{"numero_id": "bm-bmtnabi-1863-08-15-01", "volume": "bmtnabi_1863-08-15_01", "ocr_sha256": "346b897b311247e61c1e845b0ae612b3f3ae4e5038cb186d2bba5bde054311ea", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1863/08/15_01/bmtnabi_1863-08-15_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630815-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1863-08-15-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1863-08-15_01#c001", "volume": "bmtnabi_1863-08-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "257", "page_fin": "257", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630815-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "257", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630815-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 446, "texte": "Inhalt.\nVor siebenzig Jahren. 11. 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Nr. 32.)\nWir wollen die Erinnerungen an verschiedene Aus-\nsprüche philosophischer Schriftsteller der letzten Jahr-\nzehende des vorigen Jahrhunderts über die Tonkunst noch\ndurch einzelne Anführungen ergänzen, welche wir als mu-\nsicalische Aphorismen geben, deren Geltung hauptsächlich\nauch durch die Aulrichtigkeit der Forschung gehoben\nwird, mit der jene Denker rein um der Kunst willen, fern\nvon jedem persönlichen oder Coteriezwecke, ihre Ansich-\nten darlegten.\nSchiller (1794 in Nr. 298 der „Allg. Lit.-Zeit.\")\nbemerkt, dass „die landschaftliche Natur, wenn sie der\nDichter zu seinem Gegenstande wähle, den echten Künstler\ndie strenge Notwendigkeit oder Bestimmtheit in vielen\nStücken vermissen lasse, in deren reinem Ausdrucke der\ngrosse Stil bestehe, welcher Willkür und Zufall ausschliesse\nund in Verbindung mit der freien Selbstthätigkeit der Ein-\nbildungskraft in jedem wahren, schönen Kunstwerke un-\nentbehrlich sei. Diese vollkommene Nothwendigkeit und\nBestimmtheit, diese Einheit und Gesetzmässigkeit, die den\nechten Künstler allein befriedige, liege nun bloss innerhalb\nder menschlichen Natur. Nun gebe es zweierlei Wege,\naul welchen die unbeseelte Natur ein Symbol der mensch-\nlichen werden könne: entweder als Darstellung von Em-\npfindungen oder als Darstellung von Ideen. Darstellung\nvon Empfindungen ist aber das Eigene der Musik. In so\nfern bestände die symbolische Operation, die unbeseelte\nNatur in die menschliche zu verwandeln und dadurch jener\nden ihr noch mangelnden Charakter strenger Nothwendig-\nkeit zu geben, in der musicalischen Behandlung. Zwar\nsind Empfindungen ihrem Inhalte nach keiner Darstellung\nfähig, aber ihrer Form nach sind sie es allerdings, und es\nexistirt wirklich eine allgemein beliebte und wirksame\nKunst, die kein anderes Object hat, als eben diese Form\nder Empfindungen. Diese Kunst ist die Musik.\n»In so fern die Landschafts-Malerei oder Landschafts-\nPoesie musicaüsch wirkt, ist sie Darstellung des Empfin-\ndungs-Vermögens, mithin Nachahmung mensehlicherNatur.\n„In der That betrachten wir auch jede malerische\nund poetische Composition als eine Art von musicalischem\nWerke und unterwerfen sie zum Theil denselben Gesetzen.\nWir fordern auch von Farben eine Harmonie und einen\nTon und gewisser Maassen auch eine Modulation. Wir /\nunterscheiden in jeder Dichtung die Gedanken-Einheit von\nder Empfindungs-Einheit, die musicalische Haltung von\nder logischen, kurz, wir verlangen, dass jede poetische\nComposition neben dem, was ihr Inhalt ausdrückt, zugleich\ndurch ihre Form Nachahmung und Ausdruck von Empfin-\ndungen sei und als Musik auf uns wirke.\"\nFriedr. Heinr. Jacobi (1781, „Allwill's Brief-\nsammlung\" , S. 157): „Rufen Sie Sich die verschiedenen\nNamen, welche wir dem, was wir hörten, gaben, ins Ge-\ndächtniss zurück; wir nannten es schön, rührend, erhaben,\nmajestätisch, himmlisch, göttlich, und keiner von uns\nmeinte damit wohl etwas, was sich von den Saiten des\nInstrumentes ablöste und ihm vor den Ohren klänge, son-\ndern die Empfindungen in seiner eigenen Brust, Empfin-\ndungen, welche nicht durch jedes Ohr in jede Brust mit\ndenselben Tönen kommen, die wir also selbst erzeugten\nund die in keinem ganz dieselben waren. Hierüber werden\nwir ungefähr einig sein. Aber nun, was die Töne selbst\nals blosse Töne angeht. Ciavier und Stimme hörten wir\nwirklich. Dazu kamen in der Vorstellung die Flöten, Gei-\ngen und Hörner, welche wir in der Partitur lasen, und\nIhnen brauche ich nicht zu sagen, welche Wirkung diese\nBegleitung auf unsere Einbildungskraft machte. Nehmen\nSie für einen Augenblick an, alle diese Instrumente wären ge-\ngenwärtig gewesen, und hernach denken Sie das mensch-\nliche Ohr sich weg; was bleibt?— Nichts als eine so oder"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "258", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630815-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5492, "texte": "anders erschütterte Luft, kein Flöten-, Hörner-, Geigen-\noder Ciavierton. Alle diese verschiedenen Töne sind allein\nin Ihrem Ohr, und ihre mannigfaltigen Erscheinungen lö-\nsen sich in ein reines Vermögen, zu hören, als ihre erste\nQuelle, den Grund ihrer Möglichkeit, auf. . . . Der Ton\nist offenbar ganz und allein in uns und bezeichnet nur eine\nModification unseres reinen Vermögens, zu hören.\"\nChr. Friedr. Michaelis (1800, „Ueber den Geist\nder Tonkunst\", 11. Einleitung): „Es kann dem Menschen\nnicht gleichgültig sein, in welchem Zustande sich die Kunst\nbelinde; denn er ist es ja selbst, die Menschheit ist es, die\nin den Darstellungen durch die Kunst und in den Beur-\ntheilungen ihrer Wecke sich selbst erkennt, sich selbst\nwiederfindet, den Grad ihrer Reife, der Ausbildung des\nGemüthes, der Harmonie der sinnlichen und geistigen\nKräfte wahrnimmt. In der Kunst sucht der edle Mensch\nsich selbst wiederzufinden, einen reinen Erguss aus dem\nhöheren Wesen der Menschheit zu empfangen, das Stre-\nben seines besseren Selbst zu verkündigen, zu versinnlichen,\nans Herz zu legen. Je weniger wir uns selbst nach unse-\nrem besseren Sein und Streben in den Kunst-Darstellun-\ngen wiederfinden, je weniger uns aus denselben die edlere\nMenschheit entgegenkommt, desto entfernter von ihrer\nAusbildung ist die Menschheit entweder in ihrer Darstel-\nlungskralt oder in ihrer Empfänglichkeit für das Schöne\nund Erhabene noch geblieben. In der Tonkunst athmet\ndie Menschheit, tönt und fühlt nichts als das menschliche\nHerz; denn wer dürfte die äusseren Bedingungen ihrer\nmannigfaltigen zauberischen Eindrücke mit dem tiefen\nSinne ihrer Harmonieen und Melodieen selbt verwechseln?\nwer dürfte Harmonie und Melodie im Ernste ausser sich\nsuchen? Die Musik ist in dem Gemüthe des Hörenden,\nseine Aulmerksamkeit, seine Fassungskraft, seine Reflexion\nbestimmt ihren Effect, sein Ideenspiel leitet ihren Ein-\ndruck.\nnlst nun die Tonkunst, wie jede schöne Kunst, nur\ninnerhalb der gebildeten Menschheit, nur durch und für\ndie gebildete Menschheit, so kann es keine Frage sein, ob\nsie wissenschaftliche Betrachtung und Cultur verdiene. Der\nStandpunkt der Freiheit ist es, auf welchen uns der Künst-\nler setzt; er bewegt unsere Gemüthskräfte zu lebendiger\nharmonischer Thätigkeit und erregt unser Wohlgefallen\nan einer Darstellung, die wir uns auf seine Veranlassung\nselbst gebildet haben; er stellt uns in eine Welt, die sich\nuns nicht von aussen aufdringt, sondern aus unserer Ein-\nbildungskraft in unserem Geiste und Herzen aufgeht, ein\nWerk unserer Selbstthätigkeit ist; er erhebt uns in eine\nhöhere Sphäre, in welcher wir uns als frei und selbsthan-\ndelnd erblicken, zur Selbständigkeit emporgerichtet finden.\nWir beurtheilen die Welt, welche sich dem Schönheits-\nsinne darbietet, aus dem Gesichtspunkte der Freiheit; wir\nlieben ihre Schönheit, bewundern ihre Erhabenheit, indem\nwir sie als das Gebilde unserer freien harmonischen und\nerhöhten Erkenntnisskräfte anschauen und wahrnehmen.\nWir finden bei den Producten der schönen Kunst uns\nselbst in dem freien Spiel unserer mit dem Verstände zu-\nsammenstimmenden Einbildungskraft, also entbunden der\nFesseln, welche die gemeine Ansicht der Wirklichkeit uns\nanlegt, erhaben über den Zwang des sinnlichen Eindrucks,\nim freien Fluge zu dem Höheren unserer sittlichen Be-\nstimmung. Trägt also der Tonkünstler zur sittlichen Bil-\ndung des Menschengeschlechtes bei, so ist auch die wissen-\nschaftliche Untersuchung der Musik nothwendig. Die Re-\ngeln für die Kunst sollen aber keineswegs erkünstelt oder\nerklügelt, sondern selbst nur aus den schönsten Werken\nabgeleitet sein; sie können auch dem wahren Kunst-Genie\nkeinen Zwang anthun, denn dieses entdeckt sie bald in\nsich selbst, bedarf ihrer aber, um vor Abwegen bewahrt\nzu werden. Sie wissenschaftlich zu erkennen, ist Sache der\nnach Wahrheit und Gewissheit strebenden Vernunft; es\nist aber auch von der grössten Wichtigkeit, wenn von die-\nser wissenschaftlichen Erkenntniss die Aufsicht über die\nfortschreitende Cultur und zweckmässige Ausübung und\nAnwendung der Musik abhängt. Vernachlässigung aller\nwissenschaftlichen Aufsicht über die schöne Kunst führt\ndie Ausartung und endlich den gänzlichen Verfall dersel-\nben herbei.\n„Die Musik ist freilich keine Wissenschaft, welche\nden Verstand mit Kenntnissen bereichert, seine Begriffe\nbestimmt und berichtigt, ihm Belehrung und tiefere Ein-\nsicht verschafft: sie ist eine Kunst, deren Werke nicht\ndurch Begriffe, sondern durch Anschauungen und Gefühle\naufgefasst werden. Die Musik setzt keine einzelne Gemüths-\nkraft des Menschen, sondern sein ganzes Wesen in Bewe-\ngung, sie wirkt durch den äusseren Sinn auf den inneren\nund regt durch die Einbildungskraft den Verstand und die\nVernunft auf, welche den sinnlichen Eindrücken und ästhe-\ntischen Bildern eine höhere Bedeutung zu geben bestrebt\nist. Sie greift also durch ein harmonisches Spiel der Ge-\nmüthskräfte den ganzen Menschen an, durchdringt sein In-\nnerstes vollständig, beschäftigt ihn mit seinen inneren Em-\npfindungen, Einbildungen und Ideen, entzieht ihn so im-\nmer mehr der Aussenwelt und gibt ihm dadurch eine Art\nvon Selbstgelassenheit und Selbständigkeit, einen Zustand,\nin welchem er über sich selbst mehr Macht gewinnen\nlernt. Der Tonkünstler eröffnet dem Zuhörer eine Wrelt,\ndie nur entzückt, weil sie durch freie Einbildungskraft\nvorgebildet ist und nachgebildet wird: eben darum er-\nscheint sie voll Kraft und Leben; sie existirt nicht ausser\ndem Menschen in dem Bau und der Bewegung der Instru-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "259", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630815-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5330, "texte": "rnente, sie lebt und webt im Geiste, in der anschauenden\nEinbildungskraft und in dem fühlenden Herzen; sie er-\nscheint nicht als etwas Festgesetztes, Bestehendes, wie es\nnun einmal ist, nicht im Sein, sondern in einem Werden,\nin einer regen, lebendigen Mannigfaltigkeit. Dem ästheti-\nschen Sinne ist die Musik nicht ein belästigender Eindruck\nauf den Sinn des Gehörs, kein beschwerlicher Nervenreiz,\nkeine gewaltsame Erschütterung, auch keine blosse Aus-\nfüllung und Eintheilung der Zeit: nein, sie ist ihm das\nWerk schöner und also auch freier Kunst; sie erscheint\nihm also auch nicht in ihrer seine eigene Freiheit be-\nschränkenden oder hemmenden Eigenschaft, nicht als eine\nMenge eindringender fremdartiger Bewegungen, welche\nden Geistesllug aufhalten und zurückdrängen: Werk und\nAusdruck der Freiheit ist dem gebildeten Geschmacke die\ngute Musik; sie erscheint ihm unter dem Bilde des Lebens,\nals Ausdruck charakteristischer Thätigkeit, als hervor-\ngehend aus der Fülle des Herzens und der Einbildungs-\nkraft; sie erhebt und belebt das Gemüth, anstatt es zu-\nrückzuhalten, setzt es in Aufschwung zu hohen Gedanken\nund Empfindungen.