{"numero_id": "bm-bmtnabi-1864-04-30-01", "volume": "bmtnabi_1864-04-30_01", "ocr_sha256": "6074764ee00800e4211fc5602a2ab53a3c45b9865a2e19e6baa7102e0c844e9b", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1864/04/30_01/bmtnabi_1864-04-30_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640430-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1864-04-30-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1864-04-30_01#c001", "volume": "bmtnabi_1864-04-30_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "137", "page_fin": "137", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640430-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "137", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640430-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 499, "texte": "Inhalt.\nBiographie universelle des Musiciens. Par F. J. Fetis. 11. (Meyerbeer.) - Zum 23. April (Shakespeare-Feier). Aus\nBremen (Schluss der musicaliscben Saison, Rückblick auf dieselbe). Tages- und Unterhaltungsblatt (Köln, Gastspiel von Fräu-\nlein Pauline Lucca im Stadttheater Cleve, L. Spohr's Notturno für Blas-Instrumente Programm des bevorstehenden 41. niederrheini-\nschen Musikfestes Der Horneinsatz im ersten Allegro der Sinfonia eroica Löwenberg, J. J. Abert's „Columbusu Dresden u. s. w)."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1864-04-30-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1864-04-30_01#c002", "volume": "bmtnabi_1864-04-30_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "137", "page_fin": "140", "image_debut": 1, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640430-01.2.2", "titre_corps": "Biographie universelle des Musiciens. Par F. J. Fétis.", "titre_sommaire": "Biographie universelle des Musiciens. Par F. J. 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Mit\nden rationellen Principien der Schule Clementi's für die\nAusbildung des Mechanismus vereinigte Lauska die Kunst,\ngut zu unterrichten.\nUm diese Zeit vermachte ihm ein vertrauter Freund\ndes Hauses Beer, Namens Meyer, der zu dem talentvollen\nKnaben eine wahrhaft väterliche Zuneigung gefasst hatte,\nin seinem Testamente ein bedeutendes Vermögen unter\nder Bedingung, dass er seinem Namen Beer den Namen\nMeyer vorsetzen solle, woher denn der Name Meyerbeer\nentstanden ist*).\nAm 14. October 1800 liess sich der Knabe, der sein\nsiebentes Jahr noch nicht vollendet hatte, zum ersten Male\nöffentlich hören und erregte ausserordentliches Aufsehen.\nDie Nachrichten, welche Fetis in Berlin, wie er sagt, über\ndie Jugend desselben gesammelt hat, beweisen, dass dessen\nFortschritte so reissend gewesen, dass er im Alter von\nsechs Jahren die Lehrer in Erstaunen setzte und in sei-\nnem neunten Jahre schon zu den tüchtigsten Clavierspie-\nlern in Berlin gezählt wurde. Die leipziger A. Musik-Zei-\ntung sagt in einem Berichte über zwei Concerte vom 17.\nD P\nNovember 1803 und 2. Januar 1804, dass Meyerbeer\neine merkwürdige Fertigkeit und Eleganz des Vortrags\nbekundet habe. Der Abt Vogler hörte ihn um diese Zeit;\nbetroffen von der Originalität in den Fhantasieen des Kna-\nben, prophezeite er in ihm den dereinst grossen Tonkünst-\nler. Später besuchte Clementi Berlin, und Meyerbeer's\nSpiel flösste ihm so viel Interesse ein, dass er trotz seiner\nimmer mehr wachsenden Abneigung gegen das Unterricht-\ngeben ihm dennoch während der ganzen Dauer seines\nAufenthalles in der Residenz Unterricht ertheilte.\nKaum zwölf Jahre alt und ohne Anleitung zum Ton-\nsatze erhalten zu haben, hatte er bereits viele Musikstücke\nfür Gesang und für Ciavier componirt. Verständige\nFreunde des Hauses erkannten darin ein schönes Talent\nund bestimmten den Vater, ihm einen Lehrer in der Com-\nposition zu geben. Man wählte Bernhard Anselm Weber,\neinen Schüler Vogler's und damals Capellmeister an der\nOper in Berlin. Als begeisterter Bewunderer Gluck's und\nleidenschaftlich für die schöne declamatorische Musik die-\nses grossen Meisters eingenommen, überhaupt in allem,\nwas dramatischen Stil betraf, sehr zu Hause, konnte We-\n• 9\nber seinem Zögling über Form und Zuschnitt der Musik-\nstücke, über Instrumentirung und über ästhetische I*or-\nderungen an die Composition nützliche Lehren geben;\naber da er nicht stark in der Harmonielehre und im Con-\ntrapunkte war und für diese Dinge auch kein rechtes\nLehr-System hatte, so war es ihm nicht möglich, seinem\nSchüler zu diesen schwierigen Studien Anleitung zu geben.\nEinige Zeit lang machte übrigens Meyerbeer aufs Gerathe-\nwohl Versuche, sich darin auszubilden, und brachte seinem\n\n*) Wir müssen Herrn Fdtis die Bürgschaft für diese Notiz über-\nlassen, die in Deutschland, so viel wir wissen, nicht bekannt ist,\nwo man Jakob Meyer nur als Vornamen des berühmten Compo-\nnisten kennt. Dass ihn die leipziger A. Mus.-Ztg. schon 1800 Meyer\nBeer nannte, wie Fetis anführt, ist ganz natürlich, da man von\nWunderkindern immer auch die Vornamen angibt.\nDie Redaction."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "138", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640430-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5524, "texte": "Lehrer einst eine Fuge. Weber war erstaunt darüber und\nschickte sie dem Abte Vogler, um ihm zu zeigen, dass er\nauch in diesem Punkte tüchtige Schüler bilde. Die Ant-\nwort liess auf sich warten. Endlich kam ein dickes Paket\nan, das statt der gehofften Lobsprüche eine Abhandlung\nüber die Fuge in drei Theilen enthielt; der erste enthielt\ndie Hauptregeln über den Fugensatz, der zweite zeigte,\ndass Meyerbeer's Fuge nichts taugte, der dritte hatte die\nUeberschrift: »Fuge des Lehrers\", und enthielt eine\nstrenge Fuge über das Thema und Gegenthema Meyer-\nbeer's nebst genauer Analyse.\nMeyerbeer fand in allem diesem eine neue Anregung,\ndie er mit Feuer ergriff; er schrieb eine achtstimmige\nFuge und schickte sie direct an Vogler. Dieser schrieb\nihm darüber sehr verbindlich und lud ihn ein, zu ihm nach\nDarmstadt zu kommen, wo er ihn wie ein Kind vom Hause\naufnehmen und unterrichten wolle.— Die Eltern willigten\nein, und Meyerbeer war fünfzehn Jahre alt, als er Vogler's.\nSchüler wurde. Hier fand er Gänsbacher, der später Ca-\npellmeister an Sanct Stephan in Wien wurde*). Immer\nmit ernsten Studien beschäftigt, führten die Zöglinge\nVogler's bei ihm ein ganz künstlerisches und wissenschaft-\nliches Leben. Nach der Messe hielt ihnen der Meister einen\nVortrag über Contrapunkt, dann gab er ihnen eine Arbeit\nüber ein bestimmtes Thema auf und beschloss den Tag\nmit der Durchsicht und Analyse dessen, was sie ge-\nschrieben hatten. Manchmal liess er sie auch in der Kirche\nüber gegebene Thema's auf der Orgel phantasiren**).\nBevor Meyerbeer, siebenzehn Jahre alt, Darmstadt\nverliess, ernannte ihn der Grossherzog zum Hofcompo-\nnisten, nachdem er dessen Oratorium „Gott und die Na-\ntur\" gehört hatte. Das Werk wurde auch in Berlin den\n18. Mai 1811 aufgeführt, Eunicke (Tenor), Grell und die\nerste Sängerin der Oper, Fräulein Schmalz, sangen die\nSoli, und aus dem Berichte in der leipziger Musik-Zeitung\ndes Jahres 1811, P. 570, ersieht man, dass Meyerbeer\nschon damals neue Formen und unbekannte Effecte suchte.\nAusser dieser Partitur hatte er aber bei Vogler viele\nKirchen-Musikstücke geschrieben, die er nicht bekannt\ngemacht hat***).\nDie Zeit des Schaffens und der künstlerischen Thätig-\nkeit war nun für ihn gekommen. In seinem neunzehnten\nJahre brachte er in München sein erstes dramatisch-mu-\nsicalisches Werk: ,Die Tochter Jephta's\", auf die Bühne.\nDer Stoff, zu drei Acten ausgedehnt, war eigentlich mehr\nzu einem Oratorium, als zu einer Oper geeignet. Meyer-\nbeer, noch voll von den Grundsätzen der strengen Schule,\nhatte den Reiz der Melodie noch nicht gefunden; die Oper\ngefiel nicht. Desto mehr Erfolg hatte er als Clavierspieler,\nnamentlich durch seine freien Phantasieen. Er beschloss\ndaher, nach Wien zu gehen, das damals die Stadt der\nPianisten war, und dort als Virtuose aufzutreten. Gleich\nam Abende seiner Ankunft hatte er Gelegenheit, Hummel,\nder auf dem Höhepunkte seines Talentes stand, zu hören.\nHummel's Spiel hatte weder den majestätischen Charakter,\nnoch den frappanten Glanz, der in Clementi's Vortrag\nherrschte und in Meyerbeer's Spiel mit mehr Jugend und\nFeuer wieder auflebte; aber es war ein reiner, klarer Er-\nguss und hatte einen unbeschreiblichen Reiz der Anmuth\nund Schönheit. Meyerbeer erkannte auf der Stelle den\nVortheil, den diese Schule vor ihm voraus hatte, und sein\nEhrgeiz brachte ihn zu dem Entschlüsse, nicht eher wie-\nder Öffentlich aufzutreten, bis es ihm gelungen, die Vor-\nzüge der wiener Schule mit seinem eigenthümlichen Ta-\nlente vereinigt zu haben. Desshalb schloss er sich zehn\nMonate lang innerhalb seiner vier Mauern ein und übte\nsich unaufhörlich im harmonisch gebundenen Spiele und\nin Aenderung und Vervollkommnung seines Fingersatzes.\nNach diesen anhaltenden Anstrengungen, deren nur\neine gewissenhafte Hingabe an die Kunst fähig war, trat\nMeyerbeer in der grossen Welt auf und machte einen so\nlebhaften Eindruck, dass sich das Andenken daran lange\nerhielt. Moscheies, der ihn damals hörte, hat sich oft ge-\näussert, dass, wenn Meyerbeer allein als Virtuose seine\nLaufbahn hätte machen wollen, wenige Clavierspißler im\nStande gewesen sein würden, mit ihm zu wetteifern.\nEin eigentümlicher Zug in seinem Charakter ist\nder Gedanke, der ihn damals (1813) quälte. Betroffen\nvon dem Erfolge der Originalität seiner Compositionen\nund der Neuheit seiner glänzenden Passagen, bildete er\nsich ein, dass alle Pianisten sich ihrer bemächtigen wür-\nden, und beschloss daher, für die nächsten Jahre nichts\nvon seinen Ciavier-Compositionen zu veröffentlichen. Spä-\nterhin, als ihn das Theater ganz und gar fesselte, hörte\ner auf, sich ferner hören zu lassen, und gab überhaupt\ndas Ciavierspiel daran, so dass er am Ende den grössten\nTheil seiner Ciaviermusik, wovon er nur wenig aufge-\nschrieben hatte, vergass und sie mithin für die Oeffent-\nlichkeit verloren ging. Einige Werke muss er indess doch\naufgeschrieben haben, weil die Concertberichte in den\n\n*) Wie kommt es, dass Fdtis Carl Maria von Weber nicht\nerwähnt, der zugleich mit Meyerbeer und Gänsbacher Vogler's An-\nleitung und Umgang genoss?\n**) Vergleiche die interessanten Schilderungen über das Zusam-\nmenleben und Zusammenlernen von Gänsbacher, Weber und Meyer-\nbeer zu Darmstadt in Max von Weber's „Leben C. M. von\nWebers.\" Bd. I. und in diesen Blättern Nr. 3 vom 16. Jan. d. J.\n***) j)ie Rieben geistlichen Gesänge\" von Klopstock\nfür vier Stimmen ohne Begleitung, die in dem Verzeichnisse\nder Werke Meyerbeer's weiter unten anführt, gehören jedoch der-\nselben Zeit an und sind das erste Werk, welches er veröffentlichte."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "139", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640430-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5351, "texte": "Zeitschriften sehr lobend ihrer erwähnen, z. B. Variationen\nüber ein Original-Thema alla die er in Leipzig\nvortrug, ferner ein Doppel-Concert für Pianoforte und\nVioline mit Orchester, welches er mit dem Violinisten\nWeit [?] in Berlin am 4. Februar 1813 spielte.\nDie Virtuosen-Laufbahn gab also Meyerbeer auf, aber\nvon seinen Clavier-Studien ist ihm die Eigenschaft der\nvollkommensten Begleitung geblieben, die man hören kann.\nDieses Talent setzte noch im Jahre 1845 in den Concer-\nten, welche der König von Preussen auf den Schlössern\nzu Brühl und Coblenz der Königin Victoria und der bel-\ngischen Königs-Familie gab, in Erstaunen. In seiner Eigen-\nschaft als k. Preussischer General-Musik-Director hatte er\ndiese Concerte eingerichtet und begleitete selbst am Flügel.\nDurch die feinen Nuancen und die zarte und poetische\nBehandlung des Instrumentes bei der Begleitung lernte\nich begreifen, wesshalb er immer so viele Proben für die\nAufführung seiner Opern verlangt. Ich zweifle, ob er je-\nmals mit den Sängern und mit dem Orchester vollkommen\nzufrieden ist.