{"numero_id": "bm-bmtnabi-1864-06-04-01", "volume": "bmtnabi_1864-06-04_01", "ocr_sha256": "7ebe237d9c918713a3f042886aff5c73a7d5c1df5a55e7f272cc3abdc1c4e405", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1864/06/04_01/bmtnabi_1864-06-04_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640604-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1864-06-04-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1864-06-04_01#c001", "volume": "bmtnabi_1864-06-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "177", "page_fin": "177", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640604-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "177", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640604-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 465, "texte": "Inhalt.\nDas 41. niederrheinische Musikfest. 11. Die Compositionen des Magnificat von Joh. Seb. Bach und C. Phil. Emanuel\nBach (Schluss). Von L. B. Tages- und Unterhaltungsblatt (Köln, Capellmeister F. Hiller, Kölner Männer-Gesangverein, Rhei-\nnischer Sangerbund Crefeld, Mewes' „Rahab\" Wiesbaden, Aufführung der Oper „Rizzio\" Leipzig, Conferenz von Bühnen-Vor-\nständen Benedix' dramatische Werke Luxemburg, Oper „Die Schwaben\" Hamburg, Frau Francisca Cornet Paris)."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1864-06-04-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1864-06-04_01#c002", "volume": "bmtnabi_1864-06-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "177", "page_fin": "179", "image_debut": 1, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640604-01.2.2", "titre_corps": "Das 41. niederrheinische Musikfest.", "titre_sommaire": "Das 41. niederrheinische Musikfest.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "177", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640604-01.1.1", "debut_caractere": 467, "fin_caractere_exclue": 4080, "texte": "Das 41. niederrheinische Musikfest.\nII.\n(l. s. Nr. 22.)\nDer zweite Abend des Musikfestes hatte ein Pro-\ngramm, auf welchem die Namen Bach, Gluck, Mo-\nzart, Beethoven und Mendelssohn-Bartholdy\nglänzten, Namen, die den gerechten Stolz der deutschen\nNation ausmachen und deren Cultus recht eigentlich Sache\njener grossen Künstler-Vereinigungen ist, welche die Mu-\nsikfeste allein ermöglichen.\nNach der Ouvertüre zur „Zauberflöte\", bei deren\ngediegener Ausführung durch das Geigen-Quartett die\nverbindenden Gänge der Holz-Blas-Instrumente etwas wei-\ncher hätten sein können, kam das von Joh.\nSeb. Bach in D-durfür Solostimmen, fünfstimmigen\nChor, Orchester und Orgel zur Aufführung, und zwar\nauf unseren Festen und mit solchen Massen wohl über-\nhaupt zum ersten Male. Es ist ein Prachtstück, das im\nGanzen jenen gewaltigen Eindruck macht, den die Bach'-\nsche wundervolle Polyphonie stets hervorbringt, wenn sie\nmit vollendeter Präcision und grosser Stimmenfülle, wie\ndas hier der Fall war, ausgeführt wird. Das schwierige\nWerk war von Herrn Wüllner, der es auch mit Energie\nund Sicherheit dirigirte, vortrefflich einstudirt worden und\nliess in der Ausführung nichts zu wünschen übrig. In der\nEinrichtung der Partitur war der Herr Dirigent zum Theil\nder von Robert Franz herausgegebenen gefolgt. (Vergl.\n„Bach's Magnificat\" u. s. w. in Nr. 21 und 22.) Es ver-\ndient jedenfalls Dank und Nachahmung, dass auf unseren\nMusikfesten die Grösse des unsterblichen deutschen Mei-\nsters, vor der sich alle Musiker nach ihm beugten und\nbeugen, mehr als bisher zur Anerkennung gebracht wird,\nda gerade diese Feste die Mittel bieten, seine Werke zu\nwürdiger Aufführung zu bringen. Und dass das Publicum\nauch für die Aufnahme derselben durch die in den ver-\nschiedenen Städten des Rheinlandes in den letzten Jahren\noft wiederholten Aufführungen der grossen Passionsmusi-\nken empfänglich geworden, hat der Eindruck bewiesen,\nden auch das Magnificat auf die Zuhörerschaft in Aachen\ngemacht hat.\nAuf das Magnificat von Bach folgten Scenen aus\nGluck's Iphigenie in Tauris. Ein schärferer musica-\nlischer Contrast lässt sich kaum denken. In beiden Wer-\nken ist das Wort Grundlage der Musik, aber während\ndort das Wort diese nur zu einer gewissen Stimmung an-\nregt und sie sich übrigens mit dem ganzen Aufwände ihrer\nvom Worte unabhängigen Kunst des contrapunktischen,\ndurchweg polyphonen Satzes zu den ihr allein eigentüm-\nlichen labyrinthischen Tongängen aufschwingt, in denen\nnur das Wissen und der Verstand den Faden der Ariadne,\nder sich hindurchzieht, zu verfolgen vermögen, setzt sie\nhier ihre Aufgabe und ihren Stolz darein, jede Empfin-\ndung des menschlichen Herzens, die das Wort verräth,\njede Lage, in der bestimmte Individuen im Wechsel ihres\nLebens erscheinen, auf ihr Gebiet herüberzuziehen, sie in\nTönen wiederzugeben und sich durch scheinbar kunstlose\nMelodie und Harmonie innig mit der Poesie zu vermählen.\nEs ist keine Frage, dass diese zweite Leistung der Ton-\nkunst unserer Gefühls- und Anschauungsweise, wie sie\nsich seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts entwickelt\nhat, näher liegt und eindringlicher auf uns wirkt; ja, es\nHesse sich leicht nachweisen, dass auch die Höhe, welche\nunsere absolute Musik, die Instrumental-Musik, erreicht\nhat, auf der Entwicklung der. angewandten, der Vocal-\nMusik, beruht, indem jene immer mehr den Ausdruck\nmenschlicher Empfindung und Leidenschaft von allen Fär-\nbungen in ihr Gebiet zog, so dass man nicht mit Unrecht\ndie Musik in Beethoven's Sinfonieen dramatisch nennen\nkann.\nBekanntlich hat Gluck die Aufgabe der Musik als\nder verklärenden Trägerin der Poesie am reinsten aufge-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "178", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640604-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5426, "texte": "Fasst, und seinem Willen, diese Aufgabe seiner Auffassung\ngemäss zu lösen, kamen die ihm angeborenen Eigenschaf-\nten: Kraft des Charakters, Ueberzeugungstreue und ein\nmusicalisches Talent, das gerade für die Verwirklichung\nseines Ideals vollkommen geeignet war, trefflich zu Statten.\nDie „Iphigenie auf Tauris\" ist sein letztes grosses, drama-\ntisches Werk*) und auch sein herrlichstes; fünfundsechs-\nzig Jahre zählte er, als er es schuf auf einen schönen Text\nvon Guillard, welcher die früheren, von Traetta und\nPicinni componirten, bei Weitem übertraf. Aufgeführt\nwurde die Oper zum ersten Male in Paris den 18. März\n1779 geschrieben war sie grösstentheils in Wien —,\nund wenn die früheren sich erst unter den bekannten Par-\nteikämpfen allmählich Theilnahme und Gunst erringen\nmussten, so war bei der „Iphigenie auf Tauris\" der Er-\nfolg auf der Stelle entschieden und allgemein und über\njeden Widerspruch erhaben. Selbst der grosse Kritiker\nund Gegner Gluck's, Grimm, war bekehrt. „Ich weiss\nnicht,\" schreibt er „ob das, was wir gehört, Gesang\nist. Vielleicht ist es noch etwas weit Besseres; ich vergesse\ndie Oper und finde mich in einer griechischen Tragödie.\"\nAm 2. April 1782, also drei Jahre nach der ersten\nVorstellung, wurde sie in Paris zum 151. Male gegeben\nund trug an diesem Abende 15,125 Livres ein. Ihre erste\nAufführung mit deutschem Texte fand in Wien am 23.\nOctober 1781, in Berlin am 24. Februar 1795 Statt.\nIm neunzehnten Jahrhundert hat sie sich nach Deutschland\ngeflüchtet, der wahren Heimat ihrer Musik, und dem\nOpernhause in Berlin gebührt der Ruhm, ihr vorzüglich-\nstes und lange Zeit einziges Asyl geworden zu sein; Paris\nist für sie erstorben, und erst in den letzten Jahren hat\nman auch auf anderen Bühnen, als Berlin, in Deutschland\nsie nebst ihrer älteren Schwester „Iphigenie in Aulis\"\nwieder in Scene gesetzt. Am Rheine dürften die Hoftheater\nin Darmstadt und in Karlsruhe**) die einzigen sein, welche\nnoch einmal eine Gluck'sche Oper bringen; es ist also nicht\nbloss zu rechtfertigen, sondern auch lobend anzuerkennen,\ndass die niederrheinischen Musikfeste sich der Meister-\nwerke, die einzig in ihrer Art da stehen, annehmen und\nwenigstens durch eine Reihe von Scenen aus ihnen dem\nPublicum eine Idee von der wunderbaren Wirkung mu-\nsicalischer Dramen geben, deren Vorstellungen auf der\nBühne zu schauen ihm nicht mehr vergönnt ist. Welchen\nErfolg diese auch jetzt noch nach beinahe hundert Jahren,\nja, wir behaupten, gerade jetzt wieder haben würden,\nwenn man sie gäbe und die geeigneten Darsteller dazu\nhätte, das hat sich wieder an dem ungeheuren Eindrucke\ngezeigt, den die wenigen Scenen aus der „Iphigenie\" schon\nim Concertsaale ohne alle Beihülfe theatralischer Ausstat-\ntung jetzt in Aachen wieder hervorgebracht haben.\nAber auch welch eine Iphigenie war Frau Louise\nDustmann! Wie verstand sie, unser ganzes Herz zu er-\nfüllen von dem Gefühle des innigsten Mitleids mit dem\ntragischen Geschicke der unglücklichen Jungfrau, die, einst\ndem augenblicklichen Opfertode entrissen, jetzt Jahre lang\nihr Dasein dem schrecklichsten Berufe zum ewigen Opfer\nbringen muss und nun den einzigen Trost, die einzige\nHoffnung auf die rettende Erscheinung des geliebten Bru-\nders durch Orest's verstellten Bericht von seinem Tode\nvernichtet sieht. Da stand die herrlich begabte Frau ohne\nalle Umgebung, die durch den Sinn des Auges die Täu-\nschung auf der Bühne der Wahrheit näher bringt, und\nhatte nichts, als die Stimme und die Seele, mit der sie das\ntiefe Weh der unglücklichen Priesterin der Diana em-\npfand: aber das war genug, um mit wunderbarem Zau-\nber das Ohr zu fesseln, die Seele zu rühren und zu er-\ngreifen und sich selbst zur erhabenen Priesterin der Kunst\nzu weihen. Seit der Milder-Hauptmann, welche wir noch\nso glücklich waren, zu hören, haben wir eine solche Iphi-\ngenie nicht wieder gehört, und wahrlich auch ihr hätte\nGoethe dieselben Verse widmen müssen, mit denen er\njener Sängerin seine Iphigenie sandte:\nDies unschuldvolle, fromme Spiel,\nDas edlen Beifall sich errungen,\nErreichte doch ein höheres Ziel,\nVon Gluck betont, von Dir gesungen.\nDen Orest sang Herr Hill in Recitativ und Arie ganz\nvortrefflich mit schönem Klange und richtiger, ausdrucks-\nvoller, dramatischer Declamation. Eben so vervollständig-\nten die Chöre, namentlich die zweistimmigen der Prie-\nsterinnen, auf schöne Weise das Gemälde, dessen Hinter-\ngrund sie bilden.