{"numero_id": "bm-bmtnabi-1864-05-28-01", "volume": "bmtnabi_1864-05-28_01", "ocr_sha256": "b95cbbf4090d92e91b65cbdd6cda5fcab55ee1720d75355280ec50fdb8b0bce5", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1864/05/28_01/bmtnabi_1864-05-28_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640528-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1864-05-28-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1864-05-28_01#c001", "volume": "bmtnabi_1864-05-28_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "169", "page_fin": "169", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640528-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "169", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640528-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 364, "texte": "Inhalt.\nDas 41. niederrheinische Musikfest. I. Die Compositionen des Magnißcat von Joh. Seb. Bach und C. Phil. Emanuel\nBach (Fortsetzung). Aus Regensburg (Aufführung der „Jahreszeiten\" von Haydn. Schluss). Tages- und Unterhaltungs-\nblatt (Frankfurt, Hofratb Vesque Königsberg, einactige Oper von Düllo Hamburg, Concert von Ludwig Deppe München,\nBaron von Perfall)."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1864-05-28-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1864-05-28_01#c002", "volume": "bmtnabi_1864-05-28_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "169", "page_fin": "173", "image_debut": 1, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640528-01.2.2", "titre_corps": "Das 41. niederrheinische Musikfest.", "titre_sommaire": "Das 41. niederrheinische Musikfest.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "169", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640528-01.1.1", "debut_caractere": 366, "fin_caractere_exclue": 3979, "texte": "Das 41. niederrheinische Musikfest.\nI.\nAn den Pfingsttagen, den 15., 16. und 17. Mai,\nfeierten wir, von dem herrlichsten Wetter begünstigt, in\ndem neuen Cursaale und dessen zu geselligem Vereine\nvortrefflich geeigneten grossen Garten in Aachen das\n41. niederrheinische Musikfest. Die Stadt Aachen,\nwelche das Fest zum zwölften Male in ihren Mauern be-\nging, hat in den letzten Jahren ihre schon immer sehr\nacbtungswerthen musicalischen Zustände bedeutend ver-\nbessert und namentlich durch die Wirksamkeit ihres Musik-\nDirectors Herrn Franz Wüllner in der Winterzeit stets\neine Reihe von Concerten gehabt, die mit zu den besten\nim Rheinlande gehören. So besitzt sie denn auch durch\nihr städtisches Orchester und die verschiedenen Vereine\nfür Gesammtchor und für Männergesang einen vortreff-\nlichen Stammbestand für die niederrheinischen Musikfeste.\nDurch Zuzüge von Sängerinnen und Sängern aus den\nNachbarstädten und durch tüchtige Instrumentalisten ver-\nstärkt, zählte der Chor dieses Mal 122 Mitglieder im So-\npran, 96 im Alt (wobei 13 Knabenstimmen), 98 im Te-\nnor, 135 im Bass—zusammen 451 Stimmen. Dazu hatte\nAachen selbst im Sopran 71, im Alt 66, im Tenor 68,\nim Bass 87, im Ganzen 292 gestellt.\nDas Orchester bestand aus 52 Violinen, 18 Brat-\nschen, 17 Violoncellen, 12 Contrabässen,, 29 Bläsern, 1\nPauker und 1 Organisten zusammen 130 Instrumen-\ntalisten. Nehmen wir hierzu die 6 Solisten und die 2\nDirigenten, so waren 589 Personen bei den Aufführun-\ngen thätig.\nDie Sologesang-Partieen waren durch Frau Louise\nDustmann aus Wien (erster Sopran), Fräulein Philip-\npine v. Edelsberg aus München (zweiter Sopran), Fräu-\nlein Francisca Schreck aus Bonn (Alt), Herrn Dr.\nGunz aus Hannover (Tenor) und Herrn Karl Hill aus\nFrankfurt a. M. (Bass) besetzt. Herr Joseph Joachim\naus Hannover verherrlichte den dritten Festabend durch\nSolo-Vorträge auf der Violine.\nDie Fest-Dirigenten waren Herr Hof-Capellmeister\nJulius Rietz aus Dresden und der städtische Musik-Di-\nrector Herr Franz Wüllner aus Aachen. Die Orgel,\naus der Fabrik der Gebrüder Ibach in Barmen, spielte\nHerr Ferdinand Breunung aus Köln.\nIm Orchester wirkten ausgezeichnete Kräfte mit. So\nwaren z. B. die drei ersten Geigenpulte durch die Herren\nConcertmeister F. Wenigmann aus Aachen und von Kö-\nnigslöw aus Köln, Fleischhauer aus Aachen und Japha aus\nKöln, Auer aus Düsseldorf und Engel aus Oldenburg be-\nsetzt, und ausserdem sahen wir unter den Violinisten die\nHerren Concertmeister C. Bargheer aus Detmold und\nG. A. Bargheer aus Münster, Coenen aus Utrecht, Groten\naus Schleiz, Hartmann aus Coblenz; ferner die Herren\nKrollmann aus Oldenburg, Langhans aus Paris, Musik-:\nDirector Th. Mohr aus Freiburg, Concertmeister Schmidt\naus Danzig, W. Wenigmann aus Aachen u. s. w.; an der\nBratsche die Herren de Bas aus Brüssel, Kochner aus\nDüsseldorf, Speer aus Aachen, Musik-Director F. Weber\naus Köln, Jos. Wenigmann aus Aachen; am Violoncell die\nHerren Is. Deswert aus Brüssel, Jul. Deswert aus Löwen,\nForberg aus Düsseldorf, Helfer aus Essen, Jäger aus El-\nberfeld, Keller aus Mastricht, Lindner aus Hannover, Job.\nWenigmann aus Aachen u. s. w.; am Contrabass Ad.\nBreuer aus Köln, John aus Aachen, Leinung aus Köln,\nG. Weindl aus Oldenburg. Wenn das Geigen-Quartett\nauch nicht die Klangfülle des Quartetts beim 39. Musik-\nfeste in Köln im Jahre 1862 erreichte, so war es doch\nauch an Kraft und technischer Virtuosität ganz vorzüglich.\nUnter den übrigen Instrumentalisten waren besonders\nauszuzeichnen die Flötisten Herren Schmidt aus Aachen\nund Winzer aus Köln, die Oboe des Herrn Rose aus Han-\nnover, die Clarinette des Herrn Schädler aus Aachen, die"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "170", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640528-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5226, "texte": "Fagottisten Herren Mensing aus Aachen und Neukirchner\naus Stuttgart, der vortreffliche Hornist Herr Sandtfoss aus\nAachen, der Trompeter Herr Metzner aus Aachen und\nder ganz ausgezeichnete Paukenschläger Herr Pfundt aus\nLeipzig, welcher in der That seines Gleichen sucht.\nWie immer, vereinigte auch dieses Mal das nieder-\nrheinische Musikfest wieder eine Menge von Orchester-Di-\nrigenten, Künstlern und Männern vom Fach unter .der Zu-\nhörerschaft. Wir bemerkten unter ihnen unter Anderen\nFerdinand Hiller, Bargiel, Hompesch u. s. w. aus\nKöln, Tausch aus Düsseldorf, Ant. Krause aus Bar-\nmen, Brambach aus Bonn, Grimm aus Münster, Rein-\nthaler aus Bremen, Julius Stockhausen aus Ham-\nburg, Verhülst aus Amsterdam, Kufferath aus Brüs-\nsel, Aug. Dupont aus Brüssel, Soubre aus Lüttich,\nvon Saar aus Oldenburg, Deppe aus Hamburg, Lux\nund Fockerer aus Mainz, Levi aus Karlsruhe, Müller\naus Frankfurt a. M., Dr. Paul aus Leipzig u. s. w.\nAm ersten Tage kamen die Suite Nr. 11. für Orche-\nster von Franz Lachner*) und G. F. Händel's Ora-\ntorium „Belsazer\" zur Aufführung.\nDas sinfonislische Werk von F. Lachner besteht aus\nfünf Sätzen: einer Art von Vorspiel in langsamem Zeit-\nmaasse nebst daran schliessender Fuge, einem Andante,\nMenuetto, Intermezzo und Gigue.\nWenn die alten Formen der Instrumental-Musik durch\neinen so kernigen und phantasiereichen Inhalt gefüllt wer-\nden, wie ihn Lachner seiner ersten Suite in D- und die-\nser zweiten in E-moll gegeben hat, so haben wir nichts\ngegen ihre Wiederaufnahme, die alsdann eine wirkliche\nWiederbelebung ist, was man nicht von jedem Hervor-\nholen früherer Kunstformen in unserer Zeit sagen kann.\nBei der Suite kommt es dem Tondichter zu Statten, dass\nsie in ihren einzelnen Sätzen viele Formen der neueren\nMusik in ihrer jetzigen Ausbildung nicht ausschliesst,\nzum Beispiel Adagio, Menuett, Scherzo, Variationen,\nund auf der anderen Seite eine grosse Freiheit in\nihrer Anordnung gestattet, da sie nur eine mit angeneh-\nmem Wechsel verbundene Reihenfolge von Sätzen ver-\nlangt, während die Sonatenform der Sinfonie strengere\nForderungen an den Zusammenhang und den einheitlichen\nCharakter eines Ganzen macht. Ursprünglich bestand die\nSuite, welche im siebenzehnten Jahrhundert ausgebildet\nwurde, nur in einer Folge von charakteristischen, nach\nRhythmus und Zeitmaass verschiedenen Tänzen in einer\nund derselben Tonart, zwischen welche auch wohl ein\nAir (Arie oder Romanze als Andante) eingeschoben und\ndenen ein Präludium, eine Phantasie oder eine Art von\nOuvertüre vorgesetzt wurde. Sie mag Einfluss auf die Ge-\nstaltung der Sinfonie gehabt haben, wenigstens ist es\nwahrscheinlich, dass sie es ist, die dem Schöpfer der Sin-\nfonie, Joseph Haydn, das Menuetto zur Einführung in\ndiese an die Hand gegeben hat, während er die übrige\nForm aus der Sinfonia entwickelte, welche die Italiäner\nihrer Oper vorhergehen liessen. Dilettanten können die\nForm der Suite aus den jetzt in mehreren Ausgaben zu-\ngänglichen „Suiten für Ciavier\" von Joh. Seb. und Ph.\nEm. Bach kennen lernen.\nFranz Lachner hat nun in der von ihm für unseren\njetzigen musicalischen Standpunkt erweiterten Form der\nSuite, wie es uns scheint, seinen eigentümlichen Beruf\nals Instrumental-Componist gefunden; wir stellen seine\nbeiden Werke der Art unbedingt nicht nur höher, als\nseine Sinfonieen, sondern halten sie auch für bedeutsamer\nund lebensfähiger, als viele Orchesterwerke neuerer Com-\nponisten. Während er in der Nummer 11. im ersten und\nletzten Satze seine grosse contrapunktische Gewandtheit\nwiederum auf glänzende Weise bekundet, entwickelt er\nim Andante einen schönen, melodischen Gesang, im Trio\ndes Menuetto einen neuen, wunderhübschen Effect durch\ndie trillernden Violinen und im Intermezzo einen lieblichen,\nhumoristischen Reiz kurz, die Suite fesselt die Theil-\nnahme von Anfang bis Ende. Sie wurde ganz vortrefflich\nausgeführt und mit dem lebhaftesten Applaus nach jedem\nSatze aufgenommen.\nNach der Suite von Lachner folgte die Aufführung\ndes Oratoriums „Belsazer\" von G. F. Händel.\nWenn das alte Sprüchwort:\n„Jedes Buch hat sein ihm beschiedenes Loos\", oder:\n„Auch mit Büchern muss man Glück haben\" eine\nWahrheit ist, und es ist eine, so findet sie auf Werke der\nTonkunst noch in höherem Maasse ihre Anwendung. Das\nOratorium Belsazer hat das Schicksal gehabt, in England\nund Deutschland seit der Zeit der Wiederaufnahme Hän-\ndel'scher Musik vernachlässigt worden zu sein, und es hat\nsich selbst die Ansicht verbreitet, es sei den übrigen Ora-\ntorien des Meisters gegenüber, oder wohl gar auch abge-\nsehen vom Vergleiche mit diesen, überhaupt ein schwaches\nWerk. Als es auf dem 19. Musikfeste, ebenfalls in Aachen,\nim Jahre 1837 (nach v. Mosel's Bearbeitung) gegeben\nworden, äusserte sich Dr. Alfred Becher, der wahrlich ein\ngrosser Bewunderer Händel's war, in seinem Festberichte\n(im „Verkündiger am Rheine\" vom 18. Juni), freilich mit\nVorbehalt, dass ihm „dieses Oratorium nur in die zweite\nClasse Händel'scher Compositionen zu gehören scheine,\nwobei es sich jedoch von selbst verstehe, dass dieser Heros\n\n*) Herr General-Musik-Director F. Lachner war von dem Co-\nmite des Musikfestes zum ersten Dirigenten desselben gewählt, aber\ndurch den Tod seiner Gattin verhindert worden, seine Zusage zu\nerfüllen."