{"numero_id": "bm-bmtnabi-1863-09-05-01", "volume": "bmtnabi_1863-09-05_01", "ocr_sha256": "5d92b998709f26fe004ab4eaf717187f6bf237beaee46302a29ad17e1f20cc94", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1863/09/05_01/bmtnabi_1863-09-05_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630905-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1863-09-05-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1863-09-05_01#c001", "volume": "bmtnabi_1863-09-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "281", "page_fin": "281", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630905-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "281", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630905-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 277, "texte": "Inhalt.\nMendelssohn's Briefe. 11. 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Zu viel gibt man dann in der Regel auf den\nReichthum an Gelde, zu wenig auf den Einfluss ihrer\nnächsten Vorbilder, auf die Richtung ihrer Neigung auf\nbestimmte Geistesthätigkeiten und auf die Erstarkung und\nFestigung ihres Charakters. So hat man sich denn auch\ngewöhnt, bei Felix Mendelssohn die grossen Vortheile,\nwelche das Vaterhaus der Entwicklung seines Talentes\nentgegen brachte, ihm stets hoch anzurechnen, während\nman ihn doch mit Recht nur um Eines beneiden könnte,\nwas ihm ohne sein Zuthun zu Theil geworden um einen\nso trefflichen Vater. Die zwei Briefe an seinen Felix,\nwelche uns die Sammlung bringt, beweisen, wie anregend\nund fördernd die Winke, Urtheile und Ideen eines solchen,\nobwohl nicht „technisch musicalischen8 Vaters (wie Felix\nselbst sagt) auf die Entwicklung des Sohnes auch als Ton-\nkünstler einwirken mussten. Wir theilen desshalb aus dem\nBriefe vom 10. März 1835 alles mit, was den Lesern\nvolles Licht über die geistige Wechselwirkung zwischen\nVater und Sohn auch in Beziehung auf Musik geben kann,\nund bedauern nur, dass nicht mehrere Briefe der Art in\ndie Sammlung aufgenommen sind. Denn dass der Vater\nfleissig schrieb, geht aus dem Anfange dieses Briefes vom\n10. März hervor, den er als den „dritten derselben Woche\"\nan Felix bezeichnet. Er lautet, wie folgt:\n„Dein Wort, dass Sebastian Bach jedes Zimmer, wo\ner gesungen wird, zur Kirche umwandele, finde ich ganz\nbesonders treffend, und so hat auch beim einmaligen Hö-\nren der Schluss des erwähnten Stückes denselben Eindruck\nauf mich gemacht; sonst gestehe ich, von meiner Abnei-\ngung gegen figurirte Choräle im Allgemeinen nicht zurück-\nkommen zu können, weil ich die eigentlich zu Grunde lie-\ngende Idee nicht verstehe, besonders da nicht, wo die bei-\nden certirenden Massen im Gleichgewicht der Kraft gehal-\nten sind. Wo, wie z. B. im ersten Chor der Passion, der\nChoral nur einen wichtigeren und consistenteren Theil des\nGrundes ausmacht, oder wo, wie in dem oben erwähnten\nStücke der Cantate, wenn ich mich nach dem einmaligen\nHören recht erinnere, der Choral das Hauptgebäude ist\nund die einzelne Stimme nur eine Verzierung, kann ich\nmir eher den Begriff und Zweck denken—gar nicht aber\nda, wo die Figur gewisser Maassen Variationen aufs Thema\nausführt. Ueberhaupt ist mit dem Choral nicht zu spassen.\nDas höchste Ziel dabei ist, dass das Volk ihn unter Beglei-\ntung der Orgel rein singe: alles Andere erscheint mir eitel\nund unkirchlich.\n„Am letzten Musikmorgen bei Fanny wurde die Mo-\ntette von Bach: „ „Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit\"8,\nund Dein Ave Maria von gewählten Stimmen gesungen.\nEine grosse Stelle des letzteren, in der Mitte, so wie auch\ndas Ende, schienen mir zu künstlich und schwierig für den\neinfach frommen und allerdings echt katholischen Stil, wel-\ncher übrigens darin vorherrscht. Wenn nun Rebekka be-\nmerkt, dass einige Confusion in der Ausführung dieser\nStellen Statt gefunden habe, welche ich für zu schwierig\ngehalten habe, so beweist das nur, dass ich ein Ignorant\nbin, nicht aber, dass nicht das Ende doch zu spitzfindig\nmodulirt sei. Was nun Bach betrifft, so scheint mir das\ngenannte Stück ein ganz bewunderungswürdiges. Schon\ndie Einleitung, welche Fanny besonders schön spielte, hat\nmich überrascht und ergriffen, wie lange nichts, und ich\nmusste wieder an Bach's Einsamkeit denken, an seinen\nganz isolirten Stand in Umgebung und Mitwelt, an die"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "282", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630905-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5532, "texte": "reine, milde, ungeheure Kraft und die Klarheit der Tiefe.\nVon den einzelnen Stücken hat sich mir „ „Bestelle dein\nHaus\"\" und „„Es ist der alte Bund\"\" —augenblicklich\nund dauernd eingeprägt; weniger die Bass-Arie mit den\nAlt-Soli. Was mir zuerst bei der Passion klar wurde, dass\nBach der musicalische Repräsentant des Protestantismus\nsei, wird mir bei jedem neuen Stücke, das ich von ihm\nhöre, positiv oder negativ evident, so neulich durch die\nMesse, die ich in der Akademie hörte und die mir aufs\nentschiedenste antikatholisch vorkommt, daher denn auch\nalle ihre grossen Schönheiten mir den inneren Widerspruch\neben so wenig lösen zu können schienen, als dies möglich\nwäre, wenn ein protestantischer Geistlicher in einer prote-\nstantischen Kirche Messe läse. Nebenbei wurde mir aber\naufs Neue klar, welch grosses Verdienst es von Zelter war\nund bleibt, Bach den Deutschen wiedergegeben zu haben,\ndenn zwischen Forkel und ihm war von Bach- wenig die\nRede, und dann auch fast nur vom wohllemperirten Cia-\nvier. Ihm ist zuerst das wahre Licht über Bach aufgegan-\ngen durch den Besitz anderer seiner Werke, die er als\nSammler kennen lernte und als wahrer Künstler Andere\nkennen lehrte. Seine musicalischen Aufführungen am Frei-\ntag sind abermals ein Beleg, dass nichts, was mit Ernst\nangelangen und in der Stille ununterbrochen fortgesetzt\nwird, ohne Erfolg bleiben kann. Ausgemacht ist es\nwenigstens, dass Deine musicalische Richtung\nohne Zelter eine ganz andere geworden wäre.\n„Dein Vorsatz, Händel in seiner ursprünglichen Ge-\nstalt zu restauriren, hat mich zu einigen Gedanken über\ndie spätere Instrumentirung seiner Werke veranlasst. Es\nentsteht dabei gewöhnlich die Frage, ob Händel, wenn er\nheut schriebe, sich nicht aller jetzt vorhandenen musicali-\nschen Mittel bedienen würde, um seine Oratorien zu com-\nponiren, was am Ende doch nichts weiter heisst, als: ob\ndie künstlerisch sittliche Gestaltung, welcher wir den Na-\nmen Händel geben, heute dieselbe äussere Form annehmen\nwürde, welche sie vor hundert Jahren gehabt hat, oder in\nweiterem Sinne: ob die Welt heute aussieht, wie sie vor\nhundert Jahren ausgesehen hat, worauf dann die Antwort\nsich von selbst ergibt. Man muss aber die Frage anders\nstellen, un.d zwar nicht, ob Händel heute seine Oratorien\ncomponiren würde, wie vor hundert Jahren, sondern ob\ner überhaupt Oratorien componiren würde. Wohl schwer-\nlich, wenn sie jetzt nur so zu schreiben wären, wie in der\nneuesten Zeit geschehen ist. Daraus, dass ich Dir das sage,\nkannst Du entnehmen, wie erwartungsvoll und zutrauend\nich dem Deinigen entgegensehe, welches hoffentlich die\nAulgabe der Verbindung alten Sinnes mit neuen Mitteln\nlösen wird, sonst würde die Wirkung eben so gewiss aus-\nbleiben, als die Maler des neunzehnten Jahrhunderts sich\nnur lächerlich machen würden, die die Religiosität des\nfünfzehnten Jahrhunderts mit langen Armen und Beinen\nund einer auf den Kopf gestellten Perspective wieder her-\nstellen wollten. Mir scheinen die neuen Mittel, so wie\neigentlich Alles in der Welt zu rechter Zeit gekommen zu\nsein, um den schwächer werdenden inneren Motiven bele-\nbend zur Seite zu stehen, denn auf der Stufe religiösen\nSinnes, auf welcher sich Bach, Händel und ihre Zeitgenos-\nsen befanden, brauchten sie keines grossen Orchesters zu\nihren Oratorien, und ich selbst erinnere mich noch sehr\nwohl aus meinen jüngsten Jahren, dass der Messias, Judas\nund das Aiexanderfest ganz wie sie Händel geschrieben\nund sogar ohne Orgel zu Aller Freude und Erbauung ge-\ngeben worden sind.\n*W ie bringt man aber jetzt, wo Leerheit der Gedan-\nken und Lärm in der Musik sich allmählich in umgekehr-\ntem Verhältnisse zu einander entwickelt haben, die Sache\nzum Stehen? Das Orchester ist einmal da und wird seine\njetzige Gestalt wohl eine lange Zeit ohne wesentliche Ver-\nänderung beibehalten. Reichthum ist aber auch nur dann\nein Fehler, wenn man ihn nicht zu verwenden weiss. Wie\nalso soll das Reiche des Orchesters verwendet werden?\nWelche Anleitung kann der Dichter dazu geben und in\nwelchen Regionen? Oder soll die Musik sich ganz von der\nPoesie trennen und rein selbstständig wirken? Ich glaube\nnicht, dass sie letzteres können wird, wenigstens nur in be-\nschränktem Maasse und nicht allgemein gültig; zu erste-\nrem müsste aber ein Gegenstand sowohl für die Musik\nwie für die Malerei gefunden werden, welcher durch seine\nInnerlichkeit, allgemeine Gültigkeit und Verständlichkeit\ndie früheren religiösen zu ersetzen im Stande wäre. Nun\nwill es mich bedünken, als ob die beiden Haydn'schen\nOratorien auch in dieser Beziehung eine sehr merkwürdige\nErscheinung wären. Beide Gedichte sind schwach, als solche\nbetrachtet; aber sie haben auf eine sehr glückliche Weise\nstatt des alten positiven und fast übersinnlichen Religions-\nMotivs dasjenige ergriffen, welches die Natur, als sichtbare\nEmanation der Gottheit, in ihrer Allgemeinheit und ihren\ntausendfältigen Einzelheiten jedem offenen Gemüthe ein-\nflösst.— Daher die unendlich tiefe, aber auch heitere, all-\ngemein gültige und gewiss echt religiöse Wirkung dieser\nbeiden Werke, die bis jetzt ganz allein stehen; daher das\nZusammenwirken aller hin und wieder kleinlichen, spielen-\nden Einzelheiten derselben mit dem grossartigsten und\ntreuesten Gefühle des Dankes, welches aus dem Ganzen\nhervorquillt; und daher kommt es auch, dass ich wenig-\nstens das Krähen des Hahns, das Singen der Lerche, das\nGebrüll des Rindviehes und die Fröhlichkeit des Landvol-\nkes sowohl in der Schöpfung als auch in den Jahreszeiten\neben so wenig gern vermissen würde, als in der Natur"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "283", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630905-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5527, "texte": "selbst.—Mit anderem Worte: Schöpfung und Jahreszeiten\nsind aui Natur und sichtbaren Gottesdienst gegründet, und\nsollten da nicht noch neue Stoffe für die Musik zu finden\nsein?