{"numero_id": "bm-bmtnabi-1863-12-26-01", "volume": "bmtnabi_1863-12-26_01", "ocr_sha256": "5e500358e8aca6dee9bbe70d553db978b4abf96ea5115405d73d3902dedb57f2", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1863/12/26_01/bmtnabi_1863-12-26_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18631226-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1863-12-26-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1863-12-26_01#c001", "volume": "bmtnabi_1863-12-26_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "409", "page_fin": "409", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18631226-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "409", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18631226-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 385, "texte": "Inhalt.\nCarl Maria von Weber (Ein Lebensbild). 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S. Nr. 51.)\nNach dem Inhalt der Vorrede, die wir in den Haupt-\nsachen mitgetheilt haben, und noch mehr aus der Art\nund Weise, wie sich der Verfasser über den Charakter\nseines Buches ausspricht, ist man versucht, zu glauben,\ndass uns in dieser Biographie C. M. von Weber's nichts\nals eine zusammenhangende Erzählung der Ereignisse sei-\nnes Lebens mit gar keiner oder wenigstens nur geringer\nBücksichtnahme auf die Entwicklung seines Talentes als\nKünstler und auf seine schöpferische Thätigkeit geboten\nwäre. Dem ist jedoch glücklicher Weise nicht also, und\nwenn der Verfasser gegen die Künstler-Biographen pole-\nmisirt, die mehr eine Analyse und Kritik der Werke ihres\nHelden, als eine Geschichte des äusseren und inneren Le-\nbensganges desselben, oder wenigstens vorzugsweise jene\ngeben, so geschieht dies wohl nur, um gewisser Maassen\ndie Unzulänglichkeit seiner musikwissenschaftlichen Bil-\ndung zu entschuldigen und die entgegengesetzte Behand-\nlungsart, welche vorzugsweise rein historisch und nur in\nBezug auf das Biographische kritisch ist, die Kritik der\nWerke aber nicht zur Hauptsache macht, zu rechtferti-\ngen. Sein Buch gibt aber dem Leser, wenn dieser es an\nder Hand der Weber'schen Werke durchliest, hinreichen-\ndes Material, theils aus fremdem, theils aus des Verfassers\neigenem, wenn auch nicht lief motivirtem Urlheil, sich\nden Entwicklungsgang des Künstlers Weber zur An-\nschauung zu bringen, ohne dem Leser die subjective An-\nsicht des Biographen über diesen Entwieklungs-Process\naufzudringen, wie das bei anderen Künstler-Biographieen\nzuweilen der Fall ist.\nFreilich, wenn der Verfasser S. VII der Vorrede sagt:\no\n„Nichts wäre leichler gewesen, als viele Seiten dieses Bu-\nches mit den üblichen Musikkrilik-Tiraden über Weber's\nWerke zu füllen, die allenthalben ihr unbestreitbares\nBecht gehabt hätten, da in der Musik eben Jeder seine\nWahrheit für sich hat und daher die Darlegung des Em-\npfindens eines Subjectes fast absolut werthlos für das\nandere istu —so geht er darin fast unverantwortlicher\nWeise zu weil. Denn erstens mag es allerdings leicht sein,\nein Buch mit „Musikkrilik-Tiraden\" zu füllen, und wir"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "410", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18631226-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5321, "texte": "haben Beispiele davon bei Fabrik-Arbeitern, <!ie über das\nMaterial, welches urkundliche Forschung herbeigeschafft\nund wissenschaftliche Kritik durchdrungen hat, wie über\nwillkommene Beule herfallen und es zu schöngeistigen\nPlagiaten benutzen. Aber schwer, sehr schwer ist es, nicht\nP 7\nKritik-Tiraden, sondern in den Geist der musicalischen\nerke eindringende Analysen und Kritiken zu geben, das\nschaffende Genie in seiner geheimen Werkstatt zu belau-\nschen, dem Plane und der stufenweisen Ausführung des-\nselben zum vollendeten Wunderbau nachzuforschen und\nmit Versenkung der eigenen Phantasie in die fremde Eigen-\ntümlichkeit zu ahnen, was den Melodieen und Harmo-\nnieen des Meisters ihren Ursprung und ihren Charakter\ngegeben, und das Geahnte mit Kenntniss und Geschick\ndarzulegen. Wem es also gegeben ist, die wahre äslhe-\ntisch-musicalische Kritik auch in der Biographie eines\nTonkünstlers üben zu können, der ist nicht allein dazu\nberechtigt, sondern er wird dadurch seiner Arbeit auch\neinen grossen Reiz und für den Musiker eine belehrende\nBedeutung verleihen. Zweitens geht der Verfasser zu weit,\nwenn er die musicalische Kritik ausschliesslich auf „die\nEmpfindung des Subjectes\" begründet darstellt: es gibt\ndenn doch auch in der Tonkunst wie in den anderen Kün-\nsten allgemein güllige Grundsätze der Kritik und Aesthe-\nlik, die für jeden Beurlheiler eines musicalischen Werkes\nmaassgebend sind, und es wäre eine traurige Erfahrung,\nwenn alles, was über das musicalisch Schöne in Anwen-\ndung auf die Erzeugnisse der Tonkunst von Paleslrina,\nBach und Händel bis auf Mendelssohn, Schumann und\nunsere zeitgenössischen Componisten gedacht und ausge-\nsprochen worden, für uns „fast absolut werlhlos\" sein\nsollte! .\nAllein der Herr Verfasser hat sich wohl in diesen\nAeusserungen nur dadurch zu weit gehen lassen, weil er\nsich gegen diejenige Behandlungsart der Künstler-Biogra-\nphie erklären wollte, welche aus den Werken eines Mu-\nsikers sein Leben zu construiren sich anmaasst, welche\nsich vermisst, den Entwicklungs-Process des von Gott ge-\ngebenen Funkens apodiktisch festzustellen und die Ent-\nstellung, Folge, Form und Inhalt der Schöpfungen des\nGenies als jedes Mal aus inneren Gründen noth wendig\nund gar nicht anders möglich uns aufzudemonslriren.\nDergleichen Deuterei verhält sich zur kritischen Wissen-\nschalt und historischen Forschung wie die Astrologie zur\nAstronomie, und wenn Herr Max von Weber gegen\nsolche psychologische Wahrsagerei auftritt und ihre\nAnwendung bei der Abfassung der Biographie seines Va-\nters verschmäh!, so geben wir ihm darin vollständig Becht,\nwe 1 wir durchaus keine Freunde von der Sucht sind, bei\ndem Schaffen grosser Geister mit Hintansetzung aller Er-\nfahrung über äussere Veranlassungen und Verhältnisse\nund der auch dem Genie anhaftenden Menschlichkeiten,\nder Welt das Dogma aufzudrängen, dass seine ganze Pro-\nduetion so folgen musste und gar nicht anders sein\nkonnte. Wie schwer ist es nicht, bei lebenden und\nselbst mit uns sehr vertrauten Tonkünsllern, Dichtern und\nSchriftstellern die inneren oder äusseren Veranlassungen\nzu ihrem Schaffen zu ergründen und von einander zu un-\nterscheiden, und der Biograph eines längst Verstorbenen\nwill auf Untrüglichkeit in solchen Dingen Anspruch ma-\nchen? Es ist bekannt, wie weit z. B. in Hinsicht auf\nShakespeare die Fanatiker desselben diese Art von Kritik\nselbst bis in das Einzelste treiben und vor der Lächerlich-\nkeit nicht zurückweichen, auch seine fadesten Witze oder\nzotig plumpen Spässe für nothwendig in seinem Ent-\nwicklungsgange, um auf die Höhe der tragischen Pro-\nduetion zu gelangen, zu erklären und desshalb wunder-\nschön zu finden.\nDer Verfasser von C. M. von Weber's Biographie\nschliesst jedoch das eigene und fremde Urlheil über dessen\nWerke durchaus nicht so ganz und gar aus, wie man es\nnach seinen Aeusserungen in der Vorrede vermulhen\nkönnte; man darf nur in diesem ersten Bande, der We-\nber's Leben bis zum Jahre 1816 umfasst, alles das, was\nüber die bis dahin vollendeten Compositionen —z. B. über\ndie ersten Opern „Das Waldmädchen\", „Peter Schmoll\",\n„Sylvana\", „Abu Hassan\", über einige Cantaten und Lie-\nder, das Clavier-Concert in Eu. s. w. gesagt ist,\nnachlesen, um sich vom Gegenlheil zu überzeugen. Eine\nins Einzelne gehende Analyse darf man aber nicht er-\nwarten.\nWas nun die eigentliche Lebensbeschreibung betrifft,\nso bietet diese einen reichen und in hohem Grade interes-\nsanten Inhalt dar, dessen Darstellung uns- fesselt und ein\nanziehendes Bild von dem gibt, was C. M. von Weber\nunter den ungünstigsten Verhältnissen seiner Jugend bis\nzu der Zeil geworden, wo er die Anstellung als königli-\ncher Capellmeister in Dresden (vom 21. December 1816)\nam ersten Weihnachtstage 1816 erhielt.\nDas Ganze zerfällt in vier Abtheilungen, von de-\nnen drei in zwei Bänden das Lebensbild des Meisters, die\nvierte (der dritte Band) eine neu redigirle Ausgabe von\nC. M. v. Weber's hinterlassenen Schriften enthalten werden.\nDer vorliegende erste Band umfasst die beiden ersten Ab-\ntheilungen der Lebensbeschreibung, welche die Ueber-\nschriften erhalten haben, die Weber selbst diesen Ab-\nschnitten seines Lebens und Wirkens zu geben pflegte.\nDie erste: „Jugend-, Lehr- und Wanderjahrc\" (von 1786\nbis 1812), ist in 12 Abschnitten abgehandelt (S. 1—394),\ndie zweite: „Joch-Jahre\", in 3 Abschnitten (S. 399 546)."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "411", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18631226-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5325, "texte": "Nach einem Rückblicke auf die Vorfahren Wcber's,\nwelche aus Oberösterreich stammen und meist alle eine\nbesondere Vorliebe für Musik und Theater besassen. gibt\nuns der Verlasser ein sehr interessantes Charakterbild von\nFranz Anton von Weber, dem Vater des Componisten,\ndurch welches er die bisherigen Vorstellungen, die wir\nuns von demselben als Major, Kammerherrn u. s. w., wie\nihn die lexikalischen Artikel über Carl Maria betiteln, ge-\nmacht haben, unbarmherzig zerstört und den wunderlichen\nMann, der es in seinem Leben niemals zu einer festen\nStellung brachte und leider eben so wenig durch Würde\ndes Charakters und der Grundsätze glänzte, streng nach\nden Resultaten seiner Forschungen schildert. Ohne irgend\nein Fachstudium getrieben zu haben, aber mit Anlagen\nlür Musik und alles Theatralische ausgestattet, dabei ein\nschöner Mann mit Cavalier-Manieren, war er Fahnen-\njunker, Lieutenant der Reichsarmee bei Rossbach, Actuar,\nAmtmann, Hofkammerrath, vermögend, arm, Musiker auf\neigene Hand, Musik-Director in Lübeck, Capellmeister in\nEutin, Stadtmusicus daselbst in traurigen Umständen (un-\nter denen am 18. December 1786 Carl Maria geboren\nwurde), dann Theater-Director auf ewiger Wanderung.\nIn dieser letzten Zeit schrieb und nannte er sich allerdings\nMajor, ist es aber nie gewesen.\nUnter solchen Verhältnissen erblickte Weber das Licht\nder Welt und verlebte er seine Jugend!\nHören wir darüber den Verfasser seiner Biographie\nin einem Bruchstücke aus dem zweiten Abschnitte, das\nzugleich als Probe der Darstellung dienen mag.