{"numero_id": "bm-bmtnabi-1864-04-23-01", "volume": "bmtnabi_1864-04-23_01", "ocr_sha256": "67b9a3ffc5aaaef999d5241a3090181563fa5b60b70bc4e300e21a6df599acf7", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1864/04/23_01/bmtnabi_1864-04-23_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640423-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1864-04-23-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1864-04-23_01#c001", "volume": "bmtnabi_1864-04-23_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "129", "page_fin": "129", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640423-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "129", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640423-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 501, "texte": "Inhalt.\nBiographie universelle des Musiciens. P.ar F. J. Fetis. I. (Liszt. Lassus. Franz Comraer: Selectio Modorum ab Orlando\ndi Lasso compositorum.) Von L. B. Dr. d'Alquen f. Von L. B. Kurze Anzeigen (Wilhelm Hülle, Op. *2, Sieben leichte zwei-\nstimmige Lieder mit Clavier-Begleitung; Op. 3, Fünf Gedichte für'eine Singstimme mit Clavier-Begleitung). 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Band der neuen\nAuflage dieses Werkes, des Denkmals einer riesigen Ar-\nbeitskraft und einer unverwüstlichen geistigen Frische,\nanzeigen konnten, welcher die Namen Gibbons bis Ka-\nzynski enthielt, so hat die energische Ausführung des\nGanzen durch eine fast beispiellose Thätigkeit des Ver-\nfassers und der Verlagshandlung (Firmin Didot Freres,\nfils Sf Co. in Paris) seitdem wieder zwei starke Bände von\n480 und 496 Seiten in gr. 8., mit 56 Doppelzeilen auf\njeder Seite, zu Tage gefördert. Der V. Band umfasst die\nTonkünstler-Namen von Kechlina bis G. H. Martini,\nder VI. Band von Pater J. B. Martini bis Perolle.\nUeber den consequent durchgeführten Plan des Se-\nniors der musicalischen Schriftsteller in Europa bei diesem\nWerke, über seinen erstaunlichen Fleiss, seine Betrach-\ntungsweise der Kunst und den individuellen Charakter\nseiner Beurtheilungen u. s. w. haben wir schon früher oft\ngesprochen (zuletzt in Nr. 1 vom Jahrgange 1863), und\nhaben nach genauer Durchsicht der beiden letzten Bände\nnur nochmals zu bestätigen, dass eine Menge von Artikeln,\nund zwar meist über die bedeutendsten Namen, eine gänz-\nliche Umarbeitung durch neue Forschungen in Bezug auf\ndie Lebens-Umstände aller Tonkünstler und durch voll-\nständige Verfolgung der Entwicklung und Werklhätigkeit\nder Zeitgenossen erfahren haben. So sagt F£tis z. B. im\nArtikel „Franz Liszt\": „Liszt, einer der ausserordent-\nlichsten Künstler unserer Zeit, ist in der ersten Ausgabe\ndieser Biographie nur in Beziehung auf sein Talent als\nPianist besprochen worden; seitdem sind zweiundzwanzig\nJahre vergangen, während welcher sich Liszt eine neue\nLaufbahn eröffnet hat, und ich habe jetzt nicht nur von\nden Wundern seiner Virtuostität zu reden, sondern auch\nvon seinem Wirken als Capellmeister und Dirigent und\nvon seinen Versuchen einer Reform der symphonischen\nMusik. Auch seine schriftstellerische Thätigkeit habe ich\nzu berücksichtigen, denn seine kräftige geistige Organisa-\ntion hat die Kunst in allen Beziehungen umfasst.\"\nWie lautet nun das Urlheil des conservaliven Kritikers\nüber die Thätigkeit Liszt's in den letzten Jahrzehenden?\nWir wollen den neugierigen Lesern einige Proben davon\ngeben.\n„Es würde schwer sein, eine erschöpfende Vorstel-\nlung von den Mühen, der Geduld, der inneren Ueberzeu-\ngungskraft zu geben, welche Liszt besass und anwandle,\num eine möglichst befriedigende Ausführung jenes Chaos\nvon combinirten Klangwirkungen zu erreichen, welche\nWagner's Lohengrin darbietet. Aber Liszt brachte nicht\nnur gute Aufführungen vom Tannhäuser und Lohengrin\nzu Stande, sondern er gab ihnen durch eigene Broschüren\nund durch seinen Einlluss auf viele Journale einen euro-\npäischen Wiederhall. Dadurch bildete er eine Partei für\ndiese seltsamen Dramen, denn alles Excenlrische findet\nstets seine Anhänger, was bei diesem Gegenstande um so\nerklärlicher war, da der Geist eines neuen politischen Le-\nbens in Deutschland dabei grossen Einlluss hatte. Von da\nan rührt alles her, was darüber gesagt und geschrieben\nworden ist und wahrscheinlich noch eine Zeit lang geschrie-\nben werden wird, bis das Vergessensein kommt, in das\nschon so Vieles, worüber man zu verschiedenen Zeiten\ngrossen Lärm geschlagen hat, versunken ist.\n„Man darf aber nicht glauben, dass Liszt sich aus\nwohlüberlegtem Vorsatze zum Protector dieser Musik aul-\ngeworfen habe: er hat zu jeder Zeit Sinn und Neigung\nfür Revolutionen in der Kunst gehabt. Trotzdem, dass er\nder einfachen Schönheit der classisch gewordenen Meister\nhuldigt, hat er sich doch die Ueberzeugung gebildet, dass"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "130", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640423-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5424, "texte": "die Zeit der Einfachheit vorüber sei, und Neuheit der Mittel\nund Formen scheint ihm die nothwendige Forderung der\nGegenwart zu sein. Verfolgen wir sein Leben mit Aul-\nP O\nmerksamkeit, so werden wir sehen, dass er immer unter\nder Herrschaft dieser Idee gestanden hat. In seiner Jugend\nschuf er durch seine furchtbare Technik das Ciavier zu\neinem vollständigen Orchester um und brachte auf ihm\nEffecte hervor, die man vor ihm geradezu für unmöglich\ngehalten hatte. Damit noch nicht zufrieden, gab es wieder\neine Zeit, wo er für die Vereinigung des Pianoforte mit\nder Orgel schwärmte und sie durch den Bau eines „ „Pia-\nno-Melodiums\"\", das Erard und Alexandre in Paris auf\nsein Andrängen zu Stande gebracht hallen, erreicht zu\nhaben glaubte.\n„Der Sinn und die Leidenschaft für das Grosse be-\nherrschen seine Organisation, sie sind das Grundprincip\nseines Talentes. Der Charakter des Grossartigen zeigt sich\nin seinen meisten Clavier-Composilionen, in seinen Etüden,\nden Annees de pelerinage, den Rhapsodieen (besonders den\nungarischen), den Paraphrasen und Illustrationen. In die-\nser Beziehung ist Liszt's Ueberlegenheit offenbar. Aber\nwie es immer geht, wenn man eine einzige Fligenschaft\nbis zum Uebermaass treibt, so hat dies auch Liszt zur\nUebertreibung verleitet und ihn zur Vernachlässigung der\nanderen gebracht, die in der Kunst und namentlich in\nWerken der Tonkunst unentbehrlich ist, und die man im\nAllgemeinen mit dem Worte „ „Reiz\"\" bezeichnen kann.\nDie einfache Melodie liegt nicht in seiner Natur, der Ge-\nsang hat bei ihm stets etwas Hartes und Heftiges, oder\nwird durch die Harmonie verdüstert. Kommt zufällig eine\nruhige Stelle, so kann man sicher sein, dass ein Sturm\ndarauf folgt. Besonders in seinen Orchester-Compositionen,\ndie er „ „Symphonische Dichtungen\"\" nennt, ist der Man-\ngel an Reiz aulfallend: überall ist an dessen Stelle nervöse\nAufregung, die endemische Krankheit unserer Zeit, getre-\nten. Die Wahl der Gegenstände dieser Werke entspringt\naus einem Grundirrthum der gegenwärtigen Periode, wel-\ncher darin besteht, die Bestimmung der Musik zu ändern,\nindem man ihr das Gebiet des rein Idealen verschliessen\nund sie zu einer nachahmenden und malerischen Kunst\numgestalten will. Vergebens haben alle Versuche in die-\nser Richtung trotz des Talentes ihrer Urheber zu Enttäu-\nschungen geführt: es gibt immer noch Künstler, die es\nsich einreden oder die wirklich davon überzeugt sind, dass\ndiese Bahn die richtige für die Zukunft der Musik ist.\nLiszt hat mehr als jeder Andere den festen Glauben an\ndiese Zukunft. Daher denn auch die Gegenstände seiner\nsymphonischen Dichtungen (folgen die Titel derselben).\nEs ist schwer, ein peinliches Gefühl zurückzudrängen, wenn\nman in der Partitur diese gesuchten Orchester-Effecte\nliest, in die sich ein Talent verirrt, das sich ein unmög-\nlich es Ziel gesteckt hat. Um diese Räthsel zu deuten, wäre\nfür jedes Werk ein besonderes Buch, für jede Seite eine\nErklärung nöthig. In einer meiner letzten Unterredungen\nmit Liszt sagte er mir: „ „Wir haben in Deutschland eine\ngewisse Zahl von intelligenten Leuten, welche die Zukunft\nder Tonkunst begreifen und klar durchschauen. Was\ndie Dunkel und Unverständlichkeit in der\nneueren Musik nennen, ist für uns nicht vorhanden.\" \"\nNun gut: geben wir zu, dass diese modernen Oedip's sich\nstark genug fühlen, die Sphinx herauszufordern, was kön-\nnen wir daraus folgern? Dass es so fein organisirte Gei-\nster gibt, die da einen Sinn finden, wo wir keinen ent-\ndecken? Wie? handelt es sich denn um Wissen und Be-\ngriff, oder um Kunst? Scharfsinn und Intelligenz gehören\nin das Gebiet der Wissenschaft, die Kunst aber existirt\nnur unter der Bedingung, dass sie erst das Gefühl afficirt\nund dann den Verstand. Liszt hat ungeheure Anstrengun-\ngen gemacht, um auf dem Wege der Reflexion zu Resul-\ntaten zu gelangen, die unter den realistischen Voraus-\nsetzungen, die er zu Grunde legt, musicalisch zu erreichen\nnicht möglich sind. Hätte er sein Gefühl für das Schöne\nund seine Phantasie zu Hülfe genommen, so würde er\netwas ganz Anderes geliefert haben.\"\nVon gewissenhafter historischer Forschung liefert un-\nter Anderem der ausführliche Artikel über Orlandus\nLassus einen Beweis. Bekanntlich sind über dessen ur-\nsprünglichen Namen und das Jahr seiner Geburt die ver-\nschiedensten Angaben vorhanden. Felis war in der ersten\nAuflage seiner Biographie u den Angaben der\nMonographie von Del motte über Lassus gefolgt: „No-\ntice biographique sur Roland Delattre, connu sous le nom\nd'Orland de Lassus.\" Valeneiennes, 1836—welche Dehn\nin Berlin mit Anmerkungen ins Deutsche übersetzt hat:\nBerlin, 1837, 139 S. gr, 8. Hiernach hat man ange-\nnommen, dass der grosse Musiker ursprünglich Roland\nDelattre (oder de Lattre) geheissen habe. Die Aende-\nrung seines Namens und Vornamens in Orland de Las-\nsus habe er vorgenommen, „weil sein Vater als Falsch-\nmünzer verurtheilt worden sei, mit einer Kette von falschen\nMünzen um den Hals drei Mal um das Schaffot in Möns,\nseiner Geburtsstadt, zu gehen\", wesswegen Roland auch\ndas Land verlassen habe.\nSpätere Prüfungen dieser Nachricht, welche allein\nauf der Angabe einer handschriftlichen Chronik von einem\nsonst unbekannten Autor, Vinchant, die auf der Bibliothek\n%\nzu Möns von Delmotte entdeckt worden, beruht, haben in\nFetis starke Zweifel an deren Wahrheit erregt. Den\nHauptzweifel gibt ihm die bestimmte Notiz Samuel Quickel-\nberg's, eines Zeitgenossen des Lassus, in der Schrift über"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "131", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640423-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5481, "texte": "dessen Leben, düss Lussus, sils er Copcllmeistcr zu Sonct\nJohann vom Lateran in Horn war, eine Reise nach Möns\ngemacht habe, um seine kranken Eltern zu besuchen. In\ndei hohen Stellung, welche Lassus in Horn einnahm,\nwürde er wahrlich, wenn er Ursache gehabt hätte, sich\nseiner Geburt zu schämen, nicht diese Heise unternommen\nhaben. Ferner steht fest, dass er, als ihn Ferdinand von\nGonzaga von Möns mit nach Italien nahm, erst zwölf\nJahre alt war, ein Alter, in welchem von einem Knaben\nschwerlich der Lnlschluss, seinen Namen zu ändern, ge-\nlasst werden kann. Wenn Quickelberg auch 1530 an-\nstatt 1520 für das Geburtsjahr Orlando's angibt, so kann\ndas seine Autorität nicht schwächen, da diese Zahl zwar\nhäufig nachgeschrieben, aber auch schon als ein Druck-\nfehler bezeichnet worden ist*).