{"numero_id": "bm-bmtnabi-1865-04-29-01", "volume": "bmtnabi_1865-04-29_01", "ocr_sha256": "72e748c5476b507c58acd5077c6208f2e7983e33666ca749fd3eb74f96ae00b7", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1865/04/29_01/bmtnabi_1865-04-29_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650429-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1865-04-29-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1865-04-29_01#c001", "volume": "bmtnabi_1865-04-29_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "129", "page_fin": "129", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650429-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "129", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650429-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 394, "texte": "Inhalt.\nDie Musik in Italien. Von A. Neuestes über die Charakteristik der Tonarten (Arrey von Dorumer A. B. Marx).\nAufruf, die Bach-Orgel in der St. Bonifaciuskirche (Neuekirche) zu Arnstadt betreffend. Tages- und U n ter haltungs b 1 a 11\nGastspiel von Gustav Walter im Stadttheater, sechste Soiree für Kammermusik Aachen, letztes Abonnements-Concert, dirigirt von Herrn\nFerdinand Breunung). j"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1865-04-29-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1865-04-29_01#c002", "volume": "bmtnabi_1865-04-29_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "129", "page_fin": "131", "image_debut": 1, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650429-01.2.2", "titre_corps": "Die Musik in Italien.", "titre_sommaire": "Die Musik in Italien.", "signature_source": "A", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "129", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650429-01.1.1", "debut_caractere": 396, "fin_caractere_exclue": 4123, "texte": "Die Musik in Italien.\n\nFlorenz, Ende März 18ß5.\nDie vorurtheilsfreien Kunstfreunde und musicalischen\nSchriftsteller in Italien bekennen, dass der Verfall der\nTonkunst in dem schönen Lande, welches einst durch\nseine grossen Tonsetzer und Sanger der Lehrer von Eu-\nropa war, immer offenbarer wird. Um ihn aufzuhalten\nund wo möglich eine neue musicalische Aera anzubahnen,\nfehlt es nicht an aufopfernden Bestrebungen einzelner\nhochherziger Kunstgönner, an Gründung von Zeitschriften\nund von musicalischen Vereinen, Ausschreibung von Prei-\nsen und ähnlichen Versuchen, dem herabrollenden Rade\ndes Schicksals der Kunst in die Speichen zu fallen: allein\nnach den Erfahrungen in allen Ländern und Zeiten sind\ndie meisten von diesen äusseren Anregungen höchstens im\nStande, auf Augenblicke hier und da Palliativmittel gegen\ndas Uebel zu liefern, die Radicalcur kann aber nur das\nGenie bewirken, und für dieses scheint der sonst so frucht-\nbare Boden Italiens seine Kraft erschöpft zu haben. Zwar\nwerden noch Opern genug geschrieben und kommen auch\nzur Aufführung, weil das Publicum von jeder Theater-\nDirection noch immer verlangt, dass sie nach alter Weise\neine neue Oper und seit vielen Jahren schon auch ein\nneues Ballet für die Stagione bringe: allein sie ver-\nschwinden nach der ersten oder zweiten Vorstellung wie-\nder, weil die Italiäner einen so genannten Succes d'estime\nso gut wie gar nicht kennen und entweder enthusiastisch\nund, wie es jetzt heisst, „frenetisch\" bewundern, oder un-\nbarmherzig und höchst unzweideutig verdammen. Dage-\ngen begnügen sie sich dann, wenn sie wieder einmal eine\nNeuigkeit todt gemacht haben, mit den Wiederholungen\ndes alten Repertoires, wobei denn auch Uebertragungen\nfranzösischer und deutscher Opern mit aushelfen, wie\nMeyerbeer's »Robert\" und „Der Prophet\", Flotow's\n„Martha\", Gounod's „Faust\" u. s. w. Letzterer ist übri-\nGens neulich sogar in Rom auf dem Apollo-Theater als\nMargherita gegeben worden, aber durchgefallen.\nDass es auch in Italien, wie jetzt in Frankreich, Leute\ngibt, die da glauben, dass der Kunst durch Verordnungen\nder Behörden aufzuhelfen sei, beweist unter Anderem die\nNachricht aus Neapel, die wir in einer der letzten Nummern\nder musicalischen Zeitung „II Pirata\" (in Turin) finden.\n„Die musicalische Gesellschaft von Neapel hat allen\nphilharmonischen Vereinen der Halbinsel den Vorschlag\ngemacht, alle Stadträthe dahin zu bringen, eine gemein-\nsame Anstrengung gegen den einreissenden Verfall der\nTonkunst in Italien zu machen. Zu diesem Zwecke sollen\ndie städtischen Behörden den Theater-Directoren die Pflicht\nauferlegen, in jeder Saison ein Werk von solchen jungen\nComponisten aufzuführen, die sich dazu melden werden.\nDer Gedanke mag ganz gut gemeint sein, aber die Direc-\ntoren werden s'agen: „ „Da diese neuen Maestri fast immer\nFiasco machen, so kann man uns nicht zumuthen, unser\nGeld zum Fenster hinaus zu werfen. Die Journale haben\ngut reden von Adlern, die zur Sonne fliegen, von neu auf-\nerstandenen Zauberern, wie Orpheus: wir halten uns an\ndie Thatsachen!\"\"— !\nEin bemerkenswerther Fortschritt zeigt sich dagegen\nin Bezug auf die Instrumentalmusik, freilich nicht in\nder Composilion, aber doch in der Würdigung derselben\nund in der wachsenden Liebhaberei dafür. Noch merk-\nwürdiger ist es, dass es nicht die rauschende, vollstimmige\nOrchestermusik ist, welche in den bedeutenderen Städten\ngepflegt zu werden beginnt, denn die Beethoven'schen\nSinfonieen sind dem grossen Publicum noch ganz unbe-\nkannt, sondern die Kammermusik, die Trio's und\nQuartette für Geigen-Instrumente und auch, doch bei\nWeitem nicht vorherrschend, für Pianoforte und Saiten-\nInstrumente.\nDer erste Verein für Kammermusik war die\ndi Quartettoin Florenz. Er wurde 1861 gegründet,"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "130", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650429-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5383, "texte": "hatte ausserordentlichen Erfolg und ist in stetem Wach-\nsen begriffen. Sie gibt den Winter hindurch zehn Matineen\nan Sonntagen, welche sehr besucht sind. Ihre Mitglieder\ntheilen sich in Protettori und Ordinarj. Die Protettori in\nFlorenz zahlen einen jährlichen Beitrag von 30 Lire, die\nim Königreiche Italien von 18 Lire, die im Auslande von\n20 Lire; die gewöhnlichen Mitglieder zahlen in Florenz\nmonatlich 1 Lira 20 C., in Italien 15 Lire jährlich. Die\nProtettori erhalten vier Eintrittskarten für jede Mattinata,\ndie Ordinarj eine. Ausserdem und das ist sehr wichtig\nfür die ausgedehntere Wirksamkeit des Vereins hat\nderselbe seine besondere musicalische Zeitung: Boc-\ncherini (nach dem Componisten B. so betitelt), giornale\nmusicale per la Societä del Quartetto im Verlage des\nMusicalienbändlers G. G. Guidi. Dieses Blatt erscheint alle\nvierzehn Tage und jedes Vereins-Mitglied erhält es um-\nsonst. Im gegenwärtigen vierten Jahre des Bestehens der\nGesellschaft empfängt jedes Mitglied im In- und Auslande\nebenfalls umsonst acht in Taschen-Format gedruckte\nPartituren folgender classischer Werke: Boccherini,\nQuintett— Haydn, Quartett Op. 76 in D-moll Mo-\nzart, Quintett in G-moll—Beethoven, Trio für Piano-\nforte u. s. w. Op. 97 in Bdur—Beethoven, Quartett\nOp. 74—Hummel,-Quintett für Pianoforte u. s. w. in\nEs-moll—Mendelssohn, Quartett für Pianoforte u.s. w.\nin F-moll—Mendelssohn, Quintett in B-dur.\nDas ist in der That aller Ehren werth. Eine zweck-\nmässige Speculation mag es auch sein, dass die Namen\nder Protettori nicht bloss in die musicalische Zeitung der\nGesellschaft einregistrirt, sondern auch jedem Exemplare\nder acht Partituren vorgedruckt werden.\nDer Professor Abraham Bavesi, Mitglied des kö-\nniglichen Istituto Musicale zu Florenz, hat für das Jahr\n1865 auf seine Kosten eine Preisbewerbung ausge-\nschrieben, bei welcher Italiäner und Ausländer con-\ncurriren können*). Aufgabe ist die Composition eines\nQuartetts für Pianoforte, Violine, Alt und Vio-\nloncell. Der erste Preis beträgt 400 L. (Francs), der\nzweite 200 L. Das Quartett muss vier getrennte Sätze\nenthalten, noch nicht gedruckt sein, und muss in leser-\nlicher Handschrift sowohl in Partitur als in den ein-\nzelnen Stimmen an das Secretariat des Instituts (alla\nSegreteria dell' Istituto) zu Florenz portofrei eingesandt\nwerden. Termin bis zum 31. August 1865, 4 Uhr\nNachmittags. Versiegeltes Motto u. s. w., wie gewöhnlich.\nDen Richterspruch fällt die Accademia musicale des In-\nstituts.— Die gekrönten Manuscripte verbleiben dem Insti-\ntute als Eigenthum zum Zwecke der Aufführung in seinen\nConcerten. Herr Bavesi behält sich eine Abschrift für\nseinen Privatgebrauch vor, so wie das Recht, die Erlaub-\nniss zum Abdruck der gekrönten Werke in der (oben ge-\nnannten) Partitur-Taschen-Ausgabe zu geben und sie in\nder „Quartett-Gesellschaft von Florenz\" aufführen zu\nlassen. Ausserdem behält der Autor sein Besitzrecht.\nDas Institut hat aus seinen eigenen Mitteln auch\neinen Preis auf die beste Composition eines achtstimmigen\n0 salutaris hostia ausgesetzt, aber nur für Italiäner. Eben\nso die Quartett-Gesellschaften in Neapel und in Mai-\nland; von der letzteren hat im vorigen Jahre für ein\nYiolin-Quartett Antonio Bazzini den ersten, Franco\nFaccio den zweiten Preis erhalten.\nFlorenz besitzt ausserdem noch zwei Quartett-Vereine,\nwelche ebenfalls der classischen Musik gewidmet sind, und\neine Societä d'incorraggiamento dell' arte musicale, in de-\nren ebenfalls regelmässigen Sitzungen indessen mehr po-\npuläre Musik für Pianoforte, Violine u. s. w. gemacht\nwird.— Die älteste Gesellschaft ist die Societä per h stu-\ndio di Musica classica, von ihrem auch gegenwärtig noch\nthätigen Director Geremia Sbolzi vor 24 Jahren ge-\nstiftet und von dem berühmtesten Mäcenas Italiens, dem\nDuca di San demente,kräftig unterstützt. Durch die\nNebenbuhlerschaft des oben erwähnten Quartett-Vereins\n(Boccherini) ist sie von Neuem zu eifrigeren Leistungen\nerwacht, die jedoch bis jetzt in der Vocalmusik vorzüg-\nlicher sind, als in der Pianoforte- und Quartett-Musik.\nVon erslerer hörten wir im vorigen Monate (in ihrer 264.\nSitzung) ein dreistimmiges „Kyrie* a capella von Mar-\ncello, zwei Kirchenstücke von Mattei, ein Bruchstück\naus einem Stabat Mater von Raimoridi und ein Salve\nRegina von Salieri. Endlich existirt noch eine Societä\nFilarmonica, die vor Kurzem durch ein Wohllhätigkeits-\nConcert mehr von sich reden liess, als durch ihre sonsti-\ngen musicalischen Leistungen: es galt nämlich,eine Summe\nzusammenzubringen, um unseren jungen und besten Vio-\nlinisten Papini von der Conscription zu befreien und ihm\ndie Mittel zu einer Kunstreise zu verschaffen.\nDer genannte Künstler ist nicht zu verwechseln mit\ndem Componisten Pacini, der jetzt eine Cantate zu der\nFeier der Beisetzung von Bellini's Asche in Catania ge-\nschrieben hat. Wahre Curiosa sind seine Titel und Dedi-\ncationen: ein Capriccio für Piano, Violine und Violoncell,\ndedicato alla Repubblica di San Marino; ein anderes Cla-\nvier-Trio, überschrieben l'Eroe und einer Dame gewidmet.\nIn Mailand besteht jetzt im zweiten Jahre auch eine\nQuartett-Gesellschaft, welche ihr eigenes Journal hat\n(Giornale della Societä del quarund auch Preise für\nQuartette ausschreibt. Auch eine Art von Populär-Con-\n\n*) Den vorjährigen ersten Preis „Bavesi\" Latte Herr Lang-\nhans aus Hamburg, als tüchtiger Violinspieler bekannt, durch ein\nViol in-Quartett gewonnen."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "131", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650429-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 525, "texte": "certen mit Orchester ist dort versucht worden von einem\nMusik-Director, der zugleich Eigentümer des Saales ist.