{"numero_id": "bm-bmtnabi-1865-06-17-01", "volume": "bmtnabi_1865-06-17_01", "ocr_sha256": "08d6e404dea4f53ce5c71581a86e805f0ce70b676200eea12460fe9829b2b626", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1865/06/17_01/bmtnabi_1865-06-17_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650617-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1865-06-17-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1865-06-17_01#c001", "volume": "bmtnabi_1865-06-17_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "185", "page_fin": "185", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650617-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "185", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650617-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 459, "texte": "Inhalt.\nDas 42. niederrheinische Musikfest. 11. Ist die Musik eine Kunst? Aus Aachen (Franz Wüllner als städtischer\nMusik-Director von 1858—1865). Aus Bielefeld (Concert in der Tonhalle auf dem Johannisberge Frau Dustmann-Meyer).\nTages- und Unterhaltungsblatt (Braunschweig,. Musikfest Florenz, Matinee, Jean Becker Pressburg, Pianist Taussig, ~Lob\nder Gottheit\", Cantate von H. A. Proschek Stuckholm, Concert Moskau, italiänische Oper, Abonnements-Concerte)."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1865-06-17-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1865-06-17_01#c002", "volume": "bmtnabi_1865-06-17_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "185", "page_fin": "187", "image_debut": 1, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650617-01.2.2", "titre_corps": "Das 42. niederrheinische Musikfest.", "titre_sommaire": "Das 42. niederrheinische Musikfest.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "185", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650617-01.1.1", "debut_caractere": 461, "fin_caractere_exclue": 4044, "texte": "Das 42. niederrheinische Musikfest.\n11.\n(I. s. Nr. 23.)\nDer Aufführung des „Israel\" ging die Ouverlure\nzum „Paulus\" von Mendelssohn voraus. Da Händel\nkeine Orchester-Einleitung zum „Israel\" geschrieben, son-\ndern die Aufführungen wahrscheinlich mit einem Orgel-\nPräludium eröffnet hat, so war es schon aus praktischem\nGrunde zweckmässig, eine Ouvertüre vorangehen zu lassen,\nda es nicht gerathen ist, eine Fest-Aufführung vor einem\nPublicum von zwei Tausend Zuhörern mit einem Recitaliv,\ndas noch dazu ohne Orchesterbegleitung ist, zu eröffnen.\nDie Wahl der genannten Ouvertüre war zu billigen, da\nsie an und für sich eine schöne Composition ist, deren Stil\nder ernsten Gattung angehört und sich vom Modernen so\nweit entfernt hält, als es der gegenwärtige Reichthum der\nverfügbaren Tonmittel erlaubt. Für die Splitterrichter\nund musicalischen Archivare, die da Anstoss daran neh-\nmen möchten, dass eine Ouvertüre über einen christlichen\nChoral nicht zu den Chören der Kinder Israel passe, sei\nbemerkt, dass Mendelssohn's Ouvertüre das Musik fest\neröffnete, worauf dann ein Oratorium von Händel folgte.\nAuf unseren Musikfesten wurde „Israel in Aegypten\"\nzum ersten Male zu Düsseldorf im Jahre 1833 unter\nMendelssohn's Direction, dann ebendaselbst im Jahre 1842\nwieder unter Mendelssohn und zu Aachen im Jahre 1854\nunter Lindpaintner's Leitung aufgeführt*). Die gegenwär-\ntige Aufführung unter F. Hiller's Direction war mithin\ndie vierte. Das Oratorium wurde nach der Original-Par-\ntitur und der Orgelstimme, welche Mendelssohn der Aus-\ngabe der londoner Handel Society beigegeben hat, ausge-\nführt. Ausserdem waren die sechs Recitative und eine\nArie, welche (wie bereits in Nr. 22, S. 171 bemerkt)\nMendelssohn in der Partitur-Abschrift des Organisten\nGeorg Smart in London gefunden und J. Stern seinem\nCiavier-Auszuge einverleibt hat, aufgenommen worden,\ndessgleichen die Posaunen, welche Chrysander zuerst in\nder Ausgabe der leipziger Händel-Gesellschaft aus einem\nAnhange zu Händel's Hand-Exemplar bekannt gemacht\nhat. Die Smart-Mendelssohn'schen Recitative fallen in den\nersten Theil des Oratoriums zwischen die Chöre, welche\ndie Plagen schildern; die Arie in „Hoffnung lin-\ndert unsre Schmerzen\" (den englischen Text hat Stern\nleider nicht), die übrigens für Alt oder Mezzo-Sopran,\nnicht für Sopran geschrieben ist, was die Tonregion vom\nkleinen hbis zweigestrichenen zeigt, folgt auf den Chor:\n„Er führte sie aus\". Ausserdem war der Bravourgesang:\n„ Alleluja\" (B dur, Presto, ,2/s-Tact), aus dem Anhange\nzum Oratorium „Esther\" in den zweiten Theil nach dem\nDuette der beiden Bässe (mithin nicht eben an günstiger\nStelle) für Frau Lemmens-Sherrington eingelegt. Ausge-\nlassen wurde nur der Chor: „Froh sah Aegypten ihren\nAuszug\", und im zweiten Theile durch zufällige Veran-\nlassung (Unwohlsein der Sängerin des zweiten Soprans)\ndas Duett für zwei Soprane oder Tenöre: „Der Herr ist\nmein Heil\". Der erste Theil bekam durch die Heran-\nziehung des prachtvollen Chors: „Moses und die Kinder\nIsraels\", und: „Ich will singen\" (welcher den zweiten\nTheil eröffnet), als letzten Chor des ersten Theiles einen\nimposanten Schluss.\nHändel's „Israel\" ist ein musicalisches Epos, es hat\nkeine der dramatischen auch nur ähnliche Handlung, mit-\nhin auch weder leidenschaftliche, noch sonstige persönliche\nRegungen und Empfindungen auszudrücken*). Sein Stoff\n\n*) Die Aufführung von 1854 in Aachen ist aus Versehen in\ndem Vorworte zum Textbuche nicht angegeben.\n*) Als einzige Ausnahme könnte man die Alt-Arie im zwei-\nten Theile: „Bringe sie hinein\", die ein subjectives Gefühl verräth,\nanführen."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "186", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650617-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5399, "texte": "sind erschütternde Ereignisse der alttestamentlichen Ge-\nschichte: die Landesplagen in Aegypten, der Auszug der\nIsraeliten und der Untergang ihrer Verfolger. Händel er-\nhob sich zur grossartigsten Anschauung dieser Ereignisse,\nindem er nicht einen einzelnen Rhapsoden hinstellt, der\ndem Volke die Begebenheiten verkündet, sondern das\nganze Volk selbst erzählen lässt, was es erlebt hat, und\ndieses Volk in noch so frischem Erstaunen über seine wun-\nderbare Errettung darstellt, dass es selbst in den lyrischen\nErgüssen der Dank- und Lobgesänge für Jehovah immer\nnoch die „überwältigenden Wogen\" und „das Ross und\nden Reiter, wie sie ins Meer versinken,\" vor Augen sieht\nund uns die Bilder seiner Phantasie mit ergreifender Wahr-\nheit vorführt. Darum steht dieses Oratorium einzig in sei-\nner Art da, es ist gleichsam eine Gattung für sich, und\nnur ein Genie wie Händel konnte der Tonkunst eine so\nriesige Aufgabe stellen und sie so ausführen, dass er ein\nKunstwerk schuf, vollendet wie wenige, und wie er selbst\nkein ähnliches geschaffen, ein Denkmal, in Wahrheit\n„dauernder als Erz\".\n4 » . * ■ • / f j - * ' ~ 1 ;4\nZugleich ist dieses Oratorium, mehr noch wie andere\nComposilionen von Händel, eine Belehrung über Tonma-\nlerei in der Musik, indem es beweist, dass die so genannte\nTonmalerei ihre volle Berechtigung hat, nur muss das spe-\ncifisch musicalische Genie, nicht dilettantische Componir-\nlust eines Poeten oder Literaten sie ausführen. Die Ton-\nkunst besitzt selbst Mittel zur Täuschung der Phantasie in\nBezug auf Schilderung gewisser Erscheinungen, welche\ndie Mittel der plastischen Künste sogar übertreffen, wenn\nnämlich der Musiker sie in genialer Weise anzuwenden\nversteht. Man versuche zum Beispiele den Eindruck des\nChors: „Er sandte dicke Finsterniss über all das Land\",\nauf die Phantasie des Hörers mittels einer Malerei auf Lein-\nwand durch die Augen des Beschauers zu erreichen! Auch\nder musicalische Ausdruck des Stillstehens mitten in der\nBewegung, wie z. B. im Oratorium „Josua\" des Stillste-\nhens der Sonne, während der Kampf wogt (Chor Nr. 23\nin D-dur), gehört zu den Unmöglichkeiten in der wirk-\nlichen Malerei.\nDurch die vorherrschende Beschäftigung der Vocal-\nkräfte in Massen, welche das Oratorium „Israel\" darbie-\ntet, ist es gerade vorzüglich zur Aufführung an Musik-\nfesten geeignet. Wenn die Wahl desselben einer Recht-\nfertigung bedürfte, so hätte sie dieselbe in der überaus\nglänzenden Aufnahme, welche der Vorführung durch das\nganze Musikfest-Publicum, nicht bloss durch die Kenner\noder die vorzugsweise für Händel Eingenommenen, zu\nTheil ward, vollständig gefunden. Wir haben den Beifall\nder Zuhörerschaft, welcher nicht bloss eine vollkommene\nBefriedigung, sondern eine wahre Begeisterung offenbarte,\nbereits mit einigen Worten zu schildern versucht und fü-\ngen hier in Bezug darauf nur noch hinzu, dass der Ein-\ndruck der einzelnen Chöre und des Ganzen ein so gewal-\ntiger, Alles ergreifender war, dass in dem allgemeinen\nStrome des Enthusiasmus alle musicalische Parteiung über-\nflutet wurde und selbst die entschiedensten Anhänger der\nneuen Schule ihren isolirten Standpunkt mitten darin nicht\nfestzuhalten oder gar gegen den Strom zu schwimmen\nvermochten. Die ganze Aufführung war ein Triumph für\ndie classische Musik und für Händel's Alles überragenden\nGenius, denn keiner seiner Nachfolger und keiner von sei-\nnen Zeitgenossen, den grossen J. S. Bach nicht ausgenom-\nmen, ist ihm in der Ueberwältigung der Massen durch\nMassen gleich zu stellen. Indessen, wenn die heutige mu-\nsicalische Aesthetik in ihrem Fortschritte noch ein paar\nSprünge weiter thut, so können wir immerhin erleben,\ndass auch Händel der Ueberwinder dem überwundenen\nStandpunkte für verfallen erklärt wird; den Ansatz dazu\nhaben bereits ein paar Koryphäen der neuesten Kunst-\nPhilosophie genommen, und ob einer von ihnen im neuen\nGewände auch dafür Busse zu thun gesonnen sei, müs-\nsen wir abwarten.\nDie Solo-Gesangstücke sind bekanntlich im „Israel in\nAegypten\" nicht zahlreich und auch nicht von der Bedeu-\ntung, die ihnen Händel in anderen Oratorien gegeben hat.\nEs war daher sehr zu billigen, dass die wenigen Nummern,\nwelche J. Stern in seinem empfehlungswerthen Ciavier-\nAuszuge (Berlin, Schlesinger) nach Mendelssohn abge-\ndruckt hat, zu der hiesigen Aufführung benutzt wurden.\nEs sind indess auch nur einige kurze Recitative und eine\nArie in E-moll, welche Fräulein Francisca Schreck\neben so wie die Arie in E-dur: „Bringe sie hinein\", mit\nihrer vollen, wohllautenden Stimme und innigem Ausdruck\nso vortrefflich sang, dass sie die Ueberzeugung, welche\nKenner und Musikfreunde theilen, dass sie für den orato-\nrischen Vortrag die vorzüglichste Sängerin unserer Zeit\nist, dadurch von Neuem bekräftigte und durch wiederhol-\nten Applaus mit Recht gefeiert wurde. Frau Lemmens-\nSherrington hatte am ersten Festtage wenig Gelegen-\nheit, die Erwartungen, welche ihr grosser Ruf in England\nbeim Publicum erregt hatte, vollkommen zu befriedigen,\ndenn Recitative hörte es von ihr gar nicht und für den\nVorgesang der Mirjam in der letzten Nummer ist ihre\nStimme nicht mächtig genug. Die Arie in „Aber\nDu liessest wehen\", und das eingelegte „Alleluja\" aus\ndem Oratorium „Esther\" erwarben ihr Beifall, doch zeigte\nsie sich erst am dritten Festtage in ihrem Glänze als Ge-\nsangeskünstlerin.