\"\nWir haben olt schon in diesen Blättern gegen diejeni-\ngen liigoristen unter den Musikern geeifert, welche auf\ndas Urtheil des Publicums, weil es nicht musicalisch ist,\ngar nichts geben und an jeden Zuhörer die Ansprüche ma-\nchen, als müsste er sich beim Eintritte in den Concertsaal\njedesmal durch Vorzeigung eines Canons oder eines Fugen-\nIhema's legitirniren. Hier mögen sie denn einmal recht\nhandgreiflich sich überzeugen, dass es im gebildeten Pu-\nblicum auch Leute gibt, denen zu genügen wahrlich der\nStolz des Künstlers von Fach sein muss. Völlig bekehren\nwerden sie sich vielleicht, wenn sie lesen, was Felix Men-\ndelssohn in der Antwort an seinen Vater darüber sagt:\n„Ich habe Dir noch zu danken für den letzten Brief\nund mein Ave; ich kann es oft gar nicht begreifen, wie es\nmöglich ist, über Musik ein so genaues Urtheil zu haben,\nohne technisch musicalisch zu sein, und wenn ich das, was\nich allerdings dabei empfinde, so klar und anschaulich\nsagen könnte, wie Du, sobald Du darüber sprichst, so\nwollte ich keine einzige confuse Rede mehr in meinem Le-\nben halten. Habe tausend Dank dafür und für Deine Worte\nüber Bach. Du hast nun freilich nach einmaligem unvoll-\nkommenen Hören meines Stückes das herausgefunden, was\nich nach langer Bekanntschaft erst jetzt, und darüber sollt'\nich mich wohl ein wenig ärgern; aber dann ist mir's doch\nwieder iieb, dass eine solche Deutlichkeit des Gefühls bei\nMusik da ist und dass Du die gerade hast, denn was am\nEnde und in der Mittelstelle verfehlt ist, liegt in so kleinen\nFehlern, die sich mit so wenig Noten (namentlich wegge-\nstrichenen) hätten verbessern lassen, dass weder ich noch\nirgend ein Musiker ohne öfteres Hören darauf gekommen\nwäre, weil wir es in der Regel viel tiefer suchen. Es scha-\ndet der Einlachheit des Klanges, die mir gerade im An-\nlange gut gelällt, und wenn ich auch meine, dass es bei\nvollkommener Ausführung, namentlich mit grossem Chor,\nweniger auffallen würde, so wird doch immer etwas davon\nbleiben. Indessen will ich's ein ander Mal schon besser\nmachen.\"\nLeider verlor Mendelssohn den geliebten Vater schon\nim Herbste desselben Jahres, aus dem diese beiden Briefe\nstammen. „Es ist das grösste Unglück\"—schreibt er aus\nLeipzig den 6. December 1835 an seinen Freund, Predi-\nger Schubring in Dessau —, „was mir widerfahren konnte,\nund eine Prüfung, die ich nun entweder bestehen oder\ndarin erliegen muss. Ich sage mir dies jetzt nach drei Wo-\nchen, ohne jenen scharfen Schmerz der ersten Tage, aber\nich fühle es desto sicherer: es muss für mich ein neues\nLeben anfangen oder Alles aufhören das alte ist nun ab-\ngeschnitten. Gott hat meinem Vater die Bitte, die er lange\nwiederholt hatte, gewährt: sein Ende war so ruhig und\nsanft und so unerwartet schnell, wie er es sich gewünscht\nhatte; Mittwoch den 18. war er noch von allen den Seini-\ngen umgeben, ging Abends spät zu Bette, klagte Donners-\ntag früh ein wenig und um halb 11 Uhr war sein Leben\ngeendet. Die Aerzte wissen der Krankheit keinen Namen\nzu geben.—Gerade so soll mein Grossvater Moses gestor-\nben sein, wie der Onkel uns sagte; in demselben Alter,\nohne Krankheit, heiteren und ruhigen Sinnes. Ich weiss\nnicht, ob Du wusstest, wie besonders seit einigen Jahren\nmein Vater gegen mich so gütig, so wie ein Freund war,\ndass meine ganze Seele an ihm hing, und ich während mei-\nner langen Abwesenheit fast keine Stunde lebte, ohne sei-\nner zu gedenken; aber da Du ihn in seinem Hause mit\nuns allen und in seiner ganzen Liebenswürdigkeit gekannt\nhast, so wirst Du Dir denken können, wie mir jetzt zu Muthe\nist. Das Einzige bleibt da, die Pflicht zu thun, und dahin\nsuche ich mich zu bringen mit allen meinen Kräften; denn\ner würde es so verlangen, wenn er noch gegenwärtig wäre,\nund ich will nicht aufhören, so wie sonst nach seiner Zu-\nfriedenheit zu streben, wenn ich sie auch nicht mehr ge-\nmessen kann. lch mache mich nun mit doppeltem Eifer\nan die Vollendung des Paulus, da der letzte Brief des Va-\nters mich dazu trieb, und er sehr ungeduldig die Beendi-\ngung dieser Arbeit erwartete; mir ist's, als müsste ich nun\nAlles anwenden, um den Paulus so gut als möglich zu voll-\nenden, und mir dann denken, er nähme Theil daran.\"\nUnd an den Prediger Bauer in Beizig vom 9. Decem-\nber: „Der Wunsch, den ich mir vor allen jeden Abend\nwieder gewünscht hatte, war der, diesen Verlust nicht zu\nerleben, weil ich an meinem Vater so ganz und gar gehan-\ngen hatte oder vielmehr hange, dass ich nicht weiss, wie\nich mein Leben nun fortsetzen werde, und weil ich nicht\nbloss den Vater entbehren muss (eirl Gefühl, das ich mir\nschon seit meiner Kindheit als das herbste dachte), sondern\nauch meinen einzigen guten Freund während der letzten\nJahre und meinen Lehrer in der Kunst und im Leben.\"\nIm Spätsommer 1835 hatte Mendelssohn seinen Auf-\nenthalt am Rheine mit der Stellung in Leipzig vertauscht,\nnachdem er vorher noch das niederrheinische Musikfest zum\nzweiten Male (es war das sechszehnte und wurde in Köln\ngefeiert) dirigirt hatte. Es wurde Händel's „Salomon\" nach\nder Original-Partitur aufgeführt, zu welcher Mendelssohn\n„die Orgelstimme in der Art, wie er sie sich gespielt dachte\"\n(S. 92), niederschrieb. Auf dieselbe Weise wurde im vori-\ngen Jahre diese Aufführung in Köln wiederholt (vgl. Jahrg.\n1862, Nr. 24 u. ff.), und Franz Weber spielte auch jetzt,\nwie damals bei Mendelssohn's Direction, die Orgel. Ein\n\nf]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "284", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630905-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5443, "texte": "paar kurze Stellen in den Briefen (S. 92 und 101) geden-\nken jenes Musikfestes. Die erste (an seinen Vater) lautet:\n„Auch mit dem Morgengesang*) habe ich Arbeit gehabt, weil\nVieles darin geändert werden musste, was bei den hiesigen\nMitteln unmöglich ausgeführt werden kann; er hat mir\naber dabei von Neuein ungemein gefallen, namentlich der\nStern, der Mond, die Elemente und der ganze vortreffliche\nSchluss. Bei den Worten: „ „und schlich in dieser Nacht\"\"\nu. s. w., wird es so romantisch und poetisch, dass mich's\njedes Mal von Neuem erfreut und ergreift; drum macht\nmir es Vergnügen, solch einem noblen Manne einen Dienst\nerweisen zu können. Die vom Comite wunderten sich sehr,\nals ich behauptete, es sei schön, und wollten kaum daran,\nallein sie waren denn doch zu Allem zu bereden. Sogar\neine Ouvertüre von Bach hätten sie geben müssen, wenn\nich nicht eine allzu starke Contra-Revolution gescheut hätte.\nVon mir kommt gar nichts; dafür (wahrscheinlich aus\nDankbarkeit) wollen sie durchaus mein „ „wohlgetroffenes\nBildniss\"\" an den Pfingsttagen erscheinen lassen und aus-\ngeben, wogegen ich mich tapfer wehre und weder sitzen\nnoch still halten will, weil ich all dergleichen Grossthuerei\nnicht mag.\"\nIn der zweiten (vom ö.October 1835) spricht er seine\nFreude über das Geschenk des Comite's von Köln aus:\n„Noch vor Chopin's Abreise kamen meine Händel'schen\nWerke an, über die er eine wahre kindische Freude hatte;\naber sie sind auch wirklich so schön, dass ich mich nicht\ngenug darüber freuen kann; 32 grosse Folianten, auf die\nbekannte englische, elegante Manier in dickes grünes Le-\nder gebunden, auf jedem Rücken mit gewaltigen goldenen\nBuchstaben der Titel des Ganzen und der Inhalt des Ban-\ndes, auf dem ersten Bande ausserdem folgende Worte:\n„„Dem Director F. M. B. Das Musikfest-Comite 1835 in\nKöln\"\", dabei ein sehr freundlicher Brief des gesammten\nComite's mit all ihren Unterschriften; und nun, wie ich\naufs Gerathewohl Samson herausziehe und gleich zu An-\nfang eine grosse Arie des Samson finde, die kein Mensch\nkennt, weil sie Herr v. Mosel gestrichen hat, und die an\nSchönheit keiner Händel'schen weicht, und so das Vergnü-\ngen, das mir an allen 32 Bänden bevorsteht: da könnt\nIhr Euch meine Freude denken.\"\nIm Jahre 1836 führte er bekanntlich seinen „Paulus\"\nzum ersten Male beim Musikfeste zu Düsseldorf auf. Diesen\nso wichtigen Punkt in seinem Leben finden wir kaum er-\nwähnt in der vorliegenden Briefsammlung ; an seine Familie\nschrieb er desswegen nicht, weil seine Geschwister Paul und\nFanny selbst gegenwärtig waren. Nur in einem Briefe an\nSchleinitz in Leipzig berührt er die Aufführung in einer\nStelle, welche wir unseren Lesern nicht vorenthalten wollen.\n„Gewiss, Sie hätten Sich beim Musikfeste auf lange\nZeit erfreut. Sie hätten Sich an der Lust und Liebe, mit\nder die ganze Sache ging, an dem unglaublichen Feuer,\nmit dem die Chöre und das Orchester losfuhren, gewiss\nvon Herzen erfreut, wenn Sie auch manche Einzelheiten,\nnamentlich in den Solo's, verdrossen hätten. Bei den Paulus-\nArien weiss ich Ihr ganzes Gesicht auswendig, wie sie\netwas ledern und gleichgültig abgesungen worden, und\nhöre Sie auf den Heiden-Apostel im Schlafrock schimpfen;\naber eben so weiss ich auch, wie Sie Sich über „„Mache\ndich auf\"\", was wirklich herrlich ging, gefreut hätten.—\nMir war es sonderbar: bei der ganzen Probenzeit und Auf-\nführung dachte ich nur blutwenig ans Dirigiren, sondern\nlauschte darauf, wie sich das Ganze machte, und ob es mir\nrecht wäre, ohne an irgend etwas Anderes zu denken.—\nWenn die Leute mir Tusch brachten oder klatschten, so\nwar mir's wohl einen Augenblick lieb, aber dann kam mir\nder Vater wieder in den Sinn, und dann suchte ich wieder\nden Gedanken an meine Arbeit zu gewinnen. So habe ich\nbei der ganzen Aufführung fast nur wie ein Zuhörer ge-\nstanden und mir einen Eindruck des Ganzen zu erhalten\ngesucht. Vieles hat mir auch gar viele Freude gemacht,\nAnderes nicht, aber an Allem habe ich sehr gelernt und\nhoffe es besser zu machen, wenn ich mal ein zweites Ora-\ntorium schreibe.\"\nIm Juni ging er nach Frankfurt am Main, gab aus\nVerehrung und Freundschaft für Schelble eine Schweizer-\nreise und das Seebad in Genua auf und übernahm auf acht\nWochen die Leitung des Cäcilien-Vereins, während „der\nprächtige Schelble\" sich auf dem Lande erholte. Er schreibt\ndarüber an seine Mutter:\n„Es war drauf und daran, dass der Cäcilien-Verein\naus einander gehen sollte, und namentlich schien Schelble\ndie Lauigkeit zu fürchten, die unter den Mitgliedern bei\nseiner Abwesenheit-herrschen würde. Da sie nun alle glaub-\nten und hofften, dass ich durch meine Gegenwart das än-\ndern könnte, so bedachte ich mich nicht, obwohl die frank-\nfurter Musiker sich verzweifelt wundern werden, und will\nnun sehen, wie viel in acht Wochen zu thun ist. Dass\n\n*) Es war „Milton's Morgengesang, Cantate von J. F.\nReichardt\", die Mendelssohn auf das Programm gebracht\nhatte. Er schätzte Reichardt hoch, woran beiläufig zur Nutz-\nanwendung für unsere Neologen, die auf Männer wie Reichardt\nnur mitleidig herabblicken, erinnert werden mag. „In der Cor-\nrespondenz von Goethe und Zelter ist mir eins aufgefallen:\nwenn über Beethoven oder sonst Einen schlecht, über meine\nFamilie unziemlich, über Vieles langweilig gesprochen wird, so\nlässt mich's sehr kalt und ruhig; aber wenn von Reichardt\ndie Rede ist und sie Beide über ihn so vornehm thun und\nurtheilen, so weiss ich mich vor Aerger nicht zu lassen.\" (S.\n20, an seinen Vater.)"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "285", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630905-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1238, "texte": "Hiller, auf den ich viel halte, diese ganze Zeit zufällig\nauch dort zubringen wird, ist mir ein grosser Gewinn.