{"numero_id": "bm-bmtnabi-1864-12-24-01", "volume": "bmtnabi_1864-12-24_01", "ocr_sha256": "5afb8d07472413a68ad3ecdfcd5be0c7017c01b07ac10e172d95f6b34758c2f4", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1864/12/24_01/bmtnabi_1864-12-24_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18641224-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1864-12-24-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1864-12-24_01#c001", "volume": "bmtnabi_1864-12-24_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "409", "page_fin": "409", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18641224-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "409", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18641224-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 394, "texte": "Inhalt.\nGeschichte der Musik von A. W. Ambros. Aloys Ander (Nekrolog). Aus Hamburg (Musik-Aufführungen\nFräulein Tietjens Frau Clara Schumann HändeFs „Messias\"). Fünftes Gesellscliafts-Conccrt in Köln im Gürzenich. Tages-\nund Unterhaltungsblatt (Köln, zweite Soiree für Kammermusik Bielefeld, Aufführung von F. Hiller's „Die Zerstörung Jerusa-\nlems\" München, R. Wagner's „Fliegender Holländer\")."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1864-12-24-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1864-12-24_01#c002", "volume": "bmtnabi_1864-12-24_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "409", "page_fin": "411", "image_debut": 1, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18641224-01.2.2", "titre_corps": "Geschichte der Musik von A. W. 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Und wollen wir nicht die höchsten Forderungen\nanlegen, so müssen wir doch für ein universelles Werk,\nwie jener Titel andeutet, klare Anordnung und überzeu-\ngende Entwicklung selbst auf niederem Standpunkte for-\ndern. In Vortheil steht die Musikgeschichte allerdings\ndarin, dass nach einmaliger kritischer Sicherstellung anti-\nker Kunstwerke die Kluft zwischen Original und Copie\nnicht so gross ist, wie z. B. bei plastischen Werken;\ndenn ein Tonsatz, einmal richtig copirt, kann jederzeit der\nAnschauung genügend wiedergebracht oder doch lesend\nverstanden werden, während der beste Kupferstich den\nwirklichen Raphael und Phidias nur ungenügend abschat-\ntet. Jener Vortheil wird jedoch aufgewogen durch die\nSchwierigkeit, den Fortschritt der Ideen nachzuweisen,\nwelche die Tonkunst in sich selbst und in Wechselwirkung\nder allgemeinen Zeit-Ideen vollzieht. Reissmann's, des\nLieder-Historikers, seltsames Postulat, die Musikgeschichte\nals Geschichte des Tones aufzufassen, kann, einfältig\nverstanden, nichts Anderes bedeuten, als Geschichte der\nphysikalisch beweisbaren, psychologisch erklärbaren Ton-\nSysteme. Das hierzu vorliegende umfangreiche und ziem-\nlich durchgearbeitete Material würde aber nur den leib-\nlichen Hintergrund bedeuten, nicht die Seele der Kunst\naufschliessen; das Beste bliebe jenseits liegen, nämlich die\nZeitentwicklung der Kunst formen: wie sich Rhyth-\nmus, Harmonie und Melodie selbständig und wechselwir-\nkend aus Einheit in Mannigfaltigkeit fortbewegen, wie in\nund aus ihnen der Contrapunkt, die moderne Modulation,\ndie Typen der Idealformen hervorgehen.\nDas vorliegende Werk hat bei Erscheinen des ersten\nTheiles mehr ungünstige als beifällige Aufnahme gefun-\nden; eine unbedingt verwerfende Recension hat Paul\nMarquard ergehen lassen in der Deutschen Musik-Zei-\ntung, 1862, S. 233, worauf wir die Leser verweisen, da\nwir in den Grundzügen uns ihr anschliessen müssen, ob-\nwohl der jugendliche Eifer jenes Recensenten über den\nerheblichen Mängeln das doch vorhandene Gute übersieht,\nworunter wir verstehen die reichliche Mittheilung positiver\nTonsätze und Melodieen, namentlich indischer und arabi-\nscher, wenn auch ungleich an Werth und Beglaubigung.\nSelbst die Einführung der Aethiopen und Eskimos, welche\nMarquard's scharfem Tadel unterliegt, ist der Sache an-\ngemessen, da ihre rhythmischen und melodischen Ansätze\nelementar richtig gestaltet und dem (uns) allgemein gülti-\ngen Tongeiste angemessen sind, wobei dann freilich die\nwelthistorische Frage nicht gleichgültig ist, ob jene so ge-\nnannten Wildlinge Urmenschen heissen oder vielmehr aus\nvollkommnerem Zustande herabgesunkene. \\ ielleicht wird\nauch Marquard's Urtheil über den jetzt erschienenen zwei-\nten Theil milder sein, weil sich dieser auf mehr heimi-\nschem Boden bewegt, als der erste, der es lediglich mit\nden immer schwierigen Partieen der vorchristlichen und\naussereuropäischen Musik zu thun hat. Dem ersten Theile\nist folgende wunderliche Disposition vorgezeichnet:\nI. Buch. Die ersten Anfänge der Tonkunst. Die\nasiatische Musik.\n11. Buch. Die Musik der antiken Welt. A. Die Völker\nder vorhellenischen Cultur. Aegypter. Asiaten,\nSemiten.\n\n*) I. Band, XX und 547 S. 11. Band, XXVIII und 538 S. in\nOctav. Breslau, Leuckart. 1862. 1864. Yergl. die Anzeigen in\ndiesen Blättern, Jahrg. 1861, Nr. 51, und 1864, Nr. 45."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "410", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18641224-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5404, "texte": ". 111. Buch. Die Musik der antiken Welt. B. Die Völ-\nker der antik-classischen Cultur. Griechen. Rö-\nmer. Verfall der antiken Musik.\nDiese ersichtlich verwirrte Eintheilung ist störend,\ndoch wäre weder sie noch die philologischen und geogra-\nphischen Schnitzer für sich hinreichend, das Buch zu ver-\ndammen, wenn der musicalische Inhalt überall lichtvoll\nund selbständig dargestellt wäre. Was sich der Verfasser\nvorgesetzt hat, ist eine an die allgemeine Welt- und Cul-\nturgeschichte angelehnte, gleichsam aus ihr herausgear-\nbeitete Sondergeschichte seiner Kunst: ein grosses Unter-\nnehmen, worin Gervinus voranging, aber vielen Jüngeren\nmehr gefährlich, als heilbringendes Muster geworden ist.\nKugler's Kunstgeschichte, die Ambros als Vorbild nennt,\nbleibt doch in den Schranken ihres Berufes, gibt den all-\ngemeinen politischen und religiösen Ideen nur die Stelle\neines leuchtenden Hintergrundes und zieht sie nicht mehr,\nals dem Verständnisse nöthig, in die Erzählung hinein.\nUnseres Verfassers Weise entbehrt aber solcher Ruhe und\nConcentration. Und wenn wir auch, um dem Verfasser\nüberall gerecht zu werden, seine künstlerische Natur wie\nsein musicalisches Urtheil anerkennen, auch dankbar em-\npfangen, was er mit staunenswerter Belesenheit aus den\nverschiedensten Völkern Klingendes und Singendes zusam-\nmengetragen hat: diese Anerkennung kann nicht blind\nmachen gegen das Verfehlte, den Mangel an Kritik, Klar-\nheit und Ordnung. Der Gang der Erzählung ist oft durch\nSeitensprünge verdunkelt, die Sprache breit, bald witzig\nschillernd und burschicos, bald langweilig und ungelenk.\nBei dem imponirenden Material, das hier zusammenge-\nbracht, ist das Urtheil nicht vorsichtig genug, um Un-\nsicheres und Beglaubtes zu unterscheiden; so z. B. sind\nGaudentius und Eu klides, obwohl keine verächtlichen\noder entbehrlichen Zeugen, doch auch nicht als entschei-\ndende Autoritäten mit Aristoxenus gleich zu stellen.\nZudem ist ein grosser Theil des Gegebenen weniger aus\nden Quellen erhoben, als excerptenhaft compilirt; so na-\nmentlich ist das über die griechische Musik Gesagte fast\nlediglich aus 0. Müller's griechischer Literatur und Bel-\nler manns griechischen Tonleitern entlehnt und nur\ndurch verbindende Phrasen oder Analogieen und Seiten-\nblicke bald ausgeziert, bald ins Doppelte vergrössert, so\ndass dann oft die Literatur über der Musik überwiegt.\nManches im Original Dunkele ist hier nicht heller gewor-\nden; unter Anderem ist das räthselhafte arabische messet,\nin Kiesewetter's Arabischer Musik S. 25 noch leidlich un-\nklar beschrieben, hier bei Ambros, 1, 88, vollends unbe-\ngreiflich ; es soll ein harmonisches Tonmaass bedeuten,\nwelches jedoch in anderer als der seit Pythagoras üblichen,\nin Europa und Asien anerkannten exacten Weise berech-\nnet wird. Wir dürfen des Raumes halber nicht bei den\nEinzelheiten des ersten Theiles verweilen, und wollen nur\nnoch bemerken, dass es kein günstiges Vorurtheil für die\nKritik des Verfassers erweckt, wenn in der Vorrede X, XII,\nXIII, XVI so gar verschiedene Leute wie Weitzmann,\nBrendel, A. Kircber neben wirklichen Autoritäten wie\nKiesewetter, Winterfeld, Jahn, Chrysander, Bellermann\nauf Einem Brett genannt und als Muster bezeichnet wer-\nden; auch Ugolini Thesaurus prangt noch mit seinem\nSchilte-Haggiborim (207), auf den Forkel grosse Stücke\nhält, und der doch nichts ist, als ein jüdischer Schulmei-\nster des sechszehnten Jahrhunderts, der aus den Alexan-\ndrinern und Florentinern ins Neu-Hebräische übersetzt\nhat und von alttestamentlicher Musik so gut wie nichts\nweiss.—Auch den sehr incorrecten griechischen Druck er-\nwähnen wir nur, weil die Correctur auch im zweiten\nTheile viel zu wünschen übrig lässt.\nDer zweite Theil beginnt mit einer Vorrede, die\nausdrücklich bittet, nicht überschlagen zu werden, weil er\n„andere Pfade einschlage, als der erste\" (S. IX), und weil\nsie einige unvermeidliche Polemik bringe, zwar nicht ge-\ngen die gefährliche Recension des oben genannten Paul\nMarquard, die der Verfasser nicht zu kennen den Anschein\nhat, sondern nur gegen Joseph Schlüter, dessen Allge-\nmeine Geschichte der Musik (1863) zwar von künstleri-\nscher Gesinnung zeugt und grossentheils auf Selbsterleb-\ntem beruht, aber wissenschaftliche Ansprüche nicht erhe-\nben kann. Die günstige Beurtheilung, welche M. Car-\nriere (S. IX) dem ersten Theile von Ambros angedeihen\nlässt, gründet sich wohl mehr auf den blendenden allge-\nmeinen Eindruck, als auf nähere Einsicht des Inhalts. Wir\ndürfen diese Kritik der Kritik nicht übergehen, weil hier\nphilosophische und musicalische Parteilichkeiten sich gel-\ntend machen und, wie sich später zeigen wird, auch reli-\ngiöse Gegensätze hineinspielen. Die Ansicht über ältere\nMusik, welche darin nur eine kindliche Vorstufe der heu-\ntigen erblickt, wird nach Gebühr gegeisselt, XIV, XV;\nund das muss so lange geschehen, als es noch Dilettanten\ngibt, die Palestrina unmelodisch nennen, und Literaten,\ndie ihre Wissenschaft aus copirten Phrasen beziehen, wie\nBerlioz und seine Nachtreter in Deutschland. Die Dispo-\nsition dieses zweiten Theiles ist folgende: I. Buch: Die\nersten Zeiten der neuen christlichen Welt und Kunst\nDer Gregorianische Gesang—Die Karolingerzeit—Huc-\nbald, Organum —Guido, Solmisatio Troubadours,\nMinstreis Minnesinger Volkslied. 