\"\nDerselbe (11., S. 120): „Durch die Absicht, mit der\nTonkunst zur Veredlung der Empfindungen und Gesinnun-\ngen beizutragen, wird dem Schaden entgegengearbeitet,\nwelcher aus der seichten Behandlung der Musik, als eines\nblossen Zeitkürzungs-, Belustigungs- und Erwerbsmittels,\nentspringt. Der Componist lasse sich also nicht zum Fabri-\ncanten erniedrigen, sondern folge bloss seiner inneren Be-\ngeisterung; der Virtuose hüte sich vor der Eitelkeit, die\nsich nach dem verdorbenen Modegeschmacke bequemt,\nund folge bloss seinem Ideale von wahrer, lauterer Kunst-\nvollkommenheit; der Musikfreund höre mit Auswahl, mit\nMässigung und zur günstigen Zeit, in unbefangener, freier\nStimmung, bediene sich der Musik zur Stärkung und\nErholung, noch mehr zur Erhebung und Belebung, ermüde\nsich nicht durch die Menge und Mannigfaltigkeit, oder\ndurch die ekelhaft häufige Wiederholung ihrer Stücke.\nNur der Wechsel zwischen dem leichten Spiel mit Empfin-\ndungen und Phantasieen und zwischen dem ernsten Ge-\nschäfte mit Gedanken und Grundsätzen wird den Menschen\n%•. , j I\nauch in der Musik vor Ekel, Langerweile und moralisch-\nnachtheiliger Verstimmung bewahren.\n„Die Uebereinstimmung in den Gefühlen wird nun\nzwar bei den Geschmacks-Urtheilen, welche das Schöne\nund das Erhabene betreffen, als nothwendig und allgemein\nvorausgesetzt und erwartet, und sollte also den so genann-\nten ästhetischen Gefühlen immer eigen sein; dass sie aber\nso oft vermisst wird, ist vielleicht aus folgenden psycholo-\ngischen Gründen zu erklären. Bei den ästhetischen Gefüh-\nlen kommt auf die stärkere oder schwächere, schnellere\noder langsamere Thätigkeit der Vernunft und Einbildungs-\nkraft im Aulfassen und Zusammenfassen, im Erweitern\nund Begränzen der Vorstellungen und im Herbeiführen\nverwandter Ideen sehr viel an; und die Wirkung der Na-\ntur oder der Kunst auf das Gemüth ist ausgebreiteter oder\neingeschränkter, lebhafter oder matter, angenehmer oder\nunangenehmer, edler oder gemeiner, je nachdem die bei-\ngesellten Vorstellungen von weiterem oder engerem Um-\nfange, mehr oder weniger lebendig und erhaben, in grös-\nserem oder geringerem Grade den Neigungen und ideali-\nschen Forderungen angemessen sind. In diesem Herbei-\nführen passender Neben-Vorstellungen, in dieser Erweite-\nrung der Einbildungskraft über die Gränzen der gemeinen\nWirklichkeit zum Anschauen und Bilden einer veredelten,\ngleichsam vergeistigten Sinnenwelt, in dieser Erhebung\nvom Sichtbaren zum Unsichtbaren und in dem schnellen\nUebergange von dem Uebersinnlichen zu dem Sinnlichen\nsind die Fähigkeiten der Menschen, theils von Natur, theils\ndurch Erziehung und Lebensart sehr verschieden. Der\nKünstler nun scheint, dem ersten Anblicke nach, bei die-\nser Verschiedenheit der Gemüthsfähigkeiten doppelte Sorg-\nfalt-anwenden zu müssen, um den Zweck seines Werkes\nnicht zu verfehlen. Aber eine genauere Untersuchung lehrt,\ndass ängstliche Rücksichten auf die verschiedenen Ansprü-\nche, und dass die kleinlichen Bestrebungen, Allen ohne\nAusnahme zu gefallen, ihm nicht nur seine Arbeit unend-\nlich erschweren und die freie Ausführung derselben unmög-\nlich machen, sondern auch eher ein missgestaltetes, aus\ntausenderlei beliebten Zierathen zusammengesetztes, aben-\nteuerliches, als ein edles, in sich selbst vollendetes Kunst-\nwerk hervorbringen würden.\"\nZum Schlüsse bemerken wir nur noch, dass derselbe\nAesthetiker (C. F. Michaelis) auch schon eine ziemlich be-\nstimmte Ansicht über das rein-musicalisch Schöne\nhatte, das Ed. Hanslik in seiner bekannten vortrefflichen\nSchrift als den eigentlichen Inhalt der Musik zu erweisen\nstrebt. Man vergleiche in dieser Beziehung die schon in\nder vorigen Nummer auf S. 251, Sp. 1 angezogene Stelle\nund dazu folgende:\n„Ueberdies beschränkt sich die Musik nicht auf blos-\nsen Gefühls-Ausdruck und gefällt nicht bloss wegen der\nSchönheit in dem Spiele der Empfindungen, die sie aus-\ndrückt, und wegen der Wahrheit dieses Ausdrucks: son-\ndern in dem blossen Spiele der Wahrnehmungen durchs\nGehör, in der blossen zwanglosen Regelmässigkeit der\nTöne, wie sie einander entsprechen, leicht dahin fliessen\noder mit Bestimmtheit sich an einander schliessen und ein\nzusammenhangendes Ganzes bilden, liegt ein Grund des\n\n[*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "260", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630815-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 146, "texte": "Wohlgefallens, eine Quelle der Schönheit, deren\nman sich früher bewussl wird, als man an den\nAusdruck eines gewissen Gemütszustandes denken kann.\""}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1863-08-15-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1863-08-15_01#c003", "volume": "bmtnabi_1863-08-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "260", "page_fin": "263", "image_debut": 4, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630815-01.2.3", "titre_corps": "Pariser Briefe.", "titre_sommaire": "Pariser Briefe.", "signature_source": "B. 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Dass vier junge Mädchen in weissen Ge-\nwändern die Enden des Leichentuches hielten und ein fri-\nscher Kranz den Sarg zierte, bekundete hinlänglich, dass\ner eine zu früh geknickte Blüthe umschloss. So war es\nauch: es war die unglückliche Emma Livry, die man\nbegrub. Im November vorigen Jahres auf der Bühne der\ngrossen Oper waren ihre Kleider von der Flamme ergrif-\nfen worden und jetzt, als sie von ihren langen und furcht-\nbaren Leiden allen Anzeichen nach genas, endete wider\nalles Erwarten der Tod die Qualen, die sie über acht Mo-\nnate lang mit wunderbarer Geduld und Ergebung getra-\ngen hatte.\nAm 15. Juli, gerade acht Monate nach dem Unglücks-\nfalle, konnte man sie erst aus den Zimmern des vierten\nStockes, welche sie in der Strasse Lafitte mit ihrer Mutter\nbewohnte, herab in den Wagen bringen. Sie fuhr mit\nihrer Mutter, dem Doctor Chateau und einer Nonne, die\nihre Pflegerin war, nach Neuilly, wo in dem Schlosse von\nVilliers, wo Guizot lange Zeit gewohnt hatte, Zimmer für\nsie bereitet waren. Erfrischt und ganz glücklich im An-\nblicke des blauen Himmels, der ihr so lange versagt war,\nathmete sie wieder auf, und zum ersten Male seit jenem\nunheilvollen Tage, der sie aufs Lager warf, zog Lust zum\nLeben wieder in ihr Gemüth ein. Aber da änderte sich\nplötzlich die milde Luft durch rauhe Temperatur, eine ge-\nfährliche Krisis fasste ihren schwachen Körper, und am\nSonntag den 26. Juli verschied sie nach einem kaum merk-\nlichen Todeskampfe in den Armen ihrer Mutter und des\nDoctors N<Maton, der während der ganzen letzten Nacht\nnicht von ihrem Bette gewichen war.\nEmma Livry war kaum zwanzig Jahre alt. Seit ihrem\nersten Auftreten als „Sylphide\" am 30. October 1858,\nsie war damals sechszehn Jahre alt, erkannte man in ihr\ndie Erbin der genialen Tänzerin Marie Taglioni. Ihre Lei-\nstungen in (jem Ballet Le Pabestätigten diese Er-\nwartungen vollkommen. Die Oper „Herculanum\" wurde\nhauptsächlich durch das eingeschaltete Ballet gehalten, in\nwelchem sie tanzte; zuletzt studirte sie die Rolle der Fe-\nnella iri der „Stummen von Portici\". In einer der Proben\nzu dieser Oper, am 15. November v. J., ergriff sie das\nschreckliche Geschick.\nDie Achtung und Theilnahme, welche sich für sie\nschon bei ihrem Leben und in so hohem Grade bei ihrem\nTode zeigte, galt nicht bloss ihrem Talente und man\nkennt ja die Vorurtheile der Welt noch weniger ihrem\nStande, sondern hauptsächlich der Tugend und wahren\nReligiosität, welche das schöne junge Mädchen beseelten.\nDarin fand sie denn auch die Kraft, die unsäglichen Schmer-\nzen zu ertragen, so dass sie in Milde und Geduld ihren\nUmgebungen wie eine Heilige erschien. In ihrem kleinen\nZimmer hingen nur zwei Bilder, ein Christus am Kreuze\nund das Portrait ihrer Lehrerin mit der schönen Unter-\nschrift: „A Emma Livry. Faites-moi oublier, ne m'oubliez\npas! Marie Taglioni. Janvier 1860.\"\nBei den Exequien in der Kirche Notre Dame de Lo-\nretto wurde ein Liberaund ein von Panseron\nund ein De profundisunter der Leitung von Vauthrot,\ndem Chor- und Gesang-Director der grossen Oper, gesun-\ngen. Die beiden ersten Gesänge (für vier Männerstimmen)\nwurden von sämmtlichen ersten Sängern der grossen Oper\nausgeführt. Eine Menge von Leidtragenden aus den ersten\nStänden und der gesammten Künstlerschaft von Paris wa-\nren gegenwärtig, z. B. der Generalsecretär des Ministeriums\ndes kaiserlichen Hauses und der schönen Künste, der Di-\nrector der Administration der Theater, der Director der\nOper, der Fürst Poniatowski, Auber, Baron Taylor u. s. w.,\ndie Damen Taglioni, Rosati, Petipa und fast alle vom\nBallet, die Sängerinnen Gueymard, Vandenheuvel u. s. w.\nRührend war besonders auch der Schmerz des Pompiers\nMüller, der die Unglückliche aus den Flammen gerissen\nund selbst dabei gefährlich verwundet worden war.\nEine unabsehbare Menge war dem Zuge vorausgeeilt\nund hatte sich um das Grab aufgestellt; ja, das Gedränge\nwar hier so gross, dass die Sänger sich nicht zusammen\nhalten konnten und darauf verzichten mussten, der in den\nSchooss der Erde Gesenkten ein letztes Lied zu weihen.\nViele von den Letzten im Zuge, wie Baron Taylor und die\nDamen Taglioni, Rosati, Plunkett und andere Künstlerinnen\nwaren gezwungen, den Verlauf der Menge abzuwarten,\num sich der letzten Ruhestätte der jungen Kunstgenossin\nnähern zu können.\nUnd doch machte dieses Hinzuströmen der Bevölke-\nrung einen merkwürdigen Eindruck auf den denkenden\nBeobachter. Wer war es denn, den man hier begrub? Zu"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "261", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630815-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5406, "texte": "wessen Grabe drängten sich Tausende von Frauen und\nMännern, um die letzten Abschiedsworte zu hören, die an\ndieser Stätte gesprochen wurden? Und wer sprach sie?