{"numero_id": "bm-bmtnabi-1864-03-19-01", "volume": "bmtnabi_1864-03-19_01", "ocr_sha256": "2d39ec0bc20b4ebc8358654a3333d0a612deda8a08eced45c2c5f2f93d873481", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1864/03/19_01/bmtnabi_1864-03-19_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640319-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1864-03-19-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1864-03-19_01#c001", "volume": "bmtnabi_1864-03-19_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "89", "page_fin": "89", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640319-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "89", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640319-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 452, "texte": "Inhalt.\nDie heutige dramatische Musik. Ueber musicalische Kunst-Ausstellungen. Die Martinswand. Lyrisch-dramatisches\nGesangstück für Soli, Chor und Orchester von A. Zur Nieden. Von Prof. L. Bischoff. Aus Bonn (Aufführung des „Samson\"\nRückblick auf die Concert-Saison). Von H. Tages- und Unterhaltungsblatt (Köln, Liedertafel des „Sängerbundes\", Fünfte Soiree\nfür Kammermusik Elberfeld, Benefiz-Concert Stuttgart, Herr Grunert Wien, Pianist J. Derffel)."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1864-03-19-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1864-03-19_01#c002", "volume": "bmtnabi_1864-03-19_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "89", "page_fin": "92", "image_debut": 1, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640319-01.2.2", "titre_corps": "Die heutige dramatische Musik", "titre_sommaire": "Die heutige dramatische Musik", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "89", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640319-01.1.1", "debut_caractere": 454, "fin_caractere_exclue": 4496, "texte": "Die heutige dramatische Musik\n*).\nWir leben wahrlich in einer seltsamen Zeit-Epoche!\nWer es versucht, seine innere Betrachtung aus dem Ge-\nräusche und der Leidenschaft der Gegenwart zu retten,\nwird leicht dahin gelangen, eine der sonderbarsten Er-\nscheinungen in der Kunstwelt wahrzunehmen: ein einge-\nbildetes Ideal, welches vorzugsweise in der Tonkunst die\nMissgeburt eines grotesken Mysticismus erzeugt.\nOh ne die Klagen über den .Verfall der Musik im All-\ngemeinen wiederholen und der grossen Vergangenheit\nallein Weihrauch in solcher Fülle streuen zu wollen, dass\nman davor die Zeitgenossen gar nicht sehen kann, stellen\nwir nur die Fragen hin: Was ist die Tendenz der gegen-\nwärtigen dramatischen Musik? welcher Ideenströmung\nfolgen fast alle und auch die besten Componisten unserer\nZeit? scheinen ihre Schöpfungen Lebensfähigkeit für die\nZukunft zu haben? offenbart sich nicht eine Verwirrung\nund Verirrung in der heutigen Deutung des Wortes\n„dramatische Musik\"?\nEs bedarf keiner grossen Nachforschung, um die Ten-\ndenz zu erkennen, die in der neuen Richtung zu Tage\nliegt: die Speculation um jeden Preis auf das Realistisch-\nMalerische, auf das Originelle oder wenigstens Neue und\nauf das Colorit. Das Colorit, die Farbe, das ist die grosse\nLosung für alle Dinge in der Welt! Man zerbricht sich\nnicht den Kopf, um Charaktere und Situationen musica-\nlisch wiederzugeben, o nein, aber man beschreibt den\nFlügelschlag eines Vogels, den Einsturz der Brücke über\neinen Bergstrom u. s. w. durch eine Violin- oder Flöten-\nPassage, ein düsteres Tremolo, eine wahnsinnige Modu-\nlation, einen Abrakadabra-Rhvthmus. Anstatt das mensch-\n-7 «I\nliehe H erz, die Quelle der Gefühle, zu beobachten und\nzu studiren, die Empfindung und den Gedanken in klarer\nund präciser Tonsprache wiederzugeben, bildet man sich\nein, in die Tiefen der Harmonie zu dringen, wenn man\nfrappante Effecte ausheckt und musicalische Rebus aufs\nPapier bringt. Wahrlich, es herrscht eine beklagenswerthe\nVerwirrung in den Ansichten über die Musik: die Sinfo-\nnie ist allmählich auf die Opernbühne gebracht worden,\nund das musicalische Drama wird von dem musicalischen\nRoman verdrängt.\nIn der Musik, wie in der Literatur, gibt es zwei ge-\nsonderte, nicht zu vermischende Arten, den Gedanken aus-\nzudrücken: die scenische Handlung und das schriftstelleri-\nsche Werk. Das Epos, der Roman, die lyrische Dichtung\nsind in der Literatur, was in der Musik die Sinfonie, das\nQuartett, die Compositionen für einzelne Instrumente sind.\nIn diesen musicalischen Erzeugnissen kann sich die gött-\nliche Kunst frei und strahlend von Phantasie in das Un-\nbestimmte versenken. Da braucht man nicht edle oder\nkomische Charaktere redend einzuführen; jeder subjecti-\nven Erregung kann man freien Lauf lassen, die Qual des\nHerzens wie seine Seligkeit, die Ruhe der Seele und das\nglückliche Lächeln der Zufriedenheit wie das sturmbe-\nwegte, von Schmerz zerrissene, in ewig unbefriedigter\nSehnsucht schwankende Gemüth alles kann darin lie-\ngen, und der Zuhörer mag es sich deuten, wie er wolle.\nJa, der Zuhörer kann das Werk auf seine Art, nach sei-\nner persönlichen Stimmung oder Erregtheit, noch einmal\n\n*) Dieser Aufsatz, der uns von unserem pariser Corresponden-\nten mitgetheilt ist, hat Herrn M. A. Thurner, einen sehr unter-\nrichteten Musiker in Paris, zum Verfasser. Die Tendenz desselben\nist hauptsächlich gegen Gounod gerichtet, den viele dortigen Musi-\nker als den „französischen Wagner\" betrachten, wobei sie jedoch\nweniger seinen „Faust\", als frühere Opern, z. B. „Die blutende\nNonne\" und neuerdings „Die Königin von SabaI', ins Auge fassen.\nDie bevorstehende Aufführung der neuesten Oper Gounod's, „Mi-\nreille\", auf dem Thedtre lyrique scheint die nächste Veranlassung\ngewesen zu sein, das Wesen der heutigen dramatischen Musik zur\nSprache zu bringen. Eine Stimme aus Frankreich über dieses Thema\ndürfte nicht uninteressant sein, nur muss der Leser nicht vergessen,\ndass Thurner, trotz seines deutschen Namens, die Sache doch rein\nvom Standpunkte eines französischen Musikers betrachtet."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "90", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640319-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5302, "texte": "schaffen, es für sich und auf seine eigene Hand reproau-\nciren. Aber alle die Ausdrucksmittel der romantischen\nMusik und der beschreibenden Tonmalerei in das Drama\nversetzen, dessen Wesen plastisch ist, den Verlauf der\nHandlung hemmen, um eine Decoration musicalisch zu\nschildern, die menschliche Seele mit ihren Freuden und\nSchmerzen zu vergessen, um Fagott- oder Clarinett-Figu-\nren zum Einsturz einer morschen Hütte zu finden, das\nläuft auf eine Bastard-Gattung hinaus, auf ein Ungethüm,\ndas weder Fisch noch Fleisch ist, wie man zu sagen pflegt.\nWir sind weit entfernt davon, das Talent oder auch\ndas Genie einiger Componisten unter unseren Zeitgenossen\nverkleinern zu wollen, welche vielleicht unbewusst dem\nEinflüsse der ultragermanischen Strömung anheim gefal-\nlen sind. Allein das scheint uns unläugbar zu sein, dass die\nPrincipien, welche zu allen Zeiten die französische Natur\ncharakterisirt haben, heutzutage gewaltig alterirt sind.\nerkannte mit seinem freien, gesunden Verstände\nden französischen Geist sehr gut, jenen geraden, klaren,\nin seinem Ausdruck durchsichtigen, in seinem Vorgehen\nlebhaften, weder vieldeutigen noch dunkeln Geist, den\nGeist der Molifere, Voltaire und Beaumarchais zusammen-\ngenommen. Und dieser Geist ist der vorzugsweise bühnen-\nmässige und bühnengerechte, lebhafte, schnell zum Ziele\neilende, der da sagt, was gesagt werden muss, aber nichts\nweiter.\nNun und das Frankreich, welches Gretry und Gluck\nzur Staffel ihres Ruhmes diente, sieht sich überflutet von\njener deutschen falschen Schule, welche bald Mozart nicht\nmehr verstehen wird, weil sie sich in ungeheuerliche,\nkunstphilosophische Strudel verwirrt!\nWir wollen nicht die oft wiederholten Versuche der\nCharakteristik der drei musicalischen Nationen wieder-\nholen; es genügt die Erfahrung, dass Frankreich immer\nin gewisser Hinsicht der Regulator des italiänischen und\ngermanischen Elementes gewesen ist. Wenn Frankreich\nvon Zeit zu Zeit die glänzenden Eigenschaften der einen\noder der anderen dieser beiden Schulen wiederstrahlte, so\nhat es doch lange in Beziehung auf das Theater das\nC 7 v-/\nGleichgewicht zwischen der Phantasie und dem richtigen\ndramatischen Gefühle, das ohne Zweifel eine besondere\nForm des Geistes ist, aufrecht erhalten, jenes Gefühls,\nwelches auf der Beobachtung der Sitten und der Charak-\ntere beruht. Wenn aber unsere Individualität verloren\ngeht, wenn wir nicht mehr Energie genug besitzen, das\nzu bleiben, was wir sind, unser eigenes Ich zu wahren;\nwenn wir uns Manieren und Tendenzen hingeben, die un-\nserer Natur entgegen sind, so ist es klar, dass unsere Nach-\nahmungen nur Plagiate sein werden, die tief unter ihren\nOriginalen stehen, da diese wenigstens eine Inspiration\nzur Entschuldigung haben, welche mit den Ideen und An-\nschauungen, die sie umgeben und umspannen, in Rapport\nsteht. Denn es ist nicht zu läugnen, dass die Werke der\nKunst der getreue Wiederhall, ja, in gewisser Hinsicht\ndie greifbare Reproduction der Bewegung der Geister\nund der Anschauungsweise der Nation in einer gewissen\nEpoche des intellectuellen und moralischen Werthes einer\nGeneration sind.\nDer Zusammenhang der Literatur mit der Musik, der\nEinfluss jener auf diese, lässt sich leicht in den verschie-\ndenen Epochen beider nachweisen. Als nach der classi-\nschen Periode der französischen Literatur neue Saiten sen-\ntimentaler Klänge von Jean Jacques Rousseau und Ber-\nnardin de St. Pierre angeschlagen, als Klopstock, Gessner\nund Andere uns bekannt wurden, aus Schottland herüber\nder Geist von Ossian's Dichtungen uns anwehte, kamen\nauch in der Musik ähnliche Schwülstigkeiten vor, welche\ndurch den mächtigen Einfluss der Umgestaltung der gan-\nzen Nation unter Stürmen und Gewittern eine musicali-\nsche Periode einleiteten, die trotz einiger übertriebenen\nEmphase dennoch eine grosse und ruhmvolle war.\nLesueur, M£hul, Cherubini, Catel, Spontini waren die\nHelden derselben.\nNach einer trüben Pause, in welcher das Genie in\nWinterschlaf gesunken zu sein schien, begann die Ro-\nmantik ihr Haupt zu erheben; Chateaubriand und Frau\nvon Stael waren ihre Vorläufer. Von Norden brachte\nuns die angelsächsische Nationalität Shakespeare und\nByron, von Osten die germanische Goethe und Schiller\nu. s. w.; der Sommernachtstraum und die Walpurgisnacht\nwurden uns offenbart. Lamartine dichtete Childe-Harold\nund Jocelyn, Victor Hugo stiess die Poetik von Aristoteles\nund Boileau über den Haufen, Balzac bezauberte die\nLesewelt wir lernten Beethoven und Weber kennen,\ndiese überwältigenden Mächte der Romantik.