{"numero_id": "bm-bmtnabi-1864-03-26-01", "volume": "bmtnabi_1864-03-26_01", "ocr_sha256": "4094cdf4e56764d0e22ccc2a34f42295a478d5152d3b85bc08060efd3220c0e0", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1864/03/26_01/bmtnabi_1864-03-26_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640326-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1864-03-26-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1864-03-26_01#c001", "volume": "bmtnabi_1864-03-26_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "97", "page_fin": "97", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640326-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "97", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640326-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 436, "texte": "Inhalt.\nBeethoven und die Ausgaben seiner Werke (Gesammt-Ausgabe von Breitkopf und Härtel in Leipzig). \\on L. I>. Die\nMusik und das Publicum (Vortrag von Ferdinand Hiller in Köln). Neuntes Gesellschafts-Concert in Köln im Gürzenich. Tages-\nund Unter h a 11 ungsb 1 at t (Köln, Opern-Aufführung von Dilettanten in Crefeld Mannheim, Musicalische Akademie, Benefiz-Concert\nStuttgart, Jahresbericht des Vereins für classische Kirchenmusik)."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1864-03-26-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1864-03-26_01#c002", "volume": "bmtnabi_1864-03-26_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "97", "page_fin": "101", "image_debut": 1, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640326-01.2.2", "titre_corps": "Beethoven und die Ausgaben seiner Werke.", "titre_sommaire": "Beethoven und die Ausgaben seiner Werke.", "signature_source": "L. B", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "97", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640326-01.1.1", "debut_caractere": 438, "fin_caractere_exclue": 4286, "texte": "Beethoven und die Ausgaben seiner Werke.\n\nEin Aufsatz von Otto Jahn über die Ausgaben der\nsämmtlichen Werke Beethoven's, mit besonderer Rück-\nsicht auf die neueste vollständige, von Breitkopf und\nHärtel in Leipzig veranstaltete, ist in einem „Separat-\nAbdruck\" aus den „Grenzboten\" (Leipzig, 1864, Verlag\nvon F. L. Herbig, 41 S. Gr. 8.) erschienen und verdient\nmit vollem Rechte allgemeinere Verbreitung, nicht bloss\nwegen der Rechenschaft, welche darin nach authentischen\nMittheilungen über die Art der Ausführung, den Stand\nund Fortgang des grossen Unternehmens gegeben wird,\nsondern auch weil er eine Menge von trefflichen Bemer-\nkungen über die musicalische Literatur überhaupt, nament-\nlich über die kritische Feststellung des Textes der Werke\nverstorbener Meister, insbesondere Beethoven's, enthält.\nDie einleitenden Bemerkungen über den Musicalien-\nhandel und das Verhältniss des Publicurns zu ihm berüh-\nren zunächst die eigenthümlichen Uebelstände des Ver-\nschweigens der Zeit des Erscheinens auf dem Titel und\ndes hohen Ladenpreises. Die Entschuldigung des letzteren\ndurch die Verhältnisse scheint uns nicht stichhaltig; wenn\nes notorisch ist, dass der Verleger ein Geschäft macht,\nwenn er seine Waare mit 50 Procent Rabatt verkauft, so\nbilden diese Procente eine ganz unverhältnissmässige Be-\nsteuerung des kaufenden Publicurns allein zu Gunsten der\nZwischenhändler, deren Nutzen oder gar Nothwendigkeit\nfür die Verbreitung der Waare wir nicht einzusehen ver-\nmögen. Freilich betrachtet sie auch 0. Jahn nur als einen\nnicht wohl zu beseitigenden Missbrauch. Wir aber glau-\nben, dass der Absatz von Musicalien durch Aufrichtig-\nkeit der Preis-Angabe ganz ungeheuer gefördert werden\nwürde. <\nNach einem historischen Rückblicke auf frühere Ver-\nsuche zur Veröffentlichung von Gesammtwerken, z. B. der\nWerke Mozart's und Haydn's durch Breitkopf und Härtel\nund der gegenwärtigen Bestrebungen der Bach- und Ilän-\ndel-Gesellschaften, verbreitet sich der Aufsatz über den\ngrossen Unterschied des neuen Verlags-Unternehmens einer\nGesammt-Ausgabe Beethoven s von den genannten Aus-\ngaben Bach's und Händel's, denn dieses Unternehmen tritt\nohne irgend eine ausserordentliche Unterstützung Ange-\nsichts einer ungeheuren Concurrenz und der bereits that-\nsächlichen, alle bisherigen Erfahrungen hinter sich lassen-\nden Verbreitung der Beelhoven'schen Werke ins Leben.\n„Man vergegenwärtige sich nur, dass Beethoven's\nWerke in den Händen des Publicurns sind was noch\nungedruckt ist, legt kein bedeutendes Gewicht mehr in\ndie Wagschale—, dass diejenigen Compositionen, welche\ndie Masse beschäftigen, in zahlreichen Ausgaben, welche\nbillige und unbillige Ansprüche befriedigen, überall ver-\nbreitet werden; und jetzt erscheint eine Gesammt-Aus-\ngabe, welche Alles vereinigt, grosse und kleine Werke,\nbeliebte und verschollene, dankbare und undankbare, nach\nden strengsten Anforderungen wissenschaftlicher Kritik\nredigirt, äusserlieh glänzend ausgestattet, unter Bedingun-\ngen, welche eine weitgreifende Betheiligung des musicali-\nschen Publicurns voraussetzen und möglich machen. Eine\nThatsache wird dadurch zunächst festgestellt, dass gegen-\nwärtig Beethoven weit vor allen übrigen Comporiisten die\nTheilnahme des gesammten musicalischen Publicurns in\nAnspruch nimmt und desshalb auch den musicalischen\nMarkt beherrscht. Es mag schwer sein, über Vertrieb und\nVerbreitung der musicalischen Productionen genaue und\nzuverlässige statistische Nachrichten zu erlangen; das steht\nüber allem Zweifel fest, dass kein Componist, weder ein\nclassischer noch ein modischer, auch nur von Weitem mit\nBeethoven in Vergleich gestellt werden kann, wenn es\nsich um die fortwährend massenhaft gesteigerte Verbrei-\ntung der Werke handelt. Ja, es wird versichert, dass,\nwenn man der Gesammtheit der Beelhoven'schen Compo-\nsitionen, welche in einem Jahre durch den Musikhandel"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "98", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640326-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5481, "texte": "vertrieben werden, alle übrigen Musicalien, welche im sel-\nben Jahre verkauft werden, zusammengefasst gegenüber-\nstellen wollte, die Wage vielleicht schwanken, der einzige\nBeethoven aber allen übrigen jedenfalls das Gegengewicht\nhalten würde. Begreiflicher Weise sind es die Compositio-\nnen und Arrangements für Ciavier, welche hierbei den\nAusschlag geben, von denen einzelne in unglaublicher An-\nzahl verbreitet werden; dass aber diese souveraine Herr-\nschaft über das musicalische Publicum aller Schichten und\nBekenntnisse nicht eine vorübergehende Modelaune des\nDilettantismus, sondern ein erfreulicher Beweis dafür ist,\nwie tief und wie allgemein schon Empfindung und Interesse\nfür echte und hohe Kunst unter uns verbreitet ist, dafür\nlegt auch die neue Gesammt-Ausgabe ein Zeugniss ab.\nGewiss, es ist eine bemerkenswerthe und ungemein be-\nfriedigende Erscheinung, wenn ein grosser Künstler so all-\ngemeine Verehrung geniesst, wenn seine Werke so un-\nmittelbar lebendig wirken, dass eine mit Einsicht und Ernst\nunternommene, nach allen Seiten tüchtig und würdig aus-\ngeführte Gesammt-Ausgabe vom Publicum freudig aufge-\nnommen und unterstützt wird. Denn die Schwierigkeiten,\nwelche sich von allen Seiten her einem solchen Unterneh-\nmen entgegenstellen, sind so gross und mannigfaltig, dass\nnur eine allgemeine und nachhaltige Betheiligung des Pu-\nblicums Muth und Kraft geben kann, sie zu überwinden\nund das Werk zu vollenden.\"\nWas 0. Jahn darauf über die Hoffnungen und Be-\nfürchtungen sagt, welche in Betracht gekommen sein\nwürden, wenn Beethoven selbst, wie er wiederholt vor\nhatte, eine Ausgabe seiner sämmtlichen Werke veranstal-\ntet hätte, stimmt vollständig mit der Ueberzeugung über-\nein, die wir uns über diesen Punkt längst gebildet haben,\nzumal wenn von vielen Seiten—auch von Schindler selbst\ndas Bedauern ausgesprochen wurde, dass wir durch\ndie Nichtausführung jenes Vorhabens um die Lösung so\nmancher Bäthsel in dem so genannten „Inhalt\" der Musik\ndes Meisters gekommen wären! Wir wollen uns nicht\nenthalten, die ganze Stelle, welche die einzig richtige An-\nsicht über dergleichen Deutungen kurz und bündig, aber,\nwie immer bei Jahn, klar und schlagend ausspricht, hieher\nzu setzen, und können uns nur freuen, dass aus solcher\nFeder die Bestätigung der Grundsätze fliesst, welche wir\nin diesen Blättern stets vertreten haben.\n„Beethoven\" heisst es S. 14 „hatte noch einen\nanderen Vorsatz rücksichtlich der Gesammt-Ausgabe, des-\nsen Vereitlung man zu bedauern geneigt sein könnte. Er\nbeabsichtigte nämlich, wie Schindler ebenfalls berichtet,\ndurch Ueberschriften und kurze Andeutungen die „ „poeti-\nsche Idee\"\" verschiedener Compositionen zu bezeichnen,\num dadurch richtiges Verständniss und Vortrag derselben\nzu erleichtern. Er klagte wohl, wenn er um Sinn und Be-\ndeutung ausdrucksvoller Compositionen befragt wurde, die\nZeit, in welcher er die meisten Sonaten geschrieben, sei\npoetischer gewesen, als die spätere, vermuthlich weil man\nsich der Musik einfach hingab, von dem musicalischen\nEindruck befriedigt, die dadurch angeregten Empfindungen\nim Gemüthe verklingen liess und kein Bedürfniss fand,\nnach Gedanken und Ideen zu fragen, welche von einer\nganz anderen Seite her als der musicalischen den Gegen-\nstand des Interesses präcisiren sollten. „ „Jedermann\"\",\nbeschwerte er sich, „ „fühlte aus dem Largo der Sonaten\nin D-dur (Op. 10) den darin geschilderten Seelenzustand\neines Melancholischen heraus mit allen den verschiedenen\nNuancen von Licht und Schatten im Bilde der Melancho-\nlie.\" \" Das wird gewiss auch später, wie jetzt und künftig,\njeder Musicalische von Gefühl heraushören; aber damit\nbegnügten sich eben die Fragenden nicht, ihr Vorwitz\nwollte auch erfahren, welches die individuelle, persönliche\nVeranlassung zu solcher Stimmung gewesen sei, wo mög-\nlich im Componisten selbst, den man gar zu gern mit dem\nKunstwerke identificirt. Und wenn er auf solche Frage\nRede steht, wird sie uns wirklich fördern? Als Beethoven\neinmal in guter Stimmung war, bat ihn Schindler um den\nSchlüssel zu den Sonaten in D-(Op. 31,2) und\n(Op. 57), und er erwiederte: „„Lesen Sie nur Shake-\nspeare's Sturm.\"\" Offenbar war Schindler einiger\nMaassen desappointirt, denn er fährt fort: „ „Dort also soll\ner zu finden sein; aber an welcher Stelle? Frager, lese,\nrathe und erralhe!\"\" Vermuthlich wird der Frager von\nseiner Lecture die sichere Ueberzeugung mitbringen, dass\nShakespeare's Sturm auf ihn anders wirke, als auf Beet-\nhoven, und keine D-moll- und F-moll-Sonaten in ihm er-\nzeuge. Dass gerade dieses Drama Beethoven zu solchen\nSchöpfungen anregen konnte, ist freilich nicht ohne In-\nteresse zu erfahren; aus dem Shakespeare das Verständniss\nderselben herholen wollen, hiesse nur die Unfähigkeit der\nmusicalischen Auffassung bezeugen. Auch wenn Beethoven\neinmal genauer citirt, wird das Verständniss dadurch nicht\ngefördert. Sein vertrauter Freund Amerda erzählte, dass\nBeethoven ihm gesagt habe, bei dem Adagio im F-dur-\nQuartett (Op. 18, 1) habe ihm die Grabesscene aus\nRomeo und Julie vorgeschwebt; wer nun etwa diese in\nseinem Shakespeare aufmerksam nachliest und dann beim\nAnhören des Adagio sich zu vergegenwärtigen sucht, wird\nder sich den wahren Genuss des Musikstückes erhöhen\noder stören? Nach Czerny's von Anderen bestätigtem Be-\nrichte hatte Beethoven gesagt, das Adagio des E-moll-\nQuartetts (Op. 59, 2) sei ihm beim Anblick des gestirnten\nHimmels aufgegangen; man will wissen, dass ihm, nach-\ndem er lange im Freien im Finstern gesessen, von allen"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "99", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640326-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5315, "texte": "Seiten aufglitzernde Lichter das Motiv zum Scherzo der\nD-moll-Sinfonie, ein vorübergaloppirender Reiter das The-\nma zum letzten Satze der Sonate in D-nioll (Op. 31, 2),\ndas ungeduldige Klopfen eines in später Nacht vergeblich\nEinlass Begehrenden das Motiv im ersten Satze des Violin-\nConcertes eingegeben habe. Möglich, dass ein prägnanter\nsinnlicher Eindruck im günstigen Momente blitzartig ein\ncharakteristisches Motiv hervorrief, möglich auch, dass der\nEindruck im Gedächtnisse des Künstlers haftete; aber mit\nder künstlerischen Entwicklung dieses Keims, mit der schö-\npferischen Organisation des Kunstwerkes bat diese äusser-\nliche Anregung nichts mehr zu thun, die Thätigkeit des\nKünstlers bewegt sich in ganz anderen Regionen, und wer\nda glaubt, von dem zufälligen äusseren Anlasse aus lasse\nsich das Kunstwerk construiren, der hat keine Ahnung\nvom künstlerischen Schaffen. Sollte z. B. Jemand auf den\nEinfall kommen, den ersten Satz des VioJon-Concertes nach\nseiner psychologischen Entwicklung und äusserlichen Glie-\nderung aus jener Situation des nächtlichen Klopfers abzu-\nleiten und zu erklären, so möge man ihn in Gottes Namen\nklopfen lassen: die Thür des rechten Verständnisses wird\nihm nicht aufgethan werden.