{"numero_id": "bm-bmtnabi-1864-08-06-01", "volume": "bmtnabi_1864-08-06_01", "ocr_sha256": "0a0d833f636a2f08551ca785aafe214207c1a41fa72dc6babecd70837adb5475", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1864/08/06_01/bmtnabi_1864-08-06_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640806-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1864-08-06-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1864-08-06_01#c001", "volume": "bmtnabi_1864-08-06_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "249", "page_fin": "249", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640806-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "249", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640806-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 496, "texte": "Inhalt.\nDas deutsche Singspiel der Hiller'schen Periode. Aeltere Kirchenmusik. Selectio Modorum ab Orlando di Lasso com-\njpositorum etc. Collegit et edi curavit Franciscus Commer. Tom. V. Stabat mater für vier Singstimmen von Emanuel Astorga. In er-\nweiterter Instrumentation und mit Clavier-Auszug versehen von Robert Franz. 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Anmutbige Sujets, eine leichte, lieb-\nliche, weder zu tiefe und schwerfassliche, noch zu seichte,\noberflächliche Musik, ein ländlich einfacher, idyllischer\nGrundzug, der die Handlungen fast durchweg charakteri-\nsirt, hatten es bald zum Lieblinge des Publicums gemacht.\nMan vermag etwas Anmuthigeres, Lieblicheres sich kaum\nzu denken, als diese seit J. J. Rousseau's\nlage (um 1750) bis zur Revolution entstandenen französi-\nschen Singspiele; nichts konnte geeigneter erscheinen, hei-\ntere und vergnügte Stunden zu verschaffen, freundlicher\nund belebender auf das Gemüth zu wirken, als sie. Die\nreizenden Texte von Sedaine, Favart, Marmontel,\nPoinsinet und Anseaume und die liebenswürdige Mu-\nsik dazu von Desaides, Monsignv, Phili-\ndo r, Dun i, d'AI ayrac, Gaveaux, Bruni und Ande-\nren bezauberten in gleicher Weise.\nNeben dieser französischen Operette stand aber auch\ngleichzeitig in Italien die komische Oper in höchster Blüthe.\nGoldoni's phantasiereiche Märchen und die wahrhaft\nsprudelnde, frische Musik der italiänischen Meister die-\nses Zeitraumes, eines Pergolesi, Paisiello, Cima-\nrosa, Anfossi, Giuglielmo, Salieri u. s. f., waren\ndas Entzücken aller Musikfreunde. Französische und ita-\nliänische Weisen begannen wetteifernd um die Gunst des\nPublicums zu ringen. Sollte daher die deutsche Musik\nnicht ganz erdrückt und unmöglich gemacht und ihre fer-\nnere Existenz gesichert werden, so musste endlich etwas\ngeschehen, wodurch die deutsche Bühne in den Stand ge-\nsetzt wurde, mit der der Ausländer in die Schranken tre-\nten zu können.\nWieder war es der strebsame und unermüdliche Thea-\nter-Director Koch in Leipzig, dem wir die Anregung zu\nden neuen Versuchen im deutschen Singspiele verdanken.\nAuf seine Veranlassung hatte Standfuss, Ballet-Geiger\nbei seiner Truppe, ein zur Composition komischer Gesänge\nsehr begabter Musiker, eine Musik zu dem schon 1743\nmit so unglücklichem Erfolge von Schönemann gegebenen\n„Der Teufel ist los\" geschrieben; dieses Singspiel\nwurde denn am 8. October 1752 trotz des heftigen Wi-\nderspruches, den Gottsched dagegen erhob, mit Beifall in\nLeipzig aufgeführt. Koch hatte bei diesem Streite alle\nStimmen für sich, sogar die der einflussreichsten Persön-\nlichkeiten des Hofes; Gottsched's Ansehen war bereits\nschon so gesunken, dass er, verhöhnt und verspottet, end-\nlich das Feld räumen musste. Standfuss componirte nun\nnoch ein anderes Singspiel: „Der stolze Bauer Jochem\nTröbs oder der vergnügte Bauernstand\", das an verschie-\ndenen Orlen, namentlich auch in Berlin, beifällig aufge-\nnommen wurde. Leider sollte der arme Tonsetzer den\nLohn seiner Bemühungen nicht ärnten, denn sc hon 1756\nstarb er in den ärmlichsten und traurigsten Verhältnissen\nin einem hamburger Spitale. Koch führte 1759 noch\neinen zweiten Theil von dem oben genannten ersten Sing-\ns'piele auf: den lustigen Schuster, fand aber nicht\ndie gewünschte Theilnahme dafür; der Text erschien ver-\naltet, die Musik selbst nicht mehr wirkungsvoll genug. Da\nwandte sich der bedrängte Theater-Director mit der Bitte,\ndie Textbücher umzuarbeiten, an den in Leipzig lebenden\nbeliebten Dichter Chr. F. Weisse (1726 1804); J. A.\nHiller*), ein nicht minder angesehener und äusserst ta-\n\n*) Probe aus: „Das deutsche Singspiel.\" Von H. M.\nSchletterer. Augsburg, J. A. Schlosser. 1863. Eine ausführ-\nlichere Anzeige des Buches geben wir nächstens.\nDie Redaction.\n*) Johann Adam Hiller, geboren den 15. December 1728,\nf den 16. Juni 1804. Es gehört zu den Nachlässigkeiten des\nVerfassers, dass von so einflussreichen Männern wie Weisse und"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "250", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640806-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5478, "texte": "lentvoller Tonsetzer, sollte die Musik von Standfuss ver-\nbessern und ergänzen. Beide gingen auf Koch's Ansinnen\nein; man behielt von den alten Worten bei, was möglich\nwar, Hiller schrieb zu den neuen Versen Weisse's eine\ntreffliche Musik, neben der sich die Arien von Standfuss\nallerdings ziemlich ärmlich ausnehmen, und so ging das\nneu aufgeputzte, alte englische Stück unter dem Titel:\n„Die verwandelten Weiber\" oder: „Der Teufel ist los\",\n1764 nun zum dritten Male hinaus vor das Publicum. Die\nneuen Zutbaten und das unübertrefflich komische und\nmeisterhafte Spiel Koch's verschafften den Vorstellungen\ndesselben einen grossen und durchgreifenden Erfolg. Der\nTheater-Director, der nun plötzlich sah, was er an den\nbeiden Männern für Schätze besass, drängte sie zu immer\nneuen Arbeiten; Hiller componirte fast alle Jahre wenig-\nstens eine neue Oper, wofür er vom Verleger gewöhnlich\nvolle 50 Thlr. bekam, während dieser 6000 Exemplare\ndrucken liess und auch verkaufte; der Dichter war mit\nder Ehre zufrieden, seine Werke bewundert und beklatscht\nzu sehen. Fast alle Singspiele Hiller's wurden Lieblinge\ndes deutschen Volkes, am meisten aber das Singspiel „Die\nJagd\", 1771 componirt: es erlebte an vielen Orten 40\nbis 50 Aufführungen.\nIn Folge einer Verkettung äusserer Verhältnisse wurde\nalso Hiller, der gewiss daran vorher nie gedacht hatte,\nder Schöpfer des neuen deutschen Singspiels. Dieser Mann,\nmenschenscheu und hypochondrisch von Natur, krank und\nmissmulhig, liefert einen recht schlagenden Beweis dafür,\ndass Gott zur rechten Zeit und Stunde auch immer die\nrechte Kraft in Bereitschaft hält, durch die er helfen und\nwirken kann. In Hiller fand sich alles vereinigt, was für\nseine musicalische Mission, sollte sie Erfolg haben, bedin-\ngend vorausgesetzt werden musste. Neben tüchtigem Wis-\nsen, feinem Geschmacke und gewandter Handhabung aller\ntechnischen Mittel stand ihm ein unerschöpflicher Born\nnatürlicher, ansprechender, gesangreicher, ja, volkstüm-\nlicher Melodieen zu Gebote; viele derselben sind wirklich\nauch beliebte Volksweisen geworden, und ist eigentlich\nvon der Erscheinung seiner ersten Operette an auch das\nwiedererwachte Interesse für das deutsche Volkslied zu\ndatiren. Bei aller Einfachheit der von ihm benutzten mu-\nsicalischen Mittel wusste er doch alle Nuancen der Freude,\nLust, Traurigkeit und Klage auf das glücklichste darzu-\nstellen und alle Stimmungen des Gemüthes erschöpfend\nwiederzugeben; und was ihn nun als Componist komischer\nSingspiele vorzugsweise erfolgreich wirken liess, das ist\nsein unwiderstehlicher Humor und eine gewisse derbe Lu-\nstigkeit, die er, ungeachtet er sonst unheilbarer Hypochon-\ndrie fast erlag, wunderbar in seiner Gewalt hatte und auf\nseine Compositionen zu übertragen wusste.\nWir wissen bereits, in welch traurigem Zustande, na-\nmentlich bezüglich der Gesangeskräfte, um die Mitte des\nvorigen Jahrhunderts die deutsche Bühne sich befand; aber\ngerade darin lag für das neue Unternehmen der grösste\nSegen. Hätte Hiller in seinen Operetten für tüchtige und\nkunstfertige Sänger und Sängerinnen zu schreiben gehabt,\nso würde seine Musik ganz anders ausgefallen sein. Er,\nder ohnedies mit all seinen musicalischen Erinnerungen\nund mit seinem besten Streben in den Traditionen der\nitaliänischen Schule wurzelte, dem die italiänischen Opern\nvon Hasse und Graun als unübertreffliche Meisterstücke\nvorleuchteten, würde uns dann im günstigsten Falle eine\nitaliänische Musik mit deutschem Texte, wie es später\nNaumann that, geboten haben. So aber musste er all\ndie liebgewonnenen Ideen und Ansichten aufgeben, alles,\nwas er wusste, und nach der Seite hin, wo zunächst seine\nStudien lagen, als vollkommen erkannt hatte, zu vergessen\nsuchen und sich wider seinen Willen und, wie er vielleicht\nauch dachte, wider seine bessere Bestimmung auf lied-\nmässige und kleine Arietten beschränken, auf Formen, die\ner fast erst erfinden musste; glücklicher Weise brach sich\naber hier sein innerstes und eigentlichstes Wesen, sein\necht deutscher Charakter selbständige Bahn, und dieser\nVerkettung eigentümlicher Verhältnisse haben wir denn\nauch ein von fremden Einflüssen fast ganz unberührtes\ndeutsches Singspiel zu danken. Gerade der Mangel aller\nGesangeskräfte war für die naturwüchsige und originelle\nEntwicklung desselben das grösste Glück; nie würde bei\nbesseren Sängern Hiller's Musik das geworden sein, was\nsie zum Besten des deutschen Singspiels werden musste,\nund in keinem Falle würde er gleiches Glück und gleichen\nErfolg gehabt haben, wenn er bloss ein Nachahmer ita-\nliänischer Art und Weise geblieben wäre; denn ungeachtet\naller seiner Talente und Studien, all seines Geschickes\nwürde es ihm nie gelungen sein, seine italiänischen Vor-\nbilder zu erreichen.\nHiller würdigte die Lage, in der er sich befand, voll-\nkommen richtig, und indem er bedachte, dass sich eben\nJedermann in gewisse Verhältnisse fügen muss, war er\nklug genug, ohne zu grosses Widerstreben die Dinge zu\nnehmen, wie sie sich ihm darboten. Der gesunde Sinn des\nVolkes, der gewöhnlich das Richtige so sicher herauszu-\nfinden weiss und wie der gährende Most alles ausstösst,\nwas ihm nicht geistig angehört, lässt solchen Leistungen,\nin denen es den Nagel auf den Kopf getroffen sieht, immer\n\nHill er nicht einmal die vollständigen Namen angegeben sind, bei\nHiller auch nicht einmal die Jahreszahlen seines Lebens. Bei Hiller\nwaren die Vornamen um so nothwendiger, da auch sein Sohn\nFriedrich Adam H. (1768 —1812) Operetten geschrieben hat.\nDie Redaction."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "251", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640806-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5298, "texte": "bereitwilligst ihr Recht angedeihen, und ihr Erfolg muss\ndaher stets ein günstiger sein. Mancher Künstler, der rei-\ncher begabt war als Hiller, hat, wenn er bei seinen Ar-\nbeiten von einem anderen Gesichtspunkte ausging, dess-\nhalb vergebens gearbeitet, und es ist augenfällig, wie\nselten, ja, wie nie, wenn die Richtung, welche die Ver-\nbältnisse und die Natur vorschreiben, verfehlt wird, auf\ndem heissesten Ringen und Streben, auf dem angestreng-\ntesten Mühen ein Segen ruht.