\nNun begann eine Periode der Aufregung und des\nRingens und Wetteifers aller geistigen Bestrebungen in\nKunst und Wissenschaft, welche wir nur eben mit Namen\nwie Cousin, Lamennais, Thierry, George Sand, Nodier,\nDelacroix, Ary Scheffer u. s. w. bezeichnen wollen. Mitten\ndrein warf Rossini seinen Wilhelm Teil, Meyerbeer sei-\nnen Robert und seine Hugenotten die hervorragendste\nTrilogie der dramatischen Musik jener Periode; sie war\nfreilich der Form nach französisch, aber ihren eigentlichen\nCharakter gaben ihr doch die fremden Elemente.\nUnd welches Genie war denn damals der Repräsen-\ntant Frankreichs und des französischen Geistes? War es\nnicht der arme, früh dahingeschiedene Herold? Sein\n„Zampa\" steht noch auf der gefährlichen Gränzlinie,\nder symphonistische Strudel hat ihn noch nicht darüber"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "91", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640319-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5345, "texte": "hinausgerissen, bei ihm ist das Leben, die Empfindung,\ndie Leidenschaft noch auf der Bühne, nicht bloss im Or-\nchester*).\nWenden wir nun jetzt unsere Rlicke auf unsere Zeit-\ngenossen wo sind die Apostel des Idealen und der\nPoesie, wo sind die Kämpfer des Gedankens? Sind sie\nihren Vorgängern gleich, wo nicht an Genie, doch an\nGlauben, Ueberzeugung und Begeisterung? Ist der Geist\nder jetzigen menschlichen Gesellschaft so gehoben und\nfeurig, wie vor dreissig Jahren, oder lässt er sich von dem\nverderblichen Hauche des Agio's und des Materialismus\nniederdrücken? Welcher Ideenströmung folgt das, was\nwir unsere heutige Literatur nennen? Das Goldfieber\ntreibt, nur um Sold zu schreiben, die Schilderung edler\nLeidenschaften ist den Gemälden niederer Lust gewichen,\nman verhandelt sein Gewissen und seine Moral an den\nGott des goldenen Kalbes, die Prostitution macht sich in\nihrer ganzen Hässlichkeit im Roman und auf der Bühne\nbreit, Dirnen schreiben ihre Biographieen oder lassen sie\nschreiben, die meisten Theater locken ihr Publicum durch\n' y _\ndie Beine und die Gaze der Tänzerinnen an, dumme Feen-\nund Zaubergeschichten mit decoraliver Ausstattung sind\nan der Tagesordnung, das geistvollste Volk von der Welt\nmacht die Verfasser der läppischsten und liederlichsten\nPossen reich! Das ist die Literatur. Die Malerei decorirt\nden Alcoven und das Boudoir, oder gibt sich einem wahr-\nhaft empörenden Realismus hin; dazu kommt noch die\nPhotographie, welche die traurigen Celebritäten der öffent-\nlichen Etablissements dem Publicum verkuppelt.\nUnd was thut die Musik in dieser Flut? Sie bringt\ndie Operette hervor und weiter nichts.\nWas man fast allein zur Ehre der gegenwärtigen mu-\nsicalischen Generation sagen kann, ist, dass sie doch sucht,\ngegen diese Versunkenheit der Intelligenz und des Ge-\nschmacks anzukämpfen, und weil sie dazu in der schaffen-\nden Gegenwart keine wirksamen Hebel findet, so hat sie\nsich znr eifrigen und hingebenden Dolmetscherin der gros-\nsen Meister der Tonkunst gemacht.\nDurch das Verdienst wackerer Künstler sind wir all-\nmählich Gäste an den reichbesetzten Tafeln von Haydn,\nMozart, Beethoven, Weber, Schubert, Mendelssohn ge-\nworden. Wir haben Deutschland um das Lebensbrod, um\ndas Manna des Idealen gebeten, das wir bei uns nicht\nmehr fanden, und Deutschland hat es uns verschwende-\nrisch dargereicht. Ueberall glänzen auch bei uns in Strah-\nlen die Namen seiner unsterblichen Söhne, hier in den\nKammermusik-Vereinen, die sich alle Tage vermehren,\ndort in den Concerten, deren Tausende von Zuhörern sich\nVolk nennen.\nGewiss, wir können nichts Besseres wünschen, denn\nes handelt sich um Instrumental-Musik. Aber jetzt beginnt\ndie unüberlegte Vorliebe sich auch der dramatischen Mu-\nsik der Deutschen zuzuneigen; Deutschland fährt fort,\nseine Einfuhr auch auf seine neueste Bagage für die grosse\nOper auszudehnen.\n« Was ist denn aus der blonden überrheinischen Schö-\nnen geworden, seitdem Goethe und Beethoven, Schiller\nund Weber verschwunden sind? Nun, sie hat allerdings\nin moralischer und geistiger Hinsicht bei Weitem mehr,\nwas uns Trost und Erquickung geben kann, bewahrt, als\ndas ist, was uns aus dem obigen Gemälde unserer Zeit\nentgegentritt. Deutschland denkt, forscht, disputirt, schreibt\nviel; aber durch die Verbreitung des Pbilosophirens über\ndie wissenschaftlichen Kreise hinaus ist die Kunst in Ge-\nfahr gekommen. Es ist eine musicalische Schule aufge-\ntaucht, welche die apokalyptische letzte Schreibart Beet-\nhoven's zu ihrem Evangelium gemacht hat, und daneben\nhat sich das Realistische bis zu unstatthafter Tonmalerei\nbreit gemacht, wozu doch wahrlich Beethoven s letzte,\nrein ideale Werke, wie z. B. die Violin-Quartette, nicht\nim Geringsten berechtigen. Schon Mendelssohn verräth\nhier und da Spuren davon, wie z. B. in seiner Ouvertüre\nzur schönen Melusine. Spohr in seiner Sinfonie: „Die\nWeihe der Töne\", neigt bereits eben dahin. Weber und\nMarschner wurden über das Gefahrvolle dieser Richtung\ndurch ihr Genie hinweggehoben. Schumann war eine\nErscheinung für sich, die aber so gut wie keinen Einfluss\nauf dramatische wie auf Vocalmusik überhaupt halte.\nDann kam Wagner, setzte seinen Ruhm ins Ueberbieten\nvon Weber, Marschner und Schumann bis zum Maass-\nund Formlosen und stellte endlich eine Theorie für die\nOper auf, welche auf die völlige Negation des Wesens\nund der Gesetze der dramatischen Tonkunst hinausläuft,\nda nicht mehr diese, sondere der Text und dessen wört-\nliche Uebersetzung in Noten die Aufgabe für den Gesang\nsein soll, wobei das Orchester die Hauptrolle zu spielen\nhat, und zwar so, dass symphonische Motive, nicht melo-\ndische, zur Charakteristik der auftretenden Personen an-\ngewandt werden!\nSollte das so fortgehen, so würde es nothwendig zu\ngänzlicher Auflösung der wahren dramatischen Musik füh-\nren. Und desshalb warnen wir in Frankreich davor! Selbst\nMeyerbeer hat sich im „Pardon de Ploermel\" nicht frei\n\nI *• i • • |\n*) Herold war allerdings in Frankreich geboren (zu Paris den\n28. Januar 1791, f den 19. Januar 1833), aber von deutschen El-\ntern. Sein Vater, Musiker und auf dem Ciavier Schüler von Phil.\nEm. Bach, war .1781 nach Paris gezogen. Wie ist es aber möglich,\ndass der Verfasser des Aufsatzes Nicolo Isouard und vor Allen\nBoieldieu nicht erwähnt, der doch wahrlich der genialste Reprä-\nsentant der französischen Schule ist? Und Auber??\nDie Redaction.\nn"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "92", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640319-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1389, "texte": "von der Strömung gehalten. Berlioz hat „Die Trojaner\"\nganz in dieser Richtung befangen geschrieben; Reyer hat\nin der „Statue\" nichts als Inslrumental-Colorit gegeben;\nGounod hat in der „Königin von Saba\" vergessen, dass\nes eine Oper sein sollte. Felicien David ist vielleicht allein\nwiewohl dramatischer Schwung ihm weniger eigen ist,\nals symphonischer —, trotz des Colorits, dem auch er hul-\ndigt, noch am meisten wahr und melodisch geblieben. (?)\nWir können desshalb unseren Componisten nur zuru-\nfen: Lasst uns jene gefährlichen Bande, die uns zu um-\nschlingen droben, zerreissen, lasst uns wagen, wieder wir\nselbst zu sein und uns dem traurigen Schwanken zu ent-\nziehen, das nur eine Zwittergattung erzeugt—denn darin\nliegt das geheime Uebel, welches an unserem National-\ngeiste nagt —; es ist Zeit, mit den Pasticcien und den Ab-\nklatschen ein Ende zu machen.\nVermeiden wir die Auswüchse der italiänischen Tri-\nvialität und der deutschen Kunst-Theorieen; wir brauchen\nMelodie und nochmals Melodie auf der Bühne, Melodie in\nvollen Strömen, fesselnde, ausdrucksvolle Melodie; ob geist-\nreiche oder leidenschaftliche, ist gleich. Denken wir an\nGluck und Mozart, an Gretry und Boieldieu, und lassen\nwir die Instrumental-Musik da, wohin sie gehört, und\nreissen wir uns von fremden Vorbildern los. Wenn die\nEingebung der Reflex der Seele ist, so bringt die Melodie\nHarmonie und Colorit mit."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1864-03-19-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1864-03-19_01#c003", "volume": "bmtnabi_1864-03-19_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "92", "page_fin": "93", "image_debut": 4, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640319-01.2.3", "titre_corps": "Ueber musicalishce Kunst-Ausstellungen.", "titre_sommaire": "Ueber musicalishce Kunst-Ausstellungen.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "92", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640319-01.1.4", "debut_caractere": 1391, "fin_caractere_exclue": 5242, "texte": "Ueber musicalishce Kunst-Ausstellungen.\nWenn Deutschland bei den Ausländern in dem mu-\nsicalischen Rufe steht, dass wie wir noch kürzlich in\neinem französischen Blatte lasen bei uns jeder Bauer\nein Instrument spielt oder ein Lied singt, so wissen wir\nrecht gut, wie viel oder wie wenig daran wahr ist. Was\naber das Ausland und sogar wir Deutschen selbst von\neinem Stamme zum anderen, ja, von einer Provinz zur\nanderen, nicht oder wenigstens nur sehr unvollständig\nwissen, ist, dass es eine grosse Anzahl von Musikern in\nallen Gauen des Vaterlandes gibt, die nicht bloss spielen\nund singen, sondern musicalische Werke schaffen, von\ndenen gar manche mehr oder weniger natürliche Bega-\nbung verrathen, fast alle aber von Fachkenntnissen, Fleiss\nund einem gewissen Geschick in dem Handwerk der Com-\nposition Zeugniss geben. Eine Masse von Werken grösse-\nren Umfangs, von Ouvertüren, Sinfonieen, Quartetten,\nCantaten, Messen, Oratorien, Opern liegen in den Pulten\ndeutscher Tonkünstler von den gekrönten Dilettanten bis\nzu den Dorfschullehrern herab! Aber sie liegen eben da,\nstecken höchstens einmal ihren Kopf aus der Dachluke\nder Hütte, in der sie entstanden, heraus, werden von der\nOrtsgemeinde freundlich begrüsst, um wieder zurück zu\nkriechen und im Dunkel zu vergilben. Es geht ihnen\nnach Horaz wie den Helden vor Agamemnon und\nAchilles, sie starben unbekannt,\nweil sie keinen Homer fanden, und so wäre es dem Horaz\nvielleicht selbst ergangen, wenn er keinen Mäcenas gefun-\nden hätte. Aus der Flut aufzutauchen, fällt auch selbst\ndenjenigen Componisten schwer, deren Stellung sie mit\ngrösseren Kreisen in Berührung bringt; den anderen, die\nan irgend eine Scholle gebannt sind, ist es vollends bei-\nnahe unmöglich, über die Gränzen ihres engen Zwingers\nhinauszukommen. Wir haben freilich eine Menge von\nTheatern und Concert-Anstalten, jene durch die grossen\nund mehr noch durch die kleineren Fürsten unterstützt,\ndie von je her in unserem Vaterlande sich durch Kunst-\nliebe und Kunslförderung auszeichneten, diese durch das\nVereinswesen geschaffen und gehoben. Allein bei den In-\nstituten beider Art ist der Zutritt einem homo novus,\neinem Neuling ohne Namen, sehr erschwert, und es las-\nsen sich auch viele gute Gründe anführen, wesshalb das\nExperimentiren mit neuen Werken von den Directionen\nder Theater und Concerte gescheut wird. Wie dem ab-\nzuhelfen sei, dürfte schwer zu ermitteln sein. Vielleicht\nwäre es möglich durch Stiftung eines musicalischen Kunst-\nvereins, der sich ein ähnliches Ziel setzte, wie die Kunst-\nvereine für die plastischen Künste es durch öffentliche\nAusstellungen zu erreichen suchen. Dass die Ausschrei-\nbung von Preis-Compositionen eine sehr prekäre Form\nder Förderung der Tonkunst ist, hat sich längst offenbart;\nder gute Wille und der lobenswerthe Zweck allein ver-\nmögen nicht, derartigen Bestrebungen Erfolg zu geben.