{"numero_id": "bm-bmtnabi-1865-07-22-01", "volume": "bmtnabi_1865-07-22_01", "ocr_sha256": "c436a2ade29ee4615d9e751cb241eadfecf3eda5eb00045c3b3de957f6aa2db3", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1865/07/22_01/bmtnabi_1865-07-22_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650722-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1865-07-22-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1865-07-22_01#c001", "volume": "bmtnabi_1865-07-22_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "225", "page_fin": "225", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650722-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "225", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650722-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 407, "texte": "Inhalt.\n- * •\nDie Wahrheit über Meyerbeer und die Africanerin. Von Joseph d'Ortigue.\"— Johann Sebastian Bach. Von C. H.\nBitter. 111. Priester Musikleben. Curiosa (Dr. J. N. Forkel's Aeusserungen über Beethoven und Mozart). Tages- und Un-\nterhaltungsblatt (Jena, Händel's „Messias1' Ems, „Coscoletto\" von J. Offenbach Frankfurt am Main, Haydn's „Jahreszeiten\"\nAnton Kubinstein Wien, F. Hiller's „Deserteur\")."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1865-07-22-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1865-07-22_01#c002", "volume": "bmtnabi_1865-07-22_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "225", "page_fin": "227", "image_debut": 1, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650722-01.2.2", "titre_corps": "Die Wahrheit über Meyerbeer und die Africanerin.", "titre_sommaire": "Die Wahrheit über Meyerbeer und die Africanerin.", "signature_source": "Joseph d’Ortigue", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "225", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650722-01.1.1", "debut_caractere": 409, "fin_caractere_exclue": 4535, "texte": "Die Wahrheit über Meyerbeer und die Africanerin.\nVon Joseph d’Ortigue\n*)•\nObwohl die „Africanerin\" seit zwei Monaten ans Ta-\ngeslicht getreten, so ist es doch noch nicht hell um sie\ngeworden; es fehlt noch an jener ruhigen, unparteiischen\nBeleuchtung, die es allein möglich macht, ein Kunstwerk\nin seiner wahren Gestalt zu erkennen und seinen Werth\nzu bestimmen. Wir befinden uns noch in der Periode, wo\nman eben so sehr gegen die unüberlegte hier und da\nindess wohl überlegte und berechnete Begeisterung, als\ngegen die leidenschaftliche Herabwürdigung auf der Hut\nsein muss. Trotz beider wird die .„Africanerin\" ihren\nRang durch die öffentliche Stimme unter den Opern des\nMeisters und unter den Kunst-Denkmalen unserer Zeit\neinnehmen, und sowohl der Weihrauch als die Herab-\nsetzung werden dazu beitragen, ihr die richtige Stellung\nanzuweisen. Am Ende wird die „Africanerin\" selbst ihre\neigene Verteidigung und ihre eigene Kritik sein.\nHört man aber die Meisten, welche die Oper gesehen\nhaben, so steht ihre Meinung darüber lest. Wir Franzo-\nsen sind bald fertig mit unserem Verdict über ein Kunst-\nwerk, sei's Roman, Drama, Gemälde, Partitur. Wir wis-\nsen gleich, woran wir sind. Es würde mich selbst gar\nnicht wundern, wenn Viele sich ihr Urtheil schon vor der\nAufführung zurecht gemacht hätten, das entweder lobend\noder mit Vorbehalt, jedenfalls elastisch abgefasst worden\nwäre, um sich den etwaigen Widersprüchen zu fügen.\nFür die Leute von Welt reicht das hin: für sie ist der\nKern der Frage die Anwesenheit bei der ersten Vorstel-\nlung und die Vorbereitung einer Antwort auf die Frage:\n„Was halten Sie davon?