunsten der Polyphonie.\nDie für diesen höheren Choralgesang, den die dama-\nligen Componisten auf diese Weise zur Motette umbilde-\nten, bestimmten Liederdichtungen lehnten sich dem Geiste\ndes Protestantismus gemäss an das Bibelwort, an Psal-\nmen und Bibelstellen an. „So sind z. B. von Luther's Lie-\ndern sieben blosse Umdichtungen von Psalmen, acht an-\ndere beziehen sich auf Bibelstellen.\" Eben dahin weiset\ndie von Calvin veranlasste Uebersetzung der Psalmen ins\nFranzösische durch Clement Marot, welche Goudi-\nmel, Palestrina's Lehrer, mehrstimmig componirte und\ndie, wie Naumann behauptet, „wirklich von den reformir-\nten Gemeinden mehrstimmig gesungen wurden und sich\nin dieser Gestalt, besonders in der französisch reformirten\nSchweiz, bis ins vorige Jahrhundert in Gebrauch erhielten.'\"\nBald nach der Reformation trat indess der puritanische\nEifer feindlich der Tonkunst in der evangelischen Kirche\nentgegen*); sie musste sich nothgedrungen von ihrer frü-\nheren Verbindung mit der Gemeinde lösen und sich auf\nsich selber zurückziehen, wofür dann die Compositionen\nvon Eccard, Hammerschmidt und Anderen und selbst\n\n*) Wie sonderbar, dass sich dieselbe, historisch als hyperpro-\ntestantisch erwiesene, Musikteindschaft in unseren Tagen\nin der katholischen Kirche wiederholt! „Das war schon\nAlles einmal da!\" Dießedaction."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "138", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630502-01.1.2", "texte": "von J. S. Bach die Beweise liefern. Hierin hat der Ver-\nfasser vollkommen Recht; sagt doch Eccard selbst in der\nVorrede zu seinen Choral-Bearbeitungen, er habe in der\nHauptstimme den Volksgesang gegeben, „damit ihn die\nchristliche Gemeinde bei sich selbst nach ihrer Andacht\nsingend imitiren kann\", d. h. im Stillen, innerlich. Eben\nso J. S. Bach, worüber Mosewius zu vergleichen ist in\n„Vorrede zu J. S. Bach's Choralgesängen und Cantaten\"\nund in der Schrift über die „Matthäus-Passion\" S. 30.\nWir erfahren dann aus dem Vorworte, dass der Ge-\ndanke, neben dem jetzt üblichen schlichten, immer wir-\nkungsvollen Choralgesange (wenn er gut mit der Orgel\nbegleitet und rein gesungen wird) künstlerisch bedeutsa-\nmere Formen der Tonkunst, wie zur Zeit der Beformato-\nren, wieder in die evangelische Kirche einzuführen, von\ndem Könige Friedrich Wilhelm IV. herrühre, und dass\nder fromme und kunstsinnige Fürst durch Hinweisung auf\ndie Psalmen in einer alternirenden Vortragsweise\ndie Verwirklichung dieses Gedankens ins Auge gefasst habe.\nEr wählte Felix Mendelssohn zur. Ausführung des\nPlanes; dieser Meister sollte eine Form des Psalmengesan-\nges schaffen, in der die Gemeinde sich an dem Gesänge\nbetheiligen könne und andererseits der Kunst durch den\nDom-Chor genügt werde.\nObwohl nun Mendelssohn die Gemeinde-Betheiligung\nfallen liess, so geschah doch durch ihn „der erste Schritt\nzum Ziele dadurch, dass er in den für den Dom-Chor\ncomponirten Psalmen der musicalischen Recitation, der\nBetonung des Einzelwortes, Rechnung trug. Diese Reci-\ntation verstattet allein, das Princip der Reformatoren, das\nBibelwort überall dem Volke zugänglich zu machen, auch\ndurch die Tonkunst zur Anwendung zu bringen.\" Es wer-\nden dann als in einer durch das Psalmenwort bedingten,\nin sich abgeschlossenen Form von Mendelssohn componirt\ngenannt der 2., 22., 43. und 100 Psalm.\nNach Mendelssohn's Tode beauftragte der König, ob-\nwohl die Mendelssohn'sche Form bei einem grossen Theile\nder Gemeinde und der Geistlichkeit Widerspruch fand,\nden Capellmeister Otto Nicolai mit der Untersuchung,\nob ein Vortrag der Psalmen durch die Gemeinde zu er-\nmöglichen wäre. Nach dessen Hinscheiden wurde dieselbe\nAufgabe Emil Naumann zu Theil.\nEr suchte zunächst historisch zu ermitteln, was in Be-\nzug auf Psalmodie unter Theilnahme der Gemeinde an ihr,\nauch alternirend, vorhanden gewesen. Die Resultate seiner\nUntersuchung hat er in der Schrift: „Ueber Einführung\ndes Psalmengesanges in die evangelische Kirche\", Berlin,\nbei Reimer, niedergelegt. Sie lassen sich darin zusammen-\nfassen, dass der alternirende Psalmengesang wahrschein-\nlich bis auf das Judenthum, gewiss bis in das dritte und\nzweite Jahrhundert nach Christus zurückzuführen sei; fer-\nner, dass nach ganzen Versen alternirt worden, nicht\nnach halben; endlich, dass die Kunstform eines alterni-\nrenden Vortrages am entwickeltsten im XVI. und XVII.\nJahrhundert, z. B. in Allegri's Miserere, erscheint.\nSodann nahm der Verfasser Kenntniss von dem, was\nin Rom, London, in der reformirten Schweiz und dem re-\nformirten Frankreich, in der russisch-griechischen Psal-\nmodie und in den Synagogen noch von' psalmodischer\nWeise übrig war. „Am meisten überraschten ihn die Re-\ncitationen und Responsorien in den katholischen Gemein-\nden der preussischen Rheinlande. Nicht nur in Städten,\nsondern selbst auf abgelegenen Dörfern hörte er dort die\nGemeinden in so vollem Tone, einem so reinen Unisono\nund mit einer Deutlichkeit und Gleichzeitigkeit der Aus-\nsprache der einzelnen Sylben singend [?] recitiren, dass\nseine Erwartungen von dem, was einer Gemeinde zu er-\nreichen möglich, übertroffen wurden. In der Klosterkirche\nzu St. Apollinaris im Aarthal (?) leisteten sogar Dorfschul-\nkinder, und zwar ohne Unterstützung eines Erwachsenen,\ndasselbe*).