{"numero_id": "bm-bmtnabi-1865-07-01-01", "volume": "bmtnabi_1865-07-01_01", "ocr_sha256": "c954276916efad6cbe53a50bab452dc38cf6ce57fb274dc6fcfa0d76b284520c", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1865/07/01_01/bmtnabi_1865-07-01_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650701-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1865-07-01-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1865-07-01_01#c001", "volume": "bmtnabi_1865-07-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "201", "page_fin": "201", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650701-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "201", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650701-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 444, "texte": "Inhalt.\n„Was braucht die Musik nicht, um ihre Wirkungen zu thun?u Von G. F. Daum er. Gedanken über die Tonkünstler-\nVersammlung zu Dessau. 11. Besonderes. Von A. S. Tages- und Unterhaltungsblatt (Braunschweig, Frau Bertha Hahn, Herr\nSteinweg Gotha, Frau Cäcilie Saemann de Paez f Dresden, Gedenktafel für C. M. von Weber in Klein-Hosterwitz Ordens-Ver-\nleihung an Fetis Paris, die „Africanerinu Haag, Friedenslied Cherubinis ~Medeaw in London)."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1865-07-01-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1865-07-01_01#c002", "volume": "bmtnabi_1865-07-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "201", "page_fin": "205", "image_debut": 1, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650701-01.2.2", "titre_corps": "„Was braucht die Musik nicht, um ihre Wirkungen zu thun", "titre_sommaire": "„Was braucht die Musik nicht, um ihre Wirkungen zu thun", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "201", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650701-01.1.1", "debut_caractere": 446, "fin_caractere_exclue": 4295, "texte": "„Was braucht die Musik nicht, um ihre Wirkungen\nzu thun\n?«*)\nDies scheint mir einer der interessantesten Frage-\npunkte zu sein. In diese Untersuchung eingehend, werden\nwir recht deutlich sehen, wie die Musik ganz nur im all-\ngemeinen Wesen und Leben der Dinge wurzelt, nur die\nlebendige Offenbarung dieses universalen Elementes ist,\ndas Subject mit diesem überströmt und in dieses eintaucht.\nWir werden sehen, dass die Musik, indem sie in so tiefem,\ngöttlichem Grunde zu Hause und mit diesem selbst gewis-\nser Maassen identisch ist, Alles umfasst, Nahes und Fernes,\nGegenwärtiges und Zukünftiges, dass sie alle Schranken\ndes Raumes und der Zeit überschreitet. Wir werden er-\nkennen, dass in ihr alle die Ursachen der Rührung und\nErregung, die sonst in Leben und Kunst walten, wegfal-\nlen und dass sie eine so absolute Freiheit von allem indi-\nviduel Subjectiven und Persönlichen besitzt, wie sonst\nnichts in der Welt. Es wird uns mit Einem Worte der\nunendliche Unterschied dieser Erscheinung von allem, was\nwir sonst kennen, aufs evidenteste ins Auge leuchten.\nWenn wir ausserdem in gewisse von aussen her er-\nweckte Gemüths-Zustände gerathen sollen, so muss dazu\nentweder ein bestimmter, unsere Person angehender An-\nstoss und Grund vorhanden sein, oder wir müssen uns in\netwas uns nicht Angehendes sympathisch hineindenken, so\ndass es dann doch zu einer in dieser Art ebenfalls persön-\nlichen Angelegenheit wird. Wir sind traurig, fröhlich, er-\nschüttert, entzückt u. s. w., weil uns etwas Gutes oder\nSchlimmes widerfährt, oder weil wir das Gute und\nSchlimme, das einem Anderen widerfährt, als unser eige-\nnes empfinden, uns wenigstens etwas der Art recht leb-\nhaft vorstellen. Es muss eine bestimmte Thatsache oder\ndie Vorstellung, das Phantasiebild einer solchen vorhanden\nsein. Ersteres ist die Sache des Lebens, durch letzteres ist\nes, dass andere Künste, wie Poesie, Malerei, Sculptur auf\nuns wirken. Die Musik bedarf alles dessen nicht; hier ist\nkein Factum, kein rührender, ergreifender, aufregender\nGegenstand, keine Vorstellung und kein Phantasiebild von\neinem solchen nöthig, so dass die Sache für den Verstand,\nder nach ausreichenden Gründen und Ursachen forscht,\nhöchst räthselhaft und unbegreiflich erscheint. Eine trau-\nrige Melodie macht mich vielleicht zum Sterben traurig,\nund ich weiss eigentlich nicht, warum; ich habe in diesem\nAugenblicke vielleicht gar keinen Anlass, betrübt zu sein;\nhabe vielleicht sogar den bestimmtesten Grund, mich zu-\nfrieden und glücklich zu fühlen. Ich sehe auch wohl nichts\nTrauriges, was mich sympathisch erregt, ich stelle mir der-\ngleichen auch wohl nicht vor: meine Gedanken sind mit\ngleichgültigen oder sogar heiteren und gefälligen Dingen\nbeschäftigt. Aber nun ertönt diese Melodie, und ich fühle\nmich ganz eigen bewegt; eine gewisse Trauer, Schwer-\nmut!), Sehnsucht u. s. w. ergreift mich. Was kommt da\nüber mich? Was reisst mich da aus mir selbst heraus?\nOffenbar etwas sehr Allgemeines, von mir und meiner be-\nsonderen Lage und Verfassung durchaus Unabhängiges,\nnur dass die Empfänglichkeit für solche Eindrücke nicht\nfehlen darf. Wenn ich weine, weil mir ein geliebtes We-\nsen stirbt, so ist das sehr natürlich und begreiflich, es ist\nja so ganz persönlicher Art und Natur, es ist etwas vor-\nhanden, was mich ganz speciel angeht und berührt. Wenn\neinem Freunde ein solches Wesen verloren geht, so nehme\nich Antheil an seinem Schmerze, weil er mein Freund ist;\nauch das ist persönlicher, wenn auch nicht unmittelbar be-\ntreffender, und darum ebenfalls begreiflicher Art. Wenn\nmir etwas so Trübseliges, Jammervolles erzählt, geschil-\ndert, auf dem Theater dargestellt wird, so kann mich auch\ndas bewegen und erschüttern. Aber wenn mir ein weh-\nmüthiges Lied, dessen Text ich nicht kenne, von dem mir\nnur die ganz abstracten Töne ohne Wortverstand zu Ohren\n\n*) Von G. F. Daum er. Vgl. Nr. 24."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "202", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650701-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5365, "texte": "kommen, das vielleicht in einer fremden Sprache, die ich\nnicht verstehe, gedichtet und mjr in so fern absolut unfass-\nlich ist, Thränen der Rührung entlockt, so ist dies etwas\nganz Anderes. Die Erscheinung ist hier von meiner sub-\njectiven und individuellen Bestimmtheit und Besonderheit\nganz losgelöst. Ich bin da in die grosse, allgemeine Trauer\ndes Daseins hineingetaucht, an welcher ich ohne alle spe-\ncielle Beziehung Theil zu nehmen bewogen werde, und\ndiese erweist sich dadurch als eine die ganze Realität in\nmystischer Weise umfassende, von meiner Subjectivität\nschlechterdings freie, diese vielmehr bewältigende und in\nsich absorbirende universale Wesenheit, Macht und Gewalt.\nDie Musik macht aber nicht bloss in der Art traurig,\nfröhlich u. s. w., wie etwas in unserem Leben factisch\nVorgehendes und Einwirkendes oder die Vorstellung eines\nsolchen. Sie versetzt auch in ganz absonderliche, fremd-\nartige, sonst unbekannte Zustände und Stimmungen. Und\ndazu ist oft gar keine kunstreiche Composition und mei-\nsterhafte Ausführung erforderlich; die einfachsten, selbst\nmonotonsten Klänge und Tonweisen vermögen zuweilen\ndie wundersamsten Gefühle und Gemüthsstimmungen zu\nerregen. So z. B. Glockengeläute, ein fernes Posthorn u. dgl.\n„Von der Alpe tönt das Horn\nGar so zaubrisch wunderbar\" u. s. w.\nWas ist das? Auch hier stehen wir nicht auf sub-\njectivem Boden, so mächtig auch das Subject in Anspruch\ngenommen wird. Denn der Zauber, das Wunder ist ja\neben dies, dass das Subject so ganz aus sich in ein frem-\ndes und fernes Etwas hineingerissen wird. Hier wird uns\nder ungeheure, überschwängliche Realismus der Musik\nerst völlig klar. Dieselbe ist nämlich so umfassend, rea-\nlistisch und objectiv, dass sie nicht nur Dinge zu empfin-\nden gibt, die in unserer Wrelt heimisch oder die bereits\nder gegenwärtigen Zeit angehören, sondern auch solche,\ndie über unsere Existenz-Sphäre und über die ganze jetzige\nWelt-Periode in jenseitige Regionen und künftige Welt-\nzeiten und Weltzustände hinausgehen. So ist sie das Reich\nder Ahnungen und der ins Unendliche tragenden Sehn-\nsuchten; sie macht uns gegenwärtig, verknüpft uns wenig-\nstens mittels eines dunkeln Gefühles mit demjenigen, was\nsonst gänzlich von uns abgetrennt und unserem Bewusst-\nsein, unserer Erkenntniss und Fassungskraft fremd und\nfern ist. Für die Musik gibt es, wie für Gott, keine Schranke\nder Zeit und des Raumes, keine unerreichbare Ferne und\nWeite, sie ist überall und vermag uns überall hin zu ver-\nsetzen; sie ist eben selbst Alles seiner innersten, tiefsten,\ngöttlichsten Wesenheit nach.\nMan nehme nun zum Behufe der Uebersicht alles zu-\nsammen, was die Musik bemerkter Maassen nicht braucht,\num ihre Wirkungen zu thun: kein Erlebniss, kein Factum,\nkeinen rührenden und ergreifenden Gegenstand, keine Vor-\nstellung von einem solchen, keine persönliche Beziehung\nund Sympathie, kein kunstvolles Werk und dessen ent-\nsprechende Ausführung, keine geniale Tonschöpfung\ndenn sie scheint zum Theile selbst des Genius und der\nkünstlerischen Meisterhaftigkeit und Tüchtigkeit zu spotten,\nindem sie unter gewissen Umständen mit verhältnissmässig\narmseligen Tönen und Tonweisen und geringfügigen Lei-\nstungen gerade das Allerausserordentlichste leistet. Am\nallerwenigsten ist hier Reflexion, Begriff, abstracter Ge-\ndanke, menschliche Weisheit und Wissenschaft nöthig;\ndenn das sind hier vielmehr störende und destructive Po-\ntenzen, Vorgänge und Eigenschaften. Welch ein Wunder!\nNun entsteht die Frage: Hat es die Musik speciel\nmit den Gefühlen zu thun?\nDies ist der Punkt, welchen, den herkömmlichen De-\nfinitionen entgegen, Hanslick so verneinend erörtert hat.\nMan behauptet nämlich höchst allgemein, das besondere\nGeschäft der Musik sei, Gefühle, Gemüthsbewegungen,\nLeidenschaften auszudrücken. Daran ist etwas Wahres,\nsofern jene Bewegungen unseres Innern realistische\nMomente sind.\n„Liebe denkt in süssen Tönen,\nDenn Gedanken steh'n zu fern.\"\nDie Musik lebt und webt, wie das Gefühl, in der Sache\nselbst, ist mit ihr verschmolzen, ja, ist selbst Sache, reale\nWahrheit und Wesenheit. Aber das Wort „ausdrücken\"\nenthält eine falsche Annahme, in so fern eine bloss bild-\nliche Nachahmung und Darstellung damit gemeint wird.\nEine solche wäre jedenfalls der Musik nicht specifisch eigen-\nthümlich, und es könnte darin nicht ihr eigenthümlicbes\nWesen gefunden werden. Denn auch der Dichter, der\nZeichner, der Maler, der Plastiker drücken Zustände und\nBewegungen des Gemüthes aus, wie wenn uns eine Figur\nvor Augen gestellt wird, die eine traurige, fröhliche, ver-\nliebte, zornige, rasende Geberde und Haltung hat. Da kann\nman mit vollem Rechte sagen, dass dergleichen psycholo-\ngische und pathologische Dinge „ausgedrückt\" werden.