\nSein vorjähriges Orchester war erbärmlich, das gegenwär-\ntige soll, und mag freilich leicht, besser sein. Lucca,\nModena, Pisa, Neapel, Palermo, Messina haben\nähnliche Quartett-Cirkel. Im Ganzen genommen, sind das\nalles indess nur noch Anfänge, und es wird noch lange\ndauern, ehe das Volk, trotz seiner natürlichen musicali-\nschen Anlagen, einen Impuls zu einer gediegenen Ge-\nschmacksrichtung dadurch bekommt.\n\nA."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1865-04-29-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1865-04-29_01#c003", "volume": "bmtnabi_1865-04-29_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "131", "page_fin": "135", "image_debut": 3, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650429-01.2.3", "titre_corps": "Neuestes über die Charakteristik der Tonarten", "titre_sommaire": "Neuestes über die Charakteristik der Tonarten", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "131", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650429-01.1.3", "debut_caractere": 527, "fin_caractere_exclue": 5271, "texte": "Neuestes über die Charakteristik der Tonarten\n*).\n(Arrey von D omni er**) A. B. Marx.)\nBekanntlich hat man zwei Arten Temperaturen, un-\ngleichschwebende und gleichschwebende. Temperaturen\nüberhaupt werden nothwendig, indem die Octav stets rein\nausgeübt werden muss, daher die zwölf Quinten unseres\nTonsystems zusammenaddirt genau eine reine Octav betra-\ngen sollen, in Wirklichkeit aber einen Ueberschuss über\ndieselbe, das Pythagorische Komma, ergeben. Dieser Ueber-\nschuss darf nicht der Octav zur Last fallen, da diese stets\nmathematisch rein sein muss, auch nicht einer einzelnen\nQuint, welche dadurch völlig unbrauchbar würde; son-\ndern er muss auf die zwölf Quinten vertheilt werden. Un-\ngleichschwebende Temperaturen sind solche, in denen die-\nser Ueberschuss auf den vom Ausgangspunkte Cmehr und\nmehr sich entfernenden Theil der Quinten vertheilt wird,\ndie daher um so unreiner werden müssen, je reiner die\nersten Quinten intonirt sind. Folglich müssen auch die vom\nAusgangspunkte C mehr und mehr sich entfernenden Ton-\narten um so unreiner werden, je reiner die Stimmnng der\nihm zunächstliegenden ist. Demnach findet unter den Ton-\narten eine thatsächliche Verschiedenheit hinsichtlich der\nmehren oder minderen Reinheit ihrer Intervalle Statt.\nDie gleichschwebende Temperatur hingegen besteht in\nder völlig gleichmässigen Vertheilung des Pythagorischen\nKomma auf die zwölf Quinten, so dass also jede dieser\nQuinten um Ijt2 dieses Komma tiefer gestimmt wird.\nAus dieser völligen Gleichheit aller Quinten ergibt\nsich mit Notwendigkeit völlig gleiche Grösse aller gleich-\nartigen Intervallen-Verhältnisse sämmtlicher Tonarten: die\ngrosse oder kleine Secund, Terz, Sext u. s. W.ist in allen\nTonarten gleich gross, Verschiedenheit der Tonarten hin-\nsichtlich ihrer Intervallen-Verhältnisse kann daher (haisäch-\nlich nicht Statt finden.\nNichts desto weniger sprechen nicht nur manche\nAesthetiker und Theoretiker von besonderen charakteristi-\nschen Eigenschaften, welche die eine Tonart von der\nanderen, die eine »T/o/Z-Tonart von der anderen unterschei-\nden sollen, sondern es sieht auch ein jeder Componist sich\nveranlasst, für ein Tonstück gerade die eine und nicht eine\nandere Tonart zu wählen, weil er sie als der in demselben\nauszudrückenden Stimmung vorzugsweise entsprechend an-\nsieht, er setzt also das eine Tonstück in C-ntoll, nicht in\nD-, E- oder 0-moll, ein anderes in D-dur und nicht in\nH', oder C-duv, erkennt mithin den einzelnen Ton-\narten besondere Ausdrucksfähigkeit für die eine oder an-\ndere Stimmung und Leidenschaft zu.\nDiese Thatsache kennt Jedermann, die Ursache der-\nselben aber ist bis jetzt noch nicht aufgeklärt, so viel auch\nüber diesen Gegenstand geschrieben ist. Die theoretische\nUntersuchung leistet der Sache ganz und gar keinen Vor-\nschub; ungeachtet aller Phantasieen des genialen Schu-\nbart, so wieder Anerkennung, welche Schilling ihnen zu\n1 heil werden liess, indem er sie mit grösster Ungenirlheit\nabschrieb, und ungeachtet aller breiten müssigen Poetaste-\nrei, welche Marx am ungehörigen Orte (Gluck 11., 346\nIT.) an Stelle jeder Gründlichkeit diesem Gegenstande zu\nwidmen sich gedrungen fühlt, und ungeachtet der bei\nWeitem wichtigeren Thatsache, dass die Componisten ge-\nmeinhin wenigstens auf die Wahl der Haupt-Tonart Rück-\nsicht nehmen ), gesteht die Iheorie der ganzen Sache\nkeine Geltung zu und verwirft sie als unhaltbare Einbil-\ndung, womit sie nichts anzufangen vermag, da sie die voll-\nkommene innere Gleichheit aller Tonarten nachweist, der\nnur äusserlich localen Verschiedenheit blosser Höhe und\nTiefe aber keinen so wesentlichen Einfluss auf Charakte-\nristik zuerkennt. Als ganzer Ueberrest bleibt ein dunkeles\nund dem Componisten selbst eben so undeutliches und\nunerklärliches Gefühl, welches ihm für einen Tongedan-\nken die Tonart Fs-durund nicht zuweist, allenfalls\nverbunden mit der durch ungleichschwebende Tempera-\nturen veranlassten Vorstellung von einer mit der steigen-\nden Anzahl der Vorzeichnungen auch in gleichem Maasse\nwachsenden Gefärbtheit der Tonarten, im Gegensatze zu\nder Einfachheit und Farblosigkeit, welche man der keiner\n\n*) Vgl. die Artikel über denselben Gegenstand in historischer\nund ästhetischer Beziehung in der Niederrh. Musik-Zeitung\n3857, in den Nummern 17, 19, 22 und 23.\n**) Koch's musicalisches Lexicon. VII. S. 869.\n*) Wenn auch nicht immer. Ein bekanntes Beispiel vom Ge-\ngentheil ist, dass Mozart im Don Juan sowohl Leporello seine Ge-\nspensterfurcht, als Donna Anna (üeber Alles bleibst du theuer) die\nberuhigenden Zusicherungen fortdauernder Liebe, und Zerline ihre\nSchmeicheleien und Spässe in der nämlichen Tonart (F-dur) aus-\ndrücken lässt. [Vgl. unsere Zusammenstellungen aus Beethoven,\nNiederrh. Musik-Zeitung, 1857, Nr. 22. Die Redaction.]\nn"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "132", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650429-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5456, "texte": "Vorzeichnung bedürfenden {?-dW'-Tonart beizulegen leicht\nsich geneigt sieht, ungeachtet die Quinten und folglich das\nganze diatonische Verhältniss in genau die nämli-\nchen sind, wie in F-oder C-dtAllerdings haben diesel-\nben Töne, wenn sie in verschiedenen Tonarten auftreten,\nimmer andere Beziehungen zum Grundtone und zu einan-\nder; der Ton Gz. B. ist, der gleichschwebenden Tempe-\nratur ungeachtet, immer ein anderer, wenn er in C als\nQuint, in oder E als Terz, in D als Quart oder in A\nals Septime u. s. w. erscheint, indem das Gehör ihn un-\nwillkürlich immer anders auflasst und den diesen Inter-\nvallen eigentlich zukommenden natürlich reinen Verhält-\nnissen möglichst nahe bringt. Doch bleiben diese verschie-\ndenen Beziehungen des einzelnen Tones auf mehrere Ton-\narten wiederum in allen Tonarten-Kreisen dieselben; es\nist ganz gleichgültig, ob etwa die Tonart oder ir-\ngend eine andere als Haupt-Tonart angenommen wird,\ndieselbe Ausweichung klingt in einer Tonart genau wie\nin allen übrigen.\nSchubart, Aesthetik 377, sagt: „Jeder Ton ist ent-\nweder gefärbt oder ungefärbt. Unschuld und Einfalt drückt\nman mir ungefärbten Tönen aus, sanfte, melancholische\nGefühle mit P-Tönen, wilde und starke Leidenschaften\nmit Kreuztönen.\" Es mag verlockend sein, den in steigen-\nden Quinten vom Grundtone 0 immer mehr aufwärts sich\nentfernenden Tonarten wachsende Spannung, den in fallen-\nden Quinten abwärts sich wendenden P-Tönen Nachlassen\nder Spannung zuzuschreiben, doch ist die Sache rein äus-\nserlich; nur auf das Verhältniss von Ober- und Unter-Do-\nminant zur Tonica bezogen, hat sie einen Sinn, indem in\nder Wendung der Tonica nach der Unter-Dominant ein\ngewisses Nachlassen oder Fallen, nach der Ober-Dominant\nhingegen ein Anspannen oder Steigen der Bewegung aller-\ndings sich fühlbar macht. Aber dieses Steigen und Fallen,\noder wie man es sonst nennen will, als Charakterismus\neiner Tonart an sich anzusehen, gehl doch nicht gut an;\nj D-durz. B. als Ober-Dominant von ist in diesem Sinne\nsteigende, als Unter-Dominant von A hingegen fallende\nTonart. Man vergleiche, zu welch künstlicher Theorie\nder obige Ausspruch Schubart's von dem Ausdrucke sanf-\nter Empfindungen durch die B- und leidenschaftlicher\ndurch die Kreuztöne bei Marx (Gluck 11., 359) aufge-\nschwollen ist; das vorzeichnungslose C ist Indifl'erenzpunkt,\ndie von ihm nach rechts und links ausgehende und schritt-\nweise der Höhe und Tiefe zustrebende Folge der Kreuz-\nund P-Töne enthält einen „förmlich polaren Gegen-\nsatz\". „Auf der P/«s-Seite (worunter die Kreuz-Tonarten\nverstanden werden sollen) herrscht die wachsende Erregung,\nauf der Minus-Seite (die P-Tonarten) die nachlassende\nErregung. Erinnern wir uns nun, dass Höhe und Tiefe im\nTonwesen der Ausdruck für die grössere oder mindere\nSchnelligkeit der Schwingungen sind, so dürfen wir aller-\ndings wagen, die Pte-Seite im Tonreiche als Licht- oder\nTagseite, dieMinus-Seiie als Schatten - oder Nacht-\nseite zu bezeichnen. Wie Licht und Schatten, Tag und\nNacht, Wärme und Kälte, so stehen die beiden Seiten\nder tonischen (Tonarten-) Entwicklung einander gegenüber.\nUnd wie Licht und Wärme sich stufenweise steigern und\nherabstimmen, gerade so (mit zwei Ausnahmen) steigt und\nsinkt in der Tonreihe der Charakter des Lichtes und der\nWärme.\" Diese beiden Ausnahmen sind F§ und (P-dur,\nderen enharmonisches Zusammenfallen (also zugleich grosse\nHitze und strenge Kälte, grelles Licht und dicke Finster-\nniss) Herrn Prof. Marx doch einiges Bedenken erregt ha-\nben muss, daher denn Fs-dur „gleissend'', „zwei-\nfelhaft\" genannt wird. Setzt man den Quinten-Cirkel auf-\nund abwärts weiter fort, so muss man, bei der zwölften\nQuint angelangt, nach dem „Gesetze der Polarität\" des\nHerrn Marx das interessante Natur-Schauspiel haben, die\ngrösstmögliche Kälte und Finsterniss- von und die\nunausstehlichste Hitze und das blendendste Licht von H$\nals mit dem lndifferentismüs von 0 identisch zu erblicken.\nAuch der Einfluss ungleichschwebender Temperaturen\nauf Charakter-Eigenschaften der Tonarten ist ein nur ein-\ngebildeter; er erstreckt sich nicht weiter als auf Reinheit\nund Unreinheit. Eine Tonart klingt immer unreiner und\nfalscher, je mehr die Terzen abweichen und die Quinten\nschweben und tremuliren, woraus denn allerdings eine von\nder Ruhe und Klarheit reingestimmter Tonarten abwei-\nchende Dunkelheit und Gedrücktheit oder Spannung und\nHärte entspringt, die aber mehr als Unreinheit und Miss-\nklang, denn als ästhetischer Charakterismus sich geltend\nmacht. Man findet wohl noch hier und da eine\nschwebend temperirte Orgel, an der man von der Sache\nsich überzeugen kann. Uebrigens verleiteten diese Abwei-\nchungen, welche Scalen nach der ungleichschwebenden\nTemperatur allerdings unter sich aufweisen, auch denkende\nTheoretiker und Kunstrichter, den ungleicbschwebenden\nTemperaturen einen bedeutenden Vorrang vor der gleich-\nschwebenden einzuräumen, z. B. J. A. P. Schulz in Sul-\nzer's Theorie d. scb. K., auch Bameau, der aber später\nwieder davon abkam. So sahen sie z. B. die verschieden\ngestimmten Terzen als wichtige Hülfsmittel des musicali-\nschen Ausdruckes an; während die reine grosse Terz zur\nFreude stimme, könnten schärfere grosse Terzen aufregen,\nzum Zorne und zur Wuth entflammen; während die reine\nkleine Terz Wohlwollen und Zärtlichkeit erwecke, könne\ndie noch kleinere in Traurigkeit und Schwermutb versen-\nken. Doch abgesehen davon, dass dies immer rein äusser-\nliche Mittel des Ausdrucks wären, worauf eine entwickelte"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "133", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650429-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5288, "texte": "Kunst sehr wenig Werth legt, und ferner auch die Mög-\nlichkeit der praktischen Ausführung solcher Unterschei-\ndung der Intervalle im Gesänge angenommen, könnte man,\nda sie in der Harmonie nothwendiger Weise sehr falsch\nklingen müssen, höchstens nur im Nacheinander der Me-\nlodie und dann nur während Vollziehung einer Modulation\nGebrauch davon machen; denn sobald der Sänger die neue\nTonart erreicht hat, wird er ganz unwillkürlich die Inter-\nvalle in möglichster Reinheit zum Grundtone ausüben.