\"\nDiese Erfahrungen entschieden den Verfasser für die\nAnwendung der im XVI. Jahrhundert vorhandenen Kunst-\nform „einer auf einem und demselben Tone\nruhenden einfachen, aber höchst wirkungsvollen\nAussprache der Textesworte im Unisono, der der\nSängerchor in reicher Harmoniefülle antworte!\"\n—, auf die evangelische Psalmodie. Als die ersten Ver-\nsuche im Sinne jener Musterform bezeichnet er den Psalm\n130, 22 (der auf den Charfreitag fällt) und den Psalm 66\nim Anhange des Bandes X. Indess gibt er in demselben\nAnhange auch Beispiele von Verbindungen anderer Art\nals durch Responsorien, z. B. durch Aiterniren der Psal-\nmodie mit dem Choral u. s. w., ist aber doch der Ueber-\nzeugung, dass jene mehrerwähnte Kunstform das einzig\nvollkommene Vorbild einer evangelischen Psalmodie sei.\nDieser Meinung können wir indess nicht so unbedingt\nbeitreten, wie der Verfasser.\nWir können uns unmöglich vorstellen, dass das im\neigentlichsten Sinne des Wortes eintönige Hersagen des\nBibeltextes durch die ganze Gemeinde, selbst wenn es im\nreinen Unisono Statt fände, die evangelische Andacht er-\nhöhen würde oder ihr überhaupt nur angemessen wäre;\nda aber vollends in der Ausführung dieses reine Unisono\nkeinesfalls zu erreichen ist, so dürfte die Recitation in ein\n\n*) Nun freilich, eben weil es Schulkinder waren, denen diese\nResponsorien eingeübt werden. In dieser Beziehung kann man\ngegenwärtig bei den Gesangfesten in Brühl vom sieg-rheini-\nschen Lehrer-Vereine noch weit kunstvollere Leistungen hören.\nDie Redaction."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "139", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630502-01.1.3", "texte": "sehr antimusicalisches Gemurmel oder Geplapper ausarten,\nwelches erfahrungsmässig überall, wo etwas Aehnliches\nStatt findet, die religiöse Sammlung des Gemüthes stört.\nUebrigens sieht Herr Naumann die Schwierigkeit oder die\nUnmöglichkeit der Verwirklichung dieser Art von Psal-\nmodie im praktischen Kirchenleben auch selbst ein, wenig-\nstens für die Gegenwart.\n„Vorläufig\" sagt er, wir aber möchten zusetzen:\nund auch in alle Zukunft hinaus „sind unsere Gemein-\nden noch so weit von der Fähigkeit, zu psalmodiren, ent-\nfernt, dass es thöricht sein würde, in dieser Beziehung\nschon jetzt auf Resultate zu hoffen. Im Augenblicke kann\ngar nicht von einer Betheiligung der Gemeinden am Psal-\nmen-Vortrage überhaupt, geschweige denn von einer alter-\nnirenden mit einem Kunst-Chor die Rede sein\" u. s. w.\nAuch hebt er hervor, was sich Jedem als ein Hinderniss\nder Einführung selbst bei Befähigung der Gemeinden so-\ngleich aufdrängt, „dass die Aehnlichkeit dieser Psalmodie\nmit den Responsorien in der katholischen Kirche zu Miss-\nverständnissen Anlass geben würde.\"\nWenn wir nun die Hoffnung des Herausgebers auf\ndie künftige musicalische Befähigung der Gemeinden nicht\ntheilen, ja aufrichtig gesagt —, diese Befähigung weit\nlieber für den Choral, als für die Psalmodie durch die\nSchulen und Kirchen-Gesangvereine gefördert zu sehen\nwünschen, so können wir auch seiner Sammlung das Ver-\ndienst eines Beitrags zur „Vermittlung des Uebergangs\nvom Kunstgesange zur Psalmodie\" nicht eben anrechnen,\nwährend wir sie als zum Gebrauche von wirklichen Kir-\nchenchören und Gesangvereinen, sowohl für kirchliche, als\ndurch ernste Musik erbauliche Zwecke, sehr hoch halten\nund mit wahrer Freude willkommen heissen. Wenn man\nsonst bei manchen Werken sagen mussr „Der Wille ist\ngut, aber die Kraft schwach\", so kann man hier behaup-\nten, dass die Kraft weit über den Willen, die That weit\nüber die Absicht hinausgegangen ist.\nDie drei Bände enthalten 18 vierstimmige und 21\nachtstimmige Psalmen, welche nach Uebereinstim-\nmung mit geistlichen Autoritäten für den wirklichen Got-\ntesdienst, wenn dieser, wie im Dome zu Berlin geschieht,\nmit einem Psalm beginnt, in Beziehung zu den Sonn- und\nFesttagen des evangelischen Kirchenjahres gebracht sind.\nDarunter sind zwölf von E. Naumann, vier von Mendels-\nsohn, acht von Neithardt, zwei von Nicolai, drei von Grell\nund je einer von Kästner, F. Hiller, Dupuis, Engel, Meyer-\nbeer, Reissiger, Schulz, Stahlknecht, Richter, Reinthaler.