{"numero_id": "bm-bmtnabi-1865-01-14-01", "volume": "bmtnabi_1865-01-14_01", "ocr_sha256": "20e2a968309a5c7a5641e4311936a82f880373d085a5dba3eb2fe0b0d25171c2", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1865/01/14_01/bmtnabi_1865-01-14_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650114-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1865-01-14-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1865-01-14_01#c001", "volume": "bmtnabi_1865-01-14_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "9", "page_fin": "9", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650114-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "9", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650114-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 446, "texte": "Inhalt.\nCarl Maria von Weber. 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Von Max Maria von Weber.\nZweiter Theil.\nII.\n(I. S. Nr. 1.)\nDie Ouvertüre zur Euryanthe schrieb Weber in Wien\nzwischen dem 6. und 19. October 1823, während er\nauch den grössten Theil des Clavier-Auszugs bearbeitete.\nWir haben schon gesehen, dass Weber von der Be-\nschäftigung mit der Musik so eingenommen war, dass er\ndie grossen Mängel des Textes nicht einsah; nur in der\nvorletzten Generalprobe fühlte er namentlich die Länge\nder Oper neben den matten Stellen der Handlung und\nsagte nach S. 519 der Biographie selbst: „Ich fürchte,\naus meiner Euryanthe wird Ennuyiante.\" Allerdings ver-\nbreitete sich das Gerücht von der Ausdehnung der Oper\nund der unklaren Motivirung der Handlung und wirkte\nnachtheilig auf die Spannung des Publicums.\nDie Besetzung war vortrefflich. Euryanthe—Henriette\nSontag, damals 17 Jahre alt; Eglantine—die Grünbaum;\nAdolar Haitzinger; Lysiart Forti; der König Sei-\npelt. Ueber den Chor konnte sich Weber gar nicht lo-\nbend genug aussprechen.\nDer Abend des 25. October 1823 war da. Der Bio-\ngraph berichtet über die Aufführung:\nEine dicht gedrängte Masse füllte das Kärnthnerthor-\nTheater; die Aristokratie der Geburt und des Geldes hatte\nin den Logen ihren ganzen Glanz entfaltet, das Haus\nglänzte wie bei einer Gala-Vorstellung. Im Parterre und\nauf den Galerieen drängte sich als compacter, kampfge-\nrüsteter Körper die ganze echte Musikwelt Wiens. Fast\nkein Mitglied der „Ludlamshöhle\" *) fehlte im Theater, wo\nes galt, den Triumph des Mitgliedes, das sie selbst geadelt\nhatte, zu verherrlichen. Zornige Blicke wurden nach den\nLogen emporgeschickt, wo man plauderte und lachte.\nBei Weber's Erscheinen im Orchester wollte der En-\nthusiasmus sich gar nicht beruhigen, bis er durch lautes\nAufklopfen das Zeichen zum Anfange gab.\nDie herrliche Ouvertüre begann, aber die Vorfüh-\nrung war des sonst so trefflichen Orchesters nicht würdig,\nja, blieb weit hinter der Generalprobe zurück. Sei es, dass\nsich die Musiker zu viel Mühe geben wollten, sei es, was\nam wahrscheinlichsten ist, dass es zu einem sicheren Ge-\nlingen an genügsamen Proben fehlte das Zusammen-\nspiel wurde vermisst, an einigen Stellen spielten die Violi-\nnen sogar falsch, und obwohl von einigen Stimmen da\ncapo verlangt, war der Eindruck des poesievollen Tonwer-\nkes doch mit dem nicht zu vergleichen, den es später in\nBerlin und Dresden und in dem leipziger Gewandhaus-\nConcerte machte.\nDie grossartige Introduction mit ihren scharf markir-\nten Contrasten zwischen dem reizenden, anmutbigen Cha-\nrakter des Frauenchors und dem ernsten, edeln des Män-\nnerchors wurde meisterhaft vorgetragen und hätte sich\nwahrscheinlich vollen Beifalls zu erfreuen gehabt, wenn\nder gleich beginnende, von Taglioni zu balletmässig geord-\nnete Reigen nicht die Aufmerksamkeit abgelenkt hätte.\nDie Inscenirung war hier nicht im Sinne des Componisten\nund erschien in der That als eine mattere Copie des Me-\nnuetts im »Don Juan\" (?).\nAdolar's edel gehaltene, musicalisch reich behandelte\nRomanze vermochte das Publicum nicht zu befeuern.\nLysiart's Auftritt, so schön vorbereitet und durchge-\nführt, erregte allgemeines Interesse. Das grosse Recitativ\nbeginnt in so ernster, bedeutender Kraft, das Schürzen\ndes Knotens ist so energisch markirt, dass hier schon ge-\nwaltige Mittel vom Tonsetzer gebraucht werden.—Leider\nrechtfertigte Forti's Auffassung seiner Rolle, die er zu sehr\n\n*) So nannte sich eine literarisch-musicalisch-poetische, haupt-\nsächlich aber humoristische Gesellschaft."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "10", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650114-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5093, "texte": "auf den rauhen Bösewicht spielte, nicht den Beifall, den\ndas Publicum seinem Lieblinge zollte.\nAdolar's begeisterte Arie: „Ich bau' auf Gott und\nmeine Euryanth'\", riss, obgleich Haitzinger seine Stimme\nungebührlich forcirte, unwiderstehlich hin, und am\nSchlüsse der Scene wurde Weber stürmisch gerufen.\nDie Einleitung zu „Glöcklein im Thale\", unstreitig\neine der reizendsten Inspirationen im ganzen Bereiche dra-\nmatischer Musik, flocht gleichsam einen Blumenkranz als\nRahmen für Euryanlhe's Erscheinung.\nHenriette Sontag, in der Blüthe ihrer Schönheit, im\nkleidsamsten Costume, so dass sie unwiderstehlich an\nGiulio Romano's Beatrice Cenci erinnerte, wurde auf bei-\nspiellose Weise empfangen. Wollte man nun einmal eine\ndeutsche Sängerin wie eine Italiänerin feiern, oder hatte\nman sie nie so kleidsam costümirt gesehen kurz, das\nRollen der Beifall-Salven, das Bravo-Geschrei dauerte in\nstörender Weise fast fünf Minuten. „Ei, ei!\" sagte We-\nber zu dem neben ihm stehenden Gyrowetz, „sie ver-\nschiessen ihr Pulver!\" Drei Mal wollte die Sontag anfan-\ngen, und drei Mal musste sie wieder mit den graziösesten\nNeigungen für den Sturm zu ihrer Ehre danken.\nDie Cavaline (Glöcklein im Thale) selbst, von Weber\nbei der ersten Aufführung in offenbar allzu langsamer\nBewegung geführt, liess kühl.\nMadame Grünbaum's Empfang, der unter gewöhn-\nlichen Umständen ein glänzender gewesen wäre, schien\nnun farblos und matt—ihre so wundervolle, leidenschaft-\nliche Arie wurde kaum bemerkt.\nDas Recitativ zwischen Euryanthe und Eglantine, die\nso schön gedachte Erzählung Euryanthens, ermüdete durch\nseine Länge und das nie unterbrochene langsame Tempo.\nDie andauernd gebrauchten, hingehauchten Noten Hessen\ndie Stimme der Sontag matt werden, so dass keine Stei-\ngerung wirksam werden konnte. Die Scene that der Wir-\nkung der Oper wesentlichen Eintrag. Weber bemerkte\nes selbst und kürzte sie für die Folge.\nErst bei dem Duett der beiden Frauen: „Unter ist\nmein Stern gegangen\"erwachte das Publicum aufs Neue.\nAber auch welcher Vortrag! So ist das Duett nie mehr\ngesungen worden, als von diesen beiden grossen Sängerin-\nnen, denen es Weber Ton für Ton selbst einstudirt hatte.\nUnwiderstehlichem Rufe nach Wiederholung musste end-\nlich Folge geleistet werden.\nDie Scene der Grünbaum, obwohl mit Geist und\nFeuer vorgetragen, wollte nicht gefallen.\nDa erschallten die Trompetentöne des Finale, der\nIrische, spielende Chor mit Ballet, Lysiart's leidenschaft-\nliche und musicalisch so ausdrucksvolle Anrede an Eu-\nryanthe, und Euryanthens zarte, zauberisch melodiöse\nAntwort leitete zum Culminationspunkte des wiener Er-\nfolges, dem Quartett mit Chor und der Solostelle am Ende\ndes ersten Actes.\nDie Ovation wie beim Auftreten der Sontag erneuerte\nsich, die letzte Phrase musste wiederholt werden und zwei\nMal wurde das ganze Personal mit Weber herausgerufen.\nDie leichte, gefällige Melodie, von Allen verstanden,\nvon der Einige behaupteten, sie wirke so eingehend, weil\nsie keine andere sei als die eines damals sehr beliebten\nWalzers von Adalbert Gyrowetz, hörte man in den Cor-\nridors und sogar in den Logen von Künstlern und Laien\ngesummt, und ein noch entschiedenerer Triumph wie der\ndes „Freischütz\" schien unzweifelhaft. Aber, wie es\nWeber gefürchtet, man hatte schon viel Beifallspulver ver-\nschossen und eine Ermattung und Reaction trat ein, die\nauf den Erfolg der anderen beiden Acte ungünstig wirkte.\nDurch die Wiederholungen und Beifallsstürme hatte\nder ohnehin lange Act fast anderthalb Stunde gedauert.\nDer Zwischenact war fast eine halbe Stunde lang, und\nals der Vorhang für Lysiart's grosse Scene emporrollte,\nwar das Publicum schon etwas matt.\nForti hatte weder die erforderliche Weichheit und\nden Schmelz im Andante, noch genug Kraft im Allegro\nfür seine grosse Arie. Sie ging mit sehr massigem Applaus\nvorüber. In dem darauf folgenden Duette sang Madame\nGrünbaum mit grosser Energie und spielte einer Rachel\noder Schröder würdig. Dies inspirirte auch Forti so, dass\nes zu einem Glanzpunkte des Abends und das Künstler-\npaar herausgerufen wurde.\nDie decorative Wirkung der festlich geschmückten,\nglänzend beleuchteten Königshalle nach der tief düsteren\nVerschwörungsscene war drastisch, wie es Weber gewollt\nhatte, aber Adolar's herrliche Arie, musicalisch so aus\nEinem Gusse, so voll Sehnsucht und Liebe, wurde von\nHaitzinger wegen der vielen Modulationen mit zu sicht-\nlicher Anstrengung, dabei aber schüchtern vorgetragen\nund liess ganz kühl.\nDas darauf folgende brillante und feurige Duett:\n„Hin nimm die Seele mein\", wurde zwar von den Rossi-\nnianern als eine Reminiscenz aus „Tancred\" begrüsst, ge-\nfiel aber trotzdem. Bemerkenswerth ist es, dass nach die-\nsem Duette sich in den Logen, aus denen bisher kein Ton\ndes Beifalls gekommen war, Hände regten. Es wurde da\ncapm verlangt. In dem pompösen Finale fand nur eine\nPhrase: „Wir Alle wollen mit dir geh'n\", die gleichsam\ndie Seele vom Druck der düsteren Stimmung der vorher-\ngehenden Scene löst, vom Chor hinreissend gesungen,\nAnklang.\nDie Sontag fühlte sich (nach drei Wiederholungen!)\ntodmüde und begann, es zu zeigen. Das Publicum wurde"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "11", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650114-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5183, "texte": "um seinen Liebling besorgt, und wäre nicht die Stretta:\n„Du gleissend Bild, du bist enthüllt\", vom Chor in voller\nPracht vorgetragen worden, der Vorhang wäre selbst ohne\nden lauen Beifall gefallen, der ertönte.\nDer Meister wurde zwar herausgerufen, aber leider\nmachte sich die Opposition, die im ersten Acte ganz\ngeschwiegen hatte, nur zu bemerkbar geltend.\nEin wiederum eine halbe Stunde dauernder Entreact\nsteigerte den Missmuth und die Abspannung des Publicums.\nDem langen Duette im Anfange des dritten Actes ver-\nmochte selbst Henriette Sontag keinen Beifall zu erringen.\nDie Sonderbarkeit, dass Adolar zu dieser Fahrt ganz\nschwarze „Eisen-Toilette\" gemacht hatte, während Eu-\nryanthe (mit sehr richtigem Tacte) im Festkleide geblieben\nwar, zerstreute das Publicum. Haitzinger's Stimme begann\nSpuren von Müdigkeit zu zeigen. Euryanthe's Klagelied:\n„Hier dicht am Quell\" u. s. w., ging spurlos vorüber.