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "171", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640528-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5342, "texte": "nur gegen sich selbst zurückstehen könne, und dass der\nMinderwerth dieses Werkes, wenn er sich bei näherer\nUntersuchung bestätigt, kein Unwerth ist; vielmehr treten\neinem unzählige Schönheiten und Grossheiten gleich bei\noberflächlicher Bekanntschaft mit der Composition als völ-\nlig Händel's würdig und nur ihm eigen entgegen. Die\nWirkung dieses Oratoriums auf die Zuhörer schien nicht\nso allgemein zu sein, wie man es bei anderen Werken\nHändel's wahrgenommen hat.\"\nAuch Gervinus schreibt in dem Aufsatze, den er seiner\ngrösstentheils neuen Text-Uebersetzung desßelsazer voran-\nschickt (Niederrheinische Musik-Zeitung, 1858, Nr. 11)\nund der viel Wahres und Beachtenswertes enthält, den\nWerth dieses Werkes hauptsächlich dem Ganzen, dem\nDramatischen des historischen Gemäldes zu, während im\nEinzelnen „kaum Eine Arie sich vorzugsweise durch lieb-\nliche Melodie einschmeichele, manches gewöhnliche Reci-\ntativ und nur wenige Chöre von jener populären Ver-\nständlichkeit, die ihres Erfolges immer so gewiss ist, an-\nzutreffen seien\".\nNun, die diesmalige Aufführung des Belsazer in Aachen\nmuss in der Geschichte der Aufnahme Händel'scher Musik\nin Deutschland Epoche machen, denn sie hat die Schön-\nheiten des Werkes in überraschender Weise ans Licht\ngestellt, und die gesammte Zuhörerschaft hat sie durch\nbegeisterte Ausbrüche ungetheilten Beifalls mit einer Glorie\numgeben, die so bald nicht wieder erlöschen wird. Das\nComite verdient den wärmsten Dank aller Verehrer Hän-\ndel's, dass es dieses Oratorium für das Fest gewählt und\ndie Aufführung nach der Original-Partitur veran-\nlasste, welche F. Wüllner durch eine mit künstlerischem\nGeschick ausgefüllte Orgelstimme ergänzt hat.\nWer aber etwa versucht sein sollte, zu behaupten,\ndass dieser entschiedene Erfolg einzig und allein dem Um-\nstände zu verdanken sei, dass das Oratorium vollständig,\nohne Kürzungen und Auslassungen gegeben worden sei,\nder befände sich in demselben Irrthume, wie diejenigen,\nwelche die Wirkung der Händei'schen Oratorien zum\ngrossen oder gar grössten Theile der Vortrefflichkeit ihrer\nTexte zuschreiben wollen und bei der geringsten Kürzung\nvon „Eingriffen in die innere Entfaltung der psychologi-\nschen Aufgabe\" reden und in der Weglassung irgend\neiner Arie eine Frevelthat sehen, wodurch „der Aufbau\ndes Ganzen aus allen seinen Fugen gerückt wird\". Solchen\nAnsichten gegenüber möchten wir beinahe sagen, der\nBelsazer habe nicht weil, sondern trotzdem, dass er\nunverkürzt gegeben worden, Erfolg gehabt, denn das Ein-\nzige, was man auch dieses Mal rügen könnte, wäre die\nlange Dauer des Oratoriums, das immerhin noch um einige\nweniger bedeutende Stücke, zu denen z. B. die geogra-\nphisch-historische Unterhaltung über den Euphrat zwi-\nschen Cyrus und Gobrias gehört, hätte verkürzt werden\nkönnen. Allerdings ist der Text des Belsazer im Ganzen\neiner der besten Händei'schen: allein wie Händel selbst\nüber Kürzungen dachte, geht aus seinem Briefe an den\nVerfasser, Ch. Jennens (der ihm auch den Text des „Mes-\nsias\" zusammengestellt), vom 2. October 1744 hervor:\n„Ich halte es für ein sehr schönes, erhabenes Oratorium:\nnur ist es wirklich zu lang; wollte ich die M usik so weit\nausdehnen, so würde es vier Stunden dauern; ich habe\nschon einen grossen Theil der Musik weggeschnitten, um\nden Text so viel als möglich zu erhallen, aber es muss\nnoch mehr verkürzt werden.\" lndess der Dichter wollte\num keine Zeile nachgeben, und so blieb Händel nichts\nübrig, als das Textbuch bei der ersten Aufführung voll-\nständig abdrucken zu lassen mit dem Zusätze: Da\ndas Oratorium zu lang ist, so sind verschiedene Stücke\nmit einer schwarzen Linie am Rande als solche bezeichnet,\nwelche bei der Aufführung weggelassen werden.\" Und\nV. Schölcher berichtet uns in seinem\nP. 290, „dass mehr als zweihundert Zeilen mit\ndem schwarzen Striche in jenem Buche bezeichnet sind\"\n—und doch ist der Bau des Ganzen nicht aus seinen Fu-\ngen gegangen! Was nun vollends die durch Auslassung\nirgend einer Arie gefährdete psychologische Charakter-\nEntfaltung, namentlich im Belsazer, betrifft, so braucht\nman nur zu hören, dass der Dichter den Eroberer Cvrus\nzu einem sentimentalen Helden, der den Jehovah fürchtet,\nmacht, und Händel ihn von einer Altstimme singen\no\nlässt, und dass Händel sogar den Propheten Daniel eben-\nfalls einer A Its ti mme zugetheilt hat, um alle Schwär-\nmerei für psychologische Entwicklung auf ihr gehöriges\nMaass zurückzuführen.\nWir wollen keineswegs die Bearbeitung des Belsazer\ndurch J. F. v. Mosel in Schulz nehmen, am wenigsten die\nWillkür, mit welcher er die ursprüngliche Reihenfolge der\nNummern durch einander wirft und die zwar kleine, aber\nwesentliche und musicalisch schöne Bass-Partie des Go-\nbrias ganz wegstreicht. Allein einmal hallen wir es für\nUnrecht, über die Männer, welche uns zuerst mit Shake-\nspeare und Händel, wenn auch unzulänglich, bekannt ge-\nmacht haben, bloss schulmeisternd herzufahren, was jetzt,\nwo uns ganz andere Quellen zu Gebote stehen, sehr wohl-\nfeil ist, und darüber ihr grosses Verdienst um die erste\nVerbreitung der Werke jener Heroen gänzlich zu igno-\nriren, und zweitens hat Mosel in seiner Bearbeitung Bel-\nsazer's doch den Kern des Oratoriums nicht angetastet\n(von den Chören fehlt kein einziger) und „die Kralle des\nLöwen\" ist trotz der Auslassungen und Versetzungen in\ndem, was er von Händel gibt, noch immer sehr deutlich\n\nn"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "172", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640528-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5288, "texte": "wahrzunehmen. Der Erfolg der Aufführung in Aachen-\nist also nur zum Theil der Herstellung des Oratoriums\naus der Original-Partitur, hauptsächlich aber der Wir-\nkung der inneren echt Händel'schen Kraft und Schönheit\nder musicalischen Composition zuzuschreiben, welche jetzt\nvielleicht zum ersten Male in Deutschland auch von dem\ngrossen Publicum nach ihrem wahren Werthe gewürdigt\nworden ist.\nDer Stoff der Handlung ist der Untergang des baby-\nlonischen Reiches und seines letzten Königs Belsazer\n(Belschazzar) bei der Eroberung Babylons durch Cyrus\nund die Perser, worin auf geschickte Weise die Erzählung\nvon der räthselhaften Schrift an der Wand des Festsaales\ndes schwelgenden Königs und deren Deutung durch den\nPropheten Daniel und die Befreiung der Juden aus der\nbabylonischen Gefangenschaft verflochten ist. Ausser dem\nBelsazer (Tenor) und Cyrus (Alt) treten in dem Drama\nnoch auf Gobrias (Bass), dessen Sohn der König getödtet\nhat und der zu Cyrus ins persische Lager geflüchtet ist,\nder Prophet Daniel (Alt) undNitokris (Sopran), die\nMutter Belsazer's. Den Völkergesang bilden die Chöre der\nPerser, Babylonier und Israeliten.\nHändel schrieb dieses Oratorium im Jahre 1744\nnach der Sommer-Saison in London, in der er zwölf Con-\ncerte gegeben hatte, in denen „Semele\" und „Joseph\"\nneu waren. Er unternahm darauf sechszehn Winter-Con-\ncerte, vorsätzlich vierundzwanzig, die er aber aus Mangel\nan Besuch nicht durchführen konnte, „weil die Damen\nder Aristokratie gegen ihn waren\" und „durch Bälle und\nThee's, die sie an den Tagen der Concerte gaben, ihm\nschadeten\" —wie Schölcher berichtet. In diesen sechszehn\nConcerten wurde „Belsazer\" zum ersten Male den 27.\nMärz 1745 aufgeführt und noch zwei Mal wiederholt; in\nden übrigen führte Händel „Deborah\", „Semele\", „Her-\ncules\", „Samson\", „Joseph\", „Messias\" je zwei Mal und\n„Saul\" ein Mal auf. Die Composition des Werkes fällt\nalso in die beste Oratorien-Periode des Meisters.\nWie immer, so ist es auch hier das Charakteristische\nund Grossartige der Chöre, welches am meisten anregt\nund hinreisst. Es fehlt ihnen keineswegs an augenblicklich\nergreifendem Eindrucke durch populäre Verständlichkeit,\nindem selbst die Fugen, welche zwei derselben schliessen,\nbei der Originalität und Gewalt ihrer Motive (wir erin-\nnern nur an das chromatisch absteigende Thema der Fuge\ndes Schlusschors des ersten Theiles: „Und welchen Weg\ner geht, auf sein geächtet Haupt fährt schnell herab der\nDonnerkeil\") doch so klar sind, dass sie auf der Stelle\neinschlagend wirken. Andere, weniger polyphone Num-\nmern begeistern theils durch ihre Frische und sinnliche\nFarbe, wie die Festchöre der Babylonier, darunter beson-\nders der schwindelnd aufrauschende Hymnus der Schwel-\ngenden auf den Gott Sesach, theils durch ihre religiöse\nInnigkeit, Gefühlswahrheit, wie der Chor der Israeliten:\n„Zurück, o Fürst, nimm dies Gebot\" —und dann wieder\ndurch eine wunderbare Pracht der Klangfülle, wie im\nSchlusschor des zweiten Theiles: „Allmählich steigt Je-\nhovah's Zorn\"; ferner: „Saget unter allen Heiden\",\n„Kommt her! Lasst uns singen unserm Gott!\" „Seht, wie\nso schnell Euphrates weicht!\"\nUeber die Einrichtung des ganzen Oratoriums zu der\nAufführung in Aachen ist noch zu bemerken, dass der\nSchlusschor des zweiten Theiles: „O tapfrer Fürst,\ndrei Mal beglückt\" u. s. w., in seiner Originalgestalt in\ndrei Tempo's wieder hergestellt worden, während er bei\nMosel (allerdings nach dem Appendix in der englischen\nPartitur) nur in Einem Tempo gegeben ist. Den herrlichen\nChor: „Saget allen Heiden\", den Händel aus einem Chan-\ndos-Anthem genommen, im Belsazer selbst (und nach ihm\nMosel) aber auf ein Viertel seiner Länge reducirte, hat\nWüllner ganz, wie er im Anthem steht, gegeben und\ndadurch in dem früher weggelassenen letzten Theile des-\nselben: „Und hat sein Reich gestellt so fest und sonder\nWanken\", eines der prächtigsten Musikstücke wieder in\nseine ursprüngliche Gestalt gebracht. Der Schlusschor des\nOratoriums in der aachener Bearbeitung: „Kommt, lasst\nuns singen\", ist aus demselben Anthem, wie der Chor:\n„Saget allen Heiden\", genommen und verdient jedenfalls\nden Vorzug vor dem weit schwächeren Schlusschor in\nHändel's Partitur, der, daselbst nur dreistimmig, durch\nMosel vierstimmig gesetzt worden. Einer Rechtfertigung\nbedarf diese offenbare Verbesserung um so weniger, da\nder Schlusschor der englischen Partitur nicht zu dieser\nBestimmung von Händel componirt, sondern aus dem er-\nsten Chandos-Anthem ebenfalls herübergenommen war.\nUebrigens war das Oratorium auch so, wie es jetzt au ge-\nführt wurde, doch immer noch um fünf Arien und einen\nOrchestersatz (beim Einzüge der Magier in den Festsaal)\nverkürzt.