{"numero_id": "bm-bmtnabi-1863-05-09-01", "volume": "bmtnabi_1863-05-09_01", "ocr_sha256": "9223616fe98d4451e9acfc464180743e4c5e716629eafb895080cbae645402c5", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1863/05/09_01/bmtnabi_1863-05-09_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630509-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1863-05-09-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1863-05-09_01#c001", "volume": "bmtnabi_1863-05-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "145", "page_fin": "145", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630509-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "145", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630509-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 478, "texte": "Inhalt.\nJahrbücher für musicalische Wissenschaft. Herausgegeben von Friedrich Chrysander. Aus Rom (Musicalische AufFüh-\nRungen in der Sixtinischen Capelle in der Charwoche). Aus Frankfurt am Main (Aufführung von Händel's „Josua\"). Von A. S.\nEin Abend in der musicalisch-akademischen Gesellschaft zu X» Tages- und Unterhaltungsblatt (Berlin, Sing-Akademie, Rieh.\nWagner Hamburg, Sivori Basel, Orpheus-Verein Wien, Adeline Patti Paris, Chöre für Männergesang, Theater Petersburg)."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1863-05-09-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1863-05-09_01#c002", "volume": "bmtnabi_1863-05-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "145", "page_fin": "147", "image_debut": 1, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630509-01.2.2", "titre_corps": "Jahrbücher für musicalische Wissenschaft.", "titre_sommaire": "Jahrbücher für musicalische Wissenschaft.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "145", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630509-01.1.1", "debut_caractere": 480, "fin_caractere_exclue": 4247, "texte": "Jahrbücher für musicalische Wissenschaft.\nHerausgegeben von Friedrich Chrysander.\nI. Band* Leipzig, Breitkopf und Härtel. 1863. 452 S. in Octav*).\nFür d ieses Unternehmen, welches die gesunde Mitte\nhält zwischen kurzlebiger Journalistik und schwerwiegen-\nder krystallisirter Systematik und ein wahrhaft Neues in\ndie Kunstwissenschaft einträgt, sind alle, denen es Ernst\nist mit dem inneren Fortschritte der Tonkunst, dem Heraus-\ngeber zu grossem Danke verpflichtet, um so mehr, da das-\nselbe mit Mühen und Opfern verknüpft ist, die, äusserlich\nangesehen, kargen Lohn tragen. Wie sehr aber eben die\nTonkunst nach dieser Seite hin eines Aufschwunges be-\ndarf, weiss Jeder, dem die einschlägige Literatur bekannt,\noder wer sich jemals geärgert hat an der vermeinten Geist-\nlosigkeit der Musik, die denn doch trotz aller rationalisti-\nschen Zweifler so wunderbare Wirkungen thut zum Heile\nund Verderben der Seelen. Geschichte und Aesthetik stehen\nnoch in ihren Anfängen, Tonlehre ist seit Jahrhunderten\nfast erschöpfend ausgebildet, und doch sind Haupt-Ergeb-\nnisse verhäitnissmässig wenige, d. h. solche, die als feste\nAusgangspunkte allen Parteien gültig erkannt wären.\nWie aber die Tonkunst die körperloseste, so ist sie auch\ndie geistig freieste, von allen Künsten die reinste Kunst,\nals menschliche Nachschöpfung übermenschlicher Ideen,\ndaher „auch nur von der Wissenschaft der Tonkunst eine\nLäuterung der Aesthetik ausgehen kann.\"\nUnter den acht Stücken dieses ersten Bandes sind zwei\nvon M. Hauptmann. Das erste Stück handelt vom Klan-\nge, zwar ein längst und mannigfach durchgearbeitetes Ca-\npitel, aber hier in eigenthümlicher Anschaulichkeit so dar-\ngestellt, dass wir den Ton in der schwingenden Saite gleich-\nsam entstehen sehen; die Relativität und Beschränktheit\nunserer Tonempfindung wird schliesslich in einem humo-\nristischen Gleichnisse dargethan.\nBedeutend ist desselben Verfassers zweiter Aufsatz,\nüber Temperatur; eine gründliche Belehrung für die-\njenigen, welche aus unseren temperirten Ciavieren von\njung auf all ihr Tonwissen schöpfen, danach Vorgeben,\nsich einzubilden, dies sei die entweder allein richtige oder\ndoch gewohnheitlich eingefleischte Tonreihe, um dann\nschliesslich als „gleichschwebend erzogene\" zu dem absur-\nden Dogma zu gelangen, dass unsere Scala „eigentlich\"\naus zwölf gleichen Halbtönen bestehe. Die einge-\nfügten Berechnungen zeigen die Schwierigkeit der voll-\nkommenen Gleichschwebung theoretisch; die Clavierstim-\nmer helfen sich praktisch mit der nicht mathematischen,\nsondern gefühlig erhorchten und ausprobirten unterschwe-\nbenden Quinte, und so ergibt sich dann diejenige leidlich\nreine Stimmung, die wir von einem anständigen Ciavier\nerheischen u. s. w.\nDas dritte Stück ist eine kritisch hergestellte Ausgabe\nvon Joh. Tinctoris' Diffinitorium musices durch H.\nBellermann. Das Werk ist das älteste musicalische Le-\nxikon, der Autor ein brabanter Gelehrter aus der letzten\nHälfte des fünfzehnten Jahrhunderts, von dessen zahlrei-\nchen Schriften nur diese eine in Druck erschienen und\nheute (wahrscheinlich) nur noch in zwei Exemplaren vor-\nhanden ist. Bellermann gibt nun einen Text-Abdruck, in\nwelchem nichts corrigirt ist als die offenbar verdruckten\noder sinnlosen Stellen, worüber dann jedesmal die Anmer-\nkungen Rechenschaft geben. Die letzteren sammt der licht-\nvollen Ueberselzung sind sehr werthvoll und verdienen die\nAufmerksamkeit aller derer, die sich mit Geschichte der\nMusik ernstlich beschäftigen.\nUnter den folgenden fünf Aufsätzen des Herausgebers,\ninsgesammt historischen Inhalts, bringt der erste (IV.):\n„Vom deutschen Volksgesange im vierzehnten Jahr-\nhundert\", eine vollständige Mittheilung des poetisch-musi-\n\n*) Aus einer Beurtheilung von Ed. Krüger in den Göttinger\ngelehrten Anzeigen. 1863. 16."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "146", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630509-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5226, "texte": "calischen Theiles der limburger Chronik. Es wird hier dar-\ngebracht, was auch vielen Fachmännern neu sein wird:\neine (auszügliche) Wiedergabe der genannten Chronik nach\nder äusserst seltenen zweiten Ausgabe durch Johann\nFriedr. Faust den Aschaffenburger vom Jahre 1619;\ndiese ist der Ausgabe von 1617, welche K. Rossel 1860\nneu edirt hat, im Texte völlig gleich, in der Schreibung\nabweichend, theilweise sorgfältiger (S. 117). Das köstliche\nBruchstück aus jener inhaltreichen Chronik, nebst Close-\nner's Bericht über die Geisseifahrten aus der strassburger\nChronik, ist von mannigfachem Interesse auch ausser dem\nmusicalischen; von ergreifender Wirkung ist die einfältige\nInnigkeit der Erzählung, die mystische Wirklichkeit der\nBilder.\nDiesem folgt „Geschichteder Braunschweig-Wol-\nfenbüttel sehen Capelle un d Oper vom 16. —lB.\nJahrhundert\"; als „Geschichte\" nur zu bezeichnen, „in so\nfern es über die äusseren Schicksale der braunschweigi-\nschen Capelle u. s. w. aus bisher unbenutzten Quellen zu-\nsammenhangenden Bericht erstattet: neue Thatsachen in\nurkundlicher Fassung, nicht abgerundete Bilder von Zeiten\nund Personen\" (S. 146).\nDie an sich dürren Verzeichnisse sind mit historisch-\nästhetischen Erläuterungen durchzogen, welche zeigen,\nwie solche minutiöse Arbeit Bausteine liefert zu höheren\nZwecken; darum, wer sie erst flüchtig durchläuft, wird\nunvermerkt zu ihnen wiederkehren und sich das Seine su-\nchen, auch wo es versteckt zwischen dem Gerölle liegt.\nDie umfangreichste Abhandlung: „Henry Carey\nund der Ursprung des Königsgesanges\n(287—407), ist nicht bloss eine historische Vorstudie,\nsondern ein abgerundetes Bild von Zeiten und Personen,\nderen Mittelpunkt die liebenswürdige Gestalt des begabten,\nobwohl nicht durchgebildeten Künstlers ist; ein Meister-\nstück von historischer Combination, an dem wir sehen,\nwozu philologische Treue und Scharfsinn gut ist vielleicht\nzur Belehrung des Weisen an der Spree, der in musicali-\nschen Dingen die Philologen nicht eben willkommen heisst.\nEs wird aus tausend Kleinigkeiten, die doch nicht ermü-\ndend sind, überzeugend nachgewiesen, dass Carey, was\nbisher nur vermuthend (S. 288) angenommen ward, wirk-\nlich der Dichter und Componist des Volksliedes\nour noble King gewesen und dasselbe zuerst in Drurylane\nam 28. September 1745 gesungen ward. Wer auch an\nder sowohl historisch als ästhetisch interessanten Frage\nweniger Theil nimmt, wird doch des Tondichters ehrsames,\nfröhliches und tragisches Künstlerleben mit Erbauung le-\nsen und besonders an den positiven MiUheilungen seiner\nschönsten Lieder und Arien Freude haben. Ihm ist einige\nMal gelungen, was deutsche Sängerdichter in Luther's Zeit\nwagen durften und Richard Wagner heutiges Tages zu\nleisten sich unterwindet: Wort, Sang und Tonsatz zusam-\nmen zu schaffen. Carey ward inne, dass das im Kleinen\ngelingen möge (vgl. 346—353), im Grossen dagegen die\nspecifische Arbeit der Sonderkünste in besserem Rechte\nsei, daher er seit 1732 seine Opern-Texte Freunden zu\ncomponiren gab (S. 324). Und das war ein melodisch be-\ngabter Genius, nicht ein verständiger Declamations-Fana-\ntiker! Man sehe, singe und höre die trefflichen, gesunden\nMelodieen S. 296, 323, 335, 360. Gewisse Grundfor-\nmen gleichwie die Händel'schen Sprachwurzeln (vergl.\nChrysander's Händel, 1, 286) lassen sich wahrnehmen,\ndie Carey eigenthümlich sind; in Anderem finden sich An-\nklänge an Händel's Betonungsart, welche freilich schon\nebenfalls englische Färbung an sich trug. Dahin gehört\nunter Anderem die Rhythmisirung der anapästischen Metra,\nz. B. 353, 355, ähnlich der des ersten Chors im Messias;\neine Form, die Händel liebt, auch, im Instrumentale.\nAuffallend wird dem heutigen Sinne erscheinen, dass\ndas freudige Liebeslied: To be gazing on those charms .. .\nis to be blest beyond compare,in erklingt, dagegen\ndes Mädchens Klage: 0 where you will hurry my dearest\no cruel, hard-hearted, to press him in Dur; so\nschön beide Melodieen an sich sind, so würde doch un-\nsere dramatische Charakteristik das Verhältniss der Ton-\ngeschlechter hier umkehren. Carey gebraucht nach Sitte\nseiner Zeit wenig gefärbte Tonarten; das Höchste sind drei\nKreuze oder B;einige Mal scheint der Charakter der Ton-\nart dem Händel'schen der heute noch durebklingt\nähnlich, namentlich in dem köstlichen zu\nhaste, ye Utile Loves ... bring ivith you Venus Doves{332),\nvgl. Händel's Delila im Samson, Caspar's Arie im Frei-\nschütz während das C-molldes\nmer S. 364 uns fremdartig vorkommen wird. Am Schlüsse\nder Abhandlung erfahren wir, wie die Ungewissheit über\nden Ursprung des Königsliedes mit veranlasst sei durch die\nsorglose Ausdrucksweise des 1745, 1.\nOctob'er: „Performin g the ant\nKing\", wo dann eine Verwechslung mit Händel's\nnation- anthem „Zadolc th (aus 1. Kön. 1.,\n34, 39) geschehen; eine deutliche Warnung für die, so\ndie Kategorieen der ästhetischen Gattungen nicht achten\nwollen und daher anthem, lay, air, song u. s. w. verwech-\nseln können.\nIm vorletzten Stücke: „Händel's Orgelbeglei-\ntung zu Saul\", schwingt der Verfasser die kritische\nGeissei gerecht über dem englischen Editor Edward\nRimbault, welcher das herrliche Oratorium 1857 für\ndie englische Handel Society herausgegeben und dabei viel\nWillkürlich es und Nachlässiges verschuldet hat."