\nMannigfache Producle anerkannt feinfühlender grosser\nTonsetzer tragen übrigens dazu bei, die Zweifel an der Be-\ndeutsamkeit der Tonarten-Charakteristik noch zu verstär-\nken, indem sie, wie vorhin schon von Mozart angeführt,\nsehr verschiedenartige Dinge wohl -mitunter in derselben\nTonart ausgedrückt haben.\n» f\\ *| * . j ä\nf j F\nUnter den Erklärungen, welche u. A. Mattheson\n(I. Orchester, 1713, S. 236 ff.), Schubart (Aeslhetik,\n1806, S. 377 ff), Schilling (Philos. d. Sch. i. d. M., S.\n440 ff.) und A. B. Marx (Gluck und die Oper, 1862;\n11. 365 ff.) von den Charakter-Eigenschaften der Tonarten\ngeben, finden sich denn auch die lustigsten Widersprüche,\nausser wenn die neueren Schriftsteller von den älteren sich\nRaths erholt haben. Es folgen einige Beispiele, unter ihnen\nwahre Musterbilder von Phrasen. C-dur. Mattheson:\n„hat eine ziemlich rudeund freche Eigenschaflt\" u. s. w.\nSchubart: „Ist ganz rein. Sein Charakter heisst Unschuld,\nEinfalt, Naivetät, Kindersprache.\" Marx: „Es ist indiffe-\nrent, gleich fern von der wachsenden Entzündung der\nKreuztöne als von den allmählich sich niedersenkenden\nkühleren Schatten-der i?-Töne, klar, wie der helle Tag,\naber ohne Sonnenglanz,-heiter, aber.ohne Theilnahme.\"\n• C-moll.Schubart: „Liebeserklärung,zugleich Klage\nder unglücklichen Liebe.\" Schilling: „Scheint die geeig-\nnetste Tonart zum Ausdrucke eines bestimmten höheren\nGefühls zu seim\"—E-dur. Mattheson: „Drücket eine\nverzweifflungsvolle oder gantz tödliche Traurigkeit unver-\ngleichlich wol aus; ist vor extrem verliebten hülff- und\nSachen am bequemsten, hat so was schnei-\ndendes, scheidendes, leidendes und durchdringendes, dass\nes mit nichts als einer fatalen Trennung Leibes und der\nSeelen verglichen werden mag.\" Schubart: „Lautes Auf-\njauchzen, lachende Freude und noch nicht ganzer, voller\nGenuss.\" Marx: „Funkelnd hell steigt mit durchgreifen-\nder Wärme E-dur empor, heiter und leuchtend wie lau-\nteres Gold. Noch ist ihm in keiner Composition vollgenü-\ngender Ausdruck geworden (!),auch in der Fidelio-Ouverture\nbei Weitem nicht. Wenn einmal in einer künftigen Oper\nOtto 111. in Rom die Kaiserkrone neu auf seinem jugend-\nlichen Haupte befestigt, könnte nur in seiner hei-\nteren Sonnenpracht erschallen.\" ')— Schubart:\n„Ein schielender Ton, ausartend in Leid und Wonne.\nLachen kann er nicht, aber lächeln; heulen kann er nicht,\naber wenigstens das Weinen grimassiren.\" Schilling:\n„Ein spielender /Ton, der da ausarten kann in Leid und\nWonne\" u. s. w. Marx: „Die Nacht mit ihren unheim-\nlich anfröstelnden Bildern, dergleichen im zweiten Satze\nder grossen F- moll-Sonate von Beethoven hervorschweben\naus der Tiefe, der Milde, der Verklärung sieb entgegen-\nheben und dann den Einsamen zurücklassen, hineingestos-\nsen in den rastlosen Sturm seines Lebens.\"\nSchilling: „Liefert ein Bild der Beruhigung und kann\nin seiner Durchschaulichkeit, wenn der Künstler das Ein-\n%\nfache nicht zu behandeln weiss, bis zum Bedeutungslosen\nherabsinken.\" Marx: „Angehellt und angewärmt,wie von\nder emportauchenden Sonne der junge Tag, wie die Ju-\ngendzeit bei dem ersten fröhlichen Ausschauen in das be-\nginnende Leben.\" G'^-dur.Schubart: „Triumph in\nder Schwierigkeit, freies Aufathmen auf überstiegenen Hü-\ngeln\" u. s. w. Marx: „Zweifelhalt.\" Ferner liegt in D-\nmoll nach Schubart schwermüthige Weiblichkeit, welche\nSpleen und Dünste brütet; drückt durch seine drei\nb die heilige Trias aus: ist Gräberton, Tod, Grab,\nVerwesung, Gericht, Ewigkeit liegen in seinem Umfange;\nFs-moll zerrt an der Leidenschalt, wie der bissige Hund\nam Gewände; G-mollenthält Missvergnügen, Unbehaglich-\nkeit, Zerren am verunglückten Plane, missmuthiges Nagen\nam Gebiss. (Nach Mattheson istG-mollder „allerschönste\nTon, der ungemeine Änmuth und Gefälligkeit mit sich\nführet\" u. s. w.)\nNicht ganz ohne Einfluss auf mehre oder mindere\nKraft der Klangwirkung ist die Stimmung der Orchester-\nInstrumente, indem dio Geigen-Instrumente in der einen\nTonart mehr leere Saiten haben, als in der anderen, und\ndie leeren Saiten kräftiger klingen, als die bedeckten. Eben\nso klingen manche Stimmungen einzelner Gattungen Blas-\ninstrumente weicher und runder, als andere, wie z. B.\nClarinetle, Doch bleibt dies immer von zu gerin-\ngem Einflüsse auf das Wesen der Tonart selbst, als dass\nBesultate sich herausstellen sollten, die jenen Mysticismus\nrechtfertigen. Denn eine Melodie klingt auf der 2?-Clari-\nnette eben so weich in Eb, wie in Foder B oder\nund wenn auch Accorde oder Figuren, in denen leere Sai-\nten vorkommen, stärker klingen, so ist diese Kraft nur eine\näusserlich materielle, wohnt nicht der Tonart an sich inne,\ndenn sonst müssten diese Unterschiede auch im Gesänge,\nauf dem Ciavier, oder wenn man die leeren Saiten vermei-\ndet, überhaupt svenn keine äusseren Einflüsse mitbestim-\n\n*) Marx, „Gluck\", 11., S. 267."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "134", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650429-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5270, "texte": "mend einwirken, hervortreten. Einem Zuhörer, der den\nCabelton nicht im Gedächtnisse hat, sonst aber reines und\ngebildetes musicalisches Gehör besitzt, wird es vollständig\ngleichgültig, sein, ob er ein Tonstück aus Ä? oder t\ngesungen hört, vorausgesetzt, dass die mehre Tiefe oder\nHöhe die Klangwirkung an sich nicht beeinträchtigt.\nHat nun A. B. Marx in seinem Excursus zu »Gluck\nund die Oper\" (Th. 11. S. 345—382) die Sache weiter\ngebracht? Auch nicht um einen halben Schritt weiter. Er\nphantasirt, wie Viele vor ihm, ohne diese zu nennen, tritt\nmithin in Schubart's und Hand's Fussstapfen. Dass ein\nVielschreiber nichts liest, ausser sich selbst, oft auch sich\nselbst nicht einmal liest, sondern sich nur schreibt, ist be-\nkannt; dass aber ein Schriftsteller über die Theorie der\nMusik, wie Marx, bei der Erörterung einer solchen Frage,\nwie die in Rede stehende, die Stimmen neuerer musicali-\nscher Aesthetiker, wie hier namentlich Z ammin er' s und\nVischer's, ganz ignorirt, weil ihre Gründe gegen seine\nAnsicht klarer und schlagender sind, als die seinigen da-\nfür, das ist denn doch stark. Aber vielleicht kennt er sie\ngar nicht. Eines ist so schlimm, wie das Andere.\nMan begreift überhaupt nicht, wie der ganze Anhang\nüber die Tonarten in ein Buch über »Gluck und die Oper*\nkommt. Marx fühlt das selbst und rechtfertigt den Anhang\n,1) dadurch, dass in Gluck's Werken so deutliche und\nreichliche Zeichen von charakteristischer Auffassung der\nTonarten sind, dass sie bei der Entwicklung seines künst-\nlerischen Charakters beachtet werden müssen, und 2) dass\nGluck einer der gewichtvollsten Zeugen in dieser Sache\nist.\" Warum diese Beachtung hinten nach kommt?\nAntwort: „Weil erst vom Orpheus an Gluck überhaupt\nCharakter bewährt!\" Nun lesen wir aber bei Marx\nselbst, was er nicht verhehlen konnte, da es zu offen-\nkundig ist, nach Folgendem: »Kein Componist von Cha-\nrakter wird sich dazu verstehen, seine Composition\nin eine andere Tonart zu versetzen\" die Anmer-\nkung: „Seltsamer Weise ist Gluck selber seinen\nCompositionen auch in Bezug auf die Tonart\nnicht treu geblieben, als er in Paris sie den fran-\nzösischen Ansichten und Ansinnen (!) gemäss umgestaltete.\"\nAlso die Franzosen müssen einmal wieder die Sünden-\nböcke sein, die Franzosen haben von Gluck „andere Ton-\narten\" verlangt, und Gluck hat ihrem „Ansinnen\" ge-\nmäss die Tonarten (im Orpheus und der Alceste) geän-\ndert! Das ist etwas ganz Neues! Und dennoch ist Gluck\n„einer der gewichtigsten Zeugen für die Charakteristik\nder Tonarten?\" Ei freilich, denn „die damaligen Aende-\nrungen haben so Vieles und Wichtiges betroffen, dass sie\nwenigstens keinen Beweis gegen die Charakter-Eigen-\nschaft der Tonarten abgeben\"! Diese überzeugende Logik\nist auf S. 362 zu lesen!\nMarx fühlt sich also bewogen, erstens eine „theore-\ntische Betrachtung\" über die Tonarten und zweitens eine\n„Anwendung derselben auf Gluck\" zu geben. Die erstere\numfasst 24 Seiten und ist ganz resultatlos; die zweite be-\nrührt in Kürze Orpheus, Alceste (beide nach den italiäni-\nschen Partituren), Paris und Helena und Iphigenia in Aulis.\nWarum Iphigenia auf Tauris, die herrlichste Schöpfung\nGluck's, nicht besprochen wird, bleibt unerklärt. Es wi-\nderfährt dabei Herrn Marx, was so Vielen bei demselben\nThema schon widerfahren ist, dass sie das relativ Cha-\nrakteristische der Tonarten in der Aufeinanderfolge der\nStücke und in der Modulation für absolut charakte-\nristisch nehmen.\nDie „Betrachtung\" stellt den Satz auf, dass das Cha-\nrakteristische der Tonart zuerst auf „Wahrnehmungen\"\nberuht, wozu Musiksinn u. s. w. gehört. „Tritt zu die-\nsen Wahrnehmungen noch ein auf wissenschaftlichem\nGrunde beruhender Nachweis, so ist die Behauptung hier-\nmit vollständig bewährt.\" (S. 352.) Unmittelbar\ndarauf folgt: „Dieser wissenschaftliche Nachweis über das\nCharakteristische ist aber zur Zeit nicht vollständig\nzu führen.\" Also: „Es ginge wohl, aber es geht nicht!\"\nWarum alsdann das Geschwätz darüber?\" —Eben so er-\nkennt der Verfasser, dass seine Annahme der „Polarität\nder Töne\" (siehe oben) und „der auf sie angewandte Be-\ngriff von Licht und Wärme vorerst (!) nur das Recht in\nAnspruch nehmen darf, eine Sache durch Parallelisirung\nmit einer anderen zu erläutern\". Was dem rationellen\nBeweise fehlt, „wird aufs ergiebigste durch Kunsterfah-\nrung ergänzt\" (S. 360). Das ist doch geradezu Kohl\nund heisst weiter nichts, als: „Was ich bei einer Tonart\nempfinde oder zu empfinden mir einbilde, das ist Kunst-\nerfahrung und beweist das, was wissenschaftlich nicht zu\nbeweisen ist.\" Geschwätz über Geschwätz!\nMehr zur Erheiterung als zur Erläuterung wollen wir\nzu den bereits oben von Dommer citirten noch einige\n„Wahrnehmungen und Kunsterfahrungen\" von Marx an-\nführen.\nC-dur„ist indifferent, gleich fern von der wachsenden\nEntzündung der Kreuztöne als von den allmählich sich nie-\ndersenkenden kühleren Schatten der i?-Töne, klar wie der\nhelle Tag, aber ohne Sonnenglanz, heiter, aber ohne Theil-\nnahme. Beispiele Beethoven's grosse Sonate und seine I.\nSinfonie.\" Also das Finale der V. Sinfonie „ohne Sonnen-\nglanz\" ! Und obgleich C-dur „ohne Theilnahme\", so hindert\ndas Marx doch nicht, diese Tonart in der Arie: Che fara\nsensa Euridice, zu rechtfertigen: „Diesem Orpheus, dem,\nwie es scheint, die letzte Stunde gekommen, musste (!)"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "135", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650429-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2133, "texte": "im qualvollsten Augenblicke, ehe er die Hand zum Ster-\nben hebt, ihr Bild in heller, reiner Holdseligkeit aufgehen\n—es lächelt ihm noch einmal zu\" u. s. w.\nDieses „Müssen\", ein Lieblings-Ausdruck der ästhe-\ntischen Rückwärtsschauer und musicalischen Mysterien-\npriester, wiederholt sich bei Marx bis zum Komischen.\nPasst etwa das C-dur bei Orpheus' Erscheinen in der Un-\nterwelt nicht zum Marx-Charakter der Tonart? 