{"numero_id": "bm-bmtnabi-1864-01-16-01", "volume": "bmtnabi_1864-01-16_01", "ocr_sha256": "00fd71039762c05ca814c32e9866e561991da93c5bc966a0dd0f7bfc39908df9", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1864/01/16_01/bmtnabi_1864-01-16_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640116-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1864-01-16-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1864-01-16_01#c001", "volume": "bmtnabi_1864-01-16_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "17", "page_fin": "17", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640116-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "17", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640116-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 308, "texte": "Inhalt.\nCarl Maria von Weber (Ein Lebensbild). Schluss. Musicalisches aus Leipzig. Von Dr. Oscar Paul. (Schluss.)\nAus Berlin (Sendschreiben des Tonkünstler-Vereins an die Kunstgenossen). Aus Bremen (Stiftungsfeier Musicalische Abende\nim Künstler-Vereine). Sechstes Gesellschafts-Concert in Köln im Gürzenich."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1864-01-16-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1864-01-16_01#c002", "volume": "bmtnabi_1864-01-16_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "17", "page_fin": "21", "image_debut": 1, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640116-01.2.2", "titre_corps": "Carl Maria von Weber.", "titre_sommaire": "Carl Maria von Weber.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "17", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640116-01.1.1", "debut_caractere": 310, "fin_caractere_exclue": 4097, "texte": "Carl Maria von Weber.\nEin Lebensbild.\n(Schluss. S. Jahrg. XI., Nr. 51, 52, Jahrg. XII. Nr. 1.)\nUeber den wechselnden Aufenthalt C. M. von We-\nbers in verschiedenen Städten, nachdem er mit seinem\nVater Freiberg verlassen, über die mannigfachen, oft\nmehr betrübenden als erfreulichen, meistentheils noch ganz\nunbekannten Ereignisse seines Lebens in den sonderbar-\nsten Fügungen des Schicksals, über seine allmähliche\nkünstlerische Entwicklung u. s. w. müssen wir die Leser\nauf das Buch selbst verweisen, welches über alles dieses\ndie ausführlichsten Berichte mit ungeschminkter Wahr-\nheit gibt, vielleicht für manche Leser stellenweise etwas\nzu ausführlich, jedoch überall durch die strengste Gewissen-\nhaftigkeit lobenswerth und auch in den kleinsten Einzel-\nheiten für jeden denkenden Leser, der an der Erziehung\ndes Menschen durch das Leben Interesse nimmt, von\nWichtigkeit.\nWeber war bald hier, bald da: in Salzburg, Ham-\nburg, Eutin, Augsburg, Wien, Breslau (wo er sich durch\neinen herzhaften Schluck aus einer Flasche mit Salpeter-\nsäure, die er im Dunkeln statt der Weinflasche ergriff,\nbeinahe den Tod geholt hätte), in Karlsruhe (in Schlesien)\nam Hofe des Prinzen Eugen Friedrich von Würtemberg,\nin Stuttgart als Geheim-Secretär und Geschäftsführer des\nverschwenderischen und verschuldeten Herzogs Ludwig,\nmitten in den Strudel des damaligen Hoflebens und der\nin Bezug auf Recht, Redlichkeit und Sitten jammervollen\nZustände des Landes hineingerathen und zu leichtsinnigen\nHandlungen verführt, deren plötzliche Erkenntniss aber\neine heilbringende Aenderung in seinem Charakter und\nseiner Lebensweise hervorbrachte, begannen glücklichere\nTage für ihn in Mannheim, Heidelberg, Darmstadt und\nUmgebungen, nur dass in Frankfurt ihn sein altes „Pech\"\nwieder verfolgte, indem seine sehr guten Aussichten auf\nden Ertrag eines Concertes daselbst erst durch die Luft-\nfahrt der damals berühmten Madame Blanchard und dann\ndurch Napoleon's Decret über die Continentalsperre und\ndie Verbrennung aller englischen Waaren'auf dem Fest-\nlande ganz und gar vernichtet wurden.\nSodann begleiten wir den jungen Künstler, dessen An-\nstellung in Mannheim nicht zu Stande kam, auf seinen zwei\ngrösseren Kunstreisen im Jahre 1811. Auf der ersten be-\nsuchte er die süddeutschen Städte AschafFenburg, Würz-\nburg, Bamberg, Nürnberg, Augsburg und München, wo\ner sich längere Zeit aufhielt; auf der zweiten musste er\nbeim Beginne derselben noch einmal die Nachwehen der\nStuttgarter Händel und die Willkür des königlichen Regi-\nmentes erfahren, da man ihn wieder festnahm und aber-\nmals über die Gränze brachte; darauf besuchte er die\nSchweiz, gab Concerte in SchalThausen, Winterthur, Zü-\nrich, Bern, Basel und erfrischte sich durch eine Wande-\nrung ins Oberland. Ueber seinen öffentlichen Compositio-\nnen waltete übrigens ein wunderliches Geschick, das nur\nallzu oft mehr als neckisch seine Erwartungen vernichtete.\nWenn man bedenkt, dass eine Concert-Einnahme von 130\nGulden (wie z. B. in Basel) als etwas ganz Ausserordent-\nliches galt, so begreift man kaum, wie Weber die Kosten\nseiner Reisen erschwingen mochte. Der dreimonatliche\nAusflug in die Schweiz trug indess zur Ausbreitung seines\nRufes wesentlich bei und brachte ihn mit einer grossen\nAnzahl ausgezeichneter und in ihrer Denkweise origineller\nund freisinniger Menschen in Berührung. „Das wichtigste\nResultat der Reise\", sagt sein Biograph, „war die Berei-\ncherung seiner inneren Welt durch die Anschauungen\neiner grossen Natur und, was eben so schwer wiegt, die\nErschütterung seiner bis dahin fest gehegten und oft aus-\ngesprochenen Ansicht, dass die Atmosphäre, die das Licht\nfürstlicher Kunstliebe erhellt, allein für die Entwicklung\nund Pflege der Kunst und speciel der Musik geeignet sei.\nDas warme Schlagen fester republicanischer Herzen bei"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "18", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640116-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5486, "texte": "den Tönen guter Musik hatte ihn zum grossen Theile von\ndem Vorurtheile geheilt, dass eine hohe Verfeinerung der\nSitten erforderlich sei, die Menschennatur zart genug für\ndas Vollempfinden der Musik zu besaiten.\"\nAuf der folgenden Reise begleitete ihn der treffliche\nClarinettist Bärmann aus München. Sie ging über Prag,\nDresden, Leipzig, Weimar nach Berlin, wo Weber vom\n20. Februar bis 31. August 1812 verweilte.\nDer dreizehnte Abschnitt umfasst die Wirksamkeit\nWeber's als Opern-Dirigent in Prag vom 1. April 1813\nbis zum 30. September 1816, in welche Zeit seine herr-\nlichen Compositionen von Körner's „Leyer und Schwert\"\nlallen. Während dieser Jahre hielt er sich zeitweise auch\nin Berlin, wo er hoch gefeiert wurde, und in München\nauf. Der letzte Abschnitt des Buches berichtet über seine\nVerlobung mit Caroline Brandt und seine Anstellung als\nIlof-Capellmeister in Dresden vom 21. December 1816.\nDie amtliche Benachrichtigung erhielt er am Weihnachts-\ntage. Er hatte diese ganze Angelegenheit vor seiner Braut\ngeheim gehalten, und nun verkündigte er ihr das beider-\nseitige Glück auf humoristische Weise dadurch, dass er ihr\neinen absichtlich unbedeutenden Brief schrieb und darunter\nsetzte: „Meine Adresse: An den königlich sächsischen Ca-\npellmeister Herrn Carl Maria von Weber in Dresden.\"\nAus der gegebenen ausführlichen Anzeige der Bio-\ngraphie Weber's und den Bruchstücken daraus geht die\nEmpfehlung des Werkes als einer werthvollen Bereiche-\nrung der musicalischen Literatur hinlänglich hervor. Wir\nsehen mit gespannter Erwartung dem folgenden Bande\nentgegen und haben nur den Wunsch einer sorgfältigeren\nCorrectur des Druckes bei der sonst vorzüglichen Ausstat-\ntung des Buches hinzuzufügen.\nDass die Biographie Weber's auch über viele musica-\nlische Berühmtheiten, mit denen er in nähere Berührung\nkam, interessante Notizen enthält, ist noch eine besondere\nWürze der Lesung. Wir theilen beispielsweise einiges da-\nhin Gehöriges zum Schlüsse mit. Wir wählen dazu, was\nan verschiedenen Stellen über den im Anfange unseres\nJahrhunderts hochberühmten Abt Vogler gesagt ist.\n„Vogler's und Franz Anton's (Carl Maria's Vater)\nGeisler waren Zwillingsbrüder von merkwürdiger, nur durch\ndie äussere Entwicklung etwas abgeschwächter Aehnlich-\nkeit, die sogar ihren Gesichtszügen einen verwandtschaft-\nlichen Stempel aufgedrückt hatte. Vogler wäre im heite-\nren Glänze von Karl Theodor's Hofe, unter den Cavaiieren\nder Kurtrier'schen Garde, wahrscheinlich der jovial zerfah-\nrene 1< ranz Anton, dieser wäre am Pedal-Claviere Meister\nWenzel Stautinger's und unter den Mönchen und Prälaten\ndes Würzburger Hochstiftes, die dem Orgelspiel des Kna-\nben lauschten, wahrscheinlich ein hochberühmter, eitler\nMusiker geworden. Beide glühten für die Kunst, lür deren\nAusübung sie hervorragende Talente hatten, beide liebten\nden Glanz in Sein und Schein, beide liessen, wenn es die-\nsem galt, auch einmal Tombak für Gold passiren, beiden\nstand daher auch in der Kunst die Form über dem Inhalt,\ndie Wirksamkeit über der Tiefe; beide freuten sich mit\ngleicher Lebendigkeit am sinnlich Wohlgefälligen, beide\nleitete mit gleicher Kraft die Eitelkeit auf Wege, die von\nder Bethätigung ihres Talentes nach den höchsten Zwecken\nder Kunst abwärts führten.\n„Aber Vogler hatte vor Franz Anton das Glück voraus,\nbeim Eintritte in das Leben gleich in diejenigen Sphären\nder bürgerlichen Gesellschalt zu gerathen, denen eine Na-\ntur wie Vogler eine unschätzbare Erscheinung war. Im\nsteten Verkehre mit der streng disciplinirten, unwandelbar\nihrer Zwecke bewussten Geistlichkeit, gewann er \\on Ju-\ngend auf den Sinn für Ordnung, Disciplin und bestimmte\nRichtung des Wollens, der ihn zum berühmten Manne,\ndessen Mangel Franz Anton zum armen, mit seinem Wun-\nderknaben umherziehenden Musicanten gemacht hatte.\n„Tief gelehrt in allem, was sich im Bereiche der Ton-\nwelt durch ein mächtiges Gedächtniss und tüchtige Ur-\ntheilskraft erbeuten lässt, bewusst der anzustrebenden\nZwecke, talentvoll genug, um selbst seine Ansichten in\nKunstwerken zu verlebendigen, als Zögling der Jesuiten ge-\nschickt, bei jeder Gelegenheit diejenige Facette seines viel-\nseitigen Geistes blitzen zu lassen, von deren Glanz er sich\ndie meiste Wirkung versprach, gewichtig in seinem Aus-\nspruche, imposant und leutselig zugleich im Auftreten, mit\nAbsicht bizarr in seinen Gewohnheiten, um, ohne Staunen\nzu erregen, jede Lebensform annehmen zu können, dabei\naber anderentheils ohne philosophische Consequenz des\nDenkens, daher voll Unklarheit in seinem Ausdrucke, den\ner für mystische Tiefe auszugeben bestrebt war, der unge-\nnügenden wissenschaftlichen Begründung seiner Systeme\nund Anordnungen bewusst, die er durch Apodiktik und\nAplomb des Vortrages derselben zu maskiren strebte, als\netwas charlatanmässig reisender Apostel seiner musicalischen\nEvangelien an allen Orten der civilisirten Welt aultauchend\nund verschwindend, von der Geistlichkeit allenthalben ge-\nstützt und getragen, von der derben Praxis der Kunst al-\nlenthalben angefeindet, war Vogler so recht der Mann da-\nzu, eine grosse Masse der Kunstgenossen und des Publi-\ncums für sich zu interessiren, sie dabei aber in zwei schroff\ngegenüberstehende Parteien zu theilen, deren eine auf ihn\nschwor, während die andere ihn verketzerte und bekämpfte.