\nDie Erfolge Meyerbeer's als Ciavierspieler in Wien\nund das Talent, welches man in einer Gesang-Composition:\n■\n„Theveli ndens Liebe\", entdeckte, bewirkten, dass er\n.\nden Auftrag bekam, eine komische Oper für das Hof-\ntheater zu schreiben. Jenes Gesangstück war ein Mono-\ndrama für Sopran, obligate Clarinette und Chor; es wurde\n1813 in Wien aufgeführt, ein Fräulein Harlass sang die\nSopran-Partie, Bärmann blies die Clarinette [was wohl die\nHaupt-Veranlassung zu der Composition gewesen sein\nmag]. Das Opernbuch, das ihm anvertraut wurde, hiess:\n„Abimelech oder die beiden Kalifen\" [auch „ W i rth\nund Gast\"]. In Wien war aber einmal wieder die ita-\nliänische Musik oben auf, zumal bei Hofe; „Die beiden\nKalifen\" aber waren in einem ganz entgegengesetzten\nStile geschrieben, der nicht viel anders war, als in der\n„Tochter Jephta's\"; sie wurden aufgeführt, fielen aber\ndurch, ein Fall, der auf Meyerbeer's fernere Entwicklung\neinen grossen Einfluss hatte. Denn Salieri, der ihn schätzte\nund lieb hatte, tröstete ihn mit der Versicherung, dass es\nihm trotz der fehlerhaften Factur der Gesangstücke doch\nnicht an glücklichen Anlagen fehle, aber dass er noch\nnicht für Gesang zu schreiben verstehe. Um das zu lernen,\nmüsse er nach Italien gehen, und wenn er sich diese al-\nlerdings schwierige Kunst angeeignet haben werde, so\nprophezeie er ihm schöne Erfolge.\nBis zu diesem Augenblicke hatte die italiänische Mu-\nsik nicht den geringsten Reiz für Meyerbeer gehabt, auch\nwaren in der That die meisten Opern von Nicolini, Fari-\nnelli, Pavesi u. A., die man damals in Wien und München\ngab, wenig geeignet, ein Ohr, das an deutsche Harmonie\ngewohnt war, zu befriedigen. Desshalb begritf der junge\nTonsetzer die Tragweite des guten Rathes von Salieri nicht\nsogleich, entschloss sich aber doch, ihn zu befolgen, und\nging -nach Venedig. Dort trat er gerade mitten in die\nGlanz-Periode von Rossini's „Tancred\" hinein. Diese Mu-\nsik [und wohl auch ihre Wirkung auf das Publicum] regte\nihn wunderbar an, und der italiänische Stil, gegen den er\nbis jetzt einen wahren Widerwillen gehabt, wurde der\nGegenstand seiner Vorliebe und seines Strebens.\nNach jahrelangen Studien und Versuchen in Hand-\nhabung der melodischen Formen gelangte er zu einer\ngänzlichen Umgestaltung seiner Schreibweise und brachte\nim Jahre 1818 in Padua seine Oper\nauf die Bühne. Diese für die Pisaroni geschriebene\nsemi-seria erhielt eine glänzende Aufnahme, zu welcher\nnicht nur die Musik und die treffliche Sängerin, sondern\nauch der günstige Umstand beitrug, dass die Paduaner\nMeyerbeer als einen Zögling ihrer Schule betrachteten,\nweil sein Lehrer, der Abt Vogler, eine Zeit lang Schüler\ndes Paters Valotti, Capellmeisters an Sanct Anton in Pa-\ndua, gewesen war.\nDer Komiida folgte 1819 Semiramide riconosciuta,\nin Turin für die gefeierte Sängerin Carolina Bassi ge-\nschrieben. und 1820 Emma di Resburgo in Venedig, mit\nderen Erfolg Meyerbeer den ersten Schritt auf der Bahn\nseines Ruhmes that. Trotzdem, dass die Aufführung nur\nwenige Monate nach Rossini's Eduardo e Cristina Statt\nfand, wurde sie mit Begeisterung aufgenommen und ver-\nschaffte dem Namen des jungen Componisten einen lauten\nKlang durch ganz Italien. Emma di Resburgo wurde auf\nallen grossen Theatern Italiens gegeben und drang auch,\nins Deutsche übersetzt, unter dem Titel „Emma von Lei-\ncester\" über die Alpen nach Deutschland.\nHier aber war die öffentliche Meinung nichts weniger\nals einstimmig zu Gunsten der Umwandlung Meyerbeer's\nzum Italiener. Nicht ohne Bedauern sah man ihn von den\ndeutschen musicalischen Ueberlieferungen ablallen und sich\neiner fremden Schule hingeben. Diese Stimmung machte\nsich oft in bitteren Ausdrücken Luit, und Carl Maria\nvon W eber, sein Freund seit Jahren, wurde besonders\nstark davon beherrscht. Das konnte nicht wohl anders\nsein; denn Weber schöpfte seine Kraft aus einer indivi-\nduellen, absoluten Auffassung der Kunst und war weniger\nals irgend Einer zu Concessionen an den Eklekticismus\ngeneigt, welcher durch ihren Zweck auch entgegengesetzte\nBegriffe vom Guten für zulässig hält. Die Höhe der An-\nsicht, welche zum Eklekticismus führt, ist überhaupt sel-\nten, namentlich bei genialen Menschen, die fast immer\nsich in engen Schranken befangen zeigen, wenn von Be-\nurtheilung der Erzeugnisse einer anderen Schule die Rede\n\n[1"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "140", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640430-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1546, "texte": "ist. Man darf sich keineswegs wundern, dass Weber die\nneue Richtung Meyerbeer's verdammte: er hatte keinen\nSinn für italiänische Musik, ja, sie war ihm zuwider, eben\nso wie sie Beethoven und Mendelssohn zuwider war. Es\nwar also eine auf Ueberzeugung gegründete Opposition,\ndie er gegen die Umwandlung von Meyerbeer's Talent\naussprach, ja, es war eine Art von Verwahrung'gegen die\nErfolge der neuen Richtung seines Freundes, dass er in\nDresden mit grosser Sorgfalt die in Wien durchgefallene\nOper „Die beiden Kalifen\" als „Wirth und Gast\" in\nScene setzte. Uebrigens verläugnete sich seine Freund-\nschaft für Meyerbeer nie. Er freute sich über seinen Be-\nsuch bei ihm und schrieb unter Anderem darüber an\nGottfried Weber: „Letzten Freitag hatte ich die grosse\nFreude, Meyerbeer einen ganzen Tag lang bei mir zu ha-\nben; die Ohren müssen Dir geklungen haben! Es war\nwirklich ein glücklicher Tag, eine Erinnerung an die schö-\nnen Zeiten in Mannheim und Darmstadt. Wir haben uns\nerst spät in der Nacht getrennt. Meyerbeer geht nach\nTriest, um dort seinen Crociato in Egitto in Scene zu\nsetzen; vor Ablauf eines Jahres wird er nach Berlin zu-\nrückkommen, wo er vielleicht eine deutsche Oper schrei-\nben wird. Gott gebe es! Ich habe ihm tüchtig ins Gewissen\ngeredet!\"*)\nWeber hat nicht lange genug gelebt, um Zeuge der\nzweiten Umwandlung Meyerbeer's zu sein, allein er kannte\ndie Tragweite seines Talentes recht gut; auch soll er vor\nseinem Tode den Wunsch ausgesprochen haben, Meyer-\nbeer möchte eine Oper, die er unbeendigt hinterlassen,\nvollenden**)."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1864-04-30-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1864-04-30_01#c003", "volume": "bmtnabi_1864-04-30_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "140", "page_fin": "142", "image_debut": 4, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640430-01.2.3", "titre_corps": "Zum 23. April", "titre_sommaire": "Zum 23. April", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "140", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640430-01.1.4", "debut_caractere": 1548, "fin_caractere_exclue": 5224, "texte": "Zum 23. April\n★ **\\\n)•\nAn diesem Tage, an welchem vor 300 Jahren der\ngrösste dramatische Dichter der christlichen Aera geboren\nwurde, an dem vor 248 Jahren derselbe Dichter starb,\nund den nach drei Jahrhunderten die gesamrnte gesittete\nWell in allen Zungen jubelnd feiert an diesem Tage\nwird man es begreiflich und berechtigt finden, wenn die-\njeni gen, deren Wirken mit dem der öffentlichen Schau-\nbühne eng verknüpft ist, nicht zuletzt beim Jubelfeste er-\nscheinen, wenn ein den Interessen des Theaters gewidme-\ntes Organ auch seinen Kranz an den Stufen des Festaltars\nniederlegt.\nFeiern dieses Fest auch jene, die der Bühne fern ste-\nhen, oder die sich förmlich von ihr abwenden, so feiern\nes doppelt alle, die auf ihr heimisch oder doch mit ihrem\nWesen, ihren Bedürfnissen, ihren Wirkungen vertraut\nsind. Shakespeare ist eben sowohl der Lieblingsdichter\ndes schlichten Einzelnen, die unerschöpfliche Fundgrube\nfür die auserwählten Literaturfreunde, wie der eigentliche\nVolksdichter. Dem Einzelnen ist er ein theurer Freund,\nein kluger Rathgeber, ein weiser Mentor und ein sanfter\nTröster, ein ernster Mahner und ein unfehlbarer Gewis-\nsensfreund, den verfeinerten Bedürfnissen geistreicher Ver-\neinigungen wie der unersättlichen Verdauungsfähigkeit\ndes grossen Commentatoren-Chors eine immer willkom-\nmene Beute. Vor allem Anderen aber mögen wir hier\nmit dankbar freudiger Ehrfurcht des echtesten Theater-\ndichters gedenken, der den gefährlichsten Probirstein\nabgibt für jede bearbeitende Dramaturgenhand, wie für\njedes in Scene setzende Regie-Ingenium, dem Schauspieler\neine unversiegbare Quelle des Studiums, dem Publicum,\ndem Einzelnen darunter wie den Massen, ein Magnet von\nunvergleichlicher Anziehungskraft einer Kraft von\nhöchster Poesie zugleich und von schlagendstem Theater-\nEffecte.\nMan besorge übrigens keinen faden Panegyrikus. Wir\nfeiern keinen Götzendienst und wissen, dass wir einem\nDichter huldigen, der, wie jeder andere, nur viel eigen-\ntümlicher als jeder andere, auch seine sterblichen Seiten\nhat. Ist es für ein Genie nicht genug, wenn man ihm Viel-\nseitigkeit, ja, eine Art Universalität nachrühmt? soll ihm\ndazu auch noch die absolute Unfehlbarkeit angedichtet\nwerden? Wir glauben nicht, dass dem grossen Geiste mit\ndiesem mitunter angewandten Verfahren wesentlich ge-\ndient sei. Je mehr wir uns bestreben, seine Grösse zu er-\nkennen, ohne uns über ihre Auswüchse einer Täuschung\nhinzugeben, desto reiner wird uns sein innerstes Wesen\nzum Bewusstsein kommen; je parteiloser wir seine Ge-\nsammtschöpfung betrachten, desto fähiger werden wir uns\nfühlen, das wirklich Schöne darin, gerade weil wir es\nim Geiste von den Schlacken absondern, rein zu geniessen\nund gläubig zu verehren.\n\n*) Dieser Brief muss aus 1824 sein, weil der Crociato erst in\ndiesem Jahre auf die Bühne kam. Weber's „Preciosa\" (1820), „Frei-\nschütz\" (1821), „Euryanthe\" (1822) waren also schon gegeben, und\nsomit hatte er ein volles Recht, dem Jugendfreunde und Studien-\ngenossen ins Gewissen zu reden, was denn auch in vieler Hinsicht\ngewiss nicht vergebens gewesen ist.\n**) Ob dem wirklich so sei, werden wir aus dem zweiten\nBande des „Lebensbildes C. M. von Weber's von dessen Solin\"\n— bald erfahren.\n***) entlehnen diesen Aufsatz der Nr. 17 der „Wiener\nßecensionen\", weil er in Kürze den wahren Standpunkt, den\nunsere Zeit und unser Volk dem Shakespeare-Cultus gegenüber ein-\nzunehmen hat, mit Wärme und Aufrichtigkeit darlegt, und wir, der-\nselben Ueberzeugung huldigend, dieser Ansicht die grösstmögliche\nVerbreitung wünschen, sie aber in den meisten Gelegenheits-Artikeln\nder Jubelfeier vor Ueberschwänglichkeit wenig oder gar nicht be-\nachtet gefunden haben. Die Redaction."