\n„Der Knabe kränkelte viel, besonders quälte ihn ein\nörtliches Leiden, das seinen Sitz im Oberlheile des Schen-\nkelknochens gehabt zu haben scheint. Er wurde vier Jahre\nalt, ehe er selbständig gehen lernte, und jede angestrengte\nBewegung machte ihm Schmerz. Dieses Leiden hat sich\nnie ganz verloren und war Ursache des später an Weber\nbemerkten Lahmgehens auf dem rechten Fusse. In der\nKindheit hinderte es ihn anfänglich sehr, an den Spielen\nseiner Altersgenossen Theil zu nehmen; er war, besonders\nso lange sein Vater die Hoffnung hegte, ein Wunderkind\naus ihm zu machen, und der unaufhörliche Musik-Unter-\nricht ihn nervös reizte und degoulirte, ängstlich und auf-\ngeregt und trug Scheu vor den inneren und äusseren Be-\nwegungen und Kraflanstrengungen, mit denen Knaben-\nleben und Knabenstreit unvermeidlich verknüpft ist. Spä-\nter, als sein frohmuthiges, elastisches Temperament bei\nfreierem Schwünge seines Geistes die Oberhand über die\näusseren Hindernisse gewann, der Knabe inne wurde, dass\nsich um ihn, trotz seiner körperlichen Schwäche, die Ge-\nfährten mit einer Art Deferenz sammelten, und seine Seele\ndie Fertigkeit gewann, ihre Thätigkeil von den Einflüssen\nkörperlicher Leiden fast ganz zu befreien, entwickelte sich\nin dem Kinde eine Lebensfülle, die oft fast zum Ueber-\nmuthe wurde und ihn sogar zur Seele aller Kraft- und\nSchelmenstucke machte, die im Kreise seiner Spielgefähr-\nten ausgeführt wurden. Die erwähnte, von frühester Ju-\ngend aus geübte Fertigkeit, die Geistesarbeit über den\nDruck des kranken Leibes zu erheben, hat es Weber\nallein möglich gemacht, die Offenbarungen seines Genius\nin ihrer ganzen Gesundheilsfülle zu verkörpern, denn das\nGefühl des Gesunden, des Entbürdetseins vom Körper,\nden man nicht empfindet, weil er nichts verlangt, hat\nWeber nie gekannt. Unter den Mahnrufen der Schwäche,\nden Misstönen des Schmerzes, aus den Dumpfheiten der\nBeklemmung heraus hat er die Klänge erlauschen müssen,\ndie uns und unsere Epigonen durch ihre Quellenfrische\nund ihren Waldesduft erquicken und erquicken werden.\n„In seinen Musikunterricht theilten sich sein Vater\nund sein Stiefbruder Fridolin (der schlechtweg Fritz ge-\nnannt wurde). Das arme Kind genoss mit Unlust die ihm\nzum Ueberdruss vorgesetzte Kost und schien zu seines\nVaters Verzweiflung fast ganz talentlos. Fridolin rief einst-\nmals, so erzählt Weber selbst eine seiner frühesten Ju-\ngenderinnerungen, den Violinbogen, mit dem er ihn im\nZorne mehrmals über die kleinen, ungeschickten Hände\ngeschlagen hatte, wegwerfend, aus: „„Carl, Du kannst\nvielleicht Alles werden, aber ein Musiker wirst Du nim-\nmermehr !\"\"\n„Zum Glück verlor Franz Anton die Geduld nicht so\nschnell, auch scheint mit der Entwicklung des Knaben die\nBegabung mehr durchgeleuchtet zu haben, so dass der\nUnterricht auch bei den Umzügen der Weber'schcn\nOperngesellschaft nach Erlangen und Augsburg in den\nJahren 1793—1794 fortgesetzt wurde.\n„Aber wenn auch der musicalische Sinn Wcber's in\ndieser frühen Jugend-Periode nicht zum Erwachen des\nTalentes eines Wunderkindes gebracht wurde, so hatten\ndie Verhältnisse, unter denen der Knabe seine ersten Ju-\ngendjahre verlebte, die ersten starken und unverlöschlichen\nEindrücke empfing, doch die gewaltigsten Einflüsse auf\ndie spätere Entwicklung in der Richtung seines Talentes.\nSie waren es hauptsächlich, die ihm seinen durch und\ndurch echt dramatischen Charakter aufprägten, in dem\nein grosser Theil der Ursprünglichkeit seiner Schöpfun-\ngen beruht. /\n„Der Spielplatz im llause, auf den Strassen, in Gar-\nten, Wald und Wiese, das Kampfesfeld auf den Bänken\nder Schule, auf dem sich sonst die Grundlagen der An-\nschauungen des Knaben-Seelenlebens, des Charakter-Auf-\nbaues legen, blieben dem Kinde fast fremd. Zweifelsohne\nsind die Spiele, die ihn mit seinen Altersgenossen vergnüg-\n\nn"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "412", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18631226-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5475, "texte": "ten und in denen so oft der Keim zu der ganzen späteren\nAnschauungsweise liegt, so weit ihm seine Körperzustände\nKrälte dazu liehen, zum Theil ähnliche gewesen, wie die,\nwelche das Treiben der Freistunden anderer Knaben be-\nwegen, aber ihr Schauplatz war ein anderer, und es\nmischten sich Elemente hinein, die sonst den Kinder-An-\nschauungen fern liegen. Sohn des Thealer-Directors, Ge-\nspiele der Kinder der Schauspieler und Musiker, durch\nseine Schwäche an die Nähe seiner Eltern gebunden, war\nlür ihn das Theater, das Orchester, die Bühne die Welt,\ndie sonst dem Knaben Strasse, Garten und Hof umschliesst.\nDie Schlachten, die sonst die Knabenschar mit Knütteln\nund Gerten auf der Haide schlägt, wurden von diesen\nKindern mit silberpapierbeklebten Schwertern und pappe-\nnen Schilden, die Abends ihre Väter als Räuber und Hel-\nden führten, aul der Bühne ausgefochten. Die Rampe\nwurde als Festung gegen die Stürmer aus dem Orchester\nvertheidigt, Theater-Gerümpel lieferte Höhlen und Hinter-\nhalte, und verstohlen benutztes Costume schmückte die Kö-\nnige und Officiere. Die Coulissen, Maschinerieen, Decora-\ntionen und gemalten Wälder waren ihre Heimat, wie die\ndes Jägersohnes der rauschende Forst ist. Die ersten Ju-\ngend-Eindrücke durchwebten sich auf das dichteste und\nfesteste mit Erinnerungen an Orchester- und Bühnen-Ar-\nrangements, an halbverstandene Theater-Intriguen, welche\ndie Stelle der Schul-Thorheiten vertreten mussten, an den\nganzen Mechanismus der Technik des Bühnenlebens, der\ndem Knaben geläufig wurde, wie die Gesetze der Kreisel-\noder Murmel- oder Versteckenspiele, die er mit seinen\nCameraden trieb. Wie aber kein Studium der Grammatik\nund Syntax beim Erlernen einer Sprache die Lebendigkeit\ndes von Jugend auf gehörten Wortes ersetzen kann, so\ngewährte Weber diese absolute Geläufigkeit in allen\nAeusserlichkeiten der theatralischen die das Rechte,\nohne nachzudenken, instinetiv treffen lässt, einen immen-\nsen Vortheil bei seinen Bestrebungen als dramatischer\nComponist, indem er dessen, worauf es ankam, um eine\nIdee, eine Handlung, eine dramatische Form bühnenge-\nrecht wirksam zu machen, a instinetiv bewusst war,\nwährend es ihm als üirector grosses Uebergewicht über\nalle gab, die nur einzelne Zweige des Bühnenlebens theo-\nretisch oder praktisch kennen gelernt haben.\n„So gross nun demnach auch einerseits die Vortheile\nwaren, die dem Knaben lür seine spätere Entwicklung\naus dem Aufenthalte bei der Theater-Gesellschaft seines\nVaters erwuchsen, so drohend zeigten sich andererseits\ndie Gefahren desselben in Gestalt der Zerfahrenheit des\n'lheaterlebens, der da herrschenden Laxheit der Moral,\nder Kleinlichkeit der Auffassung und Aeusserlichkeit in\nBehandlung der Kunst. Dass er diesen Gefahren mehr als\nviele Andere entging, das ist zum Theil Verdienst der Na-\ntur seiner inneren Wesenheit, die, wie klares Wasser das\nschmierige Fett, alles Besudelnde, von der Richtung nach\noben Ableitende idiosynkratisch abstiess, zum bei Weitem\ngrösseren Theile aber dem Einflüsse der sanften, reinen\nund dabei tief melancholischen Individualität seiner jungen\nMutter, die, fein gebildet und klug, das kränkelnde Kind\nunablässig unterrichtete und unter ihre Seelenfittige nahm,\ndie Einwirkungen der ihr antipathischen Theater-Existenz,\nso viel sie konnte, schwächte und seine natürliche Anlage\nzur Herzensgüte sorgsam und weiblich fein ausbildete,\nendlich aber auch dem Umstände zu danken, dass sein\nguter Stern ihn unter die Leitung ernster und edel stre-\nbender Lehrer führte, deren Wirksamkeit jene zweifel-\nhaften Einflüsse paralysirte, deren Macht, wir müssen es\nzu unserem Bedauern sagen, um so drohender war, als\nder Charakter des Vaters dem Knaben nicht Aufblick\nund Halt genug zu wirksamem Schutze gewährte.\n„Franz Anton's Wesenheit hatte, wie schon oben an-\ngedeutet, durch sein Wirken als Theater-Director wohl\nan Thatkraft und Rührigkeit, nicht aber an Solidität des\nDenkens und Strenge des Empfindens gewonnen. Die\nLeichtigkeit seiner Formen, die dem jungen Fähnrich einst\nsehr wohl anstand, hatte jetzt einen Anstrich von unschö-\nner Nonchalance der Sitten erhalten, seine cavaliermässige\nTendenz, zu dominiren, war in eine etwas derbhandige\nHerrschsucht umgeformt worden, deren Ausdruck einen\nziemlich polternden Tonfall hatte, und vor Allem war auf\nsein immerhin löbliches Streben, sich hervorzuthun und\nzu glänzen, ein Wiederschein von Theatergold und Büh-\nnen-Magie gefallen, so dass Personen, die ihm nicht gerade\nwohl wollten, mit dürren Worten sein Gebahren gross-\nthuerisch und prahlerisch nannten.\n„Die eben erwähnten Einwirkungen waren es, die\nden bescheideneren und grösseren Sinn seines Sohnes vor\njedem in die Augen fallenden Reflex dieser Eigenschaften\nbewahrten und seinen ethischen Geschmack von den Ten-\ndenzen seines Vaters so weit ablenkten, dass er später oft\ngegen Kundgebungen des sonst so geliebten Greises, die\ndiesen Geschmack zu sehr verletzten, offen revoltirte, be-\nsonders wenn sie die Form überschwänglicher Aeusserun-\ngen über Carl Maria's eigenes Talent annahmen.\n„Es gehört zu den wenigen unklaren Zügen in C. M.\nvon Weber's sonst so durchsichtigem, reinem Leben und\nStreben, dass er mit grosser Beflissenheit später jeder Er-\nwähnung der Thätigkeit seines Vaters als Theater-Üirectors\nund seiner Familienglieder als Mitwirkender bei dessen\nBühne auswich. Selbst in seiner kleinen Autobiographie\n(die wir als Muster seiner Weise, solche Stoffe darzustel-\nlen, im dritten Bande dieses Werkes geben) übergeht er"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "413", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18631226-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3941, "texte": "alles Detail der ersten vierzehn Jahre seines Lebens mit\nStillschweigen und hüllt die Wirksamkeit Franz Anton's,\nin so weit sie sich auf seines Sohnes erste Heranbildung\nbezieht, mit noch mehr kindlicher Liebe als historischer\nIreue in einen Schimmer von Sorgsamkeit, stiller Häus-\nlichkeit und Ruhe, der sicher mehr in der Erinnerung des\nedeln Sohnes, als in Wirklichkeit das unruhige Haupt\nFranz Anton's umleuchtete.\n„Gewiss ist, dass dieser keinen Pfad unbetreten liess,\num ein hervorragendes Talent in seinem nachgeborenen\nSohne zu wecken, und ihn in den Tempeln aller schönen\nKünste umherzuführen versuchte, in der Hoffnung, dass\ner sich in einem derselben heimisch fühlen und Hoher-\npriester werden sollte.