\n„Es macht mir überhaupt Freude, Dir schreiben zu\nkönnen, dass ich jetzt in Deutschland wohl festen Fuss ge-\nfasst habe und nicht meiner Existenz halber nach dem Aus-\nlande zu wandern brauchen werde. Das hat sich eigentlich\nerst seit einem Jahre und namentlich seit meiner Stellung\nr\nin Leipzig deutlich gezeigt, aber ich glaube gewiss, dass\nes so ist, und denke auch, es sei nicht unbescheiden, wenn\nich mich darüber freue und es Dir sage. Die Art, wie man\nmich auf meiner Reise in Frankfurt, endlich auch hier auf-\ngenommen hat, ist so, wie sich's ein Musiker nur irgend\nwünschen kann; und wenn das alles auch wenig oder gar\nnichts bedeuten mag, so ist es ein Zeichen von Freundlich-\nkeit, die immer wohl thut, und alle solche Zeichen sind\nmir lieb, weil ich mir bewusst bin, nichts gethan zu haben,\num sie hervorzurufen. Darum freue ich mich fast, wenn\nDu mich einen umgekehrten Charlatan nennst, und wenn\nmsr Manches von selbst zu Theil wird, um das sich Andere\nsehr bemühen; ich darf dann glauben, dass ich's verdiene.\nWenn ich nur diese Worte auch dem Vater einmal hätte\nschreiben können, denn er hätte sie gern gelesen!\""}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1863-09-05-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1863-09-05_01#c003", "volume": "bmtnabi_1863-09-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "285", "page_fin": "287", "image_debut": 5, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630905-01.2.3", "titre_corps": "Die grosse Oper in Paris.", "titre_sommaire": "Die grosse Oper in Paris.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "285", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630905-01.1.5", "debut_caractere": 1240, "fin_caractere_exclue": 5318, "texte": "Die grosse Oper in Paris.\nDie Oper, dieses grosse Theater mit seinem grossen\nOrchester, seinen grossen Chören, der grossen Unter-\nstützung, welche es vom Staate empfängt, seinem zahlrei-\nchen Personale, seinen unzähligen Decorationen gleicht in\nvielen Stücken dem Storch in der Fabel. Bald erblickt\nman ihn auf einem Beine schlafend, bald wandelt er da-\nhin, in den spärlichsten Gewässern Nahrung suchend, nicht\neinmal den Gründling verschmähend, vor welchem er sich\nsonst ekelt und dessen Name allein schon hinreicht, seinen\ngastronomischen Stolz zu beleidigen.\nAber der arme Vogel ist am Flügel verwundet, er\ngeht und kann nicht fliegen, und seine Beine werden ihn\num so weniger zum Ziele führen, als er selbst nicht weiss,\nnach welcher Himmelsgegend er sich wenden soll.\nDie Oper will, wie alle anderen Theater, Geld und\nEh re, Ruhm und Einnahme. Die grossen Erfolge verschaf-\nfen Eines und das Andere; gute Werke schlagen manch-\nmal durch, grosse Componister» und geschickte Dichter\nstellen aber allein dergleichen her. Diese Werke, von In-\ntelligenz und Genie strahlend, vermögen ihre ganze leben-\ndige Schönheit nur vermittels einer lebhaften, schönen,\nwarmen, geschmackvollen, treuen, grossartigen, glänzenden\nund beseelten Durchführung zu offenbaren. Die Vortreff-\nlichkeit der letzteren hängt aber nicht allein von der Wahl\nder Ausführenden ab, sondern vornehmlich von dem Geiste,\nder sie beseelt. Dieser Geist könnte nun allerdings ein gu-\nter sein, wenn seit langer Zeit sich nicht Allen die Bemer-\nkung aufgedrängt hätte, dass eine wahre Leidenschaft für\ndie Mittelmässigkeit die Oper beherrscht. Ungeachtet der\nbesten Absichten von der Welt, begeistert sie sich bis zum\nEnthusiasmus für das Platte, glüht vor Bewunderung für\ndas Farblose, erhitzt sich für das La ue; sie wird poetisch\nfür die Prosa. Da sie überdies erkannte, dass das Publi-\ncum, aus Langerweile in Gleichgültigkeit verfallen, seit lan-\nger Zeit alles über sich ergehen lässt, was man ihm bietet,\nohne etwas zu billigen oder zu tadeln, so hat sie daraus\nmit Recht geschlossen, dass sie Herrin im Hause sei und\nsich ohne Besorgniss allen. Antrieben ihrer Leidenschaft\nhingeben dürfe, um der Mittelmässigkeit Altäre zu bauen\nund ihr Weihrauch zu streuen.\nUm einen so schönen Erfolg zu erzielen und unter-\nstützt von denjenigen ihrer Werkzeuge, deren glückliches\nNaturel nichts verlangt, als sich selbst überlassen zu blei-\nben, um in diesem Sinne zu wirken, hat sie alle ihre Künst-\nler dermaassen ermüdet, blasirt und in ihrem Aufschwunce\ngelähmt, dass mehrere von ihnen, ihre Harfen an die Wei-\nden des Ufers aufhängend, stehen blieben und weinten,\nandere anfingen, aus Entrüstung ihre Beschäftigung zu\nhassen. Viele schlummerten ein, und die Philosophen unter\nihnen streichen ihr Gehalt ein, indem sie lachend Maza-\nrin's Wort: „Die Oper singt nicht, aber sie bezahlt!\" pa-\nrodiren.\nDas Orchester allein schon macht der Oper viele\nMühe, um es zu bändigen. Der grösste Theil seiner Mit-\nglieder, welcher aus Virtuosen ersten Ranges besteht, ge-\nhört zu dem berühmten Orchester des Conservatoriums;\nsie stehen daher in gewisser Berührung mit der gediegen-\nsten Kunst und mit einem ausgewählten Publicum; daher\nstammen die Ideen, welche sie eingesogen haben, und der\nWiderstand, welchen sie den Bemühungen, sie zu unter-\nwerfen, entgegensetzen. Aber es gibt keine künstlerische\nOrganisation, deren Aufschwung man auf die Länge der\nZeit und durch fortgesetzte Aufführung schlechter Werke\nnicht zu brechen, deren Feuer man nicht auszulöschen,\nderen Kraft man nicht zu lähmen, deren kühnes Vorschrei-\nten man nicht niederzuhalten vermöchte. „Ah! Sie machen\nSich über meine Sänger lustig,\" sagt die Oper öfter zu\nihnen, „Sie spotten über meine neuen Partituren, Sie\nHerren Künstler! ich werde Sie bald zur Vernunft bringen;\nda ist ein Stück aus einer Menge von Acten, dessen Schön-\nheiten Sie kosten sollen. Drei Proben würden im Allge-\nmeinen hinreichen, um damit fertig zu werden, es ist blos-\nser Vorsaalstil; Sie werden indess zwölf oder fünfzehn\nmachen; Eile mit Weile. Wir wollen es zehn Mal hinter"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "286", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630905-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5469, "texte": "einander aufführen, bis Niemand mehr hineingeht, und\nwerden dann zu einem anderen von derselben Sorte und\ndemselben Verdienste übergehen. Ich habe die Ehre, Ihnen\nhier eine Oper, in Eile hingeschmiert und voll von Galo-\npaden, vorzulegen, welche Sie mit derselben Sorgfalt stu-\ndiren werden, wie die vorige, und kurz nachher werden\nSie eine von einem Componisten bekommen, der noch nie\netwas Anderes gemacht hat. Sie beklagen Sich, dass die\nSänger weder Ton noch Maass halten; diese ihrerseits be-\nklagen sich über die Strenge Ihrer Begleitung; künftighin\nmüssen Sie Ihr Tempo nach den Sängern einrichten, auf\nder betreffenden Note, mag sie lauten, wie sie wolle, aus-\nharren, bis sie mit ihrer Fermate fertig geworden, und\nihnen dann noch Zeit lassen, um wieder Athem zu schö-\npfen.\" Und nach und nach wird das arme, brave Or-\nchester, ich fürchte sehr, in Betrübniss, dann in krankhafte\nSchlummersucht, weiterhin in Siechthum und Entkräftung\nund zuletzt in Mittelmässigkeit versinken, diesen Schlund,\nin den die Oper alles hineintreibt, was ihr unterworfen ist.\nDie Chöre werden auf andere Weise gross gezogen;\num nicht genöthigt zu sein, das mühsame System, welches\nman mit bisher so geringem Erfolge gegen das Orchester\ngerichtet, auch auf sie anzuwenden, sucht die Oper die\nälteren Choristen durch Choristen neuer Schule, d. h. Mit-\ntelmässige, zu ersetzen. Aber hier überschreitet sie ihr\nZiel; denn nach kurzer Zeit verschlechtern sie sich derge-\nstalt, dass sie auch zu dem speciellen Fache, für das sie\nangestellt worden, für die Mittelmässigkeit, nicht mehr\npassen.\nUnd dennoch hat man gegenwärtig das arme Publi-\ncum gänzlich gezähmt, man hat es schachmatt gemacht.\nEs ist unterwürfig, furchtsam und sanft, wie ein artiges\nKind. Ehemals gab man ihm vollständige Meisterwerke,\nOpern, deren sämmtliche Stücke schön waren, mit Recita-\ntiven voll wahren, bewunderungswürdigen Ausdrucks, mit\nentzückenden Tänzen, wo nichts das Ohr beleidigte, wo\nselbst die Sprache berücksichtigt worden war: aber das\nPublicum langweilte sich! Man griff zu heroischen Mitteln,\num es aus seiner Schlummersucht aufzurütteln, man gab\nihm das C jeder Art mit voller Brust zu hören, grosse\nTrommeln, kleine Trommeln, Orgeln, Militärmusik, Trom-\npeten, Tuba's, gross wie die Schornsteine der Dampfma-\nschinen, Glocken, Kanonen, Pferde, Cardinäle unter Trag-\nhimmeln, Kaiser, von Gold strahlend, Königinnen mit Dia-\ndemen, Leichenbegängnisse, Hochzeiten, Festmahle, Gauk-\nler, Schlittschuhläufer, Chorknaben, Weihrauchstreuende,\nMonstranzen, Kreuze, Banner, Processionen, Orgien halb-\nnackter Männer und Weiber, den Ochsen Apis, Schafher-\nden, Nachteulen, Ziegen, die fünfhundert Teufel der Hölle,\nja, das allgemeine Erbeben, das Ende der Welt, hier und\nda untermischt mit einigen faden Cavatinen und einer\nMenge von Claqueurs. Und das arme Publicum, betäubt\nvon einer solchen Sündflut, öffnete zuletzt weit die Augen,\nsperrte den Mund auf und wurde einen Augenblick wach,\naber ohne ein Wort zu sagen bekannte es sich ohne Hoff-\nnung auf Rache für besiegt und sah sich gezwungen, seine\nAbdankung zu unterschreiben.\nSeitdem, kreuzlahm gemacht, gebrochen, zerbrochen\nnach einem solchen Handgemenge, gleichwie Sancho nach\nder Belagerung von Barataria, blüht das Publicum von\nWonne auf, sobald man sich den Anschein gibt, ihm auch\nnur das geringste ruhige Vergnügen zu verschaffen. Es\ngeniesst mit Entzücken ein Stück erfrischender Musik, es\nerquickt sich daran, es schlürft sie ein. Ja, man hat es der-\ngestalt matt gesetzt, dass es nicht mehr daran denkt, sich\nüber die furchtbare Diät, welcher es unterworfen worden,\nzu beklagen. Jetzt kommt die gute Seite der Sache. Nach-\ndem die Unterwerfung des Publicums zur Wirklichkeit\ngeworden und sein irriges Urtheil nicht mehr zu fürchten,\nweil es gar nicht mehr urtheilt, haben sämmtliche Autoren\nentschieden, nur noch Meisterwerke hervorzubringen. Vor-\ntrefflich! Wie lange schon wünschen wir diesen Staats-\nstreich herbei! Nichts desto weniger wäre es schade,\nwenn man zu viel Meisterwerke an der Oper gäbe; es\nsteht zu hoffen, dass die Autoren sich vernünftig zeigen\nund ihrer fruchtbaren Inspiration richtige Gränzen setzen\nwerden. Denn man hat an diesem Theater schon manche\nhübsche Partitur zu Grunde gerichtet. Nach den ersten\nvier oder fünf Vorstellungen, sobald der Einfluss des Autors\nnicht mehr direct auf seine Dolmetscher wirkt, sinkt die\nAusführung vom Mittelmässigen bald zum Schlechten herab,\nnamentlich bei den künstlich gehaltenen Werken.\nUnd wie verfährt man beim Einstudiren neuer Werke?