{"numero_id": "bm-bmtnabi-1863-10-31-01", "volume": "bmtnabi_1863-10-31_01", "ocr_sha256": "8ceb7f6cd53f149f2a8217bed0637c0358d25192ef271cd5ab6a3391493c5a95", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1863/10/31_01/bmtnabi_1863-10-31_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18631031-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1863-10-31-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1863-10-31_01#c001", "volume": "bmtnabi_1863-10-31_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "345", "page_fin": "345", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18631031-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "345", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18631031-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 360, "texte": "Inhalt.\nRückblicke auf den Realismus in der Musik. Der wiener Manner-Gesangverein (Jahresbericht). Der Salzunejer Sän-\nGerchor in Thüringen. Von £r. M. Hector Berlioz über Gluck's System. Erstes Gesellschafts-Concert in Köln im Gürzenich.\nPages- und Unterh a 1 tungsb 1 att (Freiburg im Breisgau, Concert von August Kömpel Triest, Alfred Jacllf Musikzustände)."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1863-10-31-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1863-10-31_01#c002", "volume": "bmtnabi_1863-10-31_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "345", "page_fin": "346", "image_debut": 1, "image_fin": 2, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18631031-01.2.2", "titre_corps": "Rückblicke auf den Realismus in der Musik.", "titre_sommaire": "Rückblicke auf den Realismus in der Musik.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "345", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18631031-01.1.1", "debut_caractere": 362, "fin_caractere_exclue": 4258, "texte": "Rückblicke auf den Realismus in der Musik.\nDie erste Berücksichtigung der Textesworte durch\nmusicalische Declamation finden wir bei dem Gründer der\nvenetianischen Schule, Adrian Willaert(f 1563); der Ge-\nsang wird zum Theil syllabisch, da er sich dem Texte an-\nschliesst. Die jüngere römische Schule beginnt bereits der\nDeutlichkeit des Wort-Ausdrucks das Künstlerische dver\nForm zu opfern. Namentlich trat aber in den weltlichen\nCompositionen mit einer Art von Nothwendigkeit das Stre-\nben, dem Sinne des Textes, ja, des einzelnen Wortes zu\ngenügen, hervor, zumal seitdem die Chromatik erfunden\nund geübt wurde.\nIm Dienste der Kirche war die Tonkunst Stimme des\nWortes Gottes und seines als Dank oder Bitte, Jubel oder\n♦\nKlage austönenden Wiederhalls im Gemüthe. Namentlich\nwar die später erfolgte harmonische Construction ganz ge-\neignet, die geheimnissvolle Pracht des katholischen Cultus\nzu erhöhen. Aber für die Darstellung des bewegten In-\nhalts, welcher im Volke lebendig wird, war sie durchaus\nungenügend. Die ersten Versuche innerhalb des alten Sy-\nstems, Darstellungsmittel für eine individuellere Zeichnung\nzu gewinnen, wurden durch die Chromatik gemacht. Bei\nCyprian de Rore und Orlandus Lassus gilt sie immer noch\nnur als Mittel einer charakteristischen Umfärbung, bei den\nVenetianern, namentlich Johann Gabrieli, hilft sie dagegen\nschon das alte System weit über ihre ursprünglichen Grän-\nzen hinaus erweitern.\nBei dem genialen Chromatiker, dem Zeitgenossen\nGabrieli's, Luca Marenzio (-{* 1599), der sie in seinen welt-\nlichen Gesängen, seinen Madrigalen, ausserordentlich häu-\nfig anwendet, bildet die Tonart eigentlich nur den Rahmen,\ninnerhalb dessen Gränzen er eine Reihe mannigfacher und\nlebendiger Bilder entwickelt, und namentlich durch seine\nfremden und ungewöhnlichen Ausweichungen dem Sinne\nund Geiste der Worte gerecht zu werden trachtet. Win-\nterfeld („Gabrieli\", Th. II.) sagt darüber: „Denn auf\nWort-Ausdruck, lebendigen, möglichst anschaulichen, ist\nsein eigenstes Streben gerichtet; aus der bei ihm vorwal-\ntenden Richtung auf das Einzelne musste es ihm notwen-\ndig hervorgehen. Nicht etwa, dass er, wie die Meister zu\nAnfange des siebenzehnten Jahrhunderts, vorzugsweise ge-\ntrachtet hätte, den Gesang der Rede näher zu bringen,\ndass er derselben ihre eigentümlichen Laute, wie erhöhte\nGemütsbewegung sie mannigfach gestaltet und färbt, ab-\nzulauschen gesucht. Auch hierin ist ihm unabsichtlich Vie-\nles gelungen: allein das bezeugen alle seine Werke als das\nHauptziel seiner künstlerischen Thätigkeit, das hat er durch\nBewegung und Maass, durch Zusammenklänge und melo-\ndische Wendungen zu erreichen gesucht, dass jedem ein-\nzelnen Wortbilde der von ihm gewählten Gedichte ein\nübereinstimmendes, in sich verständliches Tonbild gesellt\nwerde. Mit erhöhter Lebendigkeit tritt auf diese Weise\nein jedes der Bilder, von denen die Liebeslieder seiner\nZeit und seines Volkes erfüllt sind, in seinen Madrigalen\nvor uns hin: der Glanz schöner Augen, zärtliches Gir-\nren, das Spielen leicht bewegter Lichtwellen, wie es den\nTönen überhaupt, wie seiner Zeit namentlich, vergönnt sein\nkonnte, es darzustellen, und nicht selten mit überraschen-\nder Anschaulichkeit. Oft freilich wird das allgemeine Bild\nseines Gedichtes durch Wortmelodieen solcher Art auch\nvöllig verlöscht, wie es namentlich in seiner vierstimmigen\nBehandlung von Pelrarca's zweihundert neunundsechszig-\nstem Sonnette geschehen ist. Wenn der verwaiste Dichter\ndort in seinen letzten drei Versen sagt, dass „ „der Ge-\nsang der Vöglein, die blühenden Auen, die zarte Erschei-\nnung schöner, keuscher Frauen nur eine Wüste ihm zeige\nund wilde, grausame Ungetüme\"\", so ist der Tonkünst-\nler bemüht gewesen, jedes dieser einzelnen Bilder mit aller\nBestimmtheit, die ihm nur gelingen mochte, uns vor das\nOhr und so vor ein inneres Auge zu bringen. Es erwächst\nihm dadurch eine Reihe schneidender, durch nichts ver-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "346", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18631031-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4834, "texte": "mittelter Gegensätze; der trauernde Dichter und\nseine Stimmung geht ihm völlig darüber verlo-\nren*). Diese vorherrschende Hinneigung auf das Einzelne\nfinden wir aber auch auf seine geistlichen Tonwerke über-\ntragen; weniger auf seine Messen, wo die Sitte seiner Zeit\nund zumal seines Wohnortes (Rom) ein strengeres An-\nschliessen an die vorhandenen Formen erheischte, als auf\nseine Behandlung einzelner Theile der Psalmen und der\naus ihnen gezogenen Responsorien und Antiphonien.\n„Nicht minder berühmt, als er, war Karl Gesualdo,\nFürst von Venosa, als Madrigalen-Componist. Eine der\nhervorstechendsten Eigentümlichkeiten der Madrigalen\ndieses Meisters beteht in Anwendung grell missklin-\ngender Tonverhältnisse, deren Auflösung (wenn\nsie in Zusammenklängen hervortreten) durch\nunerwarteten, melodischen Fortschritt, statt zu\nt\nberuhigen, nur mit geschärfter Ilerbigkeit in\ndas Ohr dringt; in Zusammenstellung der fremdesten\nZusammenklänge, seien sie auch wohllautende, bei welcher\nwir vergebens nach einer inneren Beziehung im Sinne der\nHarmonik jener Zeit forschen, in reicher Anwendung chro-\nmatischer Töne, die wir später wiederum unter anderen\nNamen, in verschiedener Beziehung gebraucht finden\nalles Eigenschaften, welche deren Ausführung ohne genaue\nVorbereitung seinen Mitlebenden fast unmöglich machten,\ndiesen aber durch Neuheit dennoch einen Reiz\ngewährten, der sie leicht zur Ueberschätzung\nverleitete**). Durch allen jenen Aufwand von Kunstmit-\nteln sucht der Meister, gleich dem Marenzio, die Worte\nseiner Dichter zu malen, nur dass er nicht, wie jener,\ndurch Bilderreichthum angezogen wird, durch starke, be-\nstimmt ausgesprochene Empfindungen, sondern durch sinn-\nreiche Gedankenspiele, aus denen die Worte Tod und Le-\nben, Qual und Wollust, Schmerz und Freude, wie sie in\nwitzigem Wechselspiele verflochten und einander entge-\ngengesetzt sind, von ihm aufgefasst werden, damit sie,\ndurch Töne belebt, grell hervortreten. War bei\nMarenzio in Uebereinstimmuiig des Anfangs und Schlusses\ndie Tonart mindestens als äussere Einfassung noch vorhan-\nden, so fehlt eine solche bei seinem fürstlichen Nebenbuh-\nler völlig, und nur nach dem Schlüsse vermögen wir zu\nbestimmen, dass das Werk einer Tonart angehöre. So\nschreitet Venosa in einem Gedichte, dessen Anfang vom\nSterben im Schmerze redet, im Basse durch einen kleinen\nIlalblon, sodann einen grossen fort, in den Tönen cis-c-h;\nI '' I r| 1\nder harle Dreiklang von eis beginnt, der Sext-Accord auf\ndfolgt ihm, und diesem schliesst der harte Dreiklang von\nh sich an, dem wiederum der Sext-Accord folgt, auf dem-\nselben Grundtone, aber mit der kleinen Terz. Diese in\nlang verhallenden Tönen erscheinende Reihe von Zusam-\nmenklängen vermag uns das bestimmte Gefühl keiner Ton-\nart zu erwecken, am mindesten die Ahnung eines künfti-\ngen Schlusses in amit der grossen Terz, welcher den gan-\nzen Gesang beendet.\n„Die genannten Meister ahnten die Notwendigkeit,\nsie fühlten das Bedürfniss eines anderen Ton-Systems, das\nfür die Darstellung der individuellen Züge des Gemüthes\ndie nöthigen Mittel besitzt. Sie fühlten die Unzulänglichkeit\ndes alten Systems, und indem sie es nach dem Sinne des\nallen griechischen zu durchbrechen vermeinten, halfen sie\ndas neue mit fördern, es aus dem alten heraus neu con-\nstruiren, das indess zu vollständiger Erscheinung erst im\nVolksliede kommen sollte, wo die beiden Richtungen, die\nvolksmässige und kunstmässige, sich gegenseitig ergänzen,\nund dann hieraus sich ein neues Musiktreiben und Musik-\nempfinden von selbst gestaltet.\" •\nEs ist bekannt, dass dieses realistische Streben bald\nin ein ganz krasses Extrem ausartete, indem man sich\nnicht mehr begnügte, das einzelne Wort durch irgend eine\nWendung hervorzuheben, sondern es sogar äusserlich\ndurch Farben illuslrirte, z. B. Wiese, Laub, Wald grün,\nandere Worte, ihrem Sinne entsprechend, roth, gelb oder\nblau malte.\nUebrigens gingen schon die Niederländer bei ihren\nweltlichen Compositionen in den Nachahmungen der Natur\nund der Ereignisse des weltlichen Lebens durch die Musik\nsehr weit, wovon wir im Jahrgange VIII. Nr. 19 der Nie-\nderrheinischen Musik-Zeitung (vom 5. Mai 1860) bei Ge-\nlegenheit der Anzeige von F. Commer's Band XII der\nCollectio Musicorum Batavorumschlagende Beispiele aus\nClemens Jannequin's Les Cris Nicol. Gombert's\nLe Chant des Oyseaux,Jannequin's und\ndu lievregegeben haben lauter mehrstimmigen Gesän-\ngen, welche die realistischen und pittoresken Tonsetzer\nunserer Tage überraschen müssen und ihre lächerlichen\nBehauptungen, dass die Tonkunst erst durch .sie zu ei-\nnem bedeutsamen Inhalt gekommen, lustig genug Lü-\ngen strafen.\n*) Ist das nicht in der declamatorischen Gesang-Composition der\nNeueren und Neuesten gerade wieder eben so der Fall, und\nist demnach diese Art von Fortschritt nicht ein arger Rück-\nschritt?\n**) Mutatis mutandis Alles, wie heute!