\nHiller's Operetten flogen förmlich von Bühne zu\nBühne; sie wurden der Rettungsanker aller hungernden\nund verzagenden Komödianten-Banden, und wie nach dem\nSchlage mit dem Stabe des Magiers der frische Quell, so\nergoss sich plötzlich ein reicher, unversiegbarer Strom fri-\nscher deutscher Lieder und echt nationaler Musik über\ndas ganze Vaterland.\nIn demselben Jahre, in welchem „Die Jagd\" compo-\nnirt wurde, 1771, schrieb E. W. Wolf, Capellmeister\nin Weimar (1735 —1792), das Singspiel „Das Rosen-\nfest\", welches ebenfalls einen bedeutenden Erfolg hatte.\nDie Compositionen dieses Meisters sind vorzugsweise lieb-\nlich, angenehm und durchaus edel empfunden. Es herrscht\nein Geist von Solidität, männlichen Ernstes und künstleri-\nscher Würde in ihnen, wodurch wir unwiderstehlich ge-\nwonnen werden, wenn wir auch von Genialiät gerade we-\nnig bemerken. Rasch nach einander liess er seinem ersten\nWerke noch gegen zwanzig andere Operetten folgen, un-\nter denen „Die treuen Köhler\" 1772, „Die Dorf-Depu-\ntirten\" 1773, „Der Abend im Walde\" 1774 (sämmtliche\nTexte sind von G. E. Heer mann), „Das Gärtnermäd-\nchen\", „Das grosse Loos\" besondere Erwähnung verdie-\nnen. Von Hiller aufgemuntert, unternahm sein Schüler\nCh. G. Neefe (1748 —1798), ein eben so unverbesser-\nlicher Hypochondrist, wie der Lehrer, 1772 die Compo-\nsition der komischen Oper „Die Apotheke\" von J. J. En-\ngel. Der B eifall, der ihr ward, eiferte ihn an. auf dem\nbetretenen Wege weiter zu streben, und so entstanden\nnach und nach noch zwölf andere Singspiele. Wie sein\nMeister und viele der noch zu nennenden Tonsetzer, be-\nsass Neefe gerade keine überraschenden Fähigkeiten, aber\ner ist ein Künstler, dessen Arbeiten von Geschmack, Bil-\ndung, Verstand, Talent und gründlichen musicalischen Stu-\ndien Zeugniss geben; in der Eleganz und Freiheit seiner\nMelodie und in der Leichtigkeit, mit der er Gewinnendes\nund doch Edles und Gutes producirt, gemahnt er häufig\nan Mozart. Dabei war er ein Mann von der strengsten\nRechtlichkeit und beseelt von dem reinsten Wohlwollen\niür seine Mitmenschen und Milstrebenden. Besonders in-\nteressant ist das von ihm componirte Lustspiel mit Gesang:\n„Die Zigeuner\", 1777 von H. F. Möller gedichtet, der\nVorläufer von Weber's „Preciosa\"; ausserdem haben wir\nvon ihm noch: „Amor's Guckkasten\", den „Einspruch\",\n„Zemire und Azor\" u. s. w.\nGleichzeitig mit ihm schrieb im fernen Königsberg der\nSind. jur. J. F. Reichardt (1751—1814) die Operet-\nten „Häuschen\" und „Gretchen\" und den häufig auch\nvon Anderen componirten „Guckkasten Amor's\" von Mi-\nchaelis. Obgleich diese Werke sehr beifällig aufgenom-\nmen wurden, so ahnte doch Niemand, dass aus dem jun-\ngen Juristen einer der bedeutendsten Meister seiner Zeit,\nder einsichtigste und talentvollste Componist der Goethe'-\nschen Dichtungen, der Capellmeister Friedrich's des Gros-\nsen und seiner zwei Nachfolger und der grösste Lieder-\nsänger der Hiller'schen Periode hervorgehen sollte.\n1773 componirte der nachmals so fruchtbare C. D.\nStegmann in Dresden (1751 —1826) den „Kaufmann\nvon Smyrna\" und bald darauf die zu seiner Zeit so sehr\nbeliebten Singspiele: „Das redende Gemälde\", „Der De-\nserteur\", „Der Sultan YVampum\", „Die Recruten auf dem\nLande\", „Apollo unter den Hirten\", „Erwin und Elmire\",\n„Der Triumph der Liebe\", „Die Roseninsel\", „Philemon\nund Raucis\".\nA. Schweitzer (1737 —1787), Musik-Director bei\nder Seiler'schen Gesellschaft in Weimar, Gotha und Frank-\nfurt am Main, componirte 1774 die erste grosse deutsche\nOper, Wieland's „Alceste\", eines der bedeutendsten\nWerke der ganzen Periode. Alle Schöpfungen dieses\nwackeren Tonsetzers (er schrieb gegen 16 Opern und Sing-\nspiele, darunter „Rosamunde\" von Wieland und 177 7\n„Die Dorfgala\") zeichnen sich durch einfache und schöne\nMelodieen und durch ein tüchtiges und ernstes Streben\naus. Der genialste unter den hier zu nennenden Operetten-\nComponisten ist jedoch unstreitig der schon als Erfinder\ndes Melodrama's aufgeführte G. Renda (1721 —1795).\nMan kennt zwar nur 11 —l2 Arbeiten für die Ruhne\nvon ihm, aber allen ist der Stempel des Genies aufge-\ndrückt. Seine Singspiele: „Der Dorf-Jahrmarkt\" 17 76,\n„Walder\" 1777, „Romeo und Julie\" 1778, „Der Holz-\nbauer\" 1778, „Lucas und Rärbchen\" 1786, „Das tar-\nta'rische Gesetz\" 1787, „Das Findelkind\" 1787, „Or-\npheus\" 1787 u. s. w., sind reich an hohen Schönheiten\nund herrlichen Effecten und wie seine Melodramen classi-\nsche Muster in ihrer Gattung. Alle Componisten seiner\nZeit haben ihm nachgestrebt, keiner aber hat ihn ganz zu\nerreichen vermocht. Er war ausserdem ein vortrefflicher\nCiavier- und Violinspieler und ist seiner originellen philo-\nsophischen Ansichten und seiner Zerstreutheit wegen, die\nzu unzähligen heiteren Anekdoten Veranlassung gab, all-\ngemein bekannt geworden. Fruchtbarer noch als alle die\nVorstehenden war J. Andre (1741 —1799), der, An-\n\nn"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "252", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640806-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1170, "texte": "Fangs zum Kaufmanne bestimmt, endlich doch seiner Nei-\ngung zur Musik folgte und im Zeiträume weniger Jahre\nüber 30 Singspiele schrieb, unter denen „Der Töpfer\"\n1776, „Das wüthende Heer\", „Der alte Freier\", „Laura\nRosetti\", „Der Barbier von Seviglia\", „Belmonte und\nConstanze\" vorzugsweise bemerkenswerth sind; seine Mu-\nsik zu Goethe's Erwin und Elmire erlebte in Berlin\nnach einander 22 Aufführungen; nie hat wieder eine an-\ndere Composition Goethe'scher Texte einen ähnlichen Er-\nfolg gehabt. Seinen Tonsätzen ist Fluss und Anmuth der\nMelodie und Kraft und Witz im musicalischen Ausdrucke\nin hohem Grade eigen.\nDie Reihe der deutschen Operetten-Componisten ist\nmit den genannten Meistern keineswegs erschöpft. Wer\nvermöchte sie auch alle aufzuzählen? In wenigen Jahr-\nzehenden wurden Hunderte von Singspielen componirt,\nHunderte aus dem Französischen und Italiänischen über-\nsetzt. Die Neigung und Freude des Publicums an dieser\nMusikform erscheint in beständiger Zunahme begriffen;\ndoch erreichte bis zum Schlüsse des Jahrhunderts die\ngrosse Productivität ihren Culminationspunkt, wenigstens\nist hier die erste glänzende Periode des Singspiels abzu-\nschliessen.- ■ 1"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1864-08-06-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1864-08-06_01#c003", "volume": "bmtnabi_1864-08-06_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "252", "page_fin": "255", "image_debut": 4, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640806-01.2.3", "titre_corps": "Aeltere Kirchenmusik.", "titre_sommaire": "Aeltere Kirchenmusik.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "252", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640806-01.1.4", "debut_caractere": 1172, "fin_caractere_exclue": 4780, "texte": "Aeltere Kirchenmusik.\nDie Herausgabe der reichhaltigen Auswahl aus den\nWerken des Lassus durch Franz Commer in Berlin\nist durch den Fleiss und die begeisterte Hingebung des\nHerausgebers an seine Aufgabe und durch die Thätigkeit\nder Verlagshandlung bis zur Vollendung des fünften Ban-\ndes (des neunten der Musica sacra) vorgeschritten:\nSelectio Modorum ab Orla\niorim etc. Collegii et edi curavit Franciscus\nCommer. Tom. V. Berolini apud T. Traut-\nwein (M. Bahn). HO Pag. fol. Preis 5 Thlr.\nDieser Band enthält fünfundzwanzig Gesänge, und\nzwar 3 dreistimmige, 8 vier-, 1 fünf-, 7 sechs-, 4 acht-\nund 2 zwölfstimmige. Davon haben sieben deutschen, die\nanderen lateinischen Text. Für gemischten Chor sind die\n7 sechsstimmigen Gesänge mit deutschem Texte, ferner\nNr. XI, XIII, XV—XXV. Von hohen oder von tiefen\nStimmen können vier kleinere Nummern ausgeführt wer-\nden, Nr. X bloss von drei Männerstimmen. Der Text von\nNr. 111 ist ursprünglich ein weltliches Lied; eben so ist\nNr. 25, eine vierstimmige Messe, über das Lied\nmaistre Pierre gearbeitet, welches von\nmens non Papa ist (abgedruckt in Commer's\nMusicorum Batavorum Xll).Die Messe selbst ist aus\neiner Sammlung von fünf Messen Orlando's, welche zu\nNürnberg 1581 in Druck erschienen ist; vier von ihnen\nsind auf weltliche Lieder gemacht.\nEin merkwürdiger Fund ist die vierstimmige Nummer\nXVII: Laudent Deum cithara,\ncornu, organa, alleluja.F. Commer fand diese dreizehn\nTacte auf einem Kupferstiche von Joannes Sadler nach\neinem Bilde von Peter Candid (wahrscheinlich 1584) ge-\nstochen. Das Bild stellt den Psalmisten David dar, in kö-\nniglichem Schmucke, die Harfe spielend, von singenden,\ntanzenden und musicirenden Engeln umgeben. Die üeber-\nschrift lautet: Ps. CXLVIII. Juvenes et virgines senes\ncum iunioribus laudent nomen Domini; die Unterschrift\nnennt die Namen des Malers und Kupferstechers.\nAuch dieser Theil enthält wieder ganz vortreffliche\nCompositionen, die zum Theil in den kleineren Gesängen\ndurch einen, man möchte sagen, anmuthigen Fluss der\nmelodischen Gänge der Stimmen fesseln, zum Theil in den\ngrösseren, weiter entwickelten Nummern eine wahrhaft\nerhabene, oft staunenswerthe Polyphonie offenbaren. Wir\nrechnen besonders dahin das sechsstimmige (2 Discant,\nAlt, 2 Tenor, 1 Bass) „Maria voll Genad'\", das achtstim-\nmige „Bone Jesu\"und die beiden zwölfstimmigen Psal-\nmen, deren erster {Psalm. 111. Domine quid multiplicati\nsunt) in drei vierstimmigen Chören auf 15 Folioseiten ge-\nschrieben ist, der andere [Psalm\nomnes gentes) in 12 reellen Stimmen (3 Catitus, 3 Altus,\n3 Tenor, 3 Bassus) 11 Folioseiten füllt.\nBevor unsere Kirchenchöre so weit sind und das\nwird noch lange dauern!— dass sie diese Musik a capella\nsingen können, empfehlen wir allen Gesangvereinen diese\ntreffliche Sammlung.\nFerner liegt uns als eine der neuesten Veröffentli-\nchungen älterer Kirchenmusik vor:\nStabat mater für vier Singstimmen von Emanuel\nAstorga. In erweiterter Instrumentation und\nmit Clavier-Auszug versehen von Robert\nFranz. Halle, H. Karmrodt. Partitur mit Clavier-\nAuszug darunter, 90 S. Gr. Fol., 2 Thlr. 15 Sgr.\nOrchesterstimmen 1 Thlr. netto. Singstimmen 15\nSgr. netto.\n„In der bisherigen Gestalt\" sagt das Vorwort des\nVerlegers „war Astorga's zu einer wir-\nkungsvollen Aufführung in Gesangvereinen wenig geeignet.\nZu dem Streich-Quartette sollte nach den Intentionen des\nComponisten die Orgel als wesentliches Ergänzungsmittel\nhinzutreten; nach der Partitur ist ihr der bei Weitem\ngrössere Theil der Begleitung der Solonummern überge-\nben. Abgesehen von den Schwierigkeiten, welche das\nHeranziehen dieses Instrumentes zu Gesang-Aufführungen"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "253", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640806-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5239, "texte": "in den meisten Fällen bereitet, konnte es bei einem Werke\nvon solcher Bedeutung unmöglich der Improvisation, die\nja immer an augenblickliche Stimmungen gebunden ist,\nanheimgestellt bleiben, die vorhandenen Lücken auszu-\nfüllen. Es handelte sich vielmehr um eine reiflich über-\nlegte Ausführung des Begleitungs-Materials im Sinne und\nStile des Meisters.