{"numero_id": "bm-bmtnabi-1864-07-02-01", "volume": "bmtnabi_1864-07-02_01", "ocr_sha256": "0bc61259f30e25b884da4315781cdcc5d845fc261340fc5c670f5e9971fc085c", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1864/07/02_01/bmtnabi_1864-07-02_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640702-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1864-07-02-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1864-07-02_01#c001", "volume": "bmtnabi_1864-07-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "209", "page_fin": "209", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640702-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "209", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640702-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 426, "texte": "Inhalt.\nDer Beruf unserer Zeit zur Kirchenmusik. Aus Rossini's Leben. Ein Beitrag zu den Theater-Verhältnissen in Italien\nund zur Geschichte des „Barbiers von Sevilla\". Schluss. Aus Breslau (Ferd. Hillens „Zerstörung von Jerusalem\"). Tages- und\nUnterhaltungsblatt (Köln, Fortsetzung des Gastspiels der italiänischen Opern-Gesellschaft. 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Sie hat sicher-\nlich von den ältesten Zeiten her sein Leben verschönern,\nseinen Geist erheben helfen. Von allen Künsten aber ist\ndem Menschen die Tonkunst am unmittelbarsten gegeben,\nund Klang und Tonweise haben ihn wohl am frühesten\nfür das Ueberirdische begeistert. So weit als unsere Kunde\nüber den Gottesdienst der ältesten Völker reicht, finden\nwir, dass sie den Ewigen oder die Ewigen mit Gesang\ngefeiert haben, und unter den ältesten schriftlichen Ueber-\nlieferungen sind uns bekanntlich bedeutende Sammlungen\njener Gesänge geblieben. Die jetzt noch blühenden Völker\ngingen in den Spuren der alten und widmeten, so wie sie\ndie Kunst ausbildeten, die schönsten Blüthen derselben\ndem Gottesdienste. Die ältesten Versuchs- und Meister-\nwerke unserer Tonkunst sind Werke gottesdienstlicher\nArt, welche sich im Laufe der Jahrhunderte immer weiter\nausbildeten, bis sie sich in Bach und zuletzt in Beetho-\nven gipfelten.\nBei d ieser bekannten Thatsache klingt es beinahe wie\nein Wunder, dass gegenwärtig von einem Theile der rö-\nmisch-katholischen Geistlichkeit der heutigen Tonkunst\nder Krieg erklärt wurde, dass man dieselbe aus der Kirche\nverwies und für diese als einzig maassgebend diejenige\nMusik erklärte, welche drei Jahrhunderle früher gäng\nund gäbe war.\nEs ist dieses um so auffallender, da von allen Kün-\nsten die Tonkunst die harmloseste, die unschuldigste ist\nund bleibt, indem sie nur allgemeine Gefühle anreeen\no\nkann und in ihrer Ausdrucksweise immer noch von der\neigentümlichen Auffassung des Hörers abhängt.\nDie Malerei, die Bildnerei können unsittliche Gegen-\nstände darstellen, die Dichtkunst kann gottlose Dinge sa-\ngen, aber alles, was die Musik leisten kann, bleibt un-\nschuldiger Natur, kann nur durch die Wort-Unterlage\nirgendwie anslössig werden. Den klarsten Beweis nehme\nich gerade aus jener Zeil, die von denen als maassgebend\nanerkannt wird, welche den Stab über die heutige Musik\nbrechen, widern die meisten alten Tonmeister aus jener\nmelodiearmen Zeit bekanntlich ihre kirchlichen Werke\nüber Weisen arbeiteten, welche sie dem leichtfertigsten\nc>\nVolksgesange entnahmen, und halten vielfach die Einfalt,\nzu bemerken, woher sie die Weise genommen halten;\nallein der veränderte Text verscheuchte das Bewusstsein\nder Entstehung der Melodie. Und so ist es auch heute\nnoch; oft wird einer schönen, im Volke bekannten Weise\nein anderer Text verschiedenen Inhalts den verschiedenen\nGelegenheiten, wo sie gesungen wird, angepasst, und der\nZuhörer wie der Sänger wird den Empfindungen, welche\ndie Worte aussprechen, folgen und nicht mehr an den\nursprünglichen Text der Melodie denken. Es ist also nicht\ndie Musik, welche einen ganz bestimmten Ausdruck von\netwas geben kann, die Musik an und für sich ist immer\nunschuldig.\nFragen wir nun die Geschichte, ob jemals die Gestal-\ntung einer Kunst in irgend einer bestimmten Pe-\nriode maassgebend für die Kirche gewesen sei, so sehen\nwir, dass die christliche Kirche, wenigstens die römisch-\nkatholische, bei keiner anderen Kunst irgend eine Kunst-\nPeriode als durchaus maassgebend festgehalten hat. In\n\n*) Dieser Aufsatz betrifft noch einmal die schon öfter in diesen\nBlättern berührte Frage über die Stellung der Tonkunst zu der ka-\ntholischen Kirche. Wiewohl es scheint, dass bei dem Streite darüber\nganz andere Rücksichten als musicalische die Bestimmungsgründe\nfür die Gegner der geistlichen Musik des vorigen und jetzigen Jahr-\nhunderts in der Kirche abgeben, so wollen wir doch die Betrach-\ntungen eines so ehrenwerthen Mitgliedes der katholischen Gemeinde\nder Erzdiöcese Köln und eines so bewiihrten Verehrers der heiligen\nTonkunst, wie der Herr Verfasser ist, nicht der Beachtung des Le-\nserkreises dieser Zeitung entziehen, da aus jeder Zeile die aufrich-\ntigste Herzcnsineinung spricht, bemerken aber dabei, dass wir damit\ndie Erörterungen des Gegenstandes in unserem Blatte abschliessen.\nDie Eedaction."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "210", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640702-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5363, "texte": "allen europäischen Landen sind Kirchen aus allen Bau-\nPerioden zu finden, in denen seil ihrer Entstehung fort-\nwährend Gottesdienst Statt findet. Von der römischen\nBasilika an, von der Markthalle, welche zuerst zum Gottes-\ndienste geweiht wurde, ferner von der römisch-griechi-\nschen Tempelform an zum Rundbogen, dann zum Spitz-\nbogen, vom gothischen Dome zum Baustyle der Wieder-\ngeburt, ja, bis zum Zopfstyle geht die Kirche immer mit\nder Zeit, und niemals, selbst heute nicht, ist es einem ihrer\nWürdenträger eingefallen, irgend einen Styl als unwürdig\nzu verwerfen, irgend eine Kirche, als in ihrer Archi-\ntektur anstössig, zu schliessen. Im Gegentheil kann\nauch der flüchtigste Besucher sich überzeugen, dass in den\nmeisten Kirchen in ihrem Ausbaue wie in ihrer Ausrüstung\nsich der Kunstgeschmack der verschiedenen Jahrhunderte\noft in malerischer Harmonie, oft in schneidendem Abstich\ngeltend gemacht hat.\nNeben der Baukunst finden wir die Malerei, die Bild-\nnerei aller Zeiten vertreten, ohne dass bisher irgendwo\nund irgendwie im Allgemeinen Anstoss an dem Style ge-\nnommen worden ist. Freilich traf es sich wohl, dass Klo-\nstergeistliche, denen, wie z. B. zu Hemmerode in der Eifel,\ndie ruhige byzantinische Form zu unbedeutend vorkam,\ndie Kirche abtrugen und eine neue im ausschweifendsten\nZopfstyle hinsetzten, oder dass die Domherren, für diesen\nStyl eingenommen, golhische Antiquitäten, wie z. B. die\noft bedauerte Sacraments-Fiale in Köln, zerschlagen und\nin den Rhein werfen Hessen, dass sie die gemalten Schei-\nben beseitigten, dafür weisses Glas einsetzten; aber es ist\nnoch nicht vorgekommen, dass ein Kirchenfürst den Stab\ngebrochen über die Titianische oder Rafaelische, über die\nDürer'sche oder Rubens'sche Schule, dass er dieselbe aus\nseiner Domkirche oder aus seinem Sprengel verwiesen\nhätte. Eine solche übertriebene Härte sollte nur der harm-\nlosen Musik widerfahren.\nFreilich hat es hierbei in der römisch-katholischen\nKirche nicht an Anhaltspunkten gefehlt. Zur Zeit der\nTridentinischen Kirchen-Versammlung war die Rede von\nder Verbildung der kirchlichen Tonkunst und sollte die-\nselbe ganz aus der Kirche ausgeschlossen werden, bis nach\nder Sage Papst Marcellus die Messe des Meisters Palestrina\nhörte und durch dieselbe bewogen wurde, doch der hei-\nligen Musica noch ein bescheidenes Plätzchen in der ge-\nweihten Halle zu gönnen.\nDie Verhandlungen der Kirchen-Versammlung bewei-\nsen, dass die Eiferer gegen die Tonkunst den damaligen\nMusikwerken hauptsächlich vorwarfen, dass sie im Wort-\ngehalte unverständlich seien, weil man auf einer einzigen\nSylbe zu viele Töne zu Gehör bringe. Wenn wir die\nWerke, von welchen diese Rede gilt, aufmerksam betrach-\n(en, können wir nicht umhin, diesen Beschwerdeführern\nRecht zu geben; allein sie gaben sich doch bald zufrieden,\nda sie einsahen, dass mit der Verbannung der Tonkunst\nder Gottesdienst ohne allen Glanz sein würde, und die Er-\nzählung von dem Ausspruche des Papstes Marcellus, wel-\nchem Palestrina seine Messe gewidmet habe, scheint eine\nfromme Sage späterer Zeit zu sein; denn wenn man die\nKla gen der heiligen Väter des Concils erwägt, so bleibt\nPalestrina ja mit seinen Wiederholungen und seinem Hin-\nziehen der Töne auf einer Sylbe eben so verwerflich wie\nseine übrigen theils vergessenen Zeilgenossen und viele\nseiner Nachfolger.\nUebrigens konnte diese Klage der Tridentinischen\nKirchenväter mit demselben Rechte auch gegen den alt-\nchrislliehen, so genannten Gregorianischen Gesang geschleu-\ndert werden. Auch diese Gesangweise verbindet eine Menge\nvon Tönen auf einer Sylbe und würde, wenn man ihn\nnicht bloss einstimmig zu singen pflegte, so unverständlich\nsein, wie die Werke der Tonmeister der nun vorzugsweise\ngepriesenen Zeit.\nNehmen wir einmal ohne Vorurlheil die als muster-\ngültig aufgestellten Werke der so genannten streng kirch-\nlichen Zeit vor, die in Rom in der heiligen Woche und\nbei sonstigen Anlässen aufgeführt werden und längst Ge-\nmeingut der Sammlungen geworden sind. Wie Verstössen\nnicht alle gegen die Beschwerden der Tridentinischen Kir-\nchenväter! Und wie Verstössen nicht viele selbst gegen die\ngesunde Vernunft! Was würde man sagen, wenn ein\nTonmeister unserer Tage für einen ernsten Festanlass un-\nter den heiligen Worten das A 1} C absingen liesse? wenn\ner für jeden einzelnen Buchstaben ein kleines Musikstück\nzuschnitte, das bestimmt ist, denselben auf und ab zu wie-\ngen? oder wenn er erstens, zweitens, drittens u. s. w. in\nMusik setzen wollte? Und doch hört man es in den La-\nmentationen mit Andacht, denn ich habe es oben gesagt,\ndie Tonkunst ist durchaus harmlos und unschuldig.\nFassen wir die Beschwerde der Tridentiner noch aus\neinem anderen Gesichtspunkte auf, der gewiss auch den\ndamaligen Tonsetzern nicht entgangen ist, so ergibt sich\ndas Bedenken, dass ihre Klage rein den katholischen Stand-\npunkt verlassen halte und mit den Ansichten der abtrün-\nnigen Neuerer übereinstimmte, welche in romanischen wie\nin germanischen Landen den alten Kirchengesang verbannt\nund dafür das Volkslied, mehrstimmig vorgetragen,\nunter dem Namen Choral eingeführt hatten, einen Ge-\nsang, in dem im Allgemeinen jeder Sylbe ein Ton ent-\nsprach und der mithin ohne contrapunktische Verwicklung\ngemeinverständlich blieb. Wenn das Tridentinische Con-\ncilium so sehr auf das Verständniss dringen wollte, so\nhätte es vor allem Anderen die lateinische Sprache im"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "211", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640702-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5261, "texte": "Gottesdienste abschaffen und die verschiedenen Landes-\nsprachen zum Gottesdienste für berechtigt erklären müssen.