\n„Als die Musik aus der Seele des Knaben nicht so\nschnell und so leuchtende Funken schlug, als Franz Anton\nes wünschte, wurden ihm daher Lehrer im Zeichnen, in\nder Malerei, ja, sogar der Kupferstechern gehalten, wozu\nsich in Nürnberg vielfach Gelegenheit bot, da diese Perle\nunter den alten Kunststädten Deutschlands immer eine\nAnzahl namhafter Künstler bewohnten. Wer diese Lehrer\nwaren, ist nicht mehr zu ermitteln gewesen, doch geht\nes aus kleinen, im Besitze der Familie befindlichen Arbei-\nten aus jener Periode hervor, dass Carl Maria sich zwar\nnicht ohne Geschick zu der Technik der bildenden Künste\nanliess, es aber auch in keiner derselben zu einem so nen-\nnenswerthen Grade von Fertigkeit brachte, dass sich auf\ndas Vorhandensein eines wirklichen Talentes mit Sicher-\nheit hätte schliessen lassen.\n„Es ist übrigens kaum zu bezweifeln, dass unter dem\nalleinigen Einflüsse der Form des Unterrichts, den Carl\nMaria unter den Auspicien Franz Anton's und seines älte-\nren Bruders Fridolin genoss, jede, auch die bedeutsamste\nBegabung den Charakter einer ängstlich im Treibhause\nzur Blüthe gebrachten Pflanze bekommen und die totale\nKunstentwicklung des Mannes für immer etwas Dilettan-\ntisches und Ueberhastetes behalten haben würde, da in\nersterem der heftige Trieb, Kundgebungen des Genie's\nbei seinem Zöglinge zu sehen, und eine unrichtige und\ndilettantische Ansicht von den eigenen Hülfsmilteln des\nTalentes ihn etwas leichtfertig in Bezug au( die Tüchtig-\nkeit des Werkzeuges denken liess, das er dem Jünger zum\nFormen seiner Ideen in die Hand zu geben halte. Das\nHand werk der Kunst, das Aneignen der trockenen Fertig-\nkeit der geistigen und körperlichen Hand, das Lernen der\nVocabeln der Sprache der Kunst, das bis zur unbewussten\nAusübung gesteigerte Können, die alltägliche Verrichtung\nim Kunstschaffen, das dem Gehen, Stehen, Essen und\nTrinken des Lebens gleicht, ohne das auch dem grössten\nTalente die Darlegung seiner Conceptionen unmöglich ist,\nund das sich nur unter dem dauernden und ernsten Drucke\ndes Daches der Schulstube, im Schweisse der Stirn und\nunter dem ernsten Blicke unerbittlicher Meister erlernt,\nauf dessen schwer erworbenen Besitz die grossen Lichter\nin Kunst und Wissenschaft aller Zeiten oft grösseren\nWerth als auf ihr Talent legten, und dessen unbedingte\nErforderlichkeit die neue Musikrichtung so vornehm an-\nzweifelt, erschien Franz Anton, der selbst Autodidakt war,\nbei Weitem nicht gewichtig genug, um dem gemäss seinen\nErziehungs-Plan zu regeln. Der Knabe, der noch an der\nHarmonielehre buchstabirte, sollte componiren, er malte\nin Oel und Pastell und radirte in Kupfer, ehe er den\nBleistift anspruchslos und sicher auf dem Papier handha-\nben konnte.\n„Carl Maria hatte, obwohl ein gutes Geschick immer-\nhin zeitig genug ernstere und bewusstere Geister lehrend\nin sein Leben führte, dennoch mit den Folgen der Er-\nziehungs-Tendenzen seines Vaters bis in eine Lebens-Pe-\nriode zu kämpfen, wo es nur einem so starken Willen,\nwie dem seinen, gelingen konnte, die eigene fruchtschwcl-\nIcnde Jünglingsseele, die schon Aernte zu tragen versprach,\nmit frischem Entschlüsse noch einmal umzupflügen und\nmit dem zu besäen, was in den Knabengeist zu pflanzen\nversäumt worden war.\"\n(Schluss folgt.)"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1863-12-26-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1863-12-26_01#c003", "volume": "bmtnabi_1863-12-26_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "413", "page_fin": "415", "image_debut": 5, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18631226-01.2.3", "titre_corps": "Aus Berlin.", "titre_sommaire": "Aus Berlin.", "signature_source": "G. E", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "413", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18631226-01.1.5", "debut_caractere": 3943, "fin_caractere_exclue": 5057, "texte": "Aus Berlin.\n\n(Karl Rein ecke Georg Yierling's Cantate „Hero und\nLeander\".)\nDas zweite Concert des Frauenvereins zum Besten\nder Gustav-Adolph-Stiftung, das am Sonntag den 13. d.\nMts. in der Sing-Akademie Statt fand, war durch die Vor-\nführung neuer Compositionen unbekannter künstlerischer\nKräfte von ungewöhnlicher Bedeutung. Den Anfang machte\neine zwar schon bei früherer Gelegenheit gehörte, aber\ndoch dem Publicum noch nicht vertraut gewordene Ouver-\ntüre zu »Dame Kobold\" von Reinecke, dem Dirigenten\nder leipziger Gewandhaus-Concerte. Da die Factur des\nWerkes äusserst gewandt ist und die Instrumentation durch-\nweg einen gebildeten Sinn für Wohlklang verräth, der\nGedanken-Inhalt aber, obschon nicht tief, jedenfalls dem\ngewählten Stoffe entsprechend ist, so wundern wir uns,\ndass so lange Zeit zwischen der ersten und zweiten Auf-\nführung vergehen konnte. Es ist ein wiederholter Beweis,\ndass die Ansprüche, die das Publicum neuen Compositio-\nnen gegenüber macht, äusserst schroff sind. Werke wie\ndiese verdienen es, nicht bloss einmal dem Publicum zur\nAnsicht vorgelegt zu werden. Die Ouvertüre, deren Aus-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "414", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18631226-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5620, "texte": "Führung unter Leitung des Componisten selbst Statt fand,\nwurde mit lebhaftem Beifalle aufgenommen von dem\nPublicum der Gustav-Adolph-Vereins-Concerte, das in Bei-\nfallsbezeigungen gerade nicht verschwenderisch zu sein\npflegt. Eben so lebhafter Beifall folgte dem zweiten grös-\nseren Werke, das zur Aufführung gelangte, der Cantate\n„Hero und Leander\" von Georg Vieriing. Der\nText der Cantate ist in geschickter Weise angelegt. Nerei-\nden und Tritonen, die an dem Schicksale der beiden Lie-\nbenden innigen Antheil nehmen, bilden den Chor; sie ver-\nsammeln sich Abends am Ufer von Abydos, Leander er-\nwartend, begleiten ihn auf seinem kühnen Wege, liehen,\nals sich der Sturm erhebt, zu Poseidon und endlich\nbestatten sie die Todten auf kühlem Grunde des Meeres.\nLinen positiven Fehler hinsichtlich des Textes finden wir\nin der Gestaltung Leander's, bei der der Dichter nur an\ndie Kühnheit, an den Trotz gedacht und darüber vollstän-\ndig vergessen hat, uns den Liebenden vorzuführen. Dieser\nübrigens vor dem Druck der Partitur wohl noch zu besei-\ntigende Fehler rächt sich auch an der Composition, der\nes ohnehin an ruhigeren, zarteren Momenten etwas ge-\nbricht. Nicht an menschlichen Kräften, sondern an der Ge-\nwalt des Sturmes geht die Liebe Ilero's und Leander's zu\nGrunde. Schon dadurch wurde für den letzten Theil eine\nsehr weitgehende, unbegränzte Benutzung aller instrumen-\ntalen Mittel hervorgerufen, die nothwendig auch auf die\nBehandlung des Chors und der Solostimmen einwirkte.\nGalt dies für die zweite Hplfte der Cantate, so wurde für\ndie erste maassgebend, dass in der Liebe Mero's und Lean-\nder's schon vom Beginn ein Kampf gegen menschliche und\nnatürliche Kräfte hervortritt. Es ist nicht ein zartes, idylli-\nsches Verhältniss, sondern man muss sich die beiden Lie-\nbenden, die in dem Bewusstsein handeln, dass sie dem Wil-\nlen eines tyrannischen Vaters widerstreben, dass sie der\nNatur selbst Trotz bieten, als starke, tief angelegte Cha-\nraktere denken. Nur dadurch kommt ein ethischer Zusam-\nmenhang in die Begebenheit. Das eben Gesagte schliefst\nnicht aus, dass auch das sinnliche Element der Liebe in\nihnen hervortrete; vorherrschend aber muss das Streben\nsein, das Kühne, Grosse in ihnen zur Erscheinung zu brin-\ngen. Endlich die Meeresbewohner. Es lag nahe, sie in der\nWeise zu behandeln, wie es seit Weher und Mendelssohn\nfür alle diese phantastischen Gestalten üblich geworden\nist: leicht, zierlich, spielend, in den Reiz der weichsten\nSinnlichkeit getaucht. So ganz konnte indess, wie uns scheint,\ndieser lon ebenfalls nicht festgehalten werden; denn wenn\nsie auch einen Contrast gegen die tiefe Gefühls-Lyrik der\nllauplpersonen bilden sollen, so musste doch auch wieder\nder Zusammenhang mit der tiefen Erregung des Ganzen\ngewahrt werden. Möglich, dass der Componist nach dieser\nSeite hin noch mehr Concessionen demjenigen Geschmacke,\nder das leicht Gefällige verlangt, hätte machen können,\nohne die Einheit des Stils zu gefährden; möglich, dass ihn\nsein Streben nach polyphoner Behandlung der Stimmen,\nsein tief und ernst angelegter Sinn etwas zu weit geführt\nhat; für den ersten Eindruck seiner Composition, die sich\neben zu wenig auf der Oberfläche bewegt und dadurch\netwas schwer Eingehendes hat, würde dadurch Einiges\ngewonnen sein. So tritt z. B. gleich in dem ersten Chor\nder Nereiden: „Eile, Phöbus, eile nieder\", ein tieferer Ge-\nfühlsklang hervor, als unerlässlich nöthig gewesen wäre;\neben so würde das kecke, wilde Wesen der Tritonen, die\nsich nach ihnen vernehmen lassen, eine Milderung vertra-\ngen können; charakteristisch gedacht und mit musicali-\nschem Geschick ausgeführt ist das alles; aber es fragt sich,\nob diese starke Charakteristik schon hier am Anfange noth-\nwendig war, da eben der zweite Theil der Cantate schon\nso viele Anforderungen nach dieser Richtung hin machte.\nDem Eingangschor folgt die Arie Leander's, über die wir\nbereits oben gesprochen haben, dann ein zweiter grosser\nChor der Meerbewohner, wiederum höchst ausdrucksvoll,\nkunstgemäss gestaltet und von fesselnden, charakteristischen\nInstrumental-Figuren umrankt, die uns indess in der Aus-\nführung etwas schwerfälliger herauszukommen scheinen,\nals sie sich der Componist gedacht haben mag. Nun tritt\nHero auf. Das Andante ihrer Arie beruht auf einer Melo-\ndie von höchster, edelster Schönheit, gross und breit an-\ngelegt; wie hier die ganze Tiefe und Innerlichkeit ihrer\nLiebe zum Ausdruck kommt, so in dem Allegro das Feuer\nund die Leidenschaftlichkeit derselben. Die ersten Vorbo-\nten des Sturmes zeigen sich. Linter den Recitativen und\nOrchestersätzen, die im Einzelnen viele wirkungsvolle Züge\nenthalten, tritt namentlich ein gross angelegter Chor her-\nvor: „Sei freundlicher Heller uns, Poseidon\", der durch\ndie Wucht der Klangmassen und die Energie des Aus-\ndrucks zu den bedeutendsten Nummern der Cantate geholt.