\n„Robert Franz übernahm die Bearbeitung der Par-\ntitur des Stabat mater, und sie liegt jetzt in erweiterter\nInstrumentation die Orgel wird durch zwei Clarinetten\nund zwei Fagotte annähernd repräsentirt und mit hin-\nzugefügtem Clavier-Auszuge dem Publicum vor. Ausser-\ndem haben die Sing- und Orchesterstimmen sorgfältige\nVortrags-Bezeichnungen, um Einheit in der Ausführung\nzu erzielen, erhalten.\"\nAstorga's Stabat mater gehört zu denjenigen Werken,\nwelche mehr genannt als bekannt sind, und desswegen\nhaben sich Robert Franz und die Verlagshandlung offen-\nbar ein Verdienst um die musicalische Literatur erworben,\nindem sie diese neue, schön ausgestattete Ausgabe eines\nso berühmten und mit Recht berühmten Werkes veran-\nstalteten.\nEmanuele d'Astorga war der Sohn eines sicilia-\nnischen Reichsbarons, der abwechselnd in Palermo und\nauf seinen Besitzungen gelebt zu haben scheint. Hier\nwurde Emanuel im Jahre 1680 oder 1681 geboren. Der\nVater, ein kühner, rauher Mann, trat in den Verwirrun-\ngen und Kriegen um die Unabhängigkeit Siciliens und des\nAdels in ihm, oder um des Landes Vereinigung mit Neapel\nund Neapels mit Spanien, als Kämpfer gegen die verbin-\ndende Monarchie auf und als Häuptling eines jener in der\nälteren italiänischen Geschichte nur allzu bekannten, wü-\nsten Soldatenhaufens, die den Krieg bloss als Handwerk\ntrieben und mit wilder Tapferkeit jedem Führer sich hin-\ngaben. bis ein anderer mehr zahlte.\nWir verlieren den Knaben aus dem Gesichte, ohne\nvon seiner Erziehung etwas zu erfahren, bis wir ihn bei\nden furchtbaren Scenen in Neapel und Sicilien im Jahre\n1701 wiederfinden. Sein Vater war in die Verschwörung\nverwickelt. Verwegen und trotzig alle Versöhnungsmittel\nverschmähend, wollte er mit dem Degen in der Faust fal-\nlen, ward aber von seinen eigenen Söldnern, deren For-\nderungen er nicht mehr befriedigen konnte, verrathen,\nausgeliefert und, um die Anderen durch Schrecken nieder-\nzuhalten, mit noch Einem seines Gleichen zum Tode auf\nöffentlichem Blutgerüste bestimmt. Mutter und Sohn muss-\nten seine Hinrichtung mit ansehen; jene starb unter\nZuckungen des Entsetzens, dieser verfiel in einen Zustand\ndumpfer Bewusstlosigkeit. Die Güter der Familie wurden\neingezogen, alle Theile derselben verwiesen. Der Jüngling\nfloh nicht; alles Zuredens ungeachtet war er von der Stelle\nnicht wegzubringen, wo er Vater und Mutter unter so\ngrässlichen Verhältnissen hatte verscheiden sehen. Das\nVolk, dessen Rache, nun gesättigt, dem Erbarmen gewi-\nchen war, beschützte und versorgte ihn, und so scheint er\neinige Zeit in Neapel gelebt zu haben. Das Gerücht davon\nkam zu den Ohren der Prinzessin Ursini, der Ober-Hof-\nmeisterin der Königin, die auf diese von so entschiedenem\nEinflüsse war, als die Königin aul ihren Gemahl, Philipp V.\nDie Prinzessin nahm sich des unglücklichen Jünglings an\nund liess ihn zur Versorgung und Beruhigung seines irren\nGeistes in ein Kloster bringen, und zwar, damit er von den\nGegenständen seines Schmerzes weit entfernt würde, viel-\nleicht auch, damit er nicht wider Wissen und Wollen auf\ndas Volk wirkte, in ein entlegenes Kloster, nach Astorga,\neiner Mittelstadt im spanischen Königreiche Leon. Hier\nhat er einige Jahre verlebt und von diesem Aufenthalte\nfortan, statt des geächteten, den Namen d'Astorga ange-\nnommen.\nIn dem Kloster war dem guten Jüngling beschieden,\nalles zu finden, was er wahrhaftig bedurfte: einen geist-\nvollen, frommen Vertrauten, einen sorgsamen Arzt und in\njenem Zeitalter der Gulmination italiänischer Tonkunst\neinen gründlichen Meister derselben, der sich des neuen\nSchülers eben so sehr erfreute, als dieser des liebevollen\nLehrers. So trat denn Emanuel nach etwa zwei Jahren\nwieder in die Welt hinaus, als Mann von blühender Schön-\nheit, als Künstler in der Composition der Meisterschaft\nsich nähernd, für Gesang mit einer schönen Tenorstimme\nbegabt.\nWir finden ihn 1704 wieder im Palaste des Herzogs\nFranz von Parma. Wie er dahin und in so grosse Gnade\nbei diesem Fürsten gekommen, das wissen wir nicht: Das\nEinzige lehrt die Folge, dass er im zwei- oder dreiund-\nzwanzigsten Lebensjahre in dessen Dienste getreten, mit\nliebreicher Auszeichnung und auch seiner Geburt gemäss\nbehandelt worden und die Seele der ausgesuchtesten Kam-\nmermusik seines Gebieters gewesen ist. Seiner entschiede-\nnen Vorliebe für den Sologesang (doch auch in mehreren\nStimmen) und jener seiner Lage ist es wohl zunächst zu-\nzuschreiben, dass fast alle seine Composilionen, auch aus\nspäterer Zeit, zu dieser dem Stoffe und der äusseren Form,\nnicht aber dem Geiste und der Kunst nach einfachen Gat-\ntung gehören, auch bloss vom Ciavier oder dem Quar-\ntette begleitet sind.\nAstorga's zahlreiche, kleine, rührende Cantaten für\nden Sopran und Tenor, seine köstlichen Duette lür die-\nselben Stimmen aus dieser Zeit waren alle lür seine er-\nlauchte Schülerin, die Tochter des Herzogs, Elisabeth l ar-\nnese, und ihn selbst geschrieben."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "254", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640806-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5163, "texte": "Es entstand daraus ein Verhältniss, welches der Her-\nzog durchblickte. Huldreich und fürsorgend sandte er sei-\nnen Liebling mit den besten Empfehlungen dem Kaiser\nLeopold I. zu, von welchem eifrig frommen und musik-\nliebenden Monarchen dieser denn auch gnädig aufgenom-\nmen, seines Umganges gewürdigt und in jeder Hinsicht\nausgezeichnet wurde. Aber wenige Jahre darauf (1705)\nstarb Leopold; und wie unter seinem Sohne und Thron-\nfolger, Joseph 1., sich gar Manches änderte, so mag sich\nauch Astorga's Lage geändert haben. Wir sehen ihn bald\nnach jenem Regierungswechsel, doch unter ehrenvoller\nRelobung, scheiden; und alles, was über den Rest seines\nLebens die grössere Hälfte desselben sich noch hat\nausfinden lassen, kommt auf folgendes Weniges hinaus.\nSeit die Dinge in Spanien, Neapel und Sicilien einige\nfestere Haltung gewonnen hatten, erhielt Astorga durch\nBetrieb der Herzogin von Ursini und die Gunst der Kö-\nnigin eine jährliche Unterstützung, die ihn in den Stand\nsetzte, frei und einiger Maassen seiner Abkunft und Er-\nziehung gemäss zu leben. Er benutzte diese Freiheit, nach\nund nach fast alle gebildeten Länder Europa's und ihre\nFürstenhäuser kennen zu lernen. Ueberall war er geachtet\nund willkommen. Mit seiner Kunst trat er nie und nirgends\nöffentlich auf, sondern, wie er seine Compositionen nur\nhandschriftlich mittheilte, so sang er sie auch, sich selbst\nauf dem Claviere begleitend, nur ausgewählten Cirkeln\nvor. Ueberhaupt wusste er und war geübt, in all seinem\nThun und Bezeigen eine gewisse sanfte Würde und Zu-\nrückhaltung, die aber nur um so mehr für ihn einnahm,\nzu behaupten. So zeigte er sich im Laufe von zehn bis\nzwölf Jahren in Madrid, Lissabon, in mehreren Haupt-\nstädten Italiens (nur sein Vaterland, für ihn der Schauplatz\ndes Entsetzens, vermied er), in London, Paris, dann wie-\nder aul kurze Zeit in Wien, nun in Prag, und jetzt ver-\nschwindet er unseren Augen gänzlich. Wahrscheinlich,\ndass er in Böhmen, ausser der romantisch schönen Natur,\ndamals das fand, was er zunächst bedurfte: friedliche, in\nseiner Weise religiöse, in seiner Kunst ausgezeichnete Men-\nschen, und dass er darum hier, entweder in klösterlicher\noder doch in einer dieser ähnlichen Stille und Zurückgezo-\ngenheit, seine Tage beschloss. Er starb am 21. August\n1736 (nach Bermann's österreichischem biographischen\nLexikon). Sein Stabat mater scheint er in London geschrie-\nben zu haben, wenigstens bewahrt man dort die Abschrift\ndesselben, von welcher die anderen ausgegangen sind. Es\nsoll zuerst in Oxford im Jahre 1713 aufgeführt worden sein.\nDas ganze Werk des Stabat mater von Astorga hat\nneun Nummern.\nNr. 1. Chor, vierstimmig, wie alle übrigen Chöre.\nLargo,4/4-Tact. Stabat mater 13 Seiten Par-\ntitur. Nr. 2. Terzett für Sopran, Tenor und Bass.\nLargo, 4/4-Tact. 0 quam tristis 11 Seiten.\nNr. 3. Doppel-Duett (d. h. Duett für Sopran und Alt\nund Duett für Tenor und Bass, beide auf einander folgend\nzu Einem Satze, Poco Andante,3js-Tad, vereinigt, a. Quis\nest homo, qui non fleret. b. PlB\nSeiten.\nNr. 4. Chor. Alla Breve,4/4-Tact.Fugirt, mit Violon-\ncell und Bass begleitet. Eja mater, fons amoris. 7 Seiten.\nNr. 5. Arie für Sopran. 4/4-Tact.\nMater, istud agas.4 Seiten. Nr. 6. Duett für Alt und\nTenor. Maestoso, 3/4-Tact. Fac me tecum pie flere. 6\nSeiten.\nNr. 7. Chor. Tempo giusto, 4/4-Tact. Virgo virgi-\nnum praeelara. 7 Seiten. Nr. 8. Arie für Bass.\ndantino, 3js-Tact. Fac me plagis vulnerari. 5 Seiten.\nNr. 9. Schluss-Chor. Adagio und Allegro: Christe,\nquum sit jam exire,7 Seiten, und 12 Seiten.\nOb die Vertretung der Orgel durch zwei Clarinetten\nund zwei Fagotte, so wie sie Robert Franz ausgeführt hat,\nihren Zweck im Geiste des Originals erfüllt, wird sich nur\ndurch das Hören ganz beurtheilen lassen. Nach der An-\nsicht sind diese vier Instrumentalstimmen bescheiden an-\ngewandt und gehen in den Chören meist mit den Sing-\nstimmen. Bei dem fugirten Chor Nr. 4: fast\ndem einzigen, der eine schnellere Bewegung und keine\nQuartett-Begleitung hat, sind die Clarinett- und Fagott-\nstimmen weggelassen. Ist dabei in der Original-Partitur\nkeine Orgel angegeben, und sollte die Absicht des Cora-\nponisten gewesen sein, dass dieser Chor gesun-\ngen werde? Franz hat die vier Gesangstimmen im Ciavier-\nAuszuge darunter gesetzt.\nWas nun den Werth der Musik betrifft, so möchten\nwir keineswegs behaupten, dass er von den Zeitgenossen\nund der Nachwelt überschätzt worden sei; das Werk ver-\ndient in allen Nummern vielleicht die Bass-Arie Nr. 8\nausgenommen seinen Ruhm. Der Chor:\nnum praeelara,ist in seiner kunstvollen Einfachheit und\ndoch majestätischen Wirkung ein herrliches Stück. Eben\nso der Schluss-Chor mit dem erschütternden Eintritte des\nQuando corpus morietur.