\nDie Auswahl der Scenen war folgende: Aus dem er-\nsten Acte die Ouvertüre, die uns mitten in den Sturm\nhineinreisst, der das Schiff des Orestes an das ungastliche\nUfer schleudert und über dessen Toben sich Iphigeniens\nund des Chors Anruf an die zürnenden Götter erhebt;\ndann die Erzählung des Traumes, der folgende Chor, die\nArie an die Diana (warum fehlte das Recitativ: „Ach,\narme Pelopiden!\" welches durch seinen Schluss: „Nein,\nlänger hoff' ich nicht\" u. s. WMwM die Arie motivirt?) und\nder Chor nach ihr; als zweite Nummer die Scene des\nOrestes mit dem Chor der Eumeniden; als dritte das Ge-\nspräch zwischen Iphigenie und Orest, die herrliche Arie\n\n*) Gluck componirte allerdings noch nach der „Iphigenie\" einem\nBaron v. Tschudi zu Gefallen eine Oper: „Echo und Narcissus\",\naber sie kam nur ein Mal zur Aufführung, und seine eigentliche\ndramatisch-musicalische Laufbahn schloss mit der „Iphigenie\" ab*\n**) In Karlsruhe den 9. September 1863 „Iphigenie in\nAulis\" zum Geburtsfeste des Grossherzogs; in Darmstadt im\nMärz d. J. dieselbe Oper."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "179", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640604-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3281, "texte": "der Iphigenie: ,0, lasst mich Tiefgebeugte weinen!\" mit\nden dazu gehörigen Chören. Der völligen Abrundung we-\ngen hätten wir noch die Zugabe des kleinen Recitativs\nder Iphigenie, in welchem sie die Priesterinnen zum Opfer\nfür die Manen des todt gewähnten Orestes auffordert, und\nden wunderschönen Opfer-Chor selbst (das Ende des zwei-\nten Actes) gewünscht. Freilich würde der unmittelbare\nZusammenhang doch durch den unendlichen Applaus,\nwelcher der grossen Arie Iphigeniens folgte, unterbrochen\nworden sein.\nNach diesen Scenen von Gluck hatte der 114. Psalm\nvon Mendelssohn-Bartholdy einen schweren Stand,\nwirkte aber doch durch seine grossartige doppelchörige\nForm und eine treffliche Ausführung als ein wahres\nPrachtstück.\nUeber die Aufführung der neunten Sinfonie von\nBeethoven brauchen wir nur zu sagen, dass sie in jeder\nHinsicht eine so vollkommene war, dass sie nichts zu wün-\nschen übrig liess, wozu Orchester und Chor und die treff-\nliche Besetzung der Soli, durch welche alle Noten, sie\nmochten auch noch so instrumental gesetzt sein,- genau\nherauskamen, mit der trefflichen Auffassung und feurigen\nLeitung durch den Dirigenten, Herrn Rietz, zusammen-\nwirkten, um eine Begeisterung in der Zuhörerschaft zu\nerzeugen, wie sie ja nur an Musikfesten bei den am höch-\nsten gelungenen Aufführungen Statt finden kann.. Auffas-\nsung und Leitung des Dirigenten Herrn Julius Rietz\nwaren vortrefflich.\nDer dritte Festabend war wie gewöhnlich haupt-\nsächlich S 010 - Vor trä gen gewidmet. Sie waren dieses\nMal in dem Rahmen der grossen Concert-Ouverture\nin A-dur von Julius Rietz, welche ihr fünfundzwanzig-\nstes Geburtsjahr dadurch feierte und deren glänzende Aus-\nführung das Publicum benutzte, dem Autor und Dirigen-\nten die verdiente Ovation zu bringen, und der Egmont-\nOuverture von Beethoven, dann der ChöreSicut locutus\nest und Gloria von Bach und des Schluss-Chors aus\nHändel's Belsazer eingeschlossen. An Gesang-Vorträgen\nhörten wir von Frau Dustmann die grosse Scene der\nAgathe aus dem „Freischütz\" und Lieder von Schubert\nund Mendelssohn, von Fräulein von Edelsberg eine\nArie aus Cosi fan tutte, von Herrn Gunz die zweite Arie\nBelmonte's aus der „Entführung\" und Lieder von Schu-\nbert und Schumann, von Herrn Hill die Arie: „Gott sei\nmir gnädig!\" aus Mendelssohn's „Paulus\". Alle diese Ge-\nsangstücke wurden mit allgemeinem Applaus aufgenom-\nmen, den der künstlerische Wetteifer der Vortragenden\nauch in vollem Maasse verdiente. Namentlich trug Herr\nGunz die Arie des Belmonte mit einer Weichheit und\nInnigkeit des Ausdrucks vor, welche Mozart's Melodieen\necht mozartisch wiedergab, und Frau Dust mann zeigte\neinmal wieder, welche Fülle von herrlichster Musik in der\nArie der Agathe liegt, und riss Alles zu entzückter Be-\ngeisterung hin.\nDie Instrumental-Musik hatte nur Einen Vertreter,\naber der war Joseph Joachim, welcher sein geniales\nViolin-Concert, in ungarischer Weise componirt, ein rei-\nzendes Adagio von Spohr und Präludium und Fuge in\nG-rtwll mit derjenigen künstlerischen Vollendung vortrug,\ndie in der That einzig in ihrer Art ist, denn in ihr ver-\nschwindet die Virtuosität höchster Art mit allen ihren\nWundern, die der Meister hervorzaubert, dennoch vor dem\nedeln und eigenthüralichen Geiste, der die Vortragsweise\ndieses grossen Künstlers charakterisirt."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1864-06-04-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1864-06-04_01#c003", "volume": "bmtnabi_1864-06-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "179", "page_fin": "184", "image_debut": 3, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640604-01.2.3", "titre_corps": "Die Compositionen de Magnificat von Joh. Sebast. Back und C. Phil. Emanuel Bach.", "titre_sommaire": "Die Compositionen de Magnificat von Joh. Sebast. Back und C. Phil. Emanuel Bach.", "signature_source": "L. B", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "179", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640604-01.1.3", "debut_caractere": 3283, "fin_caractere_exclue": 4952, "texte": "Die Compositionen de Magnificat von Joh. Sebast.\nBack und C. Phil. Emanuel Bach.\n\n(Schluss. S. Nr. 21 und 22.)\nSchliesslich wollen wir nur noch ein Wort der per-\nsönlichen Rechtfertigung über die Vorwürfe sagen, welche\nHerr Franz der „musicalischen Journalistik\" in Pausch\nund Bogen über die Nichtbeachtung Bach'scher Kirchen-\nCompositionen macht, und zwar in einem Tone und mit\neiner Zuversicht, dass man glauben sollte, Herr Franz\nwäre der allererste, der ein Wort über Bach an das Pu-\nblicum richte! Er ist aber wenigstens so grossmüthig, „die\nGründe, welche diese eigentbümliche Stellung der Kunst-\nkritik erklärlich machen schwerlich würden sie zu einer\nHeil igsprechung derselben führen —, nicht specieller aus\neinander setzen zu wollen\". Warum thut er das denn\nnicht? Will er vielleicht sämmtliche musicalische Schrift-\nsteller unserer Zeit der historischen oder musicalischen\nUnwissenheit anklagen, oder hat er noch Schlimmeres im\nSinne? Vor der „Heiligsprechung\" bedankt sich übrigens\nunsere Musik-Zeitung fürs Erste, denn sie ist noch am\nLeben, und zum Beweise erlaubt sie sich sogar, Herrn\nFranz als Gegenklägerin zu fragen, warum er sie nicht\nkennt, oder ignorirt? Doch auch wir wollen nicht nach\nden Gründen dieser Ignorirung fragen und nur „dieThat-\nsache constatiren\", dass wir sowohl in unserer „Rheini-\nschen\" und „Niederrheinischen Musik-Zeitung\", so wie\nin den musicalischen Feuilletons der „Kölnischen Zeitung\"\nkeine Gelegenheit unbenutzt gelassen haben, um auf J. S.\nBach's Compositionen nicht nur aufmerksam zu machen,\nsondern sie auch zu besprechen und eindringlich, so viel\nwir vermochten, zu charakterisiren und zur Aufführung\nzu empfehlen.\n\n[1"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "180", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640604-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5161, "texte": "Wir bitten Herrn Franz, folgendes kleine Register\nmit uns durchzugehen. Es betrifft zunächst unsere Musik-\nZeitung, deren drei erste Jahrgänge den Titel „Rhei-\nnische M.-Z.\", 1850—1852, die anderen zwölf Jahr-\ngänge von 1853 an bis jetzt den Titel „Niederrheini-\nsche M.-Z.\" führen.\n1850. Rh, M.-Z. I. Nr. 5. F. Hiller: Vorwort zur\nhundertjährigen Erinnerungsfeier von J. S. Bach's Todes-\ntag den 28. Juni in Köln. Aufgeführt wurden dabei u. A.\neine zweichörige Motette und die fünfstimmige: „Es ist\nnun nichts Verdammliches\" u. s. w. Ueber das Wesen\nund die Auffassung der Bach'schen Polyphonie (Franz,\nS. 11) ist dort ausführlich und mit Geist gesprochen und\ndie Verbreitung der Kirchen-Compositionen warm empfoh-\nlen. Ferner vergleiche man eben darüber unsere Aufsätze\nin der Kölnischen Zeitung, 1859, Nr. 105, 112,\nund 1860 Nr. 95, wo u. A. aus einander gesetzt wird,\n„dass es sehr viel verlange, den wunderbar quellenden,\nneben und in einander iiiessenden Strömungen von Bach's\nMelodieen zu folgen, um die Meisterschaft seiner Schöpfun-\ngen in kunstverständiger Weise zu bewundern und die\norganische Entwicklung eines jeden Musikstückes von ihm\nvon ihrem ersten Keime bis zu ihrer mächtigsten Entfal-\ntung zu verfolgen und in sich aufzunehmen; dass es aber\nneben diesem bewussten Genüsse einen Eindruck der\nTonkunst auf das Gefühl gebe, dessen Gründe dem Hörer\nnicht klar zum Bewusstsein kommen, der aber von über-\nwiegender Wirkung auf die Seele ist und diese zu den\nedelsten und erhabensten Stimmungen emporheben kann.\nUnd diesen Eindruck vermöge besonders auch die Bach'-\nsche Polyphonie auf den Zuhörer zu machen, weil sie nicht\nauf Aeusserlichkeiten irgend einer Art, sondern ganz und\ngar auf dem Innerlichen der Kunst, auf deren geistigem\nWesen beruht. Nun hat aber kein Tonkünstler auf der\nWelt mehr von innen heraus geschaffen, als Bach\nu. s. w. Darum bedarf es nicht des Durchschauens der\nungeheuren Kunstmeisterschaft des Heros, um sich für\nihn zu begeistern, er verlangt nur ein fühlendes Menschen-\nherz seinen Tönen gegenüber, und\nWas einst aus seiner tiefen Brust entsprungen,\nErst jetzt, wo es durch Jahre durchgedrungen,\nErscheint es in vollendeter Gestalt.\nWas glänzt, ist für den Augenblick geboren,\nDas Echte bleibt der Nachwelt unverloren.\"\nUns dünkt, dass solche Aufforderungen, sich Bach'-\nscher Musik hinzugeben, in 16,000 Exemplaren verbrei-\ntet, die musicalische Journalistik doch gegen den Vorwurf\ndes Todschweigens Bach'scher Vocalmusik gehörig ver-\ntheidigen könnten!\nFügen wir hier gleich hinzu, dass der schöne Aus-\nspruch Luthers über die anderen Stimmen, „weichene-\nben der schlechten (schlichten) Weise oder dem Tenor\nherum gesungen werden\" u. s. w., den Franz S. 23 an-\nführt, auch schon vor zehn Jahren in der Niederrh. M.-Z.,\n1854, N r. 51, auf Bach's Polyphonie von L. Kindscher\nangewandt, zu lesen ist.\n1852. Rheinische M.-Z. 11. Nr. 44 und 46, über\nBach's Cantaten. Hier heisst es S. 781 u. A.: „Die\nherrliche Musik dieser zehn Gantaten ist keineswegs bloss\nfür den Kenner, der ihre vielverschlungenen Fäden zu ver-\nfolgen und zu entwirren weiss, ein Genuss, sondern für\nJeden, der noch Sinn für eine Gattung von Musik hat,\nwelche mit der reichsten. Phantasie der Erfindung die\nkunstvollste contrapunktische Arbeit zu vereinigen weiss.