\nAber die Vermittlung zwischen den Componisten und dem\nPublicum in die Hände eines allgemeinen deutschen Musik-\nvereins, der sich über alle Theile des grossen Vaterlandes\nausdehnen müsste, zu legen, das dürfte vielleicht ein aus-\nführbarer Gedanke sein, dessen Verwirklichung gar man-\nche unbeachtete Production aus der Verborgenheit ans\nLicht bringen würde. Die Haupt-Aufgabe eines solchen\nVereins würde sein, fünf bis sechs Concert-Institute und\ndrei bis vier Bühnen in Deutschland Behufs eines Con-\ncertes oder einer Opern-Vorstellung jährlich aus seinen\nGeldmitteln so zu unterstützen, dass sie sich unter Garan-\ntie der Deckung eines Manco bei den Einnahmen durch\nden Verein zur Aufführung derjenigen neuen Werke ver-\npflichteten, welche ihnen von der Direction des Vereins\ndazu empfohlen würden. Dieser Modus würde für die\nProducte der Tonkunst das zu erreichen suchen, was die\nAusstellungen für die Werke der Malerei, Sculptur u. s. w.\nbereits leisten, er würde das Neue dem Publicum zugäng-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "93", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640319-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 732, "texte": "lieh machen. Ohne uns für jetzt ausführlicher über die\nOrganisation eines solchen Vereins auszusprechen, wollen\nwir nur noch die Vertheilung der vorgeschlagenen Aus-\nstellungen— hier Aufführungen auf mehrere musicali-\nsche Institute betonen. Die Centralisation der Sache an\nEinem Ort widerspräche sowohl dem Charakter der Deut-\nschen und den historisch gewordenen Zuständen unseres\nVaterlandes, als dem beabsichtigten Zwecke einer allge-\nmeineren Veröffentlichung.\n\\\nZu diesen Betrachtungen hat uns jetzt besonders wie-\nder die Anhörung einer Composition in Duisburg ge-\nführt, in der ehemaligen Universitätsstadt, jetzt Sitz einer\nreichen Gewerblhätigkeit und des rührigen Betriebes eini-\nger Handelszweige. Die Composition heisst:"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1864-03-19-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1864-03-19_01#c004", "volume": "bmtnabi_1864-03-19_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "93", "page_fin": "95", "image_debut": 5, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640319-01.2.4", "titre_corps": "Die Martinswand.", "titre_sommaire": "Die Martinswand.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "93", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640319-01.1.5", "debut_caractere": 734, "fin_caractere_exclue": 5190, "texte": "Die Martinswand.\nLyrisch-dramatisches Gesangstück für Soli, Chor und Orchester von\nA. Zur Nieden.\nDas Gedicht ist ebenfalls von Herrn Zur Nieden, der\nin Duisburg als Musiklebrer und Dirigent des Singvereins\nlebt und uns durch einige hübsche Kleinigkeiten für Cia-\nvier und durch Vocal-Compositionen bereits bekannt war.\nDie Dichtung ist freilich ein kühner Wurf; sie gruppirt\nmorgen- und abendländische, heidnische und christliche\nGeisterwelt um den deutschen König Maximilian und über-\nlässt es der Phantasie des Zuhörers, den Zusammenhang\nzu finden, denn die lyrischen Sprünge darin sind mehr als\npindarisch und die historischen Freiheiten mehr als shake-\nspearisch. Aber musicalisch ist der Text durchweg, und\ndas rechtfertigt—oder entschuldigt wenigstens den Mu-\nsiker, wenn er in der Zusammenstellung der für musicali-\nschen Ausdruck geeigneten Situationen nicht immer der\nlogischen Klarheit und der dramatischen Folgerichtigkeit,\ngeschweige denn der Geschichte ihr Recht widerfahren\nlässt.\nBellastra, die einst als Stern am Himmel glänzte,\nsehnte sich, der Erdenwelt Lust und Weh zu empfinden,\nund ein Dämon, der auch „Fürst der Finsternisse\" heisst,\nwillfahrt ihrem Begehr und versetzt sie als reizvolle Jung-\nfrau auf die Erde natürlich unter der Bedingung, die\nauch der Dichter bei allen Zuhörern als bekannt voraus-\nsetzt, dass sie nach Ablauf einer bestimmten Frist ihm an-\ngehöre. Mit Ablauf dieser Frist beginnt die Handlung im\nTexte. Bellastra hat erst bei Maximilian's Anblick die\nLiebe empfunden, wie sie sich im menschlichen Herzen\nregt, und sehnt sich nun nach Verlängerung ihres irdischen\nDaseins. Der Dämon gewährt ihren Wunsch, weil er\nMax dadurch zu umstricken hofft.\nDiese freilich höchst mangelhafte Exposition wird in\nRecitativen und einem Duett gegeben, welches im Ganzen\nund besonders in der Partie der Bellastra (Sopran) sich\nschon recht gut anhört. Wir sind in Venedig, und zwar\nzu der Zeit, als Max von den Venetianern geschlagen war.\nEs folgt nun eine Scene, die an Klarheit freilich sehr ge-\nwinnen würde, wenn bei der Aullührung zwei getrennte\nChöre, die Genossen des Königs und die feindlichen Ba-\nhamer, zur Verfügung ständen; ohne das ist sie schwer\nverständlich. Max naht zu Schiff während eines schönen\nChors seiner Gefährten: „Die Sonne sinkt, der Abend\nwinkt, Es wallt die Flut in Purpurgluth\". Maximilian s\nKlage über seine Niederlage sehliesst sich daran; sie wird\nunterbrochen von den Sieges- und Triumphgesängen der\nVenetianer. Den König erbittert ihr Hohn: doch plötzlich\nfühlt er sein Herz von Sehnsucht nach der Geliebten be-\nwegt; seine Begleiter theilen diese Stimmung: „Walle,\nwalle, Schifflein kühn Durch die blauen Wogen hin\"\nein lieblicher Schifferchor, den aber der wilde Gesang der\nSieger: „Trompeten und Harfen, auf, lasst sie ertönen!\"\nwieder unterbricht und übertönt. Der Componist hat aus\ndiesen drei Nummern, dem Chor der Feinde, dem Reci-\ntativ und Arioso des Königs und dem Schifferchor ein\nGanzes gemacht, welches voll von musicalisch-dramatischem\nLeben ist. Es ist aber zum Verständnisse der Scene und\nzur vollständigen musicalischen Wirkung durchaus not-\nwendig, dass die beiden Chöre abwechseln, was auch,\nwenn nicht zahlreiche Kräfte vorhanden sind, dadurch er-\nleichtert wird, dass der Chor der Gefährten des Königs\nschwächer besetzt sein kann, als der andere.\nWeniger hat uns der darauf folgende Gesang des\nGondelfahrers befriedigt: der Componist hat ihn in der\nneueren Art der mehr declamatorischen als rein melodi-\nschen Liedweise behandelt, während ein einfach strophi-\nscher Gesang, höchstens mit einem einzigen Wechsel der\nBewegung und des Bhythmus, mehr an der Stelle gewe-\nsen wäre.\nBellastra ruft die Geister herbei von allen Enden:\nsie schweben daher in einem charakteristischen Chorge-\nsange und verheissen ihr Beistand, den sie von ihnen\nheischt, um Max der Verzweiflung zu weihen.\nEs folgt eine grosse Scene für Max (Bariton), der in\neiner tief empfundenen Adagio-Melodie mit reizenden\nNachklängen und Begleitungen des Solo-V'ioloncells den\nHerrn um Errettung aus böser Macht anfleht. Im feurigen\nAllegro spricht er den Entschluss aus, sich aus den Zau-\nberbanden Bellastra's loszureissen, und dann wendet sich\nsein sehnend Herz nach der Braut in der Heimat Maria\nvon Burgund zurück. Der Historiker muss dabei ein\nAuge oder besser noch beide Augen zudrücken, aber der\nMusiker wird in diesem letzten Theile der Arie, ton der\nWendung zum Lyrischen an, den talentvollen Erfinder"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "94", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640319-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5261, "texte": "fliessender und ausdrucksvoller Melodie mit Vergnügen\nerkennen.\nDer Chor der finsteren Geister ruft Wehe über sie,\ndie der Tod ereilen solle, und zwar in einem Fugato.\nWenn auch der Weheruf der einzelnen Stimmen einer\nfugirten Behandlung nicht gerade widerspricht, so nimmt\nsich die Fuge in dem Complex des ganzen Werkes doch\nsonderbar aus und ihre Anwendung ist wohl nur als Con-\ncession des Componisten an den Gebrauch, die Theile der\nOratorien mit Fugen zu schliessen, zu betrachten. Der\nSchluss des Chors ist wieder schwung- und wirkungsvoll.\nSo weit die erste Abtheilung, welche aus zehn Num-\nmern besteht.\nDer zweite Theil versetzt uns nach Tyrol. In ihm ist\nbesserer Zusammenhang im Gedichte, auch die Diction\nhebt sich mehr. lieber die starke poetische Licenz, welche\ndie Maria von Burgund bis 1493 (wo das Abenteuer\nMaximilian's auf der Martinswand vorfiel) leben (sie starb\nschon 1482) und in Tyrol erscheinen lässt, muss man sich,\nwie schon gesagt, hinwegsetzen. Uebrigens könnte der\nVerfasser die zweite Gemahlin des Kaisers, Bianca Sforza,\nan die Stelle der Maria setzen, dann wäre wenigstens der\nAnachronismus vermieden und doch in der Musik keine\nAenderung nöthig. Was nun diese, die Musik, betrifft, so\nmüssen wir sie noch höher stellen, als die Composition\ndes ersten Theiles. Wenn wir im ersten Theile viel Talent\nerkannten, so offenbart der .zweite sowohl in den Solo- als\nChorgesängen und in dem Orchester häufig eine wirklich\ngeniale Begabung des Componisten, der hier ganz auf eige-\nnen Füssen steht und in dessen Arbeit wir wohl das Stu-\ndium der besten Meister, auch der neueren, z. B. Schü-\nmanns, erkennen, aber weder directe Reminiscenzen, noch\ngreifbare Nachahmung finden. Kürzungen möchten an\neinigen Stellen zu wünschen sein, doch dürften dieser nur\nhauptsächlich die Vorspiele, noch mehr die Zwischen- und\nNachspiele des Orchesters bedürfen, da diese mitunter\netwas zu gedehnt sind und uns gewisser Maassen, gegen\nden modernen Stil des Ganzen gehalten, etwas altmodisch\nerschienen. Die Chöre geben in diesem zweiten Theile\nauch mehr Veranlassung zu abwechselnder musicalischer\nCharakteristik, welche dem Componisten fast überall ge-\nlungen ist.\nEin frischer Chor von tyroler Landleuten eröffnet die\nScene und begrüsst freudig Maria von Burgund, die mit\nJagdgefolge erscheinend gedacht wird. Recitativ und Arie\n(Alt oder Mezzo-Sopran), in welchen sie den anbrechen-\nden Morgen begrüsst, ist ein ausserordentlich schönes Mu-\nsikstück, bei welchem auch das Vorspiel des Orchesters\nvor dem Eintritte des Adagio's ein recht poetisches Colorit\nhat und nicht zu denen gehört, die wir hinweg wünschen.\nDer letzte Theil der Arie, eine Erinnerung an den Auf-\nbruch Maximilian's zum Feldzuge, hat uns nicht in glei-\nchem Maasse angesprochen; die Anwendung des marsch-\nartigen Rhythmus und Tempo's scheinen uns durch die\nWorte: „Ich sah ihn zieh'n mit klingendem Spiel und flie-\ngender Fahne\", nicht gerechtfertigt, da die Stimmung des\nGanzen—eines lyrischen Ergusses der Sehnsucht nach der\nRückkehr des Geliebten dagegen streitet.