\n*"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1863-10-31-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1863-10-31_01#c003", "volume": "bmtnabi_1863-10-31_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "346", "page_fin": "348", "image_debut": 2, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18631031-01.2.3", "titre_corps": "Der wiener Männer-Gesangverein.", "titre_sommaire": "Der wiener Männer-Gesangverein.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "346", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18631031-01.1.2", "debut_caractere": 4836, "fin_caractere_exclue": 5073, "texte": "Der wiener Männer-Gesangverein.\nAus dem neunten Jahresberichte des Vereins\n(vom 1. October 1862 bis 1. October 1863), verfasst\nvon Dr. H. von Billing, d. Z. Schriftführer, theilen wir\nfolgende Nachrichten von allgemeinerem Interesse mit."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "347", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18631031-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5346, "texte": "Am 26. October beging der Verein die Gedächtniss-\nfeier seiner Gründung durch ein Hochamt in der Hof- und\nBurg-Pfarrkirche zu St. Augustin, bei welcher er eine in\nWien noch nicht gehörte deutsche Messe von Franz\nSchubert für Männerchor zur Aufführung brachte. —-\nFür das Denkmal Heinrich Marschn er's wurden 200\nFl. als Beitrag bestimmt.\nAuf die erste Kunde hin, dass sich auf Anregung des\nAusschusses des schwäbischen Sängerbundes in Stuttgart\nein Comite gebildet habe, um dem dahingeschiedenen\nUhland ein Denkmal zu setzen, beschloss der Verein in\nseiner Versammlung am 20. November einstimmig, die-\nsem Zwecke 200 Fl. aus der Vereinscasse zuzuführen,\nund hatte die Genugthuung, dass sein Beitrag einer der\nersten war, der dem Monument-Ausschusse zukam.\nAls die grosse Nar»renschlacht am'Carnevalstage ge-\nschlagen war und man übersah, was man erkämpft, so\nfand man, dass auf dem Wahlplatze nichts geblieben war\nals ein Reinertrag von 3150 Fl. Einen Betrag von\n2500 Fl. verleibte der Verein dem Schubert-Fonds ein,\n300 Fl. widmete er zur Unterstützung brodloser Weber,\n100 Fl. zur Stiftung für einen blinden Sänger in der An-\nstalt zur Versorgung und Beschäftigung erwachsener Blin-\nder. Weitere 100 Fl. des Erlöses beschloss der Verein\nzur Unterstützung der mittellosen Witwe seines jüngst\nverstorbenen Mitgliedes zu verwenden. Endlich widmete\ner 50 Fl. dem Palm-Monumentfonds, 50 Fl. dem Unter-\nstützungs-Fonds für arme, ausgezeichnete Zöglinge des\nwiener Conservatoriums, und die letzten 50 Fl. wandte\ner einer mittellosen nahen Verwandten Fr. Schubert's zu.\nFerdinand Stegmeyer, früher einige Jahre Chor-\nmeister des Vereins, dann Dirigent der wiener Sing-Aka-\ndemie, starb nach längerer Krankheit in ziemlich gedrück-\nten Verhältnissen. Der Verein erwies dem Todten durch\nAbsingung eines Trauerchors die letzte Ehre und beschloss\nzugleich in seiner Versammlung vom 8. Mai, der Witwe\ndes Dahingeschiedenen zur augenblicklichen Linderung\nihrer Verlassenheit 100 Fl. zur Verfügung zu stellen.\nDas erste Volks-Concert veranstaltete der Verein\nam 31. Mai auf der Schabrösselwiese im Prater. Trotz\ndes unfreundlichen Wetters hatten sich etwa 8000 Zuhö-\nrer eingefunden, und nicht einmal der heftigste Regenguss\nvermochte sie zum Weichen zu bringen. Wenn der Wie-\nner, der sonst beim ersten fallenden Regentropfen davon\nläuft, sich einen tüchtigen Guss gefallen lässt und ruhig\nausharrt, so muss er schon etwas zu sehen oder zu hören\nbekommen, was sich dieser Resignation lohnt. Das Publi-\ncum bewahrte aber nicht nur die nöthige Ruhe, sondern\nauch den grössten Anstand. Durch volle drei Stunden\nwogte die bunte Masse durch einander, ohne dass nur Ein\nMisston die schöne Harmonie störte. So viel wir über-\nblicken konnten, hatte das Bürgerthum das grösste Con-\ntingent des Publicums gestellt. Die Arbeiterclasse das\nbemerkten wir mit Bedauern war nur äusserst spärlich\nvertreten. Desto zahlreicher hatte sich das Militär einge-\nfunden, und man sah von der Generals-Uniform bis zum\nGemeinen herab fast alle Chargen vertreten. Der Platz\nvor der Iribune war natürlich am dichtesten besetzt; was\nhier nicht mehr Raum finden konnte, hatte sich auf dem\ngrünen Rasen in den malerischsten Gruppen gelagert. Un-\ngeachtet des geringen Eintrittsgeldes (30 Kr.) waren die\nbedeutenden Auslagen nicht nur vollständig gedeckt, son-\ndern es ergab sich noch ein Reinertrag von 400 Fl., wel-\nchen der Verein dem Schubert-Fonds einzuverleiben be-\nschloss.\nDer Liederkranz von Oedenburg lud den Männer-Ge-\nsangverein zur Theilnahme an dem österreichisch-ungari-\nschen Sängerfeste am 28. und 29. Juni ein. Der Verein\nhatte dem Bufe gern Folge geleistet. Konnte man sich da-\nbei doch nicht verhehlen, dass in der Zusammenkunft von\nSängern diesseit und jenseit der Leitha ein eigentüm-\nliches Zeichen der allversöhnenden Zeit liege, und dass der\nZug des Vereins nach Oedenburg wohl geeignet sei, neuer-\ndings durch die Harmonie des Gesanges auf die Harmonie\ndes politischen Lebens Einfiuss nehmen zu können. Die\nBewohner Oedenburgs hatten es sich nicht nehmen lassen,\ndie fremden Sänger gastlich bei sich aufzunehmen, und es\nmochte wohl keiner derselben Ursache gefunden haben,\nan der sprüchwörtlichen ungarischen Gastfreundlichkeit,\ndie nicht nur gastlich, sondern auch, was noch mehr,\nfreundlich ist, irre zu werden. Dem Chormeister Herbeck\nwar die Direction der Gesammtchöre anvertraut. Die Ge-\nsangs-Vorträge gingen, besonders mit Rücksicht darauf,\ndass die Sänger zum erstert Male zusammensangen, präcis\nund gerundet. Das Concert-Programm enthielt in wech-\nselnder Folge Gesammt-Vorträge der ungarischen und\nder deutschen Gesangvereine („Froher Wandersmann\",\n„Liedesfreiheit\", „Nacht\" von Schubert, „Untreue\", „Lo-\nreley\" und Herbeck's „Zum Walde\"), dann Einzel-Vor-\nträge der ungarischen Gesangvereine von Oedenburg, Raab,\nGüns, Pressburg, theils einzeln, theils gruppenweise ver-\neint, dann solche der Liedertafel „Frohsinn\" und des Män-\nner-Gesangvereins. Der erste Toast beim Festmahle am\n29. galt dem Monarchen, und unter lautem Jubel ward\nbeschlossen, dem Kaiser telegraphisch den Huldigungs-\ngruss der in Oedenburg versammelten deutschen und un-\ngarischen Sänger nach Laxenburg zu melden. Se. Majestät\nliess umgehend den Sängern durch den ungarischen Hof-\nkanzler Grafen Forgäch den Ausdruck seiner Anerkennung\nund seines Wohlgefallens zu erkennen geben.\n\nn"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "348", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18631031-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2870, "texte": "Am 7. Juli erschien die Ernennung des Herrn Her-\nbeck zum k. k. Vice-Hof-Capellmeister durch Se. Majestät.\nAm 19. Juli fand das zweite Volks-Concert Statt.\nAm 23. August Mitwirkung des Vereins bei dem gros-\nsen Volksfeste. Vortrag von acht Nummern. Zuhörer über\n20,000. Nach Absingung der Volks-Hymne musste auf\nallgemeines Verlangen „Das deutsche Vaterland\" und „Das\ndeutsche Lied\" angestimmt werden.\nAm 13. September gemeinschaftliches Concert der\npressburger Liedertafel und des Vereins zu Pressburg.\nAuf dem Bahnhofe in Pressburg, der mit ungarischen,\nösterreichischen und deutschen Flaggen geschmückt\nwar, festlich und herzlich empfangen, zogen die Sänger\nzur Schiessstätte, wo ein Frühstück ihrer harrte und eine\nkleine Probe der Gesammtchöre abgehalten wurde. Um\n11 Uhr begann das Concert im Redoulensaale, der von\neinem sehr gewählten Publicum gedrängt erfüllt war. Stür-\nmischer Applaus empfing schon beim Erscheinen den Ver-\nein und Chormeister Herbeck, dem auch die Leitung der\nmit den Liedertafeln von Pressburg und Hainburg zu sin-\ngenden Gesammtchöre „Loreley\", „Untreue\" und „Wi-\nderspruch\" anvertraut war. Dann folgten abwechselnd\nungarische und deutsche Gesänge. Bei der Abfahrt reich-\nten sich unter den Klängen des „deutschen Liedes\" und\ndes „Scöz atuDeutsche und Ungarn die Bruderhand ein\nGlockenzeichen, und der Zug verlässt unter nicht enden\nwollenden Zurufen der Menschenmenge den Bahnhof.\nZur Statistik des Vereins gehören folgende Notizen:\nDie Zahl der ausübenden Mitglieder beträgt 255,\nund zwar 53 erste, 63 zweite Tenöre, 72 erste und 67\nzweite Bässe. Laut Vereins-Beschlusses war die Aufnahme\nnur auf vorzüglich wünschenswerte Kräfte beschränkt\nworden. Unterstützende Mitglieder zählte der\nVerein 471.—Der Stand des Vereins-Vermögens ist\nder beste seit dem Bestehen des Vereins, und es muss dies\num so schwerer in die Wagschale fallen, als dem Vereine\nin diesem Jahre manche ausserordentliche Auslagen er-\nwuchsen. Ausser den laufenden Auslagen, dem Ehrensolde\nfür den Chormeister und der Pension für die Witwe eines\num den Männergesang hochverdienten Componisten, wies\nder Verein zur Auszahlung aus der Casse an: für das\nMarschner-Denkmal 200 Fl., für das Uhland-Denkmal\n200 Fl., für das Körner-Denkmal 20Thlr., für die Witwe\nStegmeyer 100 Fl., für ein Vereins-Mitglied, anlässlich des\nin seiner Wohnung verübten Diebstahls, 100 Fl., für den\nAnkauf von Eintrittskarten zum Volksfeste 48 Fl. Ausser-\ndem hat der Verein in diesem Jahre über 3476 Fl. 95\nKr. dem Schubert-Fonds und für sich allein 650 Fl. hu-\nmanen Zwecken zugeführt. Ehren-Ducaten an Compo-\nnisten für Erst-Aufführungen wurden zwölf gezahlt.\nDer Fonds für das Schubert-Denkmal ist auf 14,000 Fl.\nangewachsen.\nIn dem Anhange, welcher die Programme sämmtlicher\nProductionen enthält, gewahren wir mit Vergnügen dem\nbei Weitem grössten Theile nach nur Namen tüchtiger\nComponisten."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1863-10-31-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1863-10-31_01#c004", "volume": "bmtnabi_1863-10-31_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "348", "page_fin": "349", "image_debut": 4, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18631031-01.2.4", "titre_corps": "Der Salzunger Sängerchor in Thüringen.", "titre_sommaire": "Der Salzunger Sängerchor in Thüringen.", "signature_source": "Fr. M", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "348", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18631031-01.1.4", "debut_caractere": 2872, "fin_caractere_exclue": 5086, "texte": "Der Salzunger Sängerchor in Thüringen.\n\nMittwoch den 16. September versammelte sich in\nHildburghausen eine grosse Anzahl Geistlicher aus\nden thüringen'schen Landen zu einer Pastoral-Conferenz.\nAn diese schloss sich selbigen Tages, Abends 4 Uhr, ein\nConcert des Salzunger Sängerchors in der leider\nschlecht akustischen Hofkirche, welche, nebenbei bemerkt,\neinem Tanzsaale ähnlicher sieht, denn einer Kirche. (?)\nZur Aufführung kamen: 1) „Was habe ich dir ge-\nthan, mein Volk?