0 nein:\n-„Die Lyra kündigt sich helltönend an in der Nacht ewi-\nger Klage: es musste C-dur sein.\" (S. 372.)\n„Die Ouvertüre zur Alceste musste in ge-\nschrieben werden, weil sie die erste zu einer Tragödie war\nund an die antike tragische Maske erinnert.\" Alceste's\nerste Arie „strömt die Fülle ihres milden und kräftigen\nWesens aus: das musste B-dur sein\" (375). „Die Ent-\nflohenen kommen wie beschämte Kinder in\nrück: der Alltagsspruch, womit sie sich rein waschen\nwollen, kann nur C-dur sein.\" (!)\nDass die Entflohenen wie „Kinder\" zurückkehren,\nliegt am G-mott;denn Grundsatz ist: „Jede\nist die Umwandlung ihrer Durin dem Sinne des\ngegenüber dem j9wr-Geschlechle\" (S.\n369). Nun ist aber G-dur„angehellt und angewärmt, wie\nder junge Tag, kindlich froh, der Gleichgültigkeit des\nindifferenten C-dur enthoben\" (S. 366). Desswegen „singt\nAmor (im Orpheus) in G-dur,denn die Figur ist kind isch\"\n(S. 372).—Der zweite Volkschor (Alceste) steht in\n„weil das Volk kindlich an seinem Herrscherpaare\nhängt\".— „Der Opferzug mit Bräuchen aus uralter Kin-\nderzeit bewegt sich in kindlicher Frömmigkeit in\ndur.\" „Das Orakel ertönt, wie mit heimlicher Gluth\nbrennend, in H-moll: darin setzt auch der Chor wieder\nein, aber bald reisst die kindische helle Angst Alles in\nScheu und Flucht nach G-dur.\" (!)\nDoch wir wollen schliessen. Nur noch ein Prachtstück\nvon Tonarten-Deutungskunst auf S. 380: „Im kindli-\nchen G-dur stürmt der Chor der Krieger heran\n(Ipbigenia in Aulis), Kalcbas vor sich her drängend. Krie-\nger haben immer etwas von Kindern an sich, die Sorglo-\nsigkeit, den Unbedacht, die gedankenlose Lust; hier haben\nsie ihren Muthwillen an Kalchas' Bedrängniss.\" —Da hört\nAlles auf! Die Armee und Gluck mögen sich bedanken!"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1865-04-29-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1865-04-29_01#c004", "volume": "bmtnabi_1865-04-29_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "135", "page_fin": "135", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650429-01.2.4", "titre_corps": "Aufruf, die Bach-Orgel in der St. Bonifaciuskirche (Neuekirche) zu Arnstadt betreffend", "titre_sommaire": "Aufruf, die Bach-Orgel in der St. Bonifaciuskirche (Neuekirche) zu Arnstadt betreffend", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "135", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650429-01.1.7", "debut_caractere": 2135, "fin_caractere_exclue": 3965, "texte": "Aufruf,\ndie Bach-Orgel in der St. Bonifaciuskirche (Neuekirche)\nzu Arnstadt betreffend\n*).\nDie genannte Orgel ist ursprünglich nicht nur aus der\ngeschickten Hand des Orgelbauers Wender zu Mühlhau-\n*) Vgl. Niederrh. Musik-Zeitung 1861 Nr. 3? 1862 Nr. 36.\nsen im Jahre 1703 hervorgegangen, sondern hat für die\ngesammte musicalische Welt darum ein hohes Interesse,\nweil Job. Seb. Bach durch sein Spiel ihr die Weihe gab\nund sie in seiner amtlichen Stellung vom 1. Juli 1703\nbis dahin 1707 benutzte. Das denkwürdige Instrument\nmachte vor wenigen Jahren eine Wiederherstellung nölhig,\ndie in möglichst vollkommener Weise so geschehen musste,\ndass dasselbe zugleich ein Denkmal werde für J. S. Bach.\nEin im Jahre 1861 erlassener Aufruf an die musicalische\nWelt gewährte nächst der nennenswerthen Beisteuer un-\nseres erhabenen Fürstenhauses und unserer kleinen Stadt\ndie erforderlichen Mittel so weit, dass dem Orgelbauer\nJulius Hesse aus Dachwig bei Erfurt die Ausführung\nübertragen werden konnte. Schon gibt das bis jetzt Ge-\nschehene rühmliches Zeugniss von der Meisterschaft des\nHerrn Hesse; aber auch schon lässt sich vollständig über-\nsehen, dass die vorhandenen Gelder die erforderlichen Mit-\ntel noch lange nicht decken.\nAlle Freunde der Musik und Verehrer Bach's, so wie\ndie Concert-Directionen und Musik-Vereine in und ausser\nDeutschland werden daher noch einmal ersucht, durch\nEinsendung von Beiträgen zu einer würdigen Vollendung\ndes Bach-Denkmals geneigtest beitragen zu wollen.\nEine Gedenktafel an dem Bach-Denkmale wird künf-\ntig jedem Beschauer und Hörer laut und rühmlich mit\nden Worten entgegentreten: „Dies sind die Namen der\nEdlen, welche das Gedächtniss des grössten Meisters der\nTöne, Job. Seb. Bach's, ehrten und würdig erneuerten.\"\nArnstadt, in Thüringen, 1865.\nHeinrich Bernhardt Stade.\nStadtcantor und Organist."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1865-04-29-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1865-04-29_01#c005", "volume": "bmtnabi_1865-04-29_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "135", "page_fin": "136", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650429-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "135", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650429-01.1.7", "debut_caractere": 3967, "fin_caractere_exclue": 5273, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nÄolll. Herr Walter hat sein Gastspiel als Lionel in Flo-\ntow's und als George Brown in Boieldieu's „Die weisse\nDame\" fortgesetzt. In beiden Rollen hat er die herrlichen Eigen-\nschaften seines Talentes so vortrefflich bewährt, dass, wenn auch\nder Sänger den Schauspieler überragt, doch beide in ihm sich zu\neiner künstlerischen Erscheinung vereinigen, welche zu jeder Zeit\nden Kunstfreund erfreuen und mit wahrer innerer Befriedigung er-\nfüllen würde, in unseren Tagen aber, wo die Tenor stim m e n und\nnoch mehr die Tenorsänger immer seltener werden, einen so über-\nraschenden Genuss darbietet, wie der Anblick eines vollen Blüthen-\nbauines auf dürrer Haide. Walter gehört nicht zu den Meteoren, die\nzündend leuchten, wie man das mit Recht von Niemann sagen kann,\nsondern sein Talent ist dem milden Glänze eines Gestirns vergleich-\nbar, der nicht blendet, aber erwärmt und die schlummernden Em-\npfindungen des Gemüthes weckt, so dass sie in uns jenes Wohlge-\nfallen und jenes innige Behagen verbreiten, welches nur durch das\nSchöne, wo und wie es auch erscheint, im Menschen erregt wird\nund eben so wenig zu beschreiben ist, wie der Zauber der Farbe\noder des Tones. In dieser Hinsicht kann man Walter die Ergänzung\nvon Niemann nennen, und wie Niemann, der zugleich von einem"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "136", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650429-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 6972, "texte": "hervorragenden Darstellungs-Talenie unterstützt wird, keinen eben-\nbürtigen Nebenbuhler in gewissen heroischen Köllen hat, so ist Wal-\nter jedenfalls jetzt der einzige deutsche Tenor, der die schönste\nSchöpfung des französischen Genie's eines Böieldieu, die Rolle des\nGeorge Brown, in ihrem wahren Geiste aufzufassen und wiederzu-\ngeben weiss, und wenn man ihn in süddeutschen Blättern den „deut-\nschen Hoger\" genannt hat, so können wir darin in Bezug auf diese\nLeistung durchaus keine Uebertreibung erkennen. Die Eleganz und\nFeinheit des Gesanges, die correcte und zu dem weichsten Ligato\nabgerundete Coloratur, der vortreffliche Tonansatz, der allein schon\nden Kenner erfreut, weil er ihn nur selten noch zu hören bekommt,\ndas schöne Maasshalten in der Steigerung und Senkung des Aus-\ndrucks, der sich eben so wenig je überbietet, als auf der anderen\nSeite zu affectirter Geziertheit seine Zuflucht nimmt, und das alles\nim anmuthigen und reizenden Gewände der Natürlichkeit, so dass\nin dem Zuhörer auch nicht das leiseste Gefühl von irgend einer\nAnstrengung des Sängers aufkommt das sind V orzüge, deren\nVerein nicht leicht sich in einem Sänger zusammenfindet, und wie\nauch unser Publicum die trefflichen Leistungen des Künstlers zu\nwürdigen weiss, zeigten die lebhaften Ovationen durch stürmischen\nApplaus und wiederholten Hervorruf.\nIn Meyerbeer's „Robert der Teufel4 hat uns Herr Walter ge-\nzeigt, dass er in Gesang und Spiel auch der heroischen Tenor-Partie\nvollkommen gewachsen ist: es offenbarte sich in der Durchführung\nder Rolle des Robert bei ihm in hohem Grade jene Fähigkeit, zu\nindividualisiren, die wir vom dramatischen Sänger verlangen und die\nnicht bloss im Ausdrucke, sondern selbst schon in der Modification\ndes Stimmklanges hervortritt, so dass alle diejenigen unter den Zu-\nschauern, die ihn als Lionel und George Brown gehört hatten, förm-\nlich überrascht wurden von der Kraft der Stimme und der energi-\nschen Betonung des Vortrages, indem Herr Walter in dieser Partie\noft die hohen Töne mit der Bruststimme nahm und nur in den wei-\ncheren Stellen, wie z. B. im Terzett ohne Begleitung, von seinem\nschönen Falset Gebrauch machte. Noch in höherem Grade entfaltete\ner alle die Mittel der Natur und Kunst, die ihm zu Gebote stehen,\nin der Rolle des Manrico in Verdi's „Trovatore\", welche wir noch\nnie in dieser Vollendung gehört haben, weil sich nur höchst selten\nein Organ findet, bei dem die weiche Rundung des Tones eben so\nleicht und sympathisch anspricht, wie die Kraft und ausgiebige Ton-\nfülle in den Stellen von heroischem Charakter imponirt. Der Künst-\nler erregte eine wahre Begeisterung, die sich in dem rauschendsten\nApplaus, Hervorruf und Dacapo-Rai offenbarte.\nIn der sechsten Soiree für Kammermusik im Hotel\nDisch am 42(i. d. Mts. hörten wir ein Violin-Quartett in O-dur von\nHaydn und eines in D-moll von Mozart, und das Ciavier-\nQuartett Op. G von F. Gernsheim, in letzterem die Ciavier-\nPartie mit grosser Virtuosität vom Componisten vorgetragen. Die\nComposition hatte bei dem hier vorherrschenden Geschmacke an\ndem Stile der classischen Periode einen schweren Stand zwischen\nzwei vorzugweise durch Einfachheit und Durchsichtigkeit der thema-\ntischen Arbeit und durch melodiöse Motive ansprechenden Werken\nder älteren Meister. Wir haben schon bei früheren Werken des\nHerrn Gernsheim sein Talent mit Vergnügen anerkannt und sind\nauch von dieser günstigen Meinung durch die Anhörung des Quar-\ntetts, das uns neu war, keineswegs zurückgekommen, eben so wenig\naber auch von dem Wunsche, dass dieses Talent nicht vorzugsweise\neine Richtung verfolgen möchte, deren Verhältniss zur form- und\nmaassvollen Schreibart und dem melodischen Flusse der älteren\ngrossen Meister uns vielleicht dieses Mal durch die zufällige Zusam-\nmenstellung der genannten drei Quartette schroffer erschienen sein\nmag, als es in der That ist.\nAaclien. Ueber das letzte Abonnements-Concert der\nSaison, dessen Programm die achte Sinfonie von Beethoven, die\n„Walpurgisnacht\" von Mendelssohn und ein Te Deuinx von J_\nHaydn enthielt, und welches das erste war, das Herr F. Breunung\ndirigirte, sprechen sich die hiesigen Blätter unter Anderem folgender\nMaassen aus: „ Es hiesse Eulen nach Athen tragen, wenn wir\nuns über den Werth der Werke äussern wollten; wir erwähnen sie\ndesshalb nur und fügen hinzu, dass deren Ausführung vollkommen\nwar, dass unser Orchester und unsere Sänger den grössten Eifer ent-\nfalteten und den Beweis wahrer Hingebung lieferten, um die Befähi-\ngung unseres neuen Musik-Directors Herrn Breunung in das hellste\nLicht zu setzen, der seine Functionen unter den günstigsten Anzei-\nchen antrat und in dem wir einen festen, sicheren und imposanten\nLenker namentlich durch seine zuversichtliche Ruhe kennen lernten.\nDie Auffassung der Sinfonie namentlich ist des höchsten Lobes werth\nund gab uns das Werk in seiner ganzen Prachtfülle wieder. Die\nHerren Ackcns und Göbbels waren trefflich disponirt und lösten\nihre dankbare Aufgabe mit jenem Talente, das wir an ihnen gewohnt\nsind. Namentlich in dem erhabenen Solo des erschütterten Priesters,\nmachte Herr Ackens seine klangreiche Stimme und seinen schönen\nAusdruck geltend. Herr Winkelhaus erwies sich in Spohr's zwölf-\ntem Concerte als gewandten Violinisten.\" (Echo d. Gegenw.) Ferner:.