\nDie folgenden sieben Nummern (Nr. 13\nein grossartiges Tongemälde, in welchem Max, um der\nZaubermacht der Bellastra und ihrer Elfen- und Nixen-\nschar zu entfliehen, auf die Höhe der Martinswand klimmt\nund von dem dämonischen Jubel der Höllengeister, als\nihrer Macht und dem Tode verfallen, umjauchzt wird. Der\nChor der Elfen: „Tanzt auf grünen, duft'gen Zweigen\",\ndann das Ensemble dieses Chors und der Solostimmen von\nMax und B.ellastra, der Chor Nr. IT und vor Allem der\nDämonen-Chor Nr. 19: „Auf, ihm nach wettert mit dem\nBlitz hervor donnergleich stürzt hervor aus dunkelm\nReich!\" sind sehr gelungene Musikstücke, namentlich\nmacht der letztgenannte Chor eine gewaltige Wirkung.\n—Ein Solo des Max führt zu ruhigerer Stimmung zurück,\nwelche bei dem sinkenden Tage ein Chor der heimkehren-\nden Hirten noch deutlicher ausdrückt.\nIn dem letzten Abschnitte (Nr. 22—27) erblickt Ma-\nria von Burgund und ihr Gefolge „ein Menschenleben fest-\ngebannt, mit dem Tode ringend auf hoher Wand\". Der\nPriester tritt auf: Chor und Gebet der Thalbewohner. Noch\neinmal erscheint Bellastra: aber Max bleibt stark durch\nGebet gegen ihre Versuchung. Das Duett ist nicht übel,\nobwohl es nicht zu den hervorragenden Nummern gehört;\ndas lange Vorspiel ist hier geradezu störend. Der Fürst\nder Hölle erscheint, die Zeit für Bellastra ist um, sie ist\nihm verfallen ein Duett zwischen Bass und Sopran, wel-\nches den Stempel des Genie's trägt und einen erschüttern-\nden Eindruck macht. Bellastra wendet sich im Schmerz der\nVerzweiflung zum innigen Gebete, ein Chor der Engel\n(Frauenstimmen) verkündet ihr die himmlische Gnade,\nwelche sie wieder zu den Sternen erhebt. Die Felsen-\nwand erglüht von überirdischem Lichte, Max ist gerettet\nund zwischen den Schluss-Chor ziehen sich die Melodieen\nvon Maria und Max im glücklichen Ausdruck ihrer Ver-\neinigung. .\nDies ist der Eindruck, den wir von diesem Werke\ndurch eine im Grunde sehr mangelhafte Aufführung, na-\nmentlich was den orchestralen Theil derselben betrifft,\nempfangen haben. Der Chor war übrigens recht gut ein-\ngeübt, auch der Stimmenklang frisch, aber freilich nicht\nmächtig genug. Die Solo-Partie der Bellastra wurde von\nFrau V. aus Mülheim vortrefflich, die Maria von Fräulein"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "95", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640319-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 519, "texte": "K. aus Ruhrort mit hübscher Mezzosopran-Stimme, der\nMaximilian von Herrn Scholl recht brav gesungen.\nDas ist alles ganz gut: aber wie nun weiter? Soll ein\nsolches Werk nun nicht über die Gränzen der kleinen\nStadt, wo es entstanden, hinauskommen? Soll es im Koh-\nlenbecken der Ruhr stecken bleiben? Wir denken je-\ndoch, dass es dem Werke Zur Nieden's, wenn er es noch\neiner strengen Revision unterworfen haben wird, gewiss\nnicht an einem Verleger fehlen wird. Wir können es an-\ngelegentlich empfehlen. Prof. L. Bischoff."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1864-03-19-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1864-03-19_01#c005", "volume": "bmtnabi_1864-03-19_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "95", "page_fin": "95", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640319-01.2.5", "titre_corps": "Aus Bonn.", "titre_sommaire": "Aus Bonn.", "signature_source": "H", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "95", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640319-01.1.7", "debut_caractere": 521, "fin_caractere_exclue": 4728, "texte": "Aus Bonn.\nH.\nDen 13. März ]864.\nDie am Donnerstag den 10. März Statt gefundene\nAufführung des Oratoriums „Samson\" von Händel be-\nschloss auf würdige Weise die Reihe unserer Abonnements-\nConcerte. Es war dies die sechste grosse Oratorien-Auf-\nführung, die wir während des ersten Trienniums unseres\nverehrten Musik-Directors Brambach gehabt, nachdem\nder „Messias\" von Händel, die „Schöpfung\" und die „Jah-\nreszeiten\" von Haydn, der „Paulus\" von Mendelssohn und\ndie „Zerstörung Jerusalems\" von F. Hiller vorausgegan-\ngen waren.\nDer Chor, im Anfange etwas ängstlich, entwickelte\nnach und nach Kraft und sang mit grosser Präcision und\nBegeisterung. Auszuzeichnen waren der Schluss-Chor des\nersten Theiles: „Zum glanzerfüllten Sternenzelt\", Chor der\nIsraeliten: „Hör', Jakob'sGott!\",der Doppelchor des zwei-\nten Theiles: „Ehret auf seinem ew'gen Thron\", dann der\nChor der Philister im dritten Theile: „Hör' mich, o Gott!\",\nChor der Israeliten: „Ihr Söhne Israels, klaget nun\", und\nder Schluss-Chor des ganzen Werkes: „Laut schalle un-\nserer Stimmen voller Chor\".\nDie Soli sangen Fräulein Rothenberger aus Köln\n(Dalila), Fräulein Schreck aus Bonn (Micah), Herr Pütz\naus Köln (Samson), Herr Bergstein aus Köln (Manoah).\nFräulein Rothenberger sang ihre Partie recht gut, beson-\nders auch die Einlage oder vielmehr die Wiederaufnahme\nder Arie mit Violin-Solo im zweiten Theile. In der Arie:\n„Gott Dagon hat den Feind besiegt\", hätte vielleicht etwas\nmehr Feuer vorwalten können. Fräulein Schreck war über-\nall vortrefflich und erhielt den ersten Applaus. Diese Par-\ntie, besonders die Arie: „Erhör' mein Fleh'n\", und die\nArie mit Chor: „Ihr Söhne Israels, klaget!\" gehören zu\nden besten und dankbarsten der berühmten Sängerin. Herr\nPütz, obwohl etwas unpässlich und erst in den letzten Ta-\ngen zu freundlicher Uebernahme der Partie entschlossen,\nsang dieselbe, unterstützt von seiner musicalischen Durch-\nBildung, sehr brav. Das Duett zwischen Dalila und Sam-\nson im zweiten Theile war eine Meisterleistung, eben so\ndieSchluss-Arie des Samson: „Herrlich erscheint im Mor-\ngenduft'', welche durch wohlverdienten Beifall ausgezeich-\nnet wurde. Die kleinen Verzierungen trug er reizend vor.\nHerr Bergstein sang seinen Manoah im Ganzen gut, doch\nschien namentlich im dritten Theile die Begeisterung zu\nfehlen.\nDas Orchester that seine Schuldigkeit. Dürften wir\ngegen den Dirigenten einen Wunsch äussern, so wäre es\nder, den Trauermarsch noch mässiger im Tempo genom-\nmen zu sehen, wodurch er jedenfalls gewinnen würde.\nWerfen wir zum Schlüsse einen Rückblick auf die ab-\ngelaufene Concert-Saison, so müssen wir dieselbe als eine\ngenussreiche und durch viele treffliche Leistungen ausge-\nzeichnete bezeichnen.\nVon grösseren nnd kleineren Vocalwerken hörten wir\ndie „Schöpfung\" von Haydn (Soli: Fräulein Büschgens,\nHerr Göbbels und Herr Hill); „Samson\" von Händel (Soli,\nwie oben); „Der Herr ist mein Hirt\" (Psalm XXIII.) von\nW. Bargiel; Hymne, componirt zur Krönungsfeier Georg's\n11. im Jahre 1727 von Händel; in von Beet-\nhoven (Soli vorgetragen von Dilettanten); Ave verum von\nMozart; Meeresstille und glückliche Fahrt von Beethoven;\n„Verleih' uns Frieden\" von F. Mendelssohn; Chöre aus\nder Oper Idomeneo von Mozart. Von Orchestersachen:\nSinfonie in C-dur von Schubert; Sinfonie in C-moll von\nBeethoven; Ouvertüre, Scherzo und Finale (Op. 52) von\nSchumann; Musik zum Sommernachtstraum von Mendels-\nsohn; Ouvertüre zum „Wasserträger\" von Cherubini, zu\n„Idomeneo\" von Mozart, zu Leonore (Nr. 3) von Beetho-\nven, zur „Zauberflöte\" von Mozart.\nAls Solospieler traten auf: Herr Concerlmeister L.\nStrauss aus Frankfurt (Concert von Mendelssohn und Bo-\nmanze von Beethoven); Herr Brinkmann aus Frankfurt\n(Concert für Violoncello von Molique nnd Phantasie von\nServais); Herr Isidor Seiss aus Köln (Bomanze und\nIlondo aus dem von Chopin und Variatio-\nnen \\C -mott]von Beethoven). Fräulein Rothenberger\nsang ausser im „Samson\" noch im fünften Concerte Reci-\ntativ und Arie aus der Oper Figaro's Hochzeit von Mozart,\nRecitativ und Arie der Electra aus der Oper Idomeneo\nvon Mozart.\nNach alledem haben wir die grösste Ursache, allen\nMitwirkenden und dem hochgeschätzten Dirigenten, Herrn\nBrambach, unseren besten Dank auszusprechen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1864-03-19-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabi_1864-03-19_01#c006", "volume": "bmtnabi_1864-03-19_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "96", "page_fin": "96", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640319-01.2.6", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "96", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640319-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4404, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKolli. Sonntag den 13. März gab der hiesige „Sänger-\nbund\" seine diesjährige erste Liedertafel im kleinen Gürzenichsaale.\nDie Versammlung war sehr zahlreich und von heiterer, geselliger\nStimmung bewegt. Die Gesänge waren gut gewählt und wurden un-\nter der geschickten und sicheren Leitung des Herrn Bitter gut\ngesungen. Am meisten von den ernsteren Stücken machten die Vor-\nträge von Gade's Gondelfahrt, „Es geht bei gedämpfter Trommel\nKlang\" von Silcher und „Der frohe Wandersmann\" von Mendels-\nsohn Eindruck; das Silcher'sche Lied wurde ganz vortrefflich gesun-\ngen und musste wiederholt werden. Dieselbe Ehre widerfuhr und\nmit Recht einem köstlichen humoristischen: „Im Regen geh'n wir\nnicht nach Haus\", von H. Bönike, das besonders frisch und resolut\nvorgetragen wurde. Sehr schön war auch der Vortrag eines Solo-\nQuartetts von Billeter, in welchem uns besonders die klangvolle\nBaritonstimme des Herrn B. erfreute, die in der Composition vor-\nherrschend ist. Zwischen den Gesängen trug Herr Musik-Director\nTausch aus Düsseldorf Beethoven's 32 Variationen, ein Impromptu\nund ein Notturno von Chopin auf dem Pianoforte mit Applaus vor.\nSpäterhin wurden denn auch noch einige Humoristica zum Besten\ngegeben; doch gestehen wir frei, dass wir es gern sahen, dass nicht\ndieses Genre, sondern das wirklich künstlerische Element dem ge-\nnussreichen Abende seinen Haupt-Charakter gab. Der Verein hat\noffenbar grosse Fortschritte gemacht.\nDie fünfte Soiree für Kammermusik am Dinstag den\n15. März brachte eines der einfachsten, aber stets lieblichen Quar-\ntette von Haydn und das prächtige Quintett in C-dur, Op. 29, von\nBeethoven. Beide wurden vortrefflich ausgeführt (I. Violine Herr\nJapha) und besonders das Quintett erregte bei jedem Satze einen\nSturm von Applaus. Dazwischen spielte Herr Breunung, den wir\nlange nicht gehört hatten und dessen Erscheinen auf der Tonbühne\ndaher um so erfreulicher war, das Quartett Op. 47 in Es-dur von\nSchumann für Pianoforte, Violine, Viola und Violoncell mit aus-\ngezeichneter Durchführung seiner Partie und eben so trefflichem\nEingreifen seiner Mitspieler in das Ganze der Composition, deren\nerster Satz durch Pracht und Feuer nicht nur imponirt, sondern\nauch fesselt. Auch das Scherzo ist durch seine Originalität sehr an-\nsprechend. Für die rhythmischen Studien und Synkopen des Adagio\nfehlt uns nicht das Verständniss, aber das Gefühl, welches in uns\nnun einmal seine natürliche Richtung auf das melodisch Schöne\nnicht verläugnen kann und will. Auch das Finale ist mehr für den\nVerstand, als für Herz und Phantasie geschrieben; Vielleicht ruft\ndie Redaction der leipziger Allgemeinen Musik-Zeitung, wenn sie\ndies lesen sollte, wieder einmal aus: „Armer Schumann !