\nEine Rangordnung unter diesen zehn Cantaten zu bestim-\nmen, dürfte schwierig sein; sie sind alle schön, doch möch-\nten wir Nr. IV, VI, VIII, X für Aufführungen den Vor-\nzug geben. In Nr. VIII: „Liebster Gott, wann werd' ich\nsterben\", muss die Wirkung des Ganzen auch auf das\ngrosse Publicum einen wunderbaren Eindruck machen.\"\n1853. Niederrh. M.-Z. I. Anzeige der Missa in\nA-dur. Literaturblatt, S. 8.\n1854. 11. Nr. 11. Ed. Krüger über X Cantaten\n(Bd. 11. der leipziger Ausgabe) ausführliche Beurtheilungen.\nDarin die Stelle (S. 81): „Aber auch dem Volke sind\nBach's Werke gegeben. Es ist ein böses Vorurtheil, von\nfaulen Halbkünstlern erfunden, als sei der alte Bach nur\nfür die Gelehrten. Die so sprechen, haben ihn nicht er-\ngriffen, oder nie versucht, dem Volke zu geben, was des\nVolkes ist. Bach's Zeitgenossen, die freudigen Hörer sei-\nnes Wortes, waren nicht gelehrter, als wir, aber sie stan-\nden mit Einfalt und Hingebung in der Kirche, und er\nwagte, ihnen zu geben, woran sie emporklimmen möchten\nzu höherem Verständniss.\" Und nun vergleiche man,\nwas Franz S. 4 schreibt, dass die Journalistik Schuld\ndaran wäre, dass die Leute meinten, man müsse Bach den\nGelehrten überlassen!!\n1854. 11. Nr. 51. L. Kindscher über den variirten\nChoral.\n1855. 111. Nr. 12. Ueber die Johannis-Passion.\nDarin die Stelle (S. 94), in welcher wir, nachdem wir von\ndem ausserordentlichen Eindruck der zweichörigen „Him-\nmelfahrts-Cantate\" am Musikfeste im Jahre 1838 in Düs-\nseldorf gesprochen, Folgendes wörtlich äussern: „Wir\ndürfen im Andenken an jenes Durchschlagen der genann-\nten Cantate und unter dem frischen Eindrucke der Johan-\nnis-Passion die Bemerkung nicht unterdrücken, dass es\nsehr zu bedauern ist, dass von den Cantaten Bach's\nnicht häufiger in den öffentlichen.Concerten Gebrauch ge-\nmacht wird. Wir halten die Aufführung derselben so-\ngar geeigneter, den Sinn für Bach's Vocal-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "181", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640604-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4991, "texte": "Musik lebendig zu machen, als die der Passionen\"\nu. s. w. u. s. w.\n1855. 111, Nr, 32. Matthäus-Passion in Lüneburg.\n1855. 111. Nr. 5. Ed. Krüger über die Matthäus-\nPassion.\n1855. 111. Nr. 5. Mosewius: DieMatthä us-Passion.\n1855. 111, Nr. 33. Mosewius: Die Choräle Bachs.\n1856. IV. Nr. 9. Ed. Krüger über den V. Band\nder Cantaten und Zimmer's „Gedanken über die Bach-\nGesellschart\".\n1856. IV. Nr. 29. Mosewius über Bach's Gesang-\nmusik, als Hauptschlüssel zum Verständnisse desselben\nüberhaupt. Dabei folgende Stelle: „Das erste Kyrie, das\nGratias, Qui tolhsund der Schluss der\nli-moll-Messe erlordern weiter nichts, als die Stimmung\ndes Zuhörers, der sie sich dann, ihres kolossalen Baues\nungeachtet, wohl durch sich selbst erschliessen werden.\"\nDoch wir wollen hiermit schliessen, nachdem schon\ndurch die Anführungen aus den ersten sieben Jahrgängen\nunserer Zeitung (von 1850—1856, also nur der Hälfte\nder bis jetzt erschienenen Jahrgänge!) übergenug bewie-\nsen ist, wie unsere Mitarbeiter und wir selbst fortwäh-\nrend auf die Wiederaufnahme Bach'scher Vocalmusik und\ndarauf, dass sie dem grossen Publicum vorgeführt werden\nmüsse und ihres Eindrucks nicht verfehlen werde, ge-\ndrungen haben. Wir wollen aber auch nicht, um mit\nHerrn Franz zu reden, nach den Gründen fragen, die ihn\nbewogen haben mögen, unsere musicalisch-kritischen Be-\nstrebungen gänzlich zu übersehen, hätten auch davon kein\nAufhebens gemacht, wenn nicht um der Sache willen eine\nernste Widerlegung seines Vorwurfs gänzlicher Nicht-\nbeachtung Bach'scher Vocal-Compositionen nöthig gewe-\nsen wäre. Wir zweifeln nicht daran, dass Herr Franz,\nebenfalls der Sache wegen, sich gern aus Obigem über-\nzeugen wird, dass der alte Bach doch noch mehr Freunde\nunter den musicalischen Journalisten hat, als er gedacht\noder gewusst hat.\nZum Schlüsse wollen wir auf das Magniftcat von Job.\nSebastian zurückkommen,zu dessen Bekannterwerden Franz\nauf anerkennungswerthe Weise beigetragen hat, was je-\ndenfalls ein Fortschritt zu weiterer Verbreitung Bach'scher\nMusik ist, zumal da nun auch Clavier-Auszüge dessel-\nben,.von Rob. Franz selbst (Breslau, bei Leuckart-San-\nder) und von Hugo Ulrich (Leipzig, bei C. F. Peters),\nbeide zu dem mässigen Preise von J/2 Thlr., erschienen sind.\nNun ist aber von Johann Sebastian's zweitem Sohne,\nKarl Philipp Emanuel Bach, auch ein\nvorhanden, das aber eben so wenig bekannt ist, wie bisher\ndas von seinem Vater war, und die Aufmerksamkeit der\nMusiker und Musikvereine doch in hohem Grade verdient.\nAuch von K. Phil. Lmanuel Bach kann man mit\nnoch grösserem Rechte als von Johann Sebastian sagen,\ndass sein Name mehr genannt, als seine Compositionen\nbekannt sind: denn wenn gleich von seinen Ciaviersachen\nVieles wenigstens den Musikern nicht unbekannt und auch\nneuerdings wieder gedruckt worden ist wie auch seine\nvortreffliche Abhandlung „Ueber die wahre Art, das\nCiavier zu spielen\"*), so kommt das doch gar nicht\nin Betracht im Vergleich zu den vielen Hunderten von\nWerken, die er geschrieben und theils gedruckt, theils\nhandschriftlich vorhanden, hinterlassen hat. Er lebte vom\n14. März 1714 bis zum 14. September 1788 und seine\nersten Compositionen sind schon aus 1731, seinem sieben-\nzehnten Lebensjahre. Von da an bis 1787 schrieb er z. B.\n210 Clavier-Solo's, 52 Cla vier-Concerte mit Orchester,\n47 Trio's für allerlei Instrumente, 18 Sinfouieen. 12 So-\nnaten lür Ciavier mit Begleitung, die, merkwürdig genug,\nzuweilen siebenzehn Instrumente stark ist, 19 Solo's für\nandere Instrumente, 3 Quartette für Ciavier u. s. w.\nAn Gesangmusik, die uns hier näher angeht, verzeich-\nnet Gerber: ein Magnificat(l749), ein 22\nPassions-Musiken, 4 Oster-Musiken, 3 Michaelis-Musiken,\neine Weihnachts-Musik, 9 geistliche Chöre mit Instrumen-\nten, 5 Motetten, 3 Oratorien, mehrere Cantaten und\nArien für eine Singstimme mit Begleitung und 95 Lieder\nund Choräle.\nDas Magnificat ist in einer schönen Partitur-Aus-\ngabe, bei N. Sim rock in Bonn gedruckt, erschienen.\nEs führt den Titel:\nMagnificat a 4 Voci,\nCorni, 2Flauti, 2 O\ntinuo di Carlo Filip\nMaestro di Capella\npessa Amalia di Prus\nburgo, Direttore di Musica della Republica di\nHamburgo. Dopo Partitura autografa dell' autore.\nPrezzo 14 Fr es.(3 Thlr. 22 Sgr.) presso\nK Simrock 105 S. Gr. Fol. 2758.\nMan sieht schon aus der Seitenzahl, dass es umfang-\nreicher ist, als das von Johann Sebastian; alle Sätze, Soli\nund Chöre, sind hier weit mehr ausgeführt, als dort. Die\nHaupt-Tonart ist ebenfalls D-daDie einzelnen Nummern\nes sind neun und als Anhang eine zweite Composition\n\n*) Vergl. Jahrgang 1856, Nr. 16 und 17. Das Werk er-\nlebte bis 1797 vier Auflagen. Der neue Abdruck, von G. Schilling\nbesorgt,, erschien 1856, Berlin, bei Stage. Fetis sagt in der\nneuen Ausgabe der Biographie universelle im Artikel C. Ph. Em.\nBach: „Nichts bezeichnet die Gleichgültigkeit, die in Frankreich\nfür die Fortschritte der Musik herrscht, besser, als der Mangel einer\nUebersetzung dieses Buches von Bach, welches viel bedeutender ist,\nals sein Titel vermuthen lässt.u"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "182", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640604-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3777, "texte": "des Et miserieordia—folgen im Allgemeinen den gewöhn-\nlichen Vers-Abschnitten, allein die Auffassung ist bei meh-\nreren derselben verschieden von der älteren Bach'schen\nund liegt unserer Anschauungs- und Gefüblsweise gröss-\ntenteils näher.\nNr. 1. Chor. Allegro. 4/4. D dur. Magnifieat ani-\nma mea Dominum et exultavit\nlutari meo in Einer Stimmung ungetrennt, wie es der\nSinn der Worte fordert. Der Gesang vierstimmig, die In-\nstrumentirung vollständig mit den auf dem Titel der Par-\ntitur genannten Instrumenten, der für die Orgel\ndurchweg beziffert. Obligat ist aber die Orgel nirgends.\nDer Charakter ist ein jubelndes Pomposo, durchweg homo-\nphon mit einigen imitirenden Einsätzen ohne Figurenwerk,\nwelches die Violinen (im Unisono) haben das Ganze\nein populäres Glanzstück. S. 3 17.\nNr. 2. Solo Soprano. Andante. 3/4. H-moll. Quia\nrespexit humilitatem aneillae\ntam me dicent omnes generationes. Auch hier ist das Zu-\nsammengehörige bei einander geblieben und einer Sopran-\nstimme allein zugetheilt, wobei offenbar ein sehr richtiges\nGefühl geleitet hat. Dieses Andante von 88 Tacten ist ein\nausserordentlich schönes Gesangstück, keineswegs in der\nalten Form der Arie, sondern ein fortströmender melodi-\nscher Erguss der innigsten Empfindung, in welchem der\nAusdruck der Demuth in:\nmit dem Gefühle der Beseligung in:\nganz vortrefflich contrastirt. Nimmt man nun noch dazu,\ndass die nachher auf beatam geschriebenen fünf figurirten\nTacte (eeee enim ex hoc, von hzu g hinaufsteigend):\ngar nichts an sich haben, was nur entfernt dem Coloratur-\nzopf gliche, so wird man hier den genialen Vorgänger\nHaydn's und Mozart's erkennen. Die Begleitung dieses\nGesangstückes führt nur das Geigen-Quartett, die beiden\nViolinen durchweg selbständig und zweistimmig mit der\nausdrucksvollen Hauptfigur:\nNach diesem Solo setzt das Quartett und die Hörner das\nheroische Ritornell der\nNr. 3. Solo Tenore. Al 4/4. ein:\nQuia fecit mihi magna, quip\nejus—eine glänzende Arie von 130 Tacten mit Triolen-\nColoraturen. Sie erfordert einen guten Sänger, ist aber\nsehr sanghar geschrieben. Hierauf folgt in schönem Ge-\ngensatze:\nNr. 4. Quartett für Sopran, Alt, Tenor und\nBass. Andantino. 3ja. E-moll, begleitet vom Geigen-Quar-\ntett, 2 Flöten und 2 Oboen: Et miserieordia ejus a pro -\ngenie in progenies timentibus Ein sehr schöner, 128\nTacte lang durchgeführter Satz voll des innigsten Aus-\ndrucks, der einen besonderen Reiz auch dadurch gewinnt,\ndass die beiden Frauenstimmen ein paar Mal ganze Perio-\nden allein führen. Auf diesen Satz und auf die Sopran-\nArie Nr. 2 kann man anwenden, was K. Ph. Em. Bach\nin seinem Buche über das Clavierspiel sagt: „Durch eine\nrichtige Kenntniss der Harmonie und einen muthigen Ge-\nbrauch wird man Meister in allen Tonarten, und der Com-\nponist erfindet auch im galanten Stile Modulationen, die\nnoch nicht dagewesen sind. Durch Klugheit, Wissenschaft\nund Muth kann man dahin gelangen, auf die gewöhnliche,\nwie auf eine entfernte Art neu, angenehm und über-\nraschend zu moduliren, auf die natürlichste Art, ohne en-\nharmonische Künste. Rechnet man nun noch den ver-\nnünftigen Gebrauch dieser hinzu, welcher Reichthum\nöffnet sich! Nur muss man die Gewürze nicht zu oft\nbrauchen und nicht zu stark auftragen, sonst verlieren sie\nihren Reiz! Solche Dinge müssen nicht immer vorkom-\nmen, damit das Natürliche des Gedankenstromes\nnicht ganz und gar dadurch verwischt wird.