\n„Die Begeisterung der Mitwirkenden bei der achten Sinfonie, die\nsorgfältige Accentuirung vom geräuschvollen Tutti bis zum weichsten\nPiano, in Einem Worte: alle Vorzüge, deren ein Orchester fähig ist,\nvereinten sich, um die Gedanken des Meisters in der würdigsten\nWeise wiederzugeben. Der Vortrag derselben, der unserem neuen\nCapellmeister Herrn Breunung sowohl wie dem wackeren Orchester\nzur grössten Ehre gereicht, darf in Bezug auf Präcision und Aus-\ndruck und namentlich auf Nuancirung zu den besten Ausführungen\nBeethoven'scher Werke gezählt werden, die wir jemals in unserer\nStadt gehört. Eben sowohl müssen wir den Mitwirkenden in Men-\ndelssohns reizender Walpurgisnacht, Gängern wie Instrumentalisten,\nunsere aufrichtige Anerkennung zollen. Das Orchester war volL\nSchwung, von dem grossartigen Einsätze der Ouvertüre an bis zu\nder schönen Entfaltung all seiner Kräfte im Finale, und unsere Da-\nmen verdienen insbesondere unseren Dank für den Eifer und Enthu-\nsiasmus, durch welchen es ihnen gelang, wenn auch in kleiner An-\nzahl, gegen die Gewalt des anzukämpfen. Die Herren\nGöbbels und Ackens hatten grossen Antheil an dem Gelingen\ndes Ganzen; der Erstere sang die Partie des jungen Druiden mit\nvielem Feuer, der Andere entwickelte in der hochliegenden Bariton-\nPartie seine schöne Stimme mit Kraft und Innigkeit. Wir dürfen\nnicht sagen, dass Haydn's Te Deum besser in eine Kirche gepasst\nhaben würde; da das Orchester aus den unseren verbannt und.\ndurch eine Musik ersetzt ist, welche, wie wir uns am Gründonners-\ntage im Münster zu überzeugen Gelegenheit hatten, sicher nicht\nzur Erbauung beiträgt, so ist es richtig, dass man die Kirchenmusik\nvon Zeit zu Zeit in den Concerten zulässt.\" (Aach. Zeitung.)"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "129", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650429-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nDie Musik in Italien. Von A. Neuestes über die Charakteristik der Tonarten (Arrey von Dorumer A. B. Marx).\nAufruf, die Bach-Orgel in der St. Bonifaciuskirche (Neuekirche) zu Arnstadt betreffend. Tages- und U n ter haltungs b 1 a 11\nGastspiel von Gustav Walter im Stadttheater, sechste Soiree für Kammermusik Aachen, letztes Abonnements-Concert, dirigirt von Herrn\nFerdinand Breunung). j\n\nDie Musik in Italien.\n\nFlorenz, Ende März 18ß5.\nDie vorurtheilsfreien Kunstfreunde und musicalischen\nSchriftsteller in Italien bekennen, dass der Verfall der\nTonkunst in dem schönen Lande, welches einst durch\nseine grossen Tonsetzer und Sanger der Lehrer von Eu-\nropa war, immer offenbarer wird. Um ihn aufzuhalten\nund wo möglich eine neue musicalische Aera anzubahnen,\nfehlt es nicht an aufopfernden Bestrebungen einzelner\nhochherziger Kunstgönner, an Gründung von Zeitschriften\nund von musicalischen Vereinen, Ausschreibung von Prei-\nsen und ähnlichen Versuchen, dem herabrollenden Rade\ndes Schicksals der Kunst in die Speichen zu fallen: allein\nnach den Erfahrungen in allen Ländern und Zeiten sind\ndie meisten von diesen äusseren Anregungen höchstens im\nStande, auf Augenblicke hier und da Palliativmittel gegen\ndas Uebel zu liefern, die Radicalcur kann aber nur das\nGenie bewirken, und für dieses scheint der sonst so frucht-\nbare Boden Italiens seine Kraft erschöpft zu haben. Zwar\nwerden noch Opern genug geschrieben und kommen auch\nzur Aufführung, weil das Publicum von jeder Theater-\nDirection noch immer verlangt, dass sie nach alter Weise\neine neue Oper und seit vielen Jahren schon auch ein\nneues Ballet für die Stagione bringe: allein sie ver-\nschwinden nach der ersten oder zweiten Vorstellung wie-\nder, weil die Italiäner einen so genannten Succes d'estime\nso gut wie gar nicht kennen und entweder enthusiastisch\nund, wie es jetzt heisst, „frenetisch\" bewundern, oder un-\nbarmherzig und höchst unzweideutig verdammen. Dage-\ngen begnügen sie sich dann, wenn sie wieder einmal eine\nNeuigkeit todt gemacht haben, mit den Wiederholungen\ndes alten Repertoires, wobei denn auch Uebertragungen\nfranzösischer und deutscher Opern mit aushelfen, wie\nMeyerbeer's »Robert\" und „Der Prophet\", Flotow's\n„Martha\", Gounod's „Faust\" u. s. w. Letzterer ist übri-\nGens neulich sogar in Rom auf dem Apollo-Theater als\nMargherita gegeben worden, aber durchgefallen.\nDass es auch in Italien, wie jetzt in Frankreich, Leute\ngibt, die da glauben, dass der Kunst durch Verordnungen\nder Behörden aufzuhelfen sei, beweist unter Anderem die\nNachricht aus Neapel, die wir in einer der letzten Nummern\nder musicalischen Zeitung „II Pirata\" (in Turin) finden.\n„Die musicalische Gesellschaft von Neapel hat allen\nphilharmonischen Vereinen der Halbinsel den Vorschlag\ngemacht, alle Stadträthe dahin zu bringen, eine gemein-\nsame Anstrengung gegen den einreissenden Verfall der\nTonkunst in Italien zu machen. Zu diesem Zwecke sollen\ndie städtischen Behörden den Theater-Directoren die Pflicht\nauferlegen, in jeder Saison ein Werk von solchen jungen\nComponisten aufzuführen, die sich dazu melden werden.\nDer Gedanke mag ganz gut gemeint sein, aber die Direc-\ntoren werden s'agen: „ „Da diese neuen Maestri fast immer\nFiasco machen, so kann man uns nicht zumuthen, unser\nGeld zum Fenster hinaus zu werfen. Die Journale haben\ngut reden von Adlern, die zur Sonne fliegen, von neu auf-\nerstandenen Zauberern, wie Orpheus: wir halten uns an\ndie Thatsachen!\"\"— !\nEin bemerkenswerther Fortschritt zeigt sich dagegen\nin Bezug auf die Instrumentalmusik, freilich nicht in\nder Composilion, aber doch in der Würdigung derselben\nund in der wachsenden Liebhaberei dafür. Noch merk-\nwürdiger ist es, dass es nicht die rauschende, vollstimmige\nOrchestermusik ist, welche in den bedeutenderen Städten\ngepflegt zu werden beginnt, denn die Beethoven'schen\nSinfonieen sind dem grossen Publicum noch ganz unbe-\nkannt, sondern die Kammermusik, die Trio's und\nQuartette für Geigen-Instrumente und auch, doch bei\nWeitem nicht vorherrschend, für Pianoforte und Saiten-\nInstrumente.\nDer erste Verein für Kammermusik war die\ndi Quartettoin Florenz. Er wurde 1861 gegründet,"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "130", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650429-01.1.2", "texte": "hatte ausserordentlichen Erfolg und ist in stetem Wach-\nsen begriffen. Sie gibt den Winter hindurch zehn Matineen\nan Sonntagen, welche sehr besucht sind. Ihre Mitglieder\ntheilen sich in Protettori und Ordinarj. Die Protettori in\nFlorenz zahlen einen jährlichen Beitrag von 30 Lire, die\nim Königreiche Italien von 18 Lire, die im Auslande von\n20 Lire; die gewöhnlichen Mitglieder zahlen in Florenz\nmonatlich 1 Lira 20 C., in Italien 15 Lire jährlich. Die\nProtettori erhalten vier Eintrittskarten für jede Mattinata,\ndie Ordinarj eine. Ausserdem und das ist sehr wichtig\nfür die ausgedehntere Wirksamkeit des Vereins hat\nderselbe seine besondere musicalische Zeitung: Boc-\ncherini (nach dem Componisten B. so betitelt), giornale\nmusicale per la Societä del Quartetto im Verlage des\nMusicalienbändlers G. G. Guidi. Dieses Blatt erscheint alle\nvierzehn Tage und jedes Vereins-Mitglied erhält es um-\nsonst. Im gegenwärtigen vierten Jahre des Bestehens der\nGesellschaft empfängt jedes Mitglied im In- und Auslande\nebenfalls umsonst acht in Taschen-Format gedruckte\nPartituren folgender classischer Werke: Boccherini,\nQuintett— Haydn, Quartett Op. 76 in D-moll Mo-\nzart, Quintett in G-moll—Beethoven, Trio für Piano-\nforte u. s. w. Op. 97 in Bdur—Beethoven, Quartett\nOp. 74—Hummel,-Quintett für Pianoforte u. s. w. in\nEs-moll—Mendelssohn, Quartett für Pianoforte u.s. w.\nin F-moll—Mendelssohn, Quintett in B-dur.\nDas ist in der That aller Ehren werth. Eine zweck-\nmässige Speculation mag es auch sein, dass die Namen\nder Protettori nicht bloss in die musicalische Zeitung der\nGesellschaft einregistrirt, sondern auch jedem Exemplare\nder acht Partituren vorgedruckt werden.\nDer Professor Abraham Bavesi, Mitglied des kö-\nniglichen Istituto Musicale zu Florenz, hat für das Jahr\n1865 auf seine Kosten eine Preisbewerbung ausge-\nschrieben, bei welcher Italiäner und Ausländer con-\ncurriren können*). Aufgabe ist die Composition eines\nQuartetts für Pianoforte, Violine, Alt und Vio-\nloncell. Der erste Preis beträgt 400 L. (Francs), der\nzweite 200 L. Das Quartett muss vier getrennte Sätze\nenthalten, noch nicht gedruckt sein, und muss in leser-\nlicher Handschrift sowohl in Partitur als in den ein-\nzelnen Stimmen an das Secretariat des Instituts (alla\nSegreteria dell' Istituto) zu Florenz portofrei eingesandt\nwerden. Termin bis zum 31. August 1865, 4 Uhr\nNachmittags. Versiegeltes Motto u. s. w., wie gewöhnlich.\nDen Richterspruch fällt die Accademia musicale des In-\nstituts.— Die gekrönten Manuscripte verbleiben dem Insti-\ntute als Eigenthum zum Zwecke der Aufführung in seinen\nConcerten. Herr Bavesi behält sich eine Abschrift für\nseinen Privatgebrauch vor, so wie das Recht, die Erlaub-\nniss zum Abdruck der gekrönten Werke in der (oben ge-\nnannten) Partitur-Taschen-Ausgabe zu geben und sie in\nder „Quartett-Gesellschaft von Florenz\" aufführen zu\nlassen. Ausserdem behält der Autor sein Besitzrecht.\nDas Institut hat aus seinen eigenen Mitteln auch\neinen Preis auf die beste Composition eines achtstimmigen\n0 salutaris hostia ausgesetzt, aber nur für Italiäner. Eben\nso die Quartett-Gesellschaften in Neapel und in Mai-\nland; von der letzteren hat im vorigen Jahre für ein\nYiolin-Quartett Antonio Bazzini den ersten, Franco\nFaccio den zweiten Preis erhalten.\nFlorenz besitzt ausserdem noch zwei Quartett-Vereine,\nwelche ebenfalls der classischen Musik gewidmet sind, und\neine Societä d'incorraggiamento dell' arte musicale, in de-\nren ebenfalls regelmässigen Sitzungen indessen mehr po-\npuläre Musik für Pianoforte, Violine u. s. w. gemacht\nwird.— Die älteste Gesellschaft ist die Societä per h stu-\ndio di Musica classica, von ihrem auch gegenwärtig noch\nthätigen Director Geremia Sbolzi vor 24 Jahren ge-\nstiftet und von dem berühmtesten Mäcenas Italiens, dem\nDuca di San demente,kräftig unterstützt. Durch die\nNebenbuhlerschaft des oben erwähnten Quartett-Vereins\n(Boccherini) ist sie von Neuem zu eifrigeren Leistungen\nerwacht, die jedoch bis jetzt in der Vocalmusik vorzüg-\nlicher sind, als in der Pianoforte- und Quartett-Musik.\nVon erslerer hörten wir im vorigen Monate (in ihrer 264.\nSitzung) ein dreistimmiges „Kyrie* a capella von Mar-\ncello, zwei Kirchenstücke von Mattei, ein Bruchstück\naus einem Stabat Mater von Raimoridi und ein Salve\nRegina von Salieri. Endlich existirt noch eine Societä\nFilarmonica, die vor Kurzem durch ein Wohllhätigkeits-\nConcert mehr von sich reden liess, als durch ihre sonsti-\ngen musicalischen Leistungen: es galt nämlich,eine Summe\nzusammenzubringen, um unseren jungen und besten Vio-\nlinisten Papini von der Conscription zu befreien und ihm\ndie Mittel zu einer Kunstreise zu verschaffen.\nDer genannte Künstler ist nicht zu verwechseln mit\ndem Componisten Pacini, der jetzt eine Cantate zu der\nFeier der Beisetzung von Bellini's Asche in Catania ge-\nschrieben hat. Wahre Curiosa sind seine Titel und Dedi-\ncationen: ein Capriccio für Piano, Violine und Violoncell,\ndedicato alla Repubblica di San Marino; ein anderes Cla-\nvier-Trio, überschrieben l'Eroe und einer Dame gewidmet.\nIn Mailand besteht jetzt im zweiten Jahre auch eine\nQuartett-Gesellschaft, welche ihr eigenes Journal hat\n(Giornale della Societä del quarund auch Preise für\nQuartette ausschreibt. Auch eine Art von Populär-Con-\n\n*) Den vorjährigen ersten Preis „Bavesi\" Latte Herr Lang-\nhans aus Hamburg, als tüchtiger Violinspieler bekannt, durch ein\nViol in-Quartett gewonnen."