\" worauf\nwir nichts antworten können, als: „Arme Redaction!\"\nMärz. Vor einigen Tagen gab Herr Lan-\ngenbach, Director der Küpper'sohen Capelle, sein Benefiz-Concert,\nin welchem er Beethoven's Violin-Concert und Introduction und\nRondo aus dem E-dur-Concert von Vieuxtemps mit grossem Bei-\nfalle spielte. Unter den übrigen Stücken dt s Abends machte eine\nComposition von J. A. van Eyken: „Rudi\", ein Melodrama mit\nOrchester, eine ergreifende Wirkung, wozu die vortreffliche Decla-\nmation der Frau Langenbach das Ihrige in vollem Maasse beitrug.\nStuttgart« Herrn Grunert's monatlange Entfremdung von\nder Bühne unter wechselnden officiellen Titeln, von der gele-\ngentlich der stets „bevorstehenden\" Aufführung von Fischer's Tra-\ngödie „Friedrich II.\" öfters Erwähnung geschehen, hatte bereits zu\nsehr auffallenden Bulletins Anlass gegeben, die mit merkwürdiger\nSicherheit verbreitet wurden. Nunmehr scheint die einfache und\ndoch unerwartete Aufklärung in der Nachricht gegeben, dass Herr\nGrunert Theater-Director in Leipzig geworden ist. Vor einigen Ta-\ngen hat der dortige Stadtrath unter zwölf Bewerbern um die neue\nsechsjährige Pacht des Stadttheaters für Herrn Dr. Grunert, als ge-\nborenen Leipziger, entschieden, und seitdem ist derselbe nicht mehr\nals erkrankt, sondern aufs Neue als beurlaubt hier aufgeführt. Die-\nser Urlaub soll vorerst 14 Tage dauern, nach deren Ablauf wir\ndenn das Fischer'sche Stück zu erwarten haben.\nWrien« Der Pianist J. Derffel gab* am 12. d. Mts., Abends\n8 Uhr, ein Concert im Musikvereins-Saale, unter Mitwirkung der\nHerren Hellmesberger, Rover und Walter. Der Concertgeber spielte\nStücke von Bach, Beethoven, Chopin und eigener Composition."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "89", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640319-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nDie heutige dramatische Musik. Ueber musicalische Kunst-Ausstellungen. Die Martinswand. Lyrisch-dramatisches\nGesangstück für Soli, Chor und Orchester von A. Zur Nieden. Von Prof. L. Bischoff. Aus Bonn (Aufführung des „Samson\"\nRückblick auf die Concert-Saison). Von H. Tages- und Unterhaltungsblatt (Köln, Liedertafel des „Sängerbundes\", Fünfte Soiree\nfür Kammermusik Elberfeld, Benefiz-Concert Stuttgart, Herr Grunert Wien, Pianist J. Derffel).\n\nDie heutige dramatische Musik\n*).\nWir leben wahrlich in einer seltsamen Zeit-Epoche!\nWer es versucht, seine innere Betrachtung aus dem Ge-\nräusche und der Leidenschaft der Gegenwart zu retten,\nwird leicht dahin gelangen, eine der sonderbarsten Er-\nscheinungen in der Kunstwelt wahrzunehmen: ein einge-\nbildetes Ideal, welches vorzugsweise in der Tonkunst die\nMissgeburt eines grotesken Mysticismus erzeugt.\nOh ne die Klagen über den .Verfall der Musik im All-\ngemeinen wiederholen und der grossen Vergangenheit\nallein Weihrauch in solcher Fülle streuen zu wollen, dass\nman davor die Zeitgenossen gar nicht sehen kann, stellen\nwir nur die Fragen hin: Was ist die Tendenz der gegen-\nwärtigen dramatischen Musik? welcher Ideenströmung\nfolgen fast alle und auch die besten Componisten unserer\nZeit? scheinen ihre Schöpfungen Lebensfähigkeit für die\nZukunft zu haben? offenbart sich nicht eine Verwirrung\nund Verirrung in der heutigen Deutung des Wortes\n„dramatische Musik\"?\nEs bedarf keiner grossen Nachforschung, um die Ten-\ndenz zu erkennen, die in der neuen Richtung zu Tage\nliegt: die Speculation um jeden Preis auf das Realistisch-\nMalerische, auf das Originelle oder wenigstens Neue und\nauf das Colorit. Das Colorit, die Farbe, das ist die grosse\nLosung für alle Dinge in der Welt! Man zerbricht sich\nnicht den Kopf, um Charaktere und Situationen musica-\nlisch wiederzugeben, o nein, aber man beschreibt den\nFlügelschlag eines Vogels, den Einsturz der Brücke über\neinen Bergstrom u. s. w. durch eine Violin- oder Flöten-\nPassage, ein düsteres Tremolo, eine wahnsinnige Modu-\nlation, einen Abrakadabra-Rhvthmus. Anstatt das mensch-\n-7 «I\nliehe H erz, die Quelle der Gefühle, zu beobachten und\nzu studiren, die Empfindung und den Gedanken in klarer\nund präciser Tonsprache wiederzugeben, bildet man sich\nein, in die Tiefen der Harmonie zu dringen, wenn man\nfrappante Effecte ausheckt und musicalische Rebus aufs\nPapier bringt. Wahrlich, es herrscht eine beklagenswerthe\nVerwirrung in den Ansichten über die Musik: die Sinfo-\nnie ist allmählich auf die Opernbühne gebracht worden,\nund das musicalische Drama wird von dem musicalischen\nRoman verdrängt.\nIn der Musik, wie in der Literatur, gibt es zwei ge-\nsonderte, nicht zu vermischende Arten, den Gedanken aus-\nzudrücken: die scenische Handlung und das schriftstelleri-\nsche Werk. Das Epos, der Roman, die lyrische Dichtung\nsind in der Literatur, was in der Musik die Sinfonie, das\nQuartett, die Compositionen für einzelne Instrumente sind.\nIn diesen musicalischen Erzeugnissen kann sich die gött-\nliche Kunst frei und strahlend von Phantasie in das Un-\nbestimmte versenken. Da braucht man nicht edle oder\nkomische Charaktere redend einzuführen; jeder subjecti-\nven Erregung kann man freien Lauf lassen, die Qual des\nHerzens wie seine Seligkeit, die Ruhe der Seele und das\nglückliche Lächeln der Zufriedenheit wie das sturmbe-\nwegte, von Schmerz zerrissene, in ewig unbefriedigter\nSehnsucht schwankende Gemüth alles kann darin lie-\ngen, und der Zuhörer mag es sich deuten, wie er wolle.\nJa, der Zuhörer kann das Werk auf seine Art, nach sei-\nner persönlichen Stimmung oder Erregtheit, noch einmal\n\n*) Dieser Aufsatz, der uns von unserem pariser Corresponden-\nten mitgetheilt ist, hat Herrn M. A. Thurner, einen sehr unter-\nrichteten Musiker in Paris, zum Verfasser. Die Tendenz desselben\nist hauptsächlich gegen Gounod gerichtet, den viele dortigen Musi-\nker als den „französischen Wagner\" betrachten, wobei sie jedoch\nweniger seinen „Faust\", als frühere Opern, z. B. „Die blutende\nNonne\" und neuerdings „Die Königin von SabaI', ins Auge fassen.\nDie bevorstehende Aufführung der neuesten Oper Gounod's, „Mi-\nreille\", auf dem Thedtre lyrique scheint die nächste Veranlassung\ngewesen zu sein, das Wesen der heutigen dramatischen Musik zur\nSprache zu bringen. Eine Stimme aus Frankreich über dieses Thema\ndürfte nicht uninteressant sein, nur muss der Leser nicht vergessen,\ndass Thurner, trotz seines deutschen Namens, die Sache doch rein\nvom Standpunkte eines französischen Musikers betrachtet."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "90", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640319-01.1.2", "texte": "schaffen, es für sich und auf seine eigene Hand reproau-\nciren. Aber alle die Ausdrucksmittel der romantischen\nMusik und der beschreibenden Tonmalerei in das Drama\nversetzen, dessen Wesen plastisch ist, den Verlauf der\nHandlung hemmen, um eine Decoration musicalisch zu\nschildern, die menschliche Seele mit ihren Freuden und\nSchmerzen zu vergessen, um Fagott- oder Clarinett-Figu-\nren zum Einsturz einer morschen Hütte zu finden, das\nläuft auf eine Bastard-Gattung hinaus, auf ein Ungethüm,\ndas weder Fisch noch Fleisch ist, wie man zu sagen pflegt.\nWir sind weit entfernt davon, das Talent oder auch\ndas Genie einiger Componisten unter unseren Zeitgenossen\nverkleinern zu wollen, welche vielleicht unbewusst dem\nEinflüsse der ultragermanischen Strömung anheim gefal-\nlen sind. Allein das scheint uns unläugbar zu sein, dass die\nPrincipien, welche zu allen Zeiten die französische Natur\ncharakterisirt haben, heutzutage gewaltig alterirt sind.\nerkannte mit seinem freien, gesunden Verstände\nden französischen Geist sehr gut, jenen geraden, klaren,\nin seinem Ausdruck durchsichtigen, in seinem Vorgehen\nlebhaften, weder vieldeutigen noch dunkeln Geist, den\nGeist der Molifere, Voltaire und Beaumarchais zusammen-\ngenommen. Und dieser Geist ist der vorzugsweise bühnen-\nmässige und bühnengerechte, lebhafte, schnell zum Ziele\neilende, der da sagt, was gesagt werden muss, aber nichts\nweiter.\nNun und das Frankreich, welches Gretry und Gluck\nzur Staffel ihres Ruhmes diente, sieht sich überflutet von\njener deutschen falschen Schule, welche bald Mozart nicht\nmehr verstehen wird, weil sie sich in ungeheuerliche,\nkunstphilosophische Strudel verwirrt!\nWir wollen nicht die oft wiederholten Versuche der\nCharakteristik der drei musicalischen Nationen wieder-\nholen; es genügt die Erfahrung, dass Frankreich immer\nin gewisser Hinsicht der Regulator des italiänischen und\ngermanischen Elementes gewesen ist. Wenn Frankreich\nvon Zeit zu Zeit die glänzenden Eigenschaften der einen\noder der anderen dieser beiden Schulen wiederstrahlte, so\nhat es doch lange in Beziehung auf das Theater das\nC 7 v-/\nGleichgewicht zwischen der Phantasie und dem richtigen\ndramatischen Gefühle, das ohne Zweifel eine besondere\nForm des Geistes ist, aufrecht erhalten, jenes Gefühls,\nwelches auf der Beobachtung der Sitten und der Charak-\ntere beruht. Wenn aber unsere Individualität verloren\ngeht, wenn wir nicht mehr Energie genug besitzen, das\nzu bleiben, was wir sind, unser eigenes Ich zu wahren;\nwenn wir uns Manieren und Tendenzen hingeben, die un-\nserer Natur entgegen sind, so ist es klar, dass unsere Nach-\nahmungen nur Plagiate sein werden, die tief unter ihren\nOriginalen stehen, da diese wenigstens eine Inspiration\nzur Entschuldigung haben, welche mit den Ideen und An-\nschauungen, die sie umgeben und umspannen, in Rapport\nsteht. Denn es ist nicht zu läugnen, dass die Werke der\nKunst der getreue Wiederhall, ja, in gewisser Hinsicht\ndie greifbare Reproduction der Bewegung der Geister\nund der Anschauungsweise der Nation in einer gewissen\nEpoche des intellectuellen und moralischen Werthes einer\nGeneration sind.\nDer Zusammenhang der Literatur mit der Musik, der\nEinfluss jener auf diese, lässt sich leicht in den verschie-\ndenen Epochen beider nachweisen. Als nach der classi-\nschen Periode der französischen Literatur neue Saiten sen-\ntimentaler Klänge von Jean Jacques Rousseau und Ber-\nnardin de St. Pierre angeschlagen, als Klopstock, Gessner\nund Andere uns bekannt wurden, aus Schottland herüber\nder Geist von Ossian's Dichtungen uns anwehte, kamen\nauch in der Musik ähnliche Schwülstigkeiten vor, welche\ndurch den mächtigen Einfluss der Umgestaltung der gan-\nzen Nation unter Stürmen und Gewittern eine musicali-\nsche Periode einleiteten, die trotz einiger übertriebenen\nEmphase dennoch eine grosse und ruhmvolle war.\nLesueur, M£hul, Cherubini, Catel, Spontini waren die\nHelden derselben.