\nIn Italien kannte man den grossen Meister nur unter\ndem Namen Orlando Lasso,oder und\nso heisst er auch auf allen seinen zu Venedig gedruckten\nWerken. Er selbst hat sich in allen Vorreden, authenti-\nschen Acten und eigenhändigen Briefen Lassus unter-\nzeichnet, eben so seine Söhne, Enkel und Nachkommen\nbis ins fünfte Glied-, wie die Stammtafel seiner Familie bei\nDelmotte nachweist.\nUnsere eigene Meinung über die Sache ist folgende.\nLassus und Lasso sind jedenfalls jener ein latinisirtcr, die-\nser ein italianisirter Name: es bleibt also nach Abstreifung\nder Iremden Endsylbe der Stamm Lass, oder Lasse,\noder Lasse übrig. Nun findet sich in der That bei fran-\nzösischen Schriftstellern, auch nach Fetis' eigener Angabe,\ndass Lassus lioland Lasse geheissen und seinen Namen\nnur nach der Sitte der Zeit latinisirt habe**). Noch mehr\naber als das gilt uns die Grabschrift seiner Frau Regina\nWeckinger: „Im Jahre der Gnade 1600 den 5. Juni\nstarb die hochedle und tugendsame Frau Regina de\nLassiii, Witwe von Orlandus de Lassus\" u. s. w. und\naus Delmotte und Dehn ersehen wir, dass diese Dame in\nden Patenten, die sie von dem Herzoge von Baiern erhal-\nten, ölter die Lassin genannt wird und sich auch so un-\nterzeichnet hat. Dies ist aber nichts Anderes, als die bis\nin den Anfang unseres Jahrhunderts gewöhnliche deutsche\nweibliche Form des Mannsnamens. Die Bezeichnung der\nGattin durch Frau oder Madame N. N. kannte man nicht,\nund selbst wenn der Vorname nach unserer Sitte die Sache\ndeutlich machte, so liess der Sprachgebrauch dennoch die\nweibliche Endsylbe in oder inn sich nicht nehmen. Eine\nlaustina Ilasse kannte man nicht, wohl aber die Fau-\nsline Hassin\"; auch verfuhr das Volk ganz grammatisch\nrichtig, indem es die weiblichen Eigennamen durch den\nMangel des Umlauts von den ähnlichen Formen weib-\nlicher Gattungsnamen mit dem Umlaute unterschied, z. B.\ndie Propst in und die Pröpstin, die Haasin und die Häsin\nund so weiter. Die Sylbe in schliff sich dabei in\nvielen Gegenden im gewöhnlichen Geplauder zu en ab,\nz. B. die „Wollen\" (nicht die Wölfin) spielte heute vor-\ntrefflich; allein Schriftsprache blieb in, bis es unter der\nSchere der hochweisen Schulmeistern verschwand, die\nuns auch den schönen Pluralis: „bei Grafs, bei Köders\"\nu. s. w. genommen hat und dalür Wortungeheuer wie\n„Rechnenschule\", „Zeichnenbuch\" u. a. aufdrängen will.\nDas beiläufig; die Leser mögen den philologischen Excurs\nverzeihen. Nach alledem also glauben wir, dass Lasse\nder wahre Name des Meisters gewesen, den er keineswegs\nabsichtlich verläugnet, sondern nur lateinisch in Lassus\nzugestutzt hat. Hat mithin einmal ein Delattre falsches\nGeld in Möns gemacht, wie die Chronik besagt, so war\ndieser Falschmünzer gewiss nicht unseres lloland's Vater.\nDas de hat wohl Lassus seinem Namen erst hinzugefügt,\nals er durch Kaiser Maximilian im Jahre 1570 den Beichs-\nadel erhielt. Es kann aber auch\" ursprünglich dazu gehört\nhaben, ohne den Adel zu bezeichnen, da es in vielen nie-\nderländischen Namen als Artikel vorkommt, z. B.\nDas Geburtsjahr 1520, dessen Annahme sich auch\nauf die Chronik Vinchant's stützt, scheint durch wichtige\no\nZeugnisse anderer Schriftsteller und Vergleichungcn der Le-\nbensereignisse Lasse's mit seinem Lebensalter als sicher\nfestgestellt. Als authentische Zeugen müssen Thuanus\nThou), Hb. 109, Swertius (Athenae Belgicae) und Lo-\ncrius (Chronicon belgieum)gelten. Welch einen Ruf er in\nItalien, wohin er in seinem zwölften Jahre gekommen war,\nschon als junger Mann erlangt haben musste, geht daraus\nhervor, dass bereits im Jahre 1541 ihm die bedeutende\nStellung als Capellmeister an Sanct Johann im Lateran zu\nBom zu Theil wurde. Da dieses Jahr in den Verzeichnis-\nsen der Capellmeister im dortigen Archive steht, so war\nLassus damals erst 21 Jahre alt.\nBekanntlich hat Lassus nachher seine glänzendste und\nwirkungsreichste Stellung in München gehabt. Weniger\nbekannt ist, dass er zuletzt in tiefe Melancholie, die sehr\nhäufig in wirklichen Irrsinn ausartete, verlieh Sein Todes-\njahr ist durch einen von Dehn im kaiserlichen Hof- und\nStaats-Archiv zu Wien aufgefundenen eigenhändigen Brief\nder „Lassin\" an die Erzherzogin Marie festgestellt wor-\nden; sie theilt der Prinzessin darin mit, dass Orlandus de\nLassus den 14. Juni 1504 gestorben ist. Eine Bestäti-\n\n*) Quick elberg's Notiz über Lassus1 Leben ist im 111. Theile\nder Pvosopographiae heroum atque illustrium virorum \"totius Germa-\nniae von Henr. Pantaleon, Basel, 1560, 4, abgedruckt.\n**) Fetis führt eine Ilistoire de Musique par Don Caffiaux,\nhandschriftlich aus Corvey auf der kaiserlichen Bibliothek in Paris,\nNr. 16, und des Dubos Beflexions sur la poesie et peinlure,\np. 465, an wahrscheinlich nach Delmotte.\n[1"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "132", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640423-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5037, "texte": "gung, dass Lassus noch in diesem Jahre gelebt, gibt auch\ndas Datum der Dedication des Werkes S.\nPietro vom 24. Mai 1594 (Delmotle und Felis). Aber\ndieses in München gedruckte Werk enthält auch ein Por-\ntrait von Lassus mit der Unterschrift: (62\nJahre alt)! Das wirft uns wieder sein Geburtsjahr 1520\nüber den Haufen! Danach wäre er sogar erst 1532 ge-\nboren und mithin schon in seinem neunten Jahre (1541)\nCapellmeister in Rom geworden! Fetis hilft sich leicht\ndarüber weg, indem er sagt, „dass hieraus hervorgehe,\ndass Lassus selbst über sein Geburtsjahr in Ungewissheit\ngewesen wäre\". Dass man sich in solchem Falle um ein\noder ein paar Jahre irren könne, läsat sich annehmen:\naber um zwölf Jahre? das wäre doch stark.\nNun kommt noch ein neues Argument dafür, dass\nLassus nur 62 Jahre alt geworden, hinzu, welches Felis\nnicht gekannt oder übersehen hat.\nDer gelehrte und unermüdliche Franz Commer in\nBerlin, der Herausgeber der Cotteetio Musieorum Bata-\nvorum auf Veranlassung der\nring der Toonkunst, hat nach der Vollendung des XII.\nBandes, mit welchem die Sammlung vorläufig sistirt wurde,\neine andere Sammlung von Gesängen aus dem XVI. und\nXVII. Jahrhundert (Berlin, bei Trautwein M. Bahn) er-\nscheinen lassen, deren letzte vier Bände( Tom. V. VIII.\n1860—1863, Fol.) er ausschliesslich den Compositionen\nvon Lassus gewidmet hat. Sie führen auch den Nebentitel:\nSeleetio Modorum ab Orla\ntorum continens etc. C\nCommer. Tom. IV. Pr. 5 Thlr.\nIn der Vorrede zu diesem IV. Bande bespricht Commer\ndie grosse Ausgabe der sämmtlichen Motetten Lasso's, die\nseine beiden Söhne Ferdinand und Rudolf 1604 zu München\nveranstaltet und in Druck gegeben haben:\nmusicum Orlandi di Lasso Capellae Bavaricae quondam\nMagistri. Compleetens omnes Cantiones quas Motetas\nvutgo vocant etc. Dieses Werk enthält in sechs Stim-\nmenbüchern in Folio 516 zwei-, drei-, vier-, fünf-, sechs-,\nsieben-, achtstimmige, 2 neun-, 3 zehn- und 2 zwölfstim-\nmige Motetten. F<stis führt dieses Werk auch mit dessen\nvollständigem Titel an, ohne es weiter zu beschreiben.\nCommer theilt die Grabschrift des Denkmals des Meisters\naul dem Franciscaner-Kirchhofe zu München mit, welche\naul der letzten Seite jener grossen Sammlung abgedruckt\nist. Nun sehe ich zwar, dass Felis an einem anderen Orte\n(S. 213) dieses Epitaphium auch abgedruckt hat, wahr-\nscheinlich nach Delmotte; aber beide haben nicht be-\nmerkt, dass dieses olficielle Document von Stein (das zu-\nletzt in Ileigel's Garten stand) dem Lassus auch nur zwei-\nundsechszig Lebensjahre gibt, nicht aber 74, die\ner im Todesjahre 1594 hätte haben müssen, wenn er\n1520 geboren wäre! Commer, dem diese Untersuchung\nfern lag, hat auch nichts darüber bemerkt.\nDie Grabschrift besteht aus sechs lateinischen Disti-\nchen. Die betreffenden Verse lauten:\nBelgica quem tellus genitrix dedit ingeniorum,\nIngeniorum altrix Boia fovit humus.\nCorporis exuvias Gadern quoque Boia texit)\nPost lustra ac hyemes sena bis acta duas.\n(Lassus, „den uns das Talente erzeugende belgische Land\ngab und den das Talente nährende Baiern hegte. Seine\nkörperliche Hülle hat ebenfalls Baiern mit Erde bedeckt,\nnachdem er zwei Mal sechs Lustra und zwei Winter\ndurchlebt\".) Zwei Mal sechs Lustra zu fünf Jahren und\nzwei Winter machen 62 Jahre. Und seine Familie und\ndie Einwohner der Stadt, in welcher er 38 Jahre lang\ngewohnt hatte, hielten ihn alle für zwölf Jahre jünger, als\ner wirklich war?? Es liesse sich Alles mit dem Ge-\nburtsjahre 1532 (welches übrigens drei deutsche Schrift-\nsteller angeben, A. M. Kobolt im baierischen Gelehrten-\nLexikon, Mein im baierischen Künstler-Lexikon und Li-\npowsky im baierischen Musik-Lexikon) oder wenigstens\nmit 1530 (Quickelberg) vereinigen, nur nicht die An-\ngabe von Baini in seinem Leben Palestrina's/dass Las-\nsus schon im Jahre 1541 Capellmeister in Rom geworden.\nDa übrigens von 1548 bis 1556 oder 1557, wo Lassus\nnach München kam, ein Dunkel über diese acht bis neun\nJahre seines Lebens herrscht, so wäre es immerhin mög-\nlich, dass der wahre Eintritt in die römische Stelle weiter\nhinausgeschoben werden müsste und dass eine neue Ein-\nsicht der Capellmeister-Listen im Lateran nöthig wäre.\nUm auf den IV. Band von Commer's Auswahl\naus Lassus' Compositionen zurückzukommen, so bringt\ndie Vorrede auch noch ein hübsches Anagramm:\nOrlandus de La—\nBolus laurea donandus!\naus der pariser Ausgabe der Messe über von\n1587. Der Band enthält 23 drei-, vier- bis siebenstimmige\nGesänge, davon sechs auf deutschen, die übrigen auf latei-\nnischen Text, lauter treffliche Musikstücke, die mehr als\nhistorischen Werth haben. Die längsten und auch sonst\nbedeutendsten darunter sind zwei Messen, die erste ad\nimitationem moduli Beatus qui intelUgit, sechsstimmig (2\nSoprane, Alt, 2 Tenöre, Bass) mit Ausnahme des Cruci-\nfixus und des Benedictus,welche nur vierstimmig sind;\ndie zweite ad imitationem moduli die meisten\nSätze ebenfalls sechsstimmig, jedoch das Crucifixus und Et\nresurrexit vier- und das Benedictus nur dreistimmig (So-\npran, Alt, Tenor) und das A siebenstimmig (2\nSoprane, 2 Alt, 1 Tenor und 2 Bässe)."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "133", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640423-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2948, "texte": "Freilich, wenn die katholische Kirche überall geschulte\nKirchenchöre herstellt, welche diese Vocalmessen richtig\nund schön singen können, so wird Niemand das Orchester\nund sogar nicht einmal die Orgel vermissen. Allein die\ngute Ausführung ist doch wahrlich hierbei die\nsine qua non! Aber auch Singvereinen ist die ganze Samm-\nlung sehr zu empfehlen.