\nMit Zorn und Schmerz sahen Weber's Freunde, dass sich\nLogen und Sperrsitze zu leeren begannen und die Auf-\nmerksamkeit immer mehr schwand.\nDa fiel der Jägerchor mit seinem neuen Rhythmus,\nden trefflichen Horneffecten und in nie übertroffener\nVollendung gesungen, ein neuer Muth durchströmte\nAlles der Beifall war ausserordentlich. Es war, als ob\nsich eine Eisrinde von allen Herzen löste. Die skeptische\nKritik schwieg, das Entzücken kam zum Durchbruch, und\ndrei Mal musste der Chor wiederholt werden. Die feind-\nlichen Mächte schienen besiegt, selbst die verlassenen\nPlätze füllten sich zum Theil wieder.\nEuryanthe's Duett mit dem Könige fesselte die Auf-\nmerksamkeit nicht, bis die von der Sontag mit höchster\nLeidenschaftlichkeit gesungene Arie: „Zu ihm, zu ihm!\"\nalle Sinne eroberte und tobend applaudirt wurde. Die\nzum Tode müde Künstlerin wurde gerufen. Eine andere\nfrische Blüthe im Melodieenkranze der Oper; „Der Mai\nbringt frische Rosen dar\" u. s. w., wäre wiederholt wor-\nden, hätte man nicht Rücksicht auf die späte Stunde ge-\nnommen. Der Hochzeitsmarsch sprach nicht an, eben so\nwenig die darauf folgende Scene Eglantinens mit Lysiart.\nBei Sängern und Hörern machte sich gleichmässig Ab-\nspannung geltend, desshalb wurde das höchst dramatische\nDuett mit Chor: „Zitt're, Vermessener!\" nicht gewürdigt.\nDagegen riss die Wiederholung des schon im Ohre ruhen-\nden, populären: „Hin nimm die Seele mein\", auch die\nMüden mit fort, und anhaltender Beifall folgte dem Schluss-\nChor. Componist und Sänger wurden wiederholt gerufen,\ndoch ging auch jetzt der Beifall, wie während der gan-\nzen Oper, fast nur vom Parterre aus; die Logen hatten\nschweigend vernommen und waren am Schlüsse der Oper\nhalb leer.\nDem Anscheine nach hatte „Euryanthe\" einen gros-\nsen Erfolg gehabt. Weber, zu erregt, um scharf zu\nbeobachten, hatte den Eindruck davon —.\nEs war halb zwölf Uhr Nachts, als er sich mit seinen\nFreunden in der Mitte seiner treuen Kämpfer-Phalanx in\nder Ludlam wiederfand, und hier im Centrum der musi-\ncalischen, wissenschaftlichen und literarischen Intelligenz\no\nWiens feierte Weber seinen eigentlichen Triumph, der\nihm Bürgschaft dafür brachte, dass sein Werk den „Be-\nsten seiner Zeit\" ans Herz gegriffen habe und daher ein\nPulsschlag sei im Leben des Schönen aller Zeiten.\nAlle Mitglieder der Gesellschaft waren vereinigt, um\n„Agathus dem Zieltreffer\" zu huldigen, und keine Diffe-\nrenz störte die Geister-Eiarmonie des genialen Kreises.\nCastelli folgten Zedlitz, Grillparzer, Holtei, Kuffner und\nAndere mit Vorträgen, Jeder brachte sein Scherllein der\nVerehrung. Weber ward gekrönt mit Lorbern und Liebe,\nhielt nach den Anstrengungen des Abends noch bis zwei\nUhr unter den herrlichen Gesellen aus und konnte dann,\nheimgekehrt, sich nicht zur Ruhe legen, ohne noch an\nseine Caroline zu schreiben.\nUeber die zweite Vorstellung heisst es S. 531, wie\nfolgt:\nDie zweite Vorstellung, für welche Weber manche\nKürzungen gemacht hatte und die am 2i. Statt ge-\nlang in jeder Beziehung besser, als die erste. Das Orche-\nster spielte exaeter, die Sänger ökonomisirten ihre Kräfte\nbesser, die Ineinandergriffe schlugen zündender ein und\nder Beifall war rauschender, andauernder und, was mehr\nbedeutet, mehr dem Werke als den Executirenden zuge-\nwandt. Des Herausrufens und Lärmens war kein Ende,\nund doch fühlten Alle, die das wiener Publicum genau\nkannten, dass das alles denn doch nur ein recht redlich\ngemeinter iSucces d'estimesei, die Oper sich nicht auf dem\nRepertoire halten werde.\n„Der Spectakel ist gross,\" sagte der Regisseur Gott-\ndank, „aber er kommt nit aus'm Herzen!\"\nAm Tage nach der zweiten Aufführung der „Eu-\nryanthe\" wimmelte es im Steiner'schen Laden im Pater-\nnostergässchen von allen Kunstnamen Wiens, als hätten\nsie sich sämmtlich das Rendezvous gegeben. Weigl, Um-\nlauf, Assmayr, Leon de St. Lubin, Kreutzer, Blabetka,\nSaphir, Jeitteles, Schuppanzigh, Sonnleitner, Bocklet und\nFranz Schubert waren zugegen und vom «lautesten Hin\nund Wieder über Werk und Aufführung hallte der kleine\ngewölbte Raum. Es war frappant, dass Weber hier die\nLiteraten, Gelehrten und Kenner mehr für, die Musiker\nvom Fach mehr gegen sich hatte. Rücksichtslos äusserte\nin derbster Weise, die man damals Treuherzigkeit nannte,\nFranz Schubert seine Antipathie gegen Weber und seine\n\nn"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "12", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650114-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5472, "texte": "Meinung von der kleinen Sphäre von dessen Talent. „Das\nist keine Musik!\" rief er aus, „da ist kein Finale, kein\nEnsemble nach Form und Ordnung. Von legitimer Durch-\nführung ist keine Rede, und wo Weber gelehrt sein will,\nfindet man gleich heraus, dass er aus der Schule eines\nCharlatans (Vogler) stammt. Er hat Talent, aber keinen\nsoliden Grund, auf den er bauen könnte. Das geht alles\nauf den Effect hinaus! Und der schimpft auf Rossini? Wo\neinmal ein Stück Melodie kommt, ist sie todtgedrückt, wie\neine Maus in der Falle, von der wuchtigen Orchester-Be-\ngleitung. Das ist herbe, ascetische Musik, die Einem nicht\nwarm um die Herzgrube macht. Mit dem Freischütz war's\nwas ganz Anderes, obwohl, das Duett der beiden Frauen\nausgenommen, kein Musikstück darin ist, das einem ge-\nwissenhaften Musiker genügen könnte. Da war Gemüth\nund Lieblichkeit und Melodie. Dabei hätte er bleiben\nsollen!\"\nZwischen all dem Peroriren schoss auch Beethoven in\nden Laden und fragte in seiner gewohnten hastigen Weise\nHaslinger: „Nun, wie hat die neue Oper gefallen?\" Has-\nlinger schrieb: „Aussordentlich! Ein grosser Erfolg!\" Da\nrief Beethoven: „Das freut mich! das freut mich! So muss\nder Deutsche über den Sing-Sang zu Recht kommen!\"\nDann fragte er: „Wie hat die kleine Sontag gesungen?\"\n„Vortrefflich!\" Da schmunzelte er, und zu dem ebenfalls\ngegenwärtigen Benedict sich wendend, trug er diesem auf:\n„Sagen Sie Herrn von Weber, ich wäre hinein gekom-\nmen, aber wozu? Seit langer Zeit schon —\" und er\ndeutete auf seine Ohren und lief davon.\nDie Kritik in den wiener Blättern sprach sich mehr\nfür als wider die „Euryanthe\" aus, und man muss ge-\nstehen, dass die tadelnden Bemerkungen, welche in den\nAuszügen, die Herr Max von Weber mittheilt, vorkom-\nmen, Hand und Fuss haben. Am begeistertsten spricht\nsich der Referent der leipziger Musik-Zeitung über das\nWerk aus. Die Ansicht, dass den Erfolg der ersten Vor-\nstellungen hauptsächlich die Liebe zu dem Componisten\ndes Freischütz und der Drang, den Italiänern gegenüber\nein deutsches Werk zu feiern, erzeugt hatte, wurde aller-\ndings durch die Folge bestätigt. Schon bei der achten Vor-\nstellung war das Haus halb leer; Conradin Kreutzer strich\n„eine halbe Stunde Musik\" unbarmherzig heraus, was\nmehr schadete, als nützte, und nach zwanzig Vorstellun-\ngen wurde die Euryanthe vom Repertoire zurückgezogen!\nErst bei den Aufführungen in Dresden (den 31.März\n1824) und in Berlin (den 23. December 1825) wurde\ndie Euryanthe in ihrem musicalischen Werthe vollständig\ngewürdigt, immerhin jedoch mehr von der einsichtsvollen\nKritik, als vom Publicum, welches namentlich in Berlin\nnach den ersten vier Vorstellungen nicht nur an Enthusias-\nMus nachliess, sondern schon in der fünften das Haus\nauffallend leer liess. Wahrend die 96 Vorstellungen des\nFreischütz bis Ende 1825 der berliner Theater-Casse\n50,000 Thaler Reingewinn gebracht hatten, ergab die\nEuryanthe am Ende des Jahres 1827 ein Deficit von\n2500 Thalern für die darauf verwandten Kosten. Die Be-\nsetzung war auf beiden Hoftheatern vortrefflich, in Dres-\nden die jugendliche Wilhelmine Devrient und die Funk,\nBergmann (Adolar) und Meyer (Lysiart); in Berlin vollends\ndie Seidler und Schulz, Bader und Blume, Ed. Devrient\n(König).\nIm Allgemeinen erging es der Oper Euryanthe von\nAnfang an eben so, wie es ihr noch jetzt ergeht: wenn\nsie auf dem Repertoire erscheint, sei es, wo es sei, wird\nsie mit Liebe und Beifall, ja, mit Begeisterung aufgenom-\nmen*); allein öftere Wiederholungen in einer und dersel-\nben Saison verträgt sie nicht. Dennoch wurde sie auch\nschon bei Lebzeiten Weber's fast auf allen Theatern ge-\ngeben und brachte ihm mehr Honorar ein, als der Frei-\nschütz, denn dieser trug ihm nach dem Anhange (S.\n727) 4657 Thlr., die Euryanthe aber 5893 Thlr. ein,\nden Clavier-Auszug des Freischütz mit 220 Thlrn. (!),\nder Euryanthe mit 606 Thlrn. mit eingerechnet. Fügen\nwir hier gleich zu, dass das Honorar für den „Oberon\"\nin London 3300 Thaler betrug, Weber aber überhaupt\nvon seinen Arbeiten für die Bühne (Sylvana 203 Thlr.,\nAbu Hassan 315 Thlr. 22 Gr., Preciosa 921 Thlr.\n8 Gr. zu obigen hinzugerechnet) die Summe von 16,280\nThlrn. 14 Gr., so weit es nachweislich ist, bei seinen Leb-\nzeiten erhalten hat. Dass der Ertrag des Freischütz so\ngering war, lag an dem Mangel der noch nicht eingeführ-\nten Einnahme-Antheile von den Aufführungen, so dass\nz. B. das H onorar von Berlin für die Partitur und das\nRecht sämmtlicher Aufführungen nur 660 Thlr. betrug,\nwährend die königliche Theatercasse binnen sechs Jahren\n50,000 Thlr. damit gewann, und der Verleger des Cla-\nvier-Auszugs?? Wien gab für den Freischütz 312 Thlr.,\nfür die Euryanthe 720 Thlr., Berlin für die letztere nach\n\n*) Vgl. unten den Bericht über die Aufführung in Berlin am\n8. Januar dieses Jahres, der zugleich die Ansicht über den Ein-\nfluss des Werkes auf die heutige dramatische Musik ausspricht,\nwelche wir in diesen Blättern bei Gelegenheit der Analyse des\n„Tannhäuser\" von Wagner vor Jahren ebenfalls geltend gemacht\nhaben. Herr Max von Weber berührt die Sache (S. 363, 451 und\n585), wo er auch seines Vaters Schreiben an den akademischen\nMusik-Verein in Breslau abdrucken lässt, in welchem dieser sagt:\n„Euryanthe ist ein rein dramatischer Versuch, seine Wirkung\nnur von dem Zusammenwirken aller Schwesterkünste\nhoffend, sicher wirkungslos, ihrer Hülfe beraubt.\" An einer ana-\nlysirenden Charakteristik der Musik der Euryanthe in Bezug auf\nihre Folgen für die neuere Oper fehlt es noch.\nDie Redaction."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "13", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650114-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1886, "texte": "langem Drängen des wackeren Intendanten Grafen Brühl\n800 Thlr. und 100 Thlr. für die Dichterin Frau v. Chezy.\nDie Correspondenz darüber zwischem dem Grafen Brühl und\ndem Haus-Minister von Witgenstein ist merkwürdig genug.