\nEs war eine Tänzerin, die man begrub und für die in\nder Kirche ein feierliches Amt gehalten wurde, und es\nwar der Director des Opern-Ballets, der durch seine Rede\nAllen, die sie vernehmen konnten, das Herz bewegte. Wie\nlange ist es denn her, dass Schauspielern nur ein ehrliches,\ngeschweige denn ein so feierliches Begräbniss gestattet\nwird ?\nDass der unheilvolle Brand die arme Livry in einer\nProbe der „Stummen von Portici\" ergriff, erinnert mich\ndaran, dass die erste Darstellerin der „Elvira\" in dersel-\nben Oper, Madame Damoreau-Cinti, Ende Februar\ndieses Jahres, an dem fünfunddreissigsten Jahrestage der\nersten Aufführung jener Oper, auch begraben worden ist.\nDiese „Stumme\" hat etwas Verhängnissvolles an sich!\nMit der Damoreau ist übrigens eine der feinsten und\ngebildetsten Sängerinnen und was noch schwerer zu er-\nsetzen ist—Gesanglehrerinnen vom Schauplatze abgetreten.\nLange Zeit in glücklicher und glänzender Lage, trafen auch\nsie zuletzt schreckliche körperliche Leiden, denen sie in\nihrem dreiundsechszigsten Jahre, am 26. Februar d. J.,\nerlag. Sie war am 6. Februar 1801 geboren und kam\nschon am Ende ihres siebenten Jahres als Gesangschülerin\nauf das Conservatorium in Paris, wo sie dann auch Cia-\nvier- und Harmonie-Unterricht erhielt. Schon im Jahre\n1816 brachte sie der berühmte Garcia auf die italiänische\nOpernbühne; 1825 trat sie zum ersten Male in der gros-\nsen Op er auf, bei welcher sie zehn Jahre blieb und dann\nzur komischen Oper überging. Im Jahre 1841 zog sie sich,\nobwohl stets noch hochgefeiert, mitten aus ihren Trium-\nphen von der Bühne zurück und nahm eine Gesang-Lehr-\nstelle am* Conservatorium an, der sie zwanzig Jahre lang\nvorstand. Sie war die erste Dame, welche wenigstens als\nLehrerin einer ersten Classe in das Professoren-Colle-\ngium der Anstalt aufgenommen worden war. Sie hatte\nkeine grosse Stimme, war aber der Technik beider Schu-\nlen, der italiänischer» und französischen, vollkommen Mei-\nsterin. Reinheit, Correctheit und Eleganz bis zur kühnsten\nVirtuosität waren ihre Vorzüge als Sängerin. Ihre Tonlei-\ntern perlten, wie die eines rein gestimmten Claviers. Dabei\nspielte sie sehr gut Piano und begleitete vortrefflich.\nAuch seinen grössten Ciavierspieler hat Frankreich\nverloren. Emile Prudent starb nach einem kurzen Kran-\nkenlager am 14. Mai. Er war zu Angoulfeme den 3. Fe-\nbruar 1817 von armen Eltern geboren und hiess eigent-\nlich Racine Gaultier. Sein Vater war Ciavierslimmer und\nzog, als die musicalischen Anlagen des Sohnes sich zeig-\nten, nach Paris, wo er gewissenhaft für seine Erziehung\n• ✓\nsorgte und ihn auf das Conservatorium brachte. Als Schu-\nler Zimmermanns erhielt Prudent 1831 den zweiten und\n1833 den ersten Preis im Ciavierspiel. Nach seines Va-\nters Tode war er gezwungen, vom Unterrichtgeben zu\nleben, und musste sogar öfter des Winters in Gesellschaften\nzum Tanze aufspielen. Ein Concert, das er mit Unter-\nstützung von Freunden zu Stande brachte, trug ihm nichts\nein, als Schulden. Da entschloss er sich, das theure Leben\nin Paris daran zu geben, zog sich nach seiner Vaterstadt\nzurück und legte sich mit so ausdauerndem Fleisse auf\ndas Ciavierspiel, dass er eine Lähmung im Arm bekam.\nGlücklicher Weise verschwand sie bald wieder, und nun\nliess er sich in Nantes nieder, nachdem er, voll Vertrauen\nauf seine erlangte Virtuosität in die Zukunft blickend, sich\nin Angoul&me verheirathet hatte. In Nantes wurden seine\nStunden sehr gesucht und gut bezahlt, so dass er es bald\nwagen konnte, wieder nach Paris zu ziehen.\nPrudent gehörte also nicht zu den Künstlern, denen\nihre Laufbahn durch äussere glückliche Verhältnisse ge-\nebnet wurde, er hatte im Gegentheil mit der Ungunst der\nUmstände zu kämpfen, und was er geworden, verdankt er\nseinem Fleisse und seinem festen Charakter. Bis zu seinem\nletzten Augenblicke war er ohne alle öffentliche Anstellung\nauf den Ertrag seiner Concerte und Compositionen und\nhauptsächlich seines Unterrichts angewiesen. Noch im vo-\nrigen Jahre hatte ihn Auber zu einer Professur am Con-\nservatorium vorgeschlagen, ohne damit durchdringen zu\nkönnen. Im Spiel und in der Composition war Thalberg\nsein Vorbild. Von den vielen Salon- und Modestücken, die\ner geschrieben, wird ihn schwerlich eines oder das andere\nlange überleben, am ersten vielleicht einige Etüden. Das\nernsteste Werk, das er herausgegeben, war ein\nsymphonique für Piano und Orchester, welches aber auch\nnicht über die Gränzen von Frankreich gedrungen ist.\nAls Spieler war er zwar nicht, wie die Franzosen rüh-\nmen, das Haupt der französischen Schule, denn wo ist\nüberhaupt diese französische Schule, da alle grossen Pia-\nnisten unserer Zeit Nicht-Franzosen sind? aber er war\njedenfalls der erste Franzose, der sich in der Virtuosität,\nnicht aber an Genie, den berühmten Fremden, einem\nThalberg, Liszt, Dreyschock, Jaell, Clara Schumann u. s. w.\nu. s. w. zur Seite stellen konnte.\nAus der musicalischen Gegenwart ist nicht viel zu be-\nrichten. Die Operntheater halten sich aus Mangel an\nNeuem an Wiederholungen und Hervorholungen des Al-\nten, und zwar mitunter des guten Alten. So hat z. B.\n„Zampa\" wieder oft die Räume des Theaters\nder komischen Oper gefüllt, und vor Kurzem hat dasselbe\nTheater sogar wieder einmal nach einer Oper von\ntry gegriffen, und nicht ohne Erfolg."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "262", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630815-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5399, "texte": "Es war dies „La fausse Magie\", Text von Marmon-\ntel; im Jahre 1775 zuerst aufgeführt, hatte diese Oper\nim Jahre 1828 eine Wiederaufnahme erlebt. Sie war also\nvor 88 Jahren entstanden und vor 35 Jahren zum letzten\nMale gehört worden. Aber die Werke des Genies sterben\nnicht, sie schlafen nur oft eine lange Epoche hindurch., bis\neine Zeit kommt, wo man durch die neuen, erst überra-\nschenden, nachher banal gewordenen Modeformen über-\nsättigt, zu ihnen zurückkehrt und den Werth des Inhalts,\nder Gedanken, welche die altmodische Form unvergäng-\nlich beleben, mit Verwunderung schätzen lernt. Dahin ge-\nhört, was man sich von der Sängerin Madame Penco er-\nzählt. Cimarosa's köstliche Oper\nwar in Italien dermassen vergessen, dass die genannte Sän-\ngerin, als sie hier vor zwei Jahren die Partie, die ihr darin\nübertragen, studirte, ganz naiv erklärte: „Wie merkwür-\ndig! Ich habe nie etwas von dieser Oper gehört, aber die\nMusik kommt mir wunderschön vor!\"\nEs ging beinahe ganz Paris, mit Ausnahme der älte-\nsten Leute, eben so, als die Direction der komischen Oper\nin einer Art von Verzweiflung im Jahre 1840 Gretry's\nRichard Coeur de lion wieder auf die Bühne brachte; die\nveralteten Formen erschienen der Generation, die sie nie\ngehört hatte, neu, und die Melodieen klangen ihr sogar\nbesser, als die neuen. Die Oper zog, eben so neuerdings\nZemire et Azor\\ dazwischen erlebten auch die wieder her-\nvorgeholten Le Tableau parlant, L'Amant jaloux und\nL'Epreuve villageoise mehrere Vorstellungen, doch kam\nihr Erlolg dem der beiden genannten Opern nicht gleich.\nDie jetzt am 16. Juli gegebene La fausse Magie fand\nbeim Publicum, besonders aber bei den Musikern und ge-\nbildeten Dilettanten, eine sehr gute Aufnahme. Gleich die\nOuvertüre verräth einen Stil, der sich als dem Componisten\neigenthümlich kennzeichnet und uns nicht in trivialen\nTanz-Melodieen hundert Mal Gehörtes als neue Compo-\nsition einschmuggeln will. In der ganzen Oper offenbart\nsich das glückliche, natürliche Talent Grötry's, die leichte\nund naive Erfindung, die ohne Reflexion immer das Wahre\nund den richtigen Ausdruck trifft. Und nicht bloss im\nLyrischen: nein, man kann sagen, dass Gretry auch da,\nwo er spricht, doch immer singt, und dies ist eine Gabe,\nmit welcher die Natur gar sehr zu geizen anfängt. Er war\nnichts weniger als ein gelehrter Musiker, Contrapunktist\nund Theoretiker—trotz seiner Schriften über Musik: aber\ner hatte den Instinct der schönen Form und der klaren\nStimmführung, und das machte ihn in Verbindung mit\ndem Geschick zu charakteristischer Färbung zu einem dra-\nmatischen Musiker, der Tact und Gewandtheit genug hatte,\num nie zu vergessen, dass die Melodie beim Gesänge die\nHauptsache ist. Die Fausse Magie enthält in dieser Bezie-\nhung wahre Meisterstücke, wie z. B. das Duett der beiden\nAlten, eine wahre Perle der melodisch-charakteristischen\nKomik, dann das Duett der beiden Liebenden, das Terzett\nund das Quartett als Finale des ersten Actes ja, es ist\nkeine Nummer in der ganzen Partitur, welche man gera-\ndezu schwach nennen könnte.\nEines ist aber meiner Ansicht nach bei solchen Wie-\nderaufnahmen von Werken aus der Zeit der schönen Ent-\nwicklung der französischen National-Oper durchaus not-\nwendig: man muss sie gerade so geben, wie sie der Com-\nponist geschrieben hat, jeder Zusatz, so wie jede Aenderung\nist vom Uebel, höchstens eine Verkürzung mag man sich\nhier und da erlauben. Darin fehlt man nun hier häufig,\nund so hörten wir denn gar in der Posau-\nnen, drei Posaunen sogar! Das ist doch zu arg. Eben so\nmuss der Vortrag der Sänger auf die Manier, das heisst\njetzt fast so viel als auf die Unart, des neueren Bühnen-\ngesanges ganz und gar verzichten; dass man alsdann eine\nvortreffliche Wirkung erreichen und verdienten Beifall\närnten kann, zeigten dieses Mal die Ausführung der Män-\nnerrollen, während Demoiselle Girard die schöne und an\nZierathen hinlänglich reiche Arie durch Chargirung und\nwidrige Kraftanstrengung verdarb. Ueber unsere jetzigen\npariser Sängerinnen wäre überhaupt noch viel zu sagen,\nam Ende aber noch mehr über die Masse des urtheilslosen\nPublicums, das sich immer noch einbildet, den höchsten\nGerichtshof über die Technik des Gesanges zu repräsen-\ntiren, und doch freches Geschrei und freche Pose wie\nwahnsinnig applaudirt! Und man irrt sehr, wenn man, wie\ndas besonders auch im Auslande häufig geschieht, solche\nApplaus-Salven bloss der organisirten Claque in die Schuhe\nschiebt: es sind recht anständige Leute unter den Ent-\nzückten.\nUm vom Alten auf das Neueste zu springen, erwähne\nich einen Aufsatz der Revue et Gazette musieale (Nr. 28),\nder nichts Geringeres bespricht als Wagner's „Ring\nder Nibelungen\"! Zunächst hat es dieser erste Artikel\n—es drohen also mehrere—mit der Vorrede zu der Te-\ntralogie und den Ansichten des Autors über die Auffüh-\nrung zu thun. Dass da sattsamer Stoff zu Spöttereien für\nKritiker aller Nationen, vollends aber für einen Franzosen,\nvorliegt, lässt sich freilich nicht läugnen*). Der Schreiber\ndes Artikels geht aber keineswegs oberflächlich und mit\nUnkenntniss des Deutschen, wie das früher wohl Brauch\nbei den Franzosen war, zu Werke: er übersetzt ganze\nStellen mit vollem Verständniss und sehr gewissenhaft, und\nbeklagt nur, dass bei der riesigen Aufgabe, ein Gedicht\nvon 12,000 Versen in einem dicken Bande von 445 Octav-\n\n*) Vergleiche Nr. 29 der Niederrheinischen Musik-Zeitung: Wag-\nner's Nibelungen\". Die Redaction."