{"numero_id": "bm-bmtnabi-1863-08-01-01", "volume": "bmtnabi_1863-08-01_01", "ocr_sha256": "865ed99b4409a4338ef1bb70fcf778ac78e19a5f41a4a9ddf19b7815ab238b6b", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1863/08/01_01/bmtnabi_1863-08-01_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630801-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1863-08-01-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1863-08-01_01#c001", "volume": "bmtnabi_1863-08-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "241", "page_fin": "241", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630801-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "241", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630801-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 353, "texte": "Inhalt.\nJohann Paul Martini (Lebensskizze). Von Dr. Pf. Ueber Harmonielehre. —■ Beiträge zur Charakteristik heutiger\nKritik. Ein Brief von Rossini an Frau Mathilde Marchesi. Tages- und Unterhaltungsblatt (Köln, Musicalische Gesellschaft,\nHerr Theodor Formes Wien, Hof-Operntheater Fest-Programm des strassburger Sängerfestes Zur Harmonielehre AnekdoteJ."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1863-08-01-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1863-08-01_01#c002", "volume": "bmtnabi_1863-08-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "241", "page_fin": "245", "image_debut": 1, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630801-01.2.2", "titre_corps": "Johann Paul Martini.", "titre_sommaire": "Johann Paul Martini.", "signature_source": "Pf", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "241", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630801-01.1.1", "debut_caractere": 355, "fin_caractere_exclue": 4146, "texte": "Johann Paul Martini.\n\nZwischen Nürnberg und Eichstädt liegt an dem stillen\nUfer der Schwarzacb, von heiteren Höhen eingeschlossen,\ndas Städtchen Freistadt, das über seine Berge hinaus\nwenig gekannt oder genannt ist. Hier wurde um das Jahr\n1730 Andreas Martin aus Hochstädt an der Aisch als\nSchullehrer und Organist sesshaft und heirathete die Toch-\nter eines armen Drahtziehers, Maria Barbara Aysch.\nSeine Ehe war mit zehn Kindern gesegnet, und es begreift\nsich leicht, dass der gute Schulmeister an den Unterricht\nund die Ausbildung aller oder auch nur einzelner nicht\nviel zu wenden vermochte. Das sechste seiner Kinder war\nein Knabe, der, am 31. August 1740 geboren, in der\nTaufe die Namen Johann Paul Aegidius erhielt. Als\nder zehnjährige Knabe mit der Kenntniss des Katechismus\nund der Noten, worin der Vater ihn sorgfältig unterwie-\nsen halte, wohl ausgerüstet und im Besitze einer hellen\nStimme und des väterlichen Segens, als der alleinigen Aus-\nstattung und Mitgabe, fröhlichen Gemüthes 1750 nach\nNeuburg an der Donau wanderte, wer hätte da sagen mö-\ngen, dass diesen Knaben Frankreich eines Tages als einen\nOrpheus ehren würde! Johann Paul erhielt in dem Se-\nminar zu Neuburg unentgeltliche Aufnahme, und an dem\ndortigen Gymnasium, welches gleich wie das Seminar mit\nJesuiten besetzt war, den gebräuchlichen Unterricht im\nLatein und in den damals nicht viel mehr als dies umfas-\nsenden Schulwissenschaften. Nach der Beendigung des\nGymnasial-Cursus wanderte der junge Martin 1758 nach\nFreiburg im Breisgau, um an der dortigen Universität\nPhilosophie zu studiren. Den kargen Lebensunterhalt er-\nwarb sich der Jüngling durch Ertheilung von Unterricht\nund indem er bei den Franciscanern als Organist aushalf,\nda er im Orgelspiel als Seminarist bereits Uebung erwor-\nben hatte.\nSo war der fähige und tleissige Jüngling an jener ver-\nhängnissvollen Gränzscheide seines Lebens angelangt, wo\ner sich fragen und entscheiden musste, welche Strasse er\nfürbass wandern und wie er das tägliche Brod für alle\nZeit sich erwerben wolle. Er verspürte keine Neigung in\nsich, die Kutte eines Mönches anzuziehen, auch nicht, sich\nzum Priester weihen zu lassen, und ein anderer Weg stand\nin damaliger Zeit dem mittellosen Jünglinge kaum offen,\ndenn um die Bechtswissenschaft oder die Heilkunde zu\nstudiren, musste er ein Capital einzusetzen haben, und er\ntagwerkte um sein tägliches Brod! Noth und Verlegenheit\nbevölkerte damals die Klöster und den Priesterstand mit\nvielen Unberufenen, und das wahrlich nicht zum Vortheil\nder Kirche. Aber was unter so bewandten Umständen\nwählen und beginnen? Eine Frage, welche so manchen\nmit schönen Gaben und edlem Gemüthe ausgerüsteten\nJüngling bei Tage um die heitere Stimmung des Geistes,\ndes Nachts um die Erquickung eines ruhigen Schlafes\nbringt. „Es ist nichts leichter,\" sagt ein geistreicher Schrift-\nsteller, „als von achtbaren Eltern geboren werden, einen\nguten Schulunterricht geniessen, mit Sittsamkeit und Geld\neine hohe Schule beziehen, im schwarzen Frack die Bunde\nbei den Staatsmännern machen, die ein Amt zu vergeben\nhaben, es glücklich erhalten, den Eid der Treue schwören\nund treu dem Geiste, in welchem das Gehalt vierteljährig\nausbezahlt wird, fünfzig Jahre darin verharren, steigen bis\nzum Wirklichen Gebeimen Käthe, und mit Orden bedeckt,\nvon Kindern und Enkeln umringt, ein ehrlich erworbenes\nkleines Vermögen hinterlassend, das Zeitliche segnen. Aber\nes ist sehr schwer, ohne jene Vorbedingungen, ohne wohl-\nwollenden Bath und einflussreiche Leitung sein eigener\nBerather und Führer zu sein, in gebrechlichem Nachen\nohne Proviant und Steuerruder auf das klippenreiche und\nstürmische Meer des Lebens hinausgetrieben, einen siche-\nren Hafen zu finden, und trotz des sorgen- und mühevollen\nKampfes um des Lebens Nothdurft sich unbefleckt durch"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "242", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630801-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5527, "texte": "dasselbe durchzuringen und der Nachwelt dennoch rühm-\nliche Spuren unseres Daseins zurückzulassen. Männer, wel-\nchen dies unter solchen Hindernissen zu vollbringen gelingt,\nverdienen unsere ganze Hochachtung.\" Und dieser Männer\neiner war Martin.\nDie Tonkunst liebend, wie der Jüngling seine Braut,\nbeschloss der junge Student, ihr sein Leben zu widmen;\naber wie und wo? Im Heimatlande? Um in München Be-\nachtung zu finden, hätte er damals Italiäner sein müssen,\nund er war leider ein Eingeborener! Wies doch der\nseines Kunstsinnes wegen vielbelobte Kurfürst Max Joseph\nnoch 1775 den schon bewährten jungen Mozart, als er\num ein bescheidenes Plätzchen in der Capelle.bat, mit den\nWorten ab: Es ist keine Vacatur vorhanden.—Nach dem\nTode einer geliebten Mutter, und mit deren Nachfolgerin\nim Hause des Vaters zerfallen, fühlte sich Martin durch\nnichts mehr an das Heimatland gebunden und beschloss,\nin die weite Welt zu gehen. Ungewiss, nach welcher Welt-\ngegend er seine Schritte lenken sollte, wollte er das Schick-\nsal durch ein Augurium befragen, bestieg einen der Thürme\nFreiburgs und liess von der Höhe desselben eine Flaum-\nfeder in die Luft fliegen. Da der Wind sie westwärts trug,\nso setzte er seinen Pilgerstab über den Rhein.\nDem wandernden Studenten öffneten sich damals noch\ndie gastlichen Thüren der Klöster, und so kam er mit\nknapper Börse bis Nancy. Hier fand er in dem Orgel-\nbauer Dupont (sein Name sei in Ehren!) einen jener\nMänner, die auch für einen fremden Jüngling Vatergefühl\nzu empfinden vermögen und sich zu Rath und Hülfe ge-\nneigt erweisen. Dieser nahm sich des deutschen Studenten\nan, verschaffte ihm Gelegenheit, durch Unterricht im Cla-\nvierspiel Brod zu verdienen, und ward ihm Rathgeber und\nWohlthäter zugleich. Fetis erzählt, Martin habe eigent-\nlich Sch warzendorf geheissen, hier aber nach dem\nRathe seines Gönners diesen für Franzosen unaussprech-\nlichen Namen mit dem wohllautenderen Martini ver-\ntauscht. Wie Fötis zu dieser seltsamen Angabe gekommen,\nist räthselhaft, es wäre denn, dass unser Landsmann sich\nden Namen „SchwarzendorP bei seiner Auswanderung\nbeigelegt haben sollte. Eine Veränderung seines Namens\nnahm der junge Künstler allerdings vor, indem er demsel-\nben ein i anhängte; dies soll jedoch erst geschehen sein,\nals er nach Paris kam, wie Grimm berichtet. Martini\nbesass damals, wie derselbe Biograph versichert, in der\nTheorie der Musik erst geringe Kenntnisse, studirte aber\njetzt eifrigst einige Anleitungen zur Harmonie, las die Par-\ntituren tüchtiger Meister und versuchte sich sofort selbst im\nComponiren. Es geschah dies mit so glücklichem Erfolg, dass\ner am Hofe König Stanislaus' von Polen, der zu Nancy\nresidirte, Aufmerksamkeit erregte. Der junge Künstler ge-\nwann sich durch seine Leistungen und die anspruchslose\nGutmüthigkeit, die er aus Baiern mitgebracht hatte, Gön-\nner und Freunde, erlangte vom Hofe eine kleine Besoldung\nund bald auch die Hand eines schönen und liebenswürdi-\ngen Mädchens dazu. So halte sich seine Lage in kurzer\nZeit erfreulich genug gestaltet, und er pries in glücklichen\nStunden die Flaumfeder, die ihm den Weg zu seinem\nGlücke gezeigt. Da starb König Stanislaus und die Lage\ndes jungen Ehemannes wurde eine sehr missliche. Auf den\nRath einsichtsvoller Freunde beschloss er, für seine Thä-\ntigkeit ein weiteres Feld aufzusuchen und nach der Haupt-\nstadt Frankreichs zu ziehen. Der Aufenthalt in Nancy war\nihm eine vortreff lich bildende Vorschule für grössere Ver-\nhältnisse gewesen, und die bisherigen Erfolge gaben ihm\ndas Gefühl einer Zukunft.\nMartini langte zu Paris in einer für ihn glücklichen\nStunde an. Der Hof wünschte für die Schweizergarde\neinen neuen Marsch und hatte einen Preis auf die gelun-\ngenste Composition gesetzt. Der junge Componist mischte\nsich unter die Bewerber, und als sein Werk im Schloss-\nhofe von Versailles zum ersten Male gespielt wurde, fand\nes solchen Beifall, dass der Herzog von Choiseul, da-\nmals General-Oberst der Schweizer, sich den jungen deut-\nschen Componisten vorstellen liess und ihm seine Protection\nzusicherte. Der Grund zu seinem Glücke war somit gelegt,\nund es war nur seine Sache, sich diese hohe Protection zu\nerhalten. Unser Landsmann erwarb sich nicht unerhebliche\nVerdienste um die Militärmusik in Frankreich, wie\nChoron versichert. „Er war\", sagt dieser Lexikograph der\nMusiker, „einer derjenigen, welche für die Ausbildung\nder Hautboisten-Corps am meisten wirkten; er lieferte zur\nZeit, wo er in Diensten des Prinzen von stand, eine\ngrosse Anzahl von Compositionen für Blas-Instrumente,\nweil alle Obersten für ihre Regimenter Compositionen von\nMartini haben wollten. In Anerkennung dieser Verdienste\nwurde Martini durch ein Patent, das ihn zum Officier\nmite ernannte, ausgezeichnet*).\nDie Militärmusik war es übrigens nicht allein, die\nMartini's schöpferisches Talent beschäftigte, er componirte\nauch viele Kammermusik-Stücke, von denen mehrere\ngestochen, aber vergessen und selten geworden sind. Sein\nRuf verschaffte ihm die Stelle eines Directors der Capelle\n\n*) Durch diese Rangverleihung liess Schilling sich verlocken,\nin seinem „Universal-Lexikon der Tonkunst\" (Stuttgart, J827)\nüber den liebenswürdigen Componisten, von dem er wenig\noder nichts wusste, folgenden drolligen Roman zu componiren :\n„Johann Martin, mit dem Zunamen il Tedesco, war aus Baiern\ngebürtig, lebte aber schon seit 17G0 zu Paris, ward hier Sol-\ndat, als welcher er bis zum Rittmeister beim Husaren-Regi-\nment Chamboran avancirte, machte die Revolution und mehrere\nFeldziige mit und starb gegen 1809\".!"