\nZu diesem Schritte konnte man sich aber, besonders den\nneu erstandenen Bekenntnissen gegenüber, nicht ent-\nschliessen; man wollte den Gregorianischen Gesang nicht\nfallen lassen, hielt also auch den ganzen damals bestehen-\nden Kirchengesang bei und überliess es der Kunst und\nden Künstlern, sich folgerichtig weiter zu entwickeln. Es\nwar dieses das Klügste, was man thun konnte. Dieses ist\nauch drei Jahrhunderte hindurch geschehen. Fast jeder\ngrosse Meister, selbst wenn er nicht der römisch-katholi-\nschen Kirche angehörte, hat es sich zur Aufgabe gestellt,\nderselben sein Opfer in einem oder dem anderen Werke\ndarzubringen, um deren Gottesdienst zu verherrlichen, und\nselbst nichtchristliche Meister haben es nicht verschmäht,\nwie einst jene heidnischen Magier, anerkennend ihre Ga-\nben zu bieten.\nZugleich mit den grossen Meistern der letzten Jahr-\nhunderte ist aus der Kirche auch das Orchester ausgewie-\nsen worden. Die Kirchenfürsten, welche diese Verweisung\n7 D\ngenehmigten, machten sich einer Unfolgerichtigkeit schul-\ndig, über welche die griechisch-katholische Kirche hinaus\nist, welche jedes Tonzeug ohne Ausnahme verbannt, wäh-\nrend jene Bischöfe einstweilen wenigstens noch die Orgel\nvon der Verbannung ausschlössen, hier und da auch noch\ndas Fagott. Nun ist aber kein Griyid einzusehen, dass man\nbei musicalischen Leistungen, wenn die Mittel und die Ein-\nrichtungen dazu vollständig vorhanden sind, bloss einen\neinzigen Begleiter des Gesanges (den Balgentreter unge-\nrechnet) gestatten will, nicht aber ein volles Orchester.\nDie neuen, abtrünnigen Religions-Gemeinden haben sich\nfreilich grösstentheils auf die Orgelbegleitung beschränkt,\nwohl weil es bei ihnen an Mitteln mangelte, oder weil sie\nwenigstens Anfangs gegen den äusseren Glanz des Gottes-\ndienstes angingen, nur das innerliche Verständniss erzielen\nwollten; trotzdem aber haben sie nicht die vollständige\nVerbannung des Orchesters ausgesprochen, im Gegentbeil\nhaben viele Tonsetzer dieser Bekenntnisse dasselbe für\nFest-Gelegenheiten mit grosser Wirksamkeit angewandt.\nWenn die römisch-katholische Kirche folgerichtig sein, das\nHergebrachte festhalten will, worauf sie sich so viel zu\nGute tiiut, so muss sie auch das neuere Orchester, das\nsich grösstentheils in ihr und für sie gebildet hat, behalten\nund darf keinen Unterschied machen, ob Einer mit den\nFingern auf Tasten durch einen Blasebalg die Begleitung\nvermittelt, oder ob ein Anderer auf Saiten, unmittelbar\"\noder mit dem Bogen, begleitet, oder ob Mehrere, wie es\ndie Sänger thun, die Lungen zum Lobe des Höchsten in\nThätigkeit setzen.\nNoch sonderbarer erscheint die Ausweisung des Or-\nchesters, wenn wir in den Psalmen, welche, so viel ich\nweiss, für die Kirche bindenden Werth haben, an meh-\nreren Stellen, welche die Kirchenfürsten nicht für unter-\nschoben erklären werden, die Instrumente erwähnt und\ngebilligt finden:\nPs. 33. „Danket dem Herrn mit Harfen, lobsingt\no\nihm auf dem zehnfach besaiteten Psalter! Singet ihm\nein neues Lied, macht es wohl auf Saitenspielen mit\nSchalle.\"\nPs. 81. „Nehmet die Psalmen, gebet her die Pau-\nken, wohlklingende Harfen mit Psalter. Blaset im\nNeumonde die Posaunen zum Feste.\"\nPs. 98. „Lobet den Herrn mit Harfen, Psalter und mit\nPsalmen (also mit Instrumenten und Menschenslimmen),\nmit Trompeten und Posaunen jauchzet vor dem Herrn.\"\nPs. 150. „Lobet ihn mit Posaunen, mit Psalter und\nHarfen, mit Pauken und Reigen, mit Saiten und Pfei-\nfen, mit hellen Zimbeln, mit wohlklingenden Zim-\nbeln\" u. s. w.\nWenn der andächtige Musikfreund diese Stellen ver-\ngleicht, so wird er herauslesen, dass der gottbegeisterte,\n%\nvon der römisch-katholischen Kirche approbirte Sänger\nohne Umschweif und entschieden nicht nur den alten\nGesang, sondern auch für den Herrn „ein neues Lied\"\nfordert, wie dass er für den Gottesdienst eine nicht unbe-\ndeutende Instrumentenzahl in Anspruch nimmt.\nDas Mittelalter, auf welches man in kirchlichen Din-\ngen wie in staatlichen so gern zurückgehen mag, hat sich\nan diese Stellen der Psalmen gehalten, und in jedem Jahr-\nhundert ist die Tonbühne in der Kirche der Tonbühne an\nden Fürstenhöfen ziemlich gleich geblieben. Die mittel-\nalterlichen Schriftsteller reden zeitweise von dem musica-\nlischen Glänze grossartiger Kirchenfeste; aber dauernder\nund offenkundiger reden die alten Steinmetzen und Mas-\nsonen in ihren Gebilden davon. In den Pl'ortentielungen\nder byzantinischen Münster wie der gothischen Dome sehen\nwir durch musicirende Engel gewöhnlich das Orchester\nder Bauzeit vertreten, und Schreiber dieses hat nach der\nPfortenwölbung der trier'schen Liebfrauenkirche, nach der\nPforte des schon zum grössten Theile vollendeten südli-\nchen kölner Domthurmes die Tonbühne der betreffenden\nBaujahre an anderer Stelle besprochen und glaubt dadurch\neinen bedeutenden Beitrag zur Geschichte der mittelalter-\nlichen instrumentalen Tonkunst geliefert zu haben. Selbst\nim kölner Dome, im Chore über den alten Apostelbildern,\nhat der Bildhauer in musicireriden Engeln das Orchester\nvergegenwärtiget, welches zur Zeit der ersten Einweihung\nder Kathedrale gebräuchlich war, und es ist in der That\nauffallend, dass dieser steingediegenen Tonbühne gegen-\n\nn"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "212", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640702-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5388, "texte": "über unser Orchester aus den heiligen Räumen ausgewie-\nsen werden konnte.\nWir haben oben von der Unschuld, von der sittlichen\nUnschädlichkeit der Tonkunst gesprochen: wir wollen aber\ndamit nicht sagen, dass jede Musik sich auch für die Kirche\neigne, dass es ganz gleichgültig sei, ob man Dieses oder\nJenes dem Gottesdienste anbequeme. Wir hörten in Polen\nvor Jahren in der stillen Woche Rossini's Gazza, ladra in\nder Kirehe vortragen, hörten jn Frankreich ausgewählte\nStücke aus Weber's „Freischütz\" zu kirchlichen Zwecken\nverwandt, und fanden, dass die andächtige Bevölkerung\nnichts gegen diese Melodieen einzuwenden hatte, im Ge-\ngentheile ganz davon erbaut stand, möchten aber für uns\nDeutsche eine Gränze gezogen wissen zwischen Bühne und\nKirche, zwischen weltlicher und geistlicher Musik. Eben\nso sind wir einverstanden, dass ein gebildeterer Geschmack\ndas Orchester des Mittelalters sichte, und möchten z. B.\nnicht Schellengeklingel aufnehmen, das wir noch auf der\nTonbühne der ersten Dom-Einweihung vertreten sehen.\nWas die Schreibart der Kirchenwerke anbelangt, so\nist es freilich nicht leicht, eine Auswahl zu treffen: wir\nwürden aber, wenn wir in der Eigenschaft eines geistlichen\nRathes zur Seite des Bischofsstuhles sässen, rathen, dem\nBesten aller Zeiten stets das Feld einzuräumen, vor Allem\naber, vor unserer Zeit die Schranken nicht zu schliessen.\n„Singet dem Herrn ein neues Lied!\" diesem gol-\ndenen Spruche würden wir Eingang zu verschaffen suchen.\nJede Zeit hat ihre Berechtigung, und das Gute, das den\nBesten seiner Zeit genügt hat, genügt, wie der Dichter\nsagt, allen Zeiten. Die Formen der Haydn'schen, der Mo-\nzart'schen, die Formen der Beethoven'schen Kirchenwerke\nstehen näher den Formen unserer übrigen nicht kirch-\nlichen Werke; allein diese Wahrnehmung soll uns nicht\ngegen genannte Werke einnehmen. Ergründen wir die\nWahrheit an der Sache, so finden wir im Gegentheil, dass\ndie Werke der alten Meister für die Kirche nach deren\nAbsicht wenigstens weit weniger in einem kirchlichen Stile\ngearbeitet sind, als die der jetzt lebenden. Die Sarabanden,\nGiquen, Couranten, die Madrigale und Menuets der alten\nMeister unterscheiden sich wenig von ihren geistlichen\nWerken in der Satzweise. Weil eher liesse sich für die\nheutigen Meister anführen, dass wenigstens die Besseren\nsich im vollen Bewusstsein der Würde an die Ar-\nbeit gesetzt haben, dass sie die angewandten Melodieen\nwie die Harmoniefolgen von innen heraus erfanden, dass\nes Keinem auch nur im entferntesten eingefallen ist, hier\ndie Melodieen vom „blauen Aermel\" oder sonst eine üb-\nliche Volks- oder Strassen-Melodie kirchlich zu contra-\npunktiren. Wenn Mozart in seiner frommen Stimmung\nsingt, klingt es freilich ganz anders, als wie die Gefühls-\nAusströmungen, die Beethoven hinterlassen hat, und beide\nsind wieder von denen des Vaters Haydn und des edlen\nBach unterschieden; allein in diesem Reichlhume, in die-\nser Vielseitigkeit sehen wir durchaus kein Unglück, noch\nweniger etwas Unschickliches, und finden es keineswegs\nbegründet, ob dem, was der Franzose\nchessesnennt, den ganzen Hort verwerfen zu wollen.\nJedenfalls darf die heilige Tonkunst dieselbe Berück-\nsichtigung in der Kirche fordern, welche die Schwester-\nkünste von je her genossen haben, wenn nicht hier eine\ndurchgreifende Veränderung der altkatholischen Formen\nbezweckt werden soll, an welche wir einmal nicht glau-\nben können und wollen.\nDer Kampf gegen die Berechtigung der Neuzeit, wür-\ndige Kirchenmusik aufzustellen, ging von Protestanten,\nging von entschiedenen Protestanten aus, und zwar beson-\nders von einem Manne, der in seiner Fach-Laufbahn als\nRechtsgelehrter gegenüber Savigny für den Beruf unserer\nZeit in rechtswissenschaftlichen Dingen auftrat. Ich rede\nhier von dem Heidelberger Thibaut, von seinem Werke\n„Ueber die Reinheit der Tonkunst\". Thibaut hat sich\ndurch dieses Werk grosse Verdienste erworben, indem er\ndie vergrabenen Schätze der vorigen Jahrhunderte wieder\nbekannt machte, indem er sie dem Forscher, dem Gelehr-\nten, dem Nacheifer strebender Künstler, der Anschauung\nder Kunstfreunde empfahl; aber der grosse Kenner blieb,\nwas ihm nicht zu verargen war, einseitig und leitete da-\ndurch seine unbedingten Nachbeter auf Abwege. Es ist\nsonderbar, dass ein Protestant in seinem Anpreisen einer\nbestimmten Periode der katholischen Kunst solchen Ein-\n(luss selbst auf katholische Diöcesen äussern konnte. Wenn\nwir annehmen, dass die Kunst in der Kirche nicht bloss\ndes Herkommens wegen da ist, wenn wir unterstellen dür-\nfen, dass sie auf das Gemüth wirken, zur Andacht, zur\nErhebung stimmen kann, und das werden doch wohl die\nBerather der Bischofssitze einräumen wollen, so muss man\nder heutigen Tonkunst vollständige Gerechtigkeit wider-\nfahren lassen. Was kann nämlich erheben, andächtig und\nfeierlich stimmen? Das, was verstanden wird. Unsere\nheutigen Meister sprechen aber am deutlich-\nsten zu den Gefühlen der Gegenwart, wo die alten\nMeister nur von wenigen vereinzelten Kennern verstanden\nwerden können.