\nIm Ganzen enthalten die vier Bände der Sammlung\nvon Fr. Commer 00 Gesänge von Orlandus Lassus, davon\n15 auf deutschen Text, und als Zugabe eine Passion\nvo/> Barthol. Gese nach dem Evangelisten Johannes mit\ndeutschem Text in Bd. IL, S. 88. Derselbe Band enthält\nauch eine Passion von Orlandus Lassus nach dem\nMatthäus mit lateinischem Text. Die Recitation des Evan-\ngelisten in der letzteren, so wie die Reden Christi sind als\nErgänzung aus dem Cantus ecclesiasticus sacrae Ilisioriae\nPassionis Jesu Christi etc.(zuerst in Rom, dann 1738\nund zuletzt 1837 neu gedruckt) genommen. Merkwürdi-\nger Weise sind die Reden der anderen einzelnen Perso-\nnen, z. B. des Judas, des Petrus, des Hohenpriesters, der\nMagd u. s. w., alle zweistimmig, ja, die des Pilatus sogar\ndreistimmig gesetzt! Die Chöre der Apostel, der Priester,\ndes Volkes sind vier- bis sechsstimmig, aber alle kurz. Die\nRecitation des Evangelisten ist im Ganzen eintönig und\nmodulirt nur selten mit der Stimme auf einzelnen Sylben.\nIn der deutschen Passion von Gese (1550?— 1528),\neinem Zeitgenossen Lasso's, ist die Erzählung des Evange-\nlisten Johannes noch monotoner behandelt, allein die Re-\nden Christi sind alle vierstimmig componirt, die der an-\nderen einzelnen Personen wiederum, wie bei Lassus, zwei-\nund dreistimmig (z. B. Petrus' Worte), die Chöre fünf-\nstimmig. Diese Passion, wie es scheint, für den evangeli-\nschen Gottesdienst componirt (auch ist die Dedication\nWittenberg, 1588, unterzeichnet), unterscheidet sich auch\nnoch dadurch von den gleichzeitigen, dass sie einen Prolog\nhat: „Erhebet eure Herzen zu Gott und höret das Leiden\nunseres Herrn Jesus Christus, wie uns Sanct Johannes be-\nschreibt\", für fünfstimmigen Chor gesetzt (17 Tacte)—\nund einen Epilog: „Dank sei dem Herren, der uns erlöset\nhat durch sein Leiden von der Hellen\" (Höllen), 13 Tacte,\nebenfalls fünfstimmig.\nWelch eine Zeit der Entwicklung war noch zu durch-\nlaufen von diesen Passionen bis zu den vollendeten Musik-\nwerken J. S. Bach's! Allein man kann sich, wenn man\ndie beiden älteren Werke in Commer's Sammlung durch-\nliest, dennoch gar wohl eine Vorstellung von der grossen\nWirkung machen, welche ihre Aufführung in der Kir-\nche gemacht haben muss.\nWenn unsere jetzigen Vereine auf Bach vorzugsweise\nzurück zu gehen lieben, so empfehlen wir ihnen nochmals\ndie jetzt durch Commers Bemühungen und das ehren-\nwerlhe- Unternehmen der Verlagshandlung Trautwein\n(Bahn) in Berlin zugänglich gemachten Werke von Las-\nsus, unter denen sich besonders die deutschen Gesänge\nI ür die Uebung des eignen, zu gleich-\nzeitiger und genussreicher Benutzung.\n\nL. B."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1864-04-23-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1864-04-23_01#c003", "volume": "bmtnabi_1864-04-23_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "133", "page_fin": "135", "image_debut": 5, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640423-01.2.3", "titre_corps": "Dr. d’Alquen †.", "titre_sommaire": "Dr. d’Alquen †.", "signature_source": "L. B", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "133", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640423-01.1.5", "debut_caractere": 2950, "fin_caractere_exclue": 5069, "texte": "Dr. d’Alquen †.\n\nVor dem Schlüsse des verwichenen Jahres starb in\nMülheim am Rheine ei» praktischer Arzt, Herr Sanitäts-\nrath Dr. d'Alquen, dessen Berufstreue, dessen stiller,\nbürgerlicher Lebenswandel, dessen edle, freiheitsbegei-\nsterte Gesinnung allgemein anerkannt wurde. Niemand\naber hatte bei seinem Hintritte vermuthet, dass der Heil-\nkundige zugleich ein tüchtiger Tonkünstler gewesen sei\nund als solcher sich nicht bloss auf die Ausübung be-\nschränkt, sondern auch seit vierzig Jahren eine Reihe von\nkleineren und grösseren musicalischen Werken geschaffen\nhabe. Nur dem engsten Kreise der Freunde war dieses\nbekannt, und diese nächsten Freunde haben nun, um dem\nGeschiedenen ein ehrenvolles Andenken zu sichern, be-\ngonnen, einen Theil seines musicalischen Nachlasses zu\nveröffentlichen.\nJohann Peter Cornelius d'Alquen, geboren den 17.\nSeptember 1800, war der Sohn des 1838 verstorbenen\nRegierungsratbes F. A. d'Alquen in Arnsberg, welcher\nzur Zeit der Wiedergeburt Preussens durch Stein einen\neinllussreichen Wirkungskreis in der Landes-Verwaltung\ngehabt hatte. Die Familie stammte aus Spanien und war\nfrüher in den Niederlanden ansässig, wo sich auch ein\nänderer Sohn des Genannten als Tonkünstler niedergelas-\nsen hatte. Nach seinen Studienjahren in Giessen und Ber-\nlin wählte unser d'Alquen, durch einige kölner Freunde\nveranlasst, Mülheim am Rheine zum Aufenthalte, das er\nseit 1824 nicht wieder verlassen hat. Das eigentümliche\nWesen des trefflichen Mannes, seine wunderbar vielseitige\nwissenschaftliche Bildung, seine lebhafte Theilnahme an\nallem Schönen und Edlen und seine Berufstreue schildert\neine kleine Schrift: „Dr. d'Alquen. Ein Lebensbild.\"\nElberfeld, bei S. Lucas. 1804. 27 S. kl. 8. —, welche\nseinem stillen, eben so wissenschaftlich ernsten als prak-\ntisch menschenfreundlichen Wirken die innigste Theil-\nnahme gewinnt.\nUnd bei so vielen Bestrebungen, Studien und Thätig-\nkeiten wies er dennoch die Muse der Tonkunst, die ihm\nbei seiner Geburt gelächelt hatte, während seines ganzen\nLebens niemals zurück, wenn sie ihm freundlich winkte.\n„Schon in der Jugend\" sagt der Verfasser des anzie-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "134", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640423-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5386, "texte": "henden Lebensbildes „spielte er die Geige mit Fertig-\nkeil, das Pianoforte aber mit Meisterschaft. Er hatle es\nwagen dürfen, neben den besten Künstlern des Tages auf-\nzutreten. Mit seinen glücklichen Tonsetzer-Anlagen, mit\ndem Melodieen-Reichlhume seines reinen Gemüthes ver-\nsuchte er sich zuerst im Liede. Obgleich er der beschei-\ndenste Künstler war und nie mit seinen Werken auf den\nMarkt der OefFentlichkeit zog, so kamen durch Freundes-»\nband doch manche seiner Versuche in die zeilweisen\nSammlungen, namentlich in den damals von Busse in\nBraunschweig herausgegebenen „„Arion\"\". Auch die\nspäter in Stuttgart bei Göppert erschienenen Sammlungen\nein- und mehrstimmiger Gesänge enthalten mehrere schöne\nLieder seiner Erfindung. Er blieb aber nicht bei Gesang-\nCompositionen stehen, sondern schrieb nach und nach, von\ndieser oder jener Seite angeregt, Clavier-Sonaten, Geigen-\nQuartette, Opernscenen u. s. w. Der im Jahre 1852 in\nBurscheid tagende bergische Sängerbund führte ein grös-\nseres Tonwerk für Männerstimmen: „„Die Lehen von St.\nGoar\"\", auf. Dieses von d'Alquen gesetzte Gesangstück\ngewann ausserordentlichen Beifall und ist auch im Stich\nerschienen. Viele seiner Melodieen begegnen uns seit fünf-\nundzwanzig Jahren an der Wupper und Sieg im Munde\ndes Volkes als wirkliche Volkslieder.\n„Wie er im wissenschaftlichen Leben stets beflissen\nwar, jeder anstrebenden jüngeren Kraft den Bildungsweg\nzu erleichtern, wie er sich immerfort hülfreich zeigte und\nniemals auch nur den leisesten Anflug von Neid oder Eifer-\nsucht wahrnehmen liess, so war er auch im Gebiete der\nKunst. Auch zur tonkünstlerischen Bildung widmete er\ngern seine Mussezeit aufstrebenden jungen Leuten und\nschuf dadurch manches Gute und Schöne in der näheren\nUmgegend; aber auch die grosse Welt hatte sich seines\nFleisses zu erfreuen, denn er entdeckte die musicalische\nBegabung der Familie Form es, veranlasste den älteren\nBruder Karl, den Versuch des musicalischen Auftretens\nzu machen, und schulte ihm die Rolle des Sarastro ein,\nmit welcher Formes in Köln und allenthalben entzückte.\nD'Alquen arbeitete für die Kirche, wie für Stube und Con-\ncertsaal, für Gesang und Orchester. Einmal sogar, als ein\nMusik-Director ihm im Vertrauen gestand, dass er aufge-\nfordert sei, ein grösseres Tonstück für ein Männer-Ge-\nsangfest zu schreiben, aber in der Arbeit nicht fortkäme,\nüberraschte ihn der Doctor mit der fertigen grossen Ar-\nbeit und hörte mit Freude, dass dem Direclor als Meister\nvon allen Seilen Beifall gespendet wurde. In Köln kamen\nunter Eschborn's Leitung mehrere seiner Orchesterstücke\nin Zwischenaclen der Schauspiele zur Aufführung. Er\nwohnte dem auch einige Male bei, um zu hören, wo es\netwa diesen Werken noch fehle, wollte aber nicht, dass\nsein Name genannt werde, weil er seine Gestaltungen für\nzu unbedeutend hielt, was aber Eschborn, der selber ein\ntüchtiger Meister, nicht zugeben konnte.\n„Die d'Alquen'schen Tonwerke werden von heutigen\nbewährten Fachmännern sehr verschieden beurtheilt. Wäh-\nrend die Einen unbedingtes Lob spenden und seine Lieder\nund Clavier-Sonaten hoch stellen, finden Andere, dass der\nComponist allzu beharrlich am Mozart'schen Muster fest-\ngehalten und sich nicht habe mit forlreissen lassen von\ndem Entwicklungsgange der Neuzeit. Alle aber stimmen\ndarin überein, dass der Reichthum an Melodieen und die\nDurcharbeitung unseren d'Alquen auszeichnen und dass\nselbst seine unbedeutendsten Werke von Interesse sind.\nBezeichnend für d'Alquen's Ehrlichkeil auch als Compo-\nnist ist es, dass ein bewährter Künstler, der den musicali-\nschen Nachlass durchforscht und namentlich die Clavier-\nSonaten mit grosser Freude und Befriedigung wiederholt\ndurchgespielt hat, nur Ein Lied gefunden, wovon er be-\nhauptete, dass dessen Melodie entlehnt sei, und zwar aus\ndem Propheten. Bei näherer Prüfung aber fand sich, dass\ndieses Lied schon 1831, also schon lange vor dem Pro-\npheten,, geschrieben war.\"\nFreunde des Verewigten sind nun damit beschäftigt,\neine Blüthenlese seiner musicalischen Werke drucken zu\nlassen. In der Auswahl der verschiedenen Nummern sollen\ndie Richtungen vertreten sein, in denen der Verstorbene\nthätig war: Sonaten für Piano sollen mit Saiten-Quartetten\nund Gesang-Partieen abwechseln. Das bereits erschienene,\nuns vorliegende erste Heft gibt ein Werk, das Dr. d'Alquen\nkurz vor seinem Tode geschrieben:\nDie Vögel. Kinder-Singspiel von Wilh. von\nWaldbrühl; in Musik gesetzt und den Robert\nSchnitzler'schen Kindern gewidmet von J. P. C.\nd'Alquen. Nr. 1 der nachgelassenen Werke.\nElberfeld, bei F. W. Arnold. Preis P/2 Thlr.