\nNach einer trüben Pause, in welcher das Genie in\nWinterschlaf gesunken zu sein schien, begann die Ro-\nmantik ihr Haupt zu erheben; Chateaubriand und Frau\nvon Stael waren ihre Vorläufer. Von Norden brachte\nuns die angelsächsische Nationalität Shakespeare und\nByron, von Osten die germanische Goethe und Schiller\nu. s. w.; der Sommernachtstraum und die Walpurgisnacht\nwurden uns offenbart. Lamartine dichtete Childe-Harold\nund Jocelyn, Victor Hugo stiess die Poetik von Aristoteles\nund Boileau über den Haufen, Balzac bezauberte die\nLesewelt wir lernten Beethoven und Weber kennen,\ndiese überwältigenden Mächte der Romantik.\nNun begann eine Periode der Aufregung und des\nRingens und Wetteifers aller geistigen Bestrebungen in\nKunst und Wissenschaft, welche wir nur eben mit Namen\nwie Cousin, Lamennais, Thierry, George Sand, Nodier,\nDelacroix, Ary Scheffer u. s. w. bezeichnen wollen. Mitten\ndrein warf Rossini seinen Wilhelm Teil, Meyerbeer sei-\nnen Robert und seine Hugenotten die hervorragendste\nTrilogie der dramatischen Musik jener Periode; sie war\nfreilich der Form nach französisch, aber ihren eigentlichen\nCharakter gaben ihr doch die fremden Elemente.\nUnd welches Genie war denn damals der Repräsen-\ntant Frankreichs und des französischen Geistes? War es\nnicht der arme, früh dahingeschiedene Herold? Sein\n„Zampa\" steht noch auf der gefährlichen Gränzlinie,\nder symphonistische Strudel hat ihn noch nicht darüber"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "91", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640319-01.1.3", "texte": "hinausgerissen, bei ihm ist das Leben, die Empfindung,\ndie Leidenschaft noch auf der Bühne, nicht bloss im Or-\nchester*).\nWenden wir nun jetzt unsere Rlicke auf unsere Zeit-\ngenossen wo sind die Apostel des Idealen und der\nPoesie, wo sind die Kämpfer des Gedankens? Sind sie\nihren Vorgängern gleich, wo nicht an Genie, doch an\nGlauben, Ueberzeugung und Begeisterung? Ist der Geist\nder jetzigen menschlichen Gesellschaft so gehoben und\nfeurig, wie vor dreissig Jahren, oder lässt er sich von dem\nverderblichen Hauche des Agio's und des Materialismus\nniederdrücken? Welcher Ideenströmung folgt das, was\nwir unsere heutige Literatur nennen? Das Goldfieber\ntreibt, nur um Sold zu schreiben, die Schilderung edler\nLeidenschaften ist den Gemälden niederer Lust gewichen,\nman verhandelt sein Gewissen und seine Moral an den\nGott des goldenen Kalbes, die Prostitution macht sich in\nihrer ganzen Hässlichkeit im Roman und auf der Bühne\nbreit, Dirnen schreiben ihre Biographieen oder lassen sie\nschreiben, die meisten Theater locken ihr Publicum durch\n' y _\ndie Beine und die Gaze der Tänzerinnen an, dumme Feen-\nund Zaubergeschichten mit decoraliver Ausstattung sind\nan der Tagesordnung, das geistvollste Volk von der Welt\nmacht die Verfasser der läppischsten und liederlichsten\nPossen reich! Das ist die Literatur. Die Malerei decorirt\nden Alcoven und das Boudoir, oder gibt sich einem wahr-\nhaft empörenden Realismus hin; dazu kommt noch die\nPhotographie, welche die traurigen Celebritäten der öffent-\nlichen Etablissements dem Publicum verkuppelt.\nUnd was thut die Musik in dieser Flut? Sie bringt\ndie Operette hervor und weiter nichts.\nWas man fast allein zur Ehre der gegenwärtigen mu-\nsicalischen Generation sagen kann, ist, dass sie doch sucht,\ngegen diese Versunkenheit der Intelligenz und des Ge-\nschmacks anzukämpfen, und weil sie dazu in der schaffen-\nden Gegenwart keine wirksamen Hebel findet, so hat sie\nsich znr eifrigen und hingebenden Dolmetscherin der gros-\nsen Meister der Tonkunst gemacht.\nDurch das Verdienst wackerer Künstler sind wir all-\nmählich Gäste an den reichbesetzten Tafeln von Haydn,\nMozart, Beethoven, Weber, Schubert, Mendelssohn ge-\nworden. Wir haben Deutschland um das Lebensbrod, um\ndas Manna des Idealen gebeten, das wir bei uns nicht\nmehr fanden, und Deutschland hat es uns verschwende-\nrisch dargereicht. Ueberall glänzen auch bei uns in Strah-\nlen die Namen seiner unsterblichen Söhne, hier in den\nKammermusik-Vereinen, die sich alle Tage vermehren,\ndort in den Concerten, deren Tausende von Zuhörern sich\nVolk nennen.\nGewiss, wir können nichts Besseres wünschen, denn\nes handelt sich um Instrumental-Musik. Aber jetzt beginnt\ndie unüberlegte Vorliebe sich auch der dramatischen Mu-\nsik der Deutschen zuzuneigen; Deutschland fährt fort,\nseine Einfuhr auch auf seine neueste Bagage für die grosse\nOper auszudehnen.\n« Was ist denn aus der blonden überrheinischen Schö-\nnen geworden, seitdem Goethe und Beethoven, Schiller\nund Weber verschwunden sind? Nun, sie hat allerdings\nin moralischer und geistiger Hinsicht bei Weitem mehr,\nwas uns Trost und Erquickung geben kann, bewahrt, als\ndas ist, was uns aus dem obigen Gemälde unserer Zeit\nentgegentritt. Deutschland denkt, forscht, disputirt, schreibt\nviel; aber durch die Verbreitung des Pbilosophirens über\ndie wissenschaftlichen Kreise hinaus ist die Kunst in Ge-\nfahr gekommen. Es ist eine musicalische Schule aufge-\ntaucht, welche die apokalyptische letzte Schreibart Beet-\nhoven's zu ihrem Evangelium gemacht hat, und daneben\nhat sich das Realistische bis zu unstatthafter Tonmalerei\nbreit gemacht, wozu doch wahrlich Beethoven s letzte,\nrein ideale Werke, wie z. B. die Violin-Quartette, nicht\nim Geringsten berechtigen. Schon Mendelssohn verräth\nhier und da Spuren davon, wie z. B. in seiner Ouvertüre\nzur schönen Melusine. Spohr in seiner Sinfonie: „Die\nWeihe der Töne\", neigt bereits eben dahin. Weber und\nMarschner wurden über das Gefahrvolle dieser Richtung\ndurch ihr Genie hinweggehoben. Schumann war eine\nErscheinung für sich, die aber so gut wie keinen Einfluss\nauf dramatische wie auf Vocalmusik überhaupt halte.\nDann kam Wagner, setzte seinen Ruhm ins Ueberbieten\nvon Weber, Marschner und Schumann bis zum Maass-\nund Formlosen und stellte endlich eine Theorie für die\nOper auf, welche auf die völlige Negation des Wesens\nund der Gesetze der dramatischen Tonkunst hinausläuft,\nda nicht mehr diese, sondere der Text und dessen wört-\nliche Uebersetzung in Noten die Aufgabe für den Gesang\nsein soll, wobei das Orchester die Hauptrolle zu spielen\nhat, und zwar so, dass symphonische Motive, nicht melo-\ndische, zur Charakteristik der auftretenden Personen an-\ngewandt werden!\nSollte das so fortgehen, so würde es nothwendig zu\ngänzlicher Auflösung der wahren dramatischen Musik füh-\nren. Und desshalb warnen wir in Frankreich davor! Selbst\nMeyerbeer hat sich im „Pardon de Ploermel\" nicht frei\n\nI *• i • • |\n*) Herold war allerdings in Frankreich geboren (zu Paris den\n28. Januar 1791, f den 19. Januar 1833), aber von deutschen El-\ntern. Sein Vater, Musiker und auf dem Ciavier Schüler von Phil.\nEm. Bach, war .1781 nach Paris gezogen. Wie ist es aber möglich,\ndass der Verfasser des Aufsatzes Nicolo Isouard und vor Allen\nBoieldieu nicht erwähnt, der doch wahrlich der genialste Reprä-\nsentant der französischen Schule ist? Und Auber??\nDie Redaction.\nn"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "92", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640319-01.1.4", "texte": "von der Strömung gehalten. Berlioz hat „Die Trojaner\"\nganz in dieser Richtung befangen geschrieben; Reyer hat\nin der „Statue\" nichts als Inslrumental-Colorit gegeben;\nGounod hat in der „Königin von Saba\" vergessen, dass\nes eine Oper sein sollte. Felicien David ist vielleicht allein\nwiewohl dramatischer Schwung ihm weniger eigen ist,\nals symphonischer —, trotz des Colorits, dem auch er hul-\ndigt, noch am meisten wahr und melodisch geblieben. (?)\nWir können desshalb unseren Componisten nur zuru-\nfen: Lasst uns jene gefährlichen Bande, die uns zu um-\nschlingen droben, zerreissen, lasst uns wagen, wieder wir\nselbst zu sein und uns dem traurigen Schwanken zu ent-\nziehen, das nur eine Zwittergattung erzeugt—denn darin\nliegt das geheime Uebel, welches an unserem National-\ngeiste nagt —; es ist Zeit, mit den Pasticcien und den Ab-\nklatschen ein Ende zu machen.\nVermeiden wir die Auswüchse der italiänischen Tri-\nvialität und der deutschen Kunst-Theorieen; wir brauchen\nMelodie und nochmals Melodie auf der Bühne, Melodie in\nvollen Strömen, fesselnde, ausdrucksvolle Melodie; ob geist-\nreiche oder leidenschaftliche, ist gleich. Denken wir an\nGluck und Mozart, an Gretry und Boieldieu, und lassen\nwir die Instrumental-Musik da, wohin sie gehört, und\nreissen wir uns von fremden Vorbildern los. Wenn die\nEingebung der Reflex der Seele ist, so bringt die Melodie\nHarmonie und Colorit mit.\n\nUeber musicalishce Kunst-Ausstellungen.\nWenn Deutschland bei den Ausländern in dem mu-\nsicalischen Rufe steht, dass wie wir noch kürzlich in\neinem französischen Blatte lasen bei uns jeder Bauer\nein Instrument spielt oder ein Lied singt, so wissen wir\nrecht gut, wie viel oder wie wenig daran wahr ist. Was\naber das Ausland und sogar wir Deutschen selbst von\neinem Stamme zum anderen, ja, von einer Provinz zur\nanderen, nicht oder wenigstens nur sehr unvollständig\nwissen, ist, dass es eine grosse Anzahl von Musikern in\nallen Gauen des Vaterlandes gibt, die nicht bloss spielen\nund singen, sondern musicalische Werke schaffen, von\ndenen gar manche mehr oder weniger natürliche Bega-\nbung verrathen, fast alle aber von Fachkenntnissen, Fleiss\nund einem gewissen Geschick in dem Handwerk der Com-\nposition Zeugniss geben. Eine Masse von Werken grösse-\nren Umfangs, von Ouvertüren, Sinfonieen, Quartetten,\nCantaten, Messen, Oratorien, Opern liegen in den Pulten\ndeutscher Tonkünstler von den gekrönten Dilettanten bis\nzu den Dorfschullehrern herab! Aber sie liegen eben da,\nstecken höchstens einmal ihren Kopf aus der Dachluke\nder Hütte, in der sie entstanden, heraus, werden von der\nOrtsgemeinde freundlich begrüsst, um wieder zurück zu\nkriechen und im Dunkel zu vergilben. Es geht ihnen\nnach Horaz wie den Helden vor Agamemnon und\nAchilles, sie starben unbekannt,\nweil sie keinen Homer fanden, und so wäre es dem Horaz\nvielleicht selbst ergangen, wenn er keinen Mäcenas gefun-\nden hätte. Aus der Flut aufzutauchen, fällt auch selbst\ndenjenigen Componisten schwer, deren Stellung sie mit\ngrösseren Kreisen in Berührung bringt; den anderen, die\nan irgend eine Scholle gebannt sind, ist es vollends bei-\nnahe unmöglich, über die Gränzen ihres engen Zwingers\nhinauszukommen. Wir haben freilich eine Menge von\nTheatern und Concert-Anstalten, jene durch die grossen\nund mehr noch durch die kleineren Fürsten unterstützt,\ndie von je her in unserem Vaterlande sich durch Kunst-\nliebe und Kunslförderung auszeichneten, diese durch das\nVereinswesen geschaffen und gehoben. Allein bei den In-\nstituten beider Art ist der Zutritt einem homo novus,\neinem Neuling ohne Namen, sehr erschwert, und es las-\nsen sich auch viele gute Gründe anführen, wesshalb das\nExperimentiren mit neuen Werken von den Directionen\nder Theater und Concerte gescheut wird. Wie dem ab-\nzuhelfen sei, dürfte schwer zu ermitteln sein. Vielleicht\nwäre es möglich durch Stiftung eines musicalischen Kunst-\nvereins, der sich ein ähnliches Ziel setzte, wie die Kunst-\nvereine für die plastischen Künste es durch öffentliche\nAusstellungen zu erreichen suchen. Dass die Ausschrei-\nbung von Preis-Compositionen eine sehr prekäre Form\nder Förderung der Tonkunst ist, hat sich längst offenbart;\nder gute Wille und der lobenswerthe Zweck allein ver-\nmögen nicht, derartigen Bestrebungen Erfolg zu geben.