\nDie Domkirche von Köln ist in ganz Europa als einzig\ngepriesen, sie ist für den Spitzbogen-Stil, so lange derselbe\nan der Tagesordnung bleibt, das Urbild höchster Vollen-\ndung. Der seitherige Gang der Kunst in der römisch-ka-\ntholischen Kirche kann freilich diesem Geschmacke keine\n4\newige Dauer sichern, aber noch gilt sie wenigstens in\nDeutschland als Musterbild für vieles, wenn nicht für alles"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "213", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640702-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1928, "texte": "Neuzuerrichtende; daher ist denn die Thatsache auch an-\nerkennenswerth, dass von Köln aus sich nicht bloss die\ngöttliche Kunst der Massonen, sondern alle damit ver-\nschwisterten Künste durch Deutschland, neu erhoben, ver-\nbreiten, Glasmalerei, kirchliche Malerei, kirchliche Bild-\nnerei u. s. w. •\nBei dieser Wahrheit ist es doppelt zu beklagen, dass\nin der heiligen Kunst, in der Musik gerade eine Ausnahme\ngelten soll. Sie ist, wie alle Künste des Mittelalters, an\ndem Busen der Mutter Kirche gross gewachsen, und nun\nwill die Mutter, man mag mir eine unkirchliche Redens-\nart verzeihen, das Kind mit dem Bade ausgiessen.\nDie Domcapelle in Köln hatte einen Ruf in Deutsch-\nland, ja, in der europäischen Welt. Man mag an ihr Man-\nches auszusetzen gehabt haben, wir wollen es nicht in Ab-\nrede stellen; trotzdem war sie eines der ersten kirchlichen\nOrchester, war ein Augenmerk für alle ähnlichen Anstalten\nin Europa, von denen die meisten bei Weitem nicht zu\nihrer Höhe hinanreichten. Bei dem jetzigen Standpunkte\nder Tonkunst in Köln, durch die Musikschule und die auf\nderselben ausgebildeten Talente, durch die weltlichen Con-\ncerte, welche sich durchaus nicht mit flüchtigen Erschei-\nnungen befassen, was man einsehen lernt, wenn man nur\neiner Aufführung der Bach'schen Passion beigewohnt hat,\ndurch die Vorliebe gerade für diese Kunst im Ganzen\nwürde durch Hinzukommen der rechten Anregung\nvon oben Köln aller Wahrscheinlichkeit nach die hohe\nSchule heiliger Tonkunst geworden sein. Franco von Köln,\nder tonkundige Prälat, -entwickelte, seiner Zeit voraus-\neilend, in einem dunkeln Jahrhundert, der Natur und dem\nVolksleben zugewandt, die Grundlagen des Lehrgebäudes\nder heutigen Tonkunst und gab damals schon Zeugniss\nvon der musicalischen Tüchtigkeit des rheinischen Volkes;\nmögen die Prälaten der Neuzeit derselben ebenfalls wieder\ngerecht werden zum Glänze des Gottesdienstes und der\nhimmlischen Herrlichkeit!\n\nDiamond."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1864-07-02-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1864-07-02_01#c003", "volume": "bmtnabi_1864-07-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "213", "page_fin": "215", "image_debut": 5, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640702-01.2.3", "titre_corps": "Aus Rossini’s Leben.", "titre_sommaire": "Aus Rossini’s Leben.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "213", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640702-01.1.5", "debut_caractere": 1930, "fin_caractere_exclue": 5144, "texte": "Aus Rossini’s Leben.\nEin Beitrag zu den Theater-Verhältnissen in Italien\nund zur Geschichte des „Barbiers von Sevilla“.\n(Schluss. S. Nr. 26.)\nWährend nun Rossini Wunder der schöpferischen\nThätigkeit verrichtete, waren seine Feinde nicht wenig\nrührig, nicht aber um zu schaffen, sondern'um zu zerstö-\nren; der alte Paisiello, bei dem die Jahre keineswegs das\ngefährliche Talent, Ränke zu spinnen und Cabalen in Gang\nzu bringen, geschwächt hatten, schürte im Stillen das Feuer\ndes Zornes aller Anhänger der alten italiänischen Musik\ngegen den Neuerer, und die Partei dieser Anhänger war\nin Rom zahlreich und mächtig. Leider hatte auch der\nLibrettist Sterbini, der gewiss sehr unschuldig an dem\nneuen üpernstil Rossini's war, aus nicht mehr bekannten\nGründen eine Menge von Feinden, wovon Rossini glück-\nlicher Weise nichts wusste.\nUnter diesen wahrlich sehr ungünstigen Verhältnis-\nsen, den Angriffen eines zwiefachen Trefl'ens von Wider-\nsachern gegenüber, fand die erste Vorstellung des „Bar-\nbiers\" an dem vertragsmässig bestimmten Tage Statt. Ros-\nsini meinte bei einem so wichtigen Ereignisse auch durch\neine sorgfältige Toilette imponiren zu müssen, und zog\neinen kostbaren nussbraunen Frack mit goldenen Knöpfen\nan, den ihm der Director Barbaja zum Geschenk gemacht\nhatte. Obwohl er nun in der Vorrede zum Textbuche sehr\nbescheiden auftrat und mit warmer Verehrung und Be-\nwunderung von Paisiello sprach, so half dieser Blitzablei-\nter ihm doch nicht das Geringste gegen das drohende Un-\ngewitter. Schon aul der Strasse begann noch vor Oeffnung\nder Pforten der Argentina das Gepfeife. So wie Rossini\nin seinem neuen Staatsrocke ans Pult trat, brach das Par-\nterre in ein schallendes Gelächter aus, und laute Spötte-\nreien über den braunen Frack wurden von Zischen und\nPfeilen begleitet. Unter dem Getöse und Geschwirre der\nZuhörer, das, wie der Biograph Zanolini sich ausdrückt,\ndem lärmenden Geräusche glich, welches die Ankunft einer\nProcession verkündet, wurde die Ouvertüre gespielt. Es\nwar die zum Barbier geschriebene, welche seitdem verlo-\nren gegangen ist, wie auch die Eröffnungs-Scene des zweiten\nActes, welche aus einem Ensemblestücke bestand, in dem\nRosine die Haupt-Partie hatte*). Der Vorhang ging auf\nund Garcia, der Graf Almaviva, wollte als echter Spanier\nseine Arie selbst auf der Guitarre begleiten. Um durch\nden Lärm durchzudringen, griff er so scharf in die Saiten,\ndass sie sprangen. Nun ging das Pfeifen und Verhöhnen\nerst recht wieder los. Rossini aber, der in dieser fürchter-\nlichen Lage einen Muth und ein Vertrauen auf sein Werk\nmit einer Charakterfestigkeit bewährte, die nicht Jedem\ngegeben ist, rief Garcia ein kräftiges: „Vorwärts, vor-\nwärts!\" zu und spielte die Begleitung auf dem Ciavier.\nDas gab wieder neues Gelächter und laute Spässe über\ndie Unterhaltung des Maestro mit dem Sänger von unten\nnach oben. Figaro's Arie und sein Duett mit dem Grafen\nwurden von fortwährendem Lärm übertäubt. Endlich legte\nsich der Sturm auf einige Augenblicke, als die Signora\nGiorgi-Righetti, eine in Rom namentlich durch ihre\nwundervolle Stimme beliebte Sängerin, als Rosine auftrat.\n\n*) Es ist die Unterrichts-Scene, wo jetzt jede Sängerin ein Bra-\nvourstück nach ihrem Gefallen einlegt."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "214", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640702-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5221, "texte": "Der Vortrag ihrer Arie: TJna voce foco fa, rief eine drei-\nmalige Salve von Applaus hervor. Rossini stand auf und\nverneigte sich dankend gegen das Publicum, und der Sturm\nschien in der That sich etwas besänftigt zu haben.\nAber o weh! Der Sänger Vitarelli, der den Basilio\nmachte, hatte das Unglück, beim Auftreten über seinen\nlangen Klosterrock zu stolpern und dermaassen auf die\nNase zu fallen, dass er blutete. Nun war im wahren Sinne\ndes Wortes der Teufel los, wenigstens der Lachteufel.\nMan applaudirte. lachte unmässig, rief und es\ngab ein Toben, wie es noch nicht da gewesen war. Einige\nglaubten, der Fall gehöre zur Rolle und verhöhnten den\nLibrettisten. Die treffliche Arie über die Verleumdung\nging unter diesem Lärm verloren, und freilich mag es\nschwer gewesen sein, nicht zu lachen, da der arme Basilio\nsich bei jeder Pause das Tuch vor die Nase halten musste,\num das Blut zu stillen.\nEs lässt sich begreifen, dass ein Publicum, zumal ein\nitaliänisches, das einmal in solchem Zuge unauslöschlicher\nHeiterkeit ist, keine Schranken mehr kannte. So fand denn\"\nauch das reizende Brief-Duett keine Gnade vor ihm, wovon\nfreilich auch der Librettist zum Theil die Schuld trug,\ndenn er hatte die Liebenden schon vorher ein paar Mal\ncorrespondiren lassen, und als nun der\nzum dritten Male ein Briellein verlangte, da brach ein\nschallendes Gelächter aus. Man hat dies späterhin mit\nrichtigem Tacte abgeändert.\nZum Uebermaass des Unglücks führte das tückische\nSchicksal mitten in dem herrlichen Finale eine Dilettantin\nauf die Bühne, eine graue Katze! Za mbon i, der treffliche\nFigaro, machte sie durch seine Jagd nur noch toller; sie\nfuhr dem Doctor Bartolo-Botticelü zwischen die Beine,\nRosine und Marcelline flüchteten sich vor ihr und nur den\nSpiessen der Wache gelang es am Ende, sie zu verscheu-\nchen. Aber ach! das Publicum rief die unfreiwillige Schau-\nspielerin heraus, klatschte und miaute und trieb einen\nHöllenlärm. Das Gelächter über die improvisirte Rolle der\nKatze war kaum verschollen, als ein breitschulteriger Kerl,\nder dem Ansehen nach keinen Widerspruch zu dulden ge-\nsonnen war, mitten aus dem Parterre mit Stentorstimme\nausrief: „Das ist die Grabmusik für Don C****!\" und ge-\nbrauchte dabei ein so gemeines Wort, dass wir es auch\nnicht einmal im Orignal, geschweige denn auf Deutsch\nhersetzen können.\nMan stelle sich nun diese scandalösen Auftritte, welche\nden ganzen ersten Act hindurch dauerten, recht lebhaft\nvor, um zu begreifen, was für eine Ueberwindung von\nSeiten der Sänger und vollends des Maestro am Dirigenten-\npulte dazu gehörte, das alles zu ertragen und weiter zu\nspielen. Was that aber Rossini? Er blieb nicht nur in\njeder Hinsicht tactfest, sondern oft legte er den Tact-\nstock auf einen Augenblick nieder, stand auf und machte\nsich so lang wie möglich, um den Sängern lauten Beifall\nzu klatschen.\nDiese Demonstration gegen das Publicum brachte die\nGegenpartei im Hause, die keineswegs bloss im Parterre\nihren Platz halte, vollends gegen den Maestro auf; sie\ntrieb es nun so arg, dass man keinen Ton im zweiten\nActe ruhig anhören konnte. Trotz alledem blieb Rossini\nfest, und seine getreuen Sänger räumten ebenfalls das\nFeld nicht, bis mit der letzten Note der Partitur der Vor-\nhang fiel.\nAls die Künstler ihre Garderobe gewechselt hatten\nund zu Rossini fuhren, um ihn zu trösten und zu ermulhi-\ngen, fanden sie ihn schon im Bette und in ruhigem Schlafe.