\nDie Instrumental-Bearbeitung W7üllner's hat sich\ngrösstentheils, wie bereits gesagt, auf die Orgelstimme be-\nschränkt; doch sind in manchen Chören Clarinetten und\nFagotte, und wo Händel Trompeten dabei hatte, auch\nHörner hinzugesetzt worden. Ferner waren die drei Arien\nBelsazer's und der wilde Wein- und Sesach-Chor der Ba-\nbylonier neu und voll instrumentirt und dabei unse-\nrer Ansicht nach mit Recht die Orgel weggelassen,\ndie wir zu solchem Text-Inhalt doch nach unserem Gefühle\nheutzutage nicht für passend halten können. Auch im\nSchlusschor aus dem Anthem war die Orgel durch volles\nOrchester mit Trompeten und Pauken verstärkt, da Hän-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "173", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640528-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2463, "texte": "del ursprünglich nur zwei Violinen und eine Oboe dazu\ngesetzt hatte.\nDass diese Bearbeitung freilich einen ganz anderen\nund weit würdigeren Eindruck machte, als die Mosel'sche\nZurechtstutzung, leuchtet ein.\nAlle Chöre wurden mit Präcision, Kraft und Feuer\ngesungen, und das Eingreifen der Orgel brachte oft jenen\nwunderbar schwingenden Gesammtton hervor, in welchem\nman Chor und Orchester und Orgel in ihren Klängen\nkaum noch unterscheiden kann, weil Alles in einander auf-\ngeht. Jeder Chor ohne Ausnahme rief lebhaften, die glän-\nzendsten stürmischen Beifall hervor, was denn doch ge-\nwiss ein unzweifelhaftes Zeugniss für den Eindruck der-\nselben auch auf die Masse der Zuhörer ist. Unter den\nanwesenden Musikern war auch nur Eine Stimme über\nden Kunstwerth des Oratoriums, das den meisten ganz\nunbekannt gewesen war.\nDenn auch die Sologesänge bilden mehrere vorzüg-\nliche Nummern. Die Alt-Partie des Cyrus ist am reichlich-\nsten bedacht; die Erzählung des Traumes und zwei Arien\nsind schön und wurden von Fräulein von Edelsberg mit\neiner prachtvollen Mezzo-Sopranstimme wiedergegeben.\nBewundernswerth ist die geniale Behandlung der Scene,\nin welcher Daniel die gebeimnissvolle Schrift liest und\nauslegt, zumal wenn sie so ergreifend, wie es von Fräulein\nSchreck geschah, vorgetragen wird; eben so deren Arie:\n„O heil'ger Wahrheit Quell und Grund\". Im hellsten\nContraste stehen dagegen die Becitative und Arien des\nBelsazer, welche von Herrn Gunz mit grosser technischer\nFertigkeit und üppigem Schwünge gesungen wurden, wäh-\nrend Herr Hill die zwei Arien des Gobrias und das Be-\ncitativ des Boten, der im dritten Theile der Königin die\nNachricht von der Eroberung der Stadt bringt, durch\nseine klangvolle Bassstimme und schönen Vortrag vollkom-\nmen zur Geltung brachte. Die Sopran-Partie (die Königin)\nist nicht so glänzend, als ähnliche Partieen in anderen\nHändel'schen Oratorien: die beste Nummer derselben ist\ndas grosse Recitativ und die darauf folgende Arie in E-moll,\nwomit das Werk beginnt, die jedoch von Mosel und auch\nvon Gervinus in seiner Text-Uebersetzung weggelassen, von\nWullner aber für die Aufführung wieder hergestellt wor-\nden ist. Frau Du st mann trug sie sehr schön vor, ver-\nmochte aber selbst durch ihr grosses Talent und ihr präch-\ntiges Organ nicht, die ganze Partie, welche offenbar die\nschwächste in dem Werke ist, zu heben. Sie nahm dafür\nam zweiten und dritten Tage, von Gluck, Beethoven und\nWeber unterstützt, glänzende Vergeltung."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1864-05-28-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1864-05-28_01#c003", "volume": "bmtnabi_1864-05-28_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "173", "page_fin": "175", "image_debut": 5, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640528-01.2.3", "titre_corps": "Die Compositionen des Magnificat von Joh. Sebast. Bach und C. Phil. 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Franz, die Instrumente\nunseres jetzigen Orchesters bei Bearbeitungen älterer Vo-\ncalmusik der ausschliesslichen Begleitung durch die Orgel\nvorzuziehen, sind wir namentlich für alle Sologesänge voll-\nkommen einverstanden, ja, auch für diejenigen Chöre in\nOratorien, deren Inhalt kein religiöser oder wenigstens\nernster ist, halten wir die Beibehaltung der Orgel für un-\ngeeignet. Unser Gefühl sträubt sich in solchen Fällen da-\ngegen, die feierlichen Klänge, die wir nur im Dienste der\nKirche zu hören gewohnt sind, der Lust und der ausge-\nlassenen Freude fröhnen zu hören. Man denke sieb einmal\neine Orgel zu Haydn's Chor der Winzer und zu dem Jagd-\nchor in den Jahreszeiten! Und doch finden wir die Orgel\nz. B. im Händel der Gewohnheit damaliger Zeit gemäss\nnicht bloss bei den frommen Solo- und Chorgesängen der\nGläubigen, sondern auch bei den kriegerischen oder wild\nfreudigen Chören der Feinde Israels und den oft sehr üp-\npigen Arien der heidnischen Fürsten und Fürstinnen. Wir\nhaben desshalb auch (vgl. oben den Bericht über das Mu-\nsikfest in Aachen) die Weglassung der Orgel und ihre Er-\nsetzung durch Blas-Instrumente'in den wüsten Arien des\nHändel'schen Belsazer u. s. w. in der Bearbeitung dieses\nOratoriums vollkommen gebilligt. So sehr wir die Aufstel-\nlung einer Orgel in unseren deutschen Concertsälen, wie\nsie längst in England heimisch ist, stets befürwortet haben,\nso können wir doch die Aufführung eines älteren Kirchen-\nr 4\nStückes mit Sologesängen ausschliesslich mit Orgelbe-\ngleitung und Geigen-Quartett nur für ein interessantes\nhistorisches Curiosum halten. Ein Orchester-Instrument\nstatt der Blase-Instrumente kann in unserem Jahrhundert\ndie Orgel nie wieder werden, sie wird monoton und ver-\nmag auf keine Weise auch in ihren sanftesten Stimmen\nden Ton unserer Blas-Instrumente zu ersetzen, den der\nmenschliche Hauch zu unendlichen Schattirungen des\npsychischen Ausdrucks beseelt.\nDagegen ist der Klang der Orgel bei den Chören, und\nin einzelnen Fällen bei geeigneten erhabenen Stellen ihr\nunerwarteter Eintritt auch in den Sologesang, durch kein\nanderes Instrument zu ersetzen, und auch B. Franz hat\ndesshalb in seiner Ausgabe des Magnificat die Orgelstimme\nzu diesem Zwecke ausgesetzt. Allein eine derartige Bear-\nbeitung einer Orgelstimme nach dem Continuo der alten\nPartituren ist nicht leicht, wenn sie nicht bloss harmoni-\nsche Füllung geben, sondern mit richtigem ästhetischem\nGefühle der vorhandenen Composition gemäss effectvoll\nund stets nur zu rechter Zeit angepasst werden soll. In"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "174", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640528-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5383, "texte": "dieser Hinsicht nun scheint uns Franz nicht immer das\nRichtige getroffen zu haben; er hat manchmal des Guten\noffenbar zu viel gethan und z. B. in dem herrlichen Chor\n»Fecit potentiam\" durch die Hinzufügung von Orgel-Ac-\ncorden, die an und für sich eine Bedeutung haben wollen,\ndie Gewalt des Eindrucks eher vermindert als erhöht. Es\nwar daher nur zu billigen, dass in der Aufführung des\nMagnificai bei dem Musikfeste in Aachen Herr Ferd.\nBreunung, welcher die Orgel spielte, in Uebereinstim-\nmung mit Herrn Wüllner der Partitur von Franz nicht\nNote vor Note folgte, wiewohl im Ganzen das Werk nach\nderselben gegeben wurde. Dass auch Anderes, z. B. die\nTrompeten, für die man treffliche Bläser hatte, in ur-\nsprünglicher Gestalt (ohne Clarinetten) auftraten, lag eben-\nfalls in der Natur der Sache.\nWas nun das Heft der „Mittheilungen über J. S.\nBach's Magnificat\"von R. Franz betrifft, so geben\nsie eine mit Wärme geschriebene Darstellung des Werkes,\nbei welcher freilich dem Verfasser dasselbe begegnet, was\nbei so manchen musicalischen Schriftstellern, die sich mit\nbesonderer Vorliebe auf eine Specialität werfen, zutrifft,\ndass sie nämlich in ihrer Begeisterung mehr Hinein leger\nals Ausleger werden. Dass dabei die Analysen der Form\nund des Ideenganges der, Musikstücke ohne die Partitur\noder wenigstens ausführliche Noten-Beispiele dem Leser\nso gut wie gar kein Bild von dem Werke geben, ist frei-\nlich ein allgemeiner wunder Fleck in der musicalischen\nSchriftstellern, was aber nicht hindert, dass gar Viele sich\ndie Mühe solcher grammatischen und rhetorischen Zer-\ngliederungen geben, die nur für Musikschüler Werth ha-\nben, für Musiker überflüssig sind und dem Dilettanten,\nwenn er nicht das Stück vor sich hat, zu keinem wirklichen\nVerständnisse verhelfen.\nSolchen Ueberschwänglichkeiten begegnen wir z. B.\ngleich bei Nr. 3 und 4 (Arie Quia respexit und Chor Omnes\ngener ationes), wo Franz unseren Bach in der Maria „nicht\nnur die demüthige niedrige Magd, sondern mit dem Blicke\neines Propheten jene Mutter Gottes, deren Sohn die Sün-\nden der Welt tragen und sühnen soll\", erblicken und „seine\nmusicalische Auffassung weit über die Situation hinausra-\ngen lässt\". Wie wenig bei Bach's und bei allen Compo-\nnisten des Hymnus Magnificai von wahrer Auflassung der\nSituation die Rede sein kann, geht schon daraus hervor,\ndass sie mit schrankenloser Willkür die Rede der Maria\nzerpflücken und die einzelnen Blätter daraus bloss rein mu-\nsicalisch wieder zu einem Ganzen fügen, auf die Subjecti-\nvität aber so gar keine Rücksicht nehmen, dass sie die See-\nlenstimmung der Maria bald durch einen mehrstimmigen\nChor, bald durch ein Duett oder Terzett, bald sogar durch\neinen Tenor oder Bass ausdrücken! Abgesehen davon, liegt\nin der Rede der Maria an dieser Stelle wahrlich nichts von\nDemuth und Gefühl der Niedrigkeit, denn nicht die Worte:\n„Weil er auf meine Niedrigkeit herabsah\", sondern das\n„Frohlocken\" (exultavit Spiritus mens), „weil von nun an\n' r'a\nmich beglückt heissen werden alle künftigen Geschlechter\nder Welt\", was ein bedeutendes Selbstgefühl ausspricht,\ngibt die richtige Auflassung der Stelle. Wenn nun Bach\nsonderbar genug die zwei Schlussworte jenes Rede-\nsatzes : omnes generationes(alle Geschlechter), von der Rede\nder Maria getrennt und zu einem selbstständigen Chorsatze\nin Fis-mollbenutzt hat, so ist derselbe, an sich selbst ge-\nnommen, grossartig, wiewohl etwas zu wenig entwickelt,\nda er nur 27 Tacte hat; allein in ihm, wie Franz thut, zu\ngewahren, dass „sich die Singstimmen in wilder Hast\nin den abschliessenden Solosatz stürzen und sich, wie von\ndämonischen Gewalten getrieben, zu einer solchen\nkolossalen Höhe des Ausdrucks thürmen,dass der Gedanke\nnahe genug liegt, der Meister habe hier eine Welt-\nerschütterung der unerhörtesten Art von ihrem fern-\nsten Ausgangspunkte her vergegenständlichen wollen, so\ndass vielleicht seinen Geist dabei die Worte Christi um-\nschwebten: „ „Ich bin nicht gekommen, Frieden zu senden\nauf Erden, sondern das Schwert!