\n„Ueberschriften und Notizen, auch authentische, von\nBeethoven selbst herrührende, würden das Eindringen in\nSinn und Bedeutung des Kunstwerkes nicht wesentlich ge-\nfördert haben das darf man sagen, ohne dem Interesse\nzu nahe zu treten, welches sie durch manche persönliche\nAufklärung gehabt hätten; es ist vielmehr zu fürchten, dass\nsie eben sowohl Missverständnisse und Verkehrtheiten her-\nvorrufen würden, wie die, welche Beethoven veröffentlicht\nhat. Die schöne Sonate in Es-du(Op. 81) trägt bekannt-\nlich d ie Ueberschriften: Les adieux, l'absence, le retour,\nund wird daher als zuverlässiges Beispiel von Programm-\nMusik mit Sicherheit interpretirt. „ „Dass es Momente aus\ndem Leben eines liebenden Paares sind, setzt man schon\nvoraus,\"\" sagt Marx, der es dahingestellt sein lässt, ob\ndie Liebenden verheirathet sind oder nicht „ „aber die\nComposition bringt auch den Beweis.\"\" „ „Die Lieben-\nden öffnen ihre Arme, wie Zugvögel ihre Flügel\"\", sagt\nLenz vom Schlüsse der Sonate. Nun hat Beethoven auf das\nOriginal der ersten Abtheilung geschrieben:\n„Das Lebewohl bei der A breise Sr. Kaiserl.\nHoheit des Erzherzogs Rudolf, den 4. Mai 1809,\n„und auf den Titel der zweiten:\n„Die Ankunft Sr. Kaiserl. Hoheit des Erz-\nherzogs Rudolf, den 30. Januar 1810.\n„Man begreift, dass er auch bei der Veröffentlichung\ndieser Ergüsse einer höchst persönlichen Stimmung das\nAndenken an die Veranlassung erhalten wollte, ohne sei-\nnen kaiserlichen Freund zu bezeichnen. Aber wie würde\ner protestirt haben, dass er dem Erzherzoge gegenüber\ndiese „ „in schmeichelndem Kosen beseligter Lust\"\" llügel-\nschlagende Sie vorstellen sollte. Man sieht, hier ist Veran-\nlassung und Situation von Beethoven selbst angegeben,\naber im Tone muss der Meister sich vergriffen haben oder\nseine Interpreten.\n„Beethoven hatte sich, wie wir wissen, über seine\nAusleger oft und lebhaft beklagt, und er hatte Ursache\ndazu. Gewiss wäre er mit Mendelssohn ganz einverstanden\ngewesen, der an Souchay schreibt: „„Das, was mir eine\nMusik ausspricht, die ich liebe, sind mir nicht zu unbe-\nstimmte Gedanken, um sie in Worten zu fassen, son-\ndern zu bestimmte. Fragen Sie mich, was ich mir\ndabei gedacht habe, so sage ich: gerade das Lied, wie es\nda steht. Und habe ich bei dem einen oder anderen ein\nbestimmtes Wort oder bestimmte Worte im Sinne gehabt,\nso mag ich die doch keinem Menschen aussprechen, weil\ndas Wort dem Einen nicht heisst, was es dem Anderen\nheisst, weil nur das Lied dem Einen dasselbe sagen, das-\nselbe Gefühl in ihm erwecken kann, wie im Anderen\nein Gefühl, das sich aber nicht durch dieselben Worte aus-\ndrücken lässt.\"u —Darum können wir zufrieden sein, dass\nauch Beethoven seine Worte nicht ausgesprochen hat, die\nnur zu Viele zu dem Irrthum verleitet haben würden, wer\ndie Ueberschrift verstehe, der verstehe auch das Kunst-\nwerk. Seine Musik sagt alles, was er sagen wollte, sie ist\nund bleibt der lautere Quell, aus dem jeder schöpfen kann,\nder empfänglich ist.\"\nHiernach verbreitet sich die Schrift über die Berech-\ntigung und Vollständigkeit der neuen Ausgabe (260\nNummern in 24 Serien), über das Verhältnis» der noch\nungedruckten Compositionon Beethoven s zu den bereits\ngedruckten, über die Arrangements, an denen er sich\nzum Theil selbst betheiligt hat, endlich am ausführlichsten\nüber die Kritik, welche die Echtheit des musicalischen\nTextes verbürgt. Alles das ist sehr lesenswerlh, gibt eine\ndeutliche Einsicht in die Schwierigkeit und den Werth des\nUnternehmens und kann nicht verfehlen, demselben nicht\nnur die verdiente Anerkennung, sondern auch die thälige\nFörderung durch zahlreiche Käufer immer mehr zu ver-\nschaffen.\nVortrefflich ist namentlich, was über die Aufgabe der\nKritik sowohl im Allgemeinen, als im besonderen Bezüge\nauf Beethoven's Werke gesagt ist. Für diese haben Jul.\nRietz die grossen Instrumental- und Vocal-Compositionen,\nDavid die Kammermusik, Reinecke die Ciavierwerke,\nRichter, Bagge und Franz Espagne die Lieder\nübernommen. Dass (nach S. 32) in dem Scherzo der\nfünften Sinfonie die zwei unberechtigten Tacte in der\nneuen Partitur-Ausgabe weggelassen sind, war endlich an\n\nn"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "100", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640326-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5390, "texte": "der Zeit. Schon im Jahre 1847 machten wir auf Mendels-\nsohn's Veranlassung, um der von ihm entdeckten Wahr-\nheit weitere Verbreitung zu geben, in der Kölnischen\nZeitung darauf aufmerksam, erörterten dann im zweiten\nJahrgange der Rheinischen Musik-Zeitung, S. 777, die-\nselbe Sache ausführlich mit Beleuchtung und Abfertigung\nder so genannten inneren Gründe für die Beibehaltung:\nt-rotz alledem verschwanden die beiden Tacte noch lange\nnicht überall und werden bis heute vom pariser Con-\nservatoire -Orchester noch immer mitgespielt! Es\nist unglaublich, was für seltsame Zuschriften von Musi-\nkern wir damals erhielten, auch Schindler schrieb uns un-\nter Anderem: „Dass Sie so nachdrücklich auf der Unecht-\nheit der zwei Tacte bestehen, kann ich, aufrichtig gesagt,\nnicht billigen\", und er konnte sich nicht enthalten, noch in\nder dritten Aullage seiner Beethoven-Biographie, die doch\nerst 1860 erschien, noch einmal eine Lanze für den\n„Bock\", wie Beethoven selbst den Fehler bezeichnet hatte,\neinzulegen! Jetzt haben denn sogar die Orchesterstim-\nmen, nach denen unter Beethoven's Leitung die Sinfonie\ngespielt worden, die Echtheit des „Bocks\" (nicht des Hu-\nmors!) bestätigt, da in ihnen die zwei fraglichen Tacte gar\nnicht stehen, wie wir aus S. 32 des Schriftchens von Jahn\nerfahren. Aber das hilft alles nichts, denn „Beethoven\nhat späterhin den Bock liebgewonnen!!\" Ei nun,\nvViele der Eichelnesser ja gibt's im arkadischen Lande!\"\nWie es mit der Ausmerzung der Tactpause im er-\nsten Allegro derselben fünften Sinfonie (worauf wir im\n2. Jahrg. d. Rhein. Musik-Ztg. 1852, S. 780, ebenfalls\ngedrungen) in der neuen Ausgabe steht, wissen wir nicht,\nda uns die Partitur noch nicht zu Gesicht gekommen ist.\nFerner berichtet Jahn (S. 32), dass die Musik zu\nGoethe's Egmont nun auch von den entstellenden Zu-\nsätzen, den abschliessenden Anhängseln, befreit erscheine.\nDiese Zusätze habe ich ebenfalls schon im Jahre 1834\nbei einer Fest-Aufführung zur Einweihung eines patrioti-\nschen Denkmals in Wesel als Beethoven's unwürdig und\nnicht von ihm herrührend bezeichnet, und im ersten\nJahrgange dieser Blätter bereits, 1853, S. 4 ff., in\neinem besonderen Aufsatze nachgewiesen, wie der An-\nschluss der Zwischenacts-Musik nach dem Originale (ohne\njene Anhängsel) an das Ende und den Anfang der betref-\nfenden Acte eingerichtet werden könne, um bei offener\nScene aufmerksamer, als es bei der gewöhnlichen Art der\nAufführungen derselben geschieht, angehört werden zu\nkönnen. Im Concertsaale muss das verbindende Gedicht\nsich mit seinen Fortsetzungen gleichfalls unmittelbar an\ndie Tacte anschliessen, mit welchen Beethoven seine Musik\nabbricht, wie es hier in Köln bei wiederholten Aufführun-\ngen mit besonders dazu gedichtetem Text geschehen ist.\nDass Beethoven's eigene Revision der Correcturbogen\nseiner Werke zugleich auch eine Revision der Composi-\ntion war, davon gibt Jahn an dem Viol in-Concerte\nOp. 61 einen merkwürdigen Beweis in Folgendem:\n„Beethoven hatte dieses Concert für den genialen\nViolinspieler Clement geschrieben, wie auch der scherz-\nhafte Titel des Autographs:\nConcerto per clemenza pour Clement primo Violino e\nDiretiore al teatro\nven, 1806,\nbeweist, und dieser hatte es in seinem Benefiz-Concerte\nam 23. December 1806 zuerst gespielt. Die eigenhändige\nPartitur zeigt nun eine dreifache Redaction der Solostim-\nme. An der gehörigen Stelle in der Partitur ist sie so nie-\ndergeschrieben, wie Beethoven sie ursprünglich concipirt\nhatte. Er war selbst mit der Technik der Saiten-Instru-\nmente so weit vertraut, um Ausführbarkeit und Effect im\nEinzelnen beurtheilen zu können; allein ein durchgebilde-\nter Virtuose hat über das Verhältniss der Schwierigkeiten\nzur Wirkung, über die Anwendung besonderer Mittel für\neinen besonderen Zweck ein durch vielseitige praktische\nErfahrung gewonnenes, maassgebendes Urtheil und, wo\nes die eigenen Leistungen gilt, Bedenken und Wünsche,\ndie aus seiner eigentümlichen künstlerischen Stellung her-\nvorgehen. Offenbar hat nun Beethoven das fertige Concert\nvor der Aufführung einer genauen Durchsicht und Be-\nsprechung mit Clement unterzogen, dieser hat ihm seine\nAnsichten über dasjenige, was ihm überhaupt oder doch\nfür sein Spiel undankbar erschien, und Vorschläge zu Ab-\nänderungen mitgetheilt, und danach ist in einer abgeson-\nderten Zeile unter der Partitur die Solostimme in neuer\nFassung geschrieben, welche durchgehends die Rücksicht\nauf den praktischen Geiger offenbart, der die grössten\nEffecte mit möglichster Sicherheit, also mit der bequem-\nsten, der Natur des Instrumentes und der Weise seines\nSpiels am meisten angepassten Technik zu erreichen\nwünschte. Dass Beethoven Clement so weit nachgab, ist\nein neuer Beweis dafür, dass er viel auf ihn hielt, und so\nwie es nun umgeschrieben wurde, mag das Concert wohl\nvorgetragen worden sein. Als es aber zur Herausgabe\nkam, hat Beethoven doch Bedenken gefühlt, die Clement'-\nschen Varianten alle gut zu heissen, und desshalb in einer\nneuen Zeile oberhalb der Partitur eine dritte Redaction\nniedergeschrieben, weiche zum Theil die ursprünglichen\nIdeen wieder aufnimmt, zum Theil die zweite Bearbeitung\nbenutzt, dann aber auch ganz neue Aenderungen einführt.\nMan könnte nun allerdings zweifelhaft sein, welche Re-\ndaction die eigentlich berechtigte sei; allein da die unter\nBeethoven's Aufsicht gedruckte, von ihm selbst corrigirte\nAusgabe vorliegt, welche sich der zuletzt erwähnten Ge-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "101", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640326-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1136, "texte": "staltung anscbliesst, so bleibt es nicht zweifelhaft, dass\ndies die von Beethoven endgültig festgestellte Form sei\nund die anderen Bearbeitungen nur ein historisches In-\nteresse beanspruchen können.\"\nDie Energie, mit welcher die Ausgabe betrieben wird*\nist beispiellos bei einem so reichen Sammelwerke. Von\nden 264 Nummern des Ganzen sind binnen zwei Jah-\nren bereits 212 erschienen. Darunter für Orchester die\nersten acht Sinfoniee'n, die Schlacht bei Vittoria und die\nEgmont-Musik, die eilf Ouvertüren vollständig, das Violin-\nConcert, die Violin-Quintette, Quartette und Trio's, die\nClavier-Concerte mit Orchester (als Anbang die Cadenzen\nvon Beethoven dazu), die Pianoforte-Musik mit Begleitung\nund für Pianoforte solo Alles vollständig. Auch „Chri-\nstus am Oelberge\" und die Oper „Fidelio\" sind erschie-\nnen. Eine so rasche Verlagsförderung ist in der That noch\nniemals da gewesen. Sie ist bei einer zugleich so treffli-\nchen Ausstattung allein schon eine gar grosse Empfehlung\ndieser Beethoven-Ausgabe, welche, wenn man vollends\nnoch ihre inneren Vorzüge erwägt, unstreitig den ersten\nRang vor allen übrigen behaupten wird.