\nUebrigens täuschte sich Weber über die zu erwar-\ntende Wirkung der Euryanthe in seiner Ueberzeugung\nnicht, wenn er sich auch gegen seine Gattin und gegen\nFreunde nicht ganz so aussprach. Aber an Gottfried\nWeber schreibt er den 12. December 1823: „Die Wir-\nkung, die die Euryanthe hervorbringt, ist ganz so, wie ich\nes mir gedacht habe. Meine übertriebenen Freunde gaben\ndiesmal meinen Feinden die Hand, indem beide lächer-\nlicher Weise verlangen, dass die Euryanthe eben so die\nMasse anziehen soll, als der Freischütz. Wie thöricht! als\nob satis comparaison Iphigenia, ein Don Carlos ir-\ngendwo Zugstücke geworden wären!\" Und an Danzi\nden 26. Mai 1824: „Haben Sie innigen Dank für alle\nLiebe, Sorge und Noth, die Sie mit meiner Euryanthe\ngehabt haben, und vorzüglich aber auch für die schonende\nWeise, mit der Sie mir den eigentlichen Erfolg derselben\nzu verbergen suchten. Ich bin aber darauf an den meisten\nOrten gefasst; denn das jetzige Kunsttreiben ist so wun-\nderlich durch einander gewirbelt, die eigentliche Andacht\nder Hörer und Ausführer so fast gänzlich erloschen, und\nman will von der Kunst nur gleich einer Bajadere gekitzelt\nsein, dass ich mich ordentlich wundere, wenn's einmal\nwo anders ist und ein ernstes Streben wirklich eingreift.\nIn Dresden war dies der Fall. Wie's weiter wird, wollen\nwir abwarten, und am Ende muss es ja nicht sein, dass\nman Opern macht.\"\nDer Kaiser Franz nahm die Dedication der Oper an\nund übersandte ihm dafür später eine prachtvolle, mit\nDiamanten besetzte Dose. In der Audienz, die er Weber\nertheilte, sagte er in Bezug auf die Italiäner der wiener\nOper: „Ja, ja, der Krieg ist halt aus, aber's Geplänkel\nhört nit auf.\""}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1865-01-14-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1865-01-14_01#c003", "volume": "bmtnabi_1865-01-14_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "13", "page_fin": "15", "image_debut": 5, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650114-01.2.3", "titre_corps": "Aus Berlin.", "titre_sommaire": "Aus Berlin.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "13", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650114-01.1.5", "debut_caractere": 1888, "fin_caractere_exclue": 5037, "texte": "Aus Berlin.\n(Charlotte Dekner Clara Schumann und Julius Stock-\nhausen Weber's „Eury anthe\".)\nDen 10. Januar 1865.\nDie erste Woche im neuen Jahre brachte bereits be-\ndeutende musicalische Gaben; dürfen wir sie als Vorzei-\nchen betrachten, so wird sich die zweite Hälfte der Saison\nfür die Tonkunst in Concertsälen und auf der Bühne ge-\nnussreich gestalten. Die Oper wird nach der Euryanthe\nvon Weber auch Spontini's Olympia neu in Scene setzen.\nFerner soll Verdi's Rigoleüo mit Fräulein Lucca und\ndem hiesigen Personale, aber trotzdem mit italiänischem\nTexte, wie es heisst, gegeben werden. Fräulein Artöt\ntritt schon in nächster Woche auf, für das Gastspiel von\nGunz werden „Die weisse Dame\" und „Der Postillon\"\nneu einstudirt, Niemann wird uns mit dem „Rienzi\" be-\nglücken u. s. w. Aber von Aufführung einer neuen\nOper ist nicht die Rede.\nAm 4. Januar gab die ungarische Violinspielerin\nFräulein Charlotte Dekner eine Soiree in dem schö-\nnen Saale der „Gesellschaft der Freunde\" vor einem aus-\nerwählten Publicum, und zwar mit durchschlagendem Er-\nfolge. Der wohlverdiente reiche Beifall, den die Künstlerin\nland und an dem sich der unter den Anwesenden befind-\nliche Kunstgenosse Herr Ole Bull lebhaft betheiligte (der\nübrigens im Opernhause seine Concerte mit grossem Bei-\nfalle fortsetzt), stieg zu wahrem Enthusiasmus. In der Er-\nscheinung und dem Spiel der jungen Dame ist etwas Eige-\nnes, ein festes, klares, energisches Leben; ihr ganzes We-\nsen ist in grossem Stile angelegt. Dabei ist der Ton rein\nund lest, das Spiel correct und sicher, frei von Effect-\nhascherei, und entwickelt eine bedeutende Technik. Fräu-\nlein Dekner trug ein Concertstück von Vieuxtemps vor,\ndann eine Sonate von Tartini (G-moll), harmonisirt von\nZellner, eine höchst interessante Composition, aus der das\nScherzo, das marschartige, kurze Andante und der\nprägnante Schlusssatz besonders hervorzuheben sind; dann\nein anmuthig vorgetragenes, einfaches Schlummerlied von\nRfeber, durchweg con Sordino,und zuletzt höchst charakte-\nristische ungarische Volkslieder von Remenyi, mit grosser\nBravour und mit Geist ausgeführt. In wahrhaft ausge-\nzeichneter Weise wurde Fräulein Dekner von dem Piani-\nsten Herrn F ranz Bendel unterstützt, der sich als einen\nkunstverständigen Musiker bewährte. Er begann mit dem\nDes-dur-Prelude von Chopin, auf welches der Des-dur-\nWalzer desselben Componisten folgte. .Auch die C-dur-\nNovellette von Schumann mit ihrem kräftigen Anfange\nund dem zarten Mittelsatze sprach sehr an. Zum Schlüsse\ntrug er eine hinreissende Rhapsodi von Liszt mit\neiner staunenswerten Virtuosität vor. Den vocalen Theil\ndes Concertes hatten Fräulein Emma zum Busch und\nHerr Bradsky übernommen, doch standen beide nicht\nauf der Höhe der übrigen Vorträge; Fräulein zum Busch\nhat eine zwar ganz wohlklingende, aber nicht gleichmäs-\nsige, in den Mittellagen dumpfe Stimme, die durch eine\nnicht immer correcte Tonbildung und nicht ganz reine\nIntonation noch beeinträchtigt wird; auch trug sie nicht\nempfunden genug das Lied: „Er ist gekommen\", von\nRobert Franz, und die Arie aus Figaro's Hochzeit: „0,\nsäume länger nicht\", vor, und liess namentlich das er-\nstere kalt."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "14", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650114-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5346, "texte": "Das am Samstag den 7. Januar von Frau Clara\nSchumann und Herrn Stockhausen veranstaltete Con-\ncert hatte die Räume der Sing-Akademie bis auf den letz-\nten Platz gefüllt. Eine seltene Gleichartigkeit des gesamm-\nten Wollens und Könnens, die innerste Verwandtschalt\nder künstlerischen Gesinnung und Richtung vereinigt die\nBeiden, die hier verbunden vor dem Publicum standen.\nIn der technischen Unfehlbarkeit, wie in der stets dem\nIdealen zugewandten Auffassung und Behandlung, jener\nstilvollen Weise des Vortrages, die, frei von jedem Zulälli-\ngen und Subjectiven, mit treuer Beflissenheit sich nur in\ndas Wesen der Sache versenkt, in allen diesen Beziehun-\ngen erscheinen die Pianistin und der Sänger einander\ndurchaus ebenbürtig. Unterstützt von den Herren de A h n a\nund H egar aus Hamburg eröffnete Frau Schumann das\nConcert mit dem D-moll-Trio von Robert Schumann.\nDer Stoff, aus dem besonders die beiden ersten Särze der\nArbeit geschaffen worden, ist freilich zu subtiler Natur,\num diejenigen, die sich nicht aufs innigste in die Weise\ndes Componisten eingelebt, tiefer zu erfassen und mächti-\nger zu bewegen; das Es<2wr-Quartett oder das Quintett\nwürde dem Verständnisse der Empfangenden zugänglicher\ngewesen sein. In Beethoven's (7-Mo/Z-Variationen Op.\n36, Nr. 1 der Moments mueiner kleinen, aber\ndarum nicht weniger kostbaren Perle aus dem unerschöpf-\nlichen Schatze des Schubert'sehen Genius, ferner dem\n6r-mo//-Notturno von Chopin und einem Mendelssohn'-\nschen Scherzo bestanden die übrigen Gaben der Pianistin.\nBis in den kleinsten Zug decken sich bei ihr Aufgabe und\nAusführung, nirgends wird die edle Plastik und bestimmte\nObjectivität der Tongestalten durch willkürliche Gefühls-\nzulhaten und manierirte Einseitigkeit getrübt.\nHerr Stockhausen bot zunächst dem Publicum zwei\nhier seltener gehörte Gesänge von Schubert: „An die\nLeyer\" und „Waldesnacht\". Das letztere, obgleich in\nmehr als Einem Zuge die Meisterhand verrathend, aus der\nes hervorging, befremdet das Gefühl durch die gährende\nUnruhe der Harmonie und den aphoristischen Charakter\nder Melodik, die in einzelne Interjectionen zersplittert.\nWeiterhin hörten wir noch von ihm den Eichendorff'schen\nLiederkreis von Schumann. Statt aller zwölf Gesänge\nhätten wir eine Auswahl vorgezogen, denn sie bilden kei-\nneswegs ein zusammenhangendes, psychologisch sich ent-\nwickelndes Ganzes, wie der Beethoven'sche Liederkreis\n„An die Entfernte\" oder Schubert's Müllerlieder und Win-\nterreise, sondern das Band, das sie verknüpft, ist äusser-\nlicher Art, es liegt in dem Umstände begründet, dass\nsämmtliche Texte demselben Dichter entlehnt wurden.\nWie sehr es uns auch in gewissen Stimmungen dazu trei-\nben mag, mit unserem gesammten Denken und Empfinden\nin diese aus dem Herzblute des Tondichters genährte Ly-\nrik uns einzutauchen, so ist doch der Concertsaai der dazu\nam wenigsten passende Ort. Das Element, das alle diese\nLieder durchdringt, ist zu eigenartig, schweift zu weit ab\nvon der Welt, in der das unmittelbare Gefühl seine Hei-\nmat hat, um das Interesse des grossen, aus den mannigfach-\nsten Bestandteilen zusammengesetzten Publicums von\nAnfang bis zu Ende gleichmässig festhalten zu können.\nBei der Leistung des Sängers erfreut sich der Hörer einer\nMeisterschaft, die im Technischen wie in der Mischung\nder Vortrags-Nuancen von dem musicalischen Gebiete\nvollen künstlerischen Besitz ergriffen. Im Einzelnen ist\nhervorzuheben der durchaus geläuterte Klang-Charakter\nder Stimme, die feinfühlige Abwägung der Stärkegrade,\ndie musterhafte Aussprache, das treffliche Legato und\nPortament, die Gewissenhaftigkeit in der Behandlung des\nTactes und Zeitmaasses.\nDie an demselben Abende Statt gefundene fünfte Sin-\nfonie-Soiree der königlichen Capelle brachte die geistvolle\nLustspiel-Ouverture von Rietz und Schubert's C-dur-\nSinfonie, welche letztere eine ungleich wärmere Aufnahme\nals vor einigen Jahren fand.\nAm Sonntag den 8. Januar ging nach mehrjähriger\nPause Weber's „Euryanthe\" neu einstudirt in Scene,\nund wir dürfen hoffen, dass sie fortan einen gesicherten\nPlatz in unserem Repertoire einnehmen wird. Einem\nWerke, das, zum Mindesten dem Streben nach, den Höhe-\n✓ 7\npunkt in dem Schaffen unseres nationalsten Opern-Com-\nponisten bezeichnet, gebührt schlechterdings das Vollbür-\ngerrecht auf jeder grösseren deutschen Bühne. In keiner\nanderen Schöpfung des Tondichters finden wir eine ähn-\nliche Grösse der Anlage, das eben so ernste als bewusste\nRingen nach den höchsten Zielen dramatischer Kunst;\nnirgends liegen allerdings auch die Gränzen, an-die sein\nGenius gebunden war, so offen zu Tage, wie hier. Als\nerster, umfassender Versuch, die grosse heroische, roman-\ntische Oper aus rein nationalem Stoffe zu schaffen, hat\ndiese Tonsprache einen unberechenbaren Ein 11 uss auf die\nEntwicklung der gesammten Folgezeit geübt; in ihr fand\nRichard Wagner schon alle Grundzüge zu seinem Kunst-\nwerke der Zukunft auf das bestimmteste vorgezeichnet.\nWährend der „Freischütz\" noch mit sehnsüchtigem Ver-\nlangen nach dem classischen Ideale zurückblickt, verfolgt\ndie „Euryanthe\" mit rücksichtsloser Entschiedenheit die\nneue Bahn. Jede einzelne Gefühlsweise, die sie angeschla-\ngen, ist zu einer Grund-Tonart in unserem modernen Em-\npfinden geworden und schwingt in tausendfältigen Modu-\nlationen der Lust und des Schmerzes durch die künstleri-\nsche Production der Gegenwart weiter."