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "141", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640430-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5436, "texte": "Warum sollten wir es verschweigen, was so Viele\nempfinden und so Wenige zu äussern wagen —dass der-\nselbe mächtige Geist, der uns durch die Kraft und An-\nmuth, durch die Tiefe und Klarheit, durch die glühende\nLeidenschaft und die erschütternde Wahrheit seiner Schö-\npfungen entzückt und erhebt, uns mitunter durch die Roh-\nheit seiner Ausdrucksweise, durch unsymmetrische Häu-\nfung contrastirender Wirkungsmittel befremdet und ab-\nstösst, dass der inneren Harmonie, die seinen Meisterwer-\nken zu Grunde liegt, nicht immer auch die äussere gleich-\nmässig zur Seite stellt? Wenn seine Lustspiele zum grossen\nTheile veraltet sind, so ist diese Erscheinung im Wesen\ndes Lustspiels tief begründet, welches immer nur die Sitten\nund Thorheiten der Zeit, da es entstand, abspiegelt; wir\nbrauchen dem Dichter darüber keinen Vorwurf zu ma-\nchen, nur aber anerkennen sollen wir, dass es so ist. Die-\njenigen Ausdrücke, die wir als Rinder unserer Zeit roh und\nungesittet finden, mögen vor dreihundert Jahren ganz an-\nders geklungen haben; wir leben nun aber einmal im\nneunzehnten Säculum und haben nicht die Verpflichtung,\nfür Stilfeinheiten zu halten, was ein begreifliches, aber\ndesswegen noch nicht als schön auszugebendes Resultat\nder Sitten und Moden jener Zeit gewesen. Wir mögen\nden phantastischen Märchen, die uns Shakespeare erzählt,\nmit höchstem Interesse folgen und die Ueberschwänglich-\nkeit seiner Einbildungskraft bewundernd anstaunen, ohne\nuns doch zu verhehlen, dass diese Einbildungskraft ihn\nmitunter zu ganz absonderlichen und abstrusen Gestaltun-\ngen verleitet hat, dass sich unter jenen Zaubergestalten\nauch solche Ungeheuer befinden, deren ästhetische Be-\nrechtigung zum mindesten eine zweifelhafte ist. Wir wol-\nlen uns endlich selbst den höchsten Meisterwerken dra-\nmatischer Kunst, einem „Hamlet\", „Lear\", „Othello\",\n„Romeo und Julie\", Julius Cäsar\" gegenüber des Rechtes\nnicht begeben, unter Goldkörnern und Perlen der Weis-\nheit, der Menschenkenntniss, des tiefsten künstlerisch-\ntheatralischen Verständnisses auch sandige und steinige\nStellen, unter Rosenbüschen und Eichenwäldern auch dor-\nniges Gestrüpp zu sehen, und in keinem Falle werden wir\nuns zu der Annahme entschliessen, dieses Letztere etwa\nals eine bewusste Anordnung des allweisen Dichters eben-\nfalls zu bewundern. Vielmehr wollen wir getrost in jedem\neinzelnen solchen Falle sagen: Hier ist eine Stelle, wo auch\ndieser grösste Dichter sterblich war, wo er ein Kind sei-\nner Zeit geblieben ist, wo er aus diesem oder jenem\nGrunde gefehlt hat. Erkennen wir freimülhig diese Mög-\nlichkeit an, um wie viel begeisterter werden wir die uner-\nmesslichen Wirkungen preisen, die seine Schöpfungen,\nnamentlich seit den letzten hundert Jahren, und zwar be-\nsonders in Deutschland erzielt haben; um wie viel begei-\nsterter werden wir die Grösse eines Geistes anerkennen,\nder im wesentlichsten 1 heile seiner bedeutendsten Werke\nmit so tiefen und bezeichnenden Zügen Menschen zu schil-\ndern gewusst hat, der den Schaubühnen ein Vermächtniss\nhinterlassen hat, von dem sie jetzt noch, nach dreihundert\nJahren, den köstlichsten Theil ihrer Lebenskräfte beziehen!\nNicht umsonst betonen wir wiederholt die „dreihun-\ndert Jahreu. Nicht alles, was an sich schön und werth-\nvoll ist und bleibt, behält auch in gleicher Frische dieselbe\nBühnenwirkung. Man sehe zehnjährige Repertoirestücke\ndarauf an und staune, wie schnell sie verblassen. Wie\nwenige Stücke, die man in der Jugend mit höchster Be-\nfriedigung gesehen, machen Einem im Alter denselben\nEindruck! Wie wenige solcher Lieblinge gefallen einer\nzweiten Generation! Und wie haben sich dagegen diese\nuralten Shakespeare'schen Haupt- und Staats-Actionen\nfrisch erhalten zu erneuertem Entzücken jedes neuaufstre-\nbenden Geschlechtes! Das schon beweist, wie viel ewige\nPoesie und wie viel echte Theaterwirkung in ihnen steckt.\nDas war es, was vor hundert Jahren von den ersten\nGeistern deutscher Nation Lessing voran erkannt\nund ausgesprochen wurde zu fruchtbringendster Wirkung.\nIn den „Literatur-Briefen\" schrieb Lessing schon Ende\nder fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts:\n„Wenn man die Meisterstücke des Shakespeare mit\neinigen bescheidenen Veränderungen unseren Deutschen\nübersetzt hätte, ich weiss gewiss, es würde von besseren\nFolgen gewesen sein, als dass man sie mit dem Corneille\nund llacine bekannt gemacht. Erstlich würde das Volk\nan jenem weit mehr Geschmack gefunden haben, als es\nan diesen nicht finden kann; und zweitens würde jener\nganz andere Köpfe unter uns erweckt haben, als man von\ndiesen zu rühmen weiss. Denn ein Genie kann nur von\neinem Genie entzündet werden, und am leichtesten von\nso einem, das Alles bloss der Natur zu danken zu haben\nscheint und durch die mühsamen Vollkommenheiten der\nKunst nicht abschreckt.\n„Der Engländer erreicht den Zweck der Tragödie fast\nimmer, so sonderbare und ihm eigene Wege er auch\nwählt; und der Franzose erreicht ihn fast niemals, ob er\ngleich die gebahnten Wege der Alten betritt. Nach dem\n„ „Oedipus\"\" des Sophokles muss in der Welt kein Stück\nmehr Gewalt über unsere Leidenschaften haben, als\n„„Othello\"\", „ „König Lear\"\", „„Hamlet\"\" u.s.w.\"\nLessing hat diese erste warme Min Weisung auf den\nWerth der Shakespeare'sehen Dramen später in der\n„Dramaturgie\" wiederholt bestätigt und vervollständigt.\nSeinem unermüdlichen Kampfe gegen die steife Alexan-\ndriner-Tragödie der Franzosen verdankt Deutschland zu-\nnächst die allmähliche Einführung Shakespear es in"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "142", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640430-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3015, "texte": "das deutsche Repertoire, freilich zuerst nur in der unvoll-\nkommenen Wiel and'sehen Uebersetzung [bald darauf\nin der vollständigen Uebersetzung von Joh. Joachim\nEschen bürg], dafür aber getragen von einem bedeuten-\nden Schauspieler und Theater-Director, F. L. Schröder,\nder die Hauptstücke des wiedergeborenen englischen Au-\ntors, zwar noch vielfach verkürzt und verändert, doch be-\nreits mit intensivster schauspielerischer Wirkung auf der\ndeutseben Bühne einbürgerte.\nDiese Acquisition für das Repertoire bezeichnet einen\nder wichtigsten Abschnitte in der Geschichte der Schau-\nspielkunst. Der Charakter dieser letzteren schwankte lange\nZeit von einem Extrem zum anderen, von der rohen Un-\ngebundenheit der altdeutschen Haupt- und Staats-Actionen\nund der extemporirten Hanswurstereien zu dem pedanti-\nschen Einerlei der versificirten Alexandriner-Tragödie.\nShakespeare bildete eine goldene Brücke zwischen bei-\nden übertriebenen Tendenzen; in seinen Werken war Roh-\nheit einerseits, hohles Pathos andererseits nur mehr ein\nausnahmsweiser Auswuchs, das Wesentliche in ihnen\nbrachte wahre Volkstümlichkeit und echt tragische Con-\nllicte in eben so bunter als natürlicher und doch zugleich\nerhabener Weise zu lebendigem Ausdruck; in seinen\nWerken konnte und musste der Schauspieler sich vor Al-\nlem mit dem Charakter der darzustellenden Person (statt\nmit äusserlichen Redeformen) beschäftigen, er war zunächst\nund mit maassgebender Kraft auf die reine Menschen-\nDarstellung gewiesen, er konnte im „Hamlet\" die\nhöchst eindringliche Lehre finden, dass „des Schauspiels\nZweck sowohl Anfangs als jetzt war und ist: der Natur\ngleichsam den Spiegel vorzuhalten, der Tugend\nihre eigenen Züge, der Schmach ihr eigenes\nBild und dem Jahrhundert und Körper der Zeit\nden Abdruck seiner Gestalt zu zeigen\" und was\nder goldenen Regeln mehr sind, die dort ertheilt werden;\nund der Schauspieler konnte neben dieser einfachsten,\nrichtigsten und eindringlichsten Theorie seiner Kunst an\ndem Studium der Shakespeare'schen Rollen sofort die\nbeste praktische Schule durchmachen. Die Mittelmässigkeit\nfreilich wenngleich auch sie manches dankbare Feld\nzur landläufigen Bearbeitung vorfand musste dabei zu-\nmeist hinter den Anforderungen, welche die Dichtung an\nihren Interpreten stellt, zurückbleiben; das Talent hinge-\ngen fand, sobald es einmal diese Richtung eingeschlagen\nhatte, einen immer fruchtbaren Boden und immer frische\nAnregung zu vielseitiger Entwicklung, zu dankbaren Lei-\nstungen und bei einsichtigem Maasshalten zur Ausbildung\neines natürlichen Darstellun«s-Stils.\nAus demselben Blatte erfahren wir, dass auf dem\nBurgtheater zu Wien seit 1770 (den 28. April Ri-\nchard III.) bis 1863, also binnen 93 Jahren, 21 Stücke\nvon Shakespeare in 963 Aufführungen nach verschiede-\nnen Bearbeitungen gegeben worden sind, dass unter An-\nderen Hamlet 205 Mal, Romeo und Julie 96, Viel\nLärmen um Nichts 90, Othello 89, Lear 85, Mac-\nbeth 67, Kaufmann von Venedig 67, Die Wider-\nspänstige 54, Richard 111. 47 Mal aufgeführt wor-\nden sind."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1864-04-30-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1864-04-30_01#c004", "volume": "bmtnabi_1864-04-30_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "142", "page_fin": "143", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640430-01.2.4", "titre_corps": "Aus Bremen.", "titre_sommaire": "Aus Bremen.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "142", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640430-01.1.6", "debut_caractere": 3017, "fin_caractere_exclue": 4927, "texte": "Aus Bremen.\nDen 13. April 1864.\nMit dem gestrigen sechsten Symphonie-Abende, an\nwelchem die hiesige Liedertafel mitwirkte, ist die musica-\nlische Saison als geschlossen zu betrachten; es folgen je-\ndoch noch die letzte Quartett-Soiree des Herrn Jacobsohn,\neine Soiree des Gesangvereins und ein Concert des Herrn\nCabisius, welcher den von ihm geleiteten neuen Orchester-\nVerein am 29. April in die Oeffentlichkeit einführen will.\nDie Saison war sehr reich an Aufführungen aller Art; sie\nhalte aufzuweisen: 11 Privat-Concerte, 6 Symphonie-\nAbende, 10 Quartett-Soireen, 2 Concerte der Sing-Aka-\ndemie, 2 des Domchors, 4 des Gesangvereins, 2 grössere\nAufführungen im Künstlerverein, endlich einige Privat-\nUnternehmungen der Herren Cabisius, Graue, L. Rake-\nmann, Biermann, im Ganzen also reichlich vierzig musica-\nlische Abende. Eine Uebersicht des Geleisteten ergibt, dass\nfolgende grössere Werke zur Ausführung kamen: Die\ngrosse Messe von Beethoven, der Elias von Mendelssohn,\nder Gideon von Meinardus, die ganze Musik Mendelssohn's\nzum Sommernachtstraum, ferner Chorgesänge und Lieder\nvon Bach, Gluck, Eccard, Beethoven, Mendelssohn, Rietz,\nSilcher, Gade, Schubert u. s. w. Neu darunter waren das\nOratorium „Gideon\" von Meinardus und die Tondichtung\n„Das Mädchen von Cola\" von Reinthaler, ferner ein Te\nDeumund der 47. Psalm von demselben. Folgende Sym-\nphonieen kamen zu Gehör: acht von Beethoven (nämlich\nalle bis auf die neunte, je zwei Mal die in\nund A-dur), drei von Mozart (C-dur mit der Fuge, G-moll\nund Es-dur), zwei von Haydn (D-dur), je eine von Gade\n(B-dur), Mendelssohn (A-moll), Schumann [C-dur), Schu-\nbert [C-dur), Volkmann (DmReinthaler\nBrahms (Serenade in D-dur),Lachner (Suite in\nFerner folgende Ouvertüren: je vier von Beethoven (Leo-\nnore, Egmont, Op. 115, 124), Weber (Oberon, Frei-\nschütz, Euryanthe, Jubel-Ouverture) und Mendelssohn\n(Hebriden, Sommernachtstraum, Ruy Blas, Meeresstille),"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "143", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640430-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 973, "texte": "drei von Cherubini (Elise, Lodoiska, Faniska), zwei von\nMozart (Entführung, Zauberflöte), je eine von Gluck (Iphi-\ngenie), (Joseph), Spontini (Olympia), Gade (Michel\nAngelo), Rossini (Teil), Bargiel (Medea), Vierling (Maria\nStuart), Reinthaler (Othello), Ritter (Heimkehr) und Hent-\nschel (Concert-Ouverture); zwei Mal gelangten zur Aus-\nführung: Egmont, Oberon, Euryanthe und die Ouvertüre\nvon Hentschel. Neu von diesen Orchesterwerken waren\ndie Serenade von Brahms, die Symphonie von Volkmann,\ndie Ouvertüren von Reinthaler und Hentschel. Als Solisten\nhörten wir auf dem Ciavier: die Damen Schumann und\nMagnus, die H erren Treiber und Streudner, ferner Mary\nKrebs; auf der Violine: die Herren Joachim, Schradieck,\nWilheimi und Heermann; auf dem Violoncell: Herrn Lü-\nbeck; auf der Harfe: Fräulein Heermann; in Gesanges-\nVorträgen: die Damen Bettelheim, Dannemann, Eicke,\nEngel, Joachim, Leo, Metzdorff, Reiss, die Herren Gunz,\nBietzacher, Pirk, Stockhausen und Wiedemann."