{"numero_id": "bm-bmtnabi-1863-09-26-01", "volume": "bmtnabi_1863-09-26_01", "ocr_sha256": "8f3ed95e0649bbf034cc3d01fa04fda7ef79721e46656baac72cd1a21aa4a412", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1863/09/26_01/bmtnabi_1863-09-26_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630926-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1863-09-26-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1863-09-26_01#c001", "volume": "bmtnabi_1863-09-26_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "305", "page_fin": "305", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630926-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "305", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630926-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 465, "texte": "Inhalt.\nCarlotta Patti (Lebensskizze). Mendelssohn. 1. Ueber Operntexte. 2. Ueber Deutung und Bedeutung von Musik-\nstücken. Zur Kirchenmusik. Karl Nehr, Lateinische Messe, Op. 1. Sechs leichte und kurze Motetten, Op. 2. Für Piano-\nforte. St. Heller, Drei Lieder ohne Worte. Op. 105. Joachim Raff, Introduction et Allegro scherzoso. Op. 87. Am Giessbach, Op. 88. Vi-\nlanella, Op. 89. Aus Wiesbaden (Neue Orgel). Stadttheater in Köln. 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August 1803.\nDas Erscheinen der beiden Schwestern Patti auf der\nBühne der Kunst bietet eine überraschende Entfallung\nvon Talent dar, welche das ehrenvollste Urtheil der musi-\ncalischen Welt im Fluge erobert hat. Ihre beiderseitigen\nTriumphe steigern gleichmässig den Ruhmesglanz, der\nihre Laufbahn erhellt, und schwesterlich theilen sie, was\nihnen durch die reiche Gabe der Nalur mit verschwende-\nrischer Hand geboten wird.\nCarlotta, die ältere Schwester, ist ein Kind des son-\nnigen Italiens und rechtfertigt daher im wahren Sinne des\nWortes die übliche Annahme, dass schon der Luflhauch\ndieses Landes die natürliche Anlage begünstige, ohne\nwelche eine reiche, klangvolle und biegsame Stimme un-\nmöglich ist. Sie ward in Florenz im Jahre 1840 zur Zeit\ngeboren, als ihre Mutter auf dem Pergola-Theater als\nPrima-Donna auftrat. Der italiänische Himmel und die\nbewegte Kunstwelt, in deren Mille sie erschien, machten\nsie naturgemäss zur Jüngerin der Künste. Eigentümlicher\nWeise wandte sich jedoch Anfangs der Sinn des Kindes\nder Malerei zu, und erst als die Neigung zur Musik sieg-\nreich hervortrat, glaubte sie ihre Aufmerksamkeit der In-\nstrumental-Musik, vorzüglich dem Claviere, widmen zu\nmüssen. Madame Palti nahm ein Engagement an der ita-\nliänischen Oper zu New-York an, und Carlotta wurde auf\nden Boden der americanischen Republik verpflanzt, auf\ndem sie sich eben so gedeihlich wie unter den klimatischen\nVerhältnissen der mehr begünstigten Heimat entfalten und\nall die grossen Hoffnungen, zu welchen das aufkeimende\nTalent berechtigte, verwirklichen sollte. Unter der leiten-\nden Hand des berühmten Componisten Henry Herz,\nwelcher von Herrn Uli mann für eine Reihe von Concer-\nten in America engagirt war, gewann sie den Ruf einer\nausserordentlichen Pianistin. Doch ihre Studien wurden\nvon einem schmerzlichen Verluste unterbrochen, der das\nkindliche Gemüth auf das tiefste erschütterte und eine Me-\nlancholie erzeugte, deren Hauch noch jetzt auf den schö-\nnen Zügen lagert, aber den Reiz des Lächelns in einer\nwunderbaren Weise erhöht. Ihre Schwester, die Gattin\ndes Signor Scola, der bereits berühmt als Professor der\nMusik, jetzt berühmter als Lehrer der beiden Schwestern\ngeworden, erkrankte und eilte nach dem Süden, um sich\ndem Einflüsse des Klima's der südamericanischen Staaten\nhinzugeben. Carlotta begleitete sie; doch weder der Wech-\nsel, noch die unablässige schwesterliche Sorgfalt vermoch-\nten das Schicksal abzuwenden.\nCarlotta kehrte, nachdem sie ihre schwere Mission\nerfüllt halte, nach New-York zurück und fand dort ihre\njüngere Schwester Adelina mit den Gesangstudien be-\nschäftigt, die ihr die Bahn zur höchsten Anerkennung der\nWelt eröffnet haben. Die Nothwendiekeit, der trüben\nStimmung, die sich ihrer bemächtigt halte, zu begegnen,\noder das bestimmter vortretende Ziel ihres inneren Beru-\nfes veranlassten sie, gemeinschaftlich mit der Schwester\ndes Gesanges zu pflegen. Der erwachende Wetteifer be-\nflügelte vorzüglich den Fortschritt der Carlotta, da ihr ge-\nreifteres Alter und ihre gediegene Vorbildung mehr Ernst\nund Kraft entwickelten, so dass sie schon nach einem Jahre\nals eine vollendete Sängerin in New-York auftrat. Sie er-\nschien zum ersten Male im Monal Februar 1861 in einem\nConcerle, wo ihre ausserordentliche Begabung und die ihr\nbevorstehende glänzende Laufbahn von Herrn Ulimann,\ndem bekannten Director der italiänischen Oper in New-\nYork, erkannt und gewürdigt wurden. Er gewann sie für\ndie Concerle des grossen Opernhauses. Als gefeierte Sän-\ngerin und mit dem Zeugnisse der Vollendung von dieser\nAnstalt ausgerüstet, durcheilte sie dann die einzelnen Staa-\nten der Republik und errang sich nicht allein die Bestäti-\ngung desselben, sondern sie fügte der Krone, die ihre\nStirn schmückte, überall neue Lorberkränze hinzu. Zu"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "306", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630926-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5369, "texte": "dieser Zeit entwickelte sich der grosse Kampf, der in die-\nsem Augenblicke noch das mächtige americanische Staats-\ngebäude erschüttert, und man glaubte, die kaum errunge-\nnen Kränze der Künstlerin würden in dem Schlachten-\nrauche verwelken. Doch der Sturm, der vernichtend über\ndas Land brauste, trieb ihren Nachen zum schützenden\nHafen. Die Theater-Directoren vermochten nicht mehr,\ndie dem Kriege zugewandten Gemüther zu fesseln. Verge-\nbens war ihr Bemühen, bis der Gedanke, Carlotla Patti\naul die Bühne zu führen, eine glückliche Wendung in ihr\nGeschick brachte. Den vereinten Bitten ihrer früheren Pro-\ntectoren, sie vor dem financiellen Untergange zu schützen,\ngelang es, den Widerstand der Künstlerin gegen die Bühne,\nder sich aul ein kleines Gebrechen (ein leichtes Hinken)\nstützte, das sie durch einen Unfall während ihrer Kindheit\nsich zugezogen, zu besiegen. -Mit dem Muthe des edlen\nWeibes überwand sie die kleinliche Besorgniss, der Lächer-\nlichkeit verlallen zu können, mit einer Selbstveriäugnung,\ndie nur der mit ähnlichen Gebrechen Behaftete zu würdi-\ngen weiss, und die vorzüglich einem mit grossem Zartge-\nfühl begabten Weibe aufs höchste anzurechnen ist. Dass\nCarlotta diese Besorgniss um Anderer willen überwinden\nkonnte, zeugt dalür, dass ihre edlen Regungen auf der\nHöhe ihres Talentes stehen.\nIhr Engagement, das die höchsten Erwartungen be-\nfriedigte, befestigte aufs Neue den Wohlstand und die Zu-\nkunft der Oper. Fräulein Carlotta trat in denselben Rollen\nauf, in welchen die Sangesschwester Adeline zur gefeiert-\nsten Sängerin der Zeit sich erhob. Nach diesem ersten\nErscheinen auf der lyrischen Bühne durcheilte sie noch\neinmal die nördlichen Staaten und trat theils in Concerten,\ntheils auf den Bühnen der bedeutendsten Städte auf. Diese\nReise war für sie ein Triumphzug ohne Gleichen. Die\nMenge, welche herbeiströmte, um ihrer Stimme zu lau-\nschen, kann nur den Massen zur Seite gestellt werden,\nwelche die Zuhörer der Jenny Lind und der Henriette\nSontag bildeten.\nSeit America eine Bosio, Tedesco und Adelina Patti\ngesandt, war London bereit,'seinen kritischen Aussprüchen\nVertrauen zu schenken, und es überraschte daher nicht,\ndass Mr. Gye, der Director der königlichen italiänischen\nOp er, Fräulein Carlotta für die Saison von vier Monaten\nals Concertsängerin engagirte, und zwar für die enormen\nSummen von 2400 Guineen, 3000 für die nächste und\n3600 Guineen für die dritte Saison; wohl die höchsten\nPreise, die je einer Concertsängerin geboten wurden.\nAm 17. April trat sie zum ersten Male in London in\ndem Coventgarden-Theater auf, und zwar nach der Auf-\nführung der Oper Norma, in welcher die vortreffliche\nFricci die Hauptrolle gesungen hatte. Das glänzende Audi-\ntorium, welches das Haus füllte, hatte unstreitig das Ver-\nlängere geleitet, durch eigene Anschauung sich zu über-\nzeugen, ob die Natur mit gleich verschwenderischer Hand\nein zweites Glied einer Familie als Sängerin ausgestattet\nhabe. Das mit zarter Schüchternheit und Anmuth gepaarte\nAuftreten der Künstlerin weckte schon Theilnahme, die\nsich durch die Erinnerung an die Triumphe der Schwester\nsteigerte. Fräulein Carlotta ist stärker als Fräulein Adelina\nPatti; die angenehmen Züge erhalten in den belebteren\nMomenten ein liebliches und ausdrucksvolles Lächeln; das\nInteresse für sie wird selbst gehoben durch ein leichtes\nHinken, das, obgleich es nicht das Spiel hindern würde,\nsie gleichwohl von der Bühne entfernt hält. Dieser physi-\nsche Fehler veranlasste die Künstlerin, in London in einem\nConcerte zu-debutiren, was durch die späte Abendstunde\nund nach dem abspannenden Anhören einer Oper von so\nhohem dramatischen Interesse um so gewagter war.\nSchwierig ist es für eine Bühnensängerin, selbst unter\ndem hebenden Einflüsse des Costüms, der hülfreichen Mit-\nwirkung anderer Künstler und unter dem Zauber der\ndurch Scenerie bedungenen Illusionen, Erfolge zu erringen;\ndoch unendlich höher thürmen sich die Schwierigkeiten\nauf vor der einfachen Concertsängerin, die dem anspruch-\nvollsten Publicum der Welt gegenüber nur auf die Stimme\nund den Vortrag bauen kann. Fräulein Carlotta Patti hat\ntriumphirend die Prüfung bestanden und, wenn man dem\nVolksausspruche trauen darf, nicht Eine Stimme des Ta-\ndels gefunden. Die ältesten Opernbesucher erinnern sich\nnicht, jemals ein so ausserordentliches Organ gehört zu\nhaben.\nDie Künstlerin ist nicht einzig, weil sie die Musik der\nKönigin der Nacht zu singen weiss, wie Mozart sie ge-\nschrieben, und nicht, weil sie das hohe und über-\nwindet, weil sie überhaupt auf die höchsten Höhen sich\nerhebt, deren die menschliche Stimme fähig ist, sondern\nweil ihr Organ ein Metall bei einer solchen Höhe ent-\nwickelt, wie man es bisher noch nicht gefunden, und weil\ndie Sicherheit der Intonirung beispiellos dasteht. Man\nkann allerdings eine solche Stimme in der gewöhnlichen\nBezeichnung rein und voll nennen, doch ihre Charak-\nteristik liegt in der unbeschreiblichen Weichheit und dem\nvollkommen ausgeprägten Klange in den höchsten Octa-\nven. Die Reinheit des Gesanges, das Brillante der Colora-\ntur, die Art und Weise, die Scala zu durchlaufen, und die\nausserordentliche Fertigkeit stempeln sie zu einem musi-\ncalischen Wunder.