\"\nAnders freilich, wer ein wirkliches Urlheil fällen\nsoll. Er weiss, dass man über eine Composition von sol-\nchem Umfange keine entscheidende Stimme abgeben kann,\nbevor man sie oft genug gehört, damit der Verstand, ab-\ngesehen von der Ausführung und der theatralischen Vor-\nstellung, sich rein musicalisch Rechenschaft von dem\nGanzen geben könne, von der Vertheilung in Scenen und\nActe und ihrer Verbindung, von den Recitativen, Arien,\nEnsembles, von den bedeutenderen Modulationen, der wie-\nderholten Anwendung gewisser Motive, von der Behand-\nlung der Singstimmen, von den Klangwirkungen des Or-\nchesters, von der Verschiedenheit der Rhythmen, von der\nWahl der Tonarten, vor Allem von der Natur des Stils,\nvon den Grundbestandteilen dieses Stils und dem Ver-\nfahren des Componisten. Die Kritik soll den Effect nach\ndem Werthe der Mittel, die dazu verwandt sind, würdi-\ngen und in die Betrachtung der Quellen desselben, d. h.\ndes schöpferischen Gedankens, der künstlerischen Begei-\nsterung sich vertiefen. Je mehr Nachdenken und Arbeit,\nGeduld und Beharrlichkeit von Seiten des Autors ein\nWerk offenbart, desto mehr darf er die ähnlichen Eigen-\nschaften bei uns, wenn wir es beurtheilen wollen, ver-\nlangen.\n\n*) Der Aufsatz: nLa V&rit6 sur Meyerbeer b projoos de VAfri-\ncaineu, erschienen im 29. Bande (2. Heft vom 25. Juni) der Zeit-\nschrift „Le Correspondantu ist uns von dem Herrn Verfasser, in\nwelchem wir schon längst einen der gründlichst gebildeten und\nunheilsfähigsten Musiker und musicalischen Schriftsteller Frank-\nreichs schätzen, persönlich mitgetheilt worden, und wir beeilen uns,\nihn unseren Lesern zugänglich zu machen, denn derselbe ist auf\ndem Gebiete der heutigen französischen Kritik geradezu ein Ereig-\nniss. Ein so selbständiges, auf richtigen Grundsätzen über die Erforder-\nnisse des Schönen in der Musik und besonders in der dramatischen\nberuhendes, ohne Rücksicht auf irgend welche Convenienz oder Conni-\nvenz ausgesprochenes Urtheil über Meyerbeer ist in Frankreich noch nie\nvernommen worden. Schon desswegen verdient der vortreffliche Ar-\ntikel auch in Deutschland Beachtung, wenn auch die deutsche Kri-\ntik in der Charakteristik Meyerbeer's längst dieselben Ansichten\ngeltend gemacht hat, welche der französische Kritiker jetzt, mitten\nin der höchsten Flut der pariser Reclame, seinen Landsleuten ins\nGesicht zu sagen den Muth hat. Besonders interessant dürften ausser\ndem allgemeinen Inhalt auch die Belege dazu sein, die der Verfas-\nser in der Africanerin nachweist. Die Redaction."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "226", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650722-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5355, "texte": "Wenn die Kritik sich jedem bedeutenden musicali-\nschen Werke gegenüber also verhalten muss, so ist dies\num so nothwendiger bei einem complicirten Genie, wel-\nches die Strahlen der entgegengesetztesten Ideen und Stil-\ngattungen, manchmal selbst die seiner Natur widerstre-\nbendsten Elemente, in sich zu concentriren strebte.\n[Wir übergehen, was der Verfasser über Meyerbeers\nAuftreten in Frankreich, über „Robert\", über die „Hu-\ngenotten\", über den „Propheten\" schreibt. Um „gewisse\nTendenzen, gewisse Meyerbeer zur Gewohnheit gewordene\nManieren, die er niemals ganz abgeschüttelt hat, zu er-\nklären, müsse man\" sagt der Verfasser „auf seine\nWandlungen zurückgehen\", und fährt dann also fort:]\nDer beste Rath, den man Meyerbeer hätte geben\nkönnen, ehe er nach Italien ging, wäre gewesen, das zu\nthun, was Haydn, Mozart und Beethoven und später We-\nber und Mendelssohn gethan haben, nämlich Kammer-\nmusik zu schreiben und die Gelegenheit abzuwarten, um\nfür