\nAm folgenden Tage machte er einige Aenderungen\nund Verkürzungen, strich unter Anderem die mehrmalige\nCorrespondenz zwischen Lindoro und Rosine weg u. s. w.,\naber erklärte auf das bestimmteste, dass er trotz des Con-\ntractes die zweite Vorstellung nicht dirigiren würde. Der\nImpresario drang nicht in ihn, er war im Gegentheil im\nStillen damit einverstanden, denn er fürchtete Alles von\nRossini's Benehmen, das sicher wiederum ähnliche Scenen\nwie gestern im Publicum hätte hervorrufen können. So\nblieb denn Rossini am Tage der zweiten Vorstellung zu\nHause und erwartete im Gespräche mit seinen Hausleuten\nruhig das Ende des Abends. Allein diese Ruhe verliess\nihn doch ein wenig, als man auf einmal das Herannahen\nund das Gewühl einer grossen Menge Menschen vernahm,\naus deren Mitte man deutlich den Ruf: Rossini! hörte. Er\nglaubte in der That, man wollte ihm eine Katzenmusik\nbringen oder sonst einen Schabernack anthun, und die\nHausleute fürchteten, da sie Fackelschein sahen, sogar\nfür ihr Besitzthum. Es war ein Fackelzug, mit dem seine\nFreunde nach dem ersten Acte der Vorstellung ihn nach\ndem Theater abholen wollten, um durch seine Erschei-\nnung das Rufen des entzückten Publicums nach dem Com-\nponisten zufrieden zu stellen.\nWir lugen noch den Inhalt der oben erwähnten Vor-\nrede zum Textbuche hinzu, welches übrigens damals aus\nRespect für Paesiello gar nicht den Titel\nSeviglia (w'\\eßeaumarchais' Lustspiel und Paesiello's Oper)\nführte, sondern Almaviva o sia l'inutile Precauzione hiess.\nDas Avvertimento alpubblico lautet in wörtlicher Ueber-\nsetzung des Originals:\n„Das Lustspiel des Herrn Beaumarchais, das den Titel\n„„Der Barbier von Sevilla oder Die nutzlose\nVorsicht\"\" führt, erscheint in Rom, in ein komisches\nDrama verwandelt, unter dem Namen; „„Almaviva\noder Die nutzlose Vorsicht\"\", um das Publicum vollstän-"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "215", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640702-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2089, "texte": "dig von den Gefühlen der Hochachtung und Verehrung\nzu überzeugen, welche den Autor der Musik des jetzigen\nDrama's für den so berühmten Paesiello, der denselben\nStoff unter seinem urprünglichen Titel schon behandelt\nhat, beseelen.\n„Berufen, dieselbe schwierige Aufgabe zu überneh-\nmen, hat der Maestro Gioachino Rossini, um nicht dem\nVorwurf eines verwegenen Wetteifers mit dem unsterb-\nlichen Componisten, der sein Vorgänger war, anheim zu\nfallen, ausdrücklich verlangt, dass „„Der Barbier von Se-\nvilla\" \" ganz von Neuem versificirt und dass demselben\neinige neue Situationen für Musikstücke hinzugefügt wer-\nden müssten, wie sie übrigens auch der neuere Theater-\ngeschmack verlange. <1 er sich seit der Zeit, wo der be-\nrühmte Paesiello seii>e Musik geschrieben, so sehr geändert\nhätte.\n„Ein mehrfacher anderer Unterschied zwischen dem\nTexte des gegenwärtigen Drama's und dem des französi-\nschen Lustspiels floss aus der Notwendigkeit, in dieselbe\nHandlung Chöre einzufügen, theiJs weil der neuere Ge-\nschmack sie fordert, theils weil sie für die musicalische\nWirkung in einem Theater von so bedeutendem Umfange\nunentbehrlich sind. Hiervon wird das geneigte Publicum\nin Kenntriiss gesetzt, auch um den Componisten des neuen\nDrama's zu entschuldigen, der ohne das Zusammentreffen\ndieser gebieterischen Umstände nicht gewagt haben würde,\nauch nur die kleinste Aenderung in dem französischen\nWerke vorzunehmen, welches schon durch den Beifall in\nallen Theatern Europa's geheiligt worden ist.\"\nNun, wir haben oben schon berichtet, dass auch diese\nbescheidene Erklärung eine pr war. Pae-\nsiello starb einige Monate darauf, den 5. Juni 1816 (nicht\nJanuar, wie irrthümlich in einigen biographischen Artikeln,\nz. B. dem Brockhausischen Conversations-Lexikon, steht),\nund sein „Barbier von Sevilla\" ist dem Gerichte der Zeit\nverfallen, während Rossini's „Almaviva\" wieder in den\n„Barbier\" umgetauft worden ist und noch heute alle Welt\nentzückt. Wie lange noch? Wer kann das voraussagen bei\ndem Fortschritte der heutigen Musik, weicherden Geschmack\naus dem Ohr und Gemüth in die Nerven gejagt hat?"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1864-07-02-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1864-07-02_01#c004", "volume": "bmtnabi_1864-07-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "215", "page_fin": "216", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640702-01.2.4", "titre_corps": "Aus Breslau.", "titre_sommaire": "Aus Breslau.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "215", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640702-01.1.7", "debut_caractere": 2091, "fin_caractere_exclue": 5270, "texte": "Aus Breslau.\n(Ferd. Hill er' s JSZ er Störung von Jerusalem\".)\nDen 15. Juni 1864.\nZum Vortheil der Kronprinz-Stiftung führte die Sing-\nAkademie an ihrem Stiftungsfeste den 13. Juni F. Hil-\nler's Oratorium: „Die Zerstörung von Jerusalem\" in\nder Aula Leopoldina auf. Abgesehen von dem wohlthätigen\nZwecke, verdient Herr Musik-Director Schäffer schon\ndesshalb unseren innigsten Dank, dass er uns das schöne\nWerk von Hiller noch einmal zur besseren Kenntriiss und\nWürdigung vorgeführt hat. Bei Gelegenheit der ersten Auf-\nführung am 7. November v. J. ist in diesen Blättern \\on\nsachkundiger Feder bereits ausführlich berichtet worden;\nwir können uns daher heute auf einige allgemeine Bemer-\nkungen beschränken. F. Hiller gehört unstreitig zu den\nbegabtesten und hervorragendsten Componisten der Gegen-\nwart; im Grunde an Mendelssohn sich anschliessend, gibt\ner in seinen Werken doch so viel Eigenes und Originelles,\ndass er durchaus weit entfernt von aller Nachahmung\nbleibt; sein Stil ist edel und rein und hält sich in jenen\nmaassvollen Gränzen, welche das Schöne in der Kunst nie\naus den Augen verlieren. Wenn man der „Zerstörung Je-\nrusalems\" den Vorwurf machen wollte, dass zu wenig Kirch-\no\nliches, mehr Dramatisches darin enthalten sei, so muss man\nKirchliches nicht verwechseln mit Religiösem, das auch\nhier überall die tiefere Grundlage bildet, und das drama-\ntische Element kommt dem Oratorium wesentlich zu, natür-\nlich ohne die religiöse Dichtung zu einer entwürdigenden\nVerweltlichung herabzuziehen, wie dies hier nicht der Fall\nist. Den Glanzpunkt des vorliegenden Oratoriums bilden\nwohl die Chöre, die durchweg in Aidage und Durchführung\ndie Meisterhand verrathen ;doch auch die Arien und Duette,\nwie die Recitative enthalten manchen reizenden und genia-\nlen Zug. Die Chöre der Israeliten: „Schon brausen sie da-\nher, wie ein ungestümes Meer\", „Wir zieh'n gebeugt, das\nJoch auf unserm Nacken\" ,der allgemeine Chor: „Das Ent-\nsetzen bricht herein\", schliessen sich in kunstvoller Arbeit,\nmächtiger Wirkung, glanzvoller Instrumentation dem Be-\nsten an, das wir auf diesem Gebiete besitzen. Wie im All-\ngemeinen die Aufführung des Werkes ein sorgfältiges Stu-\ndium Seitens des Dirigenten verrieth, so wurden insbeson-\ndere die Chöre mit einer Präcision, Reinheit und Energie\nwiedergegeben, wie wir dies an der Sing-Akademie wohl\nvon je her zu hören gewohnt sind, aber diesmal doch ganz\nvorzüglich hervorheben müssen. Wenn man dabei an eine\nTemperatur von ■+- 30° Reaumur im Saale denkt, so wird\nman die Aufgabe der Sänger wie des Orchesters um so\nmehr zu würdigen und bei irgend einem Solisten einmal\neine kleine Schwankung in der Intonation zu entschuldigen\nwissen. Unter den Solosängern müssen wir vor allen Din-\ngen wiederum der Frau Dr. Mampe-Babnigg rühmend er-\nwähnen, deren stets schlagfertige Bereitwilligkeit wie un-\nfehlbare Virtuosität auf gleicher Höhe stehen. Wir müssen\nes immer wiederholen, die vorzügliche Schule dieser Sän-\ngerin, die mit einer weisen Oekonomie in der Benutzung\ndes Stimm-Materials eng verbunden ist, lässt sie Triumphe\nfeiern, wie sie manche weit jüngere Sängerin nicht erreicht.\nAus ihrer ausgezeichneten Gesammtleistung wollen wir nur"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "216", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640702-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2031, "texte": "den ausserordentlich schönen Vortrag der reizend-charak-\nteristischen Arie mit den obligaten Pauken: „Mit diesen\nDüften steige unser Lied empor\", hervorheben. Die Tenor-\nPartie (Zedekia) hatte der k. Domsänger Herr Schäffer,\nein Bruder des Dirigenten, mit grosser Gefälligkeit über-\nnommen und erwarb sich den Beifall der Zuhörer durch\ndie Innigkeit des Vortrags, in welchem er seine gerade nicht\nkräftige, aber weiche, leicht angebende Tenorstimme wohl\nzu verwenden wusste. Den Jeremias führte Herr Gesang-\nlehrer Schubert mit gewohnter Kraft und Sicherheit\ndurch; besonders anerkennend müssen wir uns ausser dem\ngeschmackvollen Vortrage der Arien über die schöne De-\nclamation des Klageliedes und der letzten Recitative aus-\nsprechen. Wenn wir nun noch der Trägerin der Alt-Partie\nlobend gedenken, so können wir im Allgemeinen berichten,\ndass die vortreffliche Ausführung das Werk aufs Neue in\nder Gunst des Publicums gehoben hat, und auch der Ken-\nner bestätigt an ihm als Zeichen eines wahren Kunstwer-\nkes, dass bei der Wiederholung der erste Eindruck nicht\nabgeschwächt wird, sondern immer wieder neue Seiten\nhervortreten, welche das Interesse des Hörers spannen und\ndas Gefühl ansprechen. Die Aulführung des Oratoriums in\nseinem orchestralen Theile war untadelhaft.\n(Schles. Zeit.) V.\nNachschrilt. In einer der folgenden Nummern des-\nselben Blattes spricht sich ein anderer Referent noch aus-\nführlicher und mit derselben warmen Anerkennung über\nIliller's Werk aus und schliesst mit den Worten: „Der\nWunsch einer dritten Wiederholung des Oratoriums im\nnächsten Winter ist gewiss der des Publicums. Möge Herr\nDirector SchäfTer ihn erfüllen.\" Wenn derselbe Referent\naber sagt: „Ililler's Originaliät leidet dadurch keinen Ab-\nbruch, wenn wir sagen, er habe Mendelssohn's „ „Elias\"\"\nbenutzt\" —so ist dies ein Anachronismus, da Mendelssohn's\n„Elias\" zum ersten Male den 26. August 1846 in Bir-\nmingham, Ililler's „Zerstörung von Jerusalem\" aber zum\nersten Male schon im April 1840 in Leipzig gegeben\nworden ist. (Die Redaction.)"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1864-07-02-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1864-07-02_01#c005", "volume": "bmtnabi_1864-07-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "216", "page_fin": "216", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640702-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "216", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640702-01.1.8", "debut_caractere": 2033, "fin_caractere_exclue": 3762, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nliolii. Die Fraction der Gesellschaft vom Tlieätre imperial\nde VOp&ra Italien in Paris setzt ihre Vorstellungen bei steigender\nTheilnahme des Publicums fort. Die Wiederholung des Trovaiore\nam Sonntag den 26. Juni war am meisten besucht, die der Lucia\nund die erste Aufführung von Bellini's I Puritani am Mittwoch den\n29. Juni hatten ebenfalls ein grosses Publicum, welches reichlichen\nBeitall spendete. In den Puritanern zeichnete sich neben Fräulein\nVitali und dem Bariton Sterbini besonders auch der Basso An-\ntonucci aus, der eigentlich an diesem Abende zum ersten Male in\neiner bedeutenden Rolle auftrat.