\nDie Idee des Gedichtes ist allerliebst: Canario und Ca-\nnaria im grossen goldenen Käfig sehnen sich nach Frei-\nheit, Fink und Finkin beneiden sie dagegen um ihr präch-\ntiges Haus und reichliche Verpflegung. Daraus entspinnt\nsich anmuthiger Wechselgesang und Zwiegespräch—auch\ndieses in gereimten Versen bis in einem Finale beide\nGruppen sich in die Unerreichbarkeit ihrer beiderseitigen\nWünsche fügen. Die Musik ist für vier Kinderstimmen\nund Clavier-Begleilung (was auf dem Titel zu bemerken\nvergessen ist) gesetzt und besieht aus einer Ouverlure und\nfünf Gesangnummern, wobei zwei Duette, von denen das\nletzte in ein kurzes Schluss-Quartett übergeht. Das ganze\nSpiel ist aus lieblichen, leicht fasslichen Melodieen zusam-\nmengesetzt und dürfte als einzig in seiner Art ein recht\nwillkommenes Werthstück im deutschen musicalischen"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "135", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640423-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 470, "texte": "llausschatze sein und bleiben, denn diese Musik unter-\nscheidet sich von vielen so genannten Kinderliedern auf\nsehr vortheilhafte Weise, und die durch und durch vor-\nherrschende Manier Mozart's aus dessen früheren Werken\nhat etwas ungemein Ansprechendes, ja, gleich der Anfang\nder Ouvertüre mit seinem zauberflötenartigen Eingange\nheimelt uns an, zumal wenn man sich die kleinen Cana-\nrienvögel und Finken in nettem Papageno- und Papagena-\nGefieder hinzudenkt\n*).\n\nL. B."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1864-04-23-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1864-04-23_01#c004", "volume": "bmtnabi_1864-04-23_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "135", "page_fin": "135", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640423-01.2.4", "titre_corps": "Kurze Anzeigen.", "titre_sommaire": "Kurze Anzeigen.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "135", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640423-01.1.7", "debut_caractere": 472, "fin_caractere_exclue": 2488, "texte": "Kurze Anzeigen.\nWilhelm Hülle, Op. 2, Sieben leichle zweistim-\nmige Lieder mit Begleitung des Pianoforte com-\nponirt und den Fräulein Therese und Sophie\nBreithaupt zugeeignet. Köln, bei Gottfried\nKüpper. Preis 1 Thlr.\nDiese Lieder, in einfacher Form geschrieben, hübsch\nerfunden, anspruchlos im besten Sinne des Wortes, llies-\nsend und gefällig, desshalb leicht sangbar in beiden Stim-\nmen, deren Umfang eine Octave nicht überschreitet, sind\neine hübsche Vermehrung der Literatur von leichten zwei-\nstimmigen Original-Compositionen. Dieselben eignen sich\nvermöge ihres Charakters und ihrer gut gewählten Texte\neben so für Schulen und Erziehungs-Anstalten von Töch-\ntern, als für Familienkreise. Die Clavier-Begleitung ist\nleicht, aber nöthig, besonders wenn diese Lieder einstim-\nmig gesungen werden. Nr. 1, 4, 5 haben uns namentlich\ngefallen und werden gewiss bald Lieblinge der jungen\nSängerinnen werden. In Nr. 7: „Das Wandern ist des\nMüllers Lust\", ist die Melodie nicht übel, aber der Schluss\nderselben mit dem Ritardando widerspricht dem Charak-\nter des Gedichtes, was namentlich im dritten Verse auf\ndie Worte: „Die sich mein Tag nicht müde geh'n\", auf-\nfällt. Da jede Stimme (ä Sgr.) einzeln zu haben, so\nerleichtert dies die Einführung in Töchterschulen.\nWi'lhel m Hülle, Op. 3, Fünf Gedichte aus dem\n„Liebesfrühling\" von Friedrich Rückert für eine\nSingstimme mit Begleitung des Pianoforte. Köln,\nebendaselbst. Preis 171/a Sgr.\nDiese Lieder haben den Vomier, dass sie sich an die\nrj7\neinfache Form halten und mithin nicht declamatorische\nPhrasen, sondern wirkliche Lieder sind. Manche davon\nathmen eine wahre und innige Empfindung, besonders\nINr. 2. „Ich wünsche, dass der Frühling komme\", und\nNr. 4. „Ich hebe dich, weil ich dich heben muss\".— Die\nMclodiecn sind sangbar und die Begleitung leicht.\n*) Bei Fortsetzung der Ausgabe ist auf sorgfältigere Correctur\ndes Druckes zu achten, S. 2 fehlt System 3, T. 1 ein J? vor e.\nS. 7, Syst. 4, T. 2 und 3 ein vor d. —S. 8, Syst. 2, T. 2 lies\nh, statt a u. s. w."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1864-04-23-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1864-04-23_01#c005", "volume": "bmtnabi_1864-04-23_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "135", "page_fin": "136", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640423-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "135", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640423-01.1.7", "debut_caractere": 2490, "fin_caractere_exclue": 5901, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKöln. Die letzte Sitzung der musicalischen Gesellschaft war\neinem Concertabende vergleichbar, auch haben wir die Versamm-\nlung fast noch nie so zahlreich gesehen, denn das Programm hatte\nausser einer Ouvertüre eine neue Composition von F. Hill er und\ndie Aufführung des Septetts von Beethoven in seiner ursprüng-\nlichen Gestalt verheissen. Hiller hat für unseren trefflichen Violon-\ncellisten A. Schmit eine „Ballade\" für Violoncello und Orchester\ngeschrieben, ihr aber, um Missverständnisse zu vermeiden, den Nc-\nbentitel „Concertstücku hinzugefügt. Denn ein Concertstück ist\nes in vollein Maasse, und zwar ein genial erfundenes und durchweg\nglänzendes, das jedoch von dem Balladenstil, d. h. von dem nr-\nspiünglichen und echten, die sehr schöne Ifauptmclodie hat, dio\nsich durch das Ganze zieht und deren Motive tbeils wörtlich wie-\nderholt, tbcils in episodischen Anklängen durch das zweite, brillant\nfigurirte Tempo hindurchklingen. Dabei hat das schöne Stück vor\nden gewöhnlichen Bravoursachen für dieses Instrument den grossen\nVorzug, dass es ein wirkliches Violoncellstück ist, nicht ein Violin-\nCapriccio, aul der hohen Saite des Basses zu spielen, und zweitens\ndass dessen aut Viituosität und zwar aut keine gewöhnliche\nberechnete Passagen zugleich einen inneren charakteristischen Ge-\nhalt haben. Wahrlich, dio Violoncellisten, die nicht mehr wissen,\nwas sie als Concertgeber spielen sollen, müssen Hiller in hohem\nGrade dankbai sein, dass er ihnen eine Composition gewidmet hat,\ndie alle Ansprüche an ein gediegenes Concert für ihr Instrument\nbefriedigt. Die Versammlung brach am Schlüsse in den lebhaftesten,\nwiederholten Beifall aus, der wie der Composition, so auch der mei-\nsterhaften Ausführung durch Herrn A. Schmit galt.\nEben so beifällig wurde der Vortrag des Beethoven'schen Sep-\ntetts aufgenommen, welches die Herren Japha (Violine), von Kö-\nnigslöw (Bratsche), A. Schmit (Violoncello), Ad. Breuer (COll-\n- Möseler (Clarinettc), Stumpf (Horn), Müller (Fagott)\nvorzüglich gut ausführten.\nAm Dinstag den 19. d. Mts. führte der städtische Sing-\nverein unter der Direction des Herrn Ferd. Breunung im klei-\nlicitn Güizenichsaale in öffentlicher Versammlung vor einem einge-\nladenen Publicum, das sich sehr zahlreich eingefunden hatte, die\nCantate von J. S. Bach: „Ich hatte viel Bekümmerniss\", und in\nder zweiten Abtheilung „Erlkönigs Tochter\" von N. VV. Gade mit\nPianoforte-Begleitung auf. Der Verein bewies durch die präcise\nAusführung der Chöre, welche namentlich in der Bach'schen Can-\ntate keine leichte Aufgabe bilden, die eifrige Einübung unter einer\ntrefflichen Leitung. Die Soli wurden in der Cantate von Fräulein\nRothenberger, Herrn E. Koch und einem Mitgliede des Vereins,\nin der Ballade von Gade durch zwei Dilettantinnen und Herrn B.\n(Tenor) recht gut gesungen.\nFräulein Paul ine Lucca ist hier eingetroffen und wird Sonn-\ntag den 24. als Valentine in den Hugenotten und Dinstag den\n26. als Gretchen in Gounod's Faust auftreten.\nZur Shakespeare-Feier wurde am Donnerstag den 21. im\nStadttheater ein Vorspiel von Georg Ilick mit Schluss-Tableau\nund „Die bezähmte Widerspenstige\" mit Fräulein Wilhelmine\nSeebach und Herrn Emil Devrient gegeben; heute am. 23.:\n„König Richard II.\", zugleich als letzte Gastrolle Devrienfs. lm\nThaliatheater wurde gestern den 22. aufgeführt: Festspiel von Mi-\nchael Bemays mit Schluss-Tableau und ebenfalls „Die bezähmte"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "136", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640423-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4333, "texte": "Widerspenstige\" mit Fräulein Hesse und Herrn Harting. Am\n23.: „Viel Lärmen um nichts\" mit Fräulein Hedwig Raabe.\nHerr General-Musik-Director Franz Lachner ist durch den\nVerlast seiner Gattin, die nach schweren Leiden Anfangs dieser\nWoche gestorben ist, in tiefe Trauer versetzt worden und wird nun\ndas 41. niederrheinische Musikfest in Aachen nicht dirigiren. Die\nNachricht aus Aachen (welche auch in die Kölnische Zeitung\nübergegangen war), dass „Herr Lachner so eben aus nicht an-\ngegebenen Gründen die Leitung abgelehnt habe\", muss daher\nauf einem argen Missverständnisse beruhen.\nCMCI'H« Am Charfreitage hielt der hiesige musicalische Verein\nsein 59. Concert und brachte in demselben Spohr's herrliches Ora-\ntorium „Die letzten Dinge\" zur Aufführung. Letztere fand diesmal\nnicht im gewöhnlichen Vereinsiocale, sondern in der St.-Salvator-\nische Statt, deren Räume nach allen Seiten hin vom Publicum ge-\nfüllt waren. Die Aufführung zählt unbedingt zu den besten bisheri-\ngen Leistungen des musicalischen Vereins, dessen erfreulicher Wirk-\nsamkeit wir die Wiedereinführung der Oratorien, so wie überhaupt\ndie Hebung classischer Musik-Production hier verdanken. Unter des\nCapellmeisters Wilhelm Tschirch tüchtiger Leitung ward uns\nbereits eine lange Reihe älterer und neuerer Meisterwerke vorge-\nführt, und hat derselbe die Kräfte des Vereins so entwickelt und\ngehoben, dass er sich mit gutern Erfolge selbst an die grössten Mu-\nsikwerke wagen darf. Herr Schild aus Solothurn, derzeit in Leip-\nzig, sang die Tenor-Soli und bekundete sich dabei als einen mit\nguten Stimmmitteln begabten Sänger.\nDem in Darmstadt gastirenden Tenoristen Steg er hat der\nGrossherzog die Medaille für Künste und Wissenschaften verliehen.\nAus Hannover schreibt man, dass unser Landsmann, der\nblinde Pianist Labor, am königlichen Hofe derart Anwertli gefun-\nden, dass ihn der König nicht weiterziehen lässt. Der Monarch hat\nden Künstler bleibend an sich gefesselt, indem er ihm ein für\nHannover bedeutendes Jahrgehalt auswarf. Als Zugaben der Be-\ndienstung wurden bewilligt: ein Natural-Quartier, eine freie Hof-\nEquipage und drei Sperrsitze im Hoftheater.\n(Wien. 81. f. Tb. u. M.)\nDas Oratorium „Rahab\" von Meves, einem Mitgliede der\nherzoglichen liofcapelle in Braunschweig, fand bei der erstmaligen\nAufführung im zehnten Abonnements-Concerte des Concert-Vereins\ndaselbst grossen Beifall.\nWien, IG. April. Richard Wagner soll ganz unvermu-\ntheter Weise seinen Aufenthalt in Penzing bei Wien verlassen und\nsich nach der Schweiz begeben haben.\nAlfred Jaell, der am G. April noch in dem letzten\nPatti-Concerte in Nürnberg mitwirkte, spielte bereits am 10. in\nParis bei dem Mendelssohn-Feste, zu welchem er telegraphisch\neingeladen worden war (siehe das Programm in der vorigen Nummer\nS. 124), und erregte durch den Vortrag des Concertes in G-moll,\ndas er am Schlüsse der ersten Abtheilung spielte, bei den 5000 Zu-\nhörern des Cirque Napoleon einen fabelhaften Enthusiasmus. Alle\nJournale sind voll des Lobes und einig darin, dass dies der glän-\nzendste Pianisten-Erfolg gewesen, den man seit langer Zeit hier er-\nlebt habe; unter Anderem sagt ein musicalisches Blatt: „Alfred\nJaell steht ganz auf der Höhe seines kolossalen Rufes. Sein breiter\nund markiger Vortrag ist deutsch in der ganzen gewaltigen musi-\ncalischen Bedeutung des Wortes.