\nHerr Walter vom Hof-Operntheater in Wien sang,\nmit Ausnahme der zwei Recitative für Bass, alle übrigen"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "187", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650617-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1587, "texte": "Recitative, auch diejenigen, die man sonst in diesem Ora-\ntorium vom Sopran zu hören gewohnt ist. Ueber das\nschöne, weiche und biegsame Organ dieses Künstlers,\nwelches Milde mit Kraft vereinigt und sich durch die treff-\nliche Behandlung der Verschmelzung der Brust- und Falset-\ntöne auszeichnet, haben wir in diesen Blättern bei Gele-\ngenheit seines Gastspiels im April schon öfter gesprochen\nund fügen nur hinzu, dass auch dem oratorischen Stile\nsein Vortrag auf vorzügliche Weise gerecht wird.\nDie Krone der Solostücke war die Ausführung des\ngrossen Duetts: „Der Herr ist der starke Held\", für zwei\nBässe, gesungen durch die Herren Julius Stockhausen\nvon Hamburg und Max Stägemann von Hannover.\nDass Herr Stockhausen in jeder Gesangesgattung uner-\nreichter Meister des Vortrages ist, weiss die ganze musi-\ncalische Welt: allein dass die vollendete Kunst des Gesan-\nges auch die Stimme durch richtige Behandlung so zu\nkräftigen vermag, dass ihr glänzender Tonstrahl einen so\ngrossen Baum, wie der Gürzenichsaal ist, mit vollem\nKlange füllt und selbst im stärksten Forte noch die Herr-\nschaft des Sängers über den Ausdruck geltend macht, das\nerregte mit Recht das Erstaunen der Zuhörer. Herr Stä-\ngemann hatte neben diesem Meister eine schwierige Auf-\ngabe zu lösen, aber um so grösser ist das Verdienst, dass\ner, unterstützt von einer markigen und sympathischen\nStimme, auch in Bezug auf Vortrag und Declamation\neinem solchen Vorbilde mit Glück nacheiferte. Das ganze\nHaus brach in einen Donnersturm von Beifall aus und\nruhte nicht eher, bis der heroische Zwiegesang wieder-\nholt wurde."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1865-06-17-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1865-06-17_01#c003", "volume": "bmtnabi_1865-06-17_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "187", "page_fin": "189", "image_debut": 3, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650617-01.2.3", "titre_corps": "Ist die Musik eine Kunst?", "titre_sommaire": "Ist die Musik eine Kunst?", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "187", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650617-01.1.3", "debut_caractere": 1589, "fin_caractere_exclue": 6127, "texte": "Ist die Musik eine Kunst?\n! *\\\n■ ;\nMan pflegt Kunst-Darstellungen von Realitäten\nder Natur und des Lebens zu unterscheiden; die Kunst\nin diesem Sinne ist das Vermögen, einen gewissen, wohl-\ngefälligen Schein, eine Vorstellung, ein Bild hervorzubrin-\ngen, das sich als solches von der vor- oder dargestellten\nSache selbst unterscheidet. Und in diesem Sinne, behaupte\nich, ist die Musik keine Kunst, indem sie zu den Rea-\nlitäten der Natur und des Lebens selbst gehört.\nAlle anderen Künste täuschen; sie sollen täuschen,\nmöglichst täuschen, und das ist hier eben die Kunst;\nwer hier am besten täuschen kann, der kann am mei-\nsten, ist der beste Könner oder Künstler*). So hat\ndie Poesie Vorstellungen, Phantasiebilder zu er-\nwecken; diese sind innere Abbildungen äusserer, wirk-\nlicher Gegenstände, oder es ist doch erforderlich, sich zu\ndenken, sie seien solche, wie bei einer fabel- und märchen-\nhaften Schilderung geflügelter Pferde, schwebender Genien,\nzauberischer Luftreisen u. dgl.; sie sind nicht sich selbst\ngenug, bedeuten etwas Anderes, als sie selbst; wäre das,\nwas wir uns auf Anregung des Dichters vorstellen, leben-\ndige Wahrheit und Wirklichkeit, so wäre es mehr. Die\nbildenden Künste gehen einen Schritt weiter; sie machen\ndie innere, poetische Vorstellung äusserlich anschaubar; die-\nses Gemälde, diese Bildsäule ist ein wirklicher Gegenstand.\nDennoch ruht auch er nicht in und auf sich selbst; er be-\ndeutet ebenfalls etwas Anderes, als er selber ist; es bleibt\ndoch im Grunde Alles innerhalb der Phantasie stehen,\nn\n\n*) Diese Frage stellt der philosophische Schriftsteller Georg\nFriedr. Daumer in einer Abhandlung, welche er „Musicali-\nscher Katechismus\" überschreibt, an die Spitze einer Reihe von\naphoristischen Bemerkungen über Musik, durch welche sich die An-\nsicht über das Wesen der Musik, die er in der Antwort auf die\nobige Frage entwickelt, als ein leitender Faden hindurchzieht. Die\nAbhandlung war ursprünglich für „eine kunstverständige Freundin\nund ein kleines, auserlesenes Publicum\", bestimmt. Wenn der Ver-\nfasser sagt: „Es hatte mir Freude gemacht, recht paradoxe Sätze\naufzustellen und zu verfechten\", so wird dieses aufrichtige Geständ-\nniss durch den Inhalt allerdings bestätigt: allein eben so wahr ist\nauch der darauf folgende Satz: „Es ist das eine vortreffliche Me-\nthode, der Wahrheit näher zu kommen.\" Wenigstens an Stoff zu\ngeistiger Anregung fehlt es den aufgestellten Sätzen nicht. D. Red.\n*) Ein Aesthetiker, dem dieser Aufsatz zii Gesichte kam, be-\nzeichnete obige Sätze als völlig falsch. Keine Kunst solle oder dürfe\ntäuschen; das sehe man an der widerwärtigen, ja, grässlichen Wir-\nkung der Wachsfigur. Aber der Fehler eines so unechten Kunst-\nwerkes ist nicht der, dass es täuscht, sondern dass es zu wenig\ntäuscht, ja, in der wesentlichsten Beziehung gar nicht täuscht\nindem es zwar das Lebende nachahmt, aber unfähig ist, den Tod\ndie Starrheit, den gänzlichen Mangel an lebendiger Wahrheit und\nWirklichkeit, womit es behaftet ist, zu verbergen, und so durch\neinen Widerspruch erschreckt, den das echte Kunstwerk durchaus\nnicht hat. „Leben athme die bildende Kunst!\" sagt Schiller;\nsie darf und soll also das Lebendige in möglichster Annäherung an\ndessen wahre und volle Erscheinung darstellen. Dies zu thun und\nzu können, davon ist ein Wachsfiguren-Cabinet sehr weit entfernt;\nda glaubt man geputzte, bemalte Leichen vor sich zu haben. Wohl\naber vermag jener Forderung auf seine Weise selbst das farblos\nweisse Marmorbild zu genügen. Wenn andererseits das Bild des Ma-\nlers auch mit dem lebhaftesten Farbenglanze ins Auge fällt, so ist\ndies kein Fehler; wenn ferner ein Portrait die Züge eines Indivi-\nduums so treu wiedergibt, dass es, wie man zu sagen pflegt,\nchend ähnlich\" ist, d. h. so sehr dem Originale gleicht, dass wir\nglauben, es wolle uns ansprechen, oder dass wir selbst in Versu-\nchung kommen, es anzureden, so wird dies nicht getadelt, sondern\ngelobt, und Niemand entsetzt sich davor, weAn nicht das Original\nselbst zu abstossend ist. Wie man sich in Statuen verlieben kann,\nwelche eine reizende Lebensfülle vor Augen stellen, davon werden\nwunderliche Beispiele erzählt. Der Schauspieler feiert seine Triumphe,\nwenn er uns vergessen macht, dass er nur Schauspieler ist; und wie\nwürden wir durch eine dramatische Scene tragisch erschüttert oder\nzu Thränen gerührt, wenn wir nicht in dem Augenblicke durch die\ntäuschende Kunst des Darstellers überwältigt und bestimmt würden,\ndas uns gebotene Schauspiel für eine ernste Wahrheit und Wirk-\nlichkeit zu nehmen? Anm. d. Verf."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "188", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650617-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5450, "texte": "weicher der bildende Künstler durch seine Anschaulich-\nkeiten nur nachhilft, die er dadurch nur näher bestimmt,\nfixirt, lebhafter macht. Darum ist ja auch hier nur von\nBild ern die Rede; es fehlt auch hier die reale, lebendige\nWahrheit dessen, was hervorgebracht und der Anschauung\ndargeboten wird. Pygmalion'» Bildsäule muss, um ihm zu\ngenügen, lebendig werden; aber das ist eine Fabel, die\nnur eben recht deutlich den Mangel ausspricht, an wel-\nchem auch die bildenden Künste leiden; über das Bild\ngeht die bildende Kunst so wenig hinaus, als die Poesie.\nNun aber die Musik! Ist diese etwa auch nur die\nKunst, einen schönen, anmuthigen, reizenden Schein\nhervorzubringen? Bezieht auch sie sich wesentlich nur auf\nAnderes, als sie selber ist? Mit nichten! Sie ist die\nSache selbst, sie ist unmittelbare Wahrheit\nund Wirklichkeit: und darin eben besteht ihr\neigenthümlicherZauber,die ganz eigene mäch-\ntige, magische Wirkung, die sie ausübt. Die Mu-\nsik ist die seelen- und lebensvolle Offenbarung des inner-\nsten Wesens der Dinge in Welt und Natur ; in ihr spricht\nsich der göttliche Kern der Dinge aus; wir schwimmen\nhier recht eigentlich in den Wogen der Wahrheit, der\nRealität, der allgemeinen, weltgrossen Wesenheit und\nWirklichkeit, aber abgelöst von der gemeinen Wirklich-\nkeit, welche uns das in den Dingen verborgene höhere\nWesen und Leben verdeckt und entzieht; sie gibt uns\nunmittelbar, ohne bloss vorzustellen und zu bedeuten, die\ngöttliche Substanz des Daseins, sie gibt uns Gott zu füh-\nlen*). Darum ist sie auch ganz besonders die heilige,\ndie religiöse Kunst; sie dient zur Vergegenwärtigung\ndes Göttlichen im Heiligthume, wie keine andere; durch\nsie erfüllt sich das Gemüth mit dem objectivsten Gefühle\ndes Göttlichen und Ewigen. Für den, der die Sache ver-\nsteht, hat übrigens auch die profane Musik einen höheren\nSinn und Charakter; die Musik ist ihm immer und überall\neine, wenn auch noch so entstellte und entwürdigte,\nTheophanie. Und selbst derjenige, dem das Verständ-\nniss darüber fehlt, wird durch die Musik in eine zwar un-\nbewusste, doch thatsächliche Beziehung zum Höchsten und'\nTiefsten gesetzt. Eine frivole Musik und ein frivoler Musik-\ngenussist eigentlich ein Widerspruch, eine\nadjecto, etwas im Grunde Unmögliches, nur Gemeintes,\nnicht factisch Wahres und Wirkliches. Wenn eine wilde\nGesellschaft Musik verlangt, um danach zu tanzen, so will\nsie sich, bei all dem Gegensatze, den ihre Gesinnung und\nSitte zum Religionsglauben bilden mag, doch eigentlich\nim Elemente des Göttlichen, Ewigen, Himmlischen fühlen\nund bewegen, sie weiss es nur nicht. Und so unterscheide\nich zwischen den Künsten des Scheins und einem Vermö-\ngen, einer Kunst, wenn man will, die uns statt des Schei-\nnes die Wahrheit selbst liefert und uns unmittelbar ins\nElement des Lebens und der Wirklichkeit im höheren\nSinne des Wortes hinein versetzt, wie es bei der Musik\nund nur bei ihr der Fall.\nDie Musik kann sich so zu sagen den Spass machen\nund auch Kunst in jenem anderen, ihr eigentlich fremden\nSinne sein. Sie kann nachahmen, schildern, Vorstellungen,\nBilder von wirklichen Gegenständen und Vorgängen zu\nerwecken suchen. Aber das braucht sie nicht, um Musik\nzu sein; es ist für sie keine wesentliche Aufgabe, es ist\neine Nebensache, ein Luxus und kein rechter Ernst darin,\nist eine oft fühlbar ungehörige, den Charakter der Cor-\nruption und Ausartung tragende Spielerei und Künstelei.\nDergleichen darf nur mit viel Maass und Verstand in An-\nwendung kommen, um nicht tadelhaft zu sein und zum\nSchaden und Ruin der Musik zu dienen, die als solche in\nsich selber ruht und in ihrer vollen göttlichen Eigenthüm-\nlichkeit, Macht und Herrlichkeit nur dann erscheint, wenn\nsie sich ganz auf sich selbst beschränkt und wie eine selbst-\ngenügsame Gottheit in sich selbst bewegt.\nMan pflegt die Musik als die subjective Seite des\nallgemeinen Kunstbereiches zu fassen. Ich finde,\ndass sie vielmehr die objectivste aller Künste ist.