\nEine Arie Hero's mit Chor: „Ihr Wellen, habt Erbarmen\",\nist bedeutsam in den Gedanken. Leander wird vom Strudel\nfortgerissen, Hero stürzt sich ins Meer. Unter den noch\nfolgenden Nummern, die der Bestattung gewidmet sind,\nheben wir ein sehr zierliches Duett und den breiter ausge-\nführten Schlusschor hervor, dessen Schluss-Accorde: „Und\nfeierlich schweigend umher ruht still das unendliche Meer\",\nvon besonders ergreifender Wirkung sind. Wenn bei einer\nim Ganzen nicht an die Sinnlichkeit und den oberflächli-\nchen Geschmack sich wendenden Composition dennoch der\nBeifall des Publicums nicht fehlte, so ist das ein Zeugniss,\ndass auch ein tieferes, ernsteres Streben hier noch auf An-\nerkennung zu rechnen hat. Wünschen wir dem Compo-\nnisten, dass er bei weiteren Versuchen auf dem dramati-"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "415", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18631226-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1948, "texte": "sehen Gebiete immer mehr zu dem Ernsten auch das An-\nmuthige fugen möge, das für die höchsten Werke der\nKunst ein eben so wichtiges Erforderniss, als jenes, und\ndass fernere Aufführungen seiner llero ihm den Muth und\ndie Lust geben mögen, auf der betretenen Laufbahn wei-\nter fortzuschreiten.\nDie Ausführung von Seilen des Rad ecke'sehen Ver-\neins und der Liebig'schen Capelle war, wenn wir die\nSchwierigkeiten des Werkes in Betracht ziehen, befriedi-\ngend zu nennen. Frau Cash-Levy, eine der stimmbe-\ngabtesten und talentvollsten Sängerinnen, die wir kennen,\nsang die Partie der Hero mit dem vollen Wohllaut ihrer\nStimme und tiefstem Gefühle. Hoffentlich wird die ee-\no\nschätzte Sängerin, die sich seit ihrem Abgange von der\nBühne zu sehr von der Oeffenllichkeit zurückgezogen hat,\nihr diesmaliges Auftreten als einen Anfang betrachten, in\nunser Concerlleben thäUger einzugreifen. Herr Otto sang\nden Leander mit Kraft und edlem Feuer.\nUeber den noch übrigen Theil des Concertes, der\naber von nicht geringerem Interesse war, fassen wir uns\nkurz. In II errn Kein ecke lernten wir einen ausgezeich-\nneten Ciavierspieler kennen, der nicht nur eine treffliche\nTechnik, sondern auch jene in der Regel nur dem Diri-\ngenten und schaffenden Künstler eigene Feinfühligkeit der\nAuffassung und des Vortrages besitzt, die einer executiven\nLeistung erst den wahren künstlerischen Werth gibt. Sein\nVortrag des Andante aus dem Mozart'schen\ncerte, für dessen Vorführung wir besonders dankbar sind,\nwar eben so, wie dieses selbst, von höchstem Reiz. Die\nvon ihm componirten Variationen über ein Thema von\nBach zeichnen sich durch Erfindung und kunstvolle Com-\nbination in hohem Grade aus und sind in die Reihe der-\njenigen neueren Werke zu stellen, welche die Zuversicht\nauf eine bessere Zukunft des musicalischen Lebens in\nDeutschland aufrecht erhalten. Die Cherubini'sche Ouver-\ntüre zu den „Abencerragen\" bildete den Schluss des in-\nhallreichen Conceites.\n\nG. E."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1863-12-26-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1863-12-26_01#c004", "volume": "bmtnabi_1863-12-26_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "415", "page_fin": "415", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18631226-01.2.4", "titre_corps": "Aus Wiesbaden.", "titre_sommaire": "Aus Wiesbaden.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "415", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18631226-01.1.7", "debut_caractere": 1950, "fin_caractere_exclue": 3549, "texte": "Aus Wiesbaden.\n(F. Hiller's Oratorium „Saul\".)\nAm 9. d. Mts. wurde hier von dem Gesangvereine\nund dem Hoftheater-Orchesler unter Leitung des Herrn\nCapellmeisters Hagen F. Hiller's Oratorium „Saul\"\nzum ersten Male zu Gehör gebracht. Die Aufführung war\neine durchaus gelungene und die' Theilnahme des sehr\nzahlreichen Auditoriums, zu welchem auch die Frau H er-\nzogin von Nassau gehörte, eine höchst rege von Anfang\nbis zu Ende. Das Publicum folgte mit gespannter Aufmerk-\nsamkeit dem ganzen Werke und gab seine Befriedigung\nhäufig durch lauten Beifall, nicht bloss am Schlüsse\nAbthcilung, sondern auch bei verschiedenen Nummern in\nder Mitte der Aufführung kund, z.B. nach der Arie Da-\nvid's: „Mir sind nicht Ruhm und Glanz beschieden\", dem\nChor: „Der Herr hat seine Seele bewahrt\", und: ..Wer-\nfet hin den Hirtenstab\", nach der Arie Michal's: „0 du,\nden meine Seele liebt\", dem Trauerchor: „Wehe, o fin-\nstere Kunde\", u. s. w. Der Chor sang wirklich mit Begei-\nsterung, man sah und hörte es den Mitwirkenden an, dass\nes Allen Ernst war, das treffliche Werk würdig aufzu-\nführen.\nAuch die Solisten Saul, Herr Bertram; Michal, Frau\nBertram; David, Herr Borchers; die Hexe, Frau Hasen-\nr• O '\nSamuel, Herr Klein lösten ihre Aufgabe recht gut.\nKurz, das grossartige Werk machte einen ungewöhnlichen\nEindruck und rechtfertigte die Wahl von Seiten des Ver-\neins, dessen Mitglieder mit jeder Probe mehr von dem\nWerthe dieses Oratoriums durchdrungen wurden. Wir\nbedauerten nur, dass der Herr Componist nicht der Auf-\nführung beiwohnen konnte, um Zeuge des schönen Er-\nfolgs seiner genialen Schöpfung zu sein."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1863-12-26-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1863-12-26_01#c005", "volume": "bmtnabi_1863-12-26_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "415", "page_fin": "416", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18631226-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "415", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18631226-01.1.7", "debut_caractere": 3551, "fin_caractere_exclue": 5586, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nÄolil. Am Freitag den 18. d. Mts. gab Herr Kammersänger\nund Gesanglehrer Ernst Kocli seine jährliche Soiree für Vocal-\nmusik im kleinen Gürzenichsaale, welche gewisser Maassen als ein\nöffentlicher Rechenschaftsbericht über die Leistungen seines Gesang-\nLehrinstituts zu betrachten ist. Auch dieses Mal erwarben sich diese\ndurch mehrfache Vortrage der Schülerinnen und Schüler desselben\naus Aachen, Amsterdam, Königsberg, Pesth, Hamm, Cölleda, Düren\nund Köln grosse Anerkennung durch lebhaften Beifall des zahlreich\nversammelten Publicums, welches den Saal ganz befriedigt verliess.\nVortragende waren die Damen Bahr, Belke, Birnbaum, Kers-\njes und Rempel (letztere sang die Arie aus dem Messias: ~Er\nweidet seine Herde\", mit so grossem Beifalle, dass sie bei ihrem\nzweiten Auftreten, um eine Arie aus Hiller's „Katakomben\" und\ndie Romanze aus desselben „Advocat\" vorzutragen, mit Applaus em-\npfangen wurde), die Herren Hol dampf und Merbeck. In den\nEnsembles wirkte Herr Koch auch selbst mit.\nAm Dinstag den 22. d. Mts. hatten wir in der zweiten\nSoiree für Kammermusik einen grossen Kunstgenuss, den uns\nsowohl das Programm, als die ganz vorzügliche Ausführung dessel-\nben verschaffte. Die Sitzung begann mit Mozart's Violin-Quartett\nNr. VH in D-dur, jener milden, ruhig fliessenden Composition, in\nwelcher der Reiz der Anmuth und der einschmeichelnden Melodie\nvorherrscht, der besonders in dem schönen Vortrage der ersten Vio-\nlin-Partie durch Herrn von König slow hervortrat, welcher im\nreinsten Stil mit der Innigkeit und dem Schmelz der Mozart'schen\nMelodieen wetteiferte. Darauf folgte Bee tho ven's grosse Sonate\nfür Pianoforte und Violine, Op. 47 in Aj gespielt von den Herren\nF. Hill er und von König slow. Man weiss bei diesem Werke\nkaum, welchem von den beiden Ausführenden die schwierigere Auf-\ngabe zugetheilt ist: so viel ist aber gewiss, dass auch bei einem\ntrefflichen Vortrage der Clavier-Partie das Ganze keinen befriedigen-\nden Eindruck macht, wenn die Violinstimme nicht auch einen dem"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "416", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18631226-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3779, "texte": "Pianisten ebenbürtigen Vertreter hat. Die im ersten Satze vorherr-\nschenden Figuren, welche für die Violin-Technik keineswegs land-\nläufige Bekannte sind, werden häufig durch Mangel an Ton (vollends\nbei übertriebenem Tempo) undeutlich oder sie verleiten den Spieler\nbei vollendeter Herrschaft über das Mechanische zu einer harten\nund schroffen, dem so genannten Kratzen ähnlichen Vortragsweise,\nwodurch sie, geradezu gesagt, unangenehm werden. Diese Klippen\nder Ausführung wurden von Herrn von Königslow auf das glück-\nlichste vermieden, und so gewannen die virtuosen Stellen durch die\ngleiche Tonstärke beider Instrumente und die genaueste Ueberein-\nstimmung in allen Nuancen einen Ausdruck, wie man ihn selten\nhört. Dass bei solcher Ausführung der Violinstimme das Ganze\ndurcii Hiller's Auffassung, durch seine bei allem Schwung und Feuer\ndoch gemässigten Tempi und seine unnachahmliche Weise, dem\nSchlade der Hämmer an die Saiten einen zwischen Milde und Trotz,\nO '\nWeichheit und Stärke wechselnden Ausdruck abzuzwingen, eine\necht classische, mustergültige Wiedergabe einer der schönsten und\noriginelsten Compositionen wurde, konnte nicht ausbleiben. Die Zu-\nhörerschaft applaudirte jeden Satz, besonders auch die Variationen,\nmit wahrer Begeisterung. Den Schluss der Sitzung machte eine\ngrossartig schöne und vollendet durchgeführte Leistung der vier\nKünstler durch den Vortrag des Quartetts von Franz Schubert\nin D-moll, jenes so lange vergrabenen Schatzes, dessen hoher Werth\nan diesem Abende einmal wieder in seinem vollen Glänze strahlte.\nWelch eine unerschöpfliche Quelle von Melodieen, welch ein\nReichthum von Phantasie in den Ausführungen derselben, in den\nEpisoden und Verzierungen, welch eine Herrschaft über Harmonie\nund Form, und bei aller Fülle und Ueppigkeit der in einander wo-\ngenden Töne welche Klarheit und Eindringlichkeit! In dieser Musik\nbraucht man nicht erst mit kennerischem Späherblick die Schönhei-\nten aufzusuchen, sie drängen sich uns in unverschleierter und un-\nverdüsterter Gestalt auf, dass wir auf der Stelle den Eindruck davon\nempfinden und eine Zergliederung durch die Lupe des Musikgelehr-\nten gar nicht nöthig haben. Und doch wie originel, wie neu! Das\nPublicum bestätigte diese Wahrheit durch enthusiastischen Applaus\njedes Satzes.\nCoburg;. In der neulichen Besprechung der Oper „Des Sän-\ngers Fluch\" mit der Musik von Langert ist des Libretto-Dichters\nnicht gedacht worden, obgleich das Verdienst desselben an dem Er-\nfolge des Werkes einen grossen Antheil hat. Wir holen daher das\nVersäumte dadurch nach, dass wir den Intendanten unseres H@f-\ntheaters, Herrn von Meyern, als den Dichter der Oper namhaft\nmachen.