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "263", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630815-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4042, "texte": "Seiten durchzulesen, Wagner's bizarre und aussergewöhn-\nliche Schreibweise die herkulische Arbeit noch vergrössere.\nDann kommt er auf das Vorspiel: „Das Rheingold\", und\nübersetzt den Anfang der ersten Scene, nachdem er in ge-\nnauer Dolmetschung die scenische Einrichtung angegeben,\nnach welcher „oben die Wasser des Rheines von rechts\nnach links fliessen, unten sich mehr in Nebel auflösen\nu. s. w. und drei Rheintöchter darin anmuthig umher-\nschwimmen\" folgender Maassen:\nWoglinde. Weia waga! Vogue, 6 vogue, vogue vers\nle berceau! Wagalaweia, wallala, iveiala, weia!*)\nWellgunde. Flosshilde, u. s. w.\nFlosshilde (plonge en bas) u. ,s. w.\nDie ganze reizvolle, höchst poetische Neckerei der im\nNaturzustände im Wasser schwimmenden Rheintöchter\nnennt dann am Schlüsse der boshafte, hoher Auffassung\nunfähige Franzose: „eine vereinigte Schwimm- und Ge-\nsangschule!\"\nDie Sängerfeste und Wettstreite der Orpheonisten\nso nennen sich bekanntlich sehr bescheiden die franzö-\nsischen Liedertäfler nehmen jetzt in Frankreich auch\ndermaassen überhand, dass es ein wahres Leid ist. Es gibt\nDörfer, die einen Verein von so vielen Sängern haben, als\nHäuser im Dorfe sind. Der erste Uebelstand ist dabei, dass\ndie Sänger unmusicalisch sind, und der zweite, dass die\nCompositionen für sie wie Unkraut wuchern. Denn mit\nAusnahme einiger weniger Chöre von Adam, Halevy,\nMeyerbeer, Niedermeyer und Thomas würden deutsche\nComponisten, wie ein Mitglied des hiesigen Organisations-\nPräsjdiums aller Orpheons, Camille de Vos, selbst sagt,\ngewahr werden, dass den Pianisten, Violinisten, Flötisten\nu. s. w., die sich mit so genannter Lieder-Composition be-\nschäftigen, die ersten Elemente der Compositionslehre für\nmehrstimmigen Gesang gänzlieh unbekannt sind. „Man\nkümmert sich nicht darum,\" sagt de Vos weiter, „den Ge-\nschmack des Publicums zu heben, man steigt mit ihm zu\ndem Trivialen herab, das, je ärger es ist, desto sicherern\nErfolg schafft. So sind wir denn zu den äussersten Extre-\nmen in der Nuancirung des Ausdrucks, zu jämmerlichen\nNachahmungen von Naturlauten, zu allen Ausschweifungen\ndes schlechten Geschmacks gekommen. Effecte durch\nRrummstimmen sind schon gemein geworden, mit Sum,\nsum (dzoum) wird Dienen- und Hummelngesurr oder Win-\ndessausen dargestellt, ja, man studirt darauf, die Stimme\ndes Schafes auszudrücken! Dann gibt es crescendo und\ndecrescendo, wo es keinen Sinn hat, in welches\nauf einmal ein fffwie die grosse Trommel einschlägt.\nUnd nun die Wettstreite! Von der Wichtigkeit der Ge-\nsammt-Ausführung grosser Chöre haben unsere Orpheo-\nnisten noch gar keine Vorstellung. Die Städte, welche die\nConcurse veranstalten, fragen nicht nach der Kunst, nur\nnach den Medaillen und den Fahnen und den Kosten. Je-\nder Local-Componist fabricirt dann einen Chorgesang, des-\nsen Vortrag unerlässlich ist: wie oft aber ist trotzdem,\ndass die armen Sänger sich schrecklich damit geplagt ha-\nben, der Chor nicht anzuhören, weil er überhaupt nicht\nsingbar ist! An ein richtiges Verhältniss der vier Stimmen\nist selten zu denken: der zweite Tenor und die Rasse sind\nmeist nur dazu da, die Melodie, die der erste Tenor (ge-\nwöhnlich in kaum erreichbarer Höhe) kräht, mit einigen\ntrivialen Accorden zu begleiten. Je mehr dieser schreit, je\nmehr wird der Ton hinaufgeschraubt, bis er am Ende ver-\nsagt. Und doch gibt es besonders im Süden recht schöne\nMännerstimmen; allein der Geschmack ist bereits so ver-\ndorben, dass wir selbst Zeuge waren, wie ein kleiner Ver-\nein bei dem neulich abgehaltenen grossen Wettstreite in\nNismes gar nicht beachtet wurde, „weil er eine gute\nComposition schön und kunstgemäss vortrug!\"\nNach einer so aufrichtigen Stimme über die Sänger-\nfeste wird man wissen, was von den lobpreisenden Berich-\nten in vielen öffentlichen Blättern über den herrlichen\nFortschritt des Männergesanges in Frankreich zu halten ist.\n\n*) Ganz wörtlich, sogar mit Alliteration in Weia, Waga, vogue\nu. s. w., die jedoch wohl nur zufällig ist: „Weia, Waga, Woge\ndie Welle, walle zur Wiege! Wagalaweia, wallala, weiala\nweia!\" (Rieh. Wagner.)\n\nB. P."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1863-08-15-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1863-08-15_01#c004", "volume": "bmtnabi_1863-08-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "263", "page_fin": "264", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630815-01.2.4", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "263", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630815-01.1.7", "debut_caractere": 4044, "fin_caractere_exclue": 5193, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKolli. Am Sonntag und Montag (den 16. und 17. d. Mts.) wird\nFrau R istori im Stadttheater die Medea und Maria S t uarda\ngeben.\nAm f). und 7. September wird in Aachen ein grosses Sänger-\nfest gefeiert werden; bei dem damit verbundenen Wettsingen werden\nauch Gesangvereine aus Antwerpen, Brüssel, Gent, Lüttich, Brügge,\nNamur u. s. w. concurriren.\nMainz, Wie man hört, beabsichtigt Herr Hoftheater-Director\nTescher, der Pächter unseres Stadttheaters, die Vorstellungen\nschön am 25. August, dem Namenstage unseres Grossherzogs, zu\nbeginnen.\nFrailkfurl a. ]?!• Der bekannte Pianist Herr Mortier de\nFontaine veranstaltet während dieser Saison in den benachbarten\nBädern seine in vielen Städten Deutschlands mit grossem Beifalle\naufgenommenen historischen Concerte. Diese Concerte bilden eine\nUebersicht über die verschiedenen Stilarten der Kammermusik in\nder englischen, italiänischen, französischen und deutschen Schule\nvon dem Ende des sechszehnten Jahrhunderts bis auf unsere Tage.\nEs heisst, dass bei Gelegenheit des Fürstentages in Frankfurt\nam Main die Sängerin Adelina Patti eingeladen worden ist,\ndort aufzutreten."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "264", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630815-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5174, "texte": "Die Süddeutsche Musik-Zeitung schreibt (Nr. 29): „Aus Magde-\nburg geht uns mit Bezugnahme auf die Besprechung des düsseldor-\nfer Musikfestes und der daselbst aufgeführten Ode »auf St. Cäcilia'-\nTag von Händel die Mittheilung zu, dass dieses prächtige Werk\nschon auf dem magdeburger Musikfeste im Jahre 1856 unter Liszt's\nDirection zur Aufführung gekommen. Der schon früher nebst den\nChorstimmen bei Heinrichshofen erschienene Clavier-Auszug ist\nwie die Instrumentation der Partitur von Ritter, der deutsche Text\nvon Simon und Ulrici bearbeitet.\"\nWien, 4. August. In einer seiner schönsten und gediegensten\nRollen, die sowohl in gesanglicher, wie nicht minder in schauspiele-\nrischer Beziehung über seine übrigen Kunstleistungen emporragt,\nals Arnold in Rossini's „Teil\", eröffnete Theodor Wachtel ehe-\ngestern ein längeres Gastspiel im Hof-Operntheater. Die Verban-\nnungsfrist von drei Jahren, seit der er die Hofbühne nicht betrat,\nhat ihm in der Gunst des Publicums, das sehr zahlreich vertreten\nwar, nicht den geringsten Eintrag gethan, es verfolgte die an Glanz-\npunkten so überreiche Leistung des Gastes mit liebevollster Auf-\nmerksamkeit und sichtlichem Entzücken und lohnte dieselben mit\nrauschenden, enthusiastischen Beifallsbezeigungen zu wiederholten\nMalen. Wachtel ist im Vollbesitz seiner seltenen Stimme unverkürzt\ngeblieben. Dasselbe wunderbare Material mit seiner Tonfülle und\nKlangfarbe. Derselbe Schmelz, derselbe Reiz im verhauchenden\nPiano, dieselbe Kraft in seinem imponirenden Forte, und dies Alles\ngehoben von Feuer und Empfindung, adelte den Vortrag. Der Erfolg\ndes Gastes war auch diesmal ein entschieden sieghafter.\nFrau Csillag wird Ende August am Hof-Operntheater ein auf\nEngagement abzielendes Gastspiel eröffnen.\nAm 9. Juli waren es siebenzig Jahre, dass Mozart die Oper\n„Die Zauberflöte\" vollendet. Seitdem hat diese Oper in Wien allein\n563 Aufführungen (vom 30. September 1791 bis 22. October 1795\n200 Vorstellungen) erlebt.\nIn Bötzen hat der „Musikver ein\" eine musicalische Bil-\ndungsanstalt unter der Direction von Nagiller errichtet; das Prü-\nfungs-Concert der Schüler derselben erregte allgemeine Befriedigung.\nIm Ganzen wurden wöchentlich 56 Stunden Unterricht ertheilt, wel-\nchen 86 Schüler und Schülerinnen unentgeltlich erhielten.\nDer Componist Joh. Dessauer hat Karlsbad verlassen, um\neiner Einladung der Schriftstellerin George Sand nach Frankreich\nzu folgen. Alte Bande der Freundschaft fesseln die beiden nun er-\ngrauten Künstler, und das reizende Schloss Nohant, der Stammsitz\nder Dudevant, das um Aurora von je her alle bedeutenden Geister\nFrankreichs vereint sah, soll den beiden Befreundeten alte Erinne-\nrungen hervorzaubern. Dessauer, der vor dreissig Jahren lange Zeit\nin Paris zugebracht hat, ist seither mit allen dortigen Künstlern, mit\nHeller, Rossini, der Viardot-Garcia und vor Allem mit\nGeorge Sand in unausgesetzter geistiger Verbindung und freund-\nschaftlicher Correspondenz geblieben. (W. Recens.)\nUngeheures Aufsehen, schreibt man der augsb. A. Z. aus Rom,\nmacht hier der ganz unerwartete Besuch des Papstes bei Franz\nLiszt. Letzterer verliess Mitte vorigen Monats nach einer Krank-\nheit die Stadt und bezog einige Zimmer des jetzt verlassenen Domi-\nnicaner-Klosters bei der Kirche Madonna del Rosario auf dem Monte\nMario, von wo man die entzückendste Aussicht auf das zu Füssen\nliegende Rom hat. Dort lebte er einsiedlerisch ganz seiner Kunst.\nEinige Prälaten berichteten davon dem heiligen Vater, und am letz-\nten Samstage begab sich der Papst, nur begleitet von Msgr. de Me-\nrode, einem Kammerherrn und einigen Garden, nach der Madonna\ndel Rosario, wo er erst sein Gebet verrichtete und dann bei dem\nberühmten Einsiedler erschien. Franz Liszt spielte vor dem Papste\nzwei ernste Compositionen, eine auf dem Harmonium, die andere\nauf dem Ciavier. Als er geendet, dankte ihm Se. Heiligkeit auf das\nliebenswürdigste und schloss mit den Worten: „Es ist schön, dass\nIhnen die Macht gegeben wurde, den Gesang höherer Sphären ertö-\nnen zu lassen; die schönsten Harmonieen hören wir zwar erst dort\ndroben.\" Mit grosser Theilnahme besah sich der Papst verschiedene\nGegenstände des Gemachs und bemerkte einen von einem Franzosen\ngefertigten Plan von Rom, dessen Ruinen, Monumente, Kirchen\nu. s. w. mit Bemerkungen des Autors versehen sind. Zufällig fiel\nder Blick des Papstes gerade auf das Kloster bei S. Pietro in vin-\ncolis, dem die Notiz beigefügt war: „Der kleine Mortara\". (In dem\ngenannten Kloster wird nämlich der kleine Mortara erzogen.) Der\nPapst lachte herzlich und sagte: „Es hat sich da jetzt wieder ein\nderartiger Judenstreit erhoben wegen einer zwischen einem Christen\nund einer hebräischen Frau geschlossenen Ehe. Man wird auch\nhierüber viel sagen und schreiben: aber der Papst fürchtet sich\nnieht!