\n\nL. B."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1864-03-26-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1864-03-26_01#c003", "volume": "bmtnabi_1864-03-26_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "101", "page_fin": "103", "image_debut": 5, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640326-01.2.3", "titre_corps": "Die Musik und das Publicum.", "titre_sommaire": "Die Musik und das Publicum.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "101", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640326-01.1.5", "debut_caractere": 1138, "fin_caractere_exclue": 5190, "texte": "Die Musik und das Publicum.\nSo heisst ein Vortrag, den Ferdinand Hiller, der\nAufforderung des Freiwilligen-Vereins hier in Köln ent-\nsprechend, zu Gunsten der Veteranen von 1813 —lBl5\ngehalten und dem Druck übergeben hat*). Das Thema,\ndas der grosse Tonkünstler gewählt hat und in seinem\ngeistreichen Feuilleton-Stile bespricht, verdiente allerdings,\nwie er sagt, eine ausführliche und eingehende Behand-\nlung, welche „die Culturvölker in ihrem Verhältnisse\nzur Tonkunst in den Haupt-Perioden ihrer geschicht-\nlichen Entwicklung und in der Gegenwart\" zum Gegen-\nstande haben würde. Zu einer solchen anzuregen, be-\nstimmte, neben dern Wunsche einer grossen Anzahl von\nFreunden, ihn hauptsächlich, diese Bogen der Oeffentlich-\nkeit zu übergeben. Sie enthalten für diesen Zweck in-\nteressante Beobachtungen und Andeutungen, die vielleicht\nnicht überall rein objectiv gehalten sind, aber gerade da-\ndurch, dass ein Musiker von Hiller's Stellung in der Kunst-\nwelt seine Ansichten über das Verhältniss des Publicums\nzur Kunst ausspricht, um so anziehender sind. Bei den\nBeurtheilungen des deutschen Publicums, die allerdings\nsehr viel Wahres enthalten, wird der Leser indess auch\nmanche Fragezeichen an den Rand schreiben, z. B. da,\nwo uns die Vorliebe für die Ausstattungs-Oper vorgewor-\nfen wird, während doch die ganze neuere Spectakel-Oper\nin Paris Ursprung und fortwährende Herrschaft hat, oder\nauch da, wo der Mangel einer patriotischen Theilnahnae\nan seinen Künstlern bei dem deutschen Publicum getadelt\nwird, nämlich einer solchen, welche zu immer neuen Schö-\npfungen anregt, während doch keine Aristokratie irgend\neines Volkes mehr in dieser Beziehung gethan hat, als\nz. ß. die österreichische Haydn, Mozart und Beethoven\ngegenüber. Und wie steht es denn in Frankreich um die\nvierundachtzig Componisten, die Adresse\nan den Kaiser unterschrieben haben? Wie viele davon\nwerden denn durch die patriotische Theilnahme an der\nKunst gehoben oder auch nur gehalten? Und Berlioz zum\nBeispiele und Andere, die wir nicht nennen mögen?\nDoch da das interessante fliegende Blatt sehr bald in\naller Welt lländen sein wird, so brechen wir ab und thei-\nlen lieber die aus lebendigster Anschauung geschöpften\nBemerkungen über das Publicum in Italien mit. Nach\nLesung dieses Bruchstückes wird Jeder nach dem Ganzen\nverlangen.\n„Sehen wir uns die Scala, eines der grössten Opern-\nhäuser der Welt, an am Tage der ersten Aufführung eines\nDramma lirico. Die prachtvollen Räume sind aufs glän-\nzendste erleuchtet und zum Brechen voll, die schönen\nLombardinnen erscheinen in reichsten Toiletten, das Text-\nbuch ist in Aller Händen, das Orchester beginnt und laut-\nlose Stille tritt ein. Der Vorhang geht in die Höhe, eine\nrauschende Beifallssalve erdröhnt. „ „Was geht vor?\"\"\nfragt der Fremde verwundert. „ „Die Decoration ist ge-\nlungen\" \", wird ihm erwiedert. Heute müssen alleCostume\nund Decorationen neu und schön sein. Der Einleitungs-\nChor ist vorüber, es wird gezischt. Die Prima-Donna er-\nscheint, sie ist eine gefeierte, geliebte Sängerin, ein Bei-\nfallssturm bricht los. Das Adagio ihrer Arie ist matt\ndüsteres Schweigen, das Allegro, leidlich brillant wird\nbeklatscht. Der Tenor tritt auf; er singt das Recitativ zu\ntief es wird arg gezischt; bei einer schönen Gesanges-\nstelle, die darauf folgt, erhebt er sich mit dem Compo-\nnisten und wird durch reichlichen Applaus gelohnt. Ein\ngrosser Ensemblesatz im Finale wirkt mächtig und ergrei-\nfend, und ein endloses Klatschen, Bravo-Rufen und was\ndergleichen mehr belohnen den Maestro und die Ausüben-\nden. Wehe aber, wenn die Sache schief geht, wenn die\nSänger detoniren, wenn die Musik langweilt! Der brau-\nsendste Orkan ist nichts gegen ein grossartiges Fiasco in\nder Scala. Man pfeift, man zischt, man kräht, man miaut,\nund der Sturm ist nur dadurch zu beendigen, dass der\nhinter der Coulisse weilende Polizei-Commissar den Befehl\ngibt, den Vorhang fallen zu lassen. Die elementaren Aus-\ndrücke des Missfallens hören dann auf, aber man begreift\n\n*) Köln, 1864, M. DuMont-Schauberg'sche Buchhandlung. 34\nS. gr. 8."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "102", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640326-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5426, "texte": "kaum, wie die allgemeinen lauten Erörterungen, die nun\nbeginnen, den Einzelnen noch Verständigung ermöglichen.\n„Das Frappante bei den Aeusserungen eines italiäni-\nschen Publicums ist weniger deren Vehemenz, welche sich\nauch bei minder lebhaften Völkern findet, als deren schnelle\nund einmüthige Explosion und vor Allem das Bedürfniss\nder unmittelbaren Kundgebung des Wohlgefallens sowohl\nals des Missfallens. Ruhige Ergebung in die Langeweile\nist dem Italiäner unmöglich, aber eben so wenig stille\nHinnahme dessen, was ihn erfreut. Er verlangt starke,\nheftige Eindrücke und in deren Ermangelung mindestens\nsinnlichen Reiz. Wird ihm geboten, was er begehrt, so\nist er enthusiastisch dankbar, im entgegengesetzten Falle\nsetzt er sich gleichsam zur Wehr und vertheidigt sein gu-\ntes Recht mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln. Und\nin den Ansprüchen, die sie machen, wenn sie ins Theater\ngehen, sind die Italiäner vollkommen einig unter einander\nder Musiker, der Kenner, der Laie, sie unterscheiden\nsich nur durch den grösseren oder geringsten Grad des\nWissens und Könnens, nicht in ihren Grundanschauungen\nüber die Kunst. Die Kritik erläutert dem Publicum seine\neigenen instinctiven Aussprüche, nur in den seltensten Fäl-\nlen lehnt sie sich gegen dieselben auf. Der Musiker ver-\ndammt ohne viel Federlesens, was das Publicum nicht\ngelten lässt; der Componist, der Fiasco gemacht, verhüllt\nsein Antlitz, sucht einen guten Witz und das nächste Mal\neine effectvollere Oper zu machen, und der Sänger der\nhat freilich immer und überall Recht, aber er reist ab\nund versucht wo anders sein Heil.\n„Dass es trotz jener spontanen Beurtheilungsweise\nvorkommt, dass das Schicksal einer Oper sich erst nach\nzwei, drei Vorstellungen entscheidet, dass dasselbe Publi-\ncum sich auch wohl einmal spaltet in Parteien für und\ngegen eine Assoluta, für oder gegen einen Maestro, das\nversteht sich von selbst aber die Seltenheit der Aus-\nnahmen bestätigt die Regel und die Leidenschaft beim\nFür und Wider bleibt überall dieselbe.\n„Der Italiäner hat unbestreitbar von Natur aus ein\nsehr feines, scharfes Ohr für Schönheit und Reinheit des\nKlanges. Ein falscher oder hässlicher Ton bereitet ihm\neinen physischen Schmerz, den er äussert, während es\nbeim Deutschen schon sehr arg kommen muss, bis er der-\ngleichen merkt [?], oder es wenigstens merken lässt, dass er es\nmerkt. Der Italiäner hat ferner ein schnell fassendes, vor-\ntreffliches Gedächtniss für Melodie und Poesie, und schon\nnach der ersten Aufführung einer Oper erklingen die\nStrassen von allen Gesängen, die halbwegs sangbar. Das\nSummen populär gewordener Melodieen ohne Worte\nkennt er kaum, und keine Köchin wird die Casta diva\nmurmeln, ohne die an die keusche Göttin gerichteten Verse\ndabei auszusprechen. Ueberhaupt ist er in dem magischen\nKreise, den seine Oper um ihn gezogen, ganz und gar zu\nHause. Aber es wird ihm schwer, ja, fast unmöglich, aus\nihm Herauszutreten.\n„Es liegt meiner heutigen Aufgabe fern, mich über\ndie italiänische Musik auszusprechen. Dass die italiänische\nOper seit ein paar Jahrhunderten die weitverbreitetste\nHerrschaft ausgeübt hat und noch immer ausübt, ist nicht\nzu bestreiten. Ihre Mängel und ihre Vorzüge tragen hierzu\ngleich viel bei. In Deutschland werden italiänische Opern\neben so scharf getadelt, als gern gehört. Man wird dabei\nan einen Ausspruch des Mephistopheles erinnert. Sicher\nist, dass die Italiäner, wenn sie ihre Musik hörten, wie sie\nmeistentheils bei uns aufgeführt wird, die Ersten sein wür-\nden, sie auszupfeifen.\n„Man hat dem italiänischen Publicum oft vorgewor-\nfen, es benutze das Theater eigentlich nur zur Conversa-\ntion und mache sich im Grunde nichts aus der Musik. Ge-\ngen diese Ansicht muss jeder protestiren, der die italiäni-\nsche Opernbühne durch eigene Anschauung kennen gelernt\nhat; aber freilich sind die Grundbedingungen derselben\ntotal verschieden von denen aller anderen lyrischen Länder.\nNur eine derselben will ich berühren. Die Anzahl der\nOpern, welche während einer so genannten Stagione, die\nhöchstens einige Monate dauert, gegeben werden, ist eine\nbeschränkte; haben sie einmal die Feuerprobe bestanden,\nso werden sie fortwährend wiederholt. Während der er-\nsten Aufführungen hat sich das Publicum mit Text und\nMusik aufs genaueste bekannt gemacht, die Stücke und\nStellen, welche gefallen, haben sich festgestellt und wer-\nden nun jeden Abend mit gleicher Aufmerksamkeit ange-\nhört, mit gleichem Beifalle belohnt. Der Rest ist Schwei-\ngen oder vielmehr Plaudern, was indess bei der Bauart\nder italiänischen Bühnen, auf die ich hier nicht näher ein-\ngehen kann., lange nicht so störend wirkt, als es in unse-\nren Theatern der Fall sein würde. Dass aber der Italiä-\nner eine Oper, welche ihm zusagt, innerhalb weniger Mo-\nnate so oft geniessen mag, als die Bewohner der gemässig-\nten Zonen ihre Lieblingswerke in ihrem ganzen Leben\nkaum hören, das muss doch von Rechts wegen jeder zu\nwürdigen wissen, der leidenschaftliche Liebe höher stellt\nals zarte Galanterie.\n„Der Concertsaal spielt in Italien noch immer eine\nsehr untergeordnete Rolle. Die deutsche Instrumental-Mu-\nsik, die einzige, die es eigentlich gibt, tritt nur sporadisch\nauf und könnte in den grossen Theatern auch zu keiner\nWirkung gelangen. Concerte, welche in denselben Statt\nfinden, sind meistentheils aus beliebten Opernstücken zu-\nsammengesetzt, welche aber nicht im Frack und weisser\nHalsbinde und von Seiten der Sängerinnen im Ballanzuge,"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "103", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640326-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1042, "texte": "sondern im Costume, nicht heruntergesungen, sondern\ndramatisch dargestellt werden. Instrumental-Virtuosen (und\nItalien hat deren bekanntlich eminente, besonders auf den\nSaiten-Instrumenten) lassen sich auch meistentheils im\nTheater hören und können, wenn sie durchschlagen, viel-\nmals hinter einander auftreten. Bekanntlich hat Paganini\nden bei Weitem grössten Theil seines Lebens concertirend\nin seinem Vaterlande zugebracht. Aber die eigentliche\nmusicalische Lebenssphäre des Italiäners ist und bleibt der\nGesang, und zwar in dramatischem Gewände, so wenig\nman seine musicalische Dramatik bei uns gelten lassen will.\n„Das Charakteristische am italiänischen Publicum ist,\ndass es eben im vollsten Sinne des Wortes ein Publicum\nist. Was seine Componisten und Sänger ihm bieten, ist an\ndas ganze Volk gerichtet und wird auch vom ganzen Volke\ngerichtet. Es gibt in Italien keine Oper für bevorzugte\nClassen, keine musicalischen Aufführungen für gebildete\nStände. Die guten und schlimmen Consequenzen für die\nKunst sind daraus leicht zu ziehen.