\nSolche Bilder sieht man auch wohl an, ohne dass das Aus-\ngedrückte irgendwie auf uns übergeht; sie üben nicht die\nansteckende Wirkung der Musik aus— warum? Weil es\neben nur Bilder sind. Ein solches kann den Betrachter\nsogar bewegen, sich von dem Ausgedrückten sehr scharf\nzu scheiden, sich in ganz bestimmtem Gegensatze dazu zu\nwissen und zu fühlen. Wenn der Maler eine hässliche, ver-\nächtliche, in ihren Aeusserungen widerwärtige und abstos-\nsende Gemüthsbewegung schildert, wer wird sich da ma-\ngisch angezogen, bezaubert, mit seinem eigenen subjecti-\nven Wesen und Gefühl hineingerissen fühlen? Ist man\nvielleicht seinem eigenen Charakter nach solchen Gemüths_"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "203", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650701-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5538, "texte": "bewegungen unterworfen, so wird man sich dessen beim\nAnblicke eines solchen Bildes vielmehr schämen, worin\nschon eine innere Abscheidung und Zurückziehung des In-\ndividuums in sein besseres Selbst liegt; dasselbe wird hie-\ndurch vielleicht sogar gebessert werden. Mehr noch kann\neine theatralische Darstellung in solcher Art wirken; £in\nhier naturgetreu nachgeahmter Charakter kann den allge-\nmeinsten Abscheu erregen. Solche Dienste kann die Musik\nder Moral nicht leisten, wenn sie nicht sich selbst untreu\nwerden will; sie kann und darf nicht abstossend, empö-\nrend, beschämend wirken. Das Gemeine, Hässliche, Rohe,\nWidrige, Abscheu erregende liegt ausser ihrer Sphäre, so\nweit sie wahrhaft sie selber ist; wie liesse sich z. B. ein\nmusicalisch dargestellter Franz Moor denken? Das aber,\nwas die Musik als solche zu empfinden gibt, das spiegelt\nsich nicht nur in einem Bilde und Gleichnisse; es ist nicht\nnur der so genannte „Ausdruck\", es ist der lebendige\nAusbauch dessen, was sie offenbart, sie theilt sein We-\nsen, seine Seele mit, erfüllt uns damit, macht uns damit\npersönlich Eins. Und davor ist keine Rettung, davon kann\nman sich nicht abscheiden;im Unterschiede und Gegensatze\ndazu kann man sich nicht fühlen und wissen, auf diese ex-\nclusive Haltung sich nichts zu Gute thun, oder gar auf sol-\nchem Wege moralisch gebessert und veredelt werden. Hier\nist Alles positiv, real, substantiel, überflutend, erobernd in\nCäsar's genialer Manier, mit unwiderstehlicher Gewalt ein-\nnehmend und beherrschend; denn es ist die leibhaftige\nWahrheit und Gottheit selbst, die da ihre Rolle spielt und\nwider welche wir wehr- und machtlos sind. Es kommt\nwohl vor, dass die einer Compositien zu Grunde liegende\nDichtung darauf ausgeht, einen moralischen Abscheu und\ndadurch Entfernung vom Laster, Bekehrung, Moralität,\nGottesfurcht zu bewirken. Aber da spielt ihr ein echter\nGomponist einen bösen Streich. Zum Beispiele dient Don\nJuan. Wenn der frivole Held des Stückes eine allzu grosse\nmoralische Indignation erregte, so hätte die Oper nicht so\ngrosse ästhetische Wirkung thun, nicht so anziehen und\nentzücken können. Was Mozart diesen gottlosen Menschen\nsingen lässt, ist alles Mozartisch schön und reizend; ich\nweiss nicht, was diese Töne jetzt noch für einen Eindruck\nmachen, aber wie sang oder summte man vordem z. B.\ndas Champagnerlied nach! Der Frevler stiess nicht ab, er\ngefiel, er war ein Liebling des Publicums, und wenn ihn\ndie Teufel in die Hölle schleppten, so sah man dem unge-\nfähr wie der tragischen Niederlage eines prometheischen\nHeros und Titanen zu.\nNun muss ich mich aber auch gegen Herrn Hans-\nlick wenden.\nNicht das Gefühl, so behauptet derselbe, sondern die\nPhantasie sei das Organ, womit das Schöne aufgenommen\nwerde, wozu als Autorität der Aesthetiker Vis eher citirt\nwird. Aus der Phantasie des Künstlers entsteige das Ton-\nstück für die Phantasie des Hörers. Das sei die richtige\nMitte, die zwischen zwei falschen Extremen, dem Gefühle\nund dem Verstände, läge. „ Ausschliessliche Bethätigung des\nVerstandes durch das Schöne verhält sich logisch, statt\nästhetisch; eine vorherrschende Wirkung auf das Gefühl\nist noch bedenklicher, nämlich geradezu pathologisch.\"\nEs wird aber dem Umstände, dass die Musik patholo-\ngisch wirkt, doch in der That nicht auszuweichen sein.\nWas wir durch sie erfahren, wenn wir uns nicht geradezu\ngegen sie verschliessen und verhärten, ist immer ein Pa-\nthos, das Erleiden einer uns nicht nur durch Vorstellungen\nund Phantasiebilder bestimmenden, sondern wesenbaft in\nuns eingreifenden Macht und Gewalt, eine Veränderung\nunseres gewöhnlichen, normalen Zustandes durch eine\nsolche. So ruhig und stofflich unberührt, wie wenn wir\neine Statue oder ein Gemälde betrachten, werden wir uns\nhier nicht verhalten können. Ein uns gegenüberstehendes\nKunstwerk, wie die genannten, bleibt uns immer äusser-\nlich, immer fremd, wenigstens dem Stoffe nach, dringt nie\nso realistisch übermächtig und überwältigend in unser In-\nneres ein. Die Musik dagegen bleibt nicht ausser uns, und\nwir erhalten uns, sie geniessend, nicht in unserem Fürsich-\nsein; sie ist dämonischer Art und bringt eine Art von Be-\nsessenheit hervor, indem sie sich gewisser Maassen zu un-\nserer Seele macht und unsere eigene verdrängt und aus-\nstreicht, um an ihrer Stelle zu existiren und zu walten.\nAuch mit dem Rausche kann man die Wirkungen der Mu-\nsik vergleichen; wir trinken dieselbe wie Wein und sie er-\nfüllt und berauscht uns substantiel; wie der Geist und Saft\neines solchen Getränkes. Das soll nun freilich, wie Herr\nHanslick will, alles gar nicht sein, sondern das pure, kühle\nGegentheil. Der Mensch soll gegen eine solche Naturgewalt\nseine erhabene Freiheit, Ruhe, Besinnung, Klarheit, Sich-\nselbstgleichheit bewahren. Wird das mit strenger Conse-\nquenz durchgeführt, so möchte in der That nichts übrig\nbleiben, als jene kalte, verstandesmässige Beschäftigung mit\ndem Tongebilde, die Herr Hanslick doch nicht zu wollen\nerklärt, weil sie logisch, nicht ästhetisch sei, die aber am\nEnde dennoch seine sogar ausdrückliche Forderung ist.\nEr schiebt als Drittes die Phantasie ein; er scheut sieb,\naus der Musik so geradezu nur eine reine, abstracte Ver-\nstandessache zu machen, und sucht durch Versicherungen\ndes Gegentheils zu täuschen und zu beruhigen. Aber man\nsehe nur, wie er sich S. 5 und S. 89 erklärt! „Die Phan-\ntasie ist dem Schönen gegenüber ein Schauen mit Ver-\ni. Vorstellen und Urth eilen\" „die Musik\nmuss ein geistiges Nachfolgen, ein Nachdenken der\nPhantasie hervorrufen und lohnen.\" Man müsse, behauptet\n\n[1"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "204", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650701-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5433, "texte": "er, beim Musikhören den Absichten des Componisten fort-\nwährend folgen oder voraneilen, was freilieh nicht Jeder-\nmanns Sache sei u. s. w. Es kommt da zuletzt ganz nur\nder logische Pedant und zunftmässige, künstlerische Aristo-\nkrat mit seiner besonderen geheimnissvollen Fähigkeit, die\nAbsichten des Componisten mit kennerischer Intelligenz\nzu durchschauen, und mit seiner Verwerfung und Verdam-\nmung alles musicalischen Gefühls- und Gemüthslebens, als\neiner des gebildeten Menschen unwürdigen Rohheit, heraus.\nWenn Hanslick die Phantasie zu seiner Göttin macht\nund durch sie den Abwegen des Gefühls entronnen zu sein\nglaubt, so ist zu fragen: „Ist in der Phantasie nichts Be-\ndenkliches? Gibt's nicht auch eine wilde Phantasie und eine\nPhantasie des Wilden? Ist nicht diese Kraft recht eigent-\nlich die Erzeugerin des Abgeschmackten, Maasslosen, Mon-\nströsen, Ungeheuren?\" „Phantasie, das ungeheure Riesen-\nweib\", beginnt ein Gedicht von Rückert. Und Goethe\nsagt: „Was hilft es, die Sinnlichkeit zu zähmen, den Ver-\nstand zu bilden, der Vernunft ihre Herrschaft zu sichern?\nDie Einbildungskraft lauert als der mächtigste Feind, sie\nhat von Natur einen unwiderstehlichen Trieb zum Absur-\nden, der selbst in gebildeten Menschen mächtig wirkt und\ngegen alle Cultur die angestammte Rohheit fratzenlieben-\nder Wilden mitten in der anständigen Welt wieder zum\nVorschein bringe Was spielt im Wahnsinne die Haupt-\nrolle? Weder das Gefühl, noch der Verstand, sondern\nHerrn Hanslick's Kunst-Princip, die Phantasie, die er frei-\nlich, wie bemerkt, so sehr dem Verstände unterwirft, dass\nwir am Ende doch nur eben auf ihn, auf die eine Seite\ndes Gegensatzes und nicht auf die angebliche Mitte hinge-\nwiesen sind.\nHören wir ihn weiter: „Die Besprechung eines Ton-\nstückes wird stets mit der Empfindung angehoben, die es\nhervorruft, und Lob und Tadel nach dem Maasse der\neigenen subjectiven Affection bestimmt. Als wenn man das\nWesen des Weines ergründete, indem man sich betrinkt.\"\nAber dass der Wein begeistert, trunken macht, gehört\ndoch wohl zum Wesen des Weines; und wie kann man\ndessen Wesen ergründen oder die besondere Qualität eines\nbestimmten Weines erkennen, wenn man von der Wirkung\nabsieht, die er auf uns macht? Auch diese Polemik leidet\nan dem Mangel, dass die Musik von den übrigen Künsten\nnicht gehörig unterschieden wird; dass nicht bedacht wird,\nwas hier der Stoff für eine Bedeutung hat, für eine ganz\nbesondere, wesentliche Rolle spielt. Der Stein und das Erz\nder Statue geht mich an und für sich gar nichts an, lässt\nmich als dieser Stoff, dieses Material des Künstlers unbe-\nrührt; ich habe es hier nur mit der Idee, der Vorstellung,\ndem Bilde des Gegenstandes zu thun, das in diesem Stoffe,\nals dem vom Künstler so geformten, ausgedrückt ist. Ganz\nanders ist es mit dem Tone; dieser wirkt schon ganz für\nsich auch ohne künstlerische Behandlung, ja, er bildet die\nGrundlage aller Wirkung und der ganzen Bedeutsamkeit,\nwelche die Musik für uns hat. Das muss doch offenbar\nin Anschlag kommen, davon kann nimmermehr abgesehen\nwerden.\nHanslick will, man solle das musicalisch Schöne be-\ntrachten und beurtheilen, wie es an und für sich ist, ohne\nauf die Wirkung zu sehen, die es macht. Aber, bester\nHerr Hanslick, das ist ganz unmöglich, dazu reichen un-\nsere Einsichten nicht hin. Wir wissen oft gar keinen theo-\nretischen Grund anzugeben, wesshalb eine Tonfolge und\nCombination von Tönen schön ist, die andere nicht; und\ndass wir sie schön oder nicht schön nennen, beruht so we-\nsentlich aul der Wirkung, dass selbst Kenner und Leute\nvom Fach von ihr durchaus nicht abstrahiren können. Es\nist besonders auffallend bei einfachen Melodieen, wie schön\nsie uns zuweilen vorkommen, wie ergreifend, rührend, be-\nzaubernd sie sind; gleichwohl kann man nicht sagen, dass\ndas Einfache immer schön und effectvoll sei, und dass es\nschon als solches diesen Vorzug habe; denn oft ist es leer,\nplatt, trivial —warum, während Anderes so einzig wirkt?\nDa wird man tausend Mal mit aller musicalischen Bildung\nund Einsicht verstummen müssen. Man nehme ferner eine\nschöne Melodie und verändere etwas daran, so dass durch-\naus kein vom Theoretiker zu rügender Fehler entsteht,\nwie denn das gar leicht möglich sein wird. In solchen Fäl-\nlen ist wohl durch die kleinste Modification, so erlaubt sie\nzu sein scheint, der ganze Reiz der Melodie vernichtet*).\nWie kommt das? Wir wissen es nicht. Da sind grosse\nGeheimnisse, die noch Niemand entschleiert hat und in die\nvielleicht nie ein Sterblicher erkennend und erklärend ein-\ndringen wird.\nHanslick spricht von den verschiedenen Eindrücken,\ndie eine und dieselbe Musik auf verschiedene Nationen,\nZeitalter, Temperamente, Alters- und Bildungsstufen, In-\ndividuen, ja, auf dasselbe Individuum zu verschiedenen Zei-\nten und unter verschiedenen Umständen mache. Er bemerkt,\ndass nicht bloss in der Sitte, sondern auch im Denken,\nFühlen und Urtheilen viel Conventionelles herrsche. Auch\nviel Eingebildetes, auf Täuschung Beruhendes komme dazu.\nDaher sei der Effect ein unsicherer, wandelbarer, nicht zu\nbrauchender Maassstab für ein Kunstproduct. Darin liegt\nviel Wahres; gleichwohl können wir diesen Maassstab\nnicht entbehren, und er wird wohl auch in vielen Fällen\nein richtiges Urtheil begründen. Eine Menge Menschen\nwird sich nicht dazu eignen, eine Symphonie von Beetho-\n\n*) „Diese abschliessende Cadenz klingt würdig, durch Verän-\nderung von zwei Noten wird sie platt.