\n** llottei'dain. Am 1!). d. Mts. fand hier durch unsere\ndeutsche Oper eine von Herrn Capellmeister Levi trefflich einstu-\ndirte und von dem Herrn Componisten selbst dirigirte, sehr gute\nAufführung der Oper ,-Die Katakomben\", Text von M. Hart-\nmann, Musik von F. Hiller, Statt, deren Aufnahme durch das\ngedrängt volle Haus eine überaus glänzende war. Die Darsteller\nsämmtlicher Partieen wurden wiederholt gerufen, der Componist\nnach jedem Acte, und am Schlüsse der Vorstellung verliess das Pu-\nblicum den Saal nicht eher, als bis Herr Capellmeister Hiller noch\neinmal auf der Bühne erschien, wo er dann mit enthusiastischen\nHochs und Trompeten-Fanfaren begrüsst wurde. Bei dem Abend-\nessen, das ihm zu Ehren veranstaltet war, fand er statt der Karte,\ndie sonst den Platz bezeichnet, einen Lorberkranz auf seinem Couvert.\nZur Nachricht. Die interessanten Berichte aus Holland\nüber Concertc in Amsterdam, die deutsche Oper in Rotterdam\nu. s. w. sind uns zu spät zugegangen, um in dieser Nummer, welche\nder einfallenden Feiertage wegen schon am 24. d. Mts. geschlossen\nwerden musste, noch benutzt werden zu können.\nDie Redaction."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "409", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18631226-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nCarl Maria von Weber (Ein Lebensbild). Fortsetzung, statt Schluss. Aus Berlin (Karl Reinecke Georg' Vier-\ng s Cantate \"Hero und Leander\"). Von G. E. Aus Wiesbaden (F. Hiller's Oratorium „Saul\"). - Tages- und Unterhal-\ntungsblatt (Köln, Soiree von Ernst Koch, Zweite Soiree für Kammermusik Coburg, Des Sängers Fluch\" Rotterdam, Aufführung\nvon F. Hiller's Oper „Die Katakomben\").\n\nCarl Maria von Weber.\nEin Lebensbild.\n(Fortsetzung, statt Schluss. S. Nr. 51.)\nNach dem Inhalt der Vorrede, die wir in den Haupt-\nsachen mitgetheilt haben, und noch mehr aus der Art\nund Weise, wie sich der Verfasser über den Charakter\nseines Buches ausspricht, ist man versucht, zu glauben,\ndass uns in dieser Biographie C. M. von Weber's nichts\nals eine zusammenhangende Erzählung der Ereignisse sei-\nnes Lebens mit gar keiner oder wenigstens nur geringer\nBücksichtnahme auf die Entwicklung seines Talentes als\nKünstler und auf seine schöpferische Thätigkeit geboten\nwäre. Dem ist jedoch glücklicher Weise nicht also, und\nwenn der Verfasser gegen die Künstler-Biographen pole-\nmisirt, die mehr eine Analyse und Kritik der Werke ihres\nHelden, als eine Geschichte des äusseren und inneren Le-\nbensganges desselben, oder wenigstens vorzugsweise jene\ngeben, so geschieht dies wohl nur, um gewisser Maassen\ndie Unzulänglichkeit seiner musikwissenschaftlichen Bil-\ndung zu entschuldigen und die entgegengesetzte Behand-\nlungsart, welche vorzugsweise rein historisch und nur in\nBezug auf das Biographische kritisch ist, die Kritik der\nWerke aber nicht zur Hauptsache macht, zu rechtferti-\ngen. Sein Buch gibt aber dem Leser, wenn dieser es an\nder Hand der Weber'schen Werke durchliest, hinreichen-\ndes Material, theils aus fremdem, theils aus des Verfassers\neigenem, wenn auch nicht lief motivirtem Urlheil, sich\nden Entwicklungsgang des Künstlers Weber zur An-\nschauung zu bringen, ohne dem Leser die subjective An-\nsicht des Biographen über diesen Entwieklungs-Process\naufzudringen, wie das bei anderen Künstler-Biographieen\nzuweilen der Fall ist.\nFreilich, wenn der Verfasser S. VII der Vorrede sagt:\no\n„Nichts wäre leichler gewesen, als viele Seiten dieses Bu-\nches mit den üblichen Musikkrilik-Tiraden über Weber's\nWerke zu füllen, die allenthalben ihr unbestreitbares\nBecht gehabt hätten, da in der Musik eben Jeder seine\nWahrheit für sich hat und daher die Darlegung des Em-\npfindens eines Subjectes fast absolut werthlos für das\nandere istu —so geht er darin fast unverantwortlicher\nWeise zu weil. Denn erstens mag es allerdings leicht sein,\nein Buch mit „Musikkrilik-Tiraden\" zu füllen, und wir"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "410", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18631226-01.1.2", "texte": "haben Beispiele davon bei Fabrik-Arbeitern, <!ie über das\nMaterial, welches urkundliche Forschung herbeigeschafft\nund wissenschaftliche Kritik durchdrungen hat, wie über\nwillkommene Beule herfallen und es zu schöngeistigen\nPlagiaten benutzen. Aber schwer, sehr schwer ist es, nicht\nP 7\nKritik-Tiraden, sondern in den Geist der musicalischen\nerke eindringende Analysen und Kritiken zu geben, das\nschaffende Genie in seiner geheimen Werkstatt zu belau-\nschen, dem Plane und der stufenweisen Ausführung des-\nselben zum vollendeten Wunderbau nachzuforschen und\nmit Versenkung der eigenen Phantasie in die fremde Eigen-\ntümlichkeit zu ahnen, was den Melodieen und Harmo-\nnieen des Meisters ihren Ursprung und ihren Charakter\ngegeben, und das Geahnte mit Kenntniss und Geschick\ndarzulegen. Wem es also gegeben ist, die wahre äslhe-\ntisch-musicalische Kritik auch in der Biographie eines\nTonkünstlers üben zu können, der ist nicht allein dazu\nberechtigt, sondern er wird dadurch seiner Arbeit auch\neinen grossen Reiz und für den Musiker eine belehrende\nBedeutung verleihen. Zweitens geht der Verfasser zu weit,\nwenn er die musicalische Kritik ausschliesslich auf „die\nEmpfindung des Subjectes\" begründet darstellt: es gibt\ndenn doch auch in der Tonkunst wie in den anderen Kün-\nsten allgemein güllige Grundsätze der Kritik und Aesthe-\nlik, die für jeden Beurlheiler eines musicalischen Werkes\nmaassgebend sind, und es wäre eine traurige Erfahrung,\nwenn alles, was über das musicalisch Schöne in Anwen-\ndung auf die Erzeugnisse der Tonkunst von Paleslrina,\nBach und Händel bis auf Mendelssohn, Schumann und\nunsere zeitgenössischen Componisten gedacht und ausge-\nsprochen worden, für uns „fast absolut werlhlos\" sein\nsollte! .\nAllein der Herr Verfasser hat sich wohl in diesen\nAeusserungen nur dadurch zu weit gehen lassen, weil er\nsich gegen diejenige Behandlungsart der Künstler-Biogra-\nphie erklären wollte, welche aus den Werken eines Mu-\nsikers sein Leben zu construiren sich anmaasst, welche\nsich vermisst, den Entwicklungs-Process des von Gott ge-\ngebenen Funkens apodiktisch festzustellen und die Ent-\nstellung, Folge, Form und Inhalt der Schöpfungen des\nGenies als jedes Mal aus inneren Gründen noth wendig\nund gar nicht anders möglich uns aufzudemonslriren.\nDergleichen Deuterei verhält sich zur kritischen Wissen-\nschalt und historischen Forschung wie die Astrologie zur\nAstronomie, und wenn Herr Max von Weber gegen\nsolche psychologische Wahrsagerei auftritt und ihre\nAnwendung bei der Abfassung der Biographie seines Va-\nters verschmäh!, so geben wir ihm darin vollständig Becht,\nwe 1 wir durchaus keine Freunde von der Sucht sind, bei\ndem Schaffen grosser Geister mit Hintansetzung aller Er-\nfahrung über äussere Veranlassungen und Verhältnisse\nund der auch dem Genie anhaftenden Menschlichkeiten,\nder Welt das Dogma aufzudrängen, dass seine ganze Pro-\nduetion so folgen musste und gar nicht anders sein\nkonnte. Wie schwer ist es nicht, bei lebenden und\nselbst mit uns sehr vertrauten Tonkünsllern, Dichtern und\nSchriftstellern die inneren oder äusseren Veranlassungen\nzu ihrem Schaffen zu ergründen und von einander zu un-\nterscheiden, und der Biograph eines längst Verstorbenen\nwill auf Untrüglichkeit in solchen Dingen Anspruch ma-\nchen? Es ist bekannt, wie weit z. B. in Hinsicht auf\nShakespeare die Fanatiker desselben diese Art von Kritik\nselbst bis in das Einzelste treiben und vor der Lächerlich-\nkeit nicht zurückweichen, auch seine fadesten Witze oder\nzotig plumpen Spässe für nothwendig in seinem Ent-\nwicklungsgange, um auf die Höhe der tragischen Pro-\nduetion zu gelangen, zu erklären und desshalb wunder-\nschön zu finden.\nDer Verfasser von C. M. von Weber's Biographie\nschliesst jedoch das eigene und fremde Urlheil über dessen\nWerke durchaus nicht so ganz und gar aus, wie man es\nnach seinen Aeusserungen in der Vorrede vermulhen\nkönnte; man darf nur in diesem ersten Bande, der We-\nber's Leben bis zum Jahre 1816 umfasst, alles das, was\nüber die bis dahin vollendeten Compositionen —z. B. über\ndie ersten Opern „Das Waldmädchen\", „Peter Schmoll\",\n„Sylvana\", „Abu Hassan\", über einige Cantaten und Lie-\nder, das Clavier-Concert in Eu. s. w. gesagt ist,\nnachlesen, um sich vom Gegenlheil zu überzeugen. Eine\nins Einzelne gehende Analyse darf man aber nicht er-\nwarten.\nWas nun die eigentliche Lebensbeschreibung betrifft,\nso bietet diese einen reichen und in hohem Grade interes-\nsanten Inhalt dar, dessen Darstellung uns- fesselt und ein\nanziehendes Bild von dem gibt, was C. M. von Weber\nunter den ungünstigsten Verhältnissen seiner Jugend bis\nzu der Zeil geworden, wo er die Anstellung als königli-\ncher Capellmeister in Dresden (vom 21. December 1816)\nam ersten Weihnachtstage 1816 erhielt.\nDas Ganze zerfällt in vier Abtheilungen, von de-\nnen drei in zwei Bänden das Lebensbild des Meisters, die\nvierte (der dritte Band) eine neu redigirle Ausgabe von\nC. M. v. Weber's hinterlassenen Schriften enthalten werden.\nDer vorliegende erste Band umfasst die beiden ersten Ab-\ntheilungen der Lebensbeschreibung, welche die Ueber-\nschriften erhalten haben, die Weber selbst diesen Ab-\nschnitten seines Lebens und Wirkens zu geben pflegte.\nDie erste: „Jugend-, Lehr- und Wanderjahrc\" (von 1786\nbis 1812), ist in 12 Abschnitten abgehandelt (S. 1—394),\ndie zweite: „Joch-Jahre\", in 3 Abschnitten (S. 399 546)."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "411", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18631226-01.1.3", "texte": "Nach einem Rückblicke auf die Vorfahren Wcber's,\nwelche aus Oberösterreich stammen und meist alle eine\nbesondere Vorliebe für Musik und Theater besassen. gibt\nuns der Verlasser ein sehr interessantes Charakterbild von\nFranz Anton von Weber, dem Vater des Componisten,\ndurch welches er die bisherigen Vorstellungen, die wir\nuns von demselben als Major, Kammerherrn u. s. w., wie\nihn die lexikalischen Artikel über Carl Maria betiteln, ge-\nmacht haben, unbarmherzig zerstört und den wunderlichen\nMann, der es in seinem Leben niemals zu einer festen\nStellung brachte und leider eben so wenig durch Würde\ndes Charakters und der Grundsätze glänzte, streng nach\nden Resultaten seiner Forschungen schildert. Ohne irgend\nein Fachstudium getrieben zu haben, aber mit Anlagen\nlür Musik und alles Theatralische ausgestattet, dabei ein\nschöner Mann mit Cavalier-Manieren, war er Fahnen-\njunker, Lieutenant der Reichsarmee bei Rossbach, Actuar,\nAmtmann, Hofkammerrath, vermögend, arm, Musiker auf\neigene Hand, Musik-Director in Lübeck, Capellmeister in\nEutin, Stadtmusicus daselbst in traurigen Umständen (un-\nter denen am 18. December 1786 Carl Maria geboren\nwurde), dann Theater-Director auf ewiger Wanderung.