\nSubjectiv, und zwar höchst subjectiv ist sie allerdings in\nso fern, als sie die allgemeine Subjectivität des Weltlebens\noffenbart, die sich kundgebende Seele der Dinge ist. Das\nVerhalten des Künstlers aber, der sich in diese allgemeine\nSubjectivität und Seelenhaftigkeit des Daseins vertieft, durch\nden sie sich ausspricht, so wie dessen, welcher sie durch\nMusikhören in sich aufnimmt und sich mit ihr zusammen-\nschliesst, ist nicht das, was man subjectiv nennt. Weit\nmehr ist die Vorstellung des Dichters und des bildenden\nKünstlers, der in seinem besonderen und individuellen\nSinne und Geiste ein Bild entwirft und dies dann in seinen\nSchöpfungen ausprägt, subjectiv zu nennen. Man nennt so,\nwas in unserem Bewusstsein, Vorstellen, Empfinden und\nWollen der allgemeinen Wahrheit und Wirklichkeit der\nDinge in abgezogener, abgesonderter Weise entgegen-\nsteht; zu dieser allgemeinen Wahrheit und Wirklichkeit\naber gehört doch gewiss die Seele der Dinge, ihr inneres,\ngöttlich begründetes Wesen und Leben, und dieses ist's,\nwas sich in der Musik eine Sprache geschaffen, die wir\ndenn auch in der ganzen Natur bereits verbreitet finden.\nWenn sie auch meist nur unmusicalisch rauscht und tönt,\nso geht dies doch schon im Vogel in Gesang über. Und\ndieser beschränkt sich nicht bloss auf ein isolirtes Hervor-\n\n*) Möchte man nicht von der Musik sagen, was Vanini von\nseinem Strohhalm sagte: „Wäre ich so unglücklich, am Dasein\nGottes zu zweifeln, und hörte Musik, so würde sie mir eine Demon-\nstration desselben sein.\" Herder."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "189", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650617-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3039, "texte": "bringen von Tonfolgen; es gibt Vögel, die zusammen\nmehrstimmig singen und förmliche Accorde vernehmen\nlassen [?]. was doch gewiss Musik im engsten und strengsten\nSinne des Wortes ist. So der Sariama in Brasilien, Di-\nchobphus cristatus. „Seine Stimme\", heisst es in Kaub's\nNaturgeschichte der Vögel, „ist weitschallend und wird in\nvielen gleichartigen, auf einander folgenden, von der Höhe\nzur Tiefe herabsinkenden Tönen gehört. Oefters stimmen\nmehrere zu einem vollkommen richtigen Accord.\" Etwas\nganz Besonderes ist das wundersame Glockenspiel des Vo-\ngels P a uca r oder Or io Ii im Süden America's. Die Töne\ndieses kleinen Waldvogels sind nach Pöppig*) hell, rein,\nmelodisch, musicalisch und fallen weithin ins Ohr. „Im\ntiefsten Dunkel der Wälder\", sagt der genannte Reisende\nwörtlich, „lebt vereinzelt ein wunderherrlicher Sänger.\nMan bleibt lauschend und wie festgebannt stehen, wenn\nseine Klänge, die durchaus nur mit dem Schlage kleiner\nGlasglocken zu vergleichen, vielfach modulirt, aber mit der\nrichtigsten Beobachtung der Intervalle in eine regelmäs-\nsige Melodie vereint, leise und langsam aus den Baum-\ngipfeln berabtönen. Es liegt etwas unbeschreiblich Sanftes,\nman möchte sagen: Ueberirdiscbes in diesem Glockenspiel,\ndessen Reiz durch das öde Schweigen des weiten Waldes\nund die Unsichtbarkeit des überaus kleinen Sängers ver-\nmehrt wird. Man vermöchte um keinen Preis den endlich\nBemerkten zu tödten. Die Peruaner nennen ihn Organista\noder Flautero, den Organisten oder Flötenspieler;\nin Lima spricht man von ihm als einem der merkwürdig-\nsten Bewohner der unbekannten Wälder im Osten, und\ndie älteren Beschreiber dieser Gegenden erwähnen ihn mit\nBewunderung.\" In dem Grade widerlegt die Ornithologie\ndie zuversichtliche Behauptung eines musicalischen Schrift-\nstellers unserer Zeit, das von eigentlicher Musik in der\naussermenschlichen Natur keine Rede sein könne**). Die\nMusik in ihrer vollen, künstlerischen Bedeutung und Ent-\nwicklung beginnt wirklich schon im Vogel da zu sein: das\nist eine zoologische Wahrheit und Thatsache. Ja, wenn\ngewisse Nachrichten und Sagen nicht bloss märchenhaft\nerfunden sind, so werden zuweilen musicalische Stimmen\nund förmliche Musiken, die nicht weiter zu erklären sind,\nin der Luft gehört. Da wäre denn unser Planet überhaupt\nmusicalisch und ergötzte sich, so wie in der Fata Morgana\nan Luftbildern, so auch an einem tönenden Phänomen,\nan einer frei und selbständig hervorgebrachten Luftmusik,\nwobei die Erde, der Planet, überhaupt Componist, Instru-\nment und ausführender Musiker wäre. Es würde dies zu\nden Thatsacben gehören, worauf das Shakespeare'sche\nWort anzuwenden, dass es Dinge gibt, von welchen sich\nunsere Philosophie nichts träumen lässt. Und ist die Musik\nnicht überhaupt ein Wunder und Zauber, den unsere\nPhilosophie noch nie erklärt hat und von dem sie sich ge-\nwiss nichts träumen liesse. wenn er nicht vorhanden wäre?\n\n'\") Keise in Chili, Peru und auf dem Amazonenstrome. Leipzig,\n1836. 11. S. 200 ff. \"\n**) Hanslick, vom Musicalisch-Schönen. Leipzig. 1858. S.\n95 ff."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1865-06-17-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1865-06-17_01#c004", "volume": "bmtnabi_1865-06-17_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "189", "page_fin": "191", "image_debut": 5, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650617-01.2.4", "titre_corps": "Aus Aachen.", "titre_sommaire": "Aus Aachen.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "189", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650617-01.1.5", "debut_caractere": 3041, "fin_caractere_exclue": 5179, "texte": "Aus Aachen.\nFranz Wüllner als städtischer Musik-Director\nvon 1858—1865.\nDie Stadt Aachen hat wie die anderen grösseren\nStädte am Rheine ihre Ahonnements-Concerte im inter,\nallein die Verhältnisse, unter welchen sie hier Statt finden,\nunterscheiden sich in mancher Hinsicht von denen in den\nSchwesterstädten, und zwar zum Vortheil der Sache. Denn\nhier ist es die Stadt selbst, welche die Musikpllege in die\nHand nimmt, während anderswo nur Vereine von Kunst-\nfreunden oder musicalische Privat-Institute die öffentlichen\nConcerte veranstalten. Aachen bedarf als vielbesuchter Cur-\norl eines Orchesters nur für den Sommer; die Stadl ge-\nwährt aber dem Dirigenten und den Mitgliedern desselben\nfeste Anstellung und beschäftigt dasselbe in den Winter-\nConcerten unter Leitung des städtischen Musik-Directors\nund stellt es auch dem Theater-Unternehmer zur Verfü-\ngung. Auf diese Weise vertritt die städtische Verwaltung\ndie gesammten musicalischen Interessen der Stadt.\nDas höhere und eigentliche musicalische Leben Con-\ncentrin sich auf die YVinter-Concerte; sie sind die Pflege-\nstätte und Schule des Chorgesanges für die ernste Gattung\nder Vocalwerke, so wie der Instrumentalmusik mit gan-\nzem Orchester und der Concertmusik für Solo-Instrumente\nmit Orchester-Begleitung; sie haben mithin die Vertretung\nder classiscben Richtung, die Nährung und Hebung des\nSinnes für die Tonkunst, die Bildung des Geschmackes\nbei den zu den Aufführungen Mitwirkenden, wie beim\nPublicum, in der Hand.\nAn vorzüglichen Gesangeskräften, schönen Stimmen\nund musicalischen Talenten hat es in Aachen nie gefehlt;\neben so- wird für tüchtige Mitglieder des Orchesters ge-\nsorgt. Die zweckmässige Verwendung dieser sämmtlichen\nKräfte, zu denen auch zwei vortreffliche Männer-Gesang-\nvereine ihr Contingent liefern, und ihre Fortbildung zu\nkünstlerischem Können sind in den letzten sechs Jahren\ndurch Franz Wüllner's gediegenes musicalisches Wissen,\npraktische Tüchtigkeit und unermüdlichen Eifer für die\ngute Sache so gut geleitet und gefördert worden, dass die\nLeistungen des Orchesters und des Chors mit den besten\nConcert-Instituten Deutschlands wetteifern können."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "190", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650617-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5106, "texte": "Aus einer Zusammenstellung der Concert-Programme\nin den Jahren 1858 —1863 ergibt sich, dass während\ndieses Zeitraumes unter Wüllner's Leitung 14 Oratorien\nund 44 andere grössere und kleinere Chorwerke aufge-\nführt worden sind, wogegen in dem gleicbjährigen vorher-\ngehenden Zeiträume nur 4 Oratorien und 15 andere Vo-\ncalwerke gegeben worden sind. Eben so 29 Sinfonieen\ngegen 15 in der früheren Periode.\nWas die Bildung des Geschmacks betrifft, die in den\nClassikern Bach, Händel, Gluck, Haydn, Mozart, Beetho-\nven ihre Grundlage findet, so waren diese in derselben\nPeriode unter 114 aufgeführten grösseren Werken (Ora-\ntorien und anderen Chorwerken, Sinfonieen und Ouver-\ntüren) mit 67 Nummern (etwa vertreten, während\nsie in den Programmen von 1854 —5B unter 72 Wer-\nken mit 24 Nummern (also vorkommen. Beethoven\nfindet sich 1858 —63 in 27 Nummern, darunter 12 Sin-\nfonieen, gegenüber 9 Nummern, worunter 7 Sinfonieen\nvon 1854 58. Die grossartigen Sinfonieen Nr. 7 und\n9, ferner Nr. 2 sind von 1854 —5B ganz ignorirt. Hän-\ndel erscheint in den Programmen von 1858 —63 7 Mal,\nund zwar mit 6 Oratorien (3 hier früher nicht gehörten)\nund einem kleineren Werke, dagegen von 1854 —5B\nnur 4 Mal, und zwar mit einem Oratorium und 3 klei-\nneren Chorwerken. Bach war (wenn man von einer beim\nMusikfeste 1857 aufgeführten Cantate absieht) für die\nhiesigen Abonnements-Concerte, sowohl für Orchester\nund Chor, wie für das Publicum, eine terra incognita.\nErst in den letzten Jahren sind seine grossartigen Vocalwerke\nhier zu gebührender Geltung gekommen, sowohl durch\ndie Matthäus-Passion, die bereits zwei Mal wiederholt\nwerden musste, wie durch eine ganze Anzahl anderer be-\ndeutender Werke. Er ist von 1858 —63 acht Mal auf\nden Programmen vertreten.\nHaydn findet sich in der letzten Periode 12 Mal ge-\ngenüber 5 Nummern von 1854—58; Gluck 5 Mal ge-\ngenüber 1 Nummer von 1854 58; Mozart 8 Mal gegen-\nüber 5 Nummern von 1854—1858 u. s. w.\nAn die genannten Classiker reihen sich die Romantiker\nWeber, Schubert, Mendelssohn, Schumann, Gade, Hiller,\nLachner u. a. an. Die drei letzteren sind von 1854—58\ngar nicht vertreten, Schumann verhältnissmässig nicht be-\ndeutend (nur durch zwei Sinfonieen und ein kleines Chor-\nstück). Von Schumann sind dagegen seit 1858 mehrere\nder bedeutendsten Instrumental- und Vocalwerke aufge-\nführt, von Gade und Hiller eine Anzahl ihrer besten Com-\npositionen. Die jüngste Gegenwart ist seit 1858 allerdings\nnur durch wenige Werke (4—5), aber durch Werke von\ncharakteristischer Bedeutung (von Reinecke, Bargiel u. A.)\nberücksichtigt, während sich von 1854 —5B eine ganze\n%\nZahl unbedeutender Namen aus Vergangenheit und Ge-\ngenwart auf den Programmen findet (Giordigiani, Brand,\nFlügel, Kalliwoda, Nicolai), die kaum Anspruch auf Be-\nrücksichtigung haben.\nSeit 1858 sind mit dem Chor 30, mit dem Orchester\n14 bis dahin hier unbekannte Werke zum ersten Male\naufgeführt worden.\nDiese Zusammenstellungen geben ein höchst erfreu-\nliches Bild dessen, was in den letzten Jahren in musicali-\nscher Hinsicht hier geleistet worden ist.\nFügen wir hinzu, dass ferner in den Wintern von\n1863 —64 und 1864 —65 in zwölf Concerten unter\nAnderem aufgeführt wurden Hiller's „Zerstörung von\nJerusalem\", Beethoven's „Meeresstille und glückliche\nFahrt\", J.S. Bach's Magnificat,H ä n d e 1' s Jubilate (100.\nPsalm) zum Utrechter Frieden, Bach's Matthäus-Passion,\nder 42. Psalm von Mendelssohn, Schumanns „Zi-\ngeunerleben\", „Erlkönigs Tochter\" von Gade,\nRegina von Wüllner, Händel's „Messias\", Schü-\nmanns „Paradies und Peri\", und zuletzt Beethoven's\nMissa solemnis. Nehmen wir dazu von Sinfonieen die\n111., VII., VI. und V. von Beethoven, in Es von Mo-\nzart, in A-mollvon Mendelssohn, in von Gade,\nDoppel-Sinfonie für zwei Orchester von Spohr u. s. w.,\nso bekunden diese Programme vollends für die zwei letz-\nten Jahre der Wirksamkeit Wüllner's in Aachen eine\nThätigkeit und ein echt künstlerisches Streben, das ihm\nzu grosser Ehre gereicht und den aufrichtigsten Dank ver-\ndient, der ihm denn auch bei Gelegenheit seines Abschieds-\nConcertes, in welchem er Beethoven's fünfte Sinfonie\nund Missa solemnis mit der richtigen Auffassung, Sicher-\nheit und Energie leitete, die ihm als vorzüglichem Diri-\ngenten eigen sind, in reichem Masse zu Tbeil wurde. Die-\nses sein Directions-Talent bewährte er auch bei Leitung\nder grössten Massen am 41. niederrheinischen Musikfeste\nin Aachen, dessen Aufführungen er gemeinschaftlich mit\nJulius Rietz dirigirte.