\" —die Improperien von Palestrina für\nzwei Chöre; 2) Kyrie von Ludovico da Vittoria; 3) Vere\nlanquores nostros, für dreistimmigen Knabenchor von An-\ntonio Lotti; 4) jExuliate Deo von Allessandro Scarlatti;\n5) „Du Hirte Israels\", Chor von Dmitry Bortniansky; 6)\nMotette, fünfstimmig von Michael Bach; 7) Tantum, ergo,\nfünfstimmige Hymne von Cherubini; 8) Der 25. Psalm,\nachtstimmig von H. A. Neidhardt. Mit Ausnahme von\nNr. 1 wurde, wo lateinischer Text, dieser gesungen;\nwarum nicht auch bei Nr. 1? Weil das der Sängerchor\nin seiner salzunger Kirche verwendet und daher mit deut-\nschem Texte zu singen gewohnt ist.\nBei Nr. 1 möchte nur Eines zu bemerken sein, dass\neine Abscbattirung in ein pp, das schier nur mehr ein\nHauchen ist, dem Wesen der alten Gesänge in so fern nicht\nentspricht, als jenes wohl concertmässig, aber nicht cultus-\ngemäss ist, etwa wohl noch in einem am\nOrte sein dürfte, aber nicht in einem Gotteshause*). Nr.\n2 wurde offenbar zu langsam genommen; in Coburg, wo\nam nächsten Tage eine Wiederholung des Concertes Statt\nfand, war das Tempo richtiger. Ganz prachtvoll und mit\nhinreissender Frische sang der Chor Nr. 4. Beim Anhören\nvon Nr. 6 war dem Schreiber dieses besonders lieb, ge-\n\n*) Wenn die Tonkunst in der Kirche wirksam sein soll, so müs-\nsen ihre Werke auch künstlerisch behandelt werden, eben so\nwie die Werke der Architektur und der Malerei. Artet der\nAusdruck in Ziererei aus, so ist er allerdings nicht zu billi-\ngen, und dahin würde freilich auch ein schroffer Wechsel des\nff und pp gehören; allein gegen das pp an und für sich kann\nman nichts haben, da es häufig der religiösen Stimmung sehr\nentsprechend ist. Bei solchen Dingen kommt es überall am\nmeisten auf das Wie der Ausführung an.\nDie Redaction."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "349", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18631031-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2571, "texte": "dachte Motette von M. Bach vor einiger Zeit erst in Hän-\nden gehabt zu haben*). Etwas Feines, modern zwar, aber\nedel durch und durch, ist das von Cheru-\nbini; es wurde aber auch meisterhaft gesungen. Nr. 8,\neine lange Schlange mit theilw«ise prächtigem Schiller,\nfür Ohren, die für die bei Palestrina u. s. w. empfun-\ndene Langeweile nach Entschädigung verlangen. Die\nschönste Partie an diesem Psalm hatten die Worte des\nzweiten Verses.\nVorstehende acht Nummern wurden von 34 Knaben\nund 17 Erwachsenen gesungen.\nWer ist nun der Salzunger Sängerchor, und wie kam\ner dazu, Derartiges leisten zu können?\nDa hat vor zwölf Jahren ein junger Mann (jetzt\nmag er 36 Jahre zählen) in der kleinen Salinenstadt Sal-\nzungen, ein ganz schlichter Schulmeister und Cantor, an-\ngefangen, sich einen Chor zu bilden, mit welchem er le-\ndiglich Vocal-Kirchenmusik für seine Stadtkirche zurich-\ntete, und daraus ist unter der geschickten und festen Lei-\ntung dieses strebsamen, gewandten und doch so beschei-\ndenen Mannes ein Chor geworden, der als Missionar der\nheiligen Musica in thüringen'schen Landen reisen kann\n%\nund durch seine wahrhaft künstlerische Behandlung alter\nund neuerer Kirchenmusik die Herzen für das Evangelium\nin Tönen und für die Töne des süssen Evangeliums zu\nerwecken vermag. Möchten viele Herren Musik-Dirigenten\nund Cantoren es dem unscheinbaren, trefflichen salzunger\nCantor nachthun; lernen könnten die Herren übergenug\nvon ihm **).\nEine Frage schliesslich noch. Ist es recht, das Gottes-\nhaus zu einem Concerthause zu machen, wo musicalische\nGenüsse, und wenn auch kirchlichen Inhalts, gegen Ein-\ntritts-Gebühr geboten werden? Ein Christ, der in sei-\nner Kirche nur das Gotteshaus sieht, hat auf solche\nFrage nur ein entschiedenes Nein; ein kirchlicher Sinn kann\nsich mit dieser Uebung nicht befreunden. Es gibt, in Süd-\ndeutschland namentlich, noch Gemeinden, wo die Geist-\nlichkeit es nicht wagen dürfte, Erlaubniss dazu zu geben.\nWäre es in solchen Fällen nicht möglich, die Erstattung\nder Reisekosten und anderer Auslagen, wie auch eine\nDankesbeweisung für den gehabten Kunstgenuss theils\ndurch freiwillige Beiträge vermögender Gemeindeglieder,\ntheils durch eine Verehrung (wie man es sonst nannte)\naus der Kirchencasse zu ermöglichen? —Auf diese Art\nmöchten Kunstpllege und Kunslgenuss mit der Wah-\nrung der Würde des Gotteshauses zu vereinigen sein*).\n\n*) Von Johann Michael Bach, dem Bruder Johann Chri-\n(1643—1703)? Welche Motette?\nDie Redaction.\n**) Warum verschweigt der geehrte Herr Correspondent den Na-\nmen des wackeren Mannes?\nDie Redaction.\n\nFr. M."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1863-10-31-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1863-10-31_01#c005", "volume": "bmtnabi_1863-10-31_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "349", "page_fin": "351", "image_debut": 5, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18631031-01.2.5", "titre_corps": "Hector Berlioz über Gluck’s System.", "titre_sommaire": "Hector Berlioz über Gluck’s System.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "349", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18631031-01.1.5", "debut_caractere": 2573, "fin_caractere_exclue": 4835, "texte": "Hector Berlioz über Gluck’s System.\nDie Grundsätze Gluck's, wie er sie in seiner Vorrede\nzur Oper Alceste ausgesprochen, und mit denen man seit\neinigen Jahren einen so ungeheuren und lächerlichen Miss-\nbrauch getrieben hat, sind gewiss wohlbegründet und be-\nruhen auf tiefem Gefühle für echt dramatische Musik.\nHat aber Gluck, indem er diese Lehre verbreitete,\nderen damalige Nothwendigkeit auch der geringste Kunst-\nsinn und selbst der einfachste Menschenverstand anerken-\nnen musste, zuweilen nicht die daraus gezogenen Schluss-\nfolgerungen übertrieben? Schwerlich kann man sich nach\neiner unparteiischen Prüfung dieser Erkenntniss verschlies-\nsen, und er selbst ist in seinem Werke mannigfach davon\nabgewichen. So findet man in der italiänischen Al-\nceste bloss vom bezifferten Bass und wahrscheinlich vom\nCiavier begleitete Recitative, wie sie damals in den italiäni-\nschen Theatern üblich waren, welche durch diese Beglei-\ntungs- und Recitationsweise einen schneidenden Abstand\nzwischen Recitativ und Arie bilden.\nMehreren dieser Arien geht eine ziemlich lange In-\nstrumental-Einleitung vorher; der Sänger hat während der-\nselben zu schweigen und das Ende des Ritornells abzuwar-\nten. Ausserdem wendet Gluck öfter eine Arienform an,\nwelche er nach seiner Theorie dramatischer Musik hätte\nin die Acht erklären müssen. Ich meine die Arien mit\nWiederholungen, in denen jeder Theil zwei Mal vorkommt,\ngleichsam als hätte das Publicum ein Da capo verlangt,\nohne dass irgend etwas diese Wiederholungen zu begrün-\nden vermöchte, z. ß. in der Arie der Alceste:\n„Ich liebte nie für mich das Leben,\nLieb' es nur aus Liebe für Dich!\nAch! und mit Freuden eile ich,\nFür Dich und Dein Glück es hinzugeben !\nWarum, sobald die Melodie an der Cadenz auf der\nDominante angelangt ist, ohne die geringste Veränderung\nweder in der Singstimme noch in der Instrumentation,\ndiese ganze Stelle wiederholen?\n\n*) Wir ehren das Gefühl, aus welchem die ausgesprochene An-\nsicht entspringt, glauben jedoch, dass der Herr Correspondent\netwas zu strenge die Lösung einer Eintrittskarte, von deren\nBezahlung man doch in der Kirche selbst nichts gewahr wird,\nverurtheilt, während das Herumgehen von Becken und gar die\nMahnung des Klingelbeutels jedenfalls weit störender sind.\nDie Redaction."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "350", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18631031-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5476, "texte": "Zweifellos wird der gesunde dramatische Sinn davon\nbeleidigt, und wenn irgend Jemand sich dieses Verstosses\ngegen die Natur und die Wahrscheinlichkeit hätte enthal-\nten sollen, so wäre es wahrlich Gluck. Dennoch hat er ihn\nin fast allen seinen Werken begangen. Dagegen findet\nman kein Beispiel davon in der neueren Musik, und die\nComponisten, welche nach Gluck kamen, haben sich in\ndieser Hinsicht strenger gezeigt, als er.\nWeiter: Wenn er sagt, dass die Musik eines lyrischen\nDrama's keine andere Aufgabe hat, als zum Gedichte das\nhinzuzufügen, was das Colorit zur Zeichnung, so glaube\nich, dass er in einem wesentlichen Irrthum befangen ist.\nDie Aufgabe des Opern-Componisten ist meiner Meinung\nnach von ganz anderer Tragweite. Sein Werk enthält\nZeichnung und Färbung, und um den Vergleich Gluck's\nzu vervollständigen, so bezeichnen die Worte bloss den\nGegenstand des Gemäldes, schwerlich etwas mehr. Der\nAusdruck ist nicht alleiniger Zweck der dramatischen Mu-\nsik; auch wäre es eben so ungeschickt, wie pedantisch, das\nrein sinnliche Vergnügen zu verschmähen, welches wir bei\ngewissen Wirkungen der Melodie, der Harmonie, des\nRhythmus und der Instrumentation, unabhängig von ihren\nBeziehungen zur Schilderung der Seelenbewegungen und\nLeidenschaften des Drama's, empfinden. Noch mehr: wollte\nman sogar den Hörer dieser Quelle des Genusses berauben\nund ihm nicht erlauben, seine Aufmerksamkeit von Neuem\nzu beleben, indem er sie einen Augenblick von seinem\nHauptgegenstande abwendet, so gäbe es dennoch eine\ngrosse Zahl von Fällen, wo der Tonsetzer allein berufen\nist, das Interesse der Oper aufrecht zu erhalten. In den\ncharakteristischen Aufzügen, Pantomimen, Märschen, in\nallen Stücken, wo die Instrumental-Musik allein sich gel-\ntend macht und welche daher des Wortes entbehren, wo\nbleibt da die Bedeutung des Dichters? Muss da die\nMusik nicht gezwungener Weise Zeichnung und Colorit\nzugleich sein?\nMit Ausnahme einiger jener glänzenden Orchester-\nsätze, in denen das Genie Rossini's so viel Anmuth spie-\nlend entfaltete, war noch vor dreissig Jahren sicherlich der\ngrösste Theil jener Instrumental-Compositionen, welche\ndie Italiäner mit dem Namen Ouvertüren beehrten, ein\nwunderlicher Unsinn. Aber von welcher Beschaffenheit\nmussten erst die vor hundert Jahren sein, da Gluck selbst,\nvon dem Beispiele fortgerissen, die unglaublich alberne\nComposition, betitelt: Ouvertüre zu Orpheus, seiner\nFeder entschlüpfen zu lassen sich nicht scheute, obgleich\nman übrigens keinen Augenblick verkennen kann, dass er\nals eigentlicher Musiker lange nicht so gross war, wie als\ndramatischer Componist! Für Alceste that er in dieser\nHinsicht mehr, und am meisten für Iphigenia in Aulis.