{"numero_id": "bm-bmtnabi-1864-09-17-01", "volume": "bmtnabi_1864-09-17_01", "ocr_sha256": "7dba7b1ebb6b3bf0e57c4c572c9d12f03b52f2149361a8b689c9eb1a187acde3", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1864/09/17_01/bmtnabi_1864-09-17_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640917-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1864-09-17-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1864-09-17_01#c001", "volume": "bmtnabi_1864-09-17_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "297", "page_fin": "297", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640917-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "297", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640917-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 374, "texte": "Inhalt.\nDie Tonarten (Schluss). Die Tonkünstler-Versammlung in Karlsruhe am 23.—25. August 1864. Das zweite Fest\ndes rheinischen Sängervereins zu Aachen den 4. September 1864 („Velleda\" von C. J. Brambach „Heinrich der Finkler\" von F.\nWüllner). Tages- und Unterhaltungsblatt (Mainz, Eröffnung des Theaters Stuttgart, Herr Dionys Pruckner Ein Con-\ncert in der Wolfsschlucht)."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1864-09-17-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1864-09-17_01#c002", "volume": "bmtnabi_1864-09-17_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "297", "page_fin": "298", "image_debut": 1, "image_fin": 2, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640917-01.2.2", "titre_corps": "Die Tonarten.", "titre_sommaire": "Die Tonarten.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "297", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640917-01.1.1", "debut_caractere": 376, "fin_caractere_exclue": 2874, "texte": "Die Tonarten.\n(Schluss. S. Nr. 37.)\nIV. Der lydische Modus war im früheren Mittel-\nalter am meisten im Gebrauch, wie man aus den älteren\nGesängen, welche man „Graduales\"nennt, erkennen kann.\nDer Modus, so sagt Calvisius, erscheint jedoch finster\n(tetricus) wegen des rauh in die Ohren tönenden und kaum\nzu vermeidenden Tri ton us, wesshalb er heutzutage (im\nsechszehnten Jahrhundert) äusserst selten angewandt wird.\nEr besteht aus der vierten Quintengattung (Fa-Fa) und\naus der ersten Quartengattung (Ut-Fa) und fällt in die\nvierte Octavengattung, welche im regulären Systeme von\ndem Tone F, im transponirten hingegen vom Tone aus\ngebildet wird. Man nennt diesen Modus kurzweg\noder Lydius contentus,oder auch der-\nselbe hat folgende Gestalt:\nIm Choralgesange hat man hiervon keine Beispiele,\nin der Figuralmusik kommen jedoch einige vor.\nDie andere Form desselben, wo die erste Quarten-\ngattung an den untersten Ton der vierten Quintengattung\nangefügt wird, fällt in die erste Octavengattung, welche\nim regulären Systeme vom Tone C, im transponirten hin-\ngegen vom Tone F aus geleitet wird. Diesen Modus nennt\nman Hypo-Lydius,oder Lydius oder auch Ly-\ndias plagalis. Er hat folgende Gestalt:\nV. Der mixolydische Modus hat mit dem Modus\nionicus die erste Quintengattung [Ut—Sol) gemeinschaft-\nlich und verbindet dieselbe mit der zweiten Quartengattung\n(Re—Sol), wesshalb er auch Betreffs der Octavengattung\nvom ionischen Modus verschieden ist. Die erste Form des-\nselben, in welcher sich die zweite Quartengattung am\noberen Tone der ersten Quintengattung anschliesst, fällt\nin die fünfte Octavengattung, welche im regulären Systeme\nvom Tone G,im transponirten hingegen vom Tone aus\ngeführt wird. Man nennt diesen Modus kurzweg Mixoly-\ndius, oder Mixolydius contentus, oder auch Mixolydius\nauthentus. Gewöhnlich heisst er der siebente Ton. Seine\nGestalt ist folgende:\nDie andere Form, in welcher sich die zweite Quarten-\ngattung an den unteren Ton der ersten Quintengattung\nanschliesst, fällt in die zweite Octavengattung, welche im\nregulären Systeme vom Tone im transponirten aber\nvom Tone Gaus geführt wird. Man nennt diesen Modus\nHypo-Mixolydius, oder Mixolydius remissus, oder Mixo-\nlydius plagalis. Gewöhnlich heisst er der achte Ton.\n\n*) Dieser Modus ist streng von dem ionischen Modus zu unter-\nscheiden, obgleich er dieselbe Reihe melodischer Töne aufweist. Die\nVerbindung der Quarte und Quinte ist aber eine andere, und somit\nsind auch seine harmonischen Schlüsse von anderer Beschaffenheit."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "298", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640917-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2208, "texte": "Häufig pflegt sich dieser im Hauptschlusse mit dem ioni-\nschen Modus zu vermischen, wie es auch zuweilen mit\ndem Mixolydius contentus der Fall ist. Er hat folgende\nGestalt:\nVI. Der äolische Modus verbindet die zweite Quin-\ntengattung {Re—La) mit der dritten Quartengattung\n{Mi— La),dessen erste Form, wo die Quarte am obersten\nTone der Quinte liegt, in die sechste Octavengattung fällt,\nwelche im regulären Systeme vom Tone im transponir-\nten hingegen vom Tone Daus geführt wird. Man nennt\nihn kurzweg Modus Aeolius, oder Aeolius contentus, oder\nAeolius authentus. Gewöhnlich heisst er der „fremde\"\nTon ( Tonus peregrinus), welche Benennung ihm auf Grund\ndes neunten Verses aus dem 69. Psalm beigegeben zu sein\nscheint: „Extraneus factus\nmatns meae per egrinus\"*). In den Volks-Gesangbüchern\nnämlich pilegte man gewöhnlich jenen Vers der Intonation\ndieses Modus anzupassen und als Beispiel aufzuführen.\nDieser Modus hat folgende Gestalt:\nDie andere Form des äolischen Modus, in welcher die\ndritte Quartengattung am untersten Tone der zweiten\nQuintengattung erscheint, fällt in die dritte Octavengat-\ntung, welche im regulären Systeme vom Tone im trans-\nponirten hingegen vom Tone aus geführt und entweder\nHypo ■Aeolius, oder Aeolius remissus, oder Aeolius plaga-\nlis genannt wird. Er hat folgende Gestalt:\nDies sind die zwölf Moden, nach deren Kenntniss-\nnahme man in der Figuralmusik des sechszehnten Jahr-\nHunderts wohl leicht die Tonart eines jeden Vocalstückes\nerkennen und bei Uebertragung der Gesänge damaliger\nZeit in unsere Tonschrift harmonische Irrthümer vermei-\nden kann, wobei noch zu bemerken ist, dass die Alten\nnach dem Tenor irgend eines Gesanges den Modus dessel-\nben bestimmten. Gehörte der Tenor zu einem\ntentus, so sagte man, dass der ganze Gesang auf einen\nsolchen componirt sei, wenn auch andere Stimmen zum\ngleichnamigen Modus remissusgehörten, welche Regel\ndurchweg bei allen figurirten Gesängen beobachtet wurde.\n\n*) Hierbei ist zu bemerken, dass sich in der erwähnten Schrift\ndes Calvisius S. 33 ein Schreibfehler vorfindet, indem es dort\nheisst, dass die Benennung Tonus peregrinus „ex versu Psalmi sexa-\ngesimi primi'L, anstatt „ex versu Psalmi sexagesimi noniu herge-\nnommen sei."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1864-09-17-01-c009", "article_bluemountain": "bmtnabi_1864-09-17_01#c009", "volume": "bmtnabi_1864-09-17_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "298", "page_fin": "301", "image_debut": 2, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640917-01.2.3", "titre_corps": "Die Tonkünstler-Versammlung in Karlsruhe am 23.—25. August 1864.", "titre_sommaire": "Die Tonkünstler-Versammlung in Karlsruhe am 23.—25. August 1864.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "298", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640917-01.1.2", "debut_caractere": 2210, "fin_caractere_exclue": 4219, "texte": "Die Tonkünstler-Versammlung in Karlsruhe am\n23.—25. August 1864.\n•\nAus der Eröffnungsrede des Herrn Franz Brendel\ntheile ich zunächst folgende Stellen mit:\n„Die bestehenden Kunst-Institute namentlich sind\nkaum noch im Stande, den an sie gestellten Forderungen\nzu genügen, und bei der Menge dessen, was producirt\nwird, den schaffenden Künstlern Gelegenheit zu geben zur\nAufführung ihrer Werke. Kommt ausserdem noch hinzu,\ndass die Mehrzahl dieser Kunst-Institute, statt ihre Aufgabe\ndarin zu finden, nach Möglichkeit dem bezeichneten Uebel-\nstande Abhülfe zu verschaffen, statt dem Weiterstrebenden\nentgegenzukommen, sich dem Leben gegenüber abschliesst\nund in der Vernachlässigung dessen, was unserer Zeit an-\ngehört, das Heil der Kunst erblickt (?), so muss es natürlich\nerscheinen, wenn wir bestrebt waren, ein neues Organ zu\nschaffen, wenn die Künstler auf den Gedanken kamen,\nselbstthätig einzugreifen, in gewissem Sinne und bis zu\neinem gewissen Grade sich Selbsthülfe zu verschaffen, um\ndadurch das zu erlangen, was die bestehenden Kunst-In-\nstitute nicht ausreichend gewähren konnten. Es sollte den\nKünstlern Gelegenheit gegeben werden zur Aufführung\nihrer Werke, es sollte für sie die Möglichkeit geboten\nwerden, diese zu hören, Erfahrungen zu sammeln im Kreise\nder Kunstgenüssen, eine Gelegenheit zugleich, ihre Werke\nin das Leben ein-, dem grösseren Publicum vorzuführen.\n„Doch ist damit die Aufgabe des Musikvereins noch\nkeineswegs erschöpft, es bezieht sich das eben Gesagte nur\nauf die Seite seiner praktischen Thätigkeit. In theoretischer\nBeziehung ist sein Streben darauf gerichtet, allmählich eine\ngrössere Uebereinstimmung in den Ansichten zu erzielen,\ngemeinschaftliches Streben wachzurufen, ein Gesammt-\nbewusstsein herauszubilden. In dieser Hinsicht kommt es\ndarauf an, gewisse Grundsätze festzustellen, diese zu allge-\nmein gültigen zu erheben, dieselben zu einer Richtschnur\ndes Handelns für seine Mitglieder zu machen, unbeschadet\nder persönlichen Selbständigkeit und der freiesten Ent-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "299", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640917-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5327, "texte": "Wicklung der Individualität, der durchaus nicht entgegen-\ngetreten werden soll.\n„Förderung der Lebenden, der gegenwärtigen Kunst\nund der gegenwärtigen Künstler, wurde so eben als ein\nHaupt-Zielpunkt unseres Strebens bezeichnet. Diese För-\nderung nun ist aber nicht so zu verstehen, als ob damit\nausschliesslich eine bestimmte Richtung bevorzugt werden\nsollte. Es sind Missverständnisse oder absichtliche Entstel-\nlungen, wenn behauptet wird, dass von unserer Seite nur\ndie Werke einer bestimmten Schule bevorzugt würden.\nDas Gute wird anerkannt, möge es kommen, woher es\nwolle.