\nDas Resultat dieser Thätigkeit zeigte sich denn auch\nin der von Jahr zu Jahr steigenden Theilnahme des Pu-\nblicums, so dass die Winter-Concerte, die im Jahre 1858\n297 Abonnenten hatten, im Jahre 1861—62 393, und\ntrotz der erhöhten Preise im Jahre 1863 —64 412 und\n1864—65 420 Abonnenten zählten mit einer Einnahme,\ndie von 891 Thlrn. bis auf 1648 Thlr. (1864) gewach-\nsen ist.\nAusser der Thätigkeit für die Haupt-Aufgabe seines\nBerufes leitete Herr Wüllner noch in jedem Sommer drei\nbis vier Concerte bei besonderen Veranlassungen, dirigirte\nden hiesigen Instrumental-Verein, der auch in jedem Win-\nter sieben Aufführungen veranstaltete, und betheiligte sich"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "191", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650617-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1172, "texte": "mit den Gebrüdern Wenigmann (mit Ausnahme der\nbeiden letzten Winter) an Soireen für Kammermusik als\nClavierspieler. Vier Stunden wöchentlich widmete er dem\nCursus für Chorgesang, welchen junge Mädchen besuch-\nten, die sich zum Mitwirken im Concertchor vorbereiteten.\nDie grösseren Compositionen Wüllner's aus der Zeit\nseines hiesigen Aufenthaltes, ein Salve Regina, die Can-\ntate „Heinrich der Finkler\", der9B.Psalm, sämmt-\nlich für Soli, Chor und Orchester, sind in diesen Blättern\nausführlich besprochen worden, eben so die ergänzenden\nBearbeitungen der Partituren von HändePs Oratorium\n„Belsazar\", Bach's „Magnificat\" und einigen kleineren\nVocalwerken.\nWir hielten es für eine Pflicht der Dankbarkeit, den\nVerdiensten Franz Wüllner's um das Musikleben in Aachen,\nwelches er zu so schöner Blüthe gebracht hat, einige\nWorte der Anerkennung zu widmen, und schliessen mit\ndem Wunsche, dass sein neuer Wirkungskreis in Mün-\nchen ihm Gelegenheit bieten möge, das edle Streben für\nWürde und Hoheit der Tonkunst, das ihn beseelt und zu\ndessen praktischer Verwirklichung er vollkommen das\nZeug hat, in eben so vielseitiger Weise, wie es hier ge-\nschehen, zur Geltung zu bringen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1865-06-17-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1865-06-17_01#c005", "volume": "bmtnabi_1865-06-17_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "191", "page_fin": "191", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650617-01.2.5", "titre_corps": "Aus Bielefeld.", "titre_sommaire": "Aus Bielefeld.", "signature_source": "o —S. —", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "191", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650617-01.1.7", "debut_caractere": 1174, "fin_caractere_exclue": 3705, "texte": "Aus Bielefeld.\no\n—S.—\nDen 8. Juni 1865.\nDer erste Pfingstfeiertag brachte uns ein Concert in der gros-\nsen Tonhalle auf dem Johannisberge, das In allen Beziehungen\nhöchst bemerkenswert!! war. Der Chor des Musikvereins war zwar\nnicht so gut, als im Winter, denn mit dem Frühlinge trat auch die-\nses Mal eine allgemeine Erschlaffung ein, der sich der weniger mu-\nsikliebende Theil der Herren und Damen nicht entziehen konnte.\nDas Orchester war aber aussergewöhnlich verstärkt, und die hinzu-\ngekommenen Kräfte aus Minden erwiesen sich als recht tüchtig.\nDie Leitung befand sich in den festen Händen unseres Musik-Di-\nrectors Alb. Hahn, der aus dem Krankenbette sich erhob, um Ge-\nneralprobe und Concert selbst zu dirigiren. Der Stern der Auffüh-\nrung war jedoch Frau Dustmann-Meyer, k. k. Hof-Opern- und\nKammersängerin aus Wien, die Gattin unseres früheren Mitbürgers\nDustmann, welche zum ersten Male, und zwar zu einem wohlthäti-\ngen Zwecke, sich in der Vaterstadt ihres Gemahls hören liess. Zur\nAufführung kamen: Ouvertüre und Scene: „Wie nahte mir der\nSchlummer\", aus dem Freischütz; Chorlieder, und zwar mehrere\nVolkslieder und „Das getreue Herz\" von unserem Dirigenten; drei\nLieder: „Du bist die Ruh1\" von Schubert, „Der Frühling naht mit\nBrausen\" von Mendelssohn und „Ueber'm Garten durch die Lüfte\"\nvon Schumann, und Hiller's „Loreley\", die trotz ihrer Schwierig-\nkeiten recht gut ging und Chor, Orchester und Publicum entzückte.\nHatte Frau Dustmann in dem Verkehr mit denen, die ihr nahten,\nAlle durch Liebenswürdigkeit für sich gewonnen, so versetzte sie\ndie Anwesenden im Concerte und der Saal fasste über 800 Per-\nsonen in den höchsten Kunst-Enthusiasmus. Das Gebet, die Zwei-\nfel, den Jubel Agathens, die lyrische Stimmung der drei so verschie-\ndenen Lieder, denen sie Schubert's „Haideröslein\" zugeben musste,\ndie 1 artie der Lorelei gab sie, so verschieden sie sind, so vollendet,\ndass man sie in jedem Momente aut der Höhe ihrer Leistungen zu\nerblicken glaubte. Die „Loreley, diese wundervolle Composition,\ndie \"v\\ ir neben die besten Werke der musicalischen Romantik stel-\nlen, erhielt durch diese Loreley gleich einen so zum Herzen gehen-\nden Zauber, dass der Beiiall nicht den Schluss abwartete, sondern\nplötzlich in dei Mitte ausbrach« Mit Linem W orte: es war ein Con-\ncert, des schönen, ersten Pfingstfesttages würdig. Dass es au einem\nStändchen, welches die Liedertafel brachte, einer Landpartie in un-\nsere schönen Berge und einem Festessen, unseren liebenswürdigen\nGast zu feiern, nicht fehlte, versteht sich."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1865-06-17-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabi_1865-06-17_01#c006", "volume": "bmtnabi_1865-06-17_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "191", "page_fin": "192", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650617-01.2.6", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "191", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650617-01.1.7", "debut_caractere": 3707, "fin_caractere_exclue": 6463, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nAus Braunschweig gebt uns von unserem Herrn Correspon-\ndenten die Notiz zu, dass das am 10. —l2. Juni Statt gefundene\nMusikfest im Ganzen betrachtet ein würdiges war nnd wohl ge-\neignet sein dürfte, die Veranstaltung weiterer mitteldeutscher Musik-\nfeste wieder zu veranlassen. Einen ausführlichen Bericht darüber\nwird unsere nächste Nummer bringen.\nFlorenz. In der letzten Matinee, welche unsere Quartett-Ge-\nsellschalt ihren Mitgliedern gab, liess sich der rühmlichst bekannte\nViolin-Virtuose Jean Becker hören und zog ein ungewöhnlich\nzahlreiches Publicum an. Den Anfang des Concertes bildete Mozart's\nD-moll-Quartett, vorgetragen von den Herren Becker, Papini,\nChiostri und Jandelli mit ausgezeichneter Meisterschaft. Darauf\nfolgte das &-cZwr-Quartett von Mendelssohn. Den Schluss bildete\nder Vortrag einer Phantasie von Paganini durch Herrn Becker, der\ndie fabelhaften Schwierigkeiten dieser Composition spielend über-\nwand und mit Beifall überschüttet wurde. Herr Becker wurde zum\nLhren-Mitgliede der Quartett-Gesellschaft von Florenz ernannt. [Dem\nVernehmen nach wird Herr Scholz, bisher Hof-Capellmeister in\nHannover, der dort seine Entlassung genommen hat, sich in Flo-\nrenz niederlassen.]\nI*resslM»r|S. Die ganze Winter-Saison hatte sich kein Con-\ncertist hieher verirrt, da das Concertgeben in unserer Stadt bereits\nzu den gewagten Unternehmungen gehört. Erst am 25. Mai veran-\nstaltete der Pianist Taussig auf seiner Rückreise aus den Donau-\nFürstenthüipern ein Concert im Saale rbeim grünen Baum\" vor\neinem kleinen Kreise seiner Verehrer. Er spielte Compositionen von\nSchümann, Rubinstein, Liszt. Man staunte über die fabelhafte Tech-\nnik, Kraft und Ausdauer. In manchen Piecen wäre aber etwas mehr\nWärme zu wünschen gewesen.\nAllseitige Würdigung fand die Aufführung einer Novität: „Lob\nder Gottheit\", nach dem 19. Psalm, Cantate für Soli, Chor und Or-\nchester von H. A. Pr osche k, am 28. Mai in der zweiten Akade-\nmie des hiesigen Kirchenmusik-Vereins. Das Ganze besteht aus fünf\nNummern: Einleitungs-Chor, Sopran-, Alt- und Bass-Arie mit Reci-\ntativen und Schluss-Chor mit einer grossartigen Fuge, letzteres der\nGlanzpunkt des Werkes. Der Componist hat sich Haydn und Men-\ndelssohn zu Vorbildern genommen, verräth vielseitiges Wissen und\ndürfte, nach diesem ersten Werke zu urtheilen, in diesem Genre\nnoch Vollkommenes leisten. Jede der fünf Nummern wurde mit\ngrossem Beifalle aufgenommen, besonders nach dem letzten Chor\nwar der Applaus stürmisch, anhaltend, und der Componist wurde\ngerufen. Die Aufführung unter der Leitung des Voreins-Capellmei-\nsters, Herrn Jos. Kumlik, war eine wohlgelungene.\nStockholm. Ferdinand Laub und der Pianist Anton\nDoor aus Moskau, ein geborener Wiener, gaben hier einige Con-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "192", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650617-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4167, "texte": "certe mit glänzendem Erfolge, das letzte im grossen königlichen\nTheater mit Orchester. Laub spielte das Beethoven'sche Concert und\ndie Othello-Phantasie von Ernst, und Door Serenade und Allegro\nvon Mendelssohn, Ballade von Chopin und mehrere Sachen von\nAnton und Nikol. Rubinstein. Ausserdem gaben sie zwei Concerte\nin der alten und nördlichsten Universitätsstadt Upsala und zwei in\nGothenburg. Norwegische und schwedische Zeitungen liefern ganze\nSpalten der enthusiastischsten Lobeserhebungen.\nUnsere italiänische Oper ist nach vierjährigem Be-\nstehen ruhig entschlafen. Ein plötzlicher Befehl des Ministers Grafen\nAdlerberg hat dies auf höhere Anordnung gethan. Ganz im Gegen-\ntheil zur russischen Musikgesellschaft, die seit ihrem fünfjährigen\nBestände von Jahr zu Jahr mehr Aufschwung nahm und jetzt schon\nein bedeutendes Capital zur Disposition hat, das sie zur Errichtung\neines Conservatoriums verwenden will, hat das Interesse für Verdi\nund Consorten immer mehr und mehr abgenommen. Während im\nersten Jahre ihres Entstehens das Abonnement über 80,000 Rubel\nbetrug, so kamen diesmal kaum 25,000 zusammen, und in keinem\nder Zwischenjahre wurde die erstere Summe wieder erreicht. Da\ndieses Jahr das Deficit der italiänischen Oper die Summe von 220,000\nSilberrubeln erreichte, so wurde das doch der petersburger Ober-\nDirection zu arg, und wir werden nun uns bloss mit der russischen\nOper begnügen müssen, die vorläufig in keinen guten Händen liegt.\nSo wie hier Alles in Coterie- und Protectionswesen seine un-\nlautere Quelle hat, so ergibt sich daraus die Fruchtlosigkeit aller\nwahrhaft künstlerischen Bestrebungen. Statt die erledigte Capell-\nmeister-Stelle an der russischen Oper Nikolai Rubinstein zu verlei-\nhen, der in jeder Beziehung, als geborener Moskauer und ausge-\nzeichneter Musiker, die vollkommene Fähigkeit dazu besitzt, wird\nsie an einen ganz obscuren Menschen, Herrn Schramek, von dessen\nExistenz man bis jetzt kein Sterbenswörtchen gehört hatte und der\nin der ersten Vorstellung des „Freischütz\" alle Tempi um die Hälfte\nbeinahe zu langsam nahm, verliehen. Nachträglich erfährt man, dass\ner sich der Leutseligkeit einer persona grata in Petersburg zu er-\nfreuen hatte. Die Directorstelle wurde einem Excellenz-Titel-Inhaber\n(conditio sine qua non) verliehen, von dem man bloss weiss, dass er\neinstens Attache bei der Gesandtschaft in Athen war, schwerlich\naber von der Musik kaum mehr zu verstehen scheint, als wie der\nBlinde von der Farbe. Die Ober-Regisseur-Stelle endlich wurde\neinem Manne verliehen, der wenigstens versteht, sich bei den\nFrauen in hohe Gunst zu setzen, da er ein sehr schönes Aeusseres\nbesitzt, früher aber eine Stelle bekleidete, die mit seiner jetzigen\neben so viel gemein hat, als wenn man etwa einen Conditor zum\nEisenbahn-Ingenieur machen wollte.