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "15", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650114-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2517, "texte": "Unter den Darstellern hatten nur noch zwei ihren\nalten Platz behauptet, Frau Harriers als Inhaberin der\nTitelrolle und Herr Krause als Lvsiart. Jene besitzt alle\n%)\nEigenschaften, deren es zur überzeugenden Wiedergabe\ndes lieblichen, aus Schwärmerei hinschmelzender Weich-\nheit und naiver Anmuth gemischten Charakters bedarf.\nDas träumerisch verschwimmende „Glocklein im Thale\"\nund das im lachenden Festschmucke der Töne prangende\nerste Finale gehörten schon früher zu dem reizvollsten,\ndas uns aus dem Munde der Künstlerin geboten worden.\nAuch diesmal ergoss sich die Stimme in den üppigsten\nStrom des Wohllauts. Im zweiten und dritten Acte war\nder Ausdruck gegen sonst ungleich bestimmter und inten-\nsiver, die Zeichnung hat an Festigkeit, das Colorit an\nGlanz gewonnen. Das Duett: „Hin nimm die Seele mein\",\nerhob sich wenigstens am Schlüsse zur vollen Höhe der\nSituation. Zarte Innigkeit durchdrang die Romanze vom\nersten bis zum letzten Tone, und in der grossen Scene mit\nChor fehlte weder die materielle Kraft noch der charak-\nteristische Aufschwung. In der renitenten Partie des Ly-\nsiart bewies Herr Krause die Sicherheit, die wir längst\n• o\nan ihm kennen und schätzen. Das dämonische Element\nwiderstrebt freilich seinem Darstellungs-Vermögen. Zu\nden verrufensten Rollen gehört die der Eglantine. Sie liegt\nfür den Sopran zu tief, für den Alt zu hoch, vernichtet\nausserdem durch die aphoristischen Interjectionen der Lei-\ndenschaft, aus denen sie sich zusammenreiht, jede Conti-\nnuität der Stimmung. Der Eifer, mit welchem sich Fräu-\nlein Santer der dornenvollen Aufgabe widmete, erwarb\nihr ungetheilte Anerkennung. Im Technischen wie in der\nAuffassung, überall gewahrte man die gewissenhafteste\nSorgfalt. In den extremsten Tonlagen gab die Stimme\nden ganzen Abend hindurch frisch und voll aus. Die hastig\nhin und her getriebene Modulation fand stets die Sängerin\nwohl vorbereitet. In der Behandlung des Adolar durch\nHerrn Woworski überwog das conventioneile Element;\nzudem wurde der Eindruck durch den gepressten Klang\ndes höchsten Registers getrübt. Die zurückweichende\nKälte, welche das Publicum dieses Mal den Sänger em-\npfinden liess, war indessen kaum gerechtfertigt. Er suchte\noffenbar, sein Bestes zu geben, und die Gränzen, in die\nseine Leistungsfähigkeit eingeschlossen ist, traten keines-\nwegs störender zu Tage, als bei anderen Gelegenheiten.\nDer König des Herrn Betz und die Bertha des Fräulein\nGer icke fügten sich angemessen dem höchst lobenswer-\nthen Ensemble ein, eben so Orchester und Chöre."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1865-01-14-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1865-01-14_01#c004", "volume": "bmtnabi_1865-01-14_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "15", "page_fin": "15", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650114-01.2.4", "titre_corps": "Nachtrag zu: „Das Conservatorium in Köln“ in Nr. 1, S. 6.", "titre_sommaire": "Nachtrag zu: „Das Conservatorium in Köln“ in Nr. 1, S. 6.", "signature_source": "Die Redaction", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "15", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650114-01.1.7", "debut_caractere": 2519, "fin_caractere_exclue": 2856, "texte": "Nachtrag zu: „Das Conservatorium in Köln“\nin Nr. 1, S. 6.\nDie Redaction.\nIn dem Verzeichnisse der gegenwärtigen Lehrer am\nConservatorium der Musik zu Köln ist durch ein Versehen\nder Name des Herrn Woldemar Bargiel, des rühm-\nlichst bekannten Componisten, als Lehrer der Harmonie\nund des Pianoforte, ausgefallen, was hiermit ergänzt wird."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1865-01-14-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1865-01-14_01#c005", "volume": "bmtnabi_1865-01-14_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "15", "page_fin": "16", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650114-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "Friedrich Dub", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "15", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650114-01.1.7", "debut_caractere": 2858, "fin_caractere_exclue": 5727, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\n\nKolli, 14. Januar. In der dritten Sitzung für Kammer-\nmusik hörten wir das Violin-Quartett Nr. 6 C-dur von Mozart,\ndas grosse Op. 127 in JEs-dur von Beethoven und das IV. Trio\n(Serenade) für Pianoforte, Violine und Violoncell von F. Hill er.\nDas letztgenannte Werk ist schon vor mehreren Jahren geschrieben\nund gchoit zu denjenigen Kammermusik-Compositionen von Hiller,\nwelche am meisten, besonders auch im Auslande, verbreitet sind.\nEs besteht aus sechs Sätzen, von denen die drei ersten (alla Mar-\nciOjj Scherzandöy iJlenuetto) und die zwei letzten und\nFinale) an einander hangen, während zwischen ihnen ein r)Ghasel\"'\ndas Andante vertritt, eine Form, welche, als musicalische Nachah-\nmung der poetischen dieses Namens, Hiller mit Glück hier zum\nersten Male, wenn wir uns recht erinnern, angewandt hat. Das\nGanze, ausgeführt von Ililler, von Königslöw und Schmit, sprach\nallgemein an und zeichnet sich durch geistvolle Originalität aus.\nNach dem schönen melodischen Quartette von Mozart war der\nVortrag des Op. 127 von Beethoven durch von Königslöw u. s. w.\neine meisterhafte Leistung, durch welche nicht nur die grossen\nSchönheiten des Werkes vortrefflich hervortraten, sondern auch die\nallerdings ebenfalls vorhandenen, sehr schwierigen und dunkleren\nStellen der Auffassung der Empfänglichen zugänglicher wurden.\nSehr dankbar ist es aufzunehmen, dass die Herren Quartettisten so\nfreundlich sein wollen, die Aufführung heute Abend in der musi-\ncalischen Gesellschaft zu wiederholen. Bekanntlich ist dieses Quar-\ntett in Es-dur Op. 127 das erste von den fünf letzten Quartetten,\nwelche zugleich die letzten Compositionen Beethoven s waren. Es\nentstand im Geiste des Meisters im Sommer 1824 in Baden bei\nWien. Noch hatte in Wien im Anfange des Jahres 1825 die Par-\ntitur die letzte Feile nicht erhalten, als Beethoven in eine schwere\nUnterleibskrankheit verfiel, die viele Wochen anhielt. Erst im März\n1825 fand die erste Aufführung durch den Quartett-Verein von\nSchuppanzigh und Genossen Statt, denen der Meister vorher folgen-\ndes Blatt zur Unterschrift vorlegte :\n„Beste !\n„Es wird Jedem hiemit das Seinige gegeben, und wird hiemit\nin Pflicht genommen, und zwar so, dass /nan sich anheischig mache,\nbei Ehre sich auf das Beste zu verhalten, auszuzeichnen und gegen-\nseitig hervorzuthun. Dieses Blatt hat Jeder zu unterschreiben,\nder bei der bewussten Sache mitzuwirken hat.\n„Beethove n.w\nDas Blatt besass Schindler im Original mit den Original-Unter-\nschriften: „Schuppanzigh Weiss Linke, des grossen\nMeisters verfluchtes Violoncello Holz der Letzte, doch nur bei\ndieser Unterschrift.\"\nNun, wir können von unseren Künstlern auch sagen, dass\nsie aus wahrer Pietät auch ohne Unterschrift „bei Ehre sich auf\ndas Beste verhalten und ausgezeichnet\" haben, und mit um so mehr\nRecht, als jene erste Aufführung nichts weniger als vollkommen"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "16", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650114-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4441, "texte": "war und erst eine zweite, bei welcher der berühmte Joseph Böhm\n(der Lehrer von Joachim) die erste Geige spielte, besseren Erfolg\nhatte.\nKöln. Im nächsten Gürzenich-Concerte, Dinstag den 17.\nJanuar, kommt Hände Ts Oratorium „Josua\" zur Aufführung.\nRudolph Genee zeigt in der Nummer vom 31. December\nder „Coburger Zeitung\" an, dass er mit dem genannten Tage seine\nRedactionsthätigkeit bei der Zeitung beschliesse. Seine Demission\nerfolgte wegen einer zu scharfen Kritik einer Vorstellung des „Don\nJuan\" und einer darin auftretenden Sängerin.\nDresden* Am 5. Januar versammelte sich hier der engere\nAusschuss für das erste deutsche Bundes-Sängerfest, um den Vor-\ntrag der Prüfungs-Commission für die Concurrenz-Arbeiten zu ver-\nnehmen. Es sind von 103 Componisten 134 Compositionen aus aller\nHerren Ländern (sogar aus Frankreich) eingegangen und von den\nPreisrichtern Abt, Otto und Rietz geprüft worden. Aus dreissig\nCompositionen, die sich theils durch inneren Werth, theils durch\nihre richtige Berechnung auf Massenwirkung auszeichneten, wurden\nfolgende sechs ausgewählt und in das Programm eingeordnet: 1)\nGesang im Grünen (Verf.: Prof. Dr. Faisst in Stuttgart); 2) Das\ndeutsche Schwert (Hoforganist Schuppert in Kassel); 3) Thürmer-\nlied (Organist van Eyken in Elberfeld); 4) Auf der Kirchweih zu\nScliwyz (Musik-Director Tietz in Hildesheim); 5) Die Geisterschlacht\n(Organist Edm. Kretzschmer in Dresden); 6) „Rauschet, rauscht, ihr\ndeutschen Eichen\" (Capellmeister Tschirch in Gera). Nach dieser\nPreiskrönung wird sich das Arrangement für die beiden Concerttage\nfolgender Maassen gestalten: Erster Tag. Erster Theil. Choral: Al-\nlein Gott in der Höh' u. s. w. Festgesang an die Künstler (Men-\ndelssohn). Der 34. Psalm von Jul. Otto. Wanderers Nachtlied (Reis-\nsiger). Gesang im Grünen. Das deutsche Schwert. Zweiter Theil.\nComposition von Abt. Zwei Volkslieder von Silcher (Zu Strassburg\nauf der Schanz u. s. w. Es geht bei gedämpfter Trommel Klang\nu. s. w.). Composition von Krebs. Lied von Schneider. „Wo möcht'\nich sein\" (Zöllner). Siegesgesang aus der Hermannsschlacht (Lach-\nner). Zweiter Tag. Erster Theil. „Wie schön bist du\" (Schubert).\nLiedesfreiheit (Marschner). Sängers Grüsse von J. G. Müller. Auf\nder Kirchweih. Die Geisterschlacht. Zweiter Theil. „Rauschet,\nrauscht\" u. s. w. Zwei Volkslieder. Das deutsche Lied (Lindpaint-\nner). Ein Lied von Kreutzer. Schwertlied (C. M. v. Weber). Te\nDeum von Rietz.\nUllman hat nach drei bei überfülltem Saale in München\ngegebenen Concerten seine Reise nach der Schweiz fortgesetzt und\nwird Anfangs Februar in Köln eintreffen.\nIn Hamburg hat ein neues Schiff in der Taufe den Namen\nTherese Tietjens erhalten.\n#\nWien* Dem Almanach des Theaters in der Josephstadt und\ndes Thalia-Theaters für das Jahr 1865 entnehmen wir, dass das\nTheater-Personal, einschliesslich der Direction und des Orchesters,\naus 152 Personen besteht. Theaterdichter sind vier engagirt: Elmar,\nBerla, Flamm und Megerle. Novitäten wurden im Jahro 1864 im\nGanzen fünfzehn gegeben.