\n„Ferner ist jener Grundsatz nicht so zu interpretiren,\nals ob damit dem bewährten Alten entgegengetreten wer-\nden solle. Das Alte bildet die-bleibende Grundlage für\nalles Spätere, und es wäre eine grosse Thorheit, dies in\nAbrede stellen zu wollen. Wir wünschen, dass allem Be-\nrechtigten die Geltung, die es beanspruchen darf, zu Theil\nwerde. Unsere Anschauung von der Kunst ist eine uni-\nverselle, den Einseitigkeiten gegenüber, die man von an-\nderen Standpunkten aus im Gegensatze zu unseren Bestre-\nbungen geltend zu machen sucht. Auf jenen Standpunkten\nallerdings ist es üblich, sich für um so unbefangener zu\nerklären, je schroffer und exclusiver man sich geberdet,\nje willkürlicher, launenhafter man in der Beurtheilung un-\ngewohnter Erscheinungen verfährt.\n„Unsere Grundsätze sind ganz allgemein gehalten, so\ndass ein Jeder beipflichten kann, unbeschadet der Verschie-\ndenheit der Ansichten im Einzelnen, unbeschadet der be-\nsonderen Richtung, die Jeder befolgt.\n„Geschieht es, dass solcher Anschauung gegenüber\nzeitweilig gewisse Einschränkungen gemacht werden, wie\nz. B. bei der gegenwärtigen Versammlung, wo kein älte-\nres grosses Werk zur Aufführung kommt, so habe ich zu\nbemerken, dass es sehr verkehrt genannt werden müsste,\nwenn die verschiedenen Kunst-Institute sich immer und\nimmer nur dieselben Aufgaben stellen wollten. Unsere\nstehenden Concerte, in gleicher Weise auch unsere Musik-\nfeste, sorgen dafür, dass Werke monumentaler Natur hin-\nreichend zur Aufführung gelangen. Diese Aufgabe wird\ndort in sehr vollständiger und entsprechender Weise ge-\nlöst. Was könnte es folglich nützen, wenn Unternehmun-\ngen anderer Art auch nur dieselben Zielpunkte ins Auge\nfassen wollten, so dass dadurch fort und fort nur gleich-\ngültige (?) Wiederholungen Eines und Desselben entständen?\nUns kommt es im Gegensatze hierzu darauf an, wo sich\nLücken zeigen, diese zu ergänzen, wenn eine Seite im\nKunstleben der Gegenwart vorzugsweise betont erscheint,\ndie andere vernachlässigte ebenfalls hervorzuheben.\n„Ich muss ferner darauf aufmerksam machen, dass\naus praktischen Gründen nur Werke von Vereins-Mitglie-\ndern zur Aufführung gelangen können. Es darf den Mit-\ngliedern unseres Vereins nicht zugemuthet werden, dass\nsie Opfer bringen, um anderen Unbelhätigten auf diese\nWeise die Wege zu bahnen. Bekanntlich aber steht nach\nden Statuten der Zutritt jedem Künstler frei, so dass man\nalso nur diesen Weg einzuschlagen nöthig hat, um gleicher\nVortheile theilhaftig zu werden.\"\nSo sehr sich Herr Brendel bemüht, dem Vereine der\nTonkünstler, der sich jetzt einen „allgemeinen deutschen\nMusikverein\" nennt, umfassende, wirklich allgemeine\nKunstzwecke zu vindiciren, welche diesen Namen rechtfer-\ntigen könnten, so wird er doch Niemandem die Ueberzeu-\ngung nehmen können, die durch Lehre und Praxis der\nKoryphäen des Vereins erzeugt wird, dass es sich im Grunde\nhier doch nur darum handele, Propaganda für die so ge-\nnannte neudeutsche Schule zu machen. Es wäre desshalb\nbesser, wenigstens aufrichtiger und muthiger, dies gerade-\nzu auszusprechen, anstatt die Welt glauben machen zu\nwollen, dass „alle Ansichten\" in dem Kreise dieser Ton-\nkünstler-Versammlung vertreten wären oder wenigstens\nVertretung finden könnten. Warum nicht mit dürren\nWorten die ausschliessliche Richtung verkündigen, der\nman huldigt? JedeSecte muss damit anfangen, ihre Grund-\nsätze offen zu bekennen und ihre Anhänger fest an einan-\nder zu schliessen; dagegen ist nichts einzuwenden, es mag\nsogar dem Allgemeinen nützlich sein, und historisch be-\nrechtigt ist die Sache jedenfalls. Aber in der Kunst ist es\nanders, als in der Wissenschaft: die Kunst verlangt Thaten\nund nicht bloss Theorieen, bei ihr geben nur die Resultate\ngültiges Zeugniss für die Wahrheit der Lehre, und die\nThaten, welche hier verlangt werden müssen, heissen seit\nJahrhunderten Kunstwerke, und diese sind es allein, an\nwelche der prüfende Maassstab gelegt werden kann, ob\nein neu schaffender Genius erstanden sei oder nicht; ja,\nsie bedürfen dieser Prüfung gar nicht, denn sie werden\nsich selbst Bahn brechen. Dem Herold allein, der, wenn\nauch mit noch so lauter Stimme, ihren Sieg verkündet,\nhört das Volk eine Zeit lang mit Neugier zu, kehrt ihm\naber den Rücken, wenn er nicht den Vorhang vor seinen\nBildern wegzieht und diese selber für sich zeugen.\n. In d ieser Beziehung wäre allerdings ein allgemeiner\ndeutscher Musikverein, welcher in jährlichen Aull ührungen\nuns Kunstwerke der Gegenwart vorführte, eine gar herr-\nliche Sache, und es ist in Ihrem Blatte oft genug davon\ndie Rede gewesen. Allein ohne die Einsetzung einer com-\npetenten Behörde, deren Pflicht es wäre, dabei den Wer-\nken jeder Richtung gerecht zu werden, würde ein solcher\nVerein für die Kunst eben so wenig wirken, als die Yer-\n\nn"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "300", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640917-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5223, "texte": "Bindung zur Förderung einer einseitigen Richtung es jetzt\nvermag. Zwar entschuldigt Herr Brendel die Nichtbeach-\ntung vieler Kunsterzeugnisse der Gegenwart dadurch, dass\nihre Schöpfer dem Vereine nicht beigetreten sind, was ja\nJedem frei stände. Warum sind sie aber nicht beigetre-\nten? Warum zählt der so genannte allgemeine deut-\nsche Musikverein neben Liszt nicht Männer wie Lachner\nund Hiller zu seinen Mitgliedern? Und wenn wir von die-\nsen Meistern absehen wollen, warum fühlen sich die ta-\nlentvollsten unter den jüngeren Componisten, wie Bargiel,\nBrahins, Bruch, Wüllner, Franz, Brambach u. s. w. nicht\nzu ihm hingezogen? Hic liaeret aqua! Nun, ein Be-\nrichterstatter spricht von „überraschenden Bekehrungs-\nfällen in Karlsruhe\" ein recht charakteristischer Aus-\ndruck, der in einem einzigen Worte den Commentar zu\nden „allgemeinen Tendenzen\" des Vereins liefert.\nKönnte ein wirklich allgemeiner deutscher Musik-\nverein zu Stande kommen, so würden sich auch die Mittel\nfinden, dessen Wirkung auf das Publicum durch grosse\nöffentliche Aufführungen zu ermöglichen. Erlebt doch\nschon der gegenwärtige einseitige Verein mächtige Unter-\nstützungen, welche von der ganzen Künstlerwelt dankbar\nanzuerkennen sind. Die Grossherzoge von Weimar und\nvon Baden und der Fürst zu Hohenzollern-Hechingen zu\nLöwenberg werden als Beschützer und Gönner des Vereins\ngenannt; namentlich hat der Grossherzog von Baden nicht\nnur die Theaterräume in Karlsruhe zu den diesjährigen\nVersammlungen und Aufführungen bewilligt, sondern auch\ndie Kosten derselben auf seine Casse angewiesen und\nsämmtliche Kräfte der Oper und der Capelle zur Verfü-\ngung gestellt.\nDas erste Concert wurde durch einen Marsch von\nLassen eröffnet, worauf folgender Prolog von Ludwig\nEckardt durch die Hof-Schauspielerin Frau Lange ge-\nsprochen wurde:\nGruss Euch, der Tonkunst edle Freunde, Gruss!\nBeglückt betritt die Muse diese Hallen,\nDie edler Sinn dem Edlen nur erbaut,\nFern dem Gemeinen, fern dem Dienst des Tages,\nVor dem es reinen, keuschen Seelen graut.\nDoch froher noch naht heut' sie diesem Orte:\nGeöffnet weit seh' ich des Hauses Pforte\nUnd rauschen hör' ich einer Zukunft Geister\nHoch über mir, und wallen seh' ich dort\nDer Künstler Pilgerscharen Jünger, Meister\nDie Locke hier noch blond und dort ergraut;\nDoch Alle küsste sie der Töne Braut!\nSei Eurem Schutz die Sängerschar empfohlen!\nSie ist's; denn sind auch fremd, die hier erschienen,\nSie ist bei Euch daheim, die Göttin, der sie dienen.\nVerschmäht der Gaben keine, nicht die kleinste;\nBescheid'ner, ernster Sinn reicht jede dar,\nUnd müsst Ihr strenge richten, müsst Ihr tadeln,\nGesteht doch Allen, dass sie deutsch gefühlt,\nGedacht, gestrebt .... Dies Urtheil wird sie adeln.\nVon Ilm-Athen, der Goethe-Schiller-Stadt,\nZog dieses Festes Banner aus zu Euch;\nIhr staunt doch nicht, dass deutscher Töne Priester\nDen Zug empfanden, den ganz Deutschland theilt,\nDen Zug zum freien Rhein, zu diesem Land,\nDer treuen Gränzhut echten, deutschen Sinnes?\nUnd wollt Ihr wissen noch, was unser ganzes Volk,\nWas jedes deutsche Streben hieher weist?\nIhr kennt die Sage vom KyfFhäuserberge ....\nEs ist ein neuer deutscher Friedrichgeist!\nDer Freiheit zieht die Kunst voll Sehnsucht nach,\nWie sich die Blume zu der Sonne wendet;\nIm freien Staat nur wurzelt echte Kunst,\nAm Sarg der Freiheit hat sie stets geendet.\nSie breitet drüber dumpf ein Gräbertuch:\nIhr tiefstes Schweigen . . ... Das ist des Sängers Fluch!*)\nWir leben eine wunderbare Zeit,\nDie leicht uns wie ein Traum erscheinen könnte,\nWenn nicht der Blitze Zucken in den Höhen,\nWenn nicht der Erde Beben unter uns\nAn ernste Wirklichkeit den Träumer mahnte.\nDie Väter unsres Volkes sprachen einst\nVon Wodan's wilder Jagd, vom Zug des Gottes,\nDer, Eichen splitternd, durch die Wälder fuhr ....\nSo zieht zu dieser Frist der Weltengeist\nAuf Sturmesflügeln ob der Erde hin,\nUnd vor, mit ihm ein wildes Heer Gedanken,\nIdeenblitze, die herniederfahren\nAus unbekannten Höhen, schrecken, zünden!\nWir fühlen ihren Segen, ihres Zornes Hauch\nBegeistert folgen wir, wie es die Sagen künden,\nDer wilden Jagd es gibt kein Widerstreben\nDas ist die neue Zeit, der Menschheit neues Leben,\nWie kommt die Kunst zu solchen düstern Bildern?\nSie wegzusclieuchen war ja sonst ihr Amt,\nDie Menschheit einzulullen, süsse Weisen\nZu singen, wenn 'ne Welt zusammenstiess! ?\nDem Tage Heil, der uns die Schmach erliess!\nSeht, wenn die Windsbraut Eich' und Wald erschüttert,\nBebt auch die wilde Ros' am Waldessaume ....\nDaher, Gedanken ihr, für die die Menschen streiten,\nVon heute an zieht auch durch unsre Saiten!\nNicht bloss das Herz, nicht bloss das Lied der Liebe\nBesingen wir mit Mozart's „Zauberflöte\":\nWir wollen Geistes-Prophetie uns weihen,\nDen Stimmungen des Geist's auch Töne leihen.\nBeethoven's Stern zieht leuchtend uns voran;\nEs liegt ein Bethlehem auf seiner Bahn!\nMit Euch lasst uns die alten Meister ehren,\nDoch nicht auf Gräbern weilen, wenn das Leben ruft;\nEs ist uns nicht gegönnt, wie sie zu singen\nWir sind noch Schüler, irren noch und ringen;\nNur wollen wir nicht mit dem Todten modern,\nEs sollen neue Flammen aus der Asche lodern.\nWohl lächeln Viele ob der Kunst der Zukunft,\nWie ihr aus manchem Spott vernommen habt;\n\n*) „Des Sängers Fluch\" von Hans von Bülow."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "301", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640917-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2507, "texte": "Der Zukunft? Nein! Es ist die Kunst der Gegenwart:\nWir geben nur zurück, was Ihr uns gabt.