\nNoch ehe die erste Arie: aus\n„Linda\" von Donizetti verklang, war der Erfolg schon\nentschieden. Die Arie der Königin der Nacht aus Mozart's\n„Zauberflöte\" entfesselte aber vollends die Ausbrüche des"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "307", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630926-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2966, "texte": "Erstaunens und der Begeisterung. Die glockenreine und\nkeineswegs scharfe, sondern weiche und volle Höhe, welche\nüber alle bisher gekannten Sopran-Begister hinaus nicht\nbloss das dreigestrichene f,sondern auch noch und\nmit Leichtigkeit angibt, ist an und für sich wirklich wun-\nderbar; last mehr aber zeugt noch von einer ganz aus-\nnahmsweisen Naturanlage die Leichtigkeit, womit die Sän-\ngerin in dieser höchsten Lage alle Schwierigkeiten über-\nwindet. In der Vereinigung dieser beiden Eigenschaften\nliegt hauptsächlich der Zauber des Gesanges von Carlolta\nPatti. Wie sehr sie die Nuancen des Ausdrucks in der\nGewalt hat, zeigte besonders auch der Vortrag des Schwei-\nzerliedes von Eckert mit der Nachahmung des Echo's.\nEs ist dies das zweite Mal, dass an ein europäisches\nPublicum die Aufforderung ergeht, sich darüber auszu-\nsprechen, ob der vor dem americanischen Bichterstuhle\nertheilte Kunstpreis den gesetzlichen Anforderungen ent-\nspreche, und zum zweiten Male haben sich Europa's Kri-\ntiker genöthigt gesehen, die transatlantischen Lobeserhe-\nbungen wenn auch vielleicht in nicht so übertriebener\nSprache zu bestätigen.\nFräulein Carlotta Patti überstand als Fremde und\nNeuling in der englischen Krämer-Metropole die harte\nProbe, die gespannteste Aufmerksamkeit eines Publicums\nzu gewinnen, das bereits eine ganze Oper angehört hatte,\nund liess die ungetheilte Ueberzeugung bei Allen zurück,\ndass ihre Ansprüche auf einen Triumph in jeder Form\nBechtens begründet seien.\nAlle nachfolgenden Leistungen des Fräuleins Patti er-\nzielten dasselbe Besultat, nur dass sich die Theilnahme\nfür die neue Sängerin in grösserem Massstabe zu erkennen\ngab und die Zeichen des Beifalls lauter wurden.\nWir müssen wiederholen, dass ihre persönliche Er-\nscheinung äusserst einnehmend ist; ihre Züge tragen den\nwahren Typus einer italienischen Madonna, und den ern-\nsten, würdevollen Ausdruck ihres Antlitzes im Zustande\nder Buhe erhöht die Flamme dramatischer Begeisterung,\nwenn sich solche im Gesänge geltend macht.\nDie Urtheile der londoner Kritik wiederholen sich in\ngleich enthusiastischen Ausdrücken in allen Organen und\nZeitschriften für Kunst nach jedesmaligem Auftreten der\nKünstlerin. Seit ihrem ersten Erscheinen vor drei Monaten\nhat sie in ungefähr sechszig Concerten gesungen, gleich-\nwohl übt sie denselben Zauber, dieselbe Anziehung auf\ndas londoner Publicum aus, ja, sie wird täglich von der\nöffentlichen Meinung höher und höher getragen. Sie trat\nzehn Mal im Opernhause auf, sang sechs Mal vor unge-\nfähr 10,000 Menschen im Krystallpalaste, vier Mal in der\nphilharmonischen Gesellschaft und hatte drei Mal die Ehre,\nzu Hofe geladen zu werden und vor den Herzoginnen von\nWellington, von Sutherland und von Buceleuch zu singen.\nSie dürfte ihren Bul als erste jetzt lebende Concertsän-\ngerin bereits liier begründet haben. In der zweiten Hälfte\ndes bevorstehenden Winters wird Deutschland Gelegen-\nO\nheit haben, sich über dieses neue Kunst-Phänomen aus-\nzusprechen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1863-09-26-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1863-09-26_01#c003", "volume": "bmtnabi_1863-09-26_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "307", "page_fin": "308", "image_debut": 3, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630926-01.2.3", "titre_corps": "Mendelssohn. 1. Ueber Operntexte. 2. Ueber Deutung und Bedeutung von Musikstücken.", "titre_sommaire": "Mendelssohn. 1. Ueber Operntexte. 2. Ueber Deutung und Bedeutung von Musikstücken.", "signature_source": "F. 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Von dem zu schreibenden Operntexte wünsche ich\nvorher ein Scenarium zu sehen, um späteren Schwierigkei-\nlen und ausgebildeten Krankheiten entgegen zu arbeiten.\nSind sie ihm angeboren, so ist's am besten, von dem gan-\nzen Kinde zu abstrahiren, welches dann aber noch mög-\nlich ist ohne Unannehmlichkeit für alle Theile; sind die\nSchäden heilbar, so können sie dann noch curirt werden,\nohne den ganzen Organismus anzugreifen.\nUnbildlich zu sprechen, was mich von der Composition\neines Textes abhalten kann und bis jetzt immer abgebalten\nhat, sind niemals die Verse, die einzelnen Worte, der Aus-\ndruck der Behandlung (wie Sie's auch netinen wollen) ge-\nwesen, sondern immer der Gang der Handlung, das dra-\nmatische Wesen, die Vorgänge das Scenarium. Halte\nich das nicht für in sich gut und fest bestehend, so wird\nes nach meiner vollkommenen Ueberzeugung die Musik\nauch nicht, und das Ganze erfüllt die Ansprüche nicht, die\nich nun einmal an ein solches Werk machen muss, obwohl\ndiese freilich von den allgemeinen und denen des Publi-\ncums ganz abweichend sein mögen. Indessen nach denen\nmich zu richten, habe ich doch ein für alle Mal aufgege-\nben, schon desswegen, weil's unmöglich ist; also muss ich\nmeinem eigenen Gewissen folgen nach wie vor. *Aus dem\nPlanche'schen Texte wird bei»dem besten Willen von bei-\nden Theilen nicht ein Werk, wie ich mir's wünsche; ich\nstehe im Begriff, diesen Versuch ebenfalls für einen der\nvergeblichen zu halten. Ich will lieber gar keine Oper com-\nponiren, als eine, die ich von Anfang an selbst für ein\nmittelmässiges Ding halle; nebenbei könnte ich das auch\ngar nicht, und wenn Sie mir das ganze Königreich Preus-\nsen dafür gäben. Alles dieses und die vielen Unannehm-\nlichkeiten, die nach Beendigung eines Textes entstehen,\nwenn ich mich wieder nicht dazu getrieben fühle, machen\nmir's zur Pflicht, lieber Schritt vor Schritt, lieber zu lang-\nsam als zu schnell zu gehen, und desshalbhabe ich mir's\nvorgesetzt, ohne über das Scenarium einig zu sein, nicht\nwieder einen Dichter zu einer so grossen und am Ende\nvergeblichen Arbeit zu verleiten. Dieses Scenarium mag\nnun ausführlich oder kurz, detaillirt oder angedeutet sein,\n\n[*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "308", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630926-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3122, "texte": "darüber maasse ich mir keine Entscheidung an. Und eben\nso wenig darüber, ob die Oper in drei, vier oder fünf Acten\nsein soll; ist sie gut so, wie sie ist, so sind mir acht nicht\nzu viel und einer nicht zu wenig. Und eben so wenig über\ndas Ballet und nicht Ballet. Nur darüber, ob sie meinem\nmusicalischen und sonstigen Wesen zusagt oder nicht, und\ndas glaube ich eben aus dem Scenarium so gut wie aus\ndem vollendeten Texte sehen zu können, und auch das ist\nallerdings für keinen Menschen eine Entscheidung, als für\nmich persönlich.\n2. Es wird so viel über Musik gesprochen und so we-\nnig gesagt. Ich glaube überhaupt, die Worte reichen nicht\nhin dazu, und fände ich, dass sie hinreichten, so würde\nich am Ende gar keine Musik mehr machen. Die Leute\nbeklagen sich gewöhnlich, die Musik sei so vieldeutig; es\nsei so zweifelhaft, was sie sich dabei zu denken hätten, und\ndie Worte verstände doch ein Jeder. Mir geht es aber ge-\nrade umgekehrt. Und nicht bloss mit ganzen Reden, auch\nmit einzelnen Worten; auch die scheinen mir so vieldeutig,\nso unbestimmt, so missverständlich im Vergleich zu einer\nrechten Musik, die Einem die Seele erfüllt mit tausend\nbesseren Dingen, als Worten. Das, was mir eine Musik\nausspricht, die ich liebe, sind mir nicht zu unbestimmte\nGedanken, um sie in Worte zu fassen, sondern zu be-\nstimmte. So finde ich in allen Versuchen, diese Gedan-\nken auszusprechen, etwas Richtiges, aber auch in allen\netwas Ungenügendes, und so geht es mir auch mit den\nIhrigen. Dies ist aber nicht Ihre Schuld, sondern die Schuld\nder Worte, die es eben nicht besser können. Fragen Sie\nmich, was ic h mir dabei gedacht habe, so sage ich: gerade\ndas Lied, wie es dasteht. Und habe ich bei dem einen oder\nanderen ein bestimmtes Wort oder bestimmte Worte im\nSinne gehabt, so mag ich die doch keinem Menschen aus-\nsprechen, weil das Wort dem Einen nicht heisst, was es\ndem Anderen heisst, weil nur das Lied dem Einen das-\nselbe sagen, dasselbe Gefühl in ihm erwecken kann, wie\nim Anderen,—ein Gefühl, das sich aber nicht durch die-\nselben Worte ausspricht*).\nResignation, Melancholie, Lob Gottes, Parforce-Jagd\nder Eine denkt dabei nicht das, was der Andere; dem\nEinen ist Resignation, was dem Anderen Melancholie; der\nDritte kann sich bei Beiden gar nichts recht Lebhaftes\ndenken. Ja, wenn Einer von Natur ein recht frischer Jäger\nwäre, dem könnte die Parforce-Jagd und das Lob Gottes\nziemlich auf Eines herauskommen, und für den wäre wirk-\nlich und wahrhaftig der Hörnerklang auch das rechte Lob\nGottes. Wir hörten davon nichts als die Parforce-Jagd,\nund wenn wir uns mit ihm darüber noch so viel herum-\nstrilten, wir kämen nicht weiter. Das Wort bleibt vieldeu-\ntig, und die Musik verständen wir beide doch recht.\nWollen Sie das als meine Antwort Ihrer Frage gelten\nlassen*)? Es ist wenigstens die einzige, die ich zu geben\nweiss, obgleich es auch nichts als vieldeutige Worte sind.\n\n*) Auch Goethe sagt im vierten Theile von Dichtung und Wahr-\nheit: „Denn dass Niemand den Anderen versteht, dass Keiner\nbei denselben Worten dasselbe, was der Andere, denkt, hatte\nich schon allzu deutlich eingesehen.\"\n\nF. Mendelssohn."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1863-09-26-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1863-09-26_01#c004", "volume": "bmtnabi_1863-09-26_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "308", "page_fin": "309", "image_debut": 4, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630926-01.2.4", "titre_corps": "Zur Kirchenmusik.", "titre_sommaire": "Zur Kirchenmusik.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "308", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630926-01.1.4", "debut_caractere": 3124, "fin_caractere_exclue": 5032, "texte": "Zur Kirchenmusik.\nVon den Ufern des Rheines in der Schweiz.\nLateinische Messe, kurz und leicht, ausführbar\nfür vier Männerstimmen, bearbeitet von Karl\nNehr. Op. 1.\nSechs leichte und kurze Motetten für Tenor I.\nund II ~ Bass I. und 11., oder für\nTenor et Bassus,von Karl Nehr, Op. 2. Re-\ngensburg, Druck und Verlag von Georg Joseph\nManz.\nWenn es Sache der Kritik ist, Erzeugnissen, welche\nden Stempel des Genius, der sorgsamsten und überlegtesten\nArbeit, endlich des gründlichsten harmonischen und con-\ntrapuriktiscben Wissens an der Stirn tragen, ihre vollbe-\nrechtigte Geltung zu verschaffen, so ist es nicht minder\nihre strengste Pflicht, Machwerke, welche mit naiver Of-\nfenheit eben so sehr Talentlosigkeit wie Unwissenheit zur\nSchau tragen, in ihrer Armseligkeit darzustellen. Diese\nPflicht wird unabweisbar in einer Zeit, in welcher die in-\nneren heiligen Hallen der Kunsltempel einerseits von einem\naufgeblähten Dilettantentum angefüllt, andererseits von\nden Priestern der Kunst selbst entwürdigt, ja, entweiht\nwerden, unabweisbar auf einem Gebiete wie das der\nKirchenmusik, wo die wenigen edlen Blüthen einer ge-\nweihten, begnadeten Muse von Unkraut und Schmarotzer-\npflanzen vollständig überwuchert zu werden drohen.