{"numero_id": "bm-bmtnabi-1863-05-30-01", "volume": "bmtnabi_1863-05-30_01", "ocr_sha256": "d075645b6e44f603bf82198bed41d1b0091667a7f9f38cde1460476ad9a1752d", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1863/05/30_01/bmtnabi_1863-05-30_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630530-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1863-05-30-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1863-05-30_01#c001", "volume": "bmtnabi_1863-05-30_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "169", "page_fin": "169", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630530-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "169", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630530-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 464, "texte": "Inhalt.\nPariser Briefe (Flotow s Stradella Victor Masse: La Mule de Pedro - Mozart's Cosl fan tutte mit neuem Text\nTenor Villaret Concerte). Von B. P. Beurtheilungen (Sonate für das Pianoforte von Fr. Gremsheim. Op. 1 Marienlieder\nfür gemischten Chor von J. Brahms. Op. 22 Deutsche Sängerhalle von Abt. 11. Band). Von Dr. D. M. Ferdinand Stegmayer\n(Nekrolog). Scheinkunst und Scheiukritik. Von Louise Nitzsche, geb. Kindscher. Tages- und Un ter hal tu n gsb lat t."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1863-05-30-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1863-05-30_01#c002", "volume": "bmtnabi_1863-05-30_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "169", "page_fin": "172", "image_debut": 1, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630530-01.2.2", "titre_corps": "Pariser Briefe.", "titre_sommaire": "Pariser Briefe.", "signature_source": "B. P", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "169", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630530-01.1.1", "debut_caractere": 466, "fin_caractere_exclue": 4332, "texte": "Pariser Briefe.\n\n(Flotow's Stradella Victor Massd: La Mule de Pedro\nMozart's Cosl fan tutte mit neuem Text Tenor Villaret\nConcerte.)\nFlotow's „Stradella\" ist nun auch von den Italiänern\nam 22.Februar auf die pariser Bühne gebracht worden.\nBekanntlich hatten diese die „Martha\" desselben Compo-\nnisten bereits vor sechs Jahren mit italiänischem Texte ge-\ngeben, worauf denn diese Oper so ziemlich auf allen ita-\nliänischen Bühnen in Europa und selbst jenseit des Oceans\nheimisch geworden ist, so dass die hiesige Kritik, wenn sie\nzur Empfehlung der Flotow'schen Musik sie „kosmopoli-\ntisch\" nennt, in Bezug auf den äusseren Erfolg Recht hat,\nwenn der Ausdruck auch sonst nur ein sehr zweideutiges\nLob ausspricht*). Dass die Direction ihrem Publicum, das\nsich so enthusiastisch für die Martha zeigte, welche Ende\n1847 zuerst aufgeführt wurde, die ältere Oper Stradella\n(aus dem Jahre 1844) so lange vorenthalten, mag wohl\ndaran liegen, dass Paris schon einmal zwei Stradella-Opern\nin einer und derselben Saison gehabt hatte, dass folglich\ndas Sujet nicht neu war. Im Jahre 1837 brachte nämlich\ndas kleine Theater im Palais Royal einen Stradella von\nPaul Duport und de Forges, mehr ein Liederspiel als eine\nOper, die aber dadurch erwähnenswerth wird, dass nach\nden Behauptungen hiesiger Blätter Herr von Flotow dazu\nzwei Musikstücke geschrieben hatte, ein Lied für den Ban-\nditen Malvolio und den Hymnus an die Jungfrau Maria.\nDen zweiten Stradella, eine Composition von Niedermeyer,\ngab die grosse Oper vier Wochen darauf; in ihr sang\nNourrit in seiner Abschieds-Vorstellung und darauf Duprez\nin seiner Antrittsrolle den Stradella. Die Handlung ist im\nGanzen in diesen beiden Vorläufern überall dieselbe, wie\nin der bekannten deutschen Oper. Herr von Flotow hatte\ndie Inscenesetzung seines Stradella selbst überwacht und\nauch zwei neue Nummern dazu componirt, beide für Marie\nBattu : eine sentimentale Romanze, welche Leonore singt,\nehe sie sich entführen lässt, und eine Art Trinklied oder\nAufmunterung zur Freude, einen Walzer mit Coloraturen,\nden sie im zweiten Acte bei der Hochzeitsfeier den Gästen\nund dem Publicum zum Besten gibt. Ohne das thut es\neine französische Sängerin nun einmal nicht.\nDer erste Act erschien dem pariser Publicum als der\nmatteste, und mit Recht. Der zweite gefiel, namentlich\ndurch die beiden Banditen, die von Zucchini und Delle\nSedie trefflich dargestellt wurden. Naudin sang den Stra-\ndella; ich kann der Manier dieses Sängers keinen Ge-\nschmack abgewinnen; entweder er heult oder er säuselt,\nbeides ohne alles Verständniss des Ausdrucks, den Text\nund Melodie verlangen, einzig und allein nach den Tönen,\ndie ihm gut oder schlecht liegen oder mit denen er durch\nschauderhafte Contraste nach Effect haschen kann. Die\nhiesigen Blätter sprechen sich alle über den günstigen Er-\nfolg der Oper und den Werth der „eklektischen\" Musik\naus; allein das will nichts bedeuten, denn, man weiss, wo-\ndurch diese Uebereinstimmung erzielt wird. Die Wahrheit\nist, dass die Oper keine vollen Häuser machte und dass man\nsehr bald anfing, nur die beiden letzten Acte in Verbin-\ndung mit etwas Anderem zu geben. Im Grunde hat allein\nder zweite Act angesprochen und die Oper vor dem gänz-\nlichen Fall gerettet.\nVictor Massö, der mit seinen früheren Sachen, na-\nmentlich den Noces de jeannetteviel Beifall gefunden,\nhat eine zweiactige Oper: „Pedro's Maulthier\", geschrie-\nben, welche die grosse Oper im März zur Aufführung\nbrachte. Die Handlung beruht auf der Tugend des Maul-\nthiers, das den Weg nach Hause stets vortrefflich zu finden\nweiss und durch diesen Ortssinn den Nebenbuhler Pedro's,\n\n*) Es ist aber eine frühere Bearbeitung des Textes von Stradella\nin französischer Sprache vorhanden, wir glauben von Oppelt,\nmit welcher Flotow's Oper in Belgien und auf vielen Pro-\nvincialbühnen von Frankreich schon vor Jahren gegeben wor-\nden ist. D» Redact."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "170", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630530-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5348, "texte": "den dieser auf seinem Karren schlau fortzuschaffen denkt,\nschlafend wieder nach dem Pachthofe zurückbringt. Das\nhätte allenfalls einen hübschen, durchweg komisch zu hal-\ntenden Act geben können: jetzt aber ist es ein Gemisch\nvon Ernst und Spass, das sich zwei Acte lang hinschleppt\nund langweilig wird. Die Musik hat gleicher Weise keinen\nCharakter und nicht die geringste Originalität; der Com-\nponist behandelt die Sache viel zu ernsthaft und macht\neinen Aufwand von Tönen und Harmonieen, die weit ent-\nfernt von der Leichtigkeit und dem Fluss des Stils sind,\nder in seinen früheren Arbeiten mit Recht gefiel.\nDer letzte März brachte uns auf dem Theätre lyriqne\neinen neuen Versuch, der reizenden Musik Mozart's zu\nCosi fan tutte einen anderen Text als den ursprünglichen\nitaliänischen, freilich sehr läppischen, unterzulegen; ein\nfrüherer Versuch, wobei man die Scene nach China ver-\nlegt hatte, soll vor fünfzig Jahren schon einmal an der hie-\nsigen komischen Oper ohne Erfolg gewesen sein, und der\ngegenwärtige ist eben so verunglückt, wie wohl auch einige\nandere, die man in Deutschland gemacht hat, das Stück\nzu ändern, um die Musik wieder zum Leben zu bringen.\nDas einzige Mittel, den alten Text geniessbar zu machen,\ndürfte vielleicht sein, dass man die beiden Mädchen Fior-\ndiligi und Dorabella die Falle entdecken liesse, die ihnen\ngestellt wird, wovon ein eingeschobener kurzer Dialog die\nZuschauer in Kenntniss setzte, und dass dann am Ende\ndie beiden Männer als die Gefoppten erschienen, indem die\nDamen nur um die Männer zu strafen auf ihre Liebes-\nanträge eingegangen. Dabei könnte dann die ganze Musik\nunverändert bleiben.\nDie Bearbeiter des neuen französischen Textes haben\nsich Shakespeare's „Love's („Der Liebe\nMühen umsonst\") als Original gewählt, ein Stück, das\nwahrlich trotz seiner mannigfachen genialen Stellen im\nGanzen keineswegs zu den besten Arbeiten des grossen\nDichters gehört, vor Allem aber durch seine spitzfindigen\nWort- und Witzspiele und Scherze im Geschmacke seines\nZeitalters und durch den Mangel an Handlung sich sehr\nwenig zur Umwandlung in ein Opernbuch eignet. Im\nGrunde hat nichts in dem ganzen Lustspiele irgend eine\nAehnlichkeit mit dem alten italiänischen Textbuche, als die\nVerkleidung des Königs und seiner drei Hofleute als Rus-\nsen mit der Verkleidung der beiden Liebhaber in\ntutte. Dass sich auf eine so unbedeutende Aeusserlichkeit\nbei dem anderweitigen Mangel an Aehnlichkeit der Cha-\nraktere der handelnden Personen und an Aehnlichkeit der\nSituationen an eine erträgliche Anwendung der vorhande-\nnen Musik nicht denken lässt, leuchtet ein. Ein paar Mo-\nmente, welche die Herren Dichter aus dem alten Texte\nherübergenommen haben, indem sie die Despina in einen\nPagen verwandeln und diesen als Arzt und zuletzt als Wahr-\nsager (an Stelle des Notars) erscheinen lassen, sind zwar\ndie einschlagendsten in Bezug auf die Uebereinstimmung\nmit der Musik, können aber die Ungeschicktheiten in allen\nanderen Scenen nicht in den Hintergrund stellen. Gibt es\nz. B. eine grössere Misshandlung der Mozart'schen Musik,\nals das Abschieds-Quintett:\ngiurami, vita mia/u mit seinem Ausdruck des Schmerzes\nund des Schluchzens in den abgebrochenen, durch Pausen\ngetrennten Noten, hier in dem zweiten Acte an einer Stelle\nzu finden, wo von Abschied und Schluchzen gar nicht die\nRede ist und die Musik allen Sinn verliert?\nEs ist nichts mit diesem neugebackenen, mit verdor-\nbener Shakespeare-Essenz versetzten Cosi fan tutie. Will\nman die köstliche Musik wieder hören, so mache man es\nwie die Italiäner, kehre sich nicht an den Text und ge-\nniesse die Töne. Wenn ich in meinem Briefe vom 8. Fe-\nbruar [Nr. 7] gesagt habe, dass in dieser\nSaison bei der italiänischen Oper es nicht zu einem\ndauernden Erfolge gebracht habe, so muss ich dies doch\ndahin ergänzen, dass es einige sehr zahlreich besuchte\nWiederholungen gehabt hat. Was die Ausführung im\nTheätre lyrique betrifft, so gereicht es Madame Cabel zur\nEhre, dass sie z. B. in der Arie der Fiordiligi keine Note\nund keine Verzierung zugesetzt hat. Leon Duprez, der\nSohn des grossen Sängers, trat zum ersten Male auf; er\nbesitzt die treffliche Schule seines Vaters, aber die Haupt-\nsache, die Stimme, fehlt; es wird einem angst und bange\ndabei.\nDagegen hat die grosse Oper einen neuen Tenor ge-\nwonnen, welcher von der Natur mit einer ausgezeichnet\nstarken und doch weichen und sympathischen Stimme be-\ngabt ist, mit welcher er das hohe mit Leichtigkeit aus\nder Brust anschlägt. Er heisst Villaret und war Bier-\nbrauer in einem Städtchen des südlichen Frankreich. Dort\nhörte ihn ein Advocat aus Paris bei dem Gesänge einer\nLiedertafel. Auf dessen Empfehlung liess ihn die Direction\nnach Paris kommen, und nachdem er dort mit Eifer und\nAusdauer seine Studien bei Yauthrot gemacht, trat er ge-\ngen Ende des März als Arnold in Rossini's „Teil\" auf und\närntete stürmischen Beifall.