\nEs kann der Künstler nicht aus seiner Zeit heraus,\nEr wirkt in dem von Euch gebauten Haus,\nUnd schmäht Ihr ihn, so schmähet Ihr Euch selbst,\nUnd lobt Ihr ihn, so habt Ihr in dem Loben\nNur Eure Zeit und nur Euch selbst erhoben.\nWas Euch die Kunst auch zeigt in ihrem Spiegel,\nIhr schuft es selbst, Ihr warft es in den Tiegel.\nSo hebt die Kunst sich über Alle weit,\nSie überragt uns, sie, das Bild der Zeit.\nWir sind von Eurem Fleisch, von Eurem Blut\nEin ixopfen nur. . . . Nennt Ihr das noch der Zukunft Kunst?\nSo brich denn los, erzähl1, du Volk der Töne,\nWas Tasso*) litt, damit ihn Rom einst kröne,\nWie um die Freiheit rangen Ungarns edle Söhne**),\nWie selbst im starren Norden ein Tyrann***)\nIn aller Macht erliegen musst1 dem Mann1,\nDem Gott das Mächtigste gab in die Seele,\nDes Geistes Ruf: „Du bist es, den ich wähle 1\"\nUnd habt von alten Tagen ihr gesungen,\nVom Hochzeitszug des Herrn der Nibelungen f),\nDes deutschen Siegfried's junge Herrlichkeit,\nSo malt uns, Töne, den C olum busstreit ff),\nDen Streit mit der Beschränktheit und dem Zweifel,\nLasst flattern ob uns das Columbuswort:\n„Nach West, nach West!\" und gebt der Zeit den Trost:\n„Wenn auch der Ringer Indien nicht fand,\nVielleicht entdeckt dafür er neues Land!\"\nDoch still zuletzt aus hoher, heiFger Ferne\nKlingt noch ein Lied, das letzte, an mein Ohr.\nEin Lied der Klage, dass in diesen Kampfestagen\nDie Menschheit ihren Vater, Gott, verlor.\nWer kennt die Sprache nicht der Davidsüeder:\n„Willst Du Dein Antlitz ewig von uns wenden?\"fff)\nSo beten wir mit bang gehob'nen Händen ....\nUnd Tröstung fliesst auf Tönen zu uns nieder;\nVersteht die Zeit und lernet Neues bauen\nAn Glaubens Stelle tritt ein frommes Schauen;\nDas Wesen Gottes hat sich neu erhellt ....\nDie Kunst versetzt Euch in dies Herz der Welt! ... .\nDas singen wir . . . doch nein . . . wir möchten's singen.\nBringt uns, der deutschen Kunst, ein deutsches Volk,\nDie Liebe, Pflege eines Volks entgegen;\nDenn ohne Volk und Zeit ist alles Streben\nNur armer Tand, nur Täuschung, leerer Dunst;\nDarum lasst preisend uns das Eine stets erheben:\nDie volkentsprossene, vom Volk getrag'ne Kunst!\n(Schluss folgt.)\n\n*j Ouvertüre zu Byron's „Taüso\"* von Heinrich Strauss.\nConcert in ungarische]* Weise von Joachim, vorgetragen\nvon . ■ .\n***) Ouvertüre zu Puschkin1« „Boris Godunow\" von Arnold,\nt) „Siegfried's Hochzeitszng4' von Bach,\nff) Columbus-Symphonieu von Abert.\nfff) 13. 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September 1864.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "301", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640917-01.1.5", "debut_caractere": 2509, "fin_caractere_exclue": 5043, "texte": "Das zweite Fest des rheinischen Sängervereins zu\nAachen den 4. September 1864.\n(„Velleda\" von C. J. Brambach „Heinrich der Finkler\"\nvon F. Wüllner.)\nDie Veranlassung zur Gründung des „rheinischen Sän-\ngervereins\" durch die „Liedertafeln\" von Aachen,\nBonn (Concordia), Crefeld, Elberfeld und die „Män-\nner-Gesangvereine\" von Köln und Neuss, so wie\ndie Zwecke desselben haben wir in Nr. 38 und 41 des\nvorigen Jahrgangs dieses lilattes aus einander gesetzt und\ndabei das erste Jahres-Concert desselben, das in Ivöln am\n4. October v. J. Statt fand, besprochen.\nlrotz der grossen Menge von Sängervereinen in\nDeutschland, oder richtiger wegen dieser Menge, haben\nwir die Bildung dieses neuen Bundes in seiner weisen Be-\nschränkung auf sechs Vereine freudig begrüsst, weil er ein\ndoppeltes Ziel im Auge hat, dessen Verfolgung unseren\nund gewiss den Wünschen aller Freunde der Vocalmusik\nentspricht. Denn einmal hat die Ueberzeugung, dass der\ndrohenden Ausartung des Männergesanges, der seiner Na-\ntur nach gewiss eine schöne Blüthe der Tonkunst der\nneueren Zeit ist, nicht so sehr durch bloss massenhafte,\nals vielmehr durch technisch möglichst vollkommene Auf-\nführungen entgegen gearbeitet werden könne, ihn hervor-\ngerufen, und zweitens hat die Wahrnehmung der Ueber-\nflutung des musicalischen Marktes für diese Gattung durch\noft sehr flache Compositionen den Entschluss des Vereins\nzur Reife gebracht, die Hälfte des Reinertrages einer jähr-\nlichen Concert-Auflührung zu Preisen zu bestimmen, wel-\nche ernsten grösseren Compositionen für Männerchor und\nOrchester, ohne als Solostimmen den Sopran und Alt aus-\nzuschliessen, zuerkannt werden sollen, und zwar ohne den\nComponisten das Eigenthumsrecht an den gekrönten Wer-\nken zu verkürzen.\nDie aachener Liedertafel war schon vor Grün-\ndung des rheinischen Sängervereins durch ein Preis-Aus-\nschreiben vom 15. Februar 1863 in den Besitz zweier\ngekrönten Werke für Männerchor und Orchester gekom-\nmen, und es war ganz in der Ordnung, dass die Auffüh-\nrung derselben den Kern des Programms zu dem Concerte\nam 4. September bildete. Diese Aufführung hat denn\nauf wirklich glänzende Weise bewiesen, dass die Preis-\nAusschreibungen, wenn man nur dabei den Componisten\ndie gehörige Freiheit lässt, denn doch nicht so erfolglos\nsind, wie man sie oft freilich zum Theil auf Erfahrungen\ngestützt darstellen hört, denn dieses Mal haben sie An-\nregung zu zwei wirkungsvollen Compositionen in grossem\nStile gegeben, die wir als einen wahren Gewinn für die\nLiteratur des Männergesanges bezeichnen können."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "302", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640917-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5305, "texte": "Es sind dies: „Vell e d a\", Gedicht von G. Pfa rri us,\nfür Soli (Sopran, Tenor und Bariton), Männerchor und Or-\nchester componirt von C. Jos. Brambach, städtischem\nMusik-Director in Bonn und „Heinrich der Fink-\nler\", Gedicht von Karl Lemcke, für Soli (Bariton und\nBass), Männerchor und Orchester componirt von Franz\nWüllner, städtischem Musik-Director in Aachen.\nDie Ausführung der Chöre durch einen Verein von\nso zahlreichen und so klangvollen Männerstimmen und\ndurch das vortreffliche Orchester, zusammengehalten und\nbegeistert durch die energische Leitung des Fest-Dirigen-\nten Herrn Fritz Wenigmann aus Aachen, war so\nprächtig, sowohl in dem Brambach'schen, als in dem Wüll-\nner'schen Werke, wie wir sie noch kaum je gehört haben,\nso dass auch wohl beide Herren Componisten ihre Schö-\npfungen so bald nicht wieder so aus- und eindrucksvoll\nwerden ausführen hören, wie an diesem Abende.\nDie Zahlenverhältnisse der Mitwirkenden waren fol-\ngende. Der Chor bestand aus 230\nüber 100 Tenoristen; die Vereine Aachen, Bonn, Köln,\nCrefeld und Neuss hatten ihre besten Sänger von den gu-\nten gestellt, denn schlechte haben sie nicht. Das Orchester\nzählte bei 27 Violinen und 24 Violen, Violoncellen und\nBässen überhaupt 69 Personen, so dass mehr als 300\nPersonen das ausführende Personal bildeten. Wir wollen\nzugeben, dass die ausgezeichnete Akustik in dem neuen\naachener Cursaale zu dem vollen Klange beitrug: aber im-\nmer bleibt es wahr, dass Stimmen und Vortrag der ver-\nsammelten Sänger eine grosse und künstlerisch bedeutsame\nWirkung machten und allen Dank für ihre Leistungen\nverdienen. Ob bei allen Zuhörern? Gewiss! denn das zeigte\nder allgemeine Enthusiasmus, wovon wir nur eine Aus-\nnahme bemerkten, die wir unseren Lesern nicht vorent-\nhalten wollen.\n„Ist das ein Sängerfest?\" sagte ein Zuhörer am\nSchenktische ganz unwillig zu seinem Nachbar „kein\nZug durch die Strassen, kein Ehrenwein, keine Fahnen,\nkeine Böller!\" „Nun, sie haben aber doch schön gesun-\ngen,\" erwiederte dieser.— „Ach was, gesungen! Der Ge-\nsang ist Nebensache! Da kommen Sie einmal zu uns nach\n****, da werden Sie was Anderes erleben!\"\nAusser diesen beiden grösseren Werken sang der Ge-\nsammtchor noch zwei sehr schöne Gesänge von Franz\nSchuberti „Hymne an den heiligen Geist\", für Solo-\nQuartett und Chor mit zarter Harmonie-Begleitung, und\n„Mondenschein\", fünfstimmig und nach der Ciavierstimme\ngeschickt und bescheiden instrumentirt von F. Wenigmann.\n—Der Einzelvortrag, welcher statutgemäss nur von einem\nVereine Statt finden darf, war dieses Mal dem kölner\nMänner-Gesangvereine übertragen, welcher F. Otto's\n„Der schöne Schäfer\" und Mendelssohn's „Liebe und\nWein\" unter seinem Dirigenten Franz Weber mit be-\nkannter Meisterschaft im schmelzendsten Wohllaute und\nin ausdrucksvollster Nuancirung des Vortrages sang.\nDas Gedicht „Velleda\" von Gustav Pfarrius be-\nhandelt den Ueberfall der römischen Flotte auf dem Nie-\nderrheine bei der Stadt der Übier (Köln) durch die Ger-\nmanen, wobei nach Tacitus' Berichte eine Deutsche, die\ner Claudia Sacrata nennt, den römischen Feldherrn Peti-\nlius Cerealis vor der Gefangennehmung rettete. Es war\nindess nicht die Absicht des Dichters, das dramatische Ele-\nment, das in diesem Stoffe liegt, auszubeuten, sondern er\nhat von vorn herein einen Text für Composition eines Con-\ncertstückes im Auge gehabt. Desshalb schien ihm auch wohl\nder versöhnende Schluss und sogar eine prophetische Hin-\nweisung der deutschen Seherin auf die Herrschaft des\nChristenthums für den oratorischen Stil der Musik not-\nwendig. Diese Schlusswendung ist freilich eine grosse li-\nceniia poetica, allein der Inhalt des Gedichtes überhaupt\nist geschickt gegliedert und bietet durch die vorgeführten\nSituationen sehr geeigneten Stoff für musicalische Compo-\nsition. Diesen hat C. Jos. Brambach mit grossem Ta-\nlente sowohl in den lyrischen Stellen, als in den heroischen,\nwelche vorherrschen, benutzt und ein musicalisches Ganzes\ngeliefert, das von Anfang bis Ende fesselt, ohne durch\nLängen zu ermüden, und namentlich in den Chören einen\ncharakteristischen und grossen Stil entfaltet, der nicht durch\nlärmende Klangwirkungen betäubt, sondern den Ausdruck\nder Kraft in energischen Motiven und deren Entwicklung\nzu kunstgemässer Form mittels rhythmischen Schwunges,\nharmonischen Flusses und orchestraler Fülle zu erreichen\nsucht, worin man die Schule F. Hiller's erkennt. Bram-\nbach vollendete nämlich, wie M. Bruch, als Stipendiat der\nMozart-Stiftung in Frankfurt seine Studien unter der Lei-\ntung Hiller's, und der Meister kann in der That auf\nKunstjünger, welche bereits Werke wie die Oper „Lore-\nlei\" und die Cantate „Velleda\" neben vielen anderen\nschätzenswerthen Compositionen geliefert haben, mit Recht\nstolz sein.\nDie „Velleda\" enthält drei Scenen, von denen die\nerste (Velleda, Priester und Volk) im Haine vor Velleda's\nThurme, die zweite (Claudia, Cerealis, römische Krieger)\nim Lager der Römer am linken Rheinufer, die dritte (Vel-\nleda, Cerealis, Priester und Volk der Deutschen) wiederum\nin dem Haine am rechten Ufer spielt.