\nIn dieser letzten Zeit schrieb und nannte er sich allerdings\nMajor, ist es aber nie gewesen.\nUnter solchen Verhältnissen erblickte Weber das Licht\nder Welt und verlebte er seine Jugend!\nHören wir darüber den Verfasser seiner Biographie\nin einem Bruchstücke aus dem zweiten Abschnitte, das\nzugleich als Probe der Darstellung dienen mag.\n„Der Knabe kränkelte viel, besonders quälte ihn ein\nörtliches Leiden, das seinen Sitz im Oberlheile des Schen-\nkelknochens gehabt zu haben scheint. Er wurde vier Jahre\nalt, ehe er selbständig gehen lernte, und jede angestrengte\nBewegung machte ihm Schmerz. Dieses Leiden hat sich\nnie ganz verloren und war Ursache des später an Weber\nbemerkten Lahmgehens auf dem rechten Fusse. In der\nKindheit hinderte es ihn anfänglich sehr, an den Spielen\nseiner Altersgenossen Theil zu nehmen; er war, besonders\nso lange sein Vater die Hoffnung hegte, ein Wunderkind\naus ihm zu machen, und der unaufhörliche Musik-Unter-\nricht ihn nervös reizte und degoulirte, ängstlich und auf-\ngeregt und trug Scheu vor den inneren und äusseren Be-\nwegungen und Kraflanstrengungen, mit denen Knaben-\nleben und Knabenstreit unvermeidlich verknüpft ist. Spä-\nter, als sein frohmuthiges, elastisches Temperament bei\nfreierem Schwünge seines Geistes die Oberhand über die\näusseren Hindernisse gewann, der Knabe inne wurde, dass\nsich um ihn, trotz seiner körperlichen Schwäche, die Ge-\nfährten mit einer Art Deferenz sammelten, und seine Seele\ndie Fertigkeit gewann, ihre Thätigkeil von den Einflüssen\nkörperlicher Leiden fast ganz zu befreien, entwickelte sich\nin dem Kinde eine Lebensfülle, die oft fast zum Ueber-\nmuthe wurde und ihn sogar zur Seele aller Kraft- und\nSchelmenstucke machte, die im Kreise seiner Spielgefähr-\nten ausgeführt wurden. Die erwähnte, von frühester Ju-\ngend aus geübte Fertigkeit, die Geistesarbeit über den\nDruck des kranken Leibes zu erheben, hat es Weber\nallein möglich gemacht, die Offenbarungen seines Genius\nin ihrer ganzen Gesundheilsfülle zu verkörpern, denn das\nGefühl des Gesunden, des Entbürdetseins vom Körper,\nden man nicht empfindet, weil er nichts verlangt, hat\nWeber nie gekannt. Unter den Mahnrufen der Schwäche,\nden Misstönen des Schmerzes, aus den Dumpfheiten der\nBeklemmung heraus hat er die Klänge erlauschen müssen,\ndie uns und unsere Epigonen durch ihre Quellenfrische\nund ihren Waldesduft erquicken und erquicken werden.\n„In seinen Musikunterricht theilten sich sein Vater\nund sein Stiefbruder Fridolin (der schlechtweg Fritz ge-\nnannt wurde). Das arme Kind genoss mit Unlust die ihm\nzum Ueberdruss vorgesetzte Kost und schien zu seines\nVaters Verzweiflung fast ganz talentlos. Fridolin rief einst-\nmals, so erzählt Weber selbst eine seiner frühesten Ju-\ngenderinnerungen, den Violinbogen, mit dem er ihn im\nZorne mehrmals über die kleinen, ungeschickten Hände\ngeschlagen hatte, wegwerfend, aus: „„Carl, Du kannst\nvielleicht Alles werden, aber ein Musiker wirst Du nim-\nmermehr !\"\"\n„Zum Glück verlor Franz Anton die Geduld nicht so\nschnell, auch scheint mit der Entwicklung des Knaben die\nBegabung mehr durchgeleuchtet zu haben, so dass der\nUnterricht auch bei den Umzügen der Weber'schcn\nOperngesellschaft nach Erlangen und Augsburg in den\nJahren 1793—1794 fortgesetzt wurde.\n„Aber wenn auch der musicalische Sinn Wcber's in\ndieser frühen Jugend-Periode nicht zum Erwachen des\nTalentes eines Wunderkindes gebracht wurde, so hatten\ndie Verhältnisse, unter denen der Knabe seine ersten Ju-\ngendjahre verlebte, die ersten starken und unverlöschlichen\nEindrücke empfing, doch die gewaltigsten Einflüsse auf\ndie spätere Entwicklung in der Richtung seines Talentes.\nSie waren es hauptsächlich, die ihm seinen durch und\ndurch echt dramatischen Charakter aufprägten, in dem\nein grosser Theil der Ursprünglichkeit seiner Schöpfun-\ngen beruht. /\n„Der Spielplatz im llause, auf den Strassen, in Gar-\nten, Wald und Wiese, das Kampfesfeld auf den Bänken\nder Schule, auf dem sich sonst die Grundlagen der An-\nschauungen des Knaben-Seelenlebens, des Charakter-Auf-\nbaues legen, blieben dem Kinde fast fremd. Zweifelsohne\nsind die Spiele, die ihn mit seinen Altersgenossen vergnüg-\n\nn"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "412", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18631226-01.1.4", "texte": "ten und in denen so oft der Keim zu der ganzen späteren\nAnschauungsweise liegt, so weit ihm seine Körperzustände\nKrälte dazu liehen, zum Theil ähnliche gewesen, wie die,\nwelche das Treiben der Freistunden anderer Knaben be-\nwegen, aber ihr Schauplatz war ein anderer, und es\nmischten sich Elemente hinein, die sonst den Kinder-An-\nschauungen fern liegen. Sohn des Thealer-Directors, Ge-\nspiele der Kinder der Schauspieler und Musiker, durch\nseine Schwäche an die Nähe seiner Eltern gebunden, war\nlür ihn das Theater, das Orchester, die Bühne die Welt,\ndie sonst dem Knaben Strasse, Garten und Hof umschliesst.\nDie Schlachten, die sonst die Knabenschar mit Knütteln\nund Gerten auf der Haide schlägt, wurden von diesen\nKindern mit silberpapierbeklebten Schwertern und pappe-\nnen Schilden, die Abends ihre Väter als Räuber und Hel-\nden führten, aul der Bühne ausgefochten. Die Rampe\nwurde als Festung gegen die Stürmer aus dem Orchester\nvertheidigt, Theater-Gerümpel lieferte Höhlen und Hinter-\nhalte, und verstohlen benutztes Costume schmückte die Kö-\nnige und Officiere. Die Coulissen, Maschinerieen, Decora-\ntionen und gemalten Wälder waren ihre Heimat, wie die\ndes Jägersohnes der rauschende Forst ist. Die ersten Ju-\ngend-Eindrücke durchwebten sich auf das dichteste und\nfesteste mit Erinnerungen an Orchester- und Bühnen-Ar-\nrangements, an halbverstandene Theater-Intriguen, welche\ndie Stelle der Schul-Thorheiten vertreten mussten, an den\nganzen Mechanismus der Technik des Bühnenlebens, der\ndem Knaben geläufig wurde, wie die Gesetze der Kreisel-\noder Murmel- oder Versteckenspiele, die er mit seinen\nCameraden trieb. Wie aber kein Studium der Grammatik\nund Syntax beim Erlernen einer Sprache die Lebendigkeit\ndes von Jugend auf gehörten Wortes ersetzen kann, so\ngewährte Weber diese absolute Geläufigkeit in allen\nAeusserlichkeiten der theatralischen die das Rechte,\nohne nachzudenken, instinetiv treffen lässt, einen immen-\nsen Vortheil bei seinen Bestrebungen als dramatischer\nComponist, indem er dessen, worauf es ankam, um eine\nIdee, eine Handlung, eine dramatische Form bühnenge-\nrecht wirksam zu machen, a instinetiv bewusst war,\nwährend es ihm als üirector grosses Uebergewicht über\nalle gab, die nur einzelne Zweige des Bühnenlebens theo-\nretisch oder praktisch kennen gelernt haben.\n„So gross nun demnach auch einerseits die Vortheile\nwaren, die dem Knaben lür seine spätere Entwicklung\naus dem Aufenthalte bei der Theater-Gesellschaft seines\nVaters erwuchsen, so drohend zeigten sich andererseits\ndie Gefahren desselben in Gestalt der Zerfahrenheit des\n'lheaterlebens, der da herrschenden Laxheit der Moral,\nder Kleinlichkeit der Auffassung und Aeusserlichkeit in\nBehandlung der Kunst. Dass er diesen Gefahren mehr als\nviele Andere entging, das ist zum Theil Verdienst der Na-\ntur seiner inneren Wesenheit, die, wie klares Wasser das\nschmierige Fett, alles Besudelnde, von der Richtung nach\noben Ableitende idiosynkratisch abstiess, zum bei Weitem\ngrösseren Theile aber dem Einflüsse der sanften, reinen\nund dabei tief melancholischen Individualität seiner jungen\nMutter, die, fein gebildet und klug, das kränkelnde Kind\nunablässig unterrichtete und unter ihre Seelenfittige nahm,\ndie Einwirkungen der ihr antipathischen Theater-Existenz,\nso viel sie konnte, schwächte und seine natürliche Anlage\nzur Herzensgüte sorgsam und weiblich fein ausbildete,\nendlich aber auch dem Umstände zu danken, dass sein\nguter Stern ihn unter die Leitung ernster und edel stre-\nbender Lehrer führte, deren Wirksamkeit jene zweifel-\nhaften Einflüsse paralysirte, deren Macht, wir müssen es\nzu unserem Bedauern sagen, um so drohender war, als\nder Charakter des Vaters dem Knaben nicht Aufblick\nund Halt genug zu wirksamem Schutze gewährte.\n„Franz Anton's Wesenheit hatte, wie schon oben an-\ngedeutet, durch sein Wirken als Theater-Director wohl\nan Thatkraft und Rührigkeit, nicht aber an Solidität des\nDenkens und Strenge des Empfindens gewonnen. Die\nLeichtigkeit seiner Formen, die dem jungen Fähnrich einst\nsehr wohl anstand, hatte jetzt einen Anstrich von unschö-\nner Nonchalance der Sitten erhalten, seine cavaliermässige\nTendenz, zu dominiren, war in eine etwas derbhandige\nHerrschsucht umgeformt worden, deren Ausdruck einen\nziemlich polternden Tonfall hatte, und vor Allem war auf\nsein immerhin löbliches Streben, sich hervorzuthun und\nzu glänzen, ein Wiederschein von Theatergold und Büh-\nnen-Magie gefallen, so dass Personen, die ihm nicht gerade\nwohl wollten, mit dürren Worten sein Gebahren gross-\nthuerisch und prahlerisch nannten.\n„Die eben erwähnten Einwirkungen waren es, die\nden bescheideneren und grösseren Sinn seines Sohnes vor\njedem in die Augen fallenden Reflex dieser Eigenschaften\nbewahrten und seinen ethischen Geschmack von den Ten-\ndenzen seines Vaters so weit ablenkten, dass er später oft\ngegen Kundgebungen des sonst so geliebten Greises, die\ndiesen Geschmack zu sehr verletzten, offen revoltirte, be-\nsonders wenn sie die Form überschwänglicher Aeusserun-\ngen über Carl Maria's eigenes Talent annahmen.\n„Es gehört zu den wenigen unklaren Zügen in C. M.\nvon Weber's sonst so durchsichtigem, reinem Leben und\nStreben, dass er mit grosser Beflissenheit später jeder Er-\nwähnung der Thätigkeit seines Vaters als Theater-Üirectors\nund seiner Familienglieder als Mitwirkender bei dessen\nBühne auswich. Selbst in seiner kleinen Autobiographie\n(die wir als Muster seiner Weise, solche Stoffe darzustel-\nlen, im dritten Bande dieses Werkes geben) übergeht er"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "413", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18631226-01.1.5", "texte": "alles Detail der ersten vierzehn Jahre seines Lebens mit\nStillschweigen und hüllt die Wirksamkeit Franz Anton's,\nin so weit sie sich auf seines Sohnes erste Heranbildung\nbezieht, mit noch mehr kindlicher Liebe als historischer\nIreue in einen Schimmer von Sorgsamkeit, stiller Häus-\nlichkeit und Ruhe, der sicher mehr in der Erinnerung des\nedeln Sohnes, als in Wirklichkeit das unruhige Haupt\nFranz Anton's umleuchtete.