\" Goldene\nWorte und vor hundert Jahren geschrieben! 0 ihr in\nChromatik und Enharmonik Schwelgenden unter unseren\nZeitgenossen, denkt doch zurück an das dieses\nPropheten Emanuel und bekehret euch!\nUnd dennoch möchten wir den im Anhang an der\nStelle dieser Nr. 4 gegebenen Chor, 4/4, eben-\nfalls in E-moll: Et miserieordia u. s. w., noch vorziehen,\nso herrlich und in seinen Harmonieen überraschend und"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "183", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640604-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4374, "texte": "ausdrucksvoll ist er, wovon gleich die ersten 16 Tacte,\nvon E-moll nach G-durmodulirend, ein Beispiel geben.\nAuch der seitdem so oft mit glücklicher Anwendung wie-\nderholte Ausdruck durch wechselnde Erhöhung und Er-\nniedrigung der charakteristischen Note des Accords (eines\nder bekanntesten Beispiele ist in Beethoven's Fidelio, Nr. 5,\nTerzett in F-dur, das wechselnde des und d), was man\ndurchaus für modern halten sollte, finden wir bereits hier\nin folgender Stelle in der zweiten Stimme auf die Worte:\ntimentibus eum:\nund so noch einmal im Texte und ein drittes Mal im Nach-\nspiel der Instrumente in den Violinen, Oboen und Flöten,\nund zwar stets der erste Tact mit p, der zweite mit mf\noder fbezeichnet. Das Adagio ist 54 Tacte lang.\nNr. 5. asso. Allegro.2/4 A\ntiam in brachio suo, dispersit\nEine heroische Arie für einen hohen Bass, den wir jetzt\nBariton nennen, denn sie hat das hohe d e fis häufig und\nnur ein oder zwei Mal das tiefe a und gis als kurz anzu-\nschlagende Achtel. Sie ist vom Geigen-Quartett, drei\nTrompeten und Pauken und Orgel begleitet und effectvoll.\nEine Malerei, die der Zeit anheimfällt, findet sich auf:\nNr. 6. Duo, Alto e Te4/4. in\nmoll. Deposuit potentes u. s. w. und anschliessend in\nEsurientes implevit bonis et divites dimisit inanes. Die In-\nstrumentirung hat nur zwei Hörner zum Geigen-Quartett;\ndie Violinen haben im A-mott-S&lze meist figurirte Triolen-\nBegleitung, im F-dur-Satze aber nicht, welcher überhaupt\neinfacher und melodischer gehalten ist. Dieses Duett ist\nüber 160 Tacte lang; obwohl keineswegs flach, ist dieses\nSolostück doch das einzige im ganzen Werke, das vielleicht\nden Zuhörer etwas ermüdet.\nNr. 7. Solo Alto. Andan3/4.\nIsrael, puerum suum, recordatus\nlocutus est ad patres nostros Abraham et semini ejus in\nsaecula. Die Begleitung hat zwei Flöten zu dem Saiten-\nQuartett, die aber fast nur in der höheren Octav mit den\nGeigen [consordint) gehen: Alles sempre piano. Ein schö-\nner Gesang, zu welchem dann das\nNr. 8. Allegro di molto. 4jt.D-dur, Chor mit vollem\nOrchester einen kräftigen Gegensatz bildet. Es bringt\nden Chor Nr. 1 (Magnificatu. s. w.) grösstenteils wie-\nder, schliesst aber aul der Dominante, so dass sich unmit-\ntelbar daran reihet\nNr. 9. Chor. Atta breve. 4/4. D-dur. Sicut\nerat in principio et nunc et Se\nrum. Amen!— eine vierstimmige kolossale Fuge, wie de-\nren wenige geschrieben worden sind, mit welcher Karl\nPhilipp Emanuel seinem Vater und allen denen, die auf\nseinen „galanten\" Stil etwas missvergnügt herabblickten,\nzur Genüge bewies, dass er sein Handwerk aufs gründ-\nlichste verstehe. Es ist dies die einzigste Nummer des Wer-\nkes, die im polyphonen contrapunktischen Stile geschrie-\nben ist, der aber dafür auch, und zwar mit stets gestei-\ngerter Kunst und Wirkung, auf einunddreissig Parti-\nturseiten 246 Tacte lang durchgeführt ist!\nWenn wir oben sagten, dass Philipp Emanuel durch\ndiese Biesenfuge auch seinem Vater eine freudige Ueber-\nzeugung von seiner contrapunktischen Tüchtigkeit gegeben\nhabe, so mag das mehr auf die Absicht, als auf den Er-\nfolg zu beziehen sein, da das Magnificat Emanuel's 1749\ngeschrieben ist und Johann Sebastian schon am 30. Juli\n1750 starb. In der gleichen Absicht, diejenigen von sei-\nnen Kunstgenossen zum Schweigen zu bringen, welche ver-\nlauten liessen, er habe sich nicht aus innerem Triebe und\nGenie auf die Erfindung und Entwicklung der freieren\nmusicalischen Formen geworfen, sondern aus Unvermö-\ngen, sich in den regel- und schulgerechten bewegen zu\nkönnen, liess er in dem „Musicalischen Allerlei\" (Berlin,\n1761) zwei Clavier-Sonaten drucken, deren erste in E-moll\nsich in allen Sätzen an die älteren Formen hält, die zweite\nin D-mollals Schlusssatz eine vortreffliche Fuge enthält.\nEs ist keine Frage, dass Philipp Emanuel aus innerer\nUeberzeugung von der Wirkung der Musik auf das Ge-\nmüth des Hörers die Melodie als die eigentliche Seele der\nMusik ansah, und diese Ansicht in seinen Compositionen\nzur Geltung zu bringen, hatte ihm die Natur eine reiche\nPhantasie und zugleich Talent für die leichte Auffassung\nder Kunst-Lehrsätze und Kunstformen verliehen, welches\ner mehr durch eigene Studien und Uebungen, als durch\nfolgerechten Unterricht ausbildete, da sein Vater ihn gar\nnicht zum Musiker bestimmte, sondern zum Rechtsgelehr-\nten. Dass aber die wissenschaftliche Erziehung und sein\nAufenthalt auf den Universitäten Leipzig und Frankfurt"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "184", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640604-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 613, "texte": "an der Oder ihm eine allgemeine und über die Eigen-\nschaften der meisten damaligen Musiker weit hinausgehende\nBildung erworben hatten, war gewiss nicht ohne Einfluss\naul die Richtung, die er in der Tonkunst einschlug.\nDas Magnificat möchten wir allen Gesangvereinen\nund denjenigen Concert-lnstituten, die über einen grossen\nChor und gute Solostimmen verfügen können, ganz be-\nsonders empfehlen, namentlich dürfte es sich auch zu Auf-\nführungen auf Musikfesten eignen.\nAuf einige andere grössere Gesang-Compositionen\nK. Pb. Em. Bach's, z. B. sein zweichöriges „Heilig\", ge-\ndenken wir später zurückzukommen.\n\nL. B."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1864-06-04-01-c011", "article_bluemountain": "bmtnabi_1864-06-04_01#c011", "volume": "bmtnabi_1864-06-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "184", "page_fin": "184", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640604-01.2.4", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "184", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640604-01.1.8", "debut_caractere": 615, "fin_caractere_exclue": 5475, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nÄölri. Capellmeister Ferdinand Hiller ist von dem freien\ndeutschen Hochstifte für Wissenschaft und Kunst in Frank-\nfurt am Main in die Classe der Meisterschaft aufgenommen und\nzum Ebren-Mitgliede ernannt worden. Die „Societät der Tonkünstler\"\nin Prag hat ihm ebenfalls das Diplom als Ehren-Mitglied über-\nsandt. Ferner hat ihn die Musical Society in London zum hono-\nrary fellow (Khrenmeister) aufgenommen, eine Auszeichnung, die\nauf dem ganzen Continente nur etwa zwölf Künstlern zu Theil ge-\nworden ist.\nAm 28. Mai feierte der kölner Männer-Gesangverein\nsein zweiundzwanzigstes Stiftungsfest im Kreise heiterer Genossen\ndurch ein Abendessen und fröhliche Lieder.\nDer rheinische Sängerbund bereitet für den 12. und 13.\nJuni sein zweites Sängerfest hier in Köln vor (das erste war im\nvorigen Jahre in Aachen). Im Concerte am 12. wird eine neue\nComposition von Ferd. Hiller: „Der 93. Psalm für Männerchor\nund Orchester\", zur Aufführung kommen; ferner als neu: „Gruss\nam Rheine\", von Wolfgang Müller, componirt von W. Eisenhuth,\nDirigenten des hiesigen Sängervereins Polyhymnia. Der kölner\nMänner-Gesangverein und der kölner Sängerbund sind nicht bei dem\nrheinischen Bunde und dessen Festen betheiligt.\nD Elberfeld, 28. Mai. In unserer Stadt dürfte das neue\nOratorium von Mewes: „Rahab\", in nächster Zeit zur Aufführung\nkommen. Herr Musik-Director J. Schornstein hat sich an den\nbraunschweiger Tonsetzer zu diesem Ende gewandt und von dem-\nselben die Partitur zugesandt bekommen.\nIn Wiesbaden ist am 30. April die Oper „Rizzio\" von\nC. Mayer, Musik von A. Schliebner, k. preuss. Musik-Director,\ngegeben worden. Das Buch behandelt das Verhältniss des Sängers\nRizzio zu Maria Stuart und soll mit Geschick gemacht sein, was die\ndramatische Anlage, nicht aber, was die Verse betrifft. Die Oper\nhatte einen Succ&s d'estime. Die Musik vorräth einen gewandten\nComponisten, leidet aber an Mangel von Erfindung. Das Haus war\nschwach besetzt, und es lässt sich nach Einigen desshalb\nüber den eigentlichen Erfolg kein sicheres Urtheil feststellen. Sie\nwurde am letzten Abende vor den Ferien gegeben; über die Wie-\nderholung verlautet noch nichts.\nLeipzig« Anfangs Mai hatten sich die zum Cartel-Vereine\ngehörigen Bühnen-Vorstände zu einer Conferenz in hiesiger Stadt\nvereinigt und ihre Sitzungen am 6. und 7. Mai unter dem Vorsitze\ndes Herrn von Hülsen im Hotel de Baviere gehalten. Ausser\ndem Vorsitzenden waren anwesend die Herren Dr. Dingelstedt aus\nWeimar, v. Könneritz aus Dresden, Wallner aus Berlin, v. Brand\naus Dessau, Woltersdorf aus Königsberg, Schwemer aus Breslau,\nNowack aus Magdeburg, v. Heeringen aus Kassel, v. Boose aus\nWiesbaden. Die Resultate der Verhandlungen sollen sein: Gründung\neiner Theaterschule in Berlin, einer Meyerbeer-Stiftung zur Unter-\nstützung deutscher Tondichter und gemeinsame Aufführung von\nCompositionen derselben auf den Bühnen des Vereins, so wie manche\nandere Verbesserung zur Hebung der dramatischen Kunst. [Die letzt-\ngenannte Aufgabe der neuen Stiftung: „gemeinsame Aufführung\nneuer Werke deutscher Componisten\", würde mithin, was sehr wün-\nschenswerth wäre, die Verwirklichung der von uns in Nr. 12 vom\n19. März d. J. angeregten Idee einer Art von musicalischer\nKunst-Ausstellung anbahnen. L. B.]\nRoderich Benedix gibt den siebenzehnten Band seiner dra-\nmatischen Werke heraus; derselbe enthält folgende Stücke: „Die\nVerlobung\", „Sammelwuth\", „Der Dritte\" und „Die Pflegetöchter\".