\nDie erste Scene beginnt nach einem Vorspiel von nur\nwenigen Tacten mit einem ruhig gehaltenen Chor der Prie-\nster, in welchem die Stelle: „Der Vollmond aber steigt\nempor\", u. s. w. zu einer malerischen Steigerung Veran-\nlassung gibt, welche auch nach den vielfach da gewesenen"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "303", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640917-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5243, "texte": "ähnlichen dem Componisten doch recht gut gelungen ist,\nwogegen uns der Ausruf: „Velleda!\" am Schlüsse im Uni-\nsono fortissimoweniger behagt, weil es die einzige Stelle\nim ganzen Werke ist, die auf so genannten Effect berech-\nnet ist, der hier ganz unmotivirt scheint. Der folgende Ge-\nsang der Velleda hal sowohl in seinem recitativisch-decla-\nmatorischen Theile, als in der Arie mit Chor.viel Leben,\njedoch erhebt sich das Talent des Autors zu grösserem\nSchwünge, wenn die Priester am Schlüsse der Arie mit\ndem Volke in den stürmischen Ruf: „Hinaus aus der Wäl-\nder Nacht, Auf zum Rhein, wo Sieg uns lacht!\" ausbre-\nchen. Dieser Satz ist ein glänzend durchgeführter Chor in\nA-dur, 4/4-Tact, Allegro molto energico.\nEs war keine leichte Aufgabe, unmittelber auf diese\nNummer die folgende Lagerscene mit dem Bacchanal der\nrömischen Soldatenhorden zu eröffnen, da dieser wiederum\nden Aufwand von allen musicalischen Mitteln erforderte.\nAllein der rohe Jubelchor, in welchem die Römer dem\nBacchus und der Venus im Gefolge des Mars huldigen, ist\nein sehr wirkungsvoller Satz, dessen trefflich getroffener\nwilder Charakter {Allegro molt 2/4-Tact,\ndur) durch einen Mittelsatz in B-dur unterbrochen wird,\nwelcher auf die Worte: „Schmückt euch mit Kränzen\",\nu. s. w. ein weniger schroffes Motiv eintreten lässt, das\ndurch geschickte Behandlung nur im Rhythmischen den\nCharakter des D-dur beibehält, im Melodischen aber einen\nmilderen Ton anschlägt, bis nach einer plötzlichen Zurück-\nführung in die Haupt-Tonart der erste Satz wieder einfällt\nund zum Schlüsse führt.\nDas darauf folgende Duett (F-dur, 4/4-Tact, Andante\ncon moto)zwischen Claudia und Cerealis (Sopran und Te-\nnor) hüllt die schönen Verse in reizende Melodieen von\neinfach getragenen Tönen.\nDas stille Herannahen der Nachen, welche die Deut-\nschen vom rechten Ufer nach dem linken tragen, ist durch\neinen Chor in A-moll,6/s-Tact,\nausgedrückt, welcher in der Ausführung seine Schwierig-\nkeit hat, zumal da er durchweg pianissimo gesungen wer-\nden muss; auch können wir nicht sagen, dass er uns be-\nsonders angesprochen hätte. Sobald aber die Landung\nvollbracht und die Germanen die Schiffe und das Lager\nder Römer anzünden, tritt das Talent Brambach's mit dem\nSchlachtgesange in A-dur (Allegro con fuoco, 4/4-Tact):\n„Hailoh! hollah! Teut's Kämpfer sind da!\" wieder in sei-\nner ganzen Kraft auf. Es bildet dieser Gesang den läng-\nsten und ausgeführtesten Chor des Werkes, und zwar mit\nso viel Schwung und in einem so grossartigen Charakter\n(der besonders in seiner letzten Hälfte von den Worten an:\n„Genaht ist die Stunde der Rache\", auf welche ein höchst\nenergisches Motiv im Unisono mit wahrer Wucht eintritt),\ndass die Musik in der dritten Scene nur schwer sich auf\nder Höhe desselben erhalten kann. Es ist diese Nummer\num so preiswürdiger in Erfindung und Ausführung, als\nschon die vorhergehenden Chöre einen grossen Theil der\nzu Gebote stehenden musicalischen Ausdrucksmittel in An-\nspruch genommen hatten. Sie ist ein Schlachtgemälde mit\nChor, das vor einem Theaterchor die breite und ausge-\ndehnte Form voraus hat, welche die Cantate im Gegensatz\nzu der Oper verstattel, und diese Form ist hier so glück-\nlich ausgefüllt, dass die Musik allein ersetzt, was der Brand\nder Schiffe und d es La gers bei theatralischer Darstellung\nder Scene zu dem Gesammt-Eindruck hinzuthun würde.\nIn der letzten Scene verkündet ein Führer der Deut-\nschen der Velleda den gelungenen Ueberfall des römischen\nLagers, aber auch die Rettung des Cerealis durch ein\nWeib, welches man gefangen herbeiführt. Velleda ver-\nhängt über sie den Tod: allein Cerealis erscheint und ver-\nkündet, dass Claudia keine Römerin, sondern eine Deut-\nsche vom Stamme der Übier sei. Velleda verzeiht:\n„Claudia, durch deine Hand\nIst neu geknüpft ein Friedensband,\nDas mit den Römern uns umschlingt,\nBis jenes Licht herüber dringt\" u. s. w.\nVon der Musik bis zum Schlüsse dieser Rede der Seherin\ngilt besonders, was wir oben bemerkten. Dagegen wird\ndie Composition der beiden letzten Nummern, eines Arioso\nder Velleda: „Sie haben seinen Stern geseh'n im Morgen-\nlande\" , mit Chor, und des Schlusschors: „Betet an die heil'ge\nMacht\", wieder ganz dem Geiste ebenbürtig, der in den\nbeiden ersten Abtheilungen waltet. Uebrigens umfasst die\ndritte Scene nur ein Fünftel des Ganzen.\nDie Ausführung der Cantate „Velleda\" war vortreff-\nlich. Von dem Chor und Orchester haben wir schon oben\ngesprochen. Beide Sopran-Partieen (die nicht zusammen\nvorkommen) sang Fräulein Henriette Röhn vom llof-\ntheater zu Mannheim mit ihrer klangvollen, weittragenden\nund doch selbst in der Höhe niemals scharfen Stimme ganz\nvorzüglich, und die Tenor-Partie des Cerealis trug Herr\nGöbbels von Aachen namentlich in dem Duett mit\nClaudia recht zart und ausdrucksvoll vor.\nWiederholter lebhaftester Applaus und Hervorruf\nwurden dem Componisten zu Theil.\nDen ganzen zweiten Th eil des Concertes füllte die\nAufführung von F. Wüllner's Cantate „Heinrich der\nFinkler\", Gedicht von Karl Lemcke.\nDas Gedicht hat den Zwist des Herzogs Heinrich von\n•Sachsen mit dem deutschen Könige Conrad I. von Fran-\nken, hauptsächlich die Beendigung desselben durch Con-\nrad's Tod und dessen Empfehlung Heinrich's zu seinem\nNachfolger, zum Gegenstande. Der Dichter hat sich aber"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "304", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640917-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1944, "texte": "nur im letzten Theile an die Geschichte gehalten; in den\nbeiden ersten hat er den Stoff mehr mit der Tendenz auf\nDeutschlands Heil, das nur in der Einheit erblühe, bear-\nbeitet, wodurch bewogen er denn auch den Herzog Hein-\nrich nicht als den kriegerischen Helden, der für sein Land\nund seine Selbständigkeit kämpft, darstellt, sondern als\neinen frommen und demüthigen, nur für die Einheit\nDeutschlands begeisterten und desshalb opferwilligen Für-\nsten. Abgesehen von dieser Auffassung des Haupthelden,\nwelche für eine so hervorragende historische Grösse un-\npassend ist, hat er es verstanden, durch wechselnde Situa-\ntionen und Einführung von Chören verschiedener Volks-\ngruppen Gelegenheit zu musicalischer Charakterislik zu\ngeben; eine dramatische Handlung ist nicht vorhanden,\nund der Schluss wird nur durch einen Bericht über Con-\nrads Tod herbeigeführt.\nDie erste Scene führt uns nach einem „Prolog\",\nwelcher in seinem letzten Verse.: „Wann kehrt auch uns\nder Tag (der Einheit) zurück?\" die Tendenz des Gedichtes\ndeutlich ausspricht den Herzog Heinrich am Morgen\neines Frühlingstages einsam im Walde vor, durch den in\nder Ferne ein Zug von Pilgern vorüber wandelt. Heinrich\nbegrüsst den frischen, jungen Tag; während die Pilger die\nZwietracht des deutschen Reiches beklagen, bittet er Gott\num Kraft in dieser Noth des Vaterlandes und um Leitung\nauf den rechten Pfad.\nChor von Jägern auf und spottet der besiegten FYanken;\nWald- und Bergleute ziehen mit Gesang auf die Arbeit\nund hoffen, dass auch Deutschland seinen Morgen finden\nwerde. Fleinrich spricht seinen Entschluss aus, König Con-\nrad zu ehren um des Friedens willen. Ein Bote meldet\nden Heranzug der Franken (dritte Scene); es ist ein\nTrauerzug, an dessen Spitze Conrad's Bruder Eberhard.\nEr berichtet den Tod des Königs und bringt auf sein Ge-\nheiss dem Herzoge Heinrich die Reichs-Kleinodien. Der\nChor des Volkes huldigt ihm und preist das Ende der\nZwietracht.\n(Schluss folgt.)"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1864-09-17-01-c011", "article_bluemountain": "bmtnabi_1864-09-17_01#c011", "volume": "bmtnabi_1864-09-17_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "304", "page_fin": "304", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640917-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "304", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640917-01.1.8", "debut_caractere": 1946, "fin_caractere_exclue": 5243, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nMainz, 5. September. Vorgestern wurde unser Stadttheater\nmit Schiller's „Don Carlos\" eröffnet, während die Oper gestern mit\nden „Hugenotten\" debutirte. Wir konnten es nie für zweckmässig\nund im Interesse der Direction wie der engagirten Mitglieder für\nSchauspiel und Oper finden, wenn die letzteren gleich in den ersten\nProbe-Vorstellungen, von deren Erfolg die dauernde Gültigkeit der\nrespectiven Contracte abhängig gemacht wird, auf die gefährlichsten\nKlippen geführt werden, indem man Stücke und Opern wählt, welche\nzu ihrer Besetzung das ganze Personal derartig in Anspruch neh-\nmen, dass einzelne Mitglieder unausbleiblich in Rollen debutiren\nmüssen, welche dem Publicum nicht gestatten, sich ein billiges Un-\ntheil über ihre Leistungsfähigkeit zu bilden. Dazu kommt noch, dass\ndie Aufführung so schwieriger Stücke mit ganz neuen Kräften, die\nsich gegenseitig noch viel zu wenig kennen, und meistens auch noch\nmit einem neuen Capellmeister, der sein Orchester, so wie dieses\nihn erst kennen lernen muss, unausbleiblich an gewissen Schwan-\nkungen und Unebenheiten leiden muss, die unter den angeführten\nVerhältnissen selbst unter der gewandtesten Leitung nicht zu verhü-\nten sind. Die Aufführung der „Hugenotten\" hat diese unsere Ansicht\nvollkommen bestätigt, ohne dass wir dem oben Gesagten zufolge den\nneuen Capellmeister, Herrn Dr. Otto Bach, dafür verantwortlich\nmachen wollen, welcher im Gegentheil die ihm etwa noch fehlende\nRoutine im Opernwesen durch seine hohe musicalische Bildung,\ndurch Energie und schnelle Uebersicht wohl leicht ersetzen wird.\n(Südd. M.-Z.)