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "147", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630509-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1334, "texte": "Das letzte Stück: „Reethoven's Verbindung mit\nBirchall und Stumpf! in London\", ist eine Mitthei-\nlung aus dem Leben des geliebten Meisters, die man mit\nTheilnahme und Wehmuth lesen wird; die tragische Ge-\nstalt, die so trotzig zwischen Leid und Wonne wandelt,\nso wunderlich mit Niedrigkeit und Hoheit dieser Welt zu\nverhandeln hatte! Mancher widerwärtige Zug aus seinem\nLeben findet vielleicht milderes Urtheil, wenn man\nnicht seinen Genius, sondern sein Gehörleiden in Anschlag\nbringt. Die Angabe Schindlers, dass Beethoven von Seb.\nBach „so gar wenig gekannt\" habe (S, 438, vgl. Schind-\nler, Biographie, Bd. 11., Ausg. 2, 322), wird zurückge-\nwiesen; ausser den hier von Chrysander angeführten Ge-\ngengründen ist uns auch sonst schon kund geworden [wo-\nher?], dass Reethoven das temperirte Ciavier immer auf\ndem Pult hatte, und dass er einst ausgerufen: „In dem\nleipziger Cantor hat ein Stück von der Gottheit gesessen!\"\nWir scheiden von dem gediegenen Unternehmen Chry-\nsander's in der Hoffnung baldiger Fortsetzung. Von be-\nsonderer Wichtigkeit erscheint auch dieses, dass die hier\ngegebenen Stücke theilweise der Händel'schen Aus-\ngabe zur Seite gehen, die ja ebenfalls durch unseren rü-\nstigen Herausgeber begründet ist und jetzt so glücklich\nund rasch fortschreitet, wie man es manchem anderen Un-\nternehmen vergeblich wünscht."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1863-05-09-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1863-05-09_01#c003", "volume": "bmtnabi_1863-05-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "147", "page_fin": "148", "image_debut": 3, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630509-01.2.3", "titre_corps": "Aus Rom.", "titre_sommaire": "Aus Rom.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "147", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630509-01.1.3", "debut_caractere": 1336, "fin_caractere_exclue": 5187, "texte": "Aus Rom.\nEnde April 1863.\nNach alle dem Vorhergellenden erwarten Sie\nnatürlicher Weise, dass ein Mann, der als Musiker gross,\nals Schriftsteller nicht minder, als Tourist unerreichbar da-\nsteht, Ihnen mindestens einen Appendix zu Mendelssohn's\nReisebriefen aus Italien senden werde. Nein! ich will den\narmen Mendelssohn, und wäre es auch nur aus Pietät ge-\ngen meinen ehemaligen Lehrer, nicht verdunkeln und über-\nlasse diese Aufgabe Anderen, vielleicht Franz Liszt, den\nich gestern in Sanct Peter traf, aber den so lebhaften, ge-\nnialen, blondgelockten von ehemals kaum in dem alten,\ngebeugten, an einem Pfeiler lehnenden wieder erkannte.\nDa ich Sie nun nach echter Dichterweise\nres geführt, darf ich auf den chronologischen Verlaufmei-\nnes Heise-Epos zurückkommen. Nachdem ich den Tren-\nnungsschmerz meiner wiener Freunde durch eine Abschieds-\nSoiree mit starker Kost an Musik und stofflichem Zubehör\neiniger Maassen betäubt hatte, eilte ich Anfangs März dem\nSüden in jener Richtung zu, wo Goethe's gläubige Ver-\nehrer überall nur grüne Haine und glühende Goldorangen\nzu sehen hoffen. Ich sah und empfand aber im März auf\ndem Brenner und selbst noch eine geraume Strecke weiter\ngar Manches, das weder grün noch glühend genannt wer-\nden dürfte. Innsbruck, Verona, Mailand gehörten in diese\nKategorie des Unterschiedes zwischen Poesie und Prosa;\nerst von Genua an längs der Riviera di Levante kam azur-\nblauer Himmel zum Vorschein, Chiavari und la Spezzia\nsah ich schon im schönsten Frühlingsschmuck, und selbst\ndie Festungsmauern des Varignano erschienen mir weniger\ngrau, als sie Garibaldi vorgekommen sein mögen. Gern\nhätte ich Ihnen für etwaige dortige Verehrer einen Stein\nvon diesen Mauern zugesandt, allein ich beherrschte mich\nund beobachtete, obwohl mit noch weit mehr Ueberwin-\ndung, dieselbe Enthaltsamkeit beim Anblicke der schönen\nMarmorblöcke von Carrara, um den Brief nicht allzu sehr\nzu beschweren.\nVon Massa an ging e$ dann per Eisenbahn nach Flo-\nrenz und so immer fort zu Lande weiter über Viterbo\nnach Rom, summa summarum zwanzig Tage hindurch in\npferdebespanntem oder dampfschnaubendem Wagenge-\nrolle. Seekrank konnte ich mithin nicht werden, es wäre\ndenn in der Scala in Mailand oder in der Pergola in\nFlorenz gewesen. In der Scala hörte ich eine Oper, die\nGounod's „Faust\" vorstellen sollte, ihrer Aufführung nach\naber eben so gut Fra Diavolo oder Trovatore hätte betitelt\nwerden können. In der Pergola hingegen genoss ich Ver-\ndi's epileptische Musik in seinem schauderhaften Nabuco-\ndonosor. Im „Faust\" wurden nicht weniger als der grösste\nTheil des dritten Actes die Gartenscene —, dann die\nWalpurgisnacht, die Festsaal-Scene und sonstige Kleinig-\nkeiten herausgeschnitten, das Uebrige dafür aber mit Zu-\nsätzen und Einlagen aus anderen Opern vervollständigt, ä\nl'usage de chacun zugerichtet und der Art neu orchestrirt,\ndass bei den Knall-Effecten gewöhnlich alle Violinen und\nHolzbläser, bisweilen auch noch die ganze Küchenbatterie\nvon Blech im Unisono mit dem Sänger hinaufstürmten und\ndann möglichst lange auf einer hohen Note hangen blie-\nben, bis nach und nach den Bläsern der Athem, den Gei-\ngern der Bogen ausging und nichts übrig blieb als ein\nzinnoberrother Tenor, der, unter Allen mit den stärksten\nLungenllügeln begabt, noch immer sein hohes heraus-\nquetschte, bis auch er, der Macht der Zeit erliegend, zu-\nsammenbrach. Dann erfolgte unendlicher Jubel im Publi-\ncum, um so brüllender und tobender, je brüllender und\ngeschmackloser der singende Athlet sein hohes verwer-\nthet hatte. Dem deutschen Musiker aber bricht das Herz,\nwenn er diese herrlichen italiänischen Kehlen so nieder-\nträchtig missbrauchen und an solchen musicalischen Schund,\nwie die meisten Opern Verdi's sind, vergeuden hört. Das\nkann man, mit Mendelssohn zu reden, in der That „die\nMusik handhaben\" nennen, und man meint bei efiier der-\n\nl *J"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "148", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630509-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4235, "texte": "artigen Vorstellung Leute vor und um sich zu haben, die\nalle vom Veitstanz besessen sind.\nWährend der Fahrt von Florenz bis Rom hatte ich\nZeit, mich von den musicalischen Eindrücken der toscani-\nschen Hauptstadt zu erholen und mit etwas mehr Befrie-\ndigung auf den Palazzo Pitti als auf die Pergola zurück-\nzublicken.\nNeu gestärkt ging ich denn am Mittwoch der Char-\nwoche an die herculische Arbeit, in der Sixtinischen\nCapelle die fünfstündige Abendfeier Lamentationes,\nTenebrae, Miserereu. s. w.—anzuhören. Ich muss Ihnen,\nwas ich schon im Exordium meiner Epistel erwähnt habe,\nwiederholen, dass meiner unbedeutenden Wenigkeit bei\ndieser Gelegenheit ein Platz zu Theil wurde, um den mich\nFürsten und Botschafter beneiden konnten, ein bequemer\nSitzplatz dicht unter der Sänger-Tribune, den ich der gros-\nsen Freundlichkeit eines päpstlichen Beamten verdankte,\nan den ich durch einen einflussreichen deutschen Geist-\nlichen empfohlen war. Wenn Ihnen hierbei die Fabel von\ndem Löwen und der Maus und dem Netze einfällt, so kann\nich nichts dagegen haben, denn alle Löwen Roms hätten\nmir einen Raum nicht erschliessen können, den eine an-\nscheinend kleine Maus mir zugänglich machte, indem sie\nmich in die Nähe der Cardinäle schmuggelte und mir so\ndie Gelegenheit verschallte, ganz behaglich zusehen zu\nkönnen, wie mancher andere Zuhörer ohnmächtig aus dem\nGedränge getragen wurde.\nHier also, auf einem Sitze, den ich wahrscheinlich kein\nzweites Mal mehr im Leben werde erringen können,\nwohnte ich einer der ergreifendsten kirchlichen Feierlich-\nkeiten bei, ja, einer im Gesammt-Eindruck höchst er-\nhebenden Feier. So viel zur Steuer der Wahrheit! Wollen\nSie mich aber befragen, welche Eindrücke ich als Musi-\nker dabei empfangen und empfunden habe, so muss ich,\nebenfalls zur Steuer der Wahrheit, meiner heimgebrach-\nten Enttäuschung Luft machen. Diese weltberühmten Sän-\nger der Sixtina intoniren positiv falsch, singen geschmack-\nlos und haben, für mein Ohr wenigstens, meistens anti-\npathische Stimmen. Wenn dieser Männer-, oder richtiger\nCastraten-Chor, statt in vier Octaven sich zu bewegen, in\nzweien rein und volltönig singen wollte, seine Cadenzen,\nstatt mit Schnörkeln und Bocks-Trillern, ruhig und würde-\nvoll abschlösse und die Töne nicht durch die Nase, son-\ndern durch die Kehle emitlirle, so liesse sich die Abson-\nderlichkeit manches Anderen, das vorkommt, noch ertra-\ngen, denn eigenthümlich interessant und anderwärts ganz\nungehört und unhörbar ist der Vortrag einiger dieser Sän-\nger, namentlich eines alten fünfundsechszigjährigen Sopra-\nnisten! Leider aber erinnern diese Stimmen gar zu oft auch\nan die Harfenistinnen in den Cafes concerts zu Paris, und\nsollte ich wegen meiner Vergleiche in den Bann gethan\nwerden, so müsste ich doch trotz aller Fanatici in der\nSixtina sagen, dass dieser traditionel-classisch sein sollende\nStil mir sehr unclassisch erscheint und weder durch die\nUrväter des Gregorianischen Gesanges, noch durch sämmt-\nliche Kirchenväter zum unbestreitbaren Dogma in unserer\nKirche erhoben werden könne. Hier in Rom würde na-\ntürlich, wer eine solche Behauptung wagte, von den Mu-\nsikern gesteinigt werden.\nAber nun, wo ich meinem speciel musicalischen Aer-\nger Luft gemacht habe, komme ich dennoch auf mein frü-\nheres Urtheil über das Ganze zurück, auf die Behauptung,\ndass bei dieser Feier, wie bei allem, was man in Rom\nsieht und hört, der Gesammt-Eindruck gross und überwäl-\ntigend bleibt, und dass ich die in der Sixtinischen Capelle\nzugebrachten Stunden um keinen Preis aus meinem Ge-\ndächtnisse verwischt wissen möchte. Ich hörte da auch,\numgeben von den Schatten der eintretenden Nacht und\nden greifbareren, die Michel Angelo an die Wände gezau-\nbert hat, ein Miserere von Allegri oder in dessen Stil von\nBaini (genau konnte ich den Autor nicht ermitteln), das\nwunderschön gewesen sein würde, wenn die Ausführung\ndem Adel der Composition ebenbürtig gewesen wäre.\nZur Entschuldigung der Sixtinischen Sänger muss ich\njedoch bemerken, dass man nach löblicher italiänischer\nWeise auch mit diesen eben so umgeht, wie mit den\nFiakerpferden; das falsche Intoniren wird begreiflich bei\nLeuten, die während der ganzen Charwoche regelmässig\nsechs bis acht Stunden täglich in Anspruch genommen\nwerden."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1863-05-09-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1863-05-09_01#c004", "volume": "bmtnabi_1863-05-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "148", "page_fin": "150", "image_debut": 4, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630509-01.2.4", "titre_corps": "Aus Frankfurt am Main.", "titre_sommaire": "Aus Frankfurt am Main.", "signature_source": "A. S", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "148", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630509-01.1.4", "debut_caractere": 4237, "fin_caractere_exclue": 5118, "texte": "Aus Frankfurt am Main.\nAufführung von Händel's „Josua“.