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "243", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630801-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5340, "texte": "des Prinzen von Conde, und als 1771 die Vermählung\ndes jungen Herzogs von Bourbon gefeiert wurde, compo-\nriirte er eine Gelegenheits-Oper:\nans\", deren Aufführung wahren Enthusiasmus erregte.\nGrimm sagte damals in seiner Correspondance: „Diese\nMusik ist der erste Versuch eines jungen Menschen, der\nMartini heisst. Ich glaube, er ist ein Deutscher; wenn er\nein Franzose ist, so genügt eine einzige seiner Arien, um\nsich zu überzeugen, dass er sein Metier versteht. Man wird\nin seiner Musik eine grosse Leichtigkeit des Stils und die\nSpuren einer guten Schule gewahr.\"\nMartini hatte damit ein Gebiet betreten, auf dem er\nentscheidende Triumphe errungen und seinen Namen ver-\newigt hat. Martine, ein pariser Gelehrter, aus Genf ge-\nbürtig, äussert sich in seinem Buche: De la Musique dra-\nmatique en France, Paris; 1813, 8., in welchem er eine\ngrosse Vorliebe für die Musik der älteren französichen\nkomischen Oper und Operette im Gegensatze zu der neue-\nren grossen und kleinen Oper offenbart, bespricht Marti-\nni's Leistungen eingehend und sagt unter Anderem: „Die\nMusik zu dem Amoureux de quinze ans, womit Martini\ndie lyrische Laufbahn betrat, würde heute nicht mehr den-\nselben Beifall finden, den sie ihrer Zeit gefunden hat. Es\ngab damals wenig gute Vorbilder. Sie enthält einige an-\ngenehme und gefällige Melodieen, wie die Arie des Mar-\nquis: Si je la gronde,die der Gouvernante:\nelever l'enfance,und die Gesänge der Landleute im zwei-\nten Acte, deren einfacher und naiver Charakter dem Orte\nund den Personen angemessen ist; allein mit Ausnahme\ndieser Stücke fehlt es der Musik an Originalität und Cha-\nrakter. Die Musik zu „Henry IV. ou la Bataille d'lvry\"\n(eine Operette, die 1774 auf die Bretter kam) gibt zu\ndenselben Bemerkungen Anlass. Allein wenn der Gesang\nzu wünschen übrig lässt, so ist die Instrumentirung dage-\ngen glänzend und hinreissend. Ich kenne keine schönere\nOuvertüre, als die zu Henry IV. Gesangreich, ausdrucks-\nvoll, durch gefällige Abwechslung der Blas- und Streich-\nInstrumente reizend und mit grosser Kunst durchgeführt,\nbringt sie die glücklichste Wirkung hervor und wird über-\nall gefallen. Die beiden Zwischenacte und der Marsch\ndocumentiren nicht weniger Talent, als die Ouvertüre.\nMan muss bedauern, dass man diese Ouvertüre nicht mehr\nzu hören bekommt. Wenn man das Stück nicht mehr gibt,\nwarum erweist man nicht wenigstens der Ouvertüre die-\nselbe Ehre, wie der zu Le jeune Henry von Mehul? Sie\nkann den Vergleich mit dieser vollkommen aushalten.\"\n„Ueber Mangel an Charakter und Originalität, den man\nden Arien seiner ersten Oper zum Vorwurf machte, kann\nman\", fährt Martine fort, „bei der Oper „Le droit du\nSeigneur\" nicht klagen. Das glänzende Talent, welches\nMarlini hier beurkundet, lässt vermuthen, dass, wenn ihm\ndie Texte günstiger gewesen wären, er auch in den frühe-\nren Opern noch Vorzüglicheres geleistet haben würde. In\nder Ouvertüre, worin er das Erwachen der Natur malt,\ngehen die verschiedenen Bilder, welche das Landleben am\nMorgen charakterisiren, an unserer Phantasie vorüber; das\nMotiv, mit welchem sie schliesst, ist voll Frische. Die Chöre\nsind mannigfaltig, schwunghaft und ausdrucksvoll; die bei-\nden Finales wahre Meisterstücke.\"\nIch übergehe, was Martine über die einzelnen Musik-\nstücke Rühmliches sagt. Er schliesst mit der Bemerkung,\ndass, wenn Martini auch nichts als diese Oper geschrieben\nhätte, er als ausgezeichneter Componist geachtet werden\nmüsste.\nAus den Diensten des Prinzen von Conde trat Martini\nin die des damaligen Grafen von Artois, der als Karl X.\nunrühmlichen Andenkens nachmals über Frankreich re-\ngierte. Als das Theätre de merrichtet wurde, um\ndie Oper der Franzosen und die buffa der Italiäner\ndarauf zu vereinigen, wurde Martini als Capellmeister an\ndie Spitze desselben gestellt, allein nach den Ereignissen\nvom 10. August 1792 verlor er nebst allen übrigen Aem-\ntern und Pensionen, womit seine Verdienste um die müsi-\ncalische Bildung vom französischen Hofe belohnt worden\nwaren, auch diese Stelle.\nSeines Einkommens beraubt und besorgt, dass ihm\nseine frühere Stellung zum königlichen Hofe und seine An-\nhänglichkeit an die königliche Familie Verfolgungen zu-\nziehen könnten, verliess er in jener Schreckenszeit heimlich\nParis und zog sich nach Lyon zurück, wo er seine „3Ie-\nlopee moderne ou l'art du chant\" vollendete und heraus-\ngab, zum grössten Theile eine französische Bearbeitung\nvon Hiller's Gesanglehre. Gretry, der bekanntlich nicht\nleicht etwas lobte, sagte darüber in einem Vortrage, den\ner bei der Preisverteilung des Conservatoires hielt: „Alles,\nwas dieser unterrichtete Mann sagt, ist vollkommen wahr.\nIch bedaure, Martini im Conservatoire der Musik nicht\nneben mir zu erblicken. Er verdiente mehr als ich, einen\nPlatz in dieser nützlichen Anstalt einzunehmen, denn er ist\nmethodischer und lehrreicher.\" Nach einer solchen öffent-\nlichen Anerkennung, welche dem würdigen Gretry nicht\nminder Ehre macht, als unserem Landsmanne, konnte\nseine Berufung an das Conservatoire nicht ausbleiben, und\nso wurde er denn 1798 einer der fünf Inspectoren\ndieser Anstalt.\nNach seinem geliebten Paris war er schon im Jahre\n1794 wieder zurückgekehrt und hatte bald nach seiner\nRückkehr die Oper „Sappho\" zur Aufführung gebracht.\n„Diese Oper ist\", wie es in der Biographie des Contem-\nporains von Arnault u. s. w. heisst, „unstreitig das schönste\n\n[*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "244", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630801-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5538, "texte": "Werk des berühmten Meisters.\" Sie fand solchen Beifall,\ndass sie über hundert Mal fast hinter einander gegeben\nwerden musste. Und sie verdankte ihre Anziehungskraft\nnicht einer Oeffnung der Gräber gespenstischer Nonnen\noder einer Schlittschuh-Partie, sondern allein dem bezau-\nbernden Heize der Töne, (Ebendaselbst.)\nIm Jahre 1804 gab Marlini seine Orgelschule\nheraus. Er war jetzt ein Sechsziger, und man wollte finden,\ndass weder er noch einige seiner gefeierten Collegen mehr\n„auf der Höhe der Zeit\" ständen, und so wurden denn,\nnachdem Gretry seine Entlassung genommen hatte, auch\nMontigny, Lesueur und Martini aus dem Conservatoire\nentfernt.\nDie Restauration brachte dem alten Manne die Gönner\nseiner Jugend zurück und krönte seine letzten Lebenstage\nnoch mit Ehren und Auszeichnungen. Schon vor der Revo-\nlution zur Anwartschaft auf die Stelle eines Ober-Musik-\nIntendanten am königlichen Hofe gelangt, trat er jetzt (10.\nMai 1814) in den Besitz dieses ehrenvollen Amtes; auch\nverlieh ihm der König am 1. Januar 1816 das Grosskreuz\ndes St.-Michaels-Ordens. Voll Dankgelühls für diese Aus-\nzeichnung Hess Martini am 21. Januar 1816, de«i Todes-\ntage Ludwig's XVI., in Saint-Denis eine Todtenmesse, die\ner zu diesem Zwecke componirt hatte, aufführen, und es\nsich nicht nehmen, sie selbst zu dirigiren, obgleich er be-\nreits sehr leidend war. Die Composition wurde so gross-\nartig und ergreifend gefunden, dass die königliche Familie,\ndie dem Traueramte beigewohnt hatte, dem Componisten\nihren Dank dafür besonders ausdrücken liess. Der greise\nComponist äusserte gegen die Musiker, die ihn umstanden,\nals diese Botschaft ihm überbracht wurde, es sei das „die\nletzte Freude, die ihm würde\", er fühle, dass es mit ihm\nzu Ende gehe, und er bitte sie, diese Messe bei seiner\neigenen Todtenfeier mit eben so viel Sinn und Liebe auf-\nzulühren, wie heute. Und in der That kamen sie nur zu\nbald in den Fall, das ihm gegebene Versprechen zu halten.\nDrei Wochen später las man im Moniteur: Mr. Mar-\ntini, Surintendant de la Musique du Roi et Maltre de\nmusique de la Chapelle, auteur de la „Bataille d'lvryu,\ndu „Droit du seigneur\", de „Sappho\", d'excellentes com-\npositions d'eglise et de divers\nart tres-eslimes, vient de mourir.Er schloss am 10. Fe-\nbruar 181(3, fern vom Lande seiner Geburt, die Augen.\nAls der Sarg, in welchem die Leiche des armen Schulmei-\nstersohnes von Freistadt eingeschlossen lag, durch die\nStrassen der Hauptstadt Frankreichs gefahren wurde,\nschmückten denselben das grosse Band des St.-Michaels-\nOrdens und ein Lorberkranz; Cherubini, sein Nachfolger\nim Amte, und drei der ersten Künstler Frankreichs hiel-\nten die Zipfel des Leichentuches. So ehrte Frankreich den\nEhrenwerthen. Und das Land, das ihn geboren hatte?\nVon unseren Zeitungen hatte keine auch nur für zwei Zei-\nlen Raum übrig, um dem Vaterlande zu sagen, dass man\nfern von ihm einen seiner berühmten Söhne begraben habe.\nVielleicht weiss man in Baiern nicht einmal, dass Martini\ndort das Licht der Welt erblickte*).\n„Martini war\", sagt Fetis, „ein Mann von Talent,\nseine Operetten enthalten Stücke von der anmuthigsten\nNaivetät. Seine Melodieen sind ausdrucksvoll und drama-\ntisch, seine Romanzen, worin Garat und Boieldieu nur\nseine Nachahmer waren, können als Muster ihrer Art be-\ntrachtet werden; sein „Plaisir d'am\nment\" wird stets als ein Meisterstück von Anmuth und\nsüsser Melancholie angeführt werden.\" So urtheilt ein\nstimmberechtigter Kritiker über den Meister, dessen Schwä-\nchen ihm nicht unbekannt waren, da er den Unterricht\ndieses Meisters zu geniessen so glücklich gewesen war.\nMinder bewundernd spricht er von den religiösen Compo-\nsitionen seines Lehrers, welche vom Charakter seines Zeit-\nalters natürlich mehr an sich tragen, als lobenswerth ist.\n„Seine Compositionen für die Kirche\", sagt er, „wurden\nmehr gerühmt, als sie es verdienen; der Charakter dersel-\nben ist mehr glänzend als religiös, auch fehlt es ihnen an\nEinfachheit und Reinheit des Satzes. Martini hatte die\ntheoretischen Werke der Deutschen fleissig studirt, allein\nseine erste musicalische Bildung war eine vernachlässigte:\ner war gewisser Maassen nur sein eigener Lehrer gewe-\nsen, und die alten italiänischen Meister waren ihm fast un-\nbekannt geblieben.\"\nMartini war der erste Componist, der seine Gesänge\nmit vollständiger Begleitung von Ciavier oder Harfe stechen\nliess, während man bis dahin nur denßass, und nicht einmal\nstets beziffert, unter die Melodie zu setzen pflegte. Man\nahmte dies seitdem in allen zum Studium oder zur Unter-\nhaltung bestimmten Gesarigs-Compositionen nach, und\ndiese von ihm eingeführte Sitte hat nicht wenig beigetra-\ngen, den Geschmack am Gesänge zu verbreiten. Das war\n\n*) Hier thut der Verfasser, wie das oft bei ähnlichen Gelegen-\nheiten von unseren Landsleuten geschieht, den Deutschen Un-\nrecht. Es dürfte schwer zu beweisen sein, dass keine deutsche\nZeitung von dem Tode Martini's Notiz genommen. In Rei-\nch ar dt1 s Musicalischer Zeitung, Jahrg. 1., Nr. 21, befand sich\nz. B» ein ausführlicher Artikel über Martini, und in E. L.\nGerber's neuem Lexikon der Tonküns 11 er (1813) heisst\nes unter Anderem: „Johann Martini hat sich nicht nur in\nFrankreich, wo er wahrend der Revolution als Bürger blieb,\nsondern auch in Deutschland, seinem Vater lande\ner ist aus Baiern gebürtig —, durch seine Talente mit je-\ndem Jahre mehr Achtung und grösseren Beifall erworben.