\"\" solche Phantasieen\nmoderner Anschauungsweise und Deutungslust in Bach's\nMusik hineinzutragen, das kann uns doch nur ein Lächeln\nerregen, und dagegen müssen wir den alten Herrn ernst-\nlich verwahren. Franz' Vision passt eher auf den Orgel-\npunkt auf Fis im ersten Satze der neunten Sinfonie von\nBeethoven, als auf einen Chor von Bach. Auch müssen wir\nfür die Ausführung dieses Chors das Einfallen der Sing-\nstimmen „in wilder Hast\" durchaus ablehnen; freilich gibt\nuns diese Ansicht von der notwendigen Hast den Schlüs-\nsel zu der Metronomisirung: Allegro, das Viertel 92,\ndie Franz dem Chor vorgesetzt hat; ihre Ausführung würde\nbei der Menge von Sechszehntel-Figuren freilich eine Ver-\nwirrung „unerhörtester Art\" erzeugen, wenn auch nicht\ndas Bild einer Welterschütterung. Dass man in Aachen\nso vernünftig war, das Tempo bedeutend zu mässigen,\nverstand sich wohl von selbst.\nEs ist wirklich zu verwundern, dass Franz, der z. B.\nSeite 9 und 10 so richtig über die Art der Auffassung\nBach'scher Compositionen in Bezug auf dessen Polyphonie\nspricht, sich durch die Sucht einer poetischen Auslegung\nzu solchen ganz unhaltbaren Deutungen hinreissen lässt.\nIst denn die Erfindung der Motive und eben jene wunder-\nbare Polyphonie bei Bach, rein musicalisch genommen,\nnicht herrlich genug, und bedarf es zu ihrem Genüsse noch\ndes Aufspürens eines Hintergedankens, der darunter ver-\nsteckt sein soll?"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "175", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640528-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2870, "texte": "Diese eingebildete Tiefe des Inhalts an der wirkli-\nchen haben unsere modernen Aesthetiker nicht genug\nverleitet denn in ihrer speculativen Ergründung zu Miss-\nverständnissen, wie Franz später bei Gelegenheit des Schlus-\nses von dem herrlichen und hervorragendsten Chor des\nganzen Werkes: „Fecit potentiam\"(Nr. 7), deren noch ein\nsehr auffallendes verräth. Er begreift nämlich den pracht-\nvoll erhabenen Adagio-Schluss (7 Tacte) dieses Chors nicht,\nweil Bach in den Textesworten:\ncordis sui\"(„und zerstreuet, die hoffärtig sind in ih-\nres Herzens Sinn\" bei Luther, und sowohl bei diesem\nwie in der lateinischen Vulgata vollkommen dem Sinne des\ngriechischen Originals entsprechend), die drei letzten:\ncordis sui,von superbos,wozu sie allerdings gehören, ge-\ntrennt und zu dem erwähnten Schlüsse benutzt hat. Er\ngeht so weit, zu meinen, Bach habe vielleicht das sui auf\nGott bezogen und könnte der ganzen Stelle möglicher\nWeise den Sinn beigelegt haben: „er zerstreut die Holl ar-\ntigen mit dem Hauche seines Mundes\"!! Nein,\nunmöglicher Weise! denn mit dem sui ist es nicht ge-\nthan, dessen Beziehung weder (Sinn) in „Hauch\",\nnoch (H erz) in „Mund\" verwandeln kann! So wird\nder Marotte zu Liebe, dass sogar Bach (ungefähr wie\nWagner) überall W orte in Töne übersetzt habe oder hätte\nübersetzen sollen (!), anstatt den Geist des Ganzen ins Auge\nzu fassen, dem alten Meister lieber ein baares Unver-\nständniss seines Textes in die Schuhe geschoben (wovor er\nnicht bloss durch das Lateinische, sondern auch, weil er\nseine deutsche Bibel so fest wie Einer im Kopfe hatte, voll-\nkommen sicher war), als dass man von der beliebten neue-\nren Lehre nur ein Haar breit abwiche! Meint Herr Franz\ndoch sogar, dass „für eine weitere Erklärung dieses Schlus-\nses nichts Anderes übrig bleiben würde, als Bach die Ge-\nschmacklosigkeit zuzumuthen, den „ „Sinn der Hoffärti-\ngen\"\" mit den gewaltigsten und erhabensten Ausdrucks-\nmitteln der Kunst verherrlicht haben zu wollen!\" —Nein,\nHerr Franz! die Geschmack- und die Urtheilslosigkeit in\nmusicalischen Dingen ist bei ganz anderen Leuten zu su-\nchen, als bei Joh. Seb. Bach. Dieser fühlte sehr wohl,\ndass er zu der von Franz selbst sehr richtig charakterisir-\nten unendlichen Bewegung der mächtigen contrapunkti-\nschen Figuren des gewaltigen Chors einen grossartigen,\nmajestätischen Schluss bedurfte, und er folgte dabei sei-\nnem schöpferischen musicalischen Genius und schrieb, ohne\ndie Reflexion ängstlich um Rath zu fragen, ob die Accorde,\ndie jener ihm eingab, die drei Wörter des Textes, die\nihm dazu übrig blieben, in Tönen mathematisch deckten\noder nicht, in Gottes Namen in der Begeisterung hin, was\nwir heute noch bewundern und was einer der erhabensten\nAusdrücke der Vorstellung von der\nsuo, von „der Allmacht starkem Arm\" ist, also von der-\njenigen Vorstellung, welche das ganze Musik-\nstück beherrschen muss.\n(Schluss folgt.)"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1864-05-28-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1864-05-28_01#c004", "volume": "bmtnabi_1864-05-28_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "175", "page_fin": "176", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640528-01.2.4", "titre_corps": "Aus Regensburg.", "titre_sommaire": "Aus Regensburg.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "175", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640528-01.1.7", "debut_caractere": 2872, "fin_caractere_exclue": 5157, "texte": "Aus Regensburg.\n(Schluss. S. 21.)\nAuf den Männerchor passt viel des früher Gesagten,\n.und namentlich können wir den Sängervereinen unser Ur-\ntheil nicht vorenthalten, dass sie in Bezug auf wirkliche\nmusicalische Heranbildung zu wenig leisten, und immer\nweniger leisten werden, wenn sie nur jenen Zielen nach-\nstreben, welche von den seit ein paar Jahren begründeten\ngrossen Landschaft-Sängerbünden dem Männergesange ge-\nsteckt werden. Wir beklagen das Zurückweichen vom\ntrüberen Streben der Sängervereine, der Sangeskunst\ntüchtige Jünger zuzuführen und dem unvergänglichen\nReize des Volksliedes noch die Zugabe geistreicher Auf-\nfassung und künstlerischer Wiedergabe zuzufügen, und\nbehaupten geradezu, dass die zu enge und jedenfalls der\neigentlichen Kunst entfremdende Gränze für Bildung des\nMännergesanges die Schwierigkeit, aus den Gesangverei-\nnen tüchtige Kräfte für grössere musicalische Productionen\nzu gewinnen, unverhältnissmässig steigert, da der Sinn für\ngediegenere Leistungen ertödtet und jede Forderung an\neine höhere Technik in eben dem Grade als eine unbe-\nrechtigte bezeichnet wird, als die meisten neueren Lieder-\nComponisten sich in Gedanken und Form gar zu sehr von\nsolchen Forderungen fern halten. Daher kommt es denn,\ndass wir dieselbe Erscheinung der zu geringen Leistungs-\nfähigkeit der Mehrzahl des grossen Chors gegenüber einem\nkleinen Kerne von Treffern und wirklichen Sängern zu be-\nklagen haben. Wenn wir nun sowohl hierin, als in der\nquantitativen Betheiligung die Männer mit dem Frauen-\nchor gleichstellen können, so müssen wir doch einen be-\ndeutenden Unterschied zum Nachtheil des Männerchors\ngegen den Frauenchor constatiren. Statt der beim Frauen-\nchor bemerkten, am Ende harmlosen kindlichen Freude,\nmit welcher sich die Schar der Theilnehmenden herbei-\ndrängt, sehen wir die jüngeren und älteren Sangesbrüder\nsich wohl auch zur Mitwirkung melden, aber anstatt eine\nEhre darin zu finden, mit einander zu wirken, muss sich\nder Unternehmer der Ausführung eines Oratoriums sehr\nbald überzeugen, dass man ihm die Ehre anthun will,\nmitzusingen, und dass jeder sich ein Minimum für den Be-\nsuch der Proben als Bedingung seiner Leistung steckt, ein\nBeginnen, welches die Geduld des Dirigenten auf harte\nProben stellt und den Muth desselben, mit Anstrengung"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "176", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640528-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1556, "texte": "einen entsprechenden Erfolg zu erzielen, sinken macht.\nAbgesehen von manchen wirklichen Hindernissen, wie Er-\nfüllung von Amtspflichten u. s. w., ist diese so ausser-\nordentliche Wahrung der persönlichen Freiheit beim Be-\nsuche der Proben um so trauriger, als sie oft aus gar\nsonderbaren Motiven entspringt und das Opfer, das man\nden Musen bringen sollte, zwar in Rauch aufgeht, aber\nnicht in Weihrauch. Dadurch geschieht es, dass der starke\nMännerchor plötzlich decimirt wird durch traurige Fah-\nnenflucht; nur selten ist derselbe vollzählig repräsentirt.\nIm Orchester ist der Dilettant hier weniger vertreten,\ndoch genügend an der Viola, dem Violoncell und Contra-\nbass. Die Violinen hätten Verstärkung bedurft, und es\nhätten auch noch Kräfte zu Gebote gestanden alle aber\nnur zur ersten Violine! Denn welche Zumuthung für einen\nDilettanten, zweite Violine zu spielen!\nEs läge nun wohl nahe, auch noch einen kurzen Blick\nauf die Concert- und Musik-Vereine zu werfen; es\ngäbe da so viel zu bemerken, so viel zu erörtern, so viel\nzu wünschen, besonders wenn man diese Vereins-Produc-\ntionen auch wieder in Vergleich bringen wollte mit den\nConcerten der früher bestandenen Vereine „Frohsinn\"\nu. s. w., ja, selbst noch mit den Aufführungen des näm-\nlichen Musikvereins in früheren Jahren! Aber genug für\ndiesmal! Doch wollen wir nicht verschweigen, dass in\ndem letzten Concerte (30. April) neben dem Violinisten\nder münchener Hofcapelle, Herrn Jos. Fenzl, vor Allen\nFrau Dr. Stöhr durch ihren vollendeten Vortrag Hervor-\nrufe und die Palme des Abends errang."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1864-05-28-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1864-05-28_01#c005", "volume": "bmtnabi_1864-05-28_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "176", "page_fin": "176", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640528-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "176", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640528-01.1.8", "debut_caractere": 1558, "fin_caractere_exclue": 4058, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nHerr Hofrath Yesque von Püttlingen befindet sich in\nFrankfurt, um den Berathungen über den Gesetzentwurf zum\nSchutze des „literarischen Eigenthums\" beizuwohnen. Wie man ver-\nnimmt, liegen bereits zwei Gesetzentwürfe vor, deren erster von\nOesterreich herrührt. Aus diesem Entwurf entnehmen wir Folgendes:\n„Die »Schutzfrist der Autorenrechte dauert in der Regel bis zu 30\nJahren nach dem Tode des Berechtigten, kann aber in Zukunft\nnicht mehr durch besondere Privilegien noch weiter hinaus erstreckt\nwerden.\"\nMan meldet aus Königsberg: „Kürzlich hatten wir Gelegen-\nheit, den „„Vierjährigen Posten\"\", die einactige Oper eines Königs-\nbergers, Herrn Düllo, über die Bretter gehen zu sehen und sie\nmit Freude zu begrüssen. Ein der neuesten Musik fast abhanden\ngekommener Ausdruck wahrer Innigkeit im deutschen Liede weht\ndurch das ganze Stück und tritt uns namentlich im ersten Duette\nund am Schlüsse der Oper wärmend entgegen.