\nIn den zehn Abonnements-Concerten spielte unter Anderen Nie.\nRubinstein das erste Concert von Liszt, Anton Door Concert-Sym-\nphonique in C-moll von Littolff, und Joseph Wieniawsky, Bruder\ndes petersburger Solisten, ein von ihm componirtes Clavier-Concert,\nwelches viel Talent verräth, sehr gut instrumentirt ist, nur durch\nallzu grosse Längen den Eindruck schwächte. Im zehnten Concerte\nhörten wir Schumann's Requiem zum ersten Male sehr sorgfältig\neinstudirt, man konnte aber trotz sehr interessanter Einzelnummern kei-\nnen nachhaltigen Eindruck hervorbringen, da die Färbung einer je-\nden Nummer genau der vorhergehenden entspricht und dadurch das\nGanze etwas monoton wird. Im selben Concei-e spielte Laub das\nBeethoven'sche Concert und die ungarischen Lieder von Ernst mit\nso grossem Erfolge, dass seine beiden darauf im grossen Theater\nveranstalteten Concerte bei ausverkauftem Hause Statt fanden; es\nwaren die lucrativsten Concerte der Saison. Ausserdem gab Nikolaus\nRubinstein ein sehr besuchtes Concert, indem er das JD-mo^-Concert\nund fünf kleine Piecen von Chopin, Schumann und sei-\n- «Dielte, und am Schlüsse der Saison gab Anton Door\nsein jährliches Concert, in dem er mit Laub die C-moZZ-Sonate von\nBeethoven, mit Rubinstein Variationen für zwei Claviere von Ernst\nRudorff und kleinere Sachen von Hans Seeling, Anton Rubinstein\nu. s. w» spielte. (W. 81. f. Th.)"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "185", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650617-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nDas 42. niederrheinische Musikfest. 11. Ist die Musik eine Kunst? Aus Aachen (Franz Wüllner als städtischer\nMusik-Director von 1858—1865). Aus Bielefeld (Concert in der Tonhalle auf dem Johannisberge Frau Dustmann-Meyer).\nTages- und Unterhaltungsblatt (Braunschweig,. Musikfest Florenz, Matinee, Jean Becker Pressburg, Pianist Taussig, ~Lob\nder Gottheit\", Cantate von H. A. Proschek Stuckholm, Concert Moskau, italiänische Oper, Abonnements-Concerte).\n\nDas 42. niederrheinische Musikfest.\n11.\n(I. s. Nr. 23.)\nDer Aufführung des „Israel\" ging die Ouverlure\nzum „Paulus\" von Mendelssohn voraus. Da Händel\nkeine Orchester-Einleitung zum „Israel\" geschrieben, son-\ndern die Aufführungen wahrscheinlich mit einem Orgel-\nPräludium eröffnet hat, so war es schon aus praktischem\nGrunde zweckmässig, eine Ouvertüre vorangehen zu lassen,\nda es nicht gerathen ist, eine Fest-Aufführung vor einem\nPublicum von zwei Tausend Zuhörern mit einem Recitaliv,\ndas noch dazu ohne Orchesterbegleitung ist, zu eröffnen.\nDie Wahl der genannten Ouvertüre war zu billigen, da\nsie an und für sich eine schöne Composition ist, deren Stil\nder ernsten Gattung angehört und sich vom Modernen so\nweit entfernt hält, als es der gegenwärtige Reichthum der\nverfügbaren Tonmittel erlaubt. Für die Splitterrichter\nund musicalischen Archivare, die da Anstoss daran neh-\nmen möchten, dass eine Ouvertüre über einen christlichen\nChoral nicht zu den Chören der Kinder Israel passe, sei\nbemerkt, dass Mendelssohn's Ouvertüre das Musik fest\neröffnete, worauf dann ein Oratorium von Händel folgte.\nAuf unseren Musikfesten wurde „Israel in Aegypten\"\nzum ersten Male zu Düsseldorf im Jahre 1833 unter\nMendelssohn's Direction, dann ebendaselbst im Jahre 1842\nwieder unter Mendelssohn und zu Aachen im Jahre 1854\nunter Lindpaintner's Leitung aufgeführt*). Die gegenwär-\ntige Aufführung unter F. Hiller's Direction war mithin\ndie vierte. Das Oratorium wurde nach der Original-Par-\ntitur und der Orgelstimme, welche Mendelssohn der Aus-\ngabe der londoner Handel Society beigegeben hat, ausge-\nführt. Ausserdem waren die sechs Recitative und eine\nArie, welche (wie bereits in Nr. 22, S. 171 bemerkt)\nMendelssohn in der Partitur-Abschrift des Organisten\nGeorg Smart in London gefunden und J. Stern seinem\nCiavier-Auszuge einverleibt hat, aufgenommen worden,\ndessgleichen die Posaunen, welche Chrysander zuerst in\nder Ausgabe der leipziger Händel-Gesellschaft aus einem\nAnhange zu Händel's Hand-Exemplar bekannt gemacht\nhat. Die Smart-Mendelssohn'schen Recitative fallen in den\nersten Theil des Oratoriums zwischen die Chöre, welche\ndie Plagen schildern; die Arie in „Hoffnung lin-\ndert unsre Schmerzen\" (den englischen Text hat Stern\nleider nicht), die übrigens für Alt oder Mezzo-Sopran,\nnicht für Sopran geschrieben ist, was die Tonregion vom\nkleinen hbis zweigestrichenen zeigt, folgt auf den Chor:\n„Er führte sie aus\". Ausserdem war der Bravourgesang:\n„ Alleluja\" (B dur, Presto, ,2/s-Tact), aus dem Anhange\nzum Oratorium „Esther\" in den zweiten Theil nach dem\nDuette der beiden Bässe (mithin nicht eben an günstiger\nStelle) für Frau Lemmens-Sherrington eingelegt. Ausge-\nlassen wurde nur der Chor: „Froh sah Aegypten ihren\nAuszug\", und im zweiten Theile durch zufällige Veran-\nlassung (Unwohlsein der Sängerin des zweiten Soprans)\ndas Duett für zwei Soprane oder Tenöre: „Der Herr ist\nmein Heil\". Der erste Theil bekam durch die Heran-\nziehung des prachtvollen Chors: „Moses und die Kinder\nIsraels\", und: „Ich will singen\" (welcher den zweiten\nTheil eröffnet), als letzten Chor des ersten Theiles einen\nimposanten Schluss.\nHändel's „Israel\" ist ein musicalisches Epos, es hat\nkeine der dramatischen auch nur ähnliche Handlung, mit-\nhin auch weder leidenschaftliche, noch sonstige persönliche\nRegungen und Empfindungen auszudrücken*). Sein Stoff\n\n*) Die Aufführung von 1854 in Aachen ist aus Versehen in\ndem Vorworte zum Textbuche nicht angegeben.\n*) Als einzige Ausnahme könnte man die Alt-Arie im zwei-\nten Theile: „Bringe sie hinein\", die ein subjectives Gefühl verräth,\nanführen."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "186", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650617-01.1.2", "texte": "sind erschütternde Ereignisse der alttestamentlichen Ge-\nschichte: die Landesplagen in Aegypten, der Auszug der\nIsraeliten und der Untergang ihrer Verfolger. Händel er-\nhob sich zur grossartigsten Anschauung dieser Ereignisse,\nindem er nicht einen einzelnen Rhapsoden hinstellt, der\ndem Volke die Begebenheiten verkündet, sondern das\nganze Volk selbst erzählen lässt, was es erlebt hat, und\ndieses Volk in noch so frischem Erstaunen über seine wun-\nderbare Errettung darstellt, dass es selbst in den lyrischen\nErgüssen der Dank- und Lobgesänge für Jehovah immer\nnoch die „überwältigenden Wogen\" und „das Ross und\nden Reiter, wie sie ins Meer versinken,\" vor Augen sieht\nund uns die Bilder seiner Phantasie mit ergreifender Wahr-\nheit vorführt. Darum steht dieses Oratorium einzig in sei-\nner Art da, es ist gleichsam eine Gattung für sich, und\nnur ein Genie wie Händel konnte der Tonkunst eine so\nriesige Aufgabe stellen und sie so ausführen, dass er ein\nKunstwerk schuf, vollendet wie wenige, und wie er selbst\nkein ähnliches geschaffen, ein Denkmal, in Wahrheit\n„dauernder als Erz\".\n4 » . * ■ • / f j - * ' ~ 1 ;4\nZugleich ist dieses Oratorium, mehr noch wie andere\nComposilionen von Händel, eine Belehrung über Tonma-\nlerei in der Musik, indem es beweist, dass die so genannte\nTonmalerei ihre volle Berechtigung hat, nur muss das spe-\ncifisch musicalische Genie, nicht dilettantische Componir-\nlust eines Poeten oder Literaten sie ausführen. Die Ton-\nkunst besitzt selbst Mittel zur Täuschung der Phantasie in\nBezug auf Schilderung gewisser Erscheinungen, welche\ndie Mittel der plastischen Künste sogar übertreffen, wenn\nnämlich der Musiker sie in genialer Weise anzuwenden\nversteht. Man versuche zum Beispiele den Eindruck des\nChors: „Er sandte dicke Finsterniss über all das Land\",\nauf die Phantasie des Hörers mittels einer Malerei auf Lein-\nwand durch die Augen des Beschauers zu erreichen! Auch\nder musicalische Ausdruck des Stillstehens mitten in der\nBewegung, wie z. B. im Oratorium „Josua\" des Stillste-\nhens der Sonne, während der Kampf wogt (Chor Nr. 23\nin D-dur), gehört zu den Unmöglichkeiten in der wirk-\nlichen Malerei.\nDurch die vorherrschende Beschäftigung der Vocal-\nkräfte in Massen, welche das Oratorium „Israel\" darbie-\ntet, ist es gerade vorzüglich zur Aufführung an Musik-\nfesten geeignet. Wenn die Wahl desselben einer Recht-\nfertigung bedürfte, so hätte sie dieselbe in der überaus\nglänzenden Aufnahme, welche der Vorführung durch das\nganze Musikfest-Publicum, nicht bloss durch die Kenner\noder die vorzugsweise für Händel Eingenommenen, zu\nTheil ward, vollständig gefunden. Wir haben den Beifall\nder Zuhörerschaft, welcher nicht bloss eine vollkommene\nBefriedigung, sondern eine wahre Begeisterung offenbarte,\nbereits mit einigen Worten zu schildern versucht und fü-\ngen hier in Bezug darauf nur noch hinzu, dass der Ein-\ndruck der einzelnen Chöre und des Ganzen ein so gewal-\ntiger, Alles ergreifender war, dass in dem allgemeinen\nStrome des Enthusiasmus alle musicalische Parteiung über-\nflutet wurde und selbst die entschiedensten Anhänger der\nneuen Schule ihren isolirten Standpunkt mitten darin nicht\nfestzuhalten oder gar gegen den Strom zu schwimmen\nvermochten. Die ganze Aufführung war ein Triumph für\ndie classische Musik und für Händel's Alles überragenden\nGenius, denn keiner seiner Nachfolger und keiner von sei-\nnen Zeitgenossen, den grossen J. S. Bach nicht ausgenom-\nmen, ist ihm in der Ueberwältigung der Massen durch\nMassen gleich zu stellen. Indessen, wenn die heutige mu-\nsicalische Aesthetik in ihrem Fortschritte noch ein paar\nSprünge weiter thut, so können wir immerhin erleben,\ndass auch Händel der Ueberwinder dem überwundenen\nStandpunkte für verfallen erklärt wird; den Ansatz dazu\nhaben bereits ein paar Koryphäen der neuesten Kunst-\nPhilosophie genommen, und ob einer von ihnen im neuen\nGewände auch dafür Busse zu thun gesonnen sei, müs-\nsen wir abwarten.\nDie Solo-Gesangstücke sind bekanntlich im „Israel in\nAegypten\" nicht zahlreich und auch nicht von der Bedeu-\ntung, die ihnen Händel in anderen Oratorien gegeben hat.\nEs war daher sehr zu billigen, dass die wenigen Nummern,\nwelche J. Stern in seinem empfehlungswerthen Ciavier-\nAuszuge (Berlin, Schlesinger) nach Mendelssohn abge-\ndruckt hat, zu der hiesigen Aufführung benutzt wurden.\nEs sind indess auch nur einige kurze Recitative und eine\nArie in E-moll, welche Fräulein Francisca Schreck\neben so wie die Arie in E-dur: „Bringe sie hinein\", mit\nihrer vollen, wohllautenden Stimme und innigem Ausdruck\nso vortrefflich sang, dass sie die Ueberzeugung, welche\nKenner und Musikfreunde theilen, dass sie für den orato-\nrischen Vortrag die vorzüglichste Sängerin unserer Zeit\nist, dadurch von Neuem bekräftigte und durch wiederhol-\nten Applaus mit Recht gefeiert wurde. Frau Lemmens-\nSherrington hatte am ersten Festtage wenig Gelegen-\nheit, die Erwartungen, welche ihr grosser Ruf in England\nbeim Publicum erregt hatte, vollkommen zu befriedigen,\ndenn Recitative hörte es von ihr gar nicht und für den\nVorgesang der Mirjam in der letzten Nummer ist ihre\nStimme nicht mächtig genug. Die Arie in „Aber\nDu liessest wehen\", und das eingelegte „Alleluja\" aus\ndem Oratorium „Esther\" erwarben ihr Beifall, doch zeigte\nsie sich erst am dritten Festtage in ihrem Glänze als Ge-\nsangeskünstlerin.