{"numero_id": "bm-bmtnabi-1865-01-28-01", "volume": "bmtnabi_1865-01-28_01", "ocr_sha256": "8677cf57675e53e85b156a19b653349c4a86616dadd00d27ad716959469c373c", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1865/01/28_01/bmtnabi_1865-01-28_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650128-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1865-01-28-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1865-01-28_01#c001", "volume": "bmtnabi_1865-01-28_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "25", "page_fin": "25", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650128-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "25", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650128-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 419, "texte": "Inhalt.\nHans Oyart von Köln. .Nach Urkunden mitgetheilt von Ernst Pasquö. Pariser Briefe. I. (Die kaiserliche\nRegierung und die Tonkunst Die Operntheater Die Africanerin Adelina Patti Madame Gennetier\nvon Gevaert Violetta = Nilsson.) G. F. Händel'» „Josua\". Aufgeführt im sechsten Gürzenich-Concerte in Köln. Tages- und\nUnterhaltungshlatt (Darmstadt, Verdi's „Violetta\" Hamburg, Aufführung der „Lorelei\" von Max Bruch)."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1865-01-28-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1865-01-28_01#c002", "volume": "bmtnabi_1865-01-28_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "25", "page_fin": "28", "image_debut": 1, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650128-01.2.2", "titre_corps": "Hans Oyart von Köln.", "titre_sommaire": "Hans Oyart von Köln.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "25", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650128-01.1.1", "debut_caractere": 421, "fin_caractere_exclue": 4851, "texte": "Hans Oyart von Köln.\nNach Urkunden mitgetheilt von Ernst Pasqué.\nNeuere Forschungen haben manches Interessante zu\nTage gefördert auf dem Gebiete alt-kölnischer Kunst-\ngeschichte. Recht ergiebig scheinen die Quellen geflossen\nzu sein über die Vertreter der Maler- wie der Baukunst,\nspärlicher jedoch über die der Musik. Und doch muss die\nVaterstadt Franko's, des Schöpfers des musicalischen\nZeitmaasses, gar manche Musiker der Welt geschenkt ha-\nben, besonders zur Zeit, als die Niederländer als Haupt-\nvertreter musicalischer Kunst nach allen Richtungen hin\nauszogen, um zu lehren, vorzuführen, was scharfsinnige\nGeister der Ihrigen, was sie selbst auf dem Felde der\nMusik erdacht und geschaffen. Ueber einen solchen alten\nkölnischen Musiker aus der Epoche, welche die Musik-\ngeschichte als die der „Niederländer\" bezeichnet, sollen\ndie folgenden Zeilen—Urkunden des „gemeinschaftlichen\nArchivs\" zu Weimar entnommen—einige Aufschlüsse ge-\nben. Ist es auch wenig, was sie über ihn bringen, so wird\ndies Wenige doch immer hinreichen, einen vollständig ver-\nschollenen kölnischen Meister der Jetztzeit wieder vorzu-\nführen, zu beweisen, dass er gelebt und wacker gewirkt\nin seiner Kunst, dass er ferner in jeder Hinsicht ein wür-\ndiger Sohn seiner Vaterstadt Köln gewesen.\nAm kursächsischen Hofe zu Torgau stand zu Anfange\ndes sechszehnten Jahrhunderts die Musik in schönster\nBlüthe. Bekannt ist der daselbst als Sänger und Meister\nder Capelle wirkende Johannes Walther*) noch da*\ndurch, dass er an der Entwicklung des evangelischen Kir-\nchengesanges den thätigsten Antheil genommen. Mit Con-\nrad Rupff (nicht Rumpf), des Kurfürsten „altem San-\ngemeister\", war er 1524 von Luther nach Wittenberg\nberufen worden, um dort im Verein mit letzterem die\ndeutsche Messe einzurichten. Zugleich schuf Walther dann\ndas erste evangelische Gesangbuch*).\nWährend Walther nun hauptsächlich der Cantorei,\ndem Gesänge in der kurfürstlichen Capelle vorstand, er-\nscheint neben ihm als Organist ein Mann, dessen Name\nbisher wohl noch nirgends genannt worden ist. Es war\n\n*) Johannes Walther inuss in den letzten Jahren des XV. Jahr-\nhunderts geboren worden sein, dann als Capellknabe das Singen,\ndie Musik am ITofe zu Torgau erlernt haben; er befindet sich schon\nalldort unter Friedrich dem Weisen. Sein eigentliches Todes-\njahr war bis jetzt unbekannt; ich vermag, es anzugeben. Gerber\nmeint, dass „man füglich 1555 dafür annehmen\" könne; Schil-\nling, Gerber's Nachschreiber, sagt frischweg, dass er „nach 1552\nstarb\". Letzteres ist in so weit richtig, als Walther freilich nach\n1552 gestorben, doch nicht im Sinne Schilling's. Sein Todesjahr ist\n1570, und starb er vor dem 24. April desselben Jahres. Unter die-\nsem Datum nämlich kommt Christoph Baumgärtner, Stifts-\nverwalter zu Altenburg, bei dem Herzog Johann Wilhelm ein\num „einen jährlichen Zins von 13 neuen Schocken und 10 Gr.\"\n(etwa 39 Gulden 10 Gr.) von dem Einkommen einer Vicarei an der\nStiftskirche zu Altenburg, „womit Johannes Walther auf Lebenszeit\nbegnadigt\" gewesen war und der nun „durch das Absterben des\nHerrn Johannes Walther seliger zu Torgau wieder anheimgefallen\".\nEin Secretär, welcher ein Gutachten über diese Eingabe abstattet,\nnennt das „Beneficium\" 39 alte Schock und 10 Gr. Ferner sagt\nderselbe, dass noch 100 Gulden für Walther rückständig wären, um\nderen Auszahlung der Sohn Walther's gewiss einkommen würde.\nDiese 100 Gulden bildeten ein Geschenk, welches der Herzog dem\nalten Walther bestimmte, als dieser ihm zu Anfange des Jahres 1570\nein „Cantional in Unterthänigkeit dedicirt\". Aus diesen Mittheilun-\ngen geht wohl auf das bestimmteste hervor, dass Walther zur selben\nZeit, also kurz vor dem 24. April des Jahres 1570, gestorben.\n*) Eine Handschrift von ihm in der herzoglich coburgischen\nBibliothek gibt über dieses Zusammenwirken interessante Auf-\nschlüsse. Im Auszuge wird sie mitgetlieilt von Gerber, N. L., Bd.\nIV, S. 505, ausführlicher durch Winterfeld: „Der evangelische\nKirchengesang\", Bd. I, S. 150. Das Gesangbuch führte den ein-\nfachen Titel: „Geistlich Gesangk-Buchlege. Autore Joanne Wal-\nthero.\" Wittenberg, 1524. G. 4to. Es enthielt 43 drei-, vier- und\nfünfstimmige Gesänge von Walther und anderen Meistern. Die zweite\nAuflage erschien 1525, die dritte 1537 zu Strassburg mit 52 mehr-\nstimmigen Gesängen; 1544 erschien das Buch zum vierten Male\nmit 100 und 1551 in fünfter Auflage mit 125 Gesängen, die beiden\nletzten Male wiederum in Wittenberg."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "26", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650128-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5250, "texte": "Hans Oyart aus Köln, in den Urkunden gewöhnlich als\n„Hans von Cölln\" aufgeführt. Er zählte zu den nieder-\nländischen Meistern, welche die Welt durchzogen, um ihre\nerlangte Kunstfertigkeit als Contrapunktisten und Sänger,\noder als Orgelspieler in irgend einer der fürstlichen Ca-\npellen, den Pflanzstätten musicalischer Kunst, zu verwer-\nthen. Nach mancherlei Fahrten, die sich wohl bis Italien,\nVenedig, allwo das Orgelspiel damals in höchster Blüthe\nstand, ausgedehnt haben mochten, war er etwa in dem\nzweiten Jahrzehend des sechszehnten Jahrhunderts und\nwohl im besten Mannesalter an den kursächsischen Hof\nnach Torgau gekommen und in die Dienste Friedrich's\ndes Weisen getreten. Hier mag er sich wohl sofort der\nneuen Lehre Luther's, der durch seinen Herrn und Kur-\nfürsten beschützten Reformation, angeschlossen haben. Die\nerste urkundliche Erwähnung Hans Oyart's datirt vom\nJahre 1526, also ein Jahr nach dem Tode Friedrich's\ndes Weisen. Des letzteren Bruder und Nachfolger in der\nKur, Johann der Beständige (1525 —1532), unter-\nzeichnete nämlich zu Weimar am Sonntag Martini 1526\ndie Bestallung „Hans Oyart's von Cölln\" als Organist „auf\nLebenslang\", wegen „angenehmen und treuen Diensten,\nso er dem Weyland Churlürst Friedrich\" und dem Obi-\ngen geleistet. Diese Bestallung sicherte dem kölnischen\nMaestro jährlich an Besoldung 32 Gulden, 2 frankfurter\nMalter Korn und „Kost und Kleidung bei Hof\" auf Le-\nbenslang. Diese Besoldung erscheint auf den ersten Blick\nzwar gering, doch war sie für damalige Verhältnisse nicht\nunbedeutend, überhaupt eine der besten, welche der kur-\nfürstliche Flofcapell-Etat zu jener Zeit aufzuweisen hatte*).\nHans Oyart diente seinem neuen Herrn mit gleicher\nTreue bis zu dessen Tode, der 1532 erfolgte. Von dem\nSohne und Nachfolger Johann's, dem später so unglück-\nlichen Johann Friedrich dem Grossmüthigen, wurde\ner in seiner Stelle mit gleicher Besoldung gelassen. Diese\nAnhänglichkeit an das kurfürstliche Haus, dessen drittem\nGliede Meister Oyart nun diente, bekundete sich in wahr-\nhaft rührender Weise bei dem Unglücke, welchem Johann\nFriedrich nach der Schlacht bei Mühlberg (24. April\n1547) erlag. Während die meisten Diener des abgesetz-\nten, gefangenen Fürsten, darunter auch Johannes Wal-\nther mit seinen Singern, der ganzen Capelle, dem neuen\nHerrn und Kurfürsten Moritz zueilten, ihm ihre Dienste\nantrugen, von diesem auch aufs beste auf- und angenom-\nmen wurden, blieb Hans Oyart von den Musikern der\nEinzige seinem unglücklichen Herrn getreu. Trotzdem\ndiese Handlungsweise ihn wohl sicherer Noth zuführen\nmusste, verschmähte der brave Mann gewiss verlockende\nAnträge von Seiten der neuen Machthaber. Wie Lucas\nKranach, der Maler und Bürgermeister Wittenbergs,\nwollte er mit seinem gefangenen Herrn lieber das Unglück\ntheilen, als von dessen Feinden Wohlthaten empfangen.\nEin Schreiben an den gefangenen Kurfürsten, datirt „Tor-\ngau, am Pfingsttage 1547,\" drückt diese Gesinnungen\naus. Darin versucht er, den Kurfürsten über sein grosses\nUnglück zu trösten, sich zugleich erbietend, ihm auch fer-\nner zti dienen. Er erhalte jetzt kein Kostgeld, keinen Lohn\nmehr. Sein Kostgeld wie Lohn sei bisher wöchentlich in\nseiner Haushaltung aufgegangen, daher er nichts im Vor-\nrath habe und Noth leiden zu müssen glaube. Er sei aber\nauch ohne das nicht gesinnet, in Herzog Moritzens Dienste\nzu treten, sondern mit Freuden bereit, bei dem Kurfürsten\nzu bleiben und ihm zu folgen, in Betrachtung der gnädi-\ngen Wohlthaten, die ihm von des Kurfürsten Vetter\n(Ohm) und Vater, so wie von dem Kurfürsten selbst wi-\nderfahren. Auf dieses Schreiben verfügte der gefangene\nKurfürst sofort von Augsburg aus, dass Hans von Cölln\nbei ihm bleiben solle. Eine darauf bezügliche Stelle eines\nBriefes an seine Söhne (Johann Friedrich den Mitt-\nleren und Jobann Wilhelm) lautet: „Johannes von\nCölln und sein Sohn, weil er unter Herzog Moritz nit\nbleiben will, haben wir sagen lassen, sich gen Weimar zu\nverfügen und sein Amt zu verwalten, wie zuvor. Derne\nwollen E. B. zu seiner Ankunft sein Besoldung und den\nSchlaftrunk und auch das Kostgeld reichen lassen, und\ndie Verordnung thun, dass er etwo möge unterbracht\nwerden. Daran geschieht uns zu Gefallen.