\""}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1864-03-26-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1864-03-26_01#c004", "volume": "bmtnabi_1864-03-26_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "103", "page_fin": "103", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640326-01.2.4", "titre_corps": "Neuntes Gesellschafts-Concert in Köln im Gürzenich, unter Leitung des städtischen Capellmeisters, Herrn Ferdinand Hiller, Sonntag, den 20. März 1864.", "titre_sommaire": "Neuntes Gesellschafts-Concert in Köln im Gürzenich, unter Leitung des städtischen Capellmeisters, Herrn Ferdinand Hiller, Sonntag, den 20. März 1864.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "103", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640326-01.1.7", "debut_caractere": 1044, "fin_caractere_exclue": 5768, "texte": "Neuntes Gesellschafts-Concert in Köln im Gürzenich,\nunter Leitung des städtischen Capellmeisters, Herrn\nFerdinand Hiller,\nSonntag, den 20. März 1864.\nAuch in diesem Jahre wurde, wie im vorigen, der Palmsonn-\ntag-Abend durch die Aufführung der grossen Passion von Job.\nSeb. Bach nach dem Evangelium des Matthäus gefeiert.\nWiewohl hier in Köln binnen wenigen Jahren diese Auffüh-\nrung der eben so herrlichen ah ausserordentlichen und dem Zeit-\ngeschmacke schroff entgegenstehenden Musik die fünfte war, so wa-\nren doch die abonnementsfreien Plätze im Saale schon am Samstag\nausverkauft, und Hunderte von Zuhörern füllten ausserdem bei der\nAufführung die grosse, rings um den Saal gehende Galerie. Auch\nviele Musiker und Kunstfreunde aus der Nähe und selbst aus Bel-\ngien und Holland hatten sich eingefunden. Die Versammlung war\ndemnach sehr zahlreich und glänzend, die Anziehungskraft des ge-\nwaltigen Werkes bewährte sich von Neuem, und zwar nicht bloss'\nim Herbeiströmen, sondern auch in der aufmerksamen, gespannten\nund andächtigen Theilnahme der Zuhörer von Anfang bis zu Ende.\nGebt nur das wahrhaft Gute und Schöne, so bricht es sich schon\nBahn, wie die Erfahrung es in unserem Rheinlande zeigt; denn eben\nso gefüllt, wie in Köln, waren auch die Concertsäle in Aachen\nund Barmen, wo in diesen Tagen dieselbe Passionsmusik aufge-\nführt wurde.\nDie hiesige Aufführung war im Ganzen genommen eine gute\nzu nennen; es wird aber bei den ungewöhnlichen Schwierigkeiten\ndieses Werkes sich schwerlich erreichen lassen, dass jede Ausfüh-\nrung desselben auf gleicher Stufe der Vollkommenheit steht. So\nschienen uns denn auch in der diesjährigen und vorjährigen die\nChöre nicht die Präcision und namentlich nicht den hohen Schwung\nerreicht zu haben, der sie unzweifelhaft in den früheren Jahren aus-\nzeichnete. Es gehören Muth und Ausdauer von Seiten des Dirigen-\nten dazu, unter den schwierigen Verhältnissen, die bei allen Dilet-\ntanten-Vereinen obwalten, die Begeisterung für die gute Sache nicht\nzu verlieren, und desshalb sollten Pünktlichkeit und Ausdauer ihm\nvon allen Seiten freudig entgegenkommen, denn ohne diese lässt\nsich die \\ ersclimelzung so vieler Bestandteile zu einem harmoni-\nschen Ganzen nicht zu Stande bringen.\nVon den Solo-Partieen waren die beiden tieferen, Alt und Bass.\nam besten durch Fräulein Schreck iwul Herrn Karl Hill besetzt.\nFiäulein Schreck sind wir, abgesehen von ihrer trefflichen Leistung,\nnoch ganz besonderen Dank dafür schuldig, dass sie die Partie\nüberhaupt nur übernahm, da sie erst am Sonntag Vormittag in Bar-\nmen (wo sie 1 ags vorher gesungen) die Aufforderung der hiesigen\nDiiection ei hielt, lür t räulem Auguste Götze aus Leipzig einzu-\ntreten, welche, schon unwohl hier angekommen, am Morgen wegen\nvollständiger Heiserkeit darauf verzichten musste, am Abend zu\nsingen. Fräulein Schreck hatte die grosse Freundlichkeit, der drin-\ngenden Einladung zu folgen, kam an, fuhr vom Bahnhofe ins Con-\ncert, wo sie bei ihrem Eintreten in den Saal mit rauschendem Ap-\nplaus empfangen wurde, und führte ihre Partie als gewiegte Künst-\nlerin vortrefflich durch. Die herrliche Arie mit der Solo-Violine\n(Herr von Königslöw) ging so schön, als wäre sie mehrere Male\nprobirt worden. Man kann, ohne zu übertreiben, sagen, dass die\ngeschätzte Sängerin einen wahren Triumph feierte. Wenn wir im\nvorigen Jahre von Herrn Hill sagten, dass die Partie des Christus\nmit der Zeit zu seinen besten zählen würde, so hat sein Gesang\nam vergangenen Sonntage bewiesen, dass er diese Prophezeiung be-\nreits wahr gemacht hat, indem mit seiner schönen Stimme der rich-\ntig gedachte und mit edlem Wohllaut ausgeführte Vortrag sich ver-\nbunden hat, so dass er im Ausdruck dem Ideale so nahe kam, wie\nnach Stockhausen wohl kein anderer Sänger unserer Zeit es errei-\nchen dürfte. Herr Otto aus Berlin sang den Evangelisten mit Vei-\nständniss, allein seine Stimme reicht zu der Partie nicht mehr aus;\nfast alle hohen Noten derselben hatte er punktirt, wodurch sie etark\nalterirt wurde, und wo jene unverändert geblieben waren, vermoch-\nten die natürlichen Mittel nicht, dem gewollten Ausdrucke gerecht\nzu werden.\nWenn wir die Ausführung der Sopran-Partie, welche dem Fräu-\nlein Elise kempe 1 aus Hamm anvertraut war, zuletzt erwähnen,\nso geschieht es nur, um die musicalischen Kreise ganz besonders\naufmerksam zu machen auf die neue Erscheinung dieser jungen\nSängerin, welche eine sehn klangvolle, weiche und dabei für die\ngrössten Räume hinreichend ausgiebige Btimme besitzt und durch\nreine Intonation und correcten Vortrag den Beruf, bei fortgesetzten\nStudien eine sehr gute Oratorien-Sängerin zu werden, überzeugend\nbekundet hat. Wir können ihr zu ihrem Debüt in einer so schwie-\nrigen Partie aufrichtig Glück wünschen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1864-03-26-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1864-03-26_01#c005", "volume": "bmtnabi_1864-03-26_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "103", "page_fin": "104", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640326-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "103", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640326-01.1.7", "debut_caractere": 5770, "fin_caractere_exclue": 6887, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\n14olil« In Crefeld wohnten wir in voriger Woche einer\nVorstellung von Lortzing's „Czaar und Zimmermann\" in dem dorti-\ngen zwar kleinen, aber recht hübsch ausgestatteten Theater bei,\nwelche auf das erfreulichste bestätigte, dass die Vereinigung der\ndortigen Dilettanten zum Zwecke von Opern-Aufführungen, wie sie\nbereits seit einigen Jahren besteht (vgl. den Jahrgang 1803 d. 81.,\nS. 157), nicht bloss einer vorübergehenden Lust und Laune ihr\nEntstehen verdankt, sondern in der Kunstliebe und einer dieser\nLiebe entsprechenden musicalischen Bildung der Betheiligten die\nBürgschaft ihrer Fortdauer findet. Durch diese Vorstellungen feiert\ndie Musik zugleich den Triumph, dass sie, wenn auch nicht wie\nzu Orpheus' und Tamino's Zeit Löwen bändigt und Wald und Fels\nbewegt, doch die Schranken hinwegräumt, welche Vorurtheil und\nsteife Gesellschafts-Etiquette so häufig dem Aufleben künstlerischer\nVereine entgegenstellen, indem sie sie fern von den mit Bann be-\nlegten Brettern halten, welche die Welt bedeuten. Es hat einen\nganz besonderen Reiz und bietet eine sehr angenehme Ueberraschung"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "104", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640326-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 6007, "texte": "dar, wenn man bei solcher Gelegenheit zu Crefeld im Theater in-\nmitten eines sehr gewählten Publicums sitzt, das alle Plätze füllt\nund mithin durch die That zeigt, wie empfänglich es für solche\nBestrebungen ist und wie gern es sie unterstützt, und dann zugleich\nauf der Bühne einen Chor nicht nur von jungen Männern, sondern\nauch von jungen Damen aus den besten Familien erblickt, die in\nfeinen und geschmackvollen Costümen erscheinen und mit einer Un-\ngezwungenheit sich bewegen und mit einer von frischen Stimmen\nunterstützten Sicherheit singen, dass man darüber erstaunen muss.\nWenn der crefelder Chor in Oratorien vortrefflich ist und noch neu-\nlich durch die Aufführung von Händers „Josua\", welche Ferdinand\nHiller aus Gefälligkeit für den leider erkrankten Musik-Director\nHerrn Wolf dirigirte, unseren Herrn Capellmeister gar sehr befrie-\ndigt hat, so bekundet er in den theatralischen Vorstellungen eine\nVielseitigkeit und Anstelligkeit, die man selten bei ähnlichen Ver-\neinen findet. Aber auch alle Rollen waren, mit Ausnahme des Bür-\ngermeisters von Saardam, den Herr van Gülpen vom kölner Stadt-\ntheater gab, durch crefelder Dilettanten besetzt, und selbst an einem\nMatrosen-Ballette im letzten Acte fehlte es nicht. Wenn die beiden\nPeter ihre Rollen in Gesang und Spiel recht wacker durchführten\nund auch die Herren Gesandten der fremden Mächte befriedigten,\nso ragte doch Fräulein Maria Büschgens, die sich schon als\nConcertsängerin einen Namen gemacht hat, nicht bloss durch ihren\nGesang, sondern auch durch ein ganz allerliebstes Spiel, welches\nein sehr bedeutendes Tbeatertalent offenbarte, über alle Anderen\nhervor. Sie würde die Rolle der Marie auch auf grossen Bühnen mit\ndemselben Beifalle geben, der ihr hier zu Theil wurde. L. B.\njTlaimlieiiti, 18. März. Die dritte musicalische Aka-\ndemie des Hoforchesters unter der Leitung des Hof-Capellmeisters\nHerrn Vinc. Lachner fand am 15. d. Mts. Statt. Sie brachte in\nder ersten Abtheilung Schuberts grosse O-dwr-Sinfonie; in der\nzweiten „Die Flucht nach Aegypten\", Gedicht von Eichendorf, Mu-\nsik für Chor und Orchester von Max Bruch (mit grossem Beifall\naufgenommen), ein Violoncell-Concert von Goltermann, von Herrn\nC. Kündinger gut vorgetragen, Doppel-Concert für Violine und\nViola von Mozart, sehr gut ausgeführt von den Herren Naret-\nKoning und Mayer, Bass-Arie aus „Elias\", ganz\nvorzüglich gesungen von Herrn Haus er aus Karlsruhe, der auch\nnoch F. Schubert's „Frühlingsglaube\" und »Wohin?\" vortrefflich\nvortrug und das letztere Lied da capo singen musste* Den Schluss\nmachte Mozart1 s Ave verum. Es war ein genussreicher Abend.\n** Iffaiuilieiiii, 20. März. Am 16. d. Mts. wohnten wir\neinem Concerte in Worms bei, welches der dortige Musik-Director\nHerr Ed. Steinwarz zu seinem Benefiz gab. Es begann mit\nGluck's Ouvertüre zur Iphigenie in Aulis, die nach Verhältniss\nder mässigen Orchesterkräfte ganz anständig ausgeführt wurde. Von\nVocalsachen hörten wir Mendelssohn's Hymne: „O könnt' ich\nfliegen\", Scenen aus Schumann's „Der Rose Pilgerfahrt\" und einige\nSolo-Gesangstücke durch Herrn G. Becker vom hiesigen Hofthea-\nter. Dazwischen spielte Herr Concertmeister Naret-Koning von\nhier den ersten Satz von Beethoven's Violin-Concert und in der\nzweiten Abtheilung das Andante und Scherzo aus Vieuxtemps'\nganz ausgezeichnet. Der Chor zeichnete sich durch\ndie Frische der Stimmen, schönen Gesammtklang, Präcision und\nfeine Nuancirung sehr vortheilhaft aus; besonders letzteres ist eine\nEigenschaft, die man oft bei vielen Singvereinen schmerzlich ver-\nmisst. Die schöne Leistung des Chors in dieser kleinen Stadt gab\nein beredtes Zeugniss von dem Ernste und der Tüchtigkeit des Mu-\nsik-Directors Ed. Steinwarz, dessen Sorgsamkeit in der Zusammen-\nstellung der dortigen Concert-Programme noch besondere Anerken-\nnung verdient.