\nDie Societe des Concerts du Conservatoire hat in die-\nser Saison neben ihrem gewöhnlichen Repertoire der Sin-\nfonieen von Haydn, Mozart und Beethoven, der Ouvertü-\nren von Weber u. s. w. einige Neuigkeiten—d. h. für die\ndortige Zuhörerschaft neu gebracht, die Ouvertüre zu\nIdomeneo von Mozart und die Abschieds- Arie der Ilia (Mad.\nVandenheuvel-Duprez); ferner die Carita von Rossini, den\nChor der Nymphen aus der Oper „Psyche\" von Ambr.\nThomas und o Wunder! das Duett für zwei Frauen-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "171", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630530-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5387, "texte": "stimmen (Mad. Viardot und Vandenheuvel) aus „Beatrice\nund Benedict\" von H. Berlioz! Trotzdem, dass Thomas\nund Berlioz noch leben, haben beide Musikstücke dem ge-\nstrengen Publicum des Conservatoires so gefallen, dass\nbeide auf der Stelle wiederholt werden mussten. „Die Lyra\ndes Orpheus hat den Cerberus gebändigt\" —sagt ein hie-\nsiges Blatt. Auch Beethoven's Phantasie mit Orchester und\nChor und sogar die neunte Sinfonie sind gemacht wor-\nden, allein die Ausführung der letzteren hält den Vergleich\nmit den Aufführungen am Rheine nicht aus, und zwar\nnicht bloss im Finale wegen der unnachahmlichen Frische\nund Fülle eurer Dilettanten-Chöre, sondern auch in den\nreinen Instrumentalsätzen. Ich kann wenigstens nur den\nVortrag des Scherzo's hier in Paris als vollendet bezeich-\nnen: im ersten Allegro erreicht man nicht den breiten\nSchwung und im Adagio nicht die Tiefe des Gefühls, so\nwie man Beides in Köln und auf den niederrheinischen\nMusikfesten hört. Es ist eigen, dass im Adagio die Fran-\nzosen das Verhältniss des Andante moderato ;!A-Tact zu\ndem Adagio molto\"VVTact gar nicht zu verstehen schei-\nnen, trotzdem, dass doch jedes Mal der Uebergang in Dur\nund das bewegtere Tempo diesen Mittelsatz als einen süs-\nsen, freundlichen Trost gegen die tief empfundene, schmerz-\nliche Sehnsuchts-Melodie des Adagio's empfinden lässt. Seit-\ndem Du mich auf dieses Verhältniss aufmerksam gemacht\nhast, habe ich noch jedes Mal die Wahrheit, dieser Deu-\ntung beim Anhören gefühlt und begreife nicht, wie selbst\nBerlioz diesen Wechsel des Tactes und des Tempo's für\neine Bizarrerie erklären kann! Eben so auffallend war es\nmir, dass der Eintritt des schliesslichen ,2/8-Tactes, bei dem\nman gar nicht merken darf, dass er mit dem %-Tact ver-\ntauscht ist, einen gewissen Kuck für ein feines Ohr gab;\nob es an der Sextolen in der ersten Violine\nlag, will ich nicht behaupten; der Eindruck war aber da.\nDas Tempo des ersten Allegro war zu schnell; vom ma\nnon troppound vollends vom war nicht die\nRede. Kurz, man musste sich gestehen, dass die unbedingte\nMusterhaftigkeitdes Vortrags der Beethoven'schen Sinfonieen\nin den Conservatoire-Concerten doch ihre Gränzen hat.\nIn dem Concerte am Ostersonntage kamen die Pasto-\nral-Sinfonie, das Credo aus Cherubini's Krönungs-Messe,\neine Arie aus dem Alexanderfest und der Siegeschor aus\nJudas Maccabäus von Händel zur Aufführung. Dazwischen\nVieuxtemps mit einem ernsten Concerte? o nein! mit\nseiner „Ballade\" und seiner „Polonaise\". Und das nennen\ndie Blätter l'evenemeni de la seance!\nPasdeloup hat seine Concerts populaires, man kann\nnicht sagen: mit stets zunehmender Frequenz, denn sie war\nvon Anfang an enorm, sondern unter fortdauerndem Zu-\nströmen von 3—4000 Zuhörern im\nfortgesetzt. In einem der ersten dieses Jahres gab er Beet-\nhoven's Septett—freilich nach der hier beliebten Art: die\nStreich-Instrumente in Masse und Horn, Clarinette und\nFagott als Solostimmen—zum ersten Male in Paris voll-\nständig, indem das Conservatoire nur immer die letzte\nHälfte des W erkes zu Gehör bringt. Im April wagte der\ntreffliche Dirigent eine Aufführung der neunten Sinfo-\nnie, wozu er einen Chor von mehr als 400 Stimmen aus\ndem Conservatorium, den Opernchören und den Männer-\nGesangvereinen zusammengebracht hatte. Die Damen Viar-\ndot und Simon, die Herren Bussine und Capoul sangen\ndie Solo-Partieen. Die Ausführung war imposant und mu-\nsikfestähnIich und machte dem Dirigenten und allen Mit-\nwirkenden Ehre. Auch ein Chor aus Händel's „Salomon\",\nden Pasdeloup im vorigen Jahre bei dem Musikfeste in\nKöln gehört hatte, ging gut und gefiel sehr.\nIn den Concerten der Societe\nherrscht die neuere Schule vor und als ihre Koryphäen\nFelicien David und Hector Berlioz. Beide führen\nihre Compositionen daselbst auf und dirigiren sie auch\nselbst, z. B. David seine Sinfonie in Es-dur und seinen Co-\nlumbus, den ich nicht zum zweiten Male hören mag, Ber-\nlioz seine Instrumentirung von Weber's „Aufforderung\nzum Tanze\", seinen „römischen Carneval\", seine „Flucht\nnach Aegypten\" u. s. w. Auch ein paar monströse Neuig-\nkeiten ä laLiszt, eine Sinfonie: „ Vercingetorix\", und ein\n„VascodeGama\" („Ode-Sinfonie\") von jüngeren Compo-\nnisten und fielen durch.\nWas soll ich von den Privat-Concerten sagen ? Ihre Flut\nging in dieser Saison wieder einmal sehr hoch. Ich kann\nnur Namen nennen und besonders auf deutsche Künstler\nRücksicht nehmen.\nMadame Gräver, eine Schülerin Litolff's, aus Ame-\nrica im Anfange dieses Jahres zurückgekehrt, gab ein Con-\ncert mit Orchester, das Litolff dirigirte. Sie spielte dessen\ndrittes symphonisches Concert mit den holländischen Na-\ntional-Thema's. Frau Schumann spielte Beethoven, Men-\ndelssohn, Chopin und Schumann, von Letzterem zwei Ca-\nnons, die das Publicum sehr kalt Hessen, aber in der zwei-\nten Sitzung das Quintett, welches natürlicher Weise sehr\ngefiel. Dann J. Becker, der ausgezeichnete Violinist, der\nzuerst mit Beethoven's Concert auftrat, daneben aber auch\ndie Vielseitigkeit seines Talentes an Paganini, Kontski und\nseinen eigenen Salonstücken zeigen wollte und auch wirk-\nlich eine eminente Technik im Vortrage dieser Compositio-\nnen bewährte. Mit Recht besorgten indess Einige, dass\ndiese Vielseitigkeit seinem Spiel den individuellen Charak-\nter nehme, und dass er vielleicht gerade durch das Studium\njener Gattung den grossen Ton der deutschen Schule ver-\nloren habe. Sein zweites (historisches) Concert, das er im\n\nn"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "172", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630530-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1143, "texte": "Verein mit Eduard de Hartog gab, brachte ihm noch\nvollere Lorbern und widerlegte grösstenteils jene Besorg-\nnisse namentlich durch den Vortrag des vierten Concertes\nvon Spohr. Er begann, da er in einem früheren Concerte\ndie italiänische Schule berücksichtigt hatte, dieses Mal mit\nBach's Chaconne, liess dann Spohr folgen, hierauf David (ein\nScherzo), dann ein für ihn geschriebenes schönes Concert-\nstück von Ed. de Hartog für Violine und Orchester, darauf\ndie dritte Polonaise von Mayseder und zum Schlüsse Ernst's\nPhantasie über ungarische Themen! Die Gesangstücke\nwaren alle von de Hartog's Composition und zeigten gros-\nses Talent und charakteristische Behandlung, namentlich\nL'Esclave und Le Pecheur. —ln einem anderen Concerte\nwurden die sehr achtungswerthen Compositionen von\nGoldner, namentlich eine Serenade für Ciavier und eine\nSonate für Ciavier und Violine (Rossini gewidmet), sehr gut\naufgenommen. Frau Szarvady-Clauss hat auch wieder\ndrei sehr besuchte und höchst genussreiche Kammermusik-\nConcerte gegeben; in dem zweiten spielte sie mit Frau\nSchumann vierhändige Stücke von Schumann, welche gros-\nsen Beifall erhielten.\n\nB. P."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1863-05-30-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1863-05-30_01#c003", "volume": "bmtnabi_1863-05-30_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "172", "page_fin": "173", "image_debut": 4, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630530-01.2.3", "titre_corps": "Beurtheilungen.", "titre_sommaire": "Beurtheilungen.", "signature_source": "D. M", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "172", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630530-01.1.4", "debut_caractere": 1145, "fin_caractere_exclue": 4737, "texte": "Beurtheilungen.\n\nSonate für das Pianoforte, componirt von Fr.\nGernsheim. Op. 1. Leipzig und Winterthur,\nJ. Rieter-Biedermann.\nEin Op. 1, vor dem wir alle Achtung haben. Man\nsieht, es war dem ohne Zweifel noch jugendlichen Compo-\nnisten Ernst damit, ein Tonbild zu schaffen, das die Vor-\nzüge formeller technischer Vollendung mit denen einer ur-\neigenen kraftvollen Erfindung vereint. Und dies ist ihm\nauch mehrentheils gelungen; der erste Schritt zur Erstei-\ngung des Parnassus war ein kühner und ein entscheiden-\nder. Das Ganze verräth eine solide, durchdachte Factur,\neine nicht unbedeutende Gewandtheit in den Formen, lo-\ngischen Zusammenhang sowohl der einzelnen Motive, als\nder Sätze, überhaupt in den Einzelheiten wie im Ganzen\neine nicht geringe Begabung.\nDer erste Satz es mochte dabei dem Componisten\ndie unerreichbare Einleitung zu Mendelssohn's schottischer\nSinfonie vorgeschwebt haben bringt uns ein Thema\nvon ausdrucksvoller, gemüthreicher Färbung. Recitativische\nPassagen, ein kurzer Gesang, verwebt mit Anklängen aus\ndem Haupt-Thema, und eine allerdings etwas unbedeu-\ntende Uebergangs-Phrase führen uns wieder zu demselben\nzurück. Nach einer breiteren Ausführung des Thema's\nschliesst der Satz. Wir können übrigens hier die Bemer-\nkung nicht unterdrücken, dass ein minder consequentes\nPesthalten an der Tonica, besonders bei Vorführung des\nwiederholt auftretenden Haupt-Motivs, dem Ganzen mehr\nAbwechslung und Schattirung verliehen hätte. Diese Wahr-\nnehmung macht sich überhaupt durch das ganze Werk\nhindurch geltend, und wir erwähnen als Argumentum ad\nhominem hiefür nur den Umstand, dass alle drei Sätze in\n/'geschrieben sind, ein Umstand, der zwar allerdings nicht\ndirect zum Vorwurfe gereichen kann, aber doch das Ge-\npräge einer gewissen, nur allzu regelmässigen Gleichför-\nmigkeit an der Stirn trägt.\nDer zweite Satz in lebhaftem Tempo, %-Tact, trjjt\nmit einer Art leichtseitiger, geschwätziger Nonchalance in\ndie Schranken, weiss aber durch die glückliche Gabe, mit\nnichts immer etwas zu sagen, die Zuhörer so recht eigent-\nlich um ihre Zeit zu betrügen. Man muss in der That das\nGeschick des Componisten bewundern, womit er es ver-\nsteht, ohne zu langweilen, mit einem ganz harmlosen, aus\nlauter punklirten Achteln bestehenden Motive fünf volle\nSeiten lang zu unterhalten. Der Componist hat hier bewie-\nsen, dass ihm das „Zeug\" zu thematischer Behandlung,\nzur „Arbeit\" völlig zu Gebole steht.