\nWir können uns die Bemerkung nicht versagen, dass\ndie angezeigten Coropositionen, die übrigens nicht von Karl\nNehr sind (es ist der Name angenommen), statt eines kirch-\nlichen, andächtigen Eindruckes unwillkürlich nach dem\nerstmaligen Durchspielen eine Entrüstung und eine Art\nTrauer bei uns hervorgerufen haben. Es gehört in der\nThat eine unglaubliche Naivetät dazu, mit einer Ausrüstung,\ndie sich auf ein paar schlecht verdaute Reminiscenzen aus\nden Werken der allen Italiäner und Niederländer und auf\ndie jedem Dilettanten geläufige Kenntniss des musicalischen\nABC-Buches beschränkt, kühn als Componist vor die\n\n*) Die Frage war, was einige seiner Lieder ohne Worte bedeu-\nteten."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "309", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630926-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5240, "texte": "Schianken der OefFentlichkeit zu treten. Dazu kommt noch,\ndass sich von musicalischer Begabung, von auch nur eini-\ngem musicalischen Geschmack keine Spur finden lässt.\nUnd so schleppen sich denn diese Fabricate malt und lahm\nohne Lebenskralt von einer Note zur anderen mühselig\nfort; man wird, sollte man je einmal dazu verurtheilt sein,\ndieselben anhören zu \"müssen, die Schlussnote jedes Mal\nmit aufrichtigem Beifalle begrüssen. Das Gesagte ist leicht\ndurch Beispiele zu belegen: so zeigen gleich die Modula-\ntionen in dem ersten Abschnitte des recht deutlich,\nwie der Verfasser es mit Logik und Verwandtschaft der\neinzelnen Notenschlüsse hält. Dieselben sind folgende:\ndur, G-dur, E-dur, C-dur, F\nWir könnten von den angezeigten unglücklichen Ver-\nsuchen eines der zahlreichen Leute, die ihre Kräfte über-\nschätzen, scheiden. Aber es liegen uns noch einige Gedan-\nken auf dem Herzen, welche wir bei dieser Gelegenheit\naussprechen zu müssen glauben. In seinem dreizeiligen\nVorworte betont der fingirte Herr Nehr, der vor wenigen\nJahren noch als Schulgehülfe an den Ufern der Isar wirkte,\nden kirchlichen Sinn seiner Zusammensetzungen und spricht\nwiederholt aus, dass sie zum würdigen Preise und zur\ngrösseren Ehre Gottes ein Scherllein sein sollen. Kirchli-\ncher Sinn! Kein Wort wird häufiger gebraucht, „miss-\nbraucht\" müssen wir sagen. Unter diesem vagen Begriffe\nwird Alles eingeschmuggelt, was mit den kirchlichen Text-\nworten verbunden ist, gar erst, wenn es vollends in gan-\nzen und halben Tönen, in 3/2-, 2/2-, 4/4-Tactarten, in\nPfundnoten-Manier und in ähnlichen, der alten Schreib-\nund Satzweise abgelauschten Formen geschrieben oder\nmit Cantus- firmus-Abfällen gespickt oder in dem Stile\ndes „Nacheinander der Stimme'n\" angelegt ist. Dass die\nMeisterwerke der kindlich gläubigen, demüthig und fromm\nbescheidenen, der Selbst- und Ehrsucht fremden Compo-\nnisten der goldenen Aera der Kirchenmusik im Sinne der\nKirche zur grösseren Ehre Gottes dienten, ist eben so an-\nerkannt, als es gewiss ist, dass die Missgeburten und Nach-\ngeburten unreifer Geister den „würdigen\" Preis Gottes\nherabwürdigen und die „grössere\" Ehre Gottes verrin-\ngern. Oder soll Alles und Jedes kirchlich sein und zum\nwürdigen Preise Gottes dienen dürfen und können, was\nsich selbst so nennt? Soll auf dem Gebiete der Kirchen-\nmusik jeder Schofel hingehen, weil er mit dem kirchlichen\nKleide sich umhüllt? Die Wächter der Kirche sind mit\nRecht eifersüchtig auf die Ehre der Braut Christi bezüg-\nlich des Schatzes des Glaubens, der Einheit der Liturgie\nbis auf die Sprache, das Kleid, die einfachste Bewegung\nherab. Darf nun die Kirchenmusik in der Kirche allein\nexlex sein? Soll es da allein Jedem freistehen, seine Eier\nniederzulegen ohne Controle und gleichviel, ob sie faul\nund übelriechend oder bastardartig sind? Wir wissen zwar,\ndass Provincial-Synoden-Beschlüsse, Verordnungen u. s. w.\nbestehen, die auch dieses Gebiet regeln sollen; aber was\nsollen sie bedeuten im Angesichte der Sündflut von unwür-\ndigen Musik-Novitäten und der unläugbaren Einbürgerung\ngerade dieser leichten und lasslichen, wenn auch noch so\ngeistlosen VVaare, bei der traurigen Thatsache, dass die\nChorregenten, Schulmeister, Musiker und leider die Geist-\nlichen selbst fast in der Ueberzahl, sei es aus Mangel an\nbesserer Erkenntniss, oder aus nicht gutem Willen, oder\naus Gleichgültigkeit, dem von den Vorstehern der Kirche\nGewünschten und Gewollten abgeneigt sind, selbst wider-\nstreben und entgegen arbeiten. Eine Anbahnung zur Ab-\nhülfe könnten die jetzt überall auftauchenden kirchlichen\nKunslvereine ermöglichen. Wenn nämlich keiner Kirchen-\nComposition die Zulassung zum Gebräuche in der Kirche\nwährend des Gottesdienstes gestattet würde, welche nicht\ndas auf vorausgegangene gründliche Prüfung gestützte\nApprobat erlangt hätte. Darf doch kein kirchlicher Bau,\nkein kirchliches Gemälde, keine kirchliche Gewandung,\nkein kirchliches Buch in die Oeffentlichkeit treten ohne\ndieses Approbat; warum soll die Kirchenmusik allein zü-\ngellos sein? Dass die Beurtheiler gründliche, wissenschaft-\nlich und praktisch durchgebildete, am besten selbst schaf-\nfende Componisten, am wenigsten blosse Theoretiker, die\noft keinen Accord greifen können, oder studirte Aestheti-\nker sein müssen, ist eben so selbstverständlich, wie dass\ngewisse, überall geltende Principien überall den Ausgangs-\npunkt geben müssten sowohl für die in der Kirche zuzu-\nlassenden Instrumental- als Vocal-Compositionen. Ein\nPunkt würde dadurch nebenbei geregelt, der zunächst frei-\nlich nur für die Verleger Geltung hätte. Es würde ihnen\ndie Gefahr ferner gerückt, unwürdige Producte durch den\nDruck zu veröffentlichen; denn es verstände sich von selbst,\ndass sie, die ja nicht Alles selbst verstehen können, bevor\nsie ihr Geld in die Schanze schlagen, sich um ein compe-\ntentes Urtheil umsehen würden, und dies hätte um so grösse-\nren Werth, als die Beurtheiler ihr Urtheil mit eigenem Na-\nmen vertreten und gleichsam als officielle, nicht aber als\nselbst gemachte oder erträumte Autoritäten gelten würden.\n\n*) Der Herr Verfasser bringt mehrere Noten-Beispiele bei, aus\ndenen die Richtigkeit seines Urtheils hervorgeht, für die wir\naber bei der geringen Bedeutung des Werkes keinen Raum\nhaben. Die Redaction."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1863-09-26-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1863-09-26_01#c005", "volume": "bmtnabi_1863-09-26_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "309", "page_fin": "310", "image_debut": 5, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630926-01.2.5", "titre_corps": "Für Pianoforte.", "titre_sommaire": "Für Pianoforte.", "signature_source": "M", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "309", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630926-01.1.5", "debut_caractere": 5242, "fin_caractere_exclue": 5360, "texte": "Für Pianoforte.\n\nSt. Heller, Drei Lieder ohne Worte. Op. 105.\nVerlag von J. Rieter-Biedermann. Leipzig und\nWinterlhur."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "310", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630926-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2708, "texte": "Es ist unbestritten, dass St. Heller in unserer ver-\nschwommenen, einerseits matten und lebensmüden, ande-\nrerseits ausschweifenden Musik-Epoche eines der wenigen\nOriginale ist, die unbeirrt durch das theils gedankenlose,\ntheils zucht- und regellose Treiben der „Kunstgenossen\"\nihre eigene kräftige und ungezwungene Natur zur Geltung\nbringen. Heller's Wirken und Schaffen verdient aber gerade\num so mehr Anerkennung, als sich dasselbe auf ein Gebiet\nconcentrirt, das gerade bei seiner immensen Ausdehnung\nso wenig Gutes und so verschwindend wenig Vortreffliches\naufzuweisen hat: ich meine die wahre Salonmusik.\nDie zu besprechenden Lieder ohne Worte bieten uns\nwieder den Beweis, wie fein und gewandt Heller mit den\nso mannigfachen Formen des modernen Salon-Instrumentes\numzuspringen weiss. Wir bewundern eben so sehr die ge-\nschmackvolle Anordnung bei der thematischen Behandlung,\nwie die Mannigfaltigkeit und Eleganz der Begleitung und\nder Rhythmen. Fügen wir noch bei, dass die drei Ton-\nstücke für nur einiger Maassen geübte Spieler handsam\nund sangbar sind, so wird es Niemanden Wunder nehmen,\nwenn wir den anmuthigen Tongedichten grosse Verbrei-\ntung, insbesondere unter unseren gebildeteren Dilettanten,\nwünschen und in Aussicht stellen. Und doch können wir\nvom Standpunkte des Musikers von Fach aus den Wunsch\nnicht unterdrücken, der hochgeschätzte Componist möchte\nhier und da mehr die Innigkeit und Tiefe des Ausdrucks\n(das echt Cantilenenmässige) als die Gefälligkeit und Leich-\ntigkeit der Form zur Geltung gebracht haben; denn gerade\nhierin ruht unseres Erachtens der Schwerpunkt des Liedes\ngegenüber der Salon-Piece im eigentlichen Sinne.\nJoachim Raff, Introdudion\nOp. 87. Am Giessbach, Etüde, Op. 88. Vila-\nnella, Op. 89.\nDrei Tonstücke, die jedem Clavierspieler Vergnügen\nmachen werden. Die eleganten, ausgeprägten Clavierfor-\nmen, welche immerhin geübte Hände in Anspruch nehmen,\nlassen gewählte Gedanken durchblicken und hervortreten.\nUnd ist auch den letzteren hier und da etwas mehr Frische\nund Ausdruck zu wünschen, so bildet doch jedes dieser\nTonstücke ein abgerundetes, befriedigendes Ganzes. „Am\nGiessbach\" und „Vilanella\" sind echte Repräsentanten\nmusicalischer Genremalerei und ist denselben in ihrer Art\nalle Anerkennung zu zollen. Damit aber konnten wir uns\nnebenbei nicht einverstanden erklären, dass in letzterem\nTonstücke mitten in das originelle Treiben der Landleute\nein Bündel hohler Ciavierphrasen sich eingeschlichen hat,\nes müsste denn der Componist vielleicht dadurch einige\nblasirte Städter haben zeichnen wollen, die mit vornehmer\nVerachtung das rege Leben der Bauern sich ansehen.\nDie Ausstattung ist, wie von dem Verleger nicht an-\nders zu erwarten, sehr hübsch.\n\nM."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1863-09-26-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabi_1863-09-26_01#c006", "volume": "bmtnabi_1863-09-26_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "310", "page_fin": "310", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630926-01.2.6", "titre_corps": "Aus Wiesbaden.", "titre_sommaire": "Aus Wiesbaden.", "signature_source": "A. 