\n\nMit d ieser Aufführung hat der Rühl'sche Gesangverein\nam 27. April den Reigen der Winter-Concerte der drei\nneben einander wirkenden grossen Körperschaften, wozu\nnoch der Cäcilien-Verein und das Museum zu zählen, ge-\nschlossen. In Allem waren der Concerte achtzehn an\nZahl. Bei einem Rückblick auf die Erfolge im Allgemei-\nnen, wie sie sich zunächst nach der künstlerischen Seite\nhin ergeben haben, darf die Zufriedenheit aller Stimmfähi-\ngen mit den Leistungen sämmtlicher dabei Betheiligten\nkaum in Frage gestellt werden. Aufrichtige Hingebung an\ndie Sache der Tonkunst, wie dieselbe nur in sicherer Er-\nkenntniss ihrer hohen Bedeutung an und für sich, wie für\nden moralischen Werth im Leben jedes Einzelnen ihre\nWurzel findet—sie war in vollem Maasse vorhanden, und\nihr ist es zuzuschreiben, dass sich jeder Abend zu einer"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "149", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630509-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5534, "texte": "wahrhaflen Kunstfeier gestaltet hat, wozu die schöne Lo-\ncalität das erforderliche Relief gegeben. Darf dies, ohne\nWiderspruch zu befürchten, ausgesagt werden, so muss\nandererseits auch die rege Theilnahme des Publicums\nrühmend erwähnt werden, das an allen Abenden den gros-\nsen Saal fast in allen Räumen gefüllt hatte. Bedenkt man,\ndass alle drei Körperschaften ihr separates Abonnement\nhaben, und dass dieses die enormen Kosten eines jeden\nConcertes ausreichend zu decken vermag, so ist diese That-\nsache allein schon im Stande, Achtung vor dem musik-\nliebenden Publicum Frankfurts einzuflössen. Aber noch\neine andere Thalsache tritt hier als wesentlicher Factor\nmit ein, dies ganz besonders bei Aufführungen von Ora-\ntorienmusik. Man darf behaupten, dass, die das Theater\nbesuchende Menge ausgenommen, die sich ja allerwärts\naus sämmtlichen Schichten der Bevölkerung ergänzt, in\nden gebildeten Classen dieser Stadt ein empfänglicher Sinn\nfür den Ernst der Kunst, und zwar jeglicher Kunst, sich\nbethätigt, dem es zu verdanken, dass die Anforderungen\nan das allerseits im Oratorium zu Leistende stets hoch ge-\nspannt sind, sich daher den Dilettanten-Schild als Entschul-\ndigung für mittelmässige Leistungen nicht gern gefallen\nlassen. Dieser Factor, der nur mit einer künstlerisch guten\nAufführung sich befriedigt zeigt, wirkt andererseits wie-\nderum als Sporn bei jedem Mitgliede der beiden Gesang-\nvereine, mit Zeit und Mühe nicht zu kargen und den nicht\nzu vermeidenden Anstrengungen in den Proben sich will-\nI ährig zu unterziehen. Dorther also die in der Regel vor-\ntrefflichen Ausführungen schwieriger Aufgaben in beiden\nGesellschaften. Wohl mit vollem Recht verdienen sie vorzugs-\nweise Erhaltungs-Institute (Conservatorien) des Guten und\newig Schönen in Sachen der Tonkunst genannt zu werden.\nMit Bezugnahme auf Vorstehendes wird es für den\nVerlasser leicht, aber auch angenehm, von der Aufführung\ndes „Josua\" (mit vermehrter Instrumentirung von J. Rietz)\nin Kürze sprechen zu können. Die Solostimmen befinden\nsich in den Händen des Fräuleins Labitzky (von der hie-\nsigen Op er) und des Fräuleins Schreck aus Bonn, dann\ndes Herrn Bau mann (von der Oper in Kassel) und des\nHerrn Hill. Erstgenannte bewährte sich zu nicht geringer\nUeberraschung als Oratoriensängerin so vortrefflich, dass\nwir den Wunsch nicht unausgesprochen lassen können,\ndas Fräulein öfters an dieser Stelle mitwirken zu sehen.\nDie Gediegenheit der Leistungen Seitens der anderen So-\nlisten bedarf wohl keiner besonderen Hervorhebung, jedoch\nhätte Herr Baumann die Arie in der ersten Äbtheilung:\n„Schnell, Israel, schnell\", nicht so übermässig präcipitiren\nsollen. So lang ausgesponnene Coloraturen, wie dort, worin\nkeine oder doch nur spärlich angebrachte Einschnitte das\nAthmen erleichtern, bringen bei solcher Uebereilung eine\nermüdende Wirkung hervor, weil das sich zu oft wieder-\nholende Schnappen nach Athem, an sich unkünstlerisch,\nzu auflällig und unangenehm erscheint. Ein so erfahrener\nSänger in geistlicher Musik wie Herr Baumann sollte nie-\nmals» selbst im schnellsten Tempo, in so fern es dem Cha-\nrakter entspricht, der gemessenen Würde, als oberstem\nPostulate in dieser Gattung, untreu werden. Opern-Feuer\nist hierbei nicht am Platze.\nChöre und Orchester leisteten das Erforderliche, wie\nwir es von beiden Seiten gewohnt sind. Fast alle Nummern\nwurden mit wahrhaft künstlerischer Vortrefflichkeit in Be-\nherrschung und Lösung der Aufgabe gesungen, so unter\nAnderem der Chor: „Der Herr befiehlt\", dann wiederum\nder Chor: „Allmächtiger Herrscher in der Höh'\". Letzte-\nrer darf wohl als der Glanzpunkt der Chorleistungen be\nzeichnet werden. Zu bedauern war der sich in verschiede-\nnen Nummern ergebende Mangel an gleichmässiger Klang-\nfülle, der durch den Abgang einer Reihe von Stimmen im\nTenor und Bass in Folge von Erkältung verursacht\nworden. Im Bass-Chor allein sollen an 25 Stimmen ge-\nfehlt haben. Zu offenbar findet dieser Fall seine Ursache\nin der jetzt herrschenden Mode, selbst bei rauher Witte-\nrung den Hals bloss mit einem schmalen Bande bedeckt\nzu tragen. Sollte diese besonders für Sänger nachtheilige\nMode andauern, so wäre es wohl gerathen, in den Gesang-\nvereinen Sanitäts-Commissionen aufzustellen, die über stetes\nWohlbefinden der Mitglieder zu wachen hätten.\nHerr Musik-Director Friederich hat mit diesem\ngrossen Werke wieder einen Schritt auf der schwierigen\nDirigenten-Laufbahn vorwärts gethan und die erforderliche\nSumme an Erfahrungen um eine vermehrt. Es sei gestat-\ntet, die geeignete Gelegenheit zu benutzen, um auch un-\nsererseits etwas hierzu beizutragen. Die richtige Be-\nhandlung des Recitativo seccodas in Händel's „Josua\"\nausschliesslich in Anwendung kommt, scheint in den deut-\nschen Orchestern nicht genug gekannt zu sein; dem Schrei-\nber dieser Zeilen wenigstens war es noch nicht vergönnt,\nZeuge einer solchen sein zu können, ausgenommen in\nWien. Die Accorde, auf denen dieses Recilativ beruht,\nsind bekanntlich einem Contrabass und zwei Yioloncellen\nzur Ausführung zugetheilt. Dem Schreibgebrauche ge-\nmäss werden sie nach der Bezifferung des Grundbasses\nmeist in ganzen Noten, mit Bindungszeichen über die\nTactstriche, der Singstimme unterlegt, sie werden jedoch\nnicht so ausgeführt, wie sie sich' zur Erleichterung des Mit-\nlesens dem Auge präsentiren, sondern in der Regel nur\nkurz „angeschlagen\", wie der herkömmliche Ausdruck es\nbezeichnet. Diese Accorde stricte ausgehalten, so zwar,\ndass man z. B. drei bis vier Tacte hindurch den Dreiklang,\ngleich darauf eben, so lange einen Secund-Accord erklin-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "150", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630509-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2779, "texte": "gen lässt u. s. f., verstösst gegen die Regel der zweckmäs-\nsigen Anwendung, die dem Sänger die sichere Intonation\nnur ermöglichen, keineswegs aber ihn am Leitseile der\nmeist noch dumpf tönenden Bass-Instrumente zu führen\nbeabsichtigt. Das Recitativo secco, in solcher Weise aus-\ngeführt, kann nicht verfehlen, im Zuhörer das Gefühl des\nSchleppens, bald auch der Langenweile zu erzeugen, dies\num so gewisser im Oratorium, wo es die Aufgabe des\nSängers ist, langsam mit erhobenem Pathos zu recitiren.\nDie Unmöglichkeit ferner, den Bogen so viele Tacte hin-\ndurch fest auf der Saite zu halten, dass der Ton fortan\ngleichmässig erklingt, dass nicht bald einer, bald der an-\ndere der drei lustrumentisten mitten in dem ruhenden\nAccord hin und her streicht, um das Intervall deutlicher\nhören zu machen, dieses Unziemliche, jedoch Unvermeid-\nliche, könnte allein schon ein Wink sein, dass es mit je-\nnem Schreibgebrauche nicht so stricte zu nehmen ist. Weil\ndas Recitativ in dieser Art zu begleiten zu selten vor-\nkommt, so wird das Steife und Schwerfällige in dessen\nBehandlung wohl immerhin zu hören sein, denn es bedarf\nvieler Uebung, um die Sache an sich gut zu machen und\nden Sänger in jeglichem Tempo gehörig zu unterstützen.\nDie Sache gewinnt, wenn nebst dem Contrabass nur ein\nVioloncell dafür eingeübt wird. Letzteres hat die Aufgabe,\nnach Bedürfniss des Sängers den vollständigen Accord\npeggiando wiederholentlich zu Gehör zu bringen. Wie-\nderum nach Bedürfniss des Sängers, der dem Orchester\nbald nahe, bald fern steht, wird der Dirigent bei Beginn\ndes Recitativs oder bei Absätzen den angeschlagenen Accord\netwas anhalten, dann aber den Sänger allein gehen lassen.\nDie beste Schule für zweckentsprechende Behandlung die-\nses Recitativs bleibt die italiänische Oper, sowohl die\nwie die buffa; in beiden ergibt es sich, dass dasselbe der\njedesmaligen Situation recht wohl entgegen zu kommen\nund derselben sogar ein gewisses entsprechendes Colorit\nzu geben vermag, in der Opera durch an passender\nStelle breites Hinlegen des Accords, in der buffa wieder\ndurch immer kurzes Anschlagen, zuweilen mitten im Par-\nlando des Sängers, zur Erhebung eines drastischen Effectes.\nUeberhaupt ist die richtige Behandlung des\nsecco weit entfernt, Monotonie und Langeweile zu erzeu-\ngen, wie die Gegner behaupten wollen, nur die unrichtige\nist die Erzeugerin solch narkotischer Wirkungen.\nSonderbar genug, dass alle unsere Lehrbücher es feh-\nlen lassen, nur ein Wort über die Behandlung dieses Re-\ncitativs der trockenen, völlig ungenügenden Erklärung an-\nzufügen. Selbst Marx weiss in Allem und Jedem nicht\nmehr darüber zu sagen, als: „Ist das Recitativ nur von\neinfachen Accorden begleitet, so heisst es\noder parlante.\" (Vgl. Allgem. Musiklehre von A. B. Marx,\n281, dritte Auflage.)\n\nA. S."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1863-05-09-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1863-05-09_01#c005", "volume": "bmtnabi_1863-05-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "150", "page_fin": "151", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630509-01.2.5", "titre_corps": "Ein Abend in der musicalisch-akademischen Gesellschaft zu X.", "titre_sommaire": "Ein Abend in der musicalisch-akademischen Gesellschaft zu X.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "150", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630509-01.1.6", "debut_caractere": 2781, "fin_caractere_exclue": 5150, "texte": "Ein Abend in der musicalisch-akademischen\nGesellschaft zu X.\n*).\n„Attention!\" donnerte mit Würde die Stimme des\nPräsidenten.\nDie Gesellschaft gerieth in ein ruhestiftendes Husten,\nRäuspern, Rücken und Plätzeordnen, welches gewöhnlich\nnoch für einige Minuten den früheren Lärm verstärkt.\nNach endlich erfolgter Ruhe fuhr er fort:\n„Sie wissen, geehrte Herren Anwesende, auf dem heu-\ntigen Programm unserer akademischen Gesellschaft steht:\n„„Dramatische Production auf der Clarinette, dargestellt\nvon unserem geehrten Mitgliede Winsele, Musicus, Com-\npositeur und vorzüglichem Clarinettisten1*\".\n„Bravo!\" tönte.es aus einigen Ecken des Saales, wäh-\nrend die meisten Akademiker, stumm Beifall nickend, das\nGlas an den Mund setzten. Winsele erhob sich, an einem\ngelben, gelöcherten Instrumente mit Klappen putzend, und\nverneigte sich. Schmale Lippen, Stiefelbürsten-Frisur, eine\nspitze Nase und ein spitzes Kinn zeichneten ihn aus. Die\nNase kam in Verdacht, zeitweise es auf die Klappen abge-\nsehen zu haben und nach den obersten zu zielen. Als er\ndie Stimmung seines Instrumentes probirte, zuckten schon\nbei jedem Athemzuge die vordersten Borsten seiner Stiefel-\nbürsten-Frisur und tactirten später unaufhörlich mit.\nAn seiner Seite erhob sich ein Jüngling mit sehr viel\nweissem Kragen und sehr wenigen Bartspuren, sein Be-\ngleiter auf dem Piano und jetzt sein Sprecher. „Geehrte\nHerren Collegen!