\nDie ganze Sammlung enthält nur Würdiges und gros-\nsentheils Vortreffliches, wozu namentlich auch die Psalmen\nvon E. Naumann selbst zu zählen sind. Sie liefern, was\nman überhaupt von sämmtlichen Compositionen dieser\nMusica sacra mit mehr oder weniger Recht sagen kann,\nden Beweis, dass die deutschen Tonsetzer unserer Zeit in\nErfindung des Melodiösen und Behandlung des mehrstim-\nmigen Gesanges a capellasich den älteren Meistern wür-\ndigst anreihen. Dergleichen Psaimengesänge sind eine\nZierde des Gottesdienstes jeder Confession. Mögen sie über-\nall zur Errichtung von Kirchenchören beitragen, welche\nbei der so sehr verbreiteten musicalischen Bildung in\nDeutschland wenigstens in Städten durchaus nicht schwie-\nrig herzustellen sind, wenn nur die Geistlichkeit da-\nfür ist. Aber auch den nicht kirchlichen Gesangvereinen\nund Akademieen sind diese Psalmen sehr zu empfehlen,\nja, mehrere von ihnen eignen sich selbst zu Aufführungen\nin Concerten, z. B. der 19. von Naumann, der 2. von\nMendelssohn (Op. 78), der 119. von Hiller und andere.\n\nVon der Westgränze.\nA. Aus Lüttich.\n\nDie Hauptstadt der Wallonen, das kohlen- und dampf-\nreiche Lüttich mit beinahe 90,000 Einwohnern und den\nschönsten landschaftlichen Umgebungen, beginnt neuer-\ndings, sich in musicalischer Beziehung nicht nur als Ge-\nburtsort Gretry's geltend zu machen, sondern auch durch\nseine gegenwärtige Pflege der Tonkunst sich dieser Ehre\nwürdig zu zeigen. Das bereits seit längerer Zeit bestehende\nConservatorium der Musik hat unter der Direction des\ntüchtigen Musikers und Componisten Soubre seit vorigem\nJahre einen bedeutenden Aufschwung genommen, und die\nConcerte desselben haben in dem Bestreben, das Publicum\nan gute deutsche, classische Musik zu gewöhnen, einen\nbereits recht erfreulichen Erfolg gehabt. Es liegen uns\ndarüber zwei Berichte vor, von denen der erste, aus der\nFeder eines belgischen Schriftstellers, die bisher vor-\nherrschende Geschmacksrichtung seiner Landsleute durch-\nblicken lässt, der andere von einem Dilettanten aus Deutsch-\nland herrührt, der auf einer Reise durch. Belgien dem\nzweiten Concerte in Lüttich beiwohnte.\nI. Wie wir vorhergesagt, hat uns das Conservatorium\nin seinem ersten Concerte (Anfang Februar) kräftige,\nernste, gehaltvolle Musik vorgeführt. Nun, es kommt ihm\nzu, ein gutes Beispiel zu geben, seinen Concerten ein spe-\nciales Gepräge aufzudrücken und das Publicum endlich\nin die gesunde Erkenntniss und das wahre Wesen der\nhöheren Tonkunst einzuweihen. Indess wünschten wir doch\nnicht, um es frei zu gestehen, dass man uns auf immer zu\neiner gelehrten Musik verurtheilte, welche nur den Ver-\nstand des Musikers interessirt und die Zuhörer kalt lässt.\nWeg mit den starren Formen, welche die so genannten\n\n[•]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "140", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630502-01.1.4", "texte": "Kenner allein über Alles setzen! Wählen wir lieber Werke,\nin denen die Begeisterung Hand in Hand mit dem Wissen\ngeht, der Reichthum an Gedanken mit der geschickten\nBehandlung der Gesetze der Composilion sich verbindet.\nWir glauben auch nicht, dass Herr Soubre seinen\nZuhörern jemals zu schwerfällige und für ihr Tempera-\nment unverdauliche Speise vorsetzen wird. Das wäre ein\ngrosser Fehler. Die Gränzlinie zwischen dem wirklich\nSchönen und dem Langweiligen muss streng gezogen wer-\nden u. s. w. u. s. w. -\nIn diesem Sinne ist die Wahl des Directors auf vor-\ntreffliche Werke gefallen: Haydn's Sinfonie Op. 80,\nMozart's Ave verum.Mendelssohn's Violin-Conceri,\ndas wir für unvergleichlich halten würden, wenn das von\nBeethoven nicht vorhanden wäre— führen über die Gränze\nder gewöhnlichen Welt hinaus ins Reich der Ideale. Men-\ndelssohn's Sinfonie-Cantate „Lobgesang\" hörten wir\nzum ersten Male; das Werk scheint ein mehrmaliges Hö-\nren zu erfordern, nicht als ob es nicht Schönheiten ersten\nRan ges, die sogleich auffallen, enthielte, aber weil die Form\ndes grossen Ganzen eine sehr umfassende und ungewöhn-\nliche ist. Nach drei Sinfoniesätzen folgt ein Finale mit Soli\nund Chören von grosser Länge im Stil des Oratoriums,\nvon dem sich Mendelssohn nicht hat losmachen können.\nEs ist zu verwundern, dass das in der Tonkunst so weit\nvorgeschrittene und hervorragende Deutschland sich ver-\npachtet glaubt, die ursprünglichen Formen des Orato-\nriums in ernsten, einfachen, feierlichen Gesängen zu ver-\newigen, die zwar ihr Schönes haben, aber wie das Echo\naus einer vergangenen Zeit klingen und aller dramatischen\nBewegung ermangeln. (!) Warum beraubt man sich ab-\nsichtlich der mächtigen Hülfsquellen der dramatischen\nMusik, die ja selbst bis in die Musik beim Gottesdienste\nden Weg gefunden haben?—Uebrigens war die Ausfüh-\nrung sehr gut, die Chöre, vorzüglich der Sopran, verdienen\nbesonderes Lob. Das Orchester haben wir noch nie so\nvollständig gehört: bessere Violinen dürfte es kaum an-\nderswo geben.\" Das einzige Störende ist der Mangel an\nreiner Stimmung in gewissen Blas-Instrumenten.\nHerr J. Dupuis hat das Violin-Concert von Mendels-\nsohn meisterhaft gespielt; das Conservatorium kann sich\nzu diesem ausgezeichneten Künstler, welchem das Lehramt\ndes Violinspiels anvertraut ist, Glück wünsche!1). Der Er-\nfolg seiner Leistung war, wie immer, ein glänzender.