\nPrag, Ende December v. J. Erstes Concert des Cäci-\nlien-Vereins. Die heurige Concert-Saison eröffnete der vor fünf-\nundzwanzig Jahren vom gegenwärtigen Dirigenten gegründete Cäci-\nlien-Verein, der es sich zur Aufgabe gestellt hatte, die vorzüglich-\nsten Erzeugnisse der Orchester-Literatur in drei jährlichen Concerten\nmit eigenen Mitgliedern (meistens Dilettanten) dem Publicum vor-\nzuführen. Das erste Concert bestand aus zwei Nummern: Messe von\nSchumann für grosses Orchester und Chor, und Sinfonie mit der\nFuge von Mozart. Ein kleines, aber sehr gewichtiges Programm!\nSchumann äusserte selbst, wie schwer es sei, eine Messe zu schrei-\nben so, wie sie geschrieben sein wolle, d. b. kirchlich. Seine Messe\nist alles, nur nichts Kirchliches; was aber die Musik selbst betrifft, so\nist sie an mancher Stelle unvergleichlich schön, z. B. das Gloria\nund das Sanctus. Diese zwei Nummern sind dramatisch gehalten:\ndas Verherrlichen des Ruhmes Gottes ein kräftiges, prachtvoll aus-\ngeführtes Thema, und das Sanctus ein leises, demüthiges Unterwer-\nfen vor der Heiligkeit Gottes. Diese zwei Stücke haben ausser-\nordentlich gefallen. Eine ganz entgegengesetzte Composition folgte\nder Messe, die so genannte Jupiter-Sinfonie von Mozart, ein Mei-\nsterwerk, welches ewig frisch bleiben und erheitern wird. Besondere\nAufmerksamkeit und einen wahren Beifallssturm erregten das An-\ndante, der zweite Theil der Sinfonie und die Schlussfuge.\n\nFriedrich Dub."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "9", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650114-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nCarl Maria von Weber. Ein Lebensbild. Von Max Maria von Weber. Zweiter Theil. 11. Aus Berlin (Charlotte\nDekner Clara Schumann und Julius Stockhausen Weber's „Euryanthe\"). Nachtrag zu: „Das Conservatorium in Köln\". Ta-\nges- und Unterhaltungsblatt (Köln, Dritte Soiree für Kammermusik, Händel's „Josua\" Rudolph — Dresden, Ausschuss-\nVersammlung für das erste deutsche Bundes-Sängerfest München, Ullman Wien, Theater-Almanach Prag, Concert).\n\nCarl Maria von Weber.\nEin Lebensbild. Von Max Maria von Weber.\nZweiter Theil.\nII.\n(I. S. Nr. 1.)\nDie Ouvertüre zur Euryanthe schrieb Weber in Wien\nzwischen dem 6. und 19. October 1823, während er\nauch den grössten Theil des Clavier-Auszugs bearbeitete.\nWir haben schon gesehen, dass Weber von der Be-\nschäftigung mit der Musik so eingenommen war, dass er\ndie grossen Mängel des Textes nicht einsah; nur in der\nvorletzten Generalprobe fühlte er namentlich die Länge\nder Oper neben den matten Stellen der Handlung und\nsagte nach S. 519 der Biographie selbst: „Ich fürchte,\naus meiner Euryanthe wird Ennuyiante.\" Allerdings ver-\nbreitete sich das Gerücht von der Ausdehnung der Oper\nund der unklaren Motivirung der Handlung und wirkte\nnachtheilig auf die Spannung des Publicums.\nDie Besetzung war vortrefflich. Euryanthe—Henriette\nSontag, damals 17 Jahre alt; Eglantine—die Grünbaum;\nAdolar Haitzinger; Lysiart Forti; der König Sei-\npelt. Ueber den Chor konnte sich Weber gar nicht lo-\nbend genug aussprechen.\nDer Abend des 25. October 1823 war da. Der Bio-\ngraph berichtet über die Aufführung:\nEine dicht gedrängte Masse füllte das Kärnthnerthor-\nTheater; die Aristokratie der Geburt und des Geldes hatte\nin den Logen ihren ganzen Glanz entfaltet, das Haus\nglänzte wie bei einer Gala-Vorstellung. Im Parterre und\nauf den Galerieen drängte sich als compacter, kampfge-\nrüsteter Körper die ganze echte Musikwelt Wiens. Fast\nkein Mitglied der „Ludlamshöhle\" *) fehlte im Theater, wo\nes galt, den Triumph des Mitgliedes, das sie selbst geadelt\nhatte, zu verherrlichen. Zornige Blicke wurden nach den\nLogen emporgeschickt, wo man plauderte und lachte.\nBei Weber's Erscheinen im Orchester wollte der En-\nthusiasmus sich gar nicht beruhigen, bis er durch lautes\nAufklopfen das Zeichen zum Anfange gab.\nDie herrliche Ouvertüre begann, aber die Vorfüh-\nrung war des sonst so trefflichen Orchesters nicht würdig,\nja, blieb weit hinter der Generalprobe zurück. Sei es, dass\nsich die Musiker zu viel Mühe geben wollten, sei es, was\nam wahrscheinlichsten ist, dass es zu einem sicheren Ge-\nlingen an genügsamen Proben fehlte das Zusammen-\nspiel wurde vermisst, an einigen Stellen spielten die Violi-\nnen sogar falsch, und obwohl von einigen Stimmen da\ncapo verlangt, war der Eindruck des poesievollen Tonwer-\nkes doch mit dem nicht zu vergleichen, den es später in\nBerlin und Dresden und in dem leipziger Gewandhaus-\nConcerte machte.\nDie grossartige Introduction mit ihren scharf markir-\nten Contrasten zwischen dem reizenden, anmutbigen Cha-\nrakter des Frauenchors und dem ernsten, edeln des Män-\nnerchors wurde meisterhaft vorgetragen und hätte sich\nwahrscheinlich vollen Beifalls zu erfreuen gehabt, wenn\nder gleich beginnende, von Taglioni zu balletmässig geord-\nnete Reigen nicht die Aufmerksamkeit abgelenkt hätte.\nDie Inscenirung war hier nicht im Sinne des Componisten\nund erschien in der That als eine mattere Copie des Me-\nnuetts im »Don Juan\" (?).\nAdolar's edel gehaltene, musicalisch reich behandelte\nRomanze vermochte das Publicum nicht zu befeuern.\nLysiart's Auftritt, so schön vorbereitet und durchge-\nführt, erregte allgemeines Interesse. Das grosse Recitativ\nbeginnt in so ernster, bedeutender Kraft, das Schürzen\ndes Knotens ist so energisch markirt, dass hier schon ge-\nwaltige Mittel vom Tonsetzer gebraucht werden.—Leider\nrechtfertigte Forti's Auffassung seiner Rolle, die er zu sehr\n\n*) So nannte sich eine literarisch-musicalisch-poetische, haupt-\nsächlich aber humoristische Gesellschaft."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "10", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650114-01.1.2", "texte": "auf den rauhen Bösewicht spielte, nicht den Beifall, den\ndas Publicum seinem Lieblinge zollte.\nAdolar's begeisterte Arie: „Ich bau' auf Gott und\nmeine Euryanth'\", riss, obgleich Haitzinger seine Stimme\nungebührlich forcirte, unwiderstehlich hin, und am\nSchlüsse der Scene wurde Weber stürmisch gerufen.\nDie Einleitung zu „Glöcklein im Thale\", unstreitig\neine der reizendsten Inspirationen im ganzen Bereiche dra-\nmatischer Musik, flocht gleichsam einen Blumenkranz als\nRahmen für Euryanlhe's Erscheinung.\nHenriette Sontag, in der Blüthe ihrer Schönheit, im\nkleidsamsten Costume, so dass sie unwiderstehlich an\nGiulio Romano's Beatrice Cenci erinnerte, wurde auf bei-\nspiellose Weise empfangen. Wollte man nun einmal eine\ndeutsche Sängerin wie eine Italiänerin feiern, oder hatte\nman sie nie so kleidsam costümirt gesehen kurz, das\nRollen der Beifall-Salven, das Bravo-Geschrei dauerte in\nstörender Weise fast fünf Minuten. „Ei, ei!\" sagte We-\nber zu dem neben ihm stehenden Gyrowetz, „sie ver-\nschiessen ihr Pulver!\" Drei Mal wollte die Sontag anfan-\ngen, und drei Mal musste sie wieder mit den graziösesten\nNeigungen für den Sturm zu ihrer Ehre danken.\nDie Cavaline (Glöcklein im Thale) selbst, von Weber\nbei der ersten Aufführung in offenbar allzu langsamer\nBewegung geführt, liess kühl.\nMadame Grünbaum's Empfang, der unter gewöhn-\nlichen Umständen ein glänzender gewesen wäre, schien\nnun farblos und matt—ihre so wundervolle, leidenschaft-\nliche Arie wurde kaum bemerkt.\nDas Recitativ zwischen Euryanthe und Eglantine, die\nso schön gedachte Erzählung Euryanthens, ermüdete durch\nseine Länge und das nie unterbrochene langsame Tempo.\nDie andauernd gebrauchten, hingehauchten Noten Hessen\ndie Stimme der Sontag matt werden, so dass keine Stei-\ngerung wirksam werden konnte. Die Scene that der Wir-\nkung der Oper wesentlichen Eintrag. Weber bemerkte\nes selbst und kürzte sie für die Folge.\nErst bei dem Duett der beiden Frauen: „Unter ist\nmein Stern gegangen\"erwachte das Publicum aufs Neue.\nAber auch welcher Vortrag! So ist das Duett nie mehr\ngesungen worden, als von diesen beiden grossen Sängerin-\nnen, denen es Weber Ton für Ton selbst einstudirt hatte.\nUnwiderstehlichem Rufe nach Wiederholung musste end-\nlich Folge geleistet werden.\nDie Scene der Grünbaum, obwohl mit Geist und\nFeuer vorgetragen, wollte nicht gefallen.\nDa erschallten die Trompetentöne des Finale, der\nIrische, spielende Chor mit Ballet, Lysiart's leidenschaft-\nliche und musicalisch so ausdrucksvolle Anrede an Eu-\nryanthe, und Euryanthens zarte, zauberisch melodiöse\nAntwort leitete zum Culminationspunkte des wiener Er-\nfolges, dem Quartett mit Chor und der Solostelle am Ende\ndes ersten Actes.\nDie Ovation wie beim Auftreten der Sontag erneuerte\nsich, die letzte Phrase musste wiederholt werden und zwei\nMal wurde das ganze Personal mit Weber herausgerufen.\nDie leichte, gefällige Melodie, von Allen verstanden,\nvon der Einige behaupteten, sie wirke so eingehend, weil\nsie keine andere sei als die eines damals sehr beliebten\nWalzers von Adalbert Gyrowetz, hörte man in den Cor-\nridors und sogar in den Logen von Künstlern und Laien\ngesummt, und ein noch entschiedenerer Triumph wie der\ndes „Freischütz\" schien unzweifelhaft. Aber, wie es\nWeber gefürchtet, man hatte schon viel Beifallspulver ver-\nschossen und eine Ermattung und Reaction trat ein, die\nauf den Erfolg der anderen beiden Acte ungünstig wirkte.\nDurch die Wiederholungen und Beifallsstürme hatte\nder ohnehin lange Act fast anderthalb Stunde gedauert.\nDer Zwischenact war fast eine halbe Stunde lang, und\nals der Vorhang für Lysiart's grosse Scene emporrollte,\nwar das Publicum schon etwas matt.\nForti hatte weder die erforderliche Weichheit und\nden Schmelz im Andante, noch genug Kraft im Allegro\nfür seine grosse Arie. Sie ging mit sehr massigem Applaus\nvorüber. In dem darauf folgenden Duette sang Madame\nGrünbaum mit grosser Energie und spielte einer Rachel\noder Schröder würdig. Dies inspirirte auch Forti so, dass\nes zu einem Glanzpunkte des Abends und das Künstler-\npaar herausgerufen wurde.\nDie decorative Wirkung der festlich geschmückten,\nglänzend beleuchteten Königshalle nach der tief düsteren\nVerschwörungsscene war drastisch, wie es Weber gewollt\nhatte, aber Adolar's herrliche Arie, musicalisch so aus\nEinem Gusse, so voll Sehnsucht und Liebe, wurde von\nHaitzinger wegen der vielen Modulationen mit zu sicht-\nlicher Anstrengung, dabei aber schüchtern vorgetragen\nund liess ganz kühl.\nDas darauf folgende brillante und feurige Duett:\n„Hin nimm die Seele mein\", wurde zwar von den Rossi-\nnianern als eine Reminiscenz aus „Tancred\" begrüsst, ge-\nfiel aber trotzdem. Bemerkenswerth ist es, dass nach die-\nsem Duette sich in den Logen, aus denen bisher kein Ton\ndes Beifalls gekommen war, Hände regten. Es wurde da\ncapm verlangt. In dem pompösen Finale fand nur eine\nPhrase: „Wir Alle wollen mit dir geh'n\", die gleichsam\ndie Seele vom Druck der düsteren Stimmung der vorher-\ngehenden Scene löst, vom Chor hinreissend gesungen,\nAnklang.\nDie Sontag fühlte sich (nach drei Wiederholungen!)