\nStNachdem die Musikliebhaber Stuttgarts durch das\nallgemein verbreitete Gerücht, Herr Dionys Pruckner, der in\nden weitesten Kreisen bekannte Clavier-Virtuose, wolle seine Stellung\nan der hiesigen Musikschule aufgeben und Stuttgart verlassen, auf\ndas schmerzlichste berührt worden waren, ist die Ernennung des\nvortrefflichen Künstlers zum Hofpianisten Sr. Majestät des Königs\nvon Würtemberg mit um so grösserer Freude aufgenommen worden,\nals nun Herr Pruckner unserer Stadt und seinem ausgedehnten Wir-\nkungskreise erhalten bleiben wird.\n(Ein Concert in der Wolfs schlucht.) Der „Minestrel\"\nberichtet: Ein Concert ganz neuer Art ist vor Kurzem zu Fon-\ntainebleau von zwei Musikern gegeben worden, dem Pianisten\nund Organisten Lavignac und dem Clarinettisten Favre, einem Vir-\ntuosen von Kuf. In der Nacht versammelte sich auf die Einladung\nder beiden Künstler eine zahlreiche Gesellschaft bei klarem Mond-\nlichte an einer der romantischsten Stellen des Waldes, genannt „Die\nWolfsschlucht\" {La Gorge aux loups)) zwei .Stunden von der Stadt.\nAuf einer freien, von uralten Eichen umgebenen Stelle erhebt sich\nwie eine Kanzel ein Felsblock. Auf diesem stand ein Melodium\n(orgue expressif) und an den Bäumen waren grosse Laternen mit\nReflectoren angebracht. Die Zuhörer sassen und lagerten sich in\nGruppen auf Moos und Käsen. In diesen Hallen\" trugen\ndie Künstler auf der Höhe ihre Duo's vor, Melodieen von Weber,\nFranz Schubert, das Weihnachtslied von Adam und einige Stücke\nvon ihrer eigenen Composition. Der Eindruck soll ein zauberhafter\ngewesen sein. Nach dem Concerte nahm man ein mitgebrachtes länd-\nliches Abendessen ein und kehrte erst mit Anbruch des Tages wie-\nder in die Stadt zurück."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "297", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640917-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nDie Tonarten (Schluss). Die Tonkünstler-Versammlung in Karlsruhe am 23.—25. August 1864. Das zweite Fest\ndes rheinischen Sängervereins zu Aachen den 4. September 1864 („Velleda\" von C. J. Brambach „Heinrich der Finkler\" von F.\nWüllner). Tages- und Unterhaltungsblatt (Mainz, Eröffnung des Theaters Stuttgart, Herr Dionys Pruckner Ein Con-\ncert in der Wolfsschlucht).\n\nDie Tonarten.\n(Schluss. S. Nr. 37.)\nIV. Der lydische Modus war im früheren Mittel-\nalter am meisten im Gebrauch, wie man aus den älteren\nGesängen, welche man „Graduales\"nennt, erkennen kann.\nDer Modus, so sagt Calvisius, erscheint jedoch finster\n(tetricus) wegen des rauh in die Ohren tönenden und kaum\nzu vermeidenden Tri ton us, wesshalb er heutzutage (im\nsechszehnten Jahrhundert) äusserst selten angewandt wird.\nEr besteht aus der vierten Quintengattung (Fa-Fa) und\naus der ersten Quartengattung (Ut-Fa) und fällt in die\nvierte Octavengattung, welche im regulären Systeme von\ndem Tone F, im transponirten hingegen vom Tone aus\ngebildet wird. Man nennt diesen Modus kurzweg\noder Lydius contentus,oder auch der-\nselbe hat folgende Gestalt:\nIm Choralgesange hat man hiervon keine Beispiele,\nin der Figuralmusik kommen jedoch einige vor.\nDie andere Form desselben, wo die erste Quarten-\ngattung an den untersten Ton der vierten Quintengattung\nangefügt wird, fällt in die erste Octavengattung, welche\nim regulären Systeme vom Tone C, im transponirten hin-\ngegen vom Tone F aus geleitet wird. Diesen Modus nennt\nman Hypo-Lydius,oder Lydius oder auch Ly-\ndias plagalis. Er hat folgende Gestalt:\nV. Der mixolydische Modus hat mit dem Modus\nionicus die erste Quintengattung [Ut—Sol) gemeinschaft-\nlich und verbindet dieselbe mit der zweiten Quartengattung\n(Re—Sol), wesshalb er auch Betreffs der Octavengattung\nvom ionischen Modus verschieden ist. Die erste Form des-\nselben, in welcher sich die zweite Quartengattung am\noberen Tone der ersten Quintengattung anschliesst, fällt\nin die fünfte Octavengattung, welche im regulären Systeme\nvom Tone G,im transponirten hingegen vom Tone aus\ngeführt wird. Man nennt diesen Modus kurzweg Mixoly-\ndius, oder Mixolydius contentus, oder auch Mixolydius\nauthentus. Gewöhnlich heisst er der siebente Ton. Seine\nGestalt ist folgende:\nDie andere Form, in welcher sich die zweite Quarten-\ngattung an den unteren Ton der ersten Quintengattung\nanschliesst, fällt in die zweite Octavengattung, welche im\nregulären Systeme vom Tone im transponirten aber\nvom Tone Gaus geführt wird. Man nennt diesen Modus\nHypo-Mixolydius, oder Mixolydius remissus, oder Mixo-\nlydius plagalis. Gewöhnlich heisst er der achte Ton.\n\n*) Dieser Modus ist streng von dem ionischen Modus zu unter-\nscheiden, obgleich er dieselbe Reihe melodischer Töne aufweist. Die\nVerbindung der Quarte und Quinte ist aber eine andere, und somit\nsind auch seine harmonischen Schlüsse von anderer Beschaffenheit."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "298", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640917-01.1.2", "texte": "Häufig pflegt sich dieser im Hauptschlusse mit dem ioni-\nschen Modus zu vermischen, wie es auch zuweilen mit\ndem Mixolydius contentus der Fall ist. Er hat folgende\nGestalt:\nVI. Der äolische Modus verbindet die zweite Quin-\ntengattung {Re—La) mit der dritten Quartengattung\n{Mi— La),dessen erste Form, wo die Quarte am obersten\nTone der Quinte liegt, in die sechste Octavengattung fällt,\nwelche im regulären Systeme vom Tone im transponir-\nten hingegen vom Tone Daus geführt wird. Man nennt\nihn kurzweg Modus Aeolius, oder Aeolius contentus, oder\nAeolius authentus. Gewöhnlich heisst er der „fremde\"\nTon ( Tonus peregrinus), welche Benennung ihm auf Grund\ndes neunten Verses aus dem 69. Psalm beigegeben zu sein\nscheint: „Extraneus factus\nmatns meae per egrinus\"*). In den Volks-Gesangbüchern\nnämlich pilegte man gewöhnlich jenen Vers der Intonation\ndieses Modus anzupassen und als Beispiel aufzuführen.\nDieser Modus hat folgende Gestalt:\nDie andere Form des äolischen Modus, in welcher die\ndritte Quartengattung am untersten Tone der zweiten\nQuintengattung erscheint, fällt in die dritte Octavengat-\ntung, welche im regulären Systeme vom Tone im trans-\nponirten hingegen vom Tone aus geführt und entweder\nHypo ■Aeolius, oder Aeolius remissus, oder Aeolius plaga-\nlis genannt wird. Er hat folgende Gestalt:\nDies sind die zwölf Moden, nach deren Kenntniss-\nnahme man in der Figuralmusik des sechszehnten Jahr-\nHunderts wohl leicht die Tonart eines jeden Vocalstückes\nerkennen und bei Uebertragung der Gesänge damaliger\nZeit in unsere Tonschrift harmonische Irrthümer vermei-\nden kann, wobei noch zu bemerken ist, dass die Alten\nnach dem Tenor irgend eines Gesanges den Modus dessel-\nben bestimmten. Gehörte der Tenor zu einem\ntentus, so sagte man, dass der ganze Gesang auf einen\nsolchen componirt sei, wenn auch andere Stimmen zum\ngleichnamigen Modus remissusgehörten, welche Regel\ndurchweg bei allen figurirten Gesängen beobachtet wurde.\n\n*) Hierbei ist zu bemerken, dass sich in der erwähnten Schrift\ndes Calvisius S. 33 ein Schreibfehler vorfindet, indem es dort\nheisst, dass die Benennung Tonus peregrinus „ex versu Psalmi sexa-\ngesimi primi'L, anstatt „ex versu Psalmi sexagesimi noniu herge-\nnommen sei.\n\nDie Tonkünstler-Versammlung in Karlsruhe am\n23.—25. August 1864.\n•\nAus der Eröffnungsrede des Herrn Franz Brendel\ntheile ich zunächst folgende Stellen mit:\n„Die bestehenden Kunst-Institute namentlich sind\nkaum noch im Stande, den an sie gestellten Forderungen\nzu genügen, und bei der Menge dessen, was producirt\nwird, den schaffenden Künstlern Gelegenheit zu geben zur\nAufführung ihrer Werke. Kommt ausserdem noch hinzu,\ndass die Mehrzahl dieser Kunst-Institute, statt ihre Aufgabe\ndarin zu finden, nach Möglichkeit dem bezeichneten Uebel-\nstande Abhülfe zu verschaffen, statt dem Weiterstrebenden\nentgegenzukommen, sich dem Leben gegenüber abschliesst\nund in der Vernachlässigung dessen, was unserer Zeit an-\ngehört, das Heil der Kunst erblickt (?), so muss es natürlich\nerscheinen, wenn wir bestrebt waren, ein neues Organ zu\nschaffen, wenn die Künstler auf den Gedanken kamen,\nselbstthätig einzugreifen, in gewissem Sinne und bis zu\neinem gewissen Grade sich Selbsthülfe zu verschaffen, um\ndadurch das zu erlangen, was die bestehenden Kunst-In-\nstitute nicht ausreichend gewähren konnten. Es sollte den\nKünstlern Gelegenheit gegeben werden zur Aufführung\nihrer Werke, es sollte für sie die Möglichkeit geboten\nwerden, diese zu hören, Erfahrungen zu sammeln im Kreise\nder Kunstgenüssen, eine Gelegenheit zugleich, ihre Werke\nin das Leben ein-, dem grösseren Publicum vorzuführen.\n„Doch ist damit die Aufgabe des Musikvereins noch\nkeineswegs erschöpft, es bezieht sich das eben Gesagte nur\nauf die Seite seiner praktischen Thätigkeit. In theoretischer\nBeziehung ist sein Streben darauf gerichtet, allmählich eine\ngrössere Uebereinstimmung in den Ansichten zu erzielen,\ngemeinschaftliches Streben wachzurufen, ein Gesammt-\nbewusstsein herauszubilden. In dieser Hinsicht kommt es\ndarauf an, gewisse Grundsätze festzustellen, diese zu allge-\nmein gültigen zu erheben, dieselben zu einer Richtschnur\ndes Handelns für seine Mitglieder zu machen, unbeschadet\nder persönlichen Selbständigkeit und der freiesten Ent-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "299", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640917-01.1.3", "texte": "Wicklung der Individualität, der durchaus nicht entgegen-\ngetreten werden soll.\n„Förderung der Lebenden, der gegenwärtigen Kunst\nund der gegenwärtigen Künstler, wurde so eben als ein\nHaupt-Zielpunkt unseres Strebens bezeichnet. Diese För-\nderung nun ist aber nicht so zu verstehen, als ob damit\nausschliesslich eine bestimmte Richtung bevorzugt werden\nsollte. Es sind Missverständnisse oder absichtliche Entstel-\nlungen, wenn behauptet wird, dass von unserer Seite nur\ndie Werke einer bestimmten Schule bevorzugt würden.\nDas Gute wird anerkannt, möge es kommen, woher es\nwolle.\n„Ferner ist jener Grundsatz nicht so zu interpretiren,\nals ob damit dem bewährten Alten entgegengetreten wer-\nden solle. Das Alte bildet die-bleibende Grundlage für\nalles Spätere, und es wäre eine grosse Thorheit, dies in\nAbrede stellen zu wollen. Wir wünschen, dass allem Be-\nrechtigten die Geltung, die es beanspruchen darf, zu Theil\nwerde. Unsere Anschauung von der Kunst ist eine uni-\nverselle, den Einseitigkeiten gegenüber, die man von an-\nderen Standpunkten aus im Gegensatze zu unseren Bestre-\nbungen geltend zu machen sucht. Auf jenen Standpunkten\nallerdings ist es üblich, sich für um so unbefangener zu\nerklären, je schroffer und exclusiver man sich geberdet,\nje willkürlicher, launenhafter man in der Beurtheilung un-\ngewohnter Erscheinungen verfährt.