\nSeine Lehre von den Charakter-Ouverturen gab den An-\nstoss zu späteren symphonischen Meisterwerken, welche\nungeachtet des Falles oder der tiefen Vergessenheit der\nOpern, für welche sie geschrieben waren, aufrecht erhal-\nten blieben, prächtigen Säulengängen versunkener Tempel\ngleich. Indess ist Gluck auch hier, einen richtigen Gedan-\nken übertreibend, aus den Gränzen der Wahrheit heraus-\ngegangen; diesmal aber nicht, um die Macbt der Musik\neinzuschränken, sondern um ihr eine beizulegen, welche\nsie nie besitzen wird. Es betrifft nämlich die Behauptung,\ndass die Ouvertüre die Handlung des Stückes ausdrücken\nmüsse. Der musicalische Ausdruck kann Freude, Schmerz,\nErnst, Lustigkeit abspiegeln; er vermag den charakteristi-\nschen Unterschied zwischen der Freude eines Hirtenvolkes\nund einer kriegerischen Nation, zwischen dem Schmerz\neiner Königin und dem Kummer einer einfachen Bäuerin,\nzwischen ernstem, ruhigem Nachsinnen und den feurigen\nPhantasieen, welche dem Ausbruche der Leidenschaften\nvorhergehen, wiederzugeben, aber weiter vermag er sich\nnicht zu versteigen. Indem die Musik ferner jeder Nation\nihren eigenthümlichen musicalischen Stil zuertheilt, vermag\nsie leicht das Ständchen eines Räubers in den Abruzzen\nvon dem eines tyroler oder schottischen Jägers, den Ge-\nsang eines geheimnissvollen nächtlichen Pilgerzuges von\ndem einer Gesellschaft vom Markte zurückkehrender Vieh-\nhändler zu unterscheiden; sie kann die Gegensätze zwischen\nRohheit, Gemeinheit, Lächerlichkeit und engelgleicher\nReinheit, Adel und Redlichkeit schildern. Aber sobald sie\ndiesen weiten, vielumfassenden Kreis überschreiten will,\nwird die Musik nothwendiger Weise zum Worte ihre Zu-\nflucht nehmen müssen, um die Lücke auszufüllen, welche\nihre Ausdrucksmittel in jedem Werke lassen müssen, das\nsich zugleich an den Geist und an die Phantasie wendet.\nSo vermag die Ouvertüre zur Alceste zwar die Scenen\ndes Schmerzes und der Zärtlichkeit auszudrücken, aber sie\nkann weder den Gegenstand dieser Zärtlichkeit, noch\ndie Ursachen dieses Schmerzes bezeichnen; auf keine\nWeise vermag sie dem Zuschauer deutlich zu machen, dass\nder Gatte Alcestens König von Thessalien und dem Tode\nverfallen ist, wenn sich nicht Jemand freiwillig für ihn\nopfert; doch ist dies eben der Gegenstand des Stückes.\nVielleicht erstaunt man, von dem Verfasser dieses Ar-\ntikels das Bekenntniss solcher Grundsätze zu vernehmen,\nDank gewissen Leuten, welche ihn eben so weit jenseits der\nGränze der Wahrheit vermeinten, oder sich so stellten, als sie\nselbst diesseits davon entfernt sind, und ihm daher folgerecht\nihre eigene Portion Lächerlichkeit vollständig angedeihen\nlassen. Dies sei ohne Groll, bloss im Vorbeigehen gesagt.\nDer dritte Punkt in der Lehre Gluck's, welchen ich\nzu bestreiten mir erlaube, ist derjenige, worin er erklärt,"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "351", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18631031-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1640, "texte": "auf die Erfindung neuer Gedanken keinen Werth gelegt\nzu haben. Zu seiner Zeit hatte man bereits sehr viel liniir-\ntes Papier verschmiert, und irgend welche neue musicali-\nsche Erfindung, mochte sie auch nur mittelbar mit der\ndramatischen Schilderung zusammenhangen, war gewiss\nnicht zu verschmähen.\nWas die anderen Sätze seiner Theorie anbelangt, so\nmöchte es wohl nicht möglich sein, sie mit irgend einer\nAussicht auf Erfolg zu bekämpfen, selbst den letzten nicht,\nwelcher eine Gleichgültigkeit gegen die Regeln kundgibt,\ndie in den Augen manches Professors gotteslästerlich er-\nscheinen könnte. Obgleich Gluck, ich wiederhole es, als\neigentlicher Musiker sich nicht mit einigen seiner Nachfol-\nger messen konnte, so war er es doch hinlänglich, um sei-\nnen Kritikern dasselbe erwidern zu dürfen, was Beethoven\neines Tages zu sagen sich erkühnte: „Werverbietet diese\nHarmonie? Fux, Albrechtsberger und zwanzig andere\nTheoretiker. Wohlan, ich erlaube sie!\" oder ihnen die\nlakonische Antwort eines unserer grössten Dichter zukom-\nmen zu lassen', als er eines seiner Werke dem Comite des\nTheätre Franqais vorlas und ein Mitglied dieses Areopags\nihn schüchtern inmitten seiner Vorlesung unterbrochen\nhatte. „Was gibt es, mein Herr?\" erwiderte der Dichter\nmit einer vernichtenden Ruhe.— „Nun, es scheint mir ...\nich finde ...\" „Was denn, mein Herr?\" „Dass dieser\nAusdruck nicht französisch ist.\" „So wird er es werden,\nmein Herr.\"\nDiese stolze Sicherheit ziemt sich noch viel mehr für\nden Musiker, als für den Dichter; er ist berechtigter, an\ndie künftige Zulassung seiner Neuerungen zu glauben, da\nseine Sprache nicht auf Uebereinkommen beruht."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1863-10-31-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabi_1863-10-31_01#c006", "volume": "bmtnabi_1863-10-31_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "351", "page_fin": "352", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18631031-01.2.6", "titre_corps": "Grstes Gesellschafts-Concert in Köln im Gürzenich, unter Leitung des städtischen Capellmeisters, Herrn Ferdinand Hiller, Dinstag, den 27. 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Beethoven, Christus am Oelberge (Sopran: Fräu-\nlein Georgine Schubert Tenor: Herr Wolters Bass: Herr\nBergstein).\nDie charakteristische Ouvertüre zu Collin's Trauerspiel Coriolan,\ngeschrieben im Winter von 1806 auf 1807, zum ersten Male aufge-\nführt im Herbste 1807 zu Wien, bleibt mit der Egmont-Ouverture,\nwelche in das Jahr 18U8 fällt, Muster eines musicalischen Prologs\nzu einem gesprochenen Drama; so viele Componisten sich auch ähn-\nliche Aufgaben gestellt haben, bei deren Lösung bloss musicalisch\ngenommen einige recht gute Arbeiten vorgekommen sind, es blei-\nben immer mehr oder weniger Concert-Ouverturen, deren Charakter\nzu dem Drama, dessen Titel sie an der Spitze führen, sehr proble-\nmatisch ist, und Keiner hat es erreicht, den ästhetischen, dramatisch-\nmusicalischen Forderungen an diese hohe Art von Programm-Musik\nund zugleich den rein musicalischen so-vollkommen zu genügen, wie\nBeethoven. Es war ein Genuss, dieses Werk einmal wieder in recht\npräciser und kräftiger Ausführung zu hören.\nHerr Georg Japha aus Königsberg, früher in Leipzig unter\nDavid s Leitung gebildet, zuletzt in London in den besten musicali-\nschen -Kreisen beliebt und geschätzt, trat hier in Köln, wohin er an\ndie Stelle des so früh dahingeschiedenen Grunwald berufen worden,\nzum ersten Male auf. Wir heissen ihn willkommen als sehr tüchti-\ngen Violinspieler und gebildeten, bescheidenen Künstler. Sein Vor-\ntrag des Mendelssohn'schen Concertes zeichnete sich durch vollkom-\nmene Reinheit und Schönheit des Tones, wenn auch nicht Grösse\ndesselben, aus und gewann durch die bedeutende technische Fertig-\nkeit und Eleganz in den Passagen bei ausdrucksvoller Phrasirung\nder melodischen Stellen die Gunst des Publicums, welche sich durch\nlebhaften Applaus und Hervorruf bekundete.\nMozarts Ave verum wurde recht gut gesungen; besonders\nmachte die Wiederholung durch den grossen Chor im p und pp\neinen schönen Eindruck.\nDen Schluss des ersten Theiles des Concertes machte eine prä-\ncise, feurige und genau schattirte Ausführung der Suite in D-moll\nfür Orchester von Franz Lachner, unter der Leitung des Meisters\nselbst, der auf die Einladung des Concert-Vorstandes uns die grosse\nFreude gemacht hat, ihn hier zu sehen. Schon am Vorabende des\nConcertes brachte ihm der Kölner Männer-Gesangverein unter Franz\nWeber's Direction durch eine Serenade und den Vortrag einiger Ge-\nsänge von seiner Composition eine Huldigung dar, welcher Herr\nProf. Vack, derzeit Präsident des Vorstandes des Vereins, in be-\nredten Worten Ausdruck gab. Das Concert-Publicum empfing ihn\nim Gürzenich mit rauschendem Applaus, den das Orchester- und\nChor-Personal und Fanfaren verstärkten. Das vortreffliche sympho-\nnische Werk, das wir bereits in Nr. 42 dieser Zeitung bei Gelegen-\nheit von dessen Aufführung am Musikfeste zu München besprochen\nhaben, machte auch hier den ungemein günstigen Eindruck, der bei\ndieser so ausgezeichneten Composition durch eine entsprechende Aus-\nführung sich überall wiederholen wird. Jeder Satz rief den lautesten\nBeifall hervor, der am Schlüsse des Ganzen sich zu einer allgemei-\nnen und begeisterten Ovation für den Meister aus Süddeutschland\ngestaltete.\nDie zweite Abtheilung des Concertes füllte Beethoven's „Chri-\nstus am Oelberge\" aus, von ihm selbst „Cantate\", später durch\nden Verleger „Oratorium\" genannt. Die Entwürfe zu diesem Werke\n(den Verfasser des Textes finden wir nirgends genannt) sind im Som-\nmer 1801 zu Hetzendorf unter einer Eiche im Walde des anstossen-\nden Parks von Schönbrunn entstanden; aufgeführt wurde es zum\nersten Male den 5. April 1803 zu Wien, gedruckt erst 1810. Es\nist hier nicht der Ort, über die Auffassung des erhabenen Gegenstan-\ndes mit dem grossen Meister zu rechten; musicalisch betrachtet,\nstimmen wir mit dem wiener Referenten der Allg. Musik-Zeitung\nvom Jahre 1803 überein, welchem die Aufführung „sein schon lange\ngefasstes Urtheil bestätigte, dass Beethoven mit der Zeit eben die\nRevolution in der Musik bewirken könne, wie Mozart: mit grossen\nSchritten eile er zum Ziele\". Jedenfalls aber sollte man den Namen"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "352", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18631031-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 721, "texte": "wieder herstellen; in Holland wird das Werk mit einem\nanderen, der Musik untergelegten Texte, „Die Maccabäer\" genannt,\ngegeben.\nDie Ausführung war in den Chören, bis auf einigen Mangel an\nSicherheit in dem Verdammungs-Chore, recht gut; die Männerchöre\nzeichneten sich besonders aus. Fräulein Georgine Schubert sang\ndie brillante Partie des Seraphs; die technischen Schwierigkeiten\nund die hohe Lage überwand sie mit Fertigkeit und Sicherheit;\ngerade in der Höhe war bei reiner Intonation ihre Stimme klang-\nvoller, als in der mittleren Tonregion, was bei dem Tenor Herrn\nWolters an diesem Abende umgekehrt der Fall war. Herr Berg-\nstein war recht gut bei Stimme und brachte die Partie des Petrus\nbefriedigend zur Geltung."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1863-10-31-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabi_1863-10-31_01#c007", "volume": "bmtnabi_1863-10-31_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "352", "page_fin": "352", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18631031-01.2.7", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "352", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18631031-01.1.8", "debut_caractere": 723, "fin_caractere_exclue": 3507, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nFreib«u*g im llreisgau, im October. Kürzlich wurde\nden hiesigen Kunstfreunden ein seltener Genuss zu Theil: der gross-\nherzoglich weimar'sche Concertmeister Herr August Kömpel trug\ngelegentlich eines Besuches bei seinem Freunde Dr. Muck, Capell-\nmeister des hiesigen Theaters, Mendelssohn's Violin-Concert und\nSpohr's Gesangsscene vor. Fern von jeder Effecthasclierei, wusste\nder genannte Künstler durch seinen markigen Ton und edlen Vor-\ntrag, unterstützt von einer brillanten Technik, einen wahren Zauber\nauf die Zuhörer zu üben. Musste man einerseits das glockenreine,\nzierlich-elegante Passagenspiel bewundern, so machte uns anderer-\nseits die seelenvolle Wiedergabe der Adagios das Instrument völlig\nvergessen und glich dem unmittelbaren Erguss der tiefsten Empfin-\ndung eines im Reiche der Töne sich offenbarenden Gemüthes.