\" Bei dem „Elias\" hat sich aber\ntrotz der Anerkennung der Solisten (Frau Rudersdorf u. s. w.) die\nZuhörerschaft gelangweilt. „T/oratorio ne va pas h notre natureu,\nsagt die Gazette et Rivue musicale, um die Kälte des Publicums\nzu erklären.\nMexico hat drei Theater, wovon das grösste, ein prachtvolles,\nauf 2500 Zuschauer berechnetes Gebäude, für das recitirende Schau-\nspiel in spanischer Sprache bestimmt ist, aber zugleich auch von\neiner italiänischen Opcrn-Gesellscliaft benutzt wird.\nNach Hamburg. Das mit der Unterschrift „Mehrere Musik-\nfreunde\" uns eingeschickte Inserat einer dortigen Zeitung kann,\nwie alle anonymen Zusendungen, nicht aufgenommen werden. Wol-\nlen die „Musikfreunde\" im wirklichen „Interesse ihrer musicalischen\nZustände\" handeln, wie sie sagen, dann mögen sie mit Thatsachen\nund Gründen hervortreten, vor Allem aber die Meinung aufgeben,\nals sei ein Blatt wie das unserige geneigt , oder gar geeignet,\nschlechte Witze und Persönlichkeiten weiter zu verbreiten. Köln,\n22. April. Die Redaction."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "129", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640423-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nBiographie universelle des Musiciens. P.ar F. J. Fetis. I. (Liszt. Lassus. Franz Comraer: Selectio Modorum ab Orlando\ndi Lasso compositorum.) Von L. B. Dr. d'Alquen f. Von L. B. Kurze Anzeigen (Wilhelm Hülle, Op. *2, Sieben leichte zwei-\nstimmige Lieder mit Clavier-Begleitung; Op. 3, Fünf Gedichte für'eine Singstimme mit Clavier-Begleitung). Tages- und Un tcr hai-\ntun gsblatt (Köln, Musicalische Gesellschaft, Städtischer Singverein, Fräulein Pauline Lucca, Shakespeare-Feier Gera u. s. w).\n\nBiographie universelle des Musiciens.\nPar F. J. Fétis.\n\nI.\n(Liszt. L a s s u s. Franz Commerz Selectio Modorum ab\nOrlando di Lasso compositorum.)\nWenn wir im vorigen Jahre den IV. Band der neuen\nAuflage dieses Werkes, des Denkmals einer riesigen Ar-\nbeitskraft und einer unverwüstlichen geistigen Frische,\nanzeigen konnten, welcher die Namen Gibbons bis Ka-\nzynski enthielt, so hat die energische Ausführung des\nGanzen durch eine fast beispiellose Thätigkeit des Ver-\nfassers und der Verlagshandlung (Firmin Didot Freres,\nfils Sf Co. in Paris) seitdem wieder zwei starke Bände von\n480 und 496 Seiten in gr. 8., mit 56 Doppelzeilen auf\njeder Seite, zu Tage gefördert. Der V. Band umfasst die\nTonkünstler-Namen von Kechlina bis G. H. Martini,\nder VI. Band von Pater J. B. Martini bis Perolle.\nUeber den consequent durchgeführten Plan des Se-\nniors der musicalischen Schriftsteller in Europa bei diesem\nWerke, über seinen erstaunlichen Fleiss, seine Betrach-\ntungsweise der Kunst und den individuellen Charakter\nseiner Beurtheilungen u. s. w. haben wir schon früher oft\ngesprochen (zuletzt in Nr. 1 vom Jahrgange 1863), und\nhaben nach genauer Durchsicht der beiden letzten Bände\nnur nochmals zu bestätigen, dass eine Menge von Artikeln,\nund zwar meist über die bedeutendsten Namen, eine gänz-\nliche Umarbeitung durch neue Forschungen in Bezug auf\ndie Lebens-Umstände aller Tonkünstler und durch voll-\nständige Verfolgung der Entwicklung und Werklhätigkeit\nder Zeitgenossen erfahren haben. So sagt F£tis z. B. im\nArtikel „Franz Liszt\": „Liszt, einer der ausserordent-\nlichsten Künstler unserer Zeit, ist in der ersten Ausgabe\ndieser Biographie nur in Beziehung auf sein Talent als\nPianist besprochen worden; seitdem sind zweiundzwanzig\nJahre vergangen, während welcher sich Liszt eine neue\nLaufbahn eröffnet hat, und ich habe jetzt nicht nur von\nden Wundern seiner Virtuostität zu reden, sondern auch\nvon seinem Wirken als Capellmeister und Dirigent und\nvon seinen Versuchen einer Reform der symphonischen\nMusik. Auch seine schriftstellerische Thätigkeit habe ich\nzu berücksichtigen, denn seine kräftige geistige Organisa-\ntion hat die Kunst in allen Beziehungen umfasst.\"\nWie lautet nun das Urlheil des conservaliven Kritikers\nüber die Thätigkeit Liszt's in den letzten Jahrzehenden?\nWir wollen den neugierigen Lesern einige Proben davon\ngeben.\n„Es würde schwer sein, eine erschöpfende Vorstel-\nlung von den Mühen, der Geduld, der inneren Ueberzeu-\ngungskraft zu geben, welche Liszt besass und anwandle,\num eine möglichst befriedigende Ausführung jenes Chaos\nvon combinirten Klangwirkungen zu erreichen, welche\nWagner's Lohengrin darbietet. Aber Liszt brachte nicht\nnur gute Aufführungen vom Tannhäuser und Lohengrin\nzu Stande, sondern er gab ihnen durch eigene Broschüren\nund durch seinen Einlluss auf viele Journale einen euro-\npäischen Wiederhall. Dadurch bildete er eine Partei für\ndiese seltsamen Dramen, denn alles Excenlrische findet\nstets seine Anhänger, was bei diesem Gegenstande um so\nerklärlicher war, da der Geist eines neuen politischen Le-\nbens in Deutschland dabei grossen Einlluss hatte. Von da\nan rührt alles her, was darüber gesagt und geschrieben\nworden ist und wahrscheinlich noch eine Zeit lang geschrie-\nben werden wird, bis das Vergessensein kommt, in das\nschon so Vieles, worüber man zu verschiedenen Zeiten\ngrossen Lärm geschlagen hat, versunken ist.\n„Man darf aber nicht glauben, dass Liszt sich aus\nwohlüberlegtem Vorsatze zum Protector dieser Musik aul-\ngeworfen habe: er hat zu jeder Zeit Sinn und Neigung\nfür Revolutionen in der Kunst gehabt. Trotzdem, dass er\nder einfachen Schönheit der classisch gewordenen Meister\nhuldigt, hat er sich doch die Ueberzeugung gebildet, dass"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "130", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640423-01.1.2", "texte": "die Zeit der Einfachheit vorüber sei, und Neuheit der Mittel\nund Formen scheint ihm die nothwendige Forderung der\nGegenwart zu sein. Verfolgen wir sein Leben mit Aul-\nP O\nmerksamkeit, so werden wir sehen, dass er immer unter\nder Herrschaft dieser Idee gestanden hat. In seiner Jugend\nschuf er durch seine furchtbare Technik das Ciavier zu\neinem vollständigen Orchester um und brachte auf ihm\nEffecte hervor, die man vor ihm geradezu für unmöglich\ngehalten hatte. Damit noch nicht zufrieden, gab es wieder\neine Zeit, wo er für die Vereinigung des Pianoforte mit\nder Orgel schwärmte und sie durch den Bau eines „ „Pia-\nno-Melodiums\"\", das Erard und Alexandre in Paris auf\nsein Andrängen zu Stande gebracht hallen, erreicht zu\nhaben glaubte.\n„Der Sinn und die Leidenschaft für das Grosse be-\nherrschen seine Organisation, sie sind das Grundprincip\nseines Talentes. Der Charakter des Grossartigen zeigt sich\nin seinen meisten Clavier-Composilionen, in seinen Etüden,\nden Annees de pelerinage, den Rhapsodieen (besonders den\nungarischen), den Paraphrasen und Illustrationen. In die-\nser Beziehung ist Liszt's Ueberlegenheit offenbar. Aber\nwie es immer geht, wenn man eine einzige Fligenschaft\nbis zum Uebermaass treibt, so hat dies auch Liszt zur\nUebertreibung verleitet und ihn zur Vernachlässigung der\nanderen gebracht, die in der Kunst und namentlich in\nWerken der Tonkunst unentbehrlich ist, und die man im\nAllgemeinen mit dem Worte „ „Reiz\"\" bezeichnen kann.\nDie einfache Melodie liegt nicht in seiner Natur, der Ge-\nsang hat bei ihm stets etwas Hartes und Heftiges, oder\nwird durch die Harmonie verdüstert. Kommt zufällig eine\nruhige Stelle, so kann man sicher sein, dass ein Sturm\ndarauf folgt. Besonders in seinen Orchester-Compositionen,\ndie er „ „Symphonische Dichtungen\"\" nennt, ist der Man-\ngel an Reiz aulfallend: überall ist an dessen Stelle nervöse\nAufregung, die endemische Krankheit unserer Zeit, getre-\nten. Die Wahl der Gegenstände dieser Werke entspringt\naus einem Grundirrthum der gegenwärtigen Periode, wel-\ncher darin besteht, die Bestimmung der Musik zu ändern,\nindem man ihr das Gebiet des rein Idealen verschliessen\nund sie zu einer nachahmenden und malerischen Kunst\numgestalten will. Vergebens haben alle Versuche in die-\nser Richtung trotz des Talentes ihrer Urheber zu Enttäu-\nschungen geführt: es gibt immer noch Künstler, die es\nsich einreden oder die wirklich davon überzeugt sind, dass\ndiese Bahn die richtige für die Zukunft der Musik ist.\nLiszt hat mehr als jeder Andere den festen Glauben an\ndiese Zukunft. Daher denn auch die Gegenstände seiner\nsymphonischen Dichtungen (folgen die Titel derselben).\nEs ist schwer, ein peinliches Gefühl zurückzudrängen, wenn\nman in der Partitur diese gesuchten Orchester-Effecte\nliest, in die sich ein Talent verirrt, das sich ein unmög-\nlich es Ziel gesteckt hat. Um diese Räthsel zu deuten, wäre\nfür jedes Werk ein besonderes Buch, für jede Seite eine\nErklärung nöthig. In einer meiner letzten Unterredungen\nmit Liszt sagte er mir: „ „Wir haben in Deutschland eine\ngewisse Zahl von intelligenten Leuten, welche die Zukunft\nder Tonkunst begreifen und klar durchschauen. Was\ndie Dunkel und Unverständlichkeit in der\nneueren Musik nennen, ist für uns nicht vorhanden.\" \"\nNun gut: geben wir zu, dass diese modernen Oedip's sich\nstark genug fühlen, die Sphinx herauszufordern, was kön-\nnen wir daraus folgern? Dass es so fein organisirte Gei-\nster gibt, die da einen Sinn finden, wo wir keinen ent-\ndecken? Wie? handelt es sich denn um Wissen und Be-\ngriff, oder um Kunst? Scharfsinn und Intelligenz gehören\nin das Gebiet der Wissenschaft, die Kunst aber existirt\nnur unter der Bedingung, dass sie erst das Gefühl afficirt\nund dann den Verstand. Liszt hat ungeheure Anstrengun-\ngen gemacht, um auf dem Wege der Reflexion zu Resul-\ntaten zu gelangen, die unter den realistischen Voraus-\nsetzungen, die er zu Grunde legt, musicalisch zu erreichen\nnicht möglich sind. Hätte er sein Gefühl für das Schöne\nund seine Phantasie zu Hülfe genommen, so würde er\netwas ganz Anderes geliefert haben.\"\nVon gewissenhafter historischer Forschung liefert un-\nter Anderem der ausführliche Artikel über Orlandus\nLassus einen Beweis. Bekanntlich sind über dessen ur-\nsprünglichen Namen und das Jahr seiner Geburt die ver-\nschiedensten Angaben vorhanden. Felis war in der ersten\nAuflage seiner Biographie u den Angaben der\nMonographie von Del motte über Lassus gefolgt: „No-\ntice biographique sur Roland Delattre, connu sous le nom\nd'Orland de Lassus.\" Valeneiennes, 1836—welche Dehn\nin Berlin mit Anmerkungen ins Deutsche übersetzt hat:\nBerlin, 1837, 139 S. gr, 8. Hiernach hat man ange-\nnommen, dass der grosse Musiker ursprünglich Roland\nDelattre (oder de Lattre) geheissen habe. Die Aende-\nrung seines Namens und Vornamens in Orland de Las-\nsus habe er vorgenommen, „weil sein Vater als Falsch-\nmünzer verurtheilt worden sei, mit einer Kette von falschen\nMünzen um den Hals drei Mal um das Schaffot in Möns,\nseiner Geburtsstadt, zu gehen\", wesswegen Roland auch\ndas Land verlassen habe.