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Gelegenheit in einem Kirchen-Concerte, welches\nHerr Capellmeist'er Lux aus Mainz, dem gleichfalls die\nRevision der Orgel übertragen war, vor einem zahlreichen\nPublicum gab. Mit seiner bekannten Meisterschaft trug\nHerr Lux vor: Präludium und Fuge C-moll von Bach, ein\nvon ihm für Orgel arrangirtes Adagio von Spohr, Varia-\ntionen von dem vor Kurzem hingeschiedenen Ad. Hesse,\ndann von seiner eigenen Composition eine Improvisation\nüber „Eine feste Burg\" und die durch seine Concerte in\nBrüssel und Antwerpen berühmt gewordene Phantasie über\n„0 sanctissimti\", deren Ausführung auch hier das Publi-\ncum zum grössten Beifall hinriss. Unterstützt wurde das\nConcert in recht würdiger Weise durch Fräulein Leh-\nmann und Herrn Klein vom Hoftheater, die Herren\nArnold und Grimm von der Hofcapelle, durch welche\nSchubert's Ave Maria (mit Harfe), die Bass-Arie aus Pau-\nlus (mit Orgel) und die Gounod'sche Meditation überßach's\nPräludium (für Violoncello, Harfe und Orgel) zum Vor-\ntrage gelangten. Bald nach dem Concerte traf von Mainz\ndie erfreuliche Nachricht ein, dass so eben vom Kaiser von\nOesterreich die grosse goldene Medaille für Herrn Lux\nangelangt sei. Veranlassung zu dieser Auszeichnung hatte\ndie Widmung einer vierstimmigen Messe mit Orchester ge-\ngeben, deren wiederholte Aufführung vor Kurzem an des\nKaisers Geburtstage durch den Cäcilien-Verein in Mainz\nStatt gefunden hatte. Dem Vernehmen nach soll dieselbe\ndemnächst in Druck erscheinen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1863-09-26-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabi_1863-09-26_01#c007", "volume": "bmtnabi_1863-09-26_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "310", "page_fin": "311", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630926-01.2.7", "titre_corps": "Stadttheater in Köln.", "titre_sommaire": "Stadttheater in Köln.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "310", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630926-01.1.6", "debut_caractere": 4714, "fin_caractere_exclue": 4902, "texte": "Stadttheater in Köln.\nDer neue Director des alten oder wenigstens des leider\nauf der alten Stelle und nach Üen alten Raumverhältnissen\nwieder aufgebauten Theaters, Herr Ernst, vortheilhaft"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "311", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630926-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4594, "texte": "bekannt durch seine Leitung der Bühnen in Würzburg,\nMainz u. s. w., hat am 16. d. Mts. die Saison mit der Auf-\nlührung des „Wintermärchens\" von Shakespeare nach\nDingelstedt's Bearbeitung und mit Flotow's Musik\neröffnet. Wenn wir nun auch diese Neuigkeit eigener Art\naul unserem Theater, wie das gewöhnlich bei Neuigkeiten\nhier der Fall, erst ein oder zwei Jahre später zu sehen be-\nkommen haben, als andere Städte, so ist es doch anerken-\nnungswerth, dass sie uns, und zwar in recht hübscher\nAusstattung und gelungener Darstellung, gleich zu An-\nfang des Winters vorgeführt worden ist.\nWir sind keine verzückten Freunde der Shakespeare'-\nschen Lustspiele, begreifen aber auch nicht recht, wie fast\nalle Berichte über die neue Bearbeitung von dem Winter-\nmärchen als von einem „Lustspiele\" reden können. Wo\nist denn in der unvernünftigen Eifersucht eines Königs,\ndessen durch nichts motivirte Wuth so weit geht, seine\nGattin zum lode zu verurtheilen und sein Kind den wil-\nden Thieren Preis zu geben, etwas Lustiges? Wahrlich\nnicht. Leider ist aber auch nichts Tragisches darin, denn\ndie Handlung der ganzen ersten Hälfte des ürama's ist\neine Quälerei, welche einen widrigen Eindruck macht.\nDen Leontes mit Othello zusammenzustellen, ist ein ganz\nunglücklicher Versuch; es ist schwer zu erklären, wie ein\nKunstrichter, ja, überhaupt nur ein gebildeter Mensch\ndarauf kommen kann, einen Tollen, der von Hause aus\nals solcher hingestellt wird und auf Alles mit roher Faust\nblind losschlägt, mit einem grossen und edlen Charakter,\nin dessen reine Seele das Gift der Eifersucht nach und nach\ngegossen wird und dessen Leidenschaft vor unseren Augen\nsich allmählich bis zur Zertrümmerung seines eigenen\nGlückes lurchtbar wachsend entwickelt (wie uns ihn der\nDichter in seinem Othello darstellt), zu vergleichen! Die\nHandlung im Wintermärchen bricht nach den ersten Acten\neben so unmotivirt ab, wie sie begonnen hat, ein Schäfer-\nspiel tritt dazwischen, dessen Entwicklung aber auch wie-\nder aulgegeben wird, um der Versöhnung und Wieder-\nvereinigung des Leontes mit Hermione, als dem Haupt-\ninhalte des letzten Actes, Platz zu machen. Nein, in die\nLobpreisung dieses Schauspiels als des Werkes eines ge-\nreiften Meisters können wir nicht einstimmen. Das macht\nuns aber natürlich nicht blind gegen die einzelnen Schön-\nheiten und gegen, das dramatische Leben, das auch hier,\nwie überall bei Shakespeare, in vielen Scenen durchbricht.\nDingelstedt's Bearbeitung sucht mit Geschicklich-\nkeit und meistens mit Glück das Unzusammenhangende\ndes in zwei ganz verschiedene Handlungen zerfallenden\nStückes möglichst zu verdecken, den Mangel an harmoni-\nscher Einheit auszugleichen. Wir möchten aber doch nicht\nwünschen, dass seine Vereinigung des recitirenden Schau-\nSpiels mit den Elementen des Melodrama's, des Ballels und\nsogar der Pantomime durch die Musik ihre Nachahmer\nfände. Wunderlicher Weise hat sich Flotow in der\nOuvertüre nur an den Titel —dessen Wahl übrigens auch\ndurch keine Auslegerkünste gerechtfertigt werden kann\ngehalten; das Wort „Märchen\" verleitete ihn zu einer\nunglücklichen Nachahmung des Hauptmotivs des Allegro\nin Mendelssohn's Sommernachtstraum-Ouverture. Da in\ndiesem Wintermärchen von duftigen Geistern und Elfen\nund phantastisch berauschendem Spuk aber gar nicht die\nRede ist, sondern Alles so real oder handgreiflich hergeht,\ndass sogar eine Niederkunft, das Schreien des neugebo-\nrenen Kindes und das kleine Wesen selbst mitspielen, so\nist diese Ouvertüre ein grosser Missgriff. Eine Introduction\nvon pathetischem Charakter, wie ihn die Handlung der\nersten Acte trägt, und ein Zwischensatz von pastoraler\noder idyllischer Färbung würde angemessener gewesen\nsein. Im Uebrigen hat die Musik manche gefällige, aber\nauch gar süssliche Melodieen in den mancherlei Soli der\nVioline, des Violoncells u. s. w., auch ein paar hübsche\nOrchestersätze allaMarcia, allein kein einziges bedeuten-\ndes Motiv. Wahrhalt störend, weil ganz unmotivirt, war\nuns oft das plötzliche Eintreten eines Stückchens Musik\nnach echt französisch-melodramatischer Weise, während\nallerdings manche Stellen, z. B. die pantomimische Scene\nder Wiederbelebung der Hermione, ohne Musik gar nicht\nzu denken sind. Das Publicum nahm die Vorstellung übri-\ngens sehr günsti» auf; trotzdem war die Wiederholung\nam folgenden Tage schlecht besucht.\nVon Opern hat die neue Gesellschaft Kreutzer's\n„Nachtlager\" und Meyerbeer's „Hugenotten\"—letztere\nbei überlülltem Hause gegeben und durch beide Vor-\nstellungen Erwartungen auf gute Aufführungen erregt\nund zum Theil schon befriedigt. Wir werden späterhin\ndarauf zurückkommen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1863-09-26-01-c008", "article_bluemountain": "bmtnabi_1863-09-26_01#c008", "volume": "bmtnabi_1863-09-26_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "311", "page_fin": "312", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630926-01.2.8", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "311", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630926-01.1.7", "debut_caractere": 4596, "fin_caractere_exclue": 5494, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nFrau Charlotte Birch-Pfeiffer erhielt vom Herzoge von\nCoburg-Gotha ein prachtvolles und kostbares Armband, in welchem\nunter geschmackvoller Verzierung die Verdienst-Medaille des Ernesti-\nniscben Hauses enthalten ist.\nFl*aill4flli*t a. M. Die deutsche Bühne, der der Tod in\njüngster Zeit zwei vielversprechende Talente in Ida Pellet und Adele\nGarsö-Galster entriss, sah wiederum eine Künstlerin scheiden durch\ndas Ableben unserer berühmten und beliebten Caroline Lindner,\nwelche indess zufolge ihrer Lebensjahre und ihrer vor einigen Jah-\nren eingetretenen Pensionirung wenigstens schon das Ende ihrer\ntheatralischen Laufbahn hinter sich hatte. Sie war eine Künstlerin\nder guten alten Schule und so mit ganzer Seele Schauspielerin, dass\nsie diesen ihren Beruf, der sie auf die höchste Höhe der Kunst hob,\nnicht mit dem der Gattin und Mutter theilen und dadurch beein-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "312", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630926-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5007, "texte": "trächtigen wollte: ein glänzender Beweis ihres reinen Kunststrebens.\nSie blieb stets unvermählt. Dass aber ihr Name in Deutschland so\nselten erklang, dass sie fast nie unter den Koryphäen der deutschen\nSchauspielkunst genannt wurde, daran war ihre übergrosse Beschei-\ndenheit schuld, welche nichts wusste von dem Reclamenwesen der\nZeit, und der grosse Heimatstrieb, der sie verhinderte, bei anderen\nBühnen als der hiesigen Engagement oder auch nur Gastrollen an-\nzunehmen. Das theatralische Virtuosenthum war ihr gänzlich\nfremd. Jetzt ist Caroline Lindner todt. ln letzter Zeit war sie\nvon schweren Leiden heimgesucht, denen sie am 12. September,\neinen Tag vor zurückgelegtem 66. Lebensjahre, erlag. Ihr Leichen-\nbegängniss zeugte von der grossen Theilnahme, deren die verblichene\nKünstlerin sich erfreute. Am Grabe der Geschiedenen erhöhten Or-\nchester- und Chor-Mitglieder die Feier durch ihre Mitwirkung. Auf-\nfallend musste es jedoch sein, dass am Grabe weder der fungirende\nkatholische Geistliche, noch einer der anwesenden Künstler oder\nFreunde der Verewigten einen Nachruf widmete.\nf&assel. Am 13. September, Morgens nach 11 Uhr, wurde die\nirdische Hülle der weiland Hofschauspielerin Frau Garso-G al s t er\nzur letzten Ruhestätte getragen, von einem langen Zuge Leidtragen-\nder geleitet. Am Eingange des Friedhofes empfingen die Damen des\nkurfürstlichen Hoftheaters den Leichen-Conduct, nahmen den Sarg\nin ihre Mitte und führten ihn durch eine unabsehbare Menschen-\nmenge an das Grab, an welchem Herr Pfarrer Weipert in einer er'\ngreifenden Rede die Verdienste der früh Verschiedenen als Künst-\nlerin, als Gattin und Mutter hervorhob. Die vom Regisseur Häser\nfür Männerchor und vom Hof-Capellmeister Reiss für gemischten\nChor mit Harmonie-Begleitung componirten Gesänge trugen wesent-\nlich zur gehobenen Stimmung der Todtenfeier bei. Möge die kühle\nErde, geschmückt mit der Masse von Blumen und Lorberkränzen,\nihr leicht werden !\nKaum hat sich die Gruft über den irdischen Resten\nHesse's geschlossen, so hat der Tod schon ein neues Opfer gefor-\ndert. Der zweite Organist zu St. Elisabeth, Gustav Klose, gebo-\nren 1821 zu Langenbielau, ist im Vollbesitz männlicher Kraft plötz-\nlich verschieden. Ein vortrefflicher Orgelspieler, ein tüchtiger Lehrer,\nder beste Accompagnist, eine durch und durch musicalische Natur,\nwar er eben so achtungswerth als Mensch, wie als Freund.\nAm 4. September fand in Dresden zur Feier der Rückkehr des\nKönigs vom Fürsten-Congresse in Frankfurt und zum Besten der\nArmen ein Concert der k. musicalischen Capelle Statt. Nach der\nvortrefflichen Executirpng der Weber'schen Jubel-Ouverture unter\nLeitung des Capellmeisters Krebs folgte Mendelssohn's „Lobgesang\"\nfür Solostimmen,' Chor und Orchester. Die Soli wurden von Frau\nBürde-Ney, Fräulein Reiss und Herrn Schnorr von Carols-\nfeld gesungen, bei den Chören wirkten die Dreyssig'sche Sing-Aka-\ndemie und der Singchor der Kreuzschule mit. Capellmeister Rietz\ndirigirte die Aufführung dieses Werkes mit bekannter Meisterschaft.\nDen Schluss bildete Beethoven's herrliche C-moll-Sinfonie, dirigirt\nvon Capellmeister Krebs.