11. Buch: Die\nEntwicklung des mehrstimmigen Gesanges\nfalso lordone—Mensural-Musik und Contrapunkt Wil-\nhelm Dufay Anton Busnoys Zusätze Musik-\nBeilagen."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "411", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18641224-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3452, "texte": "Der zweite Theil ist inhaltreicher, als der erste, weil\neben die christliche Musik an sich inhaltreicher und ihre\nschriftlichen Aufzeichnungen vollständiger sind. Wenn nun\nauch die Darstellung von der des ersten nicht erheblich\nverschieden ist, da wir auch hier durch geistreiches Fun-\nkeln. Anekdoten, willkürliche Analogieen und anderes\nUeberflüssige öfter gestört als belehrt, und selbst durch\ndie Disposition nicht jeden Ortes genügend orientirt wer-\nden: so trägt doch dieser zweite Theil weit mehr Spuren\nder Selbstforschung, des Selbsterlebten, und die musicali-\nschen Beispiele sind bald anmuthig, bald belehrend selbst\nda, wo man an richtiger Entzifferung alter Notenschrift\nZweifel hegen muss, z. B. S. 279, wo der Anfang der\nEntzifferung dem Facsimile 277, nicht entspricht; ferner\n279, Z. 9, T. 3, verglichen mit dem Facsimile 278, Z.\n7, S. 459, wo obendrein die Nachbildung des Manu-\nscripts vermisst wird, muss man wenigstens zugeben, dass\ndie A.S emendirende Conjectur kunstgemäss und geist-\nreich ist.\nDie Erzählung derZeit vor Gregor schildert den\nUebergang aus dem classischen Alterthume in die neue\nWelt, insonderheit die Art, wie der alte Tempelgesang' in\nder christlichen Kirche erhalten bleibt, wo dann durch\nCombination ergänzt wird, was am vollen Bilde fehlt; für\ndie Kenntniss der Instrumente die ja auch sonst\ndunkele Zeiten, deren Melodieen uns fehlen, erhellen hilft\n—werden hier ausser den Namen, die die Scriptoren bie-\nten, Kirchenbilder, Sculpturen u. dgl. herbeigezogen, je-\ndoch oft mit geläufiger Phantasie überkleidet, welche\nmehr sagt, als sie weiss. Dies gilt auch von dem anderen\nCapitel, über den Gregorianischen Gesang, dessen\nauthentische Grundgestalt wir nicht kennen; denn obwohl\ndie Kirche, nämlich die römische, noch heute behauptet,\nim Besitze der ursprünglichen Weise zu sein, so vermag\nsie das nur aus mündlicher Tradition, die im Musicali-\nschen noch ungewisser ist, als im Poetischen und Dogma-\ntischen, nachzuweisen, da bekanntlich das Antiphonarium\nS. Gregorii bei einem Brande im Vatican untergegangen\nund nur eine angeblich gleichlautende Copie davon in\nSt. Gallen sich befindet, aber mit der dunkelen Neumen-\nschrift, die noch nicht enträthselt ist. Dass es sich so ver-\nhalte, erkennen auch die Katholiken an, z. B. Wollers-\nheim, Reform des Gregorianischen Gesanges (Paderborn,\n1861), S. 13; vergl. auch Ambros, 2, 69; und dass die\nobwohl allgemein behauptete Einheit des liturgischen\nGesanges doch nicht überall vorhanden, ja, längst in\nMehrfältigkeit zergangen, bezeugt unter Anderen der Fürst-\nabt Gerbert de Cantu et Musica sacra, l, 2, 4, p.\n357. Es ist daher das Meiste aus der Zeit vor Notker\nund Guido hypothetisch; die Zusammenstellung dieser\nHypothesen zu einer fortfliessenden Geschichte ist dem\nVerfasser in seiner Weise gelungen, nur durfte ohne fer-\nnere Beweise der Schluss nicht so zuversichtlich gemacht\nwerden, dass alle jene (die späteren karolingischen u. s. w.)\nGesänge in dem Gregorianischen Gesänge wurzelten (S.\n1, 3). Ziemlich gewagt ist dann auch die hier eingefloch-\ntene Behauptung, es sei das böhmische Adalbertslied,\ndas doch erst im Jahre 1397 in Notenschrift verzeichnet\nist, schon um 990 oder 1040 in gleicher Weise gesun-\ngen; die schöne, Seite 115 mitgetheilte Liedweise scheint\ndoch späteren Klanges, und ihr früheres Auftreten\nmüsste durch mehr als poetische Vermuthung bestätigt\nsein, um neben Notker's Sequenzen glaubhaft zu er-\nscheinen.\n(Schluss folgt.)"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1864-12-24-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1864-12-24_01#c003", "volume": "bmtnabi_1864-12-24_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "411", "page_fin": "413", "image_debut": 3, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18641224-01.2.3", "titre_corps": "Aloys Ander.", "titre_sommaire": "Aloys Ander.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "411", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18641224-01.1.3", "debut_caractere": 3454, "fin_caractere_exclue": 5062, "texte": "Aloys Ander.\n(Nekrolog.)\nVor etwa zwanzig Jahren kam in Wien ein junger\nMann aus Mähren, dem V aterlande so vieler Musiker, der\neine bescheidene Stelle auf dem Bureau der städtischen\nVerwaltung bekleidete, zu dem verewigten Capellmeister\nNicolai und sprach ihm von seiner Neigung, sich der Mu-\nsik und der Oper zu widmen. Allein Nicolai hörte seinem\nProbegesange wahrscheinlich nur mit halbem Ohr oder in\nzerstreuter Stimmung zu und redete ihm sein Vorhaben\naus. Aloys Ander, denn er war der junge Mann, kehrte\nniedergeschlagen zu seinem Actentische und seinen jähr-\nlichen 300 Gulden zurück, aber die Natur, der innere\nTrieb zur Kunst waren mächtiger als die äusseren hem-\nmenden Verhältnisse. Ander bildete sich und seinen Ge-\nsang mit stillem Fleisse aus sich selbst heraus, und es\nwährte nicht lange, so machte seine schöne Stimme im\nMänner-Gesangvereine bei Quartett-Vorträgen öffentlich\nund in Gesellschaften das grösste Aufsehen. Der berühmte\nTenorist Wild hörte ihn, studirte ihm die Rolle des\nStradella ein, und kaum zwei Jahre nach jenem Zeit-\npunkte sah Ander sich bereits als Tenorist am Hof-Opern-\ntheater mit 1800 Gulden angestellt. Nun begann für ihn\nerst recht die Zeit der ernstesten und ausdauerndsten Stu-\ndien, damit aber auch der wachsenden Anerkennung. In\nder Rolle des Stradella machte er einen ganz unerhörten\nEindruck; sie gehörte auch immer noch zu denen, in wel-\nchen Ander eine wahrhaft bezaubernde Wirkung übte.\nDennoch blieben Stradella und Arthur in den Puritanern\nwohl Jahr und Tag fast die einzigen Rollen, welche die\nTheater-Direction, vom Schlendrian der Rollen-Monopole\n\nn"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "412", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18641224-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5376, "texte": "u. s. w. gehemmt, ihm übertrug; doch sang er schon\n1846 den Nadori und Elvino.\nErst nach den Ereignissen von 1848 brach sich das\nhervorragende Talent des Sängers Bahn. Sobald sich die\nTheater-Verhältnisse unter der Leitung des Herrn v. llol-\nbein wieder befestigt hallen, wurde er mit 6000 Gulden\nGehalt angestellt und machte nun in der Gunst des Hofes\nund des Publicums so grosse Fortschritte, dass eine Er-\nhöhung seines Gehaltes auf 9000 Gulden und die Ernen-\nnung zum k. k. Kammersänger die baldige Folge davon\n. war. Welche Triumphe der Künstler seitdem nicht bloss\nin Wien, sondern durch sein Gastspiel auf allen grossen\nTheatern Deutschlands, namentlich in Dresden, Hamburg\nund Berlin gefeiert hat, ist allbekannt. In Berlin wurden\nihm Anerbietungen von der Intendanz gemacht, wie sie\nin der deutschen Theaterwelt noch nicht vorgekommen\nsind. Allein er ist Oesterreich treu geblieben und hat Wien\nnicht verlassen.\nGeboren war Ander am 10. August 1821 zu Liebe-\ntitz in Mähren, wo sein Vater Schullehrer war. Das\nJahr 1849 sah ihn schon in der Reihe der ersten Te-\nnoristen von Europa, wiewohl er als eigentlicher Gesangs-\nkünstler nicht die Höhe eines Rubini und Boger erreicht\nhat. Als Meyerbeer im Anfange des Jahres 1850 nach\nWien kam, um seinen „Propheten\" dort einzustudiren,\nübertrug er Ander die Rolle des Johann, welche dieser\nmit grossem Erfolge nicht nur in Wien, sondern auch auf\nseinen Kunstreisen ausführte; denn die Ferien des Jahres\n1850 benutzte Ander zu Gastspielen in Norddeutschland.\nDer Sänger wurde auch, wie erwähnt, vom Kaiser von\nOesterreich durch Verleihung des Titels eines Kammer-\nsängers ausgezeichnet; der Grossherzog von Hessen-Darm-\nstadt verlieh ihm die goldene Medaille für Kunst und Wis-\nsenschaften, eben so der König von Hannover; der König\nvon Schweden zierte ihn mit der Medaille\nmeruere labores\". Viele philharmonische Vereine ernann-\nten ihn zu ihrem Ehren-Mitgliede, eben so der wiener\nSchriftsteller-Verein „Concordia\". Die Damen von Stock-\nholm übersandten ihm einen massiven silbernen Lorberkranz.\nUeber sein Gastspiel in Köln schrieben wir im Jahre\n1854 in der Kölnischen Zeitung unter Anderem: „Es\nhatten sich Gerüchte verbreitet, dass eine Krankheit (An-\nder war allerdings im Jahre 1853 von einem ziemlich\nanhaltenden Uebel heimgesucht worden, und es fehlte nicht\nan Steckbriefen, die ihm fortan allen Klang und Wohllaut\nder Stimme absprachen) den trefflichen Sänger so ange-\ngriffen hätte, dass es mit seinen Erfolgen vorbei sei. Aber\nwie schwanden alle bangen Refürchtungen bei dem Auf-\ntreten des Künstlers vor den herrlichen Tönen, die mit\nkräftiger Frische, angethan mit dem vollsten dramatischen\nLeben und dem unnachahmlichen Zauber der Anmuth,\naus seiner Brust strömten, wie lauter Hymnen zum Preise\nder Natur und der Kunst! Denn was jene verschwende-\nrisch gespendet, hat diese auf das sorgsamste gepflegt, und\nso ist Ander zu einer musicalisch-dramatischen Erschei-\nnung geworden, wie sie nur selten vorkommt. Was hat\ner nicht z. ß. in Gesang und Spiel aus der Rolle des Lyonel\nin der Martha gemacht! Wir gehören keineswegs zu den\nunbedingten Verächtern der Flotow'schen Opern, allein\ndass ein Stück Flotow'scher Musik, dass eine einzelne Par-\ntie in irgend einem von seinen Werken einen solchen Ein-\ndruck machen könne, wie wir es gestern erlebt, das haben\nwir uns nicht im entferntesten träumen lassen. Für Ander\nströmt der begeisternde Hauch selbst aus sonst kaum be-\nachtenswerthen Noten, Empfindung spricht bei seinem\nVortrage aus Melodieen, die uns sonst gleichgültig lassen,\nund wenn je ein Sänger den Namen eines schaffenden\nKünstlers verdient, so ist es Ander, denn er belebt das\nTodte und haucht dem Stoffe eine Seele ein.