\nAnfänglich denkt man nicht im Mindesten daran; später,\nwenn man zur Erkenntniss gekommen ist, dass es doch\nvielleicht zweckmässig wäre, daran ein wenig zu denken,\nruht man sich aus; und zum Teufel, man hat Recht! Man\nmuss sich keiner frühzeitigen Erschöpfung des Geistes\ndurch Uebermaass der Arbeit aussetzen! Vermittels einer\nReihe so weise berechneter Anstrengungen gelangt man\nendlich dahin, eine erste Probe anzukündigen. An diesem\nTage steht der Director früh auf, rasirt sich schnell,\nschnauzt mehrmals seine Bedienten wegen ihrer Langsam-\nkeit an, trinkt rasch eine Tasse Kaffee und—-reist auf das\nLand. Bei dieser Probe haben einige Sänger die Gefällig-\nkeit, sich einzufinden; nach und nach kommen wirklich\nfünf Personen zusammen. Da der Anfang auf 12% Uhr\nfestgesetzt ist, so schwatzt man ruhig über Politik, Indu-\nstrie, Eisenbahnen, Moden, Börse, Ballet, Philosophie bis\num 2 Uhr. Dann erlaubt sich der Accompagneur die Be-"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "287", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630905-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3220, "texte": "merkung, dass er schon lange Zeit warte und dass man\ngefälligst die Hollen zur Hand nehmen möge, um sie ken-\nnen zu lernen. Auf dieses Ersuchen beschliesst Jeder, die\nseinige sich geben zu lassen, durchblättert sie einen Augen-\nblick, schüttelt den Sand davon ab, über die Copisten flu-\nchend, und man beginnt etwas weniger zu schwatzen. „Aber\nwie soll man anfangen zu singen? Das erste Stück ist ein\nSextett, und wir sind bloss fünf? das heisst, wir waren\nfünf, denn Herr S ist eben hinausgegangen, sein Sach-\nwalter hat ihn wegen einer wichtigen Sache rufen lassen.\nWir können doch kein Sextett zu Vieren probiren.\" Und\nAlle entfernen sich langsam, wie sie gekommen. Am an-\nderen Tage kann man nicht probiren, denn es ist ein Sonn-\ntag, auch nicht am nächstfolgenden, denn es ist ein Mon-\ntag, wo Vorstellung Statt findet, wobei selbst diejenigen\nMitglieder, welche nicht beschäftigt sind, auf ihren Lor-\nbern ausruhen, indem sie an die Mühe denken, welche\nihre Genossen sich geben müssen. Also Dinstag denn!\nEs schlägt 1 Uhr: da treten die beiden Sänger ein, wel-\nche das vorige Mal gefehlt hatten, aber von den anderen\nerscheint noch Niemand. Um 2% Uhr sind endlich\nAlle versammelt, ausser dem zweiten Tenor und dem\nersten Bass. Die Damen sind liebenswürdig, voll reizen-\nden Humors, und eine von ihnen schlägt daher vor, das\nSextett ohne Bass zu beginnen. „Es macht nichts aus,\nwir werden wenigstens jeder seine Partie kennen lernen!\"\nNoch einen Augenblick, meine Herrschaften, sagt\nder Accompagneur, ich will mir's erst ansehen . . . dieser\n. . . Accord ... ich kann die Noten schwer unterscheiden.\nWas wollen Sie? man kann eine Partitur von zwanzig\nZeilen nicht prima vistaspielen. „Ah! Sie kennen die\nPartitur nicht und wollen uns unsere Rollen einstudiren!\"\nsagt die etwas vorlaute Madame 5.... „Mein Lieber, Sie\nthäten besser, sie vorher zu studiren, ehe Sie hieherkom-\nmen.\" Da Sie nichts Aehnliches für Ihre Rolle thun\nkönnen, weil Lesen nicht Ihr Fach ist, so vermag ich frei-\nlich nicht,-dieselbe Einladung an Sie zu richten, Madame.\n„Angefangen!\" ruft D.... ungeduldig. (Ritornel, Reci-\ntativ von D Harmonie auf dem Accord. Ah!\nein As!) „Sie, M sind daran Schuld.\" —Wie kann ich\nAs gesungen haben, da ich nicht den Mund geöffnet?\nGuten Abend allerseits! sagt aufstehend D.... Meine lie-\nben Schäfchen, Ihr seid alle sehr geistreich, aber nicht\naufmerksam. Uebrigens ist es 3% Uhr, und nach 3 Uhr\nwird nicht probirt. Heute ist Dinstag; möglicher Weise\nsinge ich nächsten Freitag in den Hugenotten, ich muss\nmich schonen. Ueberdies bin ich heiser und nur aus über-\ngrossem Eifer heute zur Probe gekommen. Hm! Hm!\nAlle entfernen sich. Die acht oder zehn folgenden Sitzun-\ngen gleichen mehr oder weniger der ersten. So vergeht\nein Monat, ehe man dazu gelangt, etwas ernstere Proben\nvon einer Stunde zu halten, drei Mal in der Woche. Das\nmacht zwölf Stunden Probe im Monat. Der Director thut\nsein Möglichstes, die Mitglieder durch seine Abwesenheit\nanzuregen, und wenn eine einactige Operette, welche zum\n1. April angekündigt worden, endlich Ende August zur\nAufführung gelangt, so darf er sich mit Recht brüsten und\nsagen: „Das ist nur eine Bluette; wir sind in achtund-\nvierzig Stunden damit fertig geworden.\""}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1863-09-05-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1863-09-05_01#c004", "volume": "bmtnabi_1863-09-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "287", "page_fin": "288", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630905-01.2.4", "titre_corps": "Aus Salzburg.", "titre_sommaire": "Aus Salzburg.", "signature_source": "W. 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Nr. 1) Ouvertüre zu Macbeth\nvon Cherubini; 2) Hymne für Sopran-Solo mit Chor- und\nOrgelbegleitung von Mendelssohn; 3) Gesangscene, Con-\ncertstück für die Violine mit Orchester von Spohr; 4) Con-\ncert in G-mollfür das Piano mit Orchester von Mendels-\nsohn; 5) Arie der Gräfin in Figaro's Hochzeit von Mozart;\n6) Sinfonie für die Violine und Viola mit Orchester von\nMozart; 7) Marsch und Chor aus der Oper Tannhäuser von\nR. Wagner. Schon die Ouvertüre, in welcher die beiden\nConcertmeister mitspielten, feurig und schwungvoll aufge-\nführt, erhielt rauschenden Beifall. Frau Bennewitz-Mick,\nwelche die Hymne mit schöner, sonorer Stimme vortrug,\ndurch den Chor der Sing-Akademie wacker unterstützt,\nwurde durch zweimaligen Hervorrul ausgezeichnet. Herr\nJoachim spielte die Gesangscene, dass er das gesammte Pu-\nblicum in Entzücken versetzte. Diesen grossen, schönen,\nreinen Ton, dieses ausdrucksvolle Spiel, fern von jeder El-\nfecthascherei, haben wir noch bei keinem Violinspieler ge-\nhört. Der B\"eifall wurde zum Jubel. Herr Joachim, der nun\nschon seit mehreren Wochen in Salzburg verweilt und noch\neine Weile hier zu bleiben gedenkt, erfreute auch zu wie-\nderholten Malen im Vereine mit den Herren David, Benne-\nwitz und Wegenbarth einen kleinen Kreis Geladener durch\nQuartett-Soireen, welche abwechselnd bei ihm oder bei\nHerrn David in dem kunstliebenden Hause des Dr. von llille-\nprandt Statt fanden. Die beiden Concertmeister wechselten\nbei der ersten Violine, wozu sie auch Herrn Concertmeister"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "288", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630905-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2489, "texte": "Bennewitz einluden, der es aber stets bescheiden ablehnte.\nWahrlich, um ein solches Quartett können uns die Resi-\ndenzer beneiden. Und nun wieder zum Concerte. Das ju-\ngendliche Fräulein Binder spielte Mendeissohn's Concert mit\nseltener Bravour und Reinheit, und vermisste man gegen\nden Schluss die Kraft der männlichen Hand, so lag das theil-\nweise in dem sehr anstrengenden, viele Ausdauer erlordern-\nden Werke, vielleicht auch in dem ungewohnten Instru-\ninente, und vor Allem in dem grossen Räume. Fräulein\nBinder wurde durch warmen und lebhaften Hervorrul aus-\ngezeichnet und ist, wie wir vernehmen, als Professorin des\nPianofortespiels für das Mozarteum gewonnen. In Mozart's\nArie: „Kehre wieder, o mein Geliebter!\" entfaltete Frau\nBennewitz-Mick ihre glänzenden Stimmmittel und ihre be-\ndeutende Coloratur; wäre die Wärme des Ausdrucks mit\nersterer auf gleicher Stufe gewesen, die Künstlerin hätte\ndes reichsten Beifalls gewärtig sein können. Herr Joachim\nund Concertmeister Bennewitz trugen nun Mozart's Sinfonie\nvor. Das Publicum war in gespanntester Erwartung, den\nsehr beliebten und geachteten Bennewitz neben dem gros-\nsen Geiger zu hören, um so mehr, da er zum Abschiede\nvon Salzburg (er folgt einem Rufe als Kammer-Virtuose\nan den Hof von Würtemberg) auf der Viola spielte, auf\nwelchem Instrumente man ihn noch nicht hörte. Der erste\nSatz erhielt grossen Beifall, der zweite, der weitaus schönste\ndes Werkes, wurde bejubelt, und nach dem letzten Satze\nführte Herr Joachim dem Beifall spendenden Publicum\nHerrn Bennewitz wiederholt vor, wobei die Bemerkung in-\nteressant war, dass dieser bescheiden allen Beifall nur Herrn\nJoachim zuwies. Es sei bemerkt, dass Herr Bennewitz sei-\nnem grossen Collegen sich sehr würdig anschloss. Der zum\nSchlüsse kommende Marsch mit Chor aus „Tannhäuser\"\nwirkte auf die bescheiden instrumentirte Sinfonie neben\nder edlen Melodie desselben noch besonders durch die all-\nmähliche Entfaltung des Orchesters und Chors, welche am\nSchlüsse ihren Höhepunkt erreicht, und folglich auch en-\nthusiastische Aufnahme fand. Der grosse Concertsaal, die\nAula, war trotz des zur Concertstunde heranbrausenden\nOrkans sehr besucht. Unzählige Fremde sah man im Saale,\nwelche bis zum letzten Tone aushielten und sich auf die\nehrendste Weise über das ganze Concert aussprachen. Die\nhiesige Aristokratie mit wenigen Ausnahmen glänzte wie\ngewöhnlich durch Abwesenheit. Leiter des Concertes war\nder verdienstvolle Director des Mozarteums, Herr Hans\nSchläger.\n\n(W. Bl.)"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1863-09-05-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1863-09-05_01#c005", "volume": "bmtnabi_1863-09-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "288", "page_fin": "288", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630905-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "288", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630905-01.1.8", "debut_caractere": 2491, "fin_caractere_exclue": 4821, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nLeipzig 22. August. Gestern Nachmittag fand bei wonnigem\nSonnenschein eine sinnige Trauerfeier Statt. In Gegenwart eines\nGrossen und zum Theil sehr feinen Publicums wurde das einfach\nschöne Denkmal eingeweiht, das Emil Devrient seiner Schülerin\nund Freundin, dem uns zu früh entrissenen Fräulein Ida Pellet\nvom königlichen Hoftheater in Berlin, hat setzen lassen. Dasselbe\nsteht auf dem neuen Friedhofe vor der Stadt (nicht weit von dem\nNapoleons-Denkmale), zu Häupten des schön umfriedeten Grabhügels\nein sich erhebendes steinernes Kreuz, das oben mit einem Blu-\nmenkranze umgeben ist. Auf dem Postamente stehen in goldener\nSchrift auf einer Marmorplatte die Worte:\nIda Pellet\nstarb am 10. Juli 1863\nim Ruhme ihrer Kunst und\nin der Blüthe ihrer Jahre.\nAuf der Kehrseite liest man die Worte:\nGeliebt\nund\nunvergessen»\nDie Weiherede hielt der artistische Director des berliner Hof-\ntheaters Düringer, der zugleich einen Kranz auf das Grab nieder-\nlegte; eben so rief der hiesige Theater-Director, Ritter Wirsing,\nder Verklärten, indem er ihren Grabhügel bekränzte, ein paar ehrende\nWorte nach. Emil Devrient legte in stummem Schmerze, der aber\ndie Anwesenden um so tiefer ergriff, der abgeschiedenen Künstlerin\neinen Lorberkranz zu Füssen. Bald hatte sich das ganze Grab mit\nähnlichen Spenden bedeckt. Die Feier eröffnete mit Weber's Com-\nposition des „Rasch tritt der Tod den Menschen an\" und schloss\nmit dem Trauerchor aus „Santa Chiara\", gesungen vom Chorperso-\nnale unseres Stadttheaters. Unter den Anwesenden bemerkten wir\nauch den greisen General-Intendanten Dr. v. Küstner.