\"\nHamburg. Zu „Zriny\" hat Herr Ludwig Deppe eine\nOuvertüre voll kriegerischen Heldenthums und melodisch erschallen-\nder Schlachtmusik gesetzt, mit deren beifällig begrüsster Aufführung\ner das Concert eröffnete, welches er am 27. April zum Besten\nSchleswig-Holsteins im Wörmer'schen Saale gab. Fräulein Sara\nMagnus, die dazu Weber1 s Polonaise mit Liszt's Orchester-Beglei-\ntung und das F-moll-Concert von Chopin beisteuerte, zeichnete sich\nin dem letzteren grösseren und schwierigeren Werke durch die Sau-\nberkeit und Klarheit ihres Vortrages und durch ein zartfühlendes\nEinhalten des eigenthümlichen Rhythmus aus, welchen der Compo-\nnist diesem Stücke vorgeschrieben hat, und ärntete reichlichen Applaus.\nAuch Weber's Polonaise ward von Fräulein Magnus mit so leichter\nGrazie und feurigem Schwung gespielt, dass die Virtuosin von dem\nAuditorium nach beiden Sololeistungen gerufen ward. Herr Ad.\nBargheer aus Münster, der mit einem Violin-Concerte von Viotti\nund Menuet und Allegro von Bach auftrat, ist ein junger Geiger\nvon grosser Fähigkeit und Bruder des schon länger bekannten Karl\nBargheer in Detmold. Mit dem Concerte von Viotti, welches gerade\nnicht zu den dankbarsten Geigenstücken zu zählen ist, errang er\nsich dennoch einen warmen Beifall. Die beiden kürzeren Nummern\nvon Bach, von Herrn Oscar Smith vortrefflich begleitet, fanden\nnoch lebhafteren Applaus; nur wäre Herrn Bargheer ein besseres\nInstrument zu wünschen.\nMlinclien. Herr Baron von Perfall, rühmlichst bekannt\nals Componist, ist zum k. Hofmusik-Intendanten ernannt worden."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "169", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640528-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nDas 41. niederrheinische Musikfest. I. Die Compositionen des Magnißcat von Joh. Seb. Bach und C. Phil. Emanuel\nBach (Fortsetzung). Aus Regensburg (Aufführung der „Jahreszeiten\" von Haydn. Schluss). Tages- und Unterhaltungs-\nblatt (Frankfurt, Hofratb Vesque Königsberg, einactige Oper von Düllo Hamburg, Concert von Ludwig Deppe München,\nBaron von Perfall).\n\nDas 41. niederrheinische Musikfest.\nI.\nAn den Pfingsttagen, den 15., 16. und 17. Mai,\nfeierten wir, von dem herrlichsten Wetter begünstigt, in\ndem neuen Cursaale und dessen zu geselligem Vereine\nvortrefflich geeigneten grossen Garten in Aachen das\n41. niederrheinische Musikfest. Die Stadt Aachen,\nwelche das Fest zum zwölften Male in ihren Mauern be-\nging, hat in den letzten Jahren ihre schon immer sehr\nacbtungswerthen musicalischen Zustände bedeutend ver-\nbessert und namentlich durch die Wirksamkeit ihres Musik-\nDirectors Herrn Franz Wüllner in der Winterzeit stets\neine Reihe von Concerten gehabt, die mit zu den besten\nim Rheinlande gehören. So besitzt sie denn auch durch\nihr städtisches Orchester und die verschiedenen Vereine\nfür Gesammtchor und für Männergesang einen vortreff-\nlichen Stammbestand für die niederrheinischen Musikfeste.\nDurch Zuzüge von Sängerinnen und Sängern aus den\nNachbarstädten und durch tüchtige Instrumentalisten ver-\nstärkt, zählte der Chor dieses Mal 122 Mitglieder im So-\npran, 96 im Alt (wobei 13 Knabenstimmen), 98 im Te-\nnor, 135 im Bass—zusammen 451 Stimmen. Dazu hatte\nAachen selbst im Sopran 71, im Alt 66, im Tenor 68,\nim Bass 87, im Ganzen 292 gestellt.\nDas Orchester bestand aus 52 Violinen, 18 Brat-\nschen, 17 Violoncellen, 12 Contrabässen,, 29 Bläsern, 1\nPauker und 1 Organisten zusammen 130 Instrumen-\ntalisten. Nehmen wir hierzu die 6 Solisten und die 2\nDirigenten, so waren 589 Personen bei den Aufführun-\ngen thätig.\nDie Sologesang-Partieen waren durch Frau Louise\nDustmann aus Wien (erster Sopran), Fräulein Philip-\npine v. Edelsberg aus München (zweiter Sopran), Fräu-\nlein Francisca Schreck aus Bonn (Alt), Herrn Dr.\nGunz aus Hannover (Tenor) und Herrn Karl Hill aus\nFrankfurt a. M. (Bass) besetzt. Herr Joseph Joachim\naus Hannover verherrlichte den dritten Festabend durch\nSolo-Vorträge auf der Violine.\nDie Fest-Dirigenten waren Herr Hof-Capellmeister\nJulius Rietz aus Dresden und der städtische Musik-Di-\nrector Herr Franz Wüllner aus Aachen. Die Orgel,\naus der Fabrik der Gebrüder Ibach in Barmen, spielte\nHerr Ferdinand Breunung aus Köln.\nIm Orchester wirkten ausgezeichnete Kräfte mit. So\nwaren z. B. die drei ersten Geigenpulte durch die Herren\nConcertmeister F. Wenigmann aus Aachen und von Kö-\nnigslöw aus Köln, Fleischhauer aus Aachen und Japha aus\nKöln, Auer aus Düsseldorf und Engel aus Oldenburg be-\nsetzt, und ausserdem sahen wir unter den Violinisten die\nHerren Concertmeister C. Bargheer aus Detmold und\nG. A. Bargheer aus Münster, Coenen aus Utrecht, Groten\naus Schleiz, Hartmann aus Coblenz; ferner die Herren\nKrollmann aus Oldenburg, Langhans aus Paris, Musik-:\nDirector Th. Mohr aus Freiburg, Concertmeister Schmidt\naus Danzig, W. Wenigmann aus Aachen u. s. w.; an der\nBratsche die Herren de Bas aus Brüssel, Kochner aus\nDüsseldorf, Speer aus Aachen, Musik-Director F. Weber\naus Köln, Jos. Wenigmann aus Aachen; am Violoncell die\nHerren Is. Deswert aus Brüssel, Jul. Deswert aus Löwen,\nForberg aus Düsseldorf, Helfer aus Essen, Jäger aus El-\nberfeld, Keller aus Mastricht, Lindner aus Hannover, Job.\nWenigmann aus Aachen u. s. w.; am Contrabass Ad.\nBreuer aus Köln, John aus Aachen, Leinung aus Köln,\nG. Weindl aus Oldenburg. Wenn das Geigen-Quartett\nauch nicht die Klangfülle des Quartetts beim 39. Musik-\nfeste in Köln im Jahre 1862 erreichte, so war es doch\nauch an Kraft und technischer Virtuosität ganz vorzüglich.\nUnter den übrigen Instrumentalisten waren besonders\nauszuzeichnen die Flötisten Herren Schmidt aus Aachen\nund Winzer aus Köln, die Oboe des Herrn Rose aus Han-\nnover, die Clarinette des Herrn Schädler aus Aachen, die"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "170", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640528-01.1.2", "texte": "Fagottisten Herren Mensing aus Aachen und Neukirchner\naus Stuttgart, der vortreffliche Hornist Herr Sandtfoss aus\nAachen, der Trompeter Herr Metzner aus Aachen und\nder ganz ausgezeichnete Paukenschläger Herr Pfundt aus\nLeipzig, welcher in der That seines Gleichen sucht.\nWie immer, vereinigte auch dieses Mal das nieder-\nrheinische Musikfest wieder eine Menge von Orchester-Di-\nrigenten, Künstlern und Männern vom Fach unter .der Zu-\nhörerschaft. Wir bemerkten unter ihnen unter Anderen\nFerdinand Hiller, Bargiel, Hompesch u. s. w. aus\nKöln, Tausch aus Düsseldorf, Ant. Krause aus Bar-\nmen, Brambach aus Bonn, Grimm aus Münster, Rein-\nthaler aus Bremen, Julius Stockhausen aus Ham-\nburg, Verhülst aus Amsterdam, Kufferath aus Brüs-\nsel, Aug. Dupont aus Brüssel, Soubre aus Lüttich,\nvon Saar aus Oldenburg, Deppe aus Hamburg, Lux\nund Fockerer aus Mainz, Levi aus Karlsruhe, Müller\naus Frankfurt a. M., Dr. Paul aus Leipzig u. s. w.\nAm ersten Tage kamen die Suite Nr. 11. für Orche-\nster von Franz Lachner*) und G. F. Händel's Ora-\ntorium „Belsazer\" zur Aufführung.\nDas sinfonislische Werk von F. Lachner besteht aus\nfünf Sätzen: einer Art von Vorspiel in langsamem Zeit-\nmaasse nebst daran schliessender Fuge, einem Andante,\nMenuetto, Intermezzo und Gigue.\nWenn die alten Formen der Instrumental-Musik durch\neinen so kernigen und phantasiereichen Inhalt gefüllt wer-\nden, wie ihn Lachner seiner ersten Suite in D- und die-\nser zweiten in E-moll gegeben hat, so haben wir nichts\ngegen ihre Wiederaufnahme, die alsdann eine wirkliche\nWiederbelebung ist, was man nicht von jedem Hervor-\nholen früherer Kunstformen in unserer Zeit sagen kann.\nBei der Suite kommt es dem Tondichter zu Statten, dass\nsie in ihren einzelnen Sätzen viele Formen der neueren\nMusik in ihrer jetzigen Ausbildung nicht ausschliesst,\nzum Beispiel Adagio, Menuett, Scherzo, Variationen,\nund auf der anderen Seite eine grosse Freiheit in\nihrer Anordnung gestattet, da sie nur eine mit angeneh-\nmem Wechsel verbundene Reihenfolge von Sätzen ver-\nlangt, während die Sonatenform der Sinfonie strengere\nForderungen an den Zusammenhang und den einheitlichen\nCharakter eines Ganzen macht. Ursprünglich bestand die\nSuite, welche im siebenzehnten Jahrhundert ausgebildet\nwurde, nur in einer Folge von charakteristischen, nach\nRhythmus und Zeitmaass verschiedenen Tänzen in einer\nund derselben Tonart, zwischen welche auch wohl ein\nAir (Arie oder Romanze als Andante) eingeschoben und\ndenen ein Präludium, eine Phantasie oder eine Art von\nOuvertüre vorgesetzt wurde. Sie mag Einfluss auf die Ge-\nstaltung der Sinfonie gehabt haben, wenigstens ist es\nwahrscheinlich, dass sie es ist, die dem Schöpfer der Sin-\nfonie, Joseph Haydn, das Menuetto zur Einführung in\ndiese an die Hand gegeben hat, während er die übrige\nForm aus der Sinfonia entwickelte, welche die Italiäner\nihrer Oper vorhergehen liessen. Dilettanten können die\nForm der Suite aus den jetzt in mehreren Ausgaben zu-\ngänglichen „Suiten für Ciavier\" von Joh. Seb. und Ph.\nEm. Bach kennen lernen.\nFranz Lachner hat nun in der von ihm für unseren\njetzigen musicalischen Standpunkt erweiterten Form der\nSuite, wie es uns scheint, seinen eigentümlichen Beruf\nals Instrumental-Componist gefunden; wir stellen seine\nbeiden Werke der Art unbedingt nicht nur höher, als\nseine Sinfonieen, sondern halten sie auch für bedeutsamer\nund lebensfähiger, als viele Orchesterwerke neuerer Com-\nponisten. Während er in der Nummer 11. im ersten und\nletzten Satze seine grosse contrapunktische Gewandtheit\nwiederum auf glänzende Weise bekundet, entwickelt er\nim Andante einen schönen, melodischen Gesang, im Trio\ndes Menuetto einen neuen, wunderhübschen Effect durch\ndie trillernden Violinen und im Intermezzo einen lieblichen,\nhumoristischen Reiz kurz, die Suite fesselt die Theil-\nnahme von Anfang bis Ende. Sie wurde ganz vortrefflich\nausgeführt und mit dem lebhaftesten Applaus nach jedem\nSatze aufgenommen.\nNach der Suite von Lachner folgte die Aufführung\ndes Oratoriums „Belsazer\" von G. F. Händel.\nWenn das alte Sprüchwort:\n„Jedes Buch hat sein ihm beschiedenes Loos\", oder:\n„Auch mit Büchern muss man Glück haben\" eine\nWahrheit ist, und es ist eine, so findet sie auf Werke der\nTonkunst noch in höherem Maasse ihre Anwendung. Das\nOratorium Belsazer hat das Schicksal gehabt, in England\nund Deutschland seit der Zeit der Wiederaufnahme Hän-\ndel'scher Musik vernachlässigt worden zu sein, und es hat\nsich selbst die Ansicht verbreitet, es sei den übrigen Ora-\ntorien des Meisters gegenüber, oder wohl gar auch abge-\nsehen vom Vergleiche mit diesen, überhaupt ein schwaches\nWerk. Als es auf dem 19. Musikfeste, ebenfalls in Aachen,\nim Jahre 1837 (nach v. Mosel's Bearbeitung) gegeben\nworden, äusserte sich Dr. Alfred Becher, der wahrlich ein\ngrosser Bewunderer Händel's war, in seinem Festberichte\n(im „Verkündiger am Rheine\" vom 18. Juni), freilich mit\nVorbehalt, dass ihm „dieses Oratorium nur in die zweite\nClasse Händel'scher Compositionen zu gehören scheine,\nwobei es sich jedoch von selbst verstehe, dass dieser Heros\n\n*) Herr General-Musik-Director F. Lachner war von dem Co-\nmite des Musikfestes zum ersten Dirigenten desselben gewählt, aber\ndurch den Tod seiner Gattin verhindert worden, seine Zusage zu\nerfüllen."