\" Se. Heiligkeit unterhielt sich noch länger mit dem Künstler\nund verliess ihn, nachdem er ihm den apostolischen Segen gegeben.\nPAft'iS« Die Direction des Th&dtre lyrique setzt grosse Hoff-\nnungen auf die „Troyens\" von Berlioz, welche bereits einstudirt\nwerden und auf deren Inscenirung die äusserste Sorgfalt verwandt\nwird.\nIn London ist der berühmte Trompeten-Virtuose John Distin\n70 Jahre alt gestorben."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "257", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630815-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nVor siebenzig Jahren. 11. Pariser Briefe. (Tod und Begräbniss von Emma Livry Madame Damoreau-Cinti\nEmil Prudent La fausse Magie von VAnneau des Nibelungen Die Orpheonisten). Von fe. P. Tages- und Unter-\nh altungsblatt (Köln, Frau Ristori Aachen, Sängerfest Mainz, Theater Frankfurt a. M., Herr Mortier de Fontaine, Fräulein\nAdelina Patti Wien, Herr Wachtel, Frau Csillag Mozart's „Zauberflöte\" Bötzen, Musikverein Rom, Franz Liszt Paris.;\n\nVor siebenzig Jahren.\nII.\n(Vergl. Nr. 32.)\nWir wollen die Erinnerungen an verschiedene Aus-\nsprüche philosophischer Schriftsteller der letzten Jahr-\nzehende des vorigen Jahrhunderts über die Tonkunst noch\ndurch einzelne Anführungen ergänzen, welche wir als mu-\nsicalische Aphorismen geben, deren Geltung hauptsächlich\nauch durch die Aulrichtigkeit der Forschung gehoben\nwird, mit der jene Denker rein um der Kunst willen, fern\nvon jedem persönlichen oder Coteriezwecke, ihre Ansich-\nten darlegten.\nSchiller (1794 in Nr. 298 der „Allg. Lit.-Zeit.\")\nbemerkt, dass „die landschaftliche Natur, wenn sie der\nDichter zu seinem Gegenstande wähle, den echten Künstler\ndie strenge Notwendigkeit oder Bestimmtheit in vielen\nStücken vermissen lasse, in deren reinem Ausdrucke der\ngrosse Stil bestehe, welcher Willkür und Zufall ausschliesse\nund in Verbindung mit der freien Selbstthätigkeit der Ein-\nbildungskraft in jedem wahren, schönen Kunstwerke un-\nentbehrlich sei. Diese vollkommene Nothwendigkeit und\nBestimmtheit, diese Einheit und Gesetzmässigkeit, die den\nechten Künstler allein befriedige, liege nun bloss innerhalb\nder menschlichen Natur. Nun gebe es zweierlei Wege,\naul welchen die unbeseelte Natur ein Symbol der mensch-\nlichen werden könne: entweder als Darstellung von Em-\npfindungen oder als Darstellung von Ideen. Darstellung\nvon Empfindungen ist aber das Eigene der Musik. In so\nfern bestände die symbolische Operation, die unbeseelte\nNatur in die menschliche zu verwandeln und dadurch jener\nden ihr noch mangelnden Charakter strenger Nothwendig-\nkeit zu geben, in der musicalischen Behandlung. Zwar\nsind Empfindungen ihrem Inhalte nach keiner Darstellung\nfähig, aber ihrer Form nach sind sie es allerdings, und es\nexistirt wirklich eine allgemein beliebte und wirksame\nKunst, die kein anderes Object hat, als eben diese Form\nder Empfindungen. Diese Kunst ist die Musik.\n»In so fern die Landschafts-Malerei oder Landschafts-\nPoesie musicaüsch wirkt, ist sie Darstellung des Empfin-\ndungs-Vermögens, mithin Nachahmung mensehlicherNatur.\n„In der That betrachten wir auch jede malerische\nund poetische Composition als eine Art von musicalischem\nWerke und unterwerfen sie zum Theil denselben Gesetzen.\nWir fordern auch von Farben eine Harmonie und einen\nTon und gewisser Maassen auch eine Modulation. Wir /\nunterscheiden in jeder Dichtung die Gedanken-Einheit von\nder Empfindungs-Einheit, die musicalische Haltung von\nder logischen, kurz, wir verlangen, dass jede poetische\nComposition neben dem, was ihr Inhalt ausdrückt, zugleich\ndurch ihre Form Nachahmung und Ausdruck von Empfin-\ndungen sei und als Musik auf uns wirke.\"\nFriedr. Heinr. Jacobi (1781, „Allwill's Brief-\nsammlung\" , S. 157): „Rufen Sie Sich die verschiedenen\nNamen, welche wir dem, was wir hörten, gaben, ins Ge-\ndächtniss zurück; wir nannten es schön, rührend, erhaben,\nmajestätisch, himmlisch, göttlich, und keiner von uns\nmeinte damit wohl etwas, was sich von den Saiten des\nInstrumentes ablöste und ihm vor den Ohren klänge, son-\ndern die Empfindungen in seiner eigenen Brust, Empfin-\ndungen, welche nicht durch jedes Ohr in jede Brust mit\ndenselben Tönen kommen, die wir also selbst erzeugten\nund die in keinem ganz dieselben waren. Hierüber werden\nwir ungefähr einig sein. Aber nun, was die Töne selbst\nals blosse Töne angeht. Ciavier und Stimme hörten wir\nwirklich. Dazu kamen in der Vorstellung die Flöten, Gei-\ngen und Hörner, welche wir in der Partitur lasen, und\nIhnen brauche ich nicht zu sagen, welche Wirkung diese\nBegleitung auf unsere Einbildungskraft machte. Nehmen\nSie für einen Augenblick an, alle diese Instrumente wären ge-\ngenwärtig gewesen, und hernach denken Sie das mensch-\nliche Ohr sich weg; was bleibt?— Nichts als eine so oder"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "258", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630815-01.1.2", "texte": "anders erschütterte Luft, kein Flöten-, Hörner-, Geigen-\noder Ciavierton. Alle diese verschiedenen Töne sind allein\nin Ihrem Ohr, und ihre mannigfaltigen Erscheinungen lö-\nsen sich in ein reines Vermögen, zu hören, als ihre erste\nQuelle, den Grund ihrer Möglichkeit, auf. . . . Der Ton\nist offenbar ganz und allein in uns und bezeichnet nur eine\nModification unseres reinen Vermögens, zu hören.\"\nChr. Friedr. Michaelis (1800, „Ueber den Geist\nder Tonkunst\", 11. Einleitung): „Es kann dem Menschen\nnicht gleichgültig sein, in welchem Zustande sich die Kunst\nbelinde; denn er ist es ja selbst, die Menschheit ist es, die\nin den Darstellungen durch die Kunst und in den Beur-\ntheilungen ihrer Wecke sich selbst erkennt, sich selbst\nwiederfindet, den Grad ihrer Reife, der Ausbildung des\nGemüthes, der Harmonie der sinnlichen und geistigen\nKräfte wahrnimmt. In der Kunst sucht der edle Mensch\nsich selbst wiederzufinden, einen reinen Erguss aus dem\nhöheren Wesen der Menschheit zu empfangen, das Stre-\nben seines besseren Selbst zu verkündigen, zu versinnlichen,\nans Herz zu legen. Je weniger wir uns selbst nach unse-\nrem besseren Sein und Streben in den Kunst-Darstellun-\ngen wiederfinden, je weniger uns aus denselben die edlere\nMenschheit entgegenkommt, desto entfernter von ihrer\nAusbildung ist die Menschheit entweder in ihrer Darstel-\nlungskralt oder in ihrer Empfänglichkeit für das Schöne\nund Erhabene noch geblieben. In der Tonkunst athmet\ndie Menschheit, tönt und fühlt nichts als das menschliche\nHerz; denn wer dürfte die äusseren Bedingungen ihrer\nmannigfaltigen zauberischen Eindrücke mit dem tiefen\nSinne ihrer Harmonieen und Melodieen selbt verwechseln?\nwer dürfte Harmonie und Melodie im Ernste ausser sich\nsuchen? Die Musik ist in dem Gemüthe des Hörenden,\nseine Aulmerksamkeit, seine Fassungskraft, seine Reflexion\nbestimmt ihren Effect, sein Ideenspiel leitet ihren Ein-\ndruck.\nnlst nun die Tonkunst, wie jede schöne Kunst, nur\ninnerhalb der gebildeten Menschheit, nur durch und für\ndie gebildete Menschheit, so kann es keine Frage sein, ob\nsie wissenschaftliche Betrachtung und Cultur verdiene. Der\nStandpunkt der Freiheit ist es, auf welchen uns der Künst-\nler setzt; er bewegt unsere Gemüthskräfte zu lebendiger\nharmonischer Thätigkeit und erregt unser Wohlgefallen\nan einer Darstellung, die wir uns auf seine Veranlassung\nselbst gebildet haben; er stellt uns in eine Welt, die sich\nuns nicht von aussen aufdringt, sondern aus unserer Ein-\nbildungskraft in unserem Geiste und Herzen aufgeht, ein\nWerk unserer Selbstthätigkeit ist; er erhebt uns in eine\nhöhere Sphäre, in welcher wir uns als frei und selbsthan-\ndelnd erblicken, zur Selbständigkeit emporgerichtet finden.\nWir beurtheilen die Welt, welche sich dem Schönheits-\nsinne darbietet, aus dem Gesichtspunkte der Freiheit; wir\nlieben ihre Schönheit, bewundern ihre Erhabenheit, indem\nwir sie als das Gebilde unserer freien harmonischen und\nerhöhten Erkenntnisskräfte anschauen und wahrnehmen.\nWir finden bei den Producten der schönen Kunst uns\nselbst in dem freien Spiel unserer mit dem Verstände zu-\nsammenstimmenden Einbildungskraft, also entbunden der\nFesseln, welche die gemeine Ansicht der Wirklichkeit uns\nanlegt, erhaben über den Zwang des sinnlichen Eindrucks,\nim freien Fluge zu dem Höheren unserer sittlichen Be-\nstimmung. Trägt also der Tonkünstler zur sittlichen Bil-\ndung des Menschengeschlechtes bei, so ist auch die wissen-\nschaftliche Untersuchung der Musik nothwendig. Die Re-\ngeln für die Kunst sollen aber keineswegs erkünstelt oder\nerklügelt, sondern selbst nur aus den schönsten Werken\nabgeleitet sein; sie können auch dem wahren Kunst-Genie\nkeinen Zwang anthun, denn dieses entdeckt sie bald in\nsich selbst, bedarf ihrer aber, um vor Abwegen bewahrt\nzu werden. Sie wissenschaftlich zu erkennen, ist Sache der\nnach Wahrheit und Gewissheit strebenden Vernunft; es\nist aber auch von der grössten Wichtigkeit, wenn von die-\nser wissenschaftlichen Erkenntniss die Aufsicht über die\nfortschreitende Cultur und zweckmässige Ausübung und\nAnwendung der Musik abhängt. Vernachlässigung aller\nwissenschaftlichen Aufsicht über die schöne Kunst führt\ndie Ausartung und endlich den gänzlichen Verfall dersel-\nben herbei.\n„Die Musik ist freilich keine Wissenschaft, welche\nden Verstand mit Kenntnissen bereichert, seine Begriffe\nbestimmt und berichtigt, ihm Belehrung und tiefere Ein-\nsicht verschafft: sie ist eine Kunst, deren Werke nicht\ndurch Begriffe, sondern durch Anschauungen und Gefühle\naufgefasst werden. Die Musik setzt keine einzelne Gemüths-\nkraft des Menschen, sondern sein ganzes Wesen in Bewe-\ngung, sie wirkt durch den äusseren Sinn auf den inneren\nund regt durch die Einbildungskraft den Verstand und die\nVernunft auf, welche den sinnlichen Eindrücken und ästhe-\ntischen Bildern eine höhere Bedeutung zu geben bestrebt\nist. Sie greift also durch ein harmonisches Spiel der Ge-\nmüthskräfte den ganzen Menschen an, durchdringt sein In-\nnerstes vollständig, beschäftigt ihn mit seinen inneren Em-\npfindungen, Einbildungen und Ideen, entzieht ihn so im-\nmer mehr der Aussenwelt und gibt ihm dadurch eine Art\nvon Selbstgelassenheit und Selbständigkeit, einen Zustand,\nin welchem er über sich selbst mehr Macht gewinnen\nlernt. Der Tonkünstler eröffnet dem Zuhörer eine Wrelt,\ndie nur entzückt, weil sie durch freie Einbildungskraft\nvorgebildet ist und nachgebildet wird: eben darum er-\nscheint sie voll Kraft und Leben; sie existirt nicht ausser\ndem Menschen in dem Bau und der Bewegung der Instru-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "259", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630815-01.1.3", "texte": "rnente, sie lebt und webt im Geiste, in der anschauenden\nEinbildungskraft und in dem fühlenden Herzen; sie er-\nscheint nicht als etwas Festgesetztes, Bestehendes, wie es\nnun einmal ist, nicht im Sein, sondern in einem Werden,\nin einer regen, lebendigen Mannigfaltigkeit. Dem ästheti-\nschen Sinne ist die Musik nicht ein belästigender Eindruck\nauf den Sinn des Gehörs, kein beschwerlicher Nervenreiz,\nkeine gewaltsame Erschütterung, auch keine blosse Aus-\nfüllung und Eintheilung der Zeit: nein, sie ist ihm das\nWerk schöner und also auch freier Kunst; sie erscheint\nihm also auch nicht in ihrer seine eigene Freiheit be-\nschränkenden oder hemmenden Eigenschaft, nicht als eine\nMenge eindringender fremdartiger Bewegungen, welche\nden Geistesllug aufhalten und zurückdrängen: Werk und\nAusdruck der Freiheit ist dem gebildeten Geschmacke die\ngute Musik; sie erscheint ihm unter dem Bilde des Lebens,\nals Ausdruck charakteristischer Thätigkeit, als hervor-\ngehend aus der Fülle des Herzens und der Einbildungs-\nkraft; sie erhebt und belebt das Gemüth, anstatt es zu-\nrückzuhalten, setzt es in Aufschwung zu hohen Gedanken\nund Empfindungen.