\n„Aber er war auch weiter der Mann dazu, junge Ge-\nmüther kraft der oben entwickelten positiven und negati-\nven Eigenschaften und seiner geistlichen Disciplin aufs\nhöchste zu beeinflussen und den W erdenden als ein Prophet"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "19", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640116-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5526, "texte": "zu erscheinen, an dessen Schritt sie sich zu heften hätten,\nsollte er selbst zum Martyi erthume führen. Die Form sei-\nnes unbestreitbaren Lehrtalentes begünstigte solchen Ein-\nfluss ungemein, da er es verstand, sich seinen Jüngern stets\nals ein Hoherpriester voll Milde und Leutseligkeit gegen-\nüber zu stellen, der ihnen indess nur einen kleinen Theil\nder ihm von seinem Golt zugeraunten, unumstösslichen\nWahrheiten mittheilen dürfe.\n„ Dieser Ton, dieser Schritt, seine kleine Tonsur, das\naus Rom persönlich für den Kurfürsten Karl Theodor mit-\ngebrachte Weihwasser, sein Orden des goldenen Sporns\nund der für Frau von Coudenhove unwiderstehliche Klang\nseiner Sprache halten Vogler neben seinen grossen Talen-\nten im Jahre 1777 zum Hof-Caplan und Capellmeister\nKarl Theodor's zu Mannheim gemacht. Seine Natur halte\naber doch zu viel vom Künstler und nicht genug vom Je-\nsuiten, um das infame Regiment des Paters Frank zu Mün-\nchen ruhigen Blutes mit ansehen zu können, er überwarf\nsich mit diesem so heftig, dass er 1781 schleunig München\nverliess und auf weite Reisen ging, die ihn nach Frank-\nreich, England, Italien, ja, selbst nach Griechenland und\nNordafrica führten, auf denen er sich die Verbreitung sei-\nnes musicalischen Systems sehr angelegen sein liess, und\ndurch dieses und seine meisterhaften Orgel-Vorträge gros-\nsen Ruf als Musikgelehrter, Lehrer und Organist in ganz\nEuropa erwarb. Von diesen Reisen brachte er auch die\nHauptelemente der altgriechischen Musik mit, die er in Tra-\nditionen jener südlichen Länder aufgefunden haben wollte.\n„Von jener Zeit schreibt sich eine warme Sammel-Lieb-\nhaberei Vogler's für NationaUMelodieen her, der er mehr\nund mehr Zeit und Mühe opferte. Es ist sehr bedeutungs-\nvoll für die ganze romantische Musikrichtung gewesen, dass\ner zweien seiner Schüler, Weber und Meyerbeer, die spä-\nter Haupt-Repräsentanten dieser Richtung werden sollten,\nseine hohe Meinung vom Werthe und der Bedeutung von\nVolks- und National-Melodieen mitzutheilen wusste, so\ndass ihre Werke allenthalben Zeugniss dafür ablegen.\n„Sein Ruhm als Lehrer der Tonkunst veranlasste Gustav\n111. von Schweden, ihn im Jahre 1786 nach Stockholm\nzu berufen und ihm, unter Verleihung einer glänzenden\nStellung als Chef cle la musiquedes Königs, den Unterricht\ndes Kronprinzen zu übertragen. Im hohen Norden wirkte\nVogler durch Lehre und That dreizehn Jahre lang unbe-\nzweifelt segensreich für die Kunst und die Künstler, kehrte\nerst im Jahre 1799 nach Deutschland zurück und wandte\nsich mit der Bitte um die bescheidene Pfarrei von Pleichach\nnach Würzburg, wo er ganz dem-Studium der Musik le-\nben wollte. Am selben Tage, wo die abschlägige Antwort\nvon dort einging, erhielt er einen Ruf als Lehrer der Ton-\nkunst nach Prag, den er annahm und am 9. November\n1801 seine Antrittsrede hielt, nachdem er Jahrs zuvor\nseine Oper „„Hermann von Unna'\"' mit Beifall in Berlin\naufgeführt und im Frühjahre 1801 in Berlin, Braunschweig,\nLeipzig Concerte gegeben hatte.\n„Vogler's musicalisches Auftreten sagte dem feinsinni-\ngen Publicum Prags so wenig zu, wie sein Lehren und\nDisputiren der strengen Hochschule. Seine Oper „ „Castor\nund Pollux\"\", die er selbst aufführte, missfiel gänzlich;\ndie mit grossem Pomp und allen damaligen Mitteln der\nReclame angekündigten Concerte auf seinem neuerfunde-\nnen Orchestrion nöthigten den Kennern Kopfschütteln, dem\nPublicum Lächeln ab. Die Gelehrten der Universität nann-\nten seine Lehre ein unbegründetes Behaupten, seine Sätze\nmit dem Bade ausgeschüttete Kinder. Seine Form, zu dispu-\ntiren, bestände nur im Ueberrumpeln des Gegners durch\ngeistreiche Wendungen und Witz, im Erobern der Meinung\ndes Zuhörers durch äussere Mittel ohne eigentliches tiefes\nWissen, kurz, hätte man ihm nicht als Ciavier- und Orgel-\nspieler Gerechtigkeit widerfahren lassen müssen, wären\nihm nicht die „ „Simplificationen\"\" einiger Orgeln geglückt,\nso hätte er von Prag, das er in unbehaglicher Stimmung\nC O O\nschon im December 1802 verliess, fast den Ruf eines aus-\ngesprochenen Charlatans mit fortgenommen. Doch Vogler\ngehörte zu jenen glücklichen Männern, deren Ruf jede Nie-\nderlage doppelt glänzend aus der Asche erstehen lässt. Er\nwandte sich nach Wien, hatte das Glück, dort gleich mit\neiner glänzenden Anekdote, die seinen und des damals in\nAller Munde befindlichen Dr. Gall Namen in für ihn sehr\nschmeichelhafte Beziehung brachte, zu debutiren, erhielt\nsofort und zugleich mit Beethoven Auftrag, eine Oper für\ndas neue Theater an der Wien zu componiren (welcher\nBestellung „„Samori\"\" und „ „Fidelio\"\" ihr Dasein ver-\ndanken), und die angesehensten Tonkünstler Wiens empfin-\ngen ihn mit hochachtungsvoller Erwartung. Letztere ver-\nstand er durch geheimnissvolle Gerüchte vom Fortgange\nseiner Arbeiten an seiner, wie es hiess, kolossalen Oper\n„„Samori\"\" zu spannen, während Beethoven von seiner\n„ „Leonore\"\" kein Wort verlauten liess. Wie überall, ver-\nbreitete er durch eine talentvolle Mischung von wirklichem\nWissen und Können, Lehrtalent, glänzender Diction, prie-\nsterlicher Würde, künstlerischem Glänze, aristokratischer\nLebensformen und gehaltenem Denkerwesen einen Nimbus\num sich, der den Eindruck seiner wirklichen Verdienste\nungemein steigerte und besonders nicht verfehlte, auf die\njunge Künstlerwelt und mit ihm sympathisch or-\nganisirte Naturen älterer Männer, wie die Franz Anton von\nWebers, Sonnleithners, Süssmeyers u. s. w. einen mäch-\ntigen und besiegenden Einfluss zu üben.\n„Zu dieser Zeit gerade langte Franz Anton und sein\nSohn in Wien an, und es war nach all dem Gesagten na-\n\nn"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "20", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640116-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5576, "texte": "türlich, dass Vogler die Herzen und Gesinnungen beider\nzuflogen, wie dem Magnet das Eisen.\n„Im Hause des Grafen Firmian aufs wohlwollendste\naufgenommen, lernte Carl Maria daselbst einen jungen Of-\nficier, Johann Baptist Gänsbacher, kennen, der, vor Kurzem\nerst mit der goldenen Medaille decorirt, die Reihen der\nfreiwilligen tyroler Jäger verlassen hatte, um, von glühen-\nder Liebe zur Tonkunst getrieben, zu Vogler's und Alb-\nrechtsberger's Füssen die hohe Lehre von der Musikwis-\nsenschaft zu suchen, in der ihm sein Vater, ein braver\nSchullehrer zu Sterzing in Tyrol, taugliche Vorkenntnisse\nbeigebracht hatte. Gänsbacher war eine gute, derbe, kräf-\ntige, sinnliche Natur, die neben der Kunst, Wein und Weib,\nausserdem aber auch noch leidenschaftlich das Büchsen-\nschiessen liebte, in dem er Meister war. Acht Jahre älter\nals Weber, vom Soldatenleben her mit liberalen Lebens-\nansichten dotirt, breitschulterig und rüstig an Körper, da-\nbei guter Musiker, gewann er bald grossen Einfluss auf\ndiesen, der ihn zärtlich zu lieben begann. Diese Liebe\nwurde, gekittet durch manchen zusammen verübten Ju-\ngendstreich, manche zusammen getragene Trübsal, man-\nchen geleisteten Dienst, gleiches Streben und Wollen zu\neiner wahrhaft brüderlichen, die Weber bis wenige Mo-\nnate vor seinem Tode lebhaft bethätigte.\n„In Wien leistete Gänsbacher Carl Maria zunächst\nden grossen Dienst, ihn durch Vermittlung seines Gönners,\ndes Grafen Firmian, mit Vogler bekannt zu machen und\ndiesen zu veranlassen, Carl Maria spielen zu hören. Das\nUebrige that Carl Maria's Talent selbst; Vogler nahm ihn\nsofort in den kleinsten Kreis seiner Lieblingsjünger auf und\npflegte und beobachtete das grosse, schnell erkannte Talent\nnach Würdigkeit. Da musste ihn denn sehr bald sein durch\ndie reichste Lehrpraxis geschärfter Blick gewahr werden\nlassen, dass er es hier mit einer Begabung ersten Ranges\nzu thun habe, deren eigenstes Wesen die Production des\nGlänzenden, Reizenden, Fortreissenden sei, die dadurch\nund durch die Lebensverhältnisse, welche der Einfluss eines\neitlen Vaters und frühzeitige Erfolge unterstützten, in die\ndringendste Gefahr geführt war, sich im dilettantisch Lie-\nbenswürdigen zu verflachen. Er wandte daher mit Weisheit\nund Liebe den schnell über den trefflichen Schüler gewon-\nnenen Einfluss dazu an, ihm den Ernst der Kunst lieb zu\nmachen. Es bedurfte des ganzen Gewichtes seines Urtheils\nund Rathes, um den feurig und mit Glück Strebenden aus\nder lichten Sphäre des eigenen Schaffens und des Träumens\nvon der jungen Meisterschaft wieder in die engen Kreise des\nbescheidenen, dunkeln Lernens zurückzuführen. Es bedurfte\nder ganzen Intelligenz des jungen Musikers, um die Not-\nwendigkeit des schweren Rückschrittes zu begreifen und den-\nselben so consequent zu thun, wie es in der That geschah.\"\nSpäter hatte Vogler seit 1807 eine glänzende äussere\nStellung in Darmstadt, wohin ihn der Grossherzog Lud-\nwig I. gezogen hatte. Er wurde daselbst geistlicher Gehei-\nmerrath, erhielt 2200 Fl. Gehalt, Wohnung und Küche\nim Schlosse nebst Holz und täglich vier Wachslichtern.\n„Seine Talente lagen aber so gut wie brach, da der Gross-\nherzog weder seinen Rath hörte, noch ihm andauernd die\nLeitung musicalischer Aufführungen, die seiner eigenen\nWerke ausgenommen, übertrug, so dass er ganz seinen\nwissenschaftlichen Arbeiten und Studien leben konnte. Da-\nbei stand Vogler, als vom Grossherzoge verehrter Mann,\nin hohem Ansehen; er war der fast tägliche Tischgenosse\ndes Grossherzogs, wobei er sich den Burgunder trefflich\nmunden iiess, und es gab bei Hofe und in der Stadt keine\nbekanntere und populärere, aber auch kaum in ihrer Er-\nscheinung eine auffallendere Figur, als den Abbe Vogler.\nVon Gestalt war er klein und corpulent, hatte auch ge-\ndrungene und kräftige Gesichtszüge, deren Ausdruck sel-\nten ein freundlicher war. Er war zum Orgelspiel mit sei-\nnen langen Armen und so grossen Händen, dass er zwei\nOctaven spannen konnte, wie geschaffen, obwohl ihm diese\nfür den genannten Zweck vortreff liche Körper-Disposition\netwas Affenhaftes gab. Er war eitler als je geworden und\nwar stets mit einem höchst eleganten, breitschössigen,\nschwarzen Fracke, schwarz-atlassenen Beinkleidern, rothen\nStrümpfen und Schuhen mit gelben Schnallen angethan.