\nDie musicalische Welt ist Herrn Soubre den gröss-\nten Dank schuldig. Kaum seit einem halben Jahre, als Di-\nrector des Conservatoriums thätig, hat er bereits Dinge\nins Werk gesetzt, deren Zustandekommen wir nach einer\nReihe von Jahren dankbar anerkannt haben würden.\nSollte man aber wohl glauben, dass so trefflichen\nkünstlerischen Genüssen gegenüber sich unter der glänzen-\nden Menge der Societe d'Emulatiin deren Saale die\nConcerte Statt finden, einige junge Leute befanden, die\nso unartig waren, den ganzen Abend hindurch zu plau-\ndern und trotz wiederholter Erinnerungen durchaus nicht\ndamit aufzuhören? Was wollen solche unausstehliche Gäste\nim Concerte?\nDen 25. April 1863.\n11. Bei meiner neulichen Anwesenheit in Lüttich fiel\nmein Blick auf grosse Anschlagszettel, welche das\ncert du Conservatoire royal de Musique ankündigten. Das\nmachte mich neugierig auf die musicalischen Zustände in\ndiesem grossen industriellen Bienenstocke, den die Musik\nder Ambose, Waffenschmieden, Hochöfen und Dampfma-\nschinen so berühmt und reich gemacht hat. Noch reger\nwurde meine Neugierde, als ich mit Verwunderung die\nNamen unserer grossen deutschen Meister auf dem Zettel\n-erblickte; Haydn, Mendelssohn, Weber u. s. w. bildeten\nnicht etwa nur den Haupttheil des Programms, sondern\nausschliesslich das ganze. Ich erfuhr bald, dass diese Me-\ntamorphose der Programme das Verdienst des Herrn\nEtienne Soubre sei, jenes tüchtigen Musikers, der vor\neiniger Zeit an die Spitze des Conservatoriums gestellt wor-\nden ist, welches gegenwärtig in voller Blüthe steht. Natür-\nlich ging ich in das Concert.\nEs fand in dem Saale der Societe d'Emulation Statt,\nwelcher leider zu klein für die zur Aufführung vereinigten\nKräfte und für das Publicum ist, das sich zu diesen Con-\ncerten zu drängen scheint. Das Orchester, welches Herr\nSoubre dirigirte, zählte 75 bis 80 Mitglieder, der Chor,\nerst neuerdings durch ihn gebildet, soll schon die Zahl von\n140 Mitwirkenden erreicht haben.\nDie Sinfonie in D,Op. 5, von Haydn machte den\nAnfang. Es war eben so interessant, die Vollkommenheit\nder Ausführung durch das Orchester zu beobachten, als\nden fesselnden Eindruck, den sie auf das Publicum machte,\nwelches nicht nur jeden Satz mit Enthusiasmus beklatschte,\nsondern sogar das Andante da rief. Man kann sagen,\ndass der gemüthliche Haydn seinen Einzug in Gretry's\nVaterstadt mit allen seinem Genius gebührenden Ehren\ngehalten hat. Die zweite Nummer waren drei Gesang-\nstücke aus Weber's Oberon: der Männerchor, die Barca-\nrole und der Chor in Amit Tenor-Solo; sie wurden recht\nschön gesungen und erhielten ebenfalls grossen Beifall.\nDer einzige Instrumental-Solist an diesem Abende war\nHerr Leon Massart, Lehrer des Violoncellspiels am\nConservatorium; allein die Qualität ersetzte die Quantität.\nIn dem schwierigen Concerte für das Violoncell von Mo-\nlique zeigte er sich als würdigen Nacheiferer von Servais;"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "141", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630502-01.1.5", "texte": "der Vortrag des Ganzen und vorzüglich des Adagio's war\nim höchsten Grade vollkommen und rief unbeschreiblichen\n• *+\nEnthusiasmus hervor.\nDen zweiten Theil des Concertes füllte Mendels-\nsohn's Musik zum Sommernachtstraum. Es zeigte\nsich, dass man die Ausführung dieser geistvollen Musik\nsich zur Ehrensache gemacht hatte; Herr Soubre soll, wie\nman mir sagte, sieben sehr sorgfällige Proben davon ge-\nhalten haben. So viel ist gewiss, die Ausführung war vor-,\ntrefflich; selten haben wir eine solche Feinheit des Aus-\ndrucks gehört, als diejenige, mit der hier die Ouvertüre\nund das Scherzo gespielt wurden. Der Erfolg war ein voll-\nständiger und hat die aufgewandte Mühe reichfich belohnt.\nWir wünschen Herrn Soubre den erfolgreichsten Fort-\nschritt auf der betretenen Bahn, welche das Publicum zum\nGenüsse wahrer Kunstwerke führt. N.\nB.Aus Mastricht.\nDen April 1863.\nIn unserer Stadt von 25,000 Einwohnern blühte einst\ndie Musik, so dass auch in öffentlichen Blättern die Rede\ndavon war. Ein anständiges Orchester, ein imposanter\nChor, ausgezeichnete Dilettanten für Solo-Vorträge standen\nuns zur Verfügung. In den letzten Jahren aber, sollte man\nmeinen, wäre die Hauptstadt des holländischen Herzog-\nthums Limburg aus der Welt verschwunden. War die\nKunst gänzlich untergegangen, oder konnten die Berichte\ndarüber nicht durch die dreifache Zolllinie dringen, welche\nMastricht leider umschliesst? Ich weiss es nicht: doch ist\nes gewiss, dass die zuletzt genannte Isolirung, die den Han-\ndel vernichtet hat, auch betrübenden Einfluss auf die Musik\nübte. Nach der Auflösung des rühmlichen Vereins „Or-\npheus\", die vor etwa zwanzig Jahren Statt fand, entstan-\nden verschiedene Vereine, die, kaum geboren, wieder zu\nGrabe getragen wurden; zuletzt traf dasselbe Geschick die\nGesellschaft der Harmonie royale, welche an der Abneh-\nmungskrankheit verschied und ihre Gesangs-Abtheilung\n(Männergesang) mit sich in den Tod riss. Dass bei allen\ndiesen Unfällen Dame Zwietracht eine Bolle spielte, ver-\nsteht sich bei „harmonischen\" Vereinen von selbst. Am\nEnde war es mit der Musik in Mastricht so weit gekom-\nmen, dass Weber's Freischütz, den eine deutsche Gesell-\nschaft gab, nur mit Clavier-Begleitung aufgeführt werden\nkonnte*). .