\"\nDerselbe (11., S. 120): „Durch die Absicht, mit der\nTonkunst zur Veredlung der Empfindungen und Gesinnun-\ngen beizutragen, wird dem Schaden entgegengearbeitet,\nwelcher aus der seichten Behandlung der Musik, als eines\nblossen Zeitkürzungs-, Belustigungs- und Erwerbsmittels,\nentspringt. Der Componist lasse sich also nicht zum Fabri-\ncanten erniedrigen, sondern folge bloss seiner inneren Be-\ngeisterung; der Virtuose hüte sich vor der Eitelkeit, die\nsich nach dem verdorbenen Modegeschmacke bequemt,\nund folge bloss seinem Ideale von wahrer, lauterer Kunst-\nvollkommenheit; der Musikfreund höre mit Auswahl, mit\nMässigung und zur günstigen Zeit, in unbefangener, freier\nStimmung, bediene sich der Musik zur Stärkung und\nErholung, noch mehr zur Erhebung und Belebung, ermüde\nsich nicht durch die Menge und Mannigfaltigkeit, oder\ndurch die ekelhaft häufige Wiederholung ihrer Stücke.\nNur der Wechsel zwischen dem leichten Spiel mit Empfin-\ndungen und Phantasieen und zwischen dem ernsten Ge-\nschäfte mit Gedanken und Grundsätzen wird den Menschen\n%•. , j I\nauch in der Musik vor Ekel, Langerweile und moralisch-\nnachtheiliger Verstimmung bewahren.\n„Die Uebereinstimmung in den Gefühlen wird nun\nzwar bei den Geschmacks-Urtheilen, welche das Schöne\nund das Erhabene betreffen, als nothwendig und allgemein\nvorausgesetzt und erwartet, und sollte also den so genann-\nten ästhetischen Gefühlen immer eigen sein; dass sie aber\nso oft vermisst wird, ist vielleicht aus folgenden psycholo-\ngischen Gründen zu erklären. Bei den ästhetischen Gefüh-\nlen kommt auf die stärkere oder schwächere, schnellere\noder langsamere Thätigkeit der Vernunft und Einbildungs-\nkraft im Aulfassen und Zusammenfassen, im Erweitern\nund Begränzen der Vorstellungen und im Herbeiführen\nverwandter Ideen sehr viel an; und die Wirkung der Na-\ntur oder der Kunst auf das Gemüth ist ausgebreiteter oder\neingeschränkter, lebhafter oder matter, angenehmer oder\nunangenehmer, edler oder gemeiner, je nachdem die bei-\ngesellten Vorstellungen von weiterem oder engerem Um-\nfange, mehr oder weniger lebendig und erhaben, in grös-\nserem oder geringerem Grade den Neigungen und ideali-\nschen Forderungen angemessen sind. In diesem Herbei-\nführen passender Neben-Vorstellungen, in dieser Erweite-\nrung der Einbildungskraft über die Gränzen der gemeinen\nWirklichkeit zum Anschauen und Bilden einer veredelten,\ngleichsam vergeistigten Sinnenwelt, in dieser Erhebung\nvom Sichtbaren zum Unsichtbaren und in dem schnellen\nUebergange von dem Uebersinnlichen zu dem Sinnlichen\nsind die Fähigkeiten der Menschen, theils von Natur, theils\ndurch Erziehung und Lebensart sehr verschieden. Der\nKünstler nun scheint, dem ersten Anblicke nach, bei die-\nser Verschiedenheit der Gemüthsfähigkeiten doppelte Sorg-\nfalt-anwenden zu müssen, um den Zweck seines Werkes\nnicht zu verfehlen. Aber eine genauere Untersuchung lehrt,\ndass ängstliche Rücksichten auf die verschiedenen Ansprü-\nche, und dass die kleinlichen Bestrebungen, Allen ohne\nAusnahme zu gefallen, ihm nicht nur seine Arbeit unend-\nlich erschweren und die freie Ausführung derselben unmög-\nlich machen, sondern auch eher ein missgestaltetes, aus\ntausenderlei beliebten Zierathen zusammengesetztes, aben-\nteuerliches, als ein edles, in sich selbst vollendetes Kunst-\nwerk hervorbringen würden.\"\nZum Schlüsse bemerken wir nur noch, dass derselbe\nAesthetiker (C. F. Michaelis) auch schon eine ziemlich be-\nstimmte Ansicht über das rein-musicalisch Schöne\nhatte, das Ed. Hanslik in seiner bekannten vortrefflichen\nSchrift als den eigentlichen Inhalt der Musik zu erweisen\nstrebt. Man vergleiche in dieser Beziehung die schon in\nder vorigen Nummer auf S. 251, Sp. 1 angezogene Stelle\nund dazu folgende:\n„Ueberdies beschränkt sich die Musik nicht auf blos-\nsen Gefühls-Ausdruck und gefällt nicht bloss wegen der\nSchönheit in dem Spiele der Empfindungen, die sie aus-\ndrückt, und wegen der Wahrheit dieses Ausdrucks: son-\ndern in dem blossen Spiele der Wahrnehmungen durchs\nGehör, in der blossen zwanglosen Regelmässigkeit der\nTöne, wie sie einander entsprechen, leicht dahin fliessen\noder mit Bestimmtheit sich an einander schliessen und ein\nzusammenhangendes Ganzes bilden, liegt ein Grund des\n\n[*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "260", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630815-01.1.4", "texte": "Wohlgefallens, eine Quelle der Schönheit, deren\nman sich früher bewussl wird, als man an den\nAusdruck eines gewissen Gemütszustandes denken kann.\"\n\nPariser Briefe.\n\n[Tod und Begräbniss von Emma Livry Madame Damoreau-\nCinti Emil Prudent La fausse Magie von Gretry\nU Anneau des Nibelungen Die Orpheonisten.]\nDen 12. August 1863.\nAm 29. Juli bewegte sich ein Leichenzug vor meinen\nFenstern vorbei, dessen letzte Reihen noch die Strasse\nNotre Dame de Loretto füllten, als die Spitze bereits den\nKirchhof vom Montmartre erreicht hatte. Eine dichtge-\ndrängte Menge bildete in den Strassen Spalier und Hess in\nfeierlicher Stille und mit sichtbarer Theilnahme den Zug\nvorüber wallen. Dass vier junge Mädchen in weissen Ge-\nwändern die Enden des Leichentuches hielten und ein fri-\nscher Kranz den Sarg zierte, bekundete hinlänglich, dass\ner eine zu früh geknickte Blüthe umschloss. So war es\nauch: es war die unglückliche Emma Livry, die man\nbegrub. Im November vorigen Jahres auf der Bühne der\ngrossen Oper waren ihre Kleider von der Flamme ergrif-\nfen worden und jetzt, als sie von ihren langen und furcht-\nbaren Leiden allen Anzeichen nach genas, endete wider\nalles Erwarten der Tod die Qualen, die sie über acht Mo-\nnate lang mit wunderbarer Geduld und Ergebung getra-\ngen hatte.\nAm 15. Juli, gerade acht Monate nach dem Unglücks-\nfalle, konnte man sie erst aus den Zimmern des vierten\nStockes, welche sie in der Strasse Lafitte mit ihrer Mutter\nbewohnte, herab in den Wagen bringen. Sie fuhr mit\nihrer Mutter, dem Doctor Chateau und einer Nonne, die\nihre Pflegerin war, nach Neuilly, wo in dem Schlosse von\nVilliers, wo Guizot lange Zeit gewohnt hatte, Zimmer für\nsie bereitet waren. Erfrischt und ganz glücklich im An-\nblicke des blauen Himmels, der ihr so lange versagt war,\nathmete sie wieder auf, und zum ersten Male seit jenem\nunheilvollen Tage, der sie aufs Lager warf, zog Lust zum\nLeben wieder in ihr Gemüth ein. Aber da änderte sich\nplötzlich die milde Luft durch rauhe Temperatur, eine ge-\nfährliche Krisis fasste ihren schwachen Körper, und am\nSonntag den 26. Juli verschied sie nach einem kaum merk-\nlichen Todeskampfe in den Armen ihrer Mutter und des\nDoctors N<Maton, der während der ganzen letzten Nacht\nnicht von ihrem Bette gewichen war.\nEmma Livry war kaum zwanzig Jahre alt. Seit ihrem\nersten Auftreten als „Sylphide\" am 30. October 1858,\nsie war damals sechszehn Jahre alt, erkannte man in ihr\ndie Erbin der genialen Tänzerin Marie Taglioni. Ihre Lei-\nstungen in (jem Ballet Le Pabestätigten diese Er-\nwartungen vollkommen. Die Oper „Herculanum\" wurde\nhauptsächlich durch das eingeschaltete Ballet gehalten, in\nwelchem sie tanzte; zuletzt studirte sie die Rolle der Fe-\nnella iri der „Stummen von Portici\". In einer der Proben\nzu dieser Oper, am 15. November v. J., ergriff sie das\nschreckliche Geschick.\nDie Achtung und Theilnahme, welche sich für sie\nschon bei ihrem Leben und in so hohem Grade bei ihrem\nTode zeigte, galt nicht bloss ihrem Talente und man\nkennt ja die Vorurtheile der Welt noch weniger ihrem\nStande, sondern hauptsächlich der Tugend und wahren\nReligiosität, welche das schöne junge Mädchen beseelten.\nDarin fand sie denn auch die Kraft, die unsäglichen Schmer-\nzen zu ertragen, so dass sie in Milde und Geduld ihren\nUmgebungen wie eine Heilige erschien. In ihrem kleinen\nZimmer hingen nur zwei Bilder, ein Christus am Kreuze\nund das Portrait ihrer Lehrerin mit der schönen Unter-\nschrift: „A Emma Livry. Faites-moi oublier, ne m'oubliez\npas! Marie Taglioni. Janvier 1860.\"\nBei den Exequien in der Kirche Notre Dame de Lo-\nretto wurde ein Liberaund ein von Panseron\nund ein De profundisunter der Leitung von Vauthrot,\ndem Chor- und Gesang-Director der grossen Oper, gesun-\ngen. Die beiden ersten Gesänge (für vier Männerstimmen)\nwurden von sämmtlichen ersten Sängern der grossen Oper\nausgeführt. Eine Menge von Leidtragenden aus den ersten\nStänden und der gesammten Künstlerschaft von Paris wa-\nren gegenwärtig, z. B. der Generalsecretär des Ministeriums\ndes kaiserlichen Hauses und der schönen Künste, der Di-\nrector der Administration der Theater, der Director der\nOper, der Fürst Poniatowski, Auber, Baron Taylor u. s. w.,\ndie Damen Taglioni, Rosati, Petipa und fast alle vom\nBallet, die Sängerinnen Gueymard, Vandenheuvel u. s. w.\nRührend war besonders auch der Schmerz des Pompiers\nMüller, der die Unglückliche aus den Flammen gerissen\nund selbst dabei gefährlich verwundet worden war.\nEine unabsehbare Menge war dem Zuge vorausgeeilt\nund hatte sich um das Grab aufgestellt; ja, das Gedränge\nwar hier so gross, dass die Sänger sich nicht zusammen\nhalten konnten und darauf verzichten mussten, der in den\nSchooss der Erde Gesenkten ein letztes Lied zu weihen.\nViele von den Letzten im Zuge, wie Baron Taylor und die\nDamen Taglioni, Rosati, Plunkett und andere Künstlerinnen\nwaren gezwungen, den Verlauf der Menge abzuwarten,\num sich der letzten Ruhestätte der jungen Kunstgenossin\nnähern zu können.\nUnd doch machte dieses Hinzuströmen der Bevölke-\nrung einen merkwürdigen Eindruck auf den denkenden\nBeobachter. Wer war es denn, den man hier begrub? Zu"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "261", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630815-01.1.5", "texte": "wessen Grabe drängten sich Tausende von Frauen und\nMännern, um die letzten Abschiedsworte zu hören, die an\ndieser Stätte gesprochen wurden? Und wer sprach sie?