\"\n\n*) Ueber die Verhältnisse der Capelle nach obiger Richtung\ngibt die folgende Urkunde aus dem Jahre 1524 hinlänglichen Auf-\nschluss:\n„Anschlag der Singer-Unterhaltung allenthalb auf ein gantz Jahr\nin Geld.\"\nKostgeld auf 1 Jahr.\n297 Gld. 3 Gr. Kostgeld auf 7 grosse Singer.\n173 „ 7 „ Kostgeld auf 10 Singer-Knaben.\n14 „ 8 „ denselben Knaben für Vespertrank.\n17 „ 20 „ denselben „znr Nottdurfc\".\n22 „ 6 „ den beiden Organisten Kostgeld (Oyart und\nZuckenranfft).\n19 r 7 „ dem Organisten-Knecht Kostgeld.\nKleydung auf 1 Jahr.\n168 Gld. Gr. 12 grossen Singern für die Kleidung, jedem\n14 Gld.\n96 „ „ 12 Singerknaben, jedem 8 Gld.\n2 „ „ den Knaben zu Pantoffeln.\n5 „ „ den Knaben zu Piretten (Baretten).\nSoldt der Singer auf 1 Jahr.\n32 Gld. Gr. Herr Cunrad (Rüpff).\n24 „ „ Benedikt (Zuckenranfft).\n24 „ „ Johann, Organisten (Hans Oyart).\n144 „ „ 9 grossen Singern, jedem 16 Gld.\n10 „ n zum neuen Jahr den grossen Singern.\n3 Gld. Gr. den Knaben Martini anzusingen.\nKostgeld 545 Gld. 8 Gr. Kleidung 271 Gld. Soldt 237 Gld.\nSumma der ganzen Unterhaltung der Singer 1053 Gld. 8 Gr."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "27", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650128-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5482, "texte": "Hans von Cölln zog also mit den Seinigen nach Wei-\nmar, der nunmehrigen Residenz der Söhne des seiner\nWürde als Kurfürst entsetzten Johann Friedrich. Dem\nnunmehr schon alten Meister folgten ein Weib und zwei\nSöhne; der ältere, Hans, wie der Vater, geheissen, war,\nwie dieser, Musiker und Organist, der jüngere, damals\nvielleicht 13 —l4 Jahre alt, hiess Gabriel und muss mehr\nLust zu den Wissenschaften, denn zur edlen Musica ver-\nspürt haben, wie eine Mittheilung aus seinem späteren\nLeben zeigen wird. In Weimar wurden die Verhältnisse\nder herzoglichen Diener geregelt und festgestellt, und Hans\nOyart erhielt mit einigen Veränderungen seine alte, früher\nmitgetheilte Besoldung, jetzt bestehend in 32 Gulden auf\n„lebenslang\", 8 Gulden „Dienstgeld auf Abkündigung\",\n10 Gr. Kostgeld wöchentlich, Sommer- und Winterklei-\ndung „bei Hof\"*) und 24 Scheffel Korn aus dem Amte\nTorgau, sodann noch, weil er sich nach des\nHerrn Niederlage so unterthäniglich erzeiget\" und dem\nHofe „gen Weimar gefolget\", als Zulage jährlich 4 Ton-\nnen Bier und 4 Eimer Wein als „Schlaftrunk\", 8 Gulden\nHauszins und 4 Klafter Holz. Mit dieser bunten Besol-\ndung hätten Hans Oyart und die Seinigen schon zufrieden\nsein, gewiss recht angenehm und sorgenfrei leben können,\nbesonders als bald darauf noch andere kleine Zulagen er-\nfolgten. So empfing der junge Hans von Cölln, gleich sei-\nnem Vater, 15 Ellen lundisch Tuch zur Winterkleidung\nund einige Gulden, weil er dem Vater beim „Orgelschla-\ngen\" half; ferner wurden dem alten Hans zwei „Lehr-\nburschen\" zugewiesen, wofür er 15 Gulden und ein Mal-\nter Korn erhalten sollte. Doch hatte die ganze Besoldungs-\nAngelegenheit eine recht trübe Schattenseite, die darin\nbestand, dass sie sich wohl Schwarz auf Weiss in Hansens\nHänden befand, doch in Wirklichkeit nicht in seinen Be-\nsitz gelangte. Schon zu Anfang des Jahres 1549 bittet\nder alte Meister den gefangenen Kurfürsten, seinem Sohne,\ndem Herzoge Friedrich dem Mittleren, zu befehlen, ihm\nvon den „restirenden 40 Gulden nur 20 Gulden\" reichen\nzu lassen, auf dass er als „alter, schwacher Mann\" im\nWinter mit den Seinigen nicht Noth zu leiden brauche.\nObgleich der gefangene Fürst den besten Willen ge-\nhabt haben mag, den Klagen des alten, treuen Musikers\ngerecht zu werden, gewiss auch darauf bezügliche Befehle\nseinen Söhnen nach Weimar zukommen Hess, so scheinen\ndoch weder die 40 restirenden, noch die 20 geforderten\nGulden gezahlt worden zu sein. Im selben Jahre 1549\nwendet sich Hans von Cölln noch einmal an seinen Für-\nsten um besagte 40 Gulden, doch legt er jetzt seinen\nBitten noch Anderes zu Grunde. Schlechter und theurer\nHerberge halber er muss 12 Gulden zahlen pro Jahr\nmöchte er sich gern ein Häuslein kaufen, und da man\nihm aus besonderer Freundschaft ein solches in Weimar\nlür 90 Gulden ablassen will, so bittet er unterthänigst\num die 40 rückständigen Gulden und um einen Vorschuss\nvon 20 —3O Gulden. Sein Gesuch unterstützt er noch\nmit den Worten: „damit ich armer alter Mann eine ge-\nwisse Herberg haben möge\". Der alte, fahrende Musiker\nsehnte sich nach einer festen Heimat für sich und die\nSeinigen! Ob der Fürst diesem rührenden Gesuche des\narmen Meisters willfahrt oder nicht, vermag ich nicht an-\nzugeben, wohl aber, dass der alte Hans von Cölln bald\ndarauf eine endliche und bessere Heimat gefunden. Im\nfolgenden Jahre 1550 schied er aus dem Leben, das er\nmit gleicher Treue seinem Herrn und seiner Kunst ge-\nweiht, wohl wie mancher seiner Collegen die enttäuschende\nGewissheit mit in sein Grab nehmend, dass die edle Frau\nMusica dem gereiften Manne wohl nur zum kleinsten\nTheile gehalten, was sie dem für sie begeisterten Jüng-\nlinge versprochen.\nNoch einige Worte über die beiden Söhne des alten\nverschollenen, kölnischen Meisters.\nDas Loos des Vaters mag dem „jungen Hans von\nCölln\", der mit den Jahren auch ein tüchtiger Organist\ngeworden, wohl nicht allzu verführerisch erschienen sein,\ndenn als der herzogliche Hofmarschall-Rath Wolff Gold-\nacker ihn gegen übliche Besoldung in Pflicht auf lebens-\nlang nehmen wollte, sträubte er sich wohl ein Weniges,\nmusste aber endlich, durch harte Notwendigkeit gezwun-\ngen, nachgeben und das Amt des Vaters übernehmen und\nantreten. Der Gedanke an seine alte Mutter, die er zu er-\nnähren hatte, mag zu dem Entschlüsse wohl auch mit bei-\ngetragen haben. Er erlebte als herzoglicher Organist die\nRückkehr Johann Friedrich's aus der Gefangenschaft und\ndessen Einzug in Weimar 1552. Hätte der „alte Hans\nvon Cölln\" zu dieser Zeit noch gelebt, er wäre werth ge-\nwesen, gleich Lucas Kranach in der Kutsche und an der\nSeite des Herrn in Weimar einzuziehen. Die bewiesene\nTreue des Musikers hielt der des Malers vollständig das\nGleichgewicht! Der junge Hans erlebte indessen noch\nmehr. 1562 bekam er zu seiner Organistenstelle noch die\neines—„Gewand-Austheilers\", wogegen der zeitweilige\nGewandschreiber und zunftmässige Schneider Lucas Ott\nsich gar gewaltig, doch ohne Erfolg sträubte. Vier Jahre\nspäter, 1566, bekam er sogar seinen Abschied, nachdem\n\n*) Zu einer solchen Kleidung wurden pro Mann gerechnet und\nverabreicht: 15 Ellen lundisch (londoner) Tuch, 15 Ellen Barchent,\nElle Futtertuch und 3 Ellen Leinwand. Form und Farbe der\nKleidung wechselte. So trugen die Capellisten einmal graue Hosen\nund Strümpfe und braune Jacken, geschlitzt, dann wieder glatte\nschwarze Jacken und gelbe Hosen und Strümpfe, dazu hoher, run-\nder Hut mit ganz schmaler Krempe, kleiner schwarzer Feder und\nNackenschirm von gleicher Farbe, das Haar bedeckend.\nn"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "28", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650128-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1405, "texte": "er seinen Herrn, Herzog Johann Friedrich den Mittlern,\nder über ihn ausgesprochenen Acht hatte erliegen sehen.\nEr schüttelte den Staub von seinen Füssen und verliess\nWeimar: sein Mütterchen war unterdessen wohl auch\ngestorben und zu ihrem alten Hans heimgegangen, was\nihm den Abschied wohl leichter gemacht haben mag.\nWohin er sich gewandt, was aus ihm geworden, vermag\nich nicht anzugeben.\nDer jüngere Sohn des kölnischen Meisters, Gabriel,\nbezog die neu gestiftete Universität Jena. Von dort aus\nbewarben sich 1555 die beiden bekannten Theologen\nVictorinus Strigel und Johannes Stigel beim Her-\nzoge um ein Stipendium lür den Sohn des Musikers, weil\ner „Talent habe und dem Lande nützlich sein könne\".\nOb Gabriel Oyart gehalten, was jene beiden Gelehrten\nvorausgesetzt, vermag ich eben so wenig zu sagen, als\nirgend etwas, über das fernere Schicksal seines musicali-\no\nsehen Bruders. Der Leser und Forscher muss sich eben\nmit der kleinen Ausbeute aus dem staubigen Schacht des\n„gemeinschaftlichen Archivs zu Weimar\" begnügen, die,\nwenn auch nicht von grosser Bedeutung, doch immerhin\neinen alten verschollenen, kölnischen Meister und wacke-\nren Mann sammt seinen Söhnen wieder in etwa ins Da-\nsein zurückzurufen und in die grosse, bunte Reihe seiner\nmehr oder minder berühmten Collegen und Zeitgenossen\nzu stellen vermochte.\nMöse der arme Hans von Cölln nicht aufs Neue\nO\nder Vergessenheit anheimfallen!"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1865-01-28-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1865-01-28_01#c003", "volume": "bmtnabi_1865-01-28_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "28", "page_fin": "31", "image_debut": 4, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650128-01.2.3", "titre_corps": "Pariser Briefe.", "titre_sommaire": "Pariser Briefe.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "28", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650128-01.1.4", "debut_caractere": 1407, "fin_caractere_exclue": 5007, "texte": "Pariser Briefe.\nI.\n(Die kaiserliche Regierang und die Tonkunst Die Operntheater\nDie Africanerin Adelina Patti Madame Gennetier\nLe Capitaine Henriot von Gevaert Violetta = Nilsson).\nEin Rückblick auf das vorige Jahr und namentlich\nauf die letzten Monate desselben muss zwar anerkennen,\ndass die Staats-Regierun<{ es an Gesetzen und Verfügun-\ngen zum Vortheile der Tonkunst nicht fehlen lässt; allein\nder gute Wille von oben allein ist für den Boden der\nKunst nicht befruchtend, mit dem Organisiren und Decre-\ntiren ruft man keine Talente hervor. Dennoch verdient es\nDank, dass der Boden gesäubert und von den Hindernis-\nsen befreit wird, welche veraltete Vorrechte dem Keimen\nund Treiben junger, zeugender Kraft entgegen stellten.\nAusser dem Gesetze über die Freiheit der Theater\nist in dieser Beziehung aus dem vorigen Jahre auch das\nDecret vom 4. Mai, welches die Preisbewerbungen junger\nComponisten betrilft, als ein Fortschritt zu betrachten; die\nwichtigsten Artikel desselben sind, dass das so genannte\nrömische Stipendium nicht mehr von dem ganzen Senate\nder Akademie der schönen Künste, sondern von einer\nJury von neun Notabilitäten aus deren Mitte zuerkannt\nwird, und dass es dem TheCitre lyrique zugleich mit der\nBewilligung einer Subvention zur Pflicht gemacht worden\nist, jedes Jahr einen Concurs zwischen den Stipendiaten\nvon Rom durch die Composition einer Oper in drei Acten\nzu veranstalten, zu welcher die Direction das Textbuch\nliefern muss. Dieser Concurs hat im vorigen Jahre zum\nersten Male Statt gefunden: unter fünf Bewerbern hat ein\nHerr Barthe den Sieg davon getragen; seine Composition\ndes Textes „Die Braut von Abydos\" wird zur Auffüh-\nrung kommen. Es ist zu bemerken, dass die fünf Bewer-\nber selbst die Mitglieder der Jury wählen; es waren unter\ndiesen Auber, Gounod, David, Reber, Masse u. s. w.