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1864-04-30-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1864-04-30_01#c005", "volume": "bmtnabi_1864-04-30_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "143", "page_fin": "144", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640430-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "143", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640430-01.1.7", "debut_caractere": 975, "fin_caractere_exclue": 7273, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nRollt. Fräulein Pauline Lucca, die gefeierte Prima Donna\ndes berliner Hof-Operntheaters, ist am Sonntag den 24. und Dinstag\nden 26. d. Mts. als Valentine in den Hugenotten und als Mar-\ngaretha in Gounod's Faust aufgetreten. Wenn wir sagen: „die ge-\nfeierte\", so müssen wir gleich hinzufügen, dass die an Apotheosen\ngewöhnte Künstlerin diejenigen Manifestationen des Enthusiasmus,\nohne welche sich heutzutage ein gebildetes und belesenes Publicum\neiner solchen Celebrität gegenüber blamiren würde, hier auch kei-\nneswegs vermisst haben wird, indem sie als Valentine gleich bei\nihrem Auftreten-.vor der Königin, ohne dass man noch einen Ton\nvon ihr gehört hatte, mit so reichlichen Blumenspenden überschüttet\nwurde, wie sie die brüsseler und kölner Kunstgärtnerei nur am\nhübschesten zu assortiren vermag. Und in der That, nicht bloss ihr\nRuf, sondern auch die anmuthige Erscheinung an und für sich recht-\nfertigten den duftenden und in allen Farben spielenden Gruss. Die-\nselbe Art der Beifallsbezeigung wiederholte sich unter lebhaftestem\nApplaus und Hervorruf nach ihren Leistungen an beiden Tagen, so\ndass wir gern constatiren, dass Fräulein Lucca hier eine glänzende\nAufnahme gefunden hat.\nDieser Sieg, d. h. Dass die Aeusserungen des Enthusiasmus\nnicht bloss ihren Leistungen vorhergingen, sondern auch folgten,\nwar um so ehrenvoller für die Künstlerin, als es sich nicht läugnen\nlässt, dass das Publicum bei den ersten, freilich unbedeutenden\nPhrasen ihres Gesanges im zweiten Acte der Hugenotten einer Art\nvon Enttäuschung unterlag, da es eine auch durch ihr Volumen\ndramatisch imponirende Stimme erwartet hatte, welche Fräulein\nLucca nicht hat. Aber die Stimme der jungen Künstlerin, die in\ndiesen Tagen eben erst 22 Jahre alt geworden ist, hat trotzdem\neine gewisse Klangfarbe, die, obwohl mehr anmuthig und reizend\nals voll, dennoch namentlich in der Höhe auch über die starke Or-\nchesterbegleitung hinweg leuchtet, ohne durch allzu scharfes Licht\nzu blenden, wie sich das besonders durch das wunderschön intonirte\nund gehaltene hohe c in dem Duett mit Marcel und auch sonst an\nvielen Stellen offenbarte. Dabei ist die Stimme umfangreich und\nauch in den mittleren Tönen von fesselnder Lieblichkeit und edlem\nTone, der niemals zu einer gewöhnlichen Flachheit und Ausdrucks-\nlosigkeit herabsinkt. Der musicalische Vortrag ist durchweg nobel,\nmaassvoll und olt von hinreissendem Ausdruck, wie besonders in\ndem vierten Acte der Hugenotten und in der Kerkerscene im Faust,\nund wir begreifen in der That nicht, wie man der Sängerin bei\nihrem ersten Auftreten in Berlin im Jahre 1861, wo sie übrigens\ndie Gunst des Publicums im Sturm eroberte, von Seiten der Kritik\n„zu weit getriebene Anspannung der physichen Mittel und den ge-\nbildeten ästhetischen Sinn verletzende Maasslosigkeiten im Ausdruck44\nhabe vorwerfen können. Hier haben wir davon auch nicht einmal\neine Anwandlung wahrgenommen und rechnen ihr im Gegentheil\ndas Innehalten der Gränzen des Schönen in beiden Rollen hoch an,\nja, wir möchten im Gegensatz zu jenem Urtheil ihrer Valen-\ntine sogar mitunter mehr Leidenschaft wünschen. Allerdings sind\nwir mit der Art, wie sie die zwei berühmten Stellen, die eine in\ndem Duett mit Marcel („Ein Mädchen, das ihn liebt und ihr Leben\nfür ihn gibt\"), und dann im vierten Acte das..Ich liebe dich\" vor-\ntrug, vollkommen einverstanden, der Ausdruck war hier eben so\nweiblich wahr als schön; allein der Charakter der Tochter des St.\nBris, welche aus Liebe dem Glauben ihrer Ahnen entsagt und mit\nder Aenderung desselben in den gewissen Tod geht, fordert doch\nauch eine Auffassung, welche die Gewalt einer Leidenschaft, die alle\nSchianken durchbricht, auch zur äusseren Anschauung bringt.\nWas nun vor allen Dingen mit zu den Erfolgen der Künstlerin\nbeiträgt, ist das vortreffliche Spiel, welches sie in den beiden hier\ngegebenen Rollen in einem so hohen Grade von Vollkommenheit\nentwickelt hat, dass man häufig die Aeusserung hörte: „Wir haben\neine grosse Sängerin erwartet und eine grosse Schauspielerin ge-\nfunden, welche durch die Vereinigung eines durchdachten und doch\nstets natürlichen, von Affectation entfernten Spiels mit schönem Ge-\nsänge eine jedenfalls wunderbare geniale Begabung bekundet.\" Und\ndas ist auch unser eigenes Urtheil über Pauline Lucca: ihr ganzes\nWesen hat ein gewisses Etwas, das desto mehr anzieht und fesselt,\nje länger man sie auf der Bühne sieht und hört, und dieser merk-\nwürdige Zauber drängt die Stimme der rein musicalischen Kritik,\ndie sich bei den technischen Unvollkommenheiten derselben als\nSängerin oft laut genug regen will, zurück, hilft uns über die Be-\ndenken der Schule hinweg und macht uns willig, in den Beifall\neinzustimmen, zu welchem sie die Menge hinrcisst. Ihr „Gretchen\"\nist eine herrliche fechÖptung, die neben dem \"Schönen, das wir der\nMusik dieser Partie gern zugestehen, auch mit dem Trivialen, das\nsie besonders in dem Walzer vorbringt, beinahe ganz versöhnen\nkann.\n* C'lev©# L. Spolir's Notturno für Blas-Instrumente,\nOp. 34, von ihm selbst zum Quintett für Bogen-Instrumente umge-\narbeitet und in dieser Form hier neulich im letzten Concerte zu\nGehör gebracht, hat für Cleve eine besondere Bedeutung und gibt\nuns Gelegenheit, an einen Mann zu erinnern, der die Musik in un-\nserer Stadt so treu und so beharrlich gepflegt hat, dass noch jetzt,\nfast ein Decennium nach seinem Tode, die segensreichen Folgen\nseines Wirkens fortdauern. Wir meinen den verstorbenen Notar\nFriedrich Thomae. Mit treuer Hingebung an seinen Beruf ver-\nband dieser Mann eine begeisterte Verehrung der Musik, die ihn\njede Mussestunde ihr freudig widmen liess. Daher erwarb er sich,\ngrösstentheils durch Selbststudium, eine für Dilettanten nicht ge-\nwöhnliche Kenntniss der Harmonielehre und des Contrapunktes,\nwelche ihn zur Leitung eines Orchesters befähigte. Daneben war er\nmit der Behandlung des Claviers, der Orgel, des Fagotts und des\nVioloncello's genau bekannt, letzteres Instrument spielte er mit be-\nsonderer Vorliebe und Kunstfertigkeit. Unter seinen Auspicien ent-\nwickelte sich denn auch gleich nach den Befreiungskriegen in Cleve\neine rege Pflege der Vocal- und Instrumental-Musik, so dass die\nStadt bei den bald aul blühenden rheinischen Musikfesten vertreten\nwurde. Spohr, dem das musicalische Streben des Mannes nicht"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "144", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640430-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 6442, "texte": "entgangen war, würdigte ihn seiner Freundschaft und schlug die\nihm angebotene Einladung nach Cleve nicht aus. Es war im Früh-\nling 1817, als Spohr mit seiner Gemahlin Dorette, geb. Schind-\nler, und zwei Töchtern die Gastfreundschaft seines Freundes in\nAnspruch nahm. In Cleve nun, im vertrauten Kreise, fasste Spohr\ndie Idee zu seinem Notturno für Harmoniemusik, für welche damals\n(und noch jetzt bei der Militärmusik) Tanz-Melodieen und arrangirte\nStücke, grösstenteils Potpourri's aus Opern, fast ausschliesslich das\nRepertoire bildeten. Während seines mehrmonatlichen Aufenthaltes\nin Cleve vollendete Spohr sein Werk und arrangirte es zugleich als\nQuintett für Streich-Instrumente. Das Notturno enthält eine Reihe\nvon meist kürzeren Sätzen: Marcia moderato; Menuetto Allegro;\nAndante mit Variationen, Polacca; Adagio; Finale, Vivace, und es\nist sehr zu bedauern, dass diese vortreffliche Composition jetzt fast\nso gut wie vergessen ist. Von Cleve aus trat Spohr mit seiner Ge-\nmahlin die Kunstreise nach England an; seine Töchter, die hier zu-\nrückgeblieben waren, holte er nachher, von England zurückkom-\nmend, ab. Im October 1817 componirte Spohr „seinem Freunde\nFriedrich Thomae als Geburtstags-Angebinde\" ein Adagio für\nFagott und Ciavier. Natürlich traten die beiden Freunde in Brief-\nwechsel, und viele Briefe Spohr's wurden im Nachlasse des Herrn\nThomae vorgefunden, leider aber nicht ihrem Werthe entsprechend\ngewürdigt.\nBei dem kommende Pfingsten in Aachen Statt findenden 41.\nniederrheinischen Musikfeste, jetzt unter J. Rietz's Leitung, wer-\nden folgende Werke zur Aufführung kommen: „Belsazar\" von Hän-\ndel; die zweite Suite für Orchester von Franz Lachner; am zweiten\nTage das grosse „Magnificat\" von J. S. Bach; Scenen aus „Iphi-\ngenia in Tauris\" von Gluck; der 114. Psalm von Mendelssohn und\ndie neunte Sinfonie von Beethoven. Für die Gesang-Soli sind Frau\nDust mann aus Wien, Fräulein Seh reck aus Bonn, Fräulein von\nEdelsberg aus München, Herr Dr. Gunz aus Hannover und Herr\nHill aus Frankfurt gewonnen. Auch Joachim hat seine Mitwir-\nkung zugesagt.\nDer Horneinsatz im ersten Allegro der Sinfonia\neroica. Wir lasen vor einiger Zeit in der „Fackel*', einer neuen\nberliner „Wochenschrift zur kritischen Beleuchtung der Theater-\nund Musikwelt\" von Alex. Meyen (verbunden mit Theater-Agen-\ntur), an welcher die Herren Hans von Bülow, Weitzmann u. A. mit\narbeiten, folgenden Passus: „Das Glanzstück des Concertes bildete\nBeethoven's Sinfonia eroica, die Herr von Bülow mit tief ernstem\nEindringen in den Sinn dieser Tondichtung leitete\" u. s. w. Eine\nAnmerkung sagt dazu: „Dass dem kühnen Horneinsatze im zweiten\nTheile des ersten Allegro's die Spitze abgebrochen worden war, in-\ndem die zweite Geige an jener Stelle g, statt as spielte, wodurch\ndie Harmonie des Dominant-Septimen-Accords b d f as zum Es-\ncZwr-Accorde umgeändert wurde, finden wir in keiner Weise gerecht-\nfertigt; denn die löne es und g des Hornes gehören an jener Stelle\nnicht dem Es - dur- D rei klang e an, sondern bilden melodische\nHülfs- oder Vorschlagstöne des dem genannten Septimen-\nAc corde angehörenden 1 ones y, oder treten als Verzögerun-\ngen der löne d und f des folgenden, vom vollen Orchester ange-\ngebenen Dominant-Septimen-Accords auf.\" Das Factum ist in\nder That merkwürdig und unter der Direction Biilow's, der doch\neben nicht zu den Gegnern der Vorhalts-Theorie und ihrer über-\nmässigen Anwendung gehört, höchst auffallend, gewiss aber keines-\nwegs zu billigen, da die Echtheit dieser Stelle unumstösslich fest-\nsteht.\nLtoweillierg, 18. März. (Durch Zufall verspätet.) Mit glän-\nzendem Erfolge ist J. J. Abert's musicalisches Tongemälde „Co-\nlumbus\" bei uns zur Aufführung gelangt. Der Componist, nach\nachtwöchentlichem Krankenlager noch sichtlich angegriffen, wurde\nbei seinem erstmaligen Erscheinen in der Probe von der Hofcapelle\nmit einem wahren Jubel empfangen, in welchen das anwesende Pu-\nblicum aufs lebhafteste einstimmte. Die Aufführung war eben so\ngelungen als von dem gedrängt vollen Saale mit entschiedenem\nBeifalle begleitet. Nach dieser Thatsache, wie auch nach den Herrn\nAbert allseitig zu Theil gewordenen Beweisen der wärmsten Sym-\npathie und Anerkennung dürfen wir wohl annehmen, dass die durch\nseinen Unfall hervorgerufene traurige Rückerinnerung an Löwenberg\nsicherlich einem freundlicheren Andenken weichen wird.\nIn Dresden starb am 13. April der Hoforganist Dr. Johann\nSchneider, 75 Jahre alt (geb. 28. October 1789). Er war vielleicht\nder bedeutendste Organist der Gegenwart, namentlich stark im Im-\nprovisiren und im Vortrage Bach'scher Orgelwerke. Zu Anfang des\nGottesdienstes pflegte er ein grosses Präludium und Fuge zu impro-\nvisiren, wobei wohl jeder Musiker erstaunen musste über die Ge-\nwandtheit nnd Sicherheit, mit welcher er mitunter sehr figurirte\nThemen durchführte. Seine Choralbehandlung mit Zwischenspielen\nwar äusserst reich, namentlich auch in Bezug auf Registrirung, für\nden Gottesdienst vielleicht zuweilen etwas überladen, wenigstens\nfür unseren heutigen Geschmack. Als Componist stand er auf einer\nmerkwürdig niedrigeren Stufe. Der Strom seiner Phantasie stockte\nund nahm sogar weltliche Formen an, sobald er die Feder ansetzte.