\nUeberhaupt hat Astorga's Musik bei allem Edeln,\nTiefen und Feierlichen etwas Eigentümliches, das man\netwas Modernes im besten Sinne des Wortes nennen\nkönnte. Es tritt dies in seinen Melodieen und in schmerz-\nvollen Accenten hervor, welche uns nicht so sehr aus sei-\nnem Erfülltsein von seinem Gegenstande herzufliessen\nscheinen, sondern an die persönlichen Empfindungen und\nErfahrungen erinnern, mit Einem Worte: an das Unglück\nund die Schmerzen seiner Jugend in den Schreckenstagen\n\\"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "255", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640806-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3960, "texte": "zu Neapel. Das Schicksal seines eigenen Lebens spiegelt\nsich in seinen Melodieen und Harmonieen ab, man fühlt,\ndass in den Stunden, wo er die Mater dobrosa in Tönen\nverherrlichte, diesem Sänger das Bild seiner vor dem SchafTot\ndes Gatten zu Boden sinkenden Mutter vorschwebte, so\ndass diese Töne der Wiederhall des eigenen inneren\nSchmerzes wurden. Desshalb dürfte die Frage über die\nKirchlichkeit des Werkes von Astorga schwer zu ent-\nscheiden sein, weil eben die Individualität des Tonsetzers\ndarin so deutlich hervortritt. Nach den Ansichten der Eife-\nrer für die Reinheit der Kirchenmusik spricht das Durch-\nklingen einer subjectiven Auffassung und Empfindung in\neinem Kirchen-Musikstücke diesem schon die Kirchlichkeit\nab ). „Der Tonsetzer\" —beisst es in der unten angezoge-\nnen Schrift „muss die Stimmung in seine Töne legen,\nwelche nach der Absicht der Kirche bei dieser Gelegenheit\nalle Gemüther beherrschen soll. Diese Stimmung kann\ner nicht lediglich aus seinem Innern entnehmen, er muss\nsie vorerst von aussen, durch richtiges Erfassen der litur-\ngischen Handlung und ihrer besonderen Bedeutung bei\nder besonderen Gelegenheit, für welche er arbeiten will\ndurch Vertiefung seines Gemüthes in diese Handlung\nu. s. w., in sich aufnehmen und dann versuchen, sie in\nTönen wiederzugeben.\" Das klingt alles recht gut und\nist vom dogmatischen Standpunkte genommen auch ganz\nrichtig: wir befürchten nur, dass in der Ausführung bei\nder subjectivsten Kunst der ganzen Welt, bei der Ton-\nkunst, sich das Subject niemals von dem, was von aussen\nhinzukommen soll, wird verdrängen lassen.\nSchliesslich wollen wir noch das Urtheil von F. Roch-\nlitz, der schon vor vierzig Jahren das Astor-\nga s zum Gegenstande eines empfehlenden Aufsatzes ge-\nmacht hat, anführen.\n„Astorga's Kunst-Charakter,\" sagt er, „so weit er\nsich aus dem Stabat mater und einem unvollendeten\nquiem beurtheilen lässt, dürfte etwa so zu bestimmen sein:\nIn Erfindung, Geschmack und Kunst der Ausarbeitung am\nnächsten dem Durante, ausser wo sich dieser zum Gran-\ndiosen und Breiten erhebt, wozu Astorga in seiner Sphäre\nkeinen Raum fand; aber im Ausdruck noch inniger, viel\nzarter, auch in der Ausarbeitung der Einzelheiten noch\nsorgsamer, als jener in seinen Werken derselben Gattung.\nIn Hinsicht auf Fluss und Singbarkeit dem (etwas späte-\nren) Leo verwandt, aber eigenthümlicher; gewisser Maas-\nsen auch dem (gleichfalls späteren) Pergolesi, aber mit weit\nmehr Tiefe, fester Haltung und Gründlichkeit. Im Stil,\ndas Wort technisch genommen, dem Marcello befreundet,\naber ohne, wie dieser meistens, seine Kunst der Poesie\nunterzuordnen, und im Mehrstimmigen ihn bei Weitem\nüberflügelnd. Hieher gehört und wäre ganz besonders her-\nvorzuheben Astorga's bewundernswürdige, höchst seltene\nKunst, Fertigkeit und Sicherheit, einfach schöne, ausdrucks-\nvolle Melodieen in immer neuer Weise contrapunktisch zu\nverflechten, und was ihn absonderlich unterscheidet\ndies zu thun, ohne dass diesen Melodieen hinsichtlich der\nFasslichkeit und des Ausdrucks der geringste Eintrag ge-\nschieht. Lesern, die Kenntniss der Malerei besitzen und\ndie abzurechnen wissen, was bei solchen Zusammenstellun-\ngen allezeit abzurechnen ist, könnte vorgeschlagen werden,\nsich unseren Meister als den Parmesano, oder noch besser\nals den Palma Vecchio der Tonkunst (den letzteren in sei-\nnen kleineren Compositionen und Staffelei-Gemälden zu\ndenken.\"\nDie Sologesänge des Stab (Nr. 2, 3, 5, 6,\n8) sind im Clavier-Auszuge auch einzeln von der Verlags-\nhandlung zu beziehen.\nDie Sammlung des Abtes Santini in Rom enthält nach\nFetis) 54 Cantaten von Astorga für Sopran und Ciavier,\n44 für Alt und Ciavier und 10 Duette für zwei Soprane.\nAn allen wird Originalität, Gefühl und Ausdruck, nament-\nlich auch Einfachheit und Anmuth gerühmt.\n*) Vgl. Die katholische Kirche nmusik nach ihrer Be-\nstimmung und ihrer dermaligen Beschaffenheit dargestellt von A. G.\nSt-eia, Pfarrer u. s. w. Köln, 1864, bei J. P. Bachem. 126 'S. 8.\nS. 24 ff."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1864-08-06-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1864-08-06_01#c004", "volume": "bmtnabi_1864-08-06_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "255", "page_fin": "256", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640806-01.2.4", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "255", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640806-01.1.7", "debut_caractere": 3962, "fin_caractere_exclue": 5575, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nAm 3. Juli wurde in Mannheim die Oper „Vineta\" von\nRichard Würst zum ersten Male aufgeführt, und zwar mit glück-\nlichem Erfolge. Die Inscenirung, so wie die Aufführung selbst un-\nter der trefflichen Leitung Vincenz Lachner' s war vorzüglich,\nund das Publicum nahm viele Nummern mit lebhaftem Applaus\nauf, so wie auch die Haupt-Darsteller, der Decorateur und der an-\nwesende Componist durch wiederholte Hervorrufe ausgezeichnet\nwurden.\nOpern-Repertoire des Theaterjahrs in Stuttgart. Die\nam 2. September vorigen Jahres begonnene und durch den Tod des\nKönigs von Würtemberg am 24. Juni dieses Jahres beendete Thea-\nter-Saison hat im Ganzen 204 Vorstellungen gebracht, von denen\n85 auf die Oper kamen. Von deutschen Componisten wurden 18\nWerke in 42 Vorstellungen gegeben: von Beethoven an 3 Aben-\nden „Fidelio\"; von Flotow „Stradella\" 3 Mal, „Martha\" 4 Mal;\nvon Gluck „Iphigenia in Tauris\"; von Kreutzer „Das Nachtla-\nger in Granada\" 3 Mal; von Lortzing „Czaar und Zimmermann\" ;\nvon Meyerbeer „Der Prophet\", „Die Hugenotten\", „Robert der\nTeufel\" je 2 Mal; von Mozart „Z\"auberflöte\" 3 Mal, „Don Juan**\n2 Mal, „Die Hochzeit des Figaro\" 1 Mal\"; von Nicolai „Die lu-\nstigen Weiber von Windsor\"; von Spohr „Jessonda\" 2 Mal; von\nWagner „Tannhäuser\" 3 Mal; von Weber „Der Freischütz\" und\n„Oberon\" je 4 Mal, „Euryanthe\" 1 Mal. Von französischen Com-\nponisten 10 Werke in 25 Vorstellungen, nämlich: von Adam 3 Mal\ndie einactige Operette „Die Schweizerhütte\"; von Auber „Des Teu-\nfels Antheil\" 3 Mal; „Die Krondiamanten\", rFra Diavolo\" je 2\nMal, und Schlosser\" 1 Mal; von Boieldieu „Die weisse"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "256", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640806-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5383, "texte": "Frau\" 2 Mal; von Gounod „Gretchen\" 4 Mal; von „Die\nJüdin\" 3 Mal, „Die Königin von Cypern\" 2 Mal; von „Jo-\nseph in Aegypten\" 3 Mal. Von italienischen Componisten 10 Werke\nin 18 Vorstellungen, nämlich: von Cherubini „Der Wasserträger\";\nvon Donizetti „Lucia\" 3 Mal, „Der Liebestrank*' und „Lucrezia\nBorgia\" je 2 Mal; von Rossini „Teil\" 2 Mal, »Der Barbier von\nSevilla\" und „Graf Ory\" je 1 Mal; von Salieri „Axur\" 3 Mal;\nvon Verdi „Der Troubadour\" 2 Mal, „Rigoletto\" 1 Mal. Die mei-\nsten Wiederholungen, nämlich die Vierzahl, erlebten „Martha\",\n„Gretchen\", „Oberon\" und „Freischütz\". Von diesen 38 Opern\nwaren neu Rossini's „Graf Ory\" und AdarcTs „Schweizerhütte\" (Le\nChälet); neu einstudirt „Axur\" von Salieri, „Oberon\" von Weber\nund Jessonda\" von Spohr, letztere nach einem Zwischenräume von\n22 Jahren.\nDem Vernehmen nach hat die General-Direction des Hofthea-\nters in Dresden eine neue Oper des Sinfonie-Componisten Gouvy,\n„Der Cid\", zur Aufführung angenommen.\nWieil« Ueber die Darstellung der Königin der Nacht in der\n„Zauberflöte\" durch Frau Dustmann schreiben die „Recensionen\":\n„Neu war ferner Frau Dustmann als Königin der Nacht. Die Rolle\nist ihrer ganzen Anlage nach weit mehr eine specifisch-dramatische,\nals eine blosse Coloratur-Partie. Nicht nur der Charakter der Kö-\nnigin, der leidenschaftlichste und entschiedenste im ganzen Drama,\nauch die musicalische Anlage der Rolle spricht dafür. Man sehe\ndie beiden Arien der Königin darauf an, deren mächtig pathetischer\nStrom so plötzlich und willkürlich durch die kleinliche Spielerei\nabgeschmackter Rouladen unterbrochen wird, um dann sofort wieder\nin dem früheren leidenschaftlichen Tone fortzufahren und zu schlies-\nsen. Bis auf diese Rouladen sang Frau Dustmann den Part vortreff-\nlich. Sie gab uns ein weit imposanteres und lebensvolleres Bild der\nKönigin, als ihre Vorgängerin; das Recitativ und Andante der ersten\nArie vereinigte Schwung mit Würde. Was die berüchtigten Staccato-\nPassagen betrifft, so haben wir noch keiner Sängerin dabei anders\nals mit der Empfindung zugehört, welche das Publicum bei Blon-\ndin's Seil-Productionen hat. Wird er hinüberkommen? Wird er den\nHals brechen? Das sind die einzigen Gedanken, die sich des Zu-\nschauers bemächtigen und jeden ästhetischen Genuss nothwendig\nausschliessen. Nun, unsere geschätzte Dustmann ist über das gefähr-\nliche Seil hinübergekommen, sie hat nicht den Hals gebrochen\naber gewankt und gezittert hat sie allerdings. Es gibt gegenwärtig\nunseres Wissens eine einzige Sängerin, welche im Stande ist, die\nArien der Königin der Nacht ohne Anstrengung, frei und sicher zu\nsingen, (Jarlotta Patti. Ihr Sopran fängt bekanntlich erst da\nrecht an, wo die Stimmen gewöhnlicher Menschenkinder aufhören.\nFür ein ähnliches Naturwunder hat auch Mozart seine Königin der\nNacht geschrieben. Es wird nur im wohlverstandenen Interesse der\nMozart'schen Oper und aller normal gebauten Sängerinnen sein,\nwenn man sich endlich entschliesst, die unschönen Rouladen der\nKönigin entweder total zu ändern, oder noch besser, sie gänzlich\nvon den beiden Arien loszulösen, denen sie doch nur äusserlich\naufgeklebt sind.\"\nAntwerpen. Die hiesige Socidte d'harmonie veranstaltet\nfür den 24. August ein Musikfest zu ihrer Jubelfeier. Aufgeführt\nwird ein Tedeum von Benoit und ein Theil von Mendelssohn's\n„Elias*'. Mademoiselle Sax von Paris und Stock hausen werden\ndarin singen. Vieuxtemps ist ebenfalls für das Fest engagirt.\nPÄPISU Nach einer Nachricht der France Musicale wird\nGeorges Kastner eine Biographie Meyerbeer's schreiben. Die\nFamilie soll ihm dazu alles Material, das in ihrem Besitze ist, ge-\nliefert haben, da der Verstorbene selbst öfter gegen Herrn Kastner\nden Wunsch geäussert habe, er möge einst sein Biograph werden.\nDas Buch wird zwei Bände umfassen.\nDie Schrift von Pougin: Meyerbeer, notes biographiques (Pa-\nris, bei J. Tresse, Palais Royal), enthält auch einen Katalog der\nWerke Meyerbeer's.\nGoun od, der Componist des „Faust\", hat dieser Tage aus\neiner Heilanstalt in Saint Cloud, wo er sich seit einiger Zeit be-\nfand, nach Bicetre gebracht werden müssen. Die Anfälle von Ueber-\nspanntheit, welchen er unterworfen ist, haben übrigens schon meh-\nrere Male eine so energische Behandlung bei ihm nothwendig\ngemacht.\nDie Einnahmen sämmtlicher Theater, Concerte und öffentlichen\nSchaustellungen jeder Art in Paris betrugen im abgelaufenen Monat\nJuni die Summe von 1,100,396 Francs.