\nLuxemburg« Hier wurde vor Kurzem eine dreiactige ro-\nmantische Oper: „Die Schwaben\", von H. Ob erhoffer in einem\nConcerte mit Beifall aufgeführt.\nHamburg« Frau Francisca Cornet, die treffliche Ge-\nsanglehrerin, sieht sich aus Gesundheits-Rücksichten genöthigt, ihrer\nbisherigen anstrengenden Thätigkeit zu entsagen. Sie wird aus die-\nsem Grunde Hamburg verlassen und sich nach Braunschweig zu-\nrückziehen, dessen Bewohner der Künstlerin, die Jahre lang eine\nZierde der dortigen Bühne gewesen, eine unveränderte Anhänglich-\nkeit und Verehrung bewahrt haben.\nv i, 1 • ' •\nParis. Nach einer Depesche des Fürsten Talleyrand aus Ber-\nlin an den Marschall Vaillant berechtigt eine Clausel in Meyer-\nbe er's Testamente die pariser grosse Oper zur Aufführung der\nOper „Die Africanerin\" und betraut Herrn Louis Brandus mit den\nVerabredungen und Unterhandlungen über das Einzelne mit dem\nDirector der Oper, Herrn Perrin.\nMeyerbeer soll ein Vermögen von drei Millionen Thaler\nhinterlassen haben; der musicalische Feuilletonist Fiorentino, der\nvor einigen Tagen hier gestorben ist, über eine Million Francs.\nDie Theaterfreiheit wird unter Anderem auch ein zweites ita-\nliänisches Theater ins Leben rufen. Dasselbe soll der Op6ra buffa\ngewidmet sein. An der Spitze dieses Unternehmens, das, beiläufig\ngesagt, viel Aussicht auf Erfolg hat, stehen zwei ehemalige Secre-\ntäre des Thedtre italien, die Herren Ca'imi und de Filippi."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "177", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640604-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nDas 41. niederrheinische Musikfest. 11. Die Compositionen des Magnificat von Joh. Seb. Bach und C. Phil. Emanuel\nBach (Schluss). Von L. B. Tages- und Unterhaltungsblatt (Köln, Capellmeister F. Hiller, Kölner Männer-Gesangverein, Rhei-\nnischer Sangerbund Crefeld, Mewes' „Rahab\" Wiesbaden, Aufführung der Oper „Rizzio\" Leipzig, Conferenz von Bühnen-Vor-\nständen Benedix' dramatische Werke Luxemburg, Oper „Die Schwaben\" Hamburg, Frau Francisca Cornet Paris).\n\nDas 41. niederrheinische Musikfest.\nII.\n(l. s. Nr. 22.)\nDer zweite Abend des Musikfestes hatte ein Pro-\ngramm, auf welchem die Namen Bach, Gluck, Mo-\nzart, Beethoven und Mendelssohn-Bartholdy\nglänzten, Namen, die den gerechten Stolz der deutschen\nNation ausmachen und deren Cultus recht eigentlich Sache\njener grossen Künstler-Vereinigungen ist, welche die Mu-\nsikfeste allein ermöglichen.\nNach der Ouvertüre zur „Zauberflöte\", bei deren\ngediegener Ausführung durch das Geigen-Quartett die\nverbindenden Gänge der Holz-Blas-Instrumente etwas wei-\ncher hätten sein können, kam das von Joh.\nSeb. Bach in D-durfür Solostimmen, fünfstimmigen\nChor, Orchester und Orgel zur Aufführung, und zwar\nauf unseren Festen und mit solchen Massen wohl über-\nhaupt zum ersten Male. Es ist ein Prachtstück, das im\nGanzen jenen gewaltigen Eindruck macht, den die Bach'-\nsche wundervolle Polyphonie stets hervorbringt, wenn sie\nmit vollendeter Präcision und grosser Stimmenfülle, wie\ndas hier der Fall war, ausgeführt wird. Das schwierige\nWerk war von Herrn Wüllner, der es auch mit Energie\nund Sicherheit dirigirte, vortrefflich einstudirt worden und\nliess in der Ausführung nichts zu wünschen übrig. In der\nEinrichtung der Partitur war der Herr Dirigent zum Theil\nder von Robert Franz herausgegebenen gefolgt. (Vergl.\n„Bach's Magnificat\" u. s. w. in Nr. 21 und 22.) Es ver-\ndient jedenfalls Dank und Nachahmung, dass auf unseren\nMusikfesten die Grösse des unsterblichen deutschen Mei-\nsters, vor der sich alle Musiker nach ihm beugten und\nbeugen, mehr als bisher zur Anerkennung gebracht wird,\nda gerade diese Feste die Mittel bieten, seine Werke zu\nwürdiger Aufführung zu bringen. Und dass das Publicum\nauch für die Aufnahme derselben durch die in den ver-\nschiedenen Städten des Rheinlandes in den letzten Jahren\noft wiederholten Aufführungen der grossen Passionsmusi-\nken empfänglich geworden, hat der Eindruck bewiesen,\nden auch das Magnificat auf die Zuhörerschaft in Aachen\ngemacht hat.\nAuf das Magnificat von Bach folgten Scenen aus\nGluck's Iphigenie in Tauris. Ein schärferer musica-\nlischer Contrast lässt sich kaum denken. In beiden Wer-\nken ist das Wort Grundlage der Musik, aber während\ndort das Wort diese nur zu einer gewissen Stimmung an-\nregt und sie sich übrigens mit dem ganzen Aufwände ihrer\nvom Worte unabhängigen Kunst des contrapunktischen,\ndurchweg polyphonen Satzes zu den ihr allein eigentüm-\nlichen labyrinthischen Tongängen aufschwingt, in denen\nnur das Wissen und der Verstand den Faden der Ariadne,\nder sich hindurchzieht, zu verfolgen vermögen, setzt sie\nhier ihre Aufgabe und ihren Stolz darein, jede Empfin-\ndung des menschlichen Herzens, die das Wort verräth,\njede Lage, in der bestimmte Individuen im Wechsel ihres\nLebens erscheinen, auf ihr Gebiet herüberzuziehen, sie in\nTönen wiederzugeben und sich durch scheinbar kunstlose\nMelodie und Harmonie innig mit der Poesie zu vermählen.\nEs ist keine Frage, dass diese zweite Leistung der Ton-\nkunst unserer Gefühls- und Anschauungsweise, wie sie\nsich seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts entwickelt\nhat, näher liegt und eindringlicher auf uns wirkt; ja, es\nHesse sich leicht nachweisen, dass auch die Höhe, welche\nunsere absolute Musik, die Instrumental-Musik, erreicht\nhat, auf der Entwicklung der. angewandten, der Vocal-\nMusik, beruht, indem jene immer mehr den Ausdruck\nmenschlicher Empfindung und Leidenschaft von allen Fär-\nbungen in ihr Gebiet zog, so dass man nicht mit Unrecht\ndie Musik in Beethoven's Sinfonieen dramatisch nennen\nkann.\nBekanntlich hat Gluck die Aufgabe der Musik als\nder verklärenden Trägerin der Poesie am reinsten aufge-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "178", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640604-01.1.2", "texte": "Fasst, und seinem Willen, diese Aufgabe seiner Auffassung\ngemäss zu lösen, kamen die ihm angeborenen Eigenschaf-\nten: Kraft des Charakters, Ueberzeugungstreue und ein\nmusicalisches Talent, das gerade für die Verwirklichung\nseines Ideals vollkommen geeignet war, trefflich zu Statten.\nDie „Iphigenie auf Tauris\" ist sein letztes grosses, drama-\ntisches Werk*) und auch sein herrlichstes; fünfundsechs-\nzig Jahre zählte er, als er es schuf auf einen schönen Text\nvon Guillard, welcher die früheren, von Traetta und\nPicinni componirten, bei Weitem übertraf. Aufgeführt\nwurde die Oper zum ersten Male in Paris den 18. März\n1779 geschrieben war sie grösstentheils in Wien —,\nund wenn die früheren sich erst unter den bekannten Par-\nteikämpfen allmählich Theilnahme und Gunst erringen\nmussten, so war bei der „Iphigenie auf Tauris\" der Er-\nfolg auf der Stelle entschieden und allgemein und über\njeden Widerspruch erhaben. Selbst der grosse Kritiker\nund Gegner Gluck's, Grimm, war bekehrt. „Ich weiss\nnicht,\" schreibt er „ob das, was wir gehört, Gesang\nist. Vielleicht ist es noch etwas weit Besseres; ich vergesse\ndie Oper und finde mich in einer griechischen Tragödie.\"\nAm 2. April 1782, also drei Jahre nach der ersten\nVorstellung, wurde sie in Paris zum 151. Male gegeben\nund trug an diesem Abende 15,125 Livres ein. Ihre erste\nAufführung mit deutschem Texte fand in Wien am 23.\nOctober 1781, in Berlin am 24. Februar 1795 Statt.\nIm neunzehnten Jahrhundert hat sie sich nach Deutschland\ngeflüchtet, der wahren Heimat ihrer Musik, und dem\nOpernhause in Berlin gebührt der Ruhm, ihr vorzüglich-\nstes und lange Zeit einziges Asyl geworden zu sein; Paris\nist für sie erstorben, und erst in den letzten Jahren hat\nman auch auf anderen Bühnen, als Berlin, in Deutschland\nsie nebst ihrer älteren Schwester „Iphigenie in Aulis\"\nwieder in Scene gesetzt. Am Rheine dürften die Hoftheater\nin Darmstadt und in Karlsruhe**) die einzigen sein, welche\nnoch einmal eine Gluck'sche Oper bringen; es ist also nicht\nbloss zu rechtfertigen, sondern auch lobend anzuerkennen,\ndass die niederrheinischen Musikfeste sich der Meister-\nwerke, die einzig in ihrer Art da stehen, annehmen und\nwenigstens durch eine Reihe von Scenen aus ihnen dem\nPublicum eine Idee von der wunderbaren Wirkung mu-\nsicalischer Dramen geben, deren Vorstellungen auf der\nBühne zu schauen ihm nicht mehr vergönnt ist. Welchen\nErfolg diese auch jetzt noch nach beinahe hundert Jahren,\nja, wir behaupten, gerade jetzt wieder haben würden,\nwenn man sie gäbe und die geeigneten Darsteller dazu\nhätte, das hat sich wieder an dem ungeheuren Eindrucke\ngezeigt, den die wenigen Scenen aus der „Iphigenie\" schon\nim Concertsaale ohne alle Beihülfe theatralischer Ausstat-\ntung jetzt in Aachen wieder hervorgebracht haben.\nAber auch welch eine Iphigenie war Frau Louise\nDustmann! Wie verstand sie, unser ganzes Herz zu er-\nfüllen von dem Gefühle des innigsten Mitleids mit dem\ntragischen Geschicke der unglücklichen Jungfrau, die, einst\ndem augenblicklichen Opfertode entrissen, jetzt Jahre lang\nihr Dasein dem schrecklichsten Berufe zum ewigen Opfer\nbringen muss und nun den einzigen Trost, die einzige\nHoffnung auf die rettende Erscheinung des geliebten Bru-\nders durch Orest's verstellten Bericht von seinem Tode\nvernichtet sieht. Da stand die herrlich begabte Frau ohne\nalle Umgebung, die durch den Sinn des Auges die Täu-\nschung auf der Bühne der Wahrheit näher bringt, und\nhatte nichts, als die Stimme und die Seele, mit der sie das\ntiefe Weh der unglücklichen Priesterin der Diana em-\npfand: aber das war genug, um mit wunderbarem Zau-\nber das Ohr zu fesseln, die Seele zu rühren und zu er-\ngreifen und sich selbst zur erhabenen Priesterin der Kunst\nzu weihen. Seit der Milder-Hauptmann, welche wir noch\nso glücklich waren, zu hören, haben wir eine solche Iphi-\ngenie nicht wieder gehört, und wahrlich auch ihr hätte\nGoethe dieselben Verse widmen müssen, mit denen er\njener Sängerin seine Iphigenie sandte:\nDies unschuldvolle, fromme Spiel,\nDas edlen Beifall sich errungen,\nErreichte doch ein höheres Ziel,\nVon Gluck betont, von Dir gesungen.\nDen Orest sang Herr Hill in Recitativ und Arie ganz\nvortrefflich mit schönem Klange und richtiger, ausdrucks-\nvoller, dramatischer Declamation. Eben so vervollständig-\nten die Chöre, namentlich die zweistimmigen der Prie-\nsterinnen, auf schöne Weise das Gemälde, dessen Hinter-\ngrund sie bilden.