\nDer dritte Satz stürmt mit jugendlichem Muthe und\nUebermuthe in die Schranken. Das scharf ausgeprägte,\nhalb schwermüthige, halb trotzige Motiv, von sorgloseren\nund keckeren Nebengedanken umschwärmt, ist mit wahrer\nMeisterschaft ausgearbeitet und gesteigert. Die rhythmi-\nschen Ruckungen mit dem Nachschlage auf den besseren\nTacttheilen:\nbieten einen neuen und, gut vorgetragen, einen gewalligen\nEffect. Die in der Mitte des zweiten Abschnittes vorkom-\nmenden Accordvorschläge möchten wir übrigens nicht gut-\nheissen, indem dieselben doch etwas leer und abspannend\nwirken dürften. Auch müssen wir uns insbesondere bei\ndiesem Satze; auf das über allzu consequentes Festhalten\nan der Tonica oben Gesagte beziehen. Jedenfalls aber be-\nzeichnen wir diesen Satz, insbesondere was Factur und\nFormengewandtheit betrifft, als den weitaus gelungensten.\nUnd so wünschen wir denn diesem Werke recht viele\nTheilnahme von Seiten derjenigen Musiker und Dilettanten,\ndie für die ernsteren und solideren Erzeugnisse der musi-\ncalischen Literatur Sinn und Lust haben. Indem wir es\nfür unsere Pflicht hielten, einzelne minder gelungene Stel-\nlen hervorzuheben und den Componisten, von dem sich"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "173", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630530-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4445, "texte": "noch viel Gutes erwarten lässt, darauf aufmerksam zu ma-\nchen, sei demselben hiermit bei dem Beginne seiner Com-\nponisten-Laufbahn ein herzliches Willkommen entgegen-\ngerufen.\nDie Ausstattung ist, wie sich von der so schnell zu\neinem verdienten Hufe gelangten Verlagshandlung nicht\nanders erwarten liess, in jeder Beziehung eine vortreffliche.\nMarienlieder für gemischten Chor von Joh.\nBrahms 2 Hefte. Op. 22. Leipzig und Winter-\nthur. Rieter-Biedermann.\nDiese Lieder sind eine eben so beachtenswerthe, wie\neigenthümliche Erscheinung in unserer modernen Musik-\nLiteratur. Sie geben beredtes Zeugniss von dem so rühm-\nlichen Streben der Jetztzeit, sich den edeln und erhabenen\nTonschöpfungen des Reformations-Zeitalters zu nähern,\ndieselben zu erfassen und zu durchdringen. Brahms bat\nes verstanden, die altdeutsche Innigkeit und zarte Jung-\nfräulichkeit seiner Texte auch auf Tonweisen zu übertra-\ngen, und eben dazu fast ausschliesslich sich der Modula-\ntionen des sechszehnten Jahrhunderts bedient, dies aber\nin einer Weise, dass immer wieder die Individualität des\nschaffenden Künstlers hervortritt und sclavische Nachah-\nmung todter Form durchaus fern gehalten ist. Bei der\ngrösseren Einfachheit der zu Gebote stehenden Mittel war\nes auch kaum zu vermeiden, dass neben einzelnen Accord-\n(olgen, die dem an den Farben-Reichthum und die Man-\nnigfaltigkeit der neueren Tonformen gewöhnten Ohre min-\nder spannend und abwechselnd erscheinen dürften, gerade\nvon den letzteren Manches mit eingeführt wurde, was uns\neinen Anachronismus fühlbar macht. Indem es uns hier\nnicht gestattet ist, durch eine näher eingehende Beleuch-\ntung der Einzelheiten unserer Anerkennung dieser eben so\ngeist- wie gemüthreichen Gesänge vollen Raum zu geben,\nsprechen wir nur noch den Wunsch aus, es möge densel-\nben im Interesse der guten Sache und zur Anbahnung\neines tieferen Verständnisses der classischen Tonschöpfun-\ngen einer längst entschwundenen Zeit—die möglichste Ver-\nbreitung bei Fachmännern wie bei Dilettanten zu Theil\nwerden. Wir brauchen kaum beizufügen, dass die Aus-\nstattung nichts zu wünschen übrig lässt.\nDeutsche Sängerhalle von Abt. 11. Band, 4. Lie-\nferung. Breslau, Leuckart.\nBei der grossen Ausdehnung, welche die Literatur\nder Männer-Quartette in den gegenwärtigen Tagen gewon-\nnen hat, eine Erscheinung, die im Allgemeinen als das\nZeichen und die Folge der so mächtig aufflammenden Be-\ngeisterung für deutsches Lied und deutschen Sang freudig\nzu begrüssen ist ist es natürlich, dass neben vielem Vor-\ntrefflichen auch gar manche mittelmässige und alltägliche\nProducte ans Licht treten. Um so verdienstvoller sind da-\nher Unternehmungen, die es sich zur ausschliesslichen Auf-\ngabe machen, nur Gutes und dieses in genügender Anzahl\nzu liefern, und die dadurch, dass sie unseren zahllosen\nkleineren Sängervereinen-ein ausreichendes Repertoire bie-\nten, diese der Mühe der Auswahl und der Gefahr enthe-\nben, mit dem Echten auch das Unechte in den Kauf zu\nnehmen. Dass die „Deutsche Sängerhalle\" unter derarti-\ngen Sammelwerken einen sehr hervorragenden Platz ein-\nnimmt, hat sie durch alle bisherigen Lieferungen bewie-\nsen, und auch die vorliegende reiht sich den früheren wür-\ndig an. Die Gesänge sind alle von einem gesunden, frischen\nund kräftigen Geiste durchweht und insbesondere den be-\nscheidenen Anforderungen unserer Provincial-Gesangver-\neine vollkommen angepasst. Die grösste und verdienteste\nVerbreitung dürfte wohl dem Wanderliede von Methfessel\nzu Theil werden, einer Composition, die man sich versucht\nhalten möchte, dem liebenswürdigen, sinnigen Mendelssohn\nzuzuschreiben. „ Waldrose\" von Billeter ist ein anspruchs-\nloser, aber inniger Erguss zarter Lyrik und wird, mit\nAusdruck und Feinheit vorgetragen, seine Wirkung nicht\nverfehlen. „Ossian\" von J. Beschnitt und „Saul\" von Franz\nAbt sind Männerchöre von echtem Schrot und Korn, der\nerstere mehr dramatisch gehalten, der letztere mit einem\ngewissen körnigen, hausbackenen Humor. Bezüglich des\nohne Zweifel sangbaren und ausdrucksvollen Liedes von\nOberhofer sei mir die Bemerkung erlaubt, dass es durch-\naus nicht die Aufgabe des Liedes sein könne, jede ein-\nzelne lyrische Situation dramatisch wahr darzustellen. Mei-\nnes Erachtens soll dasselbe den allgemeinen Ausdruck\neiner lyrischen Stimmung bilden, die sich allerdings ver-\nschiedenartig äussert, aber doch wieder in diesen einzelnen\nAeusserungen auf die einheitliche Grundlage zurückweist\nund zurückführt.\n\nDr. D. M."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1863-05-30-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1863-05-30_01#c005", "volume": "bmtnabi_1863-05-30_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "173", "page_fin": "175", "image_debut": 5, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630530-01.2.4", "titre_corps": "Ferdinand Stegmayer", "titre_sommaire": "Ferdinand Stegmayer", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "173", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630530-01.1.5", "debut_caractere": 4447, "fin_caractere_exclue": 5115, "texte": "Ferdinand Stegmayer\nGeboren 1804, gestorben zu Wien 6. Mai 1863.\n(Nekrolog.)\n*).\nVorgestern ist ein Mann begraben worden, dem alle,\ndie ihn näher gekannt, das Zeugniss eines guten Menschen\nund eines echten Künstlers geben können. Ferdinand\nStegmayer, von frühester Jugend auf in Musik lebend\nund wirkend als Spieler, Lehrer, Componist und Dirigent,\nwar schon in seiner Jugend in Oesterreich, seinem Heimat-\nlande, musicalisch thätig, wenn auch nicht in hervorragen-\nder Weise. Ein frisches Talent, schnelles Verständniss,\nreiche, überströmende Einbildungskraft und eine glühende\nBegeisterung waren ihm gewährt, dagegen aber die kluge\n\n*) Alis den wiener ~Recensionenu."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "174", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630530-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5336, "texte": "Berechnung und der ordnende Sinn des Praktikers seiner\nNatur versagt, die auch nicht durch leine Bildung zur Lö-\nsung höherer Aufgaben vorbereitet wurde. Unsteten Sinnes,\nverlässlich nur im Punkte ehrenhafter Uneigennützigkeit\nund künstlerischer Begeisterung, wanderte er, oft rath- und\nhülflos, doch fast immer wohlgemuth von Ort zu Ort, von\nStadt zu Stadt, von Amt zu Amt. Ueberall machte er sich\nschnell alle diejenigen zu warmen Freunden, die in ihm\nentweder den gemüthlichen Kunstgenossen oder den mu-\nsicalisch begabten und musikbegeisterten Führer kennen\nlernten. Doch ermüdete er die Freundschaft bald durch\nsein derbes Wesen, dessen Humor die Rücksichten der\nLebensart nicht kannte und nicht leicht Jemandem zu Ge-\nfallen eine unangenehme Meinung zurückhielt; er ermü-\ndete sie ferner durch die Unzuverlässigkeit, mit der er, sei-\nnes eigenen Vortheils vergessend, die täglichen Pflichten\nseines Dirigenten- oder Lehramtes versah oder nicht ver-\nsah. Das alte Musicantenthum mit seinen Glanz- und\nKehrseiten steckte ihm in allen Gliedern. Das geschniegelte\n„Tonkünstlerwesen\" mit der Honiglippe und dem neidi-\nschen Seitenblick, mit dem Firniss der Halbbildung über\nder Gesinnungs-Gemeinheit war dem guten Stegmayer ein\nGräuel, und mit schwerer Ueberwindung bequemte er sich\nmancher Notwendigkeit des Lebens an. Diese Art zu sein\nund sich zu geben, hat ihm oft geschadet und ihn um\nmanchen Vortheil und äussere Ehre gebracht, seinem An-\ndenken und der Achtung, die ihm jetzt ins Grab folgt, thut\nsie keinen Abbruch.\nVon Leipzig aus, wo Stegmayer als Theater-Capell-\nmeister engagirt war, kam er Ende 1848 nach Wien als\nOpern-Dirigent in der Josephstadt unter Director Stöger,\ndessen Unternehmung jedoch bald in die Brüche ging. Da-\nmals wurde Stegmayer zum Chormeister des wiener Män-\nner-Gesangvereins gewählt und brachte als solcher die\nMendelssohn'sche Musik zu „Antigene\" und „Oedipus\"\nzur Aufführung. Nebenbei gab er Gesang-Lectionen, kam\nin den fünfziger Jahren als Professor des Männergesanges\nan das hiesige Conservatorium, wo er die Chorübungen\nleitete und der damaligen Direction die Gründung eines\nVereins für gemischten Chor vorschlug. 1855 dirigirte\nStegmayer im Musikvereins-Saale die Aufführung von\nJ. Ilager's Oratorium „Johannes der Täufer\" und leitete\nzu jener Zeit auch bei den Gesellschafts-Concerten die\nChöre.\nAls mittlerweile sein oben erwähnter Vorschlag von\nder Gesellschafts-Direction in allzu lange Erwägung gezo-\ngen wurde, verliess er seine Stellung und gründete 1858\nim Vereine mit den Herren Egger, Esser, Lewy, Lorenz,\nMartin, Rick, Schläger und Schmidt die Sing-Akade-\nraie, worauf dann besagte Direction mit der Gründung\ndes Singvereins nachfolgte.