\nSeine Opern: Der Liebhaber von fünfzehn Jahren, Das Her-\nrenrecht, Der gefoppte Kadi u. s. w., sind auch auf deutschen\nTheatern häufig gegeben worden.\" Die Redaction."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "245", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630801-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 823, "texte": "ein wesentlicher Fortschritt, den die Kunst ihm zu ver-\ndanken hat. „Wenn wir Martini's Thätigkeit überschauen,\"\nheisst es in der Biographie des Contemporains, „so muss man\nsagen, dass er durch seine Compositionen für die Kirche,\ndie Kammer, die Bühne und das Militär sowohl, als durch\ntheoretische Werke für die Singkunst und die Oreel.\no o \"\ndurch die Erweiterung, welche die Harmonie-Musik ihm\nverdankt, und den Gebrauch, welchen er bei dem Accom-\npagnement mit dem Ciavier und der Harfe einführte, sich\ngrosse Verdienste um die Tonkunst und ihren Fortschritt\nin Frankreich erworben hat.\" Und Sevelinges, der\nden Artikel „Martini\" für die ge-\nschrieben hat, schliesst ihn mit den Worten: „Vielleicht\n% '\ntrug zur Verbreitung des Geschmacks an der Tonkunst\nunter den Franzosen Niemand so viel bei, als. Martini.\"\n\nDr. Pf."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1863-08-01-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1863-08-01_01#c003", "volume": "bmtnabi_1863-08-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "245", "page_fin": "246", "image_debut": 5, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630801-01.2.3", "titre_corps": "Ueber Harmonielehre.", "titre_sommaire": "Ueber Harmonielehre.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "245", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630801-01.1.5", "debut_caractere": 825, "fin_caractere_exclue": 5125, "texte": "Ueber Harmonielehre.\nWir haben in Nr. 46 des neunten Jahrgangs (1861)\ndieser Zeitschrift in dem Artikel: „Die Harmonielehre der\nneuen Schule\", eine uns damals im Manuscript vorliegende\nAbhandlung von F. J. Kunkel, die gegen die bekannte\nPreisschrift von C. F. Weitzmann gerichtet worden, be-\nsprochen. Dem dort von uns ausgesprochenen Wunsche,\ndiese Abhandlung möchte veröffentlicht werden, ist jetzt\nentsprochen worden; sie ist unter folgendem Titel:\nKritische Beleuchtung des C. F. Weitzmann-\nschen Harmonie-Svstems und des Schrift-\n*/\nchens: „Die neue Harmonielehre im Streit mit\nder alten\", von F. J. Kunkel. Frankfurt a. M.,\nbei F. Benj. Auffarth. 1863. 59 S. Gr. 8.—\nerschienen.\nBekanntlich hatte die Partei, welche die Richtung der\nZukunftsmusik vertritt, es für wünschenswerth gehalten,\ndass neben ihrer Verfechtung des Princips durch ästhetisches\nPhrasengeklingel endlich auch einmal versucht werde, eine\nrechtfertigende Theorie des harmonischen Gewinns aufzu-\nstellen, den der bahnbrechende Genius ihrer Koryphäen\nin ursprünglicher Schöpferkraft unzweifelhaft der Tonkunst\ngebracht habe. Das musste aber, wie der Verfasser im\nVorworte ganz richtig sagt, „mit besonderem Eclat ge-\nschehen\", und so entstand die Preisaufgabe und die viel -\nberulene Lösung derselben durch €. F. Weitzmann.\nDessen Preisschrift versprach eine „erklärende Erläuterung\nund musicalisch-theoretische Begründung der durch die\nneuesten Kunstschöpfungen bewirkten Umgestaltung\nund Weiterbildung der Harmonik, ferner eine Er-\ngründung der Gesetze (?), nach welchen die in früheren\ntheoretischen Werken nicht erklärten Zusammenklänge\nund Accordfolgen, welche in den neueren Tonwerken er-\nscheinen, zu erklären wären\".\nDie Preisschrift verfehlte ihren Zweck gänzlich, denn\nsie machte nicht einmal Aufsehen, was sehr deutlich beab-\nsichtigt worden war; sie ist im Grunde genommen schon\nso gut wie verschollen, und es könnte die Frage entstehen,\nob eine ausführliche Widerlegung noch nothwendig sei,\nda kritische Aufsätze in mehreren Blättern die Dürftigkeit\nund Unhaltbarkeit der Aufstellungen und die Dreistigkeit\nder kategorischen Behauptungen des Verfassers gezeigt\nhaben. Indessen nimmt Herr. Kunkel doch einen anderen\nStandpunkt ein, welcher seine Arbeit vollkommen recht-\nfertigt. Er tritt nämlich hauptsächlich als Anwalt der bis-\nherigen Theorie der Harmonik auf und steckt sich das\nZiel, nachzuweisen, dass diese vollkommen ausreicht, um\nalle nicht geradezu unlogischen und absurden Tonverbin-\ndungen und Tonfolgen (deren freilich in ihnen auch vor-\nkommen) in den Compositionen der neueren Schule zu er-\nklären. lerner hat Herr Kunkel Recht, wenn er sagt, dass\nin der marktschreierischen Art, wie das so genannte neue\nHarmonie-System an den Mann zu bringen versucht wird,\nein verführerisches Gift für die Kunstjünger liegt, welche\ndem Schisma noch nicht verfallen sind, und dass desshalb\ndiese gewarnt werden müssen. Desshalb sei es nöthig, zu\nzeigen, wie ungleich gründlicher, kunstvernünftiger und\nlehrreicher die Satzungen unserer in Ehren zu haltenden\nMusik-Theorie sind, wenn man sie gegen die Oberfläch-\nlichkeit, Unklarheit und die Widersprüche des so genann-\nten neuen Harmonie-Systems hält.\nEndlich erhält das Schriftchen noch einen besonderen\nWerth durch den Abschnitt V (S. 17—29), welcher den\nVersuch einer rationellen Entwicklung und sinnigen Dar-\nstellung der Verwandtschaft der Accorde und beson-\nders der Tonarten enthält, den jeder Musiker mit In-\nteresse lesen wird, eben so wie das, was der Verfasser bei\nGelegenheit der Weitzmann'schen Sätze über die Folge\nvon Dreiklängen und über Vorhalte und „Verzögerungen\"\nfreilich ein Hauptmittel der neueren Spannungs- und\nSchwebe-Musik, der die Befriedigung fehlt im Laufe der\nübrigen Abschnitte sagt.\nDas Schlusswort Weitzmann's beschränkt allerdings\nden freiesten Gebrauch der genialen harmonischen Errun-\ngenschaften. Es heisst darin unter Anderem: „Fs wäre\nnicht zu rathen, ein Tonstiick mit vielen solcher scharfen\nDissonanzen anzufüllen, namentlich würden dieselben in\nYocal-Compositionen aus oben angeführten Gründen zu\nvermeiden sein; aber so wenig man das Roth, als zu grell\nhervorstechend, aus der Malerei gänzlich verbannen würde,\neben so wenig wird man einen haltbaren Grund aullinden\nkönnen, jene schroff und seltsam klingenden Harmonieen"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "246", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630801-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2334, "texte": "gänzlich zu verwerfen. Wie gefährlich es wäre, dem Schü-\nler die unbeschränkte Benutzung solcher scharfen Disso-\nnanzen frei zu geben, braucht hier wohl nicht erst bemerkt\nzu werden. Dem Meister aber darf kein seinem Zwecke\nentsprechendes Mittel einer befangenen Theorie wegen ent-\nzogen werden.\" —Dies und die folgenden Rathschläge\nbemerkt Kunkel mit Recht können in Beziehung auf\nviele der vorausgestellten Noten-Beispiele keinen anderen\nEindruck bewirken, als wenn man eine moralische Vor-\nlesung zur Gewinnung des ewigen Heiles hält, vorher aber\ndie Sünde in allen möglichen verführerisch gemalten Ge-\nstaltungen dem Auge vorgelegt hat. Selbst die gewählte-\nsten Ausdrücke und die in selbstgefälliger Meinung gelun-\ngensten und zierlichsten Phrasen, hintendrein gebracht,\nhält man dann für das, was sie in der That sind: wider-\nlich sophistische Schönthuerei, um den leichtfertig\nvorausgeschickten destructiven Beispielen und Lehren ein\nMäntelchen umzuhängen! Wir wurden früher schon zu\nder Erklärung veranlasst, dass der Meister den Unter-\nricht in der Theorie nicht mehr bedarf; er muss mit den\nvon derselben festgestellten Kunstmitteln vollständig ver-\ntraut sein, muss seine Kunst „durchdacht\" haben und\nsie „recht sicher kennen\", weil eben das „Tappen\"\nnicht hilft, wie Goethe sagt. Dem musicalischen Kunst-\njünger aber, für den die Lehrbücher der Harmo-\nnieen zunächst bestimmt sind, soll man für Auge\nund Ohr vorzugsweise das Kunstgesetzliche und Kunstbe-\nwährte vorführen, nicht aber zum grössten Theile auffal-\nlende und grelle, selten und vielleicht theilweise kaum\neinmal im vielstimmigen Satze vorübergehend verwendbare\nZusammenklänge, in langgehaltenen Tönen bizarre Miss-\ngestalten hinstellen und dann nur im Allgemeinen vor der\n„unbeschränkten Benutzung\" warnen wollen. Das Kunst-\ngesetzliche wird durch solches mehr als „gefährliche\" Ver-\nlahren weit in den Hintergrund gestellt, wenn nicht ganz\nund gar verdrängt, und der Zügellosigkeit Thor und Thür\ngeöffnet! Dem Malerlehrling soll „das Roth, als zu grell\nhervorstechend\", für die Malerei nicht ganz verbannt blei-\nben; wie aber nun, wenn man ihm nur diese grelle und\netwa noch eine oder die andere schmutzige Farbe zu\nseinen Pinselstrichen verstattet und abscheuliche Ca-\nricaturen als Vorlagen gibt? Er wird dann gewiss recht\ntüchtig darauf los Fratzen malen!"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1863-08-01-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1863-08-01_01#c004", "volume": "bmtnabi_1863-08-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "246", "page_fin": "247", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630801-01.2.4", "titre_corps": "Beiträge zur Charakteristik heutiger Kritik.", "titre_sommaire": "Beiträge zur Charakteristik heutiger Kritik.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "246", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630801-01.1.6", "debut_caractere": 2336, "fin_caractere_exclue": 5213, "texte": "Beiträge zur Charakteristik heutiger Kritik.\nDie in Frankfurt in französischer Sprache erscheinende\nZeitung L'Europe,früher Journa hat Herrn\nA. Malibran aus dem letzteren als musicalischen Kritiker\nin ihr Feuilleton mit herüber genommen. Schon ehe der-\nselbe sein Programm in der Egab, halte er sich in\neinem Schmäh-Artikel gegen unseren Mitarbeiter Herrn\nA. Schindler zum Ritter eines seiner souverainen Ueber-\nzeugung nach gekränkten Tonkünstlers in Frankfurt auf-\ngeworfen [Journal de Francfortv. 30. Nov. v, J.). Wir\nwollen nicht darauf zurückkommen, sondern nur aus jenem\nArtikel den noblen Grundsatz anführen, zu dem Herr Ma-\nlibran sich bekennt, indem er sagt: „Ich an seiner Stelle\n(des Tonkünstlers) hätte die Person durchgeprügelt\ntonne), wie jeder Kritiker es verdient, der seine Pflicht ver-\ngisst und sich zu Persönlichkeiten hinreissen lässt.\" Und\ndoch wirft er selbst mit lauter Persönlichkeiten um sich, so\ndass er sogar seinen Gegner, der das Verbrechen auf sich\ngeladen hat, seine Schreibereien zu tadeln, mit „bösarti-\ngen Thieren\" vergleicht!\nBeiläufig fällt er denn auch über unsere Zeitschrift\nher. „Connaissez-vous la Mus\nnisch'e Zeitung? C'est unjoumal que je ne lis ja-\nmais.\" So beginnt er jenen Artikel. Ei, ei, Herr Mali-\nbran, wie vergesslich! Wie, wenn wir Ihre Briefe an die\nRedaction, in welchen Sie um günstige Besprechung Ihrer\nBiographie Spohr's im Jahre 1860 in unserer, wie\nSie Sich damals auszudrücken beliebten, „allgemein ge-\nschätzten, vortrefflichen Niederrheinischen Musik-Zeitung\"\nersuchten, jetzt abdrucken liessen? Wir halten es nicht der\nMühe werth. Doch wollen wir unseren Lesern den Schlüs-\nsel zu dem Räthsel Ihrer Meinungs-Aenderung nicht vor-\nenthalten.— Wir theilten im Jahrgang 1860 in Nr. 7 und\n9 zwei Briefe von Spohr wörtlich und Auszüge aus zwei\nanderen—alles aus Herrn Malibran's Biographie Spohr's\nnebst Angabe der Quelle mit. Nachher erfuhren wir,\ndass diese Briefe von Spohr im Jahre 1821 an die Re-\ndaction der leipziger Allg. Musik-Zeitung von Paris aus\ngeschrieben waren!! Und doch sagte Herr Malibran (S.