\nHerr Walter vom Hof-Operntheater in Wien sang,\nmit Ausnahme der zwei Recitative für Bass, alle übrigen"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "187", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650617-01.1.3", "texte": "Recitative, auch diejenigen, die man sonst in diesem Ora-\ntorium vom Sopran zu hören gewohnt ist. Ueber das\nschöne, weiche und biegsame Organ dieses Künstlers,\nwelches Milde mit Kraft vereinigt und sich durch die treff-\nliche Behandlung der Verschmelzung der Brust- und Falset-\ntöne auszeichnet, haben wir in diesen Blättern bei Gele-\ngenheit seines Gastspiels im April schon öfter gesprochen\nund fügen nur hinzu, dass auch dem oratorischen Stile\nsein Vortrag auf vorzügliche Weise gerecht wird.\nDie Krone der Solostücke war die Ausführung des\ngrossen Duetts: „Der Herr ist der starke Held\", für zwei\nBässe, gesungen durch die Herren Julius Stockhausen\nvon Hamburg und Max Stägemann von Hannover.\nDass Herr Stockhausen in jeder Gesangesgattung uner-\nreichter Meister des Vortrages ist, weiss die ganze musi-\ncalische Welt: allein dass die vollendete Kunst des Gesan-\nges auch die Stimme durch richtige Behandlung so zu\nkräftigen vermag, dass ihr glänzender Tonstrahl einen so\ngrossen Baum, wie der Gürzenichsaal ist, mit vollem\nKlange füllt und selbst im stärksten Forte noch die Herr-\nschaft des Sängers über den Ausdruck geltend macht, das\nerregte mit Recht das Erstaunen der Zuhörer. Herr Stä-\ngemann hatte neben diesem Meister eine schwierige Auf-\ngabe zu lösen, aber um so grösser ist das Verdienst, dass\ner, unterstützt von einer markigen und sympathischen\nStimme, auch in Bezug auf Vortrag und Declamation\neinem solchen Vorbilde mit Glück nacheiferte. Das ganze\nHaus brach in einen Donnersturm von Beifall aus und\nruhte nicht eher, bis der heroische Zwiegesang wieder-\nholt wurde.\n\nIst die Musik eine Kunst?\n! *\\\n■ ;\nMan pflegt Kunst-Darstellungen von Realitäten\nder Natur und des Lebens zu unterscheiden; die Kunst\nin diesem Sinne ist das Vermögen, einen gewissen, wohl-\ngefälligen Schein, eine Vorstellung, ein Bild hervorzubrin-\ngen, das sich als solches von der vor- oder dargestellten\nSache selbst unterscheidet. Und in diesem Sinne, behaupte\nich, ist die Musik keine Kunst, indem sie zu den Rea-\nlitäten der Natur und des Lebens selbst gehört.\nAlle anderen Künste täuschen; sie sollen täuschen,\nmöglichst täuschen, und das ist hier eben die Kunst;\nwer hier am besten täuschen kann, der kann am mei-\nsten, ist der beste Könner oder Künstler*). So hat\ndie Poesie Vorstellungen, Phantasiebilder zu er-\nwecken; diese sind innere Abbildungen äusserer, wirk-\nlicher Gegenstände, oder es ist doch erforderlich, sich zu\ndenken, sie seien solche, wie bei einer fabel- und märchen-\nhaften Schilderung geflügelter Pferde, schwebender Genien,\nzauberischer Luftreisen u. dgl.; sie sind nicht sich selbst\ngenug, bedeuten etwas Anderes, als sie selbst; wäre das,\nwas wir uns auf Anregung des Dichters vorstellen, leben-\ndige Wahrheit und Wirklichkeit, so wäre es mehr. Die\nbildenden Künste gehen einen Schritt weiter; sie machen\ndie innere, poetische Vorstellung äusserlich anschaubar; die-\nses Gemälde, diese Bildsäule ist ein wirklicher Gegenstand.\nDennoch ruht auch er nicht in und auf sich selbst; er be-\ndeutet ebenfalls etwas Anderes, als er selber ist; es bleibt\ndoch im Grunde Alles innerhalb der Phantasie stehen,\nn\n\n*) Diese Frage stellt der philosophische Schriftsteller Georg\nFriedr. Daumer in einer Abhandlung, welche er „Musicali-\nscher Katechismus\" überschreibt, an die Spitze einer Reihe von\naphoristischen Bemerkungen über Musik, durch welche sich die An-\nsicht über das Wesen der Musik, die er in der Antwort auf die\nobige Frage entwickelt, als ein leitender Faden hindurchzieht. Die\nAbhandlung war ursprünglich für „eine kunstverständige Freundin\nund ein kleines, auserlesenes Publicum\", bestimmt. Wenn der Ver-\nfasser sagt: „Es hatte mir Freude gemacht, recht paradoxe Sätze\naufzustellen und zu verfechten\", so wird dieses aufrichtige Geständ-\nniss durch den Inhalt allerdings bestätigt: allein eben so wahr ist\nauch der darauf folgende Satz: „Es ist das eine vortreffliche Me-\nthode, der Wahrheit näher zu kommen.\" Wenigstens an Stoff zu\ngeistiger Anregung fehlt es den aufgestellten Sätzen nicht. D. Red.\n*) Ein Aesthetiker, dem dieser Aufsatz zii Gesichte kam, be-\nzeichnete obige Sätze als völlig falsch. Keine Kunst solle oder dürfe\ntäuschen; das sehe man an der widerwärtigen, ja, grässlichen Wir-\nkung der Wachsfigur. Aber der Fehler eines so unechten Kunst-\nwerkes ist nicht der, dass es täuscht, sondern dass es zu wenig\ntäuscht, ja, in der wesentlichsten Beziehung gar nicht täuscht\nindem es zwar das Lebende nachahmt, aber unfähig ist, den Tod\ndie Starrheit, den gänzlichen Mangel an lebendiger Wahrheit und\nWirklichkeit, womit es behaftet ist, zu verbergen, und so durch\neinen Widerspruch erschreckt, den das echte Kunstwerk durchaus\nnicht hat. „Leben athme die bildende Kunst!\" sagt Schiller;\nsie darf und soll also das Lebendige in möglichster Annäherung an\ndessen wahre und volle Erscheinung darstellen. Dies zu thun und\nzu können, davon ist ein Wachsfiguren-Cabinet sehr weit entfernt;\nda glaubt man geputzte, bemalte Leichen vor sich zu haben. Wohl\naber vermag jener Forderung auf seine Weise selbst das farblos\nweisse Marmorbild zu genügen. Wenn andererseits das Bild des Ma-\nlers auch mit dem lebhaftesten Farbenglanze ins Auge fällt, so ist\ndies kein Fehler; wenn ferner ein Portrait die Züge eines Indivi-\nduums so treu wiedergibt, dass es, wie man zu sagen pflegt,\nchend ähnlich\" ist, d. h. so sehr dem Originale gleicht, dass wir\nglauben, es wolle uns ansprechen, oder dass wir selbst in Versu-\nchung kommen, es anzureden, so wird dies nicht getadelt, sondern\ngelobt, und Niemand entsetzt sich davor, weAn nicht das Original\nselbst zu abstossend ist. Wie man sich in Statuen verlieben kann,\nwelche eine reizende Lebensfülle vor Augen stellen, davon werden\nwunderliche Beispiele erzählt. Der Schauspieler feiert seine Triumphe,\nwenn er uns vergessen macht, dass er nur Schauspieler ist; und wie\nwürden wir durch eine dramatische Scene tragisch erschüttert oder\nzu Thränen gerührt, wenn wir nicht in dem Augenblicke durch die\ntäuschende Kunst des Darstellers überwältigt und bestimmt würden,\ndas uns gebotene Schauspiel für eine ernste Wahrheit und Wirk-\nlichkeit zu nehmen? Anm. d. Verf."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "188", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650617-01.1.4", "texte": "weicher der bildende Künstler durch seine Anschaulich-\nkeiten nur nachhilft, die er dadurch nur näher bestimmt,\nfixirt, lebhafter macht. Darum ist ja auch hier nur von\nBild ern die Rede; es fehlt auch hier die reale, lebendige\nWahrheit dessen, was hervorgebracht und der Anschauung\ndargeboten wird. Pygmalion'» Bildsäule muss, um ihm zu\ngenügen, lebendig werden; aber das ist eine Fabel, die\nnur eben recht deutlich den Mangel ausspricht, an wel-\nchem auch die bildenden Künste leiden; über das Bild\ngeht die bildende Kunst so wenig hinaus, als die Poesie.\nNun aber die Musik! Ist diese etwa auch nur die\nKunst, einen schönen, anmuthigen, reizenden Schein\nhervorzubringen? Bezieht auch sie sich wesentlich nur auf\nAnderes, als sie selber ist? Mit nichten! Sie ist die\nSache selbst, sie ist unmittelbare Wahrheit\nund Wirklichkeit: und darin eben besteht ihr\neigenthümlicherZauber,die ganz eigene mäch-\ntige, magische Wirkung, die sie ausübt. Die Mu-\nsik ist die seelen- und lebensvolle Offenbarung des inner-\nsten Wesens der Dinge in Welt und Natur ; in ihr spricht\nsich der göttliche Kern der Dinge aus; wir schwimmen\nhier recht eigentlich in den Wogen der Wahrheit, der\nRealität, der allgemeinen, weltgrossen Wesenheit und\nWirklichkeit, aber abgelöst von der gemeinen Wirklich-\nkeit, welche uns das in den Dingen verborgene höhere\nWesen und Leben verdeckt und entzieht; sie gibt uns\nunmittelbar, ohne bloss vorzustellen und zu bedeuten, die\ngöttliche Substanz des Daseins, sie gibt uns Gott zu füh-\nlen*). Darum ist sie auch ganz besonders die heilige,\ndie religiöse Kunst; sie dient zur Vergegenwärtigung\ndes Göttlichen im Heiligthume, wie keine andere; durch\nsie erfüllt sich das Gemüth mit dem objectivsten Gefühle\ndes Göttlichen und Ewigen. Für den, der die Sache ver-\nsteht, hat übrigens auch die profane Musik einen höheren\nSinn und Charakter; die Musik ist ihm immer und überall\neine, wenn auch noch so entstellte und entwürdigte,\nTheophanie. Und selbst derjenige, dem das Verständ-\nniss darüber fehlt, wird durch die Musik in eine zwar un-\nbewusste, doch thatsächliche Beziehung zum Höchsten und'\nTiefsten gesetzt. Eine frivole Musik und ein frivoler Musik-\ngenussist eigentlich ein Widerspruch, eine\nadjecto, etwas im Grunde Unmögliches, nur Gemeintes,\nnicht factisch Wahres und Wirkliches. Wenn eine wilde\nGesellschaft Musik verlangt, um danach zu tanzen, so will\nsie sich, bei all dem Gegensatze, den ihre Gesinnung und\nSitte zum Religionsglauben bilden mag, doch eigentlich\nim Elemente des Göttlichen, Ewigen, Himmlischen fühlen\nund bewegen, sie weiss es nur nicht. Und so unterscheide\nich zwischen den Künsten des Scheins und einem Vermö-\ngen, einer Kunst, wenn man will, die uns statt des Schei-\nnes die Wahrheit selbst liefert und uns unmittelbar ins\nElement des Lebens und der Wirklichkeit im höheren\nSinne des Wortes hinein versetzt, wie es bei der Musik\nund nur bei ihr der Fall.\nDie Musik kann sich so zu sagen den Spass machen\nund auch Kunst in jenem anderen, ihr eigentlich fremden\nSinne sein. Sie kann nachahmen, schildern, Vorstellungen,\nBilder von wirklichen Gegenständen und Vorgängen zu\nerwecken suchen. Aber das braucht sie nicht, um Musik\nzu sein; es ist für sie keine wesentliche Aufgabe, es ist\neine Nebensache, ein Luxus und kein rechter Ernst darin,\nist eine oft fühlbar ungehörige, den Charakter der Cor-\nruption und Ausartung tragende Spielerei und Künstelei.\nDergleichen darf nur mit viel Maass und Verstand in An-\nwendung kommen, um nicht tadelhaft zu sein und zum\nSchaden und Ruin der Musik zu dienen, die als solche in\nsich selber ruht und in ihrer vollen göttlichen Eigenthüm-\nlichkeit, Macht und Herrlichkeit nur dann erscheint, wenn\nsie sich ganz auf sich selbst beschränkt und wie eine selbst-\ngenügsame Gottheit in sich selbst bewegt.\nMan pflegt die Musik als die subjective Seite des\nallgemeinen Kunstbereiches zu fassen. Ich finde,\ndass sie vielmehr die objectivste aller Künste ist.