\nStlittgart« Aus dem Rechenschafts-Bericht des Ausschusses\ndes Vereins für classische Kirchenmusik in Stuttgart für das Jahr\n1863 —64 geht hervor, dass in dem abgelaufenen Jahre fünf (vier\nordentliche und eine ausserordentliche) Aufführungen Statt fanden,\nund zwar drei mit grossem Orchester, nämlich: 1) am Charfreitag\nden -3. April 1863 in der Stiftskirche: die grosse Passionsmusik\nnach dem Evangelisten Matthäus von J. Seb. Bach, unter gefälliger\nMitwirkung von Frau Rauch-Wernau, Fräulein Marschalk, Herren\nA. Jäger und Scliütky, der k. Hofcapelle und unter Verstärkung\ndes Chors durch hiesige Gesangskräfte; 2) am 22. September 1863\nin der Stiftskirche: die grosse Messe in D-dur von Beethoven, un-\nter gefälliger Mitwirkung von Frau Jäger, geb. Schröder, Fräulein\nMarschalk, Herren A. Jäger und Scliütky und der k. Hofcapelle;\n3) am 29. September 1863 ebendaselbst: Wiederholung dieser Auf-\nführung; 4) am 24. November 1863 in der Leonhardskirche: Phan-\ntasie (C-moll) für die Orgel von Seb. Bach; Choräle: „Herzlich\nlieb hab1 ich dich\" von Calvisius, „0 Lamm Gottes\" von Eccard,\n„Wachet auf\" von Prätorius, „Ach, wie weh ist meinem Herzen\"\nvon Prätorius, „Freuet euch des Herrn\" von Schütz, „Komm, heil'-\nger Geist, dein' Hülf' uns leist'\" von Stobäus, „Herzliebster Jesu\"\nvon Crüger, „Es ist genug\" von Ahle, „Ich weiss, dass mein Erlö-\nser lebt\" von Joh. Michael Bach, „Gottlob, es geht nunmehr zu\nEnde\" von Joh. Seb. Bach; Lieder: „Mein' Augen schliess' ich\njetzt\" von Löwenstern, „Lasset uns den Herrn preisen\" von Schop,\n„Jesus neigt sein Haupt\" von Franck, „Seelenbräutigam\" von Drese;\nArie: „Mein gläubiges Herze\" von Joh. Seb. Bach; Choral: „Da\nJesus an dem Kreuze stand\", für die Orgel bearbeitet von Scheidt;\n5) am 10. Februar 1864 in der Leonhardtkirche: Präludium und\n* uge (D-dur) für die Orgel von Joh. Seb. Bach u. s. w. (s. Nr. 10\nd. Bl.). Ausserdem war die Thätigkeit des Chors auch durch Mit-\nwirkung bei sieben Aufführungen ausserhalb unseres Vereins in An-\nspruch genommen. Die Anzahl der Vereins-Mitglieder ist von 326\nauf 378 gestiegen, darunter 60 mit Familienkarten zu 4, 227 mit\nFamilienkarten zu 3 Personen und 91 Einzelne (zu 5 Fl., 4 Fl.\nund 2 Fl. 42 Kr. jährlichen Beiträgen)."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "97", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640326-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nBeethoven und die Ausgaben seiner Werke (Gesammt-Ausgabe von Breitkopf und Härtel in Leipzig). \\on L. I>. Die\nMusik und das Publicum (Vortrag von Ferdinand Hiller in Köln). Neuntes Gesellschafts-Concert in Köln im Gürzenich. Tages-\nund Unter h a 11 ungsb 1 at t (Köln, Opern-Aufführung von Dilettanten in Crefeld Mannheim, Musicalische Akademie, Benefiz-Concert\nStuttgart, Jahresbericht des Vereins für classische Kirchenmusik).\n\nBeethoven und die Ausgaben seiner Werke.\n\nEin Aufsatz von Otto Jahn über die Ausgaben der\nsämmtlichen Werke Beethoven's, mit besonderer Rück-\nsicht auf die neueste vollständige, von Breitkopf und\nHärtel in Leipzig veranstaltete, ist in einem „Separat-\nAbdruck\" aus den „Grenzboten\" (Leipzig, 1864, Verlag\nvon F. L. Herbig, 41 S. Gr. 8.) erschienen und verdient\nmit vollem Rechte allgemeinere Verbreitung, nicht bloss\nwegen der Rechenschaft, welche darin nach authentischen\nMittheilungen über die Art der Ausführung, den Stand\nund Fortgang des grossen Unternehmens gegeben wird,\nsondern auch weil er eine Menge von trefflichen Bemer-\nkungen über die musicalische Literatur überhaupt, nament-\nlich über die kritische Feststellung des Textes der Werke\nverstorbener Meister, insbesondere Beethoven's, enthält.\nDie einleitenden Bemerkungen über den Musicalien-\nhandel und das Verhältniss des Publicurns zu ihm berüh-\nren zunächst die eigenthümlichen Uebelstände des Ver-\nschweigens der Zeit des Erscheinens auf dem Titel und\ndes hohen Ladenpreises. Die Entschuldigung des letzteren\ndurch die Verhältnisse scheint uns nicht stichhaltig; wenn\nes notorisch ist, dass der Verleger ein Geschäft macht,\nwenn er seine Waare mit 50 Procent Rabatt verkauft, so\nbilden diese Procente eine ganz unverhältnissmässige Be-\nsteuerung des kaufenden Publicurns allein zu Gunsten der\nZwischenhändler, deren Nutzen oder gar Nothwendigkeit\nfür die Verbreitung der Waare wir nicht einzusehen ver-\nmögen. Freilich betrachtet sie auch 0. Jahn nur als einen\nnicht wohl zu beseitigenden Missbrauch. Wir aber glau-\nben, dass der Absatz von Musicalien durch Aufrichtig-\nkeit der Preis-Angabe ganz ungeheuer gefördert werden\nwürde. <\nNach einem historischen Rückblicke auf frühere Ver-\nsuche zur Veröffentlichung von Gesammtwerken, z. B. der\nWerke Mozart's und Haydn's durch Breitkopf und Härtel\nund der gegenwärtigen Bestrebungen der Bach- und Ilän-\ndel-Gesellschaften, verbreitet sich der Aufsatz über den\ngrossen Unterschied des neuen Verlags-Unternehmens einer\nGesammt-Ausgabe Beethoven s von den genannten Aus-\ngaben Bach's und Händel's, denn dieses Unternehmen tritt\nohne irgend eine ausserordentliche Unterstützung Ange-\nsichts einer ungeheuren Concurrenz und der bereits that-\nsächlichen, alle bisherigen Erfahrungen hinter sich lassen-\nden Verbreitung der Beelhoven'schen Werke ins Leben.\n„Man vergegenwärtige sich nur, dass Beethoven's\nWerke in den Händen des Publicurns sind was noch\nungedruckt ist, legt kein bedeutendes Gewicht mehr in\ndie Wagschale—, dass diejenigen Compositionen, welche\ndie Masse beschäftigen, in zahlreichen Ausgaben, welche\nbillige und unbillige Ansprüche befriedigen, überall ver-\nbreitet werden; und jetzt erscheint eine Gesammt-Aus-\ngabe, welche Alles vereinigt, grosse und kleine Werke,\nbeliebte und verschollene, dankbare und undankbare, nach\nden strengsten Anforderungen wissenschaftlicher Kritik\nredigirt, äusserlieh glänzend ausgestattet, unter Bedingun-\ngen, welche eine weitgreifende Betheiligung des musicali-\nschen Publicurns voraussetzen und möglich machen. Eine\nThatsache wird dadurch zunächst festgestellt, dass gegen-\nwärtig Beethoven weit vor allen übrigen Comporiisten die\nTheilnahme des gesammten musicalischen Publicurns in\nAnspruch nimmt und desshalb auch den musicalischen\nMarkt beherrscht. Es mag schwer sein, über Vertrieb und\nVerbreitung der musicalischen Productionen genaue und\nzuverlässige statistische Nachrichten zu erlangen; das steht\nüber allem Zweifel fest, dass kein Componist, weder ein\nclassischer noch ein modischer, auch nur von Weitem mit\nBeethoven in Vergleich gestellt werden kann, wenn es\nsich um die fortwährend massenhaft gesteigerte Verbrei-\ntung der Werke handelt. Ja, es wird versichert, dass,\nwenn man der Gesammtheit der Beelhoven'schen Compo-\nsitionen, welche in einem Jahre durch den Musikhandel"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "98", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640326-01.1.2", "texte": "vertrieben werden, alle übrigen Musicalien, welche im sel-\nben Jahre verkauft werden, zusammengefasst gegenüber-\nstellen wollte, die Wage vielleicht schwanken, der einzige\nBeethoven aber allen übrigen jedenfalls das Gegengewicht\nhalten würde. Begreiflicher Weise sind es die Compositio-\nnen und Arrangements für Ciavier, welche hierbei den\nAusschlag geben, von denen einzelne in unglaublicher An-\nzahl verbreitet werden; dass aber diese souveraine Herr-\nschaft über das musicalische Publicum aller Schichten und\nBekenntnisse nicht eine vorübergehende Modelaune des\nDilettantismus, sondern ein erfreulicher Beweis dafür ist,\nwie tief und wie allgemein schon Empfindung und Interesse\nfür echte und hohe Kunst unter uns verbreitet ist, dafür\nlegt auch die neue Gesammt-Ausgabe ein Zeugniss ab.\nGewiss, es ist eine bemerkenswerthe und ungemein be-\nfriedigende Erscheinung, wenn ein grosser Künstler so all-\ngemeine Verehrung geniesst, wenn seine Werke so un-\nmittelbar lebendig wirken, dass eine mit Einsicht und Ernst\nunternommene, nach allen Seiten tüchtig und würdig aus-\ngeführte Gesammt-Ausgabe vom Publicum freudig aufge-\nnommen und unterstützt wird. Denn die Schwierigkeiten,\nwelche sich von allen Seiten her einem solchen Unterneh-\nmen entgegenstellen, sind so gross und mannigfaltig, dass\nnur eine allgemeine und nachhaltige Betheiligung des Pu-\nblicums Muth und Kraft geben kann, sie zu überwinden\nund das Werk zu vollenden.\"\nWas 0. Jahn darauf über die Hoffnungen und Be-\nfürchtungen sagt, welche in Betracht gekommen sein\nwürden, wenn Beethoven selbst, wie er wiederholt vor\nhatte, eine Ausgabe seiner sämmtlichen Werke veranstal-\ntet hätte, stimmt vollständig mit der Ueberzeugung über-\nein, die wir uns über diesen Punkt längst gebildet haben,\nzumal wenn von vielen Seiten—auch von Schindler selbst\ndas Bedauern ausgesprochen wurde, dass wir durch\ndie Nichtausführung jenes Vorhabens um die Lösung so\nmancher Bäthsel in dem so genannten „Inhalt\" der Musik\ndes Meisters gekommen wären! Wir wollen uns nicht\nenthalten, die ganze Stelle, welche die einzig richtige An-\nsicht über dergleichen Deutungen kurz und bündig, aber,\nwie immer bei Jahn, klar und schlagend ausspricht, hieher\nzu setzen, und können uns nur freuen, dass aus solcher\nFeder die Bestätigung der Grundsätze fliesst, welche wir\nin diesen Blättern stets vertreten haben.\n„Beethoven\" heisst es S. 14 „hatte noch einen\nanderen Vorsatz rücksichtlich der Gesammt-Ausgabe, des-\nsen Vereitlung man zu bedauern geneigt sein könnte. Er\nbeabsichtigte nämlich, wie Schindler ebenfalls berichtet,\ndurch Ueberschriften und kurze Andeutungen die „ „poeti-\nsche Idee\"\" verschiedener Compositionen zu bezeichnen,\num dadurch richtiges Verständniss und Vortrag derselben\nzu erleichtern. Er klagte wohl, wenn er um Sinn und Be-\ndeutung ausdrucksvoller Compositionen befragt wurde, die\nZeit, in welcher er die meisten Sonaten geschrieben, sei\npoetischer gewesen, als die spätere, vermuthlich weil man\nsich der Musik einfach hingab, von dem musicalischen\nEindruck befriedigt, die dadurch angeregten Empfindungen\nim Gemüthe verklingen liess und kein Bedürfniss fand,\nnach Gedanken und Ideen zu fragen, welche von einer\nganz anderen Seite her als der musicalischen den Gegen-\nstand des Interesses präcisiren sollten. „ „Jedermann\"\",\nbeschwerte er sich, „ „fühlte aus dem Largo der Sonaten\nin D-dur (Op. 10) den darin geschilderten Seelenzustand\neines Melancholischen heraus mit allen den verschiedenen\nNuancen von Licht und Schatten im Bilde der Melancho-\nlie.\" \" Das wird gewiss auch später, wie jetzt und künftig,\njeder Musicalische von Gefühl heraushören; aber damit\nbegnügten sich eben die Fragenden nicht, ihr Vorwitz\nwollte auch erfahren, welches die individuelle, persönliche\nVeranlassung zu solcher Stimmung gewesen sei, wo mög-\nlich im Componisten selbst, den man gar zu gern mit dem\nKunstwerke identificirt. Und wenn er auf solche Frage\nRede steht, wird sie uns wirklich fördern? Als Beethoven\neinmal in guter Stimmung war, bat ihn Schindler um den\nSchlüssel zu den Sonaten in D-(Op. 31,2) und\n(Op. 57), und er erwiederte: „„Lesen Sie nur Shake-\nspeare's Sturm.\"\" Offenbar war Schindler einiger\nMaassen desappointirt, denn er fährt fort: „ „Dort also soll\ner zu finden sein; aber an welcher Stelle? Frager, lese,\nrathe und erralhe!