\nIndessen dürften sich wohl auch einige bessere Sachen unter seinen\nCompositionen befinden. Schneider war auch langjähriger Dirigent\nder Dreissig'schen Sing-Akademie. (A. M. Z.)\n.PRfis* Carlotta Patti hat sich hier acht Tage lang von\nihrer Concertreise durch Belgien, Holland und Deutschland erholt\nund ist Donnerstag den 28. d. Mts. nach London abgereist, wo sie\nvon Herin Gye am Coventgarden-Theater als Concertsängerin enga-\ngirt ist. Ihre Schwester Adelina Patti, welche bei ihrer Ab-\nschieds-Vorstellung unter Blumen-Bouquets fast begraben wurde, ist\neben dahin abgegangen. Im „Barbier von Sevilla\" am vorigen Sonn-\ntag befanden sich unter der dichten Lage von Kränzen und Blumen\nkostbare Schmucksachen, goldene Armbänder, Colliers mit echten\nSteinen u. s. w., welche am folgenden Tage dem einem\nFiemden aus Mexico oder Rio, der nicht wusste, dass dieses in\nPaiis dei Anstand verbietet, durch einen Polizei-Agenten wieder\nzugestellt wurden. Zum letzten Male sang Adelina Patti im dritten\nActe von Gounod s Faust (italiänisch) das Gretchen reizend, nicht\nallzu träumerisch, freilich auch etwas stark italiänisch; äusserlich\nwird bekanntlich hier der germanische Charakter durch die hoch-\nblonde Haartour bezeichnet, welcher sich auch die Patti unterzogen\nhatte."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "137", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640430-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nBiographie universelle des Musiciens. Par F. J. Fetis. 11. (Meyerbeer.) - Zum 23. April (Shakespeare-Feier). Aus\nBremen (Schluss der musicaliscben Saison, Rückblick auf dieselbe). Tages- und Unterhaltungsblatt (Köln, Gastspiel von Fräu-\nlein Pauline Lucca im Stadttheater Cleve, L. Spohr's Notturno für Blas-Instrumente Programm des bevorstehenden 41. niederrheini-\nschen Musikfestes Der Horneinsatz im ersten Allegro der Sinfonia eroica Löwenberg, J. J. Abert's „Columbusu Dresden u. s. w).\n\nBiographie universelle des Musiciens.\nPar F. J. Fétis.\nII.\n(Meyer beer.)\nGiacomo Meyer beer ist zu Berlin den 5. Septem-\nber 1794 geboren. Schon im Alter von vier Jahren offen-\nbarte sich der musicalische Sinn des Kindes auf unzwei-\ndeutige Weise dadurch, dass er die Melodieen der Orgel-\nspieler auf der Strasse behielt, sie auf dem Ciavier spielte\nund mit der linken Hand harmonisch begleitete. Erstaunt\nüber so glückliche Naturanlagen, beschloss sein Vater,\nnichts zu vernachlässigen, um ihre Entwicklung zu be-\nschleunigen. Lauska, ein Schüler Clementi's und ein aus-\ngezeichneter Ciavierspieler, wurde sein erster Lehrer. Mit\nden rationellen Principien der Schule Clementi's für die\nAusbildung des Mechanismus vereinigte Lauska die Kunst,\ngut zu unterrichten.\nUm diese Zeit vermachte ihm ein vertrauter Freund\ndes Hauses Beer, Namens Meyer, der zu dem talentvollen\nKnaben eine wahrhaft väterliche Zuneigung gefasst hatte,\nin seinem Testamente ein bedeutendes Vermögen unter\nder Bedingung, dass er seinem Namen Beer den Namen\nMeyer vorsetzen solle, woher denn der Name Meyerbeer\nentstanden ist*).\nAm 14. October 1800 liess sich der Knabe, der sein\nsiebentes Jahr noch nicht vollendet hatte, zum ersten Male\nöffentlich hören und erregte ausserordentliches Aufsehen.\nDie Nachrichten, welche Fetis in Berlin, wie er sagt, über\ndie Jugend desselben gesammelt hat, beweisen, dass dessen\nFortschritte so reissend gewesen, dass er im Alter von\nsechs Jahren die Lehrer in Erstaunen setzte und in sei-\nnem neunten Jahre schon zu den tüchtigsten Clavierspie-\nlern in Berlin gezählt wurde. Die leipziger A. Musik-Zei-\ntung sagt in einem Berichte über zwei Concerte vom 17.\nD P\nNovember 1803 und 2. Januar 1804, dass Meyerbeer\neine merkwürdige Fertigkeit und Eleganz des Vortrags\nbekundet habe. Der Abt Vogler hörte ihn um diese Zeit;\nbetroffen von der Originalität in den Fhantasieen des Kna-\nben, prophezeite er in ihm den dereinst grossen Tonkünst-\nler. Später besuchte Clementi Berlin, und Meyerbeer's\nSpiel flösste ihm so viel Interesse ein, dass er trotz seiner\nimmer mehr wachsenden Abneigung gegen das Unterricht-\ngeben ihm dennoch während der ganzen Dauer seines\nAufenthalles in der Residenz Unterricht ertheilte.\nKaum zwölf Jahre alt und ohne Anleitung zum Ton-\nsatze erhalten zu haben, hatte er bereits viele Musikstücke\nfür Gesang und für Ciavier componirt. Verständige\nFreunde des Hauses erkannten darin ein schönes Talent\nund bestimmten den Vater, ihm einen Lehrer in der Com-\nposition zu geben. Man wählte Bernhard Anselm Weber,\neinen Schüler Vogler's und damals Capellmeister an der\nOper in Berlin. Als begeisterter Bewunderer Gluck's und\nleidenschaftlich für die schöne declamatorische Musik die-\nses grossen Meisters eingenommen, überhaupt in allem,\nwas dramatischen Stil betraf, sehr zu Hause, konnte We-\n• 9\nber seinem Zögling über Form und Zuschnitt der Musik-\nstücke, über Instrumentirung und über ästhetische I*or-\nderungen an die Composition nützliche Lehren geben;\naber da er nicht stark in der Harmonielehre und im Con-\ntrapunkte war und für diese Dinge auch kein rechtes\nLehr-System hatte, so war es ihm nicht möglich, seinem\nSchüler zu diesen schwierigen Studien Anleitung zu geben.\nEinige Zeit lang machte übrigens Meyerbeer aufs Gerathe-\nwohl Versuche, sich darin auszubilden, und brachte seinem\n\n*) Wir müssen Herrn Fdtis die Bürgschaft für diese Notiz über-\nlassen, die in Deutschland, so viel wir wissen, nicht bekannt ist,\nwo man Jakob Meyer nur als Vornamen des berühmten Compo-\nnisten kennt. Dass ihn die leipziger A. Mus.-Ztg. schon 1800 Meyer\nBeer nannte, wie Fetis anführt, ist ganz natürlich, da man von\nWunderkindern immer auch die Vornamen angibt.\nDie Redaction."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "138", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640430-01.1.2", "texte": "Lehrer einst eine Fuge. Weber war erstaunt darüber und\nschickte sie dem Abte Vogler, um ihm zu zeigen, dass er\nauch in diesem Punkte tüchtige Schüler bilde. Die Ant-\nwort liess auf sich warten. Endlich kam ein dickes Paket\nan, das statt der gehofften Lobsprüche eine Abhandlung\nüber die Fuge in drei Theilen enthielt; der erste enthielt\ndie Hauptregeln über den Fugensatz, der zweite zeigte,\ndass Meyerbeer's Fuge nichts taugte, der dritte hatte die\nUeberschrift: »Fuge des Lehrers\", und enthielt eine\nstrenge Fuge über das Thema und Gegenthema Meyer-\nbeer's nebst genauer Analyse.\nMeyerbeer fand in allem diesem eine neue Anregung,\ndie er mit Feuer ergriff; er schrieb eine achtstimmige\nFuge und schickte sie direct an Vogler. Dieser schrieb\nihm darüber sehr verbindlich und lud ihn ein, zu ihm nach\nDarmstadt zu kommen, wo er ihn wie ein Kind vom Hause\naufnehmen und unterrichten wolle.— Die Eltern willigten\nein, und Meyerbeer war fünfzehn Jahre alt, als er Vogler's.\nSchüler wurde. Hier fand er Gänsbacher, der später Ca-\npellmeister an Sanct Stephan in Wien wurde*). Immer\nmit ernsten Studien beschäftigt, führten die Zöglinge\nVogler's bei ihm ein ganz künstlerisches und wissenschaft-\nliches Leben. Nach der Messe hielt ihnen der Meister einen\nVortrag über Contrapunkt, dann gab er ihnen eine Arbeit\nüber ein bestimmtes Thema auf und beschloss den Tag\nmit der Durchsicht und Analyse dessen, was sie ge-\nschrieben hatten. Manchmal liess er sie auch in der Kirche\nüber gegebene Thema's auf der Orgel phantasiren**).\nBevor Meyerbeer, siebenzehn Jahre alt, Darmstadt\nverliess, ernannte ihn der Grossherzog zum Hofcompo-\nnisten, nachdem er dessen Oratorium „Gott und die Na-\ntur\" gehört hatte. Das Werk wurde auch in Berlin den\n18. Mai 1811 aufgeführt, Eunicke (Tenor), Grell und die\nerste Sängerin der Oper, Fräulein Schmalz, sangen die\nSoli, und aus dem Berichte in der leipziger Musik-Zeitung\ndes Jahres 1811, P. 570, ersieht man, dass Meyerbeer\nschon damals neue Formen und unbekannte Effecte suchte.\nAusser dieser Partitur hatte er aber bei Vogler viele\nKirchen-Musikstücke geschrieben, die er nicht bekannt\ngemacht hat***).\nDie Zeit des Schaffens und der künstlerischen Thätig-\nkeit war nun für ihn gekommen. In seinem neunzehnten\nJahre brachte er in München sein erstes dramatisch-mu-\nsicalisches Werk: ,Die Tochter Jephta's\", auf die Bühne.\nDer Stoff, zu drei Acten ausgedehnt, war eigentlich mehr\nzu einem Oratorium, als zu einer Oper geeignet. Meyer-\nbeer, noch voll von den Grundsätzen der strengen Schule,\nhatte den Reiz der Melodie noch nicht gefunden; die Oper\ngefiel nicht. Desto mehr Erfolg hatte er als Clavierspieler,\nnamentlich durch seine freien Phantasieen. Er beschloss\ndaher, nach Wien zu gehen, das damals die Stadt der\nPianisten war, und dort als Virtuose aufzutreten. Gleich\nam Abende seiner Ankunft hatte er Gelegenheit, Hummel,\nder auf dem Höhepunkte seines Talentes stand, zu hören.\nHummel's Spiel hatte weder den majestätischen Charakter,\nnoch den frappanten Glanz, der in Clementi's Vortrag\nherrschte und in Meyerbeer's Spiel mit mehr Jugend und\nFeuer wieder auflebte; aber es war ein reiner, klarer Er-\nguss und hatte einen unbeschreiblichen Reiz der Anmuth\nund Schönheit. Meyerbeer erkannte auf der Stelle den\nVortheil, den diese Schule vor ihm voraus hatte, und sein\nEhrgeiz brachte ihn zu dem Entschlüsse, nicht eher wie-\nder Öffentlich aufzutreten, bis es ihm gelungen, die Vor-\nzüge der wiener Schule mit seinem eigenthümlichen Ta-\nlente vereinigt zu haben. Desshalb schloss er sich zehn\nMonate lang innerhalb seiner vier Mauern ein und übte\nsich unaufhörlich im harmonisch gebundenen Spiele und\nin Aenderung und Vervollkommnung seines Fingersatzes.\nNach diesen anhaltenden Anstrengungen, deren nur\neine gewissenhafte Hingabe an die Kunst fähig war, trat\nMeyerbeer in der grossen Welt auf und machte einen so\nlebhaften Eindruck, dass sich das Andenken daran lange\nerhielt. Moscheies, der ihn damals hörte, hat sich oft ge-\näussert, dass, wenn Meyerbeer allein als Virtuose seine\nLaufbahn hätte machen wollen, wenige Clavierspißler im\nStande gewesen sein würden, mit ihm zu wetteifern.\nEin eigentümlicher Zug in seinem Charakter ist\nder Gedanke, der ihn damals (1813) quälte. Betroffen\nvon dem Erfolge der Originalität seiner Compositionen\nund der Neuheit seiner glänzenden Passagen, bildete er\nsich ein, dass alle Pianisten sich ihrer bemächtigen wür-\nden, und beschloss daher, für die nächsten Jahre nichts\nvon seinen Ciavier-Compositionen zu veröffentlichen. Spä-\nterhin, als ihn das Theater ganz und gar fesselte, hörte\ner auf, sich ferner hören zu lassen, und gab überhaupt\ndas Ciavierspiel daran, so dass er am Ende den grössten\nTheil seiner Ciaviermusik, wovon er nur wenig aufge-\nschrieben hatte, vergass und sie mithin für die Oeffent-\nlichkeit verloren ging. Einige Werke muss er indess doch\naufgeschrieben haben, weil die Concertberichte in den\n\n*) Wie kommt es, dass Fdtis Carl Maria von Weber nicht\nerwähnt, der zugleich mit Meyerbeer und Gänsbacher Vogler's An-\nleitung und Umgang genoss?\n**) Vergleiche die interessanten Schilderungen über das Zusam-\nmenleben und Zusammenlernen von Gänsbacher, Weber und Meyer-\nbeer zu Darmstadt in Max von Weber's „Leben C. M. von\nWebers.\" Bd. I. und in diesen Blättern Nr. 3 vom 16. Jan. d. J.\n***) j)ie Rieben geistlichen Gesänge\" von Klopstock\nfür vier Stimmen ohne Begleitung, die in dem Verzeichnisse\nder Werke Meyerbeer's weiter unten anführt, gehören jedoch der-\nselben Zeit an und sind das erste Werk, welches er veröffentlichte."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "139", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640430-01.1.3", "texte": "Zeitschriften sehr lobend ihrer erwähnen, z. B. Variationen\nüber ein Original-Thema alla die er in Leipzig\nvortrug, ferner ein Doppel-Concert für Pianoforte und\nVioline mit Orchester, welches er mit dem Violinisten\nWeit [?] in Berlin am 4. Februar 1813 spielte.