\nBarthe, der älteste unter den Bewerbern, hatte schon im\nJahre 1854 den römischen Preis erhalten.\nIm vergangenen October wurde die Cantate eines\njungen Musikers, eines Deutschen, Namens Sieg, gekrönt.\nEr hatte mit den jungen Malern, Architekten u. s. w.,\nwelche ebenfalls Preise erlangt, die hohe Ehre, vom Kai-\nser zur Tafel nach St. Cloud geladen zu werden. Nach\nder Tafel überreichte die Kaiserin den Künstlern die pho-\ntographirten Portraits beider Majestäten, unter welche der\nKaiser eigenhändig seinen Namen geschrieben hatte. Die\nAufführung der Cantate von Sieg fand im November im\nOpernhause (auch nach einer neuen Verfügung) Statt; die\nganze Akademie der schönen Künste war zugegen, und\nin der grossen Holloge neben der kaiserlichen sah man\nden Minister des kaiserlichen Hauses, Vaillant, die Grafen\nBacciocchi und Nieuwerkerke, General-Intendanten der\nTheater und der Museen u. s. w. In der That, man kann\nnicht mehr thun, um die Kunst zu ehren, als die gegen-\nwärtige Regierung von Frankreich im Gegensalze gegen\nso manche deutsche Höfe thut.\nDie grosse Öper hat ausser Mermet's\nä Roncevaux\" nichts gebracht, was Leben verspräche,\njedoch trotzdem theils durch den Erfolg dieser Oper,\ntheils durch glänzend ausgestattete Wiederholungen, un-\nter denen namentlich Rossini's „Moses\" prangte, sehr\ngute Geschäfte gemacht. Meyerbeer's „Africanerin\"\nnimmt unter Fetis' Oberleitung gegenwärtig die Studien\nder Betheiligten in Anspruch. Die Besetzung ist folgende:\nVasco de Gama (Tenor): Naudin. Don Pedro, Gross-Ad-\nmirai (Bass): Belval. Nelasko (Bariton): Faure. Der\nGross-Inquisitor (Bass): Aubin. Don Alvar (Tenor): Wa-\nrot. Selica, Königin von Madagascar: Mademoiselle\nMarie Sax. Ines: Mademoiselle Battu. Der Ort der\nHandlung ist zuerst Lissabon, und zwar im ersten Acte"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "29", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650128-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5295, "texte": "der Palast des Staatsrathes, im zweiten der Kerker, in\nwelchem Vasco de Gama gefangen sitzt. Der dritte Act\nspielt auf offener See auf einem Schiffe, die beiden letzten\nActe in Alrica. Weiter in den Inhalt zu dringen, ist bis\njetzt nicht vergönnt.\nDie Italiäner haben nichts Neues gebracht wo\nsollte es auch herkommen? und zum Ersätze Altes, zum\nTheil Gutes, zum Theil sehr Mittelmässiges, wieder her-\nvorgeholt. Zu ersterem kann man „Don Pasquale\" zäh-\nlen, zu letzterem „Roberto Devereux\" (Elisabeth und Graf\nEssex) von Donizetti, eines der schwächsten Producte (aus\ndem Jahre 1837) des begabten Componisten. Was aber\nbei ihnen immer neu bleibt, ist Adelina Patti, die fast\njeder Rolle, die sie übernimmt, wie z. B. der Norina in\nDon Pasquale, den Stempel eigentümlicher, auf Instinct\nberuhender Auffassung und reizender Ausführung auf-\ndrückt. Dagegen fiel in derselben Oper der sonst ge-\nschätzte Tenor Baragli gänzlich durch; zwar liessen die\nMusiker seiner ausgezeichneten Technik in der Vocalisation\nGerechtigkeit widerfahren, aber die Klanglosigkeit seiner\nStimme binderte ihn so sehr, seine Kunst geltend zu ma-\nchen, dass bei dem Ständchen wiederholte Chwt! Chut!\nim Publicum laut wurden. Späterhin, als nun gar Fras-\nchini mit seiner Prachtstimme und seinem grossen Stile\nwieder erschien, war er ganz unmöglich. Dieser immer\nnoch gewaltig imponirende Sänger trat als Manrico im\n„Trovatore\" auf, und die Aufführung dieser Oper mit\nMadame C h ar to n - D em eur als Leonore und Madame\nDe m e ri c-L a bI ache als Azucena war überhaupt eine\nder gelungensten der ganzen Saison.\nAber bei diesem Leisten sollten die Italiäner auch\nbleiben und endlich einmal der Mode entsagen, den „Don\nJuan\" jedes Jahr auf ihr Repertoire zu setzen und so das\ngrösste Meisterwerk Mozart's einer conventioneilen Fetisch-\nAnbetung zum Opfer zu bringen. Von der Ungeschickt-\nheit und Nachlässigkeit, womit auch diesen Winter diese\nOper wieder gegeben wurde, kann man sich in Deutsch-\nland gar keine Vorstellung machen, da selbst die unbe-\ndeutenderen Provincialbühnen bei Euch mehr Respect\nund Pietät vor Mozart zeigen, als hier die mit Tausenden\nbezahlten Sänger der kaiserlichen Residenz. Würde man\nes z. B. am kleinsten deutschen Orte ertragen haben, dass\ndas berühmte Masken-Terzett nur als Duett gesungen\nwürde? Und das war hier wirklich so, denn Elvira war\ngleich Null, und auch Ottavio (Baragli) konnte neben\nDonna Anna (Madame La Grange) nicht aufkommen. Letz-\ntere mag immerhin noch eine grosse Sängerin sein, aber\nihre Mittel reichen zu einer Donna Anna nicht mehr aus;\nan der Demoiselle van der Beck (Elvira) war neben Ju-\ngend und schöner Erscheinung die Dreistigkeit zu bewun-\ndem, eine solche Partie zu übernehmen! Adelina Patti\n(Zerline) wurde zwar gewaltig applaudirt und musste ein\npaar Sachen da caposingen: sie hat nun einmal die Vogue\nlür sich und verdient sie auch in italiänischen Opern: ob\naber an jenem Abende das wirkliche Publicum, das sich\nim Ganzen sehr ruhig und kalt verhielt, oder eine Claque\ndoch halt! die Wörter Claqueurs und Romains sind\nabgethan; die Leute heissen jetzt\nihr die Ovationen brachte, ist schwer zu entscheiden,\nda das Publicum der italiänischen Oper überhaupt nicht\nim Stande ist, für die Musik als solche sich zu begeistern,\nsondern nur den Sänger beklatscht. Für jeden wahren Ver-\nehrer Mozart's aber war ihre Leistung eine Entstellung\nder Zerline in Spiel und Gesang; denn zur Darstellung\nder Zerline reicht ihr Instinct nicht hin, und an Intelligenz\nzum Studium des Charakters einer Rolle fehlt es ihr durch-\naus; musicalisch betrachtet aber sang sie Mozart gerade\nso wie Bellini oder Donizetti. Nimm dazu, dass Delle Sedie\nsich vergeblich quält, ein Don Giovanni zu scheinen, dass\nselbst Scalese, der unvergleichliche Buffo im Barbier, ein\nsteifer, ungelenker Leporello ist, so wirst du ein Bild von\neiner Don-Juan-Vorstellung in Paris haben.\nDie komische Oper hatte im Anfange des vorigen\nJahres mit Scribe's letztem Libretto:\nde Garbe,mit Auber's Musik eine Zeitlang rocht artige\nEinnahmen erzielt. Späterhin brachte sie „Lara\" von\nAime Maillart*), daneben die Wiederaufnahme von\nllalevy's „Blitz\" und Ambroise Thomas' „Sommernachts-\ntraum\". In letzterem debutirte Madame Gennetier in\nder Bolle der Elisabeth mit grossem Beilalle, den sie sich\nauch später zu erhalten gewusst hat. Sie kam vom Thea-\nter zu Toulouse, wo sie eines Abends den Theater-Direc-\ntor, der Meyerbeer's „Robert\" angekündigt hatte, aus der\nVerlegenheit riss, indem sie zu der Rolle der Prinzessin\nauf der Stelle auch die Partie der Alice, deren Darstel-\nlerin krank geworden, übernahm ein Kraftstück, das\nauch in Deutschland schon vorgekommen ist. Ihre Haupt-\nstärke besteht in der Correctheit und Zierlichkeit der Co-\nloratur, wobei ihre Stimme in der mittleren und tieferen\nRegion sich durch eine wohllautendere Klangfülle aus-\nzeichnet, als man sie sonst bei den französischen Vocali-\nsations-Künstlerinnen findet. Vor Jahresschluss hat dann\nnoch die komische Oper eine Neuigkeit gebracht:\ntaine Henriot,in drei Acten, Text von Victorien Sar-\ndou und Gustav Vaez, Musik von Gevaert. Die erste\nVorstellung fand noch am 29. December v. J. Statt.\nDer Capitain Henriot in diesem Stücke ist kein An-\nderer als Heinrich IV., der grosse König von Frank-\n\n*) Vgl. Jahrgang 1864, Nr. 15."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "30", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650128-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4829, "texte": "reich; daher die auffallende Protection aller Legitimisten\nfür das Stück, das ein hübsches, verwickelt intriguirtes\nLustspiel mit ineist interessanter Musik ist. Das National-\nBewusstsein für den tapleren, guten und lebenslustigen\nKönig ist aber dermaassen bei den heutigen Parisern un-\ntergegangen, dass bei den häufigen: Vive aul dem\nTheater nur der erste Hang applaudirt, dessen Logen der\nalte Adel des Faubourg St. Germain inne hat, das Par-\nterre aber sich verwundert umsieht und fragt, was der\nLärm da oben denn eigentlich bedeuten solle ? Kennt doch\ndas pariser Volk der jetzigen Generation selbst das köst-\nliche Volkslied nicht mehr:\nVive Henri quatre\nVive ce roi vaitt\nCe diable ä quatr\nA le triple talent\nEt de boire et\nEt d'etre un vert galant!\ndessen M-elodie mir aus den Erzählungen über Deinen\nAufenthalt in Paris im Jahre 1814 noch eben so fest im\nGedächtnisse sitzt, wie die andere auf Napoleon, die da-\nmals auch in Paris neben jener auf den Strassen gesun-\ngen wurde:\nII etait un p'tit\nQui s'appellait le grand\nEnpartant:\nMais vous alles\nII revenait petit\nA Paris\nGai, gai, mes\nChantons le renom\nDu grand Napole\nSo ändern sich die Zeilen! Beide Volkslieder sind ver-\nschwunden, und wenn ich einigen Freunden Glauben\nschenken soll, wozu ich allen Grund habe, so sind sogar\nin den letzten Aufführungen des „Capitain Henriot\" die\nhäufigen: Vive le Roi!beschränkt worden. Man hatte die\n„Freiheit der Theater\" missverstanden!\nHeinrich IV. spielt die Hauptrolle in der neuen Oper,\naber den Inhalt derselben zu erzählen, ist fast unmöglich,\nda eine Menge Details die Haupthandlung durchschlingen\nund diese an und für sich schon verwickelt genug ist. Das\nBuch hat ursprünglich der verstorbene Vaez, ein Belgier,\nwie Gevaert, und ein talentvoller Librettist, verfasst. Sar-\ndou hat es vollendet und noeh allerlei in die Handlung\nund in den Dialog hineingebracht, und da Sardou jetzt\nein Name ist, so stellt ihn der Zettel des Stückes oben an.\nScene und Zeit der Handlung fallen in die letzte Belage-\nrung von Paris durch die Boyalisten, und ein Waffenstill-\nstand ermöglicht den Verkehr zwischen der Stadt und dem\nLager, woraus denn durch die verkappten pariser Besu-\ncher des Lagers und den ebenfalls incognito in Paris mit\neinigen von seinen Walfengenossen abenteuernden Hein-\nrich die Verwicklungen entstehen, in die eine Liebesge-\nschichte des royalistischen Bitters Ben(i de Mauleon mit\nBlanche d'Etianges, die unter dem Einflüsse der Liguisten\nund Spanier in Paris steht, eingellochten ist. Das alles ist\nsehr geschickt gemacht und wird die Oper halten, da es\nals Lustspiel spannend und ergötzlich ist. Welch ein Un-\nterschied zwischen den Textbüchern dieser Gattung bei\nFranzosen und Deutschen!