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "131", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650429-01.1.3", "texte": "certen mit Orchester ist dort versucht worden von einem\nMusik-Director, der zugleich Eigentümer des Saales ist.\nSein vorjähriges Orchester war erbärmlich, das gegenwär-\ntige soll, und mag freilich leicht, besser sein. Lucca,\nModena, Pisa, Neapel, Palermo, Messina haben\nähnliche Quartett-Cirkel. Im Ganzen genommen, sind das\nalles indess nur noch Anfänge, und es wird noch lange\ndauern, ehe das Volk, trotz seiner natürlichen musicali-\nschen Anlagen, einen Impuls zu einer gediegenen Ge-\nschmacksrichtung dadurch bekommt.\n\nA.\n\nNeuestes über die Charakteristik der Tonarten\n*).\n(Arrey von D omni er**) A. B. Marx.)\nBekanntlich hat man zwei Arten Temperaturen, un-\ngleichschwebende und gleichschwebende. Temperaturen\nüberhaupt werden nothwendig, indem die Octav stets rein\nausgeübt werden muss, daher die zwölf Quinten unseres\nTonsystems zusammenaddirt genau eine reine Octav betra-\ngen sollen, in Wirklichkeit aber einen Ueberschuss über\ndieselbe, das Pythagorische Komma, ergeben. Dieser Ueber-\nschuss darf nicht der Octav zur Last fallen, da diese stets\nmathematisch rein sein muss, auch nicht einer einzelnen\nQuint, welche dadurch völlig unbrauchbar würde; son-\ndern er muss auf die zwölf Quinten vertheilt werden. Un-\ngleichschwebende Temperaturen sind solche, in denen die-\nser Ueberschuss auf den vom Ausgangspunkte Cmehr und\nmehr sich entfernenden Theil der Quinten vertheilt wird,\ndie daher um so unreiner werden müssen, je reiner die\nersten Quinten intonirt sind. Folglich müssen auch die vom\nAusgangspunkte C mehr und mehr sich entfernenden Ton-\narten um so unreiner werden, je reiner die Stimmnng der\nihm zunächstliegenden ist. Demnach findet unter den Ton-\narten eine thatsächliche Verschiedenheit hinsichtlich der\nmehren oder minderen Reinheit ihrer Intervalle Statt.\nDie gleichschwebende Temperatur hingegen besteht in\nder völlig gleichmässigen Vertheilung des Pythagorischen\nKomma auf die zwölf Quinten, so dass also jede dieser\nQuinten um Ijt2 dieses Komma tiefer gestimmt wird.\nAus dieser völligen Gleichheit aller Quinten ergibt\nsich mit Notwendigkeit völlig gleiche Grösse aller gleich-\nartigen Intervallen-Verhältnisse sämmtlicher Tonarten: die\ngrosse oder kleine Secund, Terz, Sext u. s. W.ist in allen\nTonarten gleich gross, Verschiedenheit der Tonarten hin-\nsichtlich ihrer Intervallen-Verhältnisse kann daher (haisäch-\nlich nicht Statt finden.\nNichts desto weniger sprechen nicht nur manche\nAesthetiker und Theoretiker von besonderen charakteristi-\nschen Eigenschaften, welche die eine Tonart von der\nanderen, die eine »T/o/Z-Tonart von der anderen unterschei-\nden sollen, sondern es sieht auch ein jeder Componist sich\nveranlasst, für ein Tonstück gerade die eine und nicht eine\nandere Tonart zu wählen, weil er sie als der in demselben\nauszudrückenden Stimmung vorzugsweise entsprechend an-\nsieht, er setzt also das eine Tonstück in C-ntoll, nicht in\nD-, E- oder 0-moll, ein anderes in D-dur und nicht in\nH', oder C-duv, erkennt mithin den einzelnen Ton-\narten besondere Ausdrucksfähigkeit für die eine oder an-\ndere Stimmung und Leidenschaft zu.\nDiese Thatsache kennt Jedermann, die Ursache der-\nselben aber ist bis jetzt noch nicht aufgeklärt, so viel auch\nüber diesen Gegenstand geschrieben ist. Die theoretische\nUntersuchung leistet der Sache ganz und gar keinen Vor-\nschub; ungeachtet aller Phantasieen des genialen Schu-\nbart, so wieder Anerkennung, welche Schilling ihnen zu\n1 heil werden liess, indem er sie mit grösster Ungenirlheit\nabschrieb, und ungeachtet aller breiten müssigen Poetaste-\nrei, welche Marx am ungehörigen Orte (Gluck 11., 346\nIT.) an Stelle jeder Gründlichkeit diesem Gegenstande zu\nwidmen sich gedrungen fühlt, und ungeachtet der bei\nWeitem wichtigeren Thatsache, dass die Componisten ge-\nmeinhin wenigstens auf die Wahl der Haupt-Tonart Rück-\nsicht nehmen ), gesteht die Iheorie der ganzen Sache\nkeine Geltung zu und verwirft sie als unhaltbare Einbil-\ndung, womit sie nichts anzufangen vermag, da sie die voll-\nkommene innere Gleichheit aller Tonarten nachweist, der\nnur äusserlich localen Verschiedenheit blosser Höhe und\nTiefe aber keinen so wesentlichen Einfluss auf Charakte-\nristik zuerkennt. Als ganzer Ueberrest bleibt ein dunkeles\nund dem Componisten selbst eben so undeutliches und\nunerklärliches Gefühl, welches ihm für einen Tongedan-\nken die Tonart Fs-durund nicht zuweist, allenfalls\nverbunden mit der durch ungleichschwebende Tempera-\nturen veranlassten Vorstellung von einer mit der steigen-\nden Anzahl der Vorzeichnungen auch in gleichem Maasse\nwachsenden Gefärbtheit der Tonarten, im Gegensatze zu\nder Einfachheit und Farblosigkeit, welche man der keiner\n\n*) Vgl. die Artikel über denselben Gegenstand in historischer\nund ästhetischer Beziehung in der Niederrh. Musik-Zeitung\n3857, in den Nummern 17, 19, 22 und 23.\n**) Koch's musicalisches Lexicon. VII. S. 869.\n*) Wenn auch nicht immer. Ein bekanntes Beispiel vom Ge-\ngentheil ist, dass Mozart im Don Juan sowohl Leporello seine Ge-\nspensterfurcht, als Donna Anna (üeber Alles bleibst du theuer) die\nberuhigenden Zusicherungen fortdauernder Liebe, und Zerline ihre\nSchmeicheleien und Spässe in der nämlichen Tonart (F-dur) aus-\ndrücken lässt. [Vgl. unsere Zusammenstellungen aus Beethoven,\nNiederrh. Musik-Zeitung, 1857, Nr. 22. Die Redaction.]\nn"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "132", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650429-01.1.4", "texte": "Vorzeichnung bedürfenden {?-dW'-Tonart beizulegen leicht\nsich geneigt sieht, ungeachtet die Quinten und folglich das\nganze diatonische Verhältniss in genau die nämli-\nchen sind, wie in F-oder C-dtAllerdings haben diesel-\nben Töne, wenn sie in verschiedenen Tonarten auftreten,\nimmer andere Beziehungen zum Grundtone und zu einan-\nder; der Ton Gz. B. ist, der gleichschwebenden Tempe-\nratur ungeachtet, immer ein anderer, wenn er in C als\nQuint, in oder E als Terz, in D als Quart oder in A\nals Septime u. s. w. erscheint, indem das Gehör ihn un-\nwillkürlich immer anders auflasst und den diesen Inter-\nvallen eigentlich zukommenden natürlich reinen Verhält-\nnissen möglichst nahe bringt. Doch bleiben diese verschie-\ndenen Beziehungen des einzelnen Tones auf mehrere Ton-\narten wiederum in allen Tonarten-Kreisen dieselben; es\nist ganz gleichgültig, ob etwa die Tonart oder ir-\ngend eine andere als Haupt-Tonart angenommen wird,\ndieselbe Ausweichung klingt in einer Tonart genau wie\nin allen übrigen.\nSchubart, Aesthetik 377, sagt: „Jeder Ton ist ent-\nweder gefärbt oder ungefärbt. Unschuld und Einfalt drückt\nman mir ungefärbten Tönen aus, sanfte, melancholische\nGefühle mit P-Tönen, wilde und starke Leidenschaften\nmit Kreuztönen.\" Es mag verlockend sein, den in steigen-\nden Quinten vom Grundtone 0 immer mehr aufwärts sich\nentfernenden Tonarten wachsende Spannung, den in fallen-\nden Quinten abwärts sich wendenden P-Tönen Nachlassen\nder Spannung zuzuschreiben, doch ist die Sache rein äus-\nserlich; nur auf das Verhältniss von Ober- und Unter-Do-\nminant zur Tonica bezogen, hat sie einen Sinn, indem in\nder Wendung der Tonica nach der Unter-Dominant ein\ngewisses Nachlassen oder Fallen, nach der Ober-Dominant\nhingegen ein Anspannen oder Steigen der Bewegung aller-\ndings sich fühlbar macht. Aber dieses Steigen und Fallen,\noder wie man es sonst nennen will, als Charakterismus\neiner Tonart an sich anzusehen, gehl doch nicht gut an;\nj D-durz. B. als Ober-Dominant von ist in diesem Sinne\nsteigende, als Unter-Dominant von A hingegen fallende\nTonart. Man vergleiche, zu welch künstlicher Theorie\nder obige Ausspruch Schubart's von dem Ausdrucke sanf-\nter Empfindungen durch die B- und leidenschaftlicher\ndurch die Kreuztöne bei Marx (Gluck 11., 359) aufge-\nschwollen ist; das vorzeichnungslose C ist Indifl'erenzpunkt,\ndie von ihm nach rechts und links ausgehende und schritt-\nweise der Höhe und Tiefe zustrebende Folge der Kreuz-\nund P-Töne enthält einen „förmlich polaren Gegen-\nsatz\". „Auf der P/«s-Seite (worunter die Kreuz-Tonarten\nverstanden werden sollen) herrscht die wachsende Erregung,\nauf der Minus-Seite (die P-Tonarten) die nachlassende\nErregung. Erinnern wir uns nun, dass Höhe und Tiefe im\nTonwesen der Ausdruck für die grössere oder mindere\nSchnelligkeit der Schwingungen sind, so dürfen wir aller-\ndings wagen, die Pte-Seite im Tonreiche als Licht- oder\nTagseite, dieMinus-Seiie als Schatten - oder Nacht-\nseite zu bezeichnen. Wie Licht und Schatten, Tag und\nNacht, Wärme und Kälte, so stehen die beiden Seiten\nder tonischen (Tonarten-) Entwicklung einander gegenüber.\nUnd wie Licht und Wärme sich stufenweise steigern und\nherabstimmen, gerade so (mit zwei Ausnahmen) steigt und\nsinkt in der Tonreihe der Charakter des Lichtes und der\nWärme.\" Diese beiden Ausnahmen sind F§ und (P-dur,\nderen enharmonisches Zusammenfallen (also zugleich grosse\nHitze und strenge Kälte, grelles Licht und dicke Finster-\nniss) Herrn Prof. Marx doch einiges Bedenken erregt ha-\nben muss, daher denn Fs-dur „gleissend'', „zwei-\nfelhaft\" genannt wird. Setzt man den Quinten-Cirkel auf-\nund abwärts weiter fort, so muss man, bei der zwölften\nQuint angelangt, nach dem „Gesetze der Polarität\" des\nHerrn Marx das interessante Natur-Schauspiel haben, die\ngrösstmögliche Kälte und Finsterniss- von und die\nunausstehlichste Hitze und das blendendste Licht von H$\nals mit dem lndifferentismüs von 0 identisch zu erblicken.\nAuch der Einfluss ungleichschwebender Temperaturen\nauf Charakter-Eigenschaften der Tonarten ist ein nur ein-\ngebildeter; er erstreckt sich nicht weiter als auf Reinheit\nund Unreinheit. Eine Tonart klingt immer unreiner und\nfalscher, je mehr die Terzen abweichen und die Quinten\nschweben und tremuliren, woraus denn allerdings eine von\nder Ruhe und Klarheit reingestimmter Tonarten abwei-\nchende Dunkelheit und Gedrücktheit oder Spannung und\nHärte entspringt, die aber mehr als Unreinheit und Miss-\nklang, denn als ästhetischer Charakterismus sich geltend\nmacht. Man findet wohl noch hier und da eine\nschwebend temperirte Orgel, an der man von der Sache\nsich überzeugen kann. Uebrigens verleiteten diese Abwei-\nchungen, welche Scalen nach der ungleichschwebenden\nTemperatur allerdings unter sich aufweisen, auch denkende\nTheoretiker und Kunstrichter, den ungleicbschwebenden\nTemperaturen einen bedeutenden Vorrang vor der gleich-\nschwebenden einzuräumen, z. B. J. A. P. Schulz in Sul-\nzer's Theorie d. scb. K., auch Bameau, der aber später\nwieder davon abkam. So sahen sie z. B. die verschieden\ngestimmten Terzen als wichtige Hülfsmittel des musicali-\nschen Ausdruckes an; während die reine grosse Terz zur\nFreude stimme, könnten schärfere grosse Terzen aufregen,\nzum Zorne und zur Wuth entflammen; während die reine\nkleine Terz Wohlwollen und Zärtlichkeit erwecke, könne\ndie noch kleinere in Traurigkeit und Schwermutb versen-\nken. Doch abgesehen davon, dass dies immer rein äusser-\nliche Mittel des Ausdrucks wären, worauf eine entwickelte"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "133", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650429-01.1.5", "texte": "Kunst sehr wenig Werth legt, und ferner auch die Mög-\nlichkeit der praktischen Ausführung solcher Unterschei-\ndung der Intervalle im Gesänge angenommen, könnte man,\nda sie in der Harmonie nothwendiger Weise sehr falsch\nklingen müssen, höchstens nur im Nacheinander der Me-\nlodie und dann nur während Vollziehung einer Modulation\nGebrauch davon machen; denn sobald der Sänger die neue\nTonart erreicht hat, wird er ganz unwillkürlich die Inter-\nvalle in möglichster Reinheit zum Grundtone ausüben.