\"\" Vermuthlich wird der Frager von\nseiner Lecture die sichere Ueberzeugung mitbringen, dass\nShakespeare's Sturm auf ihn anders wirke, als auf Beet-\nhoven, und keine D-moll- und F-moll-Sonaten in ihm er-\nzeuge. Dass gerade dieses Drama Beethoven zu solchen\nSchöpfungen anregen konnte, ist freilich nicht ohne In-\nteresse zu erfahren; aus dem Shakespeare das Verständniss\nderselben herholen wollen, hiesse nur die Unfähigkeit der\nmusicalischen Auffassung bezeugen. Auch wenn Beethoven\neinmal genauer citirt, wird das Verständniss dadurch nicht\ngefördert. Sein vertrauter Freund Amerda erzählte, dass\nBeethoven ihm gesagt habe, bei dem Adagio im F-dur-\nQuartett (Op. 18, 1) habe ihm die Grabesscene aus\nRomeo und Julie vorgeschwebt; wer nun etwa diese in\nseinem Shakespeare aufmerksam nachliest und dann beim\nAnhören des Adagio sich zu vergegenwärtigen sucht, wird\nder sich den wahren Genuss des Musikstückes erhöhen\noder stören? Nach Czerny's von Anderen bestätigtem Be-\nrichte hatte Beethoven gesagt, das Adagio des E-moll-\nQuartetts (Op. 59, 2) sei ihm beim Anblick des gestirnten\nHimmels aufgegangen; man will wissen, dass ihm, nach-\ndem er lange im Freien im Finstern gesessen, von allen"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "99", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640326-01.1.3", "texte": "Seiten aufglitzernde Lichter das Motiv zum Scherzo der\nD-moll-Sinfonie, ein vorübergaloppirender Reiter das The-\nma zum letzten Satze der Sonate in D-nioll (Op. 31, 2),\ndas ungeduldige Klopfen eines in später Nacht vergeblich\nEinlass Begehrenden das Motiv im ersten Satze des Violin-\nConcertes eingegeben habe. Möglich, dass ein prägnanter\nsinnlicher Eindruck im günstigen Momente blitzartig ein\ncharakteristisches Motiv hervorrief, möglich auch, dass der\nEindruck im Gedächtnisse des Künstlers haftete; aber mit\nder künstlerischen Entwicklung dieses Keims, mit der schö-\npferischen Organisation des Kunstwerkes bat diese äusser-\nliche Anregung nichts mehr zu thun, die Thätigkeit des\nKünstlers bewegt sich in ganz anderen Regionen, und wer\nda glaubt, von dem zufälligen äusseren Anlasse aus lasse\nsich das Kunstwerk construiren, der hat keine Ahnung\nvom künstlerischen Schaffen. Sollte z. B. Jemand auf den\nEinfall kommen, den ersten Satz des VioJon-Concertes nach\nseiner psychologischen Entwicklung und äusserlichen Glie-\nderung aus jener Situation des nächtlichen Klopfers abzu-\nleiten und zu erklären, so möge man ihn in Gottes Namen\nklopfen lassen: die Thür des rechten Verständnisses wird\nihm nicht aufgethan werden.\n„Ueberschriften und Notizen, auch authentische, von\nBeethoven selbst herrührende, würden das Eindringen in\nSinn und Bedeutung des Kunstwerkes nicht wesentlich ge-\nfördert haben das darf man sagen, ohne dem Interesse\nzu nahe zu treten, welches sie durch manche persönliche\nAufklärung gehabt hätten; es ist vielmehr zu fürchten, dass\nsie eben sowohl Missverständnisse und Verkehrtheiten her-\nvorrufen würden, wie die, welche Beethoven veröffentlicht\nhat. Die schöne Sonate in Es-du(Op. 81) trägt bekannt-\nlich d ie Ueberschriften: Les adieux, l'absence, le retour,\nund wird daher als zuverlässiges Beispiel von Programm-\nMusik mit Sicherheit interpretirt. „ „Dass es Momente aus\ndem Leben eines liebenden Paares sind, setzt man schon\nvoraus,\"\" sagt Marx, der es dahingestellt sein lässt, ob\ndie Liebenden verheirathet sind oder nicht „ „aber die\nComposition bringt auch den Beweis.\"\" „ „Die Lieben-\nden öffnen ihre Arme, wie Zugvögel ihre Flügel\"\", sagt\nLenz vom Schlüsse der Sonate. Nun hat Beethoven auf das\nOriginal der ersten Abtheilung geschrieben:\n„Das Lebewohl bei der A breise Sr. Kaiserl.\nHoheit des Erzherzogs Rudolf, den 4. Mai 1809,\n„und auf den Titel der zweiten:\n„Die Ankunft Sr. Kaiserl. Hoheit des Erz-\nherzogs Rudolf, den 30. Januar 1810.\n„Man begreift, dass er auch bei der Veröffentlichung\ndieser Ergüsse einer höchst persönlichen Stimmung das\nAndenken an die Veranlassung erhalten wollte, ohne sei-\nnen kaiserlichen Freund zu bezeichnen. Aber wie würde\ner protestirt haben, dass er dem Erzherzoge gegenüber\ndiese „ „in schmeichelndem Kosen beseligter Lust\"\" llügel-\nschlagende Sie vorstellen sollte. Man sieht, hier ist Veran-\nlassung und Situation von Beethoven selbst angegeben,\naber im Tone muss der Meister sich vergriffen haben oder\nseine Interpreten.\n„Beethoven hatte sich, wie wir wissen, über seine\nAusleger oft und lebhaft beklagt, und er hatte Ursache\ndazu. Gewiss wäre er mit Mendelssohn ganz einverstanden\ngewesen, der an Souchay schreibt: „„Das, was mir eine\nMusik ausspricht, die ich liebe, sind mir nicht zu unbe-\nstimmte Gedanken, um sie in Worten zu fassen, son-\ndern zu bestimmte. Fragen Sie mich, was ich mir\ndabei gedacht habe, so sage ich: gerade das Lied, wie es\nda steht. Und habe ich bei dem einen oder anderen ein\nbestimmtes Wort oder bestimmte Worte im Sinne gehabt,\nso mag ich die doch keinem Menschen aussprechen, weil\ndas Wort dem Einen nicht heisst, was es dem Anderen\nheisst, weil nur das Lied dem Einen dasselbe sagen, das-\nselbe Gefühl in ihm erwecken kann, wie im Anderen\nein Gefühl, das sich aber nicht durch dieselben Worte aus-\ndrücken lässt.\"u —Darum können wir zufrieden sein, dass\nauch Beethoven seine Worte nicht ausgesprochen hat, die\nnur zu Viele zu dem Irrthum verleitet haben würden, wer\ndie Ueberschrift verstehe, der verstehe auch das Kunst-\nwerk. Seine Musik sagt alles, was er sagen wollte, sie ist\nund bleibt der lautere Quell, aus dem jeder schöpfen kann,\nder empfänglich ist.\"\nHiernach verbreitet sich die Schrift über die Berech-\ntigung und Vollständigkeit der neuen Ausgabe (260\nNummern in 24 Serien), über das Verhältnis» der noch\nungedruckten Compositionon Beethoven s zu den bereits\ngedruckten, über die Arrangements, an denen er sich\nzum Theil selbst betheiligt hat, endlich am ausführlichsten\nüber die Kritik, welche die Echtheit des musicalischen\nTextes verbürgt. Alles das ist sehr lesenswerlh, gibt eine\ndeutliche Einsicht in die Schwierigkeit und den Werth des\nUnternehmens und kann nicht verfehlen, demselben nicht\nnur die verdiente Anerkennung, sondern auch die thälige\nFörderung durch zahlreiche Käufer immer mehr zu ver-\nschaffen.\nVortrefflich ist namentlich, was über die Aufgabe der\nKritik sowohl im Allgemeinen, als im besonderen Bezüge\nauf Beethoven's Werke gesagt ist. Für diese haben Jul.\nRietz die grossen Instrumental- und Vocal-Compositionen,\nDavid die Kammermusik, Reinecke die Ciavierwerke,\nRichter, Bagge und Franz Espagne die Lieder\nübernommen. Dass (nach S. 32) in dem Scherzo der\nfünften Sinfonie die zwei unberechtigten Tacte in der\nneuen Partitur-Ausgabe weggelassen sind, war endlich an\n\nn"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "100", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640326-01.1.4", "texte": "der Zeit. Schon im Jahre 1847 machten wir auf Mendels-\nsohn's Veranlassung, um der von ihm entdeckten Wahr-\nheit weitere Verbreitung zu geben, in der Kölnischen\nZeitung darauf aufmerksam, erörterten dann im zweiten\nJahrgange der Rheinischen Musik-Zeitung, S. 777, die-\nselbe Sache ausführlich mit Beleuchtung und Abfertigung\nder so genannten inneren Gründe für die Beibehaltung:\nt-rotz alledem verschwanden die beiden Tacte noch lange\nnicht überall und werden bis heute vom pariser Con-\nservatoire -Orchester noch immer mitgespielt! Es\nist unglaublich, was für seltsame Zuschriften von Musi-\nkern wir damals erhielten, auch Schindler schrieb uns un-\nter Anderem: „Dass Sie so nachdrücklich auf der Unecht-\nheit der zwei Tacte bestehen, kann ich, aufrichtig gesagt,\nnicht billigen\", und er konnte sich nicht enthalten, noch in\nder dritten Aullage seiner Beethoven-Biographie, die doch\nerst 1860 erschien, noch einmal eine Lanze für den\n„Bock\", wie Beethoven selbst den Fehler bezeichnet hatte,\neinzulegen! Jetzt haben denn sogar die Orchesterstim-\nmen, nach denen unter Beethoven's Leitung die Sinfonie\ngespielt worden, die Echtheit des „Bocks\" (nicht des Hu-\nmors!) bestätigt, da in ihnen die zwei fraglichen Tacte gar\nnicht stehen, wie wir aus S. 32 des Schriftchens von Jahn\nerfahren. Aber das hilft alles nichts, denn „Beethoven\nhat späterhin den Bock liebgewonnen!!\" Ei nun,\nvViele der Eichelnesser ja gibt's im arkadischen Lande!\"\nWie es mit der Ausmerzung der Tactpause im er-\nsten Allegro derselben fünften Sinfonie (worauf wir im\n2. Jahrg. d. Rhein. Musik-Ztg. 1852, S. 780, ebenfalls\ngedrungen) in der neuen Ausgabe steht, wissen wir nicht,\nda uns die Partitur noch nicht zu Gesicht gekommen ist.\nFerner berichtet Jahn (S. 32), dass die Musik zu\nGoethe's Egmont nun auch von den entstellenden Zu-\nsätzen, den abschliessenden Anhängseln, befreit erscheine.\nDiese Zusätze habe ich ebenfalls schon im Jahre 1834\nbei einer Fest-Aufführung zur Einweihung eines patrioti-\nschen Denkmals in Wesel als Beethoven's unwürdig und\nnicht von ihm herrührend bezeichnet, und im ersten\nJahrgange dieser Blätter bereits, 1853, S. 4 ff., in\neinem besonderen Aufsatze nachgewiesen, wie der An-\nschluss der Zwischenacts-Musik nach dem Originale (ohne\njene Anhängsel) an das Ende und den Anfang der betref-\nfenden Acte eingerichtet werden könne, um bei offener\nScene aufmerksamer, als es bei der gewöhnlichen Art der\nAufführungen derselben geschieht, angehört werden zu\nkönnen. Im Concertsaale muss das verbindende Gedicht\nsich mit seinen Fortsetzungen gleichfalls unmittelbar an\ndie Tacte anschliessen, mit welchen Beethoven seine Musik\nabbricht, wie es hier in Köln bei wiederholten Aufführun-\ngen mit besonders dazu gedichtetem Text geschehen ist.\nDass Beethoven's eigene Revision der Correcturbogen\nseiner Werke zugleich auch eine Revision der Composi-\ntion war, davon gibt Jahn an dem Viol in-Concerte\nOp. 61 einen merkwürdigen Beweis in Folgendem:\n„Beethoven hatte dieses Concert für den genialen\nViolinspieler Clement geschrieben, wie auch der scherz-\nhafte Titel des Autographs:\nConcerto per clemenza pour Clement primo Violino e\nDiretiore al teatro\nven, 1806,\nbeweist, und dieser hatte es in seinem Benefiz-Concerte\nam 23. December 1806 zuerst gespielt. Die eigenhändige\nPartitur zeigt nun eine dreifache Redaction der Solostim-\nme. An der gehörigen Stelle in der Partitur ist sie so nie-\ndergeschrieben, wie Beethoven sie ursprünglich concipirt\nhatte. Er war selbst mit der Technik der Saiten-Instru-\nmente so weit vertraut, um Ausführbarkeit und Effect im\nEinzelnen beurtheilen zu können; allein ein durchgebilde-\nter Virtuose hat über das Verhältniss der Schwierigkeiten\nzur Wirkung, über die Anwendung besonderer Mittel für\neinen besonderen Zweck ein durch vielseitige praktische\nErfahrung gewonnenes, maassgebendes Urtheil und, wo\nes die eigenen Leistungen gilt, Bedenken und Wünsche,\ndie aus seiner eigentümlichen künstlerischen Stellung her-\nvorgehen. Offenbar hat nun Beethoven das fertige Concert\nvor der Aufführung einer genauen Durchsicht und Be-\nsprechung mit Clement unterzogen, dieser hat ihm seine\nAnsichten über dasjenige, was ihm überhaupt oder doch\nfür sein Spiel undankbar erschien, und Vorschläge zu Ab-\nänderungen mitgetheilt, und danach ist in einer abgeson-\nderten Zeile unter der Partitur die Solostimme in neuer\nFassung geschrieben, welche durchgehends die Rücksicht\nauf den praktischen Geiger offenbart, der die grössten\nEffecte mit möglichster Sicherheit, also mit der bequem-\nsten, der Natur des Instrumentes und der Weise seines\nSpiels am meisten angepassten Technik zu erreichen\nwünschte. Dass Beethoven Clement so weit nachgab, ist\nein neuer Beweis dafür, dass er viel auf ihn hielt, und so\nwie es nun umgeschrieben wurde, mag das Concert wohl\nvorgetragen worden sein. Als es aber zur Herausgabe\nkam, hat Beethoven doch Bedenken gefühlt, die Clement'-\nschen Varianten alle gut zu heissen, und desshalb in einer\nneuen Zeile oberhalb der Partitur eine dritte Redaction\nniedergeschrieben, weiche zum Theil die ursprünglichen\nIdeen wieder aufnimmt, zum Theil die zweite Bearbeitung\nbenutzt, dann aber auch ganz neue Aenderungen einführt.\nMan könnte nun allerdings zweifelhaft sein, welche Re-\ndaction die eigentlich berechtigte sei; allein da die unter\nBeethoven's Aufsicht gedruckte, von ihm selbst corrigirte\nAusgabe vorliegt, welche sich der zuletzt erwähnten Ge-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "101", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640326-01.1.5", "texte": "staltung anscbliesst, so bleibt es nicht zweifelhaft, dass\ndies die von Beethoven endgültig festgestellte Form sei\nund die anderen Bearbeitungen nur ein historisches In-\nteresse beanspruchen können.