\nSpätere Prüfungen dieser Nachricht, welche allein\nauf der Angabe einer handschriftlichen Chronik von einem\nsonst unbekannten Autor, Vinchant, die auf der Bibliothek\n%\nzu Möns von Delmotte entdeckt worden, beruht, haben in\nFetis starke Zweifel an deren Wahrheit erregt. Den\nHauptzweifel gibt ihm die bestimmte Notiz Samuel Quickel-\nberg's, eines Zeitgenossen des Lassus, in der Schrift über"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "131", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640423-01.1.3", "texte": "dessen Leben, düss Lussus, sils er Copcllmeistcr zu Sonct\nJohann vom Lateran in Horn war, eine Reise nach Möns\ngemacht habe, um seine kranken Eltern zu besuchen. In\ndei hohen Stellung, welche Lassus in Horn einnahm,\nwürde er wahrlich, wenn er Ursache gehabt hätte, sich\nseiner Geburt zu schämen, nicht diese Heise unternommen\nhaben. Ferner steht fest, dass er, als ihn Ferdinand von\nGonzaga von Möns mit nach Italien nahm, erst zwölf\nJahre alt war, ein Alter, in welchem von einem Knaben\nschwerlich der Lnlschluss, seinen Namen zu ändern, ge-\nlasst werden kann. Wenn Quickelberg auch 1530 an-\nstatt 1520 für das Geburtsjahr Orlando's angibt, so kann\ndas seine Autorität nicht schwächen, da diese Zahl zwar\nhäufig nachgeschrieben, aber auch schon als ein Druck-\nfehler bezeichnet worden ist*).\nIn Italien kannte man den grossen Meister nur unter\ndem Namen Orlando Lasso,oder und\nso heisst er auch auf allen seinen zu Venedig gedruckten\nWerken. Er selbst hat sich in allen Vorreden, authenti-\nschen Acten und eigenhändigen Briefen Lassus unter-\nzeichnet, eben so seine Söhne, Enkel und Nachkommen\nbis ins fünfte Glied-, wie die Stammtafel seiner Familie bei\nDelmotte nachweist.\nUnsere eigene Meinung über die Sache ist folgende.\nLassus und Lasso sind jedenfalls jener ein latinisirtcr, die-\nser ein italianisirter Name: es bleibt also nach Abstreifung\nder Iremden Endsylbe der Stamm Lass, oder Lasse,\noder Lasse übrig. Nun findet sich in der That bei fran-\nzösischen Schriftstellern, auch nach Fetis' eigener Angabe,\ndass Lassus lioland Lasse geheissen und seinen Namen\nnur nach der Sitte der Zeit latinisirt habe**). Noch mehr\naber als das gilt uns die Grabschrift seiner Frau Regina\nWeckinger: „Im Jahre der Gnade 1600 den 5. Juni\nstarb die hochedle und tugendsame Frau Regina de\nLassiii, Witwe von Orlandus de Lassus\" u. s. w. und\naus Delmotte und Dehn ersehen wir, dass diese Dame in\nden Patenten, die sie von dem Herzoge von Baiern erhal-\nten, ölter die Lassin genannt wird und sich auch so un-\nterzeichnet hat. Dies ist aber nichts Anderes, als die bis\nin den Anfang unseres Jahrhunderts gewöhnliche deutsche\nweibliche Form des Mannsnamens. Die Bezeichnung der\nGattin durch Frau oder Madame N. N. kannte man nicht,\nund selbst wenn der Vorname nach unserer Sitte die Sache\ndeutlich machte, so liess der Sprachgebrauch dennoch die\nweibliche Endsylbe in oder inn sich nicht nehmen. Eine\nlaustina Ilasse kannte man nicht, wohl aber die Fau-\nsline Hassin\"; auch verfuhr das Volk ganz grammatisch\nrichtig, indem es die weiblichen Eigennamen durch den\nMangel des Umlauts von den ähnlichen Formen weib-\nlicher Gattungsnamen mit dem Umlaute unterschied, z. B.\ndie Propst in und die Pröpstin, die Haasin und die Häsin\nund so weiter. Die Sylbe in schliff sich dabei in\nvielen Gegenden im gewöhnlichen Geplauder zu en ab,\nz. B. die „Wollen\" (nicht die Wölfin) spielte heute vor-\ntrefflich; allein Schriftsprache blieb in, bis es unter der\nSchere der hochweisen Schulmeistern verschwand, die\nuns auch den schönen Pluralis: „bei Grafs, bei Köders\"\nu. s. w. genommen hat und dalür Wortungeheuer wie\n„Rechnenschule\", „Zeichnenbuch\" u. a. aufdrängen will.\nDas beiläufig; die Leser mögen den philologischen Excurs\nverzeihen. Nach alledem also glauben wir, dass Lasse\nder wahre Name des Meisters gewesen, den er keineswegs\nabsichtlich verläugnet, sondern nur lateinisch in Lassus\nzugestutzt hat. Hat mithin einmal ein Delattre falsches\nGeld in Möns gemacht, wie die Chronik besagt, so war\ndieser Falschmünzer gewiss nicht unseres lloland's Vater.\nDas de hat wohl Lassus seinem Namen erst hinzugefügt,\nals er durch Kaiser Maximilian im Jahre 1570 den Beichs-\nadel erhielt. Es kann aber auch\" ursprünglich dazu gehört\nhaben, ohne den Adel zu bezeichnen, da es in vielen nie-\nderländischen Namen als Artikel vorkommt, z. B.\nDas Geburtsjahr 1520, dessen Annahme sich auch\nauf die Chronik Vinchant's stützt, scheint durch wichtige\no\nZeugnisse anderer Schriftsteller und Vergleichungcn der Le-\nbensereignisse Lasse's mit seinem Lebensalter als sicher\nfestgestellt. Als authentische Zeugen müssen Thuanus\nThou), Hb. 109, Swertius (Athenae Belgicae) und Lo-\ncrius (Chronicon belgieum)gelten. Welch einen Ruf er in\nItalien, wohin er in seinem zwölften Jahre gekommen war,\nschon als junger Mann erlangt haben musste, geht daraus\nhervor, dass bereits im Jahre 1541 ihm die bedeutende\nStellung als Capellmeister an Sanct Johann im Lateran zu\nBom zu Theil wurde. Da dieses Jahr in den Verzeichnis-\nsen der Capellmeister im dortigen Archive steht, so war\nLassus damals erst 21 Jahre alt.\nBekanntlich hat Lassus nachher seine glänzendste und\nwirkungsreichste Stellung in München gehabt. Weniger\nbekannt ist, dass er zuletzt in tiefe Melancholie, die sehr\nhäufig in wirklichen Irrsinn ausartete, verlieh Sein Todes-\njahr ist durch einen von Dehn im kaiserlichen Hof- und\nStaats-Archiv zu Wien aufgefundenen eigenhändigen Brief\nder „Lassin\" an die Erzherzogin Marie festgestellt wor-\nden; sie theilt der Prinzessin darin mit, dass Orlandus de\nLassus den 14. Juni 1504 gestorben ist. Eine Bestäti-\n\n*) Quick elberg's Notiz über Lassus1 Leben ist im 111. Theile\nder Pvosopographiae heroum atque illustrium virorum \"totius Germa-\nniae von Henr. Pantaleon, Basel, 1560, 4, abgedruckt.\n**) Fetis führt eine Ilistoire de Musique par Don Caffiaux,\nhandschriftlich aus Corvey auf der kaiserlichen Bibliothek in Paris,\nNr. 16, und des Dubos Beflexions sur la poesie et peinlure,\np. 465, an wahrscheinlich nach Delmotte.\n[1"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "132", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640423-01.1.4", "texte": "gung, dass Lassus noch in diesem Jahre gelebt, gibt auch\ndas Datum der Dedication des Werkes S.\nPietro vom 24. Mai 1594 (Delmotle und Felis). Aber\ndieses in München gedruckte Werk enthält auch ein Por-\ntrait von Lassus mit der Unterschrift: (62\nJahre alt)! Das wirft uns wieder sein Geburtsjahr 1520\nüber den Haufen! Danach wäre er sogar erst 1532 ge-\nboren und mithin schon in seinem neunten Jahre (1541)\nCapellmeister in Rom geworden! Fetis hilft sich leicht\ndarüber weg, indem er sagt, „dass hieraus hervorgehe,\ndass Lassus selbst über sein Geburtsjahr in Ungewissheit\ngewesen wäre\". Dass man sich in solchem Falle um ein\noder ein paar Jahre irren könne, läsat sich annehmen:\naber um zwölf Jahre? das wäre doch stark.\nNun kommt noch ein neues Argument dafür, dass\nLassus nur 62 Jahre alt geworden, hinzu, welches Felis\nnicht gekannt oder übersehen hat.\nDer gelehrte und unermüdliche Franz Commer in\nBerlin, der Herausgeber der Cotteetio Musieorum Bata-\nvorum auf Veranlassung der\nring der Toonkunst, hat nach der Vollendung des XII.\nBandes, mit welchem die Sammlung vorläufig sistirt wurde,\neine andere Sammlung von Gesängen aus dem XVI. und\nXVII. Jahrhundert (Berlin, bei Trautwein M. Bahn) er-\nscheinen lassen, deren letzte vier Bände( Tom. V. VIII.\n1860—1863, Fol.) er ausschliesslich den Compositionen\nvon Lassus gewidmet hat. Sie führen auch den Nebentitel:\nSeleetio Modorum ab Orla\ntorum continens etc. C\nCommer. Tom. IV. Pr. 5 Thlr.\nIn der Vorrede zu diesem IV. Bande bespricht Commer\ndie grosse Ausgabe der sämmtlichen Motetten Lasso's, die\nseine beiden Söhne Ferdinand und Rudolf 1604 zu München\nveranstaltet und in Druck gegeben haben:\nmusicum Orlandi di Lasso Capellae Bavaricae quondam\nMagistri. Compleetens omnes Cantiones quas Motetas\nvutgo vocant etc. Dieses Werk enthält in sechs Stim-\nmenbüchern in Folio 516 zwei-, drei-, vier-, fünf-, sechs-,\nsieben-, achtstimmige, 2 neun-, 3 zehn- und 2 zwölfstim-\nmige Motetten. F<stis führt dieses Werk auch mit dessen\nvollständigem Titel an, ohne es weiter zu beschreiben.\nCommer theilt die Grabschrift des Denkmals des Meisters\naul dem Franciscaner-Kirchhofe zu München mit, welche\naul der letzten Seite jener grossen Sammlung abgedruckt\nist. Nun sehe ich zwar, dass Felis an einem anderen Orte\n(S. 213) dieses Epitaphium auch abgedruckt hat, wahr-\nscheinlich nach Delmotte; aber beide haben nicht be-\nmerkt, dass dieses olficielle Document von Stein (das zu-\nletzt in Ileigel's Garten stand) dem Lassus auch nur zwei-\nundsechszig Lebensjahre gibt, nicht aber 74, die\ner im Todesjahre 1594 hätte haben müssen, wenn er\n1520 geboren wäre! Commer, dem diese Untersuchung\nfern lag, hat auch nichts darüber bemerkt.\nDie Grabschrift besteht aus sechs lateinischen Disti-\nchen. Die betreffenden Verse lauten:\nBelgica quem tellus genitrix dedit ingeniorum,\nIngeniorum altrix Boia fovit humus.\nCorporis exuvias Gadern quoque Boia texit)\nPost lustra ac hyemes sena bis acta duas.\n(Lassus, „den uns das Talente erzeugende belgische Land\ngab und den das Talente nährende Baiern hegte. Seine\nkörperliche Hülle hat ebenfalls Baiern mit Erde bedeckt,\nnachdem er zwei Mal sechs Lustra und zwei Winter\ndurchlebt\".) Zwei Mal sechs Lustra zu fünf Jahren und\nzwei Winter machen 62 Jahre. Und seine Familie und\ndie Einwohner der Stadt, in welcher er 38 Jahre lang\ngewohnt hatte, hielten ihn alle für zwölf Jahre jünger, als\ner wirklich war?? Es liesse sich Alles mit dem Ge-\nburtsjahre 1532 (welches übrigens drei deutsche Schrift-\nsteller angeben, A. M. Kobolt im baierischen Gelehrten-\nLexikon, Mein im baierischen Künstler-Lexikon und Li-\npowsky im baierischen Musik-Lexikon) oder wenigstens\nmit 1530 (Quickelberg) vereinigen, nur nicht die An-\ngabe von Baini in seinem Leben Palestrina's/dass Las-\nsus schon im Jahre 1541 Capellmeister in Rom geworden.\nDa übrigens von 1548 bis 1556 oder 1557, wo Lassus\nnach München kam, ein Dunkel über diese acht bis neun\nJahre seines Lebens herrscht, so wäre es immerhin mög-\nlich, dass der wahre Eintritt in die römische Stelle weiter\nhinausgeschoben werden müsste und dass eine neue Ein-\nsicht der Capellmeister-Listen im Lateran nöthig wäre.\nUm auf den IV. Band von Commer's Auswahl\naus Lassus' Compositionen zurückzukommen, so bringt\ndie Vorrede auch noch ein hübsches Anagramm:\nOrlandus de La—\nBolus laurea donandus!\naus der pariser Ausgabe der Messe über von\n1587. Der Band enthält 23 drei-, vier- bis siebenstimmige\nGesänge, davon sechs auf deutschen, die übrigen auf latei-\nnischen Text, lauter treffliche Musikstücke, die mehr als\nhistorischen Werth haben. Die längsten und auch sonst\nbedeutendsten darunter sind zwei Messen, die erste ad\nimitationem moduli Beatus qui intelUgit, sechsstimmig (2\nSoprane, Alt, 2 Tenöre, Bass) mit Ausnahme des Cruci-\nfixus und des Benedictus,welche nur vierstimmig sind;\ndie zweite ad imitationem moduli die meisten\nSätze ebenfalls sechsstimmig, jedoch das Crucifixus und Et\nresurrexit vier- und das Benedictus nur dreistimmig (So-\npran, Alt, Tenor) und das A siebenstimmig (2\nSoprane, 2 Alt, 1 Tenor und 2 Bässe)."