\n„Unsere Grundsätze sind ganz allgemein gehalten, so\ndass ein Jeder beipflichten kann, unbeschadet der Verschie-\ndenheit der Ansichten im Einzelnen, unbeschadet der be-\nsonderen Richtung, die Jeder befolgt.\n„Geschieht es, dass solcher Anschauung gegenüber\nzeitweilig gewisse Einschränkungen gemacht werden, wie\nz. B. bei der gegenwärtigen Versammlung, wo kein älte-\nres grosses Werk zur Aufführung kommt, so habe ich zu\nbemerken, dass es sehr verkehrt genannt werden müsste,\nwenn die verschiedenen Kunst-Institute sich immer und\nimmer nur dieselben Aufgaben stellen wollten. Unsere\nstehenden Concerte, in gleicher Weise auch unsere Musik-\nfeste, sorgen dafür, dass Werke monumentaler Natur hin-\nreichend zur Aufführung gelangen. Diese Aufgabe wird\ndort in sehr vollständiger und entsprechender Weise ge-\nlöst. Was könnte es folglich nützen, wenn Unternehmun-\ngen anderer Art auch nur dieselben Zielpunkte ins Auge\nfassen wollten, so dass dadurch fort und fort nur gleich-\ngültige (?) Wiederholungen Eines und Desselben entständen?\nUns kommt es im Gegensatze hierzu darauf an, wo sich\nLücken zeigen, diese zu ergänzen, wenn eine Seite im\nKunstleben der Gegenwart vorzugsweise betont erscheint,\ndie andere vernachlässigte ebenfalls hervorzuheben.\n„Ich muss ferner darauf aufmerksam machen, dass\naus praktischen Gründen nur Werke von Vereins-Mitglie-\ndern zur Aufführung gelangen können. Es darf den Mit-\ngliedern unseres Vereins nicht zugemuthet werden, dass\nsie Opfer bringen, um anderen Unbelhätigten auf diese\nWeise die Wege zu bahnen. Bekanntlich aber steht nach\nden Statuten der Zutritt jedem Künstler frei, so dass man\nalso nur diesen Weg einzuschlagen nöthig hat, um gleicher\nVortheile theilhaftig zu werden.\"\nSo sehr sich Herr Brendel bemüht, dem Vereine der\nTonkünstler, der sich jetzt einen „allgemeinen deutschen\nMusikverein\" nennt, umfassende, wirklich allgemeine\nKunstzwecke zu vindiciren, welche diesen Namen rechtfer-\ntigen könnten, so wird er doch Niemandem die Ueberzeu-\ngung nehmen können, die durch Lehre und Praxis der\nKoryphäen des Vereins erzeugt wird, dass es sich im Grunde\nhier doch nur darum handele, Propaganda für die so ge-\nnannte neudeutsche Schule zu machen. Es wäre desshalb\nbesser, wenigstens aufrichtiger und muthiger, dies gerade-\nzu auszusprechen, anstatt die Welt glauben machen zu\nwollen, dass „alle Ansichten\" in dem Kreise dieser Ton-\nkünstler-Versammlung vertreten wären oder wenigstens\nVertretung finden könnten. Warum nicht mit dürren\nWorten die ausschliessliche Richtung verkündigen, der\nman huldigt? JedeSecte muss damit anfangen, ihre Grund-\nsätze offen zu bekennen und ihre Anhänger fest an einan-\nder zu schliessen; dagegen ist nichts einzuwenden, es mag\nsogar dem Allgemeinen nützlich sein, und historisch be-\nrechtigt ist die Sache jedenfalls. Aber in der Kunst ist es\nanders, als in der Wissenschaft: die Kunst verlangt Thaten\nund nicht bloss Theorieen, bei ihr geben nur die Resultate\ngültiges Zeugniss für die Wahrheit der Lehre, und die\nThaten, welche hier verlangt werden müssen, heissen seit\nJahrhunderten Kunstwerke, und diese sind es allein, an\nwelche der prüfende Maassstab gelegt werden kann, ob\nein neu schaffender Genius erstanden sei oder nicht; ja,\nsie bedürfen dieser Prüfung gar nicht, denn sie werden\nsich selbst Bahn brechen. Dem Herold allein, der, wenn\nauch mit noch so lauter Stimme, ihren Sieg verkündet,\nhört das Volk eine Zeit lang mit Neugier zu, kehrt ihm\naber den Rücken, wenn er nicht den Vorhang vor seinen\nBildern wegzieht und diese selber für sich zeugen.\n. In d ieser Beziehung wäre allerdings ein allgemeiner\ndeutscher Musikverein, welcher in jährlichen Aull ührungen\nuns Kunstwerke der Gegenwart vorführte, eine gar herr-\nliche Sache, und es ist in Ihrem Blatte oft genug davon\ndie Rede gewesen. Allein ohne die Einsetzung einer com-\npetenten Behörde, deren Pflicht es wäre, dabei den Wer-\nken jeder Richtung gerecht zu werden, würde ein solcher\nVerein für die Kunst eben so wenig wirken, als die Yer-\n\nn"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "300", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640917-01.1.4", "texte": "Bindung zur Förderung einer einseitigen Richtung es jetzt\nvermag. Zwar entschuldigt Herr Brendel die Nichtbeach-\ntung vieler Kunsterzeugnisse der Gegenwart dadurch, dass\nihre Schöpfer dem Vereine nicht beigetreten sind, was ja\nJedem frei stände. Warum sind sie aber nicht beigetre-\nten? Warum zählt der so genannte allgemeine deut-\nsche Musikverein neben Liszt nicht Männer wie Lachner\nund Hiller zu seinen Mitgliedern? Und wenn wir von die-\nsen Meistern absehen wollen, warum fühlen sich die ta-\nlentvollsten unter den jüngeren Componisten, wie Bargiel,\nBrahins, Bruch, Wüllner, Franz, Brambach u. s. w. nicht\nzu ihm hingezogen? Hic liaeret aqua! Nun, ein Be-\nrichterstatter spricht von „überraschenden Bekehrungs-\nfällen in Karlsruhe\" ein recht charakteristischer Aus-\ndruck, der in einem einzigen Worte den Commentar zu\nden „allgemeinen Tendenzen\" des Vereins liefert.\nKönnte ein wirklich allgemeiner deutscher Musik-\nverein zu Stande kommen, so würden sich auch die Mittel\nfinden, dessen Wirkung auf das Publicum durch grosse\nöffentliche Aufführungen zu ermöglichen. Erlebt doch\nschon der gegenwärtige einseitige Verein mächtige Unter-\nstützungen, welche von der ganzen Künstlerwelt dankbar\nanzuerkennen sind. Die Grossherzoge von Weimar und\nvon Baden und der Fürst zu Hohenzollern-Hechingen zu\nLöwenberg werden als Beschützer und Gönner des Vereins\ngenannt; namentlich hat der Grossherzog von Baden nicht\nnur die Theaterräume in Karlsruhe zu den diesjährigen\nVersammlungen und Aufführungen bewilligt, sondern auch\ndie Kosten derselben auf seine Casse angewiesen und\nsämmtliche Kräfte der Oper und der Capelle zur Verfü-\ngung gestellt.\nDas erste Concert wurde durch einen Marsch von\nLassen eröffnet, worauf folgender Prolog von Ludwig\nEckardt durch die Hof-Schauspielerin Frau Lange ge-\nsprochen wurde:\nGruss Euch, der Tonkunst edle Freunde, Gruss!\nBeglückt betritt die Muse diese Hallen,\nDie edler Sinn dem Edlen nur erbaut,\nFern dem Gemeinen, fern dem Dienst des Tages,\nVor dem es reinen, keuschen Seelen graut.\nDoch froher noch naht heut' sie diesem Orte:\nGeöffnet weit seh' ich des Hauses Pforte\nUnd rauschen hör' ich einer Zukunft Geister\nHoch über mir, und wallen seh' ich dort\nDer Künstler Pilgerscharen Jünger, Meister\nDie Locke hier noch blond und dort ergraut;\nDoch Alle küsste sie der Töne Braut!\nSei Eurem Schutz die Sängerschar empfohlen!\nSie ist's; denn sind auch fremd, die hier erschienen,\nSie ist bei Euch daheim, die Göttin, der sie dienen.\nVerschmäht der Gaben keine, nicht die kleinste;\nBescheid'ner, ernster Sinn reicht jede dar,\nUnd müsst Ihr strenge richten, müsst Ihr tadeln,\nGesteht doch Allen, dass sie deutsch gefühlt,\nGedacht, gestrebt .... Dies Urtheil wird sie adeln.\nVon Ilm-Athen, der Goethe-Schiller-Stadt,\nZog dieses Festes Banner aus zu Euch;\nIhr staunt doch nicht, dass deutscher Töne Priester\nDen Zug empfanden, den ganz Deutschland theilt,\nDen Zug zum freien Rhein, zu diesem Land,\nDer treuen Gränzhut echten, deutschen Sinnes?\nUnd wollt Ihr wissen noch, was unser ganzes Volk,\nWas jedes deutsche Streben hieher weist?\nIhr kennt die Sage vom KyfFhäuserberge ....\nEs ist ein neuer deutscher Friedrichgeist!\nDer Freiheit zieht die Kunst voll Sehnsucht nach,\nWie sich die Blume zu der Sonne wendet;\nIm freien Staat nur wurzelt echte Kunst,\nAm Sarg der Freiheit hat sie stets geendet.\nSie breitet drüber dumpf ein Gräbertuch:\nIhr tiefstes Schweigen . . ... Das ist des Sängers Fluch!*)\nWir leben eine wunderbare Zeit,\nDie leicht uns wie ein Traum erscheinen könnte,\nWenn nicht der Blitze Zucken in den Höhen,\nWenn nicht der Erde Beben unter uns\nAn ernste Wirklichkeit den Träumer mahnte.\nDie Väter unsres Volkes sprachen einst\nVon Wodan's wilder Jagd, vom Zug des Gottes,\nDer, Eichen splitternd, durch die Wälder fuhr ....\nSo zieht zu dieser Frist der Weltengeist\nAuf Sturmesflügeln ob der Erde hin,\nUnd vor, mit ihm ein wildes Heer Gedanken,\nIdeenblitze, die herniederfahren\nAus unbekannten Höhen, schrecken, zünden!\nWir fühlen ihren Segen, ihres Zornes Hauch\nBegeistert folgen wir, wie es die Sagen künden,\nDer wilden Jagd es gibt kein Widerstreben\nDas ist die neue Zeit, der Menschheit neues Leben,\nWie kommt die Kunst zu solchen düstern Bildern?\nSie wegzusclieuchen war ja sonst ihr Amt,\nDie Menschheit einzulullen, süsse Weisen\nZu singen, wenn 'ne Welt zusammenstiess! ?\nDem Tage Heil, der uns die Schmach erliess!\nSeht, wenn die Windsbraut Eich' und Wald erschüttert,\nBebt auch die wilde Ros' am Waldessaume ....\nDaher, Gedanken ihr, für die die Menschen streiten,\nVon heute an zieht auch durch unsre Saiten!\nNicht bloss das Herz, nicht bloss das Lied der Liebe\nBesingen wir mit Mozart's „Zauberflöte\":\nWir wollen Geistes-Prophetie uns weihen,\nDen Stimmungen des Geist's auch Töne leihen.\nBeethoven's Stern zieht leuchtend uns voran;\nEs liegt ein Bethlehem auf seiner Bahn!\nMit Euch lasst uns die alten Meister ehren,\nDoch nicht auf Gräbern weilen, wenn das Leben ruft;\nEs ist uns nicht gegönnt, wie sie zu singen\nWir sind noch Schüler, irren noch und ringen;\nNur wollen wir nicht mit dem Todten modern,\nEs sollen neue Flammen aus der Asche lodern.\nWohl lächeln Viele ob der Kunst der Zukunft,\nWie ihr aus manchem Spott vernommen habt;\n\n*) „Des Sängers Fluch\" von Hans von Bülow."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "301", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640917-01.1.5", "texte": "Der Zukunft? Nein! Es ist die Kunst der Gegenwart:\nWir geben nur zurück, was Ihr uns gabt.\nEs kann der Künstler nicht aus seiner Zeit heraus,\nEr wirkt in dem von Euch gebauten Haus,\nUnd schmäht Ihr ihn, so schmähet Ihr Euch selbst,\nUnd lobt Ihr ihn, so habt Ihr in dem Loben\nNur Eure Zeit und nur Euch selbst erhoben.\nWas Euch die Kunst auch zeigt in ihrem Spiegel,\nIhr schuft es selbst, Ihr warft es in den Tiegel.\nSo hebt die Kunst sich über Alle weit,\nSie überragt uns, sie, das Bild der Zeit.\nWir sind von Eurem Fleisch, von Eurem Blut\nEin ixopfen nur. . . . Nennt Ihr das noch der Zukunft Kunst?