\" rief dieser mit überschnappender Stim-\nme und ostentativer ' Würde: „Tonmeister Winsele be-\nhauptet bescheiden, kein Redner zu sein, und hat mich\naufgefordert, für ihn das Wort zu nehmen, was ich hier-\nmit thue. Es ist ein allgemeines, altes und verrottetes Vor-\nurtheil, dass die Musik keine im Leben vorhandenen Zu-\nstände, sondern nur Gefühle ausdrücken könne. Dieses\nalte, verrottete, nichtswürdige Vorurtheil, von den alten\nbezopften Kritikern und so genannten Meistern, welche\nnur Meister heissen, weil sie das Wenige, Unvollständige\neingebüffelt, was sie von ihrer tiefstehenden Jugendzeit\nüberkommen haben, dieses alte Vorurtheil wird Meister\nWinsele, der geniale Compositeur, heute glänzend durch\nein grosses Tonwerk widerlegen. Es ist ferner eine alberne\nBehauptung dieser so genannten „„alten Meister\"M, die,\nweil sie selbst nichts können, behaupten wollen, die ganze\n\nAus dem humoristischen Romane „Hercules Schwach\" von\nSilber stein (München, Fleischmann, 1803)."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "151", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630509-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5268, "texte": "Welt, das kommende Geschlecht, die neu auftauchenden\njüngeren, genialen Kräfte der Gegenwart und Zukunft\nkönnten auch nichts dass kein einzelnes Instrument im\nStande sei, alles Gewünschte auszudrücken. Vorzüglich\no\nsprechen sie der Clarinette diese Fähigkeit der umfassend-\nsten, unumschränktesten, hoch- und tiefgreifendsten Ton-\nmalerei ab. Beiden diesen unverschämten Lügen, vorge-\nbracht aus Unwissenheit, Stümperei und absichtlicher Er-\nniedrigung der nachkommenden genialen Kräfte, die ganz\nneue Bahnen in der Kunst zu brechen im Stande sind und\nes auch thun beiden diesen Lügen wird unser Meister\nWinsele sein ausmalendes Tonwerk „ „Struwelpeter und\nBarbarossa\"\" entgegensetzen, einzig und allein auf der\nClarinette vorgetragen!\n„ „Struwelpeter und Barbarossa\"\" ist der dramatische\nVorwurf, ohne Worte, ohne Text, ohne Melodie über-\nhaupt; denn Melodie, Arie, Lied u. s. w. sind nur ein altes\nVorurtheil, eine gezopfte Gewohnheit, und die wahre Mu-\nsik der Zukunft braucht diese elenden Krücken einer ta-\nlentlosen Zeit nicht! Tonmalerei! das ist das Wahre!\n„ „Struwelpeter und Barbarossa!\"\" Der Erstere, meine\nFreunde und Akademiker, ist Ihnen zur Genüge bekannt.\nDie geniale Verbindung dieses populären deutschen Cha-\nrakters mit dem historisch deutschen, nicht minder volks-\ntümlichen Kaiser Barbarossa und der nationalen Sage ist\neine Original-Idee unseres geehrten Freundes Winsele, der\nden Vorwurf selbst verfasst hat. Struwelpeter will sich\nkeine Nägel und Haare schneiden lassen, eben so wenig\nwaschen; erstes Tonstück.—Der getreue Eckart warnt ihn\nund macht ihn weiter mit den Gefahren des Venusberges\nbekannt, vor dem er sich, wenn er etwa im Gegentheile\neitel würde, zu hüten habe; zweites Tonstück. Die schöne\nMelusina, halb Weib, halb Fischschwanz, reitet auf der\nmythischen Hirschkuh Genovefa's die Strasse entlang und\nsucht von Struwelpeter in dem Reize seiner Urwüchsigkeit\ndrei Küsse zu erhalten, um sich vom Zauber zu erlösen;\ndrittes Tonstück. Struwelpeter verachtet aber die Ve-\nnussin und die Melusina, und Letztere stürzt sich, verzwei-\nfelt über seine Sprödigkeit, von der Lurlei in den Rhein;\nviertes Tonstück. Nun gräbt sich aber Struwelpeter, kühn\nim deutschen Bewusstsein, mit seinen Nägeln in den Kiff-\nhäuser, weckt den Kaiser und dessen Reisige im Einver-\nständnisse mit dem grossen Raben, welcher als holde Prin-\nzessin entzaubert wird, erlöst ungekämmt Deutschland, und\nmit der elektrischen Morgenröthe der Freiheit schliesst das\nGanze!\"\n„Bravo! Genial! Ausgezeichnet! Geistreich!\"\n„Wohl werden Sie bemerken,\" fuhr der Redner-\nJüngling fort, „dass hier wenig Rücksicht auf die Zeit,\nchronologische Folge und auf Reinheit der Sage genom-\nmen ist. Aber gerade diese geniale Verbindung von deut-\nschen Volkssagen und Volks-Cbarakleren, gerade diese\nunbeschränkte Mengung von Roman und Historie, von\nSage und Geschichte, beide echt deutsch, ursprünglich,\nvolksthümlich, mit dem Bewusstsein der deutschen Nation\ninnig verwachsen als das Mysteriös-National-Germanische,\nverleihen dem Ganzen einen eigentümlichen Reiz und ge-\nben ihm den Anspruch, ein Epoche machendes Tonwerk\nzu sein! Und dies alles wird auf der verachteten, ver-\nschmähten Clarinette ausgedrückt von Meister Winsele,\nund meine Wenigkeit wird die Ehre haben, nur hin und\nwieder die nöthigen Accompagnements auf dem Ciavier\nauszuführen. Ich mache Sie auf einen Hochgenuss auf-\nmerksam, anwesende Akademiker, und lade Sie zum tiefe-\nren Verständnisse und zur sorgfältigen Auffassung des\ngross gedachten Tongemäldes ein.\"\nVorsorgendes Räuspern, Bier- und Speise-\nrufen; Winsele schaudert bereits auf der gelben Clarinette\neinige Läufe ab, sein Begleiter zwickt einige Töne aus\ndem spindelbeinigen, mageren, näselnden Ciavierkasten,\nund es geht los.\nStruwelpeter schneidet sich die Nägel nicht, wäscht\nsich nicht; Nikolaus will ihn ins Tintenfass stecken, die\nMaare wachsen ihm furchtbar: alles dies wird tonlich dar-\ngestellt zur Bewunderung der ganzen Versammlung. Der\nFischschwanz der Melusina, der Lurleilelsen, die Venus-\ngeister, Barbarossa, die Hirschkuh, das Aufgraben des\nBerges, des Kaisers Bart, das nationale Bewusstsein, alles\ndieses wogt auf und ab in den schnarrenden, kreischenden\nTönen der Clarinette, bei glücklicher Vermeidung aller\nMelodie. Es bricht eine Klappe, und einige Zuhörer hoffen\nauf Erlösung vergebens! Winsele's Borsten tactiren und\nseine Lungen arbeiten fort und fort! Als Hercules dem\nVerzweifeln nahe war, erklärte ihm Schnepselmann, wenn\nsie Beide auch nicht das rechte Verständniss des Tonstückes\nbesässen, weil sie überhaupt nichts von der Musik verstän-\nden, so sei nichts desto weniger Winsele's Composition\nein geniales Werk, das alles bisher Gehörte überbieten\nwerde, wenn dies nur durch fortwährende Reclame und\nCharlatanerie ausdauernd behauptet werde.\nMit kreischenden Morgenroths-Dissonanzen endete das\nTongemälde. Ungeheurer Applaus, Bravo! Hurrah! Auch\nAkademiker, die geschlafen oder sich heimlich die Ohren\nmit Baumwolle verstopft hatten, klatschten aus Artigkeit\ndoppelt vernehmbar. Winsele verneigte sich dankend, sein\nJünger vom Ciavier reichte ihm die Hand, er zog ihn an\nseine Brust, und sie verharrten „entrückt\" in der Umar-\nmung, bis der Präsident sie mit Darreichung des Ehren-\nweines aus ihrer Verzückung weckte."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1863-05-09-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabi_1863-05-09_01#c006", "volume": "bmtnabi_1863-05-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "152", "page_fin": "152", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630509-01.2.6", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "152", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630509-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 6312, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nAm 4. April führte in Berlin in der Sing-Akademie der Stern1-\nsche Verein die Messe von Emil Naumann auf, aus welcher\neinige Sätze früher in einem der Gürzenich-Concerte in Köln mit\nBeifall gegeben worden sind. Der Componist hat seitdem das Werk\ndurch Ueberarbeitung aller Theile desselben und Hinzufügung eines\numfangreichen, diesen Winter componirten Offertoriums zu einem\nfast ein neues zu nennenden umgeschaffen. Die berliner musicalische\nKritik spricht sich einstimmig zu Gunsten des Werkes als einer\nComposition von grossen Intentionen und bedeutender Wirkung aus.\nNamentlich wird der Satz: Mundo, me a peccato meo? im OfFertorium\nals etwas Ausserordentliches in Erfindung, Tiefe der Auffassung und\nSchwung hervorgehoben. „Dieses Munda me gehört\" sagt z. B.\nRieh. Wuerst „zu dem Bedeutendsten der Musik-Literatur un-\nserer Zeit.\nVon Richard Wagner (gegenwärtig in Berlin weilend, um\neinige Concerte zu dirigiren) ist so eben das Textbuch zu seiner\nneuesten Oper: „Die Meistersinger von Nürnberg\", als Manuscript\ngedruckt (Mainz, Schott's Söhne), erschienen.\nllabialm■!*££• 26. April. Sivori hat die hochgespannten Er-\nwartungen des Publicums glänzend gerechtfertigt. Er spielte am 24.\nApril in dem Abonnements-Concerte unter Leitung des Herrn Otten\ndas i/-77i0//-Concert von Paganini und dessen „Carneval\", so wie\neine Phantasie eigener Composition und gab nach stürmischem Her-\nvorruf noch Paganini's Variationen über Nel cor piü non mi sento\nzu. Joachim war in der Probe anwesend und äusserte seine Aner-\nkennung des Sivori'schen Spiels in sehr warmen Ausdrücken.\nSc. Majestät der König von Preussen haben geruht, Sivori den kö-\nniglichen Kronen-Orden 111. Classe zu verleihen.\nSasel, 22. April. Durch den Orpheus-Verein (unter Di-\nrection von Aug. Walter) wurde neulich die Bach1 sehe Cantate\n„Ich hatte viel Bekümmerniss\" in höchst anerkennenswerther Weise\nzur Aufführung gebracht. Die ziemlich schweren Chöre waren gut\neinstudirt und die Soli befanden sich in den Händen der besten\nhiesigen Gesangskräfte. Ganz besonders begeisternd wirkte der herr-\nliche Schlusschor. Ausserdem kamen noch drei Doppelchöre von\nSchumann zur Aufführung („Ungewisses Licht\" „Zuversicht\"\n„Talisman\"), welche gleichfalls mit Verständniss und Schwung\nvorgetragen wurden.\nWleil. Die dritte Traviata-Vorstellung im Karl-Theater war\nim Ganzen gerundeter, als die erste, und auch das Interesse an Fräu-\nlein Patti's Leistung noch gesteigert durch die geniale Sicherheit,\nmit der die junge Künslerin nicht nur die Hauptmomente der Rolle\nhervorhob und alle gesanglichen Schwierigkeiten spielend überwand,\nsondern die Aufgabe zu einem einheitlichen Bilde von ergreifender\nPoesie gestaltete. Fräulein Patti hat mit ihrer Violettadas Unglaub-\nlichste geleistet: sie hat uns die Erinnerung an diese dramatisch-\nmusicalische Missgeburt in unvergesslicher Weise poetisch verklärt.\nAdeline Patti trat Sonntag den 26. April zum allerletzten Male,\nund zwar in einer gemischten Vorstellung auf, in welcher einzelne\nScenen aus ihren beliebtesten Rollen zur Aufführung kamen. Der\nApplaus war kolossal: die Künstlerin wurde 16 Mal gerufen.\nI*aris. Meyerbeer hat zu den Chören für Männer-Ge-\nsangvereine, welche er im vorigen Jahre herausgegeben, jetzt\nnoch eine neue Composition: „Le Chant des Exilesu, hinzugefügt.\nDie ganze Sammlung besteht nun aus fünf Chören: A la patrie\nInvocation ä la lerre natale Les joyeux Chasseurs & Amitie\nund Le Chant des Exiles. Man sieht, dass der berühmte Componist\ndenjenigen Inhalt seiner Texte gewählt hat, der allein den würdigen\nVorwurf eines Gesanges von Männern bildet: Liebe zum Vaterlande,\nzur Freiheit, Jagdlust und Freundschaft sind die Empfindungen, de-\nnen er Melodie verleiht. Der „Gesang der Verbannten\" beginnt\nmit einem Tenor-Solo, welchem der Chor antwortet, der aus dem\nfreien Schwung in Dur zu schmerzlicherem Ausdruck in Moll über-\ngeht, dann aber lebendiger aufathmet in den Erinnerungen an die\nKindheit und das Vaterhaus, bis am Schlüsse in einem Solo mit Be-\ngleitung von Brummstimmen die Wehmuth wieder die vorherrschende\nStimmung wird.\nDie neue komische Oper von Fl o t o w ist von der Direction der\nOpera comiqiie, da die Saison bereits zu weit vorgerückt sei, für\nden Herbst zurückgelegt worden. Herr von Flotow hat Paris verlassen.\nDie italiänisclie Oper hat Donnerstag den 30. April ge-\nschlossen. Die Verwaltung geht nun in die Hände des Herrn Ba-\ngier über, der die beiden italienischen Theater in Madrid und in\nParis dirigiren wird.