\nDas Grosskreuz des Ludwigs-Ordens trug er links auf der\nBrust und rechts hinten das schwarzseidene Abbe-Mäntel-\nchen, das dem alten Herrn bis an die Kniekehlen reichte.\"\nHier bildeten Gänzbacher, Weber und Meverbeer,\n• -J '\nder, kaum sechszebn Jahre alt, bereits Aufsehen erregt\nhatte (1810) und bei ihm wohnte, den engeren Kreis bei\nVogler. „Die Tage wurden meist mit musicalischen Uebun-\ngen und Arbeiten, die oft in Vogler's Wohnung, auf des-\nsen gutem Instrumente und unter seinen Rathschlägen aus-\ngeführt wurden, zugebracht. Oft begleiteten die jungen\nMänner auch den grössten Orgelspieler der damaligen Zeit\nin eine der Kirchen, und niemals, so versicherte Weber\noft, hat Vogler so unmittelbar in seinen Phantasieen und\nPräludien aus dem Urquell des Schönen getrunken, als\nwenn er, nur vor seinen drei lieben Jüngern, wie er sie\ngern nannte, in den Engelstimmen und Donnerworten der\nOrgel wirkte. Die Abende verflossen fast alle in ernstem\nVerkehr mit Vogler oder bei Hoffmann, wo Vogler oder\neiner der jungen Musiker phantasirte, oder ein gutes Werk\ndurchgenommen oder auch nur Gespräche gepflogen wur-\nden. Der alte Meister, dessen ernstes Gesicht das Lächeln\nnicht wohl verstand, verjüngte sich im Kreise der bedeu-\ntungsvollen Epigonen, deren geistige Kraft und deren Ta-\nlent ihm, dem erfahrenen Menschen- und Künstlerkenner,"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "21", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640116-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 940, "texte": "vollkommen offenbar war. Er pflegte später von Carl Ma-\nria und Meyerbeer zu sagen: „ „O, wenn ich hätte von der\nWelt gehen sollen, ehe ich diese beiden ausgebildet hatte,\nwelches Weh würde ich empfunden haben! Es ruht etwas\nin mir, was ich nicht herausrufen konnte, diese beiden\nwerden es thun! Was wäre Perugino, was Fra Bartolo-\nmeo ohne Rafael!\"\"\n„Aber die drei schüttelten sich doch, wie Weber sagt,\nden Staub aus dem Pelz, wenn sie aus der Gesellschaft\nder Alten Abends auf die Strasse hinaus kamen und „ „Me-\nlodieen sammeln\"\" gingen, d. h. da Wein tranken, wo\nman sang oder Zither oder Harfe schwirrte. Vor Soldaten\nund ihren Mädchen konnte da Carl Maria die Guitarre\num den Hals werfen, auf einen Tisch steigen und wie in\nder tollsten Zeit seines Lebens Schelmenlieder singen, dass\ndes Jubels kein Ende war, bis ihn der Tabaksdampf aus\nder Kneipe jagte. Zum Dank empfing er vom Volksge-\nsange manche Anregung in Leben und Melodie.\""}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1864-01-16-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1864-01-16_01#c003", "volume": "bmtnabi_1864-01-16_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "21", "page_fin": "22", "image_debut": 5, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640116-01.2.3", "titre_corps": "Musicalisches aus Leipzig.", "titre_sommaire": "Musicalisches aus Leipzig.", "signature_source": "Oscar Paul", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "21", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640116-01.1.5", "debut_caractere": 942, "fin_caractere_exclue": 5099, "texte": "Musicalisches aus Leipzig.\nVon Dr. Oscar Paul.\n(Schluss. S. Nr. 2.)\nWenden wir uns nun zum dritten Concerte am 22.\nOctober, welches uns vor allen Dingen eine neue Sinfo-\nnie in A-dur von unserem Capellmeister Karl Rein ecke\nbrachte. Wie in allen Werken dieses vortrefflichen Mu-\nsikers, so fanden wir auch in dieser Sinfonie vollständige\nBeherrschung der Form, feinsinnige Verwendung der\ntechnischen Mittel und durchaus künstlerische, bis ins De-\ntail (leissige Verarbeitung der Motive. Was aber die The-\nmen selbst anbelangt, so sind dieselben mehr reizvoll und\nlieblich, als grossartig und melodisch geschlossen. Daher\nauch das Scherzo, obgleich wir uns mit der Tonart C-dur\nnicht ganz einverstanden erklären, in seinen kurzen Pe-\nrioden und originellen, rhythmisch pikanten Figuren als\nwirkungsvollste Nummer hervortrat. Das Publicum zeigte\nsich nach jedem Satze dem Componisten dankbar und be-\nlohnte ihn am Schlüsse für die im Ganzen edle und präch-\ntig ausgeführte Tonschöpfung durch wiederholten und be-\nrechtigten Hervorruf. Zu einer eingehenden Besprechung\nwird uns deren baldiges Erscheinen Veranlassung geben.\nDie übrigen Nummern des Programms waren ein von un-\nserem ersten Violoncellisten L. Lübeck mit gutem Tone\nund sauberer Technik gespieltes Adagio von musicalischem\nWerthe aus einem Concerte seines Vaters J. H. Lübeck,\nferner ein von demselben vorgetragener Servais'scher Fir-\nlefanz, „Phantasie\" genannt, und endlich Gesanges-Vor-\nträge von Miss Parepa. Von letzteren sind die Arie aus\nHändeis „Samson\" mit obligater Trompete, geblasen von\nunserem wackeren Orchester-Mitgliede Herrn Schmidt,\nund Arie aus dem „Schwur\" von Auber hervorzuheben;\ndie übrigen hingegen, als in den Gewandhaus-Saal nicht\ngehörend, entziehen sich der Kritik.\nIm vierten Concerte am 29. October hörten wir aus-\nser der Semiramis-Ouverture von Catel und der\nSinfonie von Beethoven die „Loreley\", gedichtet von\nWolfgang Müller, für Soli, Chor und Orchester compo-\nnirt von Ferd. Hiller. Diese durchaus reizende Compo-\nsitum wurde hier warm aufgenommen. Sie würde aber\ngezündet haben, wenn die Solosängerin Fräulein Hedwig\nDecker aus Berlin ihre Aufgabe bewältigt und vor allen\nDingen rein gesungen hätte. Die Ausführung der Harfen-\nPartie von der noch ganz jugendlichen Fräulein Heermann\naus Baden war sehr lobenswerth. Ausserdem sang in die-\nsem Concerte Fräulein Decker die Arie aus Havdn's\n%)\n„Schöpfung\": „Auf starkem Fittige\", und Fräulein Heer-\nmann spielte eine Oberon-Phantasie von Parish-Alvars.\nDer Bruder der letztgenannten Dame, Herr Hugo\nHeermann, bewährte sich im fünften Concerte am 5.\nNovember als vielversprechenden Geigen-Virtuosen durch\nden Vortrag von Spohr's tief empfundenem -\ncert Nr. 11 und eines französisch coquetten Air varie\nvon Vieuxtemps. Dem jugendlichen Künstler stehen be-\nreits tüchtige Technik und voller Ton zu Gebote, obgleich\nletzterer nicht ganz frei von näselndem Geräusch ist, wo-\nvon allerdings auch das Instrument die Ursache sein kann.\nJene Eigenschaften, verbunden mit richtiger Empfindung\nund künstlerischer Ruhe, berechtigen zu bedeutenden Hoff-\nnungen, und wünschen wir daher dem strebsamen Geiger\nan allen Orten dieselbe Aufmunterung, welche ihm hier\nin reichlichem Maasse zu Theil ward. Eröffnet wurde ge-\nnanntes Concert mit einer Sinfonie von Haydn, D-dur Nr.\n33, einem Werke von zwar knapper Form, aber tief musica-\nlischem Gehalt. Das Wechselspiel von Ernst und Scherz,\ndie köstlichen Motive in ihrer logischen Anordnung und\nVerwerthung, das Steigen der Cadenz im Andante zu\nmehrstimmiger Fülle: alle diese einzelnen Eigenschaften\nkennzeichnen das originelle Werk als zu den schönsten\nseiner Gattung gehörig. Es wurde von Anfang bis zu Ende\nmit vorzüglicher Präcision wiedergegeben. Auch Mendels-\nsohn's il-?wo//-Sinfonie, welche das Concert beschloss, liess\nin der Vorführung wenig zu wünschen übrig; für den\nEindruck des ganzen Concertes wäre ohnedies bei so vieler\nInstrumentalmusik wohl ein Chor des beliebten Meisters\nvon grösserem Vortheil gewesen.\nIm sechsten Concerte am 12. Nov. wurde uns eine\nneue Sinfonie in D-moll von Hob. Volkmann vorgeführt,\nwelche unbestritten das beste Werk dieses Componisten"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "22", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640116-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3985, "texte": "ist; ja, wir wagen es auszusprechen, dass es überhaupt\nzu dem Besten gehört, was von lebenden Componisten auf\ndem Felde der Instrumental-Musik geleistet worden ist.\nIm Stil einheitlich, gross in der Form, technisch fertig in\nVerwerthung aller contrapunktischen und instrumentalen\nMittel, bekundet es allenthalben ein Studium, welches uns\nin früheren Werken des Componisten noch niemals in\ndieser Weise entgegengetreten war. Es verdient, in jedem\nConcert-Inslitute aufgeführt und vom Publicum beachtet\nzu werden. Die Ausführung war natürlich nach techni-\nscher Seite hin vorzüglich, doch hätten wir das Tempo\ndes ersten Satzes noch um 50 Schwingungen vermehrt\ngewünscht. Der erste Theil des Concertes, welcher dieser\nden zweiten Theil füllenden Sinfonie voranging, zeigte im\nProgramm R. Schumann's „Ouvertüre, Scherzo und Fi-\nnale\", sodann die von Herrn J. Schild aus Solothurn\nrecht brav gesungene Verzweillungs-Arie aus dem „Frei-\nschütz\", ferner das von Fräulein Doris Böhme aus\nDresden ganz anmuthig vorgetragene von\nChopin und endlich R. Schumann's bekanntes „Zigeuner-\nleben\" mit der genialen Instrumentirung von Graedener,\nin welchem aber der Chor sich nicht vollständig sicher\nzeigte.\nDie Novitäten der letzten vier Concerte bestanden in\neiner neuen Sinfonie (Manuscript) von S. Jadassohn und\ndem bereits in Köln gehörten Psalm 113 für Chor und\nOrchester von Woldemar Bargiel. Ersteres Werk,\nvom Componisten selbst dirigirt, wurde trotz einiger Män-\ngel in der Ausführung vom Publicum sehr warm aufge-\nnommen, und auch wir unterzeichnen mit Freuden den\nberechtigten Hervorruf des Componisten, da sein Werk\neine tüchtige Schule, gesunden musicalischen Sinn ohne\nEffecthascherei und glückliche melodische Erfindung be-\nkundete. Der noch junge, talentvolle Componist, Schüler\nvon M. Hauptmann, ist uns bereits durch mehrere sehr\nanständige Compositionen bekannt, von denen ein Trio,\neine Ouvertüre und Sinfonie Nr. 1 besondere Beachtung\nverdienen. Auch Bargiel's Psalm, unter dessen eigener\nDirection sehr wacker ausgeführt, erhielt vom Publicum\ndie verdiente Auszeichnung. Ueber das Werk selbst lässt\nsich nichts weiter mehr sagen, da es als schön empfunde-\nnes und abgerundetes Kunstwerk in diesen Blättern schon\nlängst hervorgehoben wurde. Von den Solisten entzückten\nuns die stets begeistert aufgenommene Frau Clara Schu-\nmann und Herr Dr. Gunz; ferner traten auf Herr Leo-\npold Auer aus Pesth, ein vorzüglicher junger Geiger,\nunser Concertmeister Herr Dreyschock, endlich Herr\nKarl Reinecke, der vortreffliche Pianist, und Fräulein\nCaroline Altistin vom wiener Hof-Opern-\ntheater. Letztgenannte Dame, als Concertsängerin noch\nwenig bekannt, besitzt eine Altstimme, welche vom klei-\nnen dbis zum zweigestrichenen reicht und in ihrer an-\ngenehmen Fülle, namentlich in den tiefen Tönen, von aus-\ngezeichneter Wirkung ist. Leider beeinträchtigte die\nschöne, junge Dame ihren Vortrag durch allzu häufiges\nTremuliren und unangenehmes Portamento beim Ansetzen\nder Töne, welche Manieren auch der schönsten Stimme\nvon grossem Nachtheil sind. Beiläufig sei erwähnt, dass\nFräulein Bettelheim auch als Ciavierspielerin in einer Kam-\nmermusik-Soiree auftrat und die Zuhörerschaft begeisterte.