\nWährend man nun von zwei Seiten her überlegte,\nwie es anzufangen sei, den Wagen der Melpomene aus\ndem Lehm, in den er sich verfahren, wieder ins festere\nGeleise zu bringen, machte sich eine lebhaftere Actions-\nPartei mit der Ladung auf und davon, und machte sich\ndaran, sie auszubeuten. Dank dem Eifer und der einfluss-\nreichen Thätigkeit einer Dame, der Frau Baronin von\nVerschuur, welche einige Herren mit willigem Sinn für\ndie Sache Unterstützten, gelang es, einen neuen Verein,\n„Toonkunst\" genannt, zu gründen.\nDem zweiten Concerte desselben habe ich beigewohnt,\nund nach dem Erfolge, den es hatte, darf man aus dem\nbereits Vorhandenen Hoffnungen für die Zukunft schöpfen.\nEin Orchester von einigen und zwanzig Instrumentalisten,\nfreilich grösstenteils eifrige Becruten, ein Chor von etwa\nsechszig Mitgliedern, jungen Damen mit reinen Stimmen,\nguten Tenören und, wenn der Erfolg ermuthigt, gewiss\nbald zahlreichen Bassisten, bilden die Keime der neuen\n„Toonkunst\". Das Programm zeigte ein Streben nach gu-\nter Musik, es brachte unter Anderem Hiller's geistreiche\nComposition: „Der Gesang der Geister über dem Was-\nser\" , welche nicht nur correct gesungen wurde, sondern\nauch in dem Vortrage eine richtige Auffassung und ein\nGefühl für Nuancirung offenbarte; ferner Mozart's\nHymne: „Gottheit, Dir sei Preis und Ehre\", und zwei\nChöre aus Neukomm's Hymnus an die Nacht. Die Be-\ngleitung konnte man freilich noch nicht dem ganzen Or-\nchester anvertrauen; man ergänzte es durch das Geigen-\nQuartett und das Ciavier. Herr Lehr mann dirigirte das\nGanze recht gut. Von den Solisten ist ein Schüler des ge-\nnannten Herrn zu erwähnen, der eine Phantasie für die\nVioline von de Beriot recht gut spielte, und einige vorzüg-\nliche Gesangs-Dilettanten, namentlich eine schöne Bass-\nstimme, welche nach künstlerischer Ausbildung viel Beifall\nfinden würde. Kurz, der Abend war ganz interessant, und\nwenn der neue Verein über seine Gegner siegt, so wird\ner das Verdienst haben, zu dem Wiederaufleben der Kunst\nin einer Stadt, wo sie ehemals blühte, reichlich beigetra-\ngen zu haben.\n\n*) Das klingt ja beinahe wie Ulibisch eff's Schilderung von\nder Verbreitung des Freischütz in Russland: „Ueberall, auch\nin den Landstädten, wurde der Freischütz eingebürgert und\nwurde ein Cassenstück, mochte ein Orchester und Sänger da\nsein oder nicht; Samiel und die Eule ersetzten alles Uebrige.\"\nBeethoven\", S. 35.\n\nL. A.\n\nAnalecta von E. Krüger.\nI. Von Kunst-Kategorieen.\nMissa brevis soll nach Arrey v. Dommer's „Ele-\nmente der Musik\", S. 339, so viel bedeuten, als pro-\ntestantische Messe. Uns ist ein solcher Sprachgebrauch\nnicht erinnerlich und weder als typischer Ausdruck, noch\nin lässlicher Rede als bekannter nachweisbar. l>as Kirchen-\nLexikon von Aschbach, so wie das von Welte, beide\nkatholisch, nennen diese Unterscheidung nicht; die pro-\ntestantischeßeal-Encyklopädie von Herzog ebenfalls nicht."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "142", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630502-01.1.6", "texte": "Praktische und theoretische Kenner der liturgischen Ter-\nminologie haben sich gegen mich persönlich dahin geäus-\nsert, dass ein solcher Sprachgebrauch ihnen unbekannt sei.\nAllerdings kommt der Name Missa brevis vor, aber\nnur als äusserliche Benennung, um sie von den unzähligen\ndes gleichen Wortinhalts bezeichnend zu unterscheiden,\nund zwar bei den katholischen Componisten Palestrina\nund Orlando Lasso; s. Proske, I. 1.\nDiese Missae breves haben sämmtliche Theile und\nWorte der gewöhnlichen Messen und sind nicht länger\nund kürzer, als diese.\nEben so hat Luther's protestantische Messe sämmt-\nliche Theile und Worte der römischen vollständig\nbeibehalten: Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus, Benedictas,\nAgnus, und nirgend braucht er das Wort Missa brevis\nfür seine neue Liturgie, die sich nur in den übrigen\nTheilen und deren Anwendung von der älteren unterschied,\nnicht aber in den Kerntheilen.\nWoher rührt nun A. v. Dommer's Benennung an der\nangegebenen Stelle? Das Vorwort des achten Bandes der\nBach-Ausgabe von M. Hauptmann erwähnt ihrer\ntransitu; auch das Vorwort das sechsten Bandes zur\nH-mcll-Messe— von Jul. Rietz thut ein Gleiches. Beide\nMale erscheint die Benennung nicht als eine Definition\noder typische Terminologie. Wäre dieselbe irgendwo accep-\ntirt, so würden wir sie in den zahreich gewordenen litur-\ngischen Handbüchern, Lexikons u. s. w. irgendwo wieder\nfinden. Es würde also von Interesse sein, wenn A. v. Dom-\nmer oder M. Hauptmann oder J. Rietz die Herkunft die-\nser Benennung, welche ausser den eben angegebe-\nnen Stellen nicht vorzukommen scheint, zu öffentlicher\nKunde zu bringen die Güte hätten.