\n„Gewiss ist, dass dieser keinen Pfad unbetreten liess,\num ein hervorragendes Talent in seinem nachgeborenen\nSohne zu wecken, und ihn in den Tempeln aller schönen\nKünste umherzuführen versuchte, in der Hoffnung, dass\ner sich in einem derselben heimisch fühlen und Hoher-\npriester werden sollte.\n„Als die Musik aus der Seele des Knaben nicht so\nschnell und so leuchtende Funken schlug, als Franz Anton\nes wünschte, wurden ihm daher Lehrer im Zeichnen, in\nder Malerei, ja, sogar der Kupferstechern gehalten, wozu\nsich in Nürnberg vielfach Gelegenheit bot, da diese Perle\nunter den alten Kunststädten Deutschlands immer eine\nAnzahl namhafter Künstler bewohnten. Wer diese Lehrer\nwaren, ist nicht mehr zu ermitteln gewesen, doch geht\nes aus kleinen, im Besitze der Familie befindlichen Arbei-\nten aus jener Periode hervor, dass Carl Maria sich zwar\nnicht ohne Geschick zu der Technik der bildenden Künste\nanliess, es aber auch in keiner derselben zu einem so nen-\nnenswerthen Grade von Fertigkeit brachte, dass sich auf\ndas Vorhandensein eines wirklichen Talentes mit Sicher-\nheit hätte schliessen lassen.\n„Es ist übrigens kaum zu bezweifeln, dass unter dem\nalleinigen Einflüsse der Form des Unterrichts, den Carl\nMaria unter den Auspicien Franz Anton's und seines älte-\nren Bruders Fridolin genoss, jede, auch die bedeutsamste\nBegabung den Charakter einer ängstlich im Treibhause\nzur Blüthe gebrachten Pflanze bekommen und die totale\nKunstentwicklung des Mannes für immer etwas Dilettan-\ntisches und Ueberhastetes behalten haben würde, da in\nersterem der heftige Trieb, Kundgebungen des Genie's\nbei seinem Zöglinge zu sehen, und eine unrichtige und\ndilettantische Ansicht von den eigenen Hülfsmilteln des\nTalentes ihn etwas leichtfertig in Bezug au( die Tüchtig-\nkeit des Werkzeuges denken liess, das er dem Jünger zum\nFormen seiner Ideen in die Hand zu geben halte. Das\nHand werk der Kunst, das Aneignen der trockenen Fertig-\nkeit der geistigen und körperlichen Hand, das Lernen der\nVocabeln der Sprache der Kunst, das bis zur unbewussten\nAusübung gesteigerte Können, die alltägliche Verrichtung\nim Kunstschaffen, das dem Gehen, Stehen, Essen und\nTrinken des Lebens gleicht, ohne das auch dem grössten\nTalente die Darlegung seiner Conceptionen unmöglich ist,\nund das sich nur unter dem dauernden und ernsten Drucke\ndes Daches der Schulstube, im Schweisse der Stirn und\nunter dem ernsten Blicke unerbittlicher Meister erlernt,\nauf dessen schwer erworbenen Besitz die grossen Lichter\nin Kunst und Wissenschaft aller Zeiten oft grösseren\nWerth als auf ihr Talent legten, und dessen unbedingte\nErforderlichkeit die neue Musikrichtung so vornehm an-\nzweifelt, erschien Franz Anton, der selbst Autodidakt war,\nbei Weitem nicht gewichtig genug, um dem gemäss seinen\nErziehungs-Plan zu regeln. Der Knabe, der noch an der\nHarmonielehre buchstabirte, sollte componiren, er malte\nin Oel und Pastell und radirte in Kupfer, ehe er den\nBleistift anspruchslos und sicher auf dem Papier handha-\nben konnte.\n„Carl Maria hatte, obwohl ein gutes Geschick immer-\nhin zeitig genug ernstere und bewusstere Geister lehrend\nin sein Leben führte, dennoch mit den Folgen der Er-\nziehungs-Tendenzen seines Vaters bis in eine Lebens-Pe-\nriode zu kämpfen, wo es nur einem so starken Willen,\nwie dem seinen, gelingen konnte, die eigene fruchtschwcl-\nIcnde Jünglingsseele, die schon Aernte zu tragen versprach,\nmit frischem Entschlüsse noch einmal umzupflügen und\nmit dem zu besäen, was in den Knabengeist zu pflanzen\nversäumt worden war.\"\n(Schluss folgt.)\n\nAus Berlin.\n\n(Karl Rein ecke Georg Yierling's Cantate „Hero und\nLeander\".)\nDas zweite Concert des Frauenvereins zum Besten\nder Gustav-Adolph-Stiftung, das am Sonntag den 13. d.\nMts. in der Sing-Akademie Statt fand, war durch die Vor-\nführung neuer Compositionen unbekannter künstlerischer\nKräfte von ungewöhnlicher Bedeutung. Den Anfang machte\neine zwar schon bei früherer Gelegenheit gehörte, aber\ndoch dem Publicum noch nicht vertraut gewordene Ouver-\ntüre zu »Dame Kobold\" von Reinecke, dem Dirigenten\nder leipziger Gewandhaus-Concerte. Da die Factur des\nWerkes äusserst gewandt ist und die Instrumentation durch-\nweg einen gebildeten Sinn für Wohlklang verräth, der\nGedanken-Inhalt aber, obschon nicht tief, jedenfalls dem\ngewählten Stoffe entsprechend ist, so wundern wir uns,\ndass so lange Zeit zwischen der ersten und zweiten Auf-\nführung vergehen konnte. Es ist ein wiederholter Beweis,\ndass die Ansprüche, die das Publicum neuen Compositio-\nnen gegenüber macht, äusserst schroff sind. Werke wie\ndiese verdienen es, nicht bloss einmal dem Publicum zur\nAnsicht vorgelegt zu werden. Die Ouvertüre, deren Aus-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "414", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18631226-01.1.6", "texte": "Führung unter Leitung des Componisten selbst Statt fand,\nwurde mit lebhaftem Beifalle aufgenommen von dem\nPublicum der Gustav-Adolph-Vereins-Concerte, das in Bei-\nfallsbezeigungen gerade nicht verschwenderisch zu sein\npflegt. Eben so lebhafter Beifall folgte dem zweiten grös-\nseren Werke, das zur Aufführung gelangte, der Cantate\n„Hero und Leander\" von Georg Vieriing. Der\nText der Cantate ist in geschickter Weise angelegt. Nerei-\nden und Tritonen, die an dem Schicksale der beiden Lie-\nbenden innigen Antheil nehmen, bilden den Chor; sie ver-\nsammeln sich Abends am Ufer von Abydos, Leander er-\nwartend, begleiten ihn auf seinem kühnen Wege, liehen,\nals sich der Sturm erhebt, zu Poseidon und endlich\nbestatten sie die Todten auf kühlem Grunde des Meeres.\nLinen positiven Fehler hinsichtlich des Textes finden wir\nin der Gestaltung Leander's, bei der der Dichter nur an\ndie Kühnheit, an den Trotz gedacht und darüber vollstän-\ndig vergessen hat, uns den Liebenden vorzuführen. Dieser\nübrigens vor dem Druck der Partitur wohl noch zu besei-\ntigende Fehler rächt sich auch an der Composition, der\nes ohnehin an ruhigeren, zarteren Momenten etwas ge-\nbricht. Nicht an menschlichen Kräften, sondern an der Ge-\nwalt des Sturmes geht die Liebe Ilero's und Leander's zu\nGrunde. Schon dadurch wurde für den letzten Theil eine\nsehr weitgehende, unbegränzte Benutzung aller instrumen-\ntalen Mittel hervorgerufen, die nothwendig auch auf die\nBehandlung des Chors und der Solostimmen einwirkte.\nGalt dies für die zweite Hplfte der Cantate, so wurde für\ndie erste maassgebend, dass in der Liebe Mero's und Lean-\nder's schon vom Beginn ein Kampf gegen menschliche und\nnatürliche Kräfte hervortritt. Es ist nicht ein zartes, idylli-\nsches Verhältniss, sondern man muss sich die beiden Lie-\nbenden, die in dem Bewusstsein handeln, dass sie dem Wil-\nlen eines tyrannischen Vaters widerstreben, dass sie der\nNatur selbst Trotz bieten, als starke, tief angelegte Cha-\nraktere denken. Nur dadurch kommt ein ethischer Zusam-\nmenhang in die Begebenheit. Das eben Gesagte schliefst\nnicht aus, dass auch das sinnliche Element der Liebe in\nihnen hervortrete; vorherrschend aber muss das Streben\nsein, das Kühne, Grosse in ihnen zur Erscheinung zu brin-\ngen. Endlich die Meeresbewohner. Es lag nahe, sie in der\nWeise zu behandeln, wie es seit Weher und Mendelssohn\nfür alle diese phantastischen Gestalten üblich geworden\nist: leicht, zierlich, spielend, in den Reiz der weichsten\nSinnlichkeit getaucht. So ganz konnte indess, wie uns scheint,\ndieser lon ebenfalls nicht festgehalten werden; denn wenn\nsie auch einen Contrast gegen die tiefe Gefühls-Lyrik der\nllauplpersonen bilden sollen, so musste doch auch wieder\nder Zusammenhang mit der tiefen Erregung des Ganzen\ngewahrt werden. Möglich, dass der Componist nach dieser\nSeite hin noch mehr Concessionen demjenigen Geschmacke,\nder das leicht Gefällige verlangt, hätte machen können,\nohne die Einheit des Stils zu gefährden; möglich, dass ihn\nsein Streben nach polyphoner Behandlung der Stimmen,\nsein tief und ernst angelegter Sinn etwas zu weit geführt\nhat; für den ersten Eindruck seiner Composition, die sich\neben zu wenig auf der Oberfläche bewegt und dadurch\netwas schwer Eingehendes hat, würde dadurch Einiges\ngewonnen sein. So tritt z. B. gleich in dem ersten Chor\nder Nereiden: „Eile, Phöbus, eile nieder\", ein tieferer Ge-\nfühlsklang hervor, als unerlässlich nöthig gewesen wäre;\neben so würde das kecke, wilde Wesen der Tritonen, die\nsich nach ihnen vernehmen lassen, eine Milderung vertra-\ngen können; charakteristisch gedacht und mit musicali-\nschem Geschick ausgeführt ist das alles; aber es fragt sich,\nob diese starke Charakteristik schon hier am Anfange noth-\nwendig war, da eben der zweite Theil der Cantate schon\nso viele Anforderungen nach dieser Richtung hin machte.\nDem Eingangschor folgt die Arie Leander's, über die wir\nbereits oben gesprochen haben, dann ein zweiter grosser\nChor der Meerbewohner, wiederum höchst ausdrucksvoll,\nkunstgemäss gestaltet und von fesselnden, charakteristischen\nInstrumental-Figuren umrankt, die uns indess in der Aus-\nführung etwas schwerfälliger herauszukommen scheinen,\nals sie sich der Componist gedacht haben mag. Nun tritt\nHero auf. Das Andante ihrer Arie beruht auf einer Melo-\ndie von höchster, edelster Schönheit, gross und breit an-\ngelegt; wie hier die ganze Tiefe und Innerlichkeit ihrer\nLiebe zum Ausdruck kommt, so in dem Allegro das Feuer\nund die Leidenschaftlichkeit derselben. Die ersten Vorbo-\nten des Sturmes zeigen sich. Linter den Recitativen und\nOrchestersätzen, die im Einzelnen viele wirkungsvolle Züge\nenthalten, tritt namentlich ein gross angelegter Chor her-\nvor: „Sei freundlicher Heller uns, Poseidon\", der durch\ndie Wucht der Klangmassen und die Energie des Aus-\ndrucks zu den bedeutendsten Nummern der Cantate geholt.