\nSubjectiv, und zwar höchst subjectiv ist sie allerdings in\nso fern, als sie die allgemeine Subjectivität des Weltlebens\noffenbart, die sich kundgebende Seele der Dinge ist. Das\nVerhalten des Künstlers aber, der sich in diese allgemeine\nSubjectivität und Seelenhaftigkeit des Daseins vertieft, durch\nden sie sich ausspricht, so wie dessen, welcher sie durch\nMusikhören in sich aufnimmt und sich mit ihr zusammen-\nschliesst, ist nicht das, was man subjectiv nennt. Weit\nmehr ist die Vorstellung des Dichters und des bildenden\nKünstlers, der in seinem besonderen und individuellen\nSinne und Geiste ein Bild entwirft und dies dann in seinen\nSchöpfungen ausprägt, subjectiv zu nennen. Man nennt so,\nwas in unserem Bewusstsein, Vorstellen, Empfinden und\nWollen der allgemeinen Wahrheit und Wirklichkeit der\nDinge in abgezogener, abgesonderter Weise entgegen-\nsteht; zu dieser allgemeinen Wahrheit und Wirklichkeit\naber gehört doch gewiss die Seele der Dinge, ihr inneres,\ngöttlich begründetes Wesen und Leben, und dieses ist's,\nwas sich in der Musik eine Sprache geschaffen, die wir\ndenn auch in der ganzen Natur bereits verbreitet finden.\nWenn sie auch meist nur unmusicalisch rauscht und tönt,\nso geht dies doch schon im Vogel in Gesang über. Und\ndieser beschränkt sich nicht bloss auf ein isolirtes Hervor-\n\n*) Möchte man nicht von der Musik sagen, was Vanini von\nseinem Strohhalm sagte: „Wäre ich so unglücklich, am Dasein\nGottes zu zweifeln, und hörte Musik, so würde sie mir eine Demon-\nstration desselben sein.\" Herder."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "189", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650617-01.1.5", "texte": "bringen von Tonfolgen; es gibt Vögel, die zusammen\nmehrstimmig singen und förmliche Accorde vernehmen\nlassen [?]. was doch gewiss Musik im engsten und strengsten\nSinne des Wortes ist. So der Sariama in Brasilien, Di-\nchobphus cristatus. „Seine Stimme\", heisst es in Kaub's\nNaturgeschichte der Vögel, „ist weitschallend und wird in\nvielen gleichartigen, auf einander folgenden, von der Höhe\nzur Tiefe herabsinkenden Tönen gehört. Oefters stimmen\nmehrere zu einem vollkommen richtigen Accord.\" Etwas\nganz Besonderes ist das wundersame Glockenspiel des Vo-\ngels P a uca r oder Or io Ii im Süden America's. Die Töne\ndieses kleinen Waldvogels sind nach Pöppig*) hell, rein,\nmelodisch, musicalisch und fallen weithin ins Ohr. „Im\ntiefsten Dunkel der Wälder\", sagt der genannte Reisende\nwörtlich, „lebt vereinzelt ein wunderherrlicher Sänger.\nMan bleibt lauschend und wie festgebannt stehen, wenn\nseine Klänge, die durchaus nur mit dem Schlage kleiner\nGlasglocken zu vergleichen, vielfach modulirt, aber mit der\nrichtigsten Beobachtung der Intervalle in eine regelmäs-\nsige Melodie vereint, leise und langsam aus den Baum-\ngipfeln berabtönen. Es liegt etwas unbeschreiblich Sanftes,\nman möchte sagen: Ueberirdiscbes in diesem Glockenspiel,\ndessen Reiz durch das öde Schweigen des weiten Waldes\nund die Unsichtbarkeit des überaus kleinen Sängers ver-\nmehrt wird. Man vermöchte um keinen Preis den endlich\nBemerkten zu tödten. Die Peruaner nennen ihn Organista\noder Flautero, den Organisten oder Flötenspieler;\nin Lima spricht man von ihm als einem der merkwürdig-\nsten Bewohner der unbekannten Wälder im Osten, und\ndie älteren Beschreiber dieser Gegenden erwähnen ihn mit\nBewunderung.\" In dem Grade widerlegt die Ornithologie\ndie zuversichtliche Behauptung eines musicalischen Schrift-\nstellers unserer Zeit, das von eigentlicher Musik in der\naussermenschlichen Natur keine Rede sein könne**). Die\nMusik in ihrer vollen, künstlerischen Bedeutung und Ent-\nwicklung beginnt wirklich schon im Vogel da zu sein: das\nist eine zoologische Wahrheit und Thatsache. Ja, wenn\ngewisse Nachrichten und Sagen nicht bloss märchenhaft\nerfunden sind, so werden zuweilen musicalische Stimmen\nund förmliche Musiken, die nicht weiter zu erklären sind,\nin der Luft gehört. Da wäre denn unser Planet überhaupt\nmusicalisch und ergötzte sich, so wie in der Fata Morgana\nan Luftbildern, so auch an einem tönenden Phänomen,\nan einer frei und selbständig hervorgebrachten Luftmusik,\nwobei die Erde, der Planet, überhaupt Componist, Instru-\nment und ausführender Musiker wäre. Es würde dies zu\nden Thatsacben gehören, worauf das Shakespeare'sche\nWort anzuwenden, dass es Dinge gibt, von welchen sich\nunsere Philosophie nichts träumen lässt. Und ist die Musik\nnicht überhaupt ein Wunder und Zauber, den unsere\nPhilosophie noch nie erklärt hat und von dem sie sich ge-\nwiss nichts träumen liesse. wenn er nicht vorhanden wäre?\n\n'\") Keise in Chili, Peru und auf dem Amazonenstrome. Leipzig,\n1836. 11. S. 200 ff. \"\n**) Hanslick, vom Musicalisch-Schönen. Leipzig. 1858. S.\n95 ff.\n\nAus Aachen.\nFranz Wüllner als städtischer Musik-Director\nvon 1858—1865.\nDie Stadt Aachen hat wie die anderen grösseren\nStädte am Rheine ihre Ahonnements-Concerte im inter,\nallein die Verhältnisse, unter welchen sie hier Statt finden,\nunterscheiden sich in mancher Hinsicht von denen in den\nSchwesterstädten, und zwar zum Vortheil der Sache. Denn\nhier ist es die Stadt selbst, welche die Musikpllege in die\nHand nimmt, während anderswo nur Vereine von Kunst-\nfreunden oder musicalische Privat-Institute die öffentlichen\nConcerte veranstalten. Aachen bedarf als vielbesuchter Cur-\norl eines Orchesters nur für den Sommer; die Stadl ge-\nwährt aber dem Dirigenten und den Mitgliedern desselben\nfeste Anstellung und beschäftigt dasselbe in den Winter-\nConcerten unter Leitung des städtischen Musik-Directors\nund stellt es auch dem Theater-Unternehmer zur Verfü-\ngung. Auf diese Weise vertritt die städtische Verwaltung\ndie gesammten musicalischen Interessen der Stadt.\nDas höhere und eigentliche musicalische Leben Con-\ncentrin sich auf die YVinter-Concerte; sie sind die Pflege-\nstätte und Schule des Chorgesanges für die ernste Gattung\nder Vocalwerke, so wie der Instrumentalmusik mit gan-\nzem Orchester und der Concertmusik für Solo-Instrumente\nmit Orchester-Begleitung; sie haben mithin die Vertretung\nder classiscben Richtung, die Nährung und Hebung des\nSinnes für die Tonkunst, die Bildung des Geschmackes\nbei den zu den Aufführungen Mitwirkenden, wie beim\nPublicum, in der Hand.\nAn vorzüglichen Gesangeskräften, schönen Stimmen\nund musicalischen Talenten hat es in Aachen nie gefehlt;\neben so- wird für tüchtige Mitglieder des Orchesters ge-\nsorgt. Die zweckmässige Verwendung dieser sämmtlichen\nKräfte, zu denen auch zwei vortreffliche Männer-Gesang-\nvereine ihr Contingent liefern, und ihre Fortbildung zu\nkünstlerischem Können sind in den letzten sechs Jahren\ndurch Franz Wüllner's gediegenes musicalisches Wissen,\npraktische Tüchtigkeit und unermüdlichen Eifer für die\ngute Sache so gut geleitet und gefördert worden, dass die\nLeistungen des Orchesters und des Chors mit den besten\nConcert-Instituten Deutschlands wetteifern können."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "190", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650617-01.1.6", "texte": "Aus einer Zusammenstellung der Concert-Programme\nin den Jahren 1858 —1863 ergibt sich, dass während\ndieses Zeitraumes unter Wüllner's Leitung 14 Oratorien\nund 44 andere grössere und kleinere Chorwerke aufge-\nführt worden sind, wogegen in dem gleicbjährigen vorher-\ngehenden Zeiträume nur 4 Oratorien und 15 andere Vo-\ncalwerke gegeben worden sind. Eben so 29 Sinfonieen\ngegen 15 in der früheren Periode.\nWas die Bildung des Geschmacks betrifft, die in den\nClassikern Bach, Händel, Gluck, Haydn, Mozart, Beetho-\nven ihre Grundlage findet, so waren diese in derselben\nPeriode unter 114 aufgeführten grösseren Werken (Ora-\ntorien und anderen Chorwerken, Sinfonieen und Ouver-\ntüren) mit 67 Nummern (etwa vertreten, während\nsie in den Programmen von 1854 —5B unter 72 Wer-\nken mit 24 Nummern (also vorkommen. Beethoven\nfindet sich 1858 —63 in 27 Nummern, darunter 12 Sin-\nfonieen, gegenüber 9 Nummern, worunter 7 Sinfonieen\nvon 1854 58. Die grossartigen Sinfonieen Nr. 7 und\n9, ferner Nr. 2 sind von 1854 —5B ganz ignorirt. Hän-\ndel erscheint in den Programmen von 1858 —63 7 Mal,\nund zwar mit 6 Oratorien (3 hier früher nicht gehörten)\nund einem kleineren Werke, dagegen von 1854 —5B\nnur 4 Mal, und zwar mit einem Oratorium und 3 klei-\nneren Chorwerken. Bach war (wenn man von einer beim\nMusikfeste 1857 aufgeführten Cantate absieht) für die\nhiesigen Abonnements-Concerte, sowohl für Orchester\nund Chor, wie für das Publicum, eine terra incognita.\nErst in den letzten Jahren sind seine grossartigen Vocalwerke\nhier zu gebührender Geltung gekommen, sowohl durch\ndie Matthäus-Passion, die bereits zwei Mal wiederholt\nwerden musste, wie durch eine ganze Anzahl anderer be-\ndeutender Werke. Er ist von 1858 —63 acht Mal auf\nden Programmen vertreten.\nHaydn findet sich in der letzten Periode 12 Mal ge-\ngenüber 5 Nummern von 1854—58; Gluck 5 Mal ge-\ngenüber 1 Nummer von 1854 58; Mozart 8 Mal gegen-\nüber 5 Nummern von 1854—1858 u. s. w.\nAn die genannten Classiker reihen sich die Romantiker\nWeber, Schubert, Mendelssohn, Schumann, Gade, Hiller,\nLachner u. a. an. Die drei letzteren sind von 1854—58\ngar nicht vertreten, Schumann verhältnissmässig nicht be-\ndeutend (nur durch zwei Sinfonieen und ein kleines Chor-\nstück). Von Schumann sind dagegen seit 1858 mehrere\nder bedeutendsten Instrumental- und Vocalwerke aufge-\nführt, von Gade und Hiller eine Anzahl ihrer besten Com-\npositionen. Die jüngste Gegenwart ist seit 1858 allerdings\nnur durch wenige Werke (4—5), aber durch Werke von\ncharakteristischer Bedeutung (von Reinecke, Bargiel u. A.)\nberücksichtigt, während sich von 1854 —5B eine ganze\n%\nZahl unbedeutender Namen aus Vergangenheit und Ge-\ngenwart auf den Programmen findet (Giordigiani, Brand,\nFlügel, Kalliwoda, Nicolai), die kaum Anspruch auf Be-\nrücksichtigung haben.\nSeit 1858 sind mit dem Chor 30, mit dem Orchester\n14 bis dahin hier unbekannte Werke zum ersten Male\naufgeführt worden.\nDiese Zusammenstellungen geben ein höchst erfreu-\nliches Bild dessen, was in den letzten Jahren in musicali-\nscher Hinsicht hier geleistet worden ist.\nFügen wir hinzu, dass ferner in den Wintern von\n1863 —64 und 1864 —65 in zwölf Concerten unter\nAnderem aufgeführt wurden Hiller's „Zerstörung von\nJerusalem\", Beethoven's „Meeresstille und glückliche\nFahrt\", J.S. Bach's Magnificat,H ä n d e 1' s Jubilate (100.\nPsalm) zum Utrechter Frieden, Bach's Matthäus-Passion,\nder 42. Psalm von Mendelssohn, Schumanns „Zi-\ngeunerleben\", „Erlkönigs Tochter\" von Gade,\nRegina von Wüllner, Händel's „Messias\", Schü-\nmanns „Paradies und Peri\", und zuletzt Beethoven's\nMissa solemnis. Nehmen wir dazu von Sinfonieen die\n111., VII., VI. und V. von Beethoven, in Es von Mo-\nzart, in A-mollvon Mendelssohn, in von Gade,\nDoppel-Sinfonie für zwei Orchester von Spohr u. s. w.,\nso bekunden diese Programme vollends für die zwei letz-\nten Jahre der Wirksamkeit Wüllner's in Aachen eine\nThätigkeit und ein echt künstlerisches Streben, das ihm\nzu grosser Ehre gereicht und den aufrichtigsten Dank ver-\ndient, der ihm denn auch bei Gelegenheit seines Abschieds-\nConcertes, in welchem er Beethoven's fünfte Sinfonie\nund Missa solemnis mit der richtigen Auffassung, Sicher-\nheit und Energie leitete, die ihm als vorzüglichem Diri-\ngenten eigen sind, in reichem Masse zu Tbeil wurde. Die-\nses sein Directions-Talent bewährte er auch bei Leitung\nder grössten Massen am 41. niederrheinischen Musikfeste\nin Aachen, dessen Aufführungen er gemeinschaftlich mit\nJulius Rietz dirigirte.\nDas Resultat dieser Thätigkeit zeigte sich denn auch\nin der von Jahr zu Jahr steigenden Theilnahme des Pu-\nblicums, so dass die Winter-Concerte, die im Jahre 1858\n297 Abonnenten hatten, im Jahre 1861—62 393, und\ntrotz der erhöhten Preise im Jahre 1863 —64 412 und\n1864—65 420 Abonnenten zählten mit einer Einnahme,\ndie von 891 Thlrn. bis auf 1648 Thlr. (1864) gewach-\nsen ist.