\nEnde August fand auf dem Oy bin bei Zittau in Sachsen eine\nvon den Gesangvereinen von Bautzen, Löbau, Zittau, Reichenberg,\nSeifbennersdorf, Spitzkunnersdorf und Olbersdorf veranstaltete Musik-\nAufführung Statt, deren Ertrag zur Errichtung eines Marschner-\nDenkmals verwandt werden soll. Es war ein ausserordentlich zahl-\nreiches Publicum versammelt und die Stimmung war eine äusserst\ngehobene. Dem Könige von Sachsen, dem Kaiser von Oesterreich\nund dem Herzog von Coburg wurden stürmische Hochs gebracht.\nWaeil* Frau Therese Marschner, Witwe von Heinrich\nMarschner, eine geborene Wienerin, ist jetzt in ihrer Vaterstadt als\nGesanglehrerin am Conservatorium der Musik angestellt. Nach dem\nTode Marschner's trieb es die Witwe in die Heimat zurück, der sie\nnun bleibend zugehört. Sie übernahm im November 1862 die Lei-\ntung einer Gesangs-Abtheilung im Conservatorium und trat am 24.\nJuli mit ihren Schülerinnen die erste öffentliche Prüfung an, zu\nwelcher sie das glücklichste Programm zusammenstellte. Mit feiriem\nTact und künstlerischem Geschmack ist dein rein lyrischen, so wie\ndem romantischen Elemente Kaum gegeben, dazu der Oper hinrei-\nchend gedacht, und endlich auch der heiteren Tonmuse, welcher\nman in der Schule beinahe gar nicht begegnet, ein Plätzchen ange-\nwiesen. Die Professoren im wiener Conservatorium wählen ihre\nSchüler nicht: sie bekommen den Thon, den sie zu kneten haben,\nin die Hand. Frau Marschner übernahm ein Häuflein Stimmen wild,\nruppig, darunter auch unbildungsfähige, die sich denn auch beim\nExamen nicht verläugnet haben. Dennoch führte unsere Meisterin\nvier Stimmen vor, an welchen sie ihre Schule trefflich erweisen\nkonnte. Das Wirken der Frau Marschner hier an einem Kunst-In-\nstitute wird jeden, dem es mit dem Gesänge Ernst, mit Beruhigung,\nja, Freude erfüllen, zumal da das Verfahren, wie in Wien mit Ge-\nsangschülern umgesprungen wird, unverantwortlich zu nennen ist."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "305", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630926-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nCarlotta Patti (Lebensskizze). Mendelssohn. 1. Ueber Operntexte. 2. Ueber Deutung und Bedeutung von Musik-\nstücken. Zur Kirchenmusik. Karl Nehr, Lateinische Messe, Op. 1. Sechs leichte und kurze Motetten, Op. 2. Für Piano-\nforte. St. Heller, Drei Lieder ohne Worte. Op. 105. Joachim Raff, Introduction et Allegro scherzoso. Op. 87. Am Giessbach, Op. 88. Vi-\nlanella, Op. 89. Aus Wiesbaden (Neue Orgel). Stadttheater in Köln. Tages- und Unter haitun gsblatt.\n\nCarlotta Patti.\nLondon, 30. August 1803.\nDas Erscheinen der beiden Schwestern Patti auf der\nBühne der Kunst bietet eine überraschende Entfallung\nvon Talent dar, welche das ehrenvollste Urtheil der musi-\ncalischen Welt im Fluge erobert hat. Ihre beiderseitigen\nTriumphe steigern gleichmässig den Ruhmesglanz, der\nihre Laufbahn erhellt, und schwesterlich theilen sie, was\nihnen durch die reiche Gabe der Nalur mit verschwende-\nrischer Hand geboten wird.\nCarlotta, die ältere Schwester, ist ein Kind des son-\nnigen Italiens und rechtfertigt daher im wahren Sinne des\nWortes die übliche Annahme, dass schon der Luflhauch\ndieses Landes die natürliche Anlage begünstige, ohne\nwelche eine reiche, klangvolle und biegsame Stimme un-\nmöglich ist. Sie ward in Florenz im Jahre 1840 zur Zeit\ngeboren, als ihre Mutter auf dem Pergola-Theater als\nPrima-Donna auftrat. Der italiänische Himmel und die\nbewegte Kunstwelt, in deren Mille sie erschien, machten\nsie naturgemäss zur Jüngerin der Künste. Eigentümlicher\nWeise wandte sich jedoch Anfangs der Sinn des Kindes\nder Malerei zu, und erst als die Neigung zur Musik sieg-\nreich hervortrat, glaubte sie ihre Aufmerksamkeit der In-\nstrumental-Musik, vorzüglich dem Claviere, widmen zu\nmüssen. Madame Palti nahm ein Engagement an der ita-\nliänischen Oper zu New-York an, und Carlotta wurde auf\nden Boden der americanischen Republik verpflanzt, auf\ndem sie sich eben so gedeihlich wie unter den klimatischen\nVerhältnissen der mehr begünstigten Heimat entfalten und\nall die grossen Hoffnungen, zu welchen das aufkeimende\nTalent berechtigte, verwirklichen sollte. Unter der leiten-\nden Hand des berühmten Componisten Henry Herz,\nwelcher von Herrn Uli mann für eine Reihe von Concer-\nten in America engagirt war, gewann sie den Ruf einer\nausserordentlichen Pianistin. Doch ihre Studien wurden\nvon einem schmerzlichen Verluste unterbrochen, der das\nkindliche Gemüth auf das tiefste erschütterte und eine Me-\nlancholie erzeugte, deren Hauch noch jetzt auf den schö-\nnen Zügen lagert, aber den Reiz des Lächelns in einer\nwunderbaren Weise erhöht. Ihre Schwester, die Gattin\ndes Signor Scola, der bereits berühmt als Professor der\nMusik, jetzt berühmter als Lehrer der beiden Schwestern\ngeworden, erkrankte und eilte nach dem Süden, um sich\ndem Einflüsse des Klima's der südamericanischen Staaten\nhinzugeben. Carlotta begleitete sie; doch weder der Wech-\nsel, noch die unablässige schwesterliche Sorgfalt vermoch-\nten das Schicksal abzuwenden.\nCarlotta kehrte, nachdem sie ihre schwere Mission\nerfüllt halte, nach New-York zurück und fand dort ihre\njüngere Schwester Adelina mit den Gesangstudien be-\nschäftigt, die ihr die Bahn zur höchsten Anerkennung der\nWelt eröffnet haben. Die Nothwendiekeit, der trüben\nStimmung, die sich ihrer bemächtigt halte, zu begegnen,\noder das bestimmter vortretende Ziel ihres inneren Beru-\nfes veranlassten sie, gemeinschaftlich mit der Schwester\ndes Gesanges zu pflegen. Der erwachende Wetteifer be-\nflügelte vorzüglich den Fortschritt der Carlotta, da ihr ge-\nreifteres Alter und ihre gediegene Vorbildung mehr Ernst\nund Kraft entwickelten, so dass sie schon nach einem Jahre\nals eine vollendete Sängerin in New-York auftrat. Sie er-\nschien zum ersten Male im Monal Februar 1861 in einem\nConcerle, wo ihre ausserordentliche Begabung und die ihr\nbevorstehende glänzende Laufbahn von Herrn Ulimann,\ndem bekannten Director der italiänischen Oper in New-\nYork, erkannt und gewürdigt wurden. Er gewann sie für\ndie Concerle des grossen Opernhauses. Als gefeierte Sän-\ngerin und mit dem Zeugnisse der Vollendung von dieser\nAnstalt ausgerüstet, durcheilte sie dann die einzelnen Staa-\nten der Republik und errang sich nicht allein die Bestäti-\ngung desselben, sondern sie fügte der Krone, die ihre\nStirn schmückte, überall neue Lorberkränze hinzu. Zu"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "306", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630926-01.1.2", "texte": "dieser Zeit entwickelte sich der grosse Kampf, der in die-\nsem Augenblicke noch das mächtige americanische Staats-\ngebäude erschüttert, und man glaubte, die kaum errunge-\nnen Kränze der Künstlerin würden in dem Schlachten-\nrauche verwelken. Doch der Sturm, der vernichtend über\ndas Land brauste, trieb ihren Nachen zum schützenden\nHafen. Die Theater-Directoren vermochten nicht mehr,\ndie dem Kriege zugewandten Gemüther zu fesseln. Verge-\nbens war ihr Bemühen, bis der Gedanke, Carlotla Patti\naul die Bühne zu führen, eine glückliche Wendung in ihr\nGeschick brachte. Den vereinten Bitten ihrer früheren Pro-\ntectoren, sie vor dem financiellen Untergange zu schützen,\ngelang es, den Widerstand der Künstlerin gegen die Bühne,\nder sich aul ein kleines Gebrechen (ein leichtes Hinken)\nstützte, das sie durch einen Unfall während ihrer Kindheit\nsich zugezogen, zu besiegen. -Mit dem Muthe des edlen\nWeibes überwand sie die kleinliche Besorgniss, der Lächer-\nlichkeit verlallen zu können, mit einer Selbstveriäugnung,\ndie nur der mit ähnlichen Gebrechen Behaftete zu würdi-\ngen weiss, und die vorzüglich einem mit grossem Zartge-\nfühl begabten Weibe aufs höchste anzurechnen ist. Dass\nCarlotta diese Besorgniss um Anderer willen überwinden\nkonnte, zeugt dalür, dass ihre edlen Regungen auf der\nHöhe ihres Talentes stehen.\nIhr Engagement, das die höchsten Erwartungen be-\nfriedigte, befestigte aufs Neue den Wohlstand und die Zu-\nkunft der Oper. Fräulein Carlotta trat in denselben Rollen\nauf, in welchen die Sangesschwester Adeline zur gefeiert-\nsten Sängerin der Zeit sich erhob. Nach diesem ersten\nErscheinen auf der lyrischen Bühne durcheilte sie noch\neinmal die nördlichen Staaten und trat theils in Concerten,\ntheils auf den Bühnen der bedeutendsten Städte auf. Diese\nReise war für sie ein Triumphzug ohne Gleichen. Die\nMenge, welche herbeiströmte, um ihrer Stimme zu lau-\nschen, kann nur den Massen zur Seite gestellt werden,\nwelche die Zuhörer der Jenny Lind und der Henriette\nSontag bildeten.\nSeit America eine Bosio, Tedesco und Adelina Patti\ngesandt, war London bereit,'seinen kritischen Aussprüchen\nVertrauen zu schenken, und es überraschte daher nicht,\ndass Mr. Gye, der Director der königlichen italiänischen\nOp er, Fräulein Carlotta für die Saison von vier Monaten\nals Concertsängerin engagirte, und zwar für die enormen\nSummen von 2400 Guineen, 3000 für die nächste und\n3600 Guineen für die dritte Saison; wohl die höchsten\nPreise, die je einer Concertsängerin geboten wurden.\nAm 17. April trat sie zum ersten Male in London in\ndem Coventgarden-Theater auf, und zwar nach der Auf-\nführung der Oper Norma, in welcher die vortreffliche\nFricci die Hauptrolle gesungen hatte. Das glänzende Audi-\ntorium, welches das Haus füllte, hatte unstreitig das Ver-\nlängere geleitet, durch eigene Anschauung sich zu über-\nzeugen, ob die Natur mit gleich verschwenderischer Hand\nein zweites Glied einer Familie als Sängerin ausgestattet\nhabe. Das mit zarter Schüchternheit und Anmuth gepaarte\nAuftreten der Künstlerin weckte schon Theilnahme, die\nsich durch die Erinnerung an die Triumphe der Schwester\nsteigerte. Fräulein Carlotta ist stärker als Fräulein Adelina\nPatti; die angenehmen Züge erhalten in den belebteren\nMomenten ein liebliches und ausdrucksvolles Lächeln; das\nInteresse für sie wird selbst gehoben durch ein leichtes\nHinken, das, obgleich es nicht das Spiel hindern würde,\nsie gleichwohl von der Bühne entfernt hält. Dieser physi-\nsche Fehler veranlasste die Künstlerin, in London in einem\nConcerte zu-debutiren, was durch die späte Abendstunde\nund nach dem abspannenden Anhören einer Oper von so\nhohem dramatischen Interesse um so gewagter war.\nSchwierig ist es für eine Bühnensängerin, selbst unter\ndem hebenden Einflüsse des Costüms, der hülfreichen Mit-\nwirkung anderer Künstler und unter dem Zauber der\ndurch Scenerie bedungenen Illusionen, Erfolge zu erringen;\ndoch unendlich höher thürmen sich die Schwierigkeiten\nauf vor der einfachen Concertsängerin, die dem anspruch-\nvollsten Publicum der Welt gegenüber nur auf die Stimme\nund den Vortrag bauen kann. Fräulein Carlotta Patti hat\ntriumphirend die Prüfung bestanden und, wenn man dem\nVolksausspruche trauen darf, nicht Eine Stimme des Ta-\ndels gefunden. Die ältesten Opernbesucher erinnern sich\nnicht, jemals ein so ausserordentliches Organ gehört zu\nhaben.