\nEs war eine Tänzerin, die man begrub und für die in\nder Kirche ein feierliches Amt gehalten wurde, und es\nwar der Director des Opern-Ballets, der durch seine Rede\nAllen, die sie vernehmen konnten, das Herz bewegte. Wie\nlange ist es denn her, dass Schauspielern nur ein ehrliches,\ngeschweige denn ein so feierliches Begräbniss gestattet\nwird ?\nDass der unheilvolle Brand die arme Livry in einer\nProbe der „Stummen von Portici\" ergriff, erinnert mich\ndaran, dass die erste Darstellerin der „Elvira\" in dersel-\nben Oper, Madame Damoreau-Cinti, Ende Februar\ndieses Jahres, an dem fünfunddreissigsten Jahrestage der\nersten Aufführung jener Oper, auch begraben worden ist.\nDiese „Stumme\" hat etwas Verhängnissvolles an sich!\nMit der Damoreau ist übrigens eine der feinsten und\ngebildetsten Sängerinnen und was noch schwerer zu er-\nsetzen ist—Gesanglehrerinnen vom Schauplatze abgetreten.\nLange Zeit in glücklicher und glänzender Lage, trafen auch\nsie zuletzt schreckliche körperliche Leiden, denen sie in\nihrem dreiundsechszigsten Jahre, am 26. Februar d. J.,\nerlag. Sie war am 6. Februar 1801 geboren und kam\nschon am Ende ihres siebenten Jahres als Gesangschülerin\nauf das Conservatorium in Paris, wo sie dann auch Cia-\nvier- und Harmonie-Unterricht erhielt. Schon im Jahre\n1816 brachte sie der berühmte Garcia auf die italiänische\nOpernbühne; 1825 trat sie zum ersten Male in der gros-\nsen Op er auf, bei welcher sie zehn Jahre blieb und dann\nzur komischen Oper überging. Im Jahre 1841 zog sie sich,\nobwohl stets noch hochgefeiert, mitten aus ihren Trium-\nphen von der Bühne zurück und nahm eine Gesang-Lehr-\nstelle am* Conservatorium an, der sie zwanzig Jahre lang\nvorstand. Sie war die erste Dame, welche wenigstens als\nLehrerin einer ersten Classe in das Professoren-Colle-\ngium der Anstalt aufgenommen worden war. Sie hatte\nkeine grosse Stimme, war aber der Technik beider Schu-\nlen, der italiänischer» und französischen, vollkommen Mei-\nsterin. Reinheit, Correctheit und Eleganz bis zur kühnsten\nVirtuosität waren ihre Vorzüge als Sängerin. Ihre Tonlei-\ntern perlten, wie die eines rein gestimmten Claviers. Dabei\nspielte sie sehr gut Piano und begleitete vortrefflich.\nAuch seinen grössten Ciavierspieler hat Frankreich\nverloren. Emile Prudent starb nach einem kurzen Kran-\nkenlager am 14. Mai. Er war zu Angoulfeme den 3. Fe-\nbruar 1817 von armen Eltern geboren und hiess eigent-\nlich Racine Gaultier. Sein Vater war Ciavierslimmer und\nzog, als die musicalischen Anlagen des Sohnes sich zeig-\nten, nach Paris, wo er gewissenhaft für seine Erziehung\n• ✓\nsorgte und ihn auf das Conservatorium brachte. Als Schu-\nler Zimmermanns erhielt Prudent 1831 den zweiten und\n1833 den ersten Preis im Ciavierspiel. Nach seines Va-\nters Tode war er gezwungen, vom Unterrichtgeben zu\nleben, und musste sogar öfter des Winters in Gesellschaften\nzum Tanze aufspielen. Ein Concert, das er mit Unter-\nstützung von Freunden zu Stande brachte, trug ihm nichts\nein, als Schulden. Da entschloss er sich, das theure Leben\nin Paris daran zu geben, zog sich nach seiner Vaterstadt\nzurück und legte sich mit so ausdauerndem Fleisse auf\ndas Ciavierspiel, dass er eine Lähmung im Arm bekam.\nGlücklicher Weise verschwand sie bald wieder, und nun\nliess er sich in Nantes nieder, nachdem er, voll Vertrauen\nauf seine erlangte Virtuosität in die Zukunft blickend, sich\nin Angoul&me verheirathet hatte. In Nantes wurden seine\nStunden sehr gesucht und gut bezahlt, so dass er es bald\nwagen konnte, wieder nach Paris zu ziehen.\nPrudent gehörte also nicht zu den Künstlern, denen\nihre Laufbahn durch äussere glückliche Verhältnisse ge-\nebnet wurde, er hatte im Gegentheil mit der Ungunst der\nUmstände zu kämpfen, und was er geworden, verdankt er\nseinem Fleisse und seinem festen Charakter. Bis zu seinem\nletzten Augenblicke war er ohne alle öffentliche Anstellung\nauf den Ertrag seiner Concerte und Compositionen und\nhauptsächlich seines Unterrichts angewiesen. Noch im vo-\nrigen Jahre hatte ihn Auber zu einer Professur am Con-\nservatorium vorgeschlagen, ohne damit durchdringen zu\nkönnen. Im Spiel und in der Composition war Thalberg\nsein Vorbild. Von den vielen Salon- und Modestücken, die\ner geschrieben, wird ihn schwerlich eines oder das andere\nlange überleben, am ersten vielleicht einige Etüden. Das\nernsteste Werk, das er herausgegeben, war ein\nsymphonique für Piano und Orchester, welches aber auch\nnicht über die Gränzen von Frankreich gedrungen ist.\nAls Spieler war er zwar nicht, wie die Franzosen rüh-\nmen, das Haupt der französischen Schule, denn wo ist\nüberhaupt diese französische Schule, da alle grossen Pia-\nnisten unserer Zeit Nicht-Franzosen sind? aber er war\njedenfalls der erste Franzose, der sich in der Virtuosität,\nnicht aber an Genie, den berühmten Fremden, einem\nThalberg, Liszt, Dreyschock, Jaell, Clara Schumann u. s. w.\nu. s. w. zur Seite stellen konnte.\nAus der musicalischen Gegenwart ist nicht viel zu be-\nrichten. Die Operntheater halten sich aus Mangel an\nNeuem an Wiederholungen und Hervorholungen des Al-\nten, und zwar mitunter des guten Alten. So hat z. B.\n„Zampa\" wieder oft die Räume des Theaters\nder komischen Oper gefüllt, und vor Kurzem hat dasselbe\nTheater sogar wieder einmal nach einer Oper von\ntry gegriffen, und nicht ohne Erfolg."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "262", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630815-01.1.6", "texte": "Es war dies „La fausse Magie\", Text von Marmon-\ntel; im Jahre 1775 zuerst aufgeführt, hatte diese Oper\nim Jahre 1828 eine Wiederaufnahme erlebt. Sie war also\nvor 88 Jahren entstanden und vor 35 Jahren zum letzten\nMale gehört worden. Aber die Werke des Genies sterben\nnicht, sie schlafen nur oft eine lange Epoche hindurch., bis\neine Zeit kommt, wo man durch die neuen, erst überra-\nschenden, nachher banal gewordenen Modeformen über-\nsättigt, zu ihnen zurückkehrt und den Werth des Inhalts,\nder Gedanken, welche die altmodische Form unvergäng-\nlich beleben, mit Verwunderung schätzen lernt. Dahin ge-\nhört, was man sich von der Sängerin Madame Penco er-\nzählt. Cimarosa's köstliche Oper\nwar in Italien dermassen vergessen, dass die genannte Sän-\ngerin, als sie hier vor zwei Jahren die Partie, die ihr darin\nübertragen, studirte, ganz naiv erklärte: „Wie merkwür-\ndig! Ich habe nie etwas von dieser Oper gehört, aber die\nMusik kommt mir wunderschön vor!\"\nEs ging beinahe ganz Paris, mit Ausnahme der älte-\nsten Leute, eben so, als die Direction der komischen Oper\nin einer Art von Verzweiflung im Jahre 1840 Gretry's\nRichard Coeur de lion wieder auf die Bühne brachte; die\nveralteten Formen erschienen der Generation, die sie nie\ngehört hatte, neu, und die Melodieen klangen ihr sogar\nbesser, als die neuen. Die Oper zog, eben so neuerdings\nZemire et Azor\\ dazwischen erlebten auch die wieder her-\nvorgeholten Le Tableau parlant, L'Amant jaloux und\nL'Epreuve villageoise mehrere Vorstellungen, doch kam\nihr Erlolg dem der beiden genannten Opern nicht gleich.\nDie jetzt am 16. Juli gegebene La fausse Magie fand\nbeim Publicum, besonders aber bei den Musikern und ge-\nbildeten Dilettanten, eine sehr gute Aufnahme. Gleich die\nOuvertüre verräth einen Stil, der sich als dem Componisten\neigenthümlich kennzeichnet und uns nicht in trivialen\nTanz-Melodieen hundert Mal Gehörtes als neue Compo-\nsition einschmuggeln will. In der ganzen Oper offenbart\nsich das glückliche, natürliche Talent Grötry's, die leichte\nund naive Erfindung, die ohne Reflexion immer das Wahre\nund den richtigen Ausdruck trifft. Und nicht bloss im\nLyrischen: nein, man kann sagen, dass Gretry auch da,\nwo er spricht, doch immer singt, und dies ist eine Gabe,\nmit welcher die Natur gar sehr zu geizen anfängt. Er war\nnichts weniger als ein gelehrter Musiker, Contrapunktist\nund Theoretiker—trotz seiner Schriften über Musik: aber\ner hatte den Instinct der schönen Form und der klaren\nStimmführung, und das machte ihn in Verbindung mit\ndem Geschick zu charakteristischer Färbung zu einem dra-\nmatischen Musiker, der Tact und Gewandtheit genug hatte,\num nie zu vergessen, dass die Melodie beim Gesänge die\nHauptsache ist. Die Fausse Magie enthält in dieser Bezie-\nhung wahre Meisterstücke, wie z. B. das Duett der beiden\nAlten, eine wahre Perle der melodisch-charakteristischen\nKomik, dann das Duett der beiden Liebenden, das Terzett\nund das Quartett als Finale des ersten Actes ja, es ist\nkeine Nummer in der ganzen Partitur, welche man gera-\ndezu schwach nennen könnte.\nEines ist aber meiner Ansicht nach bei solchen Wie-\nderaufnahmen von Werken aus der Zeit der schönen Ent-\nwicklung der französischen National-Oper durchaus not-\nwendig: man muss sie gerade so geben, wie sie der Com-\nponist geschrieben hat, jeder Zusatz, so wie jede Aenderung\nist vom Uebel, höchstens eine Verkürzung mag man sich\nhier und da erlauben. Darin fehlt man nun hier häufig,\nund so hörten wir denn gar in der Posau-\nnen, drei Posaunen sogar! Das ist doch zu arg. Eben so\nmuss der Vortrag der Sänger auf die Manier, das heisst\njetzt fast so viel als auf die Unart, des neueren Bühnen-\ngesanges ganz und gar verzichten; dass man alsdann eine\nvortreffliche Wirkung erreichen und verdienten Beifall\närnten kann, zeigten dieses Mal die Ausführung der Män-\nnerrollen, während Demoiselle Girard die schöne und an\nZierathen hinlänglich reiche Arie durch Chargirung und\nwidrige Kraftanstrengung verdarb. Ueber unsere jetzigen\npariser Sängerinnen wäre überhaupt noch viel zu sagen,\nam Ende aber noch mehr über die Masse des urtheilslosen\nPublicums, das sich immer noch einbildet, den höchsten\nGerichtshof über die Technik des Gesanges zu repräsen-\ntiren, und doch freches Geschrei und freche Pose wie\nwahnsinnig applaudirt! Und man irrt sehr, wenn man, wie\ndas besonders auch im Auslande häufig geschieht, solche\nApplaus-Salven bloss der organisirten Claque in die Schuhe\nschiebt: es sind recht anständige Leute unter den Ent-\nzückten.\nUm vom Alten auf das Neueste zu springen, erwähne\nich einen Aufsatz der Revue et Gazette musieale (Nr. 28),\nder nichts Geringeres bespricht als Wagner's „Ring\nder Nibelungen\"! Zunächst hat es dieser erste Artikel\n—es drohen also mehrere—mit der Vorrede zu der Te-\ntralogie und den Ansichten des Autors über die Auffüh-\nrung zu thun. Dass da sattsamer Stoff zu Spöttereien für\nKritiker aller Nationen, vollends aber für einen Franzosen,\nvorliegt, lässt sich freilich nicht läugnen*). Der Schreiber\ndes Artikels geht aber keineswegs oberflächlich und mit\nUnkenntniss des Deutschen, wie das früher wohl Brauch\nbei den Franzosen war, zu Werke: er übersetzt ganze\nStellen mit vollem Verständniss und sehr gewissenhaft, und\nbeklagt nur, dass bei der riesigen Aufgabe, ein Gedicht\nvon 12,000 Versen in einem dicken Bande von 445 Octav-\n\n*) Vergleiche Nr. 29 der Niederrheinischen Musik-Zeitung: Wag-\nner's Nibelungen\". Die Redaction."