\nDie Virtuosen-Laufbahn gab also Meyerbeer auf, aber\nvon seinen Clavier-Studien ist ihm die Eigenschaft der\nvollkommensten Begleitung geblieben, die man hören kann.\nDieses Talent setzte noch im Jahre 1845 in den Concer-\nten, welche der König von Preussen auf den Schlössern\nzu Brühl und Coblenz der Königin Victoria und der bel-\ngischen Königs-Familie gab, in Erstaunen. In seiner Eigen-\nschaft als k. Preussischer General-Musik-Director hatte er\ndiese Concerte eingerichtet und begleitete selbst am Flügel.\nDurch die feinen Nuancen und die zarte und poetische\nBehandlung des Instrumentes bei der Begleitung lernte\nich begreifen, wesshalb er immer so viele Proben für die\nAufführung seiner Opern verlangt. Ich zweifle, ob er je-\nmals mit den Sängern und mit dem Orchester vollkommen\nzufrieden ist.\nDie Erfolge Meyerbeer's als Ciavierspieler in Wien\nund das Talent, welches man in einer Gesang-Composition:\n■\n„Theveli ndens Liebe\", entdeckte, bewirkten, dass er\n.\nden Auftrag bekam, eine komische Oper für das Hof-\ntheater zu schreiben. Jenes Gesangstück war ein Mono-\ndrama für Sopran, obligate Clarinette und Chor; es wurde\n1813 in Wien aufgeführt, ein Fräulein Harlass sang die\nSopran-Partie, Bärmann blies die Clarinette [was wohl die\nHaupt-Veranlassung zu der Composition gewesen sein\nmag]. Das Opernbuch, das ihm anvertraut wurde, hiess:\n„Abimelech oder die beiden Kalifen\" [auch „ W i rth\nund Gast\"]. In Wien war aber einmal wieder die ita-\nliänische Musik oben auf, zumal bei Hofe; „Die beiden\nKalifen\" aber waren in einem ganz entgegengesetzten\nStile geschrieben, der nicht viel anders war, als in der\n„Tochter Jephta's\"; sie wurden aufgeführt, fielen aber\ndurch, ein Fall, der auf Meyerbeer's fernere Entwicklung\neinen grossen Einfluss hatte. Denn Salieri, der ihn schätzte\nund lieb hatte, tröstete ihn mit der Versicherung, dass es\nihm trotz der fehlerhaften Factur der Gesangstücke doch\nnicht an glücklichen Anlagen fehle, aber dass er noch\nnicht für Gesang zu schreiben verstehe. Um das zu lernen,\nmüsse er nach Italien gehen, und wenn er sich diese al-\nlerdings schwierige Kunst angeeignet haben werde, so\nprophezeie er ihm schöne Erfolge.\nBis zu diesem Augenblicke hatte die italiänische Mu-\nsik nicht den geringsten Reiz für Meyerbeer gehabt, auch\nwaren in der That die meisten Opern von Nicolini, Fari-\nnelli, Pavesi u. A., die man damals in Wien und München\ngab, wenig geeignet, ein Ohr, das an deutsche Harmonie\ngewohnt war, zu befriedigen. Desshalb begritf der junge\nTonsetzer die Tragweite des guten Rathes von Salieri nicht\nsogleich, entschloss sich aber doch, ihn zu befolgen, und\nging -nach Venedig. Dort trat er gerade mitten in die\nGlanz-Periode von Rossini's „Tancred\" hinein. Diese Mu-\nsik [und wohl auch ihre Wirkung auf das Publicum] regte\nihn wunderbar an, und der italiänische Stil, gegen den er\nbis jetzt einen wahren Widerwillen gehabt, wurde der\nGegenstand seiner Vorliebe und seines Strebens.\nNach jahrelangen Studien und Versuchen in Hand-\nhabung der melodischen Formen gelangte er zu einer\ngänzlichen Umgestaltung seiner Schreibweise und brachte\nim Jahre 1818 in Padua seine Oper\nauf die Bühne. Diese für die Pisaroni geschriebene\nsemi-seria erhielt eine glänzende Aufnahme, zu welcher\nnicht nur die Musik und die treffliche Sängerin, sondern\nauch der günstige Umstand beitrug, dass die Paduaner\nMeyerbeer als einen Zögling ihrer Schule betrachteten,\nweil sein Lehrer, der Abt Vogler, eine Zeit lang Schüler\ndes Paters Valotti, Capellmeisters an Sanct Anton in Pa-\ndua, gewesen war.\nDer Komiida folgte 1819 Semiramide riconosciuta,\nin Turin für die gefeierte Sängerin Carolina Bassi ge-\nschrieben. und 1820 Emma di Resburgo in Venedig, mit\nderen Erfolg Meyerbeer den ersten Schritt auf der Bahn\nseines Ruhmes that. Trotzdem, dass die Aufführung nur\nwenige Monate nach Rossini's Eduardo e Cristina Statt\nfand, wurde sie mit Begeisterung aufgenommen und ver-\nschaffte dem Namen des jungen Componisten einen lauten\nKlang durch ganz Italien. Emma di Resburgo wurde auf\nallen grossen Theatern Italiens gegeben und drang auch,\nins Deutsche übersetzt, unter dem Titel „Emma von Lei-\ncester\" über die Alpen nach Deutschland.\nHier aber war die öffentliche Meinung nichts weniger\nals einstimmig zu Gunsten der Umwandlung Meyerbeer's\nzum Italiener. Nicht ohne Bedauern sah man ihn von den\ndeutschen musicalischen Ueberlieferungen ablallen und sich\neiner fremden Schule hingeben. Diese Stimmung machte\nsich oft in bitteren Ausdrücken Luit, und Carl Maria\nvon W eber, sein Freund seit Jahren, wurde besonders\nstark davon beherrscht. Das konnte nicht wohl anders\nsein; denn Weber schöpfte seine Kraft aus einer indivi-\nduellen, absoluten Auffassung der Kunst und war weniger\nals irgend Einer zu Concessionen an den Eklekticismus\ngeneigt, welcher durch ihren Zweck auch entgegengesetzte\nBegriffe vom Guten für zulässig hält. Die Höhe der An-\nsicht, welche zum Eklekticismus führt, ist überhaupt sel-\nten, namentlich bei genialen Menschen, die fast immer\nsich in engen Schranken befangen zeigen, wenn von Be-\nurtheilung der Erzeugnisse einer anderen Schule die Rede\n\n[1"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "140", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640430-01.1.4", "texte": "ist. Man darf sich keineswegs wundern, dass Weber die\nneue Richtung Meyerbeer's verdammte: er hatte keinen\nSinn für italiänische Musik, ja, sie war ihm zuwider, eben\nso wie sie Beethoven und Mendelssohn zuwider war. Es\nwar also eine auf Ueberzeugung gegründete Opposition,\ndie er gegen die Umwandlung von Meyerbeer's Talent\naussprach, ja, es war eine Art von Verwahrung'gegen die\nErfolge der neuen Richtung seines Freundes, dass er in\nDresden mit grosser Sorgfalt die in Wien durchgefallene\nOper „Die beiden Kalifen\" als „Wirth und Gast\" in\nScene setzte. Uebrigens verläugnete sich seine Freund-\nschaft für Meyerbeer nie. Er freute sich über seinen Be-\nsuch bei ihm und schrieb unter Anderem darüber an\nGottfried Weber: „Letzten Freitag hatte ich die grosse\nFreude, Meyerbeer einen ganzen Tag lang bei mir zu ha-\nben; die Ohren müssen Dir geklungen haben! Es war\nwirklich ein glücklicher Tag, eine Erinnerung an die schö-\nnen Zeiten in Mannheim und Darmstadt. Wir haben uns\nerst spät in der Nacht getrennt. Meyerbeer geht nach\nTriest, um dort seinen Crociato in Egitto in Scene zu\nsetzen; vor Ablauf eines Jahres wird er nach Berlin zu-\nrückkommen, wo er vielleicht eine deutsche Oper schrei-\nben wird. Gott gebe es! Ich habe ihm tüchtig ins Gewissen\ngeredet!\"*)\nWeber hat nicht lange genug gelebt, um Zeuge der\nzweiten Umwandlung Meyerbeer's zu sein, allein er kannte\ndie Tragweite seines Talentes recht gut; auch soll er vor\nseinem Tode den Wunsch ausgesprochen haben, Meyer-\nbeer möchte eine Oper, die er unbeendigt hinterlassen,\nvollenden**).\n\nZum 23. April\n★ **\\\n)•\nAn diesem Tage, an welchem vor 300 Jahren der\ngrösste dramatische Dichter der christlichen Aera geboren\nwurde, an dem vor 248 Jahren derselbe Dichter starb,\nund den nach drei Jahrhunderten die gesamrnte gesittete\nWell in allen Zungen jubelnd feiert an diesem Tage\nwird man es begreiflich und berechtigt finden, wenn die-\njeni gen, deren Wirken mit dem der öffentlichen Schau-\nbühne eng verknüpft ist, nicht zuletzt beim Jubelfeste er-\nscheinen, wenn ein den Interessen des Theaters gewidme-\ntes Organ auch seinen Kranz an den Stufen des Festaltars\nniederlegt.\nFeiern dieses Fest auch jene, die der Bühne fern ste-\nhen, oder die sich förmlich von ihr abwenden, so feiern\nes doppelt alle, die auf ihr heimisch oder doch mit ihrem\nWesen, ihren Bedürfnissen, ihren Wirkungen vertraut\nsind. Shakespeare ist eben sowohl der Lieblingsdichter\ndes schlichten Einzelnen, die unerschöpfliche Fundgrube\nfür die auserwählten Literaturfreunde, wie der eigentliche\nVolksdichter. Dem Einzelnen ist er ein theurer Freund,\nein kluger Rathgeber, ein weiser Mentor und ein sanfter\nTröster, ein ernster Mahner und ein unfehlbarer Gewis-\nsensfreund, den verfeinerten Bedürfnissen geistreicher Ver-\neinigungen wie der unersättlichen Verdauungsfähigkeit\ndes grossen Commentatoren-Chors eine immer willkom-\nmene Beute. Vor allem Anderen aber mögen wir hier\nmit dankbar freudiger Ehrfurcht des echtesten Theater-\ndichters gedenken, der den gefährlichsten Probirstein\nabgibt für jede bearbeitende Dramaturgenhand, wie für\njedes in Scene setzende Regie-Ingenium, dem Schauspieler\neine unversiegbare Quelle des Studiums, dem Publicum,\ndem Einzelnen darunter wie den Massen, ein Magnet von\nunvergleichlicher Anziehungskraft einer Kraft von\nhöchster Poesie zugleich und von schlagendstem Theater-\nEffecte.\nMan besorge übrigens keinen faden Panegyrikus. Wir\nfeiern keinen Götzendienst und wissen, dass wir einem\nDichter huldigen, der, wie jeder andere, nur viel eigen-\ntümlicher als jeder andere, auch seine sterblichen Seiten\nhat. Ist es für ein Genie nicht genug, wenn man ihm Viel-\nseitigkeit, ja, eine Art Universalität nachrühmt? soll ihm\ndazu auch noch die absolute Unfehlbarkeit angedichtet\nwerden? Wir glauben nicht, dass dem grossen Geiste mit\ndiesem mitunter angewandten Verfahren wesentlich ge-\ndient sei. Je mehr wir uns bestreben, seine Grösse zu er-\nkennen, ohne uns über ihre Auswüchse einer Täuschung\nhinzugeben, desto reiner wird uns sein innerstes Wesen\nzum Bewusstsein kommen; je parteiloser wir seine Ge-\nsammtschöpfung betrachten, desto fähiger werden wir uns\nfühlen, das wirklich Schöne darin, gerade weil wir es\nim Geiste von den Schlacken absondern, rein zu geniessen\nund gläubig zu verehren.\n\n*) Dieser Brief muss aus 1824 sein, weil der Crociato erst in\ndiesem Jahre auf die Bühne kam. Weber's „Preciosa\" (1820), „Frei-\nschütz\" (1821), „Euryanthe\" (1822) waren also schon gegeben, und\nsomit hatte er ein volles Recht, dem Jugendfreunde und Studien-\ngenossen ins Gewissen zu reden, was denn auch in vieler Hinsicht\ngewiss nicht vergebens gewesen ist.\n**) Ob dem wirklich so sei, werden wir aus dem zweiten\nBande des „Lebensbildes C. M. von Weber's von dessen Solin\"\n— bald erfahren.\n***) entlehnen diesen Aufsatz der Nr. 17 der „Wiener\nßecensionen\", weil er in Kürze den wahren Standpunkt, den\nunsere Zeit und unser Volk dem Shakespeare-Cultus gegenüber ein-\nzunehmen hat, mit Wärme und Aufrichtigkeit darlegt, und wir, der-\nselben Ueberzeugung huldigend, dieser Ansicht die grösstmögliche\nVerbreitung wünschen, sie aber in den meisten Gelegenheits-Artikeln\nder Jubelfeier vor Ueberschwänglichkeit wenig oder gar nicht be-\nachtet gefunden haben. Die Redaction."