\nDie Auswahl der Scenen war folgende: Aus dem er-\nsten Acte die Ouvertüre, die uns mitten in den Sturm\nhineinreisst, der das Schiff des Orestes an das ungastliche\nUfer schleudert und über dessen Toben sich Iphigeniens\nund des Chors Anruf an die zürnenden Götter erhebt;\ndann die Erzählung des Traumes, der folgende Chor, die\nArie an die Diana (warum fehlte das Recitativ: „Ach,\narme Pelopiden!\" welches durch seinen Schluss: „Nein,\nlänger hoff' ich nicht\" u. s. WMwM die Arie motivirt?) und\nder Chor nach ihr; als zweite Nummer die Scene des\nOrestes mit dem Chor der Eumeniden; als dritte das Ge-\nspräch zwischen Iphigenie und Orest, die herrliche Arie\n\n*) Gluck componirte allerdings noch nach der „Iphigenie\" einem\nBaron v. Tschudi zu Gefallen eine Oper: „Echo und Narcissus\",\naber sie kam nur ein Mal zur Aufführung, und seine eigentliche\ndramatisch-musicalische Laufbahn schloss mit der „Iphigenie\" ab*\n**) In Karlsruhe den 9. September 1863 „Iphigenie in\nAulis\" zum Geburtsfeste des Grossherzogs; in Darmstadt im\nMärz d. J. dieselbe Oper."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "179", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640604-01.1.3", "texte": "der Iphigenie: ,0, lasst mich Tiefgebeugte weinen!\" mit\nden dazu gehörigen Chören. Der völligen Abrundung we-\ngen hätten wir noch die Zugabe des kleinen Recitativs\nder Iphigenie, in welchem sie die Priesterinnen zum Opfer\nfür die Manen des todt gewähnten Orestes auffordert, und\nden wunderschönen Opfer-Chor selbst (das Ende des zwei-\nten Actes) gewünscht. Freilich würde der unmittelbare\nZusammenhang doch durch den unendlichen Applaus,\nwelcher der grossen Arie Iphigeniens folgte, unterbrochen\nworden sein.\nNach diesen Scenen von Gluck hatte der 114. Psalm\nvon Mendelssohn-Bartholdy einen schweren Stand,\nwirkte aber doch durch seine grossartige doppelchörige\nForm und eine treffliche Ausführung als ein wahres\nPrachtstück.\nUeber die Aufführung der neunten Sinfonie von\nBeethoven brauchen wir nur zu sagen, dass sie in jeder\nHinsicht eine so vollkommene war, dass sie nichts zu wün-\nschen übrig liess, wozu Orchester und Chor und die treff-\nliche Besetzung der Soli, durch welche alle Noten, sie\nmochten auch noch so instrumental gesetzt sein,- genau\nherauskamen, mit der trefflichen Auffassung und feurigen\nLeitung durch den Dirigenten, Herrn Rietz, zusammen-\nwirkten, um eine Begeisterung in der Zuhörerschaft zu\nerzeugen, wie sie ja nur an Musikfesten bei den am höch-\nsten gelungenen Aufführungen Statt finden kann.. Auffas-\nsung und Leitung des Dirigenten Herrn Julius Rietz\nwaren vortrefflich.\nDer dritte Festabend war wie gewöhnlich haupt-\nsächlich S 010 - Vor trä gen gewidmet. Sie waren dieses\nMal in dem Rahmen der grossen Concert-Ouverture\nin A-dur von Julius Rietz, welche ihr fünfundzwanzig-\nstes Geburtsjahr dadurch feierte und deren glänzende Aus-\nführung das Publicum benutzte, dem Autor und Dirigen-\nten die verdiente Ovation zu bringen, und der Egmont-\nOuverture von Beethoven, dann der ChöreSicut locutus\nest und Gloria von Bach und des Schluss-Chors aus\nHändel's Belsazer eingeschlossen. An Gesang-Vorträgen\nhörten wir von Frau Dustmann die grosse Scene der\nAgathe aus dem „Freischütz\" und Lieder von Schubert\nund Mendelssohn, von Fräulein von Edelsberg eine\nArie aus Cosi fan tutte, von Herrn Gunz die zweite Arie\nBelmonte's aus der „Entführung\" und Lieder von Schu-\nbert und Schumann, von Herrn Hill die Arie: „Gott sei\nmir gnädig!\" aus Mendelssohn's „Paulus\". Alle diese Ge-\nsangstücke wurden mit allgemeinem Applaus aufgenom-\nmen, den der künstlerische Wetteifer der Vortragenden\nauch in vollem Maasse verdiente. Namentlich trug Herr\nGunz die Arie des Belmonte mit einer Weichheit und\nInnigkeit des Ausdrucks vor, welche Mozart's Melodieen\necht mozartisch wiedergab, und Frau Dust mann zeigte\neinmal wieder, welche Fülle von herrlichster Musik in der\nArie der Agathe liegt, und riss Alles zu entzückter Be-\ngeisterung hin.\nDie Instrumental-Musik hatte nur Einen Vertreter,\naber der war Joseph Joachim, welcher sein geniales\nViolin-Concert, in ungarischer Weise componirt, ein rei-\nzendes Adagio von Spohr und Präludium und Fuge in\nG-rtwll mit derjenigen künstlerischen Vollendung vortrug,\ndie in der That einzig in ihrer Art ist, denn in ihr ver-\nschwindet die Virtuosität höchster Art mit allen ihren\nWundern, die der Meister hervorzaubert, dennoch vor dem\nedeln und eigenthüralichen Geiste, der die Vortragsweise\ndieses grossen Künstlers charakterisirt.\n\nDie Compositionen de Magnificat von Joh. Sebast.\nBack und C. Phil. Emanuel Bach.\n\n(Schluss. S. Nr. 21 und 22.)\nSchliesslich wollen wir nur noch ein Wort der per-\nsönlichen Rechtfertigung über die Vorwürfe sagen, welche\nHerr Franz der „musicalischen Journalistik\" in Pausch\nund Bogen über die Nichtbeachtung Bach'scher Kirchen-\nCompositionen macht, und zwar in einem Tone und mit\neiner Zuversicht, dass man glauben sollte, Herr Franz\nwäre der allererste, der ein Wort über Bach an das Pu-\nblicum richte! Er ist aber wenigstens so grossmüthig, „die\nGründe, welche diese eigentbümliche Stellung der Kunst-\nkritik erklärlich machen schwerlich würden sie zu einer\nHeil igsprechung derselben führen —, nicht specieller aus\neinander setzen zu wollen\". Warum thut er das denn\nnicht? Will er vielleicht sämmtliche musicalische Schrift-\nsteller unserer Zeit der historischen oder musicalischen\nUnwissenheit anklagen, oder hat er noch Schlimmeres im\nSinne? Vor der „Heiligsprechung\" bedankt sich übrigens\nunsere Musik-Zeitung fürs Erste, denn sie ist noch am\nLeben, und zum Beweise erlaubt sie sich sogar, Herrn\nFranz als Gegenklägerin zu fragen, warum er sie nicht\nkennt, oder ignorirt? Doch auch wir wollen nicht nach\nden Gründen dieser Ignorirung fragen und nur „dieThat-\nsache constatiren\", dass wir sowohl in unserer „Rheini-\nschen\" und „Niederrheinischen Musik-Zeitung\", so wie\nin den musicalischen Feuilletons der „Kölnischen Zeitung\"\nkeine Gelegenheit unbenutzt gelassen haben, um auf J. S.\nBach's Compositionen nicht nur aufmerksam zu machen,\nsondern sie auch zu besprechen und eindringlich, so viel\nwir vermochten, zu charakterisiren und zur Aufführung\nzu empfehlen.\n\n[1"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "180", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640604-01.1.4", "texte": "Wir bitten Herrn Franz, folgendes kleine Register\nmit uns durchzugehen. Es betrifft zunächst unsere Musik-\nZeitung, deren drei erste Jahrgänge den Titel „Rhei-\nnische M.-Z.\", 1850—1852, die anderen zwölf Jahr-\ngänge von 1853 an bis jetzt den Titel „Niederrheini-\nsche M.-Z.\" führen.\n1850. Rh, M.-Z. I. Nr. 5. F. Hiller: Vorwort zur\nhundertjährigen Erinnerungsfeier von J. S. Bach's Todes-\ntag den 28. Juni in Köln. Aufgeführt wurden dabei u. A.\neine zweichörige Motette und die fünfstimmige: „Es ist\nnun nichts Verdammliches\" u. s. w. Ueber das Wesen\nund die Auffassung der Bach'schen Polyphonie (Franz,\nS. 11) ist dort ausführlich und mit Geist gesprochen und\ndie Verbreitung der Kirchen-Compositionen warm empfoh-\nlen. Ferner vergleiche man eben darüber unsere Aufsätze\nin der Kölnischen Zeitung, 1859, Nr. 105, 112,\nund 1860 Nr. 95, wo u. A. aus einander gesetzt wird,\n„dass es sehr viel verlange, den wunderbar quellenden,\nneben und in einander iiiessenden Strömungen von Bach's\nMelodieen zu folgen, um die Meisterschaft seiner Schöpfun-\ngen in kunstverständiger Weise zu bewundern und die\norganische Entwicklung eines jeden Musikstückes von ihm\nvon ihrem ersten Keime bis zu ihrer mächtigsten Entfal-\ntung zu verfolgen und in sich aufzunehmen; dass es aber\nneben diesem bewussten Genüsse einen Eindruck der\nTonkunst auf das Gefühl gebe, dessen Gründe dem Hörer\nnicht klar zum Bewusstsein kommen, der aber von über-\nwiegender Wirkung auf die Seele ist und diese zu den\nedelsten und erhabensten Stimmungen emporheben kann.\nUnd diesen Eindruck vermöge besonders auch die Bach'-\nsche Polyphonie auf den Zuhörer zu machen, weil sie nicht\nauf Aeusserlichkeiten irgend einer Art, sondern ganz und\ngar auf dem Innerlichen der Kunst, auf deren geistigem\nWesen beruht. Nun hat aber kein Tonkünstler auf der\nWelt mehr von innen heraus geschaffen, als Bach\nu. s. w. Darum bedarf es nicht des Durchschauens der\nungeheuren Kunstmeisterschaft des Heros, um sich für\nihn zu begeistern, er verlangt nur ein fühlendes Menschen-\nherz seinen Tönen gegenüber, und\nWas einst aus seiner tiefen Brust entsprungen,\nErst jetzt, wo es durch Jahre durchgedrungen,\nErscheint es in vollendeter Gestalt.\nWas glänzt, ist für den Augenblick geboren,\nDas Echte bleibt der Nachwelt unverloren.\"\nUns dünkt, dass solche Aufforderungen, sich Bach'-\nscher Musik hinzugeben, in 16,000 Exemplaren verbrei-\ntet, die musicalische Journalistik doch gegen den Vorwurf\ndes Todschweigens Bach'scher Vocalmusik gehörig ver-\ntheidigen könnten!\nFügen wir hier gleich hinzu, dass der schöne Aus-\nspruch Luthers über die anderen Stimmen, „weichene-\nben der schlechten (schlichten) Weise oder dem Tenor\nherum gesungen werden\" u. s. w., den Franz S. 23 an-\nführt, auch schon vor zehn Jahren in der Niederrh. M.-Z.,\n1854, N r. 51, auf Bach's Polyphonie von L. Kindscher\nangewandt, zu lesen ist.\n1852. Rheinische M.-Z. 11. Nr. 44 und 46, über\nBach's Cantaten. Hier heisst es S. 781 u. A.: „Die\nherrliche Musik dieser zehn Gantaten ist keineswegs bloss\nfür den Kenner, der ihre vielverschlungenen Fäden zu ver-\nfolgen und zu entwirren weiss, ein Genuss, sondern für\nJeden, der noch Sinn für eine Gattung von Musik hat,\nwelche mit der reichsten. Phantasie der Erfindung die\nkunstvollste contrapunktische Arbeit zu vereinigen weiss.\nEine Rangordnung unter diesen zehn Cantaten zu bestim-\nmen, dürfte schwierig sein; sie sind alle schön, doch möch-\nten wir Nr. IV, VI, VIII, X für Aufführungen den Vor-\nzug geben. In Nr. VIII: „Liebster Gott, wann werd' ich\nsterben\", muss die Wirkung des Ganzen auch auf das\ngrosse Publicum einen wunderbaren Eindruck machen.\"\n1853. Niederrh. M.-Z. I. Anzeige der Missa in\nA-dur. Literaturblatt, S. 8.\n1854. 11. Nr. 11. Ed. Krüger über X Cantaten\n(Bd. 11. der leipziger Ausgabe) ausführliche Beurtheilungen.