\nGevaert's Musik ist, was sie früher war; einen wirk-\nlichen Fortschritt bekundet die neue Partitur nicht, da die\ngeschickte Behandlung der Formen und die auf gründli-\nchem Wissen beruhende Beherrschung der musicalischen\nMittel Eigenschaften sind, welche Gevaert durch seine bis-\nherigen Compositionen bereits bewährt hat. Diesen Eigen-\nschaften hatten „Georgette\",\n„Les Lavandieres de Santarem\", dann zuletzt „Quentin\nDurward\" und „Le Chäteau Trompette\" freundliche Auf-\nnahme und zeitweisen Erfolg zu danken, und so ist die\nerslere denn auch seinem Capitaine Henriot zu Theil ge-\nworden, und der letztere wird ihm auch nicht fehlen. Und\nmeiner Meinung nach wird dadurch auch ein wirkliches\nVerdienst belohnt, denn die Factur eines tüchtigen Musi-\nkers ist mir doch immer lieber, als eine Beihe von trivial\nmelodiösen Tanz-Bhythmen, die keinen anderen Zweck\nhaben, als die Menge zu amusiren. Geniale Erfindung\nspricht man freilich dem belgischen Componisten ab; wenn\nich aber nur wüsste, welchem französischen unter den\nZeitgenossen ich sie zusprechen sollte! Hiesige Blätter\nwollen in manchen Nummern des „Henriot\" Anklänge an\nMermet's Musik im „Roland ä Roncevauxu finden; es\nscheint mir damit eben so zu gehen, wie es in Deutsch-\nland in vielen Zeitschriften, die mir zu Gesicht gekommen,\nmit Wagner geht: wo man in einer neuen Composition\nauf reiche Instrumentation und hübsche Orchester-Effecte\nstösst, da wittern die kritischen Spürnasen, besonders in\nden Feuilletons, sogleich die Wagner'sche Fährte! So ru-\nfen auch hier schon bei der Ouvertüre, die marschartig\nund im kriegerischen Charakter gehalten ist, die Bemi-\nniscenzen-Jäger ihr „Hailoh! Boland!\" Dann wieder bei\ndem Siegeschor im dritten Acte. Mit mehr Becht kann\nman dem Componisten in dem dramatischen Liebes-Duette\nzwischen Benö und Blanche im zweiten Acte Anklänge an\nMeyerbeer's herrlichste Nummer in den Hugenotten vor-\nwerfen ; allein es ist auch hier mehr die Aehnlichkeit der\nSituation, als der Einzelheiten der Musik, was zum Ver-\ngleiche aulfordert. Die Partitur enthält drei oder vier\nChöre, welche alle durch Bhythmus und Klang und reine"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "31", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650128-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2149, "texte": "Harmonie, zwei davon auch durch frische Melodie (Trink-\nlied der Royalisten und Jägerchor) recht ansprechen.\nIch glaube, die Oper Gevaert's würde, auf die deut-\nsche Bühne versetzt, gefallen. Aber freilich erfordert sie\nvon den Sängern die Gewandtheit von Schauspielern im\nLust- und Intriguenspiel.\nWenden wir uns zum Th das bei seiner\nGründung vorzugsweise die Hoffnung der jungen Compo-\nnisten war, das auch jetzt wieder, wie ich schon erwähnt\nhabe, die Verpflichtung erhalten hat, alljährlich eine Preis-\nOper aufzuführen,sohates jene Hoffnung keineswegs erfüllt.\nWenn es in den ersten Jahren seiner Existenz Werke von\nMozart und Weber in Scene setzte, so war dies neben\nden ersten Aulführungen französischer Compositionen\ngewiss ein lobenswerlher Weg zur Verbreitung des Ge-\nschmacks an guter dramatischer Musik. Was bat es aber\njetzt gelhan? Nachdem Gounod's „Mireille\", langweilig\nerschienen, zurückgelegt und nachher, obwohl bedeutend\nverkürzt, doch nicht zum Cassenslück werden wollte\nein Cassenstück brauchte aber die Direction —, so liess\nsie italiänische Opern übersetzen und brachte Verdi's\n„Rigoleüo\", Donizetti's „Don Pasquale\" und zuletzt\nsogar Verdi's „Traviata\" unter dem Titel „Violetta\"\nauf ihre Bühne, wahrscheinlich, um ihr Publicum zu dem\nfeinen Geschmacke der blasirten der\nVentadour empor zu heben! So wurde denn Alexander\nDumas (des Sohnes) Dame au für Verdi italiä-\nniscb zurecht gemacht und nun wieder aus dem Italiäni-\nschen ins Französische zurück übersetzt, und den Parisern\neine Neuigkeit geboten, welche sie schon seit acht Jahren\nbei den Italiänern alljährlich und ohne Frage weit besser\ngehört hatten, wenn auch eine junge Schwedin von 19\nJahren, Demoiselle Nilsson, welche als Violetta debu-\ntirte, in Erscheinung, Stimme, Gesangfertigkeit und Spiel\nein seltener Gewinn für das Theätre lyrique ist. Mit dem\nEngagement dieser Dame hat Herr Carvalho einen kühnen\nGrilT gelhan; es ist den Parisern etwas ganz Neues, dass\neine junge Sängerin bei ihnen zuerst auftritt; in der Re-\ngel bekommen sie ihre besten Sängerinnen, besonders im\nColoraturfache, erst dann zu hören, wenn ihre Stimmen\nbereits halb abgesungen sind."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1865-01-28-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1865-01-28_01#c004", "volume": "bmtnabi_1865-01-28_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "31", "page_fin": "32", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650128-01.2.4", "titre_corps": "G. F. Händel’s „Josua“.", "titre_sommaire": "G. F. 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Ja-\nnuar zum zweiten Male ein Oratorium in diesem Winter; das erste;\nHiller's „Zerstörung von Jerusalem\", hatte die Concertzeit eröffnet,\nund ein drittes, wahrscheinlich eine Bach'sche Passion, wird sie be-\nschliessen, mithin der bisherige Gebrauch, die hiesigen musiealiseben\nKräfte im Laufe des Abonnements zu drei Aufführungen eines gros-\nsen Ganzen aus der reichen Literatur der deutschen Tonkunst zu\nvereinigen, fortbestehen, wie er eines Instituts, dein vorzugsweise\ndie Pflege classischer Musik obliegt, würdig ist.\nHandel s „Josuau, der dieses Mal gewählt worden, kam zu\nrecht befriedigenden, in vieler Hinsicht glänzenden Auffüh-\nrung: wenngleich der Chor nicht so zahlreich wie sonst sich einge\nfunden hatte, was uns gerade bei solch einem Werke unbegreiflich\nist, so sang doch alles, was da war, mit regem Eifer, kräftigem\nKlange, präcisem und feurigem Vortrage, und die Orgel, welche\nHerr Musik-Director W eber nach seiner eigenen geschickten Be-\narbeitung einer Orgelstimme für dieses Oratorium spielte, griff so\nschön und oft wunderbar mächtig in den Chor ein, während im Or-\nchester die Instrumental-Ergänzungen von J. Rietz benutzt wur-\nden, dass eine grossartige Wirkung nicht ausbleiben konnte, die\ndann auch das Publicum oft zu lebhaftem Beifalle anregte.\nZu dem guten Eindrucke der Aufführung trugen die Vorträge\nder Sologesänge durch die Damen Julie Rothenberger und\nFrancisca Schreck, die Herren Rudolf Otto (Tenor) aus Ber-\nlin und Karl Hill (Bass) aus Frankfurt so wesentlich bei, wie es\ndiese in der Künstlerwelt klangvollen Namen erwarten liessen. Alle\nerhielten wiederholt lebhafte Beifallsbezeigungen vom Publicum,\nund Herrn Otto gewähren wir gern die Anerkennung, dass er, ob-\nwohl zu einer mächtigen Durchführung der Riesen-Partie des Josua\nvon der Natur nicht begünstigt, sich um so mehr durch gebildeten\nVortrag als einen sehr guten Sänger bewährte.\nDie XVII. Lieferung der Ausgabe der deutschen liän-\ndel-Gesellschaft enthält den „Josua\" *), den Händel im Jahre\n1747 binnen vier Wochen (vom 19. Juli bis 19. August) compo-\nnirte. Die erste Aufführung desselben fand zu London im Covent-\ngardcn-Theater den 9* März 1748 Statt, und das Werk wurdn in\nderselben Saison noch drei Mal wiederholt. Die neue, von Cbry-\nsander besorgte Ausgabe unterscheidet sich von den früheren 1)\ndurch die Aufnahme eines etwas längeren und anderen nach\nChrysander's Meinung „schöneren\" Mitteltlieiles der Arie: „Horch,\ns ist der Vögel Morgenschlag\", so dass diese Arie jetzt in der Ge-\nstalt erscheint, die Händel ihr „nachträglich\" gegeben ; 2) durch die\nAufnahme eines Instrumentalsatzes: „kriegerische Musik\", vor dem\nRecitativ Josua's: „Du strahlend Licht, hemme deinen Lauf!\" Die\ngedruckten Partituren haben an dieser Stelle nur die Bemerkung:\nFlourish of ivarlike Instruments, d. i. „Tusch von kriegerischen In-\nstrumenten\", wie er auch vor dem Recitativ Othniel's, das den\nSchluss-Chor des ersten Theiles einleitet, vorgeschrieben ist. Das\nTextbuch der ersten Aufführung so berichtet Schö Icher S. 310\nund ein anderes, gedruckt Oxford, 1756, haben aber an dieser\nStelle die Note: Warlike sympliony („kriegerische Sinfonie\"), und\nin der Abschrift in Smith's Sammlung der Häuderscben Oratorien,\nderen sich Händel bei den Aufführungen bediente, steht der Bass\neiner solchen Kriegsmusik, deren vollständige Partitur Lacy in der\nOper Händel's: „Ricardo primou, die er bereits vor einundzwanzig\nJahren geschrieben, auffand. Sie macht sich an dieser Stelle recht\ngut, wie die Aufführung hier in Köln zeigte. Zugleich liefert sie\neinen neuen Beweis, wie Händel nicht selten Stücke aus früheren\nWerken wieder benutzte. Bekanntlich hat er den prächtigen Sieges-\n\n*) Vgl. die Anzeige von Ed. Klüger in Nr. 51 des vorigen\nJahrgangs."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "32", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650128-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 327, "texte": "Chor: „/See, the conquering hero comesu, auch zwei Mal, im „Josua\"\nund im „Judas Maccabäus\", angebracht; er bat ihn ursprüng-\nlich für den rJosua\" geschrieben, obwohl der „Judas Maccabäus\"\nein Jahr früher componirt und aufgeführt worden ist; Händel hat\naber erst bei späteren Wiederholungen desselben jenen Chor ein-\ngeschoben."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1865-01-28-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1865-01-28_01#c005", "volume": "bmtnabi_1865-01-28_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "32", "page_fin": "32", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650128-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "32", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650128-01.1.8", "debut_caractere": 329, "fin_caractere_exclue": 2799, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nDarmstailt, 9. Januar. Gestern ging bei ausverkauftem\nHause (!) Verdi's Oper „Violetta, die Dame mit den Camellien\" (La\nTraviata) mit Erfolg über unsere Hofbühne. Namentlich brillirte\nFräulein Molnar, welche die Titelrolle gab, ganz besonders\ndurch den vortrefflichen Vortrag der schwierigen Schluss-Arie des\nersten Actes, welche sie mit einer solchen eminenten Kehlfertigkeit\nsang, dass sie neben Hervorruf mit einem wahren Beifallsstürme\nüberschüttet wurde.