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "141", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640430-01.1.5", "texte": "Warum sollten wir es verschweigen, was so Viele\nempfinden und so Wenige zu äussern wagen —dass der-\nselbe mächtige Geist, der uns durch die Kraft und An-\nmuth, durch die Tiefe und Klarheit, durch die glühende\nLeidenschaft und die erschütternde Wahrheit seiner Schö-\npfungen entzückt und erhebt, uns mitunter durch die Roh-\nheit seiner Ausdrucksweise, durch unsymmetrische Häu-\nfung contrastirender Wirkungsmittel befremdet und ab-\nstösst, dass der inneren Harmonie, die seinen Meisterwer-\nken zu Grunde liegt, nicht immer auch die äussere gleich-\nmässig zur Seite stellt? Wenn seine Lustspiele zum grossen\nTheile veraltet sind, so ist diese Erscheinung im Wesen\ndes Lustspiels tief begründet, welches immer nur die Sitten\nund Thorheiten der Zeit, da es entstand, abspiegelt; wir\nbrauchen dem Dichter darüber keinen Vorwurf zu ma-\nchen, nur aber anerkennen sollen wir, dass es so ist. Die-\njenigen Ausdrücke, die wir als Rinder unserer Zeit roh und\nungesittet finden, mögen vor dreihundert Jahren ganz an-\nders geklungen haben; wir leben nun aber einmal im\nneunzehnten Säculum und haben nicht die Verpflichtung,\nfür Stilfeinheiten zu halten, was ein begreifliches, aber\ndesswegen noch nicht als schön auszugebendes Resultat\nder Sitten und Moden jener Zeit gewesen. Wir mögen\nden phantastischen Märchen, die uns Shakespeare erzählt,\nmit höchstem Interesse folgen und die Ueberschwänglich-\nkeit seiner Einbildungskraft bewundernd anstaunen, ohne\nuns doch zu verhehlen, dass diese Einbildungskraft ihn\nmitunter zu ganz absonderlichen und abstrusen Gestaltun-\ngen verleitet hat, dass sich unter jenen Zaubergestalten\nauch solche Ungeheuer befinden, deren ästhetische Be-\nrechtigung zum mindesten eine zweifelhafte ist. Wir wol-\nlen uns endlich selbst den höchsten Meisterwerken dra-\nmatischer Kunst, einem „Hamlet\", „Lear\", „Othello\",\n„Romeo und Julie\", Julius Cäsar\" gegenüber des Rechtes\nnicht begeben, unter Goldkörnern und Perlen der Weis-\nheit, der Menschenkenntniss, des tiefsten künstlerisch-\ntheatralischen Verständnisses auch sandige und steinige\nStellen, unter Rosenbüschen und Eichenwäldern auch dor-\nniges Gestrüpp zu sehen, und in keinem Falle werden wir\nuns zu der Annahme entschliessen, dieses Letztere etwa\nals eine bewusste Anordnung des allweisen Dichters eben-\nfalls zu bewundern. Vielmehr wollen wir getrost in jedem\neinzelnen solchen Falle sagen: Hier ist eine Stelle, wo auch\ndieser grösste Dichter sterblich war, wo er ein Kind sei-\nner Zeit geblieben ist, wo er aus diesem oder jenem\nGrunde gefehlt hat. Erkennen wir freimülhig diese Mög-\nlichkeit an, um wie viel begeisterter werden wir die uner-\nmesslichen Wirkungen preisen, die seine Schöpfungen,\nnamentlich seit den letzten hundert Jahren, und zwar be-\nsonders in Deutschland erzielt haben; um wie viel begei-\nsterter werden wir die Grösse eines Geistes anerkennen,\nder im wesentlichsten 1 heile seiner bedeutendsten Werke\nmit so tiefen und bezeichnenden Zügen Menschen zu schil-\ndern gewusst hat, der den Schaubühnen ein Vermächtniss\nhinterlassen hat, von dem sie jetzt noch, nach dreihundert\nJahren, den köstlichsten Theil ihrer Lebenskräfte beziehen!\nNicht umsonst betonen wir wiederholt die „dreihun-\ndert Jahreu. Nicht alles, was an sich schön und werth-\nvoll ist und bleibt, behält auch in gleicher Frische dieselbe\nBühnenwirkung. Man sehe zehnjährige Repertoirestücke\ndarauf an und staune, wie schnell sie verblassen. Wie\nwenige Stücke, die man in der Jugend mit höchster Be-\nfriedigung gesehen, machen Einem im Alter denselben\nEindruck! Wie wenige solcher Lieblinge gefallen einer\nzweiten Generation! Und wie haben sich dagegen diese\nuralten Shakespeare'schen Haupt- und Staats-Actionen\nfrisch erhalten zu erneuertem Entzücken jedes neuaufstre-\nbenden Geschlechtes! Das schon beweist, wie viel ewige\nPoesie und wie viel echte Theaterwirkung in ihnen steckt.\nDas war es, was vor hundert Jahren von den ersten\nGeistern deutscher Nation Lessing voran erkannt\nund ausgesprochen wurde zu fruchtbringendster Wirkung.\nIn den „Literatur-Briefen\" schrieb Lessing schon Ende\nder fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts:\n„Wenn man die Meisterstücke des Shakespeare mit\neinigen bescheidenen Veränderungen unseren Deutschen\nübersetzt hätte, ich weiss gewiss, es würde von besseren\nFolgen gewesen sein, als dass man sie mit dem Corneille\nund llacine bekannt gemacht. Erstlich würde das Volk\nan jenem weit mehr Geschmack gefunden haben, als es\nan diesen nicht finden kann; und zweitens würde jener\nganz andere Köpfe unter uns erweckt haben, als man von\ndiesen zu rühmen weiss. Denn ein Genie kann nur von\neinem Genie entzündet werden, und am leichtesten von\nso einem, das Alles bloss der Natur zu danken zu haben\nscheint und durch die mühsamen Vollkommenheiten der\nKunst nicht abschreckt.\n„Der Engländer erreicht den Zweck der Tragödie fast\nimmer, so sonderbare und ihm eigene Wege er auch\nwählt; und der Franzose erreicht ihn fast niemals, ob er\ngleich die gebahnten Wege der Alten betritt. Nach dem\n„ „Oedipus\"\" des Sophokles muss in der Welt kein Stück\nmehr Gewalt über unsere Leidenschaften haben, als\n„„Othello\"\", „ „König Lear\"\", „„Hamlet\"\" u.s.w.\"\nLessing hat diese erste warme Min Weisung auf den\nWerth der Shakespeare'sehen Dramen später in der\n„Dramaturgie\" wiederholt bestätigt und vervollständigt.\nSeinem unermüdlichen Kampfe gegen die steife Alexan-\ndriner-Tragödie der Franzosen verdankt Deutschland zu-\nnächst die allmähliche Einführung Shakespear es in"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "142", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640430-01.1.6", "texte": "das deutsche Repertoire, freilich zuerst nur in der unvoll-\nkommenen Wiel and'sehen Uebersetzung [bald darauf\nin der vollständigen Uebersetzung von Joh. Joachim\nEschen bürg], dafür aber getragen von einem bedeuten-\nden Schauspieler und Theater-Director, F. L. Schröder,\nder die Hauptstücke des wiedergeborenen englischen Au-\ntors, zwar noch vielfach verkürzt und verändert, doch be-\nreits mit intensivster schauspielerischer Wirkung auf der\ndeutseben Bühne einbürgerte.\nDiese Acquisition für das Repertoire bezeichnet einen\nder wichtigsten Abschnitte in der Geschichte der Schau-\nspielkunst. Der Charakter dieser letzteren schwankte lange\nZeit von einem Extrem zum anderen, von der rohen Un-\ngebundenheit der altdeutschen Haupt- und Staats-Actionen\nund der extemporirten Hanswurstereien zu dem pedanti-\nschen Einerlei der versificirten Alexandriner-Tragödie.\nShakespeare bildete eine goldene Brücke zwischen bei-\nden übertriebenen Tendenzen; in seinen Werken war Roh-\nheit einerseits, hohles Pathos andererseits nur mehr ein\nausnahmsweiser Auswuchs, das Wesentliche in ihnen\nbrachte wahre Volkstümlichkeit und echt tragische Con-\nllicte in eben so bunter als natürlicher und doch zugleich\nerhabener Weise zu lebendigem Ausdruck; in seinen\nWerken konnte und musste der Schauspieler sich vor Al-\nlem mit dem Charakter der darzustellenden Person (statt\nmit äusserlichen Redeformen) beschäftigen, er war zunächst\nund mit maassgebender Kraft auf die reine Menschen-\nDarstellung gewiesen, er konnte im „Hamlet\" die\nhöchst eindringliche Lehre finden, dass „des Schauspiels\nZweck sowohl Anfangs als jetzt war und ist: der Natur\ngleichsam den Spiegel vorzuhalten, der Tugend\nihre eigenen Züge, der Schmach ihr eigenes\nBild und dem Jahrhundert und Körper der Zeit\nden Abdruck seiner Gestalt zu zeigen\" und was\nder goldenen Regeln mehr sind, die dort ertheilt werden;\nund der Schauspieler konnte neben dieser einfachsten,\nrichtigsten und eindringlichsten Theorie seiner Kunst an\ndem Studium der Shakespeare'schen Rollen sofort die\nbeste praktische Schule durchmachen. Die Mittelmässigkeit\nfreilich wenngleich auch sie manches dankbare Feld\nzur landläufigen Bearbeitung vorfand musste dabei zu-\nmeist hinter den Anforderungen, welche die Dichtung an\nihren Interpreten stellt, zurückbleiben; das Talent hinge-\ngen fand, sobald es einmal diese Richtung eingeschlagen\nhatte, einen immer fruchtbaren Boden und immer frische\nAnregung zu vielseitiger Entwicklung, zu dankbaren Lei-\nstungen und bei einsichtigem Maasshalten zur Ausbildung\neines natürlichen Darstellun«s-Stils.\nAus demselben Blatte erfahren wir, dass auf dem\nBurgtheater zu Wien seit 1770 (den 28. April Ri-\nchard III.) bis 1863, also binnen 93 Jahren, 21 Stücke\nvon Shakespeare in 963 Aufführungen nach verschiede-\nnen Bearbeitungen gegeben worden sind, dass unter An-\nderen Hamlet 205 Mal, Romeo und Julie 96, Viel\nLärmen um Nichts 90, Othello 89, Lear 85, Mac-\nbeth 67, Kaufmann von Venedig 67, Die Wider-\nspänstige 54, Richard 111. 47 Mal aufgeführt wor-\nden sind.\n\nAus Bremen.\nDen 13. April 1864.\nMit dem gestrigen sechsten Symphonie-Abende, an\nwelchem die hiesige Liedertafel mitwirkte, ist die musica-\nlische Saison als geschlossen zu betrachten; es folgen je-\ndoch noch die letzte Quartett-Soiree des Herrn Jacobsohn,\neine Soiree des Gesangvereins und ein Concert des Herrn\nCabisius, welcher den von ihm geleiteten neuen Orchester-\nVerein am 29. April in die Oeffentlichkeit einführen will.\nDie Saison war sehr reich an Aufführungen aller Art; sie\nhalte aufzuweisen: 11 Privat-Concerte, 6 Symphonie-\nAbende, 10 Quartett-Soireen, 2 Concerte der Sing-Aka-\ndemie, 2 des Domchors, 4 des Gesangvereins, 2 grössere\nAufführungen im Künstlerverein, endlich einige Privat-\nUnternehmungen der Herren Cabisius, Graue, L. Rake-\nmann, Biermann, im Ganzen also reichlich vierzig musica-\nlische Abende. Eine Uebersicht des Geleisteten ergibt, dass\nfolgende grössere Werke zur Ausführung kamen: Die\ngrosse Messe von Beethoven, der Elias von Mendelssohn,\nder Gideon von Meinardus, die ganze Musik Mendelssohn's\nzum Sommernachtstraum, ferner Chorgesänge und Lieder\nvon Bach, Gluck, Eccard, Beethoven, Mendelssohn, Rietz,\nSilcher, Gade, Schubert u. s. w. Neu darunter waren das\nOratorium „Gideon\" von Meinardus und die Tondichtung\n„Das Mädchen von Cola\" von Reinthaler, ferner ein Te\nDeumund der 47. Psalm von demselben. Folgende Sym-\nphonieen kamen zu Gehör: acht von Beethoven (nämlich\nalle bis auf die neunte, je zwei Mal die in\nund A-dur), drei von Mozart (C-dur mit der Fuge, G-moll\nund Es-dur), zwei von Haydn (D-dur), je eine von Gade\n(B-dur), Mendelssohn (A-moll), Schumann [C-dur), Schu-\nbert [C-dur), Volkmann (DmReinthaler\nBrahms (Serenade in D-dur),Lachner (Suite in\nFerner folgende Ouvertüren: je vier von Beethoven (Leo-\nnore, Egmont, Op. 115, 124), Weber (Oberon, Frei-\nschütz, Euryanthe, Jubel-Ouverture) und Mendelssohn\n(Hebriden, Sommernachtstraum, Ruy Blas, Meeresstille),"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "143", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640430-01.1.7", "texte": "drei von Cherubini (Elise, Lodoiska, Faniska), zwei von\nMozart (Entführung, Zauberflöte), je eine von Gluck (Iphi-\ngenie), (Joseph), Spontini (Olympia), Gade (Michel\nAngelo), Rossini (Teil), Bargiel (Medea), Vierling (Maria\nStuart), Reinthaler (Othello), Ritter (Heimkehr) und Hent-\nschel (Concert-Ouverture); zwei Mal gelangten zur Aus-\nführung: Egmont, Oberon, Euryanthe und die Ouvertüre\nvon Hentschel. Neu von diesen Orchesterwerken waren\ndie Serenade von Brahms, die Symphonie von Volkmann,\ndie Ouvertüren von Reinthaler und Hentschel. Als Solisten\nhörten wir auf dem Ciavier: die Damen Schumann und\nMagnus, die H erren Treiber und Streudner, ferner Mary\nKrebs; auf der Violine: die Herren Joachim, Schradieck,\nWilheimi und Heermann; auf dem Violoncell: Herrn Lü-\nbeck; auf der Harfe: Fräulein Heermann; in Gesanges-\nVorträgen: die Damen Bettelheim, Dannemann, Eicke,\nEngel, Joachim, Leo, Metzdorff, Reiss, die Herren Gunz,\nBietzacher, Pirk, Stockhausen und Wiedemann.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nRollt. Fräulein Pauline Lucca, die gefeierte Prima Donna\ndes berliner Hof-Operntheaters, ist am Sonntag den 24. und Dinstag\nden 26. d. Mts. als Valentine in den Hugenotten und als Mar-\ngaretha in Gounod's Faust aufgetreten. Wenn wir sagen: „die ge-\nfeierte\", so müssen wir gleich hinzufügen, dass die an Apotheosen\ngewöhnte Künstlerin diejenigen Manifestationen des Enthusiasmus,\nohne welche sich heutzutage ein gebildetes und belesenes Publicum\neiner solchen Celebrität gegenüber blamiren würde, hier auch kei-\nneswegs vermisst haben wird, indem sie als Valentine gleich bei\nihrem Auftreten-.vor der Königin, ohne dass man noch einen Ton\nvon ihr gehört hatte, mit so reichlichen Blumenspenden überschüttet\nwurde, wie sie die brüsseler und kölner Kunstgärtnerei nur am\nhübschesten zu assortiren vermag. Und in der That, nicht bloss ihr\nRuf, sondern auch die anmuthige Erscheinung an und für sich recht-\nfertigten den duftenden und in allen Farben spielenden Gruss. Die-\nselbe Art der Beifallsbezeigung wiederholte sich unter lebhaftestem\nApplaus und Hervorruf nach ihren Leistungen an beiden Tagen, so\ndass wir gern constatiren, dass Fräulein Lucca hier eine glänzende\nAufnahme gefunden hat.