\nEs ist jetzt nicht der Augenblick, auf die mancherlei\nPhasen des Erfolgs und des Misscredits, welche die Sing-\nAkademie durchgemacht, zurückzukommen. Genug, dass\nStegmayer sich mit der Gründung dieses der „Belebung\nund Förderung echten Kunstsinnes durch Uebung und\nAufführung der gediegensten Chorwerke älterer und neue-\nrer Meister\" gewidmeten Institutes ein geschichtliches Ver-\ndienst um die wiener Musikzustände erworben hat, dass\nes ihm aber nicht gegönnt war, das Institut, dem er doch\nmit begeistert stolzer Hingebung anhing, auf jener Höhe\nzu erhalten, wohin es sich Anfangs unter seiner Führung\naufgeschwungen. Die Unregelmässigkeit seines Wirkens,\nwelches zwischen begeistertem Aufschwung und grollender\nEntmuthigung keine Mitte fand, war gerade da, wo es\nsich um das Zusammenhalten leicht zerstreuter Dilettanten-\nkräfte handelte, unheilvoll, wenn auch vielleicht selten\nJemand in dem Grade wie Stegmayer die Gabe der An-\nfeuerung, der Steigerung der ihm unterstehenden Kräfte\nbesass. Dessgleichen in musicalischer Beziehung: so unvoll-\nkommen (ja, oft verwirrend) sein Tactgeben war, so ver-\nständnissvoll war sein Einstudiren derjenigen Werke, die\ner selbst mit Liebe in sich aufgenommen hatte, so künst-\nlerisch beseelt seine Führung im entscheidenden Momente\nvor dem an ihn gewöhnten Körper.\nZu jenen Mängeln seiner Natur und seiner Bildung\ngesellte sich (theilweise auch als eine Folge davon) die ma-\nterielle Noth, die um so höher stieg, je mehr seine Kräfte\nden Einfluss des Alters verspürten. Director Eckert nahm\nihn als Capellmeister ins Operntheater, wo er jedoch den\nAnforderungen an den praktischen Capellmeister-Dienst\nnicht mehr genügen konnte und nach einem Jahre austrat,\nins Karltheater kam, wo er im Dirigiren von Possen und\nOperetten weder der Direction genügte, noch künstlerisch\ngedeihen konnte. Diese beiden Engagements lähmten we-\nsentlich seine gleichzeitige Thätigkeit als Dirigent der Sing-\nAkademie. Im Frühjahre 1861 jedoch und im folgenden\nWinter raffte er noch einmal alle seine Kräfte zusammen\nund brachte die Aufführung der Bach'schen Matthäus-\nPassion zu Stande die letzte und schönste künstlerische\nLeistung seines bewegten Lebens. Seitdem kränkelte er\nphysisch und moralisch künstlerisch hatte er ausgelebt.\nUmsonst aber hat er nicht gelebt; trotz seiner Fehler\nhat er der Kunst treuer gedient, als viele seiner glückliche-\nren Fachgenossen. Sein künstlerisches Gewissen war fein\nbesaitet; er hat manche Höhe nicht erreicht, weil er sich\nnicht bücken und nicht drücken konnte noch wollte. In\ndiesem Sinne vor Allem darf das musicalische Wien sei-\nner mit Achtung gedenken. Man hat ihn oft verkannt"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "175", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630530-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 116, "texte": "aber nicht umsonst sagt der Dichter: „Nur das Gemeine\nverkennt man selten. Und das Seltene vergisst man\nschwerlich.\""}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1863-05-30-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabi_1863-05-30_01#c006", "volume": "bmtnabi_1863-05-30_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "175", "page_fin": "175", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630530-01.2.5", "titre_corps": "Scheinkunst und Scheinkritik.", "titre_sommaire": "Scheinkunst und Scheinkritik.", "signature_source": "Louise Nitzsche", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "175", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630530-01.1.7", "debut_caractere": 118, "fin_caractere_exclue": 5177, "texte": "Scheinkunst und Scheinkritik.\nLouise Nitzsche. geb. Kindscher.\nDie vollkommene Beherrschung des Technischen in\nder Kunst ist eben so nothwendig zur Herstellung eines\nreinen Kunstgenusses, wie die Ungetrübtheit eines Glases\nzur Helligkeit der durchschimmernden Flamme. Die Summe\nder Fertigkeit, die äussere Form bruchlos frei und schön\nselbst bei den grössten Schwierigkeiten darzubieten, ist\nVirtuosität. Diese glänzende Eigenschaft ist nach und nach\nauf musicalischem Gebiete zu einer Höhe gelangt, die kaum\nnoch überstiegen werden dürfte. Als geeignetstes Mittel\nzur vollkommen künstlerischen Aussprache bleibt sie jedoch\nnur Mittel, weil das Auszusprechende, die Idee, das gei-\nstige Motiv das Primitive, die Technik erst das Secundäre\nabgibt. Die ausgebildetste Virtuosität ist nur in der innig-\nsten Verbindung mit dem Gedanken Etwas: der schön ge-\ngliederte, leicht bewegliche Leib für die Seele—ohne Seele\ntodt! Letzteres ist nicht genug zu betonen in einer Zeit,\nwo die blendende Kunstfertigkeit so oft für Kunst ausge-\ngeben wird, wo das emancipirte Virtuosenthum sowohl\nProductive als Reproductive angesteckt hat und nicht mehr\ndanach fragt, was dargestellt werden soll, wenn es nur\nsich darstellt.\nGegen dieses Getriebe von Prahlerei und hohlem Schein\nzu kämpfen und für die Oeffentlichkeit das Echte vom Un-\nechten zu sondern, gibt es nur Ein wirksames Mittel: die\nKritik. Es fehlt zur Vertretung derselben eben nicht an\nleuchtenden Vorbildern, welche bethätigt haben, was\nwahre Kritik sei. Der Kern dieser Kunstwissenschaft\nliegt im geläuterten Erkennen, das nur den Einen Maass-\nstab zur Beurtheilung anwendet, welchen die allgemein\ngültigen ästhetischen Anforderungen bestimmen. Nur erst\nbei möglichst objectivem Verhalten, bei durchgebildetem\nWissen und klarer Darstellung kann ein reines Spiegelbild\nfür das Kunsterzeugniss entstehen. Somit wird wahre Kritik\nniemals verkleinern oder vergrössern, sondern verdeut-\nlichen, indem sie empfangene Eindrücke und Wahrneh-\nmungen im Lichte der Erkenntniss festhält und erläuternd\nzurückgibt. Auf diesem Wege nur lässt sich die Kunst zur\nSelbstbeschaulichkeit führen und für das Schaffen und Be-\nurtheilen eine fördernde Wechselwirkung denken. Doch\nwas soll Kritik vermögen gegen das Entheiligen und blosse\nScheinen der Kunst, wenn sie selbst zum Scheine greift\nund die Aerzte von der Krankheit, welche sie hätten heilen\nsollen, angesteckt sind! Ja, man möchte behaupten, dass\nScheinkritik mehr Unheil für die Kunst stifte, als die\nScheinkunst selbst, weil Verkehrtes und Gesinnungsloses,\nwenn es nur geistreich und mit dem Tone der Ueberzeu-\ngung ausgesprochen wird, oft zur Annahme verführt. Das\nbezeugt z. B. die Verbreitung neuer so genannter Kunst-\nPhilosopheme, welche an und für sich nur Trugschlüsse\nsind, äusserlich aber im Gewände sprachlicher Tüchtigkeit\ndem Laien als unfehlbar erscheinen. „Wahrheit in Klar-\nheit!\" dieser Anforderung müsste jede Kritik genügen,\ndenn obwohl der Ausspruch des Kritikers stets gewinnt,\nwenn er sich in anziehendem Stil und schöner Bedeform\ndarstellt, so wird er nur dann fördernd und werthvoll,\nwenn ihn gründliches Wissen und ehrliche Gesinnung er-\nzeugt. Was tritt uns aber in Zeitungs-Artikeln mitunter\nKritisches entgegen?! Virtuosität der Schreibart, welche\ndurch das Blendende, wie etwas gesagt wird, für das\nwas zu entschädigen trachtet; Mehrdeutigkeit des Aus-\ndrucks, diplomatisch gegeben, um wenigstens den Schein\nder Ehrlichkeit für sich zu haben; spitzfindige Beweisfüh-\nrungen, um methodisch zu vertheidigen, was sich nicht\nvertheidigen lässt. Wie oft iiiessen auch Musik-Urtheile\naus un musicalischen Köpfen in stilfähige Federn, denn\nes gibt unter den Gebildeten Viele, nach deren Begriffen\nJeder sich berechtigt fühlen darf, über Musik zu schrei-\nben, ohne darin eingeweiht zu sein. Beiläufig gesagt, stellen\ngerade diese Art Leute das grösste Contingent für die Sache\nder „Zukunft\". Sodann will auch subjective Ansicht und\npersönliche Meinung sich oft schon für Kritik • halten, als\nob der Kunstbetrachtung mit gefärbten Gläsern gedient\nsein könnte! Endlich müssen wir der niedrigsten Art von\nScheinkritik erwähnen, welche als Schmarotzergewächs\nI\nbekannt ist und den Namen Reclame führt. Auf welchem\nWege sie zu Stande kommen mag, immer ist sie entehrend\nfür Künstler und Kunstvertretende, obwohl unberufene\nZungen dahin überreden möchten, dass sie in jetziger Zeit\nein nothwendiges Uebel sei.\nNächst dem Vorhandensein des Guten und Schönen\nist das „Sichklarwerden\" darüber am werthvollsten für\nBildung überhaupt, und nur durch richtige Veranschau-\nlichung der Kunst kann erst ihr Hauptzweck, Veredlung\ndes Menschen, erreicht werden. Lessing, Jean Paul, Goethe.\nSchiller und Andere haben die Kritik glänzend festgestellt,\nund auch unsere Zeit liefert in guten Fachblättern Kunst-\nbesprechungen, die belehren, erleuchten, begeistern und\noftmals einen zweiten Kunstgenuss gewähren. An solche,\ndie nur die Kunst selbst., nicht Parteizwecke im Auge ha-\nben, halte sich der Künstler und Kunstfreund als beste\nVerwahrung gegen die Scheinkritik."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1863-05-30-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabi_1863-05-30_01#c007", "volume": "bmtnabi_1863-05-30_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "176", "page_fin": "176", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630530-01.2.6", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "176", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630530-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3610, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nDas 40. nieder rheinische Musikfest ist zu Düsseldorf\nan den drei Pfingsttagen vom 24.—2 G. Mai unter der Direction des\nHerrn Otto Goldschmidt aus Hamburg, gegenwärtig in London\nwohnhaft, und des Herrn Tausch von Düsseldorf unter dem Zu-\nströmen von nahe an 2000 Zuhörern gefeiert worden. Grossen Er-\nfolg hatten die Aufführungen des Elias von Mendelssohn, dann\nvor Allem der Cäcilien-O de von Händel, des dritten Theiles der\nvon J. Haydn, sowohl durch den Gesammt-Ein-\ndruck der Leistungen des Chors (780) und des Orchesters (140), als\ndurch die begeisternden Solo-Vorträge einer Jenny Goldschmidt-\nLind, eines Stock hausen und Dr. Gunz und des Fräuleins\nvon Edelsberg (Alt) aus München. Die Einnahme hat 13,000\nThlr. überstiegen. Ausführlichere Berichte in den nächsten Nummern.\n* Münster. Mit dem zwölften Concerte am 9. Mai sind\nunsere Vereins-Concerte, welche unter der geschickten und um-\nsichtigen Leitung des Musik-Directors Herrn Jul. O. Grimm uns\nschöne Kunstgenüsse geboten haben, geschlossen worden. Im ersten\nTheile hörten wir Cherubini's Ouvertüre zum Wasserträger, zwei\nLieder (für eine Altstimme) von Mendelssohn und Schubert,\ndas Concert in A-nnoll für Violine von Rode, gespielt von Herrn\nConcertmeister G. A. Bargheer, und eine Neuigkeit von J. O.\nGrimm für Soli, Chor und Orchester auf ein Gedicht: ~Seele\nund Ton\", von Levin Schücking. Das Werk (Manuscript) hat\nmit Recht ausserordentlichen Erfolg gehabt; es ist eine schöne, von\nErfindungs-Talent und geschickter Stimmführung zeugende Compo-\nsition. deren Herausgabe, da es immer noch an vocalen Concert-\nstücken von mässigem Umfange fehlt, allen Gesangvereinen und\nConcert-Anstalten sehr willkommen sein würde.