\nAdeline Patti hat sich auf ihrer Durchreise von Wien nach\nLondon einige Tage hier aufgehalten. Ihre Erfolge in Wien über-\nsteigen alles Dagewesene: sie kehrt buchstäblich genommen mit\nDiamanten bedeckt, die ihr die reiche Aristokratie verehrte, zurück.\nDie 2o Vorstellungen, deren Brutto-Einnahme 115,000 Gulden war,\nhaben dem Impresario Merelli 80,000 Fr. reinen Gewinn gebracht.\nErnest Reyer, der Componist der „Statue\", von der Regie-\nrung mit einer besonderen auf die Tonkunst bezüglichen Mission\nbetraut, wird Berlin, Wien, Belgrad (?), Pesth u. s. w. bereisen und\ndurch die Schweiz nach Baden-Baden gehen, wo er den Sommer\nzubringen wird. [Er ist vorgestern durch Köln gekommen.]\nPetersburg« Der kaiserliche Hof ist der enormen Ausgaben\nfür die italiänisclie Oper überdrüssig, zumal da seit zwei Jah-\nren das Abonnement der Aristokratie stets im Abnehmen ist. Man\nschätzt die bisherige Ausgabe jährlich auf eine Million Francs. Die\nInscenesetzung der neuen Oper Verdi's: La forza del Destino, kostete\nin der letzten Saison einschliesslich des Honorars an 200,000 Fr.\nTamberlick erhielt 72,000 und ein mit 15,400 Fr. verbürgtes Benefiz,\nalso 87,400 Fr. für sechs Monate! Graziani 70,000, Madame\nBarbot 75,000, Madame 45,000 Fr. u. s. w. Da ist es kein\nWunder, wenn „Alles aufhört'4!\nDas meininger Hof-Quartett, Gebrüder Müller, hat in Peters-\nburg ausserordentlichen Beifall gefunden und wurde durch eine Ein-\nladung, bei der Kaiserin zu spielen, ausgezeichnet. Concertmeister\nKarl Müller hatte auf der Reise dahin an der russischen Gränze das\nUnglück, für einen Thüringer, Namens Müller, dessen Signalement\nüberdies einiger Maassen auf ihn passte, gehalten und statt dessel-\nben arretirt zu werden. Erst nach 24 Stunden gelang es ihm, seine\nFreilassung zu bewirken und seinen Brüdern nachreisen zu können."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "145", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630509-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nJahrbücher für musicalische Wissenschaft. Herausgegeben von Friedrich Chrysander. Aus Rom (Musicalische AufFüh-\nRungen in der Sixtinischen Capelle in der Charwoche). Aus Frankfurt am Main (Aufführung von Händel's „Josua\"). Von A. S.\nEin Abend in der musicalisch-akademischen Gesellschaft zu X» Tages- und Unterhaltungsblatt (Berlin, Sing-Akademie, Rieh.\nWagner Hamburg, Sivori Basel, Orpheus-Verein Wien, Adeline Patti Paris, Chöre für Männergesang, Theater Petersburg).\n\nJahrbücher für musicalische Wissenschaft.\nHerausgegeben von Friedrich Chrysander.\nI. Band* Leipzig, Breitkopf und Härtel. 1863. 452 S. in Octav*).\nFür d ieses Unternehmen, welches die gesunde Mitte\nhält zwischen kurzlebiger Journalistik und schwerwiegen-\nder krystallisirter Systematik und ein wahrhaft Neues in\ndie Kunstwissenschaft einträgt, sind alle, denen es Ernst\nist mit dem inneren Fortschritte der Tonkunst, dem Heraus-\ngeber zu grossem Danke verpflichtet, um so mehr, da das-\nselbe mit Mühen und Opfern verknüpft ist, die, äusserlich\nangesehen, kargen Lohn tragen. Wie sehr aber eben die\nTonkunst nach dieser Seite hin eines Aufschwunges be-\ndarf, weiss Jeder, dem die einschlägige Literatur bekannt,\noder wer sich jemals geärgert hat an der vermeinten Geist-\nlosigkeit der Musik, die denn doch trotz aller rationalisti-\nschen Zweifler so wunderbare Wirkungen thut zum Heile\nund Verderben der Seelen. Geschichte und Aesthetik stehen\nnoch in ihren Anfängen, Tonlehre ist seit Jahrhunderten\nfast erschöpfend ausgebildet, und doch sind Haupt-Ergeb-\nnisse verhäitnissmässig wenige, d. h. solche, die als feste\nAusgangspunkte allen Parteien gültig erkannt wären.\nWie aber die Tonkunst die körperloseste, so ist sie auch\ndie geistig freieste, von allen Künsten die reinste Kunst,\nals menschliche Nachschöpfung übermenschlicher Ideen,\ndaher „auch nur von der Wissenschaft der Tonkunst eine\nLäuterung der Aesthetik ausgehen kann.\"\nUnter den acht Stücken dieses ersten Bandes sind zwei\nvon M. Hauptmann. Das erste Stück handelt vom Klan-\nge, zwar ein längst und mannigfach durchgearbeitetes Ca-\npitel, aber hier in eigenthümlicher Anschaulichkeit so dar-\ngestellt, dass wir den Ton in der schwingenden Saite gleich-\nsam entstehen sehen; die Relativität und Beschränktheit\nunserer Tonempfindung wird schliesslich in einem humo-\nristischen Gleichnisse dargethan.\nBedeutend ist desselben Verfassers zweiter Aufsatz,\nüber Temperatur; eine gründliche Belehrung für die-\njenigen, welche aus unseren temperirten Ciavieren von\njung auf all ihr Tonwissen schöpfen, danach Vorgeben,\nsich einzubilden, dies sei die entweder allein richtige oder\ndoch gewohnheitlich eingefleischte Tonreihe, um dann\nschliesslich als „gleichschwebend erzogene\" zu dem absur-\nden Dogma zu gelangen, dass unsere Scala „eigentlich\"\naus zwölf gleichen Halbtönen bestehe. Die einge-\nfügten Berechnungen zeigen die Schwierigkeit der voll-\nkommenen Gleichschwebung theoretisch; die Clavierstim-\nmer helfen sich praktisch mit der nicht mathematischen,\nsondern gefühlig erhorchten und ausprobirten unterschwe-\nbenden Quinte, und so ergibt sich dann diejenige leidlich\nreine Stimmung, die wir von einem anständigen Ciavier\nerheischen u. s. w.\nDas dritte Stück ist eine kritisch hergestellte Ausgabe\nvon Joh. Tinctoris' Diffinitorium musices durch H.\nBellermann. Das Werk ist das älteste musicalische Le-\nxikon, der Autor ein brabanter Gelehrter aus der letzten\nHälfte des fünfzehnten Jahrhunderts, von dessen zahlrei-\nchen Schriften nur diese eine in Druck erschienen und\nheute (wahrscheinlich) nur noch in zwei Exemplaren vor-\nhanden ist. Bellermann gibt nun einen Text-Abdruck, in\nwelchem nichts corrigirt ist als die offenbar verdruckten\noder sinnlosen Stellen, worüber dann jedesmal die Anmer-\nkungen Rechenschaft geben. Die letzteren sammt der licht-\nvollen Ueberselzung sind sehr werthvoll und verdienen die\nAufmerksamkeit aller derer, die sich mit Geschichte der\nMusik ernstlich beschäftigen.\nUnter den folgenden fünf Aufsätzen des Herausgebers,\ninsgesammt historischen Inhalts, bringt der erste (IV.):\n„Vom deutschen Volksgesange im vierzehnten Jahr-\nhundert\", eine vollständige Mittheilung des poetisch-musi-\n\n*) Aus einer Beurtheilung von Ed. Krüger in den Göttinger\ngelehrten Anzeigen. 1863. 16."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "146", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630509-01.1.2", "texte": "calischen Theiles der limburger Chronik. Es wird hier dar-\ngebracht, was auch vielen Fachmännern neu sein wird:\neine (auszügliche) Wiedergabe der genannten Chronik nach\nder äusserst seltenen zweiten Ausgabe durch Johann\nFriedr. Faust den Aschaffenburger vom Jahre 1619;\ndiese ist der Ausgabe von 1617, welche K. Rossel 1860\nneu edirt hat, im Texte völlig gleich, in der Schreibung\nabweichend, theilweise sorgfältiger (S. 117). Das köstliche\nBruchstück aus jener inhaltreichen Chronik, nebst Close-\nner's Bericht über die Geisseifahrten aus der strassburger\nChronik, ist von mannigfachem Interesse auch ausser dem\nmusicalischen; von ergreifender Wirkung ist die einfältige\nInnigkeit der Erzählung, die mystische Wirklichkeit der\nBilder.\nDiesem folgt „Geschichteder Braunschweig-Wol-\nfenbüttel sehen Capelle un d Oper vom 16. —lB.\nJahrhundert\"; als „Geschichte\" nur zu bezeichnen, „in so\nfern es über die äusseren Schicksale der braunschweigi-\nschen Capelle u. s. w. aus bisher unbenutzten Quellen zu-\nsammenhangenden Bericht erstattet: neue Thatsachen in\nurkundlicher Fassung, nicht abgerundete Bilder von Zeiten\nund Personen\" (S. 146).\nDie an sich dürren Verzeichnisse sind mit historisch-\nästhetischen Erläuterungen durchzogen, welche zeigen,\nwie solche minutiöse Arbeit Bausteine liefert zu höheren\nZwecken; darum, wer sie erst flüchtig durchläuft, wird\nunvermerkt zu ihnen wiederkehren und sich das Seine su-\nchen, auch wo es versteckt zwischen dem Gerölle liegt.\nDie umfangreichste Abhandlung: „Henry Carey\nund der Ursprung des Königsgesanges\n(287—407), ist nicht bloss eine historische Vorstudie,\nsondern ein abgerundetes Bild von Zeiten und Personen,\nderen Mittelpunkt die liebenswürdige Gestalt des begabten,\nobwohl nicht durchgebildeten Künstlers ist; ein Meister-\nstück von historischer Combination, an dem wir sehen,\nwozu philologische Treue und Scharfsinn gut ist vielleicht\nzur Belehrung des Weisen an der Spree, der in musicali-\nschen Dingen die Philologen nicht eben willkommen heisst.\nEs wird aus tausend Kleinigkeiten, die doch nicht ermü-\ndend sind, überzeugend nachgewiesen, dass Carey, was\nbisher nur vermuthend (S. 288) angenommen ward, wirk-\nlich der Dichter und Componist des Volksliedes\nour noble King gewesen und dasselbe zuerst in Drurylane\nam 28. September 1745 gesungen ward. Wer auch an\nder sowohl historisch als ästhetisch interessanten Frage\nweniger Theil nimmt, wird doch des Tondichters ehrsames,\nfröhliches und tragisches Künstlerleben mit Erbauung le-\nsen und besonders an den positiven MiUheilungen seiner\nschönsten Lieder und Arien Freude haben. Ihm ist einige\nMal gelungen, was deutsche Sängerdichter in Luther's Zeit\nwagen durften und Richard Wagner heutiges Tages zu\nleisten sich unterwindet: Wort, Sang und Tonsatz zusam-\nmen zu schaffen. Carey ward inne, dass das im Kleinen\ngelingen möge (vgl. 346—353), im Grossen dagegen die\nspecifische Arbeit der Sonderkünste in besserem Rechte\nsei, daher er seit 1732 seine Opern-Texte Freunden zu\ncomponiren gab (S. 324). Und das war ein melodisch be-\ngabter Genius, nicht ein verständiger Declamations-Fana-\ntiker! Man sehe, singe und höre die trefflichen, gesunden\nMelodieen S. 296, 323, 335, 360. Gewisse Grundfor-\nmen gleichwie die Händel'schen Sprachwurzeln (vergl.\nChrysander's Händel, 1, 286) lassen sich wahrnehmen,\ndie Carey eigenthümlich sind; in Anderem finden sich An-\nklänge an Händel's Betonungsart, welche freilich schon\nebenfalls englische Färbung an sich trug. Dahin gehört\nunter Anderem die Rhythmisirung der anapästischen Metra,\nz. B. 353, 355, ähnlich der des ersten Chors im Messias;\neine Form, die Händel liebt, auch, im Instrumentale.\nAuffallend wird dem heutigen Sinne erscheinen, dass\ndas freudige Liebeslied: To be gazing on those charms .. .\nis to be blest beyond compare,in erklingt, dagegen\ndes Mädchens Klage: 0 where you will hurry my dearest\no cruel, hard-hearted, to press him in Dur; so\nschön beide Melodieen an sich sind, so würde doch un-\nsere dramatische Charakteristik das Verhältniss der Ton-\ngeschlechter hier umkehren. Carey gebraucht nach Sitte\nseiner Zeit wenig gefärbte Tonarten; das Höchste sind drei\nKreuze oder B;einige Mal scheint der Charakter der Ton-\nart dem Händel'schen der heute noch durebklingt\nähnlich, namentlich in dem köstlichen zu\nhaste, ye Utile Loves ... bring ivith you Venus Doves{332),\nvgl. Händel's Delila im Samson, Caspar's Arie im Frei-\nschütz während das C-molldes\nmer S. 364 uns fremdartig vorkommen wird. Am Schlüsse\nder Abhandlung erfahren wir, wie die Ungewissheit über\nden Ursprung des Königsliedes mit veranlasst sei durch die\nsorglose Ausdrucksweise des 1745, 1.\nOctob'er: „Performin g the ant\nKing\", wo dann eine Verwechslung mit Händel's\nnation- anthem „Zadolc th (aus 1. Kön. 1.,\n34, 39) geschehen; eine deutliche Warnung für die, so\ndie Kategorieen der ästhetischen Gattungen nicht achten\nwollen und daher anthem, lay, air, song u. s. w. verwech-\nseln können.