\"\nIndessen versichern zuverlässige Mittheilungen aus\nWien, dass aus jener ersten Krankheit eine nervöse Er-\nregbarkeit übrig geblieben, welche mit jedem Jahre wuchs,\nund dass der allmähliche Ruin von Ander's Gesundheit\nnoch durch Anwendung heftig reizender Mittel beschleu-\nnigt worden sei. Auch fehlt es in Wien nicht an Stimmen,\nwelche den Aerzten und der Direction der Hofoper\nschwere Vorwürfe darüber machen, dass man den geistes-\nkranken Sänger im vergangenen Sommer noch habe auf-\ntreten lassen. Was etwa eigener Wuqsch und eine Verken-\nnung seines Zustandes von seiner Seite dazu beigetragen,\nwird schwer zu ermitteln sein. Gewiss ist, dass schon am\n8. Juli d. J. in „Czaar und Zimmermann\" und am 12. in\n„Lohengrin\" sich deutliche Spuren von Geisteszerrüttung\nzeigten. Trotzdem gab man zu, dass er am 19. Septem-\nber noch einmal als Arnold in Rossini's „Wilhelm Teil\"\nauftrat. Wiener Blätter schreiben darüber, dass die\nschmerzlichen Eindrücke, die dieser letzte Abend seiner\nKünstler-Laufbahn hervorrief, allen denen, die zugegen\nwaren, ewig im Gedächtnisse bleiben werden. Bald darauf\nwurde es nothwendig, ihn nach Bad Wartenberg in Böh-\nmen zu bringen. Der Wahnsinn brach bis zur Tobsucht\naus, so dass sein Tod in der Nacht vom 11. zum 12. De-\ncember als eine Wohlthat betrachtet werden musste.\nAnder war in vieler Hinsicht ein begabter Mensch,\nwenn auch sein Können nicht der hingebenden Neigung\nentsprach, die er für alles, was Kunst heisst, hegte. Er\nhat mehrere Lieder componirt und beschäftigte sich in\nseinen Mussestunden auch mit Malerei und poetischen\nVersuchen. Sein Spiel auf der Bühne zeigte überall den\ngebildeten Künstler, und eine gewisse Noblesse der üar-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "413", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18641224-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2244, "texte": "Stellung wusste er auch den dramatisch weniger bedeuten-\nden Rollen zu verleihen. Die wiener „ Recensionen\" thei-\nlen sein Repertoire mit, in welchem die Rollen, die er\ngeschaffen hat, mit * bezeichnet sind. Unter diesen war\nverhängnissvoll die letzte („Baidung\" in Offenbach's\n„Rheinnixen\", den 4. Februar 1864) die Rolle eines\nWahnsinnigen!\n1845. „Stradella\". Stradella. „Die Puritaner\".\nArthur.\n1846. „Hans Heiling\". Konrad. „Die Entführung\naus dem Serail\". Belmonte.— „Czaar und Zimmermann\".\nChateauneuf.— „Das Nachtlager in Granada\". Gomez.—\n„Wilhelm Teil\". Ruodi.— „Jessonda\". Nadori.— „Die\nNachtwandlerin\". Elvino.— „Faust\" (von Spohr). Hugo.\n1847. „Lucrezia Borgia\". Gennaro.— „Die Stumme\nvon Portici\". Alfonso. „Die Musketiere der Königin\".\nOlivier.\n1848. „Dom Sebastian\". Dom Sebastian. „Lucia\nvon Lammermoor\". Edgardo.— „Martha\". Lyonel.\n1849. „Templer und Jüdin\". Ivanhoe.— „Wilhelm\nTeil\". Arnold.— „Hernani\". Hernani. „Fidelio\". Flo-\nrestan. „Titus\". Titus. —„Maria von Rohan\". Chalais.\n„Der Blitz\". Lyonel. „Die Zigeunerin\". Thomas.\n„Jolanthe\". Tristan.*\n1850. „D er Prophet\". Johann von Leyden.\n1851. „Paquita\". Gral Alfonso.*—„Oberon\". Huon.\n„Casilda\". Alfonso.— „Der verlorene Sohn\". Azael.—\n„Linda v. Chamounix\" .Arthur.— „ Don Juan\" .Don Ottavio.\n1852. „Die lustigen Weiber\". Fenton.*—„DieZau-\nberttöte\". Tamino.— „Die Tochter der Wellen\". Arduin.\n„lndra\". Dom Sebastian. *— „Die Hugenotten\". Raoul.\n1853. „Die weisse Frau\". Georges Brown.\n1854. „Ein Sommernachtstraum\". Shakespeare.—\n„Die Matrosen\". Arthur.— „Fra Diavolo\". Fra Diavolo.\n„Der Gott und die Bajadere\". Brama.\n1855. „Euryanthe\". Adolar. „Joconde\". Joconde.\n„Der Nordstern\". Danilowitz.\n1856. „Albin\". Albin. „lphigenia auf Tauris\". Py-\nlades.— „Die Stumme von Portici\". Masaniello.— „Johann\nvon Paris\" (1. Act). Johann.\n1857. „Die Nibelungen\". Günther. „Die siciliani-\nsche Vesper\". Heinrich.\n1858. „Die Königin von Cypern\". Coucy.— „Lohen-\ngrin\". Lohengrin.\n1859. „Die Rose von Castilien\". Manuel.— „Diana\nvon Solange\". Armand.\n1860. „Tannhäuser\". Tannhäuser. „Rigoletto\".\nHerzog.\n1861. „Die Kinder der Haide\". Wanja.* „Der\nWasserträger\". Armand.\n1862. „Margarethe\". Faust.*\n1863. „ Wilhelm lell\" (zu ErFs Jubelfeier). Harras.\n1864. „Die Rheinnixen\". Baidung.*"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1864-12-24-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1864-12-24_01#c004", "volume": "bmtnabi_1864-12-24_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "413", "page_fin": "414", "image_debut": 5, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18641224-01.2.4", "titre_corps": "Aus Hamburg.", "titre_sommaire": "Aus Hamburg.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "413", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18641224-01.1.5", "debut_caractere": 2246, "fin_caractere_exclue": 4494, "texte": "Aus Hamburg.\nDen 12. December 1864.\nWir haben in der ersten Decemberwoche Kunst-\ngenüsse gehabt, die durch die Anwesenheit zweier deut-\nschen Berühmtheiten, des Fräuleins Tietjens und der\nFrau Clara Sch um an li, erhöht wurden.\nDas Concert der Frau Clara Schumann am Dins-\ntag den 6. December halte sich der grössten Theilnahme\nzu erfreuen, da der grosse Wörmer'sche Saal von einem\ngewählten Publicum ganz besetzt war. Beethoven's B-dur-\nTrio mit den Herren Rose und Hegar, Mendelssohn's\nVariationen Op. 54, Schumann s Dichterliebe, von Herrn\nJulius Stockhausen gesungen, und einige kleinere\nStücke bildeten das Programm. Die Leistungen waren,\nwie sich erwarten Hess, vortrefflich. Die grosse Künstlerin\ngab im Vereine mit den Herren Rose und Hegar am\n9. December eine Soiree in Kiel, in welcher unter Ande-\nrem Mendelssohn's D-moll-Tr\\o zur Aufführung kam. Die\nkieler Blätter sind mit Recht des grössten Lobes voll da-\nvon. Hier in Hamburg spielte sie ferner im philharmoni-\nschen Concerte unter der Direction von Stockhausen\ndas Es-dur-Concert von Beethoven und Solostücke von\nSchubert, St. Heller und Weber. Stockhausen sang eine\nArie von Sacchini und Lieder von Schumann, und leitete\ndie höchst gelungene Aufführung der Sinfonie von\nMozart.\nTherese Tietjens, unsere gefeierte Landsmännin,\nhat drei Mal als Leonore im Fidelio das überfüllte Haus\nzu enthusiastischem Beifalle hingerissen. Wir wollen gern\nzugeben, dass ein patriotisches Gefühl, dieser Fidelio ist\neine Hamburgerin, gar Manchen in die weiten Räume des\nStadttheaters gelockt: aber es ist ein weit mächtigerer\nMagnet, der diese unausgesetzte Anziehungskraft besitzt,\nbei wesentlich erhöhten Preisen eine solche Masse von Zu-\nhörern zusammenzuführen: es ist der glückliche Bund von\nNatur und Kunst in herrlichster Begabung und Ausbil-\ndung. Nur wenigen Künstlerinnen ist es bisher vergönnt\ngewesen, den Beethoven'schen Fidelio in einer genügenden\nWeise darzustellen. Beethoven hat für diese Rolle einer\nKünstlerin eine so gewaltige und so erschöpfende Aufgabe\ngestellt, dass nur eine Milder-Hauplmann, eine Schröder-\nDevrient, eine Schechner, eine Köster sie lösen konnten.\nDiesen grossen Vorgängerinnen schliesst sich Therese\nTietjens ebenbürtig an, in der Stimme selbst der Milder-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "414", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18641224-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3507, "texte": "Hauptmann, in der Gesangskunst der Schechner und der\nKöster, im dramatischen Vortrage der Schröder-Devrient,\nwenngleich in letzterer unvergesslichen Künstlerin die lei-\ndenschaftliche Gluth gegen den Schluss der Oper noch\nheisser hervorgetreten sein dürfte. Fräulein Therese Tiet-\njens gibt in ihrem Fidelio ein Kunstgebilde, das aus Einem\nGusse hervorgegangen; grossartig ist die Auffassung des\nganzen Charakters und consequent die Durchführung des-\nselben bis zum Schlüsse. Und doch, wenn wir ihre Wie-\ndergabe mit denen ihrer grossen Vorgängerinnen verglei-\nchen, so scheint sie uns derselben das Siegel einer Eigen-\ntümlichkeit aufzudrücken, welche wir eben nicht näher zu\nbezeichnen wissen, aber als eine äusserst anziehende und\nfesselnde anerkennen müssen. Gleich im ersten Acte, vom\nCanon an, wirkt der empfindungsreiche Vortrag so wohl-\nthuend auf Hörer und Kenner ein, dass man sich für die\nfolgenden Nummern des Terzetts und der schwierigen\ndur-Arie, welche in hoher Vollendung gesungen wurde,\ngehoben vorbereitet fühlt. Im zweiten Acte stand das wohl-\ndurchdachte Spiel mit ihrem Gesangs-Vortrage in vollkom-\nmenem Einklänge. Man musste zugleich die Mässigung und\ndie ausdauernde Kraft bewundern, mit welcher die Künst-\nlerin die ganze anstrengende Gefängniss-Scene durchführte,\nohne auch je die Gränze des Schönen im Feuer des Affectes\nzu überschreiten. Gewöhnlich sind minder begabte Fidelio-\nSängerinnen bei der Erkenntniss-Scene mit Florestan voll-\nständig physisch zusammengebrochen, Fräulein Tietjens\naber erringt von da ab noch neue Triumphe durch die\nMacht ihrer grossartigen Stimmmittel, mit denen sie bis\nzu dem Ende der Oper in Staunen erregender Weise\nHaus zu halten weiss.\nDie Aufführung des Händel'schen „Messias\", welche\nam 8. December in der grossen St. Michaeliskirche unter\nLeitung des Herrn Deppe Statt gefunden, hatte sich eines\nglänzenden Erfolges zu erfreuen. Die weiten Räume der\nKirche waren nicht nur in allen ihren Theilen mit Zuhö-\nrern angefüllt, sondern auch die Mitwirkenden selbst fühl-\nten sich durch die Theilnahme angeregt, welche der Ton-\nschöpfung wie ihrer Aufführung von allen Betheiligten ent-\ngegengetragen wurde. Fräulein Therese Tietjens sang\ndie Sopran-Soli mit einer Weise und Würde, die von dem\nErnste Zeugniss ablegte, mit welchem sie ihre Kunst in\nallen Zweigen und Bichtungen zu umfassen bemüht ist.\nEine ebenbürtige Vertreterin der Alt-Partie stand ihr in\nFrau Joachim- Weiss aus Hannover zur Seite, deren\nwohltönendes Organ sich gleich in der ersten Arie aufs\nschönste geltend machte. Von den beiden Herren stand\nHerr Otto den Damen an organischen Mitteln und poeti-\nscher Darstellung nach, doch ist er schon seit längerer\nZeit als Oratoriensänger bekannt und wirkt glücklich durch\njene verständige, musicalisch richtige Auffassung, die den\nKenner beruhigt und den Zuhörer freundlich anmuthet.\nHerr Ad. Schulze besitzt ein umfangreiches Organ,\ngrosse musicalische Sicherheit und eine Fertigkeit, die ihn\ndie schwierigsten Coloraturen leicht und correct überwin-\nden lässt. Die Betheiligung seines kraftvollen Basses war\nein grosser Gewinn für die Aufführung. Von sorgfältiger\nVorbereitung zeugten auch die Chöre, die durchweg treff-\nlich ausgeführt und von einem tüchtigen Orchester unter-\nstützt wurden.\nDas Einzige, was wir bei der schönen Aufführung\nvermissten, war die Mitwirkung der Orgel, die man nur\nsah, aber nicht hörte.