\nDarin die Stelle (S. 81): „Aber auch dem Volke sind\nBach's Werke gegeben. Es ist ein böses Vorurtheil, von\nfaulen Halbkünstlern erfunden, als sei der alte Bach nur\nfür die Gelehrten. Die so sprechen, haben ihn nicht er-\ngriffen, oder nie versucht, dem Volke zu geben, was des\nVolkes ist. Bach's Zeitgenossen, die freudigen Hörer sei-\nnes Wortes, waren nicht gelehrter, als wir, aber sie stan-\nden mit Einfalt und Hingebung in der Kirche, und er\nwagte, ihnen zu geben, woran sie emporklimmen möchten\nzu höherem Verständniss.\" Und nun vergleiche man,\nwas Franz S. 4 schreibt, dass die Journalistik Schuld\ndaran wäre, dass die Leute meinten, man müsse Bach den\nGelehrten überlassen!!\n1854. 11. Nr. 51. L. Kindscher über den variirten\nChoral.\n1855. 111. Nr. 12. Ueber die Johannis-Passion.\nDarin die Stelle (S. 94), in welcher wir, nachdem wir von\ndem ausserordentlichen Eindruck der zweichörigen „Him-\nmelfahrts-Cantate\" am Musikfeste im Jahre 1838 in Düs-\nseldorf gesprochen, Folgendes wörtlich äussern: „Wir\ndürfen im Andenken an jenes Durchschlagen der genann-\nten Cantate und unter dem frischen Eindrucke der Johan-\nnis-Passion die Bemerkung nicht unterdrücken, dass es\nsehr zu bedauern ist, dass von den Cantaten Bach's\nnicht häufiger in den öffentlichen.Concerten Gebrauch ge-\nmacht wird. Wir halten die Aufführung derselben so-\ngar geeigneter, den Sinn für Bach's Vocal-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "181", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640604-01.1.5", "texte": "Musik lebendig zu machen, als die der Passionen\"\nu. s. w. u. s. w.\n1855. 111, Nr, 32. Matthäus-Passion in Lüneburg.\n1855. 111. Nr. 5. Ed. Krüger über die Matthäus-\nPassion.\n1855. 111. Nr. 5. Mosewius: DieMatthä us-Passion.\n1855. 111, Nr. 33. Mosewius: Die Choräle Bachs.\n1856. IV. Nr. 9. Ed. Krüger über den V. Band\nder Cantaten und Zimmer's „Gedanken über die Bach-\nGesellschart\".\n1856. IV. Nr. 29. Mosewius über Bach's Gesang-\nmusik, als Hauptschlüssel zum Verständnisse desselben\nüberhaupt. Dabei folgende Stelle: „Das erste Kyrie, das\nGratias, Qui tolhsund der Schluss der\nli-moll-Messe erlordern weiter nichts, als die Stimmung\ndes Zuhörers, der sie sich dann, ihres kolossalen Baues\nungeachtet, wohl durch sich selbst erschliessen werden.\"\nDoch wir wollen hiermit schliessen, nachdem schon\ndurch die Anführungen aus den ersten sieben Jahrgängen\nunserer Zeitung (von 1850—1856, also nur der Hälfte\nder bis jetzt erschienenen Jahrgänge!) übergenug bewie-\nsen ist, wie unsere Mitarbeiter und wir selbst fortwäh-\nrend auf die Wiederaufnahme Bach'scher Vocalmusik und\ndarauf, dass sie dem grossen Publicum vorgeführt werden\nmüsse und ihres Eindrucks nicht verfehlen werde, ge-\ndrungen haben. Wir wollen aber auch nicht, um mit\nHerrn Franz zu reden, nach den Gründen fragen, die ihn\nbewogen haben mögen, unsere musicalisch-kritischen Be-\nstrebungen gänzlich zu übersehen, hätten auch davon kein\nAufhebens gemacht, wenn nicht um der Sache willen eine\nernste Widerlegung seines Vorwurfs gänzlicher Nicht-\nbeachtung Bach'scher Vocal-Compositionen nöthig gewe-\nsen wäre. Wir zweifeln nicht daran, dass Herr Franz,\nebenfalls der Sache wegen, sich gern aus Obigem über-\nzeugen wird, dass der alte Bach doch noch mehr Freunde\nunter den musicalischen Journalisten hat, als er gedacht\noder gewusst hat.\nZum Schlüsse wollen wir auf das Magniftcat von Job.\nSebastian zurückkommen,zu dessen Bekannterwerden Franz\nauf anerkennungswerthe Weise beigetragen hat, was je-\ndenfalls ein Fortschritt zu weiterer Verbreitung Bach'scher\nMusik ist, zumal da nun auch Clavier-Auszüge dessel-\nben,.von Rob. Franz selbst (Breslau, bei Leuckart-San-\nder) und von Hugo Ulrich (Leipzig, bei C. F. Peters),\nbeide zu dem mässigen Preise von J/2 Thlr., erschienen sind.\nNun ist aber von Johann Sebastian's zweitem Sohne,\nKarl Philipp Emanuel Bach, auch ein\nvorhanden, das aber eben so wenig bekannt ist, wie bisher\ndas von seinem Vater war, und die Aufmerksamkeit der\nMusiker und Musikvereine doch in hohem Grade verdient.\nAuch von K. Phil. Lmanuel Bach kann man mit\nnoch grösserem Rechte als von Johann Sebastian sagen,\ndass sein Name mehr genannt, als seine Compositionen\nbekannt sind: denn wenn gleich von seinen Ciaviersachen\nVieles wenigstens den Musikern nicht unbekannt und auch\nneuerdings wieder gedruckt worden ist wie auch seine\nvortreffliche Abhandlung „Ueber die wahre Art, das\nCiavier zu spielen\"*), so kommt das doch gar nicht\nin Betracht im Vergleich zu den vielen Hunderten von\nWerken, die er geschrieben und theils gedruckt, theils\nhandschriftlich vorhanden, hinterlassen hat. Er lebte vom\n14. März 1714 bis zum 14. September 1788 und seine\nersten Compositionen sind schon aus 1731, seinem sieben-\nzehnten Lebensjahre. Von da an bis 1787 schrieb er z. B.\n210 Clavier-Solo's, 52 Cla vier-Concerte mit Orchester,\n47 Trio's für allerlei Instrumente, 18 Sinfouieen. 12 So-\nnaten lür Ciavier mit Begleitung, die, merkwürdig genug,\nzuweilen siebenzehn Instrumente stark ist, 19 Solo's für\nandere Instrumente, 3 Quartette für Ciavier u. s. w.\nAn Gesangmusik, die uns hier näher angeht, verzeich-\nnet Gerber: ein Magnificat(l749), ein 22\nPassions-Musiken, 4 Oster-Musiken, 3 Michaelis-Musiken,\neine Weihnachts-Musik, 9 geistliche Chöre mit Instrumen-\nten, 5 Motetten, 3 Oratorien, mehrere Cantaten und\nArien für eine Singstimme mit Begleitung und 95 Lieder\nund Choräle.\nDas Magnificat ist in einer schönen Partitur-Aus-\ngabe, bei N. Sim rock in Bonn gedruckt, erschienen.\nEs führt den Titel:\nMagnificat a 4 Voci,\nCorni, 2Flauti, 2 O\ntinuo di Carlo Filip\nMaestro di Capella\npessa Amalia di Prus\nburgo, Direttore di Musica della Republica di\nHamburgo. Dopo Partitura autografa dell' autore.\nPrezzo 14 Fr es.(3 Thlr. 22 Sgr.) presso\nK Simrock 105 S. Gr. Fol. 2758.\nMan sieht schon aus der Seitenzahl, dass es umfang-\nreicher ist, als das von Johann Sebastian; alle Sätze, Soli\nund Chöre, sind hier weit mehr ausgeführt, als dort. Die\nHaupt-Tonart ist ebenfalls D-daDie einzelnen Nummern\nes sind neun und als Anhang eine zweite Composition\n\n*) Vergl. Jahrgang 1856, Nr. 16 und 17. Das Werk er-\nlebte bis 1797 vier Auflagen. Der neue Abdruck, von G. Schilling\nbesorgt,, erschien 1856, Berlin, bei Stage. Fetis sagt in der\nneuen Ausgabe der Biographie universelle im Artikel C. Ph. Em.\nBach: „Nichts bezeichnet die Gleichgültigkeit, die in Frankreich\nfür die Fortschritte der Musik herrscht, besser, als der Mangel einer\nUebersetzung dieses Buches von Bach, welches viel bedeutender ist,\nals sein Titel vermuthen lässt.u"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "182", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640604-01.1.6", "texte": "des Et miserieordia—folgen im Allgemeinen den gewöhn-\nlichen Vers-Abschnitten, allein die Auffassung ist bei meh-\nreren derselben verschieden von der älteren Bach'schen\nund liegt unserer Anschauungs- und Gefüblsweise gröss-\ntenteils näher.\nNr. 1. Chor. Allegro. 4/4. D dur. Magnifieat ani-\nma mea Dominum et exultavit\nlutari meo in Einer Stimmung ungetrennt, wie es der\nSinn der Worte fordert. Der Gesang vierstimmig, die In-\nstrumentirung vollständig mit den auf dem Titel der Par-\ntitur genannten Instrumenten, der für die Orgel\ndurchweg beziffert. Obligat ist aber die Orgel nirgends.\nDer Charakter ist ein jubelndes Pomposo, durchweg homo-\nphon mit einigen imitirenden Einsätzen ohne Figurenwerk,\nwelches die Violinen (im Unisono) haben das Ganze\nein populäres Glanzstück. S. 3 17.\nNr. 2. Solo Soprano. Andante. 3/4. H-moll. Quia\nrespexit humilitatem aneillae\ntam me dicent omnes generationes. Auch hier ist das Zu-\nsammengehörige bei einander geblieben und einer Sopran-\nstimme allein zugetheilt, wobei offenbar ein sehr richtiges\nGefühl geleitet hat. Dieses Andante von 88 Tacten ist ein\nausserordentlich schönes Gesangstück, keineswegs in der\nalten Form der Arie, sondern ein fortströmender melodi-\nscher Erguss der innigsten Empfindung, in welchem der\nAusdruck der Demuth in:\nmit dem Gefühle der Beseligung in:\nganz vortrefflich contrastirt. Nimmt man nun noch dazu,\ndass die nachher auf beatam geschriebenen fünf figurirten\nTacte (eeee enim ex hoc, von hzu g hinaufsteigend):\ngar nichts an sich haben, was nur entfernt dem Coloratur-\nzopf gliche, so wird man hier den genialen Vorgänger\nHaydn's und Mozart's erkennen. Die Begleitung dieses\nGesangstückes führt nur das Geigen-Quartett, die beiden\nViolinen durchweg selbständig und zweistimmig mit der\nausdrucksvollen Hauptfigur:\nNach diesem Solo setzt das Quartett und die Hörner das\nheroische Ritornell der\nNr. 3. Solo Tenore. Al 4/4. ein:\nQuia fecit mihi magna, quip\nejus—eine glänzende Arie von 130 Tacten mit Triolen-\nColoraturen. Sie erfordert einen guten Sänger, ist aber\nsehr sanghar geschrieben. Hierauf folgt in schönem Ge-\ngensatze:\nNr. 4. Quartett für Sopran, Alt, Tenor und\nBass. Andantino. 3ja. E-moll, begleitet vom Geigen-Quar-\ntett, 2 Flöten und 2 Oboen: Et miserieordia ejus a pro -\ngenie in progenies timentibus Ein sehr schöner, 128\nTacte lang durchgeführter Satz voll des innigsten Aus-\ndrucks, der einen besonderen Reiz auch dadurch gewinnt,\ndass die beiden Frauenstimmen ein paar Mal ganze Perio-\nden allein führen. Auf diesen Satz und auf die Sopran-\nArie Nr. 2 kann man anwenden, was K. Ph. Em. Bach\nin seinem Buche über das Clavierspiel sagt: „Durch eine\nrichtige Kenntniss der Harmonie und einen muthigen Ge-\nbrauch wird man Meister in allen Tonarten, und der Com-\nponist erfindet auch im galanten Stile Modulationen, die\nnoch nicht dagewesen sind. Durch Klugheit, Wissenschaft\nund Muth kann man dahin gelangen, auf die gewöhnliche,\nwie auf eine entfernte Art neu, angenehm und über-\nraschend zu moduliren, auf die natürlichste Art, ohne en-\nharmonische Künste. Rechnet man nun noch den ver-\nnünftigen Gebrauch dieser hinzu, welcher Reichthum\nöffnet sich! Nur muss man die Gewürze nicht zu oft\nbrauchen und nicht zu stark auftragen, sonst verlieren sie\nihren Reiz! Solche Dinge müssen nicht immer vorkom-\nmen, damit das Natürliche des Gedankenstromes\nnicht ganz und gar dadurch verwischt wird.\" Goldene\nWorte und vor hundert Jahren geschrieben! 0 ihr in\nChromatik und Enharmonik Schwelgenden unter unseren\nZeitgenossen, denkt doch zurück an das dieses\nPropheten Emanuel und bekehret euch!