die Bühne zu arbeiten. Aber ihn verzehrte die Sucht\nnach Erfolgen, Erfolgen um jeden Preis; er dürstete da-\nnach und musste den berauschenden Becher an seine Lip-\npen führen. Er ging also nach Italien mit dem Entschlüsse,\ndie deutsche Weise daran zu geben und den alten gründ-\nlich geschulten Menschen auszuziehen. Kaum hatte er\nRossini's „Tancred\" gehört, so beeilte er sich, das ganze\nZeug von Cabaletten, Pizzicato's, Passagen, Läufern, perio-\ndischen Crescendo's, Vocalisations-Raketen und Rouladen-\nBatterieen sich zu eigen zu machen. Sein Freund Weber\nsah mit Schmerz diese Umwandlung, während Andere das\nTalent priesen, mit welchem er eine so vollständige Um-\ngestaltung durchgesetzt habe. Auch später geschah es noch,\ndass man diese Art seines Talentes bei Weitem über-\nschätzte; denn wenn ein Musiker nur einiger Maassen das\nHandwerk versteht, so ist nichts leichter, als sich die ita-\nliänischen Formen anzueignen. Es kommt dabei nur auf\neine mehr oder weniger glücklich gefundene Melodie an,\ndie sich leicht und ansprechend über ein banales Accom-\npagnement hinleiert; man bringt sie in einen Rahmen von\nGemeinplätzen, nimmt die gewöhnlichen Ausfüllungsfor-\nmeln und lärmende Tutti hinzu, führt sie durch ein ge-\nschicktes Ritornel wieder zurück und setzt ihr die Krone\ndurch den ewigen Schluss felicitä auf. Für alles das steht\neine fertige Schablone zu Diensten, welche von keiner\nlogischen Gedankenfolge, keiner Verflechtung der Motive,\nkeiner Entwicklung der Situation, ja, selbst von keinem\nAusdrucke der Empfindung etwas weiss. In dieser Gattung\nerrang Meyerbeer seine erste Meisterschaft.\nEr eignete sich aber nicht nur das Recept des italiä-\nnischen Maestro, sondern auch seine Schnellfertigkeit an.\nBinnen sieben Jahren gab er sieben Werke und fast alle\nmit Erfolg. So ging es fort von (1818)\nbis zum Crociato in Egitto(lß24).\nDamit schliesst die italienische Periode der Laufbahn\nMeyerbeer's.\nHier muss aber zunächst ein Missverständniss aufge-\nklärt werden, welches in dem oft wiederholten Ausspruche\nbesteht, dass Meyerbeer von diesem Augenblicke an auf\nimmer den italiänischen Formen Lebewohl gesagt und im\n„Robert\" gänzlich mit ihnen gebrochen habe. Die Wahr-\nheit ist nur, dass er keine Oper mehr im ausschliesslich\nitaliänischen Stile geschrieben hat; er wurde wieder deutsch\nin der Anwendung harmonischer Combinationen, im all-\ngemeinen Colorit, in der Instrumentirung, in dem Suchen\nnach malerischen, phantastischen Effecten: aber das ist\nauch Alles. Er wurde nicht wieder deutsch in der Ein-\nheit und Sicherheit des Stils, in dem freien und reinen\nFluss und Guss, ohne welche der Stil keinen festen Halt,\nkein Gepräge hat. Er versuchte, Elemente der deutschen\nSchule mit jenen der italiänischen zu verschmelzen, welche\nihm geeignet schienen, ihm ferner noch den Beifall eines\nPublicums zu verschaffen, dem er geschmeichelt hatte, um\nErfolge bei ihm zu erlangen, die es ihm auch bewilligt\nhatte. Er blieb also Italiäner in klingendem Unsinn,\nhergebrachten Gemeinplätzen, schwülstigen Tiraden und\nbanalen Schlussformeln. Er behielt zum Theil aus Ge-\nwohnheit und Handwerk, theils in wohlüberlegter Absicht\nein italienisches Kauderwälsch bei, eine Art von musicali-\nscher Freimaurersprache, vermittels deren er sicher war,\nBrüder und Freunde unter allen Classen des Publicums\nzu finden. Das muss man nicht aus den Augen verlie-\nren, wenn man sich von dem Stile in der „Africanerin\"\nRechenschaft geben will.