\" So Hanslick selbst S. 45,"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "205", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650701-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1403, "texte": "ven zu verstehen und zu goutiren. Aber wenn auf diejeni-\ngen, die solche Werke geniessen und beurtheilen können,\ndas eine einen guten, das andere einen schlechten Eindruck\nmacht, und wenn ihre theoretische Sachkenntniss und Eru-\ndition diese Verschiedenheit nicht hinlänglich erklären kann,\nso wird der Eindruck, das Gefühl, die Wirkung doch im-\nmer maassgehend bleiben. Es gibt auch viele Fälle, wo\nder Effect von den Differenzen der Culturstufe, der Natio-\nnalität, des Zeitgeschmackes u. s. w. unabhängig ist, so\ndass die verschiedensten Menschen gleichmässig darüber\nurtheilen. Haben wir gebildete Leute nicht oft eine ganz\nbesondere Freude an einer tief unter uns im Volksmunde\nerklingenden Melodie? Gefallen uns nicht oft Gesänge, die\nfern von uns bei anderen Nationen entstanden sind, ganz\nausserordentlich? Gibt es nicht desshalb Sammlungen von\nsolchen, die grosses Glück machen? Haben mit solchen\nTonweisen nicht unsere berühmtesten Opern-Componisten\nihre Werke geschmückt und ihnen dadurch einen wesent-\nlichen Reiz verliehen? Und wer kann durch die bloss ob-\njective Betrachtung eines solchen Tongebildes und ohne\nalle Rücksicht auf den wirklichen Effect erkennen, aus-\nsprechen und nachweisen, worin ihr ganz eigener Vorzug\nund Zauber liegt? Könnte man das, so wäre auch das\nGeheimniss entdeckt, wie man solche Melodieen macht;\ndas jetzt noch immer dazu nöthige Genie wäre unnöthig\ngeworden."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1865-07-01-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1865-07-01_01#c003", "volume": "bmtnabi_1865-07-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "205", "page_fin": "207", "image_debut": 5, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650701-01.2.3", "titre_corps": "Gedanken über die Tonkünstler-Versammlung zu Dessau.", "titre_sommaire": "Gedanken über die Tonkünstler-Versammlung zu Dessau.", "signature_source": "A. S", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "205", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650701-01.1.5", "debut_caractere": 1405, "fin_caractere_exclue": 5126, "texte": "Gedanken über die Tonkünstler-Versammlung\nzu Dessau.\n\nII. Besonderes.\n(I. s. Nr. 25.)\nWährend der Anwesenheit der Tonkünstler fanden\nvier öffentliche Concerte Statt. Es ist nicht zu verwundern,\nwenn man nach aufmerksamer Anhörung des vielen bun-\nten Allerhand einiges Schwirren im Kopfe empfindet, und\nwenn wir hier über Einzelnes berichten, so kann dies nur\nin gedrängtester Kürze geschehen.\nDonnerstag den 25. Mai, in der Schloss- und Stadt-\nkirche: Grosse geistliche Musik-Aufführung unter Leitung\ndes Herrn Musik-Directors Riedel aus Leipzig. Lang war\ndie Aufführung wohl, aber nicht gross; zwölf Kleinigkeiten\nund ein grosses Monstrum machen keine grosse Aufführung.\nErster Theil. 1. Toccata und Fuge für Orgel von J. S.\nBach, vorgetragen von Capellmeister Stade aus Altenburg.\nDas Spiel sicher, das Tempo wohl etwas zu schnell, so dass\ndie tiefen Register der Orgel mit ihrer engen Mensur ihre\nSchuldigkeit nicht thun konnten. Bach hat auch Besseres\nund Dankbareres für Orgel geschrieben. 2. 9. Alte Kir-\nchenlieder aus dem 15., 16. und 17. Jahrhundert für ge-\nmischten Chor, ausgeführt von dem Riedel'schen Gesang-\nvereine aus Leipzig. Das war ein Genuss, für den wir dem\nVereine und seinem Führer grossen Dank wissen. In zwei\nSolo-Vorträgen erbauten uns Fräulein Wiegand und Herr\nBirkinger aus Leipzig durch ihren würdigen Vortrag.\nZweiter Theil. 10. Sonate für die Orgel von A. G.\nRitter, vorgetragen von Herrn Organist G. A. Thomas\naus Leipzig. Die grosse Gewandtheit dieses Orgel-Virtuo-\nsen ist bekannt. 11. „Unser Vateru für vierstimmigen Chor\nund Orgel von Fr. Liszt. Wir haben über dieses Werk\neine verhimmelnde Recension in der „Neuen Zeitchrift für\nMusikfc gelesen; wir haben dasselbe als eine schwache und\ndes heiligsten Gebetes nicht ganz würdige Composition be-\nfunden. Die einzelnen Bitten stehen wie Pfähle ohne alle\nVerbindung neben einander; dazu eine ungerechtfertigte\nmehrmalige Wiederholung der zweiten Bitte und ein zer-\nstückeltes, ermüdend langes und schwaches Amen. 12. Der\n137. Psalm für eine Singstimme und Frauenchor mit Be-\ngleitung von Violine, Harfe und Orgel, componirt von Fr.\nLiszt, vorgetragen von Fräulein Emilie Wiegand, Con-\ncertmeister Singer, Hofmusicus Hankel (aus Dessau;\nund A. Thomas. Obschon der Psalm beginnt, wie wenn\nein Bauer mit Langholz quer zum Thore hinein fahren\nwill, so müssen wir doch sagen, dass er in der Folge herrlich\nin seiner Wirkung, eine Perle ist. Der Schwur: „Jerusa-\nlem! Meine Zunge verdorre, wenn ich deiner vergesse!1\" ist\nerschütternd. Ein zu langer Schluss schwächt die Wirkung.\nWenn wir doch hier aufhören könnten, über dasKir-\nchen-Concert zu reden! Es kommt aber noch die böse 13.:\nDer 29. Psalm für zwei Chöre, Orgel, 3 Posaunen, 2\nTrompeten und Pauke von Heinrich Schulz-Beuthen (in\nLeipzig). Der Componist hat es hier und da recht gut ge-\nmeint, aber wenn er das Gute, etwa ein Sechstel des Gan-\nzen, zusammengefügt und das Andere fallen gelassen hätte,\nso würde er sich und uns einen grossen Gefallen gethan\nhaben. Der zweite Satz des Psalmes sagt, auf was für Ar-\nten „die Stimme des Herrn geht\". Hier hat (den Beginn\ndieser Schilderung abgerechnet) alle Musik ein Ende. Der\nSingstimme ist das Unnatürlichste zugemuthet und die Sache\nwird komisch, ja, lächerlich. Wir hätten gern über diesen\nScandal geschwiegen, wenn wir uns nicht gezwungen sä-\nhen, hier unsere Bewunderung des Riedel'schen Vereins\nund seines Leiters auszusprechen. Es ist wohl das Höchste,\nwas ein solcher Verein leisten kann. Er müsste aber so\netwas von sich weisen: es ruinirt die Stimmen und führt\nnicht zum Zwecke eines kirchlichen Gesanges.\nFreitag den 26. Mai: Grosses Concert für Gesang\nund Orchester. Im herzoglichen Hoftheater, wie auch die\nfolgenden zwei."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "206", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650701-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5146, "texte": "Erster Theil, unter Leitung des Herrn Ilof-Capell-\nmeisters Thiele. 1. Toccata für~Orgel von J. S. Bacb,\nfür Orchester eingerichtet von H. Esser; machte keine\nWirkung. (Vergangenheit.) 2. Prolog von Ad. Stern, ge-\nsprochen von Marie Grösser. 3. Der 130. Psalm von\nEd. Thiele. (Gegenwart.) Einige Verse des gedruckten\nTextes blieben weg; das Ganze würde wohl zu viel Zeit\ngekostet haben, da die Chöre, würdig und kunstgerecht,\ndoch etwas zu lang ausgesponnen sind. Es rücken nun die\nKanonen der Zukunft ins Treffen.\nZweiter Theil, unter Leitung des Herrn Hof-Musik-\nDirectors Stör aus Weimar. 4. „Eine Sommernacht\" für\nOrchester von K. Götze, angeblich nach einem Gedichte\nvon Reinick gearbeitet; ein formloses Tongemälde, in einem\ngewöhnlichen Garten-Concerte so mit anzuhören, für ein\nMuster-Concert sehr unbedeutend. Damit macht der Verein\nkeine Eroberungen. 5. Rondo für Violine\nund Orchester von K. Stör, vorgetragen von Herrn Kam-\nmer-Virtuosen Sin ger. Solide und interessant; das Orche-\nster ist keine gewöhnliche Begleitung, nichts Zukünftliches.\nDie gewiss schwere, nicht besonders glänzende Violin-Partie\nklang unter Singer's Bogen und Fingern leicht und schön.\n6. Ouvertüre zur Oper „Benvenuto Cellini\" von Hector\nBerlioz. Diese tüchtige und glanzvolle Arbeit zog der Verein\nwohl nur desshalb in seinen Kreis, weil sie die herkömm-\nliche Ouverturenform verschmäht und einige oben schon\nerwähnte Missklänge mit sich führt. Die Ausführung war\nganz ausgezeichnet.\nDritter Theil, unter Leitung des Herrn Hof-Capell-\nmeisters Seifriz aus Löwenberg. 7. Ouvertüre zu Shake-\nspeare's „König Lear\" von Milij von Babakirew; muss\nauch vom Standpunkte der Zukunftsmusik für ein sehr\nschwaches Product angesehen werden, das will, aber nicht\nkann. 8. Concert für das Pianoforte und Orchester von\nFr. Liszt, vorgetragen von H. Th.. Ratzenberger aus Lau-\nsanna (?). Bei aller Brillanz der durch Ratzenberger treff-\nlich und leicht ausgeführten schweren Clavier-Partie ist\ndie Selbständigkeit des Orchesters gewahrt; man findet\nhier sogar thematische Durchführung. Wäre Liszt doch\nbei solchen Arbeiten geblieben! Jeder kann nicht Alles!\n9. „An die Nacht\", Phantasiestück für Alt-Solo und Or-\nchester von Rob. Volkmann, gesungen von Fräulein Ka-\ntharina Lorch. Composition und Vortrag gut. In Bezug\nauf das Verhältniss des Componisten zu dem Musikvereine\nkönnte man hier, wie auch unter Nr. 4 im letzten Con-\ncerte, wohl fragen: „Wie kommt Saul unter die Prophe-\nten?\" 10. „Hunnenschlacht\", symphonische Dichtung\nnach Kaulbach) von Fr. Liszt. Von den Hunnen haben\nwir nichts gehört; die Musik kann eben so gut die Schlacht\nbei Waterloo schildern; es ist eine gewöhnliche, gute\nScblachtmusik, und der Zusatz: „nach ist wohl\nbloss ein müssiger Witz.\nSamstag den 27. Mai, Concert für Kammermusik.\nQuartett für Streich-Instrumente von W. Langhans. Die\nziemlich gute Composition bewegt sich wohlthuend in den\ngewohnten Formen und Harmonieen. Die Spieler waren\naus unserer Capelle; die erste Violine wurde von Herrn\nKammermusicus Bartels 11. mit der Zartheit gespielt,\nwelche bei diesem Virtuosen immer anerkannt und ge-\nlobt wird.\nDie noch jungen Gebrüder Willi und Louis Thern\naus Pesth spielten ziemlich gleichgültige Clavier-Compo-\nsitionen von A. Thomas, Rob. Volkmann und K. Thern.\nMit besonderer Auszeichnung trug Herr Blassmann eine\nPhantasie für Pianoforte von Rob. Schumann (Op. 17)\nauswendig vor. Nach Vortrag einer Cavatine von J. Raff,\neiner Barcarole und eines Scherzo von Spohr für Violine\nwurde da capo gerufen. Wir wollen nicht entscheiden, ob\ndies dem Virtuosen Singer oder dem Altmeister Spohr\ngalt- ;\nZwischen allen diesen Dingen wurden einige Lieder\nam Ciavier von Rob. Schumann, Felix Dräsike, Alex. Win-\nterberger und Ad. Jensen gesungen.\nSonntag den 28. Mai: Grosses Concert für Gesang\nund Orchester.\nErster Theil. 1. Sanctus und Benedictus aus einer\nMesse von August Fischer aus Dresden. Der Componist\nscheint noch nicht mit sich abgeschlossen zu haben; die\nbeiden Gesangsätze schweben noch zwischen Alt und Zu-\nkünftlich. Das Gute darin, thematische und contrapunkti-\nsche Arbeit, leidet durch zu grosse Länge und Mangel an\nJubel im Osama. 2. „Orpheus\", symphonische Dichtung\nvon Fr.-Liszt. Trotzdem diese Musik mit „Orpheus\" an-\ngekündigt ist, wird doch Niemand darauf kommen, was\nder Componist will; man weiss nicht, woher, noch wohin.\nEs ist eben eine Dichtung und klingt mitunter ganz hübsch.\n3. „Loreley\" für eine Singstimme und Orchester von Fr.\nLiszt und „Der Erlkönig\" von Fr. Schubert, letzterer mit\nOrchester-Begleitung von H. Berlioz, sehr mittelmässig ge-\nsungen von Fräulein Carol. Pruckner aus Wien. „Lo-\nreley\" ist eine gute, weil wenig zukünftliche Composition,\ndie aber durch ein vielmaliges Wiederholen der Schluss-\nworte: „Und das hat mit ihrem Singen die Loreley ge-\nthan\", langweilig wird. 4. Concertstück für Pianoforte\nund Orchester von Rob. Volkmann, vorgetragen von H.\nBlassmann. Sehr gute Composition; sie gehört in Con-\ncerte für classische Musik.\nZweiter Theil. 5. Ouvertüre zu Shakespeare's „Julius\nCäsar\" von Hans von Bülow. Es fehlt dem Componisten\nwohl an Kenntniss der Orchester-Instrumente; so z. B."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "207", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650701-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3214, "texte": "haben die Violinen an einigen Stellen in und fast\nunausführbare Ciavierfiguren; sie sind unnöthig schwer\nund machen keine Wirkung. Die Composition ist eine\ngleichgültige und liess auch gleichgültig. 