\nAber die Vermittlung zwischen den Componisten und dem\nPublicum in die Hände eines allgemeinen deutschen Musik-\nvereins, der sich über alle Theile des grossen Vaterlandes\nausdehnen müsste, zu legen, das dürfte vielleicht ein aus-\nführbarer Gedanke sein, dessen Verwirklichung gar man-\nche unbeachtete Production aus der Verborgenheit ans\nLicht bringen würde. Die Haupt-Aufgabe eines solchen\nVereins würde sein, fünf bis sechs Concert-Institute und\ndrei bis vier Bühnen in Deutschland Behufs eines Con-\ncertes oder einer Opern-Vorstellung jährlich aus seinen\nGeldmitteln so zu unterstützen, dass sie sich unter Garan-\ntie der Deckung eines Manco bei den Einnahmen durch\nden Verein zur Aufführung derjenigen neuen Werke ver-\npflichteten, welche ihnen von der Direction des Vereins\ndazu empfohlen würden. Dieser Modus würde für die\nProducte der Tonkunst das zu erreichen suchen, was die\nAusstellungen für die Werke der Malerei, Sculptur u. s. w.\nbereits leisten, er würde das Neue dem Publicum zugäng-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "93", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640319-01.1.5", "texte": "lieh machen. Ohne uns für jetzt ausführlicher über die\nOrganisation eines solchen Vereins auszusprechen, wollen\nwir nur noch die Vertheilung der vorgeschlagenen Aus-\nstellungen— hier Aufführungen auf mehrere musicali-\nsche Institute betonen. Die Centralisation der Sache an\nEinem Ort widerspräche sowohl dem Charakter der Deut-\nschen und den historisch gewordenen Zuständen unseres\nVaterlandes, als dem beabsichtigten Zwecke einer allge-\nmeineren Veröffentlichung.\n\\\nZu diesen Betrachtungen hat uns jetzt besonders wie-\nder die Anhörung einer Composition in Duisburg ge-\nführt, in der ehemaligen Universitätsstadt, jetzt Sitz einer\nreichen Gewerblhätigkeit und des rührigen Betriebes eini-\nger Handelszweige. Die Composition heisst:\n\nDie Martinswand.\nLyrisch-dramatisches Gesangstück für Soli, Chor und Orchester von\nA. Zur Nieden.\nDas Gedicht ist ebenfalls von Herrn Zur Nieden, der\nin Duisburg als Musiklebrer und Dirigent des Singvereins\nlebt und uns durch einige hübsche Kleinigkeiten für Cia-\nvier und durch Vocal-Compositionen bereits bekannt war.\nDie Dichtung ist freilich ein kühner Wurf; sie gruppirt\nmorgen- und abendländische, heidnische und christliche\nGeisterwelt um den deutschen König Maximilian und über-\nlässt es der Phantasie des Zuhörers, den Zusammenhang\nzu finden, denn die lyrischen Sprünge darin sind mehr als\npindarisch und die historischen Freiheiten mehr als shake-\nspearisch. Aber musicalisch ist der Text durchweg, und\ndas rechtfertigt—oder entschuldigt wenigstens den Mu-\nsiker, wenn er in der Zusammenstellung der für musicali-\nschen Ausdruck geeigneten Situationen nicht immer der\nlogischen Klarheit und der dramatischen Folgerichtigkeit,\ngeschweige denn der Geschichte ihr Recht widerfahren\nlässt.\nBellastra, die einst als Stern am Himmel glänzte,\nsehnte sich, der Erdenwelt Lust und Weh zu empfinden,\nund ein Dämon, der auch „Fürst der Finsternisse\" heisst,\nwillfahrt ihrem Begehr und versetzt sie als reizvolle Jung-\nfrau auf die Erde natürlich unter der Bedingung, die\nauch der Dichter bei allen Zuhörern als bekannt voraus-\nsetzt, dass sie nach Ablauf einer bestimmten Frist ihm an-\ngehöre. Mit Ablauf dieser Frist beginnt die Handlung im\nTexte. Bellastra hat erst bei Maximilian's Anblick die\nLiebe empfunden, wie sie sich im menschlichen Herzen\nregt, und sehnt sich nun nach Verlängerung ihres irdischen\nDaseins. Der Dämon gewährt ihren Wunsch, weil er\nMax dadurch zu umstricken hofft.\nDiese freilich höchst mangelhafte Exposition wird in\nRecitativen und einem Duett gegeben, welches im Ganzen\nund besonders in der Partie der Bellastra (Sopran) sich\nschon recht gut anhört. Wir sind in Venedig, und zwar\nzu der Zeit, als Max von den Venetianern geschlagen war.\nEs folgt nun eine Scene, die an Klarheit freilich sehr ge-\nwinnen würde, wenn bei der Aullührung zwei getrennte\nChöre, die Genossen des Königs und die feindlichen Ba-\nhamer, zur Verfügung ständen; ohne das ist sie schwer\nverständlich. Max naht zu Schiff während eines schönen\nChors seiner Gefährten: „Die Sonne sinkt, der Abend\nwinkt, Es wallt die Flut in Purpurgluth\". Maximilian s\nKlage über seine Niederlage sehliesst sich daran; sie wird\nunterbrochen von den Sieges- und Triumphgesängen der\nVenetianer. Den König erbittert ihr Hohn: doch plötzlich\nfühlt er sein Herz von Sehnsucht nach der Geliebten be-\nwegt; seine Begleiter theilen diese Stimmung: „Walle,\nwalle, Schifflein kühn Durch die blauen Wogen hin\"\nein lieblicher Schifferchor, den aber der wilde Gesang der\nSieger: „Trompeten und Harfen, auf, lasst sie ertönen!\"\nwieder unterbricht und übertönt. Der Componist hat aus\ndiesen drei Nummern, dem Chor der Feinde, dem Reci-\ntativ und Arioso des Königs und dem Schifferchor ein\nGanzes gemacht, welches voll von musicalisch-dramatischem\nLeben ist. Es ist aber zum Verständnisse der Scene und\nzur vollständigen musicalischen Wirkung durchaus not-\nwendig, dass die beiden Chöre abwechseln, was auch,\nwenn nicht zahlreiche Kräfte vorhanden sind, dadurch er-\nleichtert wird, dass der Chor der Gefährten des Königs\nschwächer besetzt sein kann, als der andere.\nWeniger hat uns der darauf folgende Gesang des\nGondelfahrers befriedigt: der Componist hat ihn in der\nneueren Art der mehr declamatorischen als rein melodi-\nschen Liedweise behandelt, während ein einfach strophi-\nscher Gesang, höchstens mit einem einzigen Wechsel der\nBewegung und des Bhythmus, mehr an der Stelle gewe-\nsen wäre.\nBellastra ruft die Geister herbei von allen Enden:\nsie schweben daher in einem charakteristischen Chorge-\nsange und verheissen ihr Beistand, den sie von ihnen\nheischt, um Max der Verzweiflung zu weihen.\nEs folgt eine grosse Scene für Max (Bariton), der in\neiner tief empfundenen Adagio-Melodie mit reizenden\nNachklängen und Begleitungen des Solo-V'ioloncells den\nHerrn um Errettung aus böser Macht anfleht. Im feurigen\nAllegro spricht er den Entschluss aus, sich aus den Zau-\nberbanden Bellastra's loszureissen, und dann wendet sich\nsein sehnend Herz nach der Braut in der Heimat Maria\nvon Burgund zurück. Der Historiker muss dabei ein\nAuge oder besser noch beide Augen zudrücken, aber der\nMusiker wird in diesem letzten Theile der Arie, ton der\nWendung zum Lyrischen an, den talentvollen Erfinder"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "94", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640319-01.1.6", "texte": "fliessender und ausdrucksvoller Melodie mit Vergnügen\nerkennen.\nDer Chor der finsteren Geister ruft Wehe über sie,\ndie der Tod ereilen solle, und zwar in einem Fugato.\nWenn auch der Weheruf der einzelnen Stimmen einer\nfugirten Behandlung nicht gerade widerspricht, so nimmt\nsich die Fuge in dem Complex des ganzen Werkes doch\nsonderbar aus und ihre Anwendung ist wohl nur als Con-\ncession des Componisten an den Gebrauch, die Theile der\nOratorien mit Fugen zu schliessen, zu betrachten. Der\nSchluss des Chors ist wieder schwung- und wirkungsvoll.\nSo weit die erste Abtheilung, welche aus zehn Num-\nmern besteht.\nDer zweite Theil versetzt uns nach Tyrol. In ihm ist\nbesserer Zusammenhang im Gedichte, auch die Diction\nhebt sich mehr. lieber die starke poetische Licenz, welche\ndie Maria von Burgund bis 1493 (wo das Abenteuer\nMaximilian's auf der Martinswand vorfiel) leben (sie starb\nschon 1482) und in Tyrol erscheinen lässt, muss man sich,\nwie schon gesagt, hinwegsetzen. Uebrigens könnte der\nVerfasser die zweite Gemahlin des Kaisers, Bianca Sforza,\nan die Stelle der Maria setzen, dann wäre wenigstens der\nAnachronismus vermieden und doch in der Musik keine\nAenderung nöthig. Was nun diese, die Musik, betrifft, so\nmüssen wir sie noch höher stellen, als die Composition\ndes ersten Theiles. Wenn wir im ersten Theile viel Talent\nerkannten, so offenbart der .zweite sowohl in den Solo- als\nChorgesängen und in dem Orchester häufig eine wirklich\ngeniale Begabung des Componisten, der hier ganz auf eige-\nnen Füssen steht und in dessen Arbeit wir wohl das Stu-\ndium der besten Meister, auch der neueren, z. B. Schü-\nmanns, erkennen, aber weder directe Reminiscenzen, noch\ngreifbare Nachahmung finden. Kürzungen möchten an\neinigen Stellen zu wünschen sein, doch dürften dieser nur\nhauptsächlich die Vorspiele, noch mehr die Zwischen- und\nNachspiele des Orchesters bedürfen, da diese mitunter\netwas zu gedehnt sind und uns gewisser Maassen, gegen\nden modernen Stil des Ganzen gehalten, etwas altmodisch\nerschienen. Die Chöre geben in diesem zweiten Theile\nauch mehr Veranlassung zu abwechselnder musicalischer\nCharakteristik, welche dem Componisten fast überall ge-\nlungen ist.\nEin frischer Chor von tyroler Landleuten eröffnet die\nScene und begrüsst freudig Maria von Burgund, die mit\nJagdgefolge erscheinend gedacht wird. Recitativ und Arie\n(Alt oder Mezzo-Sopran), in welchen sie den anbrechen-\nden Morgen begrüsst, ist ein ausserordentlich schönes Mu-\nsikstück, bei welchem auch das Vorspiel des Orchesters\nvor dem Eintritte des Adagio's ein recht poetisches Colorit\nhat und nicht zu denen gehört, die wir hinweg wünschen.\nDer letzte Theil der Arie, eine Erinnerung an den Auf-\nbruch Maximilian's zum Feldzuge, hat uns nicht in glei-\nchem Maasse angesprochen; die Anwendung des marsch-\nartigen Rhythmus und Tempo's scheinen uns durch die\nWorte: „Ich sah ihn zieh'n mit klingendem Spiel und flie-\ngender Fahne\", nicht gerechtfertigt, da die Stimmung des\nGanzen—eines lyrischen Ergusses der Sehnsucht nach der\nRückkehr des Geliebten dagegen streitet.\nDie folgenden sieben Nummern (Nr. 13\nein grossartiges Tongemälde, in welchem Max, um der\nZaubermacht der Bellastra und ihrer Elfen- und Nixen-\nschar zu entfliehen, auf die Höhe der Martinswand klimmt\nund von dem dämonischen Jubel der Höllengeister, als\nihrer Macht und dem Tode verfallen, umjauchzt wird. Der\nChor der Elfen: „Tanzt auf grünen, duft'gen Zweigen\",\ndann das Ensemble dieses Chors und der Solostimmen von\nMax und B.ellastra, der Chor Nr. IT und vor Allem der\nDämonen-Chor Nr. 19: „Auf, ihm nach wettert mit dem\nBlitz hervor donnergleich stürzt hervor aus dunkelm\nReich!\" sind sehr gelungene Musikstücke, namentlich\nmacht der letztgenannte Chor eine gewaltige Wirkung.\n—Ein Solo des Max führt zu ruhigerer Stimmung zurück,\nwelche bei dem sinkenden Tage ein Chor der heimkehren-\nden Hirten noch deutlicher ausdrückt.