\nBeethoven's sieben Trios für Geigen und Bläser sind in\nPartitur neu erschienen in Holle's Verlag zu dem Preise von 1 Thlr.\nfür 80 Seiten in der gewohnten Ausstattung. Vor Kurzem sind auch\ndie siebeuzehn Geigen-Quartette in Partitur zu 3 Thlrn. von dem-\nselben Verleger neu herausgegeben. Bei Beiden wünschten wir etwas\ngrösseren Druck für alte Augen, während uns sonst die Sache gar\nwohl gefällt und dem Studium sowohl als der Verbreitung mit den\nwohlfeilen Ausgaben gedient ist. Auch die Einzelstimmen sind in\ndemselben Verlage in verhältnissmässiger Billigkeit erschienen. Den\nInhalt anlangend, bemerken wir, dass die fünf ersten Stücke des vor-\nliegenden Bandes Geigen-Trios sind Violine, Viola, Violon-\ncello und ziemlich bekannt, auch in Ciavierbearbeitungen ver-\nbreitet. Im Original gehört, überrascht die schöne Vollstimmigkeit\ndes Klanges und der specifische Geigenton. Diese wahre Instru-\nmentalität zeichnet die Beethoven'schen Trios und Quartetten vor\nvielen späteren aus und wird nur von Haydn und Mozart übertrof-\nfen, nicht an Fülle, aber an Süssigkeit. Das sechste Trio ist die\nebenfalls bekannte und oft arrangirte Serenade Op. 95 D-dur für\nFlöte, obere und mittlere Geige: etwas spielend und unbedeutend.\nWenig bekannt wird das siebente Trio sein für zwei Oboen und eng-\nlisch Horn, Op. 87 C-dur, auch in leichtfertigem Tone, aber bei\nWeitem geistreicher, als das vorige; ein niedßch eleganter Haupt-\nsatz, ein sentimentales Adagio und neckendes Menuett-Scherzo, end-\nlich ein allerliebstes Finale voll heiteren Humors in Haydn's Stil.\nE. K.\nAm 14. d. Mts. starb in Mainz der in den weitesten Kreisen\nbekannte Componist Ferdin an d B ey er nach langen und schweren\nLeiden schnell und schmerzlos an einem Schlagflusse. Der Hinge-\nschiedene war von allen, die ihn kannten, seiner unermüdlichen\nThätigkeit und seines ehrenhaften, biederen Charakters wegen ge-\nliebt und geachtet."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "169", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630530-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nPariser Briefe (Flotow s Stradella Victor Masse: La Mule de Pedro - Mozart's Cosl fan tutte mit neuem Text\nTenor Villaret Concerte). Von B. P. Beurtheilungen (Sonate für das Pianoforte von Fr. Gremsheim. Op. 1 Marienlieder\nfür gemischten Chor von J. Brahms. Op. 22 Deutsche Sängerhalle von Abt. 11. Band). Von Dr. D. M. Ferdinand Stegmayer\n(Nekrolog). Scheinkunst und Scheiukritik. Von Louise Nitzsche, geb. Kindscher. Tages- und Un ter hal tu n gsb lat t.\n\nPariser Briefe.\n\n(Flotow's Stradella Victor Massd: La Mule de Pedro\nMozart's Cosl fan tutte mit neuem Text Tenor Villaret\nConcerte.)\nFlotow's „Stradella\" ist nun auch von den Italiänern\nam 22.Februar auf die pariser Bühne gebracht worden.\nBekanntlich hatten diese die „Martha\" desselben Compo-\nnisten bereits vor sechs Jahren mit italiänischem Texte ge-\ngeben, worauf denn diese Oper so ziemlich auf allen ita-\nliänischen Bühnen in Europa und selbst jenseit des Oceans\nheimisch geworden ist, so dass die hiesige Kritik, wenn sie\nzur Empfehlung der Flotow'schen Musik sie „kosmopoli-\ntisch\" nennt, in Bezug auf den äusseren Erfolg Recht hat,\nwenn der Ausdruck auch sonst nur ein sehr zweideutiges\nLob ausspricht*). Dass die Direction ihrem Publicum, das\nsich so enthusiastisch für die Martha zeigte, welche Ende\n1847 zuerst aufgeführt wurde, die ältere Oper Stradella\n(aus dem Jahre 1844) so lange vorenthalten, mag wohl\ndaran liegen, dass Paris schon einmal zwei Stradella-Opern\nin einer und derselben Saison gehabt hatte, dass folglich\ndas Sujet nicht neu war. Im Jahre 1837 brachte nämlich\ndas kleine Theater im Palais Royal einen Stradella von\nPaul Duport und de Forges, mehr ein Liederspiel als eine\nOper, die aber dadurch erwähnenswerth wird, dass nach\nden Behauptungen hiesiger Blätter Herr von Flotow dazu\nzwei Musikstücke geschrieben hatte, ein Lied für den Ban-\nditen Malvolio und den Hymnus an die Jungfrau Maria.\nDen zweiten Stradella, eine Composition von Niedermeyer,\ngab die grosse Oper vier Wochen darauf; in ihr sang\nNourrit in seiner Abschieds-Vorstellung und darauf Duprez\nin seiner Antrittsrolle den Stradella. Die Handlung ist im\nGanzen in diesen beiden Vorläufern überall dieselbe, wie\nin der bekannten deutschen Oper. Herr von Flotow hatte\ndie Inscenesetzung seines Stradella selbst überwacht und\nauch zwei neue Nummern dazu componirt, beide für Marie\nBattu : eine sentimentale Romanze, welche Leonore singt,\nehe sie sich entführen lässt, und eine Art Trinklied oder\nAufmunterung zur Freude, einen Walzer mit Coloraturen,\nden sie im zweiten Acte bei der Hochzeitsfeier den Gästen\nund dem Publicum zum Besten gibt. Ohne das thut es\neine französische Sängerin nun einmal nicht.\nDer erste Act erschien dem pariser Publicum als der\nmatteste, und mit Recht. Der zweite gefiel, namentlich\ndurch die beiden Banditen, die von Zucchini und Delle\nSedie trefflich dargestellt wurden. Naudin sang den Stra-\ndella; ich kann der Manier dieses Sängers keinen Ge-\nschmack abgewinnen; entweder er heult oder er säuselt,\nbeides ohne alles Verständniss des Ausdrucks, den Text\nund Melodie verlangen, einzig und allein nach den Tönen,\ndie ihm gut oder schlecht liegen oder mit denen er durch\nschauderhafte Contraste nach Effect haschen kann. Die\nhiesigen Blätter sprechen sich alle über den günstigen Er-\nfolg der Oper und den Werth der „eklektischen\" Musik\naus; allein das will nichts bedeuten, denn, man weiss, wo-\ndurch diese Uebereinstimmung erzielt wird. Die Wahrheit\nist, dass die Oper keine vollen Häuser machte und dass man\nsehr bald anfing, nur die beiden letzten Acte in Verbin-\ndung mit etwas Anderem zu geben. Im Grunde hat allein\nder zweite Act angesprochen und die Oper vor dem gänz-\nlichen Fall gerettet.\nVictor Massö, der mit seinen früheren Sachen, na-\nmentlich den Noces de jeannetteviel Beifall gefunden,\nhat eine zweiactige Oper: „Pedro's Maulthier\", geschrie-\nben, welche die grosse Oper im März zur Aufführung\nbrachte. Die Handlung beruht auf der Tugend des Maul-\nthiers, das den Weg nach Hause stets vortrefflich zu finden\nweiss und durch diesen Ortssinn den Nebenbuhler Pedro's,\n\n*) Es ist aber eine frühere Bearbeitung des Textes von Stradella\nin französischer Sprache vorhanden, wir glauben von Oppelt,\nmit welcher Flotow's Oper in Belgien und auf vielen Pro-\nvincialbühnen von Frankreich schon vor Jahren gegeben wor-\nden ist. D» Redact."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "170", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630530-01.1.2", "texte": "den dieser auf seinem Karren schlau fortzuschaffen denkt,\nschlafend wieder nach dem Pachthofe zurückbringt. Das\nhätte allenfalls einen hübschen, durchweg komisch zu hal-\ntenden Act geben können: jetzt aber ist es ein Gemisch\nvon Ernst und Spass, das sich zwei Acte lang hinschleppt\nund langweilig wird. Die Musik hat gleicher Weise keinen\nCharakter und nicht die geringste Originalität; der Com-\nponist behandelt die Sache viel zu ernsthaft und macht\neinen Aufwand von Tönen und Harmonieen, die weit ent-\nfernt von der Leichtigkeit und dem Fluss des Stils sind,\nder in seinen früheren Arbeiten mit Recht gefiel.\nDer letzte März brachte uns auf dem Theätre lyriqne\neinen neuen Versuch, der reizenden Musik Mozart's zu\nCosi fan tutte einen anderen Text als den ursprünglichen\nitaliänischen, freilich sehr läppischen, unterzulegen; ein\nfrüherer Versuch, wobei man die Scene nach China ver-\nlegt hatte, soll vor fünfzig Jahren schon einmal an der hie-\nsigen komischen Oper ohne Erfolg gewesen sein, und der\ngegenwärtige ist eben so verunglückt, wie wohl auch einige\nandere, die man in Deutschland gemacht hat, das Stück\nzu ändern, um die Musik wieder zum Leben zu bringen.\nDas einzige Mittel, den alten Text geniessbar zu machen,\ndürfte vielleicht sein, dass man die beiden Mädchen Fior-\ndiligi und Dorabella die Falle entdecken liesse, die ihnen\ngestellt wird, wovon ein eingeschobener kurzer Dialog die\nZuschauer in Kenntniss setzte, und dass dann am Ende\ndie beiden Männer als die Gefoppten erschienen, indem die\nDamen nur um die Männer zu strafen auf ihre Liebes-\nanträge eingegangen. Dabei könnte dann die ganze Musik\nunverändert bleiben.\nDie Bearbeiter des neuen französischen Textes haben\nsich Shakespeare's „Love's („Der Liebe\nMühen umsonst\") als Original gewählt, ein Stück, das\nwahrlich trotz seiner mannigfachen genialen Stellen im\nGanzen keineswegs zu den besten Arbeiten des grossen\nDichters gehört, vor Allem aber durch seine spitzfindigen\nWort- und Witzspiele und Scherze im Geschmacke seines\nZeitalters und durch den Mangel an Handlung sich sehr\nwenig zur Umwandlung in ein Opernbuch eignet. Im\nGrunde hat nichts in dem ganzen Lustspiele irgend eine\nAehnlichkeit mit dem alten italiänischen Textbuche, als die\nVerkleidung des Königs und seiner drei Hofleute als Rus-\nsen mit der Verkleidung der beiden Liebhaber in\ntutte. Dass sich auf eine so unbedeutende Aeusserlichkeit\nbei dem anderweitigen Mangel an Aehnlichkeit der Cha-\nraktere der handelnden Personen und an Aehnlichkeit der\nSituationen an eine erträgliche Anwendung der vorhande-\nnen Musik nicht denken lässt, leuchtet ein. Ein paar Mo-\nmente, welche die Herren Dichter aus dem alten Texte\nherübergenommen haben, indem sie die Despina in einen\nPagen verwandeln und diesen als Arzt und zuletzt als Wahr-\nsager (an Stelle des Notars) erscheinen lassen, sind zwar\ndie einschlagendsten in Bezug auf die Uebereinstimmung\nmit der Musik, können aber die Ungeschicktheiten in allen\nanderen Scenen nicht in den Hintergrund stellen. Gibt es\nz. B. eine grössere Misshandlung der Mozart'schen Musik,\nals das Abschieds-Quintett:\ngiurami, vita mia/u mit seinem Ausdruck des Schmerzes\nund des Schluchzens in den abgebrochenen, durch Pausen\ngetrennten Noten, hier in dem zweiten Acte an einer Stelle\nzu finden, wo von Abschied und Schluchzen gar nicht die\nRede ist und die Musik allen Sinn verliert?\nEs ist nichts mit diesem neugebackenen, mit verdor-\nbener Shakespeare-Essenz versetzten Cosi fan tutie. Will\nman die köstliche Musik wieder hören, so mache man es\nwie die Italiäner, kehre sich nicht an den Text und ge-\nniesse die Töne. Wenn ich in meinem Briefe vom 8. Fe-\nbruar [Nr. 7] gesagt habe, dass in dieser\nSaison bei der italiänischen Oper es nicht zu einem\ndauernden Erfolge gebracht habe, so muss ich dies doch\ndahin ergänzen, dass es einige sehr zahlreich besuchte\nWiederholungen gehabt hat. Was die Ausführung im\nTheätre lyrique betrifft, so gereicht es Madame Cabel zur\nEhre, dass sie z. B. in der Arie der Fiordiligi keine Note\nund keine Verzierung zugesetzt hat. Leon Duprez, der\nSohn des grossen Sängers, trat zum ersten Male auf; er\nbesitzt die treffliche Schule seines Vaters, aber die Haupt-\nsache, die Stimme, fehlt; es wird einem angst und bange\ndabei.