6. 7. 8. Zwei\nLieder von Fr. Schubert (Fräulein Wiegand), Concert-\nstück für Contrabass von Ed. Stein (Kammer-Virtuose Si-\nmon aus Sondershausen), Brautlied für Solo und Chor\nvon H. Hopff sehr breit.\nDritter Theil. 9. Fest-Polonaise von K. Stör. Wenn\nauch gegen die Composition als Polonaise nichts zu sagen\nist, so ist doch zu verwundern, wie sie in ein grosses Con-\ncert kommt, und noch mehr, wie sich der Componist durch\neiniges, sehr unnöthig angebrachtes Geklimper der Harfe\neiner Entwürdigung dieses Instrumentes schuldig machen\nkann. Wozu Harfe in einer Polonaise?! 10. Romanze\naus der Oper „Benvenuto Cellini\" von Hector Berlioz,\ngesungen von Herrn Schild (leipziger Theater). In Herrn\nSchild hörten wir endlich einmal wieder einen Tenor mit\neiner schönen Kopfstimme. Das thut wohl! Wolle Herr\nSchild dieselbe \"nur recht vorsichtig ausbilden, dann pro-\nphezeien wir ihm eine glückliche Zukunft. 11. Ouvertüre\nzur Oper „Die Meistersinger\" von Rieh. Wagner. Eigent-\nlich ein aus drei Haupt-Themen zusammengesetzter Marsch,\ndessen Anfang sogar an Händel erinnert. Sinn- und kunst-\nreiche Combinationen machen das Stück äusserst interes-\nsant; nur schade, es klingt nicht recht: es macht keinen\nEffect.\nNachdem wir nun unparteiisch und gewissenhaft dem\nGanzen gerecht geworden zu sein glauben, ist noch im\nInteresse der Dirigenten und der ausführenden Künstler\nzu sagen, dass Alles sehr gut ging. Das Meiste war frü-\nher von dem Hof-Capellmeister Thiele allhier mit der\nhiesigen Hofcapelle tüchtig einstudirt worden, und es hatte\nnur wegen des Zusammenwirkens derselben mit der Elite\naus den Orchestern zu Weimar, Leipzig und Löwenberg\neiner Nachhülfe bedurft; auch musste unser Orchester\nerst an das „geniale\" Tactschlagen (oder vielmehr Tact-\nsägen) gewöhnt werden.\nDass alle Sachen tüchtig beklatscht, alle Solo-Vorträ-\nger und alle anwesenden betreffenden Componisten jedes-\nmal gerufen wurden, dafür war gesorgt; es ward zuletzt\nwiderlich und war auch ungerecht gegen diejenigen,\nwelche diese Auszeichnung wirklich verdienten. Das des-\nsauer Publicum, welches sich bei allen Aufführungen stark\nbetheiligte, war daran unschuldig; denn wie konnte dies\nz. B. wissen, welche Componisten gerade gegenwärtig wa-\nren? Den Dessauern zeigten sich keine Autoritäten, durch\nderen Gegenwart sie sich vielleicht auch mehr oder weni-\nger hätten bestechen lassen. Autoritäten fehlen dem ganzen\nGetreibe überhaupt; diese lassen sich aber durch Zeitungs-\nGeschrei und gelehrte Artikel über Musik nicht machen.\nDie machen sich von selbst, und das musicalisch gebildete\nPublicum bestätigt sie. Uns scheint es, als ob diese ganze\nBewegung nur von einigen hinter den Coulissen stehenden\n„Machern\", die ihre Figuren auf die Bühne schieben,\nnothdürftig in Athem gehalten würde, und wenn wir jetzt\neben hören, dass Dr. Brendel aus Leipzig und Dr. Gille\naus Jena die silberne Verdienst-Medaille des anhaltischen\nOrdens Albrecht's des Bären erhalten haben, so muss uns\ndies in unserer Ansicht nur noch mehr bestärken.\nDessau.\n\nA. S."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1865-07-01-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1865-07-01_01#c004", "volume": "bmtnabi_1865-07-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "207", "page_fin": "208", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650701-01.2.4", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "207", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650701-01.1.7", "debut_caractere": 3216, "fin_caractere_exclue": 5936, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nBratuiscltweig* Bei Gelegenheit des braunschweiger Mu-\nsikfestes veranstaltete der geniale Instrumentenbauer Herr Stein-\nweg in einem seiner mit ausgezeichneten Flügeln, Pianoforte's und\nPianino's gefüllten Salons eine musicalische Matinee, wo sich Frau\nBertha Hahn, Gemahlin des Herrn Musik-Directors Hahn aus\nBielefeld, durch den Vortrag von Ciavierstücken edler .Richtung\n(Mozart, Chopin u. s. w.)'als eine vorzügliche Pianistin erwies, de-\nren vortreffliche Technik stets dem warm empfundenen und geistig\ndurchdachten Vortrage vollständig dienstbar war, was wir als Be-\nstätigung des vor Kurzem in diesen Blättern gefällten Urtheils über\nFrau Bertha Hahn zur öffentlichen Kenntniss bringen. Genannte\nKünstlerin benutzte zwei Flügel, einen grossen Concertflügel und\neinen Stutzflügel, von denen jeder in seiner Art gleichmässige Spiel-\nart und gesangreiche Klangfülle erkennen liess. Referent dieses über-\nzeugte sich selbst von der Güte sowohl dieser Instrumente, als auch\nderjenigen Flügel, welche zwischen Concert- und Stutzflügel die\nMitte halten, und war von der schönen Bauart in jeder Weise über-\nrascht. Eben so gefielen die schönen, ausgiebigen Pianino's. und es\ndürfte in Wahrheit zu bedauern sein, wenn Herr Steinweg seinen\nVorsatz, nach America in die grossartige Fabrik gleicher Firma zu\nseinem Vater und \"seinen Brüdern überzusiedeln, in Ausführung\nbringen sollte. O. P.\nGotha. Frau Cäcilie Saemann de Paez, eine Sängerin\nvon Ruf, den sie auf den Theatern von Paris, Lissabon, Madrid,\nAmerica, Wien u. s. w. erlangt, zuletzt Mitglied des Hoftheaters in\nCoburg, ist in diesen Tagen, immer noch in der Blüthe der Jahre\nund als schöne Erscheinung ausgezeichnet, gestorben.\nDrestleil« Am 6, Juni wurde in dem Elbdorfe Klein-Ho-\nsterwitz, zwischen Dresden und Pillnitz, eine Gedenktafel zu\nEhren Carl Maria von Weber's feierlich eingeweiht. Sie\nschmückt jenes den Dresdenern wohlbekannte Felsner sche Winzer-\nhäuschen, welches in Tagen reichster Schöpferkraft des grossen\nMeisters dessen vielgeliebter Sommersitz gewesen. Der in edlem\nStyle gehaltene, kreisrunde, viertehalb preussische Fuss messende,\nstark profilirte Denkschild von dunkelbronzirtem Metall zeigt eine\nacanthus-verzierte Lyra, umgeben von dem Namen „Carl Maria von\nWeber\", dessen Buchstaben, so wie die Hauptlinien der Lyra und\nder Rand vergoldet sind. Die Einweihungsfeier leitete Herr Fr.\nWilh. Jähns, königlicher Musik-Director aus Berlin, einer der\ngründlichsten Kenner und wärmsten Verehrer Weber'scher Muse.\nEr ist der Stifter des Denkmals, seine Thätigkeit hat die Herstel-\nlung ermöglicht. Die mit der Feier verknüpften Gesänge wurdeu\nunter persönlicher Direction des königlich sächsischen Hof-Capell-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "208", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650701-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 6395, "texte": "meisters Dr. Rietz durch sechszehn ausgezeichnete Stimmen, Mit-\nglieder der königlichen Oper zu Dresden, in ergreifender Weise aus-\ngeführt. In dem Kreise der eingeladenen Versammlung war der\nHofmarschall v. Friesen, so wie Weber's Sohn, Freiherr Max M.\nvon Weber, zu bemerken, und bestand dieselbe ausserdem in der\nMehrzahl aus hervorragenden Kunst- und anderen Notabilitäten\nDresdens. Die Feier begann um 12 Uhr mit Webers Chorlied:\n„Hör' uns, Allmächtiger\", dem zu diesem Zwecke durch Max Jähns\nder Text untergelegt worden.\nAus der Festrede des Musik-Directors F. W. Jähns (in der\nZeitschrift „Echo\") theilen wir folgende Stellen mit: „Gestern wa-\nren neununddreissig Jahre seit dem Tage verflossen, an welchem\nder grosse Meister sein müdes Auge schloss. Sie, seine Freunde,\nsind gekommen, durch Ihr Erscheinen den Schmuck zu weihen, den\ndiese Stätte jetzt empfangen hat, wo er, im Gefühle voller Freiheit,\nerst so recht schöpferisch war; diese Stätte seines häuslichen Glückes,\nwo er erst ganz seines Lebens, seiner Familie froh ward. Für die\nKunstgeschichte wird mithin ein solcher Ort unvergesslich bleiben,\ndenn um auch nur bekannterer und bedeutenderer Werke, die hier\nentstanden, zu gedenken, nenne ich folgende: die grössere zweite\nHälfte des schon im Jahre 1817 in Dresden begonnenen Freischütz;\nzwar hier nicht niedergeschrieben, dennoch in ihrer geistigen Wei-\nterentwicklung dem ersten hosterwitzer Aufenthalte von 1818 zuge-\nhörig, da Weber bekanntlich nur dann erst notirte, wenn etwas in-\nnerlich zu vollständiger Reife bei ihm gediehen war. Ferner: grosse\nScene und Arie in die Oper Lodoiska von Cherubini (Op. SG); die\nCantate „„Natur und Liebe\"\" (Op. 61); sieben Nummern der acht\nvierhändigen Charakterstücke für Pianoforte (Op. 60); grosse Jubel-\nCantate zur Feier des fünfzigjährigen Regierungs-Antrittes Sr. Maj.\ndes Königs von Sachsen (Op. 58); Conception der Jubel-Ouverture\n(Op. 59); grosses Trio für Flöte, Cello und Pianoforte (Op. 6'3);\nAufforderung zum Tanze (Op. 65); grosse Polonaise in E-dur für\nPianoforte (Op. 72); Concert für das Fagott (Op. 75). Ferner: den\ngrössten Theil der Oper Euryanthe in der Erfindung, und endlich\ndie vollständige Instrumentirung dieser ganzen Oper, mit Ausnahme\neiner Seite Partitur und der Ouvertüre, und zwar in der Zeit vom\n11. Mai bis 29. August 1823 an zweiundvierzig Tagen neben den\nlaufenden Geschäften und Leistungen an Oper, Kirche und Hof in\nDresden und Pillnitz, als Capellmeister und Virtuose; eine allerdings\nbewunderungswürdig kurze Zeit, die man eher nach Stunden als\nnach Tagen zu messen geneigt sein möchte im Hinblicke auf die\nGrösse des Geleisteten.\n-Angesichts der Wichtigkeit dieses Ortes stiftete ich im Jahre\n1836 ein Fremden-Album für die Besucher desselben. Eine be-\nsondere Gunst der Verhältnisse hat es zur Zeit ermöglicht, ein äus-\nseres Zeichen in passender Weise herstellen zu können. Einerseits\nwurde mir durch Herrn Musicalien-Verleger L. Brandus in Paris\neine von Verehrern unseres deutschen Meisters daselbst zusammen-\ngebrachte Summe, andererseits ein von berliner Verehrern Weber's\ngespendeter Beitrag überwiesen. Dadurch wurde ich in den Stand\ngesetzt, die metallene Gedenktafel anfertigen lassen zu können,\nwelche sich jetzt an diesem Hause befindet. Möge fortan die ge-\nweihte Stelle von Tausenden gesucht und freudig gefunden werden,\nmöge die leuchtende Leyer jedem Vorüberkommenden sagen, welcher\nGeist in diesem Hause wirkte und webte!\"\nwurde für seine Thätigkeit, die er der Inscenesetzung\nder „Africanerin\" widmete, zum Officier der Ehrenlegion ernannt.\n** Paris, 18. Juni. Die „Africanerin\" hat bis jetzt 22\nVorstellungen erlebt, welche 258,000 Fr. eingebracht haben. Welche\nKritik kann gegen so klangvolle Argumente für die Vortrefflichkeit\ndes Buches und der Musik aufkommen! Und die deutschen\nTheater? Ei, es ist ja eine neue französische Oper, da darf man\nkeine Kosten sparen, da schickt man einen ganzen Congress von\nCapellmeistern und Maschinisten hin; wofür hat man denn gespart\nund das schöne Geld im Kasten behalten, welches viel zu gut ist,\num an Ausstattung oder auch nur Kenntnissnahme von Opern\ndeutscher Componisten, für deutsche Theater geschrieben,\nverschwendet zu werden! Die Herren Salvi, Director der kaiser-\nlichen Hofoper in Wien, Dorn, Hof-Capellmeister aus Berlin, die\nDecorateurs Hein und Gropius von der Hofoper in Berlin, Herr\nvon Könneritz, Intendant der Hofoper in Dresden, Directoren\nund Regisseure aus Darmstadt, Frankfurt am Main, Wiesbaden u. s. w.\nalle sind hier, um das Wunderwerk in würdiger, d. b. eben so\nkostspieliger Weise, wie in Paris, den guten Deutschen vorzufüh-\nren. Nun, wir wollen abwarten, was diese dazu sagen werden; ein\npaar volle Häuser gibt's freilich ohne Zweifel überall aber wie\nlange?? TJebrigens geht man auch hier schon jetzt mit neuer\nInscenirung der „Hugenotten\" voran. Ob die „Africanerin\" diese\ngefährliche Nachbarschaft aushalten wird?