\nEine Arie Hero's mit Chor: „Ihr Wellen, habt Erbarmen\",\nist bedeutsam in den Gedanken. Leander wird vom Strudel\nfortgerissen, Hero stürzt sich ins Meer. Unter den noch\nfolgenden Nummern, die der Bestattung gewidmet sind,\nheben wir ein sehr zierliches Duett und den breiter ausge-\nführten Schlusschor hervor, dessen Schluss-Accorde: „Und\nfeierlich schweigend umher ruht still das unendliche Meer\",\nvon besonders ergreifender Wirkung sind. Wenn bei einer\nim Ganzen nicht an die Sinnlichkeit und den oberflächli-\nchen Geschmack sich wendenden Composition dennoch der\nBeifall des Publicums nicht fehlte, so ist das ein Zeugniss,\ndass auch ein tieferes, ernsteres Streben hier noch auf An-\nerkennung zu rechnen hat. Wünschen wir dem Compo-\nnisten, dass er bei weiteren Versuchen auf dem dramati-"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "415", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18631226-01.1.7", "texte": "sehen Gebiete immer mehr zu dem Ernsten auch das An-\nmuthige fugen möge, das für die höchsten Werke der\nKunst ein eben so wichtiges Erforderniss, als jenes, und\ndass fernere Aufführungen seiner llero ihm den Muth und\ndie Lust geben mögen, auf der betretenen Laufbahn wei-\nter fortzuschreiten.\nDie Ausführung von Seilen des Rad ecke'sehen Ver-\neins und der Liebig'schen Capelle war, wenn wir die\nSchwierigkeiten des Werkes in Betracht ziehen, befriedi-\ngend zu nennen. Frau Cash-Levy, eine der stimmbe-\ngabtesten und talentvollsten Sängerinnen, die wir kennen,\nsang die Partie der Hero mit dem vollen Wohllaut ihrer\nStimme und tiefstem Gefühle. Hoffentlich wird die ee-\no\nschätzte Sängerin, die sich seit ihrem Abgange von der\nBühne zu sehr von der Oeffenllichkeit zurückgezogen hat,\nihr diesmaliges Auftreten als einen Anfang betrachten, in\nunser Concerlleben thäUger einzugreifen. Herr Otto sang\nden Leander mit Kraft und edlem Feuer.\nUeber den noch übrigen Theil des Concertes, der\naber von nicht geringerem Interesse war, fassen wir uns\nkurz. In II errn Kein ecke lernten wir einen ausgezeich-\nneten Ciavierspieler kennen, der nicht nur eine treffliche\nTechnik, sondern auch jene in der Regel nur dem Diri-\ngenten und schaffenden Künstler eigene Feinfühligkeit der\nAuffassung und des Vortrages besitzt, die einer executiven\nLeistung erst den wahren künstlerischen Werth gibt. Sein\nVortrag des Andante aus dem Mozart'schen\ncerte, für dessen Vorführung wir besonders dankbar sind,\nwar eben so, wie dieses selbst, von höchstem Reiz. Die\nvon ihm componirten Variationen über ein Thema von\nBach zeichnen sich durch Erfindung und kunstvolle Com-\nbination in hohem Grade aus und sind in die Reihe der-\njenigen neueren Werke zu stellen, welche die Zuversicht\nauf eine bessere Zukunft des musicalischen Lebens in\nDeutschland aufrecht erhalten. Die Cherubini'sche Ouver-\ntüre zu den „Abencerragen\" bildete den Schluss des in-\nhallreichen Conceites.\n\nG. E.\n\nAus Wiesbaden.\n(F. Hiller's Oratorium „Saul\".)\nAm 9. d. Mts. wurde hier von dem Gesangvereine\nund dem Hoftheater-Orchesler unter Leitung des Herrn\nCapellmeisters Hagen F. Hiller's Oratorium „Saul\"\nzum ersten Male zu Gehör gebracht. Die Aufführung war\neine durchaus gelungene und die' Theilnahme des sehr\nzahlreichen Auditoriums, zu welchem auch die Frau H er-\nzogin von Nassau gehörte, eine höchst rege von Anfang\nbis zu Ende. Das Publicum folgte mit gespannter Aufmerk-\nsamkeit dem ganzen Werke und gab seine Befriedigung\nhäufig durch lauten Beifall, nicht bloss am Schlüsse\nAbthcilung, sondern auch bei verschiedenen Nummern in\nder Mitte der Aufführung kund, z.B. nach der Arie Da-\nvid's: „Mir sind nicht Ruhm und Glanz beschieden\", dem\nChor: „Der Herr hat seine Seele bewahrt\", und: ..Wer-\nfet hin den Hirtenstab\", nach der Arie Michal's: „0 du,\nden meine Seele liebt\", dem Trauerchor: „Wehe, o fin-\nstere Kunde\", u. s. w. Der Chor sang wirklich mit Begei-\nsterung, man sah und hörte es den Mitwirkenden an, dass\nes Allen Ernst war, das treffliche Werk würdig aufzu-\nführen.\nAuch die Solisten Saul, Herr Bertram; Michal, Frau\nBertram; David, Herr Borchers; die Hexe, Frau Hasen-\nr• O '\nSamuel, Herr Klein lösten ihre Aufgabe recht gut.\nKurz, das grossartige Werk machte einen ungewöhnlichen\nEindruck und rechtfertigte die Wahl von Seiten des Ver-\neins, dessen Mitglieder mit jeder Probe mehr von dem\nWerthe dieses Oratoriums durchdrungen wurden. Wir\nbedauerten nur, dass der Herr Componist nicht der Auf-\nführung beiwohnen konnte, um Zeuge des schönen Er-\nfolgs seiner genialen Schöpfung zu sein.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nÄolil. Am Freitag den 18. d. Mts. gab Herr Kammersänger\nund Gesanglehrer Ernst Kocli seine jährliche Soiree für Vocal-\nmusik im kleinen Gürzenichsaale, welche gewisser Maassen als ein\nöffentlicher Rechenschaftsbericht über die Leistungen seines Gesang-\nLehrinstituts zu betrachten ist. Auch dieses Mal erwarben sich diese\ndurch mehrfache Vortrage der Schülerinnen und Schüler desselben\naus Aachen, Amsterdam, Königsberg, Pesth, Hamm, Cölleda, Düren\nund Köln grosse Anerkennung durch lebhaften Beifall des zahlreich\nversammelten Publicums, welches den Saal ganz befriedigt verliess.\nVortragende waren die Damen Bahr, Belke, Birnbaum, Kers-\njes und Rempel (letztere sang die Arie aus dem Messias: ~Er\nweidet seine Herde\", mit so grossem Beifalle, dass sie bei ihrem\nzweiten Auftreten, um eine Arie aus Hiller's „Katakomben\" und\ndie Romanze aus desselben „Advocat\" vorzutragen, mit Applaus em-\npfangen wurde), die Herren Hol dampf und Merbeck. In den\nEnsembles wirkte Herr Koch auch selbst mit.\nAm Dinstag den 22. d. Mts. hatten wir in der zweiten\nSoiree für Kammermusik einen grossen Kunstgenuss, den uns\nsowohl das Programm, als die ganz vorzügliche Ausführung dessel-\nben verschaffte. Die Sitzung begann mit Mozart's Violin-Quartett\nNr. VH in D-dur, jener milden, ruhig fliessenden Composition, in\nwelcher der Reiz der Anmuth und der einschmeichelnden Melodie\nvorherrscht, der besonders in dem schönen Vortrage der ersten Vio-\nlin-Partie durch Herrn von König slow hervortrat, welcher im\nreinsten Stil mit der Innigkeit und dem Schmelz der Mozart'schen\nMelodieen wetteiferte. Darauf folgte Bee tho ven's grosse Sonate\nfür Pianoforte und Violine, Op. 47 in Aj gespielt von den Herren\nF. Hill er und von König slow. Man weiss bei diesem Werke\nkaum, welchem von den beiden Ausführenden die schwierigere Auf-\ngabe zugetheilt ist: so viel ist aber gewiss, dass auch bei einem\ntrefflichen Vortrage der Clavier-Partie das Ganze keinen befriedigen-\nden Eindruck macht, wenn die Violinstimme nicht auch einen dem"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "416", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18631226-01.1.8", "texte": "Pianisten ebenbürtigen Vertreter hat. Die im ersten Satze vorherr-\nschenden Figuren, welche für die Violin-Technik keineswegs land-\nläufige Bekannte sind, werden häufig durch Mangel an Ton (vollends\nbei übertriebenem Tempo) undeutlich oder sie verleiten den Spieler\nbei vollendeter Herrschaft über das Mechanische zu einer harten\nund schroffen, dem so genannten Kratzen ähnlichen Vortragsweise,\nwodurch sie, geradezu gesagt, unangenehm werden. Diese Klippen\nder Ausführung wurden von Herrn von Königslow auf das glück-\nlichste vermieden, und so gewannen die virtuosen Stellen durch die\ngleiche Tonstärke beider Instrumente und die genaueste Ueberein-\nstimmung in allen Nuancen einen Ausdruck, wie man ihn selten\nhört. Dass bei solcher Ausführung der Violinstimme das Ganze\ndurcii Hiller's Auffassung, durch seine bei allem Schwung und Feuer\ndoch gemässigten Tempi und seine unnachahmliche Weise, dem\nSchlade der Hämmer an die Saiten einen zwischen Milde und Trotz,\nO '\nWeichheit und Stärke wechselnden Ausdruck abzuzwingen, eine\necht classische, mustergültige Wiedergabe einer der schönsten und\noriginelsten Compositionen wurde, konnte nicht ausbleiben. Die Zu-\nhörerschaft applaudirte jeden Satz, besonders auch die Variationen,\nmit wahrer Begeisterung. Den Schluss der Sitzung machte eine\ngrossartig schöne und vollendet durchgeführte Leistung der vier\nKünstler durch den Vortrag des Quartetts von Franz Schubert\nin D-moll, jenes so lange vergrabenen Schatzes, dessen hoher Werth\nan diesem Abende einmal wieder in seinem vollen Glänze strahlte.\nWelch eine unerschöpfliche Quelle von Melodieen, welch ein\nReichthum von Phantasie in den Ausführungen derselben, in den\nEpisoden und Verzierungen, welch eine Herrschaft über Harmonie\nund Form, und bei aller Fülle und Ueppigkeit der in einander wo-\ngenden Töne welche Klarheit und Eindringlichkeit! In dieser Musik\nbraucht man nicht erst mit kennerischem Späherblick die Schönhei-\nten aufzusuchen, sie drängen sich uns in unverschleierter und un-\nverdüsterter Gestalt auf, dass wir auf der Stelle den Eindruck davon\nempfinden und eine Zergliederung durch die Lupe des Musikgelehr-\nten gar nicht nöthig haben. Und doch wie originel, wie neu! Das\nPublicum bestätigte diese Wahrheit durch enthusiastischen Applaus\njedes Satzes.\nCoburg;. In der neulichen Besprechung der Oper „Des Sän-\ngers Fluch\" mit der Musik von Langert ist des Libretto-Dichters\nnicht gedacht worden, obgleich das Verdienst desselben an dem Er-\nfolge des Werkes einen grossen Antheil hat. Wir holen daher das\nVersäumte dadurch nach, dass wir den Intendanten unseres H@f-\ntheaters, Herrn von Meyern, als den Dichter der Oper namhaft\nmachen.\n** llottei'dain. Am 1!). d. Mts. fand hier durch unsere\ndeutsche Oper eine von Herrn Capellmeister Levi trefflich einstu-\ndirte und von dem Herrn Componisten selbst dirigirte, sehr gute\nAufführung der Oper ,-Die Katakomben\", Text von M. Hart-\nmann, Musik von F. Hiller, Statt, deren Aufnahme durch das\ngedrängt volle Haus eine überaus glänzende war. Die Darsteller\nsämmtlicher Partieen wurden wiederholt gerufen, der Componist\nnach jedem Acte, und am Schlüsse der Vorstellung verliess das Pu-\nblicum den Saal nicht eher, als bis Herr Capellmeister Hiller noch\neinmal auf der Bühne erschien, wo er dann mit enthusiastischen\nHochs und Trompeten-Fanfaren begrüsst wurde. Bei dem Abend-\nessen, das ihm zu Ehren veranstaltet war, fand er statt der Karte,\ndie sonst den Platz bezeichnet, einen Lorberkranz auf seinem Couvert.\nZur Nachricht. Die interessanten Berichte aus Holland\nüber Concertc in Amsterdam, die deutsche Oper in Rotterdam\nu. s. w. sind uns zu spät zugegangen, um in dieser Nummer, welche\nder einfallenden Feiertage wegen schon am 24. d. Mts. geschlossen\nwerden musste, noch benutzt werden zu können.\nDie Redaction."}]}