\nDagegen hat die grosse Oper einen neuen Tenor ge-\nwonnen, welcher von der Natur mit einer ausgezeichnet\nstarken und doch weichen und sympathischen Stimme be-\ngabt ist, mit welcher er das hohe mit Leichtigkeit aus\nder Brust anschlägt. Er heisst Villaret und war Bier-\nbrauer in einem Städtchen des südlichen Frankreich. Dort\nhörte ihn ein Advocat aus Paris bei dem Gesänge einer\nLiedertafel. Auf dessen Empfehlung liess ihn die Direction\nnach Paris kommen, und nachdem er dort mit Eifer und\nAusdauer seine Studien bei Yauthrot gemacht, trat er ge-\ngen Ende des März als Arnold in Rossini's „Teil\" auf und\närntete stürmischen Beifall.\nDie Societe des Concerts du Conservatoire hat in die-\nser Saison neben ihrem gewöhnlichen Repertoire der Sin-\nfonieen von Haydn, Mozart und Beethoven, der Ouvertü-\nren von Weber u. s. w. einige Neuigkeiten—d. h. für die\ndortige Zuhörerschaft neu gebracht, die Ouvertüre zu\nIdomeneo von Mozart und die Abschieds- Arie der Ilia (Mad.\nVandenheuvel-Duprez); ferner die Carita von Rossini, den\nChor der Nymphen aus der Oper „Psyche\" von Ambr.\nThomas und o Wunder! das Duett für zwei Frauen-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "171", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630530-01.1.3", "texte": "stimmen (Mad. Viardot und Vandenheuvel) aus „Beatrice\nund Benedict\" von H. Berlioz! Trotzdem, dass Thomas\nund Berlioz noch leben, haben beide Musikstücke dem ge-\nstrengen Publicum des Conservatoires so gefallen, dass\nbeide auf der Stelle wiederholt werden mussten. „Die Lyra\ndes Orpheus hat den Cerberus gebändigt\" —sagt ein hie-\nsiges Blatt. Auch Beethoven's Phantasie mit Orchester und\nChor und sogar die neunte Sinfonie sind gemacht wor-\nden, allein die Ausführung der letzteren hält den Vergleich\nmit den Aufführungen am Rheine nicht aus, und zwar\nnicht bloss im Finale wegen der unnachahmlichen Frische\nund Fülle eurer Dilettanten-Chöre, sondern auch in den\nreinen Instrumentalsätzen. Ich kann wenigstens nur den\nVortrag des Scherzo's hier in Paris als vollendet bezeich-\nnen: im ersten Allegro erreicht man nicht den breiten\nSchwung und im Adagio nicht die Tiefe des Gefühls, so\nwie man Beides in Köln und auf den niederrheinischen\nMusikfesten hört. Es ist eigen, dass im Adagio die Fran-\nzosen das Verhältniss des Andante moderato ;!A-Tact zu\ndem Adagio molto\"VVTact gar nicht zu verstehen schei-\nnen, trotzdem, dass doch jedes Mal der Uebergang in Dur\nund das bewegtere Tempo diesen Mittelsatz als einen süs-\nsen, freundlichen Trost gegen die tief empfundene, schmerz-\nliche Sehnsuchts-Melodie des Adagio's empfinden lässt. Seit-\ndem Du mich auf dieses Verhältniss aufmerksam gemacht\nhast, habe ich noch jedes Mal die Wahrheit, dieser Deu-\ntung beim Anhören gefühlt und begreife nicht, wie selbst\nBerlioz diesen Wechsel des Tactes und des Tempo's für\neine Bizarrerie erklären kann! Eben so auffallend war es\nmir, dass der Eintritt des schliesslichen ,2/8-Tactes, bei dem\nman gar nicht merken darf, dass er mit dem %-Tact ver-\ntauscht ist, einen gewissen Kuck für ein feines Ohr gab;\nob es an der Sextolen in der ersten Violine\nlag, will ich nicht behaupten; der Eindruck war aber da.\nDas Tempo des ersten Allegro war zu schnell; vom ma\nnon troppound vollends vom war nicht die\nRede. Kurz, man musste sich gestehen, dass die unbedingte\nMusterhaftigkeitdes Vortrags der Beethoven'schen Sinfonieen\nin den Conservatoire-Concerten doch ihre Gränzen hat.\nIn dem Concerte am Ostersonntage kamen die Pasto-\nral-Sinfonie, das Credo aus Cherubini's Krönungs-Messe,\neine Arie aus dem Alexanderfest und der Siegeschor aus\nJudas Maccabäus von Händel zur Aufführung. Dazwischen\nVieuxtemps mit einem ernsten Concerte? o nein! mit\nseiner „Ballade\" und seiner „Polonaise\". Und das nennen\ndie Blätter l'evenemeni de la seance!\nPasdeloup hat seine Concerts populaires, man kann\nnicht sagen: mit stets zunehmender Frequenz, denn sie war\nvon Anfang an enorm, sondern unter fortdauerndem Zu-\nströmen von 3—4000 Zuhörern im\nfortgesetzt. In einem der ersten dieses Jahres gab er Beet-\nhoven's Septett—freilich nach der hier beliebten Art: die\nStreich-Instrumente in Masse und Horn, Clarinette und\nFagott als Solostimmen—zum ersten Male in Paris voll-\nständig, indem das Conservatoire nur immer die letzte\nHälfte des W erkes zu Gehör bringt. Im April wagte der\ntreffliche Dirigent eine Aufführung der neunten Sinfo-\nnie, wozu er einen Chor von mehr als 400 Stimmen aus\ndem Conservatorium, den Opernchören und den Männer-\nGesangvereinen zusammengebracht hatte. Die Damen Viar-\ndot und Simon, die Herren Bussine und Capoul sangen\ndie Solo-Partieen. Die Ausführung war imposant und mu-\nsikfestähnIich und machte dem Dirigenten und allen Mit-\nwirkenden Ehre. Auch ein Chor aus Händel's „Salomon\",\nden Pasdeloup im vorigen Jahre bei dem Musikfeste in\nKöln gehört hatte, ging gut und gefiel sehr.\nIn den Concerten der Societe\nherrscht die neuere Schule vor und als ihre Koryphäen\nFelicien David und Hector Berlioz. Beide führen\nihre Compositionen daselbst auf und dirigiren sie auch\nselbst, z. B. David seine Sinfonie in Es-dur und seinen Co-\nlumbus, den ich nicht zum zweiten Male hören mag, Ber-\nlioz seine Instrumentirung von Weber's „Aufforderung\nzum Tanze\", seinen „römischen Carneval\", seine „Flucht\nnach Aegypten\" u. s. w. Auch ein paar monströse Neuig-\nkeiten ä laLiszt, eine Sinfonie: „ Vercingetorix\", und ein\n„VascodeGama\" („Ode-Sinfonie\") von jüngeren Compo-\nnisten und fielen durch.\nWas soll ich von den Privat-Concerten sagen ? Ihre Flut\nging in dieser Saison wieder einmal sehr hoch. Ich kann\nnur Namen nennen und besonders auf deutsche Künstler\nRücksicht nehmen.\nMadame Gräver, eine Schülerin Litolff's, aus Ame-\nrica im Anfange dieses Jahres zurückgekehrt, gab ein Con-\ncert mit Orchester, das Litolff dirigirte. Sie spielte dessen\ndrittes symphonisches Concert mit den holländischen Na-\ntional-Thema's. Frau Schumann spielte Beethoven, Men-\ndelssohn, Chopin und Schumann, von Letzterem zwei Ca-\nnons, die das Publicum sehr kalt Hessen, aber in der zwei-\nten Sitzung das Quintett, welches natürlicher Weise sehr\ngefiel. Dann J. Becker, der ausgezeichnete Violinist, der\nzuerst mit Beethoven's Concert auftrat, daneben aber auch\ndie Vielseitigkeit seines Talentes an Paganini, Kontski und\nseinen eigenen Salonstücken zeigen wollte und auch wirk-\nlich eine eminente Technik im Vortrage dieser Compositio-\nnen bewährte. Mit Recht besorgten indess Einige, dass\ndiese Vielseitigkeit seinem Spiel den individuellen Charak-\nter nehme, und dass er vielleicht gerade durch das Studium\njener Gattung den grossen Ton der deutschen Schule ver-\nloren habe. Sein zweites (historisches) Concert, das er im\n\nn"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "172", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630530-01.1.4", "texte": "Verein mit Eduard de Hartog gab, brachte ihm noch\nvollere Lorbern und widerlegte grösstenteils jene Besorg-\nnisse namentlich durch den Vortrag des vierten Concertes\nvon Spohr. Er begann, da er in einem früheren Concerte\ndie italiänische Schule berücksichtigt hatte, dieses Mal mit\nBach's Chaconne, liess dann Spohr folgen, hierauf David (ein\nScherzo), dann ein für ihn geschriebenes schönes Concert-\nstück von Ed. de Hartog für Violine und Orchester, darauf\ndie dritte Polonaise von Mayseder und zum Schlüsse Ernst's\nPhantasie über ungarische Themen! Die Gesangstücke\nwaren alle von de Hartog's Composition und zeigten gros-\nses Talent und charakteristische Behandlung, namentlich\nL'Esclave und Le Pecheur. —ln einem anderen Concerte\nwurden die sehr achtungswerthen Compositionen von\nGoldner, namentlich eine Serenade für Ciavier und eine\nSonate für Ciavier und Violine (Rossini gewidmet), sehr gut\naufgenommen. Frau Szarvady-Clauss hat auch wieder\ndrei sehr besuchte und höchst genussreiche Kammermusik-\nConcerte gegeben; in dem zweiten spielte sie mit Frau\nSchumann vierhändige Stücke von Schumann, welche gros-\nsen Beifall erhielten.\n\nB. P.\n\nBeurtheilungen.\n\nSonate für das Pianoforte, componirt von Fr.\nGernsheim. Op. 1. Leipzig und Winterthur,\nJ. Rieter-Biedermann.\nEin Op. 1, vor dem wir alle Achtung haben. Man\nsieht, es war dem ohne Zweifel noch jugendlichen Compo-\nnisten Ernst damit, ein Tonbild zu schaffen, das die Vor-\nzüge formeller technischer Vollendung mit denen einer ur-\neigenen kraftvollen Erfindung vereint. Und dies ist ihm\nauch mehrentheils gelungen; der erste Schritt zur Erstei-\ngung des Parnassus war ein kühner und ein entscheiden-\nder. Das Ganze verräth eine solide, durchdachte Factur,\neine nicht unbedeutende Gewandtheit in den Formen, lo-\ngischen Zusammenhang sowohl der einzelnen Motive, als\nder Sätze, überhaupt in den Einzelheiten wie im Ganzen\neine nicht geringe Begabung.\nDer erste Satz es mochte dabei dem Componisten\ndie unerreichbare Einleitung zu Mendelssohn's schottischer\nSinfonie vorgeschwebt haben bringt uns ein Thema\nvon ausdrucksvoller, gemüthreicher Färbung. Recitativische\nPassagen, ein kurzer Gesang, verwebt mit Anklängen aus\ndem Haupt-Thema, und eine allerdings etwas unbedeu-\ntende Uebergangs-Phrase führen uns wieder zu demselben\nzurück. Nach einer breiteren Ausführung des Thema's\nschliesst der Satz. Wir können übrigens hier die Bemer-\nkung nicht unterdrücken, dass ein minder consequentes\nPesthalten an der Tonica, besonders bei Vorführung des\nwiederholt auftretenden Haupt-Motivs, dem Ganzen mehr\nAbwechslung und Schattirung verliehen hätte. Diese Wahr-\nnehmung macht sich überhaupt durch das ganze Werk\nhindurch geltend, und wir erwähnen als Argumentum ad\nhominem hiefür nur den Umstand, dass alle drei Sätze in\n/'geschrieben sind, ein Umstand, der zwar allerdings nicht\ndirect zum Vorwurfe gereichen kann, aber doch das Ge-\npräge einer gewissen, nur allzu regelmässigen Gleichför-\nmigkeit an der Stirn trägt.\nDer zweite Satz in lebhaftem Tempo, %-Tact, trjjt\nmit einer Art leichtseitiger, geschwätziger Nonchalance in\ndie Schranken, weiss aber durch die glückliche Gabe, mit\nnichts immer etwas zu sagen, die Zuhörer so recht eigent-\nlich um ihre Zeit zu betrügen. Man muss in der That das\nGeschick des Componisten bewundern, womit er es ver-\nsteht, ohne zu langweilen, mit einem ganz harmlosen, aus\nlauter punklirten Achteln bestehenden Motive fünf volle\nSeiten lang zu unterhalten. Der Componist hat hier bewie-\nsen, dass ihm das „Zeug\" zu thematischer Behandlung,\nzur „Arbeit\" völlig zu Gebole steht.