\nSchliesslich ist es uns aber auch noch Pflicht, der Leistungen des\nvon Herrn Dr. Muck geschaffenen und mit Umsicht und Energie\ngeleiteten Orchesters zu erwähnen, welches durch die ausgezeichnete\nBegleitung der gedachten Nummern eine schöne Probe seiner Tüch-\ntigkeit abgelegt hat. Der bescheidene Künstlergast, gewöhnt, von\nHofcapellen begleitet zu werden, sah sich veranlasst, demselben sei-\nnen anerkennenden Dank auszusprechen. Reichlich mit Beifall und\nHervorruf belohnt, von Freundeshand mit einem Erinnerungsbecher\nbeehrt, schied Herr Kömpel von uns; möge es ihm möglich sein,\nnochmals im Laufe dieser Saison uns zu besuchen, wie er ver-\nsprach! Dr. R.\nf TrieStj 19. October. Als eine erfreuliche Thatsache kann\nich Ihnen melden, dass unser Publicum, das bis jetzt an nichts als\nan Verdi u. s. w. Geschmack fand, nicht allein sich den Werken\nMozart's, Beethoven's und Mendelssohn's zuwendet, sondern sogar\nSchumann bewundert. Man hat dies besonders der eifrigen Propa-\nganda, die Alfred Jaell bei seinem längeren Aufenthalte hier in\nseiner Vaterstadt für classische und gute neuere Musik macht, zu\nverdanken, wozu die hiesigen Künstler und namentlich auch der\nSchiller-Verein unter der Leitung des Violinisten J. Heller thätigst\nmitgewirkt haben. Nicht bloss Ciavierwerke von Schumann, wie\ndessen Quintett, die grosse Sonate „Florestan und Eusebius14 u. s. w.\nerregten, durch Jaell vorgetragen, Begeisterung, sondern selbst die\nViolin-Quartette, auch das von Brahms in A-dur, fanden lebhafte\nTheilnahme.\nAlfred Jaell hat nach einem Hofconcerte beim Erzherzog\nMaximilian, welches dieser den mexicanischen Abgeordneten zu\nEhren veranstaltete, einen kostbaren Diamantring mit des Erzherzogs\nNamenszug und Krone in Brillanten erhalten.\nVerdfs La forza del destino ist hier gelinde durchgefallen,\nobwohl die Oper von Celebritäten wie die Bendazzi, Tenor Gra-\nziani, Bariton Squarcia u. s. w. ausgezeichnet gesungen wurde."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "345", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18631031-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nRückblicke auf den Realismus in der Musik. Der wiener Manner-Gesangverein (Jahresbericht). Der Salzunejer Sän-\nGerchor in Thüringen. Von £r. M. Hector Berlioz über Gluck's System. Erstes Gesellschafts-Concert in Köln im Gürzenich.\nPages- und Unterh a 1 tungsb 1 att (Freiburg im Breisgau, Concert von August Kömpel Triest, Alfred Jacllf Musikzustände).\n\nRückblicke auf den Realismus in der Musik.\nDie erste Berücksichtigung der Textesworte durch\nmusicalische Declamation finden wir bei dem Gründer der\nvenetianischen Schule, Adrian Willaert(f 1563); der Ge-\nsang wird zum Theil syllabisch, da er sich dem Texte an-\nschliesst. Die jüngere römische Schule beginnt bereits der\nDeutlichkeit des Wort-Ausdrucks das Künstlerische dver\nForm zu opfern. Namentlich trat aber in den weltlichen\nCompositionen mit einer Art von Nothwendigkeit das Stre-\nben, dem Sinne des Textes, ja, des einzelnen Wortes zu\ngenügen, hervor, zumal seitdem die Chromatik erfunden\nund geübt wurde.\nIm Dienste der Kirche war die Tonkunst Stimme des\nWortes Gottes und seines als Dank oder Bitte, Jubel oder\n♦\nKlage austönenden Wiederhalls im Gemüthe. Namentlich\nwar die später erfolgte harmonische Construction ganz ge-\neignet, die geheimnissvolle Pracht des katholischen Cultus\nzu erhöhen. Aber für die Darstellung des bewegten In-\nhalts, welcher im Volke lebendig wird, war sie durchaus\nungenügend. Die ersten Versuche innerhalb des alten Sy-\nstems, Darstellungsmittel für eine individuellere Zeichnung\nzu gewinnen, wurden durch die Chromatik gemacht. Bei\nCyprian de Rore und Orlandus Lassus gilt sie immer noch\nnur als Mittel einer charakteristischen Umfärbung, bei den\nVenetianern, namentlich Johann Gabrieli, hilft sie dagegen\nschon das alte System weit über ihre ursprünglichen Grän-\nzen hinaus erweitern.\nBei dem genialen Chromatiker, dem Zeitgenossen\nGabrieli's, Luca Marenzio (-{* 1599), der sie in seinen welt-\nlichen Gesängen, seinen Madrigalen, ausserordentlich häu-\nfig anwendet, bildet die Tonart eigentlich nur den Rahmen,\ninnerhalb dessen Gränzen er eine Reihe mannigfacher und\nlebendiger Bilder entwickelt, und namentlich durch seine\nfremden und ungewöhnlichen Ausweichungen dem Sinne\nund Geiste der Worte gerecht zu werden trachtet. Win-\nterfeld („Gabrieli\", Th. II.) sagt darüber: „Denn auf\nWort-Ausdruck, lebendigen, möglichst anschaulichen, ist\nsein eigenstes Streben gerichtet; aus der bei ihm vorwal-\ntenden Richtung auf das Einzelne musste es ihm notwen-\ndig hervorgehen. Nicht etwa, dass er, wie die Meister zu\nAnfange des siebenzehnten Jahrhunderts, vorzugsweise ge-\ntrachtet hätte, den Gesang der Rede näher zu bringen,\ndass er derselben ihre eigentümlichen Laute, wie erhöhte\nGemütsbewegung sie mannigfach gestaltet und färbt, ab-\nzulauschen gesucht. Auch hierin ist ihm unabsichtlich Vie-\nles gelungen: allein das bezeugen alle seine Werke als das\nHauptziel seiner künstlerischen Thätigkeit, das hat er durch\nBewegung und Maass, durch Zusammenklänge und melo-\ndische Wendungen zu erreichen gesucht, dass jedem ein-\nzelnen Wortbilde der von ihm gewählten Gedichte ein\nübereinstimmendes, in sich verständliches Tonbild gesellt\nwerde. Mit erhöhter Lebendigkeit tritt auf diese Weise\nein jedes der Bilder, von denen die Liebeslieder seiner\nZeit und seines Volkes erfüllt sind, in seinen Madrigalen\nvor uns hin: der Glanz schöner Augen, zärtliches Gir-\nren, das Spielen leicht bewegter Lichtwellen, wie es den\nTönen überhaupt, wie seiner Zeit namentlich, vergönnt sein\nkonnte, es darzustellen, und nicht selten mit überraschen-\nder Anschaulichkeit. Oft freilich wird das allgemeine Bild\nseines Gedichtes durch Wortmelodieen solcher Art auch\nvöllig verlöscht, wie es namentlich in seiner vierstimmigen\nBehandlung von Pelrarca's zweihundert neunundsechszig-\nstem Sonnette geschehen ist. Wenn der verwaiste Dichter\ndort in seinen letzten drei Versen sagt, dass „ „der Ge-\nsang der Vöglein, die blühenden Auen, die zarte Erschei-\nnung schöner, keuscher Frauen nur eine Wüste ihm zeige\nund wilde, grausame Ungetüme\"\", so ist der Tonkünst-\nler bemüht gewesen, jedes dieser einzelnen Bilder mit aller\nBestimmtheit, die ihm nur gelingen mochte, uns vor das\nOhr und so vor ein inneres Auge zu bringen. Es erwächst\nihm dadurch eine Reihe schneidender, durch nichts ver-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "346", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18631031-01.1.2", "texte": "mittelter Gegensätze; der trauernde Dichter und\nseine Stimmung geht ihm völlig darüber verlo-\nren*). Diese vorherrschende Hinneigung auf das Einzelne\nfinden wir aber auch auf seine geistlichen Tonwerke über-\ntragen; weniger auf seine Messen, wo die Sitte seiner Zeit\nund zumal seines Wohnortes (Rom) ein strengeres An-\nschliessen an die vorhandenen Formen erheischte, als auf\nseine Behandlung einzelner Theile der Psalmen und der\naus ihnen gezogenen Responsorien und Antiphonien.\n„Nicht minder berühmt, als er, war Karl Gesualdo,\nFürst von Venosa, als Madrigalen-Componist. Eine der\nhervorstechendsten Eigentümlichkeiten der Madrigalen\ndieses Meisters beteht in Anwendung grell missklin-\ngender Tonverhältnisse, deren Auflösung (wenn\nsie in Zusammenklängen hervortreten) durch\nunerwarteten, melodischen Fortschritt, statt zu\nt\nberuhigen, nur mit geschärfter Ilerbigkeit in\ndas Ohr dringt; in Zusammenstellung der fremdesten\nZusammenklänge, seien sie auch wohllautende, bei welcher\nwir vergebens nach einer inneren Beziehung im Sinne der\nHarmonik jener Zeit forschen, in reicher Anwendung chro-\nmatischer Töne, die wir später wiederum unter anderen\nNamen, in verschiedener Beziehung gebraucht finden\nalles Eigenschaften, welche deren Ausführung ohne genaue\nVorbereitung seinen Mitlebenden fast unmöglich machten,\ndiesen aber durch Neuheit dennoch einen Reiz\ngewährten, der sie leicht zur Ueberschätzung\nverleitete**). Durch allen jenen Aufwand von Kunstmit-\nteln sucht der Meister, gleich dem Marenzio, die Worte\nseiner Dichter zu malen, nur dass er nicht, wie jener,\ndurch Bilderreichthum angezogen wird, durch starke, be-\nstimmt ausgesprochene Empfindungen, sondern durch sinn-\nreiche Gedankenspiele, aus denen die Worte Tod und Le-\nben, Qual und Wollust, Schmerz und Freude, wie sie in\nwitzigem Wechselspiele verflochten und einander entge-\ngengesetzt sind, von ihm aufgefasst werden, damit sie,\ndurch Töne belebt, grell hervortreten. War bei\nMarenzio in Uebereinstimmuiig des Anfangs und Schlusses\ndie Tonart mindestens als äussere Einfassung noch vorhan-\nden, so fehlt eine solche bei seinem fürstlichen Nebenbuh-\nler völlig, und nur nach dem Schlüsse vermögen wir zu\nbestimmen, dass das Werk einer Tonart angehöre. So\nschreitet Venosa in einem Gedichte, dessen Anfang vom\nSterben im Schmerze redet, im Basse durch einen kleinen\nIlalblon, sodann einen grossen fort, in den Tönen cis-c-h;\nI '' I r| 1\nder harle Dreiklang von eis beginnt, der Sext-Accord auf\ndfolgt ihm, und diesem schliesst der harte Dreiklang von\nh sich an, dem wiederum der Sext-Accord folgt, auf dem-\nselben Grundtone, aber mit der kleinen Terz. Diese in\nlang verhallenden Tönen erscheinende Reihe von Zusam-\nmenklängen vermag uns das bestimmte Gefühl keiner Ton-\nart zu erwecken, am mindesten die Ahnung eines künfti-\ngen Schlusses in amit der grossen Terz, welcher den gan-\nzen Gesang beendet.\n„Die genannten Meister ahnten die Notwendigkeit,\nsie fühlten das Bedürfniss eines anderen Ton-Systems, das\nfür die Darstellung der individuellen Züge des Gemüthes\ndie nöthigen Mittel besitzt. Sie fühlten die Unzulänglichkeit\ndes alten Systems, und indem sie es nach dem Sinne des\nallen griechischen zu durchbrechen vermeinten, halfen sie\ndas neue mit fördern, es aus dem alten heraus neu con-\nstruiren, das indess zu vollständiger Erscheinung erst im\nVolksliede kommen sollte, wo die beiden Richtungen, die\nvolksmässige und kunstmässige, sich gegenseitig ergänzen,\nund dann hieraus sich ein neues Musiktreiben und Musik-\nempfinden von selbst gestaltet.\" •\nEs ist bekannt, dass dieses realistische Streben bald\nin ein ganz krasses Extrem ausartete, indem man sich\nnicht mehr begnügte, das einzelne Wort durch irgend eine\nWendung hervorzuheben, sondern es sogar äusserlich\ndurch Farben illuslrirte, z. B. Wiese, Laub, Wald grün,\nandere Worte, ihrem Sinne entsprechend, roth, gelb oder\nblau malte.