\nMannigfache Producle anerkannt feinfühlender grosser\nTonsetzer tragen übrigens dazu bei, die Zweifel an der Be-\ndeutsamkeit der Tonarten-Charakteristik noch zu verstär-\nken, indem sie, wie vorhin schon von Mozart angeführt,\nsehr verschiedenartige Dinge wohl -mitunter in derselben\nTonart ausgedrückt haben.\n» f\\ *| * . j ä\nf j F\nUnter den Erklärungen, welche u. A. Mattheson\n(I. Orchester, 1713, S. 236 ff.), Schubart (Aeslhetik,\n1806, S. 377 ff), Schilling (Philos. d. Sch. i. d. M., S.\n440 ff.) und A. B. Marx (Gluck und die Oper, 1862;\n11. 365 ff.) von den Charakter-Eigenschaften der Tonarten\ngeben, finden sich denn auch die lustigsten Widersprüche,\nausser wenn die neueren Schriftsteller von den älteren sich\nRaths erholt haben. Es folgen einige Beispiele, unter ihnen\nwahre Musterbilder von Phrasen. C-dur. Mattheson:\n„hat eine ziemlich rudeund freche Eigenschaflt\" u. s. w.\nSchubart: „Ist ganz rein. Sein Charakter heisst Unschuld,\nEinfalt, Naivetät, Kindersprache.\" Marx: „Es ist indiffe-\nrent, gleich fern von der wachsenden Entzündung der\nKreuztöne als von den allmählich sich niedersenkenden\nkühleren Schatten-der i?-Töne, klar, wie der helle Tag,\naber ohne Sonnenglanz,-heiter, aber.ohne Theilnahme.\"\n• C-moll.Schubart: „Liebeserklärung,zugleich Klage\nder unglücklichen Liebe.\" Schilling: „Scheint die geeig-\nnetste Tonart zum Ausdrucke eines bestimmten höheren\nGefühls zu seim\"—E-dur. Mattheson: „Drücket eine\nverzweifflungsvolle oder gantz tödliche Traurigkeit unver-\ngleichlich wol aus; ist vor extrem verliebten hülff- und\nSachen am bequemsten, hat so was schnei-\ndendes, scheidendes, leidendes und durchdringendes, dass\nes mit nichts als einer fatalen Trennung Leibes und der\nSeelen verglichen werden mag.\" Schubart: „Lautes Auf-\njauchzen, lachende Freude und noch nicht ganzer, voller\nGenuss.\" Marx: „Funkelnd hell steigt mit durchgreifen-\nder Wärme E-dur empor, heiter und leuchtend wie lau-\nteres Gold. Noch ist ihm in keiner Composition vollgenü-\ngender Ausdruck geworden (!),auch in der Fidelio-Ouverture\nbei Weitem nicht. Wenn einmal in einer künftigen Oper\nOtto 111. in Rom die Kaiserkrone neu auf seinem jugend-\nlichen Haupte befestigt, könnte nur in seiner hei-\nteren Sonnenpracht erschallen.\" ')— Schubart:\n„Ein schielender Ton, ausartend in Leid und Wonne.\nLachen kann er nicht, aber lächeln; heulen kann er nicht,\naber wenigstens das Weinen grimassiren.\" Schilling:\n„Ein spielender /Ton, der da ausarten kann in Leid und\nWonne\" u. s. w. Marx: „Die Nacht mit ihren unheim-\nlich anfröstelnden Bildern, dergleichen im zweiten Satze\nder grossen F- moll-Sonate von Beethoven hervorschweben\naus der Tiefe, der Milde, der Verklärung sieb entgegen-\nheben und dann den Einsamen zurücklassen, hineingestos-\nsen in den rastlosen Sturm seines Lebens.\"\nSchilling: „Liefert ein Bild der Beruhigung und kann\nin seiner Durchschaulichkeit, wenn der Künstler das Ein-\n%\nfache nicht zu behandeln weiss, bis zum Bedeutungslosen\nherabsinken.\" Marx: „Angehellt und angewärmt,wie von\nder emportauchenden Sonne der junge Tag, wie die Ju-\ngendzeit bei dem ersten fröhlichen Ausschauen in das be-\nginnende Leben.\" G'^-dur.Schubart: „Triumph in\nder Schwierigkeit, freies Aufathmen auf überstiegenen Hü-\ngeln\" u. s. w. Marx: „Zweifelhalt.\" Ferner liegt in D-\nmoll nach Schubart schwermüthige Weiblichkeit, welche\nSpleen und Dünste brütet; drückt durch seine drei\nb die heilige Trias aus: ist Gräberton, Tod, Grab,\nVerwesung, Gericht, Ewigkeit liegen in seinem Umfange;\nFs-moll zerrt an der Leidenschalt, wie der bissige Hund\nam Gewände; G-mollenthält Missvergnügen, Unbehaglich-\nkeit, Zerren am verunglückten Plane, missmuthiges Nagen\nam Gebiss. (Nach Mattheson istG-mollder „allerschönste\nTon, der ungemeine Änmuth und Gefälligkeit mit sich\nführet\" u. s. w.)\nNicht ganz ohne Einfluss auf mehre oder mindere\nKraft der Klangwirkung ist die Stimmung der Orchester-\nInstrumente, indem dio Geigen-Instrumente in der einen\nTonart mehr leere Saiten haben, als in der anderen, und\ndie leeren Saiten kräftiger klingen, als die bedeckten. Eben\nso klingen manche Stimmungen einzelner Gattungen Blas-\ninstrumente weicher und runder, als andere, wie z. B.\nClarinetle, Doch bleibt dies immer von zu gerin-\ngem Einflüsse auf das Wesen der Tonart selbst, als dass\nBesultate sich herausstellen sollten, die jenen Mysticismus\nrechtfertigen. Denn eine Melodie klingt auf der 2?-Clari-\nnette eben so weich in Eb, wie in Foder B oder\nund wenn auch Accorde oder Figuren, in denen leere Sai-\nten vorkommen, stärker klingen, so ist diese Kraft nur eine\näusserlich materielle, wohnt nicht der Tonart an sich inne,\ndenn sonst müssten diese Unterschiede auch im Gesänge,\nauf dem Ciavier, oder wenn man die leeren Saiten vermei-\ndet, überhaupt svenn keine äusseren Einflüsse mitbestim-\n\n*) Marx, „Gluck\", 11., S. 267."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "134", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650429-01.1.6", "texte": "mend einwirken, hervortreten. Einem Zuhörer, der den\nCabelton nicht im Gedächtnisse hat, sonst aber reines und\ngebildetes musicalisches Gehör besitzt, wird es vollständig\ngleichgültig, sein, ob er ein Tonstück aus Ä? oder t\ngesungen hört, vorausgesetzt, dass die mehre Tiefe oder\nHöhe die Klangwirkung an sich nicht beeinträchtigt.\nHat nun A. B. Marx in seinem Excursus zu »Gluck\nund die Oper\" (Th. 11. S. 345—382) die Sache weiter\ngebracht? Auch nicht um einen halben Schritt weiter. Er\nphantasirt, wie Viele vor ihm, ohne diese zu nennen, tritt\nmithin in Schubart's und Hand's Fussstapfen. Dass ein\nVielschreiber nichts liest, ausser sich selbst, oft auch sich\nselbst nicht einmal liest, sondern sich nur schreibt, ist be-\nkannt; dass aber ein Schriftsteller über die Theorie der\nMusik, wie Marx, bei der Erörterung einer solchen Frage,\nwie die in Rede stehende, die Stimmen neuerer musicali-\nscher Aesthetiker, wie hier namentlich Z ammin er' s und\nVischer's, ganz ignorirt, weil ihre Gründe gegen seine\nAnsicht klarer und schlagender sind, als die seinigen da-\nfür, das ist denn doch stark. Aber vielleicht kennt er sie\ngar nicht. Eines ist so schlimm, wie das Andere.\nMan begreift überhaupt nicht, wie der ganze Anhang\nüber die Tonarten in ein Buch über »Gluck und die Oper*\nkommt. Marx fühlt das selbst und rechtfertigt den Anhang\n,1) dadurch, dass in Gluck's Werken so deutliche und\nreichliche Zeichen von charakteristischer Auffassung der\nTonarten sind, dass sie bei der Entwicklung seines künst-\nlerischen Charakters beachtet werden müssen, und 2) dass\nGluck einer der gewichtvollsten Zeugen in dieser Sache\nist.\" Warum diese Beachtung hinten nach kommt?\nAntwort: „Weil erst vom Orpheus an Gluck überhaupt\nCharakter bewährt!\" Nun lesen wir aber bei Marx\nselbst, was er nicht verhehlen konnte, da es zu offen-\nkundig ist, nach Folgendem: »Kein Componist von Cha-\nrakter wird sich dazu verstehen, seine Composition\nin eine andere Tonart zu versetzen\" die Anmer-\nkung: „Seltsamer Weise ist Gluck selber seinen\nCompositionen auch in Bezug auf die Tonart\nnicht treu geblieben, als er in Paris sie den fran-\nzösischen Ansichten und Ansinnen (!) gemäss umgestaltete.\"\nAlso die Franzosen müssen einmal wieder die Sünden-\nböcke sein, die Franzosen haben von Gluck „andere Ton-\narten\" verlangt, und Gluck hat ihrem „Ansinnen\" ge-\nmäss die Tonarten (im Orpheus und der Alceste) geän-\ndert! Das ist etwas ganz Neues! Und dennoch ist Gluck\n„einer der gewichtigsten Zeugen für die Charakteristik\nder Tonarten?\" Ei freilich, denn „die damaligen Aende-\nrungen haben so Vieles und Wichtiges betroffen, dass sie\nwenigstens keinen Beweis gegen die Charakter-Eigen-\nschaft der Tonarten abgeben\"! Diese überzeugende Logik\nist auf S. 362 zu lesen!\nMarx fühlt sich also bewogen, erstens eine „theore-\ntische Betrachtung\" über die Tonarten und zweitens eine\n„Anwendung derselben auf Gluck\" zu geben. Die erstere\numfasst 24 Seiten und ist ganz resultatlos; die zweite be-\nrührt in Kürze Orpheus, Alceste (beide nach den italiäni-\nschen Partituren), Paris und Helena und Iphigenia in Aulis.\nWarum Iphigenia auf Tauris, die herrlichste Schöpfung\nGluck's, nicht besprochen wird, bleibt unerklärt. Es wi-\nderfährt dabei Herrn Marx, was so Vielen bei demselben\nThema schon widerfahren ist, dass sie das relativ Cha-\nrakteristische der Tonarten in der Aufeinanderfolge der\nStücke und in der Modulation für absolut charakte-\nristisch nehmen.\nDie „Betrachtung\" stellt den Satz auf, dass das Cha-\nrakteristische der Tonart zuerst auf „Wahrnehmungen\"\nberuht, wozu Musiksinn u. s. w. gehört. „Tritt zu die-\nsen Wahrnehmungen noch ein auf wissenschaftlichem\nGrunde beruhender Nachweis, so ist die Behauptung hier-\nmit vollständig bewährt.\" (S. 352.) Unmittelbar\ndarauf folgt: „Dieser wissenschaftliche Nachweis über das\nCharakteristische ist aber zur Zeit nicht vollständig\nzu führen.\" Also: „Es ginge wohl, aber es geht nicht!\"\nWarum alsdann das Geschwätz darüber?\" —Eben so er-\nkennt der Verfasser, dass seine Annahme der „Polarität\nder Töne\" (siehe oben) und „der auf sie angewandte Be-\ngriff von Licht und Wärme vorerst (!) nur das Recht in\nAnspruch nehmen darf, eine Sache durch Parallelisirung\nmit einer anderen zu erläutern\". Was dem rationellen\nBeweise fehlt, „wird aufs ergiebigste durch Kunsterfah-\nrung ergänzt\" (S. 360). Das ist doch geradezu Kohl\nund heisst weiter nichts, als: „Was ich bei einer Tonart\nempfinde oder zu empfinden mir einbilde, das ist Kunst-\nerfahrung und beweist das, was wissenschaftlich nicht zu\nbeweisen ist.\" Geschwätz über Geschwätz!\nMehr zur Erheiterung als zur Erläuterung wollen wir\nzu den bereits oben von Dommer citirten noch einige\n„Wahrnehmungen und Kunsterfahrungen\" von Marx an-\nführen.\nC-dur„ist indifferent, gleich fern von der wachsenden\nEntzündung der Kreuztöne als von den allmählich sich nie-\ndersenkenden kühleren Schatten der i?-Töne, klar wie der\nhelle Tag, aber ohne Sonnenglanz, heiter, aber ohne Theil-\nnahme. Beispiele Beethoven's grosse Sonate und seine I.\nSinfonie.\" Also das Finale der V. Sinfonie „ohne Sonnen-\nglanz\" ! Und obgleich C-dur „ohne Theilnahme\", so hindert\ndas Marx doch nicht, diese Tonart in der Arie: Che fara\nsensa Euridice, zu rechtfertigen: „Diesem Orpheus, dem,\nwie es scheint, die letzte Stunde gekommen, musste (!)"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "135", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650429-01.1.7", "texte": "im qualvollsten Augenblicke, ehe er die Hand zum Ster-\nben hebt, ihr Bild in heller, reiner Holdseligkeit aufgehen\n—es lächelt ihm noch einmal zu\" u. s. w.\nDieses „Müssen\", ein Lieblings-Ausdruck der ästhe-\ntischen Rückwärtsschauer und musicalischen Mysterien-\npriester, wiederholt sich bei Marx bis zum Komischen.\nPasst etwa das C-dur bei Orpheus' Erscheinen in der Un-\nterwelt nicht zum Marx-Charakter der Tonart? 0 nein:\n-„Die Lyra kündigt sich helltönend an in der Nacht ewi-\nger Klage: es musste C-dur sein.\" (S. 372.)\n„Die Ouvertüre zur Alceste musste in ge-\nschrieben werden, weil sie die erste zu einer Tragödie war\nund an die antike tragische Maske erinnert.\" Alceste's\nerste Arie „strömt die Fülle ihres milden und kräftigen\nWesens aus: das musste B-dur sein\" (375). „Die Ent-\nflohenen kommen wie beschämte Kinder in\nrück: der Alltagsspruch, womit sie sich rein waschen\nwollen, kann nur C-dur sein.\" (!)