\nAusser der Thätigkeit für die Haupt-Aufgabe seines\nBerufes leitete Herr Wüllner noch in jedem Sommer drei\nbis vier Concerte bei besonderen Veranlassungen, dirigirte\nden hiesigen Instrumental-Verein, der auch in jedem Win-\nter sieben Aufführungen veranstaltete, und betheiligte sich"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "191", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650617-01.1.7", "texte": "mit den Gebrüdern Wenigmann (mit Ausnahme der\nbeiden letzten Winter) an Soireen für Kammermusik als\nClavierspieler. Vier Stunden wöchentlich widmete er dem\nCursus für Chorgesang, welchen junge Mädchen besuch-\nten, die sich zum Mitwirken im Concertchor vorbereiteten.\nDie grösseren Compositionen Wüllner's aus der Zeit\nseines hiesigen Aufenthaltes, ein Salve Regina, die Can-\ntate „Heinrich der Finkler\", der9B.Psalm, sämmt-\nlich für Soli, Chor und Orchester, sind in diesen Blättern\nausführlich besprochen worden, eben so die ergänzenden\nBearbeitungen der Partituren von HändePs Oratorium\n„Belsazar\", Bach's „Magnificat\" und einigen kleineren\nVocalwerken.\nWir hielten es für eine Pflicht der Dankbarkeit, den\nVerdiensten Franz Wüllner's um das Musikleben in Aachen,\nwelches er zu so schöner Blüthe gebracht hat, einige\nWorte der Anerkennung zu widmen, und schliessen mit\ndem Wunsche, dass sein neuer Wirkungskreis in Mün-\nchen ihm Gelegenheit bieten möge, das edle Streben für\nWürde und Hoheit der Tonkunst, das ihn beseelt und zu\ndessen praktischer Verwirklichung er vollkommen das\nZeug hat, in eben so vielseitiger Weise, wie es hier ge-\nschehen, zur Geltung zu bringen.\n\nAus Bielefeld.\no\n—S.—\nDen 8. Juni 1865.\nDer erste Pfingstfeiertag brachte uns ein Concert in der gros-\nsen Tonhalle auf dem Johannisberge, das In allen Beziehungen\nhöchst bemerkenswert!! war. Der Chor des Musikvereins war zwar\nnicht so gut, als im Winter, denn mit dem Frühlinge trat auch die-\nses Mal eine allgemeine Erschlaffung ein, der sich der weniger mu-\nsikliebende Theil der Herren und Damen nicht entziehen konnte.\nDas Orchester war aber aussergewöhnlich verstärkt, und die hinzu-\ngekommenen Kräfte aus Minden erwiesen sich als recht tüchtig.\nDie Leitung befand sich in den festen Händen unseres Musik-Di-\nrectors Alb. Hahn, der aus dem Krankenbette sich erhob, um Ge-\nneralprobe und Concert selbst zu dirigiren. Der Stern der Auffüh-\nrung war jedoch Frau Dustmann-Meyer, k. k. Hof-Opern- und\nKammersängerin aus Wien, die Gattin unseres früheren Mitbürgers\nDustmann, welche zum ersten Male, und zwar zu einem wohlthäti-\ngen Zwecke, sich in der Vaterstadt ihres Gemahls hören liess. Zur\nAufführung kamen: Ouvertüre und Scene: „Wie nahte mir der\nSchlummer\", aus dem Freischütz; Chorlieder, und zwar mehrere\nVolkslieder und „Das getreue Herz\" von unserem Dirigenten; drei\nLieder: „Du bist die Ruh1\" von Schubert, „Der Frühling naht mit\nBrausen\" von Mendelssohn und „Ueber'm Garten durch die Lüfte\"\nvon Schumann, und Hiller's „Loreley\", die trotz ihrer Schwierig-\nkeiten recht gut ging und Chor, Orchester und Publicum entzückte.\nHatte Frau Dustmann in dem Verkehr mit denen, die ihr nahten,\nAlle durch Liebenswürdigkeit für sich gewonnen, so versetzte sie\ndie Anwesenden im Concerte und der Saal fasste über 800 Per-\nsonen in den höchsten Kunst-Enthusiasmus. Das Gebet, die Zwei-\nfel, den Jubel Agathens, die lyrische Stimmung der drei so verschie-\ndenen Lieder, denen sie Schubert's „Haideröslein\" zugeben musste,\ndie 1 artie der Lorelei gab sie, so verschieden sie sind, so vollendet,\ndass man sie in jedem Momente aut der Höhe ihrer Leistungen zu\nerblicken glaubte. Die „Loreley, diese wundervolle Composition,\ndie \"v\\ ir neben die besten Werke der musicalischen Romantik stel-\nlen, erhielt durch diese Loreley gleich einen so zum Herzen gehen-\nden Zauber, dass der Beiiall nicht den Schluss abwartete, sondern\nplötzlich in dei Mitte ausbrach« Mit Linem W orte: es war ein Con-\ncert, des schönen, ersten Pfingstfesttages würdig. Dass es au einem\nStändchen, welches die Liedertafel brachte, einer Landpartie in un-\nsere schönen Berge und einem Festessen, unseren liebenswürdigen\nGast zu feiern, nicht fehlte, versteht sich.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nAus Braunschweig gebt uns von unserem Herrn Correspon-\ndenten die Notiz zu, dass das am 10. —l2. Juni Statt gefundene\nMusikfest im Ganzen betrachtet ein würdiges war nnd wohl ge-\neignet sein dürfte, die Veranstaltung weiterer mitteldeutscher Musik-\nfeste wieder zu veranlassen. Einen ausführlichen Bericht darüber\nwird unsere nächste Nummer bringen.\nFlorenz. In der letzten Matinee, welche unsere Quartett-Ge-\nsellschalt ihren Mitgliedern gab, liess sich der rühmlichst bekannte\nViolin-Virtuose Jean Becker hören und zog ein ungewöhnlich\nzahlreiches Publicum an. Den Anfang des Concertes bildete Mozart's\nD-moll-Quartett, vorgetragen von den Herren Becker, Papini,\nChiostri und Jandelli mit ausgezeichneter Meisterschaft. Darauf\nfolgte das &-cZwr-Quartett von Mendelssohn. Den Schluss bildete\nder Vortrag einer Phantasie von Paganini durch Herrn Becker, der\ndie fabelhaften Schwierigkeiten dieser Composition spielend über-\nwand und mit Beifall überschüttet wurde. Herr Becker wurde zum\nLhren-Mitgliede der Quartett-Gesellschaft von Florenz ernannt. [Dem\nVernehmen nach wird Herr Scholz, bisher Hof-Capellmeister in\nHannover, der dort seine Entlassung genommen hat, sich in Flo-\nrenz niederlassen.]\nI*resslM»r|S. Die ganze Winter-Saison hatte sich kein Con-\ncertist hieher verirrt, da das Concertgeben in unserer Stadt bereits\nzu den gewagten Unternehmungen gehört. Erst am 25. Mai veran-\nstaltete der Pianist Taussig auf seiner Rückreise aus den Donau-\nFürstenthüipern ein Concert im Saale rbeim grünen Baum\" vor\neinem kleinen Kreise seiner Verehrer. Er spielte Compositionen von\nSchümann, Rubinstein, Liszt. Man staunte über die fabelhafte Tech-\nnik, Kraft und Ausdauer. In manchen Piecen wäre aber etwas mehr\nWärme zu wünschen gewesen.\nAllseitige Würdigung fand die Aufführung einer Novität: „Lob\nder Gottheit\", nach dem 19. Psalm, Cantate für Soli, Chor und Or-\nchester von H. A. Pr osche k, am 28. Mai in der zweiten Akade-\nmie des hiesigen Kirchenmusik-Vereins. Das Ganze besteht aus fünf\nNummern: Einleitungs-Chor, Sopran-, Alt- und Bass-Arie mit Reci-\ntativen und Schluss-Chor mit einer grossartigen Fuge, letzteres der\nGlanzpunkt des Werkes. Der Componist hat sich Haydn und Men-\ndelssohn zu Vorbildern genommen, verräth vielseitiges Wissen und\ndürfte, nach diesem ersten Werke zu urtheilen, in diesem Genre\nnoch Vollkommenes leisten. Jede der fünf Nummern wurde mit\ngrossem Beifalle aufgenommen, besonders nach dem letzten Chor\nwar der Applaus stürmisch, anhaltend, und der Componist wurde\ngerufen. Die Aufführung unter der Leitung des Voreins-Capellmei-\nsters, Herrn Jos. Kumlik, war eine wohlgelungene.\nStockholm. Ferdinand Laub und der Pianist Anton\nDoor aus Moskau, ein geborener Wiener, gaben hier einige Con-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "192", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650617-01.1.8", "texte": "certe mit glänzendem Erfolge, das letzte im grossen königlichen\nTheater mit Orchester. Laub spielte das Beethoven'sche Concert und\ndie Othello-Phantasie von Ernst, und Door Serenade und Allegro\nvon Mendelssohn, Ballade von Chopin und mehrere Sachen von\nAnton und Nikol. Rubinstein. Ausserdem gaben sie zwei Concerte\nin der alten und nördlichsten Universitätsstadt Upsala und zwei in\nGothenburg. Norwegische und schwedische Zeitungen liefern ganze\nSpalten der enthusiastischsten Lobeserhebungen.\nUnsere italiänische Oper ist nach vierjährigem Be-\nstehen ruhig entschlafen. Ein plötzlicher Befehl des Ministers Grafen\nAdlerberg hat dies auf höhere Anordnung gethan. Ganz im Gegen-\ntheil zur russischen Musikgesellschaft, die seit ihrem fünfjährigen\nBestände von Jahr zu Jahr mehr Aufschwung nahm und jetzt schon\nein bedeutendes Capital zur Disposition hat, das sie zur Errichtung\neines Conservatoriums verwenden will, hat das Interesse für Verdi\nund Consorten immer mehr und mehr abgenommen. Während im\nersten Jahre ihres Entstehens das Abonnement über 80,000 Rubel\nbetrug, so kamen diesmal kaum 25,000 zusammen, und in keinem\nder Zwischenjahre wurde die erstere Summe wieder erreicht. Da\ndieses Jahr das Deficit der italiänischen Oper die Summe von 220,000\nSilberrubeln erreichte, so wurde das doch der petersburger Ober-\nDirection zu arg, und wir werden nun uns bloss mit der russischen\nOper begnügen müssen, die vorläufig in keinen guten Händen liegt.\nSo wie hier Alles in Coterie- und Protectionswesen seine un-\nlautere Quelle hat, so ergibt sich daraus die Fruchtlosigkeit aller\nwahrhaft künstlerischen Bestrebungen. Statt die erledigte Capell-\nmeister-Stelle an der russischen Oper Nikolai Rubinstein zu verlei-\nhen, der in jeder Beziehung, als geborener Moskauer und ausge-\nzeichneter Musiker, die vollkommene Fähigkeit dazu besitzt, wird\nsie an einen ganz obscuren Menschen, Herrn Schramek, von dessen\nExistenz man bis jetzt kein Sterbenswörtchen gehört hatte und der\nin der ersten Vorstellung des „Freischütz\" alle Tempi um die Hälfte\nbeinahe zu langsam nahm, verliehen. Nachträglich erfährt man, dass\ner sich der Leutseligkeit einer persona grata in Petersburg zu er-\nfreuen hatte. Die Directorstelle wurde einem Excellenz-Titel-Inhaber\n(conditio sine qua non) verliehen, von dem man bloss weiss, dass er\neinstens Attache bei der Gesandtschaft in Athen war, schwerlich\naber von der Musik kaum mehr zu verstehen scheint, als wie der\nBlinde von der Farbe. Die Ober-Regisseur-Stelle endlich wurde\neinem Manne verliehen, der wenigstens versteht, sich bei den\nFrauen in hohe Gunst zu setzen, da er ein sehr schönes Aeusseres\nbesitzt, früher aber eine Stelle bekleidete, die mit seiner jetzigen\neben so viel gemein hat, als wenn man etwa einen Conditor zum\nEisenbahn-Ingenieur machen wollte.\nIn den zehn Abonnements-Concerten spielte unter Anderen Nie.\nRubinstein das erste Concert von Liszt, Anton Door Concert-Sym-\nphonique in C-moll von Littolff, und Joseph Wieniawsky, Bruder\ndes petersburger Solisten, ein von ihm componirtes Clavier-Concert,\nwelches viel Talent verräth, sehr gut instrumentirt ist, nur durch\nallzu grosse Längen den Eindruck schwächte. Im zehnten Concerte\nhörten wir Schumann's Requiem zum ersten Male sehr sorgfältig\neinstudirt, man konnte aber trotz sehr interessanter Einzelnummern kei-\nnen nachhaltigen Eindruck hervorbringen, da die Färbung einer je-\nden Nummer genau der vorhergehenden entspricht und dadurch das\nGanze etwas monoton wird. Im selben Concei-e spielte Laub das\nBeethoven'sche Concert und die ungarischen Lieder von Ernst mit\nso grossem Erfolge, dass seine beiden darauf im grossen Theater\nveranstalteten Concerte bei ausverkauftem Hause Statt fanden; es\nwaren die lucrativsten Concerte der Saison. Ausserdem gab Nikolaus\nRubinstein ein sehr besuchtes Concert, indem er das JD-mo^-Concert\nund fünf kleine Piecen von Chopin, Schumann und sei-\n- «Dielte, und am Schlüsse der Saison gab Anton Door\nsein jährliches Concert, in dem er mit Laub die C-moZZ-Sonate von\nBeethoven, mit Rubinstein Variationen für zwei Claviere von Ernst\nRudorff und kleinere Sachen von Hans Seeling, Anton Rubinstein\nu. s. w» spielte. (W. 81. f. Th.)"}]}