\nUebrigens gingen schon die Niederländer bei ihren\nweltlichen Compositionen in den Nachahmungen der Natur\nund der Ereignisse des weltlichen Lebens durch die Musik\nsehr weit, wovon wir im Jahrgange VIII. Nr. 19 der Nie-\nderrheinischen Musik-Zeitung (vom 5. Mai 1860) bei Ge-\nlegenheit der Anzeige von F. Commer's Band XII der\nCollectio Musicorum Batavorumschlagende Beispiele aus\nClemens Jannequin's Les Cris Nicol. Gombert's\nLe Chant des Oyseaux,Jannequin's und\ndu lievregegeben haben lauter mehrstimmigen Gesän-\ngen, welche die realistischen und pittoresken Tonsetzer\nunserer Tage überraschen müssen und ihre lächerlichen\nBehauptungen, dass die Tonkunst erst durch .sie zu ei-\nnem bedeutsamen Inhalt gekommen, lustig genug Lü-\ngen strafen.\n*) Ist das nicht in der declamatorischen Gesang-Composition der\nNeueren und Neuesten gerade wieder eben so der Fall, und\nist demnach diese Art von Fortschritt nicht ein arger Rück-\nschritt?\n**) Mutatis mutandis Alles, wie heute!\n*\n\nDer wiener Männer-Gesangverein.\nAus dem neunten Jahresberichte des Vereins\n(vom 1. October 1862 bis 1. October 1863), verfasst\nvon Dr. H. von Billing, d. Z. Schriftführer, theilen wir\nfolgende Nachrichten von allgemeinerem Interesse mit."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "347", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18631031-01.1.3", "texte": "Am 26. October beging der Verein die Gedächtniss-\nfeier seiner Gründung durch ein Hochamt in der Hof- und\nBurg-Pfarrkirche zu St. Augustin, bei welcher er eine in\nWien noch nicht gehörte deutsche Messe von Franz\nSchubert für Männerchor zur Aufführung brachte. —-\nFür das Denkmal Heinrich Marschn er's wurden 200\nFl. als Beitrag bestimmt.\nAuf die erste Kunde hin, dass sich auf Anregung des\nAusschusses des schwäbischen Sängerbundes in Stuttgart\nein Comite gebildet habe, um dem dahingeschiedenen\nUhland ein Denkmal zu setzen, beschloss der Verein in\nseiner Versammlung am 20. November einstimmig, die-\nsem Zwecke 200 Fl. aus der Vereinscasse zuzuführen,\nund hatte die Genugthuung, dass sein Beitrag einer der\nersten war, der dem Monument-Ausschusse zukam.\nAls die grosse Nar»renschlacht am'Carnevalstage ge-\nschlagen war und man übersah, was man erkämpft, so\nfand man, dass auf dem Wahlplatze nichts geblieben war\nals ein Reinertrag von 3150 Fl. Einen Betrag von\n2500 Fl. verleibte der Verein dem Schubert-Fonds ein,\n300 Fl. widmete er zur Unterstützung brodloser Weber,\n100 Fl. zur Stiftung für einen blinden Sänger in der An-\nstalt zur Versorgung und Beschäftigung erwachsener Blin-\nder. Weitere 100 Fl. des Erlöses beschloss der Verein\nzur Unterstützung der mittellosen Witwe seines jüngst\nverstorbenen Mitgliedes zu verwenden. Endlich widmete\ner 50 Fl. dem Palm-Monumentfonds, 50 Fl. dem Unter-\nstützungs-Fonds für arme, ausgezeichnete Zöglinge des\nwiener Conservatoriums, und die letzten 50 Fl. wandte\ner einer mittellosen nahen Verwandten Fr. Schubert's zu.\nFerdinand Stegmeyer, früher einige Jahre Chor-\nmeister des Vereins, dann Dirigent der wiener Sing-Aka-\ndemie, starb nach längerer Krankheit in ziemlich gedrück-\nten Verhältnissen. Der Verein erwies dem Todten durch\nAbsingung eines Trauerchors die letzte Ehre und beschloss\nzugleich in seiner Versammlung vom 8. Mai, der Witwe\ndes Dahingeschiedenen zur augenblicklichen Linderung\nihrer Verlassenheit 100 Fl. zur Verfügung zu stellen.\nDas erste Volks-Concert veranstaltete der Verein\nam 31. Mai auf der Schabrösselwiese im Prater. Trotz\ndes unfreundlichen Wetters hatten sich etwa 8000 Zuhö-\nrer eingefunden, und nicht einmal der heftigste Regenguss\nvermochte sie zum Weichen zu bringen. Wenn der Wie-\nner, der sonst beim ersten fallenden Regentropfen davon\nläuft, sich einen tüchtigen Guss gefallen lässt und ruhig\nausharrt, so muss er schon etwas zu sehen oder zu hören\nbekommen, was sich dieser Resignation lohnt. Das Publi-\ncum bewahrte aber nicht nur die nöthige Ruhe, sondern\nauch den grössten Anstand. Durch volle drei Stunden\nwogte die bunte Masse durch einander, ohne dass nur Ein\nMisston die schöne Harmonie störte. So viel wir über-\nblicken konnten, hatte das Bürgerthum das grösste Con-\ntingent des Publicums gestellt. Die Arbeiterclasse das\nbemerkten wir mit Bedauern war nur äusserst spärlich\nvertreten. Desto zahlreicher hatte sich das Militär einge-\nfunden, und man sah von der Generals-Uniform bis zum\nGemeinen herab fast alle Chargen vertreten. Der Platz\nvor der Iribune war natürlich am dichtesten besetzt; was\nhier nicht mehr Raum finden konnte, hatte sich auf dem\ngrünen Rasen in den malerischsten Gruppen gelagert. Un-\ngeachtet des geringen Eintrittsgeldes (30 Kr.) waren die\nbedeutenden Auslagen nicht nur vollständig gedeckt, son-\ndern es ergab sich noch ein Reinertrag von 400 Fl., wel-\nchen der Verein dem Schubert-Fonds einzuverleiben be-\nschloss.\nDer Liederkranz von Oedenburg lud den Männer-Ge-\nsangverein zur Theilnahme an dem österreichisch-ungari-\nschen Sängerfeste am 28. und 29. Juni ein. Der Verein\nhatte dem Bufe gern Folge geleistet. Konnte man sich da-\nbei doch nicht verhehlen, dass in der Zusammenkunft von\nSängern diesseit und jenseit der Leitha ein eigentüm-\nliches Zeichen der allversöhnenden Zeit liege, und dass der\nZug des Vereins nach Oedenburg wohl geeignet sei, neuer-\ndings durch die Harmonie des Gesanges auf die Harmonie\ndes politischen Lebens Einfiuss nehmen zu können. Die\nBewohner Oedenburgs hatten es sich nicht nehmen lassen,\ndie fremden Sänger gastlich bei sich aufzunehmen, und es\nmochte wohl keiner derselben Ursache gefunden haben,\nan der sprüchwörtlichen ungarischen Gastfreundlichkeit,\ndie nicht nur gastlich, sondern auch, was noch mehr,\nfreundlich ist, irre zu werden. Dem Chormeister Herbeck\nwar die Direction der Gesammtchöre anvertraut. Die Ge-\nsangs-Vorträge gingen, besonders mit Rücksicht darauf,\ndass die Sänger zum erstert Male zusammensangen, präcis\nund gerundet. Das Concert-Programm enthielt in wech-\nselnder Folge Gesammt-Vorträge der ungarischen und\nder deutschen Gesangvereine („Froher Wandersmann\",\n„Liedesfreiheit\", „Nacht\" von Schubert, „Untreue\", „Lo-\nreley\" und Herbeck's „Zum Walde\"), dann Einzel-Vor-\nträge der ungarischen Gesangvereine von Oedenburg, Raab,\nGüns, Pressburg, theils einzeln, theils gruppenweise ver-\neint, dann solche der Liedertafel „Frohsinn\" und des Män-\nner-Gesangvereins. Der erste Toast beim Festmahle am\n29. galt dem Monarchen, und unter lautem Jubel ward\nbeschlossen, dem Kaiser telegraphisch den Huldigungs-\ngruss der in Oedenburg versammelten deutschen und un-\ngarischen Sänger nach Laxenburg zu melden. Se. Majestät\nliess umgehend den Sängern durch den ungarischen Hof-\nkanzler Grafen Forgäch den Ausdruck seiner Anerkennung\nund seines Wohlgefallens zu erkennen geben.\n\nn"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "348", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18631031-01.1.4", "texte": "Am 7. Juli erschien die Ernennung des Herrn Her-\nbeck zum k. k. Vice-Hof-Capellmeister durch Se. Majestät.\nAm 19. Juli fand das zweite Volks-Concert Statt.\nAm 23. August Mitwirkung des Vereins bei dem gros-\nsen Volksfeste. Vortrag von acht Nummern. Zuhörer über\n20,000. Nach Absingung der Volks-Hymne musste auf\nallgemeines Verlangen „Das deutsche Vaterland\" und „Das\ndeutsche Lied\" angestimmt werden.\nAm 13. September gemeinschaftliches Concert der\npressburger Liedertafel und des Vereins zu Pressburg.\nAuf dem Bahnhofe in Pressburg, der mit ungarischen,\nösterreichischen und deutschen Flaggen geschmückt\nwar, festlich und herzlich empfangen, zogen die Sänger\nzur Schiessstätte, wo ein Frühstück ihrer harrte und eine\nkleine Probe der Gesammtchöre abgehalten wurde. Um\n11 Uhr begann das Concert im Redoulensaale, der von\neinem sehr gewählten Publicum gedrängt erfüllt war. Stür-\nmischer Applaus empfing schon beim Erscheinen den Ver-\nein und Chormeister Herbeck, dem auch die Leitung der\nmit den Liedertafeln von Pressburg und Hainburg zu sin-\ngenden Gesammtchöre „Loreley\", „Untreue\" und „Wi-\nderspruch\" anvertraut war. Dann folgten abwechselnd\nungarische und deutsche Gesänge. Bei der Abfahrt reich-\nten sich unter den Klängen des „deutschen Liedes\" und\ndes „Scöz atuDeutsche und Ungarn die Bruderhand ein\nGlockenzeichen, und der Zug verlässt unter nicht enden\nwollenden Zurufen der Menschenmenge den Bahnhof.\nZur Statistik des Vereins gehören folgende Notizen:\nDie Zahl der ausübenden Mitglieder beträgt 255,\nund zwar 53 erste, 63 zweite Tenöre, 72 erste und 67\nzweite Bässe. Laut Vereins-Beschlusses war die Aufnahme\nnur auf vorzüglich wünschenswerte Kräfte beschränkt\nworden. Unterstützende Mitglieder zählte der\nVerein 471.—Der Stand des Vereins-Vermögens ist\nder beste seit dem Bestehen des Vereins, und es muss dies\num so schwerer in die Wagschale fallen, als dem Vereine\nin diesem Jahre manche ausserordentliche Auslagen er-\nwuchsen. Ausser den laufenden Auslagen, dem Ehrensolde\nfür den Chormeister und der Pension für die Witwe eines\num den Männergesang hochverdienten Componisten, wies\nder Verein zur Auszahlung aus der Casse an: für das\nMarschner-Denkmal 200 Fl., für das Uhland-Denkmal\n200 Fl., für das Körner-Denkmal 20Thlr., für die Witwe\nStegmeyer 100 Fl., für ein Vereins-Mitglied, anlässlich des\nin seiner Wohnung verübten Diebstahls, 100 Fl., für den\nAnkauf von Eintrittskarten zum Volksfeste 48 Fl. Ausser-\ndem hat der Verein in diesem Jahre über 3476 Fl. 95\nKr. dem Schubert-Fonds und für sich allein 650 Fl. hu-\nmanen Zwecken zugeführt. Ehren-Ducaten an Compo-\nnisten für Erst-Aufführungen wurden zwölf gezahlt.\nDer Fonds für das Schubert-Denkmal ist auf 14,000 Fl.\nangewachsen.\nIn dem Anhange, welcher die Programme sämmtlicher\nProductionen enthält, gewahren wir mit Vergnügen dem\nbei Weitem grössten Theile nach nur Namen tüchtiger\nComponisten.\n\nDer Salzunger Sängerchor in Thüringen.\n\nMittwoch den 16. September versammelte sich in\nHildburghausen eine grosse Anzahl Geistlicher aus\nden thüringen'schen Landen zu einer Pastoral-Conferenz.\nAn diese schloss sich selbigen Tages, Abends 4 Uhr, ein\nConcert des Salzunger Sängerchors in der leider\nschlecht akustischen Hofkirche, welche, nebenbei bemerkt,\neinem Tanzsaale ähnlicher sieht, denn einer Kirche. (?)\nZur Aufführung kamen: 1) „Was habe ich dir ge-\nthan, mein Volk?\" —die Improperien von Palestrina für\nzwei Chöre; 2) Kyrie von Ludovico da Vittoria; 3) Vere\nlanquores nostros, für dreistimmigen Knabenchor von An-\ntonio Lotti; 4) jExuliate Deo von Allessandro Scarlatti;\n5) „Du Hirte Israels\", Chor von Dmitry Bortniansky; 6)\nMotette, fünfstimmig von Michael Bach; 7) Tantum, ergo,\nfünfstimmige Hymne von Cherubini; 8) Der 25. Psalm,\nachtstimmig von H. A. Neidhardt. Mit Ausnahme von\nNr. 1 wurde, wo lateinischer Text, dieser gesungen;\nwarum nicht auch bei Nr. 1? Weil das der Sängerchor\nin seiner salzunger Kirche verwendet und daher mit deut-\nschem Texte zu singen gewohnt ist.