\nHamburg, 23. Januar. Am 18. d. Mts. wurde die Oper\n„Lorelei\" von Em. Gei bei, Musik von Max Bruch, zum ersten\nMale mit grossem Beifalle gegeben, der sich in den Wiederholungen\nam Freitag und gestern am Sonntag noch steigerte. Die hiesige\nKritik spricht sich ebenfalls sehr lobend über den edlen Charakter\nder Musik aus; so sagt z. B. Robert Heller in den „Hamb. Nach-\nrichten\": „Derselbe Schwung der Erfindungskraft bleibt jedem Theile\ndes Werkes treu, und aus jedem spricht neben einem schönen Sinne\nein künstlerisch gewissenhafter Ausdruck. Das zur ersten Aufführung\nzahlreich versammelte Auditorium folgte dem Flusse der Oper mit\ntheilnehmender Aufmerksamkeit und zeichnete die wenigen Ab-\nschnitte, welche sich das Werk zum Vortheile einer augenblicklichen\nBeifallsäusserung gestattet, mit Applaus und Hervorrufungen der\nHauptdarsteller, zuletzt des Componisten und des Herrn Mühldorfer,\naus. Die anstrengenden Partieen der Lorelei und des Pfalzgrafen\nOtto wurden von Fräulein Spohr, welche die dankbarste Rolle,\nund von Herrn Brunner, der die seiner Stimmlage nach schwie-\nrigste Aufgabe .zu lösen hat, mit einer Sicherheit und Ausdauer\nnicht nur, sondern auch mit einer so seelenvollen Wärme gesungen\nund gespielt, dass wir diesen Leistungen das grösste Lob zu erthei-\nlen haben. Die Oper begünstigt ihre Titelfigur, wie in der Handlung\nund Musik, so auch in der persönlichen Erscheinung. Fräulein Spohr\nist für die Lorelei mag sie wie Anfangs als die Mädchenrose des\nRheines oder zuletzt als thronende Fee des Stromes gelten eine\ndem idealen Bilde so glücklich entsprechende Verkörperung, dass\nihre Apotheose zum Schlüsse einen magisch bezaubernden Eindruck\nausübt. Vorher sass sie mit der goldenen Harfe gleich einer Por-\ntraitgestalt des berühmten düsseldorfer Gemäldes auf dem Riffe am\nStrome, und dann verlieh ihr der Lichtwechsel unter dem Wasser\neine wahrhafte Verklärung. Die Decorationen sind nicht nur präch-\ntig, sondern auch naturtreu und von gutem Geschmacke."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "25", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650128-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nHans Oyart von Köln. .Nach Urkunden mitgetheilt von Ernst Pasquö. Pariser Briefe. I. (Die kaiserliche\nRegierung und die Tonkunst Die Operntheater Die Africanerin Adelina Patti Madame Gennetier\nvon Gevaert Violetta = Nilsson.) G. F. Händel'» „Josua\". Aufgeführt im sechsten Gürzenich-Concerte in Köln. Tages- und\nUnterhaltungshlatt (Darmstadt, Verdi's „Violetta\" Hamburg, Aufführung der „Lorelei\" von Max Bruch).\n\nHans Oyart von Köln.\nNach Urkunden mitgetheilt von Ernst Pasqué.\nNeuere Forschungen haben manches Interessante zu\nTage gefördert auf dem Gebiete alt-kölnischer Kunst-\ngeschichte. Recht ergiebig scheinen die Quellen geflossen\nzu sein über die Vertreter der Maler- wie der Baukunst,\nspärlicher jedoch über die der Musik. Und doch muss die\nVaterstadt Franko's, des Schöpfers des musicalischen\nZeitmaasses, gar manche Musiker der Welt geschenkt ha-\nben, besonders zur Zeit, als die Niederländer als Haupt-\nvertreter musicalischer Kunst nach allen Richtungen hin\nauszogen, um zu lehren, vorzuführen, was scharfsinnige\nGeister der Ihrigen, was sie selbst auf dem Felde der\nMusik erdacht und geschaffen. Ueber einen solchen alten\nkölnischen Musiker aus der Epoche, welche die Musik-\ngeschichte als die der „Niederländer\" bezeichnet, sollen\ndie folgenden Zeilen—Urkunden des „gemeinschaftlichen\nArchivs\" zu Weimar entnommen—einige Aufschlüsse ge-\nben. Ist es auch wenig, was sie über ihn bringen, so wird\ndies Wenige doch immer hinreichen, einen vollständig ver-\nschollenen kölnischen Meister der Jetztzeit wieder vorzu-\nführen, zu beweisen, dass er gelebt und wacker gewirkt\nin seiner Kunst, dass er ferner in jeder Hinsicht ein wür-\ndiger Sohn seiner Vaterstadt Köln gewesen.\nAm kursächsischen Hofe zu Torgau stand zu Anfange\ndes sechszehnten Jahrhunderts die Musik in schönster\nBlüthe. Bekannt ist der daselbst als Sänger und Meister\nder Capelle wirkende Johannes Walther*) noch da*\ndurch, dass er an der Entwicklung des evangelischen Kir-\nchengesanges den thätigsten Antheil genommen. Mit Con-\nrad Rupff (nicht Rumpf), des Kurfürsten „altem San-\ngemeister\", war er 1524 von Luther nach Wittenberg\nberufen worden, um dort im Verein mit letzterem die\ndeutsche Messe einzurichten. Zugleich schuf Walther dann\ndas erste evangelische Gesangbuch*).\nWährend Walther nun hauptsächlich der Cantorei,\ndem Gesänge in der kurfürstlichen Capelle vorstand, er-\nscheint neben ihm als Organist ein Mann, dessen Name\nbisher wohl noch nirgends genannt worden ist. Es war\n\n*) Johannes Walther inuss in den letzten Jahren des XV. Jahr-\nhunderts geboren worden sein, dann als Capellknabe das Singen,\ndie Musik am ITofe zu Torgau erlernt haben; er befindet sich schon\nalldort unter Friedrich dem Weisen. Sein eigentliches Todes-\njahr war bis jetzt unbekannt; ich vermag, es anzugeben. Gerber\nmeint, dass „man füglich 1555 dafür annehmen\" könne; Schil-\nling, Gerber's Nachschreiber, sagt frischweg, dass er „nach 1552\nstarb\". Letzteres ist in so weit richtig, als Walther freilich nach\n1552 gestorben, doch nicht im Sinne Schilling's. Sein Todesjahr ist\n1570, und starb er vor dem 24. April desselben Jahres. Unter die-\nsem Datum nämlich kommt Christoph Baumgärtner, Stifts-\nverwalter zu Altenburg, bei dem Herzog Johann Wilhelm ein\num „einen jährlichen Zins von 13 neuen Schocken und 10 Gr.\"\n(etwa 39 Gulden 10 Gr.) von dem Einkommen einer Vicarei an der\nStiftskirche zu Altenburg, „womit Johannes Walther auf Lebenszeit\nbegnadigt\" gewesen war und der nun „durch das Absterben des\nHerrn Johannes Walther seliger zu Torgau wieder anheimgefallen\".\nEin Secretär, welcher ein Gutachten über diese Eingabe abstattet,\nnennt das „Beneficium\" 39 alte Schock und 10 Gr. Ferner sagt\nderselbe, dass noch 100 Gulden für Walther rückständig wären, um\nderen Auszahlung der Sohn Walther's gewiss einkommen würde.\nDiese 100 Gulden bildeten ein Geschenk, welches der Herzog dem\nalten Walther bestimmte, als dieser ihm zu Anfange des Jahres 1570\nein „Cantional in Unterthänigkeit dedicirt\". Aus diesen Mittheilun-\ngen geht wohl auf das bestimmteste hervor, dass Walther zur selben\nZeit, also kurz vor dem 24. April des Jahres 1570, gestorben.\n*) Eine Handschrift von ihm in der herzoglich coburgischen\nBibliothek gibt über dieses Zusammenwirken interessante Auf-\nschlüsse. Im Auszuge wird sie mitgetlieilt von Gerber, N. L., Bd.\nIV, S. 505, ausführlicher durch Winterfeld: „Der evangelische\nKirchengesang\", Bd. I, S. 150. Das Gesangbuch führte den ein-\nfachen Titel: „Geistlich Gesangk-Buchlege. Autore Joanne Wal-\nthero.\" Wittenberg, 1524. G. 4to. Es enthielt 43 drei-, vier- und\nfünfstimmige Gesänge von Walther und anderen Meistern. Die zweite\nAuflage erschien 1525, die dritte 1537 zu Strassburg mit 52 mehr-\nstimmigen Gesängen; 1544 erschien das Buch zum vierten Male\nmit 100 und 1551 in fünfter Auflage mit 125 Gesängen, die beiden\nletzten Male wiederum in Wittenberg."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "26", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650128-01.1.2", "texte": "Hans Oyart aus Köln, in den Urkunden gewöhnlich als\n„Hans von Cölln\" aufgeführt. Er zählte zu den nieder-\nländischen Meistern, welche die Welt durchzogen, um ihre\nerlangte Kunstfertigkeit als Contrapunktisten und Sänger,\noder als Orgelspieler in irgend einer der fürstlichen Ca-\npellen, den Pflanzstätten musicalischer Kunst, zu verwer-\nthen. Nach mancherlei Fahrten, die sich wohl bis Italien,\nVenedig, allwo das Orgelspiel damals in höchster Blüthe\nstand, ausgedehnt haben mochten, war er etwa in dem\nzweiten Jahrzehend des sechszehnten Jahrhunderts und\nwohl im besten Mannesalter an den kursächsischen Hof\nnach Torgau gekommen und in die Dienste Friedrich's\ndes Weisen getreten. Hier mag er sich wohl sofort der\nneuen Lehre Luther's, der durch seinen Herrn und Kur-\nfürsten beschützten Reformation, angeschlossen haben. Die\nerste urkundliche Erwähnung Hans Oyart's datirt vom\nJahre 1526, also ein Jahr nach dem Tode Friedrich's\ndes Weisen. Des letzteren Bruder und Nachfolger in der\nKur, Johann der Beständige (1525 —1532), unter-\nzeichnete nämlich zu Weimar am Sonntag Martini 1526\ndie Bestallung „Hans Oyart's von Cölln\" als Organist „auf\nLebenslang\", wegen „angenehmen und treuen Diensten,\nso er dem Weyland Churlürst Friedrich\" und dem Obi-\ngen geleistet. Diese Bestallung sicherte dem kölnischen\nMaestro jährlich an Besoldung 32 Gulden, 2 frankfurter\nMalter Korn und „Kost und Kleidung bei Hof\" auf Le-\nbenslang. Diese Besoldung erscheint auf den ersten Blick\nzwar gering, doch war sie für damalige Verhältnisse nicht\nunbedeutend, überhaupt eine der besten, welche der kur-\nfürstliche Flofcapell-Etat zu jener Zeit aufzuweisen hatte*).\nHans Oyart diente seinem neuen Herrn mit gleicher\nTreue bis zu dessen Tode, der 1532 erfolgte. Von dem\nSohne und Nachfolger Johann's, dem später so unglück-\nlichen Johann Friedrich dem Grossmüthigen, wurde\ner in seiner Stelle mit gleicher Besoldung gelassen. Diese\nAnhänglichkeit an das kurfürstliche Haus, dessen drittem\nGliede Meister Oyart nun diente, bekundete sich in wahr-\nhaft rührender Weise bei dem Unglücke, welchem Johann\nFriedrich nach der Schlacht bei Mühlberg (24. April\n1547) erlag. Während die meisten Diener des abgesetz-\nten, gefangenen Fürsten, darunter auch Johannes Wal-\nther mit seinen Singern, der ganzen Capelle, dem neuen\nHerrn und Kurfürsten Moritz zueilten, ihm ihre Dienste\nantrugen, von diesem auch aufs beste auf- und angenom-\nmen wurden, blieb Hans Oyart von den Musikern der\nEinzige seinem unglücklichen Herrn getreu. Trotzdem\ndiese Handlungsweise ihn wohl sicherer Noth zuführen\nmusste, verschmähte der brave Mann gewiss verlockende\nAnträge von Seiten der neuen Machthaber. Wie Lucas\nKranach, der Maler und Bürgermeister Wittenbergs,\nwollte er mit seinem gefangenen Herrn lieber das Unglück\ntheilen, als von dessen Feinden Wohlthaten empfangen.\nEin Schreiben an den gefangenen Kurfürsten, datirt „Tor-\ngau, am Pfingsttage 1547,\" drückt diese Gesinnungen\naus. Darin versucht er, den Kurfürsten über sein grosses\nUnglück zu trösten, sich zugleich erbietend, ihm auch fer-\nner zti dienen. Er erhalte jetzt kein Kostgeld, keinen Lohn\nmehr. Sein Kostgeld wie Lohn sei bisher wöchentlich in\nseiner Haushaltung aufgegangen, daher er nichts im Vor-\nrath habe und Noth leiden zu müssen glaube. Er sei aber\nauch ohne das nicht gesinnet, in Herzog Moritzens Dienste\nzu treten, sondern mit Freuden bereit, bei dem Kurfürsten\nzu bleiben und ihm zu folgen, in Betrachtung der gnädi-\ngen Wohlthaten, die ihm von des Kurfürsten Vetter\n(Ohm) und Vater, so wie von dem Kurfürsten selbst wi-\nderfahren. Auf dieses Schreiben verfügte der gefangene\nKurfürst sofort von Augsburg aus, dass Hans von Cölln\nbei ihm bleiben solle. Eine darauf bezügliche Stelle eines\nBriefes an seine Söhne (Johann Friedrich den Mitt-\nleren und Jobann Wilhelm) lautet: „Johannes von\nCölln und sein Sohn, weil er unter Herzog Moritz nit\nbleiben will, haben wir sagen lassen, sich gen Weimar zu\nverfügen und sein Amt zu verwalten, wie zuvor. Derne\nwollen E. B. zu seiner Ankunft sein Besoldung und den\nSchlaftrunk und auch das Kostgeld reichen lassen, und\ndie Verordnung thun, dass er etwo möge unterbracht\nwerden. Daran geschieht uns zu Gefallen.