\nDass die Entflohenen wie „Kinder\" zurückkehren,\nliegt am G-mott;denn Grundsatz ist: „Jede\nist die Umwandlung ihrer Durin dem Sinne des\ngegenüber dem j9wr-Geschlechle\" (S.\n369). Nun ist aber G-dur„angehellt und angewärmt, wie\nder junge Tag, kindlich froh, der Gleichgültigkeit des\nindifferenten C-dur enthoben\" (S. 366). Desswegen „singt\nAmor (im Orpheus) in G-dur,denn die Figur ist kind isch\"\n(S. 372).—Der zweite Volkschor (Alceste) steht in\n„weil das Volk kindlich an seinem Herrscherpaare\nhängt\".— „Der Opferzug mit Bräuchen aus uralter Kin-\nderzeit bewegt sich in kindlicher Frömmigkeit in\ndur.\" „Das Orakel ertönt, wie mit heimlicher Gluth\nbrennend, in H-moll: darin setzt auch der Chor wieder\nein, aber bald reisst die kindische helle Angst Alles in\nScheu und Flucht nach G-dur.\" (!)\nDoch wir wollen schliessen. Nur noch ein Prachtstück\nvon Tonarten-Deutungskunst auf S. 380: „Im kindli-\nchen G-dur stürmt der Chor der Krieger heran\n(Ipbigenia in Aulis), Kalcbas vor sich her drängend. Krie-\nger haben immer etwas von Kindern an sich, die Sorglo-\nsigkeit, den Unbedacht, die gedankenlose Lust; hier haben\nsie ihren Muthwillen an Kalchas' Bedrängniss.\" —Da hört\nAlles auf! Die Armee und Gluck mögen sich bedanken!\n\nAufruf,\ndie Bach-Orgel in der St. Bonifaciuskirche (Neuekirche)\nzu Arnstadt betreffend\n*).\nDie genannte Orgel ist ursprünglich nicht nur aus der\ngeschickten Hand des Orgelbauers Wender zu Mühlhau-\n*) Vgl. Niederrh. Musik-Zeitung 1861 Nr. 3? 1862 Nr. 36.\nsen im Jahre 1703 hervorgegangen, sondern hat für die\ngesammte musicalische Welt darum ein hohes Interesse,\nweil Job. Seb. Bach durch sein Spiel ihr die Weihe gab\nund sie in seiner amtlichen Stellung vom 1. Juli 1703\nbis dahin 1707 benutzte. Das denkwürdige Instrument\nmachte vor wenigen Jahren eine Wiederherstellung nölhig,\ndie in möglichst vollkommener Weise so geschehen musste,\ndass dasselbe zugleich ein Denkmal werde für J. S. Bach.\nEin im Jahre 1861 erlassener Aufruf an die musicalische\nWelt gewährte nächst der nennenswerthen Beisteuer un-\nseres erhabenen Fürstenhauses und unserer kleinen Stadt\ndie erforderlichen Mittel so weit, dass dem Orgelbauer\nJulius Hesse aus Dachwig bei Erfurt die Ausführung\nübertragen werden konnte. Schon gibt das bis jetzt Ge-\nschehene rühmliches Zeugniss von der Meisterschaft des\nHerrn Hesse; aber auch schon lässt sich vollständig über-\nsehen, dass die vorhandenen Gelder die erforderlichen Mit-\ntel noch lange nicht decken.\nAlle Freunde der Musik und Verehrer Bach's, so wie\ndie Concert-Directionen und Musik-Vereine in und ausser\nDeutschland werden daher noch einmal ersucht, durch\nEinsendung von Beiträgen zu einer würdigen Vollendung\ndes Bach-Denkmals geneigtest beitragen zu wollen.\nEine Gedenktafel an dem Bach-Denkmale wird künf-\ntig jedem Beschauer und Hörer laut und rühmlich mit\nden Worten entgegentreten: „Dies sind die Namen der\nEdlen, welche das Gedächtniss des grössten Meisters der\nTöne, Job. Seb. Bach's, ehrten und würdig erneuerten.\"\nArnstadt, in Thüringen, 1865.\nHeinrich Bernhardt Stade.\nStadtcantor und Organist.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nÄolll. Herr Walter hat sein Gastspiel als Lionel in Flo-\ntow's und als George Brown in Boieldieu's „Die weisse\nDame\" fortgesetzt. In beiden Rollen hat er die herrlichen Eigen-\nschaften seines Talentes so vortrefflich bewährt, dass, wenn auch\nder Sänger den Schauspieler überragt, doch beide in ihm sich zu\neiner künstlerischen Erscheinung vereinigen, welche zu jeder Zeit\nden Kunstfreund erfreuen und mit wahrer innerer Befriedigung er-\nfüllen würde, in unseren Tagen aber, wo die Tenor stim m e n und\nnoch mehr die Tenorsänger immer seltener werden, einen so über-\nraschenden Genuss darbietet, wie der Anblick eines vollen Blüthen-\nbauines auf dürrer Haide. Walter gehört nicht zu den Meteoren, die\nzündend leuchten, wie man das mit Recht von Niemann sagen kann,\nsondern sein Talent ist dem milden Glänze eines Gestirns vergleich-\nbar, der nicht blendet, aber erwärmt und die schlummernden Em-\npfindungen des Gemüthes weckt, so dass sie in uns jenes Wohlge-\nfallen und jenes innige Behagen verbreiten, welches nur durch das\nSchöne, wo und wie es auch erscheint, im Menschen erregt wird\nund eben so wenig zu beschreiben ist, wie der Zauber der Farbe\noder des Tones. In dieser Hinsicht kann man Walter die Ergänzung\nvon Niemann nennen, und wie Niemann, der zugleich von einem"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "136", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650429-01.1.8", "texte": "hervorragenden Darstellungs-Talenie unterstützt wird, keinen eben-\nbürtigen Nebenbuhler in gewissen heroischen Köllen hat, so ist Wal-\nter jedenfalls jetzt der einzige deutsche Tenor, der die schönste\nSchöpfung des französischen Genie's eines Böieldieu, die Rolle des\nGeorge Brown, in ihrem wahren Geiste aufzufassen und wiederzu-\ngeben weiss, und wenn man ihn in süddeutschen Blättern den „deut-\nschen Hoger\" genannt hat, so können wir darin in Bezug auf diese\nLeistung durchaus keine Uebertreibung erkennen. Die Eleganz und\nFeinheit des Gesanges, die correcte und zu dem weichsten Ligato\nabgerundete Coloratur, der vortreffliche Tonansatz, der allein schon\nden Kenner erfreut, weil er ihn nur selten noch zu hören bekommt,\ndas schöne Maasshalten in der Steigerung und Senkung des Aus-\ndrucks, der sich eben so wenig je überbietet, als auf der anderen\nSeite zu affectirter Geziertheit seine Zuflucht nimmt, und das alles\nim anmuthigen und reizenden Gewände der Natürlichkeit, so dass\nin dem Zuhörer auch nicht das leiseste Gefühl von irgend einer\nAnstrengung des Sängers aufkommt das sind V orzüge, deren\nVerein nicht leicht sich in einem Sänger zusammenfindet, und wie\nauch unser Publicum die trefflichen Leistungen des Künstlers zu\nwürdigen weiss, zeigten die lebhaften Ovationen durch stürmischen\nApplaus und wiederholten Hervorruf.\nIn Meyerbeer's „Robert der Teufel4 hat uns Herr Walter ge-\nzeigt, dass er in Gesang und Spiel auch der heroischen Tenor-Partie\nvollkommen gewachsen ist: es offenbarte sich in der Durchführung\nder Rolle des Robert bei ihm in hohem Grade jene Fähigkeit, zu\nindividualisiren, die wir vom dramatischen Sänger verlangen und die\nnicht bloss im Ausdrucke, sondern selbst schon in der Modification\ndes Stimmklanges hervortritt, so dass alle diejenigen unter den Zu-\nschauern, die ihn als Lionel und George Brown gehört hatten, förm-\nlich überrascht wurden von der Kraft der Stimme und der energi-\nschen Betonung des Vortrages, indem Herr Walter in dieser Partie\noft die hohen Töne mit der Bruststimme nahm und nur in den wei-\ncheren Stellen, wie z. B. im Terzett ohne Begleitung, von seinem\nschönen Falset Gebrauch machte. Noch in höherem Grade entfaltete\ner alle die Mittel der Natur und Kunst, die ihm zu Gebote stehen,\nin der Rolle des Manrico in Verdi's „Trovatore\", welche wir noch\nnie in dieser Vollendung gehört haben, weil sich nur höchst selten\nein Organ findet, bei dem die weiche Rundung des Tones eben so\nleicht und sympathisch anspricht, wie die Kraft und ausgiebige Ton-\nfülle in den Stellen von heroischem Charakter imponirt. Der Künst-\nler erregte eine wahre Begeisterung, die sich in dem rauschendsten\nApplaus, Hervorruf und Dacapo-Rai offenbarte.\nIn der sechsten Soiree für Kammermusik im Hotel\nDisch am 42(i. d. Mts. hörten wir ein Violin-Quartett in O-dur von\nHaydn und eines in D-moll von Mozart, und das Ciavier-\nQuartett Op. G von F. Gernsheim, in letzterem die Ciavier-\nPartie mit grosser Virtuosität vom Componisten vorgetragen. Die\nComposition hatte bei dem hier vorherrschenden Geschmacke an\ndem Stile der classischen Periode einen schweren Stand zwischen\nzwei vorzugweise durch Einfachheit und Durchsichtigkeit der thema-\ntischen Arbeit und durch melodiöse Motive ansprechenden Werken\nder älteren Meister. Wir haben schon bei früheren Werken des\nHerrn Gernsheim sein Talent mit Vergnügen anerkannt und sind\nauch von dieser günstigen Meinung durch die Anhörung des Quar-\ntetts, das uns neu war, keineswegs zurückgekommen, eben so wenig\naber auch von dem Wunsche, dass dieses Talent nicht vorzugsweise\neine Richtung verfolgen möchte, deren Verhältniss zur form- und\nmaassvollen Schreibart und dem melodischen Flusse der älteren\ngrossen Meister uns vielleicht dieses Mal durch die zufällige Zusam-\nmenstellung der genannten drei Quartette schroffer erschienen sein\nmag, als es in der That ist.\nAaclien. Ueber das letzte Abonnements-Concert der\nSaison, dessen Programm die achte Sinfonie von Beethoven, die\n„Walpurgisnacht\" von Mendelssohn und ein Te Deuinx von J_\nHaydn enthielt, und welches das erste war, das Herr F. Breunung\ndirigirte, sprechen sich die hiesigen Blätter unter Anderem folgender\nMaassen aus: „ Es hiesse Eulen nach Athen tragen, wenn wir\nuns über den Werth der Werke äussern wollten; wir erwähnen sie\ndesshalb nur und fügen hinzu, dass deren Ausführung vollkommen\nwar, dass unser Orchester und unsere Sänger den grössten Eifer ent-\nfalteten und den Beweis wahrer Hingebung lieferten, um die Befähi-\ngung unseres neuen Musik-Directors Herrn Breunung in das hellste\nLicht zu setzen, der seine Functionen unter den günstigsten Anzei-\nchen antrat und in dem wir einen festen, sicheren und imposanten\nLenker namentlich durch seine zuversichtliche Ruhe kennen lernten.\nDie Auffassung der Sinfonie namentlich ist des höchsten Lobes werth\nund gab uns das Werk in seiner ganzen Prachtfülle wieder. Die\nHerren Ackcns und Göbbels waren trefflich disponirt und lösten\nihre dankbare Aufgabe mit jenem Talente, das wir an ihnen gewohnt\nsind. Namentlich in dem erhabenen Solo des erschütterten Priesters,\nmachte Herr Ackens seine klangreiche Stimme und seinen schönen\nAusdruck geltend. Herr Winkelhaus erwies sich in Spohr's zwölf-\ntem Concerte als gewandten Violinisten.\" (Echo d. Gegenw.) Ferner:.\n„Die Begeisterung der Mitwirkenden bei der achten Sinfonie, die\nsorgfältige Accentuirung vom geräuschvollen Tutti bis zum weichsten\nPiano, in Einem Worte: alle Vorzüge, deren ein Orchester fähig ist,\nvereinten sich, um die Gedanken des Meisters in der würdigsten\nWeise wiederzugeben. Der Vortrag derselben, der unserem neuen\nCapellmeister Herrn Breunung sowohl wie dem wackeren Orchester\nzur grössten Ehre gereicht, darf in Bezug auf Präcision und Aus-\ndruck und namentlich auf Nuancirung zu den besten Ausführungen\nBeethoven'scher Werke gezählt werden, die wir jemals in unserer\nStadt gehört. Eben sowohl müssen wir den Mitwirkenden in Men-\ndelssohns reizender Walpurgisnacht, Gängern wie Instrumentalisten,\nunsere aufrichtige Anerkennung zollen. Das Orchester war volL\nSchwung, von dem grossartigen Einsätze der Ouvertüre an bis zu\nder schönen Entfaltung all seiner Kräfte im Finale, und unsere Da-\nmen verdienen insbesondere unseren Dank für den Eifer und Enthu-\nsiasmus, durch welchen es ihnen gelang, wenn auch in kleiner An-\nzahl, gegen die Gewalt des anzukämpfen. Die Herren\nGöbbels und Ackens hatten grossen Antheil an dem Gelingen\ndes Ganzen; der Erstere sang die Partie des jungen Druiden mit\nvielem Feuer, der Andere entwickelte in der hochliegenden Bariton-\nPartie seine schöne Stimme mit Kraft und Innigkeit. Wir dürfen\nnicht sagen, dass Haydn's Te Deum besser in eine Kirche gepasst\nhaben würde; da das Orchester aus den unseren verbannt und.\ndurch eine Musik ersetzt ist, welche, wie wir uns am Gründonners-\ntage im Münster zu überzeugen Gelegenheit hatten, sicher nicht\nzur Erbauung beiträgt, so ist es richtig, dass man die Kirchenmusik\nvon Zeit zu Zeit in den Concerten zulässt.\" (Aach. Zeitung.)"}]}