\nDer dritte Satz stürmt mit jugendlichem Muthe und\nUebermuthe in die Schranken. Das scharf ausgeprägte,\nhalb schwermüthige, halb trotzige Motiv, von sorgloseren\nund keckeren Nebengedanken umschwärmt, ist mit wahrer\nMeisterschaft ausgearbeitet und gesteigert. Die rhythmi-\nschen Ruckungen mit dem Nachschlage auf den besseren\nTacttheilen:\nbieten einen neuen und, gut vorgetragen, einen gewalligen\nEffect. Die in der Mitte des zweiten Abschnittes vorkom-\nmenden Accordvorschläge möchten wir übrigens nicht gut-\nheissen, indem dieselben doch etwas leer und abspannend\nwirken dürften. Auch müssen wir uns insbesondere bei\ndiesem Satze; auf das über allzu consequentes Festhalten\nan der Tonica oben Gesagte beziehen. Jedenfalls aber be-\nzeichnen wir diesen Satz, insbesondere was Factur und\nFormengewandtheit betrifft, als den weitaus gelungensten.\nUnd so wünschen wir denn diesem Werke recht viele\nTheilnahme von Seiten derjenigen Musiker und Dilettanten,\ndie für die ernsteren und solideren Erzeugnisse der musi-\ncalischen Literatur Sinn und Lust haben. Indem wir es\nfür unsere Pflicht hielten, einzelne minder gelungene Stel-\nlen hervorzuheben und den Componisten, von dem sich"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "173", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630530-01.1.5", "texte": "noch viel Gutes erwarten lässt, darauf aufmerksam zu ma-\nchen, sei demselben hiermit bei dem Beginne seiner Com-\nponisten-Laufbahn ein herzliches Willkommen entgegen-\ngerufen.\nDie Ausstattung ist, wie sich von der so schnell zu\neinem verdienten Hufe gelangten Verlagshandlung nicht\nanders erwarten liess, in jeder Beziehung eine vortreffliche.\nMarienlieder für gemischten Chor von Joh.\nBrahms 2 Hefte. Op. 22. Leipzig und Winter-\nthur. Rieter-Biedermann.\nDiese Lieder sind eine eben so beachtenswerthe, wie\neigenthümliche Erscheinung in unserer modernen Musik-\nLiteratur. Sie geben beredtes Zeugniss von dem so rühm-\nlichen Streben der Jetztzeit, sich den edeln und erhabenen\nTonschöpfungen des Reformations-Zeitalters zu nähern,\ndieselben zu erfassen und zu durchdringen. Brahms bat\nes verstanden, die altdeutsche Innigkeit und zarte Jung-\nfräulichkeit seiner Texte auch auf Tonweisen zu übertra-\ngen, und eben dazu fast ausschliesslich sich der Modula-\ntionen des sechszehnten Jahrhunderts bedient, dies aber\nin einer Weise, dass immer wieder die Individualität des\nschaffenden Künstlers hervortritt und sclavische Nachah-\nmung todter Form durchaus fern gehalten ist. Bei der\ngrösseren Einfachheit der zu Gebote stehenden Mittel war\nes auch kaum zu vermeiden, dass neben einzelnen Accord-\n(olgen, die dem an den Farben-Reichthum und die Man-\nnigfaltigkeit der neueren Tonformen gewöhnten Ohre min-\nder spannend und abwechselnd erscheinen dürften, gerade\nvon den letzteren Manches mit eingeführt wurde, was uns\neinen Anachronismus fühlbar macht. Indem es uns hier\nnicht gestattet ist, durch eine näher eingehende Beleuch-\ntung der Einzelheiten unserer Anerkennung dieser eben so\ngeist- wie gemüthreichen Gesänge vollen Raum zu geben,\nsprechen wir nur noch den Wunsch aus, es möge densel-\nben im Interesse der guten Sache und zur Anbahnung\neines tieferen Verständnisses der classischen Tonschöpfun-\ngen einer längst entschwundenen Zeit—die möglichste Ver-\nbreitung bei Fachmännern wie bei Dilettanten zu Theil\nwerden. Wir brauchen kaum beizufügen, dass die Aus-\nstattung nichts zu wünschen übrig lässt.\nDeutsche Sängerhalle von Abt. 11. Band, 4. Lie-\nferung. Breslau, Leuckart.\nBei der grossen Ausdehnung, welche die Literatur\nder Männer-Quartette in den gegenwärtigen Tagen gewon-\nnen hat, eine Erscheinung, die im Allgemeinen als das\nZeichen und die Folge der so mächtig aufflammenden Be-\ngeisterung für deutsches Lied und deutschen Sang freudig\nzu begrüssen ist ist es natürlich, dass neben vielem Vor-\ntrefflichen auch gar manche mittelmässige und alltägliche\nProducte ans Licht treten. Um so verdienstvoller sind da-\nher Unternehmungen, die es sich zur ausschliesslichen Auf-\ngabe machen, nur Gutes und dieses in genügender Anzahl\nzu liefern, und die dadurch, dass sie unseren zahllosen\nkleineren Sängervereinen-ein ausreichendes Repertoire bie-\nten, diese der Mühe der Auswahl und der Gefahr enthe-\nben, mit dem Echten auch das Unechte in den Kauf zu\nnehmen. Dass die „Deutsche Sängerhalle\" unter derarti-\ngen Sammelwerken einen sehr hervorragenden Platz ein-\nnimmt, hat sie durch alle bisherigen Lieferungen bewie-\nsen, und auch die vorliegende reiht sich den früheren wür-\ndig an. Die Gesänge sind alle von einem gesunden, frischen\nund kräftigen Geiste durchweht und insbesondere den be-\nscheidenen Anforderungen unserer Provincial-Gesangver-\neine vollkommen angepasst. Die grösste und verdienteste\nVerbreitung dürfte wohl dem Wanderliede von Methfessel\nzu Theil werden, einer Composition, die man sich versucht\nhalten möchte, dem liebenswürdigen, sinnigen Mendelssohn\nzuzuschreiben. „ Waldrose\" von Billeter ist ein anspruchs-\nloser, aber inniger Erguss zarter Lyrik und wird, mit\nAusdruck und Feinheit vorgetragen, seine Wirkung nicht\nverfehlen. „Ossian\" von J. Beschnitt und „Saul\" von Franz\nAbt sind Männerchöre von echtem Schrot und Korn, der\nerstere mehr dramatisch gehalten, der letztere mit einem\ngewissen körnigen, hausbackenen Humor. Bezüglich des\nohne Zweifel sangbaren und ausdrucksvollen Liedes von\nOberhofer sei mir die Bemerkung erlaubt, dass es durch-\naus nicht die Aufgabe des Liedes sein könne, jede ein-\nzelne lyrische Situation dramatisch wahr darzustellen. Mei-\nnes Erachtens soll dasselbe den allgemeinen Ausdruck\neiner lyrischen Stimmung bilden, die sich allerdings ver-\nschiedenartig äussert, aber doch wieder in diesen einzelnen\nAeusserungen auf die einheitliche Grundlage zurückweist\nund zurückführt.\n\nDr. D. M.\n\nFerdinand Stegmayer\nGeboren 1804, gestorben zu Wien 6. Mai 1863.\n(Nekrolog.)\n*).\nVorgestern ist ein Mann begraben worden, dem alle,\ndie ihn näher gekannt, das Zeugniss eines guten Menschen\nund eines echten Künstlers geben können. Ferdinand\nStegmayer, von frühester Jugend auf in Musik lebend\nund wirkend als Spieler, Lehrer, Componist und Dirigent,\nwar schon in seiner Jugend in Oesterreich, seinem Heimat-\nlande, musicalisch thätig, wenn auch nicht in hervorragen-\nder Weise. Ein frisches Talent, schnelles Verständniss,\nreiche, überströmende Einbildungskraft und eine glühende\nBegeisterung waren ihm gewährt, dagegen aber die kluge\n\n*) Alis den wiener ~Recensionenu."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "174", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630530-01.1.6", "texte": "Berechnung und der ordnende Sinn des Praktikers seiner\nNatur versagt, die auch nicht durch leine Bildung zur Lö-\nsung höherer Aufgaben vorbereitet wurde. Unsteten Sinnes,\nverlässlich nur im Punkte ehrenhafter Uneigennützigkeit\nund künstlerischer Begeisterung, wanderte er, oft rath- und\nhülflos, doch fast immer wohlgemuth von Ort zu Ort, von\nStadt zu Stadt, von Amt zu Amt. Ueberall machte er sich\nschnell alle diejenigen zu warmen Freunden, die in ihm\nentweder den gemüthlichen Kunstgenossen oder den mu-\nsicalisch begabten und musikbegeisterten Führer kennen\nlernten. Doch ermüdete er die Freundschaft bald durch\nsein derbes Wesen, dessen Humor die Rücksichten der\nLebensart nicht kannte und nicht leicht Jemandem zu Ge-\nfallen eine unangenehme Meinung zurückhielt; er ermü-\ndete sie ferner durch die Unzuverlässigkeit, mit der er, sei-\nnes eigenen Vortheils vergessend, die täglichen Pflichten\nseines Dirigenten- oder Lehramtes versah oder nicht ver-\nsah. Das alte Musicantenthum mit seinen Glanz- und\nKehrseiten steckte ihm in allen Gliedern. Das geschniegelte\n„Tonkünstlerwesen\" mit der Honiglippe und dem neidi-\nschen Seitenblick, mit dem Firniss der Halbbildung über\nder Gesinnungs-Gemeinheit war dem guten Stegmayer ein\nGräuel, und mit schwerer Ueberwindung bequemte er sich\nmancher Notwendigkeit des Lebens an. Diese Art zu sein\nund sich zu geben, hat ihm oft geschadet und ihn um\nmanchen Vortheil und äussere Ehre gebracht, seinem An-\ndenken und der Achtung, die ihm jetzt ins Grab folgt, thut\nsie keinen Abbruch.\nVon Leipzig aus, wo Stegmayer als Theater-Capell-\nmeister engagirt war, kam er Ende 1848 nach Wien als\nOpern-Dirigent in der Josephstadt unter Director Stöger,\ndessen Unternehmung jedoch bald in die Brüche ging. Da-\nmals wurde Stegmayer zum Chormeister des wiener Män-\nner-Gesangvereins gewählt und brachte als solcher die\nMendelssohn'sche Musik zu „Antigene\" und „Oedipus\"\nzur Aufführung. Nebenbei gab er Gesang-Lectionen, kam\nin den fünfziger Jahren als Professor des Männergesanges\nan das hiesige Conservatorium, wo er die Chorübungen\nleitete und der damaligen Direction die Gründung eines\nVereins für gemischten Chor vorschlug. 1855 dirigirte\nStegmayer im Musikvereins-Saale die Aufführung von\nJ. Ilager's Oratorium „Johannes der Täufer\" und leitete\nzu jener Zeit auch bei den Gesellschafts-Concerten die\nChöre.\nAls mittlerweile sein oben erwähnter Vorschlag von\nder Gesellschafts-Direction in allzu lange Erwägung gezo-\ngen wurde, verliess er seine Stellung und gründete 1858\nim Vereine mit den Herren Egger, Esser, Lewy, Lorenz,\nMartin, Rick, Schläger und Schmidt die Sing-Akade-\nraie, worauf dann besagte Direction mit der Gründung\ndes Singvereins nachfolgte.\nEs ist jetzt nicht der Augenblick, auf die mancherlei\nPhasen des Erfolgs und des Misscredits, welche die Sing-\nAkademie durchgemacht, zurückzukommen. Genug, dass\nStegmayer sich mit der Gründung dieses der „Belebung\nund Förderung echten Kunstsinnes durch Uebung und\nAufführung der gediegensten Chorwerke älterer und neue-\nrer Meister\" gewidmeten Institutes ein geschichtliches Ver-\ndienst um die wiener Musikzustände erworben hat, dass\nes ihm aber nicht gegönnt war, das Institut, dem er doch\nmit begeistert stolzer Hingebung anhing, auf jener Höhe\nzu erhalten, wohin es sich Anfangs unter seiner Führung\naufgeschwungen. Die Unregelmässigkeit seines Wirkens,\nwelches zwischen begeistertem Aufschwung und grollender\nEntmuthigung keine Mitte fand, war gerade da, wo es\nsich um das Zusammenhalten leicht zerstreuter Dilettanten-\nkräfte handelte, unheilvoll, wenn auch vielleicht selten\nJemand in dem Grade wie Stegmayer die Gabe der An-\nfeuerung, der Steigerung der ihm unterstehenden Kräfte\nbesass. Dessgleichen in musicalischer Beziehung: so unvoll-\nkommen (ja, oft verwirrend) sein Tactgeben war, so ver-\nständnissvoll war sein Einstudiren derjenigen Werke, die\ner selbst mit Liebe in sich aufgenommen hatte, so künst-\nlerisch beseelt seine Führung im entscheidenden Momente\nvor dem an ihn gewöhnten Körper.