\nDer hiesige Sängerbund, unter der Leitung des gründlich\nmusicalisch gebildeten Dilettanten Herrn B*****, hatte vor Kurzem\neine Sängerfahrt auf dem Rheine veranstaltet, bei welcher an 300\nDamen und Herren das bekränzte und bewimpelte Dampfschiff füll-\nten. Vorherrschend war dabei natürlich die heitere Geselligkeit, aber\nauch das musicalische Element war gut vertreten; namentlich mach-\nten die Männerchöre „An die Hoffnung\" von Schärtlich und „Das\nKirchlein\" von Becker, die mit Erlaubniss der Klostergeistlichen in\nder Apollinariskirche zu Remagen vorgetragen wurden, einen schö-\nnen Eindruck.\nDer kölner Männer-Gesangverein unter Leitung des k.\nMusik-Directors Franz Weber hat unter den vielseitigen Anforde-\nrungen an seine rühmlichst bekannte Bereitwilligkeit, „durch das\nSchöne das Gute zu befördern\", dieses Mal die Einladung des Co-\nmite's für die Wiederherstellung der Liebfrauenkirche in Worms\nangenommen und am Sonntag den 26. und Montag den 27.\nJuni in der genannten Kirche zwei überaus zahlreich besuchte\nConcerte gegeben. Wir kommen in der nächsten Nummer darauf\nzurück. . ."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "209", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640702-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nDer Beruf unserer Zeit zur Kirchenmusik. Aus Rossini's Leben. Ein Beitrag zu den Theater-Verhältnissen in Italien\nund zur Geschichte des „Barbiers von Sevilla\". Schluss. Aus Breslau (Ferd. Hillens „Zerstörung von Jerusalem\"). Tages- und\nUnterhaltungsblatt (Köln, Fortsetzung des Gastspiels der italiänischen Opern-Gesellschaft. Sängerfahrt der hiesigen Sängerbundes,\nConcerte des kölner Männer-Gesangvereins in Worms).\n\nDer Beruf unserer Zeit zur Kirchenmusik\n\n*).\nDie Kunst ist so alt als der Mensch. Sie hat sicher-\nlich von den ältesten Zeiten her sein Leben verschönern,\nseinen Geist erheben helfen. Von allen Künsten aber ist\ndem Menschen die Tonkunst am unmittelbarsten gegeben,\nund Klang und Tonweise haben ihn wohl am frühesten\nfür das Ueberirdische begeistert. So weit als unsere Kunde\nüber den Gottesdienst der ältesten Völker reicht, finden\nwir, dass sie den Ewigen oder die Ewigen mit Gesang\ngefeiert haben, und unter den ältesten schriftlichen Ueber-\nlieferungen sind uns bekanntlich bedeutende Sammlungen\njener Gesänge geblieben. Die jetzt noch blühenden Völker\ngingen in den Spuren der alten und widmeten, so wie sie\ndie Kunst ausbildeten, die schönsten Blüthen derselben\ndem Gottesdienste. Die ältesten Versuchs- und Meister-\nwerke unserer Tonkunst sind Werke gottesdienstlicher\nArt, welche sich im Laufe der Jahrhunderte immer weiter\nausbildeten, bis sie sich in Bach und zuletzt in Beetho-\nven gipfelten.\nBei d ieser bekannten Thatsache klingt es beinahe wie\nein Wunder, dass gegenwärtig von einem Theile der rö-\nmisch-katholischen Geistlichkeit der heutigen Tonkunst\nder Krieg erklärt wurde, dass man dieselbe aus der Kirche\nverwies und für diese als einzig maassgebend diejenige\nMusik erklärte, welche drei Jahrhunderle früher gäng\nund gäbe war.\nEs ist dieses um so auffallender, da von allen Kün-\nsten die Tonkunst die harmloseste, die unschuldigste ist\nund bleibt, indem sie nur allgemeine Gefühle anreeen\no\nkann und in ihrer Ausdrucksweise immer noch von der\neigentümlichen Auffassung des Hörers abhängt.\nDie Malerei, die Bildnerei können unsittliche Gegen-\nstände darstellen, die Dichtkunst kann gottlose Dinge sa-\ngen, aber alles, was die Musik leisten kann, bleibt un-\nschuldiger Natur, kann nur durch die Wort-Unterlage\nirgendwie anslössig werden. Den klarsten Beweis nehme\nich gerade aus jener Zeil, die von denen als maassgebend\nanerkannt wird, welche den Stab über die heutige Musik\nbrechen, widern die meisten alten Tonmeister aus jener\nmelodiearmen Zeit bekanntlich ihre kirchlichen Werke\nüber Weisen arbeiteten, welche sie dem leichtfertigsten\nc>\nVolksgesange entnahmen, und halten vielfach die Einfalt,\nzu bemerken, woher sie die Weise genommen halten;\nallein der veränderte Text verscheuchte das Bewusstsein\nder Entstehung der Melodie. Und so ist es auch heute\nnoch; oft wird einer schönen, im Volke bekannten Weise\nein anderer Text verschiedenen Inhalts den verschiedenen\nGelegenheiten, wo sie gesungen wird, angepasst, und der\nZuhörer wie der Sänger wird den Empfindungen, welche\ndie Worte aussprechen, folgen und nicht mehr an den\nursprünglichen Text der Melodie denken. Es ist also nicht\ndie Musik, welche einen ganz bestimmten Ausdruck von\netwas geben kann, die Musik an und für sich ist immer\nunschuldig.\nFragen wir nun die Geschichte, ob jemals die Gestal-\ntung einer Kunst in irgend einer bestimmten Pe-\nriode maassgebend für die Kirche gewesen sei, so sehen\nwir, dass die christliche Kirche, wenigstens die römisch-\nkatholische, bei keiner anderen Kunst irgend eine Kunst-\nPeriode als durchaus maassgebend festgehalten hat. In\n\n*) Dieser Aufsatz betrifft noch einmal die schon öfter in diesen\nBlättern berührte Frage über die Stellung der Tonkunst zu der ka-\ntholischen Kirche. Wiewohl es scheint, dass bei dem Streite darüber\nganz andere Rücksichten als musicalische die Bestimmungsgründe\nfür die Gegner der geistlichen Musik des vorigen und jetzigen Jahr-\nhunderts in der Kirche abgeben, so wollen wir doch die Betrach-\ntungen eines so ehrenwerthen Mitgliedes der katholischen Gemeinde\nder Erzdiöcese Köln und eines so bewiihrten Verehrers der heiligen\nTonkunst, wie der Herr Verfasser ist, nicht der Beachtung des Le-\nserkreises dieser Zeitung entziehen, da aus jeder Zeile die aufrich-\ntigste Herzcnsineinung spricht, bemerken aber dabei, dass wir damit\ndie Erörterungen des Gegenstandes in unserem Blatte abschliessen.\nDie Eedaction."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "210", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640702-01.1.2", "texte": "allen europäischen Landen sind Kirchen aus allen Bau-\nPerioden zu finden, in denen seil ihrer Entstehung fort-\nwährend Gottesdienst Statt findet. Von der römischen\nBasilika an, von der Markthalle, welche zuerst zum Gottes-\ndienste geweiht wurde, ferner von der römisch-griechi-\nschen Tempelform an zum Rundbogen, dann zum Spitz-\nbogen, vom gothischen Dome zum Baustyle der Wieder-\ngeburt, ja, bis zum Zopfstyle geht die Kirche immer mit\nder Zeit, und niemals, selbst heute nicht, ist es einem ihrer\nWürdenträger eingefallen, irgend einen Styl als unwürdig\nzu verwerfen, irgend eine Kirche, als in ihrer Archi-\ntektur anstössig, zu schliessen. Im Gegentheil kann\nauch der flüchtigste Besucher sich überzeugen, dass in den\nmeisten Kirchen in ihrem Ausbaue wie in ihrer Ausrüstung\nsich der Kunstgeschmack der verschiedenen Jahrhunderte\noft in malerischer Harmonie, oft in schneidendem Abstich\ngeltend gemacht hat.\nNeben der Baukunst finden wir die Malerei, die Bild-\nnerei aller Zeiten vertreten, ohne dass bisher irgendwo\nund irgendwie im Allgemeinen Anstoss an dem Style ge-\nnommen worden ist. Freilich traf es sich wohl, dass Klo-\nstergeistliche, denen, wie z. B. zu Hemmerode in der Eifel,\ndie ruhige byzantinische Form zu unbedeutend vorkam,\ndie Kirche abtrugen und eine neue im ausschweifendsten\nZopfstyle hinsetzten, oder dass die Domherren, für diesen\nStyl eingenommen, golhische Antiquitäten, wie z. B. die\noft bedauerte Sacraments-Fiale in Köln, zerschlagen und\nin den Rhein werfen Hessen, dass sie die gemalten Schei-\nben beseitigten, dafür weisses Glas einsetzten; aber es ist\nnoch nicht vorgekommen, dass ein Kirchenfürst den Stab\ngebrochen über die Titianische oder Rafaelische, über die\nDürer'sche oder Rubens'sche Schule, dass er dieselbe aus\nseiner Domkirche oder aus seinem Sprengel verwiesen\nhätte. Eine solche übertriebene Härte sollte nur der harm-\nlosen Musik widerfahren.\nFreilich hat es hierbei in der römisch-katholischen\nKirche nicht an Anhaltspunkten gefehlt. Zur Zeit der\nTridentinischen Kirchen-Versammlung war die Rede von\nder Verbildung der kirchlichen Tonkunst und sollte die-\nselbe ganz aus der Kirche ausgeschlossen werden, bis nach\nder Sage Papst Marcellus die Messe des Meisters Palestrina\nhörte und durch dieselbe bewogen wurde, doch der hei-\nligen Musica noch ein bescheidenes Plätzchen in der ge-\nweihten Halle zu gönnen.\nDie Verhandlungen der Kirchen-Versammlung bewei-\nsen, dass die Eiferer gegen die Tonkunst den damaligen\nMusikwerken hauptsächlich vorwarfen, dass sie im Wort-\ngehalte unverständlich seien, weil man auf einer einzigen\nSylbe zu viele Töne zu Gehör bringe. Wenn wir die\nWerke, von welchen diese Rede gilt, aufmerksam betrach-\n(en, können wir nicht umhin, diesen Beschwerdeführern\nRecht zu geben; allein sie gaben sich doch bald zufrieden,\nda sie einsahen, dass mit der Verbannung der Tonkunst\nder Gottesdienst ohne allen Glanz sein würde, und die Er-\nzählung von dem Ausspruche des Papstes Marcellus, wel-\nchem Palestrina seine Messe gewidmet habe, scheint eine\nfromme Sage späterer Zeit zu sein; denn wenn man die\nKla gen der heiligen Väter des Concils erwägt, so bleibt\nPalestrina ja mit seinen Wiederholungen und seinem Hin-\nziehen der Töne auf einer Sylbe eben so verwerflich wie\nseine übrigen theils vergessenen Zeilgenossen und viele\nseiner Nachfolger.\nUebrigens konnte diese Klage der Tridentinischen\nKirchenväter mit demselben Rechte auch gegen den alt-\nchrislliehen, so genannten Gregorianischen Gesang geschleu-\ndert werden. Auch diese Gesangweise verbindet eine Menge\nvon Tönen auf einer Sylbe und würde, wenn man ihn\nnicht bloss einstimmig zu singen pflegte, so unverständlich\nsein, wie die Werke der Tonmeister der nun vorzugsweise\ngepriesenen Zeit.\nNehmen wir einmal ohne Vorurlheil die als muster-\ngültig aufgestellten Werke der so genannten streng kirch-\nlichen Zeit vor, die in Rom in der heiligen Woche und\nbei sonstigen Anlässen aufgeführt werden und längst Ge-\nmeingut der Sammlungen geworden sind. Wie Verstössen\nnicht alle gegen die Beschwerden der Tridentinischen Kir-\nchenväter! Und wie Verstössen nicht viele selbst gegen die\ngesunde Vernunft! Was würde man sagen, wenn ein\nTonmeister unserer Tage für einen ernsten Festanlass un-\nter den heiligen Worten das A 1} C absingen liesse? wenn\ner für jeden einzelnen Buchstaben ein kleines Musikstück\nzuschnitte, das bestimmt ist, denselben auf und ab zu wie-\ngen? oder wenn er erstens, zweitens, drittens u. s. w. in\nMusik setzen wollte? Und doch hört man es in den La-\nmentationen mit Andacht, denn ich habe es oben gesagt,\ndie Tonkunst ist durchaus harmlos und unschuldig.