\n68), „dass ihm das Herz höher schlage, so oft er diese\nwerthvollen Briefe in die Hand nehme\" „in der leipziger\nZeitung\" hat er vergessen (?) hinzuzusetzen. Hierauf be-\nzeichneten wir seine Biographie als „eine in Eile compi-\nlirte\" und sein Verfahren „als leichtfertige Buchmacherei\".\nHinc illae lacrymae!\nNachdem auf diese Weise die Niederrheinische Musik-\nZeitung die ersten Versuche der musicalischen Schriftstel-\nlern des Herrn Malibran charakterisirt hatte, begegnete\nman ihm wieder in dem musicalischen Feuilleton des\nnal cle Francfort,wo er unter Anderem folgende Urtheile\nvom erhabenen Stuhle der Unfehlbarkeit verkündete. Zu-\nnächst, dass „Beethoven's 6r-e?wr-Concert das am wenigsten\nwirksame des Meisters sei: Melodie ist selten darin vor-\nhanden und die Passagen sind holperig, trocken und ohne"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "247", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630801-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2913, "texte": "allen Reiz. Wahrlich, ohne die zwei Cadenzen der Frau\nSchumann thut es mir beinahe leid für Beelhoven, dieses\nWerk gehört zu haben, das ich übrigens nicht kannte\". (!!)\nNr. 317, 1862.\n•Ferner: „Beethoven's Ouvertüre Op. 115 ist auch\n(wie zwei Ciavierstücke von Schumann und Chopin's\nJwr-Etude) ein geschraubtes und gequältes, studirtes, bis\nins Endlose durchgeführtes Musikstück, aber ich entdecke\ndarin keine Spur von dem Genie, dessen Schönheiten mich\nseine Schwächen nur um so tiefer bedauern lassen. Das\nist eine unglückliche Wahl für ein Concert, eine unge-\nschickte, wenn man'an das glänzende Repertoire der alten\nClassiker denkt.\" (Ebendaselbst.)\nAn anderen Stellen ist Mendelssohn's\nein trockenes, undankbares Musikstück Chopin's Ballade\nin G-moll bizarr, wunderlich, dunkel, und Herr Malibran\nhat in ihr und drei Ciavierstücken von Schumann „keinen\nSinn gefunden, und sie haben ihn schrecklich gelangweilt\".\n„Ich weiss wohl,\" fährt er fort „dass es Leute gibt,\ndie Chopin bewundern, aber sie würden arg in Verlegen-\nheit kommen, wenn sie uns die Schönheiten der genannten\nBallade aufzählen sollten. 0, ich habe schon viele Dilettan-\nten in die Enge getrieben, wenn ich sie zwang, sich kate-\ngorisch zu erklären! Bei Lob und Tadel muss man die\nGründe anführen.\"\nWie trefflich befolgt der loyale Kritiker diesen Grund-\nsatz, wie frei hält er sich von blossem Absprechen und von\nPersönlichkeiten z. B. in einer Beurtheilung eines Concertes\nder philharmonischen Gesellschaft in Frankfurt am Main.\n„Diese arme Gesellschaft muss weit heruntergekommen\nsein, dass sie ihren Abonnenten solche Kost bietet, wie das\nViolinspiel von M. Wolff. Man kann nicht burlesker sein,\nals dieser Violinist; er hat aus Rode's Concert und\nDavid's Variationen zwei BufTo-Stücke gemacht: er leckt,\nmiaut, verzerrt die Melodieen Rode's, fasst dessen Gedan-\nken verdreht auf, nimmt Tempi zum Einschlafen und bringt\neine lange Cadenz an, die ein wahrer musicalischer Har-\nlekin ist, eine Höllenmaschine, die den Beherztesten in die\nFlucht jagt\" u. s. w. u. s. w. Und dieser Schwätzer will\ndie Kritik lehren, wie sie human verfahren und sich nur\nan die Sache halten solle?\nDoch den derbsten Schlag ins Angesicht hat sich Herr\nMalibran selbst versetzt, als er in der vom 18. Fe-\nbruar d. J. Beethoven's Cis-moll-Quartett Op. 131\nfür Schubert's JJ-dur-Quartett anhörte, weil dieses letztere\nauf einem früheren Programme stand, das aber abgeändert\nworden war. C'is-moll und B-dur! Und nun schildert er\ndas gehörte Quartett von Beethoven als „ein seltsames,\nbarockes, zerstücktes Werk eines Componisten, der nach\nPhrasen sucht, sich wie ein Besessener in trockenen, dür-\nRen Reflexionen abquält und ein Labyrinth, ein Chaos\nhervorbringt\".\nFreilich,- da die Niederrheinische Musik-Zeitung auch\ndiesen musicalischen Scandal an den Tag brachte (Nr. 9\nvom 28. Februar 1803), so können wir es ihm nicht ver-\ndenken, wenn „er sie niemals liest\"."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1863-08-01-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1863-08-01_01#c005", "volume": "bmtnabi_1863-08-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "247", "page_fin": "247", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630801-01.2.5", "titre_corps": "Ein Brief von Rossini an Frau Mathilde Marchesi.", "titre_sommaire": "Ein Brief von Rossini an Frau Mathilde Marchesi.", "signature_source": "G. Rossini", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "247", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630801-01.1.7", "debut_caractere": 2915, "fin_caractere_exclue": 4015, "texte": "Ein Brief von Rossini an Frau Mathilde Marchesi.\nG. Rossini.\nPassy-Paris, 3 juillet 1863.\nChere madame Mathilde Marchesi, il me tardait de vous of-\nfrir les sentiments de ma vive reconnaissance pour la si\nflatteuse pour moi, que vous avez bien voulu me faire de vos vingt\nquatre vocalises. Le mauvais etat de ma sante est la seule cause de\nce retard involontaire; veuillez me le pardonner. Bravo! chere ma-\ndame Marchesi, pour vos vingt quatre vocalises que j1 ai parcourues\navec le plus grand Elles sont avec la souveraine\nconnaissance de la voix humaine, avec clarte, et elles con-\ntiennent tout ce qui peut concourir au developpement d un art que,\ntrop longtemps, je compare ä des barricades vocales! Puisse\nvotre interessant travail ramener dans la bonne voie la jeunesse\nd'aujourd'hui un peu Continuez, chere madame, k enseigner\nle bei art du cliant; il n'exclut pas l'expression, et la partie drama-\ntique, qui va se rdduisant de jour en jour k une simple question de\npoumons, ne s'enseigne pas! (CTest bien commode!) Croyez moi,\nchere dame, votre admirateur et votre serviteur reconnaissant *)"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1863-08-01-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabi_1863-08-01_01#c006", "volume": "bmtnabi_1863-08-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "247", "page_fin": "248", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630801-01.2.6", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "247", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630801-01.1.7", "debut_caractere": 4017, "fin_caractere_exclue": 5716, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nIi Bit* In der letzten Sitzung der musicalischen Gesellschaft\nhatten wir den Genuss, das Trio in B-dur für Pianoforte, Violine\nund Violoncell von F. Schubert in meisterhafter Ausführung durch\ndie Herren Breunung, von Königslöw und A. Schmit zu hö-\nren. Man kann sich kaum vorstellen, welch einen Enthusiasmus\ndiese so ausgezeichnet vorgetragene Composition erregte! Wodurch?\nEi nun, weil sie den Stempel des Genies in dem fort und fort strö-\nmenden Flusse der anmuthigsten Melodieen trägt, und weil sie ein\nwirkliches Trio mit Gleichberechtigung aller drei Instrumente ist,\n\n*) „Liebe Frau Marchesi, — es drängte mich, Ihnen die Ge-\nfühle der lebhaftesten Dankbarkeit für die mir so schmeichel-\nhafte Widmung Ihrer 24 Solfeggien auszudrücken; der\nschlechte Zustand meiner Gesundheit ist der alleinige Grund\ndieser unfreiwilligen Verzögerung, die Sie mir verzeihen mögen.\nBravo, liebe Frau Marchesi, für Ihre 24 Solfeggien, die ich\nmit dem giössten Interesse durchgesehen habe! - Sie sind mit\neiner vollkommenen Kenntniss der menschlichen Stimme, mit\nKlarheit und Eleganz geschrieben und enthalten alles, was zur\nEntwicklung einer Kunst beitragen kann, die ich schon nur zu\nlange mit Vocal-Barricaden vergleiche! Möge Ihre interessante\nArbeit unsere heutige, etwas auf Abwege gerathene Jugend\nwieder auf die richtige Bahn führen! Fahren Sie fort, die\nschöne Kunst des Gesanges zu lehren; sie schliesst den Aus-\ndruck nicht aus, und der dramatische Vortrag, der von' Tag /\nzu Tag sich immer mehr auf eine Lungen-Frage reducirt, kann\nnicht gelehrt werden. (Das ist sehr bequem!) Halten Sie mich\nstets, liebe Frau, für Ihren Bewunderer und dankbaren Diener.\n„G. Rossini.\""}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "248", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630801-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4936, "texte": "•wahrend die neueren Trio's, die von Mendelssohn nicht ausgenom-\nmen, uns wie Clavier-Auszüge von Sinfonieen vorkommen, bei de-\nnen eine Violine und ein Violoncello zwar zur Verstärkung zu Hülfe\ngenommen sind, in der Regel aber nicht einmal das Tongewühl des\nPianoforte's durchdringen können.\nHerr Theodor Fo rmes vom k. Hof-Operntheater zu Berlin,\nunser Landsmann (aus Mülheim am Rheine, woher diese Sängerfa-\nmilie stammt), hat uns durch sein Auftreten als Edgardo in Doni-\nzetti's „Lucia\" erfreut. -Er wurde mit lebhaftem Beifallc begrüsst\nund seine treffliche Leistung gewann ihm stürmischen Applaus und\nöfter wiederholten Hervorruf. Und das mit vollem Rechte; denn\nHerr Formes ist ein Künstler ersten Ranges, dessen Stimme von der\nwunderbaren Frische, die ihr eigen war, noch vollkommen genug\nbehalten hat, um durch die kunstgemässe Behandlung sowohl in den\nleidenschaftlichen als in rein lyrischen und zarten Stellen denjenigen\nAusdruck des Gesanges zu voller Geltung zu bringen, den die jedes-\nmalige Stimmung und Situation erfordert. Zu dem schönen Ansätze\nund der guten Tonbildung überhaupt, durch deren ernstes Studium\nder Sänger seine ausgezeichnete Natur auf den Höhepunkt der Kunst\ngebracht hat, kommt eine reine, dialektfreie, wohlarticulirte Aus-\nsprache als ein wesentlicher und doch leider immer seltener wer-\ndender Vorzug.\nDirector Salvi beabsichtigt, das gegenwärtige Reper-\ntoire des Hof-Operntheaters grösstentheils umzugestalten, daraus alle\nitaliänischen Opern zu entfernen, dagegen aber in der deutschen\nSaison nur deutsche und französische Opern aufzuführen, während\ndie italienische Oper der neuen italiänischen Saison aufbehalten sein\nsoll. Nach dem Eintreffen sämmtlicher ersten Sänger soll mit dieser\ngewiss sehr anerkennenswerthen Neuerung vorgegangen werden. Von\nZeit zu Zeit tauchen immer am Spitalsplatze solche löbliche Vorsätze,\nwie diese vom „Zwischen-Act\" gebrachte Notiz, auf; allein man\nweiss, wie sie dann ausgeführt werden. Wahrscheinlich ist die Vor-\nführung der Opern „Lucrezia\", „Trovatore\", „Hernani\" und „Beii-\nsar\" während der ersten zwei Wochen der deutschen Saison eine\nVorbereitung zu dieser Umgestaltung, und die bevorstehende Wie-\nderaufnahme der „Indra\", eines der erbärmlichsten musicalischen\nProducte aller Nationen, soll als Fingerzeig dienen für den Weg,\nden man einzuschlagen gedenkt, um ein gediegenes Repertoire her-\nzustellen. (Recens.)