\nBei Nr. 1 möchte nur Eines zu bemerken sein, dass\neine Abscbattirung in ein pp, das schier nur mehr ein\nHauchen ist, dem Wesen der alten Gesänge in so fern nicht\nentspricht, als jenes wohl concertmässig, aber nicht cultus-\ngemäss ist, etwa wohl noch in einem am\nOrte sein dürfte, aber nicht in einem Gotteshause*). Nr.\n2 wurde offenbar zu langsam genommen; in Coburg, wo\nam nächsten Tage eine Wiederholung des Concertes Statt\nfand, war das Tempo richtiger. Ganz prachtvoll und mit\nhinreissender Frische sang der Chor Nr. 4. Beim Anhören\nvon Nr. 6 war dem Schreiber dieses besonders lieb, ge-\n\n*) Wenn die Tonkunst in der Kirche wirksam sein soll, so müs-\nsen ihre Werke auch künstlerisch behandelt werden, eben so\nwie die Werke der Architektur und der Malerei. Artet der\nAusdruck in Ziererei aus, so ist er allerdings nicht zu billi-\ngen, und dahin würde freilich auch ein schroffer Wechsel des\nff und pp gehören; allein gegen das pp an und für sich kann\nman nichts haben, da es häufig der religiösen Stimmung sehr\nentsprechend ist. Bei solchen Dingen kommt es überall am\nmeisten auf das Wie der Ausführung an.\nDie Redaction."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "349", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18631031-01.1.5", "texte": "dachte Motette von M. Bach vor einiger Zeit erst in Hän-\nden gehabt zu haben*). Etwas Feines, modern zwar, aber\nedel durch und durch, ist das von Cheru-\nbini; es wurde aber auch meisterhaft gesungen. Nr. 8,\neine lange Schlange mit theilw«ise prächtigem Schiller,\nfür Ohren, die für die bei Palestrina u. s. w. empfun-\ndene Langeweile nach Entschädigung verlangen. Die\nschönste Partie an diesem Psalm hatten die Worte des\nzweiten Verses.\nVorstehende acht Nummern wurden von 34 Knaben\nund 17 Erwachsenen gesungen.\nWer ist nun der Salzunger Sängerchor, und wie kam\ner dazu, Derartiges leisten zu können?\nDa hat vor zwölf Jahren ein junger Mann (jetzt\nmag er 36 Jahre zählen) in der kleinen Salinenstadt Sal-\nzungen, ein ganz schlichter Schulmeister und Cantor, an-\ngefangen, sich einen Chor zu bilden, mit welchem er le-\ndiglich Vocal-Kirchenmusik für seine Stadtkirche zurich-\ntete, und daraus ist unter der geschickten und festen Lei-\ntung dieses strebsamen, gewandten und doch so beschei-\ndenen Mannes ein Chor geworden, der als Missionar der\nheiligen Musica in thüringen'schen Landen reisen kann\n%\nund durch seine wahrhaft künstlerische Behandlung alter\nund neuerer Kirchenmusik die Herzen für das Evangelium\nin Tönen und für die Töne des süssen Evangeliums zu\nerwecken vermag. Möchten viele Herren Musik-Dirigenten\nund Cantoren es dem unscheinbaren, trefflichen salzunger\nCantor nachthun; lernen könnten die Herren übergenug\nvon ihm **).\nEine Frage schliesslich noch. Ist es recht, das Gottes-\nhaus zu einem Concerthause zu machen, wo musicalische\nGenüsse, und wenn auch kirchlichen Inhalts, gegen Ein-\ntritts-Gebühr geboten werden? Ein Christ, der in sei-\nner Kirche nur das Gotteshaus sieht, hat auf solche\nFrage nur ein entschiedenes Nein; ein kirchlicher Sinn kann\nsich mit dieser Uebung nicht befreunden. Es gibt, in Süd-\ndeutschland namentlich, noch Gemeinden, wo die Geist-\nlichkeit es nicht wagen dürfte, Erlaubniss dazu zu geben.\nWäre es in solchen Fällen nicht möglich, die Erstattung\nder Reisekosten und anderer Auslagen, wie auch eine\nDankesbeweisung für den gehabten Kunstgenuss theils\ndurch freiwillige Beiträge vermögender Gemeindeglieder,\ntheils durch eine Verehrung (wie man es sonst nannte)\naus der Kirchencasse zu ermöglichen? —Auf diese Art\nmöchten Kunstpllege und Kunslgenuss mit der Wah-\nrung der Würde des Gotteshauses zu vereinigen sein*).\n\n*) Von Johann Michael Bach, dem Bruder Johann Chri-\n(1643—1703)? Welche Motette?\nDie Redaction.\n**) Warum verschweigt der geehrte Herr Correspondent den Na-\nmen des wackeren Mannes?\nDie Redaction.\n\nFr. M.\n\nHector Berlioz über Gluck’s System.\nDie Grundsätze Gluck's, wie er sie in seiner Vorrede\nzur Oper Alceste ausgesprochen, und mit denen man seit\neinigen Jahren einen so ungeheuren und lächerlichen Miss-\nbrauch getrieben hat, sind gewiss wohlbegründet und be-\nruhen auf tiefem Gefühle für echt dramatische Musik.\nHat aber Gluck, indem er diese Lehre verbreitete,\nderen damalige Nothwendigkeit auch der geringste Kunst-\nsinn und selbst der einfachste Menschenverstand anerken-\nnen musste, zuweilen nicht die daraus gezogenen Schluss-\nfolgerungen übertrieben? Schwerlich kann man sich nach\neiner unparteiischen Prüfung dieser Erkenntniss verschlies-\nsen, und er selbst ist in seinem Werke mannigfach davon\nabgewichen. So findet man in der italiänischen Al-\nceste bloss vom bezifferten Bass und wahrscheinlich vom\nCiavier begleitete Recitative, wie sie damals in den italiäni-\nschen Theatern üblich waren, welche durch diese Beglei-\ntungs- und Recitationsweise einen schneidenden Abstand\nzwischen Recitativ und Arie bilden.\nMehreren dieser Arien geht eine ziemlich lange In-\nstrumental-Einleitung vorher; der Sänger hat während der-\nselben zu schweigen und das Ende des Ritornells abzuwar-\nten. Ausserdem wendet Gluck öfter eine Arienform an,\nwelche er nach seiner Theorie dramatischer Musik hätte\nin die Acht erklären müssen. Ich meine die Arien mit\nWiederholungen, in denen jeder Theil zwei Mal vorkommt,\ngleichsam als hätte das Publicum ein Da capo verlangt,\nohne dass irgend etwas diese Wiederholungen zu begrün-\nden vermöchte, z. ß. in der Arie der Alceste:\n„Ich liebte nie für mich das Leben,\nLieb' es nur aus Liebe für Dich!\nAch! und mit Freuden eile ich,\nFür Dich und Dein Glück es hinzugeben !\nWarum, sobald die Melodie an der Cadenz auf der\nDominante angelangt ist, ohne die geringste Veränderung\nweder in der Singstimme noch in der Instrumentation,\ndiese ganze Stelle wiederholen?\n\n*) Wir ehren das Gefühl, aus welchem die ausgesprochene An-\nsicht entspringt, glauben jedoch, dass der Herr Correspondent\netwas zu strenge die Lösung einer Eintrittskarte, von deren\nBezahlung man doch in der Kirche selbst nichts gewahr wird,\nverurtheilt, während das Herumgehen von Becken und gar die\nMahnung des Klingelbeutels jedenfalls weit störender sind.\nDie Redaction."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "350", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18631031-01.1.6", "texte": "Zweifellos wird der gesunde dramatische Sinn davon\nbeleidigt, und wenn irgend Jemand sich dieses Verstosses\ngegen die Natur und die Wahrscheinlichkeit hätte enthal-\nten sollen, so wäre es wahrlich Gluck. Dennoch hat er ihn\nin fast allen seinen Werken begangen. Dagegen findet\nman kein Beispiel davon in der neueren Musik, und die\nComponisten, welche nach Gluck kamen, haben sich in\ndieser Hinsicht strenger gezeigt, als er.\nWeiter: Wenn er sagt, dass die Musik eines lyrischen\nDrama's keine andere Aufgabe hat, als zum Gedichte das\nhinzuzufügen, was das Colorit zur Zeichnung, so glaube\nich, dass er in einem wesentlichen Irrthum befangen ist.\nDie Aufgabe des Opern-Componisten ist meiner Meinung\nnach von ganz anderer Tragweite. Sein Werk enthält\nZeichnung und Färbung, und um den Vergleich Gluck's\nzu vervollständigen, so bezeichnen die Worte bloss den\nGegenstand des Gemäldes, schwerlich etwas mehr. Der\nAusdruck ist nicht alleiniger Zweck der dramatischen Mu-\nsik; auch wäre es eben so ungeschickt, wie pedantisch, das\nrein sinnliche Vergnügen zu verschmähen, welches wir bei\ngewissen Wirkungen der Melodie, der Harmonie, des\nRhythmus und der Instrumentation, unabhängig von ihren\nBeziehungen zur Schilderung der Seelenbewegungen und\nLeidenschaften des Drama's, empfinden. Noch mehr: wollte\nman sogar den Hörer dieser Quelle des Genusses berauben\nund ihm nicht erlauben, seine Aufmerksamkeit von Neuem\nzu beleben, indem er sie einen Augenblick von seinem\nHauptgegenstande abwendet, so gäbe es dennoch eine\ngrosse Zahl von Fällen, wo der Tonsetzer allein berufen\nist, das Interesse der Oper aufrecht zu erhalten. In den\ncharakteristischen Aufzügen, Pantomimen, Märschen, in\nallen Stücken, wo die Instrumental-Musik allein sich gel-\ntend macht und welche daher des Wortes entbehren, wo\nbleibt da die Bedeutung des Dichters? Muss da die\nMusik nicht gezwungener Weise Zeichnung und Colorit\nzugleich sein?\nMit Ausnahme einiger jener glänzenden Orchester-\nsätze, in denen das Genie Rossini's so viel Anmuth spie-\nlend entfaltete, war noch vor dreissig Jahren sicherlich der\ngrösste Theil jener Instrumental-Compositionen, welche\ndie Italiäner mit dem Namen Ouvertüren beehrten, ein\nwunderlicher Unsinn. Aber von welcher Beschaffenheit\nmussten erst die vor hundert Jahren sein, da Gluck selbst,\nvon dem Beispiele fortgerissen, die unglaublich alberne\nComposition, betitelt: Ouvertüre zu Orpheus, seiner\nFeder entschlüpfen zu lassen sich nicht scheute, obgleich\nman übrigens keinen Augenblick verkennen kann, dass er\nals eigentlicher Musiker lange nicht so gross war, wie als\ndramatischer Componist! Für Alceste that er in dieser\nHinsicht mehr, und am meisten für Iphigenia in Aulis.\nSeine Lehre von den Charakter-Ouverturen gab den An-\nstoss zu späteren symphonischen Meisterwerken, welche\nungeachtet des Falles oder der tiefen Vergessenheit der\nOpern, für welche sie geschrieben waren, aufrecht erhal-\nten blieben, prächtigen Säulengängen versunkener Tempel\ngleich. Indess ist Gluck auch hier, einen richtigen Gedan-\nken übertreibend, aus den Gränzen der Wahrheit heraus-\ngegangen; diesmal aber nicht, um die Macbt der Musik\neinzuschränken, sondern um ihr eine beizulegen, welche\nsie nie besitzen wird. Es betrifft nämlich die Behauptung,\ndass die Ouvertüre die Handlung des Stückes ausdrücken\nmüsse. Der musicalische Ausdruck kann Freude, Schmerz,\nErnst, Lustigkeit abspiegeln; er vermag den charakteristi-\nschen Unterschied zwischen der Freude eines Hirtenvolkes\nund einer kriegerischen Nation, zwischen dem Schmerz\neiner Königin und dem Kummer einer einfachen Bäuerin,\nzwischen ernstem, ruhigem Nachsinnen und den feurigen\nPhantasieen, welche dem Ausbruche der Leidenschaften\nvorhergehen, wiederzugeben, aber weiter vermag er sich\nnicht zu versteigen. Indem die Musik ferner jeder Nation\nihren eigenthümlichen musicalischen Stil zuertheilt, vermag\nsie leicht das Ständchen eines Räubers in den Abruzzen\nvon dem eines tyroler oder schottischen Jägers, den Ge-\nsang eines geheimnissvollen nächtlichen Pilgerzuges von\ndem einer Gesellschaft vom Markte zurückkehrender Vieh-\nhändler zu unterscheiden; sie kann die Gegensätze zwischen\nRohheit, Gemeinheit, Lächerlichkeit und engelgleicher\nReinheit, Adel und Redlichkeit schildern. Aber sobald sie\ndiesen weiten, vielumfassenden Kreis überschreiten will,\nwird die Musik nothwendiger Weise zum Worte ihre Zu-\nflucht nehmen müssen, um die Lücke auszufüllen, welche\nihre Ausdrucksmittel in jedem Werke lassen müssen, das\nsich zugleich an den Geist und an die Phantasie wendet.