\nFassen wir die Beschwerde der Tridentiner noch aus\neinem anderen Gesichtspunkte auf, der gewiss auch den\ndamaligen Tonsetzern nicht entgangen ist, so ergibt sich\ndas Bedenken, dass ihre Klage rein den katholischen Stand-\npunkt verlassen halte und mit den Ansichten der abtrün-\nnigen Neuerer übereinstimmte, welche in romanischen wie\nin germanischen Landen den alten Kirchengesang verbannt\nund dafür das Volkslied, mehrstimmig vorgetragen,\nunter dem Namen Choral eingeführt hatten, einen Ge-\nsang, in dem im Allgemeinen jeder Sylbe ein Ton ent-\nsprach und der mithin ohne contrapunktische Verwicklung\ngemeinverständlich blieb. Wenn das Tridentinische Con-\ncilium so sehr auf das Verständniss dringen wollte, so\nhätte es vor allem Anderen die lateinische Sprache im"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "211", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640702-01.1.3", "texte": "Gottesdienste abschaffen und die verschiedenen Landes-\nsprachen zum Gottesdienste für berechtigt erklären müssen.\nZu diesem Schritte konnte man sich aber, besonders den\nneu erstandenen Bekenntnissen gegenüber, nicht ent-\nschliessen; man wollte den Gregorianischen Gesang nicht\nfallen lassen, hielt also auch den ganzen damals bestehen-\nden Kirchengesang bei und überliess es der Kunst und\nden Künstlern, sich folgerichtig weiter zu entwickeln. Es\nwar dieses das Klügste, was man thun konnte. Dieses ist\nauch drei Jahrhunderte hindurch geschehen. Fast jeder\ngrosse Meister, selbst wenn er nicht der römisch-katholi-\nschen Kirche angehörte, hat es sich zur Aufgabe gestellt,\nderselben sein Opfer in einem oder dem anderen Werke\ndarzubringen, um deren Gottesdienst zu verherrlichen, und\nselbst nichtchristliche Meister haben es nicht verschmäht,\nwie einst jene heidnischen Magier, anerkennend ihre Ga-\nben zu bieten.\nZugleich mit den grossen Meistern der letzten Jahr-\nhunderte ist aus der Kirche auch das Orchester ausgewie-\nsen worden. Die Kirchenfürsten, welche diese Verweisung\n7 D\ngenehmigten, machten sich einer Unfolgerichtigkeit schul-\ndig, über welche die griechisch-katholische Kirche hinaus\nist, welche jedes Tonzeug ohne Ausnahme verbannt, wäh-\nrend jene Bischöfe einstweilen wenigstens noch die Orgel\nvon der Verbannung ausschlössen, hier und da auch noch\ndas Fagott. Nun ist aber kein Griyid einzusehen, dass man\nbei musicalischen Leistungen, wenn die Mittel und die Ein-\nrichtungen dazu vollständig vorhanden sind, bloss einen\neinzigen Begleiter des Gesanges (den Balgentreter unge-\nrechnet) gestatten will, nicht aber ein volles Orchester.\nDie neuen, abtrünnigen Religions-Gemeinden haben sich\nfreilich grösstentheils auf die Orgelbegleitung beschränkt,\nwohl weil es bei ihnen an Mitteln mangelte, oder weil sie\nwenigstens Anfangs gegen den äusseren Glanz des Gottes-\ndienstes angingen, nur das innerliche Verständniss erzielen\nwollten; trotzdem aber haben sie nicht die vollständige\nVerbannung des Orchesters ausgesprochen, im Gegentbeil\nhaben viele Tonsetzer dieser Bekenntnisse dasselbe für\nFest-Gelegenheiten mit grosser Wirksamkeit angewandt.\nWenn die römisch-katholische Kirche folgerichtig sein, das\nHergebrachte festhalten will, worauf sie sich so viel zu\nGute tiiut, so muss sie auch das neuere Orchester, das\nsich grösstentheils in ihr und für sie gebildet hat, behalten\nund darf keinen Unterschied machen, ob Einer mit den\nFingern auf Tasten durch einen Blasebalg die Begleitung\nvermittelt, oder ob ein Anderer auf Saiten, unmittelbar\"\noder mit dem Bogen, begleitet, oder ob Mehrere, wie es\ndie Sänger thun, die Lungen zum Lobe des Höchsten in\nThätigkeit setzen.\nNoch sonderbarer erscheint die Ausweisung des Or-\nchesters, wenn wir in den Psalmen, welche, so viel ich\nweiss, für die Kirche bindenden Werth haben, an meh-\nreren Stellen, welche die Kirchenfürsten nicht für unter-\nschoben erklären werden, die Instrumente erwähnt und\ngebilligt finden:\nPs. 33. „Danket dem Herrn mit Harfen, lobsingt\no\nihm auf dem zehnfach besaiteten Psalter! Singet ihm\nein neues Lied, macht es wohl auf Saitenspielen mit\nSchalle.\"\nPs. 81. „Nehmet die Psalmen, gebet her die Pau-\nken, wohlklingende Harfen mit Psalter. Blaset im\nNeumonde die Posaunen zum Feste.\"\nPs. 98. „Lobet den Herrn mit Harfen, Psalter und mit\nPsalmen (also mit Instrumenten und Menschenslimmen),\nmit Trompeten und Posaunen jauchzet vor dem Herrn.\"\nPs. 150. „Lobet ihn mit Posaunen, mit Psalter und\nHarfen, mit Pauken und Reigen, mit Saiten und Pfei-\nfen, mit hellen Zimbeln, mit wohlklingenden Zim-\nbeln\" u. s. w.\nWenn der andächtige Musikfreund diese Stellen ver-\ngleicht, so wird er herauslesen, dass der gottbegeisterte,\n%\nvon der römisch-katholischen Kirche approbirte Sänger\nohne Umschweif und entschieden nicht nur den alten\nGesang, sondern auch für den Herrn „ein neues Lied\"\nfordert, wie dass er für den Gottesdienst eine nicht unbe-\ndeutende Instrumentenzahl in Anspruch nimmt.\nDas Mittelalter, auf welches man in kirchlichen Din-\ngen wie in staatlichen so gern zurückgehen mag, hat sich\nan diese Stellen der Psalmen gehalten, und in jedem Jahr-\nhundert ist die Tonbühne in der Kirche der Tonbühne an\nden Fürstenhöfen ziemlich gleich geblieben. Die mittel-\nalterlichen Schriftsteller reden zeitweise von dem musica-\nlischen Glänze grossartiger Kirchenfeste; aber dauernder\nund offenkundiger reden die alten Steinmetzen und Mas-\nsonen in ihren Gebilden davon. In den Pl'ortentielungen\nder byzantinischen Münster wie der gothischen Dome sehen\nwir durch musicirende Engel gewöhnlich das Orchester\nder Bauzeit vertreten, und Schreiber dieses hat nach der\nPfortenwölbung der trier'schen Liebfrauenkirche, nach der\nPforte des schon zum grössten Theile vollendeten südli-\nchen kölner Domthurmes die Tonbühne der betreffenden\nBaujahre an anderer Stelle besprochen und glaubt dadurch\neinen bedeutenden Beitrag zur Geschichte der mittelalter-\nlichen instrumentalen Tonkunst geliefert zu haben. Selbst\nim kölner Dome, im Chore über den alten Apostelbildern,\nhat der Bildhauer in musicireriden Engeln das Orchester\nvergegenwärtiget, welches zur Zeit der ersten Einweihung\nder Kathedrale gebräuchlich war, und es ist in der That\nauffallend, dass dieser steingediegenen Tonbühne gegen-\n\nn"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "212", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640702-01.1.4", "texte": "über unser Orchester aus den heiligen Räumen ausgewie-\nsen werden konnte.\nWir haben oben von der Unschuld, von der sittlichen\nUnschädlichkeit der Tonkunst gesprochen: wir wollen aber\ndamit nicht sagen, dass jede Musik sich auch für die Kirche\neigne, dass es ganz gleichgültig sei, ob man Dieses oder\nJenes dem Gottesdienste anbequeme. Wir hörten in Polen\nvor Jahren in der stillen Woche Rossini's Gazza, ladra in\nder Kirehe vortragen, hörten jn Frankreich ausgewählte\nStücke aus Weber's „Freischütz\" zu kirchlichen Zwecken\nverwandt, und fanden, dass die andächtige Bevölkerung\nnichts gegen diese Melodieen einzuwenden hatte, im Ge-\ngentheile ganz davon erbaut stand, möchten aber für uns\nDeutsche eine Gränze gezogen wissen zwischen Bühne und\nKirche, zwischen weltlicher und geistlicher Musik. Eben\nso sind wir einverstanden, dass ein gebildeterer Geschmack\ndas Orchester des Mittelalters sichte, und möchten z. B.\nnicht Schellengeklingel aufnehmen, das wir noch auf der\nTonbühne der ersten Dom-Einweihung vertreten sehen.\nWas die Schreibart der Kirchenwerke anbelangt, so\nist es freilich nicht leicht, eine Auswahl zu treffen: wir\nwürden aber, wenn wir in der Eigenschaft eines geistlichen\nRathes zur Seite des Bischofsstuhles sässen, rathen, dem\nBesten aller Zeiten stets das Feld einzuräumen, vor Allem\naber, vor unserer Zeit die Schranken nicht zu schliessen.\n„Singet dem Herrn ein neues Lied!\" diesem gol-\ndenen Spruche würden wir Eingang zu verschaffen suchen.\nJede Zeit hat ihre Berechtigung, und das Gute, das den\nBesten seiner Zeit genügt hat, genügt, wie der Dichter\nsagt, allen Zeiten. Die Formen der Haydn'schen, der Mo-\nzart'schen, die Formen der Beethoven'schen Kirchenwerke\nstehen näher den Formen unserer übrigen nicht kirch-\nlichen Werke; allein diese Wahrnehmung soll uns nicht\ngegen genannte Werke einnehmen. Ergründen wir die\nWahrheit an der Sache, so finden wir im Gegentheil, dass\ndie Werke der alten Meister für die Kirche nach deren\nAbsicht wenigstens weit weniger in einem kirchlichen Stile\ngearbeitet sind, als die der jetzt lebenden. Die Sarabanden,\nGiquen, Couranten, die Madrigale und Menuets der alten\nMeister unterscheiden sich wenig von ihren geistlichen\nWerken in der Satzweise. Weil eher liesse sich für die\nheutigen Meister anführen, dass wenigstens die Besseren\nsich im vollen Bewusstsein der Würde an die Ar-\nbeit gesetzt haben, dass sie die angewandten Melodieen\nwie die Harmoniefolgen von innen heraus erfanden, dass\nes Keinem auch nur im entferntesten eingefallen ist, hier\ndie Melodieen vom „blauen Aermel\" oder sonst eine üb-\nliche Volks- oder Strassen-Melodie kirchlich zu contra-\npunktiren. Wenn Mozart in seiner frommen Stimmung\nsingt, klingt es freilich ganz anders, als wie die Gefühls-\nAusströmungen, die Beethoven hinterlassen hat, und beide\nsind wieder von denen des Vaters Haydn und des edlen\nBach unterschieden; allein in diesem Reichlhume, in die-\nser Vielseitigkeit sehen wir durchaus kein Unglück, noch\nweniger etwas Unschickliches, und finden es keineswegs\nbegründet, ob dem, was der Franzose\nchessesnennt, den ganzen Hort verwerfen zu wollen.\nJedenfalls darf die heilige Tonkunst dieselbe Berück-\nsichtigung in der Kirche fordern, welche die Schwester-\nkünste von je her genossen haben, wenn nicht hier eine\ndurchgreifende Veränderung der altkatholischen Formen\nbezweckt werden soll, an welche wir einmal nicht glau-\nben können und wollen.\nDer Kampf gegen die Berechtigung der Neuzeit, wür-\ndige Kirchenmusik aufzustellen, ging von Protestanten,\nging von entschiedenen Protestanten aus, und zwar beson-\nders von einem Manne, der in seiner Fach-Laufbahn als\nRechtsgelehrter gegenüber Savigny für den Beruf unserer\nZeit in rechtswissenschaftlichen Dingen auftrat. Ich rede\nhier von dem Heidelberger Thibaut, von seinem Werke\n„Ueber die Reinheit der Tonkunst\". Thibaut hat sich\ndurch dieses Werk grosse Verdienste erworben, indem er\ndie vergrabenen Schätze der vorigen Jahrhunderte wieder\nbekannt machte, indem er sie dem Forscher, dem Gelehr-\nten, dem Nacheifer strebender Künstler, der Anschauung\nder Kunstfreunde empfahl; aber der grosse Kenner blieb,\nwas ihm nicht zu verargen war, einseitig und leitete da-\ndurch seine unbedingten Nachbeter auf Abwege. Es ist\nsonderbar, dass ein Protestant in seinem Anpreisen einer\nbestimmten Periode der katholischen Kunst solchen Ein-\n(luss selbst auf katholische Diöcesen äussern konnte. Wenn\nwir annehmen, dass die Kunst in der Kirche nicht bloss\ndes Herkommens wegen da ist, wenn wir unterstellen dür-\nfen, dass sie auf das Gemüth wirken, zur Andacht, zur\nErhebung stimmen kann, und das werden doch wohl die\nBerather der Bischofssitze einräumen wollen, so muss man\nder heutigen Tonkunst vollständige Gerechtigkeit wider-\nfahren lassen. Was kann nämlich erheben, andächtig und\nfeierlich stimmen? Das, was verstanden wird. Unsere\nheutigen Meister sprechen aber am deutlich-\nsten zu den Gefühlen der Gegenwart, wo die alten\nMeister nur von wenigen vereinzelten Kennern verstanden\nwerden können.