\nUnd dennoch möchten wir den im Anhang an der\nStelle dieser Nr. 4 gegebenen Chor, 4/4, eben-\nfalls in E-moll: Et miserieordia u. s. w., noch vorziehen,\nso herrlich und in seinen Harmonieen überraschend und"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "183", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640604-01.1.7", "texte": "ausdrucksvoll ist er, wovon gleich die ersten 16 Tacte,\nvon E-moll nach G-durmodulirend, ein Beispiel geben.\nAuch der seitdem so oft mit glücklicher Anwendung wie-\nderholte Ausdruck durch wechselnde Erhöhung und Er-\nniedrigung der charakteristischen Note des Accords (eines\nder bekanntesten Beispiele ist in Beethoven's Fidelio, Nr. 5,\nTerzett in F-dur, das wechselnde des und d), was man\ndurchaus für modern halten sollte, finden wir bereits hier\nin folgender Stelle in der zweiten Stimme auf die Worte:\ntimentibus eum:\nund so noch einmal im Texte und ein drittes Mal im Nach-\nspiel der Instrumente in den Violinen, Oboen und Flöten,\nund zwar stets der erste Tact mit p, der zweite mit mf\noder fbezeichnet. Das Adagio ist 54 Tacte lang.\nNr. 5. asso. Allegro.2/4 A\ntiam in brachio suo, dispersit\nEine heroische Arie für einen hohen Bass, den wir jetzt\nBariton nennen, denn sie hat das hohe d e fis häufig und\nnur ein oder zwei Mal das tiefe a und gis als kurz anzu-\nschlagende Achtel. Sie ist vom Geigen-Quartett, drei\nTrompeten und Pauken und Orgel begleitet und effectvoll.\nEine Malerei, die der Zeit anheimfällt, findet sich auf:\nNr. 6. Duo, Alto e Te4/4. in\nmoll. Deposuit potentes u. s. w. und anschliessend in\nEsurientes implevit bonis et divites dimisit inanes. Die In-\nstrumentirung hat nur zwei Hörner zum Geigen-Quartett;\ndie Violinen haben im A-mott-S&lze meist figurirte Triolen-\nBegleitung, im F-dur-Satze aber nicht, welcher überhaupt\neinfacher und melodischer gehalten ist. Dieses Duett ist\nüber 160 Tacte lang; obwohl keineswegs flach, ist dieses\nSolostück doch das einzige im ganzen Werke, das vielleicht\nden Zuhörer etwas ermüdet.\nNr. 7. Solo Alto. Andan3/4.\nIsrael, puerum suum, recordatus\nlocutus est ad patres nostros Abraham et semini ejus in\nsaecula. Die Begleitung hat zwei Flöten zu dem Saiten-\nQuartett, die aber fast nur in der höheren Octav mit den\nGeigen [consordint) gehen: Alles sempre piano. Ein schö-\nner Gesang, zu welchem dann das\nNr. 8. Allegro di molto. 4jt.D-dur, Chor mit vollem\nOrchester einen kräftigen Gegensatz bildet. Es bringt\nden Chor Nr. 1 (Magnificatu. s. w.) grösstenteils wie-\nder, schliesst aber aul der Dominante, so dass sich unmit-\ntelbar daran reihet\nNr. 9. Chor. Atta breve. 4/4. D-dur. Sicut\nerat in principio et nunc et Se\nrum. Amen!— eine vierstimmige kolossale Fuge, wie de-\nren wenige geschrieben worden sind, mit welcher Karl\nPhilipp Emanuel seinem Vater und allen denen, die auf\nseinen „galanten\" Stil etwas missvergnügt herabblickten,\nzur Genüge bewies, dass er sein Handwerk aufs gründ-\nlichste verstehe. Es ist dies die einzigste Nummer des Wer-\nkes, die im polyphonen contrapunktischen Stile geschrie-\nben ist, der aber dafür auch, und zwar mit stets gestei-\ngerter Kunst und Wirkung, auf einunddreissig Parti-\nturseiten 246 Tacte lang durchgeführt ist!\nWenn wir oben sagten, dass Philipp Emanuel durch\ndiese Biesenfuge auch seinem Vater eine freudige Ueber-\nzeugung von seiner contrapunktischen Tüchtigkeit gegeben\nhabe, so mag das mehr auf die Absicht, als auf den Er-\nfolg zu beziehen sein, da das Magnificat Emanuel's 1749\ngeschrieben ist und Johann Sebastian schon am 30. Juli\n1750 starb. In der gleichen Absicht, diejenigen von sei-\nnen Kunstgenossen zum Schweigen zu bringen, welche ver-\nlauten liessen, er habe sich nicht aus innerem Triebe und\nGenie auf die Erfindung und Entwicklung der freieren\nmusicalischen Formen geworfen, sondern aus Unvermö-\ngen, sich in den regel- und schulgerechten bewegen zu\nkönnen, liess er in dem „Musicalischen Allerlei\" (Berlin,\n1761) zwei Clavier-Sonaten drucken, deren erste in E-moll\nsich in allen Sätzen an die älteren Formen hält, die zweite\nin D-mollals Schlusssatz eine vortreffliche Fuge enthält.\nEs ist keine Frage, dass Philipp Emanuel aus innerer\nUeberzeugung von der Wirkung der Musik auf das Ge-\nmüth des Hörers die Melodie als die eigentliche Seele der\nMusik ansah, und diese Ansicht in seinen Compositionen\nzur Geltung zu bringen, hatte ihm die Natur eine reiche\nPhantasie und zugleich Talent für die leichte Auffassung\nder Kunst-Lehrsätze und Kunstformen verliehen, welches\ner mehr durch eigene Studien und Uebungen, als durch\nfolgerechten Unterricht ausbildete, da sein Vater ihn gar\nnicht zum Musiker bestimmte, sondern zum Rechtsgelehr-\nten. Dass aber die wissenschaftliche Erziehung und sein\nAufenthalt auf den Universitäten Leipzig und Frankfurt"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "184", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640604-01.1.8", "texte": "an der Oder ihm eine allgemeine und über die Eigen-\nschaften der meisten damaligen Musiker weit hinausgehende\nBildung erworben hatten, war gewiss nicht ohne Einfluss\naul die Richtung, die er in der Tonkunst einschlug.\nDas Magnificat möchten wir allen Gesangvereinen\nund denjenigen Concert-lnstituten, die über einen grossen\nChor und gute Solostimmen verfügen können, ganz be-\nsonders empfehlen, namentlich dürfte es sich auch zu Auf-\nführungen auf Musikfesten eignen.\nAuf einige andere grössere Gesang-Compositionen\nK. Pb. Em. Bach's, z. B. sein zweichöriges „Heilig\", ge-\ndenken wir später zurückzukommen.\n\nL. B.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nÄölri. Capellmeister Ferdinand Hiller ist von dem freien\ndeutschen Hochstifte für Wissenschaft und Kunst in Frank-\nfurt am Main in die Classe der Meisterschaft aufgenommen und\nzum Ebren-Mitgliede ernannt worden. Die „Societät der Tonkünstler\"\nin Prag hat ihm ebenfalls das Diplom als Ehren-Mitglied über-\nsandt. Ferner hat ihn die Musical Society in London zum hono-\nrary fellow (Khrenmeister) aufgenommen, eine Auszeichnung, die\nauf dem ganzen Continente nur etwa zwölf Künstlern zu Theil ge-\nworden ist.\nAm 28. Mai feierte der kölner Männer-Gesangverein\nsein zweiundzwanzigstes Stiftungsfest im Kreise heiterer Genossen\ndurch ein Abendessen und fröhliche Lieder.\nDer rheinische Sängerbund bereitet für den 12. und 13.\nJuni sein zweites Sängerfest hier in Köln vor (das erste war im\nvorigen Jahre in Aachen). Im Concerte am 12. wird eine neue\nComposition von Ferd. Hiller: „Der 93. Psalm für Männerchor\nund Orchester\", zur Aufführung kommen; ferner als neu: „Gruss\nam Rheine\", von Wolfgang Müller, componirt von W. Eisenhuth,\nDirigenten des hiesigen Sängervereins Polyhymnia. Der kölner\nMänner-Gesangverein und der kölner Sängerbund sind nicht bei dem\nrheinischen Bunde und dessen Festen betheiligt.\nD Elberfeld, 28. Mai. In unserer Stadt dürfte das neue\nOratorium von Mewes: „Rahab\", in nächster Zeit zur Aufführung\nkommen. Herr Musik-Director J. Schornstein hat sich an den\nbraunschweiger Tonsetzer zu diesem Ende gewandt und von dem-\nselben die Partitur zugesandt bekommen.\nIn Wiesbaden ist am 30. April die Oper „Rizzio\" von\nC. Mayer, Musik von A. Schliebner, k. preuss. Musik-Director,\ngegeben worden. Das Buch behandelt das Verhältniss des Sängers\nRizzio zu Maria Stuart und soll mit Geschick gemacht sein, was die\ndramatische Anlage, nicht aber, was die Verse betrifft. Die Oper\nhatte einen Succ&s d'estime. Die Musik vorräth einen gewandten\nComponisten, leidet aber an Mangel von Erfindung. Das Haus war\nschwach besetzt, und es lässt sich nach Einigen desshalb\nüber den eigentlichen Erfolg kein sicheres Urtheil feststellen. Sie\nwurde am letzten Abende vor den Ferien gegeben; über die Wie-\nderholung verlautet noch nichts.\nLeipzig« Anfangs Mai hatten sich die zum Cartel-Vereine\ngehörigen Bühnen-Vorstände zu einer Conferenz in hiesiger Stadt\nvereinigt und ihre Sitzungen am 6. und 7. Mai unter dem Vorsitze\ndes Herrn von Hülsen im Hotel de Baviere gehalten. Ausser\ndem Vorsitzenden waren anwesend die Herren Dr. Dingelstedt aus\nWeimar, v. Könneritz aus Dresden, Wallner aus Berlin, v. Brand\naus Dessau, Woltersdorf aus Königsberg, Schwemer aus Breslau,\nNowack aus Magdeburg, v. Heeringen aus Kassel, v. Boose aus\nWiesbaden. Die Resultate der Verhandlungen sollen sein: Gründung\neiner Theaterschule in Berlin, einer Meyerbeer-Stiftung zur Unter-\nstützung deutscher Tondichter und gemeinsame Aufführung von\nCompositionen derselben auf den Bühnen des Vereins, so wie manche\nandere Verbesserung zur Hebung der dramatischen Kunst. [Die letzt-\ngenannte Aufgabe der neuen Stiftung: „gemeinsame Aufführung\nneuer Werke deutscher Componisten\", würde mithin, was sehr wün-\nschenswerth wäre, die Verwirklichung der von uns in Nr. 12 vom\n19. März d. J. angeregten Idee einer Art von musicalischer\nKunst-Ausstellung anbahnen. L. B.]\nRoderich Benedix gibt den siebenzehnten Band seiner dra-\nmatischen Werke heraus; derselbe enthält folgende Stücke: „Die\nVerlobung\", „Sammelwuth\", „Der Dritte\" und „Die Pflegetöchter\".\nLuxemburg« Hier wurde vor Kurzem eine dreiactige ro-\nmantische Oper: „Die Schwaben\", von H. Ob erhoffer in einem\nConcerte mit Beifall aufgeführt.\nHamburg« Frau Francisca Cornet, die treffliche Ge-\nsanglehrerin, sieht sich aus Gesundheits-Rücksichten genöthigt, ihrer\nbisherigen anstrengenden Thätigkeit zu entsagen. Sie wird aus die-\nsem Grunde Hamburg verlassen und sich nach Braunschweig zu-\nrückziehen, dessen Bewohner der Künstlerin, die Jahre lang eine\nZierde der dortigen Bühne gewesen, eine unveränderte Anhänglich-\nkeit und Verehrung bewahrt haben.\nv i, 1 • ' •\nParis. Nach einer Depesche des Fürsten Talleyrand aus Ber-\nlin an den Marschall Vaillant berechtigt eine Clausel in Meyer-\nbe er's Testamente die pariser grosse Oper zur Aufführung der\nOper „Die Africanerin\" und betraut Herrn Louis Brandus mit den\nVerabredungen und Unterhandlungen über das Einzelne mit dem\nDirector der Oper, Herrn Perrin.\nMeyerbeer soll ein Vermögen von drei Millionen Thaler\nhinterlassen haben; der musicalische Feuilletonist Fiorentino, der\nvor einigen Tagen hier gestorben ist, über eine Million Francs.\nDie Theaterfreiheit wird unter Anderem auch ein zweites ita-\nliänisches Theater ins Leben rufen. Dasselbe soll der Op6ra buffa\ngewidmet sein. An der Spitze dieses Unternehmens, das, beiläufig\ngesagt, viel Aussicht auf Erfolg hat, stehen zwei ehemalige Secre-\ntäre des Thedtre italien, die Herren Ca'imi und de Filippi."}]}