\nDem Vernehmen nach wird Herr Deppe mit seiner\nAkademie im nächsten Februar Händel's „Saul\" zur Auf-\nführung bringen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1864-12-24-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1864-12-24_01#c005", "volume": "bmtnabi_1864-12-24_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "414", "page_fin": "415", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18641224-01.2.5", "titre_corps": "Fünftes Gesellschafts-Concert in Köln im Gürzenich, unter Leitung des städtischen Capellmeisters, Herrn Ferdinand Hiller.", "titre_sommaire": "Fünftes Gesellschafts-Concert in Köln im Gürzenich, unter Leitung des städtischen Capellmeisters, Herrn Ferdinand Hiller.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "414", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18641224-01.1.6", "debut_caractere": 3509, "fin_caractere_exclue": 5858, "texte": "Fünftes Gesellschafts-Concert in Köln im Gürzenich,\nunter Leitung des städtischen Capellmeisters, Herrn\nFerdinand Hiller.\nDinstag, den 20. December 1864.\nDas fünfte Gürzenich-Concert war im Ganzen ein recht schönes.\nGewiss war nicht bloss den Kennern und entschiedenen Verehrern\nGluck's, sondern auch der Mehrzahl der Dilettanten, welche bei un-\nseren heutigen Bühnenzuständen noch wenig oder gar nichts von\nseinen Opern aus eigener Anschauung kennen, die Vorführung eines\nganzen Actes der Oper Alceste eine sehr willkommene Gelegenheit,\ndurch ein für sich bestehendes Ganzes, als welches man den ersten\nAct die Todesweihe der Alceste für den Gatten betrachten\nkann, eine Vorstellung von der Einheit des Gluck'schen Stils und\nseiner dramatischen Kraft wenigstens durch eine Concert-Aufführung\nzu erhalten. Wie sehr sich aber diese einer wirklichen Darstellung\nauf der Bühne näherte, wird man begreifen, wenn man hört, dass\nFrau Louise Köster jene Alceste war, welche ihr Leben für den\ngeliebten Gatten hingibt und „die Götter der Nacht\" anruft, ihr\nOpfer anzunehmen. Ja, sie war durch den herrlichen Ausdruck\nder Töne und Worte für jedes empfängliche Gemüth die Alceste,\nsie sang sie nioht bloss. Aber in die Bewunderung mischte sich\nder Schmerz, dass diese Sängerin, die so lange die Zierde der ber-\nliner Oper gewesen, jener Oper, die in unserem Jahrhundert fast\nnoch die einzige Zufluchtsstätte der Gluck'schen musicalischen Tra-\ngödien war, vielleicht die letzte Künstlerin sein wird, welche eben\nso wohl befähigt ist, solche Musik zu singen, als zugleich die Liebe\nzu einer so hohen Kunstgattung besitzt, um sich ihr ganz hinzu-\ngeben und in ihrer Beproduction ihre schönste Aufgabe zu finden.\nDie Musik Gluck's erfordert eine ganz besondere Auffassungs-\ngabe für die einfache Grösse seiner musicalischen Charakteristik,\nwelche überall nur Tiefe und Wahrheit der Empfindung beabsich-\ntigt, aber die Aufregung der Leidenschaft, wonach die neuere dra-\nmatische Musik strebt, fast durchweg vermeidet und, im Gegensatze\nzu der modernen Weise, die sich Unruhe und Nervenreiz zum Ziele\nsetzt, ihren Tonbildern eine strenge, plastische Ruhe, die Haupt-\neigenschaft der antiken Schönheit, zu verleihen strebt. Das mag in\neiner Menge von musicalischen Büchern, verstanden und unverstan-\nden von ihren Verfassern, zu lesen sein, aber über die Redensarten"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "415", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18641224-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5508, "texte": "geht es meistens nicht hinaus, und was für den Sänger und die\nSängerin dazu gehört, um dieser Auffassung, auch wenn sie Ver-\nstand und Gemüth dazu haben, technisch zu genügen, davon\nschweigen die Aesthetiker. Die Naturanlage allein reicht dazu nicht\naus, wiewohl sie selbstverständlich Stimme, und zwar einen hohen\nGrad von Tonfülle in den mittleren Regionen und einen gewissen\nGlanz in der Höhe gegeben haben muss. Aber auch eine mit diesen\nEigenschaften ausgestattete Stimme kann die nothwendige technische\nBefähigung zur Wiedergabe Gluck'scher Musik nur durch aus-\ndauernde, kunstverständige Studien erlangen, welche sicheren An-\nsatz und nie wankendes Festhalten des Tones, Egalisirung der Re-\ngister, Ausdauer des Athems, eine vollendete Kunst des An- und\nAbschwellens des Tones (r/iessa di voce), Klarheit und Adel der\nAussprache, genaue Uebereinstimmuug der musicalischen und rheto-\nrischen Accentuation und maassvollen Gebrauch der verschiedenen\nKlangfarben der Stimme bezwecken und erreichen. Leider sind dies\naber gerade Eigenschaften, auf deren Erlangung die heutige Gesan-\ngeskunst zu wenig und die Praxis der Singenden vollends gar nicht\ngerichtet ist. Wie unerlässlich diese Forderungen für Gluck sind,\nwird man leicht einsehen, wenn man sich die Manieren der heutigen\nVerdi-Sänger ins Gedächtniss ruft und dann, um nur Ein Beispiel\nzu geben, eine Arie der Alceste oder der Iphigenie auf Tauris mit\ndem beliebten Beben der Stimme als Ausdruck des Schmerzes wie-\ndergegeben denkt! Es wäre nicht zum Aushalten! Und doch gibt\nes jetzt Sänger und Sängerinnen, die einen Ton überhaupt gar nicht\nmehr ohne Hülfe des Tremolirens aushalten können. Und die Aus-\nsprache in Verbindung mit der Tonschönheit, wo bleibt sie heut-\nzutage? Ja, ist sie bei der jetzigen hohen Lage und dem Luxus,\nder mit übernatürlicher Höhe im Sopran und mit dem Falset im\nTenor getrieben wird, überhaupt nur noch möglich?\nMan wird sagen, wozu das alles in einem Concert-Berichte, der\ndoch keine Abhandlung über Gesangskunst sein soll? Nun, einzig\nund allein dazu, um es auszusprechen, dass Frau Köster alle diese\nEigenschaften einer Sängerin grossen Stils besessen hat und, mit\nAusnahme des früher strahlenderen Tonglanzes der Höhe im For-\ntissimo, noch jetzt besitzt und in seltener Weise in sich vereinigt.\nDenn jene echten Gesang-Studien, welche zur Meisterschaft in der\nBehandlung der Stimme führen, sind zugleich das beste Mittel, die\nStimme zu conserviren. Unsere Bewunderung der vorerwähnten Lei-\nstung der Künstlerin steigt um so mehr, wenn wir bedenken, dass\nsie als Louise Schlegel schon in ihrem sechszehnten Jahre (1838\nund 1839) bei dem leipziger Theater erste Partieen sang und von\nda an bis 1862, wo sie sich bekanntlich von der Bühne zurückzog,\nunter anderen die Iphigenia in Tauris 15 Mal, die Armida 24, die\nKönigin der Nacht 31, die Vestalin 34, die Rezia 52, die Gräfin (im\nFigaro) 59, die Donna Anna 68, die Leonore im Fidelio 80 Mal\ngesungen hat! Die Alceste sang sie zum ersten Male den 20. No-\nvember 1848 in Berlin. Am Rheineist sie, wie überall, ein seltener\nGast gewesen, denn sie hat stets den Wettlauf nach Gold und Krän-\nzen verschmäht, zufrieden mit den Blüthen der Kunst, deren er-\nquickenden und belebenden Duft ihr Gesang über ihre nächsten\nUmgebungen verbreitete. Im Jahre 1851 sang sie auf dem nieder-\nrheinischen Musikfeste in Aachen die Sopran-Partie im Judas Mac-\ncabäus, die Ilia in den Scenen aus Idomeneo und die Arie der\nGräfin aus Figaro's Hochzeit.\nIm ersten Theile des Concertes, welchen eine hier neue Ouver-\ntüre von E. Naumann „zum Trauerspiel Lorelei\" (einem vorhan-\ndenen oder gedachten?), die mässigen Beifall fand, eröffnete, hörten\nwir ausser der Arie der Leonore aus Fidelio durch Frau Köster\nund zwei Weihnachtsliedern von Leonhard Schrötter (1587),\ndurch den Chor a capella gesungen, Herrn Concertmeister von Kö-\nnigslöw, der ein Concert von Rode auf vortreffliche Weise vor-\ntrug. Königslöw gehört zu den wenigen Violinisten, die einen Stil\nhaben, und zwar den schönsten, den Gesangstil auf der Violine,\nwelcher alle seine Leistungen, durch die er dem Geiste der verschie-\ndensten Componisten, wie Beethoven, Spohr und Mendelssohn, voll-\nkommen gerecht wird, stets durchdringt und durch schönen Ton und\nausdrucksvollen Vortrag charakterisirt, wovon er uns auch jetzt wie-\nder, namentlich in dem reizenden Adagio und dem annmthigen letz-\nten Satze des liode'schen Concertes, einen neuen Beweis gab.\nEine fast wunderbare Wirkung brachte Mozart's trefflich aus-\ngeführte Sinfonie in D-dur (in vier Sätzen) auf das gesammte\nPublicum hervor: Alles fühlte sich froh erregt durch diese Musik,\ndie wie aus sich selbst in unerschöpflicher VVerdelust ans Licht\nquillt, nichts sein will, als Musik, und doch unendlich mehr ist,\ni\\eil \\or ihr sich das Herz öflnet, allen Erdenrest für den Augen-\nblick abstreift und sich einer Befriedigung hingibt, wie sie an schö-\nnen Sommertagen der Anblick des blauen Himmels über dem Saa-\nten- und Waldesgrün gewährt. Wohl dem, der beiden Empfindungen\nnicht abgestorben und der wahren Freude an der Natur und au der\nKunst nicht fremd geworden ist!\nAm Schlüsse des Concertes entzückte uns dann noch unmittel-\nbai nach dem ersten Acte der Alceste die grosse Leonoren-Ouver-\nture von Beethoven, jenes herrliche Werk, welches, für diesen\nAbend besonders gut gewählt, das plastische Bild Gluck's in ein\nGemälde verwandelt, das : durch seine lebendige Farbengebung das\nOpfer der Gattenliebe unserer Anschauungs- und Gefühlsweise noch\nnäher bringt."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1864-12-24-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabi_1864-12-24_01#c006", "volume": "bmtnabi_1864-12-24_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "415", "page_fin": "416", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18641224-01.2.6", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "G", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "415", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18641224-01.1.7", "debut_caractere": 5510, "fin_caractere_exclue": 7497, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nG.\ner zweiten Soiree für Kammermusik im\nSaale des Hotel Disch am 13. d. Mts. borten wir von den Herren\nGr e o 1 g Jap ha, Derckum, von Königslöw und A. Schmit\ndie Violin-Quartette Nr. 1 in Es von Cherubini, und Op. 74 in\nEs von Beethoven. Dazwischen erfreute Fräulein Agnes Zim-\nmermann die zahlreiche Zuhörerschaft durch den trefflichen Vor-\ntrag des Quintetts für Pianoforte u. s. w. von Schumann im\nVerein mit den genannten Künstlern.