\"\n\n*) Ueber die Verhältnisse der Capelle nach obiger Richtung\ngibt die folgende Urkunde aus dem Jahre 1524 hinlänglichen Auf-\nschluss:\n„Anschlag der Singer-Unterhaltung allenthalb auf ein gantz Jahr\nin Geld.\"\nKostgeld auf 1 Jahr.\n297 Gld. 3 Gr. Kostgeld auf 7 grosse Singer.\n173 „ 7 „ Kostgeld auf 10 Singer-Knaben.\n14 „ 8 „ denselben Knaben für Vespertrank.\n17 „ 20 „ denselben „znr Nottdurfc\".\n22 „ 6 „ den beiden Organisten Kostgeld (Oyart und\nZuckenranfft).\n19 r 7 „ dem Organisten-Knecht Kostgeld.\nKleydung auf 1 Jahr.\n168 Gld. Gr. 12 grossen Singern für die Kleidung, jedem\n14 Gld.\n96 „ „ 12 Singerknaben, jedem 8 Gld.\n2 „ „ den Knaben zu Pantoffeln.\n5 „ „ den Knaben zu Piretten (Baretten).\nSoldt der Singer auf 1 Jahr.\n32 Gld. Gr. Herr Cunrad (Rüpff).\n24 „ „ Benedikt (Zuckenranfft).\n24 „ „ Johann, Organisten (Hans Oyart).\n144 „ „ 9 grossen Singern, jedem 16 Gld.\n10 „ n zum neuen Jahr den grossen Singern.\n3 Gld. Gr. den Knaben Martini anzusingen.\nKostgeld 545 Gld. 8 Gr. Kleidung 271 Gld. Soldt 237 Gld.\nSumma der ganzen Unterhaltung der Singer 1053 Gld. 8 Gr."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "27", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650128-01.1.3", "texte": "Hans von Cölln zog also mit den Seinigen nach Wei-\nmar, der nunmehrigen Residenz der Söhne des seiner\nWürde als Kurfürst entsetzten Johann Friedrich. Dem\nnunmehr schon alten Meister folgten ein Weib und zwei\nSöhne; der ältere, Hans, wie der Vater, geheissen, war,\nwie dieser, Musiker und Organist, der jüngere, damals\nvielleicht 13 —l4 Jahre alt, hiess Gabriel und muss mehr\nLust zu den Wissenschaften, denn zur edlen Musica ver-\nspürt haben, wie eine Mittheilung aus seinem späteren\nLeben zeigen wird. In Weimar wurden die Verhältnisse\nder herzoglichen Diener geregelt und festgestellt, und Hans\nOyart erhielt mit einigen Veränderungen seine alte, früher\nmitgetheilte Besoldung, jetzt bestehend in 32 Gulden auf\n„lebenslang\", 8 Gulden „Dienstgeld auf Abkündigung\",\n10 Gr. Kostgeld wöchentlich, Sommer- und Winterklei-\ndung „bei Hof\"*) und 24 Scheffel Korn aus dem Amte\nTorgau, sodann noch, weil er sich nach des\nHerrn Niederlage so unterthäniglich erzeiget\" und dem\nHofe „gen Weimar gefolget\", als Zulage jährlich 4 Ton-\nnen Bier und 4 Eimer Wein als „Schlaftrunk\", 8 Gulden\nHauszins und 4 Klafter Holz. Mit dieser bunten Besol-\ndung hätten Hans Oyart und die Seinigen schon zufrieden\nsein, gewiss recht angenehm und sorgenfrei leben können,\nbesonders als bald darauf noch andere kleine Zulagen er-\nfolgten. So empfing der junge Hans von Cölln, gleich sei-\nnem Vater, 15 Ellen lundisch Tuch zur Winterkleidung\nund einige Gulden, weil er dem Vater beim „Orgelschla-\ngen\" half; ferner wurden dem alten Hans zwei „Lehr-\nburschen\" zugewiesen, wofür er 15 Gulden und ein Mal-\nter Korn erhalten sollte. Doch hatte die ganze Besoldungs-\nAngelegenheit eine recht trübe Schattenseite, die darin\nbestand, dass sie sich wohl Schwarz auf Weiss in Hansens\nHänden befand, doch in Wirklichkeit nicht in seinen Be-\nsitz gelangte. Schon zu Anfang des Jahres 1549 bittet\nder alte Meister den gefangenen Kurfürsten, seinem Sohne,\ndem Herzoge Friedrich dem Mittleren, zu befehlen, ihm\nvon den „restirenden 40 Gulden nur 20 Gulden\" reichen\nzu lassen, auf dass er als „alter, schwacher Mann\" im\nWinter mit den Seinigen nicht Noth zu leiden brauche.\nObgleich der gefangene Fürst den besten Willen ge-\nhabt haben mag, den Klagen des alten, treuen Musikers\ngerecht zu werden, gewiss auch darauf bezügliche Befehle\nseinen Söhnen nach Weimar zukommen Hess, so scheinen\ndoch weder die 40 restirenden, noch die 20 geforderten\nGulden gezahlt worden zu sein. Im selben Jahre 1549\nwendet sich Hans von Cölln noch einmal an seinen Für-\nsten um besagte 40 Gulden, doch legt er jetzt seinen\nBitten noch Anderes zu Grunde. Schlechter und theurer\nHerberge halber er muss 12 Gulden zahlen pro Jahr\nmöchte er sich gern ein Häuslein kaufen, und da man\nihm aus besonderer Freundschaft ein solches in Weimar\nlür 90 Gulden ablassen will, so bittet er unterthänigst\num die 40 rückständigen Gulden und um einen Vorschuss\nvon 20 —3O Gulden. Sein Gesuch unterstützt er noch\nmit den Worten: „damit ich armer alter Mann eine ge-\nwisse Herberg haben möge\". Der alte, fahrende Musiker\nsehnte sich nach einer festen Heimat für sich und die\nSeinigen! Ob der Fürst diesem rührenden Gesuche des\narmen Meisters willfahrt oder nicht, vermag ich nicht an-\nzugeben, wohl aber, dass der alte Hans von Cölln bald\ndarauf eine endliche und bessere Heimat gefunden. Im\nfolgenden Jahre 1550 schied er aus dem Leben, das er\nmit gleicher Treue seinem Herrn und seiner Kunst ge-\nweiht, wohl wie mancher seiner Collegen die enttäuschende\nGewissheit mit in sein Grab nehmend, dass die edle Frau\nMusica dem gereiften Manne wohl nur zum kleinsten\nTheile gehalten, was sie dem für sie begeisterten Jüng-\nlinge versprochen.\nNoch einige Worte über die beiden Söhne des alten\nverschollenen, kölnischen Meisters.\nDas Loos des Vaters mag dem „jungen Hans von\nCölln\", der mit den Jahren auch ein tüchtiger Organist\ngeworden, wohl nicht allzu verführerisch erschienen sein,\ndenn als der herzogliche Hofmarschall-Rath Wolff Gold-\nacker ihn gegen übliche Besoldung in Pflicht auf lebens-\nlang nehmen wollte, sträubte er sich wohl ein Weniges,\nmusste aber endlich, durch harte Notwendigkeit gezwun-\ngen, nachgeben und das Amt des Vaters übernehmen und\nantreten. Der Gedanke an seine alte Mutter, die er zu er-\nnähren hatte, mag zu dem Entschlüsse wohl auch mit bei-\ngetragen haben. Er erlebte als herzoglicher Organist die\nRückkehr Johann Friedrich's aus der Gefangenschaft und\ndessen Einzug in Weimar 1552. Hätte der „alte Hans\nvon Cölln\" zu dieser Zeit noch gelebt, er wäre werth ge-\nwesen, gleich Lucas Kranach in der Kutsche und an der\nSeite des Herrn in Weimar einzuziehen. Die bewiesene\nTreue des Musikers hielt der des Malers vollständig das\nGleichgewicht! Der junge Hans erlebte indessen noch\nmehr. 1562 bekam er zu seiner Organistenstelle noch die\neines—„Gewand-Austheilers\", wogegen der zeitweilige\nGewandschreiber und zunftmässige Schneider Lucas Ott\nsich gar gewaltig, doch ohne Erfolg sträubte. Vier Jahre\nspäter, 1566, bekam er sogar seinen Abschied, nachdem\n\n*) Zu einer solchen Kleidung wurden pro Mann gerechnet und\nverabreicht: 15 Ellen lundisch (londoner) Tuch, 15 Ellen Barchent,\nElle Futtertuch und 3 Ellen Leinwand. Form und Farbe der\nKleidung wechselte. So trugen die Capellisten einmal graue Hosen\nund Strümpfe und braune Jacken, geschlitzt, dann wieder glatte\nschwarze Jacken und gelbe Hosen und Strümpfe, dazu hoher, run-\nder Hut mit ganz schmaler Krempe, kleiner schwarzer Feder und\nNackenschirm von gleicher Farbe, das Haar bedeckend.\nn"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "28", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650128-01.1.4", "texte": "er seinen Herrn, Herzog Johann Friedrich den Mittlern,\nder über ihn ausgesprochenen Acht hatte erliegen sehen.\nEr schüttelte den Staub von seinen Füssen und verliess\nWeimar: sein Mütterchen war unterdessen wohl auch\ngestorben und zu ihrem alten Hans heimgegangen, was\nihm den Abschied wohl leichter gemacht haben mag.\nWohin er sich gewandt, was aus ihm geworden, vermag\nich nicht anzugeben.\nDer jüngere Sohn des kölnischen Meisters, Gabriel,\nbezog die neu gestiftete Universität Jena. Von dort aus\nbewarben sich 1555 die beiden bekannten Theologen\nVictorinus Strigel und Johannes Stigel beim Her-\nzoge um ein Stipendium lür den Sohn des Musikers, weil\ner „Talent habe und dem Lande nützlich sein könne\".\nOb Gabriel Oyart gehalten, was jene beiden Gelehrten\nvorausgesetzt, vermag ich eben so wenig zu sagen, als\nirgend etwas, über das fernere Schicksal seines musicali-\no\nsehen Bruders. Der Leser und Forscher muss sich eben\nmit der kleinen Ausbeute aus dem staubigen Schacht des\n„gemeinschaftlichen Archivs zu Weimar\" begnügen, die,\nwenn auch nicht von grosser Bedeutung, doch immerhin\neinen alten verschollenen, kölnischen Meister und wacke-\nren Mann sammt seinen Söhnen wieder in etwa ins Da-\nsein zurückzurufen und in die grosse, bunte Reihe seiner\nmehr oder minder berühmten Collegen und Zeitgenossen\nzu stellen vermochte.\nMöse der arme Hans von Cölln nicht aufs Neue\nO\nder Vergessenheit anheimfallen!\n\nPariser Briefe.\nI.\n(Die kaiserliche Regierang und die Tonkunst Die Operntheater\nDie Africanerin Adelina Patti Madame Gennetier\nLe Capitaine Henriot von Gevaert Violetta = Nilsson).\nEin Rückblick auf das vorige Jahr und namentlich\nauf die letzten Monate desselben muss zwar anerkennen,\ndass die Staats-Regierun<{ es an Gesetzen und Verfügun-\ngen zum Vortheile der Tonkunst nicht fehlen lässt; allein\nder gute Wille von oben allein ist für den Boden der\nKunst nicht befruchtend, mit dem Organisiren und Decre-\ntiren ruft man keine Talente hervor. Dennoch verdient es\nDank, dass der Boden gesäubert und von den Hindernis-\nsen befreit wird, welche veraltete Vorrechte dem Keimen\nund Treiben junger, zeugender Kraft entgegen stellten.\nAusser dem Gesetze über die Freiheit der Theater\nist in dieser Beziehung aus dem vorigen Jahre auch das\nDecret vom 4. Mai, welches die Preisbewerbungen junger\nComponisten betrilft, als ein Fortschritt zu betrachten; die\nwichtigsten Artikel desselben sind, dass das so genannte\nrömische Stipendium nicht mehr von dem ganzen Senate\nder Akademie der schönen Künste, sondern von einer\nJury von neun Notabilitäten aus deren Mitte zuerkannt\nwird, und dass es dem TheCitre lyrique zugleich mit der\nBewilligung einer Subvention zur Pflicht gemacht worden\nist, jedes Jahr einen Concurs zwischen den Stipendiaten\nvon Rom durch die Composition einer Oper in drei Acten\nzu veranstalten, zu welcher die Direction das Textbuch\nliefern muss. Dieser Concurs hat im vorigen Jahre zum\nersten Male Statt gefunden: unter fünf Bewerbern hat ein\nHerr Barthe den Sieg davon getragen; seine Composition\ndes Textes „Die Braut von Abydos\" wird zur Auffüh-\nrung kommen. Es ist zu bemerken, dass die fünf Bewer-\nber selbst die Mitglieder der Jury wählen; es waren unter\ndiesen Auber, Gounod, David, Reber, Masse u. s. w.\nBarthe, der älteste unter den Bewerbern, hatte schon im\nJahre 1854 den römischen Preis erhalten.\nIm vergangenen October wurde die Cantate eines\njungen Musikers, eines Deutschen, Namens Sieg, gekrönt.