\nDie Sache an sich ist von geringem Belang, sofern\neben nur die Registratur gemeint ist. Wer möchte die\nverschollenen Ringelrennen erneuern, darinnen sich vor Zei-\nten ästhetische Hitzköpfe erhitzten, um mit hochernster\nMiene zu entscheiden, ob das Ding da mehr Romanze,\nBallade oder Rhapsodie zu heissen „verdiene\"; ob jenes\nBeethoven'sche Finale mehr Fugato, Fughette oder Fuge\nsei; ob die Schubert'schen Impromptus Op. 142 nicht\nbesser Sonate zu betiteln u. s. w. Solche Untersuchungen\nsind kaum als Formstudien zu ertragen; vollends verkehrt\naber ist, aus dergleichen Verbal-Definitionen Stricke zu\ndrehen, um Schwachgläubige einzulangen in logische oder\nethische Normen, nach denen sich etwa der schaffende\nKünstler zu richten habe. Es ist ganz gleichgültig, ob ein\nniedliches Stück genannt werde Impromptu, Moment mu-\nsical, Melodie, Ciavierstück; alle jene Worte dienen le-\ndiglich zu Vignetten, Handhaben, Etiquetten, um das rich-\ntige Schubfach zutreffen; den Inhalt berühren und die\nForm lehren sie so wenig, als die Namen\nExercice,welche Sebastian Bach und Zeitgenossen völlig\ngleichdeutig gebraucht haben. Es ist leeres Schulge-\nzänke, dieses Gefrage nach dem Unterschiede untergeord-\nneter Formen. Hauptformen stehen an sich selbst fest,\nhaben ästhetische, logisch-historische Bedeutung, so: Epos,\nLyrik, Drama—Vocal, Instrumental Lied und Oper\nChoral und Oratorium Homophon, Polyphon, Harmo-\nnisch— das sind Wesens-Unterschiede, die man er-\nkennen kann und lehren muss. Sie liegen dem ästhetischen\nUrlheil überall unbewusst zu Grunde; wichtig ist daher,\nsolche Grundformen zu bestimmen =\ndagegen alles, was Uebergangs- oder Mittelform heisst,\noder vielmehr, was und wo es der Grundform nicht mehr\nbedarf, mit zeitgemässer Liberalität = Latitudinarismus\nzu beschreiben oder umschreiben = describere, nuga-\n(PQU&IV, und zwar da, wo es zur historischen Kunde\nerspriesslich ist.\nDenn die historische Kunde fordert zuweilen eine\nErörterung schwankender Terminologieen; es kann ja\nirgendwo Interesse haben, der diplomatischen Treue auch\ndieses zu gestatten, dass die meist arglos gewählten\nBenennungen der Kategorieen mit aufgeführt werden.\nZum Beispiel in unserem Falle: sagt Jemand Missa brevis,\nwas ein (heute) nicht üblicher Terminus ist, so fragt ein\nAnderer, ob es der Autor, seine theoretische Gewohnheit,\noder sein Zeitalter, oder wer sonst mit dieser Vignette be-\nnannt habe. Wissen wir nun historisch, dass Seb. Bach\nauf jene kleineren Messen in F, A, g, G den Titel M. bre-\nvis nicht geschrieben, dass er auf sein gewaltigstes Werk\nnur die Aufschrift setzte: Passionsmusik nach dem Evan-\ngelium Matthäi, so genügt uns das Avzog s'(pa vollkom-\nmen. Wo nun die Enkelkinder kommen und streiten brün-\nstiglich, ob es Divina commedia heissen müsse oder Ora-\ntorium, so ist das ein reines Privat-Vergnügen. Wer einer\nhistorisch-ästhetischen Beschreibung bedarf, findet die ge-\nsundeste und treffendste in Chrysander's Händel, 2, 457:\n„Das Oratorium ist die Vergegenwärtigung heiliger Ge-\nschichte in Tonbildern von dramatisch lebendiger Bewe-\ngung.\" Wer nun „von Händel den Begriff abstrahiren\nwill\", wie A. v. Dommer, Elemente, 343, der thut wohl\ndaran; nur vergesse er nicht, dass Händel selbst oder\nseine Zeit diesen „Begriff\" sehr weitherzig latitudinarisch\nfasste, indem z. B. Acis und Galatea verschiedentlich\nbenannt wird: a masque, pastoral opera, Serenata, Ora-\ntorium, vgl. die Ausgaben, ferner Burney, 4, 362,\nund Chrysanaer, Händel, 1, 479; 2, 263—wie denn\nüberhaupt in verschiedenen Zeiten für ein und dasselbe\nWerk gesagt worden ist a sa\nDrama mysticumund Aehnliches, worüber höchstens ein"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "143", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630502-01.1.7", "texte": "bibliothekarisches Repositorium wild werden kann, wäh-\nrend die Kunst-Theorie dabei ganz ruhig bleibt. Dass aber\nShakespeare's Sommernachtstraum eine andere Art Ko-\nmödie ist, als Aristophanes' Frösche, mag wahr sein: ist\ndoch jedes Lebendige seine eigene specifische Species! Wie\nschade, dass Shakespeare selbst keine Vignette angeklebt!\nwie unverantwortlich, dass Goethe seine herrlichste Tra-\ngödie bezeichnet: „Ein Fragment\"!\nAlso wir verwerfen jene Form-Unterschiede keines-\nwegs und wollen sie auch nicht unbedingt lächerlich ma-\nchen, wie Shakespeare, der im Hamlet 2, 2 den braven\nPolonius eine ganze Registratur dramatischer Kategorieen\nausschütten lässt. Wir erkennen ihr historisches Recht und\nihre philosophische Redeutung: beide so lange vernünftig,\nals sie einfältig bleiben, d. h. einander einträchtig umfas-\nsen, und nicht ästhetische Gesetze sein wollen. Ethischen\nWerth haben die Kategorieen-Tafeln nun gar nicht; schö-\npferische Dichter und empfangendes Volk bleiben davon\nunberührt; die Forderung von „Reinhalten der Gattung\"\nist eine ungültige.