\nAls Gegenstück und zur Rechtfertigung eines anderen Theiles\ndes pariser Publicums ist übrigens zu notiren, dass übermorgen (den\n20. Juni) Mozart's „Zauberflöte\" zum letzten Male zum Schlüsse\ndes Thöätre lyrique gegeben wird und bis auf den letzten Augen-\nblick das Haus jedesmal gefüllt hat. B. P.\nHaag, 20. Juni. Ein internationales Friedenslied: „Het\nWoord van Waterloo zum 18. Juni 1815—1865\", Text und Musik\n(dreistimmig) von J. P. Heije in Amsterdam, mit deutscher, engli-\nscher und französischer Uebersetzung, ist hier bei Gebr. Belinfante\nerschienen. Das Gedicht spricht eine ehrenwerthe Gesinnung aus\nund die Melodie ist frisch und leicht sangbar.\nCherubini's „Medea\" in London. Am 6. Juni kam Che-\nrubini's tragische Oper „Medea\" zum ersten Male in London zur\nAufführung mit einem sowohl der ausgezeichneten Darstellung als\nder besonderen Vorzüge des Werkes würdigen Erfolge. Obwohl\nCherubini zwei Mal 1784 und 1787 in London war und beim\nzweiten Besuche zum musicalischen Director des „Kingstheaters\"\nernannt wurde, hatten doch seine Opern bis jetzt nie Eingang in\nEngland gefunden. Die Times sagt von dieser Aufführung: „Fräulein\nTietjens machte einen grossen Eindruck von der ersten bis zur letz-\nten Scene. Es gibt in der ganzen lyrischen Tragödie keine Partie\nvon der Schwierigkeit der Medea. Nichts desto weniger zeigte sich\nFräulein Tietjens ihrer Aufgabe vollkommen gewachsen und errang\neinen wohlverdienten Triumph. Auch alle übrigen Rollen waren\nebenbürtig vertreten.\""}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "201", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650701-01.1.1", "texte": "Inhalt.\n„Was braucht die Musik nicht, um ihre Wirkungen zu thun?u Von G. F. Daum er. Gedanken über die Tonkünstler-\nVersammlung zu Dessau. 11. Besonderes. Von A. S. Tages- und Unterhaltungsblatt (Braunschweig, Frau Bertha Hahn, Herr\nSteinweg Gotha, Frau Cäcilie Saemann de Paez f Dresden, Gedenktafel für C. M. von Weber in Klein-Hosterwitz Ordens-Ver-\nleihung an Fetis Paris, die „Africanerinu Haag, Friedenslied Cherubinis ~Medeaw in London).\n\n„Was braucht die Musik nicht, um ihre Wirkungen\nzu thun\n?«*)\nDies scheint mir einer der interessantesten Frage-\npunkte zu sein. In diese Untersuchung eingehend, werden\nwir recht deutlich sehen, wie die Musik ganz nur im all-\ngemeinen Wesen und Leben der Dinge wurzelt, nur die\nlebendige Offenbarung dieses universalen Elementes ist,\ndas Subject mit diesem überströmt und in dieses eintaucht.\nWir werden sehen, dass die Musik, indem sie in so tiefem,\ngöttlichem Grunde zu Hause und mit diesem selbst gewis-\nser Maassen identisch ist, Alles umfasst, Nahes und Fernes,\nGegenwärtiges und Zukünftiges, dass sie alle Schranken\ndes Raumes und der Zeit überschreitet. Wir werden er-\nkennen, dass in ihr alle die Ursachen der Rührung und\nErregung, die sonst in Leben und Kunst walten, wegfal-\nlen und dass sie eine so absolute Freiheit von allem indi-\nviduel Subjectiven und Persönlichen besitzt, wie sonst\nnichts in der Welt. Es wird uns mit Einem Worte der\nunendliche Unterschied dieser Erscheinung von allem, was\nwir sonst kennen, aufs evidenteste ins Auge leuchten.\nWenn wir ausserdem in gewisse von aussen her er-\nweckte Gemüths-Zustände gerathen sollen, so muss dazu\nentweder ein bestimmter, unsere Person angehender An-\nstoss und Grund vorhanden sein, oder wir müssen uns in\netwas uns nicht Angehendes sympathisch hineindenken, so\ndass es dann doch zu einer in dieser Art ebenfalls persön-\nlichen Angelegenheit wird. Wir sind traurig, fröhlich, er-\nschüttert, entzückt u. s. w., weil uns etwas Gutes oder\nSchlimmes widerfährt, oder weil wir das Gute und\nSchlimme, das einem Anderen widerfährt, als unser eige-\nnes empfinden, uns wenigstens etwas der Art recht leb-\nhaft vorstellen. Es muss eine bestimmte Thatsache oder\ndie Vorstellung, das Phantasiebild einer solchen vorhanden\nsein. Ersteres ist die Sache des Lebens, durch letzteres ist\nes, dass andere Künste, wie Poesie, Malerei, Sculptur auf\nuns wirken. Die Musik bedarf alles dessen nicht; hier ist\nkein Factum, kein rührender, ergreifender, aufregender\nGegenstand, keine Vorstellung und kein Phantasiebild von\neinem solchen nöthig, so dass die Sache für den Verstand,\nder nach ausreichenden Gründen und Ursachen forscht,\nhöchst räthselhaft und unbegreiflich erscheint. Eine trau-\nrige Melodie macht mich vielleicht zum Sterben traurig,\nund ich weiss eigentlich nicht, warum; ich habe in diesem\nAugenblicke vielleicht gar keinen Anlass, betrübt zu sein;\nhabe vielleicht sogar den bestimmtesten Grund, mich zu-\nfrieden und glücklich zu fühlen. Ich sehe auch wohl nichts\nTrauriges, was mich sympathisch erregt, ich stelle mir der-\ngleichen auch wohl nicht vor: meine Gedanken sind mit\ngleichgültigen oder sogar heiteren und gefälligen Dingen\nbeschäftigt. Aber nun ertönt diese Melodie, und ich fühle\nmich ganz eigen bewegt; eine gewisse Trauer, Schwer-\nmut!), Sehnsucht u. s. w. ergreift mich. Was kommt da\nüber mich? Was reisst mich da aus mir selbst heraus?\nOffenbar etwas sehr Allgemeines, von mir und meiner be-\nsonderen Lage und Verfassung durchaus Unabhängiges,\nnur dass die Empfänglichkeit für solche Eindrücke nicht\nfehlen darf. Wenn ich weine, weil mir ein geliebtes We-\nsen stirbt, so ist das sehr natürlich und begreiflich, es ist\nja so ganz persönlicher Art und Natur, es ist etwas vor-\nhanden, was mich ganz speciel angeht und berührt. Wenn\neinem Freunde ein solches Wesen verloren geht, so nehme\nich Antheil an seinem Schmerze, weil er mein Freund ist;\nauch das ist persönlicher, wenn auch nicht unmittelbar be-\ntreffender, und darum ebenfalls begreiflicher Art. Wenn\nmir etwas so Trübseliges, Jammervolles erzählt, geschil-\ndert, auf dem Theater dargestellt wird, so kann mich auch\ndas bewegen und erschüttern. Aber wenn mir ein weh-\nmüthiges Lied, dessen Text ich nicht kenne, von dem mir\nnur die ganz abstracten Töne ohne Wortverstand zu Ohren\n\n*) Von G. F. Daum er. Vgl. Nr. 24."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "202", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650701-01.1.2", "texte": "kommen, das vielleicht in einer fremden Sprache, die ich\nnicht verstehe, gedichtet und mjr in so fern absolut unfass-\nlich ist, Thränen der Rührung entlockt, so ist dies etwas\nganz Anderes. Die Erscheinung ist hier von meiner sub-\njectiven und individuellen Bestimmtheit und Besonderheit\nganz losgelöst. Ich bin da in die grosse, allgemeine Trauer\ndes Daseins hineingetaucht, an welcher ich ohne alle spe-\ncielle Beziehung Theil zu nehmen bewogen werde, und\ndiese erweist sich dadurch als eine die ganze Realität in\nmystischer Weise umfassende, von meiner Subjectivität\nschlechterdings freie, diese vielmehr bewältigende und in\nsich absorbirende universale Wesenheit, Macht und Gewalt.\nDie Musik macht aber nicht bloss in der Art traurig,\nfröhlich u. s. w., wie etwas in unserem Leben factisch\nVorgehendes und Einwirkendes oder die Vorstellung eines\nsolchen. Sie versetzt auch in ganz absonderliche, fremd-\nartige, sonst unbekannte Zustände und Stimmungen. Und\ndazu ist oft gar keine kunstreiche Composition und mei-\nsterhafte Ausführung erforderlich; die einfachsten, selbst\nmonotonsten Klänge und Tonweisen vermögen zuweilen\ndie wundersamsten Gefühle und Gemüthsstimmungen zu\nerregen. So z. B. Glockengeläute, ein fernes Posthorn u. dgl.\n„Von der Alpe tönt das Horn\nGar so zaubrisch wunderbar\" u. s. w.\nWas ist das? Auch hier stehen wir nicht auf sub-\njectivem Boden, so mächtig auch das Subject in Anspruch\ngenommen wird. Denn der Zauber, das Wunder ist ja\neben dies, dass das Subject so ganz aus sich in ein frem-\ndes und fernes Etwas hineingerissen wird. Hier wird uns\nder ungeheure, überschwängliche Realismus der Musik\nerst völlig klar. Dieselbe ist nämlich so umfassend, rea-\nlistisch und objectiv, dass sie nicht nur Dinge zu empfin-\nden gibt, die in unserer Wrelt heimisch oder die bereits\nder gegenwärtigen Zeit angehören, sondern auch solche,\ndie über unsere Existenz-Sphäre und über die ganze jetzige\nWelt-Periode in jenseitige Regionen und künftige Welt-\nzeiten und Weltzustände hinausgehen. So ist sie das Reich\nder Ahnungen und der ins Unendliche tragenden Sehn-\nsuchten; sie macht uns gegenwärtig, verknüpft uns wenig-\nstens mittels eines dunkeln Gefühles mit demjenigen, was\nsonst gänzlich von uns abgetrennt und unserem Bewusst-\nsein, unserer Erkenntniss und Fassungskraft fremd und\nfern ist. Für die Musik gibt es, wie für Gott, keine Schranke\nder Zeit und des Raumes, keine unerreichbare Ferne und\nWeite, sie ist überall und vermag uns überall hin zu ver-\nsetzen; sie ist eben selbst Alles seiner innersten, tiefsten,\ngöttlichsten Wesenheit nach.\nMan nehme nun zum Behufe der Uebersicht alles zu-\nsammen, was die Musik bemerkter Maassen nicht braucht,\num ihre Wirkungen zu thun: kein Erlebniss, kein Factum,\nkeinen rührenden und ergreifenden Gegenstand, keine Vor-\nstellung von einem solchen, keine persönliche Beziehung\nund Sympathie, kein kunstvolles Werk und dessen ent-\nsprechende Ausführung, keine geniale Tonschöpfung\ndenn sie scheint zum Theile selbst des Genius und der\nkünstlerischen Meisterhaftigkeit und Tüchtigkeit zu spotten,\nindem sie unter gewissen Umständen mit verhältnissmässig\narmseligen Tönen und Tonweisen und geringfügigen Lei-\nstungen gerade das Allerausserordentlichste leistet. Am\nallerwenigsten ist hier Reflexion, Begriff, abstracter Ge-\ndanke, menschliche Weisheit und Wissenschaft nöthig;\ndenn das sind hier vielmehr störende und destructive Po-\ntenzen, Vorgänge und Eigenschaften. Welch ein Wunder!\nNun entsteht die Frage: Hat es die Musik speciel\nmit den Gefühlen zu thun?\nDies ist der Punkt, welchen, den herkömmlichen De-\nfinitionen entgegen, Hanslick so verneinend erörtert hat.\nMan behauptet nämlich höchst allgemein, das besondere\nGeschäft der Musik sei, Gefühle, Gemüthsbewegungen,\nLeidenschaften auszudrücken. Daran ist etwas Wahres,\nsofern jene Bewegungen unseres Innern realistische\nMomente sind.\n„Liebe denkt in süssen Tönen,\nDenn Gedanken steh'n zu fern.\"\nDie Musik lebt und webt, wie das Gefühl, in der Sache\nselbst, ist mit ihr verschmolzen, ja, ist selbst Sache, reale\nWahrheit und Wesenheit. Aber das Wort „ausdrücken\"\nenthält eine falsche Annahme, in so fern eine bloss bild-\nliche Nachahmung und Darstellung damit gemeint wird.\nEine solche wäre jedenfalls der Musik nicht specifisch eigen-\nthümlich, und es könnte darin nicht ihr eigenthümlicbes\nWesen gefunden werden. Denn auch der Dichter, der\nZeichner, der Maler, der Plastiker drücken Zustände und\nBewegungen des Gemüthes aus, wie wenn uns eine Figur\nvor Augen gestellt wird, die eine traurige, fröhliche, ver-\nliebte, zornige, rasende Geberde und Haltung hat. Da kann\nman mit vollem Rechte sagen, dass dergleichen psycholo-\ngische und pathologische Dinge „ausgedrückt\" werden.