\n15' Deceruber. In Gegenwart Ihres städti-\nschen Capellmeisters, Herrn Ferdinand Hiller, fand am 13-\nd. Mts. die Aufführung von dessen Oratorium „Die Zerstörung\nJerusalems\" Statt. Die Solo-Partieen waren auf das trefflichste\nbesetzt: Frau von Ising (Schwester der berühmten Sophie Cru-\nwelli) und Fräulein Schön heim aus Berlin sangen die Sopran-,\n1 raulein Gindele aus Braunschweig die Alt-Partie, die Herren Pirk\naus Hannover und Jansen aus Düsseldorf die Tenor- und Bass-\nSoli. Das Orchester löste seine bekannter Maassen nicht leichte Auf-\ngabe nach sorgfältigen Proben mit grosser Präcisiou, und der Chor\nsang mit einer Correctheit, wie sie bei Dilettanten-Vereinen nicht\nimmer zu finden ist. Das Publicum war in Scharen herbeigezogen\nund folgte der Musik mit der angespanntesten Aufmerksamkeit.\nI i 1er, der berühmteste lebende Oratorien-Componist unserer Zeit,\nwurde durch Erheben des Chors und mit Tusch empfangen, worein\ndas Publicum einstimmte, und zum Schlüsse der Aufführung wurde\ner mit Blumen überschüttet. Auch ward dem trefflichen Meister bei\nseiner Ankunft am Abende vor dem Concerte von den vereinigten\nMannerchören ein Ständchen gebracht, und im Laufe des Concert-\ntages wie des darauf folgenden Vormittags bemühte man sich von\nallen Seiten, ihm Ovationen darzubringen. Wir können diesen Be-\nliebt nicht schliessen, ohne der aufopfernden Bemühungen unseres\nMusik-Directors, des Herrn Albert Hahn, zu erwähnen, dessen\nrastlosem künstlerischem Streben wir die vollendete Aufführung zu\nverdanken haben."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "416", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18641224-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 369, "texte": "Iffülielften. Der „Fliegende Holländer\" ist am 4. d. Mts. end-\nlich vor überfülltem Hause in Scene gegangen. Der Beifall war ein\nausserordentlicher, besonders nach dem zweiten Acte, und Wagner\nwurde nebst den Repräsentanten der Haupt-Partieen, Herrn Kin-\ndermann und Fräulein Stehle, enthusiastisch gerufen. Der König\nwohnte der Aufführung mit lebhafter Theilnahme bei."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "409", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18641224-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nGeschichte der Musik von A. W. Ambros. Aloys Ander (Nekrolog). Aus Hamburg (Musik-Aufführungen\nFräulein Tietjens Frau Clara Schumann HändeFs „Messias\"). Fünftes Gesellscliafts-Conccrt in Köln im Gürzenich. Tages-\nund Unterhaltungsblatt (Köln, zweite Soiree für Kammermusik Bielefeld, Aufführung von F. Hiller's „Die Zerstörung Jerusa-\nlems\" München, R. Wagner's „Fliegender Holländer\").\n\nGeschichte der Musik von A. W. Ambros\n*).\nDie Geschichte der Tonkunst wissenschaftlich darzu-\nstellen, ist ein kühnes Unternehmen, weil diese schwierigste\naller Kunstgeschichten mancherlei Gaben fordert, die sel-\nten in einer Hand sind. Wer die einschlägigen Arbeiten\nkennt, wird bei voller Anerkennung guter Einzelheiten\ndie Unsicherheit der Gesammt-Ergebnisse und die Niedrig-\nkeit des Standpunktes der meisten Historien dieses Faches\nbeklagen. Und wollen wir nicht die höchsten Forderungen\nanlegen, so müssen wir doch für ein universelles Werk,\nwie jener Titel andeutet, klare Anordnung und überzeu-\ngende Entwicklung selbst auf niederem Standpunkte for-\ndern. In Vortheil steht die Musikgeschichte allerdings\ndarin, dass nach einmaliger kritischer Sicherstellung anti-\nker Kunstwerke die Kluft zwischen Original und Copie\nnicht so gross ist, wie z. B. bei plastischen Werken;\ndenn ein Tonsatz, einmal richtig copirt, kann jederzeit der\nAnschauung genügend wiedergebracht oder doch lesend\nverstanden werden, während der beste Kupferstich den\nwirklichen Raphael und Phidias nur ungenügend abschat-\ntet. Jener Vortheil wird jedoch aufgewogen durch die\nSchwierigkeit, den Fortschritt der Ideen nachzuweisen,\nwelche die Tonkunst in sich selbst und in Wechselwirkung\nder allgemeinen Zeit-Ideen vollzieht. Reissmann's, des\nLieder-Historikers, seltsames Postulat, die Musikgeschichte\nals Geschichte des Tones aufzufassen, kann, einfältig\nverstanden, nichts Anderes bedeuten, als Geschichte der\nphysikalisch beweisbaren, psychologisch erklärbaren Ton-\nSysteme. Das hierzu vorliegende umfangreiche und ziem-\nlich durchgearbeitete Material würde aber nur den leib-\nlichen Hintergrund bedeuten, nicht die Seele der Kunst\naufschliessen; das Beste bliebe jenseits liegen, nämlich die\nZeitentwicklung der Kunst formen: wie sich Rhyth-\nmus, Harmonie und Melodie selbständig und wechselwir-\nkend aus Einheit in Mannigfaltigkeit fortbewegen, wie in\nund aus ihnen der Contrapunkt, die moderne Modulation,\ndie Typen der Idealformen hervorgehen.\nDas vorliegende Werk hat bei Erscheinen des ersten\nTheiles mehr ungünstige als beifällige Aufnahme gefun-\nden; eine unbedingt verwerfende Recension hat Paul\nMarquard ergehen lassen in der Deutschen Musik-Zei-\ntung, 1862, S. 233, worauf wir die Leser verweisen, da\nwir in den Grundzügen uns ihr anschliessen müssen, ob-\nwohl der jugendliche Eifer jenes Recensenten über den\nerheblichen Mängeln das doch vorhandene Gute übersieht,\nworunter wir verstehen die reichliche Mittheilung positiver\nTonsätze und Melodieen, namentlich indischer und arabi-\nscher, wenn auch ungleich an Werth und Beglaubigung.\nSelbst die Einführung der Aethiopen und Eskimos, welche\nMarquard's scharfem Tadel unterliegt, ist der Sache an-\ngemessen, da ihre rhythmischen und melodischen Ansätze\nelementar richtig gestaltet und dem (uns) allgemein gülti-\ngen Tongeiste angemessen sind, wobei dann freilich die\nwelthistorische Frage nicht gleichgültig ist, ob jene so ge-\nnannten Wildlinge Urmenschen heissen oder vielmehr aus\nvollkommnerem Zustande herabgesunkene. \\ ielleicht wird\nauch Marquard's Urtheil über den jetzt erschienenen zwei-\nten Theil milder sein, weil sich dieser auf mehr heimi-\nschem Boden bewegt, als der erste, der es lediglich mit\nden immer schwierigen Partieen der vorchristlichen und\naussereuropäischen Musik zu thun hat. Dem ersten Theile\nist folgende wunderliche Disposition vorgezeichnet:\nI. Buch. Die ersten Anfänge der Tonkunst. Die\nasiatische Musik.\n11. Buch. Die Musik der antiken Welt. A. Die Völker\nder vorhellenischen Cultur. Aegypter. Asiaten,\nSemiten.\n\n*) I. Band, XX und 547 S. 11. Band, XXVIII und 538 S. in\nOctav. Breslau, Leuckart. 1862. 1864. Yergl. die Anzeigen in\ndiesen Blättern, Jahrg. 1861, Nr. 51, und 1864, Nr. 45."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "410", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18641224-01.1.2", "texte": ". 111. Buch. Die Musik der antiken Welt. B. Die Völ-\nker der antik-classischen Cultur. Griechen. Rö-\nmer. Verfall der antiken Musik.\nDiese ersichtlich verwirrte Eintheilung ist störend,\ndoch wäre weder sie noch die philologischen und geogra-\nphischen Schnitzer für sich hinreichend, das Buch zu ver-\ndammen, wenn der musicalische Inhalt überall lichtvoll\nund selbständig dargestellt wäre. Was sich der Verfasser\nvorgesetzt hat, ist eine an die allgemeine Welt- und Cul-\nturgeschichte angelehnte, gleichsam aus ihr herausgear-\nbeitete Sondergeschichte seiner Kunst: ein grosses Unter-\nnehmen, worin Gervinus voranging, aber vielen Jüngeren\nmehr gefährlich, als heilbringendes Muster geworden ist.\nKugler's Kunstgeschichte, die Ambros als Vorbild nennt,\nbleibt doch in den Schranken ihres Berufes, gibt den all-\ngemeinen politischen und religiösen Ideen nur die Stelle\neines leuchtenden Hintergrundes und zieht sie nicht mehr,\nals dem Verständnisse nöthig, in die Erzählung hinein.\nUnseres Verfassers Weise entbehrt aber solcher Ruhe und\nConcentration. Und wenn wir auch, um dem Verfasser\nüberall gerecht zu werden, seine künstlerische Natur wie\nsein musicalisches Urtheil anerkennen, auch dankbar em-\npfangen, was er mit staunenswerter Belesenheit aus den\nverschiedensten Völkern Klingendes und Singendes zusam-\nmengetragen hat: diese Anerkennung kann nicht blind\nmachen gegen das Verfehlte, den Mangel an Kritik, Klar-\nheit und Ordnung. Der Gang der Erzählung ist oft durch\nSeitensprünge verdunkelt, die Sprache breit, bald witzig\nschillernd und burschicos, bald langweilig und ungelenk.\nBei dem imponirenden Material, das hier zusammenge-\nbracht, ist das Urtheil nicht vorsichtig genug, um Un-\nsicheres und Beglaubtes zu unterscheiden; so z. B. sind\nGaudentius und Eu klides, obwohl keine verächtlichen\noder entbehrlichen Zeugen, doch auch nicht als entschei-\ndende Autoritäten mit Aristoxenus gleich zu stellen.\nZudem ist ein grosser Theil des Gegebenen weniger aus\nden Quellen erhoben, als excerptenhaft compilirt; so na-\nmentlich ist das über die griechische Musik Gesagte fast\nlediglich aus 0. Müller's griechischer Literatur und Bel-\nler manns griechischen Tonleitern entlehnt und nur\ndurch verbindende Phrasen oder Analogieen und Seiten-\nblicke bald ausgeziert, bald ins Doppelte vergrössert, so\ndass dann oft die Literatur über der Musik überwiegt.\nManches im Original Dunkele ist hier nicht heller gewor-\nden; unter Anderem ist das räthselhafte arabische messet,\nin Kiesewetter's Arabischer Musik S. 25 noch leidlich un-\nklar beschrieben, hier bei Ambros, 1, 88, vollends unbe-\ngreiflich ; es soll ein harmonisches Tonmaass bedeuten,\nwelches jedoch in anderer als der seit Pythagoras üblichen,\nin Europa und Asien anerkannten exacten Weise berech-\nnet wird. Wir dürfen des Raumes halber nicht bei den\nEinzelheiten des ersten Theiles verweilen, und wollen nur\nnoch bemerken, dass es kein günstiges Vorurtheil für die\nKritik des Verfassers erweckt, wenn in der Vorrede X, XII,\nXIII, XVI so gar verschiedene Leute wie Weitzmann,\nBrendel, A. Kircber neben wirklichen Autoritäten wie\nKiesewetter, Winterfeld, Jahn, Chrysander, Bellermann\nauf Einem Brett genannt und als Muster bezeichnet wer-\nden; auch Ugolini Thesaurus prangt noch mit seinem\nSchilte-Haggiborim (207), auf den Forkel grosse Stücke\nhält, und der doch nichts ist, als ein jüdischer Schulmei-\nster des sechszehnten Jahrhunderts, der aus den Alexan-\ndrinern und Florentinern ins Neu-Hebräische übersetzt\nhat und von alttestamentlicher Musik so gut wie nichts\nweiss.—Auch den sehr incorrecten griechischen Druck er-\nwähnen wir nur, weil die Correctur auch im zweiten\nTheile viel zu wünschen übrig lässt.