\nWien. Die innere Einrichtung des neuen Opernhauses\nbeginnt im nächsten Jahre. Dasselbe wird bei gedrängt vollem\nHause 3000 Personen fassen, 430 Sperrsitze, 250 Sitzplätze und 200\nStehplätze im Parterre, dann 98 Logen enthalten, und zwar 32 im\nParterre, 30 im ersten, 30 im zweiten und 6 im dritten Range. Letz-\nterer zählt ausserdem 170 Sperrsitze und 280 Sitzplätze. Im vierten\nRange finden sich 90 Sperrsitze und 400 Sitzplätze. Die kaiserliche\nLoge wird sich rechts, die erzherzogliche Loge links von der Bühne,\ndie Fest-Hofloge rückwärts in der Mitte befinden»\nBeck ist von seiner Erholungsreise zuiückgekehrt und wird in\nden ersten Tagen des Monats September seine Wirksamkeit im Hof-\nOperntheater wieder beginnen."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "281", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630905-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nMendelssohn's Briefe. 11. Die grosse Oper in Paris. Aus Salzburg (Das Concert des Mozarteums Joachim\nFerdinand David). Tages- und Unterhaltungsblatt (Leipzig, Einweihung des Denkmals für Fräulein Ida Pellet Wien, die\ninnere Einrichtung des neuen Opernhauses Herr Beck).\n\nMendelssohn’s Briefe.\nII.\nMan preist oft das Geschick grosser Künstler und über-\nhaupt bedeutender Manner, wenn sie in glücklichen Ver-\nhältnissen geboren wurden und Anregung, Förderung,\nErleichterung die Fülle ihnen durch die gesellschaftliche\nStellung und die Vermögens-Umstände ihrer Eltern zu\nTheil geworden, wodurch das angeborene Talent von Kind-\nheit an gepflegt, geleitet und geläutert, entwickelt und ge-\nhoben wurde. Zu viel gibt man dann in der Regel auf den\nReichthum an Gelde, zu wenig auf den Einfluss ihrer\nnächsten Vorbilder, auf die Richtung ihrer Neigung auf\nbestimmte Geistesthätigkeiten und auf die Erstarkung und\nFestigung ihres Charakters. So hat man sich denn auch\ngewöhnt, bei Felix Mendelssohn die grossen Vortheile,\nwelche das Vaterhaus der Entwicklung seines Talentes\nentgegen brachte, ihm stets hoch anzurechnen, während\nman ihn doch mit Recht nur um Eines beneiden könnte,\nwas ihm ohne sein Zuthun zu Theil geworden um einen\nso trefflichen Vater. Die zwei Briefe an seinen Felix,\nwelche uns die Sammlung bringt, beweisen, wie anregend\nund fördernd die Winke, Urtheile und Ideen eines solchen,\nobwohl nicht „technisch musicalischen8 Vaters (wie Felix\nselbst sagt) auf die Entwicklung des Sohnes auch als Ton-\nkünstler einwirken mussten. Wir theilen desshalb aus dem\nBriefe vom 10. März 1835 alles mit, was den Lesern\nvolles Licht über die geistige Wechselwirkung zwischen\nVater und Sohn auch in Beziehung auf Musik geben kann,\nund bedauern nur, dass nicht mehrere Briefe der Art in\ndie Sammlung aufgenommen sind. Denn dass der Vater\nfleissig schrieb, geht aus dem Anfange dieses Briefes vom\n10. März hervor, den er als den „dritten derselben Woche\"\nan Felix bezeichnet. Er lautet, wie folgt:\n„Dein Wort, dass Sebastian Bach jedes Zimmer, wo\ner gesungen wird, zur Kirche umwandele, finde ich ganz\nbesonders treffend, und so hat auch beim einmaligen Hö-\nren der Schluss des erwähnten Stückes denselben Eindruck\nauf mich gemacht; sonst gestehe ich, von meiner Abnei-\ngung gegen figurirte Choräle im Allgemeinen nicht zurück-\nkommen zu können, weil ich die eigentlich zu Grunde lie-\ngende Idee nicht verstehe, besonders da nicht, wo die bei-\nden certirenden Massen im Gleichgewicht der Kraft gehal-\nten sind. Wo, wie z. B. im ersten Chor der Passion, der\nChoral nur einen wichtigeren und consistenteren Theil des\nGrundes ausmacht, oder wo, wie in dem oben erwähnten\nStücke der Cantate, wenn ich mich nach dem einmaligen\nHören recht erinnere, der Choral das Hauptgebäude ist\nund die einzelne Stimme nur eine Verzierung, kann ich\nmir eher den Begriff und Zweck denken—gar nicht aber\nda, wo die Figur gewisser Maassen Variationen aufs Thema\nausführt. Ueberhaupt ist mit dem Choral nicht zu spassen.\nDas höchste Ziel dabei ist, dass das Volk ihn unter Beglei-\ntung der Orgel rein singe: alles Andere erscheint mir eitel\nund unkirchlich.\n„Am letzten Musikmorgen bei Fanny wurde die Mo-\ntette von Bach: „ „Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit\"8,\nund Dein Ave Maria von gewählten Stimmen gesungen.\nEine grosse Stelle des letzteren, in der Mitte, so wie auch\ndas Ende, schienen mir zu künstlich und schwierig für den\neinfach frommen und allerdings echt katholischen Stil, wel-\ncher übrigens darin vorherrscht. Wenn nun Rebekka be-\nmerkt, dass einige Confusion in der Ausführung dieser\nStellen Statt gefunden habe, welche ich für zu schwierig\ngehalten habe, so beweist das nur, dass ich ein Ignorant\nbin, nicht aber, dass nicht das Ende doch zu spitzfindig\nmodulirt sei. Was nun Bach betrifft, so scheint mir das\ngenannte Stück ein ganz bewunderungswürdiges. Schon\ndie Einleitung, welche Fanny besonders schön spielte, hat\nmich überrascht und ergriffen, wie lange nichts, und ich\nmusste wieder an Bach's Einsamkeit denken, an seinen\nganz isolirten Stand in Umgebung und Mitwelt, an die"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "282", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630905-01.1.2", "texte": "reine, milde, ungeheure Kraft und die Klarheit der Tiefe.\nVon den einzelnen Stücken hat sich mir „ „Bestelle dein\nHaus\"\" und „„Es ist der alte Bund\"\" —augenblicklich\nund dauernd eingeprägt; weniger die Bass-Arie mit den\nAlt-Soli. Was mir zuerst bei der Passion klar wurde, dass\nBach der musicalische Repräsentant des Protestantismus\nsei, wird mir bei jedem neuen Stücke, das ich von ihm\nhöre, positiv oder negativ evident, so neulich durch die\nMesse, die ich in der Akademie hörte und die mir aufs\nentschiedenste antikatholisch vorkommt, daher denn auch\nalle ihre grossen Schönheiten mir den inneren Widerspruch\neben so wenig lösen zu können schienen, als dies möglich\nwäre, wenn ein protestantischer Geistlicher in einer prote-\nstantischen Kirche Messe läse. Nebenbei wurde mir aber\naufs Neue klar, welch grosses Verdienst es von Zelter war\nund bleibt, Bach den Deutschen wiedergegeben zu haben,\ndenn zwischen Forkel und ihm war von Bach- wenig die\nRede, und dann auch fast nur vom wohllemperirten Cia-\nvier. Ihm ist zuerst das wahre Licht über Bach aufgegan-\ngen durch den Besitz anderer seiner Werke, die er als\nSammler kennen lernte und als wahrer Künstler Andere\nkennen lehrte. Seine musicalischen Aufführungen am Frei-\ntag sind abermals ein Beleg, dass nichts, was mit Ernst\nangelangen und in der Stille ununterbrochen fortgesetzt\nwird, ohne Erfolg bleiben kann. Ausgemacht ist es\nwenigstens, dass Deine musicalische Richtung\nohne Zelter eine ganz andere geworden wäre.\n„Dein Vorsatz, Händel in seiner ursprünglichen Ge-\nstalt zu restauriren, hat mich zu einigen Gedanken über\ndie spätere Instrumentirung seiner Werke veranlasst. Es\nentsteht dabei gewöhnlich die Frage, ob Händel, wenn er\nheut schriebe, sich nicht aller jetzt vorhandenen musicali-\nschen Mittel bedienen würde, um seine Oratorien zu com-\nponiren, was am Ende doch nichts weiter heisst, als: ob\ndie künstlerisch sittliche Gestaltung, welcher wir den Na-\nmen Händel geben, heute dieselbe äussere Form annehmen\nwürde, welche sie vor hundert Jahren gehabt hat, oder in\nweiterem Sinne: ob die Welt heute aussieht, wie sie vor\nhundert Jahren ausgesehen hat, worauf dann die Antwort\nsich von selbst ergibt. Man muss aber die Frage anders\nstellen, un.d zwar nicht, ob Händel heute seine Oratorien\ncomponiren würde, wie vor hundert Jahren, sondern ob\ner überhaupt Oratorien componiren würde. Wohl schwer-\nlich, wenn sie jetzt nur so zu schreiben wären, wie in der\nneuesten Zeit geschehen ist. Daraus, dass ich Dir das sage,\nkannst Du entnehmen, wie erwartungsvoll und zutrauend\nich dem Deinigen entgegensehe, welches hoffentlich die\nAulgabe der Verbindung alten Sinnes mit neuen Mitteln\nlösen wird, sonst würde die Wirkung eben so gewiss aus-\nbleiben, als die Maler des neunzehnten Jahrhunderts sich\nnur lächerlich machen würden, die die Religiosität des\nfünfzehnten Jahrhunderts mit langen Armen und Beinen\nund einer auf den Kopf gestellten Perspective wieder her-\nstellen wollten. Mir scheinen die neuen Mittel, so wie\neigentlich Alles in der Welt zu rechter Zeit gekommen zu\nsein, um den schwächer werdenden inneren Motiven bele-\nbend zur Seite zu stehen, denn auf der Stufe religiösen\nSinnes, auf welcher sich Bach, Händel und ihre Zeitgenos-\nsen befanden, brauchten sie keines grossen Orchesters zu\nihren Oratorien, und ich selbst erinnere mich noch sehr\nwohl aus meinen jüngsten Jahren, dass der Messias, Judas\nund das Aiexanderfest ganz wie sie Händel geschrieben\nund sogar ohne Orgel zu Aller Freude und Erbauung ge-\ngeben worden sind.\n*W ie bringt man aber jetzt, wo Leerheit der Gedan-\nken und Lärm in der Musik sich allmählich in umgekehr-\ntem Verhältnisse zu einander entwickelt haben, die Sache\nzum Stehen? Das Orchester ist einmal da und wird seine\njetzige Gestalt wohl eine lange Zeit ohne wesentliche Ver-\nänderung beibehalten. Reichthum ist aber auch nur dann\nein Fehler, wenn man ihn nicht zu verwenden weiss. Wie\nalso soll das Reiche des Orchesters verwendet werden?\nWelche Anleitung kann der Dichter dazu geben und in\nwelchen Regionen? Oder soll die Musik sich ganz von der\nPoesie trennen und rein selbstständig wirken? Ich glaube\nnicht, dass sie letzteres können wird, wenigstens nur in be-\nschränktem Maasse und nicht allgemein gültig; zu erste-\nrem müsste aber ein Gegenstand sowohl für die Musik\nwie für die Malerei gefunden werden, welcher durch seine\nInnerlichkeit, allgemeine Gültigkeit und Verständlichkeit\ndie früheren religiösen zu ersetzen im Stande wäre. Nun\nwill es mich bedünken, als ob die beiden Haydn'schen\nOratorien auch in dieser Beziehung eine sehr merkwürdige\nErscheinung wären. Beide Gedichte sind schwach, als solche\nbetrachtet; aber sie haben auf eine sehr glückliche Weise\nstatt des alten positiven und fast übersinnlichen Religions-\nMotivs dasjenige ergriffen, welches die Natur, als sichtbare\nEmanation der Gottheit, in ihrer Allgemeinheit und ihren\ntausendfältigen Einzelheiten jedem offenen Gemüthe ein-\nflösst.— Daher die unendlich tiefe, aber auch heitere, all-\ngemein gültige und gewiss echt religiöse Wirkung dieser\nbeiden Werke, die bis jetzt ganz allein stehen; daher das\nZusammenwirken aller hin und wieder kleinlichen, spielen-\nden Einzelheiten derselben mit dem grossartigsten und\ntreuesten Gefühle des Dankes, welches aus dem Ganzen\nhervorquillt; und daher kommt es auch, dass ich wenig-\nstens das Krähen des Hahns, das Singen der Lerche, das\nGebrüll des Rindviehes und die Fröhlichkeit des Landvol-\nkes sowohl in der Schöpfung als auch in den Jahreszeiten\neben so wenig gern vermissen würde, als in der Natur"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "283", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630905-01.1.3", "texte": "selbst.—Mit anderem Worte: Schöpfung und Jahreszeiten\nsind aui Natur und sichtbaren Gottesdienst gegründet, und\nsollten da nicht noch neue Stoffe für die Musik zu finden\nsein?