\n3O. Juli. Ein prächtiges diamantenes Armband\nund ein Paar diamantene Ohrringe von reichster und kostbarster\nwurden nebst einer Dedicationsschrift auf feinstem Perga-\nment, welche die Veranlassung der Gabe und die Namen der Geber\nenthält, der Sängerin Fräulein Tietjens an ihrem Hause in Re-\ngents-Park überreicht. An der Spitze der Repräsentanten der Geber\nführte die Gräfin von Lincoln, von Lady Sandys, dem Herzoge von\nLeinster, den Grafen Lincoln, Strathmore u. s. w. begleitet, das\nWort: „Fräulein Tietjens! Die folgenden Ladies und Gentlemen,\nbeseelt von dem Wunsche, ihre Hochschätzung für Ihre grossen Ta-\nlente zu bekunden, bitten Sie, aus meinen Händen diese Zeichen\nihrer unbegränzten Bewunderung und Hochachtung anzunehmen.\"\nFräulein Tietjens erwiederte in Anerkennung des Geschenkes\nund der ehrenvollen Art der Ueberreichung gefühlvolle Dankes-\nworte. Das Geschenk erregt durch die ausgezeichnete Arbeit aus\nder Kunst-Werkstatt der Krön-Juweliere Garrard allgemeine Be-\nwunderung."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "249", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640806-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nDas deutsche Singspiel der Hiller'schen Periode. Aeltere Kirchenmusik. Selectio Modorum ab Orlando di Lasso com-\njpositorum etc. Collegit et edi curavit Franciscus Commer. Tom. V. Stabat mater für vier Singstimmen von Emanuel Astorga. In er-\nweiterter Instrumentation und mit Clavier-Auszug versehen von Robert Franz. Tages- und Un ter ha 1 tungsb 1 all (Mannheim, die\nOper „Vineta\" Opern-Repertoire des Theaterjahres in Stuttgart Wien, Frau Dustmann Antwerpen, Musikfest Paris u. s. w.).\n\nDas deutsche Singspiel der Hiller’schen Periode\n*).\nWährend der langen Zeit, in welcher das deutsche\nSingspiel ganz von der Bühne verschwunden war, hatte\nsich die Operette in Frankreich vollständig entwickelt und\nformal ausgebildet. Anmutbige Sujets, eine leichte, lieb-\nliche, weder zu tiefe und schwerfassliche, noch zu seichte,\noberflächliche Musik, ein ländlich einfacher, idyllischer\nGrundzug, der die Handlungen fast durchweg charakteri-\nsirt, hatten es bald zum Lieblinge des Publicums gemacht.\nMan vermag etwas Anmuthigeres, Lieblicheres sich kaum\nzu denken, als diese seit J. J. Rousseau's\nlage (um 1750) bis zur Revolution entstandenen französi-\nschen Singspiele; nichts konnte geeigneter erscheinen, hei-\ntere und vergnügte Stunden zu verschaffen, freundlicher\nund belebender auf das Gemüth zu wirken, als sie. Die\nreizenden Texte von Sedaine, Favart, Marmontel,\nPoinsinet und Anseaume und die liebenswürdige Mu-\nsik dazu von Desaides, Monsignv, Phili-\ndo r, Dun i, d'AI ayrac, Gaveaux, Bruni und Ande-\nren bezauberten in gleicher Weise.\nNeben dieser französischen Operette stand aber auch\ngleichzeitig in Italien die komische Oper in höchster Blüthe.\nGoldoni's phantasiereiche Märchen und die wahrhaft\nsprudelnde, frische Musik der italiänischen Meister die-\nses Zeitraumes, eines Pergolesi, Paisiello, Cima-\nrosa, Anfossi, Giuglielmo, Salieri u. s. f., waren\ndas Entzücken aller Musikfreunde. Französische und ita-\nliänische Weisen begannen wetteifernd um die Gunst des\nPublicums zu ringen. Sollte daher die deutsche Musik\nnicht ganz erdrückt und unmöglich gemacht und ihre fer-\nnere Existenz gesichert werden, so musste endlich etwas\ngeschehen, wodurch die deutsche Bühne in den Stand ge-\nsetzt wurde, mit der der Ausländer in die Schranken tre-\nten zu können.\nWieder war es der strebsame und unermüdliche Thea-\nter-Director Koch in Leipzig, dem wir die Anregung zu\nden neuen Versuchen im deutschen Singspiele verdanken.\nAuf seine Veranlassung hatte Standfuss, Ballet-Geiger\nbei seiner Truppe, ein zur Composition komischer Gesänge\nsehr begabter Musiker, eine Musik zu dem schon 1743\nmit so unglücklichem Erfolge von Schönemann gegebenen\n„Der Teufel ist los\" geschrieben; dieses Singspiel\nwurde denn am 8. October 1752 trotz des heftigen Wi-\nderspruches, den Gottsched dagegen erhob, mit Beifall in\nLeipzig aufgeführt. Koch hatte bei diesem Streite alle\nStimmen für sich, sogar die der einflussreichsten Persön-\nlichkeiten des Hofes; Gottsched's Ansehen war bereits\nschon so gesunken, dass er, verhöhnt und verspottet, end-\nlich das Feld räumen musste. Standfuss componirte nun\nnoch ein anderes Singspiel: „Der stolze Bauer Jochem\nTröbs oder der vergnügte Bauernstand\", das an verschie-\ndenen Orlen, namentlich auch in Berlin, beifällig aufge-\nnommen wurde. Leider sollte der arme Tonsetzer den\nLohn seiner Bemühungen nicht ärnten, denn sc hon 1756\nstarb er in den ärmlichsten und traurigsten Verhältnissen\nin einem hamburger Spitale. Koch führte 1759 noch\neinen zweiten Theil von dem oben genannten ersten Sing-\ns'piele auf: den lustigen Schuster, fand aber nicht\ndie gewünschte Theilnahme dafür; der Text erschien ver-\naltet, die Musik selbst nicht mehr wirkungsvoll genug. Da\nwandte sich der bedrängte Theater-Director mit der Bitte,\ndie Textbücher umzuarbeiten, an den in Leipzig lebenden\nbeliebten Dichter Chr. F. Weisse (1726 1804); J. A.\nHiller*), ein nicht minder angesehener und äusserst ta-\n\n*) Probe aus: „Das deutsche Singspiel.\" Von H. M.\nSchletterer. Augsburg, J. A. Schlosser. 1863. Eine ausführ-\nlichere Anzeige des Buches geben wir nächstens.\nDie Redaction.\n*) Johann Adam Hiller, geboren den 15. December 1728,\nf den 16. Juni 1804. Es gehört zu den Nachlässigkeiten des\nVerfassers, dass von so einflussreichen Männern wie Weisse und"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "250", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640806-01.1.2", "texte": "lentvoller Tonsetzer, sollte die Musik von Standfuss ver-\nbessern und ergänzen. Beide gingen auf Koch's Ansinnen\nein; man behielt von den alten Worten bei, was möglich\nwar, Hiller schrieb zu den neuen Versen Weisse's eine\ntreffliche Musik, neben der sich die Arien von Standfuss\nallerdings ziemlich ärmlich ausnehmen, und so ging das\nneu aufgeputzte, alte englische Stück unter dem Titel:\n„Die verwandelten Weiber\" oder: „Der Teufel ist los\",\n1764 nun zum dritten Male hinaus vor das Publicum. Die\nneuen Zutbaten und das unübertrefflich komische und\nmeisterhafte Spiel Koch's verschafften den Vorstellungen\ndesselben einen grossen und durchgreifenden Erfolg. Der\nTheater-Director, der nun plötzlich sah, was er an den\nbeiden Männern für Schätze besass, drängte sie zu immer\nneuen Arbeiten; Hiller componirte fast alle Jahre wenig-\nstens eine neue Oper, wofür er vom Verleger gewöhnlich\nvolle 50 Thlr. bekam, während dieser 6000 Exemplare\ndrucken liess und auch verkaufte; der Dichter war mit\nder Ehre zufrieden, seine Werke bewundert und beklatscht\nzu sehen. Fast alle Singspiele Hiller's wurden Lieblinge\ndes deutschen Volkes, am meisten aber das Singspiel „Die\nJagd\", 1771 componirt: es erlebte an vielen Orten 40\nbis 50 Aufführungen.\nIn Folge einer Verkettung äusserer Verhältnisse wurde\nalso Hiller, der gewiss daran vorher nie gedacht hatte,\nder Schöpfer des neuen deutschen Singspiels. Dieser Mann,\nmenschenscheu und hypochondrisch von Natur, krank und\nmissmulhig, liefert einen recht schlagenden Beweis dafür,\ndass Gott zur rechten Zeit und Stunde auch immer die\nrechte Kraft in Bereitschaft hält, durch die er helfen und\nwirken kann. In Hiller fand sich alles vereinigt, was für\nseine musicalische Mission, sollte sie Erfolg haben, bedin-\ngend vorausgesetzt werden musste. Neben tüchtigem Wis-\nsen, feinem Geschmacke und gewandter Handhabung aller\ntechnischen Mittel stand ihm ein unerschöpflicher Born\nnatürlicher, ansprechender, gesangreicher, ja, volkstüm-\nlicher Melodieen zu Gebote; viele derselben sind wirklich\nauch beliebte Volksweisen geworden, und ist eigentlich\nvon der Erscheinung seiner ersten Operette an auch das\nwiedererwachte Interesse für das deutsche Volkslied zu\ndatiren. Bei aller Einfachheit der von ihm benutzten mu-\nsicalischen Mittel wusste er doch alle Nuancen der Freude,\nLust, Traurigkeit und Klage auf das glücklichste darzu-\nstellen und alle Stimmungen des Gemüthes erschöpfend\nwiederzugeben; und was ihn nun als Componist komischer\nSingspiele vorzugsweise erfolgreich wirken liess, das ist\nsein unwiderstehlicher Humor und eine gewisse derbe Lu-\nstigkeit, die er, ungeachtet er sonst unheilbarer Hypochon-\ndrie fast erlag, wunderbar in seiner Gewalt hatte und auf\nseine Compositionen zu übertragen wusste.\nWir wissen bereits, in welch traurigem Zustande, na-\nmentlich bezüglich der Gesangeskräfte, um die Mitte des\nvorigen Jahrhunderts die deutsche Bühne sich befand; aber\ngerade darin lag für das neue Unternehmen der grösste\nSegen. Hätte Hiller in seinen Operetten für tüchtige und\nkunstfertige Sänger und Sängerinnen zu schreiben gehabt,\nso würde seine Musik ganz anders ausgefallen sein. Er,\nder ohnedies mit all seinen musicalischen Erinnerungen\nund mit seinem besten Streben in den Traditionen der\nitaliänischen Schule wurzelte, dem die italiänischen Opern\nvon Hasse und Graun als unübertreffliche Meisterstücke\nvorleuchteten, würde uns dann im günstigsten Falle eine\nitaliänische Musik mit deutschem Texte, wie es später\nNaumann that, geboten haben. So aber musste er all\ndie liebgewonnenen Ideen und Ansichten aufgeben, alles,\nwas er wusste, und nach der Seite hin, wo zunächst seine\nStudien lagen, als vollkommen erkannt hatte, zu vergessen\nsuchen und sich wider seinen Willen und, wie er vielleicht\nauch dachte, wider seine bessere Bestimmung auf lied-\nmässige und kleine Arietten beschränken, auf Formen, die\ner fast erst erfinden musste; glücklicher Weise brach sich\naber hier sein innerstes und eigentlichstes Wesen, sein\necht deutscher Charakter selbständige Bahn, und dieser\nVerkettung eigentümlicher Verhältnisse haben wir denn\nauch ein von fremden Einflüssen fast ganz unberührtes\ndeutsches Singspiel zu danken. Gerade der Mangel aller\nGesangeskräfte war für die naturwüchsige und originelle\nEntwicklung desselben das grösste Glück; nie würde bei\nbesseren Sängern Hiller's Musik das geworden sein, was\nsie zum Besten des deutschen Singspiels werden musste,\nund in keinem Falle würde er gleiches Glück und gleichen\nErfolg gehabt haben, wenn er bloss ein Nachahmer ita-\nliänischer Art und Weise geblieben wäre; denn ungeachtet\naller seiner Talente und Studien, all seines Geschickes\nwürde es ihm nie gelungen sein, seine italiänischen Vor-\nbilder zu erreichen.\nHiller würdigte die Lage, in der er sich befand, voll-\nkommen richtig, und indem er bedachte, dass sich eben\nJedermann in gewisse Verhältnisse fügen muss, war er\nklug genug, ohne zu grosses Widerstreben die Dinge zu\nnehmen, wie sie sich ihm darboten. Der gesunde Sinn des\nVolkes, der gewöhnlich das Richtige so sicher herauszu-\nfinden weiss und wie der gährende Most alles ausstösst,\nwas ihm nicht geistig angehört, lässt solchen Leistungen,\nin denen es den Nagel auf den Kopf getroffen sieht, immer\n\nHill er nicht einmal die vollständigen Namen angegeben sind, bei\nHiller auch nicht einmal die Jahreszahlen seines Lebens. Bei Hiller\nwaren die Vornamen um so nothwendiger, da auch sein Sohn\nFriedrich Adam H. (1768 —1812) Operetten geschrieben hat.