\ntodmüde und begann, es zu zeigen. Das Publicum wurde"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "11", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650114-01.1.3", "texte": "um seinen Liebling besorgt, und wäre nicht die Stretta:\n„Du gleissend Bild, du bist enthüllt\", vom Chor in voller\nPracht vorgetragen worden, der Vorhang wäre selbst ohne\nden lauen Beifall gefallen, der ertönte.\nDer Meister wurde zwar herausgerufen, aber leider\nmachte sich die Opposition, die im ersten Acte ganz\ngeschwiegen hatte, nur zu bemerkbar geltend.\nEin wiederum eine halbe Stunde dauernder Entreact\nsteigerte den Missmuth und die Abspannung des Publicums.\nDem langen Duette im Anfange des dritten Actes ver-\nmochte selbst Henriette Sontag keinen Beifall zu erringen.\nDie Sonderbarkeit, dass Adolar zu dieser Fahrt ganz\nschwarze „Eisen-Toilette\" gemacht hatte, während Eu-\nryanthe (mit sehr richtigem Tacte) im Festkleide geblieben\nwar, zerstreute das Publicum. Haitzinger's Stimme begann\nSpuren von Müdigkeit zu zeigen. Euryanthe's Klagelied:\n„Hier dicht am Quell\" u. s. w., ging spurlos vorüber.\nMit Zorn und Schmerz sahen Weber's Freunde, dass sich\nLogen und Sperrsitze zu leeren begannen und die Auf-\nmerksamkeit immer mehr schwand.\nDa fiel der Jägerchor mit seinem neuen Rhythmus,\nden trefflichen Horneffecten und in nie übertroffener\nVollendung gesungen, ein neuer Muth durchströmte\nAlles der Beifall war ausserordentlich. Es war, als ob\nsich eine Eisrinde von allen Herzen löste. Die skeptische\nKritik schwieg, das Entzücken kam zum Durchbruch, und\ndrei Mal musste der Chor wiederholt werden. Die feind-\nlichen Mächte schienen besiegt, selbst die verlassenen\nPlätze füllten sich zum Theil wieder.\nEuryanthe's Duett mit dem Könige fesselte die Auf-\nmerksamkeit nicht, bis die von der Sontag mit höchster\nLeidenschaftlichkeit gesungene Arie: „Zu ihm, zu ihm!\"\nalle Sinne eroberte und tobend applaudirt wurde. Die\nzum Tode müde Künstlerin wurde gerufen. Eine andere\nfrische Blüthe im Melodieenkranze der Oper; „Der Mai\nbringt frische Rosen dar\" u. s. w., wäre wiederholt wor-\nden, hätte man nicht Rücksicht auf die späte Stunde ge-\nnommen. Der Hochzeitsmarsch sprach nicht an, eben so\nwenig die darauf folgende Scene Eglantinens mit Lysiart.\nBei Sängern und Hörern machte sich gleichmässig Ab-\nspannung geltend, desshalb wurde das höchst dramatische\nDuett mit Chor: „Zitt're, Vermessener!\" nicht gewürdigt.\nDagegen riss die Wiederholung des schon im Ohre ruhen-\nden, populären: „Hin nimm die Seele mein\", auch die\nMüden mit fort, und anhaltender Beifall folgte dem Schluss-\nChor. Componist und Sänger wurden wiederholt gerufen,\ndoch ging auch jetzt der Beifall, wie während der gan-\nzen Oper, fast nur vom Parterre aus; die Logen hatten\nschweigend vernommen und waren am Schlüsse der Oper\nhalb leer.\nDem Anscheine nach hatte „Euryanthe\" einen gros-\nsen Erfolg gehabt. Weber, zu erregt, um scharf zu\nbeobachten, hatte den Eindruck davon —.\nEs war halb zwölf Uhr Nachts, als er sich mit seinen\nFreunden in der Mitte seiner treuen Kämpfer-Phalanx in\nder Ludlam wiederfand, und hier im Centrum der musi-\ncalischen, wissenschaftlichen und literarischen Intelligenz\no\nWiens feierte Weber seinen eigentlichen Triumph, der\nihm Bürgschaft dafür brachte, dass sein Werk den „Be-\nsten seiner Zeit\" ans Herz gegriffen habe und daher ein\nPulsschlag sei im Leben des Schönen aller Zeiten.\nAlle Mitglieder der Gesellschaft waren vereinigt, um\n„Agathus dem Zieltreffer\" zu huldigen, und keine Diffe-\nrenz störte die Geister-Eiarmonie des genialen Kreises.\nCastelli folgten Zedlitz, Grillparzer, Holtei, Kuffner und\nAndere mit Vorträgen, Jeder brachte sein Scherllein der\nVerehrung. Weber ward gekrönt mit Lorbern und Liebe,\nhielt nach den Anstrengungen des Abends noch bis zwei\nUhr unter den herrlichen Gesellen aus und konnte dann,\nheimgekehrt, sich nicht zur Ruhe legen, ohne noch an\nseine Caroline zu schreiben.\nUeber die zweite Vorstellung heisst es S. 531, wie\nfolgt:\nDie zweite Vorstellung, für welche Weber manche\nKürzungen gemacht hatte und die am 2i. Statt ge-\nlang in jeder Beziehung besser, als die erste. Das Orche-\nster spielte exaeter, die Sänger ökonomisirten ihre Kräfte\nbesser, die Ineinandergriffe schlugen zündender ein und\nder Beifall war rauschender, andauernder und, was mehr\nbedeutet, mehr dem Werke als den Executirenden zuge-\nwandt. Des Herausrufens und Lärmens war kein Ende,\nund doch fühlten Alle, die das wiener Publicum genau\nkannten, dass das alles denn doch nur ein recht redlich\ngemeinter iSucces d'estimesei, die Oper sich nicht auf dem\nRepertoire halten werde.\n„Der Spectakel ist gross,\" sagte der Regisseur Gott-\ndank, „aber er kommt nit aus'm Herzen!\"\nAm Tage nach der zweiten Aufführung der „Eu-\nryanthe\" wimmelte es im Steiner'schen Laden im Pater-\nnostergässchen von allen Kunstnamen Wiens, als hätten\nsie sich sämmtlich das Rendezvous gegeben. Weigl, Um-\nlauf, Assmayr, Leon de St. Lubin, Kreutzer, Blabetka,\nSaphir, Jeitteles, Schuppanzigh, Sonnleitner, Bocklet und\nFranz Schubert waren zugegen und vom «lautesten Hin\nund Wieder über Werk und Aufführung hallte der kleine\ngewölbte Raum. Es war frappant, dass Weber hier die\nLiteraten, Gelehrten und Kenner mehr für, die Musiker\nvom Fach mehr gegen sich hatte. Rücksichtslos äusserte\nin derbster Weise, die man damals Treuherzigkeit nannte,\nFranz Schubert seine Antipathie gegen Weber und seine\n\nn"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "12", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650114-01.1.4", "texte": "Meinung von der kleinen Sphäre von dessen Talent. „Das\nist keine Musik!\" rief er aus, „da ist kein Finale, kein\nEnsemble nach Form und Ordnung. Von legitimer Durch-\nführung ist keine Rede, und wo Weber gelehrt sein will,\nfindet man gleich heraus, dass er aus der Schule eines\nCharlatans (Vogler) stammt. Er hat Talent, aber keinen\nsoliden Grund, auf den er bauen könnte. Das geht alles\nauf den Effect hinaus! Und der schimpft auf Rossini? Wo\neinmal ein Stück Melodie kommt, ist sie todtgedrückt, wie\neine Maus in der Falle, von der wuchtigen Orchester-Be-\ngleitung. Das ist herbe, ascetische Musik, die Einem nicht\nwarm um die Herzgrube macht. Mit dem Freischütz war's\nwas ganz Anderes, obwohl, das Duett der beiden Frauen\nausgenommen, kein Musikstück darin ist, das einem ge-\nwissenhaften Musiker genügen könnte. Da war Gemüth\nund Lieblichkeit und Melodie. Dabei hätte er bleiben\nsollen!\"\nZwischen all dem Peroriren schoss auch Beethoven in\nden Laden und fragte in seiner gewohnten hastigen Weise\nHaslinger: „Nun, wie hat die neue Oper gefallen?\" Has-\nlinger schrieb: „Aussordentlich! Ein grosser Erfolg!\" Da\nrief Beethoven: „Das freut mich! das freut mich! So muss\nder Deutsche über den Sing-Sang zu Recht kommen!\"\nDann fragte er: „Wie hat die kleine Sontag gesungen?\"\n„Vortrefflich!\" Da schmunzelte er, und zu dem ebenfalls\ngegenwärtigen Benedict sich wendend, trug er diesem auf:\n„Sagen Sie Herrn von Weber, ich wäre hinein gekom-\nmen, aber wozu? Seit langer Zeit schon —\" und er\ndeutete auf seine Ohren und lief davon.\nDie Kritik in den wiener Blättern sprach sich mehr\nfür als wider die „Euryanthe\" aus, und man muss ge-\nstehen, dass die tadelnden Bemerkungen, welche in den\nAuszügen, die Herr Max von Weber mittheilt, vorkom-\nmen, Hand und Fuss haben. Am begeistertsten spricht\nsich der Referent der leipziger Musik-Zeitung über das\nWerk aus. Die Ansicht, dass den Erfolg der ersten Vor-\nstellungen hauptsächlich die Liebe zu dem Componisten\ndes Freischütz und der Drang, den Italiänern gegenüber\nein deutsches Werk zu feiern, erzeugt hatte, wurde aller-\ndings durch die Folge bestätigt. Schon bei der achten Vor-\nstellung war das Haus halb leer; Conradin Kreutzer strich\n„eine halbe Stunde Musik\" unbarmherzig heraus, was\nmehr schadete, als nützte, und nach zwanzig Vorstellun-\ngen wurde die Euryanthe vom Repertoire zurückgezogen!\nErst bei den Aufführungen in Dresden (den 31.März\n1824) und in Berlin (den 23. December 1825) wurde\ndie Euryanthe in ihrem musicalischen Werthe vollständig\ngewürdigt, immerhin jedoch mehr von der einsichtsvollen\nKritik, als vom Publicum, welches namentlich in Berlin\nnach den ersten vier Vorstellungen nicht nur an Enthusias-\nMus nachliess, sondern schon in der fünften das Haus\nauffallend leer liess. Wahrend die 96 Vorstellungen des\nFreischütz bis Ende 1825 der berliner Theater-Casse\n50,000 Thaler Reingewinn gebracht hatten, ergab die\nEuryanthe am Ende des Jahres 1827 ein Deficit von\n2500 Thalern für die darauf verwandten Kosten. Die Be-\nsetzung war auf beiden Hoftheatern vortrefflich, in Dres-\nden die jugendliche Wilhelmine Devrient und die Funk,\nBergmann (Adolar) und Meyer (Lysiart); in Berlin vollends\ndie Seidler und Schulz, Bader und Blume, Ed. Devrient\n(König).\nIm Allgemeinen erging es der Oper Euryanthe von\nAnfang an eben so, wie es ihr noch jetzt ergeht: wenn\nsie auf dem Repertoire erscheint, sei es, wo es sei, wird\nsie mit Liebe und Beifall, ja, mit Begeisterung aufgenom-\nmen*); allein öftere Wiederholungen in einer und dersel-\nben Saison verträgt sie nicht. Dennoch wurde sie auch\nschon bei Lebzeiten Weber's fast auf allen Theatern ge-\ngeben und brachte ihm mehr Honorar ein, als der Frei-\nschütz, denn dieser trug ihm nach dem Anhange (S.\n727) 4657 Thlr., die Euryanthe aber 5893 Thlr. ein,\nden Clavier-Auszug des Freischütz mit 220 Thlrn. (!),\nder Euryanthe mit 606 Thlrn. mit eingerechnet. Fügen\nwir hier gleich zu, dass das Honorar für den „Oberon\"\nin London 3300 Thaler betrug, Weber aber überhaupt\nvon seinen Arbeiten für die Bühne (Sylvana 203 Thlr.,\nAbu Hassan 315 Thlr. 22 Gr., Preciosa 921 Thlr.\n8 Gr. zu obigen hinzugerechnet) die Summe von 16,280\nThlrn. 14 Gr., so weit es nachweislich ist, bei seinen Leb-\nzeiten erhalten hat. Dass der Ertrag des Freischütz so\ngering war, lag an dem Mangel der noch nicht eingeführ-\nten Einnahme-Antheile von den Aufführungen, so dass\nz. B. das H onorar von Berlin für die Partitur und das\nRecht sämmtlicher Aufführungen nur 660 Thlr. betrug,\nwährend die königliche Theatercasse binnen sechs Jahren\n50,000 Thlr. damit gewann, und der Verleger des Cla-\nvier-Auszugs?? Wien gab für den Freischütz 312 Thlr.,\nfür die Euryanthe 720 Thlr., Berlin für die letztere nach\n\n*) Vgl. unten den Bericht über die Aufführung in Berlin am\n8. Januar dieses Jahres, der zugleich die Ansicht über den Ein-\nfluss des Werkes auf die heutige dramatische Musik ausspricht,\nwelche wir in diesen Blättern bei Gelegenheit der Analyse des\n„Tannhäuser\" von Wagner vor Jahren ebenfalls geltend gemacht\nhaben. Herr Max von Weber berührt die Sache (S. 363, 451 und\n585), wo er auch seines Vaters Schreiben an den akademischen\nMusik-Verein in Breslau abdrucken lässt, in welchem dieser sagt:\n„Euryanthe ist ein rein dramatischer Versuch, seine Wirkung\nnur von dem Zusammenwirken aller Schwesterkünste\nhoffend, sicher wirkungslos, ihrer Hülfe beraubt.