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "133", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640423-01.1.5", "texte": "Freilich, wenn die katholische Kirche überall geschulte\nKirchenchöre herstellt, welche diese Vocalmessen richtig\nund schön singen können, so wird Niemand das Orchester\nund sogar nicht einmal die Orgel vermissen. Allein die\ngute Ausführung ist doch wahrlich hierbei die\nsine qua non! Aber auch Singvereinen ist die ganze Samm-\nlung sehr zu empfehlen.\nIm Ganzen enthalten die vier Bände der Sammlung\nvon Fr. Commer 00 Gesänge von Orlandus Lassus, davon\n15 auf deutschen Text, und als Zugabe eine Passion\nvo/> Barthol. Gese nach dem Evangelisten Johannes mit\ndeutschem Text in Bd. IL, S. 88. Derselbe Band enthält\nauch eine Passion von Orlandus Lassus nach dem\nMatthäus mit lateinischem Text. Die Recitation des Evan-\ngelisten in der letzteren, so wie die Reden Christi sind als\nErgänzung aus dem Cantus ecclesiasticus sacrae Ilisioriae\nPassionis Jesu Christi etc.(zuerst in Rom, dann 1738\nund zuletzt 1837 neu gedruckt) genommen. Merkwürdi-\nger Weise sind die Reden der anderen einzelnen Perso-\nnen, z. B. des Judas, des Petrus, des Hohenpriesters, der\nMagd u. s. w., alle zweistimmig, ja, die des Pilatus sogar\ndreistimmig gesetzt! Die Chöre der Apostel, der Priester,\ndes Volkes sind vier- bis sechsstimmig, aber alle kurz. Die\nRecitation des Evangelisten ist im Ganzen eintönig und\nmodulirt nur selten mit der Stimme auf einzelnen Sylben.\nIn der deutschen Passion von Gese (1550?— 1528),\neinem Zeitgenossen Lasso's, ist die Erzählung des Evange-\nlisten Johannes noch monotoner behandelt, allein die Re-\nden Christi sind alle vierstimmig componirt, die der an-\nderen einzelnen Personen wiederum, wie bei Lassus, zwei-\nund dreistimmig (z. B. Petrus' Worte), die Chöre fünf-\nstimmig. Diese Passion, wie es scheint, für den evangeli-\nschen Gottesdienst componirt (auch ist die Dedication\nWittenberg, 1588, unterzeichnet), unterscheidet sich auch\nnoch dadurch von den gleichzeitigen, dass sie einen Prolog\nhat: „Erhebet eure Herzen zu Gott und höret das Leiden\nunseres Herrn Jesus Christus, wie uns Sanct Johannes be-\nschreibt\", für fünfstimmigen Chor gesetzt (17 Tacte)—\nund einen Epilog: „Dank sei dem Herren, der uns erlöset\nhat durch sein Leiden von der Hellen\" (Höllen), 13 Tacte,\nebenfalls fünfstimmig.\nWelch eine Zeit der Entwicklung war noch zu durch-\nlaufen von diesen Passionen bis zu den vollendeten Musik-\nwerken J. S. Bach's! Allein man kann sich, wenn man\ndie beiden älteren Werke in Commer's Sammlung durch-\nliest, dennoch gar wohl eine Vorstellung von der grossen\nWirkung machen, welche ihre Aufführung in der Kir-\nche gemacht haben muss.\nWenn unsere jetzigen Vereine auf Bach vorzugsweise\nzurück zu gehen lieben, so empfehlen wir ihnen nochmals\ndie jetzt durch Commers Bemühungen und das ehren-\nwerlhe- Unternehmen der Verlagshandlung Trautwein\n(Bahn) in Berlin zugänglich gemachten Werke von Las-\nsus, unter denen sich besonders die deutschen Gesänge\nI ür die Uebung des eignen, zu gleich-\nzeitiger und genussreicher Benutzung.\n\nL. B.\n\nDr. d’Alquen †.\n\nVor dem Schlüsse des verwichenen Jahres starb in\nMülheim am Rheine ei» praktischer Arzt, Herr Sanitäts-\nrath Dr. d'Alquen, dessen Berufstreue, dessen stiller,\nbürgerlicher Lebenswandel, dessen edle, freiheitsbegei-\nsterte Gesinnung allgemein anerkannt wurde. Niemand\naber hatte bei seinem Hintritte vermuthet, dass der Heil-\nkundige zugleich ein tüchtiger Tonkünstler gewesen sei\nund als solcher sich nicht bloss auf die Ausübung be-\nschränkt, sondern auch seit vierzig Jahren eine Reihe von\nkleineren und grösseren musicalischen Werken geschaffen\nhabe. Nur dem engsten Kreise der Freunde war dieses\nbekannt, und diese nächsten Freunde haben nun, um dem\nGeschiedenen ein ehrenvolles Andenken zu sichern, be-\ngonnen, einen Theil seines musicalischen Nachlasses zu\nveröffentlichen.\nJohann Peter Cornelius d'Alquen, geboren den 17.\nSeptember 1800, war der Sohn des 1838 verstorbenen\nRegierungsratbes F. A. d'Alquen in Arnsberg, welcher\nzur Zeit der Wiedergeburt Preussens durch Stein einen\neinllussreichen Wirkungskreis in der Landes-Verwaltung\ngehabt hatte. Die Familie stammte aus Spanien und war\nfrüher in den Niederlanden ansässig, wo sich auch ein\nänderer Sohn des Genannten als Tonkünstler niedergelas-\nsen hatte. Nach seinen Studienjahren in Giessen und Ber-\nlin wählte unser d'Alquen, durch einige kölner Freunde\nveranlasst, Mülheim am Rheine zum Aufenthalte, das er\nseit 1824 nicht wieder verlassen hat. Das eigentümliche\nWesen des trefflichen Mannes, seine wunderbar vielseitige\nwissenschaftliche Bildung, seine lebhafte Theilnahme an\nallem Schönen und Edlen und seine Berufstreue schildert\neine kleine Schrift: „Dr. d'Alquen. Ein Lebensbild.\"\nElberfeld, bei S. Lucas. 1804. 27 S. kl. 8. —, welche\nseinem stillen, eben so wissenschaftlich ernsten als prak-\ntisch menschenfreundlichen Wirken die innigste Theil-\nnahme gewinnt.\nUnd bei so vielen Bestrebungen, Studien und Thätig-\nkeiten wies er dennoch die Muse der Tonkunst, die ihm\nbei seiner Geburt gelächelt hatte, während seines ganzen\nLebens niemals zurück, wenn sie ihm freundlich winkte.\n„Schon in der Jugend\" sagt der Verfasser des anzie-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "134", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640423-01.1.6", "texte": "henden Lebensbildes „spielte er die Geige mit Fertig-\nkeil, das Pianoforte aber mit Meisterschaft. Er hatle es\nwagen dürfen, neben den besten Künstlern des Tages auf-\nzutreten. Mit seinen glücklichen Tonsetzer-Anlagen, mit\ndem Melodieen-Reichlhume seines reinen Gemüthes ver-\nsuchte er sich zuerst im Liede. Obgleich er der beschei-\ndenste Künstler war und nie mit seinen Werken auf den\nMarkt der OefFentlichkeit zog, so kamen durch Freundes-»\nband doch manche seiner Versuche in die zeilweisen\nSammlungen, namentlich in den damals von Busse in\nBraunschweig herausgegebenen „„Arion\"\". Auch die\nspäter in Stuttgart bei Göppert erschienenen Sammlungen\nein- und mehrstimmiger Gesänge enthalten mehrere schöne\nLieder seiner Erfindung. Er blieb aber nicht bei Gesang-\nCompositionen stehen, sondern schrieb nach und nach, von\ndieser oder jener Seite angeregt, Clavier-Sonaten, Geigen-\nQuartette, Opernscenen u. s. w. Der im Jahre 1852 in\nBurscheid tagende bergische Sängerbund führte ein grös-\nseres Tonwerk für Männerstimmen: „„Die Lehen von St.\nGoar\"\", auf. Dieses von d'Alquen gesetzte Gesangstück\ngewann ausserordentlichen Beifall und ist auch im Stich\nerschienen. Viele seiner Melodieen begegnen uns seit fünf-\nundzwanzig Jahren an der Wupper und Sieg im Munde\ndes Volkes als wirkliche Volkslieder.\n„Wie er im wissenschaftlichen Leben stets beflissen\nwar, jeder anstrebenden jüngeren Kraft den Bildungsweg\nzu erleichtern, wie er sich immerfort hülfreich zeigte und\nniemals auch nur den leisesten Anflug von Neid oder Eifer-\nsucht wahrnehmen liess, so war er auch im Gebiete der\nKunst. Auch zur tonkünstlerischen Bildung widmete er\ngern seine Mussezeit aufstrebenden jungen Leuten und\nschuf dadurch manches Gute und Schöne in der näheren\nUmgegend; aber auch die grosse Welt hatte sich seines\nFleisses zu erfreuen, denn er entdeckte die musicalische\nBegabung der Familie Form es, veranlasste den älteren\nBruder Karl, den Versuch des musicalischen Auftretens\nzu machen, und schulte ihm die Rolle des Sarastro ein,\nmit welcher Formes in Köln und allenthalben entzückte.\nD'Alquen arbeitete für die Kirche, wie für Stube und Con-\ncertsaal, für Gesang und Orchester. Einmal sogar, als ein\nMusik-Director ihm im Vertrauen gestand, dass er aufge-\nfordert sei, ein grösseres Tonstück für ein Männer-Ge-\nsangfest zu schreiben, aber in der Arbeit nicht fortkäme,\nüberraschte ihn der Doctor mit der fertigen grossen Ar-\nbeit und hörte mit Freude, dass dem Direclor als Meister\nvon allen Seilen Beifall gespendet wurde. In Köln kamen\nunter Eschborn's Leitung mehrere seiner Orchesterstücke\nin Zwischenaclen der Schauspiele zur Aufführung. Er\nwohnte dem auch einige Male bei, um zu hören, wo es\netwa diesen Werken noch fehle, wollte aber nicht, dass\nsein Name genannt werde, weil er seine Gestaltungen für\nzu unbedeutend hielt, was aber Eschborn, der selber ein\ntüchtiger Meister, nicht zugeben konnte.\n„Die d'Alquen'schen Tonwerke werden von heutigen\nbewährten Fachmännern sehr verschieden beurtheilt. Wäh-\nrend die Einen unbedingtes Lob spenden und seine Lieder\nund Clavier-Sonaten hoch stellen, finden Andere, dass der\nComponist allzu beharrlich am Mozart'schen Muster fest-\ngehalten und sich nicht habe mit forlreissen lassen von\ndem Entwicklungsgange der Neuzeit. Alle aber stimmen\ndarin überein, dass der Reichthum an Melodieen und die\nDurcharbeitung unseren d'Alquen auszeichnen und dass\nselbst seine unbedeutendsten Werke von Interesse sind.\nBezeichnend für d'Alquen's Ehrlichkeil auch als Compo-\nnist ist es, dass ein bewährter Künstler, der den musicali-\nschen Nachlass durchforscht und namentlich die Clavier-\nSonaten mit grosser Freude und Befriedigung wiederholt\ndurchgespielt hat, nur Ein Lied gefunden, wovon er be-\nhauptete, dass dessen Melodie entlehnt sei, und zwar aus\ndem Propheten. Bei näherer Prüfung aber fand sich, dass\ndieses Lied schon 1831, also schon lange vor dem Pro-\npheten,, geschrieben war.\"\nFreunde des Verewigten sind nun damit beschäftigt,\neine Blüthenlese seiner musicalischen Werke drucken zu\nlassen. In der Auswahl der verschiedenen Nummern sollen\ndie Richtungen vertreten sein, in denen der Verstorbene\nthätig war: Sonaten für Piano sollen mit Saiten-Quartetten\nund Gesang-Partieen abwechseln. Das bereits erschienene,\nuns vorliegende erste Heft gibt ein Werk, das Dr. d'Alquen\nkurz vor seinem Tode geschrieben:\nDie Vögel. Kinder-Singspiel von Wilh. von\nWaldbrühl; in Musik gesetzt und den Robert\nSchnitzler'schen Kindern gewidmet von J. P. C.\nd'Alquen. Nr. 1 der nachgelassenen Werke.\nElberfeld, bei F. W. Arnold. Preis P/2 Thlr.