\nDie Redaction."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "251", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640806-01.1.3", "texte": "bereitwilligst ihr Recht angedeihen, und ihr Erfolg muss\ndaher stets ein günstiger sein. Mancher Künstler, der rei-\ncher begabt war als Hiller, hat, wenn er bei seinen Ar-\nbeiten von einem anderen Gesichtspunkte ausging, dess-\nhalb vergebens gearbeitet, und es ist augenfällig, wie\nselten, ja, wie nie, wenn die Richtung, welche die Ver-\nbältnisse und die Natur vorschreiben, verfehlt wird, auf\ndem heissesten Ringen und Streben, auf dem angestreng-\ntesten Mühen ein Segen ruht.\nHiller's Operetten flogen förmlich von Bühne zu\nBühne; sie wurden der Rettungsanker aller hungernden\nund verzagenden Komödianten-Banden, und wie nach dem\nSchlage mit dem Stabe des Magiers der frische Quell, so\nergoss sich plötzlich ein reicher, unversiegbarer Strom fri-\nscher deutscher Lieder und echt nationaler Musik über\ndas ganze Vaterland.\nIn demselben Jahre, in welchem „Die Jagd\" compo-\nnirt wurde, 1771, schrieb E. W. Wolf, Capellmeister\nin Weimar (1735 —1792), das Singspiel „Das Rosen-\nfest\", welches ebenfalls einen bedeutenden Erfolg hatte.\nDie Compositionen dieses Meisters sind vorzugsweise lieb-\nlich, angenehm und durchaus edel empfunden. Es herrscht\nein Geist von Solidität, männlichen Ernstes und künstleri-\nscher Würde in ihnen, wodurch wir unwiderstehlich ge-\nwonnen werden, wenn wir auch von Genialiät gerade we-\nnig bemerken. Rasch nach einander liess er seinem ersten\nWerke noch gegen zwanzig andere Operetten folgen, un-\nter denen „Die treuen Köhler\" 1772, „Die Dorf-Depu-\ntirten\" 1773, „Der Abend im Walde\" 1774 (sämmtliche\nTexte sind von G. E. Heer mann), „Das Gärtnermäd-\nchen\", „Das grosse Loos\" besondere Erwähnung verdie-\nnen. Von Hiller aufgemuntert, unternahm sein Schüler\nCh. G. Neefe (1748 —1798), ein eben so unverbesser-\nlicher Hypochondrist, wie der Lehrer, 1772 die Compo-\nsition der komischen Oper „Die Apotheke\" von J. J. En-\ngel. Der B eifall, der ihr ward, eiferte ihn an. auf dem\nbetretenen Wege weiter zu streben, und so entstanden\nnach und nach noch zwölf andere Singspiele. Wie sein\nMeister und viele der noch zu nennenden Tonsetzer, be-\nsass Neefe gerade keine überraschenden Fähigkeiten, aber\ner ist ein Künstler, dessen Arbeiten von Geschmack, Bil-\ndung, Verstand, Talent und gründlichen musicalischen Stu-\ndien Zeugniss geben; in der Eleganz und Freiheit seiner\nMelodie und in der Leichtigkeit, mit der er Gewinnendes\nund doch Edles und Gutes producirt, gemahnt er häufig\nan Mozart. Dabei war er ein Mann von der strengsten\nRechtlichkeit und beseelt von dem reinsten Wohlwollen\niür seine Mitmenschen und Milstrebenden. Besonders in-\nteressant ist das von ihm componirte Lustspiel mit Gesang:\n„Die Zigeuner\", 1777 von H. F. Möller gedichtet, der\nVorläufer von Weber's „Preciosa\"; ausserdem haben wir\nvon ihm noch: „Amor's Guckkasten\", den „Einspruch\",\n„Zemire und Azor\" u. s. w.\nGleichzeitig mit ihm schrieb im fernen Königsberg der\nSind. jur. J. F. Reichardt (1751—1814) die Operet-\nten „Häuschen\" und „Gretchen\" und den häufig auch\nvon Anderen componirten „Guckkasten Amor's\" von Mi-\nchaelis. Obgleich diese Werke sehr beifällig aufgenom-\nmen wurden, so ahnte doch Niemand, dass aus dem jun-\ngen Juristen einer der bedeutendsten Meister seiner Zeit,\nder einsichtigste und talentvollste Componist der Goethe'-\nschen Dichtungen, der Capellmeister Friedrich's des Gros-\nsen und seiner zwei Nachfolger und der grösste Lieder-\nsänger der Hiller'schen Periode hervorgehen sollte.\n1773 componirte der nachmals so fruchtbare C. D.\nStegmann in Dresden (1751 —1826) den „Kaufmann\nvon Smyrna\" und bald darauf die zu seiner Zeit so sehr\nbeliebten Singspiele: „Das redende Gemälde\", „Der De-\nserteur\", „Der Sultan YVampum\", „Die Recruten auf dem\nLande\", „Apollo unter den Hirten\", „Erwin und Elmire\",\n„Der Triumph der Liebe\", „Die Roseninsel\", „Philemon\nund Raucis\".\nA. Schweitzer (1737 —1787), Musik-Director bei\nder Seiler'schen Gesellschaft in Weimar, Gotha und Frank-\nfurt am Main, componirte 1774 die erste grosse deutsche\nOper, Wieland's „Alceste\", eines der bedeutendsten\nWerke der ganzen Periode. Alle Schöpfungen dieses\nwackeren Tonsetzers (er schrieb gegen 16 Opern und Sing-\nspiele, darunter „Rosamunde\" von Wieland und 177 7\n„Die Dorfgala\") zeichnen sich durch einfache und schöne\nMelodieen und durch ein tüchtiges und ernstes Streben\naus. Der genialste unter den hier zu nennenden Operetten-\nComponisten ist jedoch unstreitig der schon als Erfinder\ndes Melodrama's aufgeführte G. Renda (1721 —1795).\nMan kennt zwar nur 11 —l2 Arbeiten für die Ruhne\nvon ihm, aber allen ist der Stempel des Genies aufge-\ndrückt. Seine Singspiele: „Der Dorf-Jahrmarkt\" 17 76,\n„Walder\" 1777, „Romeo und Julie\" 1778, „Der Holz-\nbauer\" 1778, „Lucas und Rärbchen\" 1786, „Das tar-\nta'rische Gesetz\" 1787, „Das Findelkind\" 1787, „Or-\npheus\" 1787 u. s. w., sind reich an hohen Schönheiten\nund herrlichen Effecten und wie seine Melodramen classi-\nsche Muster in ihrer Gattung. Alle Componisten seiner\nZeit haben ihm nachgestrebt, keiner aber hat ihn ganz zu\nerreichen vermocht. Er war ausserdem ein vortrefflicher\nCiavier- und Violinspieler und ist seiner originellen philo-\nsophischen Ansichten und seiner Zerstreutheit wegen, die\nzu unzähligen heiteren Anekdoten Veranlassung gab, all-\ngemein bekannt geworden. Fruchtbarer noch als alle die\nVorstehenden war J. Andre (1741 —1799), der, An-\n\nn"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "252", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640806-01.1.4", "texte": "Fangs zum Kaufmanne bestimmt, endlich doch seiner Nei-\ngung zur Musik folgte und im Zeiträume weniger Jahre\nüber 30 Singspiele schrieb, unter denen „Der Töpfer\"\n1776, „Das wüthende Heer\", „Der alte Freier\", „Laura\nRosetti\", „Der Barbier von Seviglia\", „Belmonte und\nConstanze\" vorzugsweise bemerkenswerth sind; seine Mu-\nsik zu Goethe's Erwin und Elmire erlebte in Berlin\nnach einander 22 Aufführungen; nie hat wieder eine an-\ndere Composition Goethe'scher Texte einen ähnlichen Er-\nfolg gehabt. Seinen Tonsätzen ist Fluss und Anmuth der\nMelodie und Kraft und Witz im musicalischen Ausdrucke\nin hohem Grade eigen.\nDie Reihe der deutschen Operetten-Componisten ist\nmit den genannten Meistern keineswegs erschöpft. Wer\nvermöchte sie auch alle aufzuzählen? In wenigen Jahr-\nzehenden wurden Hunderte von Singspielen componirt,\nHunderte aus dem Französischen und Italiänischen über-\nsetzt. Die Neigung und Freude des Publicums an dieser\nMusikform erscheint in beständiger Zunahme begriffen;\ndoch erreichte bis zum Schlüsse des Jahrhunderts die\ngrosse Productivität ihren Culminationspunkt, wenigstens\nist hier die erste glänzende Periode des Singspiels abzu-\nschliessen.- ■ 1\n\nAeltere Kirchenmusik.\nDie Herausgabe der reichhaltigen Auswahl aus den\nWerken des Lassus durch Franz Commer in Berlin\nist durch den Fleiss und die begeisterte Hingebung des\nHerausgebers an seine Aufgabe und durch die Thätigkeit\nder Verlagshandlung bis zur Vollendung des fünften Ban-\ndes (des neunten der Musica sacra) vorgeschritten:\nSelectio Modorum ab Orla\niorim etc. Collegii et edi curavit Franciscus\nCommer. Tom. V. Berolini apud T. Traut-\nwein (M. Bahn). HO Pag. fol. Preis 5 Thlr.\nDieser Band enthält fünfundzwanzig Gesänge, und\nzwar 3 dreistimmige, 8 vier-, 1 fünf-, 7 sechs-, 4 acht-\nund 2 zwölfstimmige. Davon haben sieben deutschen, die\nanderen lateinischen Text. Für gemischten Chor sind die\n7 sechsstimmigen Gesänge mit deutschem Texte, ferner\nNr. XI, XIII, XV—XXV. Von hohen oder von tiefen\nStimmen können vier kleinere Nummern ausgeführt wer-\nden, Nr. X bloss von drei Männerstimmen. Der Text von\nNr. 111 ist ursprünglich ein weltliches Lied; eben so ist\nNr. 25, eine vierstimmige Messe, über das Lied\nmaistre Pierre gearbeitet, welches von\nmens non Papa ist (abgedruckt in Commer's\nMusicorum Batavorum Xll).Die Messe selbst ist aus\neiner Sammlung von fünf Messen Orlando's, welche zu\nNürnberg 1581 in Druck erschienen ist; vier von ihnen\nsind auf weltliche Lieder gemacht.\nEin merkwürdiger Fund ist die vierstimmige Nummer\nXVII: Laudent Deum cithara,\ncornu, organa, alleluja.F. Commer fand diese dreizehn\nTacte auf einem Kupferstiche von Joannes Sadler nach\neinem Bilde von Peter Candid (wahrscheinlich 1584) ge-\nstochen. Das Bild stellt den Psalmisten David dar, in kö-\nniglichem Schmucke, die Harfe spielend, von singenden,\ntanzenden und musicirenden Engeln umgeben. Die üeber-\nschrift lautet: Ps. CXLVIII. Juvenes et virgines senes\ncum iunioribus laudent nomen Domini; die Unterschrift\nnennt die Namen des Malers und Kupferstechers.\nAuch dieser Theil enthält wieder ganz vortreffliche\nCompositionen, die zum Theil in den kleineren Gesängen\ndurch einen, man möchte sagen, anmuthigen Fluss der\nmelodischen Gänge der Stimmen fesseln, zum Theil in den\ngrösseren, weiter entwickelten Nummern eine wahrhaft\nerhabene, oft staunenswerthe Polyphonie offenbaren. Wir\nrechnen besonders dahin das sechsstimmige (2 Discant,\nAlt, 2 Tenor, 1 Bass) „Maria voll Genad'\", das achtstim-\nmige „Bone Jesu\"und die beiden zwölfstimmigen Psal-\nmen, deren erster {Psalm. 111. Domine quid multiplicati\nsunt) in drei vierstimmigen Chören auf 15 Folioseiten ge-\nschrieben ist, der andere [Psalm\nomnes gentes) in 12 reellen Stimmen (3 Catitus, 3 Altus,\n3 Tenor, 3 Bassus) 11 Folioseiten füllt.\nBevor unsere Kirchenchöre so weit sind und das\nwird noch lange dauern!— dass sie diese Musik a capella\nsingen können, empfehlen wir allen Gesangvereinen diese\ntreffliche Sammlung.\nFerner liegt uns als eine der neuesten Veröffentli-\nchungen älterer Kirchenmusik vor:\nStabat mater für vier Singstimmen von Emanuel\nAstorga. In erweiterter Instrumentation und\nmit Clavier-Auszug versehen von Robert\nFranz. Halle, H. Karmrodt. Partitur mit Clavier-\nAuszug darunter, 90 S. Gr. Fol., 2 Thlr. 15 Sgr.\nOrchesterstimmen 1 Thlr. netto. Singstimmen 15\nSgr. netto.\n„In der bisherigen Gestalt\" sagt das Vorwort des\nVerlegers „war Astorga's zu einer wir-\nkungsvollen Aufführung in Gesangvereinen wenig geeignet.\nZu dem Streich-Quartette sollte nach den Intentionen des\nComponisten die Orgel als wesentliches Ergänzungsmittel\nhinzutreten; nach der Partitur ist ihr der bei Weitem\ngrössere Theil der Begleitung der Solonummern überge-\nben. Abgesehen von den Schwierigkeiten, welche das\nHeranziehen dieses Instrumentes zu Gesang-Aufführungen"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "253", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640806-01.1.5", "texte": "in den meisten Fällen bereitet, konnte es bei einem Werke\nvon solcher Bedeutung unmöglich der Improvisation, die\nja immer an augenblickliche Stimmungen gebunden ist,\nanheimgestellt bleiben, die vorhandenen Lücken auszu-\nfüllen. Es handelte sich vielmehr um eine reiflich über-\nlegte Ausführung des Begleitungs-Materials im Sinne und\nStile des Meisters.