\nIm vorletzten Stücke: „Händel's Orgelbeglei-\ntung zu Saul\", schwingt der Verfasser die kritische\nGeissei gerecht über dem englischen Editor Edward\nRimbault, welcher das herrliche Oratorium 1857 für\ndie englische Handel Society herausgegeben und dabei viel\nWillkürlich es und Nachlässiges verschuldet hat."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "147", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630509-01.1.3", "texte": "Das letzte Stück: „Reethoven's Verbindung mit\nBirchall und Stumpf! in London\", ist eine Mitthei-\nlung aus dem Leben des geliebten Meisters, die man mit\nTheilnahme und Wehmuth lesen wird; die tragische Ge-\nstalt, die so trotzig zwischen Leid und Wonne wandelt,\nso wunderlich mit Niedrigkeit und Hoheit dieser Welt zu\nverhandeln hatte! Mancher widerwärtige Zug aus seinem\nLeben findet vielleicht milderes Urtheil, wenn man\nnicht seinen Genius, sondern sein Gehörleiden in Anschlag\nbringt. Die Angabe Schindlers, dass Beethoven von Seb.\nBach „so gar wenig gekannt\" habe (S, 438, vgl. Schind-\nler, Biographie, Bd. 11., Ausg. 2, 322), wird zurückge-\nwiesen; ausser den hier von Chrysander angeführten Ge-\ngengründen ist uns auch sonst schon kund geworden [wo-\nher?], dass Reethoven das temperirte Ciavier immer auf\ndem Pult hatte, und dass er einst ausgerufen: „In dem\nleipziger Cantor hat ein Stück von der Gottheit gesessen!\"\nWir scheiden von dem gediegenen Unternehmen Chry-\nsander's in der Hoffnung baldiger Fortsetzung. Von be-\nsonderer Wichtigkeit erscheint auch dieses, dass die hier\ngegebenen Stücke theilweise der Händel'schen Aus-\ngabe zur Seite gehen, die ja ebenfalls durch unseren rü-\nstigen Herausgeber begründet ist und jetzt so glücklich\nund rasch fortschreitet, wie man es manchem anderen Un-\nternehmen vergeblich wünscht.\n\nAus Rom.\nEnde April 1863.\nNach alle dem Vorhergellenden erwarten Sie\nnatürlicher Weise, dass ein Mann, der als Musiker gross,\nals Schriftsteller nicht minder, als Tourist unerreichbar da-\nsteht, Ihnen mindestens einen Appendix zu Mendelssohn's\nReisebriefen aus Italien senden werde. Nein! ich will den\narmen Mendelssohn, und wäre es auch nur aus Pietät ge-\ngen meinen ehemaligen Lehrer, nicht verdunkeln und über-\nlasse diese Aufgabe Anderen, vielleicht Franz Liszt, den\nich gestern in Sanct Peter traf, aber den so lebhaften, ge-\nnialen, blondgelockten von ehemals kaum in dem alten,\ngebeugten, an einem Pfeiler lehnenden wieder erkannte.\nDa ich Sie nun nach echter Dichterweise\nres geführt, darf ich auf den chronologischen Verlaufmei-\nnes Heise-Epos zurückkommen. Nachdem ich den Tren-\nnungsschmerz meiner wiener Freunde durch eine Abschieds-\nSoiree mit starker Kost an Musik und stofflichem Zubehör\neiniger Maassen betäubt hatte, eilte ich Anfangs März dem\nSüden in jener Richtung zu, wo Goethe's gläubige Ver-\nehrer überall nur grüne Haine und glühende Goldorangen\nzu sehen hoffen. Ich sah und empfand aber im März auf\ndem Brenner und selbst noch eine geraume Strecke weiter\ngar Manches, das weder grün noch glühend genannt wer-\nden dürfte. Innsbruck, Verona, Mailand gehörten in diese\nKategorie des Unterschiedes zwischen Poesie und Prosa;\nerst von Genua an längs der Riviera di Levante kam azur-\nblauer Himmel zum Vorschein, Chiavari und la Spezzia\nsah ich schon im schönsten Frühlingsschmuck, und selbst\ndie Festungsmauern des Varignano erschienen mir weniger\ngrau, als sie Garibaldi vorgekommen sein mögen. Gern\nhätte ich Ihnen für etwaige dortige Verehrer einen Stein\nvon diesen Mauern zugesandt, allein ich beherrschte mich\nund beobachtete, obwohl mit noch weit mehr Ueberwin-\ndung, dieselbe Enthaltsamkeit beim Anblicke der schönen\nMarmorblöcke von Carrara, um den Brief nicht allzu sehr\nzu beschweren.\nVon Massa an ging e$ dann per Eisenbahn nach Flo-\nrenz und so immer fort zu Lande weiter über Viterbo\nnach Rom, summa summarum zwanzig Tage hindurch in\npferdebespanntem oder dampfschnaubendem Wagenge-\nrolle. Seekrank konnte ich mithin nicht werden, es wäre\ndenn in der Scala in Mailand oder in der Pergola in\nFlorenz gewesen. In der Scala hörte ich eine Oper, die\nGounod's „Faust\" vorstellen sollte, ihrer Aufführung nach\naber eben so gut Fra Diavolo oder Trovatore hätte betitelt\nwerden können. In der Pergola hingegen genoss ich Ver-\ndi's epileptische Musik in seinem schauderhaften Nabuco-\ndonosor. Im „Faust\" wurden nicht weniger als der grösste\nTheil des dritten Actes die Gartenscene —, dann die\nWalpurgisnacht, die Festsaal-Scene und sonstige Kleinig-\nkeiten herausgeschnitten, das Uebrige dafür aber mit Zu-\nsätzen und Einlagen aus anderen Opern vervollständigt, ä\nl'usage de chacun zugerichtet und der Art neu orchestrirt,\ndass bei den Knall-Effecten gewöhnlich alle Violinen und\nHolzbläser, bisweilen auch noch die ganze Küchenbatterie\nvon Blech im Unisono mit dem Sänger hinaufstürmten und\ndann möglichst lange auf einer hohen Note hangen blie-\nben, bis nach und nach den Bläsern der Athem, den Gei-\ngern der Bogen ausging und nichts übrig blieb als ein\nzinnoberrother Tenor, der, unter Allen mit den stärksten\nLungenllügeln begabt, noch immer sein hohes heraus-\nquetschte, bis auch er, der Macht der Zeit erliegend, zu-\nsammenbrach. Dann erfolgte unendlicher Jubel im Publi-\ncum, um so brüllender und tobender, je brüllender und\ngeschmackloser der singende Athlet sein hohes verwer-\nthet hatte. Dem deutschen Musiker aber bricht das Herz,\nwenn er diese herrlichen italiänischen Kehlen so nieder-\nträchtig missbrauchen und an solchen musicalischen Schund,\nwie die meisten Opern Verdi's sind, vergeuden hört. Das\nkann man, mit Mendelssohn zu reden, in der That „die\nMusik handhaben\" nennen, und man meint bei efiier der-\n\nl *J"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "148", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630509-01.1.4", "texte": "artigen Vorstellung Leute vor und um sich zu haben, die\nalle vom Veitstanz besessen sind.\nWährend der Fahrt von Florenz bis Rom hatte ich\nZeit, mich von den musicalischen Eindrücken der toscani-\nschen Hauptstadt zu erholen und mit etwas mehr Befrie-\ndigung auf den Palazzo Pitti als auf die Pergola zurück-\nzublicken.\nNeu gestärkt ging ich denn am Mittwoch der Char-\nwoche an die herculische Arbeit, in der Sixtinischen\nCapelle die fünfstündige Abendfeier Lamentationes,\nTenebrae, Miserereu. s. w.—anzuhören. Ich muss Ihnen,\nwas ich schon im Exordium meiner Epistel erwähnt habe,\nwiederholen, dass meiner unbedeutenden Wenigkeit bei\ndieser Gelegenheit ein Platz zu Theil wurde, um den mich\nFürsten und Botschafter beneiden konnten, ein bequemer\nSitzplatz dicht unter der Sänger-Tribune, den ich der gros-\nsen Freundlichkeit eines päpstlichen Beamten verdankte,\nan den ich durch einen einflussreichen deutschen Geist-\nlichen empfohlen war. Wenn Ihnen hierbei die Fabel von\ndem Löwen und der Maus und dem Netze einfällt, so kann\nich nichts dagegen haben, denn alle Löwen Roms hätten\nmir einen Raum nicht erschliessen können, den eine an-\nscheinend kleine Maus mir zugänglich machte, indem sie\nmich in die Nähe der Cardinäle schmuggelte und mir so\ndie Gelegenheit verschallte, ganz behaglich zusehen zu\nkönnen, wie mancher andere Zuhörer ohnmächtig aus dem\nGedränge getragen wurde.\nHier also, auf einem Sitze, den ich wahrscheinlich kein\nzweites Mal mehr im Leben werde erringen können,\nwohnte ich einer der ergreifendsten kirchlichen Feierlich-\nkeiten bei, ja, einer im Gesammt-Eindruck höchst er-\nhebenden Feier. So viel zur Steuer der Wahrheit! Wollen\nSie mich aber befragen, welche Eindrücke ich als Musi-\nker dabei empfangen und empfunden habe, so muss ich,\nebenfalls zur Steuer der Wahrheit, meiner heimgebrach-\nten Enttäuschung Luft machen. Diese weltberühmten Sän-\nger der Sixtina intoniren positiv falsch, singen geschmack-\nlos und haben, für mein Ohr wenigstens, meistens anti-\npathische Stimmen. Wenn dieser Männer-, oder richtiger\nCastraten-Chor, statt in vier Octaven sich zu bewegen, in\nzweien rein und volltönig singen wollte, seine Cadenzen,\nstatt mit Schnörkeln und Bocks-Trillern, ruhig und würde-\nvoll abschlösse und die Töne nicht durch die Nase, son-\ndern durch die Kehle emitlirle, so liesse sich die Abson-\nderlichkeit manches Anderen, das vorkommt, noch ertra-\ngen, denn eigenthümlich interessant und anderwärts ganz\nungehört und unhörbar ist der Vortrag einiger dieser Sän-\nger, namentlich eines alten fünfundsechszigjährigen Sopra-\nnisten! Leider aber erinnern diese Stimmen gar zu oft auch\nan die Harfenistinnen in den Cafes concerts zu Paris, und\nsollte ich wegen meiner Vergleiche in den Bann gethan\nwerden, so müsste ich doch trotz aller Fanatici in der\nSixtina sagen, dass dieser traditionel-classisch sein sollende\nStil mir sehr unclassisch erscheint und weder durch die\nUrväter des Gregorianischen Gesanges, noch durch sämmt-\nliche Kirchenväter zum unbestreitbaren Dogma in unserer\nKirche erhoben werden könne. Hier in Rom würde na-\ntürlich, wer eine solche Behauptung wagte, von den Mu-\nsikern gesteinigt werden.\nAber nun, wo ich meinem speciel musicalischen Aer-\nger Luft gemacht habe, komme ich dennoch auf mein frü-\nheres Urtheil über das Ganze zurück, auf die Behauptung,\ndass bei dieser Feier, wie bei allem, was man in Rom\nsieht und hört, der Gesammt-Eindruck gross und überwäl-\ntigend bleibt, und dass ich die in der Sixtinischen Capelle\nzugebrachten Stunden um keinen Preis aus meinem Ge-\ndächtnisse verwischt wissen möchte. Ich hörte da auch,\numgeben von den Schatten der eintretenden Nacht und\nden greifbareren, die Michel Angelo an die Wände gezau-\nbert hat, ein Miserere von Allegri oder in dessen Stil von\nBaini (genau konnte ich den Autor nicht ermitteln), das\nwunderschön gewesen sein würde, wenn die Ausführung\ndem Adel der Composition ebenbürtig gewesen wäre.\nZur Entschuldigung der Sixtinischen Sänger muss ich\njedoch bemerken, dass man nach löblicher italiänischer\nWeise auch mit diesen eben so umgeht, wie mit den\nFiakerpferden; das falsche Intoniren wird begreiflich bei\nLeuten, die während der ganzen Charwoche regelmässig\nsechs bis acht Stunden täglich in Anspruch genommen\nwerden.\n\nAus Frankfurt am Main.\nAufführung von Händel's „Josua“.