\nDas strassburger Fest-Programm machte es den Deutschen\nziemlich schwer, am Sängerfeste Theil zu nehmen. Dass das Fest-\nessen einen „Napoleon\", das ist 9 Fl. 20 Kr., das Gedeck kostete,\nwar etwas unangenehm; man könnte auch an einem Drittels-Napo-\nleon satt bekommen, zumal es ja kein Ess-, sondern ein Gesangfest\nsein sollte; doch das ist eine Geldsache, konnte Jeder halten, wie er\nwill; ist es doch nicht das erste Mal, dass die Deutschen einen Na-\npoleon verklopfen. Dass sie aber dem Herrn Präfecten von Strass-\nburg, dem Herrn General und dem Herrn Maire ein Ständchen bei\nFackelschein bringen sollten, war schon eine etwas sonderbarere Zu-\nmuthung; uns Deutschen ist es wenigstens noch niemals eingefallen,\ndie Franzosen einzuladen, wenn wir unseren deutschen Bürgermei-\nstern und Generalen Ständchen bringen, obschon's nicht allzu oft\nvorkommt. Dass der Herr Präfekt beim Gastmahle den Vorsitz führte\nund aufpasste, dass Keiner etwas sprach, was ihm und Ihm nicht\nanstandig ist, scheint recht gemüthlich und patriarchalisch, und war\nes für uns Deutsche sehr anziehend, die französischen Zustände auch\nvon ihrer stummen Seite kennen zu lernen. Für die deutschen Re-\nden, die unter diesen Umständen gehalten wurden, war kein Ge-\nschwindschreiber nothwendig. (Der hinkende Bote von Lahr.)\nZur Harmonielehre. Vor Kurzem sprach ein „ritterlicher\"\nFlöten-Virtuose in einem geselligen Vereine von Künstlern in Berlin\nseine Bewunderung für Richard Wagner und namentlich für die von\nihm „erfundenen neuen Accorde\" aus. „Mein Gott!\" rief einer von\nden Anwesenden, „davon ist ja gar nicht mehr zu sprechen seit den\nneuesten Errungenschaften durch Berlioz in Frankreich. Sie kennen\nwahrscheinlich den Dix-neuf- Accord noch nicht?\"\n««Den Dix-neuf-Accord? Nein! Wie sieht der denn aus?\"\"\nDarauf zieht jener Schalk ein Linien-System und schreibt darauf\neinen Accord von neunzehn Noten mit allerlei Kreuzen und Been,\nvierfach über und unter der Linie gestrichen. „ Voilä!\" sagt er.\nDer Ritterliche beschaut den Riesen-Accord, staunt, schmunzelt\nund fragt endlich:\n„„Aber wie ist denn der aufzulösen?\"\"\n„Nichts leichter als das; aber es dauert etwas lange.\"\n„„Wie lange denn?\"\"\n„0, vierzehn Tage.\" Allgemeine Heiterkeit*\nt\nAnekdote. Dilettanten und Dilettantinnen fragen häufig nach\nder Höhe, welche eine Sopranistin hat, um danach ihren Künstler-\nrang zu taxiren. Eine wiener Sängerin, an die eine Dame denn\nauch die Frage richtete: „Wie hoch singen Sie?\" antwortete:\n„Schauen's, Ihr Gnaden, das kommt halt aufs Stock an, in dem ich\ngrad' wohne.\""}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "241", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630801-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nJohann Paul Martini (Lebensskizze). Von Dr. Pf. Ueber Harmonielehre. —■ Beiträge zur Charakteristik heutiger\nKritik. Ein Brief von Rossini an Frau Mathilde Marchesi. Tages- und Unterhaltungsblatt (Köln, Musicalische Gesellschaft,\nHerr Theodor Formes Wien, Hof-Operntheater Fest-Programm des strassburger Sängerfestes Zur Harmonielehre AnekdoteJ.\n\nJohann Paul Martini.\n\nZwischen Nürnberg und Eichstädt liegt an dem stillen\nUfer der Schwarzacb, von heiteren Höhen eingeschlossen,\ndas Städtchen Freistadt, das über seine Berge hinaus\nwenig gekannt oder genannt ist. Hier wurde um das Jahr\n1730 Andreas Martin aus Hochstädt an der Aisch als\nSchullehrer und Organist sesshaft und heirathete die Toch-\nter eines armen Drahtziehers, Maria Barbara Aysch.\nSeine Ehe war mit zehn Kindern gesegnet, und es begreift\nsich leicht, dass der gute Schulmeister an den Unterricht\nund die Ausbildung aller oder auch nur einzelner nicht\nviel zu wenden vermochte. Das sechste seiner Kinder war\nein Knabe, der, am 31. August 1740 geboren, in der\nTaufe die Namen Johann Paul Aegidius erhielt. Als\nder zehnjährige Knabe mit der Kenntniss des Katechismus\nund der Noten, worin der Vater ihn sorgfältig unterwie-\nsen halte, wohl ausgerüstet und im Besitze einer hellen\nStimme und des väterlichen Segens, als der alleinigen Aus-\nstattung und Mitgabe, fröhlichen Gemüthes 1750 nach\nNeuburg an der Donau wanderte, wer hätte da sagen mö-\ngen, dass diesen Knaben Frankreich eines Tages als einen\nOrpheus ehren würde! Johann Paul erhielt in dem Se-\nminar zu Neuburg unentgeltliche Aufnahme, und an dem\ndortigen Gymnasium, welches gleich wie das Seminar mit\nJesuiten besetzt war, den gebräuchlichen Unterricht im\nLatein und in den damals nicht viel mehr als dies umfas-\nsenden Schulwissenschaften. Nach der Beendigung des\nGymnasial-Cursus wanderte der junge Martin 1758 nach\nFreiburg im Breisgau, um an der dortigen Universität\nPhilosophie zu studiren. Den kargen Lebensunterhalt er-\nwarb sich der Jüngling durch Ertheilung von Unterricht\nund indem er bei den Franciscanern als Organist aushalf,\nda er im Orgelspiel als Seminarist bereits Uebung erwor-\nben hatte.\nSo war der fähige und tleissige Jüngling an jener ver-\nhängnissvollen Gränzscheide seines Lebens angelangt, wo\ner sich fragen und entscheiden musste, welche Strasse er\nfürbass wandern und wie er das tägliche Brod für alle\nZeit sich erwerben wolle. Er verspürte keine Neigung in\nsich, die Kutte eines Mönches anzuziehen, auch nicht, sich\nzum Priester weihen zu lassen, und ein anderer Weg stand\nin damaliger Zeit dem mittellosen Jünglinge kaum offen,\ndenn um die Bechtswissenschaft oder die Heilkunde zu\nstudiren, musste er ein Capital einzusetzen haben, und er\ntagwerkte um sein tägliches Brod! Noth und Verlegenheit\nbevölkerte damals die Klöster und den Priesterstand mit\nvielen Unberufenen, und das wahrlich nicht zum Vortheil\nder Kirche. Aber was unter so bewandten Umständen\nwählen und beginnen? Eine Frage, welche so manchen\nmit schönen Gaben und edlem Gemüthe ausgerüsteten\nJüngling bei Tage um die heitere Stimmung des Geistes,\ndes Nachts um die Erquickung eines ruhigen Schlafes\nbringt. „Es ist nichts leichter,\" sagt ein geistreicher Schrift-\nsteller, „als von achtbaren Eltern geboren werden, einen\nguten Schulunterricht geniessen, mit Sittsamkeit und Geld\neine hohe Schule beziehen, im schwarzen Frack die Bunde\nbei den Staatsmännern machen, die ein Amt zu vergeben\nhaben, es glücklich erhalten, den Eid der Treue schwören\nund treu dem Geiste, in welchem das Gehalt vierteljährig\nausbezahlt wird, fünfzig Jahre darin verharren, steigen bis\nzum Wirklichen Gebeimen Käthe, und mit Orden bedeckt,\nvon Kindern und Enkeln umringt, ein ehrlich erworbenes\nkleines Vermögen hinterlassend, das Zeitliche segnen. Aber\nes ist sehr schwer, ohne jene Vorbedingungen, ohne wohl-\nwollenden Bath und einflussreiche Leitung sein eigener\nBerather und Führer zu sein, in gebrechlichem Nachen\nohne Proviant und Steuerruder auf das klippenreiche und\nstürmische Meer des Lebens hinausgetrieben, einen siche-\nren Hafen zu finden, und trotz des sorgen- und mühevollen\nKampfes um des Lebens Nothdurft sich unbefleckt durch"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "242", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630801-01.1.2", "texte": "dasselbe durchzuringen und der Nachwelt dennoch rühm-\nliche Spuren unseres Daseins zurückzulassen. Männer, wel-\nchen dies unter solchen Hindernissen zu vollbringen gelingt,\nverdienen unsere ganze Hochachtung.\" Und dieser Männer\neiner war Martin.\nDie Tonkunst liebend, wie der Jüngling seine Braut,\nbeschloss der junge Student, ihr sein Leben zu widmen;\naber wie und wo? Im Heimatlande? Um in München Be-\nachtung zu finden, hätte er damals Italiäner sein müssen,\nund er war leider ein Eingeborener! Wies doch der\nseines Kunstsinnes wegen vielbelobte Kurfürst Max Joseph\nnoch 1775 den schon bewährten jungen Mozart, als er\num ein bescheidenes Plätzchen in der Capelle.bat, mit den\nWorten ab: Es ist keine Vacatur vorhanden.—Nach dem\nTode einer geliebten Mutter, und mit deren Nachfolgerin\nim Hause des Vaters zerfallen, fühlte sich Martin durch\nnichts mehr an das Heimatland gebunden und beschloss,\nin die weite Welt zu gehen. Ungewiss, nach welcher Welt-\ngegend er seine Schritte lenken sollte, wollte er das Schick-\nsal durch ein Augurium befragen, bestieg einen der Thürme\nFreiburgs und liess von der Höhe desselben eine Flaum-\nfeder in die Luft fliegen. Da der Wind sie westwärts trug,\nso setzte er seinen Pilgerstab über den Rhein.\nDem wandernden Studenten öffneten sich damals noch\ndie gastlichen Thüren der Klöster, und so kam er mit\nknapper Börse bis Nancy. Hier fand er in dem Orgel-\nbauer Dupont (sein Name sei in Ehren!) einen jener\nMänner, die auch für einen fremden Jüngling Vatergefühl\nzu empfinden vermögen und sich zu Rath und Hülfe ge-\nneigt erweisen. Dieser nahm sich des deutschen Studenten\nan, verschaffte ihm Gelegenheit, durch Unterricht im Cla-\nvierspiel Brod zu verdienen, und ward ihm Rathgeber und\nWohlthäter zugleich. Fetis erzählt, Martin habe eigent-\nlich Sch warzendorf geheissen, hier aber nach dem\nRathe seines Gönners diesen für Franzosen unaussprech-\nlichen Namen mit dem wohllautenderen Martini ver-\ntauscht. Wie Fötis zu dieser seltsamen Angabe gekommen,\nist räthselhaft, es wäre denn, dass unser Landsmann sich\nden Namen „SchwarzendorP bei seiner Auswanderung\nbeigelegt haben sollte. Eine Veränderung seines Namens\nnahm der junge Künstler allerdings vor, indem er demsel-\nben ein i anhängte; dies soll jedoch erst geschehen sein,\nals er nach Paris kam, wie Grimm berichtet. Martini\nbesass damals, wie derselbe Biograph versichert, in der\nTheorie der Musik erst geringe Kenntnisse, studirte aber\njetzt eifrigst einige Anleitungen zur Harmonie, las die Par-\ntituren tüchtiger Meister und versuchte sich sofort selbst im\nComponiren. Es geschah dies mit so glücklichem Erfolg, dass\ner am Hofe König Stanislaus' von Polen, der zu Nancy\nresidirte, Aufmerksamkeit erregte. Der junge Künstler ge-\nwann sich durch seine Leistungen und die anspruchslose\nGutmüthigkeit, die er aus Baiern mitgebracht hatte, Gön-\nner und Freunde, erlangte vom Hofe eine kleine Besoldung\nund bald auch die Hand eines schönen und liebenswürdi-\ngen Mädchens dazu. So halte sich seine Lage in kurzer\nZeit erfreulich genug gestaltet, und er pries in glücklichen\nStunden die Flaumfeder, die ihm den Weg zu seinem\nGlücke gezeigt. Da starb König Stanislaus und die Lage\ndes jungen Ehemannes wurde eine sehr missliche. Auf den\nRath einsichtsvoller Freunde beschloss er, für seine Thä-\ntigkeit ein weiteres Feld aufzusuchen und nach der Haupt-\nstadt Frankreichs zu ziehen. Der Aufenthalt in Nancy war\nihm eine vortreff lich bildende Vorschule für grössere Ver-\nhältnisse gewesen, und die bisherigen Erfolge gaben ihm\ndas Gefühl einer Zukunft.\nMartini langte zu Paris in einer für ihn glücklichen\nStunde an. Der Hof wünschte für die Schweizergarde\neinen neuen Marsch und hatte einen Preis auf die gelun-\ngenste Composition gesetzt. Der junge Componist mischte\nsich unter die Bewerber, und als sein Werk im Schloss-\nhofe von Versailles zum ersten Male gespielt wurde, fand\nes solchen Beifall, dass der Herzog von Choiseul, da-\nmals General-Oberst der Schweizer, sich den jungen deut-\nschen Componisten vorstellen liess und ihm seine Protection\nzusicherte. Der Grund zu seinem Glücke war somit gelegt,\nund es war nur seine Sache, sich diese hohe Protection zu\nerhalten. Unser Landsmann erwarb sich nicht unerhebliche\nVerdienste um die Militärmusik in Frankreich, wie\nChoron versichert. „Er war\", sagt dieser Lexikograph der\nMusiker, „einer derjenigen, welche für die Ausbildung\nder Hautboisten-Corps am meisten wirkten; er lieferte zur\nZeit, wo er in Diensten des Prinzen von stand, eine\ngrosse Anzahl von Compositionen für Blas-Instrumente,\nweil alle Obersten für ihre Regimenter Compositionen von\nMartini haben wollten. In Anerkennung dieser Verdienste\nwurde Martini durch ein Patent, das ihn zum Officier\nmite ernannte, ausgezeichnet*).