\nDie Künstlerin ist nicht einzig, weil sie die Musik der\nKönigin der Nacht zu singen weiss, wie Mozart sie ge-\nschrieben, und nicht, weil sie das hohe und über-\nwindet, weil sie überhaupt auf die höchsten Höhen sich\nerhebt, deren die menschliche Stimme fähig ist, sondern\nweil ihr Organ ein Metall bei einer solchen Höhe ent-\nwickelt, wie man es bisher noch nicht gefunden, und weil\ndie Sicherheit der Intonirung beispiellos dasteht. Man\nkann allerdings eine solche Stimme in der gewöhnlichen\nBezeichnung rein und voll nennen, doch ihre Charak-\nteristik liegt in der unbeschreiblichen Weichheit und dem\nvollkommen ausgeprägten Klange in den höchsten Octa-\nven. Die Reinheit des Gesanges, das Brillante der Colora-\ntur, die Art und Weise, die Scala zu durchlaufen, und die\nausserordentliche Fertigkeit stempeln sie zu einem musi-\ncalischen Wunder.\nNoch ehe die erste Arie: aus\n„Linda\" von Donizetti verklang, war der Erfolg schon\nentschieden. Die Arie der Königin der Nacht aus Mozart's\n„Zauberflöte\" entfesselte aber vollends die Ausbrüche des"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "307", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630926-01.1.3", "texte": "Erstaunens und der Begeisterung. Die glockenreine und\nkeineswegs scharfe, sondern weiche und volle Höhe, welche\nüber alle bisher gekannten Sopran-Begister hinaus nicht\nbloss das dreigestrichene f,sondern auch noch und\nmit Leichtigkeit angibt, ist an und für sich wirklich wun-\nderbar; last mehr aber zeugt noch von einer ganz aus-\nnahmsweisen Naturanlage die Leichtigkeit, womit die Sän-\ngerin in dieser höchsten Lage alle Schwierigkeiten über-\nwindet. In der Vereinigung dieser beiden Eigenschaften\nliegt hauptsächlich der Zauber des Gesanges von Carlolta\nPatti. Wie sehr sie die Nuancen des Ausdrucks in der\nGewalt hat, zeigte besonders auch der Vortrag des Schwei-\nzerliedes von Eckert mit der Nachahmung des Echo's.\nEs ist dies das zweite Mal, dass an ein europäisches\nPublicum die Aufforderung ergeht, sich darüber auszu-\nsprechen, ob der vor dem americanischen Bichterstuhle\nertheilte Kunstpreis den gesetzlichen Anforderungen ent-\nspreche, und zum zweiten Male haben sich Europa's Kri-\ntiker genöthigt gesehen, die transatlantischen Lobeserhe-\nbungen wenn auch vielleicht in nicht so übertriebener\nSprache zu bestätigen.\nFräulein Carlotta Patti überstand als Fremde und\nNeuling in der englischen Krämer-Metropole die harte\nProbe, die gespannteste Aufmerksamkeit eines Publicums\nzu gewinnen, das bereits eine ganze Oper angehört hatte,\nund liess die ungetheilte Ueberzeugung bei Allen zurück,\ndass ihre Ansprüche auf einen Triumph in jeder Form\nBechtens begründet seien.\nAlle nachfolgenden Leistungen des Fräuleins Patti er-\nzielten dasselbe Besultat, nur dass sich die Theilnahme\nfür die neue Sängerin in grösserem Massstabe zu erkennen\ngab und die Zeichen des Beifalls lauter wurden.\nWir müssen wiederholen, dass ihre persönliche Er-\nscheinung äusserst einnehmend ist; ihre Züge tragen den\nwahren Typus einer italienischen Madonna, und den ern-\nsten, würdevollen Ausdruck ihres Antlitzes im Zustande\nder Buhe erhöht die Flamme dramatischer Begeisterung,\nwenn sich solche im Gesänge geltend macht.\nDie Urtheile der londoner Kritik wiederholen sich in\ngleich enthusiastischen Ausdrücken in allen Organen und\nZeitschriften für Kunst nach jedesmaligem Auftreten der\nKünstlerin. Seit ihrem ersten Erscheinen vor drei Monaten\nhat sie in ungefähr sechszig Concerten gesungen, gleich-\nwohl übt sie denselben Zauber, dieselbe Anziehung auf\ndas londoner Publicum aus, ja, sie wird täglich von der\nöffentlichen Meinung höher und höher getragen. Sie trat\nzehn Mal im Opernhause auf, sang sechs Mal vor unge-\nfähr 10,000 Menschen im Krystallpalaste, vier Mal in der\nphilharmonischen Gesellschaft und hatte drei Mal die Ehre,\nzu Hofe geladen zu werden und vor den Herzoginnen von\nWellington, von Sutherland und von Buceleuch zu singen.\nSie dürfte ihren Bul als erste jetzt lebende Concertsän-\ngerin bereits liier begründet haben. In der zweiten Hälfte\ndes bevorstehenden Winters wird Deutschland Gelegen-\nO\nheit haben, sich über dieses neue Kunst-Phänomen aus-\nzusprechen.\n\nMendelssohn. 1. Ueber Operntexte. 2. Ueber Deutung\nund Bedeutung von Musikstücken.\n\n1. Von dem zu schreibenden Operntexte wünsche ich\nvorher ein Scenarium zu sehen, um späteren Schwierigkei-\nlen und ausgebildeten Krankheiten entgegen zu arbeiten.\nSind sie ihm angeboren, so ist's am besten, von dem gan-\nzen Kinde zu abstrahiren, welches dann aber noch mög-\nlich ist ohne Unannehmlichkeit für alle Theile; sind die\nSchäden heilbar, so können sie dann noch curirt werden,\nohne den ganzen Organismus anzugreifen.\nUnbildlich zu sprechen, was mich von der Composition\neines Textes abhalten kann und bis jetzt immer abgebalten\nhat, sind niemals die Verse, die einzelnen Worte, der Aus-\ndruck der Behandlung (wie Sie's auch netinen wollen) ge-\nwesen, sondern immer der Gang der Handlung, das dra-\nmatische Wesen, die Vorgänge das Scenarium. Halte\nich das nicht für in sich gut und fest bestehend, so wird\nes nach meiner vollkommenen Ueberzeugung die Musik\nauch nicht, und das Ganze erfüllt die Ansprüche nicht, die\nich nun einmal an ein solches Werk machen muss, obwohl\ndiese freilich von den allgemeinen und denen des Publi-\ncums ganz abweichend sein mögen. Indessen nach denen\nmich zu richten, habe ich doch ein für alle Mal aufgege-\nben, schon desswegen, weil's unmöglich ist; also muss ich\nmeinem eigenen Gewissen folgen nach wie vor. *Aus dem\nPlanche'schen Texte wird bei»dem besten Willen von bei-\nden Theilen nicht ein Werk, wie ich mir's wünsche; ich\nstehe im Begriff, diesen Versuch ebenfalls für einen der\nvergeblichen zu halten. Ich will lieber gar keine Oper com-\nponiren, als eine, die ich von Anfang an selbst für ein\nmittelmässiges Ding halle; nebenbei könnte ich das auch\ngar nicht, und wenn Sie mir das ganze Königreich Preus-\nsen dafür gäben. Alles dieses und die vielen Unannehm-\nlichkeiten, die nach Beendigung eines Textes entstehen,\nwenn ich mich wieder nicht dazu getrieben fühle, machen\nmir's zur Pflicht, lieber Schritt vor Schritt, lieber zu lang-\nsam als zu schnell zu gehen, und desshalbhabe ich mir's\nvorgesetzt, ohne über das Scenarium einig zu sein, nicht\nwieder einen Dichter zu einer so grossen und am Ende\nvergeblichen Arbeit zu verleiten. Dieses Scenarium mag\nnun ausführlich oder kurz, detaillirt oder angedeutet sein,\n\n[*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "308", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630926-01.1.4", "texte": "darüber maasse ich mir keine Entscheidung an. Und eben\nso wenig darüber, ob die Oper in drei, vier oder fünf Acten\nsein soll; ist sie gut so, wie sie ist, so sind mir acht nicht\nzu viel und einer nicht zu wenig. Und eben so wenig über\ndas Ballet und nicht Ballet. Nur darüber, ob sie meinem\nmusicalischen und sonstigen Wesen zusagt oder nicht, und\ndas glaube ich eben aus dem Scenarium so gut wie aus\ndem vollendeten Texte sehen zu können, und auch das ist\nallerdings für keinen Menschen eine Entscheidung, als für\nmich persönlich.\n2. Es wird so viel über Musik gesprochen und so we-\nnig gesagt. Ich glaube überhaupt, die Worte reichen nicht\nhin dazu, und fände ich, dass sie hinreichten, so würde\nich am Ende gar keine Musik mehr machen. Die Leute\nbeklagen sich gewöhnlich, die Musik sei so vieldeutig; es\nsei so zweifelhaft, was sie sich dabei zu denken hätten, und\ndie Worte verstände doch ein Jeder. Mir geht es aber ge-\nrade umgekehrt. Und nicht bloss mit ganzen Reden, auch\nmit einzelnen Worten; auch die scheinen mir so vieldeutig,\nso unbestimmt, so missverständlich im Vergleich zu einer\nrechten Musik, die Einem die Seele erfüllt mit tausend\nbesseren Dingen, als Worten. Das, was mir eine Musik\nausspricht, die ich liebe, sind mir nicht zu unbestimmte\nGedanken, um sie in Worte zu fassen, sondern zu be-\nstimmte. So finde ich in allen Versuchen, diese Gedan-\nken auszusprechen, etwas Richtiges, aber auch in allen\netwas Ungenügendes, und so geht es mir auch mit den\nIhrigen. Dies ist aber nicht Ihre Schuld, sondern die Schuld\nder Worte, die es eben nicht besser können. Fragen Sie\nmich, was ic h mir dabei gedacht habe, so sage ich: gerade\ndas Lied, wie es dasteht. Und habe ich bei dem einen oder\nanderen ein bestimmtes Wort oder bestimmte Worte im\nSinne gehabt, so mag ich die doch keinem Menschen aus-\nsprechen, weil das Wort dem Einen nicht heisst, was es\ndem Anderen heisst, weil nur das Lied dem Einen das-\nselbe sagen, dasselbe Gefühl in ihm erwecken kann, wie\nim Anderen,—ein Gefühl, das sich aber nicht durch die-\nselben Worte ausspricht*).\nResignation, Melancholie, Lob Gottes, Parforce-Jagd\nder Eine denkt dabei nicht das, was der Andere; dem\nEinen ist Resignation, was dem Anderen Melancholie; der\nDritte kann sich bei Beiden gar nichts recht Lebhaftes\ndenken. Ja, wenn Einer von Natur ein recht frischer Jäger\nwäre, dem könnte die Parforce-Jagd und das Lob Gottes\nziemlich auf Eines herauskommen, und für den wäre wirk-\nlich und wahrhaftig der Hörnerklang auch das rechte Lob\nGottes. Wir hörten davon nichts als die Parforce-Jagd,\nund wenn wir uns mit ihm darüber noch so viel herum-\nstrilten, wir kämen nicht weiter. Das Wort bleibt vieldeu-\ntig, und die Musik verständen wir beide doch recht.\nWollen Sie das als meine Antwort Ihrer Frage gelten\nlassen*)? Es ist wenigstens die einzige, die ich zu geben\nweiss, obgleich es auch nichts als vieldeutige Worte sind.\n\n*) Auch Goethe sagt im vierten Theile von Dichtung und Wahr-\nheit: „Denn dass Niemand den Anderen versteht, dass Keiner\nbei denselben Worten dasselbe, was der Andere, denkt, hatte\nich schon allzu deutlich eingesehen.\"\n\nF. Mendelssohn.\n\nZur Kirchenmusik.\nVon den Ufern des Rheines in der Schweiz.\nLateinische Messe, kurz und leicht, ausführbar\nfür vier Männerstimmen, bearbeitet von Karl\nNehr. Op. 1.\nSechs leichte und kurze Motetten für Tenor I.\nund II ~ Bass I. und 11., oder für\nTenor et Bassus,von Karl Nehr, Op. 2. Re-\ngensburg, Druck und Verlag von Georg Joseph\nManz.\nWenn es Sache der Kritik ist, Erzeugnissen, welche\nden Stempel des Genius, der sorgsamsten und überlegtesten\nArbeit, endlich des gründlichsten harmonischen und con-\ntrapuriktiscben Wissens an der Stirn tragen, ihre vollbe-\nrechtigte Geltung zu verschaffen, so ist es nicht minder\nihre strengste Pflicht, Machwerke, welche mit naiver Of-\nfenheit eben so sehr Talentlosigkeit wie Unwissenheit zur\nSchau tragen, in ihrer Armseligkeit darzustellen. Diese\nPflicht wird unabweisbar in einer Zeit, in welcher die in-\nneren heiligen Hallen der Kunsltempel einerseits von einem\naufgeblähten Dilettantentum angefüllt, andererseits von\nden Priestern der Kunst selbst entwürdigt, ja, entweiht\nwerden, unabweisbar auf einem Gebiete wie das der\nKirchenmusik, wo die wenigen edlen Blüthen einer ge-\nweihten, begnadeten Muse von Unkraut und Schmarotzer-\npflanzen vollständig überwuchert zu werden drohen.