\n\nMit d ieser Aufführung hat der Rühl'sche Gesangverein\nam 27. April den Reigen der Winter-Concerte der drei\nneben einander wirkenden grossen Körperschaften, wozu\nnoch der Cäcilien-Verein und das Museum zu zählen, ge-\nschlossen. In Allem waren der Concerte achtzehn an\nZahl. Bei einem Rückblick auf die Erfolge im Allgemei-\nnen, wie sie sich zunächst nach der künstlerischen Seite\nhin ergeben haben, darf die Zufriedenheit aller Stimmfähi-\ngen mit den Leistungen sämmtlicher dabei Betheiligten\nkaum in Frage gestellt werden. Aufrichtige Hingebung an\ndie Sache der Tonkunst, wie dieselbe nur in sicherer Er-\nkenntniss ihrer hohen Bedeutung an und für sich, wie für\nden moralischen Werth im Leben jedes Einzelnen ihre\nWurzel findet—sie war in vollem Maasse vorhanden, und\nihr ist es zuzuschreiben, dass sich jeder Abend zu einer"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "149", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630509-01.1.5", "texte": "wahrhaflen Kunstfeier gestaltet hat, wozu die schöne Lo-\ncalität das erforderliche Relief gegeben. Darf dies, ohne\nWiderspruch zu befürchten, ausgesagt werden, so muss\nandererseits auch die rege Theilnahme des Publicums\nrühmend erwähnt werden, das an allen Abenden den gros-\nsen Saal fast in allen Räumen gefüllt hatte. Bedenkt man,\ndass alle drei Körperschaften ihr separates Abonnement\nhaben, und dass dieses die enormen Kosten eines jeden\nConcertes ausreichend zu decken vermag, so ist diese That-\nsache allein schon im Stande, Achtung vor dem musik-\nliebenden Publicum Frankfurts einzuflössen. Aber noch\neine andere Thalsache tritt hier als wesentlicher Factor\nmit ein, dies ganz besonders bei Aufführungen von Ora-\ntorienmusik. Man darf behaupten, dass, die das Theater\nbesuchende Menge ausgenommen, die sich ja allerwärts\naus sämmtlichen Schichten der Bevölkerung ergänzt, in\nden gebildeten Classen dieser Stadt ein empfänglicher Sinn\nfür den Ernst der Kunst, und zwar jeglicher Kunst, sich\nbethätigt, dem es zu verdanken, dass die Anforderungen\nan das allerseits im Oratorium zu Leistende stets hoch ge-\nspannt sind, sich daher den Dilettanten-Schild als Entschul-\ndigung für mittelmässige Leistungen nicht gern gefallen\nlassen. Dieser Factor, der nur mit einer künstlerisch guten\nAufführung sich befriedigt zeigt, wirkt andererseits wie-\nderum als Sporn bei jedem Mitgliede der beiden Gesang-\nvereine, mit Zeit und Mühe nicht zu kargen und den nicht\nzu vermeidenden Anstrengungen in den Proben sich will-\nI ährig zu unterziehen. Dorther also die in der Regel vor-\ntrefflichen Ausführungen schwieriger Aufgaben in beiden\nGesellschaften. Wohl mit vollem Recht verdienen sie vorzugs-\nweise Erhaltungs-Institute (Conservatorien) des Guten und\newig Schönen in Sachen der Tonkunst genannt zu werden.\nMit Bezugnahme auf Vorstehendes wird es für den\nVerlasser leicht, aber auch angenehm, von der Aufführung\ndes „Josua\" (mit vermehrter Instrumentirung von J. Rietz)\nin Kürze sprechen zu können. Die Solostimmen befinden\nsich in den Händen des Fräuleins Labitzky (von der hie-\nsigen Op er) und des Fräuleins Schreck aus Bonn, dann\ndes Herrn Bau mann (von der Oper in Kassel) und des\nHerrn Hill. Erstgenannte bewährte sich zu nicht geringer\nUeberraschung als Oratoriensängerin so vortrefflich, dass\nwir den Wunsch nicht unausgesprochen lassen können,\ndas Fräulein öfters an dieser Stelle mitwirken zu sehen.\nDie Gediegenheit der Leistungen Seitens der anderen So-\nlisten bedarf wohl keiner besonderen Hervorhebung, jedoch\nhätte Herr Baumann die Arie in der ersten Äbtheilung:\n„Schnell, Israel, schnell\", nicht so übermässig präcipitiren\nsollen. So lang ausgesponnene Coloraturen, wie dort, worin\nkeine oder doch nur spärlich angebrachte Einschnitte das\nAthmen erleichtern, bringen bei solcher Uebereilung eine\nermüdende Wirkung hervor, weil das sich zu oft wieder-\nholende Schnappen nach Athem, an sich unkünstlerisch,\nzu auflällig und unangenehm erscheint. Ein so erfahrener\nSänger in geistlicher Musik wie Herr Baumann sollte nie-\nmals» selbst im schnellsten Tempo, in so fern es dem Cha-\nrakter entspricht, der gemessenen Würde, als oberstem\nPostulate in dieser Gattung, untreu werden. Opern-Feuer\nist hierbei nicht am Platze.\nChöre und Orchester leisteten das Erforderliche, wie\nwir es von beiden Seiten gewohnt sind. Fast alle Nummern\nwurden mit wahrhaft künstlerischer Vortrefflichkeit in Be-\nherrschung und Lösung der Aufgabe gesungen, so unter\nAnderem der Chor: „Der Herr befiehlt\", dann wiederum\nder Chor: „Allmächtiger Herrscher in der Höh'\". Letzte-\nrer darf wohl als der Glanzpunkt der Chorleistungen be\nzeichnet werden. Zu bedauern war der sich in verschiede-\nnen Nummern ergebende Mangel an gleichmässiger Klang-\nfülle, der durch den Abgang einer Reihe von Stimmen im\nTenor und Bass in Folge von Erkältung verursacht\nworden. Im Bass-Chor allein sollen an 25 Stimmen ge-\nfehlt haben. Zu offenbar findet dieser Fall seine Ursache\nin der jetzt herrschenden Mode, selbst bei rauher Witte-\nrung den Hals bloss mit einem schmalen Bande bedeckt\nzu tragen. Sollte diese besonders für Sänger nachtheilige\nMode andauern, so wäre es wohl gerathen, in den Gesang-\nvereinen Sanitäts-Commissionen aufzustellen, die über stetes\nWohlbefinden der Mitglieder zu wachen hätten.\nHerr Musik-Director Friederich hat mit diesem\ngrossen Werke wieder einen Schritt auf der schwierigen\nDirigenten-Laufbahn vorwärts gethan und die erforderliche\nSumme an Erfahrungen um eine vermehrt. Es sei gestat-\ntet, die geeignete Gelegenheit zu benutzen, um auch un-\nsererseits etwas hierzu beizutragen. Die richtige Be-\nhandlung des Recitativo seccodas in Händel's „Josua\"\nausschliesslich in Anwendung kommt, scheint in den deut-\nschen Orchestern nicht genug gekannt zu sein; dem Schrei-\nber dieser Zeilen wenigstens war es noch nicht vergönnt,\nZeuge einer solchen sein zu können, ausgenommen in\nWien. Die Accorde, auf denen dieses Recilativ beruht,\nsind bekanntlich einem Contrabass und zwei Yioloncellen\nzur Ausführung zugetheilt. Dem Schreibgebrauche ge-\nmäss werden sie nach der Bezifferung des Grundbasses\nmeist in ganzen Noten, mit Bindungszeichen über die\nTactstriche, der Singstimme unterlegt, sie werden jedoch\nnicht so ausgeführt, wie sie sich' zur Erleichterung des Mit-\nlesens dem Auge präsentiren, sondern in der Regel nur\nkurz „angeschlagen\", wie der herkömmliche Ausdruck es\nbezeichnet. Diese Accorde stricte ausgehalten, so zwar,\ndass man z. B. drei bis vier Tacte hindurch den Dreiklang,\ngleich darauf eben, so lange einen Secund-Accord erklin-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "150", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630509-01.1.6", "texte": "gen lässt u. s. f., verstösst gegen die Regel der zweckmäs-\nsigen Anwendung, die dem Sänger die sichere Intonation\nnur ermöglichen, keineswegs aber ihn am Leitseile der\nmeist noch dumpf tönenden Bass-Instrumente zu führen\nbeabsichtigt. Das Recitativo secco, in solcher Weise aus-\ngeführt, kann nicht verfehlen, im Zuhörer das Gefühl des\nSchleppens, bald auch der Langenweile zu erzeugen, dies\num so gewisser im Oratorium, wo es die Aufgabe des\nSängers ist, langsam mit erhobenem Pathos zu recitiren.\nDie Unmöglichkeit ferner, den Bogen so viele Tacte hin-\ndurch fest auf der Saite zu halten, dass der Ton fortan\ngleichmässig erklingt, dass nicht bald einer, bald der an-\ndere der drei lustrumentisten mitten in dem ruhenden\nAccord hin und her streicht, um das Intervall deutlicher\nhören zu machen, dieses Unziemliche, jedoch Unvermeid-\nliche, könnte allein schon ein Wink sein, dass es mit je-\nnem Schreibgebrauche nicht so stricte zu nehmen ist. Weil\ndas Recitativ in dieser Art zu begleiten zu selten vor-\nkommt, so wird das Steife und Schwerfällige in dessen\nBehandlung wohl immerhin zu hören sein, denn es bedarf\nvieler Uebung, um die Sache an sich gut zu machen und\nden Sänger in jeglichem Tempo gehörig zu unterstützen.\nDie Sache gewinnt, wenn nebst dem Contrabass nur ein\nVioloncell dafür eingeübt wird. Letzteres hat die Aufgabe,\nnach Bedürfniss des Sängers den vollständigen Accord\npeggiando wiederholentlich zu Gehör zu bringen. Wie-\nderum nach Bedürfniss des Sängers, der dem Orchester\nbald nahe, bald fern steht, wird der Dirigent bei Beginn\ndes Recitativs oder bei Absätzen den angeschlagenen Accord\netwas anhalten, dann aber den Sänger allein gehen lassen.\nDie beste Schule für zweckentsprechende Behandlung die-\nses Recitativs bleibt die italiänische Oper, sowohl die\nwie die buffa; in beiden ergibt es sich, dass dasselbe der\njedesmaligen Situation recht wohl entgegen zu kommen\nund derselben sogar ein gewisses entsprechendes Colorit\nzu geben vermag, in der Opera durch an passender\nStelle breites Hinlegen des Accords, in der buffa wieder\ndurch immer kurzes Anschlagen, zuweilen mitten im Par-\nlando des Sängers, zur Erhebung eines drastischen Effectes.\nUeberhaupt ist die richtige Behandlung des\nsecco weit entfernt, Monotonie und Langeweile zu erzeu-\ngen, wie die Gegner behaupten wollen, nur die unrichtige\nist die Erzeugerin solch narkotischer Wirkungen.\nSonderbar genug, dass alle unsere Lehrbücher es feh-\nlen lassen, nur ein Wort über die Behandlung dieses Re-\ncitativs der trockenen, völlig ungenügenden Erklärung an-\nzufügen. Selbst Marx weiss in Allem und Jedem nicht\nmehr darüber zu sagen, als: „Ist das Recitativ nur von\neinfachen Accorden begleitet, so heisst es\noder parlante.\" (Vgl. Allgem. Musiklehre von A. B. Marx,\n281, dritte Auflage.)\n\nA. S.\n\nEin Abend in der musicalisch-akademischen\nGesellschaft zu X.\n*).\n„Attention!\" donnerte mit Würde die Stimme des\nPräsidenten.\nDie Gesellschaft gerieth in ein ruhestiftendes Husten,\nRäuspern, Rücken und Plätzeordnen, welches gewöhnlich\nnoch für einige Minuten den früheren Lärm verstärkt.\nNach endlich erfolgter Ruhe fuhr er fort:\n„Sie wissen, geehrte Herren Anwesende, auf dem heu-\ntigen Programm unserer akademischen Gesellschaft steht:\n„„Dramatische Production auf der Clarinette, dargestellt\nvon unserem geehrten Mitgliede Winsele, Musicus, Com-\npositeur und vorzüglichem Clarinettisten1*\".\n„Bravo!\" tönte.es aus einigen Ecken des Saales, wäh-\nrend die meisten Akademiker, stumm Beifall nickend, das\nGlas an den Mund setzten. Winsele erhob sich, an einem\ngelben, gelöcherten Instrumente mit Klappen putzend, und\nverneigte sich. Schmale Lippen, Stiefelbürsten-Frisur, eine\nspitze Nase und ein spitzes Kinn zeichneten ihn aus. Die\nNase kam in Verdacht, zeitweise es auf die Klappen abge-\nsehen zu haben und nach den obersten zu zielen. Als er\ndie Stimmung seines Instrumentes probirte, zuckten schon\nbei jedem Athemzuge die vordersten Borsten seiner Stiefel-\nbürsten-Frisur und tactirten später unaufhörlich mit.\nAn seiner Seite erhob sich ein Jüngling mit sehr viel\nweissem Kragen und sehr wenigen Bartspuren, sein Be-\ngleiter auf dem Piano und jetzt sein Sprecher. „Geehrte\nHerren Collegen!\" rief dieser mit überschnappender Stim-\nme und ostentativer ' Würde: „Tonmeister Winsele be-\nhauptet bescheiden, kein Redner zu sein, und hat mich\naufgefordert, für ihn das Wort zu nehmen, was ich hier-\nmit thue. Es ist ein allgemeines, altes und verrottetes Vor-\nurtheil, dass die Musik keine im Leben vorhandenen Zu-\nstände, sondern nur Gefühle ausdrücken könne. Dieses\nalte, verrottete, nichtswürdige Vorurtheil, von den alten\nbezopften Kritikern und so genannten Meistern, welche\nnur Meister heissen, weil sie das Wenige, Unvollständige\neingebüffelt, was sie von ihrer tiefstehenden Jugendzeit\nüberkommen haben, dieses alte Vorurtheil wird Meister\nWinsele, der geniale Compositeur, heute glänzend durch\nein grosses Tonwerk widerlegen. Es ist ferner eine alberne\nBehauptung dieser so genannten „„alten Meister\"M, die,\nweil sie selbst nichts können, behaupten wollen, die ganze\n\nAus dem humoristischen Romane „Hercules Schwach\" von\nSilber stein (München, Fleischmann, 1803)."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "151", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630509-01.1.7", "texte": "Welt, das kommende Geschlecht, die neu auftauchenden\njüngeren, genialen Kräfte der Gegenwart und Zukunft\nkönnten auch nichts dass kein einzelnes Instrument im\nStande sei, alles Gewünschte auszudrücken. Vorzüglich\no\nsprechen sie der Clarinette diese Fähigkeit der umfassend-\nsten, unumschränktesten, hoch- und tiefgreifendsten Ton-\nmalerei ab. Beiden diesen unverschämten Lügen, vorge-\nbracht aus Unwissenheit, Stümperei und absichtlicher Er-\nniedrigung der nachkommenden genialen Kräfte, die ganz\nneue Bahnen in der Kunst zu brechen im Stande sind und\nes auch thun beiden diesen Lügen wird unser Meister\nWinsele sein ausmalendes Tonwerk „ „Struwelpeter und\nBarbarossa\"\" entgegensetzen, einzig und allein auf der\nClarinette vorgetragen!