\"\nWir haben olt schon in diesen Blättern gegen diejeni-\ngen liigoristen unter den Musikern geeifert, welche auf\ndas Urtheil des Publicums, weil es nicht musicalisch ist,\ngar nichts geben und an jeden Zuhörer die Ansprüche ma-\nchen, als müsste er sich beim Eintritte in den Concertsaal\njedesmal durch Vorzeigung eines Canons oder eines Fugen-\nIhema's legitirniren. Hier mögen sie denn einmal recht\nhandgreiflich sich überzeugen, dass es im gebildeten Pu-\nblicum auch Leute gibt, denen zu genügen wahrlich der\nStolz des Künstlers von Fach sein muss. Völlig bekehren\nwerden sie sich vielleicht, wenn sie lesen, was Felix Men-\ndelssohn in der Antwort an seinen Vater darüber sagt:\n„Ich habe Dir noch zu danken für den letzten Brief\nund mein Ave; ich kann es oft gar nicht begreifen, wie es\nmöglich ist, über Musik ein so genaues Urtheil zu haben,\nohne technisch musicalisch zu sein, und wenn ich das, was\nich allerdings dabei empfinde, so klar und anschaulich\nsagen könnte, wie Du, sobald Du darüber sprichst, so\nwollte ich keine einzige confuse Rede mehr in meinem Le-\nben halten. Habe tausend Dank dafür und für Deine Worte\nüber Bach. Du hast nun freilich nach einmaligem unvoll-\nkommenen Hören meines Stückes das herausgefunden, was\nich nach langer Bekanntschaft erst jetzt, und darüber sollt'\nich mich wohl ein wenig ärgern; aber dann ist mir's doch\nwieder iieb, dass eine solche Deutlichkeit des Gefühls bei\nMusik da ist und dass Du die gerade hast, denn was am\nEnde und in der Mittelstelle verfehlt ist, liegt in so kleinen\nFehlern, die sich mit so wenig Noten (namentlich wegge-\nstrichenen) hätten verbessern lassen, dass weder ich noch\nirgend ein Musiker ohne öfteres Hören darauf gekommen\nwäre, weil wir es in der Regel viel tiefer suchen. Es scha-\ndet der Einlachheit des Klanges, die mir gerade im An-\nlange gut gelällt, und wenn ich auch meine, dass es bei\nvollkommener Ausführung, namentlich mit grossem Chor,\nweniger auffallen würde, so wird doch immer etwas davon\nbleiben. Indessen will ich's ein ander Mal schon besser\nmachen.\"\nLeider verlor Mendelssohn den geliebten Vater schon\nim Herbste desselben Jahres, aus dem diese beiden Briefe\nstammen. „Es ist das grösste Unglück\"—schreibt er aus\nLeipzig den 6. December 1835 an seinen Freund, Predi-\nger Schubring in Dessau —, „was mir widerfahren konnte,\nund eine Prüfung, die ich nun entweder bestehen oder\ndarin erliegen muss. Ich sage mir dies jetzt nach drei Wo-\nchen, ohne jenen scharfen Schmerz der ersten Tage, aber\nich fühle es desto sicherer: es muss für mich ein neues\nLeben anfangen oder Alles aufhören das alte ist nun ab-\ngeschnitten. Gott hat meinem Vater die Bitte, die er lange\nwiederholt hatte, gewährt: sein Ende war so ruhig und\nsanft und so unerwartet schnell, wie er es sich gewünscht\nhatte; Mittwoch den 18. war er noch von allen den Seini-\ngen umgeben, ging Abends spät zu Bette, klagte Donners-\ntag früh ein wenig und um halb 11 Uhr war sein Leben\ngeendet. Die Aerzte wissen der Krankheit keinen Namen\nzu geben.—Gerade so soll mein Grossvater Moses gestor-\nben sein, wie der Onkel uns sagte; in demselben Alter,\nohne Krankheit, heiteren und ruhigen Sinnes. Ich weiss\nnicht, ob Du wusstest, wie besonders seit einigen Jahren\nmein Vater gegen mich so gütig, so wie ein Freund war,\ndass meine ganze Seele an ihm hing, und ich während mei-\nner langen Abwesenheit fast keine Stunde lebte, ohne sei-\nner zu gedenken; aber da Du ihn in seinem Hause mit\nuns allen und in seiner ganzen Liebenswürdigkeit gekannt\nhast, so wirst Du Dir denken können, wie mir jetzt zu Muthe\nist. Das Einzige bleibt da, die Pflicht zu thun, und dahin\nsuche ich mich zu bringen mit allen meinen Kräften; denn\ner würde es so verlangen, wenn er noch gegenwärtig wäre,\nund ich will nicht aufhören, so wie sonst nach seiner Zu-\nfriedenheit zu streben, wenn ich sie auch nicht mehr ge-\nmessen kann. lch mache mich nun mit doppeltem Eifer\nan die Vollendung des Paulus, da der letzte Brief des Va-\nters mich dazu trieb, und er sehr ungeduldig die Beendi-\ngung dieser Arbeit erwartete; mir ist's, als müsste ich nun\nAlles anwenden, um den Paulus so gut als möglich zu voll-\nenden, und mir dann denken, er nähme Theil daran.\"\nUnd an den Prediger Bauer in Beizig vom 9. Decem-\nber: „Der Wunsch, den ich mir vor allen jeden Abend\nwieder gewünscht hatte, war der, diesen Verlust nicht zu\nerleben, weil ich an meinem Vater so ganz und gar gehan-\ngen hatte oder vielmehr hange, dass ich nicht weiss, wie\nich mein Leben nun fortsetzen werde, und weil ich nicht\nbloss den Vater entbehren muss (eirl Gefühl, das ich mir\nschon seit meiner Kindheit als das herbste dachte), sondern\nauch meinen einzigen guten Freund während der letzten\nJahre und meinen Lehrer in der Kunst und im Leben.\"\nIm Spätsommer 1835 hatte Mendelssohn seinen Auf-\nenthalt am Rheine mit der Stellung in Leipzig vertauscht,\nnachdem er vorher noch das niederrheinische Musikfest zum\nzweiten Male (es war das sechszehnte und wurde in Köln\ngefeiert) dirigirt hatte. Es wurde Händel's „Salomon\" nach\nder Original-Partitur aufgeführt, zu welcher Mendelssohn\n„die Orgelstimme in der Art, wie er sie sich gespielt dachte\"\n(S. 92), niederschrieb. Auf dieselbe Weise wurde im vori-\ngen Jahre diese Aufführung in Köln wiederholt (vgl. Jahrg.\n1862, Nr. 24 u. ff.), und Franz Weber spielte auch jetzt,\nwie damals bei Mendelssohn's Direction, die Orgel. Ein\n\nf]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "284", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630905-01.1.4", "texte": "paar kurze Stellen in den Briefen (S. 92 und 101) geden-\nken jenes Musikfestes. Die erste (an seinen Vater) lautet:\n„Auch mit dem Morgengesang*) habe ich Arbeit gehabt, weil\nVieles darin geändert werden musste, was bei den hiesigen\nMitteln unmöglich ausgeführt werden kann; er hat mir\naber dabei von Neuein ungemein gefallen, namentlich der\nStern, der Mond, die Elemente und der ganze vortreffliche\nSchluss. Bei den Worten: „ „und schlich in dieser Nacht\"\"\nu. s. w., wird es so romantisch und poetisch, dass mich's\njedes Mal von Neuem erfreut und ergreift; drum macht\nmir es Vergnügen, solch einem noblen Manne einen Dienst\nerweisen zu können. Die vom Comite wunderten sich sehr,\nals ich behauptete, es sei schön, und wollten kaum daran,\nallein sie waren denn doch zu Allem zu bereden. Sogar\neine Ouvertüre von Bach hätten sie geben müssen, wenn\nich nicht eine allzu starke Contra-Revolution gescheut hätte.\nVon mir kommt gar nichts; dafür (wahrscheinlich aus\nDankbarkeit) wollen sie durchaus mein „ „wohlgetroffenes\nBildniss\"\" an den Pfingsttagen erscheinen lassen und aus-\ngeben, wogegen ich mich tapfer wehre und weder sitzen\nnoch still halten will, weil ich all dergleichen Grossthuerei\nnicht mag.\"\nIn der zweiten (vom ö.October 1835) spricht er seine\nFreude über das Geschenk des Comite's von Köln aus:\n„Noch vor Chopin's Abreise kamen meine Händel'schen\nWerke an, über die er eine wahre kindische Freude hatte;\naber sie sind auch wirklich so schön, dass ich mich nicht\ngenug darüber freuen kann; 32 grosse Folianten, auf die\nbekannte englische, elegante Manier in dickes grünes Le-\nder gebunden, auf jedem Rücken mit gewaltigen goldenen\nBuchstaben der Titel des Ganzen und der Inhalt des Ban-\ndes, auf dem ersten Bande ausserdem folgende Worte:\n„„Dem Director F. M. B. Das Musikfest-Comite 1835 in\nKöln\"\", dabei ein sehr freundlicher Brief des gesammten\nComite's mit all ihren Unterschriften; und nun, wie ich\naufs Gerathewohl Samson herausziehe und gleich zu An-\nfang eine grosse Arie des Samson finde, die kein Mensch\nkennt, weil sie Herr v. Mosel gestrichen hat, und die an\nSchönheit keiner Händel'schen weicht, und so das Vergnü-\ngen, das mir an allen 32 Bänden bevorsteht: da könnt\nIhr Euch meine Freude denken.\"\nIm Jahre 1836 führte er bekanntlich seinen „Paulus\"\nzum ersten Male beim Musikfeste zu Düsseldorf auf. Diesen\nso wichtigen Punkt in seinem Leben finden wir kaum er-\nwähnt in der vorliegenden Briefsammlung ; an seine Familie\nschrieb er desswegen nicht, weil seine Geschwister Paul und\nFanny selbst gegenwärtig waren. Nur in einem Briefe an\nSchleinitz in Leipzig berührt er die Aufführung in einer\nStelle, welche wir unseren Lesern nicht vorenthalten wollen.\n„Gewiss, Sie hätten Sich beim Musikfeste auf lange\nZeit erfreut. Sie hätten Sich an der Lust und Liebe, mit\nder die ganze Sache ging, an dem unglaublichen Feuer,\nmit dem die Chöre und das Orchester losfuhren, gewiss\nvon Herzen erfreut, wenn Sie auch manche Einzelheiten,\nnamentlich in den Solo's, verdrossen hätten. Bei den Paulus-\nArien weiss ich Ihr ganzes Gesicht auswendig, wie sie\netwas ledern und gleichgültig abgesungen worden, und\nhöre Sie auf den Heiden-Apostel im Schlafrock schimpfen;\naber eben so weiss ich auch, wie Sie Sich über „„Mache\ndich auf\"\", was wirklich herrlich ging, gefreut hätten.—\nMir war es sonderbar: bei der ganzen Probenzeit und Auf-\nführung dachte ich nur blutwenig ans Dirigiren, sondern\nlauschte darauf, wie sich das Ganze machte, und ob es mir\nrecht wäre, ohne an irgend etwas Anderes zu denken.—\nWenn die Leute mir Tusch brachten oder klatschten, so\nwar mir's wohl einen Augenblick lieb, aber dann kam mir\nder Vater wieder in den Sinn, und dann suchte ich wieder\nden Gedanken an meine Arbeit zu gewinnen. So habe ich\nbei der ganzen Aufführung fast nur wie ein Zuhörer ge-\nstanden und mir einen Eindruck des Ganzen zu erhalten\ngesucht. Vieles hat mir auch gar viele Freude gemacht,\nAnderes nicht, aber an Allem habe ich sehr gelernt und\nhoffe es besser zu machen, wenn ich mal ein zweites Ora-\ntorium schreibe.\"\nIm Juni ging er nach Frankfurt am Main, gab aus\nVerehrung und Freundschaft für Schelble eine Schweizer-\nreise und das Seebad in Genua auf und übernahm auf acht\nWochen die Leitung des Cäcilien-Vereins, während „der\nprächtige Schelble\" sich auf dem Lande erholte. Er schreibt\ndarüber an seine Mutter:\n„Es war drauf und daran, dass der Cäcilien-Verein\naus einander gehen sollte, und namentlich schien Schelble\ndie Lauigkeit zu fürchten, die unter den Mitgliedern bei\nseiner Abwesenheit-herrschen würde. Da sie nun alle glaub-\nten und hofften, dass ich durch meine Gegenwart das än-\ndern könnte, so bedachte ich mich nicht, obwohl die frank-\nfurter Musiker sich verzweifelt wundern werden, und will\nnun sehen, wie viel in acht Wochen zu thun ist. Dass\n\n*) Es war „Milton's Morgengesang, Cantate von J. F.\nReichardt\", die Mendelssohn auf das Programm gebracht\nhatte. Er schätzte Reichardt hoch, woran beiläufig zur Nutz-\nanwendung für unsere Neologen, die auf Männer wie Reichardt\nnur mitleidig herabblicken, erinnert werden mag. „In der Cor-\nrespondenz von Goethe und Zelter ist mir eins aufgefallen:\nwenn über Beethoven oder sonst Einen schlecht, über meine\nFamilie unziemlich, über Vieles langweilig gesprochen wird, so\nlässt mich's sehr kalt und ruhig; aber wenn von Reichardt\ndie Rede ist und sie Beide über ihn so vornehm thun und\nurtheilen, so weiss ich mich vor Aerger nicht zu lassen.