\nSo vermag die Ouvertüre zur Alceste zwar die Scenen\ndes Schmerzes und der Zärtlichkeit auszudrücken, aber sie\nkann weder den Gegenstand dieser Zärtlichkeit, noch\ndie Ursachen dieses Schmerzes bezeichnen; auf keine\nWeise vermag sie dem Zuschauer deutlich zu machen, dass\nder Gatte Alcestens König von Thessalien und dem Tode\nverfallen ist, wenn sich nicht Jemand freiwillig für ihn\nopfert; doch ist dies eben der Gegenstand des Stückes.\nVielleicht erstaunt man, von dem Verfasser dieses Ar-\ntikels das Bekenntniss solcher Grundsätze zu vernehmen,\nDank gewissen Leuten, welche ihn eben so weit jenseits der\nGränze der Wahrheit vermeinten, oder sich so stellten, als sie\nselbst diesseits davon entfernt sind, und ihm daher folgerecht\nihre eigene Portion Lächerlichkeit vollständig angedeihen\nlassen. Dies sei ohne Groll, bloss im Vorbeigehen gesagt.\nDer dritte Punkt in der Lehre Gluck's, welchen ich\nzu bestreiten mir erlaube, ist derjenige, worin er erklärt,"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "351", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18631031-01.1.7", "texte": "auf die Erfindung neuer Gedanken keinen Werth gelegt\nzu haben. Zu seiner Zeit hatte man bereits sehr viel liniir-\ntes Papier verschmiert, und irgend welche neue musicali-\nsche Erfindung, mochte sie auch nur mittelbar mit der\ndramatischen Schilderung zusammenhangen, war gewiss\nnicht zu verschmähen.\nWas die anderen Sätze seiner Theorie anbelangt, so\nmöchte es wohl nicht möglich sein, sie mit irgend einer\nAussicht auf Erfolg zu bekämpfen, selbst den letzten nicht,\nwelcher eine Gleichgültigkeit gegen die Regeln kundgibt,\ndie in den Augen manches Professors gotteslästerlich er-\nscheinen könnte. Obgleich Gluck, ich wiederhole es, als\neigentlicher Musiker sich nicht mit einigen seiner Nachfol-\nger messen konnte, so war er es doch hinlänglich, um sei-\nnen Kritikern dasselbe erwidern zu dürfen, was Beethoven\neines Tages zu sagen sich erkühnte: „Werverbietet diese\nHarmonie? Fux, Albrechtsberger und zwanzig andere\nTheoretiker. Wohlan, ich erlaube sie!\" oder ihnen die\nlakonische Antwort eines unserer grössten Dichter zukom-\nmen zu lassen', als er eines seiner Werke dem Comite des\nTheätre Franqais vorlas und ein Mitglied dieses Areopags\nihn schüchtern inmitten seiner Vorlesung unterbrochen\nhatte. „Was gibt es, mein Herr?\" erwiderte der Dichter\nmit einer vernichtenden Ruhe.— „Nun, es scheint mir ...\nich finde ...\" „Was denn, mein Herr?\" „Dass dieser\nAusdruck nicht französisch ist.\" „So wird er es werden,\nmein Herr.\"\nDiese stolze Sicherheit ziemt sich noch viel mehr für\nden Musiker, als für den Dichter; er ist berechtigter, an\ndie künftige Zulassung seiner Neuerungen zu glauben, da\nseine Sprache nicht auf Uebereinkommen beruht.\n\nGrstes Gesellschafts-Concert in Köln im Gürzenich,\nunter Leitung des städtischen Capellmeisters, Herrn\nFerdinand Hiller,\nDinstag, den 27. October 1863.\nProgramm. I. Theil. 1. Beethoven, Ouvertüre zu Coriolan.\n2. Mendelssohn, Concert für die Violine (Herr George Japha).\n3. Mozart, Ave verum corpus. 4. Franz Lachner, Suite in\nD-moll für Orchester.\n11. Theil. Beethoven, Christus am Oelberge (Sopran: Fräu-\nlein Georgine Schubert Tenor: Herr Wolters Bass: Herr\nBergstein).\nDie charakteristische Ouvertüre zu Collin's Trauerspiel Coriolan,\ngeschrieben im Winter von 1806 auf 1807, zum ersten Male aufge-\nführt im Herbste 1807 zu Wien, bleibt mit der Egmont-Ouverture,\nwelche in das Jahr 18U8 fällt, Muster eines musicalischen Prologs\nzu einem gesprochenen Drama; so viele Componisten sich auch ähn-\nliche Aufgaben gestellt haben, bei deren Lösung bloss musicalisch\ngenommen einige recht gute Arbeiten vorgekommen sind, es blei-\nben immer mehr oder weniger Concert-Ouverturen, deren Charakter\nzu dem Drama, dessen Titel sie an der Spitze führen, sehr proble-\nmatisch ist, und Keiner hat es erreicht, den ästhetischen, dramatisch-\nmusicalischen Forderungen an diese hohe Art von Programm-Musik\nund zugleich den rein musicalischen so-vollkommen zu genügen, wie\nBeethoven. Es war ein Genuss, dieses Werk einmal wieder in recht\npräciser und kräftiger Ausführung zu hören.\nHerr Georg Japha aus Königsberg, früher in Leipzig unter\nDavid s Leitung gebildet, zuletzt in London in den besten musicali-\nschen -Kreisen beliebt und geschätzt, trat hier in Köln, wohin er an\ndie Stelle des so früh dahingeschiedenen Grunwald berufen worden,\nzum ersten Male auf. Wir heissen ihn willkommen als sehr tüchti-\ngen Violinspieler und gebildeten, bescheidenen Künstler. Sein Vor-\ntrag des Mendelssohn'schen Concertes zeichnete sich durch vollkom-\nmene Reinheit und Schönheit des Tones, wenn auch nicht Grösse\ndesselben, aus und gewann durch die bedeutende technische Fertig-\nkeit und Eleganz in den Passagen bei ausdrucksvoller Phrasirung\nder melodischen Stellen die Gunst des Publicums, welche sich durch\nlebhaften Applaus und Hervorruf bekundete.\nMozarts Ave verum wurde recht gut gesungen; besonders\nmachte die Wiederholung durch den grossen Chor im p und pp\neinen schönen Eindruck.\nDen Schluss des ersten Theiles des Concertes machte eine prä-\ncise, feurige und genau schattirte Ausführung der Suite in D-moll\nfür Orchester von Franz Lachner, unter der Leitung des Meisters\nselbst, der auf die Einladung des Concert-Vorstandes uns die grosse\nFreude gemacht hat, ihn hier zu sehen. Schon am Vorabende des\nConcertes brachte ihm der Kölner Männer-Gesangverein unter Franz\nWeber's Direction durch eine Serenade und den Vortrag einiger Ge-\nsänge von seiner Composition eine Huldigung dar, welcher Herr\nProf. Vack, derzeit Präsident des Vorstandes des Vereins, in be-\nredten Worten Ausdruck gab. Das Concert-Publicum empfing ihn\nim Gürzenich mit rauschendem Applaus, den das Orchester- und\nChor-Personal und Fanfaren verstärkten. Das vortreffliche sympho-\nnische Werk, das wir bereits in Nr. 42 dieser Zeitung bei Gelegen-\nheit von dessen Aufführung am Musikfeste zu München besprochen\nhaben, machte auch hier den ungemein günstigen Eindruck, der bei\ndieser so ausgezeichneten Composition durch eine entsprechende Aus-\nführung sich überall wiederholen wird. Jeder Satz rief den lautesten\nBeifall hervor, der am Schlüsse des Ganzen sich zu einer allgemei-\nnen und begeisterten Ovation für den Meister aus Süddeutschland\ngestaltete.\nDie zweite Abtheilung des Concertes füllte Beethoven's „Chri-\nstus am Oelberge\" aus, von ihm selbst „Cantate\", später durch\nden Verleger „Oratorium\" genannt. Die Entwürfe zu diesem Werke\n(den Verfasser des Textes finden wir nirgends genannt) sind im Som-\nmer 1801 zu Hetzendorf unter einer Eiche im Walde des anstossen-\nden Parks von Schönbrunn entstanden; aufgeführt wurde es zum\nersten Male den 5. April 1803 zu Wien, gedruckt erst 1810. Es\nist hier nicht der Ort, über die Auffassung des erhabenen Gegenstan-\ndes mit dem grossen Meister zu rechten; musicalisch betrachtet,\nstimmen wir mit dem wiener Referenten der Allg. Musik-Zeitung\nvom Jahre 1803 überein, welchem die Aufführung „sein schon lange\ngefasstes Urtheil bestätigte, dass Beethoven mit der Zeit eben die\nRevolution in der Musik bewirken könne, wie Mozart: mit grossen\nSchritten eile er zum Ziele\". Jedenfalls aber sollte man den Namen"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "352", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18631031-01.1.8", "texte": "wieder herstellen; in Holland wird das Werk mit einem\nanderen, der Musik untergelegten Texte, „Die Maccabäer\" genannt,\ngegeben.\nDie Ausführung war in den Chören, bis auf einigen Mangel an\nSicherheit in dem Verdammungs-Chore, recht gut; die Männerchöre\nzeichneten sich besonders aus. Fräulein Georgine Schubert sang\ndie brillante Partie des Seraphs; die technischen Schwierigkeiten\nund die hohe Lage überwand sie mit Fertigkeit und Sicherheit;\ngerade in der Höhe war bei reiner Intonation ihre Stimme klang-\nvoller, als in der mittleren Tonregion, was bei dem Tenor Herrn\nWolters an diesem Abende umgekehrt der Fall war. Herr Berg-\nstein war recht gut bei Stimme und brachte die Partie des Petrus\nbefriedigend zur Geltung.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nFreib«u*g im llreisgau, im October. Kürzlich wurde\nden hiesigen Kunstfreunden ein seltener Genuss zu Theil: der gross-\nherzoglich weimar'sche Concertmeister Herr August Kömpel trug\ngelegentlich eines Besuches bei seinem Freunde Dr. Muck, Capell-\nmeister des hiesigen Theaters, Mendelssohn's Violin-Concert und\nSpohr's Gesangsscene vor. Fern von jeder Effecthasclierei, wusste\nder genannte Künstler durch seinen markigen Ton und edlen Vor-\ntrag, unterstützt von einer brillanten Technik, einen wahren Zauber\nauf die Zuhörer zu üben. Musste man einerseits das glockenreine,\nzierlich-elegante Passagenspiel bewundern, so machte uns anderer-\nseits die seelenvolle Wiedergabe der Adagios das Instrument völlig\nvergessen und glich dem unmittelbaren Erguss der tiefsten Empfin-\ndung eines im Reiche der Töne sich offenbarenden Gemüthes.\nSchliesslich ist es uns aber auch noch Pflicht, der Leistungen des\nvon Herrn Dr. Muck geschaffenen und mit Umsicht und Energie\ngeleiteten Orchesters zu erwähnen, welches durch die ausgezeichnete\nBegleitung der gedachten Nummern eine schöne Probe seiner Tüch-\ntigkeit abgelegt hat. Der bescheidene Künstlergast, gewöhnt, von\nHofcapellen begleitet zu werden, sah sich veranlasst, demselben sei-\nnen anerkennenden Dank auszusprechen. Reichlich mit Beifall und\nHervorruf belohnt, von Freundeshand mit einem Erinnerungsbecher\nbeehrt, schied Herr Kömpel von uns; möge es ihm möglich sein,\nnochmals im Laufe dieser Saison uns zu besuchen, wie er ver-\nsprach! Dr. R.\nf TrieStj 19. October. Als eine erfreuliche Thatsache kann\nich Ihnen melden, dass unser Publicum, das bis jetzt an nichts als\nan Verdi u. s. w. Geschmack fand, nicht allein sich den Werken\nMozart's, Beethoven's und Mendelssohn's zuwendet, sondern sogar\nSchumann bewundert. Man hat dies besonders der eifrigen Propa-\nganda, die Alfred Jaell bei seinem längeren Aufenthalte hier in\nseiner Vaterstadt für classische und gute neuere Musik macht, zu\nverdanken, wozu die hiesigen Künstler und namentlich auch der\nSchiller-Verein unter der Leitung des Violinisten J. Heller thätigst\nmitgewirkt haben. Nicht bloss Ciavierwerke von Schumann, wie\ndessen Quintett, die grosse Sonate „Florestan und Eusebius14 u. s. w.\nerregten, durch Jaell vorgetragen, Begeisterung, sondern selbst die\nViolin-Quartette, auch das von Brahms in A-dur, fanden lebhafte\nTheilnahme.\nAlfred Jaell hat nach einem Hofconcerte beim Erzherzog\nMaximilian, welches dieser den mexicanischen Abgeordneten zu\nEhren veranstaltete, einen kostbaren Diamantring mit des Erzherzogs\nNamenszug und Krone in Brillanten erhalten.\nVerdfs La forza del destino ist hier gelinde durchgefallen,\nobwohl die Oper von Celebritäten wie die Bendazzi, Tenor Gra-\nziani, Bariton Squarcia u. s. w. ausgezeichnet gesungen wurde."}]}