\n„Robert Franz übernahm die Bearbeitung der Par-\ntitur des Stabat mater, und sie liegt jetzt in erweiterter\nInstrumentation die Orgel wird durch zwei Clarinetten\nund zwei Fagotte annähernd repräsentirt und mit hin-\nzugefügtem Clavier-Auszuge dem Publicum vor. Ausser-\ndem haben die Sing- und Orchesterstimmen sorgfältige\nVortrags-Bezeichnungen, um Einheit in der Ausführung\nzu erzielen, erhalten.\"\nAstorga's Stabat mater gehört zu denjenigen Werken,\nwelche mehr genannt als bekannt sind, und desswegen\nhaben sich Robert Franz und die Verlagshandlung offen-\nbar ein Verdienst um die musicalische Literatur erworben,\nindem sie diese neue, schön ausgestattete Ausgabe eines\nso berühmten und mit Recht berühmten Werkes veran-\nstalteten.\nEmanuele d'Astorga war der Sohn eines sicilia-\nnischen Reichsbarons, der abwechselnd in Palermo und\nauf seinen Besitzungen gelebt zu haben scheint. Hier\nwurde Emanuel im Jahre 1680 oder 1681 geboren. Der\nVater, ein kühner, rauher Mann, trat in den Verwirrun-\ngen und Kriegen um die Unabhängigkeit Siciliens und des\nAdels in ihm, oder um des Landes Vereinigung mit Neapel\nund Neapels mit Spanien, als Kämpfer gegen die verbin-\ndende Monarchie auf und als Häuptling eines jener in der\nälteren italiänischen Geschichte nur allzu bekannten, wü-\nsten Soldatenhaufens, die den Krieg bloss als Handwerk\ntrieben und mit wilder Tapferkeit jedem Führer sich hin-\ngaben. bis ein anderer mehr zahlte.\nWir verlieren den Knaben aus dem Gesichte, ohne\nvon seiner Erziehung etwas zu erfahren, bis wir ihn bei\nden furchtbaren Scenen in Neapel und Sicilien im Jahre\n1701 wiederfinden. Sein Vater war in die Verschwörung\nverwickelt. Verwegen und trotzig alle Versöhnungsmittel\nverschmähend, wollte er mit dem Degen in der Faust fal-\nlen, ward aber von seinen eigenen Söldnern, deren For-\nderungen er nicht mehr befriedigen konnte, verrathen,\nausgeliefert und, um die Anderen durch Schrecken nieder-\nzuhalten, mit noch Einem seines Gleichen zum Tode auf\nöffentlichem Blutgerüste bestimmt. Mutter und Sohn muss-\nten seine Hinrichtung mit ansehen; jene starb unter\nZuckungen des Entsetzens, dieser verfiel in einen Zustand\ndumpfer Bewusstlosigkeit. Die Güter der Familie wurden\neingezogen, alle Theile derselben verwiesen. Der Jüngling\nfloh nicht; alles Zuredens ungeachtet war er von der Stelle\nnicht wegzubringen, wo er Vater und Mutter unter so\ngrässlichen Verhältnissen hatte verscheiden sehen. Das\nVolk, dessen Rache, nun gesättigt, dem Erbarmen gewi-\nchen war, beschützte und versorgte ihn, und so scheint er\neinige Zeit in Neapel gelebt zu haben. Das Gerücht davon\nkam zu den Ohren der Prinzessin Ursini, der Ober-Hof-\nmeisterin der Königin, die auf diese von so entschiedenem\nEinflüsse war, als die Königin aul ihren Gemahl, Philipp V.\nDie Prinzessin nahm sich des unglücklichen Jünglings an\nund liess ihn zur Versorgung und Beruhigung seines irren\nGeistes in ein Kloster bringen, und zwar, damit er von den\nGegenständen seines Schmerzes weit entfernt würde, viel-\nleicht auch, damit er nicht wider Wissen und Wollen auf\ndas Volk wirkte, in ein entlegenes Kloster, nach Astorga,\neiner Mittelstadt im spanischen Königreiche Leon. Hier\nhat er einige Jahre verlebt und von diesem Aufenthalte\nfortan, statt des geächteten, den Namen d'Astorga ange-\nnommen.\nIn dem Kloster war dem guten Jüngling beschieden,\nalles zu finden, was er wahrhaftig bedurfte: einen geist-\nvollen, frommen Vertrauten, einen sorgsamen Arzt und in\njenem Zeitalter der Gulmination italiänischer Tonkunst\neinen gründlichen Meister derselben, der sich des neuen\nSchülers eben so sehr erfreute, als dieser des liebevollen\nLehrers. So trat denn Emanuel nach etwa zwei Jahren\nwieder in die Welt hinaus, als Mann von blühender Schön-\nheit, als Künstler in der Composition der Meisterschaft\nsich nähernd, für Gesang mit einer schönen Tenorstimme\nbegabt.\nWir finden ihn 1704 wieder im Palaste des Herzogs\nFranz von Parma. Wie er dahin und in so grosse Gnade\nbei diesem Fürsten gekommen, das wissen wir nicht: Das\nEinzige lehrt die Folge, dass er im zwei- oder dreiund-\nzwanzigsten Lebensjahre in dessen Dienste getreten, mit\nliebreicher Auszeichnung und auch seiner Geburt gemäss\nbehandelt worden und die Seele der ausgesuchtesten Kam-\nmermusik seines Gebieters gewesen ist. Seiner entschiede-\nnen Vorliebe für den Sologesang (doch auch in mehreren\nStimmen) und jener seiner Lage ist es wohl zunächst zu-\nzuschreiben, dass fast alle seine Composilionen, auch aus\nspäterer Zeit, zu dieser dem Stoffe und der äusseren Form,\nnicht aber dem Geiste und der Kunst nach einfachen Gat-\ntung gehören, auch bloss vom Ciavier oder dem Quar-\ntette begleitet sind.\nAstorga's zahlreiche, kleine, rührende Cantaten für\nden Sopran und Tenor, seine köstlichen Duette lür die-\nselben Stimmen aus dieser Zeit waren alle lür seine er-\nlauchte Schülerin, die Tochter des Herzogs, Elisabeth l ar-\nnese, und ihn selbst geschrieben."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "254", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640806-01.1.6", "texte": "Es entstand daraus ein Verhältniss, welches der Her-\nzog durchblickte. Huldreich und fürsorgend sandte er sei-\nnen Liebling mit den besten Empfehlungen dem Kaiser\nLeopold I. zu, von welchem eifrig frommen und musik-\nliebenden Monarchen dieser denn auch gnädig aufgenom-\nmen, seines Umganges gewürdigt und in jeder Hinsicht\nausgezeichnet wurde. Aber wenige Jahre darauf (1705)\nstarb Leopold; und wie unter seinem Sohne und Thron-\nfolger, Joseph 1., sich gar Manches änderte, so mag sich\nauch Astorga's Lage geändert haben. Wir sehen ihn bald\nnach jenem Regierungswechsel, doch unter ehrenvoller\nRelobung, scheiden; und alles, was über den Rest seines\nLebens die grössere Hälfte desselben sich noch hat\nausfinden lassen, kommt auf folgendes Weniges hinaus.\nSeit die Dinge in Spanien, Neapel und Sicilien einige\nfestere Haltung gewonnen hatten, erhielt Astorga durch\nBetrieb der Herzogin von Ursini und die Gunst der Kö-\nnigin eine jährliche Unterstützung, die ihn in den Stand\nsetzte, frei und einiger Maassen seiner Abkunft und Er-\nziehung gemäss zu leben. Er benutzte diese Freiheit, nach\nund nach fast alle gebildeten Länder Europa's und ihre\nFürstenhäuser kennen zu lernen. Ueberall war er geachtet\nund willkommen. Mit seiner Kunst trat er nie und nirgends\nöffentlich auf, sondern, wie er seine Compositionen nur\nhandschriftlich mittheilte, so sang er sie auch, sich selbst\nauf dem Claviere begleitend, nur ausgewählten Cirkeln\nvor. Ueberhaupt wusste er und war geübt, in all seinem\nThun und Bezeigen eine gewisse sanfte Würde und Zu-\nrückhaltung, die aber nur um so mehr für ihn einnahm,\nzu behaupten. So zeigte er sich im Laufe von zehn bis\nzwölf Jahren in Madrid, Lissabon, in mehreren Haupt-\nstädten Italiens (nur sein Vaterland, für ihn der Schauplatz\ndes Entsetzens, vermied er), in London, Paris, dann wie-\nder aul kurze Zeit in Wien, nun in Prag, und jetzt ver-\nschwindet er unseren Augen gänzlich. Wahrscheinlich,\ndass er in Böhmen, ausser der romantisch schönen Natur,\ndamals das fand, was er zunächst bedurfte: friedliche, in\nseiner Weise religiöse, in seiner Kunst ausgezeichnete Men-\nschen, und dass er darum hier, entweder in klösterlicher\noder doch in einer dieser ähnlichen Stille und Zurückgezo-\ngenheit, seine Tage beschloss. Er starb am 21. August\n1736 (nach Bermann's österreichischem biographischen\nLexikon). Sein Stabat mater scheint er in London geschrie-\nben zu haben, wenigstens bewahrt man dort die Abschrift\ndesselben, von welcher die anderen ausgegangen sind. Es\nsoll zuerst in Oxford im Jahre 1713 aufgeführt worden sein.\nDas ganze Werk des Stabat mater von Astorga hat\nneun Nummern.\nNr. 1. Chor, vierstimmig, wie alle übrigen Chöre.\nLargo,4/4-Tact. Stabat mater 13 Seiten Par-\ntitur. Nr. 2. Terzett für Sopran, Tenor und Bass.\nLargo, 4/4-Tact. 0 quam tristis 11 Seiten.\nNr. 3. Doppel-Duett (d. h. Duett für Sopran und Alt\nund Duett für Tenor und Bass, beide auf einander folgend\nzu Einem Satze, Poco Andante,3js-Tad, vereinigt, a. Quis\nest homo, qui non fleret. b. PlB\nSeiten.\nNr. 4. Chor. Alla Breve,4/4-Tact.Fugirt, mit Violon-\ncell und Bass begleitet. Eja mater, fons amoris. 7 Seiten.\nNr. 5. Arie für Sopran. 4/4-Tact.\nMater, istud agas.4 Seiten. Nr. 6. Duett für Alt und\nTenor. Maestoso, 3/4-Tact. Fac me tecum pie flere. 6\nSeiten.\nNr. 7. Chor. Tempo giusto, 4/4-Tact. Virgo virgi-\nnum praeelara. 7 Seiten. Nr. 8. Arie für Bass.\ndantino, 3js-Tact. Fac me plagis vulnerari. 5 Seiten.\nNr. 9. Schluss-Chor. Adagio und Allegro: Christe,\nquum sit jam exire,7 Seiten, und 12 Seiten.\nOb die Vertretung der Orgel durch zwei Clarinetten\nund zwei Fagotte, so wie sie Robert Franz ausgeführt hat,\nihren Zweck im Geiste des Originals erfüllt, wird sich nur\ndurch das Hören ganz beurtheilen lassen. Nach der An-\nsicht sind diese vier Instrumentalstimmen bescheiden an-\ngewandt und gehen in den Chören meist mit den Sing-\nstimmen. Bei dem fugirten Chor Nr. 4: fast\ndem einzigen, der eine schnellere Bewegung und keine\nQuartett-Begleitung hat, sind die Clarinett- und Fagott-\nstimmen weggelassen. Ist dabei in der Original-Partitur\nkeine Orgel angegeben, und sollte die Absicht des Cora-\nponisten gewesen sein, dass dieser Chor gesun-\ngen werde? Franz hat die vier Gesangstimmen im Ciavier-\nAuszuge darunter gesetzt.\nWas nun den Werth der Musik betrifft, so möchten\nwir keineswegs behaupten, dass er von den Zeitgenossen\nund der Nachwelt überschätzt worden sei; das Werk ver-\ndient in allen Nummern vielleicht die Bass-Arie Nr. 8\nausgenommen seinen Ruhm. Der Chor:\nnum praeelara,ist in seiner kunstvollen Einfachheit und\ndoch majestätischen Wirkung ein herrliches Stück. Eben\nso der Schluss-Chor mit dem erschütternden Eintritte des\nQuando corpus morietur.\nUeberhaupt hat Astorga's Musik bei allem Edeln,\nTiefen und Feierlichen etwas Eigentümliches, das man\netwas Modernes im besten Sinne des Wortes nennen\nkönnte. Es tritt dies in seinen Melodieen und in schmerz-\nvollen Accenten hervor, welche uns nicht so sehr aus sei-\nnem Erfülltsein von seinem Gegenstande herzufliessen\nscheinen, sondern an die persönlichen Empfindungen und\nErfahrungen erinnern, mit Einem Worte: an das Unglück\nund die Schmerzen seiner Jugend in den Schreckenstagen\n\\"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "255", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640806-01.1.7", "texte": "zu Neapel. Das Schicksal seines eigenen Lebens spiegelt\nsich in seinen Melodieen und Harmonieen ab, man fühlt,\ndass in den Stunden, wo er die Mater dobrosa in Tönen\nverherrlichte, diesem Sänger das Bild seiner vor dem SchafTot\ndes Gatten zu Boden sinkenden Mutter vorschwebte, so\ndass diese Töne der Wiederhall des eigenen inneren\nSchmerzes wurden. Desshalb dürfte die Frage über die\nKirchlichkeit des Werkes von Astorga schwer zu ent-\nscheiden sein, weil eben die Individualität des Tonsetzers\ndarin so deutlich hervortritt. Nach den Ansichten der Eife-\nrer für die Reinheit der Kirchenmusik spricht das Durch-\nklingen einer subjectiven Auffassung und Empfindung in\neinem Kirchen-Musikstücke diesem schon die Kirchlichkeit\nab ). „Der Tonsetzer\" —beisst es in der unten angezoge-\nnen Schrift „muss die Stimmung in seine Töne legen,\nwelche nach der Absicht der Kirche bei dieser Gelegenheit\nalle Gemüther beherrschen soll. Diese Stimmung kann\ner nicht lediglich aus seinem Innern entnehmen, er muss\nsie vorerst von aussen, durch richtiges Erfassen der litur-\ngischen Handlung und ihrer besonderen Bedeutung bei\nder besonderen Gelegenheit, für welche er arbeiten will\ndurch Vertiefung seines Gemüthes in diese Handlung\nu. s. w., in sich aufnehmen und dann versuchen, sie in\nTönen wiederzugeben.