\nSolche Bilder sieht man auch wohl an, ohne dass das Aus-\ngedrückte irgendwie auf uns übergeht; sie üben nicht die\nansteckende Wirkung der Musik aus— warum? Weil es\neben nur Bilder sind. Ein solches kann den Betrachter\nsogar bewegen, sich von dem Ausgedrückten sehr scharf\nzu scheiden, sich in ganz bestimmtem Gegensatze dazu zu\nwissen und zu fühlen. Wenn der Maler eine hässliche, ver-\nächtliche, in ihren Aeusserungen widerwärtige und abstos-\nsende Gemüthsbewegung schildert, wer wird sich da ma-\ngisch angezogen, bezaubert, mit seinem eigenen subjecti-\nven Wesen und Gefühl hineingerissen fühlen? Ist man\nvielleicht seinem eigenen Charakter nach solchen Gemüths_"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "203", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650701-01.1.3", "texte": "bewegungen unterworfen, so wird man sich dessen beim\nAnblicke eines solchen Bildes vielmehr schämen, worin\nschon eine innere Abscheidung und Zurückziehung des In-\ndividuums in sein besseres Selbst liegt; dasselbe wird hie-\ndurch vielleicht sogar gebessert werden. Mehr noch kann\neine theatralische Darstellung in solcher Art wirken; £in\nhier naturgetreu nachgeahmter Charakter kann den allge-\nmeinsten Abscheu erregen. Solche Dienste kann die Musik\nder Moral nicht leisten, wenn sie nicht sich selbst untreu\nwerden will; sie kann und darf nicht abstossend, empö-\nrend, beschämend wirken. Das Gemeine, Hässliche, Rohe,\nWidrige, Abscheu erregende liegt ausser ihrer Sphäre, so\nweit sie wahrhaft sie selber ist; wie liesse sich z. B. ein\nmusicalisch dargestellter Franz Moor denken? Das aber,\nwas die Musik als solche zu empfinden gibt, das spiegelt\nsich nicht nur in einem Bilde und Gleichnisse; es ist nicht\nnur der so genannte „Ausdruck\", es ist der lebendige\nAusbauch dessen, was sie offenbart, sie theilt sein We-\nsen, seine Seele mit, erfüllt uns damit, macht uns damit\npersönlich Eins. Und davor ist keine Rettung, davon kann\nman sich nicht abscheiden;im Unterschiede und Gegensatze\ndazu kann man sich nicht fühlen und wissen, auf diese ex-\nclusive Haltung sich nichts zu Gute thun, oder gar auf sol-\nchem Wege moralisch gebessert und veredelt werden. Hier\nist Alles positiv, real, substantiel, überflutend, erobernd in\nCäsar's genialer Manier, mit unwiderstehlicher Gewalt ein-\nnehmend und beherrschend; denn es ist die leibhaftige\nWahrheit und Gottheit selbst, die da ihre Rolle spielt und\nwider welche wir wehr- und machtlos sind. Es kommt\nwohl vor, dass die einer Compositien zu Grunde liegende\nDichtung darauf ausgeht, einen moralischen Abscheu und\ndadurch Entfernung vom Laster, Bekehrung, Moralität,\nGottesfurcht zu bewirken. Aber da spielt ihr ein echter\nGomponist einen bösen Streich. Zum Beispiele dient Don\nJuan. Wenn der frivole Held des Stückes eine allzu grosse\nmoralische Indignation erregte, so hätte die Oper nicht so\ngrosse ästhetische Wirkung thun, nicht so anziehen und\nentzücken können. Was Mozart diesen gottlosen Menschen\nsingen lässt, ist alles Mozartisch schön und reizend; ich\nweiss nicht, was diese Töne jetzt noch für einen Eindruck\nmachen, aber wie sang oder summte man vordem z. B.\ndas Champagnerlied nach! Der Frevler stiess nicht ab, er\ngefiel, er war ein Liebling des Publicums, und wenn ihn\ndie Teufel in die Hölle schleppten, so sah man dem unge-\nfähr wie der tragischen Niederlage eines prometheischen\nHeros und Titanen zu.\nNun muss ich mich aber auch gegen Herrn Hans-\nlick wenden.\nNicht das Gefühl, so behauptet derselbe, sondern die\nPhantasie sei das Organ, womit das Schöne aufgenommen\nwerde, wozu als Autorität der Aesthetiker Vis eher citirt\nwird. Aus der Phantasie des Künstlers entsteige das Ton-\nstück für die Phantasie des Hörers. Das sei die richtige\nMitte, die zwischen zwei falschen Extremen, dem Gefühle\nund dem Verstände, läge. „ Ausschliessliche Bethätigung des\nVerstandes durch das Schöne verhält sich logisch, statt\nästhetisch; eine vorherrschende Wirkung auf das Gefühl\nist noch bedenklicher, nämlich geradezu pathologisch.\"\nEs wird aber dem Umstände, dass die Musik patholo-\ngisch wirkt, doch in der That nicht auszuweichen sein.\nWas wir durch sie erfahren, wenn wir uns nicht geradezu\ngegen sie verschliessen und verhärten, ist immer ein Pa-\nthos, das Erleiden einer uns nicht nur durch Vorstellungen\nund Phantasiebilder bestimmenden, sondern wesenbaft in\nuns eingreifenden Macht und Gewalt, eine Veränderung\nunseres gewöhnlichen, normalen Zustandes durch eine\nsolche. So ruhig und stofflich unberührt, wie wenn wir\neine Statue oder ein Gemälde betrachten, werden wir uns\nhier nicht verhalten können. Ein uns gegenüberstehendes\nKunstwerk, wie die genannten, bleibt uns immer äusser-\nlich, immer fremd, wenigstens dem Stoffe nach, dringt nie\nso realistisch übermächtig und überwältigend in unser In-\nneres ein. Die Musik dagegen bleibt nicht ausser uns, und\nwir erhalten uns, sie geniessend, nicht in unserem Fürsich-\nsein; sie ist dämonischer Art und bringt eine Art von Be-\nsessenheit hervor, indem sie sich gewisser Maassen zu un-\nserer Seele macht und unsere eigene verdrängt und aus-\nstreicht, um an ihrer Stelle zu existiren und zu walten.\nAuch mit dem Rausche kann man die Wirkungen der Mu-\nsik vergleichen; wir trinken dieselbe wie Wein und sie er-\nfüllt und berauscht uns substantiel; wie der Geist und Saft\neines solchen Getränkes. Das soll nun freilich, wie Herr\nHanslick will, alles gar nicht sein, sondern das pure, kühle\nGegentheil. Der Mensch soll gegen eine solche Naturgewalt\nseine erhabene Freiheit, Ruhe, Besinnung, Klarheit, Sich-\nselbstgleichheit bewahren. Wird das mit strenger Conse-\nquenz durchgeführt, so möchte in der That nichts übrig\nbleiben, als jene kalte, verstandesmässige Beschäftigung mit\ndem Tongebilde, die Herr Hanslick doch nicht zu wollen\nerklärt, weil sie logisch, nicht ästhetisch sei, die aber am\nEnde dennoch seine sogar ausdrückliche Forderung ist.\nEr schiebt als Drittes die Phantasie ein; er scheut sieb,\naus der Musik so geradezu nur eine reine, abstracte Ver-\nstandessache zu machen, und sucht durch Versicherungen\ndes Gegentheils zu täuschen und zu beruhigen. Aber man\nsehe nur, wie er sich S. 5 und S. 89 erklärt! „Die Phan-\ntasie ist dem Schönen gegenüber ein Schauen mit Ver-\ni. Vorstellen und Urth eilen\" „die Musik\nmuss ein geistiges Nachfolgen, ein Nachdenken der\nPhantasie hervorrufen und lohnen.\" Man müsse, behauptet\n\n[1"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "204", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650701-01.1.4", "texte": "er, beim Musikhören den Absichten des Componisten fort-\nwährend folgen oder voraneilen, was freilieh nicht Jeder-\nmanns Sache sei u. s. w. Es kommt da zuletzt ganz nur\nder logische Pedant und zunftmässige, künstlerische Aristo-\nkrat mit seiner besonderen geheimnissvollen Fähigkeit, die\nAbsichten des Componisten mit kennerischer Intelligenz\nzu durchschauen, und mit seiner Verwerfung und Verdam-\nmung alles musicalischen Gefühls- und Gemüthslebens, als\neiner des gebildeten Menschen unwürdigen Rohheit, heraus.\nWenn Hanslick die Phantasie zu seiner Göttin macht\nund durch sie den Abwegen des Gefühls entronnen zu sein\nglaubt, so ist zu fragen: „Ist in der Phantasie nichts Be-\ndenkliches? Gibt's nicht auch eine wilde Phantasie und eine\nPhantasie des Wilden? Ist nicht diese Kraft recht eigent-\nlich die Erzeugerin des Abgeschmackten, Maasslosen, Mon-\nströsen, Ungeheuren?\" „Phantasie, das ungeheure Riesen-\nweib\", beginnt ein Gedicht von Rückert. Und Goethe\nsagt: „Was hilft es, die Sinnlichkeit zu zähmen, den Ver-\nstand zu bilden, der Vernunft ihre Herrschaft zu sichern?\nDie Einbildungskraft lauert als der mächtigste Feind, sie\nhat von Natur einen unwiderstehlichen Trieb zum Absur-\nden, der selbst in gebildeten Menschen mächtig wirkt und\ngegen alle Cultur die angestammte Rohheit fratzenlieben-\nder Wilden mitten in der anständigen Welt wieder zum\nVorschein bringe Was spielt im Wahnsinne die Haupt-\nrolle? Weder das Gefühl, noch der Verstand, sondern\nHerrn Hanslick's Kunst-Princip, die Phantasie, die er frei-\nlich, wie bemerkt, so sehr dem Verstände unterwirft, dass\nwir am Ende doch nur eben auf ihn, auf die eine Seite\ndes Gegensatzes und nicht auf die angebliche Mitte hinge-\nwiesen sind.\nHören wir ihn weiter: „Die Besprechung eines Ton-\nstückes wird stets mit der Empfindung angehoben, die es\nhervorruft, und Lob und Tadel nach dem Maasse der\neigenen subjectiven Affection bestimmt. Als wenn man das\nWesen des Weines ergründete, indem man sich betrinkt.\"\nAber dass der Wein begeistert, trunken macht, gehört\ndoch wohl zum Wesen des Weines; und wie kann man\ndessen Wesen ergründen oder die besondere Qualität eines\nbestimmten Weines erkennen, wenn man von der Wirkung\nabsieht, die er auf uns macht? Auch diese Polemik leidet\nan dem Mangel, dass die Musik von den übrigen Künsten\nnicht gehörig unterschieden wird; dass nicht bedacht wird,\nwas hier der Stoff für eine Bedeutung hat, für eine ganz\nbesondere, wesentliche Rolle spielt. Der Stein und das Erz\nder Statue geht mich an und für sich gar nichts an, lässt\nmich als dieser Stoff, dieses Material des Künstlers unbe-\nrührt; ich habe es hier nur mit der Idee, der Vorstellung,\ndem Bilde des Gegenstandes zu thun, das in diesem Stoffe,\nals dem vom Künstler so geformten, ausgedrückt ist. Ganz\nanders ist es mit dem Tone; dieser wirkt schon ganz für\nsich auch ohne künstlerische Behandlung, ja, er bildet die\nGrundlage aller Wirkung und der ganzen Bedeutsamkeit,\nwelche die Musik für uns hat. Das muss doch offenbar\nin Anschlag kommen, davon kann nimmermehr abgesehen\nwerden.\nHanslick will, man solle das musicalisch Schöne be-\ntrachten und beurtheilen, wie es an und für sich ist, ohne\nauf die Wirkung zu sehen, die es macht. Aber, bester\nHerr Hanslick, das ist ganz unmöglich, dazu reichen un-\nsere Einsichten nicht hin. Wir wissen oft gar keinen theo-\nretischen Grund anzugeben, wesshalb eine Tonfolge und\nCombination von Tönen schön ist, die andere nicht; und\ndass wir sie schön oder nicht schön nennen, beruht so we-\nsentlich aul der Wirkung, dass selbst Kenner und Leute\nvom Fach von ihr durchaus nicht abstrahiren können. Es\nist besonders auffallend bei einfachen Melodieen, wie schön\nsie uns zuweilen vorkommen, wie ergreifend, rührend, be-\nzaubernd sie sind; gleichwohl kann man nicht sagen, dass\ndas Einfache immer schön und effectvoll sei, und dass es\nschon als solches diesen Vorzug habe; denn oft ist es leer,\nplatt, trivial —warum, während Anderes so einzig wirkt?\nDa wird man tausend Mal mit aller musicalischen Bildung\nund Einsicht verstummen müssen. Man nehme ferner eine\nschöne Melodie und verändere etwas daran, so dass durch-\naus kein vom Theoretiker zu rügender Fehler entsteht,\nwie denn das gar leicht möglich sein wird. In solchen Fäl-\nlen ist wohl durch die kleinste Modification, so erlaubt sie\nzu sein scheint, der ganze Reiz der Melodie vernichtet*).\nWie kommt das? Wir wissen es nicht. Da sind grosse\nGeheimnisse, die noch Niemand entschleiert hat und in die\nvielleicht nie ein Sterblicher erkennend und erklärend ein-\ndringen wird.\nHanslick spricht von den verschiedenen Eindrücken,\ndie eine und dieselbe Musik auf verschiedene Nationen,\nZeitalter, Temperamente, Alters- und Bildungsstufen, In-\ndividuen, ja, auf dasselbe Individuum zu verschiedenen Zei-\nten und unter verschiedenen Umständen mache. Er bemerkt,\ndass nicht bloss in der Sitte, sondern auch im Denken,\nFühlen und Urtheilen viel Conventionelles herrsche. Auch\nviel Eingebildetes, auf Täuschung Beruhendes komme dazu.\nDaher sei der Effect ein unsicherer, wandelbarer, nicht zu\nbrauchender Maassstab für ein Kunstproduct. Darin liegt\nviel Wahres; gleichwohl können wir diesen Maassstab\nnicht entbehren, und er wird wohl auch in vielen Fällen\nein richtiges Urtheil begründen. Eine Menge Menschen\nwird sich nicht dazu eignen, eine Symphonie von Beetho-\n\n*) „Diese abschliessende Cadenz klingt würdig, durch Verän-\nderung von zwei Noten wird sie platt.