\nDie einzelnen Nummern der Concert-Programme sind\ndurch Veröffentlichung in diesen Blättern unseren Lesern\nbekannt; sie wurden zum grössten Theile in einer des Ge-\nwandhauses würdigen Weise zu Gehör gebracht. Für die\nmeistentheils classiscbe Zusammenstellung der Programme\ngebührt der Concert-Direction und den Herren Capell-\nmeister Beinecke und Concertmeister David uneinge-\nschränkte Anerkennung, und wünschen wir daher, dass\nauch im neuen Jahre das Gewandhaus als Bildungsstätte\nder Kunst durch wahrhaft gediegene Leistungen und durch\nStreben nach wirklichem, künstlerischem Fortschritt allen\nunkünstlerischen Principien und Parteigelüsten einen un-\ndurchdringlichen Schild entgegenhalte.\nUeber Kammermusik-Aufführungen, Theater und\nmusicalische Vereine sei uns ein späterer Bericht gestattet."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1864-01-16-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1864-01-16_01#c004", "volume": "bmtnabi_1864-01-16_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "22", "page_fin": "23", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640116-01.2.4", "titre_corps": "Aus Berlin.", "titre_sommaire": "Aus Berlin.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "22", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640116-01.1.6", "debut_caractere": 3987, "fin_caractere_exclue": 5094, "texte": "Aus Berlin.\nDer berliner Tonkünstler-Verein hat in der letz-\nten December-Woche des vorigen Jahres folgendes Send-\nschreiben an die Kunstgenüssen ausgegeben:\n„In einer Zeit, in welcher die Bedeutsamkeit des\nVereinslebens allgemein zum Bewusslsein gebracht\nworden ist und in welcher sich der Erfahrungssatz fort\nund fort bestätigt, dass nur im Vereinsleben die oft wi-\nderstrebendstenAnsichten und Ideen zur Ausglei-\nchung kommen und einem gemeinsamen Ziele zugeführt\nwerden, und dass eine isolirte, wenn auch noch so acht-\nbare Kraft nur seilen oder höchst mühsam zur Geltung\nund Anerkennung zu gelangen vermag; in einer sol-\nchen Zeit erachtet der Ton künstler-Verein in Ber-\nlin es für seine Pflicht, seine geehrten Kunstgenossen\ndurch gegenwärtiges Sendschreiben auf sein bereits zwan-\nzigjähriges Bestehen, so wie auf seine Wirksamkeit auf-\nmerksam zu machen und zu lebhafter Belheiligung an sei-\nnen künstlerischen Bestrebungen, resp. zum Beitritt in\ndenselben, hiermit ergebenst einzuladen.\n„Wenn der Verein in früheren Jahren, als die Vir-\ntuosität in höchster Blülbe stand, sich die Aufgabe gestellt"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "23", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640116-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4408, "texte": "hatte, überwiegend durch musicalische Productionen, durch\nöffentliche und private Concert-Aufführungen und Musik-\nVeranstaltungen seine Thätigkeit zu äussern, so hat sich\nim Fortgange der Zeit die Notwendigkeit ergeben, be-\nstimmter den Forderungen der Gegenwart Rech-\nnung zu tragen, die von einem Künstler ausser seiner\ntechnischen Kunstfertigkeit zugleich eine höhere\nKunstbildung verlangen. Die Virtuosität hat zwar eine\nzeitweilige Herrschaft selbst über die wichtigsten Kunst-\nInteressen erlangen und sich als Selbstzweck in den Vor-\ndergrund stellen können; doch scheint gegenwärtig allge-\nmein Werth und Bedeutung derselben auf das richtige\nMaass zurückgeführt worden zu sein. Der schaffenden\nKunst ist gegenüber der bloss ausführenden das ihr\ngebührende Vorrecht wieder eingeräumt, ihre Autorität\nunbestritten. Selbst in gebildeten Kreisen genügt die tech-\nnische Kunstfertigkeit allein nicht mehr; ein theoreti-\nsches Studium ist zu tieferer Einsicht in das Wesen der\nKunst als Bedingung, als Nothwendigkeit überall aner-\nkannt. Wer da bedenkt, dass die Virtuosität allein kaum\nnoch im Stande sein dürfte, eine Existenz zu sichern, an\nden tritt alles Ernstes die Mahnung heran, seine Zeit nicht\nausschliesslich der Technik und Fingerkunst zuzuwenden,\nsondern eine höhere, allgemeinere Kunstbildung zu erstre-\nben, um ein geistiges, wahrhaft künstlerisches Capital zu\ngewinnen. Wenn auf anderen, wissenschaftlichen, so-\ncialen und politischen Gebieten gegenwärtig alle Kraft zu-\nsammengenommen und der Aufgabe, Lösung höherer\nFragen, zugewendet wird, da muss wohl der Tonkünstler-\nVerein es als seine Aufgabe betrachten, seine Bestrebun-\ngen und Tendenzen mit dem Fortschreiten der Ideen und\nden Forderungen der Gegenwart in Uebereinstimmung zu\nbringen, und desshalb alles berücksichtigen, was zur För-\nderung einer höheren Kunstbildung beitragen kann.\n„Der Geist auch des Musikers muss von Zeit zu Zeit\nmit neuen Ideen und neuen Anschauungen befruchtet, das\nInteresse für seine Kunst, für die Praxis muss belebt, rege\ngehalten und gestärkt werden, wenn die Musik nicht zu\neinem blossen Mechanismus herabsinken soll!\n„Dieses Ziel hat der Verein im Auge, wenn er sich\nbestrebt, durch praktische Vorträge, namentlich auf hi-\nstorischem, theoretischem, methodischem oder\nästhetischem Gebiete, oder durch Mittheilungen\naus den neuesten Erscheinungen der m usicalische n\nLiteratur, zu deren Kenntnissnahme man im Laufe der\nWoche weder Zeit noch Gelegenheit gehabt, oder endlich\ndurch Besprechung aufgeworfener Fragen (Frage-\nkasten) belehrend und belebend auf seine Mitglieder ein-\nzuwirken. Dabei sollen indessen musicalische Produc-\ntionen keineswegs ausgeschlossen bleiben, im Gegentheil\nkönnen und sollen, wenn ein Bedürfniss vorliegt oder ge-\nnügende Vorlagen es erfordern, nicht allein Compositionen\nder Vereins-Mitglieder, sondern überhaupt gediegene,\nbeachtenswerthe Werke productiver Künstler ohne\nUnterschied im Vereine zur Aufführung gebracht und\neiner Besprechung unterzogen werden.\n„Der Verein sieht sich durch sein langes Bestehen,\ndurch fleissiges Sammeln und durch hochherzige Gaben\nvon Mitgliedern und Gönnern in der angenehmen Lage,\neine nicht ganz unbedeutende Bibliothek zur Benutzung\ndarbieten zu können, welche viele Musikwerke, Partituren\nund Schriften über Musik umfasst.\n„ Eben so hält der Verein auch einen Journal-Cirkel\nin stetem Fluss. Er enthält vier verschiedene deutsche Mu-\nsik-Zeitungen, deren Benutzung jedem Mitgliede unent-\ngeltlich gestattet ist und deren Einlagen in jeder Vereins-\nSitzung (Samstags, 8 Uhr Abends, im Caf£ de Belvedere\nhinter der kath. Kirche Nr. 2) durch den Bibliothekar re-\ngelmässig erneuert werden.\n„Endlich nimmt schliesslich auch eine Kranken -\ncasse, welche hülfsbedürftigen Mitgliedern in Erkran-\nkungsfällen Unterstützung gewährt, ein äusseres Interesse\ndes Vereins wahr.\n„Das Ziel liegt klar vor Augen, es ist dieses: eine\nEinigung so vieler und so tüchtiger Kräfte auf\nmusicalischem Gebiete in der grössten Stadt Deutschlands\nherbeizuführen.\n„Das vom Staate genehmigte Statut, sowohl das all-\ngemeine als auch das besondere der Krankencasse, wird\nvon dem Vorstande behändigt werden; dessgleichen nimmt\nderselbe Meldungen für den Eintritt durch jedes ordent-\nliche Mitglied des Vereins entgegen.\n„Gegenwärtig besteht der Vorstand aus folgenden\nMitgliedern, Prof. Geyer, Organist Haupt, Soergel\n(Bibliothekar), C.Schulze, Martin, Döllen.\""}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1864-01-16-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1864-01-16_01#c005", "volume": "bmtnabi_1864-01-16_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "23", "page_fin": "24", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640116-01.2.5", "titre_corps": "Aus Bremen.", "titre_sommaire": "Aus Bremen.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "23", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640116-01.1.7", "debut_caractere": 4410, "fin_caractere_exclue": 5003, "texte": "Aus Bremen.\nDen 3. Januar 1864.\nDie Stiftungsfeier, welche der nun seit reichlich sie-\nben Jahren bestehende Künstler-Verein am 28. December\nvorigen Jahres, als dem Tage, wo er einst seine schöne Halle\neinweihte, zu begehen pllegt, trug in diesem Jahre einen\nvon dem der früheren Feste wesentlich abweichenden Cha-\nrakter. Der Grundgedanke war diesmal der, dass ein\nZeugniss von der musicalischen und schöpferischen Thätig-\nkeit innerhalb der Gesellschaft gegeben werden sollte, wie\ndenn ja die Anregung geistigen und künstlerischen Lebens\nzu den Haupt-Aufgaben des Vereins gehört. Einige Mit-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "24", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640116-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3483, "texte": "glieder desselben hatten sich bereit erklärt, das Programm\ndes Abends zu übernehmen, so dass der erste Theil des\nvon den besten musicalischen Kräften ausgeführten Con-\ncertes aus Compositionen von Mitgliedern des Vereins be-\nstand, den zweiten die Sinfonie in von Mozart bil-\ndete. Herr K. A. Ritter brachte Ouvertüre und Arie aus\neiner Oper, „Das Wiedersehen\", zu Gehör. Herr Capell-\nmeister Theodor Hentschel dirigirte eine in den letz-\nten Tagen erst vollendete Lustspiel-Ouverture, Herr J.\nStreudner spielte drei kleine Solostücke für Ciavier,\nHerr Mertel, unterstützt von Herrn H. Funck, ein\nDuo für Pianoforte und Horn. Eine kritische Besprechung\ndieser Compositionen steht uns nicht zu, doch dürlen wir\nberichten, dass alle, besonders die Ouvertüre von Hent-\nschel, grossen Beifalls sich zu erfreuen hatten.\nVor Kurzem wurde im Künstler-Vereine eine Reihe\nvon musicalischen Abenden eröffnet, deren Aufgabe\nes ist, die Kunde von der Thätigkeit der hervorragendsten\nComponisten der Gegenwart zu erweitern und den Musik-\nfreunden im Vereine zu erleichtern. Zwei Winter hindurch\nhatte ein Cyklus von geschichtlichen Musikabenden, an\nwelchen die Entwicklung der deutschen Tonkunst vom Be-\nginne des vorigen Jahrhunderts bis auf unsere Zeit herab\ndurch Wort und Ton erläutert wurde, des Interesses der\nMitglieder sich zu erfreuen. Zu Beginn jedes der fünfzehn\nAbende, aus welchen der Cyklus bestand, ward ein Ueber-\nblick der betreffenden Zeit und des Componisten gegeben,\nder mit einigen seiner Tondichtungen den Mittelpunkt des\nAbends bildete. Es blieb auf solche Weise das geistige\nBand festgehalten, welches von Bach und Händel bis auf\nMendelssohn und Schumann durch alle Entwicklungsstufen\nzu verfolgen ist. Nachdem die Freunde der Tonkunst die\nAusführung dieses Gedankens mit lebhafter Theilnahme\nbegleitet, hatte sich das neue Unternehmen, welches eine\nPflicht der Gegenwart erfüllen will, eines gleich günstigen\nBodens zu erfreuen, auf dem es nun in diesem und im\nfolgenden Winter gedeihen soll. Wie bisher, wird darauf\nBedacht genommen, dass jeder Componist stets durch\nWerke vertreten sei, die für ihn besonders charakteristisch\nsind, durchschnittlich und vorzugsweise auch durch solche,\nwelche man im gewöhnlichen Verlaufe der Dinge nicht\neben häufig zu hören bekommt. Für den ersten Theil des\nCyklus sind zunächst bestimmt neben Gade, mit dem der\nAnfang gemacht wurde, Anton Rubinstein, Julius Rietz,\nJohannes Brahms, Woldemar Bargiel und Karl Reinecke.