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "263", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630815-01.1.7", "texte": "Seiten durchzulesen, Wagner's bizarre und aussergewöhn-\nliche Schreibweise die herkulische Arbeit noch vergrössere.\nDann kommt er auf das Vorspiel: „Das Rheingold\", und\nübersetzt den Anfang der ersten Scene, nachdem er in ge-\nnauer Dolmetschung die scenische Einrichtung angegeben,\nnach welcher „oben die Wasser des Rheines von rechts\nnach links fliessen, unten sich mehr in Nebel auflösen\nu. s. w. und drei Rheintöchter darin anmuthig umher-\nschwimmen\" folgender Maassen:\nWoglinde. Weia waga! Vogue, 6 vogue, vogue vers\nle berceau! Wagalaweia, wallala, iveiala, weia!*)\nWellgunde. Flosshilde, u. s. w.\nFlosshilde (plonge en bas) u. ,s. w.\nDie ganze reizvolle, höchst poetische Neckerei der im\nNaturzustände im Wasser schwimmenden Rheintöchter\nnennt dann am Schlüsse der boshafte, hoher Auffassung\nunfähige Franzose: „eine vereinigte Schwimm- und Ge-\nsangschule!\"\nDie Sängerfeste und Wettstreite der Orpheonisten\nso nennen sich bekanntlich sehr bescheiden die franzö-\nsischen Liedertäfler nehmen jetzt in Frankreich auch\ndermaassen überhand, dass es ein wahres Leid ist. Es gibt\nDörfer, die einen Verein von so vielen Sängern haben, als\nHäuser im Dorfe sind. Der erste Uebelstand ist dabei, dass\ndie Sänger unmusicalisch sind, und der zweite, dass die\nCompositionen für sie wie Unkraut wuchern. Denn mit\nAusnahme einiger weniger Chöre von Adam, Halevy,\nMeyerbeer, Niedermeyer und Thomas würden deutsche\nComponisten, wie ein Mitglied des hiesigen Organisations-\nPräsjdiums aller Orpheons, Camille de Vos, selbst sagt,\ngewahr werden, dass den Pianisten, Violinisten, Flötisten\nu. s. w., die sich mit so genannter Lieder-Composition be-\nschäftigen, die ersten Elemente der Compositionslehre für\nmehrstimmigen Gesang gänzlieh unbekannt sind. „Man\nkümmert sich nicht darum,\" sagt de Vos weiter, „den Ge-\nschmack des Publicums zu heben, man steigt mit ihm zu\ndem Trivialen herab, das, je ärger es ist, desto sicherern\nErfolg schafft. So sind wir denn zu den äussersten Extre-\nmen in der Nuancirung des Ausdrucks, zu jämmerlichen\nNachahmungen von Naturlauten, zu allen Ausschweifungen\ndes schlechten Geschmacks gekommen. Effecte durch\nRrummstimmen sind schon gemein geworden, mit Sum,\nsum (dzoum) wird Dienen- und Hummelngesurr oder Win-\ndessausen dargestellt, ja, man studirt darauf, die Stimme\ndes Schafes auszudrücken! Dann gibt es crescendo und\ndecrescendo, wo es keinen Sinn hat, in welches\nauf einmal ein fffwie die grosse Trommel einschlägt.\nUnd nun die Wettstreite! Von der Wichtigkeit der Ge-\nsammt-Ausführung grosser Chöre haben unsere Orpheo-\nnisten noch gar keine Vorstellung. Die Städte, welche die\nConcurse veranstalten, fragen nicht nach der Kunst, nur\nnach den Medaillen und den Fahnen und den Kosten. Je-\nder Local-Componist fabricirt dann einen Chorgesang, des-\nsen Vortrag unerlässlich ist: wie oft aber ist trotzdem,\ndass die armen Sänger sich schrecklich damit geplagt ha-\nben, der Chor nicht anzuhören, weil er überhaupt nicht\nsingbar ist! An ein richtiges Verhältniss der vier Stimmen\nist selten zu denken: der zweite Tenor und die Rasse sind\nmeist nur dazu da, die Melodie, die der erste Tenor (ge-\nwöhnlich in kaum erreichbarer Höhe) kräht, mit einigen\ntrivialen Accorden zu begleiten. Je mehr dieser schreit, je\nmehr wird der Ton hinaufgeschraubt, bis er am Ende ver-\nsagt. Und doch gibt es besonders im Süden recht schöne\nMännerstimmen; allein der Geschmack ist bereits so ver-\ndorben, dass wir selbst Zeuge waren, wie ein kleiner Ver-\nein bei dem neulich abgehaltenen grossen Wettstreite in\nNismes gar nicht beachtet wurde, „weil er eine gute\nComposition schön und kunstgemäss vortrug!\"\nNach einer so aufrichtigen Stimme über die Sänger-\nfeste wird man wissen, was von den lobpreisenden Berich-\nten in vielen öffentlichen Blättern über den herrlichen\nFortschritt des Männergesanges in Frankreich zu halten ist.\n\n*) Ganz wörtlich, sogar mit Alliteration in Weia, Waga, vogue\nu. s. w., die jedoch wohl nur zufällig ist: „Weia, Waga, Woge\ndie Welle, walle zur Wiege! Wagalaweia, wallala, weiala\nweia!\" (Rieh. Wagner.)\n\nB. P.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKolli. Am Sonntag und Montag (den 16. und 17. d. Mts.) wird\nFrau R istori im Stadttheater die Medea und Maria S t uarda\ngeben.\nAm f). und 7. September wird in Aachen ein grosses Sänger-\nfest gefeiert werden; bei dem damit verbundenen Wettsingen werden\nauch Gesangvereine aus Antwerpen, Brüssel, Gent, Lüttich, Brügge,\nNamur u. s. w. concurriren.\nMainz, Wie man hört, beabsichtigt Herr Hoftheater-Director\nTescher, der Pächter unseres Stadttheaters, die Vorstellungen\nschön am 25. August, dem Namenstage unseres Grossherzogs, zu\nbeginnen.\nFrailkfurl a. ]?!• Der bekannte Pianist Herr Mortier de\nFontaine veranstaltet während dieser Saison in den benachbarten\nBädern seine in vielen Städten Deutschlands mit grossem Beifalle\naufgenommenen historischen Concerte. Diese Concerte bilden eine\nUebersicht über die verschiedenen Stilarten der Kammermusik in\nder englischen, italiänischen, französischen und deutschen Schule\nvon dem Ende des sechszehnten Jahrhunderts bis auf unsere Tage.\nEs heisst, dass bei Gelegenheit des Fürstentages in Frankfurt\nam Main die Sängerin Adelina Patti eingeladen worden ist,\ndort aufzutreten."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "264", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630815-01.1.8", "texte": "Die Süddeutsche Musik-Zeitung schreibt (Nr. 29): „Aus Magde-\nburg geht uns mit Bezugnahme auf die Besprechung des düsseldor-\nfer Musikfestes und der daselbst aufgeführten Ode »auf St. Cäcilia'-\nTag von Händel die Mittheilung zu, dass dieses prächtige Werk\nschon auf dem magdeburger Musikfeste im Jahre 1856 unter Liszt's\nDirection zur Aufführung gekommen. Der schon früher nebst den\nChorstimmen bei Heinrichshofen erschienene Clavier-Auszug ist\nwie die Instrumentation der Partitur von Ritter, der deutsche Text\nvon Simon und Ulrici bearbeitet.\"\nWien, 4. August. In einer seiner schönsten und gediegensten\nRollen, die sowohl in gesanglicher, wie nicht minder in schauspiele-\nrischer Beziehung über seine übrigen Kunstleistungen emporragt,\nals Arnold in Rossini's „Teil\", eröffnete Theodor Wachtel ehe-\ngestern ein längeres Gastspiel im Hof-Operntheater. Die Verban-\nnungsfrist von drei Jahren, seit der er die Hofbühne nicht betrat,\nhat ihm in der Gunst des Publicums, das sehr zahlreich vertreten\nwar, nicht den geringsten Eintrag gethan, es verfolgte die an Glanz-\npunkten so überreiche Leistung des Gastes mit liebevollster Auf-\nmerksamkeit und sichtlichem Entzücken und lohnte dieselben mit\nrauschenden, enthusiastischen Beifallsbezeigungen zu wiederholten\nMalen. Wachtel ist im Vollbesitz seiner seltenen Stimme unverkürzt\ngeblieben. Dasselbe wunderbare Material mit seiner Tonfülle und\nKlangfarbe. Derselbe Schmelz, derselbe Reiz im verhauchenden\nPiano, dieselbe Kraft in seinem imponirenden Forte, und dies Alles\ngehoben von Feuer und Empfindung, adelte den Vortrag. Der Erfolg\ndes Gastes war auch diesmal ein entschieden sieghafter.\nFrau Csillag wird Ende August am Hof-Operntheater ein auf\nEngagement abzielendes Gastspiel eröffnen.\nAm 9. Juli waren es siebenzig Jahre, dass Mozart die Oper\n„Die Zauberflöte\" vollendet. Seitdem hat diese Oper in Wien allein\n563 Aufführungen (vom 30. September 1791 bis 22. October 1795\n200 Vorstellungen) erlebt.\nIn Bötzen hat der „Musikver ein\" eine musicalische Bil-\ndungsanstalt unter der Direction von Nagiller errichtet; das Prü-\nfungs-Concert der Schüler derselben erregte allgemeine Befriedigung.\nIm Ganzen wurden wöchentlich 56 Stunden Unterricht ertheilt, wel-\nchen 86 Schüler und Schülerinnen unentgeltlich erhielten.\nDer Componist Joh. Dessauer hat Karlsbad verlassen, um\neiner Einladung der Schriftstellerin George Sand nach Frankreich\nzu folgen. Alte Bande der Freundschaft fesseln die beiden nun er-\ngrauten Künstler, und das reizende Schloss Nohant, der Stammsitz\nder Dudevant, das um Aurora von je her alle bedeutenden Geister\nFrankreichs vereint sah, soll den beiden Befreundeten alte Erinne-\nrungen hervorzaubern. Dessauer, der vor dreissig Jahren lange Zeit\nin Paris zugebracht hat, ist seither mit allen dortigen Künstlern, mit\nHeller, Rossini, der Viardot-Garcia und vor Allem mit\nGeorge Sand in unausgesetzter geistiger Verbindung und freund-\nschaftlicher Correspondenz geblieben. (W. Recens.)\nUngeheures Aufsehen, schreibt man der augsb. A. Z. aus Rom,\nmacht hier der ganz unerwartete Besuch des Papstes bei Franz\nLiszt. Letzterer verliess Mitte vorigen Monats nach einer Krank-\nheit die Stadt und bezog einige Zimmer des jetzt verlassenen Domi-\nnicaner-Klosters bei der Kirche Madonna del Rosario auf dem Monte\nMario, von wo man die entzückendste Aussicht auf das zu Füssen\nliegende Rom hat. Dort lebte er einsiedlerisch ganz seiner Kunst.\nEinige Prälaten berichteten davon dem heiligen Vater, und am letz-\nten Samstage begab sich der Papst, nur begleitet von Msgr. de Me-\nrode, einem Kammerherrn und einigen Garden, nach der Madonna\ndel Rosario, wo er erst sein Gebet verrichtete und dann bei dem\nberühmten Einsiedler erschien. Franz Liszt spielte vor dem Papste\nzwei ernste Compositionen, eine auf dem Harmonium, die andere\nauf dem Ciavier. Als er geendet, dankte ihm Se. Heiligkeit auf das\nliebenswürdigste und schloss mit den Worten: „Es ist schön, dass\nIhnen die Macht gegeben wurde, den Gesang höherer Sphären ertö-\nnen zu lassen; die schönsten Harmonieen hören wir zwar erst dort\ndroben.\" Mit grosser Theilnahme besah sich der Papst verschiedene\nGegenstände des Gemachs und bemerkte einen von einem Franzosen\ngefertigten Plan von Rom, dessen Ruinen, Monumente, Kirchen\nu. s. w. mit Bemerkungen des Autors versehen sind. Zufällig fiel\nder Blick des Papstes gerade auf das Kloster bei S. Pietro in vin-\ncolis, dem die Notiz beigefügt war: „Der kleine Mortara\". (In dem\ngenannten Kloster wird nämlich der kleine Mortara erzogen.) Der\nPapst lachte herzlich und sagte: „Es hat sich da jetzt wieder ein\nderartiger Judenstreit erhoben wegen einer zwischen einem Christen\nund einer hebräischen Frau geschlossenen Ehe. Man wird auch\nhierüber viel sagen und schreiben: aber der Papst fürchtet sich\nnieht!\" Se. Heiligkeit unterhielt sich noch länger mit dem Künstler\nund verliess ihn, nachdem er ihm den apostolischen Segen gegeben.\nPAft'iS« Die Direction des Th&dtre lyrique setzt grosse Hoff-\nnungen auf die „Troyens\" von Berlioz, welche bereits einstudirt\nwerden und auf deren Inscenirung die äusserste Sorgfalt verwandt\nwird.\nIn London ist der berühmte Trompeten-Virtuose John Distin\n70 Jahre alt gestorben."}]}