\" An einer ana-\nlysirenden Charakteristik der Musik der Euryanthe in Bezug auf\nihre Folgen für die neuere Oper fehlt es noch.\nDie Redaction."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "13", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650114-01.1.5", "texte": "langem Drängen des wackeren Intendanten Grafen Brühl\n800 Thlr. und 100 Thlr. für die Dichterin Frau v. Chezy.\nDie Correspondenz darüber zwischem dem Grafen Brühl und\ndem Haus-Minister von Witgenstein ist merkwürdig genug.\nUebrigens täuschte sich Weber über die zu erwar-\ntende Wirkung der Euryanthe in seiner Ueberzeugung\nnicht, wenn er sich auch gegen seine Gattin und gegen\nFreunde nicht ganz so aussprach. Aber an Gottfried\nWeber schreibt er den 12. December 1823: „Die Wir-\nkung, die die Euryanthe hervorbringt, ist ganz so, wie ich\nes mir gedacht habe. Meine übertriebenen Freunde gaben\ndiesmal meinen Feinden die Hand, indem beide lächer-\nlicher Weise verlangen, dass die Euryanthe eben so die\nMasse anziehen soll, als der Freischütz. Wie thöricht! als\nob satis comparaison Iphigenia, ein Don Carlos ir-\ngendwo Zugstücke geworden wären!\" Und an Danzi\nden 26. Mai 1824: „Haben Sie innigen Dank für alle\nLiebe, Sorge und Noth, die Sie mit meiner Euryanthe\ngehabt haben, und vorzüglich aber auch für die schonende\nWeise, mit der Sie mir den eigentlichen Erfolg derselben\nzu verbergen suchten. Ich bin aber darauf an den meisten\nOrten gefasst; denn das jetzige Kunsttreiben ist so wun-\nderlich durch einander gewirbelt, die eigentliche Andacht\nder Hörer und Ausführer so fast gänzlich erloschen, und\nman will von der Kunst nur gleich einer Bajadere gekitzelt\nsein, dass ich mich ordentlich wundere, wenn's einmal\nwo anders ist und ein ernstes Streben wirklich eingreift.\nIn Dresden war dies der Fall. Wie's weiter wird, wollen\nwir abwarten, und am Ende muss es ja nicht sein, dass\nman Opern macht.\"\nDer Kaiser Franz nahm die Dedication der Oper an\nund übersandte ihm dafür später eine prachtvolle, mit\nDiamanten besetzte Dose. In der Audienz, die er Weber\nertheilte, sagte er in Bezug auf die Italiäner der wiener\nOper: „Ja, ja, der Krieg ist halt aus, aber's Geplänkel\nhört nit auf.\"\n\nAus Berlin.\n(Charlotte Dekner Clara Schumann und Julius Stock-\nhausen Weber's „Eury anthe\".)\nDen 10. Januar 1865.\nDie erste Woche im neuen Jahre brachte bereits be-\ndeutende musicalische Gaben; dürfen wir sie als Vorzei-\nchen betrachten, so wird sich die zweite Hälfte der Saison\nfür die Tonkunst in Concertsälen und auf der Bühne ge-\nnussreich gestalten. Die Oper wird nach der Euryanthe\nvon Weber auch Spontini's Olympia neu in Scene setzen.\nFerner soll Verdi's Rigoleüo mit Fräulein Lucca und\ndem hiesigen Personale, aber trotzdem mit italiänischem\nTexte, wie es heisst, gegeben werden. Fräulein Artöt\ntritt schon in nächster Woche auf, für das Gastspiel von\nGunz werden „Die weisse Dame\" und „Der Postillon\"\nneu einstudirt, Niemann wird uns mit dem „Rienzi\" be-\nglücken u. s. w. Aber von Aufführung einer neuen\nOper ist nicht die Rede.\nAm 4. Januar gab die ungarische Violinspielerin\nFräulein Charlotte Dekner eine Soiree in dem schö-\nnen Saale der „Gesellschaft der Freunde\" vor einem aus-\nerwählten Publicum, und zwar mit durchschlagendem Er-\nfolge. Der wohlverdiente reiche Beifall, den die Künstlerin\nland und an dem sich der unter den Anwesenden befind-\nliche Kunstgenosse Herr Ole Bull lebhaft betheiligte (der\nübrigens im Opernhause seine Concerte mit grossem Bei-\nfalle fortsetzt), stieg zu wahrem Enthusiasmus. In der Er-\nscheinung und dem Spiel der jungen Dame ist etwas Eige-\nnes, ein festes, klares, energisches Leben; ihr ganzes We-\nsen ist in grossem Stile angelegt. Dabei ist der Ton rein\nund lest, das Spiel correct und sicher, frei von Effect-\nhascherei, und entwickelt eine bedeutende Technik. Fräu-\nlein Dekner trug ein Concertstück von Vieuxtemps vor,\ndann eine Sonate von Tartini (G-moll), harmonisirt von\nZellner, eine höchst interessante Composition, aus der das\nScherzo, das marschartige, kurze Andante und der\nprägnante Schlusssatz besonders hervorzuheben sind; dann\nein anmuthig vorgetragenes, einfaches Schlummerlied von\nRfeber, durchweg con Sordino,und zuletzt höchst charakte-\nristische ungarische Volkslieder von Remenyi, mit grosser\nBravour und mit Geist ausgeführt. In wahrhaft ausge-\nzeichneter Weise wurde Fräulein Dekner von dem Piani-\nsten Herrn F ranz Bendel unterstützt, der sich als einen\nkunstverständigen Musiker bewährte. Er begann mit dem\nDes-dur-Prelude von Chopin, auf welches der Des-dur-\nWalzer desselben Componisten folgte. .Auch die C-dur-\nNovellette von Schumann mit ihrem kräftigen Anfange\nund dem zarten Mittelsatze sprach sehr an. Zum Schlüsse\ntrug er eine hinreissende Rhapsodi von Liszt mit\neiner staunenswerten Virtuosität vor. Den vocalen Theil\ndes Concertes hatten Fräulein Emma zum Busch und\nHerr Bradsky übernommen, doch standen beide nicht\nauf der Höhe der übrigen Vorträge; Fräulein zum Busch\nhat eine zwar ganz wohlklingende, aber nicht gleichmäs-\nsige, in den Mittellagen dumpfe Stimme, die durch eine\nnicht immer correcte Tonbildung und nicht ganz reine\nIntonation noch beeinträchtigt wird; auch trug sie nicht\nempfunden genug das Lied: „Er ist gekommen\", von\nRobert Franz, und die Arie aus Figaro's Hochzeit: „0,\nsäume länger nicht\", vor, und liess namentlich das er-\nstere kalt."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "14", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650114-01.1.6", "texte": "Das am Samstag den 7. Januar von Frau Clara\nSchumann und Herrn Stockhausen veranstaltete Con-\ncert hatte die Räume der Sing-Akademie bis auf den letz-\nten Platz gefüllt. Eine seltene Gleichartigkeit des gesamm-\nten Wollens und Könnens, die innerste Verwandtschalt\nder künstlerischen Gesinnung und Richtung vereinigt die\nBeiden, die hier verbunden vor dem Publicum standen.\nIn der technischen Unfehlbarkeit, wie in der stets dem\nIdealen zugewandten Auffassung und Behandlung, jener\nstilvollen Weise des Vortrages, die, frei von jedem Zulälli-\ngen und Subjectiven, mit treuer Beflissenheit sich nur in\ndas Wesen der Sache versenkt, in allen diesen Beziehun-\ngen erscheinen die Pianistin und der Sänger einander\ndurchaus ebenbürtig. Unterstützt von den Herren de A h n a\nund H egar aus Hamburg eröffnete Frau Schumann das\nConcert mit dem D-moll-Trio von Robert Schumann.\nDer Stoff, aus dem besonders die beiden ersten Särze der\nArbeit geschaffen worden, ist freilich zu subtiler Natur,\num diejenigen, die sich nicht aufs innigste in die Weise\ndes Componisten eingelebt, tiefer zu erfassen und mächti-\nger zu bewegen; das Es<2wr-Quartett oder das Quintett\nwürde dem Verständnisse der Empfangenden zugänglicher\ngewesen sein. In Beethoven's (7-Mo/Z-Variationen Op.\n36, Nr. 1 der Moments mueiner kleinen, aber\ndarum nicht weniger kostbaren Perle aus dem unerschöpf-\nlichen Schatze des Schubert'sehen Genius, ferner dem\n6r-mo//-Notturno von Chopin und einem Mendelssohn'-\nschen Scherzo bestanden die übrigen Gaben der Pianistin.\nBis in den kleinsten Zug decken sich bei ihr Aufgabe und\nAusführung, nirgends wird die edle Plastik und bestimmte\nObjectivität der Tongestalten durch willkürliche Gefühls-\nzulhaten und manierirte Einseitigkeit getrübt.\nHerr Stockhausen bot zunächst dem Publicum zwei\nhier seltener gehörte Gesänge von Schubert: „An die\nLeyer\" und „Waldesnacht\". Das letztere, obgleich in\nmehr als Einem Zuge die Meisterhand verrathend, aus der\nes hervorging, befremdet das Gefühl durch die gährende\nUnruhe der Harmonie und den aphoristischen Charakter\nder Melodik, die in einzelne Interjectionen zersplittert.\nWeiterhin hörten wir noch von ihm den Eichendorff'schen\nLiederkreis von Schumann. Statt aller zwölf Gesänge\nhätten wir eine Auswahl vorgezogen, denn sie bilden kei-\nneswegs ein zusammenhangendes, psychologisch sich ent-\nwickelndes Ganzes, wie der Beethoven'sche Liederkreis\n„An die Entfernte\" oder Schubert's Müllerlieder und Win-\nterreise, sondern das Band, das sie verknüpft, ist äusser-\nlicher Art, es liegt in dem Umstände begründet, dass\nsämmtliche Texte demselben Dichter entlehnt wurden.\nWie sehr es uns auch in gewissen Stimmungen dazu trei-\nben mag, mit unserem gesammten Denken und Empfinden\nin diese aus dem Herzblute des Tondichters genährte Ly-\nrik uns einzutauchen, so ist doch der Concertsaai der dazu\nam wenigsten passende Ort. Das Element, das alle diese\nLieder durchdringt, ist zu eigenartig, schweift zu weit ab\nvon der Welt, in der das unmittelbare Gefühl seine Hei-\nmat hat, um das Interesse des grossen, aus den mannigfach-\nsten Bestandteilen zusammengesetzten Publicums von\nAnfang bis zu Ende gleichmässig festhalten zu können.\nBei der Leistung des Sängers erfreut sich der Hörer einer\nMeisterschaft, die im Technischen wie in der Mischung\nder Vortrags-Nuancen von dem musicalischen Gebiete\nvollen künstlerischen Besitz ergriffen. Im Einzelnen ist\nhervorzuheben der durchaus geläuterte Klang-Charakter\nder Stimme, die feinfühlige Abwägung der Stärkegrade,\ndie musterhafte Aussprache, das treffliche Legato und\nPortament, die Gewissenhaftigkeit in der Behandlung des\nTactes und Zeitmaasses.\nDie an demselben Abende Statt gefundene fünfte Sin-\nfonie-Soiree der königlichen Capelle brachte die geistvolle\nLustspiel-Ouverture von Rietz und Schubert's C-dur-\nSinfonie, welche letztere eine ungleich wärmere Aufnahme\nals vor einigen Jahren fand.\nAm Sonntag den 8. Januar ging nach mehrjähriger\nPause Weber's „Euryanthe\" neu einstudirt in Scene,\nund wir dürfen hoffen, dass sie fortan einen gesicherten\nPlatz in unserem Repertoire einnehmen wird. Einem\nWerke, das, zum Mindesten dem Streben nach, den Höhe-\n✓ 7\npunkt in dem Schaffen unseres nationalsten Opern-Com-\nponisten bezeichnet, gebührt schlechterdings das Vollbür-\ngerrecht auf jeder grösseren deutschen Bühne. In keiner\nanderen Schöpfung des Tondichters finden wir eine ähn-\nliche Grösse der Anlage, das eben so ernste als bewusste\nRingen nach den höchsten Zielen dramatischer Kunst;\nnirgends liegen allerdings auch die Gränzen, an-die sein\nGenius gebunden war, so offen zu Tage, wie hier. Als\nerster, umfassender Versuch, die grosse heroische, roman-\ntische Oper aus rein nationalem Stoffe zu schaffen, hat\ndiese Tonsprache einen unberechenbaren Ein 11 uss auf die\nEntwicklung der gesammten Folgezeit geübt; in ihr fand\nRichard Wagner schon alle Grundzüge zu seinem Kunst-\nwerke der Zukunft auf das bestimmteste vorgezeichnet.\nWährend der „Freischütz\" noch mit sehnsüchtigem Ver-\nlangen nach dem classischen Ideale zurückblickt, verfolgt\ndie „Euryanthe\" mit rücksichtsloser Entschiedenheit die\nneue Bahn. Jede einzelne Gefühlsweise, die sie angeschla-\ngen, ist zu einer Grund-Tonart in unserem modernen Em-\npfinden geworden und schwingt in tausendfältigen Modu-\nlationen der Lust und des Schmerzes durch die künstleri-\nsche Production der Gegenwart weiter."