\nDer Gade-Abend, welcher durch die nothwendigsten Be-\nmerkungen über den Componisten und seine Entwicklung\nseit der Ouvertüre „Ossian's Nachklänge\" und der ersten\nSinfonie in C-moll eingeleitet wurde, nahm den glücklich-\nsten Verlauf und machte den besten Eindruck. Herr D.\nEngel spielte einige der kleinen Ciavierstücke, mit Herrn\nJacobsohn die Sonate für Pianoforte und Violine in A-\nmoll und mit den Herren Jacobsohn und H. Wein-\ngardt das Trio „Novelletten\", während die von Herrn\nEngel geleitete neue Liedertafel drei der Gesänge für\nMännerchor vortrug, nämlich „Des Försters Töchterlein\",\n„Im Walde\" und das fünfstimmige „Gondellied\", welches\njetzt vielfach in Concerten aufgeführt wird. Alle diese\nCompositionen, welche geeignet sind, ein Bild von dem\nTondichter zu geben, so weit er sich auf dem Gebiete des\nGesanges und der Kammermusik bewegt, wurden von den\nzahlreich versammelten Zuhörern mit lebhaftem Beifalle\nund mit herzlichem Danke für die ausführenden Mitglieder\ndes Vereins aufgenommen. (Br. S.-Bl.)"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "17", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640116-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nCarl Maria von Weber (Ein Lebensbild). Schluss. Musicalisches aus Leipzig. Von Dr. Oscar Paul. (Schluss.)\nAus Berlin (Sendschreiben des Tonkünstler-Vereins an die Kunstgenossen). Aus Bremen (Stiftungsfeier Musicalische Abende\nim Künstler-Vereine). Sechstes Gesellschafts-Concert in Köln im Gürzenich.\n\nCarl Maria von Weber.\nEin Lebensbild.\n(Schluss. S. Jahrg. XI., Nr. 51, 52, Jahrg. XII. Nr. 1.)\nUeber den wechselnden Aufenthalt C. M. von We-\nbers in verschiedenen Städten, nachdem er mit seinem\nVater Freiberg verlassen, über die mannigfachen, oft\nmehr betrübenden als erfreulichen, meistentheils noch ganz\nunbekannten Ereignisse seines Lebens in den sonderbar-\nsten Fügungen des Schicksals, über seine allmähliche\nkünstlerische Entwicklung u. s. w. müssen wir die Leser\nauf das Buch selbst verweisen, welches über alles dieses\ndie ausführlichsten Berichte mit ungeschminkter Wahr-\nheit gibt, vielleicht für manche Leser stellenweise etwas\nzu ausführlich, jedoch überall durch die strengste Gewissen-\nhaftigkeit lobenswerth und auch in den kleinsten Einzel-\nheiten für jeden denkenden Leser, der an der Erziehung\ndes Menschen durch das Leben Interesse nimmt, von\nWichtigkeit.\nWeber war bald hier, bald da: in Salzburg, Ham-\nburg, Eutin, Augsburg, Wien, Breslau (wo er sich durch\neinen herzhaften Schluck aus einer Flasche mit Salpeter-\nsäure, die er im Dunkeln statt der Weinflasche ergriff,\nbeinahe den Tod geholt hätte), in Karlsruhe (in Schlesien)\nam Hofe des Prinzen Eugen Friedrich von Würtemberg,\nin Stuttgart als Geheim-Secretär und Geschäftsführer des\nverschwenderischen und verschuldeten Herzogs Ludwig,\nmitten in den Strudel des damaligen Hoflebens und der\nin Bezug auf Recht, Redlichkeit und Sitten jammervollen\nZustände des Landes hineingerathen und zu leichtsinnigen\nHandlungen verführt, deren plötzliche Erkenntniss aber\neine heilbringende Aenderung in seinem Charakter und\nseiner Lebensweise hervorbrachte, begannen glücklichere\nTage für ihn in Mannheim, Heidelberg, Darmstadt und\nUmgebungen, nur dass in Frankfurt ihn sein altes „Pech\"\nwieder verfolgte, indem seine sehr guten Aussichten auf\nden Ertrag eines Concertes daselbst erst durch die Luft-\nfahrt der damals berühmten Madame Blanchard und dann\ndurch Napoleon's Decret über die Continentalsperre und\ndie Verbrennung aller englischen Waaren'auf dem Fest-\nlande ganz und gar vernichtet wurden.\nSodann begleiten wir den jungen Künstler, dessen An-\nstellung in Mannheim nicht zu Stande kam, auf seinen zwei\ngrösseren Kunstreisen im Jahre 1811. Auf der ersten be-\nsuchte er die süddeutschen Städte AschafFenburg, Würz-\nburg, Bamberg, Nürnberg, Augsburg und München, wo\ner sich längere Zeit aufhielt; auf der zweiten musste er\nbeim Beginne derselben noch einmal die Nachwehen der\nStuttgarter Händel und die Willkür des königlichen Regi-\nmentes erfahren, da man ihn wieder festnahm und aber-\nmals über die Gränze brachte; darauf besuchte er die\nSchweiz, gab Concerte in SchalThausen, Winterthur, Zü-\nrich, Bern, Basel und erfrischte sich durch eine Wande-\nrung ins Oberland. Ueber seinen öffentlichen Compositio-\nnen waltete übrigens ein wunderliches Geschick, das nur\nallzu oft mehr als neckisch seine Erwartungen vernichtete.\nWenn man bedenkt, dass eine Concert-Einnahme von 130\nGulden (wie z. B. in Basel) als etwas ganz Ausserordent-\nliches galt, so begreift man kaum, wie Weber die Kosten\nseiner Reisen erschwingen mochte. Der dreimonatliche\nAusflug in die Schweiz trug indess zur Ausbreitung seines\nRufes wesentlich bei und brachte ihn mit einer grossen\nAnzahl ausgezeichneter und in ihrer Denkweise origineller\nund freisinniger Menschen in Berührung. „Das wichtigste\nResultat der Reise\", sagt sein Biograph, „war die Berei-\ncherung seiner inneren Welt durch die Anschauungen\neiner grossen Natur und, was eben so schwer wiegt, die\nErschütterung seiner bis dahin fest gehegten und oft aus-\ngesprochenen Ansicht, dass die Atmosphäre, die das Licht\nfürstlicher Kunstliebe erhellt, allein für die Entwicklung\nund Pflege der Kunst und speciel der Musik geeignet sei.\nDas warme Schlagen fester republicanischer Herzen bei"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "18", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640116-01.1.2", "texte": "den Tönen guter Musik hatte ihn zum grossen Theile von\ndem Vorurtheile geheilt, dass eine hohe Verfeinerung der\nSitten erforderlich sei, die Menschennatur zart genug für\ndas Vollempfinden der Musik zu besaiten.\"\nAuf der folgenden Reise begleitete ihn der treffliche\nClarinettist Bärmann aus München. Sie ging über Prag,\nDresden, Leipzig, Weimar nach Berlin, wo Weber vom\n20. Februar bis 31. August 1812 verweilte.\nDer dreizehnte Abschnitt umfasst die Wirksamkeit\nWeber's als Opern-Dirigent in Prag vom 1. April 1813\nbis zum 30. September 1816, in welche Zeit seine herr-\nlichen Compositionen von Körner's „Leyer und Schwert\"\nlallen. Während dieser Jahre hielt er sich zeitweise auch\nin Berlin, wo er hoch gefeiert wurde, und in München\nauf. Der letzte Abschnitt des Buches berichtet über seine\nVerlobung mit Caroline Brandt und seine Anstellung als\nIlof-Capellmeister in Dresden vom 21. December 1816.\nDie amtliche Benachrichtigung erhielt er am Weihnachts-\ntage. Er hatte diese ganze Angelegenheit vor seiner Braut\ngeheim gehalten, und nun verkündigte er ihr das beider-\nseitige Glück auf humoristische Weise dadurch, dass er ihr\neinen absichtlich unbedeutenden Brief schrieb und darunter\nsetzte: „Meine Adresse: An den königlich sächsischen Ca-\npellmeister Herrn Carl Maria von Weber in Dresden.\"\nAus der gegebenen ausführlichen Anzeige der Bio-\ngraphie Weber's und den Bruchstücken daraus geht die\nEmpfehlung des Werkes als einer werthvollen Bereiche-\nrung der musicalischen Literatur hinlänglich hervor. Wir\nsehen mit gespannter Erwartung dem folgenden Bande\nentgegen und haben nur den Wunsch einer sorgfältigeren\nCorrectur des Druckes bei der sonst vorzüglichen Ausstat-\ntung des Buches hinzuzufügen.\nDass die Biographie Weber's auch über viele musica-\nlische Berühmtheiten, mit denen er in nähere Berührung\nkam, interessante Notizen enthält, ist noch eine besondere\nWürze der Lesung. Wir theilen beispielsweise einiges da-\nhin Gehöriges zum Schlüsse mit. Wir wählen dazu, was\nan verschiedenen Stellen über den im Anfange unseres\nJahrhunderts hochberühmten Abt Vogler gesagt ist.\n„Vogler's und Franz Anton's (Carl Maria's Vater)\nGeisler waren Zwillingsbrüder von merkwürdiger, nur durch\ndie äussere Entwicklung etwas abgeschwächter Aehnlich-\nkeit, die sogar ihren Gesichtszügen einen verwandtschaft-\nlichen Stempel aufgedrückt hatte. Vogler wäre im heite-\nren Glänze von Karl Theodor's Hofe, unter den Cavaiieren\nder Kurtrier'schen Garde, wahrscheinlich der jovial zerfah-\nrene 1< ranz Anton, dieser wäre am Pedal-Claviere Meister\nWenzel Stautinger's und unter den Mönchen und Prälaten\ndes Würzburger Hochstiftes, die dem Orgelspiel des Kna-\nben lauschten, wahrscheinlich ein hochberühmter, eitler\nMusiker geworden. Beide glühten für die Kunst, lür deren\nAusübung sie hervorragende Talente hatten, beide liebten\nden Glanz in Sein und Schein, beide liessen, wenn es die-\nsem galt, auch einmal Tombak für Gold passiren, beiden\nstand daher auch in der Kunst die Form über dem Inhalt,\ndie Wirksamkeit über der Tiefe; beide freuten sich mit\ngleicher Lebendigkeit am sinnlich Wohlgefälligen, beide\nleitete mit gleicher Kraft die Eitelkeit auf Wege, die von\nder Bethätigung ihres Talentes nach den höchsten Zwecken\nder Kunst abwärts führten.\n„Aber Vogler hatte vor Franz Anton das Glück voraus,\nbeim Eintritte in das Leben gleich in diejenigen Sphären\nder bürgerlichen Gesellschalt zu gerathen, denen eine Na-\ntur wie Vogler eine unschätzbare Erscheinung war. Im\nsteten Verkehre mit der streng disciplinirten, unwandelbar\nihrer Zwecke bewussten Geistlichkeit, gewann er \\on Ju-\ngend auf den Sinn für Ordnung, Disciplin und bestimmte\nRichtung des Wollens, der ihn zum berühmten Manne,\ndessen Mangel Franz Anton zum armen, mit seinem Wun-\nderknaben umherziehenden Musicanten gemacht hatte.