\nSo brich denn los, erzähl1, du Volk der Töne,\nWas Tasso*) litt, damit ihn Rom einst kröne,\nWie um die Freiheit rangen Ungarns edle Söhne**),\nWie selbst im starren Norden ein Tyrann***)\nIn aller Macht erliegen musst1 dem Mann1,\nDem Gott das Mächtigste gab in die Seele,\nDes Geistes Ruf: „Du bist es, den ich wähle 1\"\nUnd habt von alten Tagen ihr gesungen,\nVom Hochzeitszug des Herrn der Nibelungen f),\nDes deutschen Siegfried's junge Herrlichkeit,\nSo malt uns, Töne, den C olum busstreit ff),\nDen Streit mit der Beschränktheit und dem Zweifel,\nLasst flattern ob uns das Columbuswort:\n„Nach West, nach West!\" und gebt der Zeit den Trost:\n„Wenn auch der Ringer Indien nicht fand,\nVielleicht entdeckt dafür er neues Land!\"\nDoch still zuletzt aus hoher, heiFger Ferne\nKlingt noch ein Lied, das letzte, an mein Ohr.\nEin Lied der Klage, dass in diesen Kampfestagen\nDie Menschheit ihren Vater, Gott, verlor.\nWer kennt die Sprache nicht der Davidsüeder:\n„Willst Du Dein Antlitz ewig von uns wenden?\"fff)\nSo beten wir mit bang gehob'nen Händen ....\nUnd Tröstung fliesst auf Tönen zu uns nieder;\nVersteht die Zeit und lernet Neues bauen\nAn Glaubens Stelle tritt ein frommes Schauen;\nDas Wesen Gottes hat sich neu erhellt ....\nDie Kunst versetzt Euch in dies Herz der Welt! ... .\nDas singen wir . . . doch nein . . . wir möchten's singen.\nBringt uns, der deutschen Kunst, ein deutsches Volk,\nDie Liebe, Pflege eines Volks entgegen;\nDenn ohne Volk und Zeit ist alles Streben\nNur armer Tand, nur Täuschung, leerer Dunst;\nDarum lasst preisend uns das Eine stets erheben:\nDie volkentsprossene, vom Volk getrag'ne Kunst!\n(Schluss folgt.)\n\n*j Ouvertüre zu Byron's „Taüso\"* von Heinrich Strauss.\nConcert in ungarische]* Weise von Joachim, vorgetragen\nvon . ■ .\n***) Ouvertüre zu Puschkin1« „Boris Godunow\" von Arnold,\nt) „Siegfried's Hochzeitszng4' von Bach,\nff) Columbus-Symphonieu von Abert.\nfff) 13. Psalm von Franz Liszt.\n\nDas zweite Fest des rheinischen Sängervereins zu\nAachen den 4. September 1864.\n(„Velleda\" von C. J. Brambach „Heinrich der Finkler\"\nvon F. Wüllner.)\nDie Veranlassung zur Gründung des „rheinischen Sän-\ngervereins\" durch die „Liedertafeln\" von Aachen,\nBonn (Concordia), Crefeld, Elberfeld und die „Män-\nner-Gesangvereine\" von Köln und Neuss, so wie\ndie Zwecke desselben haben wir in Nr. 38 und 41 des\nvorigen Jahrgangs dieses lilattes aus einander gesetzt und\ndabei das erste Jahres-Concert desselben, das in Ivöln am\n4. October v. J. Statt fand, besprochen.\nlrotz der grossen Menge von Sängervereinen in\nDeutschland, oder richtiger wegen dieser Menge, haben\nwir die Bildung dieses neuen Bundes in seiner weisen Be-\nschränkung auf sechs Vereine freudig begrüsst, weil er ein\ndoppeltes Ziel im Auge hat, dessen Verfolgung unseren\nund gewiss den Wünschen aller Freunde der Vocalmusik\nentspricht. Denn einmal hat die Ueberzeugung, dass der\ndrohenden Ausartung des Männergesanges, der seiner Na-\ntur nach gewiss eine schöne Blüthe der Tonkunst der\nneueren Zeit ist, nicht so sehr durch bloss massenhafte,\nals vielmehr durch technisch möglichst vollkommene Auf-\nführungen entgegen gearbeitet werden könne, ihn hervor-\ngerufen, und zweitens hat die Wahrnehmung der Ueber-\nflutung des musicalischen Marktes für diese Gattung durch\noft sehr flache Compositionen den Entschluss des Vereins\nzur Reife gebracht, die Hälfte des Reinertrages einer jähr-\nlichen Concert-Auflührung zu Preisen zu bestimmen, wel-\nche ernsten grösseren Compositionen für Männerchor und\nOrchester, ohne als Solostimmen den Sopran und Alt aus-\nzuschliessen, zuerkannt werden sollen, und zwar ohne den\nComponisten das Eigenthumsrecht an den gekrönten Wer-\nken zu verkürzen.\nDie aachener Liedertafel war schon vor Grün-\ndung des rheinischen Sängervereins durch ein Preis-Aus-\nschreiben vom 15. Februar 1863 in den Besitz zweier\ngekrönten Werke für Männerchor und Orchester gekom-\nmen, und es war ganz in der Ordnung, dass die Auffüh-\nrung derselben den Kern des Programms zu dem Concerte\nam 4. September bildete. Diese Aufführung hat denn\nauf wirklich glänzende Weise bewiesen, dass die Preis-\nAusschreibungen, wenn man nur dabei den Componisten\ndie gehörige Freiheit lässt, denn doch nicht so erfolglos\nsind, wie man sie oft freilich zum Theil auf Erfahrungen\ngestützt darstellen hört, denn dieses Mal haben sie An-\nregung zu zwei wirkungsvollen Compositionen in grossem\nStile gegeben, die wir als einen wahren Gewinn für die\nLiteratur des Männergesanges bezeichnen können."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "302", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640917-01.1.6", "texte": "Es sind dies: „Vell e d a\", Gedicht von G. Pfa rri us,\nfür Soli (Sopran, Tenor und Bariton), Männerchor und Or-\nchester componirt von C. Jos. Brambach, städtischem\nMusik-Director in Bonn und „Heinrich der Fink-\nler\", Gedicht von Karl Lemcke, für Soli (Bariton und\nBass), Männerchor und Orchester componirt von Franz\nWüllner, städtischem Musik-Director in Aachen.\nDie Ausführung der Chöre durch einen Verein von\nso zahlreichen und so klangvollen Männerstimmen und\ndurch das vortreffliche Orchester, zusammengehalten und\nbegeistert durch die energische Leitung des Fest-Dirigen-\nten Herrn Fritz Wenigmann aus Aachen, war so\nprächtig, sowohl in dem Brambach'schen, als in dem Wüll-\nner'schen Werke, wie wir sie noch kaum je gehört haben,\nso dass auch wohl beide Herren Componisten ihre Schö-\npfungen so bald nicht wieder so aus- und eindrucksvoll\nwerden ausführen hören, wie an diesem Abende.\nDie Zahlenverhältnisse der Mitwirkenden waren fol-\ngende. Der Chor bestand aus 230\nüber 100 Tenoristen; die Vereine Aachen, Bonn, Köln,\nCrefeld und Neuss hatten ihre besten Sänger von den gu-\nten gestellt, denn schlechte haben sie nicht. Das Orchester\nzählte bei 27 Violinen und 24 Violen, Violoncellen und\nBässen überhaupt 69 Personen, so dass mehr als 300\nPersonen das ausführende Personal bildeten. Wir wollen\nzugeben, dass die ausgezeichnete Akustik in dem neuen\naachener Cursaale zu dem vollen Klange beitrug: aber im-\nmer bleibt es wahr, dass Stimmen und Vortrag der ver-\nsammelten Sänger eine grosse und künstlerisch bedeutsame\nWirkung machten und allen Dank für ihre Leistungen\nverdienen. Ob bei allen Zuhörern? Gewiss! denn das zeigte\nder allgemeine Enthusiasmus, wovon wir nur eine Aus-\nnahme bemerkten, die wir unseren Lesern nicht vorent-\nhalten wollen.\n„Ist das ein Sängerfest?\" sagte ein Zuhörer am\nSchenktische ganz unwillig zu seinem Nachbar „kein\nZug durch die Strassen, kein Ehrenwein, keine Fahnen,\nkeine Böller!\" „Nun, sie haben aber doch schön gesun-\ngen,\" erwiederte dieser.— „Ach was, gesungen! Der Ge-\nsang ist Nebensache! Da kommen Sie einmal zu uns nach\n****, da werden Sie was Anderes erleben!\"\nAusser diesen beiden grösseren Werken sang der Ge-\nsammtchor noch zwei sehr schöne Gesänge von Franz\nSchuberti „Hymne an den heiligen Geist\", für Solo-\nQuartett und Chor mit zarter Harmonie-Begleitung, und\n„Mondenschein\", fünfstimmig und nach der Ciavierstimme\ngeschickt und bescheiden instrumentirt von F. Wenigmann.\n—Der Einzelvortrag, welcher statutgemäss nur von einem\nVereine Statt finden darf, war dieses Mal dem kölner\nMänner-Gesangvereine übertragen, welcher F. Otto's\n„Der schöne Schäfer\" und Mendelssohn's „Liebe und\nWein\" unter seinem Dirigenten Franz Weber mit be-\nkannter Meisterschaft im schmelzendsten Wohllaute und\nin ausdrucksvollster Nuancirung des Vortrages sang.\nDas Gedicht „Velleda\" von Gustav Pfarrius be-\nhandelt den Ueberfall der römischen Flotte auf dem Nie-\nderrheine bei der Stadt der Übier (Köln) durch die Ger-\nmanen, wobei nach Tacitus' Berichte eine Deutsche, die\ner Claudia Sacrata nennt, den römischen Feldherrn Peti-\nlius Cerealis vor der Gefangennehmung rettete. Es war\nindess nicht die Absicht des Dichters, das dramatische Ele-\nment, das in diesem Stoffe liegt, auszubeuten, sondern er\nhat von vorn herein einen Text für Composition eines Con-\ncertstückes im Auge gehabt. Desshalb schien ihm auch wohl\nder versöhnende Schluss und sogar eine prophetische Hin-\nweisung der deutschen Seherin auf die Herrschaft des\nChristenthums für den oratorischen Stil der Musik not-\nwendig. Diese Schlusswendung ist freilich eine grosse li-\nceniia poetica, allein der Inhalt des Gedichtes überhaupt\nist geschickt gegliedert und bietet durch die vorgeführten\nSituationen sehr geeigneten Stoff für musicalische Compo-\nsition. Diesen hat C. Jos. Brambach mit grossem Ta-\nlente sowohl in den lyrischen Stellen, als in den heroischen,\nwelche vorherrschen, benutzt und ein musicalisches Ganzes\ngeliefert, das von Anfang bis Ende fesselt, ohne durch\nLängen zu ermüden, und namentlich in den Chören einen\ncharakteristischen und grossen Stil entfaltet, der nicht durch\nlärmende Klangwirkungen betäubt, sondern den Ausdruck\nder Kraft in energischen Motiven und deren Entwicklung\nzu kunstgemässer Form mittels rhythmischen Schwunges,\nharmonischen Flusses und orchestraler Fülle zu erreichen\nsucht, worin man die Schule F. Hiller's erkennt. Bram-\nbach vollendete nämlich, wie M. Bruch, als Stipendiat der\nMozart-Stiftung in Frankfurt seine Studien unter der Lei-\ntung Hiller's, und der Meister kann in der That auf\nKunstjünger, welche bereits Werke wie die Oper „Lore-\nlei\" und die Cantate „Velleda\" neben vielen anderen\nschätzenswerthen Compositionen geliefert haben, mit Recht\nstolz sein.\nDie „Velleda\" enthält drei Scenen, von denen die\nerste (Velleda, Priester und Volk) im Haine vor Velleda's\nThurme, die zweite (Claudia, Cerealis, römische Krieger)\nim Lager der Römer am linken Rheinufer, die dritte (Vel-\nleda, Cerealis, Priester und Volk der Deutschen) wiederum\nin dem Haine am rechten Ufer spielt.\nDie erste Scene beginnt nach einem Vorspiel von nur\nwenigen Tacten mit einem ruhig gehaltenen Chor der Prie-\nster, in welchem die Stelle: „Der Vollmond aber steigt\nempor\", u. s. w. zu einer malerischen Steigerung Veran-\nlassung gibt, welche auch nach den vielfach da gewesenen"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "303", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640917-01.1.7", "texte": "ähnlichen dem Componisten doch recht gut gelungen ist,\nwogegen uns der Ausruf: „Velleda!\" am Schlüsse im Uni-\nsono fortissimoweniger behagt, weil es die einzige Stelle\nim ganzen Werke ist, die auf so genannten Effect berech-\nnet ist, der hier ganz unmotivirt scheint. Der folgende Ge-\nsang der Velleda hal sowohl in seinem recitativisch-decla-\nmatorischen Theile, als in der Arie mit Chor.viel Leben,\njedoch erhebt sich das Talent des Autors zu grösserem\nSchwünge, wenn die Priester am Schlüsse der Arie mit\ndem Volke in den stürmischen Ruf: „Hinaus aus der Wäl-\nder Nacht, Auf zum Rhein, wo Sieg uns lacht!