\nDie Militärmusik war es übrigens nicht allein, die\nMartini's schöpferisches Talent beschäftigte, er componirte\nauch viele Kammermusik-Stücke, von denen mehrere\ngestochen, aber vergessen und selten geworden sind. Sein\nRuf verschaffte ihm die Stelle eines Directors der Capelle\n\n*) Durch diese Rangverleihung liess Schilling sich verlocken,\nin seinem „Universal-Lexikon der Tonkunst\" (Stuttgart, J827)\nüber den liebenswürdigen Componisten, von dem er wenig\noder nichts wusste, folgenden drolligen Roman zu componiren :\n„Johann Martin, mit dem Zunamen il Tedesco, war aus Baiern\ngebürtig, lebte aber schon seit 17G0 zu Paris, ward hier Sol-\ndat, als welcher er bis zum Rittmeister beim Husaren-Regi-\nment Chamboran avancirte, machte die Revolution und mehrere\nFeldziige mit und starb gegen 1809\".!"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "243", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630801-01.1.3", "texte": "des Prinzen von Conde, und als 1771 die Vermählung\ndes jungen Herzogs von Bourbon gefeiert wurde, compo-\nriirte er eine Gelegenheits-Oper:\nans\", deren Aufführung wahren Enthusiasmus erregte.\nGrimm sagte damals in seiner Correspondance: „Diese\nMusik ist der erste Versuch eines jungen Menschen, der\nMartini heisst. Ich glaube, er ist ein Deutscher; wenn er\nein Franzose ist, so genügt eine einzige seiner Arien, um\nsich zu überzeugen, dass er sein Metier versteht. Man wird\nin seiner Musik eine grosse Leichtigkeit des Stils und die\nSpuren einer guten Schule gewahr.\"\nMartini hatte damit ein Gebiet betreten, auf dem er\nentscheidende Triumphe errungen und seinen Namen ver-\newigt hat. Martine, ein pariser Gelehrter, aus Genf ge-\nbürtig, äussert sich in seinem Buche: De la Musique dra-\nmatique en France, Paris; 1813, 8., in welchem er eine\ngrosse Vorliebe für die Musik der älteren französichen\nkomischen Oper und Operette im Gegensatze zu der neue-\nren grossen und kleinen Oper offenbart, bespricht Marti-\nni's Leistungen eingehend und sagt unter Anderem: „Die\nMusik zu dem Amoureux de quinze ans, womit Martini\ndie lyrische Laufbahn betrat, würde heute nicht mehr den-\nselben Beifall finden, den sie ihrer Zeit gefunden hat. Es\ngab damals wenig gute Vorbilder. Sie enthält einige an-\ngenehme und gefällige Melodieen, wie die Arie des Mar-\nquis: Si je la gronde,die der Gouvernante:\nelever l'enfance,und die Gesänge der Landleute im zwei-\nten Acte, deren einfacher und naiver Charakter dem Orte\nund den Personen angemessen ist; allein mit Ausnahme\ndieser Stücke fehlt es der Musik an Originalität und Cha-\nrakter. Die Musik zu „Henry IV. ou la Bataille d'lvry\"\n(eine Operette, die 1774 auf die Bretter kam) gibt zu\ndenselben Bemerkungen Anlass. Allein wenn der Gesang\nzu wünschen übrig lässt, so ist die Instrumentirung dage-\ngen glänzend und hinreissend. Ich kenne keine schönere\nOuvertüre, als die zu Henry IV. Gesangreich, ausdrucks-\nvoll, durch gefällige Abwechslung der Blas- und Streich-\nInstrumente reizend und mit grosser Kunst durchgeführt,\nbringt sie die glücklichste Wirkung hervor und wird über-\nall gefallen. Die beiden Zwischenacte und der Marsch\ndocumentiren nicht weniger Talent, als die Ouvertüre.\nMan muss bedauern, dass man diese Ouvertüre nicht mehr\nzu hören bekommt. Wenn man das Stück nicht mehr gibt,\nwarum erweist man nicht wenigstens der Ouvertüre die-\nselbe Ehre, wie der zu Le jeune Henry von Mehul? Sie\nkann den Vergleich mit dieser vollkommen aushalten.\"\n„Ueber Mangel an Charakter und Originalität, den man\nden Arien seiner ersten Oper zum Vorwurf machte, kann\nman\", fährt Martine fort, „bei der Oper „Le droit du\nSeigneur\" nicht klagen. Das glänzende Talent, welches\nMarlini hier beurkundet, lässt vermuthen, dass, wenn ihm\ndie Texte günstiger gewesen wären, er auch in den frühe-\nren Opern noch Vorzüglicheres geleistet haben würde. In\nder Ouvertüre, worin er das Erwachen der Natur malt,\ngehen die verschiedenen Bilder, welche das Landleben am\nMorgen charakterisiren, an unserer Phantasie vorüber; das\nMotiv, mit welchem sie schliesst, ist voll Frische. Die Chöre\nsind mannigfaltig, schwunghaft und ausdrucksvoll; die bei-\nden Finales wahre Meisterstücke.\"\nIch übergehe, was Martine über die einzelnen Musik-\nstücke Rühmliches sagt. Er schliesst mit der Bemerkung,\ndass, wenn Martini auch nichts als diese Oper geschrieben\nhätte, er als ausgezeichneter Componist geachtet werden\nmüsste.\nAus den Diensten des Prinzen von Conde trat Martini\nin die des damaligen Grafen von Artois, der als Karl X.\nunrühmlichen Andenkens nachmals über Frankreich re-\ngierte. Als das Theätre de merrichtet wurde, um\ndie Oper der Franzosen und die buffa der Italiäner\ndarauf zu vereinigen, wurde Martini als Capellmeister an\ndie Spitze desselben gestellt, allein nach den Ereignissen\nvom 10. August 1792 verlor er nebst allen übrigen Aem-\ntern und Pensionen, womit seine Verdienste um die müsi-\ncalische Bildung vom französischen Hofe belohnt worden\nwaren, auch diese Stelle.\nSeines Einkommens beraubt und besorgt, dass ihm\nseine frühere Stellung zum königlichen Hofe und seine An-\nhänglichkeit an die königliche Familie Verfolgungen zu-\nziehen könnten, verliess er in jener Schreckenszeit heimlich\nParis und zog sich nach Lyon zurück, wo er seine „3Ie-\nlopee moderne ou l'art du chant\" vollendete und heraus-\ngab, zum grössten Theile eine französische Bearbeitung\nvon Hiller's Gesanglehre. Gretry, der bekanntlich nicht\nleicht etwas lobte, sagte darüber in einem Vortrage, den\ner bei der Preisverteilung des Conservatoires hielt: „Alles,\nwas dieser unterrichtete Mann sagt, ist vollkommen wahr.\nIch bedaure, Martini im Conservatoire der Musik nicht\nneben mir zu erblicken. Er verdiente mehr als ich, einen\nPlatz in dieser nützlichen Anstalt einzunehmen, denn er ist\nmethodischer und lehrreicher.\" Nach einer solchen öffent-\nlichen Anerkennung, welche dem würdigen Gretry nicht\nminder Ehre macht, als unserem Landsmanne, konnte\nseine Berufung an das Conservatoire nicht ausbleiben, und\nso wurde er denn 1798 einer der fünf Inspectoren\ndieser Anstalt.\nNach seinem geliebten Paris war er schon im Jahre\n1794 wieder zurückgekehrt und hatte bald nach seiner\nRückkehr die Oper „Sappho\" zur Aufführung gebracht.\n„Diese Oper ist\", wie es in der Biographie des Contem-\nporains von Arnault u. s. w. heisst, „unstreitig das schönste\n\n[*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "244", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630801-01.1.4", "texte": "Werk des berühmten Meisters.\" Sie fand solchen Beifall,\ndass sie über hundert Mal fast hinter einander gegeben\nwerden musste. Und sie verdankte ihre Anziehungskraft\nnicht einer Oeffnung der Gräber gespenstischer Nonnen\noder einer Schlittschuh-Partie, sondern allein dem bezau-\nbernden Heize der Töne, (Ebendaselbst.)\nIm Jahre 1804 gab Marlini seine Orgelschule\nheraus. Er war jetzt ein Sechsziger, und man wollte finden,\ndass weder er noch einige seiner gefeierten Collegen mehr\n„auf der Höhe der Zeit\" ständen, und so wurden denn,\nnachdem Gretry seine Entlassung genommen hatte, auch\nMontigny, Lesueur und Martini aus dem Conservatoire\nentfernt.\nDie Restauration brachte dem alten Manne die Gönner\nseiner Jugend zurück und krönte seine letzten Lebenstage\nnoch mit Ehren und Auszeichnungen. Schon vor der Revo-\nlution zur Anwartschaft auf die Stelle eines Ober-Musik-\nIntendanten am königlichen Hofe gelangt, trat er jetzt (10.\nMai 1814) in den Besitz dieses ehrenvollen Amtes; auch\nverlieh ihm der König am 1. Januar 1816 das Grosskreuz\ndes St.-Michaels-Ordens. Voll Dankgelühls für diese Aus-\nzeichnung Hess Martini am 21. Januar 1816, de«i Todes-\ntage Ludwig's XVI., in Saint-Denis eine Todtenmesse, die\ner zu diesem Zwecke componirt hatte, aufführen, und es\nsich nicht nehmen, sie selbst zu dirigiren, obgleich er be-\nreits sehr leidend war. Die Composition wurde so gross-\nartig und ergreifend gefunden, dass die königliche Familie,\ndie dem Traueramte beigewohnt hatte, dem Componisten\nihren Dank dafür besonders ausdrücken liess. Der greise\nComponist äusserte gegen die Musiker, die ihn umstanden,\nals diese Botschaft ihm überbracht wurde, es sei das „die\nletzte Freude, die ihm würde\", er fühle, dass es mit ihm\nzu Ende gehe, und er bitte sie, diese Messe bei seiner\neigenen Todtenfeier mit eben so viel Sinn und Liebe auf-\nzulühren, wie heute. Und in der That kamen sie nur zu\nbald in den Fall, das ihm gegebene Versprechen zu halten.\nDrei Wochen später las man im Moniteur: Mr. Mar-\ntini, Surintendant de la Musique du Roi et Maltre de\nmusique de la Chapelle, auteur de la „Bataille d'lvryu,\ndu „Droit du seigneur\", de „Sappho\", d'excellentes com-\npositions d'eglise et de divers\nart tres-eslimes, vient de mourir.Er schloss am 10. Fe-\nbruar 181(3, fern vom Lande seiner Geburt, die Augen.\nAls der Sarg, in welchem die Leiche des armen Schulmei-\nstersohnes von Freistadt eingeschlossen lag, durch die\nStrassen der Hauptstadt Frankreichs gefahren wurde,\nschmückten denselben das grosse Band des St.-Michaels-\nOrdens und ein Lorberkranz; Cherubini, sein Nachfolger\nim Amte, und drei der ersten Künstler Frankreichs hiel-\nten die Zipfel des Leichentuches. So ehrte Frankreich den\nEhrenwerthen. Und das Land, das ihn geboren hatte?\nVon unseren Zeitungen hatte keine auch nur für zwei Zei-\nlen Raum übrig, um dem Vaterlande zu sagen, dass man\nfern von ihm einen seiner berühmten Söhne begraben habe.\nVielleicht weiss man in Baiern nicht einmal, dass Martini\ndort das Licht der Welt erblickte*).\n„Martini war\", sagt Fetis, „ein Mann von Talent,\nseine Operetten enthalten Stücke von der anmuthigsten\nNaivetät. Seine Melodieen sind ausdrucksvoll und drama-\ntisch, seine Romanzen, worin Garat und Boieldieu nur\nseine Nachahmer waren, können als Muster ihrer Art be-\ntrachtet werden; sein „Plaisir d'am\nment\" wird stets als ein Meisterstück von Anmuth und\nsüsser Melancholie angeführt werden.\" So urtheilt ein\nstimmberechtigter Kritiker über den Meister, dessen Schwä-\nchen ihm nicht unbekannt waren, da er den Unterricht\ndieses Meisters zu geniessen so glücklich gewesen war.\nMinder bewundernd spricht er von den religiösen Compo-\nsitionen seines Lehrers, welche vom Charakter seines Zeit-\nalters natürlich mehr an sich tragen, als lobenswerth ist.\n„Seine Compositionen für die Kirche\", sagt er, „wurden\nmehr gerühmt, als sie es verdienen; der Charakter dersel-\nben ist mehr glänzend als religiös, auch fehlt es ihnen an\nEinfachheit und Reinheit des Satzes. Martini hatte die\ntheoretischen Werke der Deutschen fleissig studirt, allein\nseine erste musicalische Bildung war eine vernachlässigte:\ner war gewisser Maassen nur sein eigener Lehrer gewe-\nsen, und die alten italiänischen Meister waren ihm fast un-\nbekannt geblieben.\"\nMartini war der erste Componist, der seine Gesänge\nmit vollständiger Begleitung von Ciavier oder Harfe stechen\nliess, während man bis dahin nur denßass, und nicht einmal\nstets beziffert, unter die Melodie zu setzen pflegte. Man\nahmte dies seitdem in allen zum Studium oder zur Unter-\nhaltung bestimmten Gesarigs-Compositionen nach, und\ndiese von ihm eingeführte Sitte hat nicht wenig beigetra-\ngen, den Geschmack am Gesänge zu verbreiten. Das war\n\n*) Hier thut der Verfasser, wie das oft bei ähnlichen Gelegen-\nheiten von unseren Landsleuten geschieht, den Deutschen Un-\nrecht. Es dürfte schwer zu beweisen sein, dass keine deutsche\nZeitung von dem Tode Martini's Notiz genommen. In Rei-\nch ar dt1 s Musicalischer Zeitung, Jahrg. 