\n„Tief gelehrt in allem, was sich im Bereiche der Ton-\nwelt durch ein mächtiges Gedächtniss und tüchtige Ur-\ntheilskraft erbeuten lässt, bewusst der anzustrebenden\nZwecke, talentvoll genug, um selbst seine Ansichten in\nKunstwerken zu verlebendigen, als Zögling der Jesuiten ge-\nschickt, bei jeder Gelegenheit diejenige Facette seines viel-\nseitigen Geistes blitzen zu lassen, von deren Glanz er sich\ndie meiste Wirkung versprach, gewichtig in seinem Aus-\nspruche, imposant und leutselig zugleich im Auftreten, mit\nAbsicht bizarr in seinen Gewohnheiten, um, ohne Staunen\nzu erregen, jede Lebensform annehmen zu können, dabei\naber anderentheils ohne philosophische Consequenz des\nDenkens, daher voll Unklarheit in seinem Ausdrucke, den\ner für mystische Tiefe auszugeben bestrebt war, der unge-\nnügenden wissenschaftlichen Begründung seiner Systeme\nund Anordnungen bewusst, die er durch Apodiktik und\nAplomb des Vortrages derselben zu maskiren strebte, als\netwas charlatanmässig reisender Apostel seiner musicalischen\nEvangelien an allen Orten der civilisirten Welt aultauchend\nund verschwindend, von der Geistlichkeit allenthalben ge-\nstützt und getragen, von der derben Praxis der Kunst al-\nlenthalben angefeindet, war Vogler so recht der Mann da-\nzu, eine grosse Masse der Kunstgenossen und des Publi-\ncums für sich zu interessiren, sie dabei aber in zwei schroff\ngegenüberstehende Parteien zu theilen, deren eine auf ihn\nschwor, während die andere ihn verketzerte und bekämpfte.\n„Aber er war auch weiter der Mann dazu, junge Ge-\nmüther kraft der oben entwickelten positiven und negati-\nven Eigenschaften und seiner geistlichen Disciplin aufs\nhöchste zu beeinflussen und den W erdenden als ein Prophet"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "19", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640116-01.1.3", "texte": "zu erscheinen, an dessen Schritt sie sich zu heften hätten,\nsollte er selbst zum Martyi erthume führen. Die Form sei-\nnes unbestreitbaren Lehrtalentes begünstigte solchen Ein-\nfluss ungemein, da er es verstand, sich seinen Jüngern stets\nals ein Hoherpriester voll Milde und Leutseligkeit gegen-\nüber zu stellen, der ihnen indess nur einen kleinen Theil\nder ihm von seinem Golt zugeraunten, unumstösslichen\nWahrheiten mittheilen dürfe.\n„ Dieser Ton, dieser Schritt, seine kleine Tonsur, das\naus Rom persönlich für den Kurfürsten Karl Theodor mit-\ngebrachte Weihwasser, sein Orden des goldenen Sporns\nund der für Frau von Coudenhove unwiderstehliche Klang\nseiner Sprache halten Vogler neben seinen grossen Talen-\nten im Jahre 1777 zum Hof-Caplan und Capellmeister\nKarl Theodor's zu Mannheim gemacht. Seine Natur halte\naber doch zu viel vom Künstler und nicht genug vom Je-\nsuiten, um das infame Regiment des Paters Frank zu Mün-\nchen ruhigen Blutes mit ansehen zu können, er überwarf\nsich mit diesem so heftig, dass er 1781 schleunig München\nverliess und auf weite Reisen ging, die ihn nach Frank-\nreich, England, Italien, ja, selbst nach Griechenland und\nNordafrica führten, auf denen er sich die Verbreitung sei-\nnes musicalischen Systems sehr angelegen sein liess, und\ndurch dieses und seine meisterhaften Orgel-Vorträge gros-\nsen Ruf als Musikgelehrter, Lehrer und Organist in ganz\nEuropa erwarb. Von diesen Reisen brachte er auch die\nHauptelemente der altgriechischen Musik mit, die er in Tra-\nditionen jener südlichen Länder aufgefunden haben wollte.\n„Von jener Zeit schreibt sich eine warme Sammel-Lieb-\nhaberei Vogler's für NationaUMelodieen her, der er mehr\nund mehr Zeit und Mühe opferte. Es ist sehr bedeutungs-\nvoll für die ganze romantische Musikrichtung gewesen, dass\ner zweien seiner Schüler, Weber und Meyerbeer, die spä-\nter Haupt-Repräsentanten dieser Richtung werden sollten,\nseine hohe Meinung vom Werthe und der Bedeutung von\nVolks- und National-Melodieen mitzutheilen wusste, so\ndass ihre Werke allenthalben Zeugniss dafür ablegen.\n„Sein Ruhm als Lehrer der Tonkunst veranlasste Gustav\n111. von Schweden, ihn im Jahre 1786 nach Stockholm\nzu berufen und ihm, unter Verleihung einer glänzenden\nStellung als Chef cle la musiquedes Königs, den Unterricht\ndes Kronprinzen zu übertragen. Im hohen Norden wirkte\nVogler durch Lehre und That dreizehn Jahre lang unbe-\nzweifelt segensreich für die Kunst und die Künstler, kehrte\nerst im Jahre 1799 nach Deutschland zurück und wandte\nsich mit der Bitte um die bescheidene Pfarrei von Pleichach\nnach Würzburg, wo er ganz dem-Studium der Musik le-\nben wollte. Am selben Tage, wo die abschlägige Antwort\nvon dort einging, erhielt er einen Ruf als Lehrer der Ton-\nkunst nach Prag, den er annahm und am 9. November\n1801 seine Antrittsrede hielt, nachdem er Jahrs zuvor\nseine Oper „„Hermann von Unna'\"' mit Beifall in Berlin\naufgeführt und im Frühjahre 1801 in Berlin, Braunschweig,\nLeipzig Concerte gegeben hatte.\n„Vogler's musicalisches Auftreten sagte dem feinsinni-\ngen Publicum Prags so wenig zu, wie sein Lehren und\nDisputiren der strengen Hochschule. Seine Oper „ „Castor\nund Pollux\"\", die er selbst aufführte, missfiel gänzlich;\ndie mit grossem Pomp und allen damaligen Mitteln der\nReclame angekündigten Concerte auf seinem neuerfunde-\nnen Orchestrion nöthigten den Kennern Kopfschütteln, dem\nPublicum Lächeln ab. Die Gelehrten der Universität nann-\nten seine Lehre ein unbegründetes Behaupten, seine Sätze\nmit dem Bade ausgeschüttete Kinder. Seine Form, zu dispu-\ntiren, bestände nur im Ueberrumpeln des Gegners durch\ngeistreiche Wendungen und Witz, im Erobern der Meinung\ndes Zuhörers durch äussere Mittel ohne eigentliches tiefes\nWissen, kurz, hätte man ihm nicht als Ciavier- und Orgel-\nspieler Gerechtigkeit widerfahren lassen müssen, wären\nihm nicht die „ „Simplificationen\"\" einiger Orgeln geglückt,\nso hätte er von Prag, das er in unbehaglicher Stimmung\nC O O\nschon im December 1802 verliess, fast den Ruf eines aus-\ngesprochenen Charlatans mit fortgenommen. Doch Vogler\ngehörte zu jenen glücklichen Männern, deren Ruf jede Nie-\nderlage doppelt glänzend aus der Asche erstehen lässt. Er\nwandte sich nach Wien, hatte das Glück, dort gleich mit\neiner glänzenden Anekdote, die seinen und des damals in\nAller Munde befindlichen Dr. Gall Namen in für ihn sehr\nschmeichelhafte Beziehung brachte, zu debutiren, erhielt\nsofort und zugleich mit Beethoven Auftrag, eine Oper für\ndas neue Theater an der Wien zu componiren (welcher\nBestellung „„Samori\"\" und „ „Fidelio\"\" ihr Dasein ver-\ndanken), und die angesehensten Tonkünstler Wiens empfin-\ngen ihn mit hochachtungsvoller Erwartung. Letztere ver-\nstand er durch geheimnissvolle Gerüchte vom Fortgange\nseiner Arbeiten an seiner, wie es hiess, kolossalen Oper\n„„Samori\"\" zu spannen, während Beethoven von seiner\n„ „Leonore\"\" kein Wort verlauten liess. Wie überall, ver-\nbreitete er durch eine talentvolle Mischung von wirklichem\nWissen und Können, Lehrtalent, glänzender Diction, prie-\nsterlicher Würde, künstlerischem Glänze, aristokratischer\nLebensformen und gehaltenem Denkerwesen einen Nimbus\num sich, der den Eindruck seiner wirklichen Verdienste\nungemein steigerte und besonders nicht verfehlte, auf die\njunge Künstlerwelt und mit ihm sympathisch or-\nganisirte Naturen älterer Männer, wie die Franz Anton von\nWebers, Sonnleithners, Süssmeyers u. s. w. einen mäch-\ntigen und besiegenden Einfluss zu üben.\n„Zu dieser Zeit gerade langte Franz Anton und sein\nSohn in Wien an, und es war nach all dem Gesagten na-\n\nn"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "20", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640116-01.1.4", "texte": "türlich, dass Vogler die Herzen und Gesinnungen beider\nzuflogen, wie dem Magnet das Eisen.\n„Im Hause des Grafen Firmian aufs wohlwollendste\naufgenommen, lernte Carl Maria daselbst einen jungen Of-\nficier, Johann Baptist Gänsbacher, kennen, der, vor Kurzem\nerst mit der goldenen Medaille decorirt, die Reihen der\nfreiwilligen tyroler Jäger verlassen hatte, um, von glühen-\nder Liebe zur Tonkunst getrieben, zu Vogler's und Alb-\nrechtsberger's Füssen die hohe Lehre von der Musikwis-\nsenschaft zu suchen, in der ihm sein Vater, ein braver\nSchullehrer zu Sterzing in Tyrol, taugliche Vorkenntnisse\nbeigebracht hatte. Gänsbacher war eine gute, derbe, kräf-\ntige, sinnliche Natur, die neben der Kunst, Wein und Weib,\nausserdem aber auch noch leidenschaftlich das Büchsen-\nschiessen liebte, in dem er Meister war. Acht Jahre älter\nals Weber, vom Soldatenleben her mit liberalen Lebens-\nansichten dotirt, breitschulterig und rüstig an Körper, da-\nbei guter Musiker, gewann er bald grossen Einfluss auf\ndiesen, der ihn zärtlich zu lieben begann. Diese Liebe\nwurde, gekittet durch manchen zusammen verübten Ju-\ngendstreich, manche zusammen getragene Trübsal, man-\nchen geleisteten Dienst, gleiches Streben und Wollen zu\neiner wahrhaft brüderlichen, die Weber bis wenige Mo-\nnate vor seinem Tode lebhaft bethätigte.\n„In Wien leistete Gänsbacher Carl Maria zunächst\nden grossen Dienst, ihn durch Vermittlung seines Gönners,\ndes Grafen Firmian, mit Vogler bekannt zu machen und\ndiesen zu veranlassen, Carl Maria spielen zu hören. Das\nUebrige that Carl Maria's Talent selbst; Vogler nahm ihn\nsofort in den kleinsten Kreis seiner Lieblingsjünger auf und\npflegte und beobachtete das grosse, schnell erkannte Talent\nnach Würdigkeit. Da musste ihn denn sehr bald sein durch\ndie reichste Lehrpraxis geschärfter Blick gewahr werden\nlassen, dass er es hier mit einer Begabung ersten Ranges\nzu thun habe, deren eigenstes Wesen die Production des\nGlänzenden, Reizenden, Fortreissenden sei, die dadurch\nund durch die Lebensverhältnisse, welche der Einfluss eines\neitlen Vaters und frühzeitige Erfolge unterstützten, in die\ndringendste Gefahr geführt war, sich im dilettantisch Lie-\nbenswürdigen zu verflachen. Er wandte daher mit Weisheit\nund Liebe den schnell über den trefflichen Schüler gewon-\nnenen Einfluss dazu an, ihm den Ernst der Kunst lieb zu\nmachen. Es bedurfte des ganzen Gewichtes seines Urtheils\nund Rathes, um den feurig und mit Glück Strebenden aus\nder lichten Sphäre des eigenen Schaffens und des Träumens\nvon der jungen Meisterschaft wieder in die engen Kreise des\nbescheidenen, dunkeln Lernens zurückzuführen. Es bedurfte\nder ganzen Intelligenz des jungen Musikers, um die Not-\nwendigkeit des schweren Rückschrittes zu begreifen und den-\nselben so consequent zu thun, wie es in der That geschah.\"\nSpäter hatte Vogler seit 1807 eine glänzende äussere\nStellung in Darmstadt, wohin ihn der Grossherzog Lud-\nwig I. gezogen hatte. Er wurde daselbst geistlicher Gehei-\nmerrath, erhielt 2200 Fl. Gehalt, Wohnung und Küche\nim Schlosse nebst Holz und täglich vier Wachslichtern.\n„Seine Talente lagen aber so gut wie brach, da der Gross-\nherzog weder seinen Rath hörte, noch ihm andauernd die\nLeitung musicalischer Aufführungen, die seiner eigenen\nWerke ausgenommen, übertrug, so dass er ganz seinen\nwissenschaftlichen Arbeiten und Studien leben konnte. Da-\nbei stand Vogler, als vom Grossherzoge verehrter Mann,\nin hohem Ansehen; er war der fast tägliche Tischgenosse\ndes Grossherzogs, wobei er sich den Burgunder trefflich\nmunden iiess, und es gab bei Hofe und in der Stadt keine\nbekanntere und populärere, aber auch kaum in ihrer Er-\nscheinung eine auffallendere Figur, als den Abbe Vogler.