\" ausbre-\nchen. Dieser Satz ist ein glänzend durchgeführter Chor in\nA-dur, 4/4-Tact, Allegro molto energico.\nEs war keine leichte Aufgabe, unmittelber auf diese\nNummer die folgende Lagerscene mit dem Bacchanal der\nrömischen Soldatenhorden zu eröffnen, da dieser wiederum\nden Aufwand von allen musicalischen Mitteln erforderte.\nAllein der rohe Jubelchor, in welchem die Römer dem\nBacchus und der Venus im Gefolge des Mars huldigen, ist\nein sehr wirkungsvoller Satz, dessen trefflich getroffener\nwilder Charakter {Allegro molt 2/4-Tact,\ndur) durch einen Mittelsatz in B-dur unterbrochen wird,\nwelcher auf die Worte: „Schmückt euch mit Kränzen\",\nu. s. w. ein weniger schroffes Motiv eintreten lässt, das\ndurch geschickte Behandlung nur im Rhythmischen den\nCharakter des D-dur beibehält, im Melodischen aber einen\nmilderen Ton anschlägt, bis nach einer plötzlichen Zurück-\nführung in die Haupt-Tonart der erste Satz wieder einfällt\nund zum Schlüsse führt.\nDas darauf folgende Duett (F-dur, 4/4-Tact, Andante\ncon moto)zwischen Claudia und Cerealis (Sopran und Te-\nnor) hüllt die schönen Verse in reizende Melodieen von\neinfach getragenen Tönen.\nDas stille Herannahen der Nachen, welche die Deut-\nschen vom rechten Ufer nach dem linken tragen, ist durch\neinen Chor in A-moll,6/s-Tact,\nausgedrückt, welcher in der Ausführung seine Schwierig-\nkeit hat, zumal da er durchweg pianissimo gesungen wer-\nden muss; auch können wir nicht sagen, dass er uns be-\nsonders angesprochen hätte. Sobald aber die Landung\nvollbracht und die Germanen die Schiffe und das Lager\nder Römer anzünden, tritt das Talent Brambach's mit dem\nSchlachtgesange in A-dur (Allegro con fuoco, 4/4-Tact):\n„Hailoh! hollah! Teut's Kämpfer sind da!\" wieder in sei-\nner ganzen Kraft auf. Es bildet dieser Gesang den läng-\nsten und ausgeführtesten Chor des Werkes, und zwar mit\nso viel Schwung und in einem so grossartigen Charakter\n(der besonders in seiner letzten Hälfte von den Worten an:\n„Genaht ist die Stunde der Rache\", auf welche ein höchst\nenergisches Motiv im Unisono mit wahrer Wucht eintritt),\ndass die Musik in der dritten Scene nur schwer sich auf\nder Höhe desselben erhalten kann. Es ist diese Nummer\num so preiswürdiger in Erfindung und Ausführung, als\nschon die vorhergehenden Chöre einen grossen Theil der\nzu Gebote stehenden musicalischen Ausdrucksmittel in An-\nspruch genommen hatten. Sie ist ein Schlachtgemälde mit\nChor, das vor einem Theaterchor die breite und ausge-\ndehnte Form voraus hat, welche die Cantate im Gegensatz\nzu der Oper verstattel, und diese Form ist hier so glück-\nlich ausgefüllt, dass die Musik allein ersetzt, was der Brand\nder Schiffe und d es La gers bei theatralischer Darstellung\nder Scene zu dem Gesammt-Eindruck hinzuthun würde.\nIn der letzten Scene verkündet ein Führer der Deut-\nschen der Velleda den gelungenen Ueberfall des römischen\nLagers, aber auch die Rettung des Cerealis durch ein\nWeib, welches man gefangen herbeiführt. Velleda ver-\nhängt über sie den Tod: allein Cerealis erscheint und ver-\nkündet, dass Claudia keine Römerin, sondern eine Deut-\nsche vom Stamme der Übier sei. Velleda verzeiht:\n„Claudia, durch deine Hand\nIst neu geknüpft ein Friedensband,\nDas mit den Römern uns umschlingt,\nBis jenes Licht herüber dringt\" u. s. w.\nVon der Musik bis zum Schlüsse dieser Rede der Seherin\ngilt besonders, was wir oben bemerkten. Dagegen wird\ndie Composition der beiden letzten Nummern, eines Arioso\nder Velleda: „Sie haben seinen Stern geseh'n im Morgen-\nlande\" , mit Chor, und des Schlusschors: „Betet an die heil'ge\nMacht\", wieder ganz dem Geiste ebenbürtig, der in den\nbeiden ersten Abtheilungen waltet. Uebrigens umfasst die\ndritte Scene nur ein Fünftel des Ganzen.\nDie Ausführung der Cantate „Velleda\" war vortreff-\nlich. Von dem Chor und Orchester haben wir schon oben\ngesprochen. Beide Sopran-Partieen (die nicht zusammen\nvorkommen) sang Fräulein Henriette Röhn vom llof-\ntheater zu Mannheim mit ihrer klangvollen, weittragenden\nund doch selbst in der Höhe niemals scharfen Stimme ganz\nvorzüglich, und die Tenor-Partie des Cerealis trug Herr\nGöbbels von Aachen namentlich in dem Duett mit\nClaudia recht zart und ausdrucksvoll vor.\nWiederholter lebhaftester Applaus und Hervorruf\nwurden dem Componisten zu Theil.\nDen ganzen zweiten Th eil des Concertes füllte die\nAufführung von F. Wüllner's Cantate „Heinrich der\nFinkler\", Gedicht von Karl Lemcke.\nDas Gedicht hat den Zwist des Herzogs Heinrich von\n•Sachsen mit dem deutschen Könige Conrad I. von Fran-\nken, hauptsächlich die Beendigung desselben durch Con-\nrad's Tod und dessen Empfehlung Heinrich's zu seinem\nNachfolger, zum Gegenstande. Der Dichter hat sich aber"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "304", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18640917-01.1.8", "texte": "nur im letzten Theile an die Geschichte gehalten; in den\nbeiden ersten hat er den Stoff mehr mit der Tendenz auf\nDeutschlands Heil, das nur in der Einheit erblühe, bear-\nbeitet, wodurch bewogen er denn auch den Herzog Hein-\nrich nicht als den kriegerischen Helden, der für sein Land\nund seine Selbständigkeit kämpft, darstellt, sondern als\neinen frommen und demüthigen, nur für die Einheit\nDeutschlands begeisterten und desshalb opferwilligen Für-\nsten. Abgesehen von dieser Auffassung des Haupthelden,\nwelche für eine so hervorragende historische Grösse un-\npassend ist, hat er es verstanden, durch wechselnde Situa-\ntionen und Einführung von Chören verschiedener Volks-\ngruppen Gelegenheit zu musicalischer Charakterislik zu\ngeben; eine dramatische Handlung ist nicht vorhanden,\nund der Schluss wird nur durch einen Bericht über Con-\nrads Tod herbeigeführt.\nDie erste Scene führt uns nach einem „Prolog\",\nwelcher in seinem letzten Verse.: „Wann kehrt auch uns\nder Tag (der Einheit) zurück?\" die Tendenz des Gedichtes\ndeutlich ausspricht den Herzog Heinrich am Morgen\neines Frühlingstages einsam im Walde vor, durch den in\nder Ferne ein Zug von Pilgern vorüber wandelt. Heinrich\nbegrüsst den frischen, jungen Tag; während die Pilger die\nZwietracht des deutschen Reiches beklagen, bittet er Gott\num Kraft in dieser Noth des Vaterlandes und um Leitung\nauf den rechten Pfad.\nChor von Jägern auf und spottet der besiegten FYanken;\nWald- und Bergleute ziehen mit Gesang auf die Arbeit\nund hoffen, dass auch Deutschland seinen Morgen finden\nwerde. Fleinrich spricht seinen Entschluss aus, König Con-\nrad zu ehren um des Friedens willen. Ein Bote meldet\nden Heranzug der Franken (dritte Scene); es ist ein\nTrauerzug, an dessen Spitze Conrad's Bruder Eberhard.\nEr berichtet den Tod des Königs und bringt auf sein Ge-\nheiss dem Herzoge Heinrich die Reichs-Kleinodien. Der\nChor des Volkes huldigt ihm und preist das Ende der\nZwietracht.\n(Schluss folgt.)\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nMainz, 5. September. Vorgestern wurde unser Stadttheater\nmit Schiller's „Don Carlos\" eröffnet, während die Oper gestern mit\nden „Hugenotten\" debutirte. Wir konnten es nie für zweckmässig\nund im Interesse der Direction wie der engagirten Mitglieder für\nSchauspiel und Oper finden, wenn die letzteren gleich in den ersten\nProbe-Vorstellungen, von deren Erfolg die dauernde Gültigkeit der\nrespectiven Contracte abhängig gemacht wird, auf die gefährlichsten\nKlippen geführt werden, indem man Stücke und Opern wählt, welche\nzu ihrer Besetzung das ganze Personal derartig in Anspruch neh-\nmen, dass einzelne Mitglieder unausbleiblich in Rollen debutiren\nmüssen, welche dem Publicum nicht gestatten, sich ein billiges Un-\ntheil über ihre Leistungsfähigkeit zu bilden. Dazu kommt noch, dass\ndie Aufführung so schwieriger Stücke mit ganz neuen Kräften, die\nsich gegenseitig noch viel zu wenig kennen, und meistens auch noch\nmit einem neuen Capellmeister, der sein Orchester, so wie dieses\nihn erst kennen lernen muss, unausbleiblich an gewissen Schwan-\nkungen und Unebenheiten leiden muss, die unter den angeführten\nVerhältnissen selbst unter der gewandtesten Leitung nicht zu verhü-\nten sind. Die Aufführung der „Hugenotten\" hat diese unsere Ansicht\nvollkommen bestätigt, ohne dass wir dem oben Gesagten zufolge den\nneuen Capellmeister, Herrn Dr. Otto Bach, dafür verantwortlich\nmachen wollen, welcher im Gegentheil die ihm etwa noch fehlende\nRoutine im Opernwesen durch seine hohe musicalische Bildung,\ndurch Energie und schnelle Uebersicht wohl leicht ersetzen wird.\n(Südd. M.-Z.)\nStNachdem die Musikliebhaber Stuttgarts durch das\nallgemein verbreitete Gerücht, Herr Dionys Pruckner, der in\nden weitesten Kreisen bekannte Clavier-Virtuose, wolle seine Stellung\nan der hiesigen Musikschule aufgeben und Stuttgart verlassen, auf\ndas schmerzlichste berührt worden waren, ist die Ernennung des\nvortrefflichen Künstlers zum Hofpianisten Sr. Majestät des Königs\nvon Würtemberg mit um so grösserer Freude aufgenommen worden,\nals nun Herr Pruckner unserer Stadt und seinem ausgedehnten Wir-\nkungskreise erhalten bleiben wird.\n(Ein Concert in der Wolfs schlucht.) Der „Minestrel\"\nberichtet: Ein Concert ganz neuer Art ist vor Kurzem zu Fon-\ntainebleau von zwei Musikern gegeben worden, dem Pianisten\nund Organisten Lavignac und dem Clarinettisten Favre, einem Vir-\ntuosen von Kuf. In der Nacht versammelte sich auf die Einladung\nder beiden Künstler eine zahlreiche Gesellschaft bei klarem Mond-\nlichte an einer der romantischsten Stellen des Waldes, genannt „Die\nWolfsschlucht\" {La Gorge aux loups)) zwei .Stunden von der Stadt.\nAuf einer freien, von uralten Eichen umgebenen Stelle erhebt sich\nwie eine Kanzel ein Felsblock. Auf diesem stand ein Melodium\n(orgue expressif) und an den Bäumen waren grosse Laternen mit\nReflectoren angebracht. Die Zuhörer sassen und lagerten sich in\nGruppen auf Moos und Käsen. In diesen Hallen\" trugen\ndie Künstler auf der Höhe ihre Duo's vor, Melodieen von Weber,\nFranz Schubert, das Weihnachtslied von Adam und einige Stücke\nvon ihrer eigenen Composition. Der Eindruck soll ein zauberhafter\ngewesen sein. Nach dem Concerte nahm man ein mitgebrachtes länd-\nliches Abendessen ein und kehrte erst mit Anbruch des Tages wie-\nder in die Stadt zurück."}]}