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "171", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640528-01.1.3", "texte": "nur gegen sich selbst zurückstehen könne, und dass der\nMinderwerth dieses Werkes, wenn er sich bei näherer\nUntersuchung bestätigt, kein Unwerth ist; vielmehr treten\neinem unzählige Schönheiten und Grossheiten gleich bei\noberflächlicher Bekanntschaft mit der Composition als völ-\nlig Händel's würdig und nur ihm eigen entgegen. Die\nWirkung dieses Oratoriums auf die Zuhörer schien nicht\nso allgemein zu sein, wie man es bei anderen Werken\nHändel's wahrgenommen hat.\"\nAuch Gervinus schreibt in dem Aufsatze, den er seiner\ngrösstentheils neuen Text-Uebersetzung desßelsazer voran-\nschickt (Niederrheinische Musik-Zeitung, 1858, Nr. 11)\nund der viel Wahres und Beachtenswertes enthält, den\nWerth dieses Werkes hauptsächlich dem Ganzen, dem\nDramatischen des historischen Gemäldes zu, während im\nEinzelnen „kaum Eine Arie sich vorzugsweise durch lieb-\nliche Melodie einschmeichele, manches gewöhnliche Reci-\ntativ und nur wenige Chöre von jener populären Ver-\nständlichkeit, die ihres Erfolges immer so gewiss ist, an-\nzutreffen seien\".\nNun, die diesmalige Aufführung des Belsazer in Aachen\nmuss in der Geschichte der Aufnahme Händel'scher Musik\nin Deutschland Epoche machen, denn sie hat die Schön-\nheiten des Werkes in überraschender Weise ans Licht\ngestellt, und die gesammte Zuhörerschaft hat sie durch\nbegeisterte Ausbrüche ungetheilten Beifalls mit einer Glorie\numgeben, die so bald nicht wieder erlöschen wird. Das\nComite verdient den wärmsten Dank aller Verehrer Hän-\ndel's, dass es dieses Oratorium für das Fest gewählt und\ndie Aufführung nach der Original-Partitur veran-\nlasste, welche F. Wüllner durch eine mit künstlerischem\nGeschick ausgefüllte Orgelstimme ergänzt hat.\nWer aber etwa versucht sein sollte, zu behaupten,\ndass dieser entschiedene Erfolg einzig und allein dem Um-\nstände zu verdanken sei, dass das Oratorium vollständig,\nohne Kürzungen und Auslassungen gegeben worden sei,\nder befände sich in demselben Irrthume, wie diejenigen,\nwelche die Wirkung der Händei'schen Oratorien zum\ngrossen oder gar grössten Theile der Vortrefflichkeit ihrer\nTexte zuschreiben wollen und bei der geringsten Kürzung\nvon „Eingriffen in die innere Entfaltung der psychologi-\nschen Aufgabe\" reden und in der Weglassung irgend\neiner Arie eine Frevelthat sehen, wodurch „der Aufbau\ndes Ganzen aus allen seinen Fugen gerückt wird\". Solchen\nAnsichten gegenüber möchten wir beinahe sagen, der\nBelsazer habe nicht weil, sondern trotzdem, dass er\nunverkürzt gegeben worden, Erfolg gehabt, denn das Ein-\nzige, was man auch dieses Mal rügen könnte, wäre die\nlange Dauer des Oratoriums, das immerhin noch um einige\nweniger bedeutende Stücke, zu denen z. B. die geogra-\nphisch-historische Unterhaltung über den Euphrat zwi-\nschen Cyrus und Gobrias gehört, hätte verkürzt werden\nkönnen. Allerdings ist der Text des Belsazer im Ganzen\neiner der besten Händei'schen: allein wie Händel selbst\nüber Kürzungen dachte, geht aus seinem Briefe an den\nVerfasser, Ch. Jennens (der ihm auch den Text des „Mes-\nsias\" zusammengestellt), vom 2. October 1744 hervor:\n„Ich halte es für ein sehr schönes, erhabenes Oratorium:\nnur ist es wirklich zu lang; wollte ich die M usik so weit\nausdehnen, so würde es vier Stunden dauern; ich habe\nschon einen grossen Theil der Musik weggeschnitten, um\nden Text so viel als möglich zu erhallen, aber es muss\nnoch mehr verkürzt werden.\" lndess der Dichter wollte\num keine Zeile nachgeben, und so blieb Händel nichts\nübrig, als das Textbuch bei der ersten Aufführung voll-\nständig abdrucken zu lassen mit dem Zusätze: Da\ndas Oratorium zu lang ist, so sind verschiedene Stücke\nmit einer schwarzen Linie am Rande als solche bezeichnet,\nwelche bei der Aufführung weggelassen werden.\" Und\nV. Schölcher berichtet uns in seinem\nP. 290, „dass mehr als zweihundert Zeilen mit\ndem schwarzen Striche in jenem Buche bezeichnet sind\"\n—und doch ist der Bau des Ganzen nicht aus seinen Fu-\ngen gegangen! Was nun vollends die durch Auslassung\nirgend einer Arie gefährdete psychologische Charakter-\nEntfaltung, namentlich im Belsazer, betrifft, so braucht\nman nur zu hören, dass der Dichter den Eroberer Cvrus\nzu einem sentimentalen Helden, der den Jehovah fürchtet,\nmacht, und Händel ihn von einer Altstimme singen\no\nlässt, und dass Händel sogar den Propheten Daniel eben-\nfalls einer A Its ti mme zugetheilt hat, um alle Schwär-\nmerei für psychologische Entwicklung auf ihr gehöriges\nMaass zurückzuführen.\nWir wollen keineswegs die Bearbeitung des Belsazer\ndurch J. F. v. Mosel in Schulz nehmen, am wenigsten die\nWillkür, mit welcher er die ursprüngliche Reihenfolge der\nNummern durch einander wirft und die zwar kleine, aber\nwesentliche und musicalisch schöne Bass-Partie des Go-\nbrias ganz wegstreicht. Allein einmal hallen wir es für\nUnrecht, über die Männer, welche uns zuerst mit Shake-\nspeare und Händel, wenn auch unzulänglich, bekannt ge-\nmacht haben, bloss schulmeisternd herzufahren, was jetzt,\nwo uns ganz andere Quellen zu Gebote stehen, sehr wohl-\nfeil ist, und darüber ihr grosses Verdienst um die erste\nVerbreitung der Werke jener Heroen gänzlich zu igno-\nriren, und zweitens hat Mosel in seiner Bearbeitung Bel-\nsazer's doch den Kern des Oratoriums nicht angetastet\n(von den Chören fehlt kein einziger) und „die Kralle des\nLöwen\" ist trotz der Auslassungen und Versetzungen in\ndem, was er von Händel gibt, noch immer sehr deutlich\n\nn"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "172", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640528-01.1.4", "texte": "wahrzunehmen. Der Erfolg der Aufführung in Aachen-\nist also nur zum Theil der Herstellung des Oratoriums\naus der Original-Partitur, hauptsächlich aber der Wir-\nkung der inneren echt Händel'schen Kraft und Schönheit\nder musicalischen Composition zuzuschreiben, welche jetzt\nvielleicht zum ersten Male in Deutschland auch von dem\ngrossen Publicum nach ihrem wahren Werthe gewürdigt\nworden ist.\nDer Stoff der Handlung ist der Untergang des baby-\nlonischen Reiches und seines letzten Königs Belsazer\n(Belschazzar) bei der Eroberung Babylons durch Cyrus\nund die Perser, worin auf geschickte Weise die Erzählung\nvon der räthselhaften Schrift an der Wand des Festsaales\ndes schwelgenden Königs und deren Deutung durch den\nPropheten Daniel und die Befreiung der Juden aus der\nbabylonischen Gefangenschaft verflochten ist. Ausser dem\nBelsazer (Tenor) und Cyrus (Alt) treten in dem Drama\nnoch auf Gobrias (Bass), dessen Sohn der König getödtet\nhat und der zu Cyrus ins persische Lager geflüchtet ist,\nder Prophet Daniel (Alt) undNitokris (Sopran), die\nMutter Belsazer's. Den Völkergesang bilden die Chöre der\nPerser, Babylonier und Israeliten.\nHändel schrieb dieses Oratorium im Jahre 1744\nnach der Sommer-Saison in London, in der er zwölf Con-\ncerte gegeben hatte, in denen „Semele\" und „Joseph\"\nneu waren. Er unternahm darauf sechszehn Winter-Con-\ncerte, vorsätzlich vierundzwanzig, die er aber aus Mangel\nan Besuch nicht durchführen konnte, „weil die Damen\nder Aristokratie gegen ihn waren\" und „durch Bälle und\nThee's, die sie an den Tagen der Concerte gaben, ihm\nschadeten\" —wie Schölcher berichtet. In diesen sechszehn\nConcerten wurde „Belsazer\" zum ersten Male den 27.\nMärz 1745 aufgeführt und noch zwei Mal wiederholt; in\nden übrigen führte Händel „Deborah\", „Semele\", „Her-\ncules\", „Samson\", „Joseph\", „Messias\" je zwei Mal und\n„Saul\" ein Mal auf. Die Composition des Werkes fällt\nalso in die beste Oratorien-Periode des Meisters.\nWie immer, so ist es auch hier das Charakteristische\nund Grossartige der Chöre, welches am meisten anregt\nund hinreisst. Es fehlt ihnen keineswegs an augenblicklich\nergreifendem Eindrucke durch populäre Verständlichkeit,\nindem selbst die Fugen, welche zwei derselben schliessen,\nbei der Originalität und Gewalt ihrer Motive (wir erin-\nnern nur an das chromatisch absteigende Thema der Fuge\ndes Schlusschors des ersten Theiles: „Und welchen Weg\ner geht, auf sein geächtet Haupt fährt schnell herab der\nDonnerkeil\") doch so klar sind, dass sie auf der Stelle\neinschlagend wirken. Andere, weniger polyphone Num-\nmern begeistern theils durch ihre Frische und sinnliche\nFarbe, wie die Festchöre der Babylonier, darunter beson-\nders der schwindelnd aufrauschende Hymnus der Schwel-\ngenden auf den Gott Sesach, theils durch ihre religiöse\nInnigkeit, Gefühlswahrheit, wie der Chor der Israeliten:\n„Zurück, o Fürst, nimm dies Gebot\" —und dann wieder\ndurch eine wunderbare Pracht der Klangfülle, wie im\nSchlusschor des zweiten Theiles: „Allmählich steigt Je-\nhovah's Zorn\"; ferner: „Saget unter allen Heiden\",\n„Kommt her! Lasst uns singen unserm Gott!\" „Seht, wie\nso schnell Euphrates weicht!\"\nUeber die Einrichtung des ganzen Oratoriums zu der\nAufführung in Aachen ist noch zu bemerken, dass der\nSchlusschor des zweiten Theiles: „O tapfrer Fürst,\ndrei Mal beglückt\" u. s. w., in seiner Originalgestalt in\ndrei Tempo's wieder hergestellt worden, während er bei\nMosel (allerdings nach dem Appendix in der englischen\nPartitur) nur in Einem Tempo gegeben ist. Den herrlichen\nChor: „Saget allen Heiden\", den Händel aus einem Chan-\ndos-Anthem genommen, im Belsazer selbst (und nach ihm\nMosel) aber auf ein Viertel seiner Länge reducirte, hat\nWüllner ganz, wie er im Anthem steht, gegeben und\ndadurch in dem früher weggelassenen letzten Theile des-\nselben: „Und hat sein Reich gestellt so fest und sonder\nWanken\", eines der prächtigsten Musikstücke wieder in\nseine ursprüngliche Gestalt gebracht. Der Schlusschor des\nOratoriums in der aachener Bearbeitung: „Kommt, lasst\nuns singen\", ist aus demselben Anthem, wie der Chor:\n„Saget allen Heiden\", genommen und verdient jedenfalls\nden Vorzug vor dem weit schwächeren Schlusschor in\nHändel's Partitur, der, daselbst nur dreistimmig, durch\nMosel vierstimmig gesetzt worden. Einer Rechtfertigung\nbedarf diese offenbare Verbesserung um so weniger, da\nder Schlusschor der englischen Partitur nicht zu dieser\nBestimmung von Händel componirt, sondern aus dem er-\nsten Chandos-Anthem ebenfalls herübergenommen war.