\nDer zweite Theil beginnt mit einer Vorrede, die\nausdrücklich bittet, nicht überschlagen zu werden, weil er\n„andere Pfade einschlage, als der erste\" (S. IX), und weil\nsie einige unvermeidliche Polemik bringe, zwar nicht ge-\ngen die gefährliche Recension des oben genannten Paul\nMarquard, die der Verfasser nicht zu kennen den Anschein\nhat, sondern nur gegen Joseph Schlüter, dessen Allge-\nmeine Geschichte der Musik (1863) zwar von künstleri-\nscher Gesinnung zeugt und grossentheils auf Selbsterleb-\ntem beruht, aber wissenschaftliche Ansprüche nicht erhe-\nben kann. Die günstige Beurtheilung, welche M. Car-\nriere (S. IX) dem ersten Theile von Ambros angedeihen\nlässt, gründet sich wohl mehr auf den blendenden allge-\nmeinen Eindruck, als auf nähere Einsicht des Inhalts. Wir\ndürfen diese Kritik der Kritik nicht übergehen, weil hier\nphilosophische und musicalische Parteilichkeiten sich gel-\ntend machen und, wie sich später zeigen wird, auch reli-\ngiöse Gegensätze hineinspielen. Die Ansicht über ältere\nMusik, welche darin nur eine kindliche Vorstufe der heu-\ntigen erblickt, wird nach Gebühr gegeisselt, XIV, XV;\nund das muss so lange geschehen, als es noch Dilettanten\ngibt, die Palestrina unmelodisch nennen, und Literaten,\ndie ihre Wissenschaft aus copirten Phrasen beziehen, wie\nBerlioz und seine Nachtreter in Deutschland. Die Dispo-\nsition dieses zweiten Theiles ist folgende: I. Buch: Die\nersten Zeiten der neuen christlichen Welt und Kunst\nDer Gregorianische Gesang—Die Karolingerzeit—Huc-\nbald, Organum —Guido, Solmisatio Troubadours,\nMinstreis Minnesinger Volkslied. 11. Buch: Die\nEntwicklung des mehrstimmigen Gesanges\nfalso lordone—Mensural-Musik und Contrapunkt Wil-\nhelm Dufay Anton Busnoys Zusätze Musik-\nBeilagen."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "411", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18641224-01.1.3", "texte": "Der zweite Theil ist inhaltreicher, als der erste, weil\neben die christliche Musik an sich inhaltreicher und ihre\nschriftlichen Aufzeichnungen vollständiger sind. Wenn nun\nauch die Darstellung von der des ersten nicht erheblich\nverschieden ist, da wir auch hier durch geistreiches Fun-\nkeln. Anekdoten, willkürliche Analogieen und anderes\nUeberflüssige öfter gestört als belehrt, und selbst durch\ndie Disposition nicht jeden Ortes genügend orientirt wer-\nden: so trägt doch dieser zweite Theil weit mehr Spuren\nder Selbstforschung, des Selbsterlebten, und die musicali-\nschen Beispiele sind bald anmuthig, bald belehrend selbst\nda, wo man an richtiger Entzifferung alter Notenschrift\nZweifel hegen muss, z. B. S. 279, wo der Anfang der\nEntzifferung dem Facsimile 277, nicht entspricht; ferner\n279, Z. 9, T. 3, verglichen mit dem Facsimile 278, Z.\n7, S. 459, wo obendrein die Nachbildung des Manu-\nscripts vermisst wird, muss man wenigstens zugeben, dass\ndie A.S emendirende Conjectur kunstgemäss und geist-\nreich ist.\nDie Erzählung derZeit vor Gregor schildert den\nUebergang aus dem classischen Alterthume in die neue\nWelt, insonderheit die Art, wie der alte Tempelgesang' in\nder christlichen Kirche erhalten bleibt, wo dann durch\nCombination ergänzt wird, was am vollen Bilde fehlt; für\ndie Kenntniss der Instrumente die ja auch sonst\ndunkele Zeiten, deren Melodieen uns fehlen, erhellen hilft\n—werden hier ausser den Namen, die die Scriptoren bie-\nten, Kirchenbilder, Sculpturen u. dgl. herbeigezogen, je-\ndoch oft mit geläufiger Phantasie überkleidet, welche\nmehr sagt, als sie weiss. Dies gilt auch von dem anderen\nCapitel, über den Gregorianischen Gesang, dessen\nauthentische Grundgestalt wir nicht kennen; denn obwohl\ndie Kirche, nämlich die römische, noch heute behauptet,\nim Besitze der ursprünglichen Weise zu sein, so vermag\nsie das nur aus mündlicher Tradition, die im Musicali-\nschen noch ungewisser ist, als im Poetischen und Dogma-\ntischen, nachzuweisen, da bekanntlich das Antiphonarium\nS. Gregorii bei einem Brande im Vatican untergegangen\nund nur eine angeblich gleichlautende Copie davon in\nSt. Gallen sich befindet, aber mit der dunkelen Neumen-\nschrift, die noch nicht enträthselt ist. Dass es sich so ver-\nhalte, erkennen auch die Katholiken an, z. B. Wollers-\nheim, Reform des Gregorianischen Gesanges (Paderborn,\n1861), S. 13; vergl. auch Ambros, 2, 69; und dass die\nobwohl allgemein behauptete Einheit des liturgischen\nGesanges doch nicht überall vorhanden, ja, längst in\nMehrfältigkeit zergangen, bezeugt unter Anderen der Fürst-\nabt Gerbert de Cantu et Musica sacra, l, 2, 4, p.\n357. Es ist daher das Meiste aus der Zeit vor Notker\nund Guido hypothetisch; die Zusammenstellung dieser\nHypothesen zu einer fortfliessenden Geschichte ist dem\nVerfasser in seiner Weise gelungen, nur durfte ohne fer-\nnere Beweise der Schluss nicht so zuversichtlich gemacht\nwerden, dass alle jene (die späteren karolingischen u. s. w.)\nGesänge in dem Gregorianischen Gesänge wurzelten (S.\n1, 3). Ziemlich gewagt ist dann auch die hier eingefloch-\ntene Behauptung, es sei das böhmische Adalbertslied,\ndas doch erst im Jahre 1397 in Notenschrift verzeichnet\nist, schon um 990 oder 1040 in gleicher Weise gesun-\ngen; die schöne, Seite 115 mitgetheilte Liedweise scheint\ndoch späteren Klanges, und ihr früheres Auftreten\nmüsste durch mehr als poetische Vermuthung bestätigt\nsein, um neben Notker's Sequenzen glaubhaft zu er-\nscheinen.\n(Schluss folgt.)\n\nAloys Ander.\n(Nekrolog.)\nVor etwa zwanzig Jahren kam in Wien ein junger\nMann aus Mähren, dem V aterlande so vieler Musiker, der\neine bescheidene Stelle auf dem Bureau der städtischen\nVerwaltung bekleidete, zu dem verewigten Capellmeister\nNicolai und sprach ihm von seiner Neigung, sich der Mu-\nsik und der Oper zu widmen. Allein Nicolai hörte seinem\nProbegesange wahrscheinlich nur mit halbem Ohr oder in\nzerstreuter Stimmung zu und redete ihm sein Vorhaben\naus. Aloys Ander, denn er war der junge Mann, kehrte\nniedergeschlagen zu seinem Actentische und seinen jähr-\nlichen 300 Gulden zurück, aber die Natur, der innere\nTrieb zur Kunst waren mächtiger als die äusseren hem-\nmenden Verhältnisse. Ander bildete sich und seinen Ge-\nsang mit stillem Fleisse aus sich selbst heraus, und es\nwährte nicht lange, so machte seine schöne Stimme im\nMänner-Gesangvereine bei Quartett-Vorträgen öffentlich\nund in Gesellschaften das grösste Aufsehen. Der berühmte\nTenorist Wild hörte ihn, studirte ihm die Rolle des\nStradella ein, und kaum zwei Jahre nach jenem Zeit-\npunkte sah Ander sich bereits als Tenorist am Hof-Opern-\ntheater mit 1800 Gulden angestellt. Nun begann für ihn\nerst recht die Zeit der ernstesten und ausdauerndsten Stu-\ndien, damit aber auch der wachsenden Anerkennung. In\nder Rolle des Stradella machte er einen ganz unerhörten\nEindruck; sie gehörte auch immer noch zu denen, in wel-\nchen Ander eine wahrhaft bezaubernde Wirkung übte.\nDennoch blieben Stradella und Arthur in den Puritanern\nwohl Jahr und Tag fast die einzigen Rollen, welche die\nTheater-Direction, vom Schlendrian der Rollen-Monopole\n\nn"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "412", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18641224-01.1.4", "texte": "u. s. w. gehemmt, ihm übertrug; doch sang er schon\n1846 den Nadori und Elvino.\nErst nach den Ereignissen von 1848 brach sich das\nhervorragende Talent des Sängers Bahn. Sobald sich die\nTheater-Verhältnisse unter der Leitung des Herrn v. llol-\nbein wieder befestigt hallen, wurde er mit 6000 Gulden\nGehalt angestellt und machte nun in der Gunst des Hofes\nund des Publicums so grosse Fortschritte, dass eine Er-\nhöhung seines Gehaltes auf 9000 Gulden und die Ernen-\nnung zum k. k. Kammersänger die baldige Folge davon\n. war. Welche Triumphe der Künstler seitdem nicht bloss\nin Wien, sondern durch sein Gastspiel auf allen grossen\nTheatern Deutschlands, namentlich in Dresden, Hamburg\nund Berlin gefeiert hat, ist allbekannt. In Berlin wurden\nihm Anerbietungen von der Intendanz gemacht, wie sie\nin der deutschen Theaterwelt noch nicht vorgekommen\nsind. Allein er ist Oesterreich treu geblieben und hat Wien\nnicht verlassen.\nGeboren war Ander am 10. August 1821 zu Liebe-\ntitz in Mähren, wo sein Vater Schullehrer war. Das\nJahr 1849 sah ihn schon in der Reihe der ersten Te-\nnoristen von Europa, wiewohl er als eigentlicher Gesangs-\nkünstler nicht die Höhe eines Rubini und Boger erreicht\nhat. Als Meyerbeer im Anfange des Jahres 1850 nach\nWien kam, um seinen „Propheten\" dort einzustudiren,\nübertrug er Ander die Rolle des Johann, welche dieser\nmit grossem Erfolge nicht nur in Wien, sondern auch auf\nseinen Kunstreisen ausführte; denn die Ferien des Jahres\n1850 benutzte Ander zu Gastspielen in Norddeutschland.\nDer Sänger wurde auch, wie erwähnt, vom Kaiser von\nOesterreich durch Verleihung des Titels eines Kammer-\nsängers ausgezeichnet; der Grossherzog von Hessen-Darm-\nstadt verlieh ihm die goldene Medaille für Kunst und Wis-\nsenschaften, eben so der König von Hannover; der König\nvon Schweden zierte ihn mit der Medaille\nmeruere labores\". Viele philharmonische Vereine ernann-\nten ihn zu ihrem Ehren-Mitgliede, eben so der wiener\nSchriftsteller-Verein „Concordia\". Die Damen von Stock-\nholm übersandten ihm einen massiven silbernen Lorberkranz.\nUeber sein Gastspiel in Köln schrieben wir im Jahre\n1854 in der Kölnischen Zeitung unter Anderem: „Es\nhatten sich Gerüchte verbreitet, dass eine Krankheit (An-\nder war allerdings im Jahre 1853 von einem ziemlich\nanhaltenden Uebel heimgesucht worden, und es fehlte nicht\nan Steckbriefen, die ihm fortan allen Klang und Wohllaut\nder Stimme absprachen) den trefflichen Sänger so ange-\ngriffen hätte, dass es mit seinen Erfolgen vorbei sei. Aber\nwie schwanden alle bangen Refürchtungen bei dem Auf-\ntreten des Künstlers vor den herrlichen Tönen, die mit\nkräftiger Frische, angethan mit dem vollsten dramatischen\nLeben und dem unnachahmlichen Zauber der Anmuth,\naus seiner Brust strömten, wie lauter Hymnen zum Preise\nder Natur und der Kunst! Denn was jene verschwende-\nrisch gespendet, hat diese auf das sorgsamste gepflegt, und\nso ist Ander zu einer musicalisch-dramatischen Erschei-\nnung geworden, wie sie nur selten vorkommt. Was hat\ner nicht z. ß. in Gesang und Spiel aus der Rolle des Lyonel\nin der Martha gemacht! Wir gehören keineswegs zu den\nunbedingten Verächtern der Flotow'schen Opern, allein\ndass ein Stück Flotow'scher Musik, dass eine einzelne Par-\ntie in irgend einem von seinen Werken einen solchen Ein-\ndruck machen könne, wie wir es gestern erlebt, das haben\nwir uns nicht im entferntesten träumen lassen. Für Ander\nströmt der begeisternde Hauch selbst aus sonst kaum be-\nachtenswerthen Noten, Empfindung spricht bei seinem\nVortrage aus Melodieen, die uns sonst gleichgültig lassen,\nund wenn je ein Sänger den Namen eines schaffenden\nKünstlers verdient, so ist es Ander, denn er belebt das\nTodte und haucht dem Stoffe eine Seele ein.