\nDie Domkirche von Köln ist in ganz Europa als einzig\ngepriesen, sie ist für den Spitzbogen-Stil, so lange derselbe\nan der Tagesordnung bleibt, das Urbild höchster Vollen-\ndung. Der seitherige Gang der Kunst in der römisch-ka-\ntholischen Kirche kann freilich diesem Geschmacke keine\n4\newige Dauer sichern, aber noch gilt sie wenigstens in\nDeutschland als Musterbild für vieles, wenn nicht für alles"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "213", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640702-01.1.5", "texte": "Neuzuerrichtende; daher ist denn die Thatsache auch an-\nerkennenswerth, dass von Köln aus sich nicht bloss die\ngöttliche Kunst der Massonen, sondern alle damit ver-\nschwisterten Künste durch Deutschland, neu erhoben, ver-\nbreiten, Glasmalerei, kirchliche Malerei, kirchliche Bild-\nnerei u. s. w. •\nBei dieser Wahrheit ist es doppelt zu beklagen, dass\nin der heiligen Kunst, in der Musik gerade eine Ausnahme\ngelten soll. Sie ist, wie alle Künste des Mittelalters, an\ndem Busen der Mutter Kirche gross gewachsen, und nun\nwill die Mutter, man mag mir eine unkirchliche Redens-\nart verzeihen, das Kind mit dem Bade ausgiessen.\nDie Domcapelle in Köln hatte einen Ruf in Deutsch-\nland, ja, in der europäischen Welt. Man mag an ihr Man-\nches auszusetzen gehabt haben, wir wollen es nicht in Ab-\nrede stellen; trotzdem war sie eines der ersten kirchlichen\nOrchester, war ein Augenmerk für alle ähnlichen Anstalten\nin Europa, von denen die meisten bei Weitem nicht zu\nihrer Höhe hinanreichten. Bei dem jetzigen Standpunkte\nder Tonkunst in Köln, durch die Musikschule und die auf\nderselben ausgebildeten Talente, durch die weltlichen Con-\ncerte, welche sich durchaus nicht mit flüchtigen Erschei-\nnungen befassen, was man einsehen lernt, wenn man nur\neiner Aufführung der Bach'schen Passion beigewohnt hat,\ndurch die Vorliebe gerade für diese Kunst im Ganzen\nwürde durch Hinzukommen der rechten Anregung\nvon oben Köln aller Wahrscheinlichkeit nach die hohe\nSchule heiliger Tonkunst geworden sein. Franco von Köln,\nder tonkundige Prälat, -entwickelte, seiner Zeit voraus-\neilend, in einem dunkeln Jahrhundert, der Natur und dem\nVolksleben zugewandt, die Grundlagen des Lehrgebäudes\nder heutigen Tonkunst und gab damals schon Zeugniss\nvon der musicalischen Tüchtigkeit des rheinischen Volkes;\nmögen die Prälaten der Neuzeit derselben ebenfalls wieder\ngerecht werden zum Glänze des Gottesdienstes und der\nhimmlischen Herrlichkeit!\n\nDiamond.\n\nAus Rossini’s Leben.\nEin Beitrag zu den Theater-Verhältnissen in Italien\nund zur Geschichte des „Barbiers von Sevilla“.\n(Schluss. S. Nr. 26.)\nWährend nun Rossini Wunder der schöpferischen\nThätigkeit verrichtete, waren seine Feinde nicht wenig\nrührig, nicht aber um zu schaffen, sondern'um zu zerstö-\nren; der alte Paisiello, bei dem die Jahre keineswegs das\ngefährliche Talent, Ränke zu spinnen und Cabalen in Gang\nzu bringen, geschwächt hatten, schürte im Stillen das Feuer\ndes Zornes aller Anhänger der alten italiänischen Musik\ngegen den Neuerer, und die Partei dieser Anhänger war\nin Rom zahlreich und mächtig. Leider hatte auch der\nLibrettist Sterbini, der gewiss sehr unschuldig an dem\nneuen üpernstil Rossini's war, aus nicht mehr bekannten\nGründen eine Menge von Feinden, wovon Rossini glück-\nlicher Weise nichts wusste.\nUnter diesen wahrlich sehr ungünstigen Verhältnis-\nsen, den Angriffen eines zwiefachen Trefl'ens von Wider-\nsachern gegenüber, fand die erste Vorstellung des „Bar-\nbiers\" an dem vertragsmässig bestimmten Tage Statt. Ros-\nsini meinte bei einem so wichtigen Ereignisse auch durch\neine sorgfältige Toilette imponiren zu müssen, und zog\neinen kostbaren nussbraunen Frack mit goldenen Knöpfen\nan, den ihm der Director Barbaja zum Geschenk gemacht\nhatte. Obwohl er nun in der Vorrede zum Textbuche sehr\nbescheiden auftrat und mit warmer Verehrung und Be-\nwunderung von Paisiello sprach, so half dieser Blitzablei-\nter ihm doch nicht das Geringste gegen das drohende Un-\ngewitter. Schon aul der Strasse begann noch vor Oeffnung\nder Pforten der Argentina das Gepfeife. So wie Rossini\nin seinem neuen Staatsrocke ans Pult trat, brach das Par-\nterre in ein schallendes Gelächter aus, und laute Spötte-\nreien über den braunen Frack wurden von Zischen und\nPfeilen begleitet. Unter dem Getöse und Geschwirre der\nZuhörer, das, wie der Biograph Zanolini sich ausdrückt,\ndem lärmenden Geräusche glich, welches die Ankunft einer\nProcession verkündet, wurde die Ouvertüre gespielt. Es\nwar die zum Barbier geschriebene, welche seitdem verlo-\nren gegangen ist, wie auch die Eröffnungs-Scene des zweiten\nActes, welche aus einem Ensemblestücke bestand, in dem\nRosine die Haupt-Partie hatte*). Der Vorhang ging auf\nund Garcia, der Graf Almaviva, wollte als echter Spanier\nseine Arie selbst auf der Guitarre begleiten. Um durch\nden Lärm durchzudringen, griff er so scharf in die Saiten,\ndass sie sprangen. Nun ging das Pfeifen und Verhöhnen\nerst recht wieder los. Rossini aber, der in dieser fürchter-\nlichen Lage einen Muth und ein Vertrauen auf sein Werk\nmit einer Charakterfestigkeit bewährte, die nicht Jedem\ngegeben ist, rief Garcia ein kräftiges: „Vorwärts, vor-\nwärts!\" zu und spielte die Begleitung auf dem Ciavier.\nDas gab wieder neues Gelächter und laute Spässe über\ndie Unterhaltung des Maestro mit dem Sänger von unten\nnach oben. Figaro's Arie und sein Duett mit dem Grafen\nwurden von fortwährendem Lärm übertäubt. Endlich legte\nsich der Sturm auf einige Augenblicke, als die Signora\nGiorgi-Righetti, eine in Rom namentlich durch ihre\nwundervolle Stimme beliebte Sängerin, als Rosine auftrat.\n\n*) Es ist die Unterrichts-Scene, wo jetzt jede Sängerin ein Bra-\nvourstück nach ihrem Gefallen einlegt."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "214", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640702-01.1.6", "texte": "Der Vortrag ihrer Arie: TJna voce foco fa, rief eine drei-\nmalige Salve von Applaus hervor. Rossini stand auf und\nverneigte sich dankend gegen das Publicum, und der Sturm\nschien in der That sich etwas besänftigt zu haben.\nAber o weh! Der Sänger Vitarelli, der den Basilio\nmachte, hatte das Unglück, beim Auftreten über seinen\nlangen Klosterrock zu stolpern und dermaassen auf die\nNase zu fallen, dass er blutete. Nun war im wahren Sinne\ndes Wortes der Teufel los, wenigstens der Lachteufel.\nMan applaudirte. lachte unmässig, rief und es\ngab ein Toben, wie es noch nicht da gewesen war. Einige\nglaubten, der Fall gehöre zur Rolle und verhöhnten den\nLibrettisten. Die treffliche Arie über die Verleumdung\nging unter diesem Lärm verloren, und freilich mag es\nschwer gewesen sein, nicht zu lachen, da der arme Basilio\nsich bei jeder Pause das Tuch vor die Nase halten musste,\num das Blut zu stillen.\nEs lässt sich begreifen, dass ein Publicum, zumal ein\nitaliänisches, das einmal in solchem Zuge unauslöschlicher\nHeiterkeit ist, keine Schranken mehr kannte. So fand denn\"\nauch das reizende Brief-Duett keine Gnade vor ihm, wovon\nfreilich auch der Librettist zum Theil die Schuld trug,\ndenn er hatte die Liebenden schon vorher ein paar Mal\ncorrespondiren lassen, und als nun der\nzum dritten Male ein Briellein verlangte, da brach ein\nschallendes Gelächter aus. Man hat dies späterhin mit\nrichtigem Tacte abgeändert.\nZum Uebermaass des Unglücks führte das tückische\nSchicksal mitten in dem herrlichen Finale eine Dilettantin\nauf die Bühne, eine graue Katze! Za mbon i, der treffliche\nFigaro, machte sie durch seine Jagd nur noch toller; sie\nfuhr dem Doctor Bartolo-Botticelü zwischen die Beine,\nRosine und Marcelline flüchteten sich vor ihr und nur den\nSpiessen der Wache gelang es am Ende, sie zu verscheu-\nchen. Aber ach! das Publicum rief die unfreiwillige Schau-\nspielerin heraus, klatschte und miaute und trieb einen\nHöllenlärm. Das Gelächter über die improvisirte Rolle der\nKatze war kaum verschollen, als ein breitschulteriger Kerl,\nder dem Ansehen nach keinen Widerspruch zu dulden ge-\nsonnen war, mitten aus dem Parterre mit Stentorstimme\nausrief: „Das ist die Grabmusik für Don C****!\" und ge-\nbrauchte dabei ein so gemeines Wort, dass wir es auch\nnicht einmal im Orignal, geschweige denn auf Deutsch\nhersetzen können.\nMan stelle sich nun diese scandalösen Auftritte, welche\nden ganzen ersten Act hindurch dauerten, recht lebhaft\nvor, um zu begreifen, was für eine Ueberwindung von\nSeiten der Sänger und vollends des Maestro am Dirigenten-\npulte dazu gehörte, das alles zu ertragen und weiter zu\nspielen. Was that aber Rossini? Er blieb nicht nur in\njeder Hinsicht tactfest, sondern oft legte er den Tact-\nstock auf einen Augenblick nieder, stand auf und machte\nsich so lang wie möglich, um den Sängern lauten Beifall\nzu klatschen.\nDiese Demonstration gegen das Publicum brachte die\nGegenpartei im Hause, die keineswegs bloss im Parterre\nihren Platz halte, vollends gegen den Maestro auf; sie\ntrieb es nun so arg, dass man keinen Ton im zweiten\nActe ruhig anhören konnte. Trotz alledem blieb Rossini\nfest, und seine getreuen Sänger räumten ebenfalls das\nFeld nicht, bis mit der letzten Note der Partitur der Vor-\nhang fiel.\nAls die Künstler ihre Garderobe gewechselt hatten\nund zu Rossini fuhren, um ihn zu trösten und zu ermulhi-\ngen, fanden sie ihn schon im Bette und in ruhigem Schlafe.\nAm folgenden Tage machte er einige Aenderungen\nund Verkürzungen, strich unter Anderem die mehrmalige\nCorrespondenz zwischen Lindoro und Rosine weg u. s. w.,\naber erklärte auf das bestimmteste, dass er trotz des Con-\ntractes die zweite Vorstellung nicht dirigiren würde. Der\nImpresario drang nicht in ihn, er war im Gegentheil im\nStillen damit einverstanden, denn er fürchtete Alles von\nRossini's Benehmen, das sicher wiederum ähnliche Scenen\nwie gestern im Publicum hätte hervorrufen können. So\nblieb denn Rossini am Tage der zweiten Vorstellung zu\nHause und erwartete im Gespräche mit seinen Hausleuten\nruhig das Ende des Abends. Allein diese Ruhe verliess\nihn doch ein wenig, als man auf einmal das Herannahen\nund das Gewühl einer grossen Menge Menschen vernahm,\naus deren Mitte man deutlich den Ruf: Rossini! hörte. Er\nglaubte in der That, man wollte ihm eine Katzenmusik\nbringen oder sonst einen Schabernack anthun, und die\nHausleute fürchteten, da sie Fackelschein sahen, sogar\nfür ihr Besitzthum. Es war ein Fackelzug, mit dem seine\nFreunde nach dem ersten Acte der Vorstellung ihn nach\ndem Theater abholen wollten, um durch seine Erschei-\nnung das Rufen des entzückten Publicums nach dem Com-\nponisten zufrieden zu stellen.