\nUebrigens war das Oratorium auch so, wie es jetzt au ge-\nführt wurde, doch immer noch um fünf Arien und einen\nOrchestersatz (beim Einzüge der Magier in den Festsaal)\nverkürzt.\nDie Instrumental-Bearbeitung W7üllner's hat sich\ngrösstentheils, wie bereits gesagt, auf die Orgelstimme be-\nschränkt; doch sind in manchen Chören Clarinetten und\nFagotte, und wo Händel Trompeten dabei hatte, auch\nHörner hinzugesetzt worden. Ferner waren die drei Arien\nBelsazer's und der wilde Wein- und Sesach-Chor der Ba-\nbylonier neu und voll instrumentirt und dabei unse-\nrer Ansicht nach mit Recht die Orgel weggelassen,\ndie wir zu solchem Text-Inhalt doch nach unserem Gefühle\nheutzutage nicht für passend halten können. Auch im\nSchlusschor aus dem Anthem war die Orgel durch volles\nOrchester mit Trompeten und Pauken verstärkt, da Hän-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "173", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640528-01.1.5", "texte": "del ursprünglich nur zwei Violinen und eine Oboe dazu\ngesetzt hatte.\nDass diese Bearbeitung freilich einen ganz anderen\nund weit würdigeren Eindruck machte, als die Mosel'sche\nZurechtstutzung, leuchtet ein.\nAlle Chöre wurden mit Präcision, Kraft und Feuer\ngesungen, und das Eingreifen der Orgel brachte oft jenen\nwunderbar schwingenden Gesammtton hervor, in welchem\nman Chor und Orchester und Orgel in ihren Klängen\nkaum noch unterscheiden kann, weil Alles in einander auf-\ngeht. Jeder Chor ohne Ausnahme rief lebhaften, die glän-\nzendsten stürmischen Beifall hervor, was denn doch ge-\nwiss ein unzweifelhaftes Zeugniss für den Eindruck der-\nselben auch auf die Masse der Zuhörer ist. Unter den\nanwesenden Musikern war auch nur Eine Stimme über\nden Kunstwerth des Oratoriums, das den meisten ganz\nunbekannt gewesen war.\nDenn auch die Sologesänge bilden mehrere vorzüg-\nliche Nummern. Die Alt-Partie des Cyrus ist am reichlich-\nsten bedacht; die Erzählung des Traumes und zwei Arien\nsind schön und wurden von Fräulein von Edelsberg mit\neiner prachtvollen Mezzo-Sopranstimme wiedergegeben.\nBewundernswerth ist die geniale Behandlung der Scene,\nin welcher Daniel die gebeimnissvolle Schrift liest und\nauslegt, zumal wenn sie so ergreifend, wie es von Fräulein\nSchreck geschah, vorgetragen wird; eben so deren Arie:\n„O heil'ger Wahrheit Quell und Grund\". Im hellsten\nContraste stehen dagegen die Becitative und Arien des\nBelsazer, welche von Herrn Gunz mit grosser technischer\nFertigkeit und üppigem Schwünge gesungen wurden, wäh-\nrend Herr Hill die zwei Arien des Gobrias und das Be-\ncitativ des Boten, der im dritten Theile der Königin die\nNachricht von der Eroberung der Stadt bringt, durch\nseine klangvolle Bassstimme und schönen Vortrag vollkom-\nmen zur Geltung brachte. Die Sopran-Partie (die Königin)\nist nicht so glänzend, als ähnliche Partieen in anderen\nHändel'schen Oratorien: die beste Nummer derselben ist\ndas grosse Recitativ und die darauf folgende Arie in E-moll,\nwomit das Werk beginnt, die jedoch von Mosel und auch\nvon Gervinus in seiner Text-Uebersetzung weggelassen, von\nWullner aber für die Aufführung wieder hergestellt wor-\nden ist. Frau Du st mann trug sie sehr schön vor, ver-\nmochte aber selbst durch ihr grosses Talent und ihr präch-\ntiges Organ nicht, die ganze Partie, welche offenbar die\nschwächste in dem Werke ist, zu heben. Sie nahm dafür\nam zweiten und dritten Tage, von Gluck, Beethoven und\nWeber unterstützt, glänzende Vergeltung.\n\nDie Compositionen des Magnificat von Joh. Sebast.\nBach und C. Phil. Emanuel Bach.\n(Fortsetzung, statt Scliluss. S. Nr. 21.)\nMit dem Grundsatze von Rob. Franz, die Instrumente\nunseres jetzigen Orchesters bei Bearbeitungen älterer Vo-\ncalmusik der ausschliesslichen Begleitung durch die Orgel\nvorzuziehen, sind wir namentlich für alle Sologesänge voll-\nkommen einverstanden, ja, auch für diejenigen Chöre in\nOratorien, deren Inhalt kein religiöser oder wenigstens\nernster ist, halten wir die Beibehaltung der Orgel für un-\ngeeignet. Unser Gefühl sträubt sich in solchen Fällen da-\ngegen, die feierlichen Klänge, die wir nur im Dienste der\nKirche zu hören gewohnt sind, der Lust und der ausge-\nlassenen Freude fröhnen zu hören. Man denke sieb einmal\neine Orgel zu Haydn's Chor der Winzer und zu dem Jagd-\nchor in den Jahreszeiten! Und doch finden wir die Orgel\nz. B. im Händel der Gewohnheit damaliger Zeit gemäss\nnicht bloss bei den frommen Solo- und Chorgesängen der\nGläubigen, sondern auch bei den kriegerischen oder wild\nfreudigen Chören der Feinde Israels und den oft sehr üp-\npigen Arien der heidnischen Fürsten und Fürstinnen. Wir\nhaben desshalb auch (vgl. oben den Bericht über das Mu-\nsikfest in Aachen) die Weglassung der Orgel und ihre Er-\nsetzung durch Blas-Instrumente'in den wüsten Arien des\nHändel'schen Belsazer u. s. w. in der Bearbeitung dieses\nOratoriums vollkommen gebilligt. So sehr wir die Aufstel-\nlung einer Orgel in unseren deutschen Concertsälen, wie\nsie längst in England heimisch ist, stets befürwortet haben,\nso können wir doch die Aufführung eines älteren Kirchen-\nr 4\nStückes mit Sologesängen ausschliesslich mit Orgelbe-\ngleitung und Geigen-Quartett nur für ein interessantes\nhistorisches Curiosum halten. Ein Orchester-Instrument\nstatt der Blase-Instrumente kann in unserem Jahrhundert\ndie Orgel nie wieder werden, sie wird monoton und ver-\nmag auf keine Weise auch in ihren sanftesten Stimmen\nden Ton unserer Blas-Instrumente zu ersetzen, den der\nmenschliche Hauch zu unendlichen Schattirungen des\npsychischen Ausdrucks beseelt.\nDagegen ist der Klang der Orgel bei den Chören, und\nin einzelnen Fällen bei geeigneten erhabenen Stellen ihr\nunerwarteter Eintritt auch in den Sologesang, durch kein\nanderes Instrument zu ersetzen, und auch B. Franz hat\ndesshalb in seiner Ausgabe des Magnificat die Orgelstimme\nzu diesem Zwecke ausgesetzt. Allein eine derartige Bear-\nbeitung einer Orgelstimme nach dem Continuo der alten\nPartituren ist nicht leicht, wenn sie nicht bloss harmoni-\nsche Füllung geben, sondern mit richtigem ästhetischem\nGefühle der vorhandenen Composition gemäss effectvoll\nund stets nur zu rechter Zeit angepasst werden soll. In"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "174", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640528-01.1.6", "texte": "dieser Hinsicht nun scheint uns Franz nicht immer das\nRichtige getroffen zu haben; er hat manchmal des Guten\noffenbar zu viel gethan und z. B. in dem herrlichen Chor\n»Fecit potentiam\" durch die Hinzufügung von Orgel-Ac-\ncorden, die an und für sich eine Bedeutung haben wollen,\ndie Gewalt des Eindrucks eher vermindert als erhöht. Es\nwar daher nur zu billigen, dass in der Aufführung des\nMagnificai bei dem Musikfeste in Aachen Herr Ferd.\nBreunung, welcher die Orgel spielte, in Uebereinstim-\nmung mit Herrn Wüllner der Partitur von Franz nicht\nNote vor Note folgte, wiewohl im Ganzen das Werk nach\nderselben gegeben wurde. Dass auch Anderes, z. B. die\nTrompeten, für die man treffliche Bläser hatte, in ur-\nsprünglicher Gestalt (ohne Clarinetten) auftraten, lag eben-\nfalls in der Natur der Sache.\nWas nun das Heft der „Mittheilungen über J. S.\nBach's Magnificat\"von R. Franz betrifft, so geben\nsie eine mit Wärme geschriebene Darstellung des Werkes,\nbei welcher freilich dem Verfasser dasselbe begegnet, was\nbei so manchen musicalischen Schriftstellern, die sich mit\nbesonderer Vorliebe auf eine Specialität werfen, zutrifft,\ndass sie nämlich in ihrer Begeisterung mehr Hinein leger\nals Ausleger werden. Dass dabei die Analysen der Form\nund des Ideenganges der, Musikstücke ohne die Partitur\noder wenigstens ausführliche Noten-Beispiele dem Leser\nso gut wie gar kein Bild von dem Werke geben, ist frei-\nlich ein allgemeiner wunder Fleck in der musicalischen\nSchriftstellern, was aber nicht hindert, dass gar Viele sich\ndie Mühe solcher grammatischen und rhetorischen Zer-\ngliederungen geben, die nur für Musikschüler Werth ha-\nben, für Musiker überflüssig sind und dem Dilettanten,\nwenn er nicht das Stück vor sich hat, zu keinem wirklichen\nVerständnisse verhelfen.\nSolchen Ueberschwänglichkeiten begegnen wir z. B.\ngleich bei Nr. 3 und 4 (Arie Quia respexit und Chor Omnes\ngener ationes), wo Franz unseren Bach in der Maria „nicht\nnur die demüthige niedrige Magd, sondern mit dem Blicke\neines Propheten jene Mutter Gottes, deren Sohn die Sün-\nden der Welt tragen und sühnen soll\", erblicken und „seine\nmusicalische Auffassung weit über die Situation hinausra-\ngen lässt\". Wie wenig bei Bach's und bei allen Compo-\nnisten des Hymnus Magnificai von wahrer Auflassung der\nSituation die Rede sein kann, geht schon daraus hervor,\ndass sie mit schrankenloser Willkür die Rede der Maria\nzerpflücken und die einzelnen Blätter daraus bloss rein mu-\nsicalisch wieder zu einem Ganzen fügen, auf die Subjecti-\nvität aber so gar keine Rücksicht nehmen, dass sie die See-\nlenstimmung der Maria bald durch einen mehrstimmigen\nChor, bald durch ein Duett oder Terzett, bald sogar durch\neinen Tenor oder Bass ausdrücken! Abgesehen davon, liegt\nin der Rede der Maria an dieser Stelle wahrlich nichts von\nDemuth und Gefühl der Niedrigkeit, denn nicht die Worte:\n„Weil er auf meine Niedrigkeit herabsah\", sondern das\n„Frohlocken\" (exultavit Spiritus mens), „weil von nun an\n' r'a\nmich beglückt heissen werden alle künftigen Geschlechter\nder Welt\", was ein bedeutendes Selbstgefühl ausspricht,\ngibt die richtige Auflassung der Stelle. Wenn nun Bach\nsonderbar genug die zwei Schlussworte jenes Rede-\nsatzes : omnes generationes(alle Geschlechter), von der Rede\nder Maria getrennt und zu einem selbstständigen Chorsatze\nin Fis-mollbenutzt hat, so ist derselbe, an sich selbst ge-\nnommen, grossartig, wiewohl etwas zu wenig entwickelt,\nda er nur 27 Tacte hat; allein in ihm, wie Franz thut, zu\ngewahren, dass „sich die Singstimmen in wilder Hast\nin den abschliessenden Solosatz stürzen und sich, wie von\ndämonischen Gewalten getrieben, zu einer solchen\nkolossalen Höhe des Ausdrucks thürmen,dass der Gedanke\nnahe genug liegt, der Meister habe hier eine Welt-\nerschütterung der unerhörtesten Art von ihrem fern-\nsten Ausgangspunkte her vergegenständlichen wollen, so\ndass vielleicht seinen Geist dabei die Worte Christi um-\nschwebten: „ „Ich bin nicht gekommen, Frieden zu senden\nauf Erden, sondern das Schwert!