\"\nIndessen versichern zuverlässige Mittheilungen aus\nWien, dass aus jener ersten Krankheit eine nervöse Er-\nregbarkeit übrig geblieben, welche mit jedem Jahre wuchs,\nund dass der allmähliche Ruin von Ander's Gesundheit\nnoch durch Anwendung heftig reizender Mittel beschleu-\nnigt worden sei. Auch fehlt es in Wien nicht an Stimmen,\nwelche den Aerzten und der Direction der Hofoper\nschwere Vorwürfe darüber machen, dass man den geistes-\nkranken Sänger im vergangenen Sommer noch habe auf-\ntreten lassen. Was etwa eigener Wuqsch und eine Verken-\nnung seines Zustandes von seiner Seite dazu beigetragen,\nwird schwer zu ermitteln sein. Gewiss ist, dass schon am\n8. Juli d. J. in „Czaar und Zimmermann\" und am 12. in\n„Lohengrin\" sich deutliche Spuren von Geisteszerrüttung\nzeigten. Trotzdem gab man zu, dass er am 19. Septem-\nber noch einmal als Arnold in Rossini's „Wilhelm Teil\"\nauftrat. Wiener Blätter schreiben darüber, dass die\nschmerzlichen Eindrücke, die dieser letzte Abend seiner\nKünstler-Laufbahn hervorrief, allen denen, die zugegen\nwaren, ewig im Gedächtnisse bleiben werden. Bald darauf\nwurde es nothwendig, ihn nach Bad Wartenberg in Böh-\nmen zu bringen. Der Wahnsinn brach bis zur Tobsucht\naus, so dass sein Tod in der Nacht vom 11. zum 12. De-\ncember als eine Wohlthat betrachtet werden musste.\nAnder war in vieler Hinsicht ein begabter Mensch,\nwenn auch sein Können nicht der hingebenden Neigung\nentsprach, die er für alles, was Kunst heisst, hegte. Er\nhat mehrere Lieder componirt und beschäftigte sich in\nseinen Mussestunden auch mit Malerei und poetischen\nVersuchen. Sein Spiel auf der Bühne zeigte überall den\ngebildeten Künstler, und eine gewisse Noblesse der üar-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "413", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18641224-01.1.5", "texte": "Stellung wusste er auch den dramatisch weniger bedeuten-\nden Rollen zu verleihen. Die wiener „ Recensionen\" thei-\nlen sein Repertoire mit, in welchem die Rollen, die er\ngeschaffen hat, mit * bezeichnet sind. Unter diesen war\nverhängnissvoll die letzte („Baidung\" in Offenbach's\n„Rheinnixen\", den 4. Februar 1864) die Rolle eines\nWahnsinnigen!\n1845. „Stradella\". Stradella. „Die Puritaner\".\nArthur.\n1846. „Hans Heiling\". Konrad. „Die Entführung\naus dem Serail\". Belmonte.— „Czaar und Zimmermann\".\nChateauneuf.— „Das Nachtlager in Granada\". Gomez.—\n„Wilhelm Teil\". Ruodi.— „Jessonda\". Nadori.— „Die\nNachtwandlerin\". Elvino.— „Faust\" (von Spohr). Hugo.\n1847. „Lucrezia Borgia\". Gennaro.— „Die Stumme\nvon Portici\". Alfonso. „Die Musketiere der Königin\".\nOlivier.\n1848. „Dom Sebastian\". Dom Sebastian. „Lucia\nvon Lammermoor\". Edgardo.— „Martha\". Lyonel.\n1849. „Templer und Jüdin\". Ivanhoe.— „Wilhelm\nTeil\". Arnold.— „Hernani\". Hernani. „Fidelio\". Flo-\nrestan. „Titus\". Titus. —„Maria von Rohan\". Chalais.\n„Der Blitz\". Lyonel. „Die Zigeunerin\". Thomas.\n„Jolanthe\". Tristan.*\n1850. „D er Prophet\". Johann von Leyden.\n1851. „Paquita\". Gral Alfonso.*—„Oberon\". Huon.\n„Casilda\". Alfonso.— „Der verlorene Sohn\". Azael.—\n„Linda v. Chamounix\" .Arthur.— „ Don Juan\" .Don Ottavio.\n1852. „Die lustigen Weiber\". Fenton.*—„DieZau-\nberttöte\". Tamino.— „Die Tochter der Wellen\". Arduin.\n„lndra\". Dom Sebastian. *— „Die Hugenotten\". Raoul.\n1853. „Die weisse Frau\". Georges Brown.\n1854. „Ein Sommernachtstraum\". Shakespeare.—\n„Die Matrosen\". Arthur.— „Fra Diavolo\". Fra Diavolo.\n„Der Gott und die Bajadere\". Brama.\n1855. „Euryanthe\". Adolar. „Joconde\". Joconde.\n„Der Nordstern\". Danilowitz.\n1856. „Albin\". Albin. „lphigenia auf Tauris\". Py-\nlades.— „Die Stumme von Portici\". Masaniello.— „Johann\nvon Paris\" (1. Act). Johann.\n1857. „Die Nibelungen\". Günther. „Die siciliani-\nsche Vesper\". Heinrich.\n1858. „Die Königin von Cypern\". Coucy.— „Lohen-\ngrin\". Lohengrin.\n1859. „Die Rose von Castilien\". Manuel.— „Diana\nvon Solange\". Armand.\n1860. „Tannhäuser\". Tannhäuser. „Rigoletto\".\nHerzog.\n1861. „Die Kinder der Haide\". Wanja.* „Der\nWasserträger\". Armand.\n1862. „Margarethe\". Faust.*\n1863. „ Wilhelm lell\" (zu ErFs Jubelfeier). Harras.\n1864. „Die Rheinnixen\". Baidung.*\n\nAus Hamburg.\nDen 12. December 1864.\nWir haben in der ersten Decemberwoche Kunst-\ngenüsse gehabt, die durch die Anwesenheit zweier deut-\nschen Berühmtheiten, des Fräuleins Tietjens und der\nFrau Clara Sch um an li, erhöht wurden.\nDas Concert der Frau Clara Schumann am Dins-\ntag den 6. December halte sich der grössten Theilnahme\nzu erfreuen, da der grosse Wörmer'sche Saal von einem\ngewählten Publicum ganz besetzt war. Beethoven's B-dur-\nTrio mit den Herren Rose und Hegar, Mendelssohn's\nVariationen Op. 54, Schumann s Dichterliebe, von Herrn\nJulius Stockhausen gesungen, und einige kleinere\nStücke bildeten das Programm. Die Leistungen waren,\nwie sich erwarten Hess, vortrefflich. Die grosse Künstlerin\ngab im Vereine mit den Herren Rose und Hegar am\n9. December eine Soiree in Kiel, in welcher unter Ande-\nrem Mendelssohn's D-moll-Tr\\o zur Aufführung kam. Die\nkieler Blätter sind mit Recht des grössten Lobes voll da-\nvon. Hier in Hamburg spielte sie ferner im philharmoni-\nschen Concerte unter der Direction von Stockhausen\ndas Es-dur-Concert von Beethoven und Solostücke von\nSchubert, St. Heller und Weber. Stockhausen sang eine\nArie von Sacchini und Lieder von Schumann, und leitete\ndie höchst gelungene Aufführung der Sinfonie von\nMozart.\nTherese Tietjens, unsere gefeierte Landsmännin,\nhat drei Mal als Leonore im Fidelio das überfüllte Haus\nzu enthusiastischem Beifalle hingerissen. Wir wollen gern\nzugeben, dass ein patriotisches Gefühl, dieser Fidelio ist\neine Hamburgerin, gar Manchen in die weiten Räume des\nStadttheaters gelockt: aber es ist ein weit mächtigerer\nMagnet, der diese unausgesetzte Anziehungskraft besitzt,\nbei wesentlich erhöhten Preisen eine solche Masse von Zu-\nhörern zusammenzuführen: es ist der glückliche Bund von\nNatur und Kunst in herrlichster Begabung und Ausbil-\ndung. Nur wenigen Künstlerinnen ist es bisher vergönnt\ngewesen, den Beethoven'schen Fidelio in einer genügenden\nWeise darzustellen. Beethoven hat für diese Rolle einer\nKünstlerin eine so gewaltige und so erschöpfende Aufgabe\ngestellt, dass nur eine Milder-Hauplmann, eine Schröder-\nDevrient, eine Schechner, eine Köster sie lösen konnten.\nDiesen grossen Vorgängerinnen schliesst sich Therese\nTietjens ebenbürtig an, in der Stimme selbst der Milder-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "414", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18641224-01.1.6", "texte": "Hauptmann, in der Gesangskunst der Schechner und der\nKöster, im dramatischen Vortrage der Schröder-Devrient,\nwenngleich in letzterer unvergesslichen Künstlerin die lei-\ndenschaftliche Gluth gegen den Schluss der Oper noch\nheisser hervorgetreten sein dürfte. Fräulein Therese Tiet-\njens gibt in ihrem Fidelio ein Kunstgebilde, das aus Einem\nGusse hervorgegangen; grossartig ist die Auffassung des\nganzen Charakters und consequent die Durchführung des-\nselben bis zum Schlüsse. Und doch, wenn wir ihre Wie-\ndergabe mit denen ihrer grossen Vorgängerinnen verglei-\nchen, so scheint sie uns derselben das Siegel einer Eigen-\ntümlichkeit aufzudrücken, welche wir eben nicht näher zu\nbezeichnen wissen, aber als eine äusserst anziehende und\nfesselnde anerkennen müssen. Gleich im ersten Acte, vom\nCanon an, wirkt der empfindungsreiche Vortrag so wohl-\nthuend auf Hörer und Kenner ein, dass man sich für die\nfolgenden Nummern des Terzetts und der schwierigen\ndur-Arie, welche in hoher Vollendung gesungen wurde,\ngehoben vorbereitet fühlt. Im zweiten Acte stand das wohl-\ndurchdachte Spiel mit ihrem Gesangs-Vortrage in vollkom-\nmenem Einklänge. Man musste zugleich die Mässigung und\ndie ausdauernde Kraft bewundern, mit welcher die Künst-\nlerin die ganze anstrengende Gefängniss-Scene durchführte,\nohne auch je die Gränze des Schönen im Feuer des Affectes\nzu überschreiten. Gewöhnlich sind minder begabte Fidelio-\nSängerinnen bei der Erkenntniss-Scene mit Florestan voll-\nständig physisch zusammengebrochen, Fräulein Tietjens\naber erringt von da ab noch neue Triumphe durch die\nMacht ihrer grossartigen Stimmmittel, mit denen sie bis\nzu dem Ende der Oper in Staunen erregender Weise\nHaus zu halten weiss.\nDie Aufführung des Händel'schen „Messias\", welche\nam 8. December in der grossen St. Michaeliskirche unter\nLeitung des Herrn Deppe Statt gefunden, hatte sich eines\nglänzenden Erfolges zu erfreuen. Die weiten Räume der\nKirche waren nicht nur in allen ihren Theilen mit Zuhö-\nrern angefüllt, sondern auch die Mitwirkenden selbst fühl-\nten sich durch die Theilnahme angeregt, welche der Ton-\nschöpfung wie ihrer Aufführung von allen Betheiligten ent-\ngegengetragen wurde. Fräulein Therese Tietjens sang\ndie Sopran-Soli mit einer Weise und Würde, die von dem\nErnste Zeugniss ablegte, mit welchem sie ihre Kunst in\nallen Zweigen und Bichtungen zu umfassen bemüht ist.\nEine ebenbürtige Vertreterin der Alt-Partie stand ihr in\nFrau Joachim- Weiss aus Hannover zur Seite, deren\nwohltönendes Organ sich gleich in der ersten Arie aufs\nschönste geltend machte. Von den beiden Herren stand\nHerr Otto den Damen an organischen Mitteln und poeti-\nscher Darstellung nach, doch ist er schon seit längerer\nZeit als Oratoriensänger bekannt und wirkt glücklich durch\njene verständige, musicalisch richtige Auffassung, die den\nKenner beruhigt und den Zuhörer freundlich anmuthet.\nHerr Ad. Schulze besitzt ein umfangreiches Organ,\ngrosse musicalische Sicherheit und eine Fertigkeit, die ihn\ndie schwierigsten Coloraturen leicht und correct überwin-\nden lässt. Die Betheiligung seines kraftvollen Basses war\nein grosser Gewinn für die Aufführung. Von sorgfältiger\nVorbereitung zeugten auch die Chöre, die durchweg treff-\nlich ausgeführt und von einem tüchtigen Orchester unter-\nstützt wurden.\nDas Einzige, was wir bei der schönen Aufführung\nvermissten, war die Mitwirkung der Orgel, die man nur\nsah, aber nicht hörte.\nDem Vernehmen nach wird Herr Deppe mit seiner\nAkademie im nächsten Februar Händel's „Saul\" zur Auf-\nführung bringen.\n\nFünftes Gesellschafts-Concert in Köln im Gürzenich,\nunter Leitung des städtischen Capellmeisters, Herrn\nFerdinand Hiller.\nDinstag, den 20. December 1864.\nDas fünfte Gürzenich-Concert war im Ganzen ein recht schönes.