\nWir lugen noch den Inhalt der oben erwähnten Vor-\nrede zum Textbuche hinzu, welches übrigens damals aus\nRespect für Paesiello gar nicht den Titel\nSeviglia (w'\\eßeaumarchais' Lustspiel und Paesiello's Oper)\nführte, sondern Almaviva o sia l'inutile Precauzione hiess.\nDas Avvertimento alpubblico lautet in wörtlicher Ueber-\nsetzung des Originals:\n„Das Lustspiel des Herrn Beaumarchais, das den Titel\n„„Der Barbier von Sevilla oder Die nutzlose\nVorsicht\"\" führt, erscheint in Rom, in ein komisches\nDrama verwandelt, unter dem Namen; „„Almaviva\noder Die nutzlose Vorsicht\"\", um das Publicum vollstän-"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "215", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640702-01.1.7", "texte": "dig von den Gefühlen der Hochachtung und Verehrung\nzu überzeugen, welche den Autor der Musik des jetzigen\nDrama's für den so berühmten Paesiello, der denselben\nStoff unter seinem urprünglichen Titel schon behandelt\nhat, beseelen.\n„Berufen, dieselbe schwierige Aufgabe zu überneh-\nmen, hat der Maestro Gioachino Rossini, um nicht dem\nVorwurf eines verwegenen Wetteifers mit dem unsterb-\nlichen Componisten, der sein Vorgänger war, anheim zu\nfallen, ausdrücklich verlangt, dass „„Der Barbier von Se-\nvilla\" \" ganz von Neuem versificirt und dass demselben\neinige neue Situationen für Musikstücke hinzugefügt wer-\nden müssten, wie sie übrigens auch der neuere Theater-\ngeschmack verlange. <1 er sich seit der Zeit, wo der be-\nrühmte Paesiello seii>e Musik geschrieben, so sehr geändert\nhätte.\n„Ein mehrfacher anderer Unterschied zwischen dem\nTexte des gegenwärtigen Drama's und dem des französi-\nschen Lustspiels floss aus der Notwendigkeit, in dieselbe\nHandlung Chöre einzufügen, theiJs weil der neuere Ge-\nschmack sie fordert, theils weil sie für die musicalische\nWirkung in einem Theater von so bedeutendem Umfange\nunentbehrlich sind. Hiervon wird das geneigte Publicum\nin Kenntriiss gesetzt, auch um den Componisten des neuen\nDrama's zu entschuldigen, der ohne das Zusammentreffen\ndieser gebieterischen Umstände nicht gewagt haben würde,\nauch nur die kleinste Aenderung in dem französischen\nWerke vorzunehmen, welches schon durch den Beifall in\nallen Theatern Europa's geheiligt worden ist.\"\nNun, wir haben oben schon berichtet, dass auch diese\nbescheidene Erklärung eine pr war. Pae-\nsiello starb einige Monate darauf, den 5. Juni 1816 (nicht\nJanuar, wie irrthümlich in einigen biographischen Artikeln,\nz. B. dem Brockhausischen Conversations-Lexikon, steht),\nund sein „Barbier von Sevilla\" ist dem Gerichte der Zeit\nverfallen, während Rossini's „Almaviva\" wieder in den\n„Barbier\" umgetauft worden ist und noch heute alle Welt\nentzückt. Wie lange noch? Wer kann das voraussagen bei\ndem Fortschritte der heutigen Musik, weicherden Geschmack\naus dem Ohr und Gemüth in die Nerven gejagt hat?\n\nAus Breslau.\n(Ferd. Hill er' s JSZ er Störung von Jerusalem\".)\nDen 15. Juni 1864.\nZum Vortheil der Kronprinz-Stiftung führte die Sing-\nAkademie an ihrem Stiftungsfeste den 13. Juni F. Hil-\nler's Oratorium: „Die Zerstörung von Jerusalem\" in\nder Aula Leopoldina auf. Abgesehen von dem wohlthätigen\nZwecke, verdient Herr Musik-Director Schäffer schon\ndesshalb unseren innigsten Dank, dass er uns das schöne\nWerk von Hiller noch einmal zur besseren Kenntriiss und\nWürdigung vorgeführt hat. Bei Gelegenheit der ersten Auf-\nführung am 7. November v. J. ist in diesen Blättern \\on\nsachkundiger Feder bereits ausführlich berichtet worden;\nwir können uns daher heute auf einige allgemeine Bemer-\nkungen beschränken. F. Hiller gehört unstreitig zu den\nbegabtesten und hervorragendsten Componisten der Gegen-\nwart; im Grunde an Mendelssohn sich anschliessend, gibt\ner in seinen Werken doch so viel Eigenes und Originelles,\ndass er durchaus weit entfernt von aller Nachahmung\nbleibt; sein Stil ist edel und rein und hält sich in jenen\nmaassvollen Gränzen, welche das Schöne in der Kunst nie\naus den Augen verlieren. Wenn man der „Zerstörung Je-\nrusalems\" den Vorwurf machen wollte, dass zu wenig Kirch-\no\nliches, mehr Dramatisches darin enthalten sei, so muss man\nKirchliches nicht verwechseln mit Religiösem, das auch\nhier überall die tiefere Grundlage bildet, und das drama-\ntische Element kommt dem Oratorium wesentlich zu, natür-\nlich ohne die religiöse Dichtung zu einer entwürdigenden\nVerweltlichung herabzuziehen, wie dies hier nicht der Fall\nist. Den Glanzpunkt des vorliegenden Oratoriums bilden\nwohl die Chöre, die durchweg in Aidage und Durchführung\ndie Meisterhand verrathen ;doch auch die Arien und Duette,\nwie die Recitative enthalten manchen reizenden und genia-\nlen Zug. Die Chöre der Israeliten: „Schon brausen sie da-\nher, wie ein ungestümes Meer\", „Wir zieh'n gebeugt, das\nJoch auf unserm Nacken\" ,der allgemeine Chor: „Das Ent-\nsetzen bricht herein\", schliessen sich in kunstvoller Arbeit,\nmächtiger Wirkung, glanzvoller Instrumentation dem Be-\nsten an, das wir auf diesem Gebiete besitzen. Wie im All-\ngemeinen die Aufführung des Werkes ein sorgfältiges Stu-\ndium Seitens des Dirigenten verrieth, so wurden insbeson-\ndere die Chöre mit einer Präcision, Reinheit und Energie\nwiedergegeben, wie wir dies an der Sing-Akademie wohl\nvon je her zu hören gewohnt sind, aber diesmal doch ganz\nvorzüglich hervorheben müssen. Wenn man dabei an eine\nTemperatur von ■+- 30° Reaumur im Saale denkt, so wird\nman die Aufgabe der Sänger wie des Orchesters um so\nmehr zu würdigen und bei irgend einem Solisten einmal\neine kleine Schwankung in der Intonation zu entschuldigen\nwissen. Unter den Solosängern müssen wir vor allen Din-\ngen wiederum der Frau Dr. Mampe-Babnigg rühmend er-\nwähnen, deren stets schlagfertige Bereitwilligkeit wie un-\nfehlbare Virtuosität auf gleicher Höhe stehen. Wir müssen\nes immer wiederholen, die vorzügliche Schule dieser Sän-\ngerin, die mit einer weisen Oekonomie in der Benutzung\ndes Stimm-Materials eng verbunden ist, lässt sie Triumphe\nfeiern, wie sie manche weit jüngere Sängerin nicht erreicht.\nAus ihrer ausgezeichneten Gesammtleistung wollen wir nur"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "216", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640702-01.1.8", "texte": "den ausserordentlich schönen Vortrag der reizend-charak-\nteristischen Arie mit den obligaten Pauken: „Mit diesen\nDüften steige unser Lied empor\", hervorheben. Die Tenor-\nPartie (Zedekia) hatte der k. Domsänger Herr Schäffer,\nein Bruder des Dirigenten, mit grosser Gefälligkeit über-\nnommen und erwarb sich den Beifall der Zuhörer durch\ndie Innigkeit des Vortrags, in welchem er seine gerade nicht\nkräftige, aber weiche, leicht angebende Tenorstimme wohl\nzu verwenden wusste. Den Jeremias führte Herr Gesang-\nlehrer Schubert mit gewohnter Kraft und Sicherheit\ndurch; besonders anerkennend müssen wir uns ausser dem\ngeschmackvollen Vortrage der Arien über die schöne De-\nclamation des Klageliedes und der letzten Recitative aus-\nsprechen. Wenn wir nun noch der Trägerin der Alt-Partie\nlobend gedenken, so können wir im Allgemeinen berichten,\ndass die vortreffliche Ausführung das Werk aufs Neue in\nder Gunst des Publicums gehoben hat, und auch der Ken-\nner bestätigt an ihm als Zeichen eines wahren Kunstwer-\nkes, dass bei der Wiederholung der erste Eindruck nicht\nabgeschwächt wird, sondern immer wieder neue Seiten\nhervortreten, welche das Interesse des Hörers spannen und\ndas Gefühl ansprechen. Die Aulführung des Oratoriums in\nseinem orchestralen Theile war untadelhaft.\n(Schles. Zeit.) V.\nNachschrilt. In einer der folgenden Nummern des-\nselben Blattes spricht sich ein anderer Referent noch aus-\nführlicher und mit derselben warmen Anerkennung über\nIliller's Werk aus und schliesst mit den Worten: „Der\nWunsch einer dritten Wiederholung des Oratoriums im\nnächsten Winter ist gewiss der des Publicums. Möge Herr\nDirector SchäfTer ihn erfüllen.\" Wenn derselbe Referent\naber sagt: „Ililler's Originaliät leidet dadurch keinen Ab-\nbruch, wenn wir sagen, er habe Mendelssohn's „ „Elias\"\"\nbenutzt\" —so ist dies ein Anachronismus, da Mendelssohn's\n„Elias\" zum ersten Male den 26. August 1846 in Bir-\nmingham, Ililler's „Zerstörung von Jerusalem\" aber zum\nersten Male schon im April 1840 in Leipzig gegeben\nworden ist. (Die Redaction.)\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nliolii. Die Fraction der Gesellschaft vom Tlieätre imperial\nde VOp&ra Italien in Paris setzt ihre Vorstellungen bei steigender\nTheilnahme des Publicums fort. Die Wiederholung des Trovaiore\nam Sonntag den 26. Juni war am meisten besucht, die der Lucia\nund die erste Aufführung von Bellini's I Puritani am Mittwoch den\n29. Juni hatten ebenfalls ein grosses Publicum, welches reichlichen\nBeitall spendete. In den Puritanern zeichnete sich neben Fräulein\nVitali und dem Bariton Sterbini besonders auch der Basso An-\ntonucci aus, der eigentlich an diesem Abende zum ersten Male in\neiner bedeutenden Rolle auftrat.\nDer hiesige Sängerbund, unter der Leitung des gründlich\nmusicalisch gebildeten Dilettanten Herrn B*****, hatte vor Kurzem\neine Sängerfahrt auf dem Rheine veranstaltet, bei welcher an 300\nDamen und Herren das bekränzte und bewimpelte Dampfschiff füll-\nten. Vorherrschend war dabei natürlich die heitere Geselligkeit, aber\nauch das musicalische Element war gut vertreten; namentlich mach-\nten die Männerchöre „An die Hoffnung\" von Schärtlich und „Das\nKirchlein\" von Becker, die mit Erlaubniss der Klostergeistlichen in\nder Apollinariskirche zu Remagen vorgetragen wurden, einen schö-\nnen Eindruck.\nDer kölner Männer-Gesangverein unter Leitung des k.\nMusik-Directors Franz Weber hat unter den vielseitigen Anforde-\nrungen an seine rühmlichst bekannte Bereitwilligkeit, „durch das\nSchöne das Gute zu befördern\", dieses Mal die Einladung des Co-\nmite's für die Wiederherstellung der Liebfrauenkirche in Worms\nangenommen und am Sonntag den 26. und Montag den 27.\nJuni in der genannten Kirche zwei überaus zahlreich besuchte\nConcerte gegeben. Wir kommen in der nächsten Nummer darauf\nzurück. . ."}]}