\nDie Idee des Gedichtes ist allerliebst: Canario und Ca-\nnaria im grossen goldenen Käfig sehnen sich nach Frei-\nheit, Fink und Finkin beneiden sie dagegen um ihr präch-\ntiges Haus und reichliche Verpflegung. Daraus entspinnt\nsich anmuthiger Wechselgesang und Zwiegespräch—auch\ndieses in gereimten Versen bis in einem Finale beide\nGruppen sich in die Unerreichbarkeit ihrer beiderseitigen\nWünsche fügen. Die Musik ist für vier Kinderstimmen\nund Clavier-Begleilung (was auf dem Titel zu bemerken\nvergessen ist) gesetzt und besieht aus einer Ouverlure und\nfünf Gesangnummern, wobei zwei Duette, von denen das\nletzte in ein kurzes Schluss-Quartett übergeht. Das ganze\nSpiel ist aus lieblichen, leicht fasslichen Melodieen zusam-\nmengesetzt und dürfte als einzig in seiner Art ein recht\nwillkommenes Werthstück im deutschen musicalischen"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "135", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640423-01.1.7", "texte": "llausschatze sein und bleiben, denn diese Musik unter-\nscheidet sich von vielen so genannten Kinderliedern auf\nsehr vortheilhafte Weise, und die durch und durch vor-\nherrschende Manier Mozart's aus dessen früheren Werken\nhat etwas ungemein Ansprechendes, ja, gleich der Anfang\nder Ouvertüre mit seinem zauberflötenartigen Eingange\nheimelt uns an, zumal wenn man sich die kleinen Cana-\nrienvögel und Finken in nettem Papageno- und Papagena-\nGefieder hinzudenkt\n*).\n\nL. B.\n\nKurze Anzeigen.\nWilhelm Hülle, Op. 2, Sieben leichle zweistim-\nmige Lieder mit Begleitung des Pianoforte com-\nponirt und den Fräulein Therese und Sophie\nBreithaupt zugeeignet. Köln, bei Gottfried\nKüpper. Preis 1 Thlr.\nDiese Lieder, in einfacher Form geschrieben, hübsch\nerfunden, anspruchlos im besten Sinne des Wortes, llies-\nsend und gefällig, desshalb leicht sangbar in beiden Stim-\nmen, deren Umfang eine Octave nicht überschreitet, sind\neine hübsche Vermehrung der Literatur von leichten zwei-\nstimmigen Original-Compositionen. Dieselben eignen sich\nvermöge ihres Charakters und ihrer gut gewählten Texte\neben so für Schulen und Erziehungs-Anstalten von Töch-\ntern, als für Familienkreise. Die Clavier-Begleitung ist\nleicht, aber nöthig, besonders wenn diese Lieder einstim-\nmig gesungen werden. Nr. 1, 4, 5 haben uns namentlich\ngefallen und werden gewiss bald Lieblinge der jungen\nSängerinnen werden. In Nr. 7: „Das Wandern ist des\nMüllers Lust\", ist die Melodie nicht übel, aber der Schluss\nderselben mit dem Ritardando widerspricht dem Charak-\nter des Gedichtes, was namentlich im dritten Verse auf\ndie Worte: „Die sich mein Tag nicht müde geh'n\", auf-\nfällt. Da jede Stimme (ä Sgr.) einzeln zu haben, so\nerleichtert dies die Einführung in Töchterschulen.\nWi'lhel m Hülle, Op. 3, Fünf Gedichte aus dem\n„Liebesfrühling\" von Friedrich Rückert für eine\nSingstimme mit Begleitung des Pianoforte. Köln,\nebendaselbst. Preis 171/a Sgr.\nDiese Lieder haben den Vomier, dass sie sich an die\nrj7\neinfache Form halten und mithin nicht declamatorische\nPhrasen, sondern wirkliche Lieder sind. Manche davon\nathmen eine wahre und innige Empfindung, besonders\nINr. 2. „Ich wünsche, dass der Frühling komme\", und\nNr. 4. „Ich hebe dich, weil ich dich heben muss\".— Die\nMclodiecn sind sangbar und die Begleitung leicht.\n*) Bei Fortsetzung der Ausgabe ist auf sorgfältigere Correctur\ndes Druckes zu achten, S. 2 fehlt System 3, T. 1 ein J? vor e.\nS. 7, Syst. 4, T. 2 und 3 ein vor d. —S. 8, Syst. 2, T. 2 lies\nh, statt a u. s. w.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKöln. Die letzte Sitzung der musicalischen Gesellschaft war\neinem Concertabende vergleichbar, auch haben wir die Versamm-\nlung fast noch nie so zahlreich gesehen, denn das Programm hatte\nausser einer Ouvertüre eine neue Composition von F. Hill er und\ndie Aufführung des Septetts von Beethoven in seiner ursprüng-\nlichen Gestalt verheissen. Hiller hat für unseren trefflichen Violon-\ncellisten A. Schmit eine „Ballade\" für Violoncello und Orchester\ngeschrieben, ihr aber, um Missverständnisse zu vermeiden, den Nc-\nbentitel „Concertstücku hinzugefügt. Denn ein Concertstück ist\nes in vollein Maasse, und zwar ein genial erfundenes und durchweg\nglänzendes, das jedoch von dem Balladenstil, d. h. von dem nr-\nspiünglichen und echten, die sehr schöne Ifauptmclodie hat, dio\nsich durch das Ganze zieht und deren Motive tbeils wörtlich wie-\nderholt, tbcils in episodischen Anklängen durch das zweite, brillant\nfigurirte Tempo hindurchklingen. Dabei hat das schöne Stück vor\nden gewöhnlichen Bravoursachen für dieses Instrument den grossen\nVorzug, dass es ein wirkliches Violoncellstück ist, nicht ein Violin-\nCapriccio, aul der hohen Saite des Basses zu spielen, und zweitens\ndass dessen aut Viituosität und zwar aut keine gewöhnliche\nberechnete Passagen zugleich einen inneren charakteristischen Ge-\nhalt haben. Wahrlich, dio Violoncellisten, die nicht mehr wissen,\nwas sie als Concertgeber spielen sollen, müssen Hiller in hohem\nGrade dankbai sein, dass er ihnen eine Composition gewidmet hat,\ndie alle Ansprüche an ein gediegenes Concert für ihr Instrument\nbefriedigt. Die Versammlung brach am Schlüsse in den lebhaftesten,\nwiederholten Beifall aus, der wie der Composition, so auch der mei-\nsterhaften Ausführung durch Herrn A. Schmit galt.\nEben so beifällig wurde der Vortrag des Beethoven'schen Sep-\ntetts aufgenommen, welches die Herren Japha (Violine), von Kö-\nnigslöw (Bratsche), A. Schmit (Violoncello), Ad. Breuer (COll-\n- Möseler (Clarinettc), Stumpf (Horn), Müller (Fagott)\nvorzüglich gut ausführten.\nAm Dinstag den 19. d. Mts. führte der städtische Sing-\nverein unter der Direction des Herrn Ferd. Breunung im klei-\nlicitn Güizenichsaale in öffentlicher Versammlung vor einem einge-\nladenen Publicum, das sich sehr zahlreich eingefunden hatte, die\nCantate von J. S. Bach: „Ich hatte viel Bekümmerniss\", und in\nder zweiten Abtheilung „Erlkönigs Tochter\" von N. VV. Gade mit\nPianoforte-Begleitung auf. Der Verein bewies durch die präcise\nAusführung der Chöre, welche namentlich in der Bach'schen Can-\ntate keine leichte Aufgabe bilden, die eifrige Einübung unter einer\ntrefflichen Leitung. Die Soli wurden in der Cantate von Fräulein\nRothenberger, Herrn E. Koch und einem Mitgliede des Vereins,\nin der Ballade von Gade durch zwei Dilettantinnen und Herrn B.\n(Tenor) recht gut gesungen.\nFräulein Paul ine Lucca ist hier eingetroffen und wird Sonn-\ntag den 24. als Valentine in den Hugenotten und Dinstag den\n26. als Gretchen in Gounod's Faust auftreten.\nZur Shakespeare-Feier wurde am Donnerstag den 21. im\nStadttheater ein Vorspiel von Georg Ilick mit Schluss-Tableau\nund „Die bezähmte Widerspenstige\" mit Fräulein Wilhelmine\nSeebach und Herrn Emil Devrient gegeben; heute am. 23.:\n„König Richard II.\", zugleich als letzte Gastrolle Devrienfs. lm\nThaliatheater wurde gestern den 22. aufgeführt: Festspiel von Mi-\nchael Bemays mit Schluss-Tableau und ebenfalls „Die bezähmte"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "136", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640423-01.1.8", "texte": "Widerspenstige\" mit Fräulein Hesse und Herrn Harting. Am\n23.: „Viel Lärmen um nichts\" mit Fräulein Hedwig Raabe.\nHerr General-Musik-Director Franz Lachner ist durch den\nVerlast seiner Gattin, die nach schweren Leiden Anfangs dieser\nWoche gestorben ist, in tiefe Trauer versetzt worden und wird nun\ndas 41. niederrheinische Musikfest in Aachen nicht dirigiren. Die\nNachricht aus Aachen (welche auch in die Kölnische Zeitung\nübergegangen war), dass „Herr Lachner so eben aus nicht an-\ngegebenen Gründen die Leitung abgelehnt habe\", muss daher\nauf einem argen Missverständnisse beruhen.\nCMCI'H« Am Charfreitage hielt der hiesige musicalische Verein\nsein 59. Concert und brachte in demselben Spohr's herrliches Ora-\ntorium „Die letzten Dinge\" zur Aufführung. Letztere fand diesmal\nnicht im gewöhnlichen Vereinsiocale, sondern in der St.-Salvator-\nische Statt, deren Räume nach allen Seiten hin vom Publicum ge-\nfüllt waren. Die Aufführung zählt unbedingt zu den besten bisheri-\ngen Leistungen des musicalischen Vereins, dessen erfreulicher Wirk-\nsamkeit wir die Wiedereinführung der Oratorien, so wie überhaupt\ndie Hebung classischer Musik-Production hier verdanken. Unter des\nCapellmeisters Wilhelm Tschirch tüchtiger Leitung ward uns\nbereits eine lange Reihe älterer und neuerer Meisterwerke vorge-\nführt, und hat derselbe die Kräfte des Vereins so entwickelt und\ngehoben, dass er sich mit gutern Erfolge selbst an die grössten Mu-\nsikwerke wagen darf. Herr Schild aus Solothurn, derzeit in Leip-\nzig, sang die Tenor-Soli und bekundete sich dabei als einen mit\nguten Stimmmitteln begabten Sänger.\nDem in Darmstadt gastirenden Tenoristen Steg er hat der\nGrossherzog die Medaille für Künste und Wissenschaften verliehen.\nAus Hannover schreibt man, dass unser Landsmann, der\nblinde Pianist Labor, am königlichen Hofe derart Anwertli gefun-\nden, dass ihn der König nicht weiterziehen lässt. Der Monarch hat\nden Künstler bleibend an sich gefesselt, indem er ihm ein für\nHannover bedeutendes Jahrgehalt auswarf. Als Zugaben der Be-\ndienstung wurden bewilligt: ein Natural-Quartier, eine freie Hof-\nEquipage und drei Sperrsitze im Hoftheater.\n(Wien. 81. f. Tb. u. M.)\nDas Oratorium „Rahab\" von Meves, einem Mitgliede der\nherzoglichen liofcapelle in Braunschweig, fand bei der erstmaligen\nAufführung im zehnten Abonnements-Concerte des Concert-Vereins\ndaselbst grossen Beifall.\nWien, IG. April. Richard Wagner soll ganz unvermu-\ntheter Weise seinen Aufenthalt in Penzing bei Wien verlassen und\nsich nach der Schweiz begeben haben.\nAlfred Jaell, der am G. April noch in dem letzten\nPatti-Concerte in Nürnberg mitwirkte, spielte bereits am 10. in\nParis bei dem Mendelssohn-Feste, zu welchem er telegraphisch\neingeladen worden war (siehe das Programm in der vorigen Nummer\nS. 124), und erregte durch den Vortrag des Concertes in G-moll,\ndas er am Schlüsse der ersten Abtheilung spielte, bei den 5000 Zu-\nhörern des Cirque Napoleon einen fabelhaften Enthusiasmus. Alle\nJournale sind voll des Lobes und einig darin, dass dies der glän-\nzendste Pianisten-Erfolg gewesen, den man seit langer Zeit hier er-\nlebt habe; unter Anderem sagt ein musicalisches Blatt: „Alfred\nJaell steht ganz auf der Höhe seines kolossalen Rufes. Sein breiter\nund markiger Vortrag ist deutsch in der ganzen gewaltigen musi-\ncalischen Bedeutung des Wortes.\" Bei dem „Elias\" hat sich aber\ntrotz der Anerkennung der Solisten (Frau Rudersdorf u. s. w.) die\nZuhörerschaft gelangweilt. „T/oratorio ne va pas h notre natureu,\nsagt die Gazette et Rivue musicale, um die Kälte des Publicums\nzu erklären.\nMexico hat drei Theater, wovon das grösste, ein prachtvolles,\nauf 2500 Zuschauer berechnetes Gebäude, für das recitirende Schau-\nspiel in spanischer Sprache bestimmt ist, aber zugleich auch von\neiner italiänischen Opcrn-Gesellscliaft benutzt wird.\nNach Hamburg. Das mit der Unterschrift „Mehrere Musik-\nfreunde\" uns eingeschickte Inserat einer dortigen Zeitung kann,\nwie alle anonymen Zusendungen, nicht aufgenommen werden. Wol-\nlen die „Musikfreunde\" im wirklichen „Interesse ihrer musicalischen\nZustände\" handeln, wie sie sagen, dann mögen sie mit Thatsachen\nund Gründen hervortreten, vor Allem aber die Meinung aufgeben,\nals sei ein Blatt wie das unserige geneigt , oder gar geeignet,\nschlechte Witze und Persönlichkeiten weiter zu verbreiten. Köln,\n22. April. Die Redaction."}]}