\"\nDie Energie, mit welcher die Ausgabe betrieben wird*\nist beispiellos bei einem so reichen Sammelwerke. Von\nden 264 Nummern des Ganzen sind binnen zwei Jah-\nren bereits 212 erschienen. Darunter für Orchester die\nersten acht Sinfoniee'n, die Schlacht bei Vittoria und die\nEgmont-Musik, die eilf Ouvertüren vollständig, das Violin-\nConcert, die Violin-Quintette, Quartette und Trio's, die\nClavier-Concerte mit Orchester (als Anbang die Cadenzen\nvon Beethoven dazu), die Pianoforte-Musik mit Begleitung\nund für Pianoforte solo Alles vollständig. Auch „Chri-\nstus am Oelberge\" und die Oper „Fidelio\" sind erschie-\nnen. Eine so rasche Verlagsförderung ist in der That noch\nniemals da gewesen. Sie ist bei einer zugleich so treffli-\nchen Ausstattung allein schon eine gar grosse Empfehlung\ndieser Beethoven-Ausgabe, welche, wenn man vollends\nnoch ihre inneren Vorzüge erwägt, unstreitig den ersten\nRang vor allen übrigen behaupten wird.\n\nL. B.\n\nDie Musik und das Publicum.\nSo heisst ein Vortrag, den Ferdinand Hiller, der\nAufforderung des Freiwilligen-Vereins hier in Köln ent-\nsprechend, zu Gunsten der Veteranen von 1813 —lBl5\ngehalten und dem Druck übergeben hat*). Das Thema,\ndas der grosse Tonkünstler gewählt hat und in seinem\ngeistreichen Feuilleton-Stile bespricht, verdiente allerdings,\nwie er sagt, eine ausführliche und eingehende Behand-\nlung, welche „die Culturvölker in ihrem Verhältnisse\nzur Tonkunst in den Haupt-Perioden ihrer geschicht-\nlichen Entwicklung und in der Gegenwart\" zum Gegen-\nstande haben würde. Zu einer solchen anzuregen, be-\nstimmte, neben dern Wunsche einer grossen Anzahl von\nFreunden, ihn hauptsächlich, diese Bogen der Oeffentlich-\nkeit zu übergeben. Sie enthalten für diesen Zweck in-\nteressante Beobachtungen und Andeutungen, die vielleicht\nnicht überall rein objectiv gehalten sind, aber gerade da-\ndurch, dass ein Musiker von Hiller's Stellung in der Kunst-\nwelt seine Ansichten über das Verhältniss des Publicums\nzur Kunst ausspricht, um so anziehender sind. Bei den\nBeurtheilungen des deutschen Publicums, die allerdings\nsehr viel Wahres enthalten, wird der Leser indess auch\nmanche Fragezeichen an den Rand schreiben, z. B. da,\nwo uns die Vorliebe für die Ausstattungs-Oper vorgewor-\nfen wird, während doch die ganze neuere Spectakel-Oper\nin Paris Ursprung und fortwährende Herrschaft hat, oder\nauch da, wo der Mangel einer patriotischen Theilnahnae\nan seinen Künstlern bei dem deutschen Publicum getadelt\nwird, nämlich einer solchen, welche zu immer neuen Schö-\npfungen anregt, während doch keine Aristokratie irgend\neines Volkes mehr in dieser Beziehung gethan hat, als\nz. ß. die österreichische Haydn, Mozart und Beethoven\ngegenüber. Und wie steht es denn in Frankreich um die\nvierundachtzig Componisten, die Adresse\nan den Kaiser unterschrieben haben? Wie viele davon\nwerden denn durch die patriotische Theilnahme an der\nKunst gehoben oder auch nur gehalten? Und Berlioz zum\nBeispiele und Andere, die wir nicht nennen mögen?\nDoch da das interessante fliegende Blatt sehr bald in\naller Welt lländen sein wird, so brechen wir ab und thei-\nlen lieber die aus lebendigster Anschauung geschöpften\nBemerkungen über das Publicum in Italien mit. Nach\nLesung dieses Bruchstückes wird Jeder nach dem Ganzen\nverlangen.\n„Sehen wir uns die Scala, eines der grössten Opern-\nhäuser der Welt, an am Tage der ersten Aufführung eines\nDramma lirico. Die prachtvollen Räume sind aufs glän-\nzendste erleuchtet und zum Brechen voll, die schönen\nLombardinnen erscheinen in reichsten Toiletten, das Text-\nbuch ist in Aller Händen, das Orchester beginnt und laut-\nlose Stille tritt ein. Der Vorhang geht in die Höhe, eine\nrauschende Beifallssalve erdröhnt. „ „Was geht vor?\"\"\nfragt der Fremde verwundert. „ „Die Decoration ist ge-\nlungen\" \", wird ihm erwiedert. Heute müssen alleCostume\nund Decorationen neu und schön sein. Der Einleitungs-\nChor ist vorüber, es wird gezischt. Die Prima-Donna er-\nscheint, sie ist eine gefeierte, geliebte Sängerin, ein Bei-\nfallssturm bricht los. Das Adagio ihrer Arie ist matt\ndüsteres Schweigen, das Allegro, leidlich brillant wird\nbeklatscht. Der Tenor tritt auf; er singt das Recitativ zu\ntief es wird arg gezischt; bei einer schönen Gesanges-\nstelle, die darauf folgt, erhebt er sich mit dem Compo-\nnisten und wird durch reichlichen Applaus gelohnt. Ein\ngrosser Ensemblesatz im Finale wirkt mächtig und ergrei-\nfend, und ein endloses Klatschen, Bravo-Rufen und was\ndergleichen mehr belohnen den Maestro und die Ausüben-\nden. Wehe aber, wenn die Sache schief geht, wenn die\nSänger detoniren, wenn die Musik langweilt! Der brau-\nsendste Orkan ist nichts gegen ein grossartiges Fiasco in\nder Scala. Man pfeift, man zischt, man kräht, man miaut,\nund der Sturm ist nur dadurch zu beendigen, dass der\nhinter der Coulisse weilende Polizei-Commissar den Befehl\ngibt, den Vorhang fallen zu lassen. Die elementaren Aus-\ndrücke des Missfallens hören dann auf, aber man begreift\n\n*) Köln, 1864, M. DuMont-Schauberg'sche Buchhandlung. 34\nS. gr. 8."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "102", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640326-01.1.6", "texte": "kaum, wie die allgemeinen lauten Erörterungen, die nun\nbeginnen, den Einzelnen noch Verständigung ermöglichen.\n„Das Frappante bei den Aeusserungen eines italiäni-\nschen Publicums ist weniger deren Vehemenz, welche sich\nauch bei minder lebhaften Völkern findet, als deren schnelle\nund einmüthige Explosion und vor Allem das Bedürfniss\nder unmittelbaren Kundgebung des Wohlgefallens sowohl\nals des Missfallens. Ruhige Ergebung in die Langeweile\nist dem Italiäner unmöglich, aber eben so wenig stille\nHinnahme dessen, was ihn erfreut. Er verlangt starke,\nheftige Eindrücke und in deren Ermangelung mindestens\nsinnlichen Reiz. Wird ihm geboten, was er begehrt, so\nist er enthusiastisch dankbar, im entgegengesetzten Falle\nsetzt er sich gleichsam zur Wehr und vertheidigt sein gu-\ntes Recht mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln. Und\nin den Ansprüchen, die sie machen, wenn sie ins Theater\ngehen, sind die Italiäner vollkommen einig unter einander\nder Musiker, der Kenner, der Laie, sie unterscheiden\nsich nur durch den grösseren oder geringsten Grad des\nWissens und Könnens, nicht in ihren Grundanschauungen\nüber die Kunst. Die Kritik erläutert dem Publicum seine\neigenen instinctiven Aussprüche, nur in den seltensten Fäl-\nlen lehnt sie sich gegen dieselben auf. Der Musiker ver-\ndammt ohne viel Federlesens, was das Publicum nicht\ngelten lässt; der Componist, der Fiasco gemacht, verhüllt\nsein Antlitz, sucht einen guten Witz und das nächste Mal\neine effectvollere Oper zu machen, und der Sänger der\nhat freilich immer und überall Recht, aber er reist ab\nund versucht wo anders sein Heil.\n„Dass es trotz jener spontanen Beurtheilungsweise\nvorkommt, dass das Schicksal einer Oper sich erst nach\nzwei, drei Vorstellungen entscheidet, dass dasselbe Publi-\ncum sich auch wohl einmal spaltet in Parteien für und\ngegen eine Assoluta, für oder gegen einen Maestro, das\nversteht sich von selbst aber die Seltenheit der Aus-\nnahmen bestätigt die Regel und die Leidenschaft beim\nFür und Wider bleibt überall dieselbe.\n„Der Italiäner hat unbestreitbar von Natur aus ein\nsehr feines, scharfes Ohr für Schönheit und Reinheit des\nKlanges. Ein falscher oder hässlicher Ton bereitet ihm\neinen physischen Schmerz, den er äussert, während es\nbeim Deutschen schon sehr arg kommen muss, bis er der-\ngleichen merkt [?], oder es wenigstens merken lässt, dass er es\nmerkt. Der Italiäner hat ferner ein schnell fassendes, vor-\ntreffliches Gedächtniss für Melodie und Poesie, und schon\nnach der ersten Aufführung einer Oper erklingen die\nStrassen von allen Gesängen, die halbwegs sangbar. Das\nSummen populär gewordener Melodieen ohne Worte\nkennt er kaum, und keine Köchin wird die Casta diva\nmurmeln, ohne die an die keusche Göttin gerichteten Verse\ndabei auszusprechen. Ueberhaupt ist er in dem magischen\nKreise, den seine Oper um ihn gezogen, ganz und gar zu\nHause. Aber es wird ihm schwer, ja, fast unmöglich, aus\nihm Herauszutreten.\n„Es liegt meiner heutigen Aufgabe fern, mich über\ndie italiänische Musik auszusprechen. Dass die italiänische\nOper seit ein paar Jahrhunderten die weitverbreitetste\nHerrschaft ausgeübt hat und noch immer ausübt, ist nicht\nzu bestreiten. Ihre Mängel und ihre Vorzüge tragen hierzu\ngleich viel bei. In Deutschland werden italiänische Opern\neben so scharf getadelt, als gern gehört. Man wird dabei\nan einen Ausspruch des Mephistopheles erinnert. Sicher\nist, dass die Italiäner, wenn sie ihre Musik hörten, wie sie\nmeistentheils bei uns aufgeführt wird, die Ersten sein wür-\nden, sie auszupfeifen.\n„Man hat dem italiänischen Publicum oft vorgewor-\nfen, es benutze das Theater eigentlich nur zur Conversa-\ntion und mache sich im Grunde nichts aus der Musik. Ge-\ngen diese Ansicht muss jeder protestiren, der die italiäni-\nsche Opernbühne durch eigene Anschauung kennen gelernt\nhat; aber freilich sind die Grundbedingungen derselben\ntotal verschieden von denen aller anderen lyrischen Länder.\nNur eine derselben will ich berühren. Die Anzahl der\nOpern, welche während einer so genannten Stagione, die\nhöchstens einige Monate dauert, gegeben werden, ist eine\nbeschränkte; haben sie einmal die Feuerprobe bestanden,\nso werden sie fortwährend wiederholt. Während der er-\nsten Aufführungen hat sich das Publicum mit Text und\nMusik aufs genaueste bekannt gemacht, die Stücke und\nStellen, welche gefallen, haben sich festgestellt und wer-\nden nun jeden Abend mit gleicher Aufmerksamkeit ange-\nhört, mit gleichem Beifalle belohnt. Der Rest ist Schwei-\ngen oder vielmehr Plaudern, was indess bei der Bauart\nder italiänischen Bühnen, auf die ich hier nicht näher ein-\ngehen kann., lange nicht so störend wirkt, als es in unse-\nren Theatern der Fall sein würde. Dass aber der Italiä-\nner eine Oper, welche ihm zusagt, innerhalb weniger Mo-\nnate so oft geniessen mag, als die Bewohner der gemässig-\nten Zonen ihre Lieblingswerke in ihrem ganzen Leben\nkaum hören, das muss doch von Rechts wegen jeder zu\nwürdigen wissen, der leidenschaftliche Liebe höher stellt\nals zarte Galanterie.\n„Der Concertsaal spielt in Italien noch immer eine\nsehr untergeordnete Rolle. Die deutsche Instrumental-Mu-\nsik, die einzige, die es eigentlich gibt, tritt nur sporadisch\nauf und könnte in den grossen Theatern auch zu keiner\nWirkung gelangen. Concerte, welche in denselben Statt\nfinden, sind meistentheils aus beliebten Opernstücken zu-\nsammengesetzt, welche aber nicht im Frack und weisser\nHalsbinde und von Seiten der Sängerinnen im Ballanzuge,"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "103", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640326-01.1.7", "texte": "sondern im Costume, nicht heruntergesungen, sondern\ndramatisch dargestellt werden. Instrumental-Virtuosen (und\nItalien hat deren bekanntlich eminente, besonders auf den\nSaiten-Instrumenten) lassen sich auch meistentheils im\nTheater hören und können, wenn sie durchschlagen, viel-\nmals hinter einander auftreten. Bekanntlich hat Paganini\nden bei Weitem grössten Theil seines Lebens concertirend\nin seinem Vaterlande zugebracht. Aber die eigentliche\nmusicalische Lebenssphäre des Italiäners ist und bleibt der\nGesang, und zwar in dramatischem Gewände, so wenig\nman seine musicalische Dramatik bei uns gelten lassen will.\n„Das Charakteristische am italiänischen Publicum ist,\ndass es eben im vollsten Sinne des Wortes ein Publicum\nist. Was seine Componisten und Sänger ihm bieten, ist an\ndas ganze Volk gerichtet und wird auch vom ganzen Volke\ngerichtet. Es gibt in Italien keine Oper für bevorzugte\nClassen, keine musicalischen Aufführungen für gebildete\nStände. Die guten und schlimmen Consequenzen für die\nKunst sind daraus leicht zu ziehen.\"\n\nNeuntes Gesellschafts-Concert in Köln im Gürzenich,\nunter Leitung des städtischen Capellmeisters, Herrn\nFerdinand Hiller,\nSonntag, den 20. März 1864.\nAuch in diesem Jahre wurde, wie im vorigen, der Palmsonn-\ntag-Abend durch die Aufführung der grossen Passion von Job.