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "15", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650114-01.1.7", "texte": "Unter den Darstellern hatten nur noch zwei ihren\nalten Platz behauptet, Frau Harriers als Inhaberin der\nTitelrolle und Herr Krause als Lvsiart. Jene besitzt alle\n%)\nEigenschaften, deren es zur überzeugenden Wiedergabe\ndes lieblichen, aus Schwärmerei hinschmelzender Weich-\nheit und naiver Anmuth gemischten Charakters bedarf.\nDas träumerisch verschwimmende „Glocklein im Thale\"\nund das im lachenden Festschmucke der Töne prangende\nerste Finale gehörten schon früher zu dem reizvollsten,\ndas uns aus dem Munde der Künstlerin geboten worden.\nAuch diesmal ergoss sich die Stimme in den üppigsten\nStrom des Wohllauts. Im zweiten und dritten Acte war\nder Ausdruck gegen sonst ungleich bestimmter und inten-\nsiver, die Zeichnung hat an Festigkeit, das Colorit an\nGlanz gewonnen. Das Duett: „Hin nimm die Seele mein\",\nerhob sich wenigstens am Schlüsse zur vollen Höhe der\nSituation. Zarte Innigkeit durchdrang die Romanze vom\nersten bis zum letzten Tone, und in der grossen Scene mit\nChor fehlte weder die materielle Kraft noch der charak-\nteristische Aufschwung. In der renitenten Partie des Ly-\nsiart bewies Herr Krause die Sicherheit, die wir längst\n• o\nan ihm kennen und schätzen. Das dämonische Element\nwiderstrebt freilich seinem Darstellungs-Vermögen. Zu\nden verrufensten Rollen gehört die der Eglantine. Sie liegt\nfür den Sopran zu tief, für den Alt zu hoch, vernichtet\nausserdem durch die aphoristischen Interjectionen der Lei-\ndenschaft, aus denen sie sich zusammenreiht, jede Conti-\nnuität der Stimmung. Der Eifer, mit welchem sich Fräu-\nlein Santer der dornenvollen Aufgabe widmete, erwarb\nihr ungetheilte Anerkennung. Im Technischen wie in der\nAuffassung, überall gewahrte man die gewissenhafteste\nSorgfalt. In den extremsten Tonlagen gab die Stimme\nden ganzen Abend hindurch frisch und voll aus. Die hastig\nhin und her getriebene Modulation fand stets die Sängerin\nwohl vorbereitet. In der Behandlung des Adolar durch\nHerrn Woworski überwog das conventioneile Element;\nzudem wurde der Eindruck durch den gepressten Klang\ndes höchsten Registers getrübt. Die zurückweichende\nKälte, welche das Publicum dieses Mal den Sänger em-\npfinden liess, war indessen kaum gerechtfertigt. Er suchte\noffenbar, sein Bestes zu geben, und die Gränzen, in die\nseine Leistungsfähigkeit eingeschlossen ist, traten keines-\nwegs störender zu Tage, als bei anderen Gelegenheiten.\nDer König des Herrn Betz und die Bertha des Fräulein\nGer icke fügten sich angemessen dem höchst lobenswer-\nthen Ensemble ein, eben so Orchester und Chöre.\n\nNachtrag zu: „Das Conservatorium in Köln“\nin Nr. 1, S. 6.\nDie Redaction.\nIn dem Verzeichnisse der gegenwärtigen Lehrer am\nConservatorium der Musik zu Köln ist durch ein Versehen\nder Name des Herrn Woldemar Bargiel, des rühm-\nlichst bekannten Componisten, als Lehrer der Harmonie\nund des Pianoforte, ausgefallen, was hiermit ergänzt wird.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\n\nKolli, 14. Januar. In der dritten Sitzung für Kammer-\nmusik hörten wir das Violin-Quartett Nr. 6 C-dur von Mozart,\ndas grosse Op. 127 in JEs-dur von Beethoven und das IV. Trio\n(Serenade) für Pianoforte, Violine und Violoncell von F. Hill er.\nDas letztgenannte Werk ist schon vor mehreren Jahren geschrieben\nund gchoit zu denjenigen Kammermusik-Compositionen von Hiller,\nwelche am meisten, besonders auch im Auslande, verbreitet sind.\nEs besteht aus sechs Sätzen, von denen die drei ersten (alla Mar-\nciOjj Scherzandöy iJlenuetto) und die zwei letzten und\nFinale) an einander hangen, während zwischen ihnen ein r)Ghasel\"'\ndas Andante vertritt, eine Form, welche, als musicalische Nachah-\nmung der poetischen dieses Namens, Hiller mit Glück hier zum\nersten Male, wenn wir uns recht erinnern, angewandt hat. Das\nGanze, ausgeführt von Ililler, von Königslöw und Schmit, sprach\nallgemein an und zeichnet sich durch geistvolle Originalität aus.\nNach dem schönen melodischen Quartette von Mozart war der\nVortrag des Op. 127 von Beethoven durch von Königslöw u. s. w.\neine meisterhafte Leistung, durch welche nicht nur die grossen\nSchönheiten des Werkes vortrefflich hervortraten, sondern auch die\nallerdings ebenfalls vorhandenen, sehr schwierigen und dunkleren\nStellen der Auffassung der Empfänglichen zugänglicher wurden.\nSehr dankbar ist es aufzunehmen, dass die Herren Quartettisten so\nfreundlich sein wollen, die Aufführung heute Abend in der musi-\ncalischen Gesellschaft zu wiederholen. Bekanntlich ist dieses Quar-\ntett in Es-dur Op. 127 das erste von den fünf letzten Quartetten,\nwelche zugleich die letzten Compositionen Beethoven s waren. Es\nentstand im Geiste des Meisters im Sommer 1824 in Baden bei\nWien. Noch hatte in Wien im Anfange des Jahres 1825 die Par-\ntitur die letzte Feile nicht erhalten, als Beethoven in eine schwere\nUnterleibskrankheit verfiel, die viele Wochen anhielt. Erst im März\n1825 fand die erste Aufführung durch den Quartett-Verein von\nSchuppanzigh und Genossen Statt, denen der Meister vorher folgen-\ndes Blatt zur Unterschrift vorlegte :\n„Beste !\n„Es wird Jedem hiemit das Seinige gegeben, und wird hiemit\nin Pflicht genommen, und zwar so, dass /nan sich anheischig mache,\nbei Ehre sich auf das Beste zu verhalten, auszuzeichnen und gegen-\nseitig hervorzuthun. Dieses Blatt hat Jeder zu unterschreiben,\nder bei der bewussten Sache mitzuwirken hat.\n„Beethove n.w\nDas Blatt besass Schindler im Original mit den Original-Unter-\nschriften: „Schuppanzigh Weiss Linke, des grossen\nMeisters verfluchtes Violoncello Holz der Letzte, doch nur bei\ndieser Unterschrift.\"\nNun, wir können von unseren Künstlern auch sagen, dass\nsie aus wahrer Pietät auch ohne Unterschrift „bei Ehre sich auf\ndas Beste verhalten und ausgezeichnet\" haben, und mit um so mehr\nRecht, als jene erste Aufführung nichts weniger als vollkommen"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "16", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650114-01.1.8", "texte": "war und erst eine zweite, bei welcher der berühmte Joseph Böhm\n(der Lehrer von Joachim) die erste Geige spielte, besseren Erfolg\nhatte.\nKöln. Im nächsten Gürzenich-Concerte, Dinstag den 17.\nJanuar, kommt Hände Ts Oratorium „Josua\" zur Aufführung.\nRudolph Genee zeigt in der Nummer vom 31. December\nder „Coburger Zeitung\" an, dass er mit dem genannten Tage seine\nRedactionsthätigkeit bei der Zeitung beschliesse. Seine Demission\nerfolgte wegen einer zu scharfen Kritik einer Vorstellung des „Don\nJuan\" und einer darin auftretenden Sängerin.\nDresden* Am 5. Januar versammelte sich hier der engere\nAusschuss für das erste deutsche Bundes-Sängerfest, um den Vor-\ntrag der Prüfungs-Commission für die Concurrenz-Arbeiten zu ver-\nnehmen. Es sind von 103 Componisten 134 Compositionen aus aller\nHerren Ländern (sogar aus Frankreich) eingegangen und von den\nPreisrichtern Abt, Otto und Rietz geprüft worden. Aus dreissig\nCompositionen, die sich theils durch inneren Werth, theils durch\nihre richtige Berechnung auf Massenwirkung auszeichneten, wurden\nfolgende sechs ausgewählt und in das Programm eingeordnet: 1)\nGesang im Grünen (Verf.: Prof. Dr. Faisst in Stuttgart); 2) Das\ndeutsche Schwert (Hoforganist Schuppert in Kassel); 3) Thürmer-\nlied (Organist van Eyken in Elberfeld); 4) Auf der Kirchweih zu\nScliwyz (Musik-Director Tietz in Hildesheim); 5) Die Geisterschlacht\n(Organist Edm. Kretzschmer in Dresden); 6) „Rauschet, rauscht, ihr\ndeutschen Eichen\" (Capellmeister Tschirch in Gera). Nach dieser\nPreiskrönung wird sich das Arrangement für die beiden Concerttage\nfolgender Maassen gestalten: Erster Tag. Erster Theil. Choral: Al-\nlein Gott in der Höh' u. s. w. Festgesang an die Künstler (Men-\ndelssohn). Der 34. Psalm von Jul. Otto. Wanderers Nachtlied (Reis-\nsiger). Gesang im Grünen. Das deutsche Schwert. Zweiter Theil.\nComposition von Abt. Zwei Volkslieder von Silcher (Zu Strassburg\nauf der Schanz u. s. w. Es geht bei gedämpfter Trommel Klang\nu. s. w.). Composition von Krebs. Lied von Schneider. „Wo möcht'\nich sein\" (Zöllner). Siegesgesang aus der Hermannsschlacht (Lach-\nner). Zweiter Tag. Erster Theil. „Wie schön bist du\" (Schubert).\nLiedesfreiheit (Marschner). Sängers Grüsse von J. G. Müller. Auf\nder Kirchweih. Die Geisterschlacht. Zweiter Theil. „Rauschet,\nrauscht\" u. s. w. Zwei Volkslieder. Das deutsche Lied (Lindpaint-\nner). Ein Lied von Kreutzer. Schwertlied (C. M. v. Weber). Te\nDeum von Rietz.\nUllman hat nach drei bei überfülltem Saale in München\ngegebenen Concerten seine Reise nach der Schweiz fortgesetzt und\nwird Anfangs Februar in Köln eintreffen.\nIn Hamburg hat ein neues Schiff in der Taufe den Namen\nTherese Tietjens erhalten.\n#\nWien* Dem Almanach des Theaters in der Josephstadt und\ndes Thalia-Theaters für das Jahr 1865 entnehmen wir, dass das\nTheater-Personal, einschliesslich der Direction und des Orchesters,\naus 152 Personen besteht. Theaterdichter sind vier engagirt: Elmar,\nBerla, Flamm und Megerle. Novitäten wurden im Jahro 1864 im\nGanzen fünfzehn gegeben.\nPrag, Ende December v. J. Erstes Concert des Cäci-\nlien-Vereins. Die heurige Concert-Saison eröffnete der vor fünf-\nundzwanzig Jahren vom gegenwärtigen Dirigenten gegründete Cäci-\nlien-Verein, der es sich zur Aufgabe gestellt hatte, die vorzüglich-\nsten Erzeugnisse der Orchester-Literatur in drei jährlichen Concerten\nmit eigenen Mitgliedern (meistens Dilettanten) dem Publicum vor-\nzuführen. Das erste Concert bestand aus zwei Nummern: Messe von\nSchumann für grosses Orchester und Chor, und Sinfonie mit der\nFuge von Mozart. Ein kleines, aber sehr gewichtiges Programm!\nSchumann äusserte selbst, wie schwer es sei, eine Messe zu schrei-\nben so, wie sie geschrieben sein wolle, d. b. kirchlich. Seine Messe\nist alles, nur nichts Kirchliches; was aber die Musik selbst betrifft, so\nist sie an mancher Stelle unvergleichlich schön, z. B. das Gloria\nund das Sanctus. Diese zwei Nummern sind dramatisch gehalten:\ndas Verherrlichen des Ruhmes Gottes ein kräftiges, prachtvoll aus-\ngeführtes Thema, und das Sanctus ein leises, demüthiges Unterwer-\nfen vor der Heiligkeit Gottes. Diese zwei Stücke haben ausser-\nordentlich gefallen. Eine ganz entgegengesetzte Composition folgte\nder Messe, die so genannte Jupiter-Sinfonie von Mozart, ein Mei-\nsterwerk, welches ewig frisch bleiben und erheitern wird. Besondere\nAufmerksamkeit und einen wahren Beifallssturm erregten das An-\ndante, der zweite Theil der Sinfonie und die Schlussfuge.\n\nFriedrich Dub."}]}