\nDante's Divina commedia ist auch darin einzig, dass\nsie in keinen Kategorieen-Schubkasten passt. Aeusserlich\nist sie episch gestaltet, innerlich waltet lyrisches Pathos,\nund das Ergebnissist eine „gleichsam dramatische\" Ent-\nwicklung von Ausgang, Aufgabe und Erfüllung, ähnlich\nden aristotelisch-dramatischen Kategorieen von\nnho'/.rj y.uTuoTQocprj oder Expositio Actus (douua), Kata-\nstrophe. ■— Wer sich über die Unzulänglichkeit der Kate-\ngorieen-Jägerei gründlich belehren will, der lese wunders-\nhalber die einleitende Abhandlung in Echtermeyer's und\nHiecke's Auswahl deutscher Gedichte (Halle, 1861); da\nlernt man, was die Ballade muss, was die Rhapsodie\nsoll, was die Märe fordert, worauf die Romanze an-\ngewiesen ist, und nach dem allem, wie endlich doch eine\nberühmte Railade von Gustav Schwab das Haupt-In-\ngrediens der Balladen-Definition nicht inne hält!\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nf&olll« Am 19. April fand im hiesigen Casinosaale eine von\nHerrn Capellmeister F. Hill er veranstaltete Matinee für das Sclia-\ndow-Denkmal in Düsseldorf Statt. Nach dem Trauermarsch von\nChopin sprach Herr Zademak vom hiesigen Theater ein Gedicht\nzur Erinnerung an Schadow von Dr. Wolfg. Müller. Das weitere\nProgramm brachte Psalm 23 für Frauenchor von Wold. Bargiel,\nClavier-Trio von Beethoven, Op. 70 in D (die Herren Hiller, von\nKönigslöw, A. Schmit), „Nachtlied\" und „Volkslied\" für Frauenchor\nvon F. Hiller und das Concert für drei Flügel von J. S. Bach,\ntrefflich ausgeführt von Fräulein Mathilde Bruch vom hiesigen\nConservatorium und den Herren Hiller und Bargiel. Ihre Königlichen\nHoheiten der Fürst und die Frau Fürstin zu Hohenzollern nebst\nFamilie und dem Prinzen von Altenburg beehrten die Matinee mit\nihrer hohen Gegenwart,\nAm 28. April fand die letzte (sechste) Soiree für Kammer-\nmusik im kleineren Gürzenichsaale Statt. Das Programm brachte\nBeethoven s Quartett in A.-dur, Op. 18 Nr. 5, Clavier-Trio Op. 6\nin F-dur von W. Bargiel (die Ciavierstimme vom Componisten\ngespielt) und Mendelssohn s Quintett für Streich-Instrumente. Op.\n87, bei welchem die Herren F. Weber und C. Yenth mitwirkten.\nDie Soireen waren in dieser Saison noch zahlreicher besucht, als in\nder vorigen, was um so erfreulicher ist, als die treffliche Musik,\nwelche sie dem Publicum vorführen, nothwendig zur Bildung des\nGeschmacks an classischen Tonstücken beiträgt.\nMaiiflftiieilfil. Im Gebiete der Oper war Abert's ..König\nEnzio* die erste Novität, welche, im Allgemeinen günstig aufge-\nnommen, von einem achtungswerthen Talente des Componisten\nzeugte, dessen tlicils einfach ansprechende, theils dramatisch wir-\nkungsvolle Melodieen, wie wir sie hauptsächlich in den Partieen des\nEnzio und der Bianka fanden, ihm überall eine ehrenvolle Aufnahme\nseiner Oper sichern werden. Von Gewandtheit und Kenntniss des\nBühnen-Effectes zeugen auch die grösseren Ensemblestücke, wie das\nzweite und dritte Finale, doch ist nicht zu läugnen, dass der Effect\ndes letzteren dadurch geschmälert wird, dass er mit dem des zweiten\neine zu nahe Verwandtschaft hat. Die zweite Novität war die Oper\n„Lalla Rookh\" von Fei. David, welche, wenn auch nicht ver-\nmittels rauschender Beifallsbezeigungen, wozu diese Musik nicht\nherausfordert, dennoch eine sehr günstige Aufnahme fand, die sich\nbei der seither Statt gefundenen Wiederholung der Oper noch wär-\nmer gestaltete.\n1-. April. Am 5. d. Mts., dem Geburtstage\nSpohr's, gab die hiesige Hofcapelle ihr zweites Concert und brachte\ndarin „Die Weihe der Töne\", Concert in Form einer Gesangscene,\nund zwei Lieder tür Sopran mit Begleitung der Clarinette und des\nPianoforte von Spohr zu Gehör, ausserdem Arie für Tenor aus Iphi-\ngenie auf Tauris von Gluck, Ouvertüre in C-dur zu Leonore von\nBeethoven, zwei Balladen, von Hebbel („Schön Hedwig\" und ..Der\nHaideknabeu) mit der Pianoforte-Begleitung von Schumann, Concert\nfüi Pianoforte in eister Satz (nach dem Arrangement von\nKalkbrenner), von Mozart und Phantasie für Pianoforte über Themen\naus der Oper „Der Unbekannte\" von Bott. Sämmtliche Stücke für\nPianoforte wurden von Herrn Hof-Capellmeister Bott ausgeführt.\nDerselbe producirte sich damit hier zum ersten Male als Pianist,\nwesshalb das Publicum wohl zu entschuldigen sein mag, dass es\ndiesem Auftreten mit einigem Misstrauen entgegen sali, zumal Pia-\nnisten wie Jaell und Bronsart in zu lebhafter Erinnerung standen.\nDer Erfolg war aber ein allgemein überraschender, den Concertiren-\nden um so ehrender. Die Phantasie wurde stürmisch da capo ver-\nlangt, w oiauf Herr Bott noch eine kleinere eigene Composition vor-\ntrug. Auch als Lehrer fand Herr Bott ehrende Anerkennung durch\nden Vortrag der „Gesangscene\" von Spohr durch Herrn Gottschalk.