\nDieser Sieg, d. h. Dass die Aeusserungen des Enthusiasmus\nnicht bloss ihren Leistungen vorhergingen, sondern auch folgten,\nwar um so ehrenvoller für die Künstlerin, als es sich nicht läugnen\nlässt, dass das Publicum bei den ersten, freilich unbedeutenden\nPhrasen ihres Gesanges im zweiten Acte der Hugenotten einer Art\nvon Enttäuschung unterlag, da es eine auch durch ihr Volumen\ndramatisch imponirende Stimme erwartet hatte, welche Fräulein\nLucca nicht hat. Aber die Stimme der jungen Künstlerin, die in\ndiesen Tagen eben erst 22 Jahre alt geworden ist, hat trotzdem\neine gewisse Klangfarbe, die, obwohl mehr anmuthig und reizend\nals voll, dennoch namentlich in der Höhe auch über die starke Or-\nchesterbegleitung hinweg leuchtet, ohne durch allzu scharfes Licht\nzu blenden, wie sich das besonders durch das wunderschön intonirte\nund gehaltene hohe c in dem Duett mit Marcel und auch sonst an\nvielen Stellen offenbarte. Dabei ist die Stimme umfangreich und\nauch in den mittleren Tönen von fesselnder Lieblichkeit und edlem\nTone, der niemals zu einer gewöhnlichen Flachheit und Ausdrucks-\nlosigkeit herabsinkt. Der musicalische Vortrag ist durchweg nobel,\nmaassvoll und olt von hinreissendem Ausdruck, wie besonders in\ndem vierten Acte der Hugenotten und in der Kerkerscene im Faust,\nund wir begreifen in der That nicht, wie man der Sängerin bei\nihrem ersten Auftreten in Berlin im Jahre 1861, wo sie übrigens\ndie Gunst des Publicums im Sturm eroberte, von Seiten der Kritik\n„zu weit getriebene Anspannung der physichen Mittel und den ge-\nbildeten ästhetischen Sinn verletzende Maasslosigkeiten im Ausdruck44\nhabe vorwerfen können. Hier haben wir davon auch nicht einmal\neine Anwandlung wahrgenommen und rechnen ihr im Gegentheil\ndas Innehalten der Gränzen des Schönen in beiden Rollen hoch an,\nja, wir möchten im Gegensatz zu jenem Urtheil ihrer Valen-\ntine sogar mitunter mehr Leidenschaft wünschen. Allerdings sind\nwir mit der Art, wie sie die zwei berühmten Stellen, die eine in\ndem Duett mit Marcel („Ein Mädchen, das ihn liebt und ihr Leben\nfür ihn gibt\"), und dann im vierten Acte das..Ich liebe dich\" vor-\ntrug, vollkommen einverstanden, der Ausdruck war hier eben so\nweiblich wahr als schön; allein der Charakter der Tochter des St.\nBris, welche aus Liebe dem Glauben ihrer Ahnen entsagt und mit\nder Aenderung desselben in den gewissen Tod geht, fordert doch\nauch eine Auffassung, welche die Gewalt einer Leidenschaft, die alle\nSchianken durchbricht, auch zur äusseren Anschauung bringt.\nWas nun vor allen Dingen mit zu den Erfolgen der Künstlerin\nbeiträgt, ist das vortreffliche Spiel, welches sie in den beiden hier\ngegebenen Rollen in einem so hohen Grade von Vollkommenheit\nentwickelt hat, dass man häufig die Aeusserung hörte: „Wir haben\neine grosse Sängerin erwartet und eine grosse Schauspielerin ge-\nfunden, welche durch die Vereinigung eines durchdachten und doch\nstets natürlichen, von Affectation entfernten Spiels mit schönem Ge-\nsänge eine jedenfalls wunderbare geniale Begabung bekundet.\" Und\ndas ist auch unser eigenes Urtheil über Pauline Lucca: ihr ganzes\nWesen hat ein gewisses Etwas, das desto mehr anzieht und fesselt,\nje länger man sie auf der Bühne sieht und hört, und dieser merk-\nwürdige Zauber drängt die Stimme der rein musicalischen Kritik,\ndie sich bei den technischen Unvollkommenheiten derselben als\nSängerin oft laut genug regen will, zurück, hilft uns über die Be-\ndenken der Schule hinweg und macht uns willig, in den Beifall\neinzustimmen, zu welchem sie die Menge hinrcisst. Ihr „Gretchen\"\nist eine herrliche fechÖptung, die neben dem \"Schönen, das wir der\nMusik dieser Partie gern zugestehen, auch mit dem Trivialen, das\nsie besonders in dem Walzer vorbringt, beinahe ganz versöhnen\nkann.\n* C'lev©# L. Spolir's Notturno für Blas-Instrumente,\nOp. 34, von ihm selbst zum Quintett für Bogen-Instrumente umge-\narbeitet und in dieser Form hier neulich im letzten Concerte zu\nGehör gebracht, hat für Cleve eine besondere Bedeutung und gibt\nuns Gelegenheit, an einen Mann zu erinnern, der die Musik in un-\nserer Stadt so treu und so beharrlich gepflegt hat, dass noch jetzt,\nfast ein Decennium nach seinem Tode, die segensreichen Folgen\nseines Wirkens fortdauern. Wir meinen den verstorbenen Notar\nFriedrich Thomae. Mit treuer Hingebung an seinen Beruf ver-\nband dieser Mann eine begeisterte Verehrung der Musik, die ihn\njede Mussestunde ihr freudig widmen liess. Daher erwarb er sich,\ngrösstentheils durch Selbststudium, eine für Dilettanten nicht ge-\nwöhnliche Kenntniss der Harmonielehre und des Contrapunktes,\nwelche ihn zur Leitung eines Orchesters befähigte. Daneben war er\nmit der Behandlung des Claviers, der Orgel, des Fagotts und des\nVioloncello's genau bekannt, letzteres Instrument spielte er mit be-\nsonderer Vorliebe und Kunstfertigkeit. Unter seinen Auspicien ent-\nwickelte sich denn auch gleich nach den Befreiungskriegen in Cleve\neine rege Pflege der Vocal- und Instrumental-Musik, so dass die\nStadt bei den bald aul blühenden rheinischen Musikfesten vertreten\nwurde. Spohr, dem das musicalische Streben des Mannes nicht"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "144", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640430-01.1.8", "texte": "entgangen war, würdigte ihn seiner Freundschaft und schlug die\nihm angebotene Einladung nach Cleve nicht aus. Es war im Früh-\nling 1817, als Spohr mit seiner Gemahlin Dorette, geb. Schind-\nler, und zwei Töchtern die Gastfreundschaft seines Freundes in\nAnspruch nahm. In Cleve nun, im vertrauten Kreise, fasste Spohr\ndie Idee zu seinem Notturno für Harmoniemusik, für welche damals\n(und noch jetzt bei der Militärmusik) Tanz-Melodieen und arrangirte\nStücke, grösstenteils Potpourri's aus Opern, fast ausschliesslich das\nRepertoire bildeten. Während seines mehrmonatlichen Aufenthaltes\nin Cleve vollendete Spohr sein Werk und arrangirte es zugleich als\nQuintett für Streich-Instrumente. Das Notturno enthält eine Reihe\nvon meist kürzeren Sätzen: Marcia moderato; Menuetto Allegro;\nAndante mit Variationen, Polacca; Adagio; Finale, Vivace, und es\nist sehr zu bedauern, dass diese vortreffliche Composition jetzt fast\nso gut wie vergessen ist. Von Cleve aus trat Spohr mit seiner Ge-\nmahlin die Kunstreise nach England an; seine Töchter, die hier zu-\nrückgeblieben waren, holte er nachher, von England zurückkom-\nmend, ab. Im October 1817 componirte Spohr „seinem Freunde\nFriedrich Thomae als Geburtstags-Angebinde\" ein Adagio für\nFagott und Ciavier. Natürlich traten die beiden Freunde in Brief-\nwechsel, und viele Briefe Spohr's wurden im Nachlasse des Herrn\nThomae vorgefunden, leider aber nicht ihrem Werthe entsprechend\ngewürdigt.\nBei dem kommende Pfingsten in Aachen Statt findenden 41.\nniederrheinischen Musikfeste, jetzt unter J. Rietz's Leitung, wer-\nden folgende Werke zur Aufführung kommen: „Belsazar\" von Hän-\ndel; die zweite Suite für Orchester von Franz Lachner; am zweiten\nTage das grosse „Magnificat\" von J. S. Bach; Scenen aus „Iphi-\ngenia in Tauris\" von Gluck; der 114. Psalm von Mendelssohn und\ndie neunte Sinfonie von Beethoven. Für die Gesang-Soli sind Frau\nDust mann aus Wien, Fräulein Seh reck aus Bonn, Fräulein von\nEdelsberg aus München, Herr Dr. Gunz aus Hannover und Herr\nHill aus Frankfurt gewonnen. Auch Joachim hat seine Mitwir-\nkung zugesagt.\nDer Horneinsatz im ersten Allegro der Sinfonia\neroica. Wir lasen vor einiger Zeit in der „Fackel*', einer neuen\nberliner „Wochenschrift zur kritischen Beleuchtung der Theater-\nund Musikwelt\" von Alex. Meyen (verbunden mit Theater-Agen-\ntur), an welcher die Herren Hans von Bülow, Weitzmann u. A. mit\narbeiten, folgenden Passus: „Das Glanzstück des Concertes bildete\nBeethoven's Sinfonia eroica, die Herr von Bülow mit tief ernstem\nEindringen in den Sinn dieser Tondichtung leitete\" u. s. w. Eine\nAnmerkung sagt dazu: „Dass dem kühnen Horneinsatze im zweiten\nTheile des ersten Allegro's die Spitze abgebrochen worden war, in-\ndem die zweite Geige an jener Stelle g, statt as spielte, wodurch\ndie Harmonie des Dominant-Septimen-Accords b d f as zum Es-\ncZwr-Accorde umgeändert wurde, finden wir in keiner Weise gerecht-\nfertigt; denn die löne es und g des Hornes gehören an jener Stelle\nnicht dem Es - dur- D rei klang e an, sondern bilden melodische\nHülfs- oder Vorschlagstöne des dem genannten Septimen-\nAc corde angehörenden 1 ones y, oder treten als Verzögerun-\ngen der löne d und f des folgenden, vom vollen Orchester ange-\ngebenen Dominant-Septimen-Accords auf.\" Das Factum ist in\nder That merkwürdig und unter der Direction Biilow's, der doch\neben nicht zu den Gegnern der Vorhalts-Theorie und ihrer über-\nmässigen Anwendung gehört, höchst auffallend, gewiss aber keines-\nwegs zu billigen, da die Echtheit dieser Stelle unumstösslich fest-\nsteht.\nLtoweillierg, 18. März. (Durch Zufall verspätet.) Mit glän-\nzendem Erfolge ist J. J. Abert's musicalisches Tongemälde „Co-\nlumbus\" bei uns zur Aufführung gelangt. Der Componist, nach\nachtwöchentlichem Krankenlager noch sichtlich angegriffen, wurde\nbei seinem erstmaligen Erscheinen in der Probe von der Hofcapelle\nmit einem wahren Jubel empfangen, in welchen das anwesende Pu-\nblicum aufs lebhafteste einstimmte. Die Aufführung war eben so\ngelungen als von dem gedrängt vollen Saale mit entschiedenem\nBeifalle begleitet. Nach dieser Thatsache, wie auch nach den Herrn\nAbert allseitig zu Theil gewordenen Beweisen der wärmsten Sym-\npathie und Anerkennung dürfen wir wohl annehmen, dass die durch\nseinen Unfall hervorgerufene traurige Rückerinnerung an Löwenberg\nsicherlich einem freundlicheren Andenken weichen wird.\nIn Dresden starb am 13. April der Hoforganist Dr. Johann\nSchneider, 75 Jahre alt (geb. 28. October 1789). Er war vielleicht\nder bedeutendste Organist der Gegenwart, namentlich stark im Im-\nprovisiren und im Vortrage Bach'scher Orgelwerke. Zu Anfang des\nGottesdienstes pflegte er ein grosses Präludium und Fuge zu impro-\nvisiren, wobei wohl jeder Musiker erstaunen musste über die Ge-\nwandtheit nnd Sicherheit, mit welcher er mitunter sehr figurirte\nThemen durchführte. Seine Choralbehandlung mit Zwischenspielen\nwar äusserst reich, namentlich auch in Bezug auf Registrirung, für\nden Gottesdienst vielleicht zuweilen etwas überladen, wenigstens\nfür unseren heutigen Geschmack. Als Componist stand er auf einer\nmerkwürdig niedrigeren Stufe. Der Strom seiner Phantasie stockte\nund nahm sogar weltliche Formen an, sobald er die Feder ansetzte.\nIndessen dürften sich wohl auch einige bessere Sachen unter seinen\nCompositionen befinden. Schneider war auch langjähriger Dirigent\nder Dreissig'schen Sing-Akademie. (A. M. Z.)\n.PRfis* Carlotta Patti hat sich hier acht Tage lang von\nihrer Concertreise durch Belgien, Holland und Deutschland erholt\nund ist Donnerstag den 28. d. Mts. nach London abgereist, wo sie\nvon Herin Gye am Coventgarden-Theater als Concertsängerin enga-\ngirt ist. Ihre Schwester Adelina Patti, welche bei ihrer Ab-\nschieds-Vorstellung unter Blumen-Bouquets fast begraben wurde, ist\neben dahin abgegangen. Im „Barbier von Sevilla\" am vorigen Sonn-\ntag befanden sich unter der dichten Lage von Kränzen und Blumen\nkostbare Schmucksachen, goldene Armbänder, Colliers mit echten\nSteinen u. s. w., welche am folgenden Tage dem einem\nFiemden aus Mexico oder Rio, der nicht wusste, dass dieses in\nPaiis dei Anstand verbietet, durch einen Polizei-Agenten wieder\nzugestellt wurden. Zum letzten Male sang Adelina Patti im dritten\nActe von Gounod s Faust (italiänisch) das Gretchen reizend, nicht\nallzu träumerisch, freilich auch etwas stark italiänisch; äusserlich\nwird bekanntlich hier der germanische Charakter durch die hoch-\nblonde Haartour bezeichnet, welcher sich auch die Patti unterzogen\nhatte."}]}