\"\" solche Phantasieen\nmoderner Anschauungsweise und Deutungslust in Bach's\nMusik hineinzutragen, das kann uns doch nur ein Lächeln\nerregen, und dagegen müssen wir den alten Herrn ernst-\nlich verwahren. Franz' Vision passt eher auf den Orgel-\npunkt auf Fis im ersten Satze der neunten Sinfonie von\nBeethoven, als auf einen Chor von Bach. Auch müssen wir\nfür die Ausführung dieses Chors das Einfallen der Sing-\nstimmen „in wilder Hast\" durchaus ablehnen; freilich gibt\nuns diese Ansicht von der notwendigen Hast den Schlüs-\nsel zu der Metronomisirung: Allegro, das Viertel 92,\ndie Franz dem Chor vorgesetzt hat; ihre Ausführung würde\nbei der Menge von Sechszehntel-Figuren freilich eine Ver-\nwirrung „unerhörtester Art\" erzeugen, wenn auch nicht\ndas Bild einer Welterschütterung. Dass man in Aachen\nso vernünftig war, das Tempo bedeutend zu mässigen,\nverstand sich wohl von selbst.\nEs ist wirklich zu verwundern, dass Franz, der z. B.\nSeite 9 und 10 so richtig über die Art der Auffassung\nBach'scher Compositionen in Bezug auf dessen Polyphonie\nspricht, sich durch die Sucht einer poetischen Auslegung\nzu solchen ganz unhaltbaren Deutungen hinreissen lässt.\nIst denn die Erfindung der Motive und eben jene wunder-\nbare Polyphonie bei Bach, rein musicalisch genommen,\nnicht herrlich genug, und bedarf es zu ihrem Genüsse noch\ndes Aufspürens eines Hintergedankens, der darunter ver-\nsteckt sein soll?"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "175", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640528-01.1.7", "texte": "Diese eingebildete Tiefe des Inhalts an der wirkli-\nchen haben unsere modernen Aesthetiker nicht genug\nverleitet denn in ihrer speculativen Ergründung zu Miss-\nverständnissen, wie Franz später bei Gelegenheit des Schlus-\nses von dem herrlichen und hervorragendsten Chor des\nganzen Werkes: „Fecit potentiam\"(Nr. 7), deren noch ein\nsehr auffallendes verräth. Er begreift nämlich den pracht-\nvoll erhabenen Adagio-Schluss (7 Tacte) dieses Chors nicht,\nweil Bach in den Textesworten:\ncordis sui\"(„und zerstreuet, die hoffärtig sind in ih-\nres Herzens Sinn\" bei Luther, und sowohl bei diesem\nwie in der lateinischen Vulgata vollkommen dem Sinne des\ngriechischen Originals entsprechend), die drei letzten:\ncordis sui,von superbos,wozu sie allerdings gehören, ge-\ntrennt und zu dem erwähnten Schlüsse benutzt hat. Er\ngeht so weit, zu meinen, Bach habe vielleicht das sui auf\nGott bezogen und könnte der ganzen Stelle möglicher\nWeise den Sinn beigelegt haben: „er zerstreut die Holl ar-\ntigen mit dem Hauche seines Mundes\"!! Nein,\nunmöglicher Weise! denn mit dem sui ist es nicht ge-\nthan, dessen Beziehung weder (Sinn) in „Hauch\",\nnoch (H erz) in „Mund\" verwandeln kann! So wird\nder Marotte zu Liebe, dass sogar Bach (ungefähr wie\nWagner) überall W orte in Töne übersetzt habe oder hätte\nübersetzen sollen (!), anstatt den Geist des Ganzen ins Auge\nzu fassen, dem alten Meister lieber ein baares Unver-\nständniss seines Textes in die Schuhe geschoben (wovor er\nnicht bloss durch das Lateinische, sondern auch, weil er\nseine deutsche Bibel so fest wie Einer im Kopfe hatte, voll-\nkommen sicher war), als dass man von der beliebten neue-\nren Lehre nur ein Haar breit abwiche! Meint Herr Franz\ndoch sogar, dass „für eine weitere Erklärung dieses Schlus-\nses nichts Anderes übrig bleiben würde, als Bach die Ge-\nschmacklosigkeit zuzumuthen, den „ „Sinn der Hoffärti-\ngen\"\" mit den gewaltigsten und erhabensten Ausdrucks-\nmitteln der Kunst verherrlicht haben zu wollen!\" —Nein,\nHerr Franz! die Geschmack- und die Urtheilslosigkeit in\nmusicalischen Dingen ist bei ganz anderen Leuten zu su-\nchen, als bei Joh. Seb. Bach. Dieser fühlte sehr wohl,\ndass er zu der von Franz selbst sehr richtig charakterisir-\nten unendlichen Bewegung der mächtigen contrapunkti-\nschen Figuren des gewaltigen Chors einen grossartigen,\nmajestätischen Schluss bedurfte, und er folgte dabei sei-\nnem schöpferischen musicalischen Genius und schrieb, ohne\ndie Reflexion ängstlich um Rath zu fragen, ob die Accorde,\ndie jener ihm eingab, die drei Wörter des Textes, die\nihm dazu übrig blieben, in Tönen mathematisch deckten\noder nicht, in Gottes Namen in der Begeisterung hin, was\nwir heute noch bewundern und was einer der erhabensten\nAusdrücke der Vorstellung von der\nsuo, von „der Allmacht starkem Arm\" ist, also von der-\njenigen Vorstellung, welche das ganze Musik-\nstück beherrschen muss.\n(Schluss folgt.)\n\nAus Regensburg.\n(Schluss. S. 21.)\nAuf den Männerchor passt viel des früher Gesagten,\n.und namentlich können wir den Sängervereinen unser Ur-\ntheil nicht vorenthalten, dass sie in Bezug auf wirkliche\nmusicalische Heranbildung zu wenig leisten, und immer\nweniger leisten werden, wenn sie nur jenen Zielen nach-\nstreben, welche von den seit ein paar Jahren begründeten\ngrossen Landschaft-Sängerbünden dem Männergesange ge-\nsteckt werden. Wir beklagen das Zurückweichen vom\ntrüberen Streben der Sängervereine, der Sangeskunst\ntüchtige Jünger zuzuführen und dem unvergänglichen\nReize des Volksliedes noch die Zugabe geistreicher Auf-\nfassung und künstlerischer Wiedergabe zuzufügen, und\nbehaupten geradezu, dass die zu enge und jedenfalls der\neigentlichen Kunst entfremdende Gränze für Bildung des\nMännergesanges die Schwierigkeit, aus den Gesangverei-\nnen tüchtige Kräfte für grössere musicalische Productionen\nzu gewinnen, unverhältnissmässig steigert, da der Sinn für\ngediegenere Leistungen ertödtet und jede Forderung an\neine höhere Technik in eben dem Grade als eine unbe-\nrechtigte bezeichnet wird, als die meisten neueren Lieder-\nComponisten sich in Gedanken und Form gar zu sehr von\nsolchen Forderungen fern halten. Daher kommt es denn,\ndass wir dieselbe Erscheinung der zu geringen Leistungs-\nfähigkeit der Mehrzahl des grossen Chors gegenüber einem\nkleinen Kerne von Treffern und wirklichen Sängern zu be-\nklagen haben. Wenn wir nun sowohl hierin, als in der\nquantitativen Betheiligung die Männer mit dem Frauen-\nchor gleichstellen können, so müssen wir doch einen be-\ndeutenden Unterschied zum Nachtheil des Männerchors\ngegen den Frauenchor constatiren. Statt der beim Frauen-\nchor bemerkten, am Ende harmlosen kindlichen Freude,\nmit welcher sich die Schar der Theilnehmenden herbei-\ndrängt, sehen wir die jüngeren und älteren Sangesbrüder\nsich wohl auch zur Mitwirkung melden, aber anstatt eine\nEhre darin zu finden, mit einander zu wirken, muss sich\nder Unternehmer der Ausführung eines Oratoriums sehr\nbald überzeugen, dass man ihm die Ehre anthun will,\nmitzusingen, und dass jeder sich ein Minimum für den Be-\nsuch der Proben als Bedingung seiner Leistung steckt, ein\nBeginnen, welches die Geduld des Dirigenten auf harte\nProben stellt und den Muth desselben, mit Anstrengung"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "176", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640528-01.1.8", "texte": "einen entsprechenden Erfolg zu erzielen, sinken macht.\nAbgesehen von manchen wirklichen Hindernissen, wie Er-\nfüllung von Amtspflichten u. s. w., ist diese so ausser-\nordentliche Wahrung der persönlichen Freiheit beim Be-\nsuche der Proben um so trauriger, als sie oft aus gar\nsonderbaren Motiven entspringt und das Opfer, das man\nden Musen bringen sollte, zwar in Rauch aufgeht, aber\nnicht in Weihrauch. Dadurch geschieht es, dass der starke\nMännerchor plötzlich decimirt wird durch traurige Fah-\nnenflucht; nur selten ist derselbe vollzählig repräsentirt.\nIm Orchester ist der Dilettant hier weniger vertreten,\ndoch genügend an der Viola, dem Violoncell und Contra-\nbass. Die Violinen hätten Verstärkung bedurft, und es\nhätten auch noch Kräfte zu Gebote gestanden alle aber\nnur zur ersten Violine! Denn welche Zumuthung für einen\nDilettanten, zweite Violine zu spielen!\nEs läge nun wohl nahe, auch noch einen kurzen Blick\nauf die Concert- und Musik-Vereine zu werfen; es\ngäbe da so viel zu bemerken, so viel zu erörtern, so viel\nzu wünschen, besonders wenn man diese Vereins-Produc-\ntionen auch wieder in Vergleich bringen wollte mit den\nConcerten der früher bestandenen Vereine „Frohsinn\"\nu. s. w., ja, selbst noch mit den Aufführungen des näm-\nlichen Musikvereins in früheren Jahren! Aber genug für\ndiesmal! Doch wollen wir nicht verschweigen, dass in\ndem letzten Concerte (30. April) neben dem Violinisten\nder münchener Hofcapelle, Herrn Jos. Fenzl, vor Allen\nFrau Dr. Stöhr durch ihren vollendeten Vortrag Hervor-\nrufe und die Palme des Abends errang.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nHerr Hofrath Yesque von Püttlingen befindet sich in\nFrankfurt, um den Berathungen über den Gesetzentwurf zum\nSchutze des „literarischen Eigenthums\" beizuwohnen. Wie man ver-\nnimmt, liegen bereits zwei Gesetzentwürfe vor, deren erster von\nOesterreich herrührt. Aus diesem Entwurf entnehmen wir Folgendes:\n„Die »Schutzfrist der Autorenrechte dauert in der Regel bis zu 30\nJahren nach dem Tode des Berechtigten, kann aber in Zukunft\nnicht mehr durch besondere Privilegien noch weiter hinaus erstreckt\nwerden.\"\nMan meldet aus Königsberg: „Kürzlich hatten wir Gelegen-\nheit, den „„Vierjährigen Posten\"\", die einactige Oper eines Königs-\nbergers, Herrn Düllo, über die Bretter gehen zu sehen und sie\nmit Freude zu begrüssen. Ein der neuesten Musik fast abhanden\ngekommener Ausdruck wahrer Innigkeit im deutschen Liede weht\ndurch das ganze Stück und tritt uns namentlich im ersten Duette\nund am Schlüsse der Oper wärmend entgegen.\"\nHamburg. Zu „Zriny\" hat Herr Ludwig Deppe eine\nOuvertüre voll kriegerischen Heldenthums und melodisch erschallen-\nder Schlachtmusik gesetzt, mit deren beifällig begrüsster Aufführung\ner das Concert eröffnete, welches er am 27. April zum Besten\nSchleswig-Holsteins im Wörmer'schen Saale gab. Fräulein Sara\nMagnus, die dazu Weber1 s Polonaise mit Liszt's Orchester-Beglei-\ntung und das F-moll-Concert von Chopin beisteuerte, zeichnete sich\nin dem letzteren grösseren und schwierigeren Werke durch die Sau-\nberkeit und Klarheit ihres Vortrages und durch ein zartfühlendes\nEinhalten des eigenthümlichen Rhythmus aus, welchen der Compo-\nnist diesem Stücke vorgeschrieben hat, und ärntete reichlichen Applaus.\nAuch Weber's Polonaise ward von Fräulein Magnus mit so leichter\nGrazie und feurigem Schwung gespielt, dass die Virtuosin von dem\nAuditorium nach beiden Sololeistungen gerufen ward. Herr Ad.\nBargheer aus Münster, der mit einem Violin-Concerte von Viotti\nund Menuet und Allegro von Bach auftrat, ist ein junger Geiger\nvon grosser Fähigkeit und Bruder des schon länger bekannten Karl\nBargheer in Detmold. Mit dem Concerte von Viotti, welches gerade\nnicht zu den dankbarsten Geigenstücken zu zählen ist, errang er\nsich dennoch einen warmen Beifall. Die beiden kürzeren Nummern\nvon Bach, von Herrn Oscar Smith vortrefflich begleitet, fanden\nnoch lebhafteren Applaus; nur wäre Herrn Bargheer ein besseres\nInstrument zu wünschen.\nMlinclien. Herr Baron von Perfall, rühmlichst bekannt\nals Componist, ist zum k. Hofmusik-Intendanten ernannt worden."}]}