1., Nr. 21, befand sich\nz. B» ein ausführlicher Artikel über Martini, und in E. L.\nGerber's neuem Lexikon der Tonküns 11 er (1813) heisst\nes unter Anderem: „Johann Martini hat sich nicht nur in\nFrankreich, wo er wahrend der Revolution als Bürger blieb,\nsondern auch in Deutschland, seinem Vater lande\ner ist aus Baiern gebürtig —, durch seine Talente mit je-\ndem Jahre mehr Achtung und grösseren Beifall erworben.\nSeine Opern: Der Liebhaber von fünfzehn Jahren, Das Her-\nrenrecht, Der gefoppte Kadi u. s. w., sind auch auf deutschen\nTheatern häufig gegeben worden.\" Die Redaction."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "245", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630801-01.1.5", "texte": "ein wesentlicher Fortschritt, den die Kunst ihm zu ver-\ndanken hat. „Wenn wir Martini's Thätigkeit überschauen,\"\nheisst es in der Biographie des Contemporains, „so muss man\nsagen, dass er durch seine Compositionen für die Kirche,\ndie Kammer, die Bühne und das Militär sowohl, als durch\ntheoretische Werke für die Singkunst und die Oreel.\no o \"\ndurch die Erweiterung, welche die Harmonie-Musik ihm\nverdankt, und den Gebrauch, welchen er bei dem Accom-\npagnement mit dem Ciavier und der Harfe einführte, sich\ngrosse Verdienste um die Tonkunst und ihren Fortschritt\nin Frankreich erworben hat.\" Und Sevelinges, der\nden Artikel „Martini\" für die ge-\nschrieben hat, schliesst ihn mit den Worten: „Vielleicht\n% '\ntrug zur Verbreitung des Geschmacks an der Tonkunst\nunter den Franzosen Niemand so viel bei, als. Martini.\"\n\nDr. Pf.\n\nUeber Harmonielehre.\nWir haben in Nr. 46 des neunten Jahrgangs (1861)\ndieser Zeitschrift in dem Artikel: „Die Harmonielehre der\nneuen Schule\", eine uns damals im Manuscript vorliegende\nAbhandlung von F. J. Kunkel, die gegen die bekannte\nPreisschrift von C. F. Weitzmann gerichtet worden, be-\nsprochen. Dem dort von uns ausgesprochenen Wunsche,\ndiese Abhandlung möchte veröffentlicht werden, ist jetzt\nentsprochen worden; sie ist unter folgendem Titel:\nKritische Beleuchtung des C. F. Weitzmann-\nschen Harmonie-Svstems und des Schrift-\n*/\nchens: „Die neue Harmonielehre im Streit mit\nder alten\", von F. J. Kunkel. Frankfurt a. M.,\nbei F. Benj. Auffarth. 1863. 59 S. Gr. 8.—\nerschienen.\nBekanntlich hatte die Partei, welche die Richtung der\nZukunftsmusik vertritt, es für wünschenswerth gehalten,\ndass neben ihrer Verfechtung des Princips durch ästhetisches\nPhrasengeklingel endlich auch einmal versucht werde, eine\nrechtfertigende Theorie des harmonischen Gewinns aufzu-\nstellen, den der bahnbrechende Genius ihrer Koryphäen\nin ursprünglicher Schöpferkraft unzweifelhaft der Tonkunst\ngebracht habe. Das musste aber, wie der Verfasser im\nVorworte ganz richtig sagt, „mit besonderem Eclat ge-\nschehen\", und so entstand die Preisaufgabe und die viel -\nberulene Lösung derselben durch €. F. Weitzmann.\nDessen Preisschrift versprach eine „erklärende Erläuterung\nund musicalisch-theoretische Begründung der durch die\nneuesten Kunstschöpfungen bewirkten Umgestaltung\nund Weiterbildung der Harmonik, ferner eine Er-\ngründung der Gesetze (?), nach welchen die in früheren\ntheoretischen Werken nicht erklärten Zusammenklänge\nund Accordfolgen, welche in den neueren Tonwerken er-\nscheinen, zu erklären wären\".\nDie Preisschrift verfehlte ihren Zweck gänzlich, denn\nsie machte nicht einmal Aufsehen, was sehr deutlich beab-\nsichtigt worden war; sie ist im Grunde genommen schon\nso gut wie verschollen, und es könnte die Frage entstehen,\nob eine ausführliche Widerlegung noch nothwendig sei,\nda kritische Aufsätze in mehreren Blättern die Dürftigkeit\nund Unhaltbarkeit der Aufstellungen und die Dreistigkeit\nder kategorischen Behauptungen des Verfassers gezeigt\nhaben. Indessen nimmt Herr. Kunkel doch einen anderen\nStandpunkt ein, welcher seine Arbeit vollkommen recht-\nfertigt. Er tritt nämlich hauptsächlich als Anwalt der bis-\nherigen Theorie der Harmonik auf und steckt sich das\nZiel, nachzuweisen, dass diese vollkommen ausreicht, um\nalle nicht geradezu unlogischen und absurden Tonverbin-\ndungen und Tonfolgen (deren freilich in ihnen auch vor-\nkommen) in den Compositionen der neueren Schule zu er-\nklären. lerner hat Herr Kunkel Recht, wenn er sagt, dass\nin der marktschreierischen Art, wie das so genannte neue\nHarmonie-System an den Mann zu bringen versucht wird,\nein verführerisches Gift für die Kunstjünger liegt, welche\ndem Schisma noch nicht verfallen sind, und dass desshalb\ndiese gewarnt werden müssen. Desshalb sei es nöthig, zu\nzeigen, wie ungleich gründlicher, kunstvernünftiger und\nlehrreicher die Satzungen unserer in Ehren zu haltenden\nMusik-Theorie sind, wenn man sie gegen die Oberfläch-\nlichkeit, Unklarheit und die Widersprüche des so genann-\nten neuen Harmonie-Systems hält.\nEndlich erhält das Schriftchen noch einen besonderen\nWerth durch den Abschnitt V (S. 17—29), welcher den\nVersuch einer rationellen Entwicklung und sinnigen Dar-\nstellung der Verwandtschaft der Accorde und beson-\nders der Tonarten enthält, den jeder Musiker mit In-\nteresse lesen wird, eben so wie das, was der Verfasser bei\nGelegenheit der Weitzmann'schen Sätze über die Folge\nvon Dreiklängen und über Vorhalte und „Verzögerungen\"\nfreilich ein Hauptmittel der neueren Spannungs- und\nSchwebe-Musik, der die Befriedigung fehlt im Laufe der\nübrigen Abschnitte sagt.\nDas Schlusswort Weitzmann's beschränkt allerdings\nden freiesten Gebrauch der genialen harmonischen Errun-\ngenschaften. Es heisst darin unter Anderem: „Fs wäre\nnicht zu rathen, ein Tonstiick mit vielen solcher scharfen\nDissonanzen anzufüllen, namentlich würden dieselben in\nYocal-Compositionen aus oben angeführten Gründen zu\nvermeiden sein; aber so wenig man das Roth, als zu grell\nhervorstechend, aus der Malerei gänzlich verbannen würde,\neben so wenig wird man einen haltbaren Grund aullinden\nkönnen, jene schroff und seltsam klingenden Harmonieen"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "246", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630801-01.1.6", "texte": "gänzlich zu verwerfen. Wie gefährlich es wäre, dem Schü-\nler die unbeschränkte Benutzung solcher scharfen Disso-\nnanzen frei zu geben, braucht hier wohl nicht erst bemerkt\nzu werden. Dem Meister aber darf kein seinem Zwecke\nentsprechendes Mittel einer befangenen Theorie wegen ent-\nzogen werden.\" —Dies und die folgenden Rathschläge\nbemerkt Kunkel mit Recht können in Beziehung auf\nviele der vorausgestellten Noten-Beispiele keinen anderen\nEindruck bewirken, als wenn man eine moralische Vor-\nlesung zur Gewinnung des ewigen Heiles hält, vorher aber\ndie Sünde in allen möglichen verführerisch gemalten Ge-\nstaltungen dem Auge vorgelegt hat. Selbst die gewählte-\nsten Ausdrücke und die in selbstgefälliger Meinung gelun-\ngensten und zierlichsten Phrasen, hintendrein gebracht,\nhält man dann für das, was sie in der That sind: wider-\nlich sophistische Schönthuerei, um den leichtfertig\nvorausgeschickten destructiven Beispielen und Lehren ein\nMäntelchen umzuhängen! Wir wurden früher schon zu\nder Erklärung veranlasst, dass der Meister den Unter-\nricht in der Theorie nicht mehr bedarf; er muss mit den\nvon derselben festgestellten Kunstmitteln vollständig ver-\ntraut sein, muss seine Kunst „durchdacht\" haben und\nsie „recht sicher kennen\", weil eben das „Tappen\"\nnicht hilft, wie Goethe sagt. Dem musicalischen Kunst-\njünger aber, für den die Lehrbücher der Harmo-\nnieen zunächst bestimmt sind, soll man für Auge\nund Ohr vorzugsweise das Kunstgesetzliche und Kunstbe-\nwährte vorführen, nicht aber zum grössten Theile auffal-\nlende und grelle, selten und vielleicht theilweise kaum\neinmal im vielstimmigen Satze vorübergehend verwendbare\nZusammenklänge, in langgehaltenen Tönen bizarre Miss-\ngestalten hinstellen und dann nur im Allgemeinen vor der\n„unbeschränkten Benutzung\" warnen wollen. Das Kunst-\ngesetzliche wird durch solches mehr als „gefährliche\" Ver-\nlahren weit in den Hintergrund gestellt, wenn nicht ganz\nund gar verdrängt, und der Zügellosigkeit Thor und Thür\ngeöffnet! Dem Malerlehrling soll „das Roth, als zu grell\nhervorstechend\", für die Malerei nicht ganz verbannt blei-\nben; wie aber nun, wenn man ihm nur diese grelle und\netwa noch eine oder die andere schmutzige Farbe zu\nseinen Pinselstrichen verstattet und abscheuliche Ca-\nricaturen als Vorlagen gibt? Er wird dann gewiss recht\ntüchtig darauf los Fratzen malen!\n\nBeiträge zur Charakteristik heutiger Kritik.\nDie in Frankfurt in französischer Sprache erscheinende\nZeitung L'Europe,früher Journa hat Herrn\nA. Malibran aus dem letzteren als musicalischen Kritiker\nin ihr Feuilleton mit herüber genommen. Schon ehe der-\nselbe sein Programm in der Egab, halte er sich in\neinem Schmäh-Artikel gegen unseren Mitarbeiter Herrn\nA. Schindler zum Ritter eines seiner souverainen Ueber-\nzeugung nach gekränkten Tonkünstlers in Frankfurt auf-\ngeworfen [Journal de Francfortv. 30. Nov. v, J.). Wir\nwollen nicht darauf zurückkommen, sondern nur aus jenem\nArtikel den noblen Grundsatz anführen, zu dem Herr Ma-\nlibran sich bekennt, indem er sagt: „Ich an seiner Stelle\n(des Tonkünstlers) hätte die Person durchgeprügelt\ntonne), wie jeder Kritiker es verdient, der seine Pflicht ver-\ngisst und sich zu Persönlichkeiten hinreissen lässt.\" Und\ndoch wirft er selbst mit lauter Persönlichkeiten um sich, so\ndass er sogar seinen Gegner, der das Verbrechen auf sich\ngeladen hat, seine Schreibereien zu tadeln, mit „bösarti-\ngen Thieren\" vergleicht!\nBeiläufig fällt er denn auch über unsere Zeitschrift\nher. „Connaissez-vous la Mus\nnisch'e Zeitung? C'est unjoumal que je ne lis ja-\nmais.\" So beginnt er jenen Artikel. Ei, ei, Herr Mali-\nbran, wie vergesslich! Wie, wenn wir Ihre Briefe an die\nRedaction, in welchen Sie um günstige Besprechung Ihrer\nBiographie Spohr's im Jahre 1860 in unserer, wie\nSie Sich damals auszudrücken beliebten, „allgemein ge-\nschätzten, vortrefflichen Niederrheinischen Musik-Zeitung\"\nersuchten, jetzt abdrucken liessen? Wir halten es nicht der\nMühe werth. Doch wollen wir unseren Lesern den Schlüs-\nsel zu dem Räthsel Ihrer Meinungs-Aenderung nicht vor-\nenthalten.— Wir theilten im Jahrgang 1860 in Nr. 7 und\n9 zwei Briefe von Spohr wörtlich und Auszüge aus zwei\nanderen—alles aus Herrn Malibran's Biographie Spohr's\nnebst Angabe der Quelle mit. Nachher erfuhren wir,\ndass diese Briefe von Spohr im Jahre 1821 an die Re-\ndaction der leipziger Allg. Musik-Zeitung von Paris aus\ngeschrieben waren!! Und doch sagte Herr Malibran (S.\n68), „dass ihm das Herz höher schlage, so oft er diese\nwerthvollen Briefe in die Hand nehme\" „in der leipziger\nZeitung\" hat er vergessen (?) hinzuzusetzen. Hierauf be-\nzeichneten wir seine Biographie als „eine in Eile compi-\nlirte\" und sein Verfahren „als leichtfertige Buchmacherei\".\nHinc illae lacrymae!