\" So Hanslick selbst S. 45,"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "205", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650701-01.1.5", "texte": "ven zu verstehen und zu goutiren. Aber wenn auf diejeni-\ngen, die solche Werke geniessen und beurtheilen können,\ndas eine einen guten, das andere einen schlechten Eindruck\nmacht, und wenn ihre theoretische Sachkenntniss und Eru-\ndition diese Verschiedenheit nicht hinlänglich erklären kann,\nso wird der Eindruck, das Gefühl, die Wirkung doch im-\nmer maassgehend bleiben. Es gibt auch viele Fälle, wo\nder Effect von den Differenzen der Culturstufe, der Natio-\nnalität, des Zeitgeschmackes u. s. w. unabhängig ist, so\ndass die verschiedensten Menschen gleichmässig darüber\nurtheilen. Haben wir gebildete Leute nicht oft eine ganz\nbesondere Freude an einer tief unter uns im Volksmunde\nerklingenden Melodie? Gefallen uns nicht oft Gesänge, die\nfern von uns bei anderen Nationen entstanden sind, ganz\nausserordentlich? Gibt es nicht desshalb Sammlungen von\nsolchen, die grosses Glück machen? Haben mit solchen\nTonweisen nicht unsere berühmtesten Opern-Componisten\nihre Werke geschmückt und ihnen dadurch einen wesent-\nlichen Reiz verliehen? Und wer kann durch die bloss ob-\njective Betrachtung eines solchen Tongebildes und ohne\nalle Rücksicht auf den wirklichen Effect erkennen, aus-\nsprechen und nachweisen, worin ihr ganz eigener Vorzug\nund Zauber liegt? Könnte man das, so wäre auch das\nGeheimniss entdeckt, wie man solche Melodieen macht;\ndas jetzt noch immer dazu nöthige Genie wäre unnöthig\ngeworden.\n\nGedanken über die Tonkünstler-Versammlung\nzu Dessau.\n\nII. Besonderes.\n(I. s. Nr. 25.)\nWährend der Anwesenheit der Tonkünstler fanden\nvier öffentliche Concerte Statt. Es ist nicht zu verwundern,\nwenn man nach aufmerksamer Anhörung des vielen bun-\nten Allerhand einiges Schwirren im Kopfe empfindet, und\nwenn wir hier über Einzelnes berichten, so kann dies nur\nin gedrängtester Kürze geschehen.\nDonnerstag den 25. Mai, in der Schloss- und Stadt-\nkirche: Grosse geistliche Musik-Aufführung unter Leitung\ndes Herrn Musik-Directors Riedel aus Leipzig. Lang war\ndie Aufführung wohl, aber nicht gross; zwölf Kleinigkeiten\nund ein grosses Monstrum machen keine grosse Aufführung.\nErster Theil. 1. Toccata und Fuge für Orgel von J. S.\nBach, vorgetragen von Capellmeister Stade aus Altenburg.\nDas Spiel sicher, das Tempo wohl etwas zu schnell, so dass\ndie tiefen Register der Orgel mit ihrer engen Mensur ihre\nSchuldigkeit nicht thun konnten. Bach hat auch Besseres\nund Dankbareres für Orgel geschrieben. 2. 9. Alte Kir-\nchenlieder aus dem 15., 16. und 17. Jahrhundert für ge-\nmischten Chor, ausgeführt von dem Riedel'schen Gesang-\nvereine aus Leipzig. Das war ein Genuss, für den wir dem\nVereine und seinem Führer grossen Dank wissen. In zwei\nSolo-Vorträgen erbauten uns Fräulein Wiegand und Herr\nBirkinger aus Leipzig durch ihren würdigen Vortrag.\nZweiter Theil. 10. Sonate für die Orgel von A. G.\nRitter, vorgetragen von Herrn Organist G. A. Thomas\naus Leipzig. Die grosse Gewandtheit dieses Orgel-Virtuo-\nsen ist bekannt. 11. „Unser Vateru für vierstimmigen Chor\nund Orgel von Fr. Liszt. Wir haben über dieses Werk\neine verhimmelnde Recension in der „Neuen Zeitchrift für\nMusikfc gelesen; wir haben dasselbe als eine schwache und\ndes heiligsten Gebetes nicht ganz würdige Composition be-\nfunden. Die einzelnen Bitten stehen wie Pfähle ohne alle\nVerbindung neben einander; dazu eine ungerechtfertigte\nmehrmalige Wiederholung der zweiten Bitte und ein zer-\nstückeltes, ermüdend langes und schwaches Amen. 12. Der\n137. Psalm für eine Singstimme und Frauenchor mit Be-\ngleitung von Violine, Harfe und Orgel, componirt von Fr.\nLiszt, vorgetragen von Fräulein Emilie Wiegand, Con-\ncertmeister Singer, Hofmusicus Hankel (aus Dessau;\nund A. Thomas. Obschon der Psalm beginnt, wie wenn\nein Bauer mit Langholz quer zum Thore hinein fahren\nwill, so müssen wir doch sagen, dass er in der Folge herrlich\nin seiner Wirkung, eine Perle ist. Der Schwur: „Jerusa-\nlem! Meine Zunge verdorre, wenn ich deiner vergesse!1\" ist\nerschütternd. Ein zu langer Schluss schwächt die Wirkung.\nWenn wir doch hier aufhören könnten, über dasKir-\nchen-Concert zu reden! Es kommt aber noch die böse 13.:\nDer 29. Psalm für zwei Chöre, Orgel, 3 Posaunen, 2\nTrompeten und Pauke von Heinrich Schulz-Beuthen (in\nLeipzig). Der Componist hat es hier und da recht gut ge-\nmeint, aber wenn er das Gute, etwa ein Sechstel des Gan-\nzen, zusammengefügt und das Andere fallen gelassen hätte,\nso würde er sich und uns einen grossen Gefallen gethan\nhaben. Der zweite Satz des Psalmes sagt, auf was für Ar-\nten „die Stimme des Herrn geht\". Hier hat (den Beginn\ndieser Schilderung abgerechnet) alle Musik ein Ende. Der\nSingstimme ist das Unnatürlichste zugemuthet und die Sache\nwird komisch, ja, lächerlich. Wir hätten gern über diesen\nScandal geschwiegen, wenn wir uns nicht gezwungen sä-\nhen, hier unsere Bewunderung des Riedel'schen Vereins\nund seines Leiters auszusprechen. Es ist wohl das Höchste,\nwas ein solcher Verein leisten kann. Er müsste aber so\netwas von sich weisen: es ruinirt die Stimmen und führt\nnicht zum Zwecke eines kirchlichen Gesanges.\nFreitag den 26. Mai: Grosses Concert für Gesang\nund Orchester. Im herzoglichen Hoftheater, wie auch die\nfolgenden zwei."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "206", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650701-01.1.6", "texte": "Erster Theil, unter Leitung des Herrn Ilof-Capell-\nmeisters Thiele. 1. Toccata für~Orgel von J. S. Bacb,\nfür Orchester eingerichtet von H. Esser; machte keine\nWirkung. (Vergangenheit.) 2. Prolog von Ad. Stern, ge-\nsprochen von Marie Grösser. 3. Der 130. Psalm von\nEd. Thiele. (Gegenwart.) Einige Verse des gedruckten\nTextes blieben weg; das Ganze würde wohl zu viel Zeit\ngekostet haben, da die Chöre, würdig und kunstgerecht,\ndoch etwas zu lang ausgesponnen sind. Es rücken nun die\nKanonen der Zukunft ins Treffen.\nZweiter Theil, unter Leitung des Herrn Hof-Musik-\nDirectors Stör aus Weimar. 4. „Eine Sommernacht\" für\nOrchester von K. Götze, angeblich nach einem Gedichte\nvon Reinick gearbeitet; ein formloses Tongemälde, in einem\ngewöhnlichen Garten-Concerte so mit anzuhören, für ein\nMuster-Concert sehr unbedeutend. Damit macht der Verein\nkeine Eroberungen. 5. Rondo für Violine\nund Orchester von K. Stör, vorgetragen von Herrn Kam-\nmer-Virtuosen Sin ger. Solide und interessant; das Orche-\nster ist keine gewöhnliche Begleitung, nichts Zukünftliches.\nDie gewiss schwere, nicht besonders glänzende Violin-Partie\nklang unter Singer's Bogen und Fingern leicht und schön.\n6. Ouvertüre zur Oper „Benvenuto Cellini\" von Hector\nBerlioz. Diese tüchtige und glanzvolle Arbeit zog der Verein\nwohl nur desshalb in seinen Kreis, weil sie die herkömm-\nliche Ouverturenform verschmäht und einige oben schon\nerwähnte Missklänge mit sich führt. Die Ausführung war\nganz ausgezeichnet.\nDritter Theil, unter Leitung des Herrn Hof-Capell-\nmeisters Seifriz aus Löwenberg. 7. Ouvertüre zu Shake-\nspeare's „König Lear\" von Milij von Babakirew; muss\nauch vom Standpunkte der Zukunftsmusik für ein sehr\nschwaches Product angesehen werden, das will, aber nicht\nkann. 8. Concert für das Pianoforte und Orchester von\nFr. Liszt, vorgetragen von H. Th.. Ratzenberger aus Lau-\nsanna (?). Bei aller Brillanz der durch Ratzenberger treff-\nlich und leicht ausgeführten schweren Clavier-Partie ist\ndie Selbständigkeit des Orchesters gewahrt; man findet\nhier sogar thematische Durchführung. Wäre Liszt doch\nbei solchen Arbeiten geblieben! Jeder kann nicht Alles!\n9. „An die Nacht\", Phantasiestück für Alt-Solo und Or-\nchester von Rob. Volkmann, gesungen von Fräulein Ka-\ntharina Lorch. Composition und Vortrag gut. In Bezug\nauf das Verhältniss des Componisten zu dem Musikvereine\nkönnte man hier, wie auch unter Nr. 4 im letzten Con-\ncerte, wohl fragen: „Wie kommt Saul unter die Prophe-\nten?\" 10. „Hunnenschlacht\", symphonische Dichtung\nnach Kaulbach) von Fr. Liszt. Von den Hunnen haben\nwir nichts gehört; die Musik kann eben so gut die Schlacht\nbei Waterloo schildern; es ist eine gewöhnliche, gute\nScblachtmusik, und der Zusatz: „nach ist wohl\nbloss ein müssiger Witz.\nSamstag den 27. Mai, Concert für Kammermusik.\nQuartett für Streich-Instrumente von W. Langhans. Die\nziemlich gute Composition bewegt sich wohlthuend in den\ngewohnten Formen und Harmonieen. Die Spieler waren\naus unserer Capelle; die erste Violine wurde von Herrn\nKammermusicus Bartels 11. mit der Zartheit gespielt,\nwelche bei diesem Virtuosen immer anerkannt und ge-\nlobt wird.\nDie noch jungen Gebrüder Willi und Louis Thern\naus Pesth spielten ziemlich gleichgültige Clavier-Compo-\nsitionen von A. Thomas, Rob. Volkmann und K. Thern.\nMit besonderer Auszeichnung trug Herr Blassmann eine\nPhantasie für Pianoforte von Rob. Schumann (Op. 17)\nauswendig vor. Nach Vortrag einer Cavatine von J. Raff,\neiner Barcarole und eines Scherzo von Spohr für Violine\nwurde da capo gerufen. Wir wollen nicht entscheiden, ob\ndies dem Virtuosen Singer oder dem Altmeister Spohr\ngalt- ;\nZwischen allen diesen Dingen wurden einige Lieder\nam Ciavier von Rob. Schumann, Felix Dräsike, Alex. Win-\nterberger und Ad. Jensen gesungen.\nSonntag den 28. Mai: Grosses Concert für Gesang\nund Orchester.\nErster Theil. 1. Sanctus und Benedictus aus einer\nMesse von August Fischer aus Dresden. Der Componist\nscheint noch nicht mit sich abgeschlossen zu haben; die\nbeiden Gesangsätze schweben noch zwischen Alt und Zu-\nkünftlich. Das Gute darin, thematische und contrapunkti-\nsche Arbeit, leidet durch zu grosse Länge und Mangel an\nJubel im Osama. 2. „Orpheus\", symphonische Dichtung\nvon Fr.-Liszt. Trotzdem diese Musik mit „Orpheus\" an-\ngekündigt ist, wird doch Niemand darauf kommen, was\nder Componist will; man weiss nicht, woher, noch wohin.\nEs ist eben eine Dichtung und klingt mitunter ganz hübsch.\n3. „Loreley\" für eine Singstimme und Orchester von Fr.\nLiszt und „Der Erlkönig\" von Fr. Schubert, letzterer mit\nOrchester-Begleitung von H. Berlioz, sehr mittelmässig ge-\nsungen von Fräulein Carol. Pruckner aus Wien. „Lo-\nreley\" ist eine gute, weil wenig zukünftliche Composition,\ndie aber durch ein vielmaliges Wiederholen der Schluss-\nworte: „Und das hat mit ihrem Singen die Loreley ge-\nthan\", langweilig wird. 4. Concertstück für Pianoforte\nund Orchester von Rob. Volkmann, vorgetragen von H.\nBlassmann. Sehr gute Composition; sie gehört in Con-\ncerte für classische Musik.\nZweiter Theil. 5. Ouvertüre zu Shakespeare's „Julius\nCäsar\" von Hans von Bülow. Es fehlt dem Componisten\nwohl an Kenntniss der Orchester-Instrumente; so z. B."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "207", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650701-01.1.7", "texte": "haben die Violinen an einigen Stellen in und fast\nunausführbare Ciavierfiguren; sie sind unnöthig schwer\nund machen keine Wirkung. Die Composition ist eine\ngleichgültige und liess auch gleichgültig. 6. 7. 8. Zwei\nLieder von Fr. Schubert (Fräulein Wiegand), Concert-\nstück für Contrabass von Ed. Stein (Kammer-Virtuose Si-\nmon aus Sondershausen), Brautlied für Solo und Chor\nvon H. Hopff sehr breit.\nDritter Theil. 9. Fest-Polonaise von K. Stör. Wenn\nauch gegen die Composition als Polonaise nichts zu sagen\nist, so ist doch zu verwundern, wie sie in ein grosses Con-\ncert kommt, und noch mehr, wie sich der Componist durch\neiniges, sehr unnöthig angebrachtes Geklimper der Harfe\neiner Entwürdigung dieses Instrumentes schuldig machen\nkann. Wozu Harfe in einer Polonaise?! 10. Romanze\naus der Oper „Benvenuto Cellini\" von Hector Berlioz,\ngesungen von Herrn Schild (leipziger Theater). In Herrn\nSchild hörten wir endlich einmal wieder einen Tenor mit\neiner schönen Kopfstimme. Das thut wohl! Wolle Herr\nSchild dieselbe \"nur recht vorsichtig ausbilden, dann pro-\nphezeien wir ihm eine glückliche Zukunft. 