\nIn dem letzten Abschnitte (Nr. 22—27) erblickt Ma-\nria von Burgund und ihr Gefolge „ein Menschenleben fest-\ngebannt, mit dem Tode ringend auf hoher Wand\". Der\nPriester tritt auf: Chor und Gebet der Thalbewohner. Noch\neinmal erscheint Bellastra: aber Max bleibt stark durch\nGebet gegen ihre Versuchung. Das Duett ist nicht übel,\nobwohl es nicht zu den hervorragenden Nummern gehört;\ndas lange Vorspiel ist hier geradezu störend. Der Fürst\nder Hölle erscheint, die Zeit für Bellastra ist um, sie ist\nihm verfallen ein Duett zwischen Bass und Sopran, wel-\nches den Stempel des Genie's trägt und einen erschüttern-\nden Eindruck macht. Bellastra wendet sich im Schmerz der\nVerzweiflung zum innigen Gebete, ein Chor der Engel\n(Frauenstimmen) verkündet ihr die himmlische Gnade,\nwelche sie wieder zu den Sternen erhebt. Die Felsen-\nwand erglüht von überirdischem Lichte, Max ist gerettet\nund zwischen den Schluss-Chor ziehen sich die Melodieen\nvon Maria und Max im glücklichen Ausdruck ihrer Ver-\neinigung. .\nDies ist der Eindruck, den wir von diesem Werke\ndurch eine im Grunde sehr mangelhafte Aufführung, na-\nmentlich was den orchestralen Theil derselben betrifft,\nempfangen haben. Der Chor war übrigens recht gut ein-\ngeübt, auch der Stimmenklang frisch, aber freilich nicht\nmächtig genug. Die Solo-Partie der Bellastra wurde von\nFrau V. aus Mülheim vortrefflich, die Maria von Fräulein"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "95", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640319-01.1.7", "texte": "K. aus Ruhrort mit hübscher Mezzosopran-Stimme, der\nMaximilian von Herrn Scholl recht brav gesungen.\nDas ist alles ganz gut: aber wie nun weiter? Soll ein\nsolches Werk nun nicht über die Gränzen der kleinen\nStadt, wo es entstanden, hinauskommen? Soll es im Koh-\nlenbecken der Ruhr stecken bleiben? Wir denken je-\ndoch, dass es dem Werke Zur Nieden's, wenn er es noch\neiner strengen Revision unterworfen haben wird, gewiss\nnicht an einem Verleger fehlen wird. Wir können es an-\ngelegentlich empfehlen. Prof. L. Bischoff.\n\nAus Bonn.\nH.\nDen 13. März ]864.\nDie am Donnerstag den 10. März Statt gefundene\nAufführung des Oratoriums „Samson\" von Händel be-\nschloss auf würdige Weise die Reihe unserer Abonnements-\nConcerte. Es war dies die sechste grosse Oratorien-Auf-\nführung, die wir während des ersten Trienniums unseres\nverehrten Musik-Directors Brambach gehabt, nachdem\nder „Messias\" von Händel, die „Schöpfung\" und die „Jah-\nreszeiten\" von Haydn, der „Paulus\" von Mendelssohn und\ndie „Zerstörung Jerusalems\" von F. Hiller vorausgegan-\ngen waren.\nDer Chor, im Anfange etwas ängstlich, entwickelte\nnach und nach Kraft und sang mit grosser Präcision und\nBegeisterung. Auszuzeichnen waren der Schluss-Chor des\nersten Theiles: „Zum glanzerfüllten Sternenzelt\", Chor der\nIsraeliten: „Hör', Jakob'sGott!\",der Doppelchor des zwei-\nten Theiles: „Ehret auf seinem ew'gen Thron\", dann der\nChor der Philister im dritten Theile: „Hör' mich, o Gott!\",\nChor der Israeliten: „Ihr Söhne Israels, klaget nun\", und\nder Schluss-Chor des ganzen Werkes: „Laut schalle un-\nserer Stimmen voller Chor\".\nDie Soli sangen Fräulein Rothenberger aus Köln\n(Dalila), Fräulein Schreck aus Bonn (Micah), Herr Pütz\naus Köln (Samson), Herr Bergstein aus Köln (Manoah).\nFräulein Rothenberger sang ihre Partie recht gut, beson-\nders auch die Einlage oder vielmehr die Wiederaufnahme\nder Arie mit Violin-Solo im zweiten Theile. In der Arie:\n„Gott Dagon hat den Feind besiegt\", hätte vielleicht etwas\nmehr Feuer vorwalten können. Fräulein Schreck war über-\nall vortrefflich und erhielt den ersten Applaus. Diese Par-\ntie, besonders die Arie: „Erhör' mein Fleh'n\", und die\nArie mit Chor: „Ihr Söhne Israels, klaget!\" gehören zu\nden besten und dankbarsten der berühmten Sängerin. Herr\nPütz, obwohl etwas unpässlich und erst in den letzten Ta-\ngen zu freundlicher Uebernahme der Partie entschlossen,\nsang dieselbe, unterstützt von seiner musicalischen Durch-\nBildung, sehr brav. Das Duett zwischen Dalila und Sam-\nson im zweiten Theile war eine Meisterleistung, eben so\ndieSchluss-Arie des Samson: „Herrlich erscheint im Mor-\ngenduft'', welche durch wohlverdienten Beifall ausgezeich-\nnet wurde. Die kleinen Verzierungen trug er reizend vor.\nHerr Bergstein sang seinen Manoah im Ganzen gut, doch\nschien namentlich im dritten Theile die Begeisterung zu\nfehlen.\nDas Orchester that seine Schuldigkeit. Dürften wir\ngegen den Dirigenten einen Wunsch äussern, so wäre es\nder, den Trauermarsch noch mässiger im Tempo genom-\nmen zu sehen, wodurch er jedenfalls gewinnen würde.\nWerfen wir zum Schlüsse einen Rückblick auf die ab-\ngelaufene Concert-Saison, so müssen wir dieselbe als eine\ngenussreiche und durch viele treffliche Leistungen ausge-\nzeichnete bezeichnen.\nVon grösseren nnd kleineren Vocalwerken hörten wir\ndie „Schöpfung\" von Haydn (Soli: Fräulein Büschgens,\nHerr Göbbels und Herr Hill); „Samson\" von Händel (Soli,\nwie oben); „Der Herr ist mein Hirt\" (Psalm XXIII.) von\nW. Bargiel; Hymne, componirt zur Krönungsfeier Georg's\n11. im Jahre 1727 von Händel; in von Beet-\nhoven (Soli vorgetragen von Dilettanten); Ave verum von\nMozart; Meeresstille und glückliche Fahrt von Beethoven;\n„Verleih' uns Frieden\" von F. Mendelssohn; Chöre aus\nder Oper Idomeneo von Mozart. Von Orchestersachen:\nSinfonie in C-dur von Schubert; Sinfonie in C-moll von\nBeethoven; Ouvertüre, Scherzo und Finale (Op. 52) von\nSchumann; Musik zum Sommernachtstraum von Mendels-\nsohn; Ouvertüre zum „Wasserträger\" von Cherubini, zu\n„Idomeneo\" von Mozart, zu Leonore (Nr. 3) von Beetho-\nven, zur „Zauberflöte\" von Mozart.\nAls Solospieler traten auf: Herr Concerlmeister L.\nStrauss aus Frankfurt (Concert von Mendelssohn und Bo-\nmanze von Beethoven); Herr Brinkmann aus Frankfurt\n(Concert für Violoncello von Molique nnd Phantasie von\nServais); Herr Isidor Seiss aus Köln (Bomanze und\nIlondo aus dem von Chopin und Variatio-\nnen \\C -mott]von Beethoven). Fräulein Rothenberger\nsang ausser im „Samson\" noch im fünften Concerte Reci-\ntativ und Arie aus der Oper Figaro's Hochzeit von Mozart,\nRecitativ und Arie der Electra aus der Oper Idomeneo\nvon Mozart.\nNach alledem haben wir die grösste Ursache, allen\nMitwirkenden und dem hochgeschätzten Dirigenten, Herrn\nBrambach, unseren besten Dank auszusprechen."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "96", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640319-01.1.8", "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKolli. Sonntag den 13. März gab der hiesige „Sänger-\nbund\" seine diesjährige erste Liedertafel im kleinen Gürzenichsaale.\nDie Versammlung war sehr zahlreich und von heiterer, geselliger\nStimmung bewegt. Die Gesänge waren gut gewählt und wurden un-\nter der geschickten und sicheren Leitung des Herrn Bitter gut\ngesungen. Am meisten von den ernsteren Stücken machten die Vor-\nträge von Gade's Gondelfahrt, „Es geht bei gedämpfter Trommel\nKlang\" von Silcher und „Der frohe Wandersmann\" von Mendels-\nsohn Eindruck; das Silcher'sche Lied wurde ganz vortrefflich gesun-\ngen und musste wiederholt werden. Dieselbe Ehre widerfuhr und\nmit Recht einem köstlichen humoristischen: „Im Regen geh'n wir\nnicht nach Haus\", von H. Bönike, das besonders frisch und resolut\nvorgetragen wurde. Sehr schön war auch der Vortrag eines Solo-\nQuartetts von Billeter, in welchem uns besonders die klangvolle\nBaritonstimme des Herrn B. erfreute, die in der Composition vor-\nherrschend ist. Zwischen den Gesängen trug Herr Musik-Director\nTausch aus Düsseldorf Beethoven's 32 Variationen, ein Impromptu\nund ein Notturno von Chopin auf dem Pianoforte mit Applaus vor.\nSpäterhin wurden denn auch noch einige Humoristica zum Besten\ngegeben; doch gestehen wir frei, dass wir es gern sahen, dass nicht\ndieses Genre, sondern das wirklich künstlerische Element dem ge-\nnussreichen Abende seinen Haupt-Charakter gab. Der Verein hat\noffenbar grosse Fortschritte gemacht.\nDie fünfte Soiree für Kammermusik am Dinstag den\n15. März brachte eines der einfachsten, aber stets lieblichen Quar-\ntette von Haydn und das prächtige Quintett in C-dur, Op. 29, von\nBeethoven. Beide wurden vortrefflich ausgeführt (I. Violine Herr\nJapha) und besonders das Quintett erregte bei jedem Satze einen\nSturm von Applaus. Dazwischen spielte Herr Breunung, den wir\nlange nicht gehört hatten und dessen Erscheinen auf der Tonbühne\ndaher um so erfreulicher war, das Quartett Op. 47 in Es-dur von\nSchumann für Pianoforte, Violine, Viola und Violoncell mit aus-\ngezeichneter Durchführung seiner Partie und eben so trefflichem\nEingreifen seiner Mitspieler in das Ganze der Composition, deren\nerster Satz durch Pracht und Feuer nicht nur imponirt, sondern\nauch fesselt. Auch das Scherzo ist durch seine Originalität sehr an-\nsprechend. Für die rhythmischen Studien und Synkopen des Adagio\nfehlt uns nicht das Verständniss, aber das Gefühl, welches in uns\nnun einmal seine natürliche Richtung auf das melodisch Schöne\nnicht verläugnen kann und will. Auch das Finale ist mehr für den\nVerstand, als für Herz und Phantasie geschrieben; Vielleicht ruft\ndie Redaction der leipziger Allgemeinen Musik-Zeitung, wenn sie\ndies lesen sollte, wieder einmal aus: „Armer Schumann !\" worauf\nwir nichts antworten können, als: „Arme Redaction!\"\nMärz. Vor einigen Tagen gab Herr Lan-\ngenbach, Director der Küpper'sohen Capelle, sein Benefiz-Concert,\nin welchem er Beethoven's Violin-Concert und Introduction und\nRondo aus dem E-dur-Concert von Vieuxtemps mit grossem Bei-\nfalle spielte. Unter den übrigen Stücken dt s Abends machte eine\nComposition von J. A. van Eyken: „Rudi\", ein Melodrama mit\nOrchester, eine ergreifende Wirkung, wozu die vortreffliche Decla-\nmation der Frau Langenbach das Ihrige in vollem Maasse beitrug.\nStuttgart« Herrn Grunert's monatlange Entfremdung von\nder Bühne unter wechselnden officiellen Titeln, von der gele-\ngentlich der stets „bevorstehenden\" Aufführung von Fischer's Tra-\ngödie „Friedrich II.\" öfters Erwähnung geschehen, hatte bereits zu\nsehr auffallenden Bulletins Anlass gegeben, die mit merkwürdiger\nSicherheit verbreitet wurden. Nunmehr scheint die einfache und\ndoch unerwartete Aufklärung in der Nachricht gegeben, dass Herr\nGrunert Theater-Director in Leipzig geworden ist. Vor einigen Ta-\ngen hat der dortige Stadtrath unter zwölf Bewerbern um die neue\nsechsjährige Pacht des Stadttheaters für Herrn Dr. Grunert, als ge-\nborenen Leipziger, entschieden, und seitdem ist derselbe nicht mehr\nals erkrankt, sondern aufs Neue als beurlaubt hier aufgeführt. Die-\nser Urlaub soll vorerst 14 Tage dauern, nach deren Ablauf wir\ndenn das Fischer'sche Stück zu erwarten haben.\nWrien« Der Pianist J. Derffel gab* am 12. d. Mts., Abends\n8 Uhr, ein Concert im Musikvereins-Saale, unter Mitwirkung der\nHerren Hellmesberger, Rover und Walter. Der Concertgeber spielte\nStücke von Bach, Beethoven, Chopin und eigener Composition."}]}