\nNachdem auf diese Weise die Niederrheinische Musik-\nZeitung die ersten Versuche der musicalischen Schriftstel-\nlern des Herrn Malibran charakterisirt hatte, begegnete\nman ihm wieder in dem musicalischen Feuilleton des\nnal cle Francfort,wo er unter Anderem folgende Urtheile\nvom erhabenen Stuhle der Unfehlbarkeit verkündete. Zu-\nnächst, dass „Beethoven's 6r-e?wr-Concert das am wenigsten\nwirksame des Meisters sei: Melodie ist selten darin vor-\nhanden und die Passagen sind holperig, trocken und ohne"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "247", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630801-01.1.7", "texte": "allen Reiz. Wahrlich, ohne die zwei Cadenzen der Frau\nSchumann thut es mir beinahe leid für Beelhoven, dieses\nWerk gehört zu haben, das ich übrigens nicht kannte\". (!!)\nNr. 317, 1862.\n•Ferner: „Beethoven's Ouvertüre Op. 115 ist auch\n(wie zwei Ciavierstücke von Schumann und Chopin's\nJwr-Etude) ein geschraubtes und gequältes, studirtes, bis\nins Endlose durchgeführtes Musikstück, aber ich entdecke\ndarin keine Spur von dem Genie, dessen Schönheiten mich\nseine Schwächen nur um so tiefer bedauern lassen. Das\nist eine unglückliche Wahl für ein Concert, eine unge-\nschickte, wenn man'an das glänzende Repertoire der alten\nClassiker denkt.\" (Ebendaselbst.)\nAn anderen Stellen ist Mendelssohn's\nein trockenes, undankbares Musikstück Chopin's Ballade\nin G-moll bizarr, wunderlich, dunkel, und Herr Malibran\nhat in ihr und drei Ciavierstücken von Schumann „keinen\nSinn gefunden, und sie haben ihn schrecklich gelangweilt\".\n„Ich weiss wohl,\" fährt er fort „dass es Leute gibt,\ndie Chopin bewundern, aber sie würden arg in Verlegen-\nheit kommen, wenn sie uns die Schönheiten der genannten\nBallade aufzählen sollten. 0, ich habe schon viele Dilettan-\nten in die Enge getrieben, wenn ich sie zwang, sich kate-\ngorisch zu erklären! Bei Lob und Tadel muss man die\nGründe anführen.\"\nWie trefflich befolgt der loyale Kritiker diesen Grund-\nsatz, wie frei hält er sich von blossem Absprechen und von\nPersönlichkeiten z. B. in einer Beurtheilung eines Concertes\nder philharmonischen Gesellschaft in Frankfurt am Main.\n„Diese arme Gesellschaft muss weit heruntergekommen\nsein, dass sie ihren Abonnenten solche Kost bietet, wie das\nViolinspiel von M. Wolff. Man kann nicht burlesker sein,\nals dieser Violinist; er hat aus Rode's Concert und\nDavid's Variationen zwei BufTo-Stücke gemacht: er leckt,\nmiaut, verzerrt die Melodieen Rode's, fasst dessen Gedan-\nken verdreht auf, nimmt Tempi zum Einschlafen und bringt\neine lange Cadenz an, die ein wahrer musicalischer Har-\nlekin ist, eine Höllenmaschine, die den Beherztesten in die\nFlucht jagt\" u. s. w. u. s. w. Und dieser Schwätzer will\ndie Kritik lehren, wie sie human verfahren und sich nur\nan die Sache halten solle?\nDoch den derbsten Schlag ins Angesicht hat sich Herr\nMalibran selbst versetzt, als er in der vom 18. Fe-\nbruar d. J. Beethoven's Cis-moll-Quartett Op. 131\nfür Schubert's JJ-dur-Quartett anhörte, weil dieses letztere\nauf einem früheren Programme stand, das aber abgeändert\nworden war. C'is-moll und B-dur! Und nun schildert er\ndas gehörte Quartett von Beethoven als „ein seltsames,\nbarockes, zerstücktes Werk eines Componisten, der nach\nPhrasen sucht, sich wie ein Besessener in trockenen, dür-\nRen Reflexionen abquält und ein Labyrinth, ein Chaos\nhervorbringt\".\nFreilich,- da die Niederrheinische Musik-Zeitung auch\ndiesen musicalischen Scandal an den Tag brachte (Nr. 9\nvom 28. Februar 1803), so können wir es ihm nicht ver-\ndenken, wenn „er sie niemals liest\".\n\nEin Brief von Rossini an Frau Mathilde Marchesi.\nG. Rossini.\nPassy-Paris, 3 juillet 1863.\nChere madame Mathilde Marchesi, il me tardait de vous of-\nfrir les sentiments de ma vive reconnaissance pour la si\nflatteuse pour moi, que vous avez bien voulu me faire de vos vingt\nquatre vocalises. Le mauvais etat de ma sante est la seule cause de\nce retard involontaire; veuillez me le pardonner. Bravo! chere ma-\ndame Marchesi, pour vos vingt quatre vocalises que j1 ai parcourues\navec le plus grand Elles sont avec la souveraine\nconnaissance de la voix humaine, avec clarte, et elles con-\ntiennent tout ce qui peut concourir au developpement d un art que,\ntrop longtemps, je compare ä des barricades vocales! Puisse\nvotre interessant travail ramener dans la bonne voie la jeunesse\nd'aujourd'hui un peu Continuez, chere madame, k enseigner\nle bei art du cliant; il n'exclut pas l'expression, et la partie drama-\ntique, qui va se rdduisant de jour en jour k une simple question de\npoumons, ne s'enseigne pas! (CTest bien commode!) Croyez moi,\nchere dame, votre admirateur et votre serviteur reconnaissant *)\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nIi Bit* In der letzten Sitzung der musicalischen Gesellschaft\nhatten wir den Genuss, das Trio in B-dur für Pianoforte, Violine\nund Violoncell von F. Schubert in meisterhafter Ausführung durch\ndie Herren Breunung, von Königslöw und A. Schmit zu hö-\nren. Man kann sich kaum vorstellen, welch einen Enthusiasmus\ndiese so ausgezeichnet vorgetragene Composition erregte! Wodurch?\nEi nun, weil sie den Stempel des Genies in dem fort und fort strö-\nmenden Flusse der anmuthigsten Melodieen trägt, und weil sie ein\nwirkliches Trio mit Gleichberechtigung aller drei Instrumente ist,\n\n*) „Liebe Frau Marchesi, — es drängte mich, Ihnen die Ge-\nfühle der lebhaftesten Dankbarkeit für die mir so schmeichel-\nhafte Widmung Ihrer 24 Solfeggien auszudrücken; der\nschlechte Zustand meiner Gesundheit ist der alleinige Grund\ndieser unfreiwilligen Verzögerung, die Sie mir verzeihen mögen.\nBravo, liebe Frau Marchesi, für Ihre 24 Solfeggien, die ich\nmit dem giössten Interesse durchgesehen habe! - Sie sind mit\neiner vollkommenen Kenntniss der menschlichen Stimme, mit\nKlarheit und Eleganz geschrieben und enthalten alles, was zur\nEntwicklung einer Kunst beitragen kann, die ich schon nur zu\nlange mit Vocal-Barricaden vergleiche! Möge Ihre interessante\nArbeit unsere heutige, etwas auf Abwege gerathene Jugend\nwieder auf die richtige Bahn führen! Fahren Sie fort, die\nschöne Kunst des Gesanges zu lehren; sie schliesst den Aus-\ndruck nicht aus, und der dramatische Vortrag, der von' Tag /\nzu Tag sich immer mehr auf eine Lungen-Frage reducirt, kann\nnicht gelehrt werden. (Das ist sehr bequem!) Halten Sie mich\nstets, liebe Frau, für Ihren Bewunderer und dankbaren Diener.\n„G. Rossini.\""}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "248", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630801-01.1.8", "texte": "•wahrend die neueren Trio's, die von Mendelssohn nicht ausgenom-\nmen, uns wie Clavier-Auszüge von Sinfonieen vorkommen, bei de-\nnen eine Violine und ein Violoncello zwar zur Verstärkung zu Hülfe\ngenommen sind, in der Regel aber nicht einmal das Tongewühl des\nPianoforte's durchdringen können.\nHerr Theodor Fo rmes vom k. Hof-Operntheater zu Berlin,\nunser Landsmann (aus Mülheim am Rheine, woher diese Sängerfa-\nmilie stammt), hat uns durch sein Auftreten als Edgardo in Doni-\nzetti's „Lucia\" erfreut. -Er wurde mit lebhaftem Beifallc begrüsst\nund seine treffliche Leistung gewann ihm stürmischen Applaus und\nöfter wiederholten Hervorruf. Und das mit vollem Rechte; denn\nHerr Formes ist ein Künstler ersten Ranges, dessen Stimme von der\nwunderbaren Frische, die ihr eigen war, noch vollkommen genug\nbehalten hat, um durch die kunstgemässe Behandlung sowohl in den\nleidenschaftlichen als in rein lyrischen und zarten Stellen denjenigen\nAusdruck des Gesanges zu voller Geltung zu bringen, den die jedes-\nmalige Stimmung und Situation erfordert. Zu dem schönen Ansätze\nund der guten Tonbildung überhaupt, durch deren ernstes Studium\nder Sänger seine ausgezeichnete Natur auf den Höhepunkt der Kunst\ngebracht hat, kommt eine reine, dialektfreie, wohlarticulirte Aus-\nsprache als ein wesentlicher und doch leider immer seltener wer-\ndender Vorzug.\nDirector Salvi beabsichtigt, das gegenwärtige Reper-\ntoire des Hof-Operntheaters grösstentheils umzugestalten, daraus alle\nitaliänischen Opern zu entfernen, dagegen aber in der deutschen\nSaison nur deutsche und französische Opern aufzuführen, während\ndie italienische Oper der neuen italiänischen Saison aufbehalten sein\nsoll. Nach dem Eintreffen sämmtlicher ersten Sänger soll mit dieser\ngewiss sehr anerkennenswerthen Neuerung vorgegangen werden. Von\nZeit zu Zeit tauchen immer am Spitalsplatze solche löbliche Vorsätze,\nwie diese vom „Zwischen-Act\" gebrachte Notiz, auf; allein man\nweiss, wie sie dann ausgeführt werden. Wahrscheinlich ist die Vor-\nführung der Opern „Lucrezia\", „Trovatore\", „Hernani\" und „Beii-\nsar\" während der ersten zwei Wochen der deutschen Saison eine\nVorbereitung zu dieser Umgestaltung, und die bevorstehende Wie-\nderaufnahme der „Indra\", eines der erbärmlichsten musicalischen\nProducte aller Nationen, soll als Fingerzeig dienen für den Weg,\nden man einzuschlagen gedenkt, um ein gediegenes Repertoire her-\nzustellen. (Recens.)\nDas strassburger Fest-Programm machte es den Deutschen\nziemlich schwer, am Sängerfeste Theil zu nehmen. Dass das Fest-\nessen einen „Napoleon\", das ist 9 Fl. 20 Kr., das Gedeck kostete,\nwar etwas unangenehm; man könnte auch an einem Drittels-Napo-\nleon satt bekommen, zumal es ja kein Ess-, sondern ein Gesangfest\nsein sollte; doch das ist eine Geldsache, konnte Jeder halten, wie er\nwill; ist es doch nicht das erste Mal, dass die Deutschen einen Na-\npoleon verklopfen. Dass sie aber dem Herrn Präfecten von Strass-\nburg, dem Herrn General und dem Herrn Maire ein Ständchen bei\nFackelschein bringen sollten, war schon eine etwas sonderbarere Zu-\nmuthung; uns Deutschen ist es wenigstens noch niemals eingefallen,\ndie Franzosen einzuladen, wenn wir unseren deutschen Bürgermei-\nstern und Generalen Ständchen bringen, obschon's nicht allzu oft\nvorkommt. Dass der Herr Präfekt beim Gastmahle den Vorsitz führte\nund aufpasste, dass Keiner etwas sprach, was ihm und Ihm nicht\nanstandig ist, scheint recht gemüthlich und patriarchalisch, und war\nes für uns Deutsche sehr anziehend, die französischen Zustände auch\nvon ihrer stummen Seite kennen zu lernen. Für die deutschen Re-\nden, die unter diesen Umständen gehalten wurden, war kein Ge-\nschwindschreiber nothwendig. (Der hinkende Bote von Lahr.)\nZur Harmonielehre. Vor Kurzem sprach ein „ritterlicher\"\nFlöten-Virtuose in einem geselligen Vereine von Künstlern in Berlin\nseine Bewunderung für Richard Wagner und namentlich für die von\nihm „erfundenen neuen Accorde\" aus. „Mein Gott!\" rief einer von\nden Anwesenden, „davon ist ja gar nicht mehr zu sprechen seit den\nneuesten Errungenschaften durch Berlioz in Frankreich. Sie kennen\nwahrscheinlich den Dix-neuf- Accord noch nicht?\"\n««Den Dix-neuf-Accord? Nein! Wie sieht der denn aus?\"\"\nDarauf zieht jener Schalk ein Linien-System und schreibt darauf\neinen Accord von neunzehn Noten mit allerlei Kreuzen und Been,\nvierfach über und unter der Linie gestrichen. „ Voilä!\" sagt er.\nDer Ritterliche beschaut den Riesen-Accord, staunt, schmunzelt\nund fragt endlich:\n„„Aber wie ist denn der aufzulösen?\"\"\n„Nichts leichter als das; aber es dauert etwas lange.\"\n„„Wie lange denn?\"\"\n„0, vierzehn Tage.\" Allgemeine Heiterkeit*\nt\nAnekdote. Dilettanten und Dilettantinnen fragen häufig nach\nder Höhe, welche eine Sopranistin hat, um danach ihren Künstler-\nrang zu taxiren. Eine wiener Sängerin, an die eine Dame denn\nauch die Frage richtete: „Wie hoch singen Sie?\" antwortete:\n„Schauen's, Ihr Gnaden, das kommt halt aufs Stock an, in dem ich\ngrad' wohne.\""}]}