\" (S.\n20, an seinen Vater.)"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "285", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630905-01.1.5", "texte": "Hiller, auf den ich viel halte, diese ganze Zeit zufällig\nauch dort zubringen wird, ist mir ein grosser Gewinn.\n„Es macht mir überhaupt Freude, Dir schreiben zu\nkönnen, dass ich jetzt in Deutschland wohl festen Fuss ge-\nfasst habe und nicht meiner Existenz halber nach dem Aus-\nlande zu wandern brauchen werde. Das hat sich eigentlich\nerst seit einem Jahre und namentlich seit meiner Stellung\nr\nin Leipzig deutlich gezeigt, aber ich glaube gewiss, dass\nes so ist, und denke auch, es sei nicht unbescheiden, wenn\nich mich darüber freue und es Dir sage. Die Art, wie man\nmich auf meiner Reise in Frankfurt, endlich auch hier auf-\ngenommen hat, ist so, wie sich's ein Musiker nur irgend\nwünschen kann; und wenn das alles auch wenig oder gar\nnichts bedeuten mag, so ist es ein Zeichen von Freundlich-\nkeit, die immer wohl thut, und alle solche Zeichen sind\nmir lieb, weil ich mir bewusst bin, nichts gethan zu haben,\num sie hervorzurufen. Darum freue ich mich fast, wenn\nDu mich einen umgekehrten Charlatan nennst, und wenn\nmsr Manches von selbst zu Theil wird, um das sich Andere\nsehr bemühen; ich darf dann glauben, dass ich's verdiene.\nWenn ich nur diese Worte auch dem Vater einmal hätte\nschreiben können, denn er hätte sie gern gelesen!\"\n\nDie grosse Oper in Paris.\nDie Oper, dieses grosse Theater mit seinem grossen\nOrchester, seinen grossen Chören, der grossen Unter-\nstützung, welche es vom Staate empfängt, seinem zahlrei-\nchen Personale, seinen unzähligen Decorationen gleicht in\nvielen Stücken dem Storch in der Fabel. Bald erblickt\nman ihn auf einem Beine schlafend, bald wandelt er da-\nhin, in den spärlichsten Gewässern Nahrung suchend, nicht\neinmal den Gründling verschmähend, vor welchem er sich\nsonst ekelt und dessen Name allein schon hinreicht, seinen\ngastronomischen Stolz zu beleidigen.\nAber der arme Vogel ist am Flügel verwundet, er\ngeht und kann nicht fliegen, und seine Beine werden ihn\num so weniger zum Ziele führen, als er selbst nicht weiss,\nnach welcher Himmelsgegend er sich wenden soll.\nDie Oper will, wie alle anderen Theater, Geld und\nEh re, Ruhm und Einnahme. Die grossen Erfolge verschaf-\nfen Eines und das Andere; gute Werke schlagen manch-\nmal durch, grosse Componister» und geschickte Dichter\nstellen aber allein dergleichen her. Diese Werke, von In-\ntelligenz und Genie strahlend, vermögen ihre ganze leben-\ndige Schönheit nur vermittels einer lebhaften, schönen,\nwarmen, geschmackvollen, treuen, grossartigen, glänzenden\nund beseelten Durchführung zu offenbaren. Die Vortreff-\nlichkeit der letzteren hängt aber nicht allein von der Wahl\nder Ausführenden ab, sondern vornehmlich von dem Geiste,\nder sie beseelt. Dieser Geist könnte nun allerdings ein gu-\nter sein, wenn seit langer Zeit sich nicht Allen die Bemer-\nkung aufgedrängt hätte, dass eine wahre Leidenschaft für\ndie Mittelmässigkeit die Oper beherrscht. Ungeachtet der\nbesten Absichten von der Welt, begeistert sie sich bis zum\nEnthusiasmus für das Platte, glüht vor Bewunderung für\ndas Farblose, erhitzt sich für das La ue; sie wird poetisch\nfür die Prosa. Da sie überdies erkannte, dass das Publi-\ncum, aus Langerweile in Gleichgültigkeit verfallen, seit lan-\nger Zeit alles über sich ergehen lässt, was man ihm bietet,\nohne etwas zu billigen oder zu tadeln, so hat sie daraus\nmit Recht geschlossen, dass sie Herrin im Hause sei und\nsich ohne Besorgniss allen. Antrieben ihrer Leidenschaft\nhingeben dürfe, um der Mittelmässigkeit Altäre zu bauen\nund ihr Weihrauch zu streuen.\nUm einen so schönen Erfolg zu erzielen und unter-\nstützt von denjenigen ihrer Werkzeuge, deren glückliches\nNaturel nichts verlangt, als sich selbst überlassen zu blei-\nben, um in diesem Sinne zu wirken, hat sie alle ihre Künst-\nler dermaassen ermüdet, blasirt und in ihrem Aufschwunce\ngelähmt, dass mehrere von ihnen, ihre Harfen an die Wei-\nden des Ufers aufhängend, stehen blieben und weinten,\nandere anfingen, aus Entrüstung ihre Beschäftigung zu\nhassen. Viele schlummerten ein, und die Philosophen unter\nihnen streichen ihr Gehalt ein, indem sie lachend Maza-\nrin's Wort: „Die Oper singt nicht, aber sie bezahlt!\" pa-\nrodiren.\nDas Orchester allein schon macht der Oper viele\nMühe, um es zu bändigen. Der grösste Theil seiner Mit-\nglieder, welcher aus Virtuosen ersten Ranges besteht, ge-\nhört zu dem berühmten Orchester des Conservatoriums;\nsie stehen daher in gewisser Berührung mit der gediegen-\nsten Kunst und mit einem ausgewählten Publicum; daher\nstammen die Ideen, welche sie eingesogen haben, und der\nWiderstand, welchen sie den Bemühungen, sie zu unter-\nwerfen, entgegensetzen. Aber es gibt keine künstlerische\nOrganisation, deren Aufschwung man auf die Länge der\nZeit und durch fortgesetzte Aufführung schlechter Werke\nnicht zu brechen, deren Feuer man nicht auszulöschen,\nderen Kraft man nicht zu lähmen, deren kühnes Vorschrei-\nten man nicht niederzuhalten vermöchte. „Ah! Sie machen\nSich über meine Sänger lustig,\" sagt die Oper öfter zu\nihnen, „Sie spotten über meine neuen Partituren, Sie\nHerren Künstler! ich werde Sie bald zur Vernunft bringen;\nda ist ein Stück aus einer Menge von Acten, dessen Schön-\nheiten Sie kosten sollen. Drei Proben würden im Allge-\nmeinen hinreichen, um damit fertig zu werden, es ist blos-\nser Vorsaalstil; Sie werden indess zwölf oder fünfzehn\nmachen; Eile mit Weile. Wir wollen es zehn Mal hinter"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "286", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630905-01.1.6", "texte": "einander aufführen, bis Niemand mehr hineingeht, und\nwerden dann zu einem anderen von derselben Sorte und\ndemselben Verdienste übergehen. Ich habe die Ehre, Ihnen\nhier eine Oper, in Eile hingeschmiert und voll von Galo-\npaden, vorzulegen, welche Sie mit derselben Sorgfalt stu-\ndiren werden, wie die vorige, und kurz nachher werden\nSie eine von einem Componisten bekommen, der noch nie\netwas Anderes gemacht hat. Sie beklagen Sich, dass die\nSänger weder Ton noch Maass halten; diese ihrerseits be-\nklagen sich über die Strenge Ihrer Begleitung; künftighin\nmüssen Sie Ihr Tempo nach den Sängern einrichten, auf\nder betreffenden Note, mag sie lauten, wie sie wolle, aus-\nharren, bis sie mit ihrer Fermate fertig geworden, und\nihnen dann noch Zeit lassen, um wieder Athem zu schö-\npfen.\" Und nach und nach wird das arme, brave Or-\nchester, ich fürchte sehr, in Betrübniss, dann in krankhafte\nSchlummersucht, weiterhin in Siechthum und Entkräftung\nund zuletzt in Mittelmässigkeit versinken, diesen Schlund,\nin den die Oper alles hineintreibt, was ihr unterworfen ist.\nDie Chöre werden auf andere Weise gross gezogen;\num nicht genöthigt zu sein, das mühsame System, welches\nman mit bisher so geringem Erfolge gegen das Orchester\ngerichtet, auch auf sie anzuwenden, sucht die Oper die\nälteren Choristen durch Choristen neuer Schule, d. h. Mit-\ntelmässige, zu ersetzen. Aber hier überschreitet sie ihr\nZiel; denn nach kurzer Zeit verschlechtern sie sich derge-\nstalt, dass sie auch zu dem speciellen Fache, für das sie\nangestellt worden, für die Mittelmässigkeit, nicht mehr\npassen.\nUnd dennoch hat man gegenwärtig das arme Publi-\ncum gänzlich gezähmt, man hat es schachmatt gemacht.\nEs ist unterwürfig, furchtsam und sanft, wie ein artiges\nKind. Ehemals gab man ihm vollständige Meisterwerke,\nOpern, deren sämmtliche Stücke schön waren, mit Recita-\ntiven voll wahren, bewunderungswürdigen Ausdrucks, mit\nentzückenden Tänzen, wo nichts das Ohr beleidigte, wo\nselbst die Sprache berücksichtigt worden war: aber das\nPublicum langweilte sich! Man griff zu heroischen Mitteln,\num es aus seiner Schlummersucht aufzurütteln, man gab\nihm das C jeder Art mit voller Brust zu hören, grosse\nTrommeln, kleine Trommeln, Orgeln, Militärmusik, Trom-\npeten, Tuba's, gross wie die Schornsteine der Dampfma-\nschinen, Glocken, Kanonen, Pferde, Cardinäle unter Trag-\nhimmeln, Kaiser, von Gold strahlend, Königinnen mit Dia-\ndemen, Leichenbegängnisse, Hochzeiten, Festmahle, Gauk-\nler, Schlittschuhläufer, Chorknaben, Weihrauchstreuende,\nMonstranzen, Kreuze, Banner, Processionen, Orgien halb-\nnackter Männer und Weiber, den Ochsen Apis, Schafher-\nden, Nachteulen, Ziegen, die fünfhundert Teufel der Hölle,\nja, das allgemeine Erbeben, das Ende der Welt, hier und\nda untermischt mit einigen faden Cavatinen und einer\nMenge von Claqueurs. Und das arme Publicum, betäubt\nvon einer solchen Sündflut, öffnete zuletzt weit die Augen,\nsperrte den Mund auf und wurde einen Augenblick wach,\naber ohne ein Wort zu sagen bekannte es sich ohne Hoff-\nnung auf Rache für besiegt und sah sich gezwungen, seine\nAbdankung zu unterschreiben.\nSeitdem, kreuzlahm gemacht, gebrochen, zerbrochen\nnach einem solchen Handgemenge, gleichwie Sancho nach\nder Belagerung von Barataria, blüht das Publicum von\nWonne auf, sobald man sich den Anschein gibt, ihm auch\nnur das geringste ruhige Vergnügen zu verschaffen. Es\ngeniesst mit Entzücken ein Stück erfrischender Musik, es\nerquickt sich daran, es schlürft sie ein. Ja, man hat es der-\ngestalt matt gesetzt, dass es nicht mehr daran denkt, sich\nüber die furchtbare Diät, welcher es unterworfen worden,\nzu beklagen. Jetzt kommt die gute Seite der Sache. Nach-\ndem die Unterwerfung des Publicums zur Wirklichkeit\ngeworden und sein irriges Urtheil nicht mehr zu fürchten,\nweil es gar nicht mehr urtheilt, haben sämmtliche Autoren\nentschieden, nur noch Meisterwerke hervorzubringen. Vor-\ntrefflich! Wie lange schon wünschen wir diesen Staats-\nstreich herbei! Nichts desto weniger wäre es schade,\nwenn man zu viel Meisterwerke an der Oper gäbe; es\nsteht zu hoffen, dass die Autoren sich vernünftig zeigen\nund ihrer fruchtbaren Inspiration richtige Gränzen setzen\nwerden. Denn man hat an diesem Theater schon manche\nhübsche Partitur zu Grunde gerichtet. Nach den ersten\nvier oder fünf Vorstellungen, sobald der Einfluss des Autors\nnicht mehr direct auf seine Dolmetscher wirkt, sinkt die\nAusführung vom Mittelmässigen bald zum Schlechten herab,\nnamentlich bei den künstlich gehaltenen Werken.\nUnd wie verfährt man beim Einstudiren neuer Werke?