\nSeb. Bach nach dem Evangelium des Matthäus gefeiert.\nWiewohl hier in Köln binnen wenigen Jahren diese Auffüh-\nrung der eben so herrlichen ah ausserordentlichen und dem Zeit-\ngeschmacke schroff entgegenstehenden Musik die fünfte war, so wa-\nren doch die abonnementsfreien Plätze im Saale schon am Samstag\nausverkauft, und Hunderte von Zuhörern füllten ausserdem bei der\nAufführung die grosse, rings um den Saal gehende Galerie. Auch\nviele Musiker und Kunstfreunde aus der Nähe und selbst aus Bel-\ngien und Holland hatten sich eingefunden. Die Versammlung war\ndemnach sehr zahlreich und glänzend, die Anziehungskraft des ge-\nwaltigen Werkes bewährte sich von Neuem, und zwar nicht bloss'\nim Herbeiströmen, sondern auch in der aufmerksamen, gespannten\nund andächtigen Theilnahme der Zuhörer von Anfang bis zu Ende.\nGebt nur das wahrhaft Gute und Schöne, so bricht es sich schon\nBahn, wie die Erfahrung es in unserem Rheinlande zeigt; denn eben\nso gefüllt, wie in Köln, waren auch die Concertsäle in Aachen\nund Barmen, wo in diesen Tagen dieselbe Passionsmusik aufge-\nführt wurde.\nDie hiesige Aufführung war im Ganzen genommen eine gute\nzu nennen; es wird aber bei den ungewöhnlichen Schwierigkeiten\ndieses Werkes sich schwerlich erreichen lassen, dass jede Ausfüh-\nrung desselben auf gleicher Stufe der Vollkommenheit steht. So\nschienen uns denn auch in der diesjährigen und vorjährigen die\nChöre nicht die Präcision und namentlich nicht den hohen Schwung\nerreicht zu haben, der sie unzweifelhaft in den früheren Jahren aus-\nzeichnete. Es gehören Muth und Ausdauer von Seiten des Dirigen-\nten dazu, unter den schwierigen Verhältnissen, die bei allen Dilet-\ntanten-Vereinen obwalten, die Begeisterung für die gute Sache nicht\nzu verlieren, und desshalb sollten Pünktlichkeit und Ausdauer ihm\nvon allen Seiten freudig entgegenkommen, denn ohne diese lässt\nsich die \\ ersclimelzung so vieler Bestandteile zu einem harmoni-\nschen Ganzen nicht zu Stande bringen.\nVon den Solo-Partieen waren die beiden tieferen, Alt und Bass.\nam besten durch Fräulein Schreck iwul Herrn Karl Hill besetzt.\nFiäulein Schreck sind wir, abgesehen von ihrer trefflichen Leistung,\nnoch ganz besonderen Dank dafür schuldig, dass sie die Partie\nüberhaupt nur übernahm, da sie erst am Sonntag Vormittag in Bar-\nmen (wo sie 1 ags vorher gesungen) die Aufforderung der hiesigen\nDiiection ei hielt, lür t räulem Auguste Götze aus Leipzig einzu-\ntreten, welche, schon unwohl hier angekommen, am Morgen wegen\nvollständiger Heiserkeit darauf verzichten musste, am Abend zu\nsingen. Fräulein Schreck hatte die grosse Freundlichkeit, der drin-\ngenden Einladung zu folgen, kam an, fuhr vom Bahnhofe ins Con-\ncert, wo sie bei ihrem Eintreten in den Saal mit rauschendem Ap-\nplaus empfangen wurde, und führte ihre Partie als gewiegte Künst-\nlerin vortrefflich durch. Die herrliche Arie mit der Solo-Violine\n(Herr von Königslöw) ging so schön, als wäre sie mehrere Male\nprobirt worden. Man kann, ohne zu übertreiben, sagen, dass die\ngeschätzte Sängerin einen wahren Triumph feierte. Wenn wir im\nvorigen Jahre von Herrn Hill sagten, dass die Partie des Christus\nmit der Zeit zu seinen besten zählen würde, so hat sein Gesang\nam vergangenen Sonntage bewiesen, dass er diese Prophezeiung be-\nreits wahr gemacht hat, indem mit seiner schönen Stimme der rich-\ntig gedachte und mit edlem Wohllaut ausgeführte Vortrag sich ver-\nbunden hat, so dass er im Ausdruck dem Ideale so nahe kam, wie\nnach Stockhausen wohl kein anderer Sänger unserer Zeit es errei-\nchen dürfte. Herr Otto aus Berlin sang den Evangelisten mit Vei-\nständniss, allein seine Stimme reicht zu der Partie nicht mehr aus;\nfast alle hohen Noten derselben hatte er punktirt, wodurch sie etark\nalterirt wurde, und wo jene unverändert geblieben waren, vermoch-\nten die natürlichen Mittel nicht, dem gewollten Ausdrucke gerecht\nzu werden.\nWenn wir die Ausführung der Sopran-Partie, welche dem Fräu-\nlein Elise kempe 1 aus Hamm anvertraut war, zuletzt erwähnen,\nso geschieht es nur, um die musicalischen Kreise ganz besonders\naufmerksam zu machen auf die neue Erscheinung dieser jungen\nSängerin, welche eine sehn klangvolle, weiche und dabei für die\ngrössten Räume hinreichend ausgiebige Btimme besitzt und durch\nreine Intonation und correcten Vortrag den Beruf, bei fortgesetzten\nStudien eine sehr gute Oratorien-Sängerin zu werden, überzeugend\nbekundet hat. Wir können ihr zu ihrem Debüt in einer so schwie-\nrigen Partie aufrichtig Glück wünschen.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\n14olil« In Crefeld wohnten wir in voriger Woche einer\nVorstellung von Lortzing's „Czaar und Zimmermann\" in dem dorti-\ngen zwar kleinen, aber recht hübsch ausgestatteten Theater bei,\nwelche auf das erfreulichste bestätigte, dass die Vereinigung der\ndortigen Dilettanten zum Zwecke von Opern-Aufführungen, wie sie\nbereits seit einigen Jahren besteht (vgl. den Jahrgang 1803 d. 81.,\nS. 157), nicht bloss einer vorübergehenden Lust und Laune ihr\nEntstehen verdankt, sondern in der Kunstliebe und einer dieser\nLiebe entsprechenden musicalischen Bildung der Betheiligten die\nBürgschaft ihrer Fortdauer findet. Durch diese Vorstellungen feiert\ndie Musik zugleich den Triumph, dass sie, wenn auch nicht wie\nzu Orpheus' und Tamino's Zeit Löwen bändigt und Wald und Fels\nbewegt, doch die Schranken hinwegräumt, welche Vorurtheil und\nsteife Gesellschafts-Etiquette so häufig dem Aufleben künstlerischer\nVereine entgegenstellen, indem sie sie fern von den mit Bann be-\nlegten Brettern halten, welche die Welt bedeuten. Es hat einen\nganz besonderen Reiz und bietet eine sehr angenehme Ueberraschung"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "104", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640326-01.1.8", "texte": "dar, wenn man bei solcher Gelegenheit zu Crefeld im Theater in-\nmitten eines sehr gewählten Publicums sitzt, das alle Plätze füllt\nund mithin durch die That zeigt, wie empfänglich es für solche\nBestrebungen ist und wie gern es sie unterstützt, und dann zugleich\nauf der Bühne einen Chor nicht nur von jungen Männern, sondern\nauch von jungen Damen aus den besten Familien erblickt, die in\nfeinen und geschmackvollen Costümen erscheinen und mit einer Un-\ngezwungenheit sich bewegen und mit einer von frischen Stimmen\nunterstützten Sicherheit singen, dass man darüber erstaunen muss.\nWenn der crefelder Chor in Oratorien vortrefflich ist und noch neu-\nlich durch die Aufführung von Händers „Josua\", welche Ferdinand\nHiller aus Gefälligkeit für den leider erkrankten Musik-Director\nHerrn Wolf dirigirte, unseren Herrn Capellmeister gar sehr befrie-\ndigt hat, so bekundet er in den theatralischen Vorstellungen eine\nVielseitigkeit und Anstelligkeit, die man selten bei ähnlichen Ver-\neinen findet. Aber auch alle Rollen waren, mit Ausnahme des Bür-\ngermeisters von Saardam, den Herr van Gülpen vom kölner Stadt-\ntheater gab, durch crefelder Dilettanten besetzt, und selbst an einem\nMatrosen-Ballette im letzten Acte fehlte es nicht. Wenn die beiden\nPeter ihre Rollen in Gesang und Spiel recht wacker durchführten\nund auch die Herren Gesandten der fremden Mächte befriedigten,\nso ragte doch Fräulein Maria Büschgens, die sich schon als\nConcertsängerin einen Namen gemacht hat, nicht bloss durch ihren\nGesang, sondern auch durch ein ganz allerliebstes Spiel, welches\nein sehr bedeutendes Tbeatertalent offenbarte, über alle Anderen\nhervor. Sie würde die Rolle der Marie auch auf grossen Bühnen mit\ndemselben Beifalle geben, der ihr hier zu Theil wurde. L. B.\njTlaimlieiiti, 18. März. Die dritte musicalische Aka-\ndemie des Hoforchesters unter der Leitung des Hof-Capellmeisters\nHerrn Vinc. Lachner fand am 15. d. Mts. Statt. Sie brachte in\nder ersten Abtheilung Schuberts grosse O-dwr-Sinfonie; in der\nzweiten „Die Flucht nach Aegypten\", Gedicht von Eichendorf, Mu-\nsik für Chor und Orchester von Max Bruch (mit grossem Beifall\naufgenommen), ein Violoncell-Concert von Goltermann, von Herrn\nC. Kündinger gut vorgetragen, Doppel-Concert für Violine und\nViola von Mozart, sehr gut ausgeführt von den Herren Naret-\nKoning und Mayer, Bass-Arie aus „Elias\", ganz\nvorzüglich gesungen von Herrn Haus er aus Karlsruhe, der auch\nnoch F. Schubert's „Frühlingsglaube\" und »Wohin?\" vortrefflich\nvortrug und das letztere Lied da capo singen musste* Den Schluss\nmachte Mozart1 s Ave verum. Es war ein genussreicher Abend.\n** Iffaiuilieiiii, 20. März. Am 16. d. Mts. wohnten wir\neinem Concerte in Worms bei, welches der dortige Musik-Director\nHerr Ed. Steinwarz zu seinem Benefiz gab. Es begann mit\nGluck's Ouvertüre zur Iphigenie in Aulis, die nach Verhältniss\nder mässigen Orchesterkräfte ganz anständig ausgeführt wurde. Von\nVocalsachen hörten wir Mendelssohn's Hymne: „O könnt' ich\nfliegen\", Scenen aus Schumann's „Der Rose Pilgerfahrt\" und einige\nSolo-Gesangstücke durch Herrn G. Becker vom hiesigen Hofthea-\nter. Dazwischen spielte Herr Concertmeister Naret-Koning von\nhier den ersten Satz von Beethoven's Violin-Concert und in der\nzweiten Abtheilung das Andante und Scherzo aus Vieuxtemps'\nganz ausgezeichnet. Der Chor zeichnete sich durch\ndie Frische der Stimmen, schönen Gesammtklang, Präcision und\nfeine Nuancirung sehr vortheilhaft aus; besonders letzteres ist eine\nEigenschaft, die man oft bei vielen Singvereinen schmerzlich ver-\nmisst. Die schöne Leistung des Chors in dieser kleinen Stadt gab\nein beredtes Zeugniss von dem Ernste und der Tüchtigkeit des Mu-\nsik-Directors Ed. Steinwarz, dessen Sorgsamkeit in der Zusammen-\nstellung der dortigen Concert-Programme noch besondere Anerken-\nnung verdient.\nStlittgart« Aus dem Rechenschafts-Bericht des Ausschusses\ndes Vereins für classische Kirchenmusik in Stuttgart für das Jahr\n1863 —64 geht hervor, dass in dem abgelaufenen Jahre fünf (vier\nordentliche und eine ausserordentliche) Aufführungen Statt fanden,\nund zwar drei mit grossem Orchester, nämlich: 1) am Charfreitag\nden -3. April 1863 in der Stiftskirche: die grosse Passionsmusik\nnach dem Evangelisten Matthäus von J. Seb. Bach, unter gefälliger\nMitwirkung von Frau Rauch-Wernau, Fräulein Marschalk, Herren\nA. Jäger und Scliütky, der k. Hofcapelle und unter Verstärkung\ndes Chors durch hiesige Gesangskräfte; 2) am 22. September 1863\nin der Stiftskirche: die grosse Messe in D-dur von Beethoven, un-\nter gefälliger Mitwirkung von Frau Jäger, geb. Schröder, Fräulein\nMarschalk, Herren A. Jäger und Scliütky und der k. Hofcapelle;\n3) am 29. September 1863 ebendaselbst: Wiederholung dieser Auf-\nführung; 4) am 24. November 1863 in der Leonhardskirche: Phan-\ntasie (C-moll) für die Orgel von Seb. Bach; Choräle: „Herzlich\nlieb hab1 ich dich\" von Calvisius, „0 Lamm Gottes\" von Eccard,\n„Wachet auf\" von Prätorius, „Ach, wie weh ist meinem Herzen\"\nvon Prätorius, „Freuet euch des Herrn\" von Schütz, „Komm, heil'-\nger Geist, dein' Hülf' uns leist'\" von Stobäus, „Herzliebster Jesu\"\nvon Crüger, „Es ist genug\" von Ahle, „Ich weiss, dass mein Erlö-\nser lebt\" von Joh. Michael Bach, „Gottlob, es geht nunmehr zu\nEnde\" von Joh. Seb. Bach; Lieder: „Mein' Augen schliess' ich\njetzt\" von Löwenstern, „Lasset uns den Herrn preisen\" von Schop,\n„Jesus neigt sein Haupt\" von Franck, „Seelenbräutigam\" von Drese;\nArie: „Mein gläubiges Herze\" von Joh. Seb. Bach; Choral: „Da\nJesus an dem Kreuze stand\", für die Orgel bearbeitet von Scheidt;\n5) am 10. Februar 1864 in der Leonhardtkirche: Präludium und\n* uge (D-dur) für die Orgel von Joh. Seb. Bach u. s. w. (s. Nr. 10\nd. Bl.). Ausserdem war die Thätigkeit des Chors auch durch Mit-\nwirkung bei sieben Aufführungen ausserhalb unseres Vereins in An-\nspruch genommen. Die Anzahl der Vereins-Mitglieder ist von 326\nauf 378 gestiegen, darunter 60 mit Familienkarten zu 4, 227 mit\nFamilienkarten zu 3 Personen und 91 Einzelne (zu 5 Fl., 4 Fl.\nund 2 Fl. 42 Kr. jährlichen Beiträgen)."}]}