\nWir können uns die Bemerkung nicht versagen, dass\ndie angezeigten Coropositionen, die übrigens nicht von Karl\nNehr sind (es ist der Name angenommen), statt eines kirch-\nlichen, andächtigen Eindruckes unwillkürlich nach dem\nerstmaligen Durchspielen eine Entrüstung und eine Art\nTrauer bei uns hervorgerufen haben. Es gehört in der\nThat eine unglaubliche Naivetät dazu, mit einer Ausrüstung,\ndie sich auf ein paar schlecht verdaute Reminiscenzen aus\nden Werken der allen Italiäner und Niederländer und auf\ndie jedem Dilettanten geläufige Kenntniss des musicalischen\nABC-Buches beschränkt, kühn als Componist vor die\n\n*) Die Frage war, was einige seiner Lieder ohne Worte bedeu-\nteten."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "309", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630926-01.1.5", "texte": "Schianken der OefFentlichkeit zu treten. Dazu kommt noch,\ndass sich von musicalischer Begabung, von auch nur eini-\ngem musicalischen Geschmack keine Spur finden lässt.\nUnd so schleppen sich denn diese Fabricate malt und lahm\nohne Lebenskralt von einer Note zur anderen mühselig\nfort; man wird, sollte man je einmal dazu verurtheilt sein,\ndieselben anhören zu \"müssen, die Schlussnote jedes Mal\nmit aufrichtigem Beifalle begrüssen. Das Gesagte ist leicht\ndurch Beispiele zu belegen: so zeigen gleich die Modula-\ntionen in dem ersten Abschnitte des recht deutlich,\nwie der Verfasser es mit Logik und Verwandtschaft der\neinzelnen Notenschlüsse hält. Dieselben sind folgende:\ndur, G-dur, E-dur, C-dur, F\nWir könnten von den angezeigten unglücklichen Ver-\nsuchen eines der zahlreichen Leute, die ihre Kräfte über-\nschätzen, scheiden. Aber es liegen uns noch einige Gedan-\nken auf dem Herzen, welche wir bei dieser Gelegenheit\naussprechen zu müssen glauben. In seinem dreizeiligen\nVorworte betont der fingirte Herr Nehr, der vor wenigen\nJahren noch als Schulgehülfe an den Ufern der Isar wirkte,\nden kirchlichen Sinn seiner Zusammensetzungen und spricht\nwiederholt aus, dass sie zum würdigen Preise und zur\ngrösseren Ehre Gottes ein Scherllein sein sollen. Kirchli-\ncher Sinn! Kein Wort wird häufiger gebraucht, „miss-\nbraucht\" müssen wir sagen. Unter diesem vagen Begriffe\nwird Alles eingeschmuggelt, was mit den kirchlichen Text-\nworten verbunden ist, gar erst, wenn es vollends in gan-\nzen und halben Tönen, in 3/2-, 2/2-, 4/4-Tactarten, in\nPfundnoten-Manier und in ähnlichen, der alten Schreib-\nund Satzweise abgelauschten Formen geschrieben oder\nmit Cantus- firmus-Abfällen gespickt oder in dem Stile\ndes „Nacheinander der Stimme'n\" angelegt ist. Dass die\nMeisterwerke der kindlich gläubigen, demüthig und fromm\nbescheidenen, der Selbst- und Ehrsucht fremden Compo-\nnisten der goldenen Aera der Kirchenmusik im Sinne der\nKirche zur grösseren Ehre Gottes dienten, ist eben so an-\nerkannt, als es gewiss ist, dass die Missgeburten und Nach-\ngeburten unreifer Geister den „würdigen\" Preis Gottes\nherabwürdigen und die „grössere\" Ehre Gottes verrin-\ngern. Oder soll Alles und Jedes kirchlich sein und zum\nwürdigen Preise Gottes dienen dürfen und können, was\nsich selbst so nennt? Soll auf dem Gebiete der Kirchen-\nmusik jeder Schofel hingehen, weil er mit dem kirchlichen\nKleide sich umhüllt? Die Wächter der Kirche sind mit\nRecht eifersüchtig auf die Ehre der Braut Christi bezüg-\nlich des Schatzes des Glaubens, der Einheit der Liturgie\nbis auf die Sprache, das Kleid, die einfachste Bewegung\nherab. Darf nun die Kirchenmusik in der Kirche allein\nexlex sein? Soll es da allein Jedem freistehen, seine Eier\nniederzulegen ohne Controle und gleichviel, ob sie faul\nund übelriechend oder bastardartig sind? Wir wissen zwar,\ndass Provincial-Synoden-Beschlüsse, Verordnungen u. s. w.\nbestehen, die auch dieses Gebiet regeln sollen; aber was\nsollen sie bedeuten im Angesichte der Sündflut von unwür-\ndigen Musik-Novitäten und der unläugbaren Einbürgerung\ngerade dieser leichten und lasslichen, wenn auch noch so\ngeistlosen VVaare, bei der traurigen Thatsache, dass die\nChorregenten, Schulmeister, Musiker und leider die Geist-\nlichen selbst fast in der Ueberzahl, sei es aus Mangel an\nbesserer Erkenntniss, oder aus nicht gutem Willen, oder\naus Gleichgültigkeit, dem von den Vorstehern der Kirche\nGewünschten und Gewollten abgeneigt sind, selbst wider-\nstreben und entgegen arbeiten. Eine Anbahnung zur Ab-\nhülfe könnten die jetzt überall auftauchenden kirchlichen\nKunslvereine ermöglichen. Wenn nämlich keiner Kirchen-\nComposition die Zulassung zum Gebräuche in der Kirche\nwährend des Gottesdienstes gestattet würde, welche nicht\ndas auf vorausgegangene gründliche Prüfung gestützte\nApprobat erlangt hätte. Darf doch kein kirchlicher Bau,\nkein kirchliches Gemälde, keine kirchliche Gewandung,\nkein kirchliches Buch in die Oeffentlichkeit treten ohne\ndieses Approbat; warum soll die Kirchenmusik allein zü-\ngellos sein? Dass die Beurtheiler gründliche, wissenschaft-\nlich und praktisch durchgebildete, am besten selbst schaf-\nfende Componisten, am wenigsten blosse Theoretiker, die\noft keinen Accord greifen können, oder studirte Aestheti-\nker sein müssen, ist eben so selbstverständlich, wie dass\ngewisse, überall geltende Principien überall den Ausgangs-\npunkt geben müssten sowohl für die in der Kirche zuzu-\nlassenden Instrumental- als Vocal-Compositionen. Ein\nPunkt würde dadurch nebenbei geregelt, der zunächst frei-\nlich nur für die Verleger Geltung hätte. Es würde ihnen\ndie Gefahr ferner gerückt, unwürdige Producte durch den\nDruck zu veröffentlichen; denn es verstände sich von selbst,\ndass sie, die ja nicht Alles selbst verstehen können, bevor\nsie ihr Geld in die Schanze schlagen, sich um ein compe-\ntentes Urtheil umsehen würden, und dies hätte um so grösse-\nren Werth, als die Beurtheiler ihr Urtheil mit eigenem Na-\nmen vertreten und gleichsam als officielle, nicht aber als\nselbst gemachte oder erträumte Autoritäten gelten würden.\n\n*) Der Herr Verfasser bringt mehrere Noten-Beispiele bei, aus\ndenen die Richtigkeit seines Urtheils hervorgeht, für die wir\naber bei der geringen Bedeutung des Werkes keinen Raum\nhaben. Die Redaction.\n\nFür Pianoforte.\n\nSt. Heller, Drei Lieder ohne Worte. Op. 105.\nVerlag von J. Rieter-Biedermann. Leipzig und\nWinterlhur."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "310", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630926-01.1.6", "texte": "Es ist unbestritten, dass St. Heller in unserer ver-\nschwommenen, einerseits matten und lebensmüden, ande-\nrerseits ausschweifenden Musik-Epoche eines der wenigen\nOriginale ist, die unbeirrt durch das theils gedankenlose,\ntheils zucht- und regellose Treiben der „Kunstgenossen\"\nihre eigene kräftige und ungezwungene Natur zur Geltung\nbringen. Heller's Wirken und Schaffen verdient aber gerade\num so mehr Anerkennung, als sich dasselbe auf ein Gebiet\nconcentrirt, das gerade bei seiner immensen Ausdehnung\nso wenig Gutes und so verschwindend wenig Vortreffliches\naufzuweisen hat: ich meine die wahre Salonmusik.\nDie zu besprechenden Lieder ohne Worte bieten uns\nwieder den Beweis, wie fein und gewandt Heller mit den\nso mannigfachen Formen des modernen Salon-Instrumentes\numzuspringen weiss. Wir bewundern eben so sehr die ge-\nschmackvolle Anordnung bei der thematischen Behandlung,\nwie die Mannigfaltigkeit und Eleganz der Begleitung und\nder Rhythmen. Fügen wir noch bei, dass die drei Ton-\nstücke für nur einiger Maassen geübte Spieler handsam\nund sangbar sind, so wird es Niemanden Wunder nehmen,\nwenn wir den anmuthigen Tongedichten grosse Verbrei-\ntung, insbesondere unter unseren gebildeteren Dilettanten,\nwünschen und in Aussicht stellen. Und doch können wir\nvom Standpunkte des Musikers von Fach aus den Wunsch\nnicht unterdrücken, der hochgeschätzte Componist möchte\nhier und da mehr die Innigkeit und Tiefe des Ausdrucks\n(das echt Cantilenenmässige) als die Gefälligkeit und Leich-\ntigkeit der Form zur Geltung gebracht haben; denn gerade\nhierin ruht unseres Erachtens der Schwerpunkt des Liedes\ngegenüber der Salon-Piece im eigentlichen Sinne.\nJoachim Raff, Introdudion\nOp. 87. Am Giessbach, Etüde, Op. 88. Vila-\nnella, Op. 89.\nDrei Tonstücke, die jedem Clavierspieler Vergnügen\nmachen werden. Die eleganten, ausgeprägten Clavierfor-\nmen, welche immerhin geübte Hände in Anspruch nehmen,\nlassen gewählte Gedanken durchblicken und hervortreten.\nUnd ist auch den letzteren hier und da etwas mehr Frische\nund Ausdruck zu wünschen, so bildet doch jedes dieser\nTonstücke ein abgerundetes, befriedigendes Ganzes. „Am\nGiessbach\" und „Vilanella\" sind echte Repräsentanten\nmusicalischer Genremalerei und ist denselben in ihrer Art\nalle Anerkennung zu zollen. Damit aber konnten wir uns\nnebenbei nicht einverstanden erklären, dass in letzterem\nTonstücke mitten in das originelle Treiben der Landleute\nein Bündel hohler Ciavierphrasen sich eingeschlichen hat,\nes müsste denn der Componist vielleicht dadurch einige\nblasirte Städter haben zeichnen wollen, die mit vornehmer\nVerachtung das rege Leben der Bauern sich ansehen.\nDie Ausstattung ist, wie von dem Verleger nicht an-\nders zu erwarten, sehr hübsch.\n\nM.\n\nAus Wiesbaden.\nA. H.\nDen 10. September 1863.\nUnsere neue evangelische Kirche, an deren Anblick\ngewiss Jeder, der in den letzten Jahren unsere Welt-Cur-\nstadt besucht, sich erfreut hat, erhielt in diesen Tagen ihre\nneue Orgel. Sie ist das zweihundertste Werk, welches aus\nder rühmlichst bekannten Werkstatt von Walker in Lud-\nwigsburg hervorgegangen ist, besitzt 53 klingende Stim-\nmen mit drei Manualen, einem Pedal, vier Collectivzügen\nund einem Crescendozuge für das ganze Werk. Dieselbe\nin ihrer ganzen Pracht kennen zu lernen, hatten wir am\n2. d. Mts. Gelegenheit in einem Kirchen-Concerte, welches\nHerr Capellmeist'er Lux aus Mainz, dem gleichfalls die\nRevision der Orgel übertragen war, vor einem zahlreichen\nPublicum gab. Mit seiner bekannten Meisterschaft trug\nHerr Lux vor: Präludium und Fuge C-moll von Bach, ein\nvon ihm für Orgel arrangirtes Adagio von Spohr, Varia-\ntionen von dem vor Kurzem hingeschiedenen Ad. Hesse,\ndann von seiner eigenen Composition eine Improvisation\nüber „Eine feste Burg\" und die durch seine Concerte in\nBrüssel und Antwerpen berühmt gewordene Phantasie über\n„0 sanctissimti\", deren Ausführung auch hier das Publi-\ncum zum grössten Beifall hinriss. Unterstützt wurde das\nConcert in recht würdiger Weise durch Fräulein Leh-\nmann und Herrn Klein vom Hoftheater, die Herren\nArnold und Grimm von der Hofcapelle, durch welche\nSchubert's Ave Maria (mit Harfe), die Bass-Arie aus Pau-\nlus (mit Orgel) und die Gounod'sche Meditation überßach's\nPräludium (für Violoncello, Harfe und Orgel) zum Vor-\ntrage gelangten. Bald nach dem Concerte traf von Mainz\ndie erfreuliche Nachricht ein, dass so eben vom Kaiser von\nOesterreich die grosse goldene Medaille für Herrn Lux\nangelangt sei. Veranlassung zu dieser Auszeichnung hatte\ndie Widmung einer vierstimmigen Messe mit Orchester ge-\ngeben, deren wiederholte Aufführung vor Kurzem an des\nKaisers Geburtstage durch den Cäcilien-Verein in Mainz\nStatt gefunden hatte. Dem Vernehmen nach soll dieselbe\ndemnächst in Druck erscheinen.\n\nStadttheater in Köln.