\" Das klingt alles recht gut und\nist vom dogmatischen Standpunkte genommen auch ganz\nrichtig: wir befürchten nur, dass in der Ausführung bei\nder subjectivsten Kunst der ganzen Welt, bei der Ton-\nkunst, sich das Subject niemals von dem, was von aussen\nhinzukommen soll, wird verdrängen lassen.\nSchliesslich wollen wir noch das Urtheil von F. Roch-\nlitz, der schon vor vierzig Jahren das Astor-\nga s zum Gegenstande eines empfehlenden Aufsatzes ge-\nmacht hat, anführen.\n„Astorga's Kunst-Charakter,\" sagt er, „so weit er\nsich aus dem Stabat mater und einem unvollendeten\nquiem beurtheilen lässt, dürfte etwa so zu bestimmen sein:\nIn Erfindung, Geschmack und Kunst der Ausarbeitung am\nnächsten dem Durante, ausser wo sich dieser zum Gran-\ndiosen und Breiten erhebt, wozu Astorga in seiner Sphäre\nkeinen Raum fand; aber im Ausdruck noch inniger, viel\nzarter, auch in der Ausarbeitung der Einzelheiten noch\nsorgsamer, als jener in seinen Werken derselben Gattung.\nIn Hinsicht auf Fluss und Singbarkeit dem (etwas späte-\nren) Leo verwandt, aber eigenthümlicher; gewisser Maas-\nsen auch dem (gleichfalls späteren) Pergolesi, aber mit weit\nmehr Tiefe, fester Haltung und Gründlichkeit. Im Stil,\ndas Wort technisch genommen, dem Marcello befreundet,\naber ohne, wie dieser meistens, seine Kunst der Poesie\nunterzuordnen, und im Mehrstimmigen ihn bei Weitem\nüberflügelnd. Hieher gehört und wäre ganz besonders her-\nvorzuheben Astorga's bewundernswürdige, höchst seltene\nKunst, Fertigkeit und Sicherheit, einfach schöne, ausdrucks-\nvolle Melodieen in immer neuer Weise contrapunktisch zu\nverflechten, und was ihn absonderlich unterscheidet\ndies zu thun, ohne dass diesen Melodieen hinsichtlich der\nFasslichkeit und des Ausdrucks der geringste Eintrag ge-\nschieht. Lesern, die Kenntniss der Malerei besitzen und\ndie abzurechnen wissen, was bei solchen Zusammenstellun-\ngen allezeit abzurechnen ist, könnte vorgeschlagen werden,\nsich unseren Meister als den Parmesano, oder noch besser\nals den Palma Vecchio der Tonkunst (den letzteren in sei-\nnen kleineren Compositionen und Staffelei-Gemälden zu\ndenken.\"\nDie Sologesänge des Stab (Nr. 2, 3, 5, 6,\n8) sind im Clavier-Auszuge auch einzeln von der Verlags-\nhandlung zu beziehen.\nDie Sammlung des Abtes Santini in Rom enthält nach\nFetis) 54 Cantaten von Astorga für Sopran und Ciavier,\n44 für Alt und Ciavier und 10 Duette für zwei Soprane.\nAn allen wird Originalität, Gefühl und Ausdruck, nament-\nlich auch Einfachheit und Anmuth gerühmt.\n*) Vgl. Die katholische Kirche nmusik nach ihrer Be-\nstimmung und ihrer dermaligen Beschaffenheit dargestellt von A. G.\nSt-eia, Pfarrer u. s. w. Köln, 1864, bei J. P. Bachem. 126 'S. 8.\nS. 24 ff.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nAm 3. Juli wurde in Mannheim die Oper „Vineta\" von\nRichard Würst zum ersten Male aufgeführt, und zwar mit glück-\nlichem Erfolge. Die Inscenirung, so wie die Aufführung selbst un-\nter der trefflichen Leitung Vincenz Lachner' s war vorzüglich,\nund das Publicum nahm viele Nummern mit lebhaftem Applaus\nauf, so wie auch die Haupt-Darsteller, der Decorateur und der an-\nwesende Componist durch wiederholte Hervorrufe ausgezeichnet\nwurden.\nOpern-Repertoire des Theaterjahrs in Stuttgart. Die\nam 2. September vorigen Jahres begonnene und durch den Tod des\nKönigs von Würtemberg am 24. Juni dieses Jahres beendete Thea-\nter-Saison hat im Ganzen 204 Vorstellungen gebracht, von denen\n85 auf die Oper kamen. Von deutschen Componisten wurden 18\nWerke in 42 Vorstellungen gegeben: von Beethoven an 3 Aben-\nden „Fidelio\"; von Flotow „Stradella\" 3 Mal, „Martha\" 4 Mal;\nvon Gluck „Iphigenia in Tauris\"; von Kreutzer „Das Nachtla-\nger in Granada\" 3 Mal; von Lortzing „Czaar und Zimmermann\" ;\nvon Meyerbeer „Der Prophet\", „Die Hugenotten\", „Robert der\nTeufel\" je 2 Mal; von Mozart „Z\"auberflöte\" 3 Mal, „Don Juan**\n2 Mal, „Die Hochzeit des Figaro\" 1 Mal\"; von Nicolai „Die lu-\nstigen Weiber von Windsor\"; von Spohr „Jessonda\" 2 Mal; von\nWagner „Tannhäuser\" 3 Mal; von Weber „Der Freischütz\" und\n„Oberon\" je 4 Mal, „Euryanthe\" 1 Mal. Von französischen Com-\nponisten 10 Werke in 25 Vorstellungen, nämlich: von Adam 3 Mal\ndie einactige Operette „Die Schweizerhütte\"; von Auber „Des Teu-\nfels Antheil\" 3 Mal; „Die Krondiamanten\", rFra Diavolo\" je 2\nMal, und Schlosser\" 1 Mal; von Boieldieu „Die weisse"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "256", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640806-01.1.8", "texte": "Frau\" 2 Mal; von Gounod „Gretchen\" 4 Mal; von „Die\nJüdin\" 3 Mal, „Die Königin von Cypern\" 2 Mal; von „Jo-\nseph in Aegypten\" 3 Mal. Von italienischen Componisten 10 Werke\nin 18 Vorstellungen, nämlich: von Cherubini „Der Wasserträger\";\nvon Donizetti „Lucia\" 3 Mal, „Der Liebestrank*' und „Lucrezia\nBorgia\" je 2 Mal; von Rossini „Teil\" 2 Mal, »Der Barbier von\nSevilla\" und „Graf Ory\" je 1 Mal; von Salieri „Axur\" 3 Mal;\nvon Verdi „Der Troubadour\" 2 Mal, „Rigoletto\" 1 Mal. Die mei-\nsten Wiederholungen, nämlich die Vierzahl, erlebten „Martha\",\n„Gretchen\", „Oberon\" und „Freischütz\". Von diesen 38 Opern\nwaren neu Rossini's „Graf Ory\" und AdarcTs „Schweizerhütte\" (Le\nChälet); neu einstudirt „Axur\" von Salieri, „Oberon\" von Weber\nund Jessonda\" von Spohr, letztere nach einem Zwischenräume von\n22 Jahren.\nDem Vernehmen nach hat die General-Direction des Hofthea-\nters in Dresden eine neue Oper des Sinfonie-Componisten Gouvy,\n„Der Cid\", zur Aufführung angenommen.\nWieil« Ueber die Darstellung der Königin der Nacht in der\n„Zauberflöte\" durch Frau Dustmann schreiben die „Recensionen\":\n„Neu war ferner Frau Dustmann als Königin der Nacht. Die Rolle\nist ihrer ganzen Anlage nach weit mehr eine specifisch-dramatische,\nals eine blosse Coloratur-Partie. Nicht nur der Charakter der Kö-\nnigin, der leidenschaftlichste und entschiedenste im ganzen Drama,\nauch die musicalische Anlage der Rolle spricht dafür. Man sehe\ndie beiden Arien der Königin darauf an, deren mächtig pathetischer\nStrom so plötzlich und willkürlich durch die kleinliche Spielerei\nabgeschmackter Rouladen unterbrochen wird, um dann sofort wieder\nin dem früheren leidenschaftlichen Tone fortzufahren und zu schlies-\nsen. Bis auf diese Rouladen sang Frau Dustmann den Part vortreff-\nlich. Sie gab uns ein weit imposanteres und lebensvolleres Bild der\nKönigin, als ihre Vorgängerin; das Recitativ und Andante der ersten\nArie vereinigte Schwung mit Würde. Was die berüchtigten Staccato-\nPassagen betrifft, so haben wir noch keiner Sängerin dabei anders\nals mit der Empfindung zugehört, welche das Publicum bei Blon-\ndin's Seil-Productionen hat. Wird er hinüberkommen? Wird er den\nHals brechen? Das sind die einzigen Gedanken, die sich des Zu-\nschauers bemächtigen und jeden ästhetischen Genuss nothwendig\nausschliessen. Nun, unsere geschätzte Dustmann ist über das gefähr-\nliche Seil hinübergekommen, sie hat nicht den Hals gebrochen\naber gewankt und gezittert hat sie allerdings. Es gibt gegenwärtig\nunseres Wissens eine einzige Sängerin, welche im Stande ist, die\nArien der Königin der Nacht ohne Anstrengung, frei und sicher zu\nsingen, (Jarlotta Patti. Ihr Sopran fängt bekanntlich erst da\nrecht an, wo die Stimmen gewöhnlicher Menschenkinder aufhören.\nFür ein ähnliches Naturwunder hat auch Mozart seine Königin der\nNacht geschrieben. Es wird nur im wohlverstandenen Interesse der\nMozart'schen Oper und aller normal gebauten Sängerinnen sein,\nwenn man sich endlich entschliesst, die unschönen Rouladen der\nKönigin entweder total zu ändern, oder noch besser, sie gänzlich\nvon den beiden Arien loszulösen, denen sie doch nur äusserlich\naufgeklebt sind.\"\nAntwerpen. Die hiesige Socidte d'harmonie veranstaltet\nfür den 24. August ein Musikfest zu ihrer Jubelfeier. Aufgeführt\nwird ein Tedeum von Benoit und ein Theil von Mendelssohn's\n„Elias*'. Mademoiselle Sax von Paris und Stock hausen werden\ndarin singen. Vieuxtemps ist ebenfalls für das Fest engagirt.\nPÄPISU Nach einer Nachricht der France Musicale wird\nGeorges Kastner eine Biographie Meyerbeer's schreiben. Die\nFamilie soll ihm dazu alles Material, das in ihrem Besitze ist, ge-\nliefert haben, da der Verstorbene selbst öfter gegen Herrn Kastner\nden Wunsch geäussert habe, er möge einst sein Biograph werden.\nDas Buch wird zwei Bände umfassen.\nDie Schrift von Pougin: Meyerbeer, notes biographiques (Pa-\nris, bei J. Tresse, Palais Royal), enthält auch einen Katalog der\nWerke Meyerbeer's.\nGoun od, der Componist des „Faust\", hat dieser Tage aus\neiner Heilanstalt in Saint Cloud, wo er sich seit einiger Zeit be-\nfand, nach Bicetre gebracht werden müssen. Die Anfälle von Ueber-\nspanntheit, welchen er unterworfen ist, haben übrigens schon meh-\nrere Male eine so energische Behandlung bei ihm nothwendig\ngemacht.\nDie Einnahmen sämmtlicher Theater, Concerte und öffentlichen\nSchaustellungen jeder Art in Paris betrugen im abgelaufenen Monat\nJuni die Summe von 1,100,396 Francs.\n3O. Juli. Ein prächtiges diamantenes Armband\nund ein Paar diamantene Ohrringe von reichster und kostbarster\nwurden nebst einer Dedicationsschrift auf feinstem Perga-\nment, welche die Veranlassung der Gabe und die Namen der Geber\nenthält, der Sängerin Fräulein Tietjens an ihrem Hause in Re-\ngents-Park überreicht. An der Spitze der Repräsentanten der Geber\nführte die Gräfin von Lincoln, von Lady Sandys, dem Herzoge von\nLeinster, den Grafen Lincoln, Strathmore u. s. w. begleitet, das\nWort: „Fräulein Tietjens! Die folgenden Ladies und Gentlemen,\nbeseelt von dem Wunsche, ihre Hochschätzung für Ihre grossen Ta-\nlente zu bekunden, bitten Sie, aus meinen Händen diese Zeichen\nihrer unbegränzten Bewunderung und Hochachtung anzunehmen.\"\nFräulein Tietjens erwiederte in Anerkennung des Geschenkes\nund der ehrenvollen Art der Ueberreichung gefühlvolle Dankes-\nworte. Das Geschenk erregt durch die ausgezeichnete Arbeit aus\nder Kunst-Werkstatt der Krön-Juweliere Garrard allgemeine Be-\nwunderung."}]}