\nEr hatte mit den jungen Malern, Architekten u. s. w.,\nwelche ebenfalls Preise erlangt, die hohe Ehre, vom Kai-\nser zur Tafel nach St. Cloud geladen zu werden. Nach\nder Tafel überreichte die Kaiserin den Künstlern die pho-\ntographirten Portraits beider Majestäten, unter welche der\nKaiser eigenhändig seinen Namen geschrieben hatte. Die\nAufführung der Cantate von Sieg fand im November im\nOpernhause (auch nach einer neuen Verfügung) Statt; die\nganze Akademie der schönen Künste war zugegen, und\nin der grossen Holloge neben der kaiserlichen sah man\nden Minister des kaiserlichen Hauses, Vaillant, die Grafen\nBacciocchi und Nieuwerkerke, General-Intendanten der\nTheater und der Museen u. s. w. In der That, man kann\nnicht mehr thun, um die Kunst zu ehren, als die gegen-\nwärtige Regierung von Frankreich im Gegensalze gegen\nso manche deutsche Höfe thut.\nDie grosse Öper hat ausser Mermet's\nä Roncevaux\" nichts gebracht, was Leben verspräche,\njedoch trotzdem theils durch den Erfolg dieser Oper,\ntheils durch glänzend ausgestattete Wiederholungen, un-\nter denen namentlich Rossini's „Moses\" prangte, sehr\ngute Geschäfte gemacht. Meyerbeer's „Africanerin\"\nnimmt unter Fetis' Oberleitung gegenwärtig die Studien\nder Betheiligten in Anspruch. Die Besetzung ist folgende:\nVasco de Gama (Tenor): Naudin. Don Pedro, Gross-Ad-\nmirai (Bass): Belval. Nelasko (Bariton): Faure. Der\nGross-Inquisitor (Bass): Aubin. Don Alvar (Tenor): Wa-\nrot. Selica, Königin von Madagascar: Mademoiselle\nMarie Sax. Ines: Mademoiselle Battu. Der Ort der\nHandlung ist zuerst Lissabon, und zwar im ersten Acte"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "29", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650128-01.1.5", "texte": "der Palast des Staatsrathes, im zweiten der Kerker, in\nwelchem Vasco de Gama gefangen sitzt. Der dritte Act\nspielt auf offener See auf einem Schiffe, die beiden letzten\nActe in Alrica. Weiter in den Inhalt zu dringen, ist bis\njetzt nicht vergönnt.\nDie Italiäner haben nichts Neues gebracht wo\nsollte es auch herkommen? und zum Ersätze Altes, zum\nTheil Gutes, zum Theil sehr Mittelmässiges, wieder her-\nvorgeholt. Zu ersterem kann man „Don Pasquale\" zäh-\nlen, zu letzterem „Roberto Devereux\" (Elisabeth und Graf\nEssex) von Donizetti, eines der schwächsten Producte (aus\ndem Jahre 1837) des begabten Componisten. Was aber\nbei ihnen immer neu bleibt, ist Adelina Patti, die fast\njeder Rolle, die sie übernimmt, wie z. B. der Norina in\nDon Pasquale, den Stempel eigentümlicher, auf Instinct\nberuhender Auffassung und reizender Ausführung auf-\ndrückt. Dagegen fiel in derselben Oper der sonst ge-\nschätzte Tenor Baragli gänzlich durch; zwar liessen die\nMusiker seiner ausgezeichneten Technik in der Vocalisation\nGerechtigkeit widerfahren, aber die Klanglosigkeit seiner\nStimme binderte ihn so sehr, seine Kunst geltend zu ma-\nchen, dass bei dem Ständchen wiederholte Chwt! Chut!\nim Publicum laut wurden. Späterhin, als nun gar Fras-\nchini mit seiner Prachtstimme und seinem grossen Stile\nwieder erschien, war er ganz unmöglich. Dieser immer\nnoch gewaltig imponirende Sänger trat als Manrico im\n„Trovatore\" auf, und die Aufführung dieser Oper mit\nMadame C h ar to n - D em eur als Leonore und Madame\nDe m e ri c-L a bI ache als Azucena war überhaupt eine\nder gelungensten der ganzen Saison.\nAber bei diesem Leisten sollten die Italiäner auch\nbleiben und endlich einmal der Mode entsagen, den „Don\nJuan\" jedes Jahr auf ihr Repertoire zu setzen und so das\ngrösste Meisterwerk Mozart's einer conventioneilen Fetisch-\nAnbetung zum Opfer zu bringen. Von der Ungeschickt-\nheit und Nachlässigkeit, womit auch diesen Winter diese\nOper wieder gegeben wurde, kann man sich in Deutsch-\nland gar keine Vorstellung machen, da selbst die unbe-\ndeutenderen Provincialbühnen bei Euch mehr Respect\nund Pietät vor Mozart zeigen, als hier die mit Tausenden\nbezahlten Sänger der kaiserlichen Residenz. Würde man\nes z. B. am kleinsten deutschen Orte ertragen haben, dass\ndas berühmte Masken-Terzett nur als Duett gesungen\nwürde? Und das war hier wirklich so, denn Elvira war\ngleich Null, und auch Ottavio (Baragli) konnte neben\nDonna Anna (Madame La Grange) nicht aufkommen. Letz-\ntere mag immerhin noch eine grosse Sängerin sein, aber\nihre Mittel reichen zu einer Donna Anna nicht mehr aus;\nan der Demoiselle van der Beck (Elvira) war neben Ju-\ngend und schöner Erscheinung die Dreistigkeit zu bewun-\ndem, eine solche Partie zu übernehmen! Adelina Patti\n(Zerline) wurde zwar gewaltig applaudirt und musste ein\npaar Sachen da caposingen: sie hat nun einmal die Vogue\nlür sich und verdient sie auch in italiänischen Opern: ob\naber an jenem Abende das wirkliche Publicum, das sich\nim Ganzen sehr ruhig und kalt verhielt, oder eine Claque\ndoch halt! die Wörter Claqueurs und Romains sind\nabgethan; die Leute heissen jetzt\nihr die Ovationen brachte, ist schwer zu entscheiden,\nda das Publicum der italiänischen Oper überhaupt nicht\nim Stande ist, für die Musik als solche sich zu begeistern,\nsondern nur den Sänger beklatscht. Für jeden wahren Ver-\nehrer Mozart's aber war ihre Leistung eine Entstellung\nder Zerline in Spiel und Gesang; denn zur Darstellung\nder Zerline reicht ihr Instinct nicht hin, und an Intelligenz\nzum Studium des Charakters einer Rolle fehlt es ihr durch-\naus; musicalisch betrachtet aber sang sie Mozart gerade\nso wie Bellini oder Donizetti. Nimm dazu, dass Delle Sedie\nsich vergeblich quält, ein Don Giovanni zu scheinen, dass\nselbst Scalese, der unvergleichliche Buffo im Barbier, ein\nsteifer, ungelenker Leporello ist, so wirst du ein Bild von\neiner Don-Juan-Vorstellung in Paris haben.\nDie komische Oper hatte im Anfange des vorigen\nJahres mit Scribe's letztem Libretto:\nde Garbe,mit Auber's Musik eine Zeitlang rocht artige\nEinnahmen erzielt. Späterhin brachte sie „Lara\" von\nAime Maillart*), daneben die Wiederaufnahme von\nllalevy's „Blitz\" und Ambroise Thomas' „Sommernachts-\ntraum\". In letzterem debutirte Madame Gennetier in\nder Bolle der Elisabeth mit grossem Beilalle, den sie sich\nauch später zu erhalten gewusst hat. Sie kam vom Thea-\nter zu Toulouse, wo sie eines Abends den Theater-Direc-\ntor, der Meyerbeer's „Robert\" angekündigt hatte, aus der\nVerlegenheit riss, indem sie zu der Rolle der Prinzessin\nauf der Stelle auch die Partie der Alice, deren Darstel-\nlerin krank geworden, übernahm ein Kraftstück, das\nauch in Deutschland schon vorgekommen ist. Ihre Haupt-\nstärke besteht in der Correctheit und Zierlichkeit der Co-\nloratur, wobei ihre Stimme in der mittleren und tieferen\nRegion sich durch eine wohllautendere Klangfülle aus-\nzeichnet, als man sie sonst bei den französischen Vocali-\nsations-Künstlerinnen findet. Vor Jahresschluss hat dann\nnoch die komische Oper eine Neuigkeit gebracht:\ntaine Henriot,in drei Acten, Text von Victorien Sar-\ndou und Gustav Vaez, Musik von Gevaert. Die erste\nVorstellung fand noch am 29. December v. J. Statt.\nDer Capitain Henriot in diesem Stücke ist kein An-\nderer als Heinrich IV., der grosse König von Frank-\n\n*) Vgl. Jahrgang 1864, Nr. 15."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "30", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650128-01.1.6", "texte": "reich; daher die auffallende Protection aller Legitimisten\nfür das Stück, das ein hübsches, verwickelt intriguirtes\nLustspiel mit ineist interessanter Musik ist. Das National-\nBewusstsein für den tapleren, guten und lebenslustigen\nKönig ist aber dermaassen bei den heutigen Parisern un-\ntergegangen, dass bei den häufigen: Vive aul dem\nTheater nur der erste Hang applaudirt, dessen Logen der\nalte Adel des Faubourg St. Germain inne hat, das Par-\nterre aber sich verwundert umsieht und fragt, was der\nLärm da oben denn eigentlich bedeuten solle ? Kennt doch\ndas pariser Volk der jetzigen Generation selbst das köst-\nliche Volkslied nicht mehr:\nVive Henri quatre\nVive ce roi vaitt\nCe diable ä quatr\nA le triple talent\nEt de boire et\nEt d'etre un vert galant!\ndessen M-elodie mir aus den Erzählungen über Deinen\nAufenthalt in Paris im Jahre 1814 noch eben so fest im\nGedächtnisse sitzt, wie die andere auf Napoleon, die da-\nmals auch in Paris neben jener auf den Strassen gesun-\ngen wurde:\nII etait un p'tit\nQui s'appellait le grand\nEnpartant:\nMais vous alles\nII revenait petit\nA Paris\nGai, gai, mes\nChantons le renom\nDu grand Napole\nSo ändern sich die Zeilen! Beide Volkslieder sind ver-\nschwunden, und wenn ich einigen Freunden Glauben\nschenken soll, wozu ich allen Grund habe, so sind sogar\nin den letzten Aufführungen des „Capitain Henriot\" die\nhäufigen: Vive le Roi!beschränkt worden. Man hatte die\n„Freiheit der Theater\" missverstanden!\nHeinrich IV. spielt die Hauptrolle in der neuen Oper,\naber den Inhalt derselben zu erzählen, ist fast unmöglich,\nda eine Menge Details die Haupthandlung durchschlingen\nund diese an und für sich schon verwickelt genug ist. Das\nBuch hat ursprünglich der verstorbene Vaez, ein Belgier,\nwie Gevaert, und ein talentvoller Librettist, verfasst. Sar-\ndou hat es vollendet und noeh allerlei in die Handlung\nund in den Dialog hineingebracht, und da Sardou jetzt\nein Name ist, so stellt ihn der Zettel des Stückes oben an.\nScene und Zeit der Handlung fallen in die letzte Belage-\nrung von Paris durch die Boyalisten, und ein Waffenstill-\nstand ermöglicht den Verkehr zwischen der Stadt und dem\nLager, woraus denn durch die verkappten pariser Besu-\ncher des Lagers und den ebenfalls incognito in Paris mit\neinigen von seinen Walfengenossen abenteuernden Hein-\nrich die Verwicklungen entstehen, in die eine Liebesge-\nschichte des royalistischen Bitters Ben(i de Mauleon mit\nBlanche d'Etianges, die unter dem Einflüsse der Liguisten\nund Spanier in Paris steht, eingellochten ist. Das alles ist\nsehr geschickt gemacht und wird die Oper halten, da es\nals Lustspiel spannend und ergötzlich ist. Welch ein Un-\nterschied zwischen den Textbüchern dieser Gattung bei\nFranzosen und Deutschen!