\nAnfänglich denkt man nicht im Mindesten daran; später,\nwenn man zur Erkenntniss gekommen ist, dass es doch\nvielleicht zweckmässig wäre, daran ein wenig zu denken,\nruht man sich aus; und zum Teufel, man hat Recht! Man\nmuss sich keiner frühzeitigen Erschöpfung des Geistes\ndurch Uebermaass der Arbeit aussetzen! Vermittels einer\nReihe so weise berechneter Anstrengungen gelangt man\nendlich dahin, eine erste Probe anzukündigen. An diesem\nTage steht der Director früh auf, rasirt sich schnell,\nschnauzt mehrmals seine Bedienten wegen ihrer Langsam-\nkeit an, trinkt rasch eine Tasse Kaffee und—-reist auf das\nLand. Bei dieser Probe haben einige Sänger die Gefällig-\nkeit, sich einzufinden; nach und nach kommen wirklich\nfünf Personen zusammen. Da der Anfang auf 12% Uhr\nfestgesetzt ist, so schwatzt man ruhig über Politik, Indu-\nstrie, Eisenbahnen, Moden, Börse, Ballet, Philosophie bis\num 2 Uhr. Dann erlaubt sich der Accompagneur die Be-"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "287", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630905-01.1.7", "texte": "merkung, dass er schon lange Zeit warte und dass man\ngefälligst die Hollen zur Hand nehmen möge, um sie ken-\nnen zu lernen. Auf dieses Ersuchen beschliesst Jeder, die\nseinige sich geben zu lassen, durchblättert sie einen Augen-\nblick, schüttelt den Sand davon ab, über die Copisten flu-\nchend, und man beginnt etwas weniger zu schwatzen. „Aber\nwie soll man anfangen zu singen? Das erste Stück ist ein\nSextett, und wir sind bloss fünf? das heisst, wir waren\nfünf, denn Herr S ist eben hinausgegangen, sein Sach-\nwalter hat ihn wegen einer wichtigen Sache rufen lassen.\nWir können doch kein Sextett zu Vieren probiren.\" Und\nAlle entfernen sich langsam, wie sie gekommen. Am an-\nderen Tage kann man nicht probiren, denn es ist ein Sonn-\ntag, auch nicht am nächstfolgenden, denn es ist ein Mon-\ntag, wo Vorstellung Statt findet, wobei selbst diejenigen\nMitglieder, welche nicht beschäftigt sind, auf ihren Lor-\nbern ausruhen, indem sie an die Mühe denken, welche\nihre Genossen sich geben müssen. Also Dinstag denn!\nEs schlägt 1 Uhr: da treten die beiden Sänger ein, wel-\nche das vorige Mal gefehlt hatten, aber von den anderen\nerscheint noch Niemand. Um 2% Uhr sind endlich\nAlle versammelt, ausser dem zweiten Tenor und dem\nersten Bass. Die Damen sind liebenswürdig, voll reizen-\nden Humors, und eine von ihnen schlägt daher vor, das\nSextett ohne Bass zu beginnen. „Es macht nichts aus,\nwir werden wenigstens jeder seine Partie kennen lernen!\"\nNoch einen Augenblick, meine Herrschaften, sagt\nder Accompagneur, ich will mir's erst ansehen . . . dieser\n. . . Accord ... ich kann die Noten schwer unterscheiden.\nWas wollen Sie? man kann eine Partitur von zwanzig\nZeilen nicht prima vistaspielen. „Ah! Sie kennen die\nPartitur nicht und wollen uns unsere Rollen einstudiren!\"\nsagt die etwas vorlaute Madame 5.... „Mein Lieber, Sie\nthäten besser, sie vorher zu studiren, ehe Sie hieherkom-\nmen.\" Da Sie nichts Aehnliches für Ihre Rolle thun\nkönnen, weil Lesen nicht Ihr Fach ist, so vermag ich frei-\nlich nicht,-dieselbe Einladung an Sie zu richten, Madame.\n„Angefangen!\" ruft D.... ungeduldig. (Ritornel, Reci-\ntativ von D Harmonie auf dem Accord. Ah!\nein As!) „Sie, M sind daran Schuld.\" —Wie kann ich\nAs gesungen haben, da ich nicht den Mund geöffnet?\nGuten Abend allerseits! sagt aufstehend D.... Meine lie-\nben Schäfchen, Ihr seid alle sehr geistreich, aber nicht\naufmerksam. Uebrigens ist es 3% Uhr, und nach 3 Uhr\nwird nicht probirt. Heute ist Dinstag; möglicher Weise\nsinge ich nächsten Freitag in den Hugenotten, ich muss\nmich schonen. Ueberdies bin ich heiser und nur aus über-\ngrossem Eifer heute zur Probe gekommen. Hm! Hm!\nAlle entfernen sich. Die acht oder zehn folgenden Sitzun-\ngen gleichen mehr oder weniger der ersten. So vergeht\nein Monat, ehe man dazu gelangt, etwas ernstere Proben\nvon einer Stunde zu halten, drei Mal in der Woche. Das\nmacht zwölf Stunden Probe im Monat. Der Director thut\nsein Möglichstes, die Mitglieder durch seine Abwesenheit\nanzuregen, und wenn eine einactige Operette, welche zum\n1. April angekündigt worden, endlich Ende August zur\nAufführung gelangt, so darf er sich mit Recht brüsten und\nsagen: „Das ist nur eine Bluette; wir sind in achtund-\nvierzig Stunden damit fertig geworden.\"\n\nAus Salzburg.\n\n[Das Concert des Mozarteums Joachim Ferdinand David.]\nDen 21. August 1863.\nDas letzte Concert des Mozarteums, gegeben zur Feier\ndes Geburtsfestes Sr. Majestät des Kaisers, brachte uns einen\nseltenen Genuss. Der Violinheros Joachim, der Concert-\nmeister Ferd. D avid aus Leipzig, die königlich würtem-\nbergischeHof-Opernsängerin Frau Bennewitz-Mic k und\ndie vortreffliche Pianistin Fräulein Binder wirkten in dem\nConcerte, dessen Programm von dem Director des Mozar-\nteums, Hans Schläger, folgenderMaassen zusammenge-\nstellt war: Volks-Hymne. Nr. 1) Ouvertüre zu Macbeth\nvon Cherubini; 2) Hymne für Sopran-Solo mit Chor- und\nOrgelbegleitung von Mendelssohn; 3) Gesangscene, Con-\ncertstück für die Violine mit Orchester von Spohr; 4) Con-\ncert in G-mollfür das Piano mit Orchester von Mendels-\nsohn; 5) Arie der Gräfin in Figaro's Hochzeit von Mozart;\n6) Sinfonie für die Violine und Viola mit Orchester von\nMozart; 7) Marsch und Chor aus der Oper Tannhäuser von\nR. Wagner. Schon die Ouvertüre, in welcher die beiden\nConcertmeister mitspielten, feurig und schwungvoll aufge-\nführt, erhielt rauschenden Beifall. Frau Bennewitz-Mick,\nwelche die Hymne mit schöner, sonorer Stimme vortrug,\ndurch den Chor der Sing-Akademie wacker unterstützt,\nwurde durch zweimaligen Hervorrul ausgezeichnet. Herr\nJoachim spielte die Gesangscene, dass er das gesammte Pu-\nblicum in Entzücken versetzte. Diesen grossen, schönen,\nreinen Ton, dieses ausdrucksvolle Spiel, fern von jeder El-\nfecthascherei, haben wir noch bei keinem Violinspieler ge-\nhört. Der B\"eifall wurde zum Jubel. Herr Joachim, der nun\nschon seit mehreren Wochen in Salzburg verweilt und noch\neine Weile hier zu bleiben gedenkt, erfreute auch zu wie-\nderholten Malen im Vereine mit den Herren David, Benne-\nwitz und Wegenbarth einen kleinen Kreis Geladener durch\nQuartett-Soireen, welche abwechselnd bei ihm oder bei\nHerrn David in dem kunstliebenden Hause des Dr. von llille-\nprandt Statt fanden. Die beiden Concertmeister wechselten\nbei der ersten Violine, wozu sie auch Herrn Concertmeister"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "288", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630905-01.1.8", "texte": "Bennewitz einluden, der es aber stets bescheiden ablehnte.\nWahrlich, um ein solches Quartett können uns die Resi-\ndenzer beneiden. Und nun wieder zum Concerte. Das ju-\ngendliche Fräulein Binder spielte Mendeissohn's Concert mit\nseltener Bravour und Reinheit, und vermisste man gegen\nden Schluss die Kraft der männlichen Hand, so lag das theil-\nweise in dem sehr anstrengenden, viele Ausdauer erlordern-\nden Werke, vielleicht auch in dem ungewohnten Instru-\ninente, und vor Allem in dem grossen Räume. Fräulein\nBinder wurde durch warmen und lebhaften Hervorrul aus-\ngezeichnet und ist, wie wir vernehmen, als Professorin des\nPianofortespiels für das Mozarteum gewonnen. In Mozart's\nArie: „Kehre wieder, o mein Geliebter!\" entfaltete Frau\nBennewitz-Mick ihre glänzenden Stimmmittel und ihre be-\ndeutende Coloratur; wäre die Wärme des Ausdrucks mit\nersterer auf gleicher Stufe gewesen, die Künstlerin hätte\ndes reichsten Beifalls gewärtig sein können. Herr Joachim\nund Concertmeister Bennewitz trugen nun Mozart's Sinfonie\nvor. Das Publicum war in gespanntester Erwartung, den\nsehr beliebten und geachteten Bennewitz neben dem gros-\nsen Geiger zu hören, um so mehr, da er zum Abschiede\nvon Salzburg (er folgt einem Rufe als Kammer-Virtuose\nan den Hof von Würtemberg) auf der Viola spielte, auf\nwelchem Instrumente man ihn noch nicht hörte. Der erste\nSatz erhielt grossen Beifall, der zweite, der weitaus schönste\ndes Werkes, wurde bejubelt, und nach dem letzten Satze\nführte Herr Joachim dem Beifall spendenden Publicum\nHerrn Bennewitz wiederholt vor, wobei die Bemerkung in-\nteressant war, dass dieser bescheiden allen Beifall nur Herrn\nJoachim zuwies. Es sei bemerkt, dass Herr Bennewitz sei-\nnem grossen Collegen sich sehr würdig anschloss. Der zum\nSchlüsse kommende Marsch mit Chor aus „Tannhäuser\"\nwirkte auf die bescheiden instrumentirte Sinfonie neben\nder edlen Melodie desselben noch besonders durch die all-\nmähliche Entfaltung des Orchesters und Chors, welche am\nSchlüsse ihren Höhepunkt erreicht, und folglich auch en-\nthusiastische Aufnahme fand. Der grosse Concertsaal, die\nAula, war trotz des zur Concertstunde heranbrausenden\nOrkans sehr besucht. Unzählige Fremde sah man im Saale,\nwelche bis zum letzten Tone aushielten und sich auf die\nehrendste Weise über das ganze Concert aussprachen. Die\nhiesige Aristokratie mit wenigen Ausnahmen glänzte wie\ngewöhnlich durch Abwesenheit. Leiter des Concertes war\nder verdienstvolle Director des Mozarteums, Herr Hans\nSchläger.\n\n(W. Bl.)\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nLeipzig 22. August. Gestern Nachmittag fand bei wonnigem\nSonnenschein eine sinnige Trauerfeier Statt. In Gegenwart eines\nGrossen und zum Theil sehr feinen Publicums wurde das einfach\nschöne Denkmal eingeweiht, das Emil Devrient seiner Schülerin\nund Freundin, dem uns zu früh entrissenen Fräulein Ida Pellet\nvom königlichen Hoftheater in Berlin, hat setzen lassen. Dasselbe\nsteht auf dem neuen Friedhofe vor der Stadt (nicht weit von dem\nNapoleons-Denkmale), zu Häupten des schön umfriedeten Grabhügels\nein sich erhebendes steinernes Kreuz, das oben mit einem Blu-\nmenkranze umgeben ist. Auf dem Postamente stehen in goldener\nSchrift auf einer Marmorplatte die Worte:\nIda Pellet\nstarb am 10. Juli 1863\nim Ruhme ihrer Kunst und\nin der Blüthe ihrer Jahre.\nAuf der Kehrseite liest man die Worte:\nGeliebt\nund\nunvergessen»\nDie Weiherede hielt der artistische Director des berliner Hof-\ntheaters Düringer, der zugleich einen Kranz auf das Grab nieder-\nlegte; eben so rief der hiesige Theater-Director, Ritter Wirsing,\nder Verklärten, indem er ihren Grabhügel bekränzte, ein paar ehrende\nWorte nach. Emil Devrient legte in stummem Schmerze, der aber\ndie Anwesenden um so tiefer ergriff, der abgeschiedenen Künstlerin\neinen Lorberkranz zu Füssen. Bald hatte sich das ganze Grab mit\nähnlichen Spenden bedeckt. Die Feier eröffnete mit Weber's Com-\nposition des „Rasch tritt der Tod den Menschen an\" und schloss\nmit dem Trauerchor aus „Santa Chiara\", gesungen vom Chorperso-\nnale unseres Stadttheaters. Unter den Anwesenden bemerkten wir\nauch den greisen General-Intendanten Dr. v. Küstner.\nWien. Die innere Einrichtung des neuen Opernhauses\nbeginnt im nächsten Jahre. Dasselbe wird bei gedrängt vollem\nHause 3000 Personen fassen, 430 Sperrsitze, 250 Sitzplätze und 200\nStehplätze im Parterre, dann 98 Logen enthalten, und zwar 32 im\nParterre, 30 im ersten, 30 im zweiten und 6 im dritten Range. Letz-\nterer zählt ausserdem 170 Sperrsitze und 280 Sitzplätze. Im vierten\nRange finden sich 90 Sperrsitze und 400 Sitzplätze. Die kaiserliche\nLoge wird sich rechts, die erzherzogliche Loge links von der Bühne,\ndie Fest-Hofloge rückwärts in der Mitte befinden»\nBeck ist von seiner Erholungsreise zuiückgekehrt und wird in\nden ersten Tagen des Monats September seine Wirksamkeit im Hof-\nOperntheater wieder beginnen."}]}