\nDer neue Director des alten oder wenigstens des leider\nauf der alten Stelle und nach Üen alten Raumverhältnissen\nwieder aufgebauten Theaters, Herr Ernst, vortheilhaft"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "311", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630926-01.1.7", "texte": "bekannt durch seine Leitung der Bühnen in Würzburg,\nMainz u. s. w., hat am 16. d. Mts. die Saison mit der Auf-\nlührung des „Wintermärchens\" von Shakespeare nach\nDingelstedt's Bearbeitung und mit Flotow's Musik\neröffnet. Wenn wir nun auch diese Neuigkeit eigener Art\naul unserem Theater, wie das gewöhnlich bei Neuigkeiten\nhier der Fall, erst ein oder zwei Jahre später zu sehen be-\nkommen haben, als andere Städte, so ist es doch anerken-\nnungswerth, dass sie uns, und zwar in recht hübscher\nAusstattung und gelungener Darstellung, gleich zu An-\nfang des Winters vorgeführt worden ist.\nWir sind keine verzückten Freunde der Shakespeare'-\nschen Lustspiele, begreifen aber auch nicht recht, wie fast\nalle Berichte über die neue Bearbeitung von dem Winter-\nmärchen als von einem „Lustspiele\" reden können. Wo\nist denn in der unvernünftigen Eifersucht eines Königs,\ndessen durch nichts motivirte Wuth so weit geht, seine\nGattin zum lode zu verurtheilen und sein Kind den wil-\nden Thieren Preis zu geben, etwas Lustiges? Wahrlich\nnicht. Leider ist aber auch nichts Tragisches darin, denn\ndie Handlung der ganzen ersten Hälfte des ürama's ist\neine Quälerei, welche einen widrigen Eindruck macht.\nDen Leontes mit Othello zusammenzustellen, ist ein ganz\nunglücklicher Versuch; es ist schwer zu erklären, wie ein\nKunstrichter, ja, überhaupt nur ein gebildeter Mensch\ndarauf kommen kann, einen Tollen, der von Hause aus\nals solcher hingestellt wird und auf Alles mit roher Faust\nblind losschlägt, mit einem grossen und edlen Charakter,\nin dessen reine Seele das Gift der Eifersucht nach und nach\ngegossen wird und dessen Leidenschaft vor unseren Augen\nsich allmählich bis zur Zertrümmerung seines eigenen\nGlückes lurchtbar wachsend entwickelt (wie uns ihn der\nDichter in seinem Othello darstellt), zu vergleichen! Die\nHandlung im Wintermärchen bricht nach den ersten Acten\neben so unmotivirt ab, wie sie begonnen hat, ein Schäfer-\nspiel tritt dazwischen, dessen Entwicklung aber auch wie-\nder aulgegeben wird, um der Versöhnung und Wieder-\nvereinigung des Leontes mit Hermione, als dem Haupt-\ninhalte des letzten Actes, Platz zu machen. Nein, in die\nLobpreisung dieses Schauspiels als des Werkes eines ge-\nreiften Meisters können wir nicht einstimmen. Das macht\nuns aber natürlich nicht blind gegen die einzelnen Schön-\nheiten und gegen, das dramatische Leben, das auch hier,\nwie überall bei Shakespeare, in vielen Scenen durchbricht.\nDingelstedt's Bearbeitung sucht mit Geschicklich-\nkeit und meistens mit Glück das Unzusammenhangende\ndes in zwei ganz verschiedene Handlungen zerfallenden\nStückes möglichst zu verdecken, den Mangel an harmoni-\nscher Einheit auszugleichen. Wir möchten aber doch nicht\nwünschen, dass seine Vereinigung des recitirenden Schau-\nSpiels mit den Elementen des Melodrama's, des Ballels und\nsogar der Pantomime durch die Musik ihre Nachahmer\nfände. Wunderlicher Weise hat sich Flotow in der\nOuvertüre nur an den Titel —dessen Wahl übrigens auch\ndurch keine Auslegerkünste gerechtfertigt werden kann\ngehalten; das Wort „Märchen\" verleitete ihn zu einer\nunglücklichen Nachahmung des Hauptmotivs des Allegro\nin Mendelssohn's Sommernachtstraum-Ouverture. Da in\ndiesem Wintermärchen von duftigen Geistern und Elfen\nund phantastisch berauschendem Spuk aber gar nicht die\nRede ist, sondern Alles so real oder handgreiflich hergeht,\ndass sogar eine Niederkunft, das Schreien des neugebo-\nrenen Kindes und das kleine Wesen selbst mitspielen, so\nist diese Ouvertüre ein grosser Missgriff. Eine Introduction\nvon pathetischem Charakter, wie ihn die Handlung der\nersten Acte trägt, und ein Zwischensatz von pastoraler\noder idyllischer Färbung würde angemessener gewesen\nsein. Im Uebrigen hat die Musik manche gefällige, aber\nauch gar süssliche Melodieen in den mancherlei Soli der\nVioline, des Violoncells u. s. w., auch ein paar hübsche\nOrchestersätze allaMarcia, allein kein einziges bedeuten-\ndes Motiv. Wahrhalt störend, weil ganz unmotivirt, war\nuns oft das plötzliche Eintreten eines Stückchens Musik\nnach echt französisch-melodramatischer Weise, während\nallerdings manche Stellen, z. B. die pantomimische Scene\nder Wiederbelebung der Hermione, ohne Musik gar nicht\nzu denken sind. Das Publicum nahm die Vorstellung übri-\ngens sehr günsti» auf; trotzdem war die Wiederholung\nam folgenden Tage schlecht besucht.\nVon Opern hat die neue Gesellschaft Kreutzer's\n„Nachtlager\" und Meyerbeer's „Hugenotten\"—letztere\nbei überlülltem Hause gegeben und durch beide Vor-\nstellungen Erwartungen auf gute Aufführungen erregt\nund zum Theil schon befriedigt. Wir werden späterhin\ndarauf zurückkommen.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nFrau Charlotte Birch-Pfeiffer erhielt vom Herzoge von\nCoburg-Gotha ein prachtvolles und kostbares Armband, in welchem\nunter geschmackvoller Verzierung die Verdienst-Medaille des Ernesti-\nniscben Hauses enthalten ist.\nFl*aill4flli*t a. M. Die deutsche Bühne, der der Tod in\njüngster Zeit zwei vielversprechende Talente in Ida Pellet und Adele\nGarsö-Galster entriss, sah wiederum eine Künstlerin scheiden durch\ndas Ableben unserer berühmten und beliebten Caroline Lindner,\nwelche indess zufolge ihrer Lebensjahre und ihrer vor einigen Jah-\nren eingetretenen Pensionirung wenigstens schon das Ende ihrer\ntheatralischen Laufbahn hinter sich hatte. Sie war eine Künstlerin\nder guten alten Schule und so mit ganzer Seele Schauspielerin, dass\nsie diesen ihren Beruf, der sie auf die höchste Höhe der Kunst hob,\nnicht mit dem der Gattin und Mutter theilen und dadurch beein-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "312", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18630926-01.1.8", "texte": "trächtigen wollte: ein glänzender Beweis ihres reinen Kunststrebens.\nSie blieb stets unvermählt. Dass aber ihr Name in Deutschland so\nselten erklang, dass sie fast nie unter den Koryphäen der deutschen\nSchauspielkunst genannt wurde, daran war ihre übergrosse Beschei-\ndenheit schuld, welche nichts wusste von dem Reclamenwesen der\nZeit, und der grosse Heimatstrieb, der sie verhinderte, bei anderen\nBühnen als der hiesigen Engagement oder auch nur Gastrollen an-\nzunehmen. Das theatralische Virtuosenthum war ihr gänzlich\nfremd. Jetzt ist Caroline Lindner todt. ln letzter Zeit war sie\nvon schweren Leiden heimgesucht, denen sie am 12. September,\neinen Tag vor zurückgelegtem 66. Lebensjahre, erlag. Ihr Leichen-\nbegängniss zeugte von der grossen Theilnahme, deren die verblichene\nKünstlerin sich erfreute. Am Grabe der Geschiedenen erhöhten Or-\nchester- und Chor-Mitglieder die Feier durch ihre Mitwirkung. Auf-\nfallend musste es jedoch sein, dass am Grabe weder der fungirende\nkatholische Geistliche, noch einer der anwesenden Künstler oder\nFreunde der Verewigten einen Nachruf widmete.\nf&assel. Am 13. September, Morgens nach 11 Uhr, wurde die\nirdische Hülle der weiland Hofschauspielerin Frau Garso-G al s t er\nzur letzten Ruhestätte getragen, von einem langen Zuge Leidtragen-\nder geleitet. Am Eingange des Friedhofes empfingen die Damen des\nkurfürstlichen Hoftheaters den Leichen-Conduct, nahmen den Sarg\nin ihre Mitte und führten ihn durch eine unabsehbare Menschen-\nmenge an das Grab, an welchem Herr Pfarrer Weipert in einer er'\ngreifenden Rede die Verdienste der früh Verschiedenen als Künst-\nlerin, als Gattin und Mutter hervorhob. Die vom Regisseur Häser\nfür Männerchor und vom Hof-Capellmeister Reiss für gemischten\nChor mit Harmonie-Begleitung componirten Gesänge trugen wesent-\nlich zur gehobenen Stimmung der Todtenfeier bei. Möge die kühle\nErde, geschmückt mit der Masse von Blumen und Lorberkränzen,\nihr leicht werden !\nKaum hat sich die Gruft über den irdischen Resten\nHesse's geschlossen, so hat der Tod schon ein neues Opfer gefor-\ndert. Der zweite Organist zu St. Elisabeth, Gustav Klose, gebo-\nren 1821 zu Langenbielau, ist im Vollbesitz männlicher Kraft plötz-\nlich verschieden. Ein vortrefflicher Orgelspieler, ein tüchtiger Lehrer,\nder beste Accompagnist, eine durch und durch musicalische Natur,\nwar er eben so achtungswerth als Mensch, wie als Freund.\nAm 4. September fand in Dresden zur Feier der Rückkehr des\nKönigs vom Fürsten-Congresse in Frankfurt und zum Besten der\nArmen ein Concert der k. musicalischen Capelle Statt. Nach der\nvortrefflichen Executirpng der Weber'schen Jubel-Ouverture unter\nLeitung des Capellmeisters Krebs folgte Mendelssohn's „Lobgesang\"\nfür Solostimmen,' Chor und Orchester. Die Soli wurden von Frau\nBürde-Ney, Fräulein Reiss und Herrn Schnorr von Carols-\nfeld gesungen, bei den Chören wirkten die Dreyssig'sche Sing-Aka-\ndemie und der Singchor der Kreuzschule mit. Capellmeister Rietz\ndirigirte die Aufführung dieses Werkes mit bekannter Meisterschaft.\nDen Schluss bildete Beethoven's herrliche C-moll-Sinfonie, dirigirt\nvon Capellmeister Krebs.\nEnde August fand auf dem Oy bin bei Zittau in Sachsen eine\nvon den Gesangvereinen von Bautzen, Löbau, Zittau, Reichenberg,\nSeifbennersdorf, Spitzkunnersdorf und Olbersdorf veranstaltete Musik-\nAufführung Statt, deren Ertrag zur Errichtung eines Marschner-\nDenkmals verwandt werden soll. Es war ein ausserordentlich zahl-\nreiches Publicum versammelt und die Stimmung war eine äusserst\ngehobene. Dem Könige von Sachsen, dem Kaiser von Oesterreich\nund dem Herzog von Coburg wurden stürmische Hochs gebracht.\nWaeil* Frau Therese Marschner, Witwe von Heinrich\nMarschner, eine geborene Wienerin, ist jetzt in ihrer Vaterstadt als\nGesanglehrerin am Conservatorium der Musik angestellt. Nach dem\nTode Marschner's trieb es die Witwe in die Heimat zurück, der sie\nnun bleibend zugehört. Sie übernahm im November 1862 die Lei-\ntung einer Gesangs-Abtheilung im Conservatorium und trat am 24.\nJuli mit ihren Schülerinnen die erste öffentliche Prüfung an, zu\nwelcher sie das glücklichste Programm zusammenstellte. Mit feiriem\nTact und künstlerischem Geschmack ist dein rein lyrischen, so wie\ndem romantischen Elemente Kaum gegeben, dazu der Oper hinrei-\nchend gedacht, und endlich auch der heiteren Tonmuse, welcher\nman in der Schule beinahe gar nicht begegnet, ein Plätzchen ange-\nwiesen. Die Professoren im wiener Conservatorium wählen ihre\nSchüler nicht: sie bekommen den Thon, den sie zu kneten haben,\nin die Hand. Frau Marschner übernahm ein Häuflein Stimmen wild,\nruppig, darunter auch unbildungsfähige, die sich denn auch beim\nExamen nicht verläugnet haben. Dennoch führte unsere Meisterin\nvier Stimmen vor, an welchen sie ihre Schule trefflich erweisen\nkonnte. Das Wirken der Frau Marschner hier an einem Kunst-In-\nstitute wird jeden, dem es mit dem Gesänge Ernst, mit Beruhigung,\nja, Freude erfüllen, zumal da das Verfahren, wie in Wien mit Ge-\nsangschülern umgesprungen wird, unverantwortlich zu nennen ist."}]}