\nVon Gestalt war er klein und corpulent, hatte auch ge-\ndrungene und kräftige Gesichtszüge, deren Ausdruck sel-\nten ein freundlicher war. Er war zum Orgelspiel mit sei-\nnen langen Armen und so grossen Händen, dass er zwei\nOctaven spannen konnte, wie geschaffen, obwohl ihm diese\nfür den genannten Zweck vortreff liche Körper-Disposition\netwas Affenhaftes gab. Er war eitler als je geworden und\nwar stets mit einem höchst eleganten, breitschössigen,\nschwarzen Fracke, schwarz-atlassenen Beinkleidern, rothen\nStrümpfen und Schuhen mit gelben Schnallen angethan.\nDas Grosskreuz des Ludwigs-Ordens trug er links auf der\nBrust und rechts hinten das schwarzseidene Abbe-Mäntel-\nchen, das dem alten Herrn bis an die Kniekehlen reichte.\"\nHier bildeten Gänzbacher, Weber und Meverbeer,\n• -J '\nder, kaum sechszebn Jahre alt, bereits Aufsehen erregt\nhatte (1810) und bei ihm wohnte, den engeren Kreis bei\nVogler. „Die Tage wurden meist mit musicalischen Uebun-\ngen und Arbeiten, die oft in Vogler's Wohnung, auf des-\nsen gutem Instrumente und unter seinen Rathschlägen aus-\ngeführt wurden, zugebracht. Oft begleiteten die jungen\nMänner auch den grössten Orgelspieler der damaligen Zeit\nin eine der Kirchen, und niemals, so versicherte Weber\noft, hat Vogler so unmittelbar in seinen Phantasieen und\nPräludien aus dem Urquell des Schönen getrunken, als\nwenn er, nur vor seinen drei lieben Jüngern, wie er sie\ngern nannte, in den Engelstimmen und Donnerworten der\nOrgel wirkte. Die Abende verflossen fast alle in ernstem\nVerkehr mit Vogler oder bei Hoffmann, wo Vogler oder\neiner der jungen Musiker phantasirte, oder ein gutes Werk\ndurchgenommen oder auch nur Gespräche gepflogen wur-\nden. Der alte Meister, dessen ernstes Gesicht das Lächeln\nnicht wohl verstand, verjüngte sich im Kreise der bedeu-\ntungsvollen Epigonen, deren geistige Kraft und deren Ta-\nlent ihm, dem erfahrenen Menschen- und Künstlerkenner,"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "21", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640116-01.1.5", "texte": "vollkommen offenbar war. Er pflegte später von Carl Ma-\nria und Meyerbeer zu sagen: „ „O, wenn ich hätte von der\nWelt gehen sollen, ehe ich diese beiden ausgebildet hatte,\nwelches Weh würde ich empfunden haben! Es ruht etwas\nin mir, was ich nicht herausrufen konnte, diese beiden\nwerden es thun! Was wäre Perugino, was Fra Bartolo-\nmeo ohne Rafael!\"\"\n„Aber die drei schüttelten sich doch, wie Weber sagt,\nden Staub aus dem Pelz, wenn sie aus der Gesellschaft\nder Alten Abends auf die Strasse hinaus kamen und „ „Me-\nlodieen sammeln\"\" gingen, d. h. da Wein tranken, wo\nman sang oder Zither oder Harfe schwirrte. Vor Soldaten\nund ihren Mädchen konnte da Carl Maria die Guitarre\num den Hals werfen, auf einen Tisch steigen und wie in\nder tollsten Zeit seines Lebens Schelmenlieder singen, dass\ndes Jubels kein Ende war, bis ihn der Tabaksdampf aus\nder Kneipe jagte. Zum Dank empfing er vom Volksge-\nsange manche Anregung in Leben und Melodie.\"\n\nMusicalisches aus Leipzig.\nVon Dr. Oscar Paul.\n(Schluss. S. Nr. 2.)\nWenden wir uns nun zum dritten Concerte am 22.\nOctober, welches uns vor allen Dingen eine neue Sinfo-\nnie in A-dur von unserem Capellmeister Karl Rein ecke\nbrachte. Wie in allen Werken dieses vortrefflichen Mu-\nsikers, so fanden wir auch in dieser Sinfonie vollständige\nBeherrschung der Form, feinsinnige Verwendung der\ntechnischen Mittel und durchaus künstlerische, bis ins De-\ntail (leissige Verarbeitung der Motive. Was aber die The-\nmen selbst anbelangt, so sind dieselben mehr reizvoll und\nlieblich, als grossartig und melodisch geschlossen. Daher\nauch das Scherzo, obgleich wir uns mit der Tonart C-dur\nnicht ganz einverstanden erklären, in seinen kurzen Pe-\nrioden und originellen, rhythmisch pikanten Figuren als\nwirkungsvollste Nummer hervortrat. Das Publicum zeigte\nsich nach jedem Satze dem Componisten dankbar und be-\nlohnte ihn am Schlüsse für die im Ganzen edle und präch-\ntig ausgeführte Tonschöpfung durch wiederholten und be-\nrechtigten Hervorruf. Zu einer eingehenden Besprechung\nwird uns deren baldiges Erscheinen Veranlassung geben.\nDie übrigen Nummern des Programms waren ein von un-\nserem ersten Violoncellisten L. Lübeck mit gutem Tone\nund sauberer Technik gespieltes Adagio von musicalischem\nWerthe aus einem Concerte seines Vaters J. H. Lübeck,\nferner ein von demselben vorgetragener Servais'scher Fir-\nlefanz, „Phantasie\" genannt, und endlich Gesanges-Vor-\nträge von Miss Parepa. Von letzteren sind die Arie aus\nHändeis „Samson\" mit obligater Trompete, geblasen von\nunserem wackeren Orchester-Mitgliede Herrn Schmidt,\nund Arie aus dem „Schwur\" von Auber hervorzuheben;\ndie übrigen hingegen, als in den Gewandhaus-Saal nicht\ngehörend, entziehen sich der Kritik.\nIm vierten Concerte am 29. October hörten wir aus-\nser der Semiramis-Ouverture von Catel und der\nSinfonie von Beethoven die „Loreley\", gedichtet von\nWolfgang Müller, für Soli, Chor und Orchester compo-\nnirt von Ferd. Hiller. Diese durchaus reizende Compo-\nsitum wurde hier warm aufgenommen. Sie würde aber\ngezündet haben, wenn die Solosängerin Fräulein Hedwig\nDecker aus Berlin ihre Aufgabe bewältigt und vor allen\nDingen rein gesungen hätte. Die Ausführung der Harfen-\nPartie von der noch ganz jugendlichen Fräulein Heermann\naus Baden war sehr lobenswerth. Ausserdem sang in die-\nsem Concerte Fräulein Decker die Arie aus Havdn's\n%)\n„Schöpfung\": „Auf starkem Fittige\", und Fräulein Heer-\nmann spielte eine Oberon-Phantasie von Parish-Alvars.\nDer Bruder der letztgenannten Dame, Herr Hugo\nHeermann, bewährte sich im fünften Concerte am 5.\nNovember als vielversprechenden Geigen-Virtuosen durch\nden Vortrag von Spohr's tief empfundenem -\ncert Nr. 11 und eines französisch coquetten Air varie\nvon Vieuxtemps. Dem jugendlichen Künstler stehen be-\nreits tüchtige Technik und voller Ton zu Gebote, obgleich\nletzterer nicht ganz frei von näselndem Geräusch ist, wo-\nvon allerdings auch das Instrument die Ursache sein kann.\nJene Eigenschaften, verbunden mit richtiger Empfindung\nund künstlerischer Ruhe, berechtigen zu bedeutenden Hoff-\nnungen, und wünschen wir daher dem strebsamen Geiger\nan allen Orten dieselbe Aufmunterung, welche ihm hier\nin reichlichem Maasse zu Theil ward. Eröffnet wurde ge-\nnanntes Concert mit einer Sinfonie von Haydn, D-dur Nr.\n33, einem Werke von zwar knapper Form, aber tief musica-\nlischem Gehalt. Das Wechselspiel von Ernst und Scherz,\ndie köstlichen Motive in ihrer logischen Anordnung und\nVerwerthung, das Steigen der Cadenz im Andante zu\nmehrstimmiger Fülle: alle diese einzelnen Eigenschaften\nkennzeichnen das originelle Werk als zu den schönsten\nseiner Gattung gehörig. Es wurde von Anfang bis zu Ende\nmit vorzüglicher Präcision wiedergegeben. Auch Mendels-\nsohn's il-?wo//-Sinfonie, welche das Concert beschloss, liess\nin der Vorführung wenig zu wünschen übrig; für den\nEindruck des ganzen Concertes wäre ohnedies bei so vieler\nInstrumentalmusik wohl ein Chor des beliebten Meisters\nvon grösserem Vortheil gewesen.\nIm sechsten Concerte am 12. Nov. wurde uns eine\nneue Sinfonie in D-moll von Hob. Volkmann vorgeführt,\nwelche unbestritten das beste Werk dieses Componisten"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "22", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640116-01.1.6", "texte": "ist; ja, wir wagen es auszusprechen, dass es überhaupt\nzu dem Besten gehört, was von lebenden Componisten auf\ndem Felde der Instrumental-Musik geleistet worden ist.\nIm Stil einheitlich, gross in der Form, technisch fertig in\nVerwerthung aller contrapunktischen und instrumentalen\nMittel, bekundet es allenthalben ein Studium, welches uns\nin früheren Werken des Componisten noch niemals in\ndieser Weise entgegengetreten war. Es verdient, in jedem\nConcert-Inslitute aufgeführt und vom Publicum beachtet\nzu werden. Die Ausführung war natürlich nach techni-\nscher Seite hin vorzüglich, doch hätten wir das Tempo\ndes ersten Satzes noch um 50 Schwingungen vermehrt\ngewünscht. Der erste Theil des Concertes, welcher dieser\nden zweiten Theil füllenden Sinfonie voranging, zeigte im\nProgramm R. Schumann's „Ouvertüre, Scherzo und Fi-\nnale\", sodann die von Herrn J. Schild aus Solothurn\nrecht brav gesungene Verzweillungs-Arie aus dem „Frei-\nschütz\", ferner das von Fräulein Doris Böhme aus\nDresden ganz anmuthig vorgetragene von\nChopin und endlich R. Schumann's bekanntes „Zigeuner-\nleben\" mit der genialen Instrumentirung von Graedener,\nin welchem aber der Chor sich nicht vollständig sicher\nzeigte.\nDie Novitäten der letzten vier Concerte bestanden in\neiner neuen Sinfonie (Manuscript) von S. Jadassohn und\ndem bereits in Köln gehörten Psalm 113 für Chor und\nOrchester von Woldemar Bargiel. Ersteres Werk,\nvom Componisten selbst dirigirt, wurde trotz einiger Män-\ngel in der Ausführung vom Publicum sehr warm aufge-\nnommen, und auch wir unterzeichnen mit Freuden den\nberechtigten Hervorruf des Componisten, da sein Werk\neine tüchtige Schule, gesunden musicalischen Sinn ohne\nEffecthascherei und glückliche melodische Erfindung be-\nkundete. Der noch junge, talentvolle Componist, Schüler\nvon M. Hauptmann, ist uns bereits durch mehrere sehr\nanständige Compositionen bekannt, von denen ein Trio,\neine Ouvertüre und Sinfonie Nr. 1 besondere Beachtung\nverdienen. Auch Bargiel's Psalm, unter dessen eigener\nDirection sehr wacker ausgeführt, erhielt vom Publicum\ndie verdiente Auszeichnung. Ueber das Werk selbst lässt\nsich nichts weiter mehr sagen, da es als schön empfunde-\nnes und abgerundetes Kunstwerk in diesen Blättern schon\nlängst hervorgehoben wurde. Von den Solisten entzückten\nuns die stets begeistert aufgenommene Frau Clara Schu-\nmann und Herr Dr. Gunz; ferner traten auf Herr Leo-\npold Auer aus Pesth, ein vorzüglicher junger Geiger,\nunser Concertmeister Herr Dreyschock, endlich Herr\nKarl Reinecke, der vortreffliche Pianist, und Fräulein\nCaroline Altistin vom wiener Hof-Opern-\ntheater. Letztgenannte Dame, als Concertsängerin noch\nwenig bekannt, besitzt eine Altstimme, welche vom klei-\nnen dbis zum zweigestrichenen reicht und in ihrer an-\ngenehmen Fülle, namentlich in den tiefen Tönen, von aus-\ngezeichneter Wirkung ist. Leider beeinträchtigte die\nschöne, junge Dame ihren Vortrag durch allzu häufiges\nTremuliren und unangenehmes Portamento beim Ansetzen\nder Töne, welche Manieren auch der schönsten Stimme\nvon grossem Nachtheil sind. Beiläufig sei erwähnt, dass\nFräulein Bettelheim auch als Ciavierspielerin in einer Kam-\nmermusik-Soiree auftrat und die Zuhörerschaft begeisterte.