\nZu jenen Mängeln seiner Natur und seiner Bildung\ngesellte sich (theilweise auch als eine Folge davon) die ma-\nterielle Noth, die um so höher stieg, je mehr seine Kräfte\nden Einfluss des Alters verspürten. Director Eckert nahm\nihn als Capellmeister ins Operntheater, wo er jedoch den\nAnforderungen an den praktischen Capellmeister-Dienst\nnicht mehr genügen konnte und nach einem Jahre austrat,\nins Karltheater kam, wo er im Dirigiren von Possen und\nOperetten weder der Direction genügte, noch künstlerisch\ngedeihen konnte. Diese beiden Engagements lähmten we-\nsentlich seine gleichzeitige Thätigkeit als Dirigent der Sing-\nAkademie. Im Frühjahre 1861 jedoch und im folgenden\nWinter raffte er noch einmal alle seine Kräfte zusammen\nund brachte die Aufführung der Bach'schen Matthäus-\nPassion zu Stande die letzte und schönste künstlerische\nLeistung seines bewegten Lebens. Seitdem kränkelte er\nphysisch und moralisch künstlerisch hatte er ausgelebt.\nUmsonst aber hat er nicht gelebt; trotz seiner Fehler\nhat er der Kunst treuer gedient, als viele seiner glückliche-\nren Fachgenossen. Sein künstlerisches Gewissen war fein\nbesaitet; er hat manche Höhe nicht erreicht, weil er sich\nnicht bücken und nicht drücken konnte noch wollte. In\ndiesem Sinne vor Allem darf das musicalische Wien sei-\nner mit Achtung gedenken. Man hat ihn oft verkannt"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "175", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630530-01.1.7", "texte": "aber nicht umsonst sagt der Dichter: „Nur das Gemeine\nverkennt man selten. Und das Seltene vergisst man\nschwerlich.\"\n\nScheinkunst und Scheinkritik.\nLouise Nitzsche. geb. Kindscher.\nDie vollkommene Beherrschung des Technischen in\nder Kunst ist eben so nothwendig zur Herstellung eines\nreinen Kunstgenusses, wie die Ungetrübtheit eines Glases\nzur Helligkeit der durchschimmernden Flamme. Die Summe\nder Fertigkeit, die äussere Form bruchlos frei und schön\nselbst bei den grössten Schwierigkeiten darzubieten, ist\nVirtuosität. Diese glänzende Eigenschaft ist nach und nach\nauf musicalischem Gebiete zu einer Höhe gelangt, die kaum\nnoch überstiegen werden dürfte. Als geeignetstes Mittel\nzur vollkommen künstlerischen Aussprache bleibt sie jedoch\nnur Mittel, weil das Auszusprechende, die Idee, das gei-\nstige Motiv das Primitive, die Technik erst das Secundäre\nabgibt. Die ausgebildetste Virtuosität ist nur in der innig-\nsten Verbindung mit dem Gedanken Etwas: der schön ge-\ngliederte, leicht bewegliche Leib für die Seele—ohne Seele\ntodt! Letzteres ist nicht genug zu betonen in einer Zeit,\nwo die blendende Kunstfertigkeit so oft für Kunst ausge-\ngeben wird, wo das emancipirte Virtuosenthum sowohl\nProductive als Reproductive angesteckt hat und nicht mehr\ndanach fragt, was dargestellt werden soll, wenn es nur\nsich darstellt.\nGegen dieses Getriebe von Prahlerei und hohlem Schein\nzu kämpfen und für die Oeffentlichkeit das Echte vom Un-\nechten zu sondern, gibt es nur Ein wirksames Mittel: die\nKritik. Es fehlt zur Vertretung derselben eben nicht an\nleuchtenden Vorbildern, welche bethätigt haben, was\nwahre Kritik sei. Der Kern dieser Kunstwissenschaft\nliegt im geläuterten Erkennen, das nur den Einen Maass-\nstab zur Beurtheilung anwendet, welchen die allgemein\ngültigen ästhetischen Anforderungen bestimmen. Nur erst\nbei möglichst objectivem Verhalten, bei durchgebildetem\nWissen und klarer Darstellung kann ein reines Spiegelbild\nfür das Kunsterzeugniss entstehen. Somit wird wahre Kritik\nniemals verkleinern oder vergrössern, sondern verdeut-\nlichen, indem sie empfangene Eindrücke und Wahrneh-\nmungen im Lichte der Erkenntniss festhält und erläuternd\nzurückgibt. Auf diesem Wege nur lässt sich die Kunst zur\nSelbstbeschaulichkeit führen und für das Schaffen und Be-\nurtheilen eine fördernde Wechselwirkung denken. Doch\nwas soll Kritik vermögen gegen das Entheiligen und blosse\nScheinen der Kunst, wenn sie selbst zum Scheine greift\nund die Aerzte von der Krankheit, welche sie hätten heilen\nsollen, angesteckt sind! Ja, man möchte behaupten, dass\nScheinkritik mehr Unheil für die Kunst stifte, als die\nScheinkunst selbst, weil Verkehrtes und Gesinnungsloses,\nwenn es nur geistreich und mit dem Tone der Ueberzeu-\ngung ausgesprochen wird, oft zur Annahme verführt. Das\nbezeugt z. B. die Verbreitung neuer so genannter Kunst-\nPhilosopheme, welche an und für sich nur Trugschlüsse\nsind, äusserlich aber im Gewände sprachlicher Tüchtigkeit\ndem Laien als unfehlbar erscheinen. „Wahrheit in Klar-\nheit!\" dieser Anforderung müsste jede Kritik genügen,\ndenn obwohl der Ausspruch des Kritikers stets gewinnt,\nwenn er sich in anziehendem Stil und schöner Bedeform\ndarstellt, so wird er nur dann fördernd und werthvoll,\nwenn ihn gründliches Wissen und ehrliche Gesinnung er-\nzeugt. Was tritt uns aber in Zeitungs-Artikeln mitunter\nKritisches entgegen?! Virtuosität der Schreibart, welche\ndurch das Blendende, wie etwas gesagt wird, für das\nwas zu entschädigen trachtet; Mehrdeutigkeit des Aus-\ndrucks, diplomatisch gegeben, um wenigstens den Schein\nder Ehrlichkeit für sich zu haben; spitzfindige Beweisfüh-\nrungen, um methodisch zu vertheidigen, was sich nicht\nvertheidigen lässt. Wie oft iiiessen auch Musik-Urtheile\naus un musicalischen Köpfen in stilfähige Federn, denn\nes gibt unter den Gebildeten Viele, nach deren Begriffen\nJeder sich berechtigt fühlen darf, über Musik zu schrei-\nben, ohne darin eingeweiht zu sein. Beiläufig gesagt, stellen\ngerade diese Art Leute das grösste Contingent für die Sache\nder „Zukunft\". Sodann will auch subjective Ansicht und\npersönliche Meinung sich oft schon für Kritik • halten, als\nob der Kunstbetrachtung mit gefärbten Gläsern gedient\nsein könnte! Endlich müssen wir der niedrigsten Art von\nScheinkritik erwähnen, welche als Schmarotzergewächs\nI\nbekannt ist und den Namen Reclame führt. Auf welchem\nWege sie zu Stande kommen mag, immer ist sie entehrend\nfür Künstler und Kunstvertretende, obwohl unberufene\nZungen dahin überreden möchten, dass sie in jetziger Zeit\nein nothwendiges Uebel sei.\nNächst dem Vorhandensein des Guten und Schönen\nist das „Sichklarwerden\" darüber am werthvollsten für\nBildung überhaupt, und nur durch richtige Veranschau-\nlichung der Kunst kann erst ihr Hauptzweck, Veredlung\ndes Menschen, erreicht werden. Lessing, Jean Paul, Goethe.\nSchiller und Andere haben die Kritik glänzend festgestellt,\nund auch unsere Zeit liefert in guten Fachblättern Kunst-\nbesprechungen, die belehren, erleuchten, begeistern und\noftmals einen zweiten Kunstgenuss gewähren. An solche,\ndie nur die Kunst selbst., nicht Parteizwecke im Auge ha-\nben, halte sich der Künstler und Kunstfreund als beste\nVerwahrung gegen die Scheinkritik."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "176", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630530-01.1.8", "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nDas 40. nieder rheinische Musikfest ist zu Düsseldorf\nan den drei Pfingsttagen vom 24.—2 G. Mai unter der Direction des\nHerrn Otto Goldschmidt aus Hamburg, gegenwärtig in London\nwohnhaft, und des Herrn Tausch von Düsseldorf unter dem Zu-\nströmen von nahe an 2000 Zuhörern gefeiert worden. Grossen Er-\nfolg hatten die Aufführungen des Elias von Mendelssohn, dann\nvor Allem der Cäcilien-O de von Händel, des dritten Theiles der\nvon J. Haydn, sowohl durch den Gesammt-Ein-\ndruck der Leistungen des Chors (780) und des Orchesters (140), als\ndurch die begeisternden Solo-Vorträge einer Jenny Goldschmidt-\nLind, eines Stock hausen und Dr. Gunz und des Fräuleins\nvon Edelsberg (Alt) aus München. Die Einnahme hat 13,000\nThlr. überstiegen. Ausführlichere Berichte in den nächsten Nummern.\n* Münster. Mit dem zwölften Concerte am 9. Mai sind\nunsere Vereins-Concerte, welche unter der geschickten und um-\nsichtigen Leitung des Musik-Directors Herrn Jul. O. Grimm uns\nschöne Kunstgenüsse geboten haben, geschlossen worden. Im ersten\nTheile hörten wir Cherubini's Ouvertüre zum Wasserträger, zwei\nLieder (für eine Altstimme) von Mendelssohn und Schubert,\ndas Concert in A-nnoll für Violine von Rode, gespielt von Herrn\nConcertmeister G. A. Bargheer, und eine Neuigkeit von J. O.\nGrimm für Soli, Chor und Orchester auf ein Gedicht: ~Seele\nund Ton\", von Levin Schücking. Das Werk (Manuscript) hat\nmit Recht ausserordentlichen Erfolg gehabt; es ist eine schöne, von\nErfindungs-Talent und geschickter Stimmführung zeugende Compo-\nsition. deren Herausgabe, da es immer noch an vocalen Concert-\nstücken von mässigem Umfange fehlt, allen Gesangvereinen und\nConcert-Anstalten sehr willkommen sein würde.\nBeethoven's sieben Trios für Geigen und Bläser sind in\nPartitur neu erschienen in Holle's Verlag zu dem Preise von 1 Thlr.\nfür 80 Seiten in der gewohnten Ausstattung. Vor Kurzem sind auch\ndie siebeuzehn Geigen-Quartette in Partitur zu 3 Thlrn. von dem-\nselben Verleger neu herausgegeben. Bei Beiden wünschten wir etwas\ngrösseren Druck für alte Augen, während uns sonst die Sache gar\nwohl gefällt und dem Studium sowohl als der Verbreitung mit den\nwohlfeilen Ausgaben gedient ist. Auch die Einzelstimmen sind in\ndemselben Verlage in verhältnissmässiger Billigkeit erschienen. Den\nInhalt anlangend, bemerken wir, dass die fünf ersten Stücke des vor-\nliegenden Bandes Geigen-Trios sind Violine, Viola, Violon-\ncello und ziemlich bekannt, auch in Ciavierbearbeitungen ver-\nbreitet. Im Original gehört, überrascht die schöne Vollstimmigkeit\ndes Klanges und der specifische Geigenton. Diese wahre Instru-\nmentalität zeichnet die Beethoven'schen Trios und Quartetten vor\nvielen späteren aus und wird nur von Haydn und Mozart übertrof-\nfen, nicht an Fülle, aber an Süssigkeit. Das sechste Trio ist die\nebenfalls bekannte und oft arrangirte Serenade Op. 95 D-dur für\nFlöte, obere und mittlere Geige: etwas spielend und unbedeutend.\nWenig bekannt wird das siebente Trio sein für zwei Oboen und eng-\nlisch Horn, Op. 87 C-dur, auch in leichtfertigem Tone, aber bei\nWeitem geistreicher, als das vorige; ein niedßch eleganter Haupt-\nsatz, ein sentimentales Adagio und neckendes Menuett-Scherzo, end-\nlich ein allerliebstes Finale voll heiteren Humors in Haydn's Stil.\nE. K.\nAm 14. d. Mts. starb in Mainz der in den weitesten Kreisen\nbekannte Componist Ferdin an d B ey er nach langen und schweren\nLeiden schnell und schmerzlos an einem Schlagflusse. Der Hinge-\nschiedene war von allen, die ihn kannten, seiner unermüdlichen\nThätigkeit und seines ehrenhaften, biederen Charakters wegen ge-\nliebt und geachtet."}]}