\nHerr Gottschalk ist noch sehr jung, reichere Erfahrungen werden\nihn zu grösserer Selbständigkeit führen. Fräulein Wilhelmine\nSeebach (Schwester der Marie Seebach) declamirte das Gedicht\n„Die Weihe der Töne\" und die Balladen von Hebbel mit Begeiste-\nrung; auch wurde Fräulein Schenk in dem Vortrage der Lieder\nfür Sopran, wie Herrn Stiegele in der Arie für Tenor gebührende\nAuszeichnung zu Theil. Die zufällige Durchreise des blinden Clari-\nnettisten Herrn Hentschel aus Dresden veranlasste den Vorstand,\nihn im Zwischenact des Concertes ein Concertino von Weber vortragen\nzu lassen. Vorzüge, so wie ein schönes Pianissimo müssen Herrn\nHentschel zugestanden werden; hauptsächlich aber heiligt wohl nur\nder Zweck das Mittel. Auch Sivori und ein Pianist Scharfen-\nberg besuchten uns. — Mitte dieses Monats wird das Theater ge-\nschlossen, worauf wir noch einige Barmherzigkeits-Concerte zu ge-\nwärtigen haben, bei denen natürlich eine gute Einnahme die Haupt-\nsache ist."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "144", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630502-01.1.8", "texte": "Am leipziger Stadttheater wurde eine neue Oper, „Der Abt von\nSt. Gallen\", von einem bisher ganz unbekannten Componisten, F.\nHerther, gegeben und fand freundliche Aufnahme.\n«!• ]?J[« Mozart-Stiftung. Das Stipendium\nbetreffend. Zur Prüfung der von den Bewerbern um das Stipen-\ndium der Mozart-Stiftung eingelieferten Arbeiten waren erwählt die\nHerren: Hof-Capellmeister Heinrich Dorn in Berlin, Hof-Capell-\nmeister Franz Lachner in München, Musik-Director Dr. Aloys\nSchmitt in Frankfurt a. M. Nach dem übereinstimmenden Inhalt\nder von diesen Herren erstatteten Gutachten konnte der Verwaltungs-\nAusschuss keine der eingelieferten Arbeiten als den Anforderungen\nunserer Stiftung genügend erkennen und hat einhellig den Beschluss\ngefasst, zur Zeit von der Vergebung eines Stipendiums Umgang zu\nnehmen. Der Verwaltungs-Ausschuss der Mozart-Stiftung: Dr. Pon-\nfick, Präsident. Dr. Eckhard, Secretär. Frankfurt am Main, den\n15. April 1863.\nDiese Entscheidung des Verwaltungs-Ausschusses verdient voll-\nständige Billigung, denn es konnte unmöglich Sinn der Begründer\nund Unterstützer der Stiftung sein, das Stipendium unter jeder Be-\ndingung dem nur relativ Tüchtigsten der Bewerber zu verleihen,\nwie das leider bei vielen Studien-Stiftungen der Fall ist, wodurch\nnur das Proletariat in Wissenschaft oder Kunst begünstigt wird. Mit\nvollem Rechte wahrt die Mozart-Stiftung ihren eigentlichen Zweck,\nnur begabte junge Künstler zu unterstützen, von denen nach den\nAussprüchen fachkundiger Männer wirklich künstlerische Leistungen\nin der Zukunft zu erwarten sind.\n£4öiaigsl>ei*g (in Preussen). Beim Stiftungsfeste des hiesigen\nMänner-Gesang-Vereins unter der tüchtigen Direction des\nHerrn Hamma wurde im zweiten Theile des Concertes die komi-\nsche Operette „Incognito\" von Hermann Kipper in Köln mit\ngrossem Beifalle aufgeführt.\nteil. Als interessante Novität wurden in dem Concerte der\nPianistin Julie von Asten sechs Chöre für Frauenstimmen mit\nLegleitung von Harfe und zwei Hörnern geboten, die Herrn J.\nBrahms zum Verfasser haben. Diese originelle Combination von\nKlangmitteln ist von guter Wirkung; die beiden Hörner, mit den\nFrauenstimmen meist einen vierstimmigen Satz bildend, vertreten\ngleichsam den Tenor und Bass und liefern häufig den täuschenden\nEffect eines gemischten Chors. Eine selbständige Rolle spielen die\nHörner nur in den Vor- und Zwischenspielen, wo dann die Harfe\nbegleitend hinzutritt. Was den Gehalt dieser Compositionen selbst\nanbelangt, so scheinen uns dieselben, das „Minnelied\" und der „Ge-\nsang aus Fingal\" ausgenommen, mehr aus der Lust am Componiren,\nals aus innerer Nöthigung hervorgegangen zu sein. Von den ausge-\nnommenen beiden Piecen jedoch zeichnet sich besonders das „Minne-\nlied \" durch seelenvolle Stimmung und anmuthende Natürlichkeit aus.\nEs ist in Strophenform gehalten, während der durchcomponirte „Ge-\nsang aus Fingal\" sich zu beinahe dramatischer Anschaulichkeit er-\nhebt und durch Plastik der Schilderung wie durch charakteristischen\nLocalton ein bedeutendes Tonbild liefert. Diese beiden Chöre fanden\nden meisten Beifall, und es musste das „Minnelied\" wiederholt\nwerden.\nIn dei jüngst Statt gehabten Versammlung der „Sing-Akademie\"\nwuide Herrn Director J. Hellmesberger in Anerkennung seiner\neben so bereitwilligen als vorzüglichen Leitung der Passions-Auffüh-\nrung ein werthvoller silberner Lorberkranz und dem zweiten Chor-\nmeister, Herrn Krenn, bei dieser Gelegenheit ein silberner Tact-\nstocK. überreicht. Der feierlichen Uebergabe dieser Ehrenspenden\nging eine herzliche und erhebende Ansprache des Vorstandes, Sr.\nExcellenz des Herrn Oberst-Hofmarschalls, Grafen v. Kueffstein,\nvoraus."}]}