\nGevaert's Musik ist, was sie früher war; einen wirk-\nlichen Fortschritt bekundet die neue Partitur nicht, da die\ngeschickte Behandlung der Formen und die auf gründli-\nchem Wissen beruhende Beherrschung der musicalischen\nMittel Eigenschaften sind, welche Gevaert durch seine bis-\nherigen Compositionen bereits bewährt hat. Diesen Eigen-\nschaften hatten „Georgette\",\n„Les Lavandieres de Santarem\", dann zuletzt „Quentin\nDurward\" und „Le Chäteau Trompette\" freundliche Auf-\nnahme und zeitweisen Erfolg zu danken, und so ist die\nerslere denn auch seinem Capitaine Henriot zu Theil ge-\nworden, und der letztere wird ihm auch nicht fehlen. Und\nmeiner Meinung nach wird dadurch auch ein wirkliches\nVerdienst belohnt, denn die Factur eines tüchtigen Musi-\nkers ist mir doch immer lieber, als eine Beihe von trivial\nmelodiösen Tanz-Bhythmen, die keinen anderen Zweck\nhaben, als die Menge zu amusiren. Geniale Erfindung\nspricht man freilich dem belgischen Componisten ab; wenn\nich aber nur wüsste, welchem französischen unter den\nZeitgenossen ich sie zusprechen sollte! Hiesige Blätter\nwollen in manchen Nummern des „Henriot\" Anklänge an\nMermet's Musik im „Roland ä Roncevauxu finden; es\nscheint mir damit eben so zu gehen, wie es in Deutsch-\nland in vielen Zeitschriften, die mir zu Gesicht gekommen,\nmit Wagner geht: wo man in einer neuen Composition\nauf reiche Instrumentation und hübsche Orchester-Effecte\nstösst, da wittern die kritischen Spürnasen, besonders in\nden Feuilletons, sogleich die Wagner'sche Fährte! So ru-\nfen auch hier schon bei der Ouvertüre, die marschartig\nund im kriegerischen Charakter gehalten ist, die Bemi-\nniscenzen-Jäger ihr „Hailoh! Boland!\" Dann wieder bei\ndem Siegeschor im dritten Acte. Mit mehr Becht kann\nman dem Componisten in dem dramatischen Liebes-Duette\nzwischen Benö und Blanche im zweiten Acte Anklänge an\nMeyerbeer's herrlichste Nummer in den Hugenotten vor-\nwerfen ; allein es ist auch hier mehr die Aehnlichkeit der\nSituation, als der Einzelheiten der Musik, was zum Ver-\ngleiche aulfordert. Die Partitur enthält drei oder vier\nChöre, welche alle durch Bhythmus und Klang und reine"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "31", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650128-01.1.7", "texte": "Harmonie, zwei davon auch durch frische Melodie (Trink-\nlied der Royalisten und Jägerchor) recht ansprechen.\nIch glaube, die Oper Gevaert's würde, auf die deut-\nsche Bühne versetzt, gefallen. Aber freilich erfordert sie\nvon den Sängern die Gewandtheit von Schauspielern im\nLust- und Intriguenspiel.\nWenden wir uns zum Th das bei seiner\nGründung vorzugsweise die Hoffnung der jungen Compo-\nnisten war, das auch jetzt wieder, wie ich schon erwähnt\nhabe, die Verpflichtung erhalten hat, alljährlich eine Preis-\nOper aufzuführen,sohates jene Hoffnung keineswegs erfüllt.\nWenn es in den ersten Jahren seiner Existenz Werke von\nMozart und Weber in Scene setzte, so war dies neben\nden ersten Aulführungen französischer Compositionen\ngewiss ein lobenswerlher Weg zur Verbreitung des Ge-\nschmacks an guter dramatischer Musik. Was bat es aber\njetzt gelhan? Nachdem Gounod's „Mireille\", langweilig\nerschienen, zurückgelegt und nachher, obwohl bedeutend\nverkürzt, doch nicht zum Cassenslück werden wollte\nein Cassenstück brauchte aber die Direction —, so liess\nsie italiänische Opern übersetzen und brachte Verdi's\n„Rigoleüo\", Donizetti's „Don Pasquale\" und zuletzt\nsogar Verdi's „Traviata\" unter dem Titel „Violetta\"\nauf ihre Bühne, wahrscheinlich, um ihr Publicum zu dem\nfeinen Geschmacke der blasirten der\nVentadour empor zu heben! So wurde denn Alexander\nDumas (des Sohnes) Dame au für Verdi italiä-\nniscb zurecht gemacht und nun wieder aus dem Italiäni-\nschen ins Französische zurück übersetzt, und den Parisern\neine Neuigkeit geboten, welche sie schon seit acht Jahren\nbei den Italiänern alljährlich und ohne Frage weit besser\ngehört hatten, wenn auch eine junge Schwedin von 19\nJahren, Demoiselle Nilsson, welche als Violetta debu-\ntirte, in Erscheinung, Stimme, Gesangfertigkeit und Spiel\nein seltener Gewinn für das Theätre lyrique ist. Mit dem\nEngagement dieser Dame hat Herr Carvalho einen kühnen\nGrilT gelhan; es ist den Parisern etwas ganz Neues, dass\neine junge Sängerin bei ihnen zuerst auftritt; in der Re-\ngel bekommen sie ihre besten Sängerinnen, besonders im\nColoraturfache, erst dann zu hören, wenn ihre Stimmen\nbereits halb abgesungen sind.\n\nG. F. Händel’s „Josua“.\nDas sechste Gürzenich-CoAcert brachte uns am 17. Ja-\nnuar zum zweiten Male ein Oratorium in diesem Winter; das erste;\nHiller's „Zerstörung von Jerusalem\", hatte die Concertzeit eröffnet,\nund ein drittes, wahrscheinlich eine Bach'sche Passion, wird sie be-\nschliessen, mithin der bisherige Gebrauch, die hiesigen musiealiseben\nKräfte im Laufe des Abonnements zu drei Aufführungen eines gros-\nsen Ganzen aus der reichen Literatur der deutschen Tonkunst zu\nvereinigen, fortbestehen, wie er eines Instituts, dein vorzugsweise\ndie Pflege classischer Musik obliegt, würdig ist.\nHandel s „Josuau, der dieses Mal gewählt worden, kam zu\nrecht befriedigenden, in vieler Hinsicht glänzenden Auffüh-\nrung: wenngleich der Chor nicht so zahlreich wie sonst sich einge\nfunden hatte, was uns gerade bei solch einem Werke unbegreiflich\nist, so sang doch alles, was da war, mit regem Eifer, kräftigem\nKlange, präcisem und feurigem Vortrage, und die Orgel, welche\nHerr Musik-Director W eber nach seiner eigenen geschickten Be-\narbeitung einer Orgelstimme für dieses Oratorium spielte, griff so\nschön und oft wunderbar mächtig in den Chor ein, während im Or-\nchester die Instrumental-Ergänzungen von J. Rietz benutzt wur-\nden, dass eine grossartige Wirkung nicht ausbleiben konnte, die\ndann auch das Publicum oft zu lebhaftem Beifalle anregte.\nZu dem guten Eindrucke der Aufführung trugen die Vorträge\nder Sologesänge durch die Damen Julie Rothenberger und\nFrancisca Schreck, die Herren Rudolf Otto (Tenor) aus Ber-\nlin und Karl Hill (Bass) aus Frankfurt so wesentlich bei, wie es\ndiese in der Künstlerwelt klangvollen Namen erwarten liessen. Alle\nerhielten wiederholt lebhafte Beifallsbezeigungen vom Publicum,\nund Herrn Otto gewähren wir gern die Anerkennung, dass er, ob-\nwohl zu einer mächtigen Durchführung der Riesen-Partie des Josua\nvon der Natur nicht begünstigt, sich um so mehr durch gebildeten\nVortrag als einen sehr guten Sänger bewährte.\nDie XVII. Lieferung der Ausgabe der deutschen liän-\ndel-Gesellschaft enthält den „Josua\" *), den Händel im Jahre\n1747 binnen vier Wochen (vom 19. Juli bis 19. August) compo-\nnirte. Die erste Aufführung desselben fand zu London im Covent-\ngardcn-Theater den 9* März 1748 Statt, und das Werk wurdn in\nderselben Saison noch drei Mal wiederholt. Die neue, von Cbry-\nsander besorgte Ausgabe unterscheidet sich von den früheren 1)\ndurch die Aufnahme eines etwas längeren und anderen nach\nChrysander's Meinung „schöneren\" Mitteltlieiles der Arie: „Horch,\ns ist der Vögel Morgenschlag\", so dass diese Arie jetzt in der Ge-\nstalt erscheint, die Händel ihr „nachträglich\" gegeben ; 2) durch die\nAufnahme eines Instrumentalsatzes: „kriegerische Musik\", vor dem\nRecitativ Josua's: „Du strahlend Licht, hemme deinen Lauf!\" Die\ngedruckten Partituren haben an dieser Stelle nur die Bemerkung:\nFlourish of ivarlike Instruments, d. i. „Tusch von kriegerischen In-\nstrumenten\", wie er auch vor dem Recitativ Othniel's, das den\nSchluss-Chor des ersten Theiles einleitet, vorgeschrieben ist. Das\nTextbuch der ersten Aufführung so berichtet Schö Icher S. 310\nund ein anderes, gedruckt Oxford, 1756, haben aber an dieser\nStelle die Note: Warlike sympliony („kriegerische Sinfonie\"), und\nin der Abschrift in Smith's Sammlung der Häuderscben Oratorien,\nderen sich Händel bei den Aufführungen bediente, steht der Bass\neiner solchen Kriegsmusik, deren vollständige Partitur Lacy in der\nOper Händel's: „Ricardo primou, die er bereits vor einundzwanzig\nJahren geschrieben, auffand. Sie macht sich an dieser Stelle recht\ngut, wie die Aufführung hier in Köln zeigte. Zugleich liefert sie\neinen neuen Beweis, wie Händel nicht selten Stücke aus früheren\nWerken wieder benutzte. Bekanntlich hat er den prächtigen Sieges-\n\n*) Vgl. die Anzeige von Ed. Klüger in Nr. 51 des vorigen\nJahrgangs."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "32", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650128-01.1.8", "texte": "Chor: „/See, the conquering hero comesu, auch zwei Mal, im „Josua\"\nund im „Judas Maccabäus\", angebracht; er bat ihn ursprüng-\nlich für den rJosua\" geschrieben, obwohl der „Judas Maccabäus\"\nein Jahr früher componirt und aufgeführt worden ist; Händel hat\naber erst bei späteren Wiederholungen desselben jenen Chor ein-\ngeschoben.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nDarmstailt, 9. Januar. Gestern ging bei ausverkauftem\nHause (!) Verdi's Oper „Violetta, die Dame mit den Camellien\" (La\nTraviata) mit Erfolg über unsere Hofbühne. Namentlich brillirte\nFräulein Molnar, welche die Titelrolle gab, ganz besonders\ndurch den vortrefflichen Vortrag der schwierigen Schluss-Arie des\nersten Actes, welche sie mit einer solchen eminenten Kehlfertigkeit\nsang, dass sie neben Hervorruf mit einem wahren Beifallsstürme\nüberschüttet wurde.\nHamburg, 23. Januar. Am 18. d. Mts. wurde die Oper\n„Lorelei\" von Em. Gei bei, Musik von Max Bruch, zum ersten\nMale mit grossem Beifalle gegeben, der sich in den Wiederholungen\nam Freitag und gestern am Sonntag noch steigerte. Die hiesige\nKritik spricht sich ebenfalls sehr lobend über den edlen Charakter\nder Musik aus; so sagt z. B. Robert Heller in den „Hamb. Nach-\nrichten\": „Derselbe Schwung der Erfindungskraft bleibt jedem Theile\ndes Werkes treu, und aus jedem spricht neben einem schönen Sinne\nein künstlerisch gewissenhafter Ausdruck. Das zur ersten Aufführung\nzahlreich versammelte Auditorium folgte dem Flusse der Oper mit\ntheilnehmender Aufmerksamkeit und zeichnete die wenigen Ab-\nschnitte, welche sich das Werk zum Vortheile einer augenblicklichen\nBeifallsäusserung gestattet, mit Applaus und Hervorrufungen der\nHauptdarsteller, zuletzt des Componisten und des Herrn Mühldorfer,\naus. Die anstrengenden Partieen der Lorelei und des Pfalzgrafen\nOtto wurden von Fräulein Spohr, welche die dankbarste Rolle,\nund von Herrn Brunner, der die seiner Stimmlage nach schwie-\nrigste Aufgabe .zu lösen hat, mit einer Sicherheit und Ausdauer\nnicht nur, sondern auch mit einer so seelenvollen Wärme gesungen\nund gespielt, dass wir diesen Leistungen das grösste Lob zu erthei-\nlen haben. Die Oper begünstigt ihre Titelfigur, wie in der Handlung\nund Musik, so auch in der persönlichen Erscheinung. Fräulein Spohr\nist für die Lorelei mag sie wie Anfangs als die Mädchenrose des\nRheines oder zuletzt als thronende Fee des Stromes gelten eine\ndem idealen Bilde so glücklich entsprechende Verkörperung, dass\nihre Apotheose zum Schlüsse einen magisch bezaubernden Eindruck\nausübt. Vorher sass sie mit der goldenen Harfe gleich einer Por-\ntraitgestalt des berühmten düsseldorfer Gemäldes auf dem Riffe am\nStrome, und dann verlieh ihr der Lichtwechsel unter dem Wasser\neine wahrhafte Verklärung. Die Decorationen sind nicht nur präch-\ntig, sondern auch naturtreu und von gutem Geschmacke."}]}