\nDie einzelnen Nummern der Concert-Programme sind\ndurch Veröffentlichung in diesen Blättern unseren Lesern\nbekannt; sie wurden zum grössten Theile in einer des Ge-\nwandhauses würdigen Weise zu Gehör gebracht. Für die\nmeistentheils classiscbe Zusammenstellung der Programme\ngebührt der Concert-Direction und den Herren Capell-\nmeister Beinecke und Concertmeister David uneinge-\nschränkte Anerkennung, und wünschen wir daher, dass\nauch im neuen Jahre das Gewandhaus als Bildungsstätte\nder Kunst durch wahrhaft gediegene Leistungen und durch\nStreben nach wirklichem, künstlerischem Fortschritt allen\nunkünstlerischen Principien und Parteigelüsten einen un-\ndurchdringlichen Schild entgegenhalte.\nUeber Kammermusik-Aufführungen, Theater und\nmusicalische Vereine sei uns ein späterer Bericht gestattet.\n\nAus Berlin.\nDer berliner Tonkünstler-Verein hat in der letz-\nten December-Woche des vorigen Jahres folgendes Send-\nschreiben an die Kunstgenüssen ausgegeben:\n„In einer Zeit, in welcher die Bedeutsamkeit des\nVereinslebens allgemein zum Bewusslsein gebracht\nworden ist und in welcher sich der Erfahrungssatz fort\nund fort bestätigt, dass nur im Vereinsleben die oft wi-\nderstrebendstenAnsichten und Ideen zur Ausglei-\nchung kommen und einem gemeinsamen Ziele zugeführt\nwerden, und dass eine isolirte, wenn auch noch so acht-\nbare Kraft nur seilen oder höchst mühsam zur Geltung\nund Anerkennung zu gelangen vermag; in einer sol-\nchen Zeit erachtet der Ton künstler-Verein in Ber-\nlin es für seine Pflicht, seine geehrten Kunstgenossen\ndurch gegenwärtiges Sendschreiben auf sein bereits zwan-\nzigjähriges Bestehen, so wie auf seine Wirksamkeit auf-\nmerksam zu machen und zu lebhafter Belheiligung an sei-\nnen künstlerischen Bestrebungen, resp. zum Beitritt in\ndenselben, hiermit ergebenst einzuladen.\n„Wenn der Verein in früheren Jahren, als die Vir-\ntuosität in höchster Blülbe stand, sich die Aufgabe gestellt"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "23", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640116-01.1.7", "texte": "hatte, überwiegend durch musicalische Productionen, durch\nöffentliche und private Concert-Aufführungen und Musik-\nVeranstaltungen seine Thätigkeit zu äussern, so hat sich\nim Fortgange der Zeit die Notwendigkeit ergeben, be-\nstimmter den Forderungen der Gegenwart Rech-\nnung zu tragen, die von einem Künstler ausser seiner\ntechnischen Kunstfertigkeit zugleich eine höhere\nKunstbildung verlangen. Die Virtuosität hat zwar eine\nzeitweilige Herrschaft selbst über die wichtigsten Kunst-\nInteressen erlangen und sich als Selbstzweck in den Vor-\ndergrund stellen können; doch scheint gegenwärtig allge-\nmein Werth und Bedeutung derselben auf das richtige\nMaass zurückgeführt worden zu sein. Der schaffenden\nKunst ist gegenüber der bloss ausführenden das ihr\ngebührende Vorrecht wieder eingeräumt, ihre Autorität\nunbestritten. Selbst in gebildeten Kreisen genügt die tech-\nnische Kunstfertigkeit allein nicht mehr; ein theoreti-\nsches Studium ist zu tieferer Einsicht in das Wesen der\nKunst als Bedingung, als Nothwendigkeit überall aner-\nkannt. Wer da bedenkt, dass die Virtuosität allein kaum\nnoch im Stande sein dürfte, eine Existenz zu sichern, an\nden tritt alles Ernstes die Mahnung heran, seine Zeit nicht\nausschliesslich der Technik und Fingerkunst zuzuwenden,\nsondern eine höhere, allgemeinere Kunstbildung zu erstre-\nben, um ein geistiges, wahrhaft künstlerisches Capital zu\ngewinnen. Wenn auf anderen, wissenschaftlichen, so-\ncialen und politischen Gebieten gegenwärtig alle Kraft zu-\nsammengenommen und der Aufgabe, Lösung höherer\nFragen, zugewendet wird, da muss wohl der Tonkünstler-\nVerein es als seine Aufgabe betrachten, seine Bestrebun-\ngen und Tendenzen mit dem Fortschreiten der Ideen und\nden Forderungen der Gegenwart in Uebereinstimmung zu\nbringen, und desshalb alles berücksichtigen, was zur För-\nderung einer höheren Kunstbildung beitragen kann.\n„Der Geist auch des Musikers muss von Zeit zu Zeit\nmit neuen Ideen und neuen Anschauungen befruchtet, das\nInteresse für seine Kunst, für die Praxis muss belebt, rege\ngehalten und gestärkt werden, wenn die Musik nicht zu\neinem blossen Mechanismus herabsinken soll!\n„Dieses Ziel hat der Verein im Auge, wenn er sich\nbestrebt, durch praktische Vorträge, namentlich auf hi-\nstorischem, theoretischem, methodischem oder\nästhetischem Gebiete, oder durch Mittheilungen\naus den neuesten Erscheinungen der m usicalische n\nLiteratur, zu deren Kenntnissnahme man im Laufe der\nWoche weder Zeit noch Gelegenheit gehabt, oder endlich\ndurch Besprechung aufgeworfener Fragen (Frage-\nkasten) belehrend und belebend auf seine Mitglieder ein-\nzuwirken. Dabei sollen indessen musicalische Produc-\ntionen keineswegs ausgeschlossen bleiben, im Gegentheil\nkönnen und sollen, wenn ein Bedürfniss vorliegt oder ge-\nnügende Vorlagen es erfordern, nicht allein Compositionen\nder Vereins-Mitglieder, sondern überhaupt gediegene,\nbeachtenswerthe Werke productiver Künstler ohne\nUnterschied im Vereine zur Aufführung gebracht und\neiner Besprechung unterzogen werden.\n„Der Verein sieht sich durch sein langes Bestehen,\ndurch fleissiges Sammeln und durch hochherzige Gaben\nvon Mitgliedern und Gönnern in der angenehmen Lage,\neine nicht ganz unbedeutende Bibliothek zur Benutzung\ndarbieten zu können, welche viele Musikwerke, Partituren\nund Schriften über Musik umfasst.\n„ Eben so hält der Verein auch einen Journal-Cirkel\nin stetem Fluss. Er enthält vier verschiedene deutsche Mu-\nsik-Zeitungen, deren Benutzung jedem Mitgliede unent-\ngeltlich gestattet ist und deren Einlagen in jeder Vereins-\nSitzung (Samstags, 8 Uhr Abends, im Caf£ de Belvedere\nhinter der kath. Kirche Nr. 2) durch den Bibliothekar re-\ngelmässig erneuert werden.\n„Endlich nimmt schliesslich auch eine Kranken -\ncasse, welche hülfsbedürftigen Mitgliedern in Erkran-\nkungsfällen Unterstützung gewährt, ein äusseres Interesse\ndes Vereins wahr.\n„Das Ziel liegt klar vor Augen, es ist dieses: eine\nEinigung so vieler und so tüchtiger Kräfte auf\nmusicalischem Gebiete in der grössten Stadt Deutschlands\nherbeizuführen.\n„Das vom Staate genehmigte Statut, sowohl das all-\ngemeine als auch das besondere der Krankencasse, wird\nvon dem Vorstande behändigt werden; dessgleichen nimmt\nderselbe Meldungen für den Eintritt durch jedes ordent-\nliche Mitglied des Vereins entgegen.\n„Gegenwärtig besteht der Vorstand aus folgenden\nMitgliedern, Prof. Geyer, Organist Haupt, Soergel\n(Bibliothekar), C.Schulze, Martin, Döllen.\"\n\nAus Bremen.\nDen 3. Januar 1864.\nDie Stiftungsfeier, welche der nun seit reichlich sie-\nben Jahren bestehende Künstler-Verein am 28. December\nvorigen Jahres, als dem Tage, wo er einst seine schöne Halle\neinweihte, zu begehen pllegt, trug in diesem Jahre einen\nvon dem der früheren Feste wesentlich abweichenden Cha-\nrakter. Der Grundgedanke war diesmal der, dass ein\nZeugniss von der musicalischen und schöpferischen Thätig-\nkeit innerhalb der Gesellschaft gegeben werden sollte, wie\ndenn ja die Anregung geistigen und künstlerischen Lebens\nzu den Haupt-Aufgaben des Vereins gehört. Einige Mit-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "24", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640116-01.1.8", "texte": "glieder desselben hatten sich bereit erklärt, das Programm\ndes Abends zu übernehmen, so dass der erste Theil des\nvon den besten musicalischen Kräften ausgeführten Con-\ncertes aus Compositionen von Mitgliedern des Vereins be-\nstand, den zweiten die Sinfonie in von Mozart bil-\ndete. Herr K. A. Ritter brachte Ouvertüre und Arie aus\neiner Oper, „Das Wiedersehen\", zu Gehör. Herr Capell-\nmeister Theodor Hentschel dirigirte eine in den letz-\nten Tagen erst vollendete Lustspiel-Ouverture, Herr J.\nStreudner spielte drei kleine Solostücke für Ciavier,\nHerr Mertel, unterstützt von Herrn H. Funck, ein\nDuo für Pianoforte und Horn. Eine kritische Besprechung\ndieser Compositionen steht uns nicht zu, doch dürlen wir\nberichten, dass alle, besonders die Ouvertüre von Hent-\nschel, grossen Beifalls sich zu erfreuen hatten.\nVor Kurzem wurde im Künstler-Vereine eine Reihe\nvon musicalischen Abenden eröffnet, deren Aufgabe\nes ist, die Kunde von der Thätigkeit der hervorragendsten\nComponisten der Gegenwart zu erweitern und den Musik-\nfreunden im Vereine zu erleichtern. Zwei Winter hindurch\nhatte ein Cyklus von geschichtlichen Musikabenden, an\nwelchen die Entwicklung der deutschen Tonkunst vom Be-\nginne des vorigen Jahrhunderts bis auf unsere Zeit herab\ndurch Wort und Ton erläutert wurde, des Interesses der\nMitglieder sich zu erfreuen. Zu Beginn jedes der fünfzehn\nAbende, aus welchen der Cyklus bestand, ward ein Ueber-\nblick der betreffenden Zeit und des Componisten gegeben,\nder mit einigen seiner Tondichtungen den Mittelpunkt des\nAbends bildete. Es blieb auf solche Weise das geistige\nBand festgehalten, welches von Bach und Händel bis auf\nMendelssohn und Schumann durch alle Entwicklungsstufen\nzu verfolgen ist. Nachdem die Freunde der Tonkunst die\nAusführung dieses Gedankens mit lebhafter Theilnahme\nbegleitet, hatte sich das neue Unternehmen, welches eine\nPflicht der Gegenwart erfüllen will, eines gleich günstigen\nBodens zu erfreuen, auf dem es nun in diesem und im\nfolgenden Winter gedeihen soll. Wie bisher, wird darauf\nBedacht genommen, dass jeder Componist stets durch\nWerke vertreten sei, die für ihn besonders charakteristisch\nsind, durchschnittlich und vorzugsweise auch durch solche,\nwelche man im gewöhnlichen Verlaufe der Dinge nicht\neben häufig zu hören bekommt. Für den ersten Theil des\nCyklus sind zunächst bestimmt neben Gade, mit dem der\nAnfang gemacht wurde, Anton Rubinstein, Julius Rietz,\nJohannes Brahms, Woldemar Bargiel und Karl Reinecke.\nDer Gade-Abend, welcher durch die nothwendigsten Be-\nmerkungen über den Componisten und seine Entwicklung\nseit der Ouvertüre „Ossian's Nachklänge\" und der ersten\nSinfonie in C-moll eingeleitet wurde, nahm den glücklich-\nsten Verlauf und machte den besten Eindruck. Herr D.\nEngel spielte einige der kleinen Ciavierstücke, mit Herrn\nJacobsohn die Sonate für Pianoforte und Violine in A-\nmoll und mit den Herren Jacobsohn und H. Wein-\ngardt das Trio „Novelletten\", während die von Herrn\nEngel geleitete neue Liedertafel drei der Gesänge für\nMännerchor vortrug, nämlich „Des Försters Töchterlein\",\n„Im Walde\" und das fünfstimmige „Gondellied\", welches\njetzt vielfach in Concerten aufgeführt wird. Alle diese\nCompositionen, welche geeignet sind, ein Bild von dem\nTondichter zu geben, so weit er sich auf dem Gebiete des\nGesanges und der Kammermusik bewegt, wurden von den\nzahlreich versammelten Zuhörern mit lebhaftem Beifalle\nund mit herzlichem Danke für die ausführenden Mitglieder\ndes Vereins aufgenommen. (Br. S.-Bl.)"}]}