11. Ouvertüre\nzur Oper „Die Meistersinger\" von Rieh. Wagner. Eigent-\nlich ein aus drei Haupt-Themen zusammengesetzter Marsch,\ndessen Anfang sogar an Händel erinnert. Sinn- und kunst-\nreiche Combinationen machen das Stück äusserst interes-\nsant; nur schade, es klingt nicht recht: es macht keinen\nEffect.\nNachdem wir nun unparteiisch und gewissenhaft dem\nGanzen gerecht geworden zu sein glauben, ist noch im\nInteresse der Dirigenten und der ausführenden Künstler\nzu sagen, dass Alles sehr gut ging. Das Meiste war frü-\nher von dem Hof-Capellmeister Thiele allhier mit der\nhiesigen Hofcapelle tüchtig einstudirt worden, und es hatte\nnur wegen des Zusammenwirkens derselben mit der Elite\naus den Orchestern zu Weimar, Leipzig und Löwenberg\neiner Nachhülfe bedurft; auch musste unser Orchester\nerst an das „geniale\" Tactschlagen (oder vielmehr Tact-\nsägen) gewöhnt werden.\nDass alle Sachen tüchtig beklatscht, alle Solo-Vorträ-\nger und alle anwesenden betreffenden Componisten jedes-\nmal gerufen wurden, dafür war gesorgt; es ward zuletzt\nwiderlich und war auch ungerecht gegen diejenigen,\nwelche diese Auszeichnung wirklich verdienten. Das des-\nsauer Publicum, welches sich bei allen Aufführungen stark\nbetheiligte, war daran unschuldig; denn wie konnte dies\nz. B. wissen, welche Componisten gerade gegenwärtig wa-\nren? Den Dessauern zeigten sich keine Autoritäten, durch\nderen Gegenwart sie sich vielleicht auch mehr oder weni-\nger hätten bestechen lassen. Autoritäten fehlen dem ganzen\nGetreibe überhaupt; diese lassen sich aber durch Zeitungs-\nGeschrei und gelehrte Artikel über Musik nicht machen.\nDie machen sich von selbst, und das musicalisch gebildete\nPublicum bestätigt sie. Uns scheint es, als ob diese ganze\nBewegung nur von einigen hinter den Coulissen stehenden\n„Machern\", die ihre Figuren auf die Bühne schieben,\nnothdürftig in Athem gehalten würde, und wenn wir jetzt\neben hören, dass Dr. Brendel aus Leipzig und Dr. Gille\naus Jena die silberne Verdienst-Medaille des anhaltischen\nOrdens Albrecht's des Bären erhalten haben, so muss uns\ndies in unserer Ansicht nur noch mehr bestärken.\nDessau.\n\nA. S.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nBratuiscltweig* Bei Gelegenheit des braunschweiger Mu-\nsikfestes veranstaltete der geniale Instrumentenbauer Herr Stein-\nweg in einem seiner mit ausgezeichneten Flügeln, Pianoforte's und\nPianino's gefüllten Salons eine musicalische Matinee, wo sich Frau\nBertha Hahn, Gemahlin des Herrn Musik-Directors Hahn aus\nBielefeld, durch den Vortrag von Ciavierstücken edler .Richtung\n(Mozart, Chopin u. s. w.)'als eine vorzügliche Pianistin erwies, de-\nren vortreffliche Technik stets dem warm empfundenen und geistig\ndurchdachten Vortrage vollständig dienstbar war, was wir als Be-\nstätigung des vor Kurzem in diesen Blättern gefällten Urtheils über\nFrau Bertha Hahn zur öffentlichen Kenntniss bringen. Genannte\nKünstlerin benutzte zwei Flügel, einen grossen Concertflügel und\neinen Stutzflügel, von denen jeder in seiner Art gleichmässige Spiel-\nart und gesangreiche Klangfülle erkennen liess. Referent dieses über-\nzeugte sich selbst von der Güte sowohl dieser Instrumente, als auch\nderjenigen Flügel, welche zwischen Concert- und Stutzflügel die\nMitte halten, und war von der schönen Bauart in jeder Weise über-\nrascht. Eben so gefielen die schönen, ausgiebigen Pianino's. und es\ndürfte in Wahrheit zu bedauern sein, wenn Herr Steinweg seinen\nVorsatz, nach America in die grossartige Fabrik gleicher Firma zu\nseinem Vater und \"seinen Brüdern überzusiedeln, in Ausführung\nbringen sollte. O. P.\nGotha. Frau Cäcilie Saemann de Paez, eine Sängerin\nvon Ruf, den sie auf den Theatern von Paris, Lissabon, Madrid,\nAmerica, Wien u. s. w. erlangt, zuletzt Mitglied des Hoftheaters in\nCoburg, ist in diesen Tagen, immer noch in der Blüthe der Jahre\nund als schöne Erscheinung ausgezeichnet, gestorben.\nDrestleil« Am 6, Juni wurde in dem Elbdorfe Klein-Ho-\nsterwitz, zwischen Dresden und Pillnitz, eine Gedenktafel zu\nEhren Carl Maria von Weber's feierlich eingeweiht. Sie\nschmückt jenes den Dresdenern wohlbekannte Felsner sche Winzer-\nhäuschen, welches in Tagen reichster Schöpferkraft des grossen\nMeisters dessen vielgeliebter Sommersitz gewesen. Der in edlem\nStyle gehaltene, kreisrunde, viertehalb preussische Fuss messende,\nstark profilirte Denkschild von dunkelbronzirtem Metall zeigt eine\nacanthus-verzierte Lyra, umgeben von dem Namen „Carl Maria von\nWeber\", dessen Buchstaben, so wie die Hauptlinien der Lyra und\nder Rand vergoldet sind. Die Einweihungsfeier leitete Herr Fr.\nWilh. Jähns, königlicher Musik-Director aus Berlin, einer der\ngründlichsten Kenner und wärmsten Verehrer Weber'scher Muse.\nEr ist der Stifter des Denkmals, seine Thätigkeit hat die Herstel-\nlung ermöglicht. Die mit der Feier verknüpften Gesänge wurdeu\nunter persönlicher Direction des königlich sächsischen Hof-Capell-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "208", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650701-01.1.8", "texte": "meisters Dr. Rietz durch sechszehn ausgezeichnete Stimmen, Mit-\nglieder der königlichen Oper zu Dresden, in ergreifender Weise aus-\ngeführt. In dem Kreise der eingeladenen Versammlung war der\nHofmarschall v. Friesen, so wie Weber's Sohn, Freiherr Max M.\nvon Weber, zu bemerken, und bestand dieselbe ausserdem in der\nMehrzahl aus hervorragenden Kunst- und anderen Notabilitäten\nDresdens. Die Feier begann um 12 Uhr mit Webers Chorlied:\n„Hör' uns, Allmächtiger\", dem zu diesem Zwecke durch Max Jähns\nder Text untergelegt worden.\nAus der Festrede des Musik-Directors F. W. Jähns (in der\nZeitschrift „Echo\") theilen wir folgende Stellen mit: „Gestern wa-\nren neununddreissig Jahre seit dem Tage verflossen, an welchem\nder grosse Meister sein müdes Auge schloss. Sie, seine Freunde,\nsind gekommen, durch Ihr Erscheinen den Schmuck zu weihen, den\ndiese Stätte jetzt empfangen hat, wo er, im Gefühle voller Freiheit,\nerst so recht schöpferisch war; diese Stätte seines häuslichen Glückes,\nwo er erst ganz seines Lebens, seiner Familie froh ward. Für die\nKunstgeschichte wird mithin ein solcher Ort unvergesslich bleiben,\ndenn um auch nur bekannterer und bedeutenderer Werke, die hier\nentstanden, zu gedenken, nenne ich folgende: die grössere zweite\nHälfte des schon im Jahre 1817 in Dresden begonnenen Freischütz;\nzwar hier nicht niedergeschrieben, dennoch in ihrer geistigen Wei-\nterentwicklung dem ersten hosterwitzer Aufenthalte von 1818 zuge-\nhörig, da Weber bekanntlich nur dann erst notirte, wenn etwas in-\nnerlich zu vollständiger Reife bei ihm gediehen war. Ferner: grosse\nScene und Arie in die Oper Lodoiska von Cherubini (Op. SG); die\nCantate „„Natur und Liebe\"\" (Op. 61); sieben Nummern der acht\nvierhändigen Charakterstücke für Pianoforte (Op. 60); grosse Jubel-\nCantate zur Feier des fünfzigjährigen Regierungs-Antrittes Sr. Maj.\ndes Königs von Sachsen (Op. 58); Conception der Jubel-Ouverture\n(Op. 59); grosses Trio für Flöte, Cello und Pianoforte (Op. 6'3);\nAufforderung zum Tanze (Op. 65); grosse Polonaise in E-dur für\nPianoforte (Op. 72); Concert für das Fagott (Op. 75). Ferner: den\ngrössten Theil der Oper Euryanthe in der Erfindung, und endlich\ndie vollständige Instrumentirung dieser ganzen Oper, mit Ausnahme\neiner Seite Partitur und der Ouvertüre, und zwar in der Zeit vom\n11. Mai bis 29. August 1823 an zweiundvierzig Tagen neben den\nlaufenden Geschäften und Leistungen an Oper, Kirche und Hof in\nDresden und Pillnitz, als Capellmeister und Virtuose; eine allerdings\nbewunderungswürdig kurze Zeit, die man eher nach Stunden als\nnach Tagen zu messen geneigt sein möchte im Hinblicke auf die\nGrösse des Geleisteten.\n-Angesichts der Wichtigkeit dieses Ortes stiftete ich im Jahre\n1836 ein Fremden-Album für die Besucher desselben. Eine be-\nsondere Gunst der Verhältnisse hat es zur Zeit ermöglicht, ein äus-\nseres Zeichen in passender Weise herstellen zu können. Einerseits\nwurde mir durch Herrn Musicalien-Verleger L. Brandus in Paris\neine von Verehrern unseres deutschen Meisters daselbst zusammen-\ngebrachte Summe, andererseits ein von berliner Verehrern Weber's\ngespendeter Beitrag überwiesen. Dadurch wurde ich in den Stand\ngesetzt, die metallene Gedenktafel anfertigen lassen zu können,\nwelche sich jetzt an diesem Hause befindet. Möge fortan die ge-\nweihte Stelle von Tausenden gesucht und freudig gefunden werden,\nmöge die leuchtende Leyer jedem Vorüberkommenden sagen, welcher\nGeist in diesem Hause wirkte und webte!\"\nwurde für seine Thätigkeit, die er der Inscenesetzung\nder „Africanerin\" widmete, zum Officier der Ehrenlegion ernannt.\n** Paris, 18. Juni. Die „Africanerin\" hat bis jetzt 22\nVorstellungen erlebt, welche 258,000 Fr. eingebracht haben. Welche\nKritik kann gegen so klangvolle Argumente für die Vortrefflichkeit\ndes Buches und der Musik aufkommen! Und die deutschen\nTheater? Ei, es ist ja eine neue französische Oper, da darf man\nkeine Kosten sparen, da schickt man einen ganzen Congress von\nCapellmeistern und Maschinisten hin; wofür hat man denn gespart\nund das schöne Geld im Kasten behalten, welches viel zu gut ist,\num an Ausstattung oder auch nur Kenntnissnahme von Opern\ndeutscher Componisten, für deutsche Theater geschrieben,\nverschwendet zu werden! Die Herren Salvi, Director der kaiser-\nlichen Hofoper in Wien, Dorn, Hof-Capellmeister aus Berlin, die\nDecorateurs Hein und Gropius von der Hofoper in Berlin, Herr\nvon Könneritz, Intendant der Hofoper in Dresden, Directoren\nund Regisseure aus Darmstadt, Frankfurt am Main, Wiesbaden u. s. w.\nalle sind hier, um das Wunderwerk in würdiger, d. b. eben so\nkostspieliger Weise, wie in Paris, den guten Deutschen vorzufüh-\nren. Nun, wir wollen abwarten, was diese dazu sagen werden; ein\npaar volle Häuser gibt's freilich ohne Zweifel überall aber wie\nlange?? TJebrigens geht man auch hier schon jetzt mit neuer\nInscenirung der „Hugenotten\" voran. Ob die „Africanerin\" diese\ngefährliche Nachbarschaft aushalten wird?\nAls Gegenstück und zur Rechtfertigung eines anderen Theiles\ndes pariser Publicums ist übrigens zu notiren, dass übermorgen (den\n20. Juni) Mozart's „Zauberflöte\" zum letzten Male zum Schlüsse\ndes Thöätre lyrique gegeben wird und bis auf den letzten Augen-\nblick das Haus jedesmal gefüllt hat. B. P.\nHaag, 20. Juni. Ein internationales Friedenslied: „Het\nWoord van Waterloo zum 18. Juni 1815—1865\", Text und Musik\n(dreistimmig) von J. P. Heije in Amsterdam, mit deutscher, engli-\nscher und französischer Uebersetzung, ist hier bei Gebr. Belinfante\nerschienen. Das Gedicht spricht eine ehrenwerthe Gesinnung aus\nund die Melodie ist frisch und leicht sangbar.\nCherubini's „Medea\" in London. Am 6. Juni kam Che-\nrubini's tragische Oper „Medea\" zum ersten Male in London zur\nAufführung mit einem sowohl der ausgezeichneten Darstellung als\nder besonderen Vorzüge des Werkes würdigen Erfolge. Obwohl\nCherubini zwei Mal 1784 und 1787 in London war und beim\nzweiten Besuche zum musicalischen Director des „Kingstheaters\"\nernannt wurde, hatten doch seine Opern bis jetzt nie Eingang in\nEngland gefunden. Die Times sagt von dieser Aufführung: „Fräulein\nTietjens machte einen grossen Eindruck von der ersten bis zur letz-\nten Scene. Es gibt in der ganzen lyrischen Tragödie keine Partie\nvon der Schwierigkeit der Medea. Nichts desto weniger zeigte sich\nFräulein Tietjens ihrer Aufgabe vollkommen gewachsen und errang\neinen wohlverdienten Triumph. Auch alle übrigen Rollen waren\nebenbürtig vertreten.\""}]}