\n„ „Struwelpeter und Barbarossa\"\" ist der dramatische\nVorwurf, ohne Worte, ohne Text, ohne Melodie über-\nhaupt; denn Melodie, Arie, Lied u. s. w. sind nur ein altes\nVorurtheil, eine gezopfte Gewohnheit, und die wahre Mu-\nsik der Zukunft braucht diese elenden Krücken einer ta-\nlentlosen Zeit nicht! Tonmalerei! das ist das Wahre!\n„ „Struwelpeter und Barbarossa!\"\" Der Erstere, meine\nFreunde und Akademiker, ist Ihnen zur Genüge bekannt.\nDie geniale Verbindung dieses populären deutschen Cha-\nrakters mit dem historisch deutschen, nicht minder volks-\ntümlichen Kaiser Barbarossa und der nationalen Sage ist\neine Original-Idee unseres geehrten Freundes Winsele, der\nden Vorwurf selbst verfasst hat. Struwelpeter will sich\nkeine Nägel und Haare schneiden lassen, eben so wenig\nwaschen; erstes Tonstück.—Der getreue Eckart warnt ihn\nund macht ihn weiter mit den Gefahren des Venusberges\nbekannt, vor dem er sich, wenn er etwa im Gegentheile\neitel würde, zu hüten habe; zweites Tonstück. Die schöne\nMelusina, halb Weib, halb Fischschwanz, reitet auf der\nmythischen Hirschkuh Genovefa's die Strasse entlang und\nsucht von Struwelpeter in dem Reize seiner Urwüchsigkeit\ndrei Küsse zu erhalten, um sich vom Zauber zu erlösen;\ndrittes Tonstück. Struwelpeter verachtet aber die Ve-\nnussin und die Melusina, und Letztere stürzt sich, verzwei-\nfelt über seine Sprödigkeit, von der Lurlei in den Rhein;\nviertes Tonstück. Nun gräbt sich aber Struwelpeter, kühn\nim deutschen Bewusstsein, mit seinen Nägeln in den Kiff-\nhäuser, weckt den Kaiser und dessen Reisige im Einver-\nständnisse mit dem grossen Raben, welcher als holde Prin-\nzessin entzaubert wird, erlöst ungekämmt Deutschland, und\nmit der elektrischen Morgenröthe der Freiheit schliesst das\nGanze!\"\n„Bravo! Genial! Ausgezeichnet! Geistreich!\"\n„Wohl werden Sie bemerken,\" fuhr der Redner-\nJüngling fort, „dass hier wenig Rücksicht auf die Zeit,\nchronologische Folge und auf Reinheit der Sage genom-\nmen ist. Aber gerade diese geniale Verbindung von deut-\nschen Volkssagen und Volks-Cbarakleren, gerade diese\nunbeschränkte Mengung von Roman und Historie, von\nSage und Geschichte, beide echt deutsch, ursprünglich,\nvolksthümlich, mit dem Bewusstsein der deutschen Nation\ninnig verwachsen als das Mysteriös-National-Germanische,\nverleihen dem Ganzen einen eigentümlichen Reiz und ge-\nben ihm den Anspruch, ein Epoche machendes Tonwerk\nzu sein! Und dies alles wird auf der verachteten, ver-\nschmähten Clarinette ausgedrückt von Meister Winsele,\nund meine Wenigkeit wird die Ehre haben, nur hin und\nwieder die nöthigen Accompagnements auf dem Ciavier\nauszuführen. Ich mache Sie auf einen Hochgenuss auf-\nmerksam, anwesende Akademiker, und lade Sie zum tiefe-\nren Verständnisse und zur sorgfältigen Auffassung des\ngross gedachten Tongemäldes ein.\"\nVorsorgendes Räuspern, Bier- und Speise-\nrufen; Winsele schaudert bereits auf der gelben Clarinette\neinige Läufe ab, sein Begleiter zwickt einige Töne aus\ndem spindelbeinigen, mageren, näselnden Ciavierkasten,\nund es geht los.\nStruwelpeter schneidet sich die Nägel nicht, wäscht\nsich nicht; Nikolaus will ihn ins Tintenfass stecken, die\nMaare wachsen ihm furchtbar: alles dies wird tonlich dar-\ngestellt zur Bewunderung der ganzen Versammlung. Der\nFischschwanz der Melusina, der Lurleilelsen, die Venus-\ngeister, Barbarossa, die Hirschkuh, das Aufgraben des\nBerges, des Kaisers Bart, das nationale Bewusstsein, alles\ndieses wogt auf und ab in den schnarrenden, kreischenden\nTönen der Clarinette, bei glücklicher Vermeidung aller\nMelodie. Es bricht eine Klappe, und einige Zuhörer hoffen\nauf Erlösung vergebens! Winsele's Borsten tactiren und\nseine Lungen arbeiten fort und fort! Als Hercules dem\nVerzweifeln nahe war, erklärte ihm Schnepselmann, wenn\nsie Beide auch nicht das rechte Verständniss des Tonstückes\nbesässen, weil sie überhaupt nichts von der Musik verstän-\nden, so sei nichts desto weniger Winsele's Composition\nein geniales Werk, das alles bisher Gehörte überbieten\nwerde, wenn dies nur durch fortwährende Reclame und\nCharlatanerie ausdauernd behauptet werde.\nMit kreischenden Morgenroths-Dissonanzen endete das\nTongemälde. Ungeheurer Applaus, Bravo! Hurrah! Auch\nAkademiker, die geschlafen oder sich heimlich die Ohren\nmit Baumwolle verstopft hatten, klatschten aus Artigkeit\ndoppelt vernehmbar. Winsele verneigte sich dankend, sein\nJünger vom Ciavier reichte ihm die Hand, er zog ihn an\nseine Brust, und sie verharrten „entrückt\" in der Umar-\nmung, bis der Präsident sie mit Darreichung des Ehren-\nweines aus ihrer Verzückung weckte."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "152", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630509-01.1.8", "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nAm 4. April führte in Berlin in der Sing-Akademie der Stern1-\nsche Verein die Messe von Emil Naumann auf, aus welcher\neinige Sätze früher in einem der Gürzenich-Concerte in Köln mit\nBeifall gegeben worden sind. Der Componist hat seitdem das Werk\ndurch Ueberarbeitung aller Theile desselben und Hinzufügung eines\numfangreichen, diesen Winter componirten Offertoriums zu einem\nfast ein neues zu nennenden umgeschaffen. Die berliner musicalische\nKritik spricht sich einstimmig zu Gunsten des Werkes als einer\nComposition von grossen Intentionen und bedeutender Wirkung aus.\nNamentlich wird der Satz: Mundo, me a peccato meo? im OfFertorium\nals etwas Ausserordentliches in Erfindung, Tiefe der Auffassung und\nSchwung hervorgehoben. „Dieses Munda me gehört\" sagt z. B.\nRieh. Wuerst „zu dem Bedeutendsten der Musik-Literatur un-\nserer Zeit.\nVon Richard Wagner (gegenwärtig in Berlin weilend, um\neinige Concerte zu dirigiren) ist so eben das Textbuch zu seiner\nneuesten Oper: „Die Meistersinger von Nürnberg\", als Manuscript\ngedruckt (Mainz, Schott's Söhne), erschienen.\nllabialm■!*££• 26. April. Sivori hat die hochgespannten Er-\nwartungen des Publicums glänzend gerechtfertigt. Er spielte am 24.\nApril in dem Abonnements-Concerte unter Leitung des Herrn Otten\ndas i/-77i0//-Concert von Paganini und dessen „Carneval\", so wie\neine Phantasie eigener Composition und gab nach stürmischem Her-\nvorruf noch Paganini's Variationen über Nel cor piü non mi sento\nzu. Joachim war in der Probe anwesend und äusserte seine Aner-\nkennung des Sivori'schen Spiels in sehr warmen Ausdrücken.\nSc. Majestät der König von Preussen haben geruht, Sivori den kö-\nniglichen Kronen-Orden 111. Classe zu verleihen.\nSasel, 22. April. Durch den Orpheus-Verein (unter Di-\nrection von Aug. Walter) wurde neulich die Bach1 sehe Cantate\n„Ich hatte viel Bekümmerniss\" in höchst anerkennenswerther Weise\nzur Aufführung gebracht. Die ziemlich schweren Chöre waren gut\neinstudirt und die Soli befanden sich in den Händen der besten\nhiesigen Gesangskräfte. Ganz besonders begeisternd wirkte der herr-\nliche Schlusschor. Ausserdem kamen noch drei Doppelchöre von\nSchumann zur Aufführung („Ungewisses Licht\" „Zuversicht\"\n„Talisman\"), welche gleichfalls mit Verständniss und Schwung\nvorgetragen wurden.\nWleil. Die dritte Traviata-Vorstellung im Karl-Theater war\nim Ganzen gerundeter, als die erste, und auch das Interesse an Fräu-\nlein Patti's Leistung noch gesteigert durch die geniale Sicherheit,\nmit der die junge Künslerin nicht nur die Hauptmomente der Rolle\nhervorhob und alle gesanglichen Schwierigkeiten spielend überwand,\nsondern die Aufgabe zu einem einheitlichen Bilde von ergreifender\nPoesie gestaltete. Fräulein Patti hat mit ihrer Violettadas Unglaub-\nlichste geleistet: sie hat uns die Erinnerung an diese dramatisch-\nmusicalische Missgeburt in unvergesslicher Weise poetisch verklärt.\nAdeline Patti trat Sonntag den 26. April zum allerletzten Male,\nund zwar in einer gemischten Vorstellung auf, in welcher einzelne\nScenen aus ihren beliebtesten Rollen zur Aufführung kamen. Der\nApplaus war kolossal: die Künstlerin wurde 16 Mal gerufen.\nI*aris. Meyerbeer hat zu den Chören für Männer-Ge-\nsangvereine, welche er im vorigen Jahre herausgegeben, jetzt\nnoch eine neue Composition: „Le Chant des Exilesu, hinzugefügt.\nDie ganze Sammlung besteht nun aus fünf Chören: A la patrie\nInvocation ä la lerre natale Les joyeux Chasseurs & Amitie\nund Le Chant des Exiles. Man sieht, dass der berühmte Componist\ndenjenigen Inhalt seiner Texte gewählt hat, der allein den würdigen\nVorwurf eines Gesanges von Männern bildet: Liebe zum Vaterlande,\nzur Freiheit, Jagdlust und Freundschaft sind die Empfindungen, de-\nnen er Melodie verleiht. Der „Gesang der Verbannten\" beginnt\nmit einem Tenor-Solo, welchem der Chor antwortet, der aus dem\nfreien Schwung in Dur zu schmerzlicherem Ausdruck in Moll über-\ngeht, dann aber lebendiger aufathmet in den Erinnerungen an die\nKindheit und das Vaterhaus, bis am Schlüsse in einem Solo mit Be-\ngleitung von Brummstimmen die Wehmuth wieder die vorherrschende\nStimmung wird.\nDie neue komische Oper von Fl o t o w ist von der Direction der\nOpera comiqiie, da die Saison bereits zu weit vorgerückt sei, für\nden Herbst zurückgelegt worden. Herr von Flotow hat Paris verlassen.\nDie italiänisclie Oper hat Donnerstag den 30. April ge-\nschlossen. Die Verwaltung geht nun in die Hände des Herrn Ba-\ngier über, der die beiden italienischen Theater in Madrid und in\nParis dirigiren wird.\nAdeline Patti hat sich auf ihrer Durchreise von Wien nach\nLondon einige Tage hier aufgehalten. Ihre Erfolge in Wien über-\nsteigen alles Dagewesene: sie kehrt buchstäblich genommen mit\nDiamanten bedeckt, die ihr die reiche Aristokratie verehrte, zurück.\nDie 2o Vorstellungen, deren Brutto-Einnahme 115,000 Gulden war,\nhaben dem Impresario Merelli 80,000 Fr. reinen Gewinn gebracht.\nErnest Reyer, der Componist der „Statue\", von der Regie-\nrung mit einer besonderen auf die Tonkunst bezüglichen Mission\nbetraut, wird Berlin, Wien, Belgrad (?), Pesth u. s. w. bereisen und\ndurch die Schweiz nach Baden-Baden gehen, wo er den Sommer\nzubringen wird. [Er ist vorgestern durch Köln gekommen.]\nPetersburg« Der kaiserliche Hof ist der enormen Ausgaben\nfür die italiänisclie Oper überdrüssig, zumal da seit zwei Jah-\nren das Abonnement der Aristokratie stets im Abnehmen ist. Man\nschätzt die bisherige Ausgabe jährlich auf eine Million Francs. Die\nInscenesetzung der neuen Oper Verdi's: La forza del Destino, kostete\nin der letzten Saison einschliesslich des Honorars an 200,000 Fr.\nTamberlick erhielt 72,000 und ein mit 15,400 Fr. verbürgtes Benefiz,\nalso 87,400 Fr. für sechs Monate! Graziani 70,000, Madame\nBarbot 75,000, Madame 45,000 Fr. u. s. w. Da ist es kein\nWunder, wenn „Alles aufhört'4!\nDas meininger Hof-Quartett, Gebrüder Müller, hat in Peters-\nburg ausserordentlichen Beifall gefunden und wurde durch eine Ein-\nladung, bei der Kaiserin zu spielen, ausgezeichnet. Concertmeister\nKarl Müller hatte auf der Reise dahin an der russischen Gränze das\nUnglück, für einen Thüringer, Namens Müller, dessen Signalement\nüberdies einiger Maassen auf ihn passte, gehalten und statt dessel-\nben arretirt zu werden. Erst nach 24 Stunden gelang es ihm, seine\nFreilassung zu bewirken und seinen Brüdern nachreisen zu können."}]}