\nGewiss war nicht bloss den Kennern und entschiedenen Verehrern\nGluck's, sondern auch der Mehrzahl der Dilettanten, welche bei un-\nseren heutigen Bühnenzuständen noch wenig oder gar nichts von\nseinen Opern aus eigener Anschauung kennen, die Vorführung eines\nganzen Actes der Oper Alceste eine sehr willkommene Gelegenheit,\ndurch ein für sich bestehendes Ganzes, als welches man den ersten\nAct die Todesweihe der Alceste für den Gatten betrachten\nkann, eine Vorstellung von der Einheit des Gluck'schen Stils und\nseiner dramatischen Kraft wenigstens durch eine Concert-Aufführung\nzu erhalten. Wie sehr sich aber diese einer wirklichen Darstellung\nauf der Bühne näherte, wird man begreifen, wenn man hört, dass\nFrau Louise Köster jene Alceste war, welche ihr Leben für den\ngeliebten Gatten hingibt und „die Götter der Nacht\" anruft, ihr\nOpfer anzunehmen. Ja, sie war durch den herrlichen Ausdruck\nder Töne und Worte für jedes empfängliche Gemüth die Alceste,\nsie sang sie nioht bloss. Aber in die Bewunderung mischte sich\nder Schmerz, dass diese Sängerin, die so lange die Zierde der ber-\nliner Oper gewesen, jener Oper, die in unserem Jahrhundert fast\nnoch die einzige Zufluchtsstätte der Gluck'schen musicalischen Tra-\ngödien war, vielleicht die letzte Künstlerin sein wird, welche eben\nso wohl befähigt ist, solche Musik zu singen, als zugleich die Liebe\nzu einer so hohen Kunstgattung besitzt, um sich ihr ganz hinzu-\ngeben und in ihrer Beproduction ihre schönste Aufgabe zu finden.\nDie Musik Gluck's erfordert eine ganz besondere Auffassungs-\ngabe für die einfache Grösse seiner musicalischen Charakteristik,\nwelche überall nur Tiefe und Wahrheit der Empfindung beabsich-\ntigt, aber die Aufregung der Leidenschaft, wonach die neuere dra-\nmatische Musik strebt, fast durchweg vermeidet und, im Gegensatze\nzu der modernen Weise, die sich Unruhe und Nervenreiz zum Ziele\nsetzt, ihren Tonbildern eine strenge, plastische Ruhe, die Haupt-\neigenschaft der antiken Schönheit, zu verleihen strebt. Das mag in\neiner Menge von musicalischen Büchern, verstanden und unverstan-\nden von ihren Verfassern, zu lesen sein, aber über die Redensarten"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "415", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18641224-01.1.7", "texte": "geht es meistens nicht hinaus, und was für den Sänger und die\nSängerin dazu gehört, um dieser Auffassung, auch wenn sie Ver-\nstand und Gemüth dazu haben, technisch zu genügen, davon\nschweigen die Aesthetiker. Die Naturanlage allein reicht dazu nicht\naus, wiewohl sie selbstverständlich Stimme, und zwar einen hohen\nGrad von Tonfülle in den mittleren Regionen und einen gewissen\nGlanz in der Höhe gegeben haben muss. Aber auch eine mit diesen\nEigenschaften ausgestattete Stimme kann die nothwendige technische\nBefähigung zur Wiedergabe Gluck'scher Musik nur durch aus-\ndauernde, kunstverständige Studien erlangen, welche sicheren An-\nsatz und nie wankendes Festhalten des Tones, Egalisirung der Re-\ngister, Ausdauer des Athems, eine vollendete Kunst des An- und\nAbschwellens des Tones (r/iessa di voce), Klarheit und Adel der\nAussprache, genaue Uebereinstimmuug der musicalischen und rheto-\nrischen Accentuation und maassvollen Gebrauch der verschiedenen\nKlangfarben der Stimme bezwecken und erreichen. Leider sind dies\naber gerade Eigenschaften, auf deren Erlangung die heutige Gesan-\ngeskunst zu wenig und die Praxis der Singenden vollends gar nicht\ngerichtet ist. Wie unerlässlich diese Forderungen für Gluck sind,\nwird man leicht einsehen, wenn man sich die Manieren der heutigen\nVerdi-Sänger ins Gedächtniss ruft und dann, um nur Ein Beispiel\nzu geben, eine Arie der Alceste oder der Iphigenie auf Tauris mit\ndem beliebten Beben der Stimme als Ausdruck des Schmerzes wie-\ndergegeben denkt! Es wäre nicht zum Aushalten! Und doch gibt\nes jetzt Sänger und Sängerinnen, die einen Ton überhaupt gar nicht\nmehr ohne Hülfe des Tremolirens aushalten können. Und die Aus-\nsprache in Verbindung mit der Tonschönheit, wo bleibt sie heut-\nzutage? Ja, ist sie bei der jetzigen hohen Lage und dem Luxus,\nder mit übernatürlicher Höhe im Sopran und mit dem Falset im\nTenor getrieben wird, überhaupt nur noch möglich?\nMan wird sagen, wozu das alles in einem Concert-Berichte, der\ndoch keine Abhandlung über Gesangskunst sein soll? Nun, einzig\nund allein dazu, um es auszusprechen, dass Frau Köster alle diese\nEigenschaften einer Sängerin grossen Stils besessen hat und, mit\nAusnahme des früher strahlenderen Tonglanzes der Höhe im For-\ntissimo, noch jetzt besitzt und in seltener Weise in sich vereinigt.\nDenn jene echten Gesang-Studien, welche zur Meisterschaft in der\nBehandlung der Stimme führen, sind zugleich das beste Mittel, die\nStimme zu conserviren. Unsere Bewunderung der vorerwähnten Lei-\nstung der Künstlerin steigt um so mehr, wenn wir bedenken, dass\nsie als Louise Schlegel schon in ihrem sechszehnten Jahre (1838\nund 1839) bei dem leipziger Theater erste Partieen sang und von\nda an bis 1862, wo sie sich bekanntlich von der Bühne zurückzog,\nunter anderen die Iphigenia in Tauris 15 Mal, die Armida 24, die\nKönigin der Nacht 31, die Vestalin 34, die Rezia 52, die Gräfin (im\nFigaro) 59, die Donna Anna 68, die Leonore im Fidelio 80 Mal\ngesungen hat! Die Alceste sang sie zum ersten Male den 20. No-\nvember 1848 in Berlin. Am Rheineist sie, wie überall, ein seltener\nGast gewesen, denn sie hat stets den Wettlauf nach Gold und Krän-\nzen verschmäht, zufrieden mit den Blüthen der Kunst, deren er-\nquickenden und belebenden Duft ihr Gesang über ihre nächsten\nUmgebungen verbreitete. Im Jahre 1851 sang sie auf dem nieder-\nrheinischen Musikfeste in Aachen die Sopran-Partie im Judas Mac-\ncabäus, die Ilia in den Scenen aus Idomeneo und die Arie der\nGräfin aus Figaro's Hochzeit.\nIm ersten Theile des Concertes, welchen eine hier neue Ouver-\ntüre von E. Naumann „zum Trauerspiel Lorelei\" (einem vorhan-\ndenen oder gedachten?), die mässigen Beifall fand, eröffnete, hörten\nwir ausser der Arie der Leonore aus Fidelio durch Frau Köster\nund zwei Weihnachtsliedern von Leonhard Schrötter (1587),\ndurch den Chor a capella gesungen, Herrn Concertmeister von Kö-\nnigslöw, der ein Concert von Rode auf vortreffliche Weise vor-\ntrug. Königslöw gehört zu den wenigen Violinisten, die einen Stil\nhaben, und zwar den schönsten, den Gesangstil auf der Violine,\nwelcher alle seine Leistungen, durch die er dem Geiste der verschie-\ndensten Componisten, wie Beethoven, Spohr und Mendelssohn, voll-\nkommen gerecht wird, stets durchdringt und durch schönen Ton und\nausdrucksvollen Vortrag charakterisirt, wovon er uns auch jetzt wie-\nder, namentlich in dem reizenden Adagio und dem annmthigen letz-\nten Satze des liode'schen Concertes, einen neuen Beweis gab.\nEine fast wunderbare Wirkung brachte Mozart's trefflich aus-\ngeführte Sinfonie in D-dur (in vier Sätzen) auf das gesammte\nPublicum hervor: Alles fühlte sich froh erregt durch diese Musik,\ndie wie aus sich selbst in unerschöpflicher VVerdelust ans Licht\nquillt, nichts sein will, als Musik, und doch unendlich mehr ist,\ni\\eil \\or ihr sich das Herz öflnet, allen Erdenrest für den Augen-\nblick abstreift und sich einer Befriedigung hingibt, wie sie an schö-\nnen Sommertagen der Anblick des blauen Himmels über dem Saa-\nten- und Waldesgrün gewährt. Wohl dem, der beiden Empfindungen\nnicht abgestorben und der wahren Freude an der Natur und au der\nKunst nicht fremd geworden ist!\nAm Schlüsse des Concertes entzückte uns dann noch unmittel-\nbai nach dem ersten Acte der Alceste die grosse Leonoren-Ouver-\nture von Beethoven, jenes herrliche Werk, welches, für diesen\nAbend besonders gut gewählt, das plastische Bild Gluck's in ein\nGemälde verwandelt, das : durch seine lebendige Farbengebung das\nOpfer der Gattenliebe unserer Anschauungs- und Gefühlsweise noch\nnäher bringt.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nG.\ner zweiten Soiree für Kammermusik im\nSaale des Hotel Disch am 13. d. Mts. borten wir von den Herren\nGr e o 1 g Jap ha, Derckum, von Königslöw und A. Schmit\ndie Violin-Quartette Nr. 1 in Es von Cherubini, und Op. 74 in\nEs von Beethoven. Dazwischen erfreute Fräulein Agnes Zim-\nmermann die zahlreiche Zuhörerschaft durch den trefflichen Vor-\ntrag des Quintetts für Pianoforte u. s. w. von Schumann im\nVerein mit den genannten Künstlern.\n15' Deceruber. In Gegenwart Ihres städti-\nschen Capellmeisters, Herrn Ferdinand Hiller, fand am 13-\nd. Mts. die Aufführung von dessen Oratorium „Die Zerstörung\nJerusalems\" Statt. Die Solo-Partieen waren auf das trefflichste\nbesetzt: Frau von Ising (Schwester der berühmten Sophie Cru-\nwelli) und Fräulein Schön heim aus Berlin sangen die Sopran-,\n1 raulein Gindele aus Braunschweig die Alt-Partie, die Herren Pirk\naus Hannover und Jansen aus Düsseldorf die Tenor- und Bass-\nSoli. Das Orchester löste seine bekannter Maassen nicht leichte Auf-\ngabe nach sorgfältigen Proben mit grosser Präcisiou, und der Chor\nsang mit einer Correctheit, wie sie bei Dilettanten-Vereinen nicht\nimmer zu finden ist. Das Publicum war in Scharen herbeigezogen\nund folgte der Musik mit der angespanntesten Aufmerksamkeit.\nI i 1er, der berühmteste lebende Oratorien-Componist unserer Zeit,\nwurde durch Erheben des Chors und mit Tusch empfangen, worein\ndas Publicum einstimmte, und zum Schlüsse der Aufführung wurde\ner mit Blumen überschüttet. Auch ward dem trefflichen Meister bei\nseiner Ankunft am Abende vor dem Concerte von den vereinigten\nMannerchören ein Ständchen gebracht, und im Laufe des Concert-\ntages wie des darauf folgenden Vormittags bemühte man sich von\nallen Seiten, ihm Ovationen darzubringen. Wir können diesen Be-\nliebt nicht schliessen, ohne der aufopfernden Bemühungen unseres\nMusik-Directors, des Herrn Albert Hahn, zu erwähnen, dessen\nrastlosem künstlerischem Streben wir die vollendete Aufführung zu\nverdanken haben."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "416", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18641224-01.1.8", "texte": "Iffülielften. Der „Fliegende Holländer\" ist am 4. d. Mts. end-\nlich vor überfülltem Hause in Scene gegangen. Der Beifall war ein\nausserordentlicher, besonders nach dem zweiten Acte, und Wagner\nwurde nebst den Repräsentanten der Haupt-Partieen, Herrn Kin-\ndermann und Fräulein Stehle, enthusiastisch gerufen. Der König\nwohnte der Aufführung mit lebhafter Theilnahme bei."}]}