\nBl eiben wir bei der „Africanerin\" stehen, so suchen\nwir zunächst vergeblich uns zu erklären, was Meyerbeer\nbewogen haben mag, dieses Libretto vorzugsweise in Mu-\nsik zu setzen. Ein dramatischer Angelpunkt ist nicht darin;\nich glaube daher, dass der Componist durch auffallende\nAeusserlichkeiten sich hat bestechen lassen, als da sind\nzwei braungelbe Malayen, und diese im Contraste mit\neinem Inquisitionsrathe von Bischöfen; dann die geogra-\nphische Lection, die Selika dem Vasco gibt, das Schiff\nder Matrosengesang, der Schiffbruch, die Ersteigung durch\ndie Barbaren, der Oberpriester des Brahma, die Vermäh-\nlung nach indischem Ritus, der Giftbaum! Dergleichen\nAussendinge hatten in Meyerbeer's Augen einen gewissen\nWerth; man denke nur an den Wasserfall und die Ziege\nin der „Wallfahrt nach Ploermel\"!\nDie Haupt-Situation des ersten Actes [wir übergehen\ndie Einzelheiten der Handlung, die unseren Lesern aus\nunseren früheren Berichten bekannt sind] hat Meyerbeer"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "227", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650722-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2435, "texte": "nicht verfehlt. Er hat dabei reiche musicalische Hilfsquel-\nlen strömen lassen, Pomp und Grossartigkeit entfaltet, den\nDialog lebhaft und gedrängt gehalten, schöne Contraste\nund jenen Ausdruck von Fanatismus angebracht, den wir\naus den „Hugenotten\" und dem „Propheten44 kennen.\nZu bedauern ist nur, dass die Gedanken nicht immer be-\ndeutend sind, dass das Gewebe ungleich ist und verschie-\ndene Stilarten durch einander mischt. Indess fühlt man\nsich mit fortgerissen, das Interesse steigert sich und die\nMangel der Erfindung verschwinden unter den imponiren-\nden lonmassen und den manchmal freilich übermässigen\nÜ\nKlang-Effecten. Man kann da allerdings mit Vitet sagen:\n„Es geht von der Trompete zur Posaune, von der Posaune\nzum Ophikleide, vom Ophikleide zum Tamtam und zum\nKanonenschusse.\"\nDie Musik des zweiten Actes (die Scenen im Gefäng-\nnisse Vaseo's) enthält sehr beachtenswerthe Sachen neben\nanderen durchaus verwerflichen. Ich gebe zu, dass das\nSchlummerlied denSelika hübsch und anmuthig ist,\nobwohl es mehr den Charakter einer Ballet-Melodie, als\neines Schlummerliedes hat, wenn man mir einräumt, dass\ndie Modulation oft zu gesucht ist, dass der Componist mit\nkindischen Nachahmungen des Vogelgesanges (des Bengali)\nspielt und dass die Cadenz auf der Fermate ordinär und\nviel zu lang ist. Ich gebe zu, dass Nelusko's Arie: „Fille\ncles rois,<4 toil'hommage\", in mit einer schönen\nInstrumental-Einleitung in A,eine edle und musicalische\nEingebung ist, die in gerader Linie von der Schule eines\nflavdn und Mozart herstammt; wenn man mir einräumt,\ndass das Schluss-Thema dieser Arie: „Quand l'amour\nm'entmine\", nicht die geringste Berührung mit Haydn\nund Mozart hat. Ich gebe zu, dass der Anfang des Duetts\nzwischen Selika und Vasco:\nrage\"', glücklich erfunden ist, wenn man mir einräumt,\ndass der folgende e/8-Tact melodisch trivial ist und noch\nmehr trivial wird durch sein Unisono und vollends trivial\ndurch die Vocalisen im Unisono. Das Finale ist schön, ob-\nwohl es etwas schwerfällig und verstrickt einhergeht; man\nbemerkt darin reiche Instrumental-EfFecte, eine schöne\nund rührende Melodie der In&s:\ntoui jamais\", und das Septett, welches mit dem Gesänge\nin H-dur schliesst, welcher als zweites Motiv in der Or-\nchester-Introduction zur Oper benutzt worden ist. Diese\nMelodie schwebt hier über den vollen Accorden der Har-\nfen, dem Tremolo der Violinen in der Höhe und den tie-\nfen Tönen der Clarinetten.\n(Schluss folgt.)"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1865-07-22-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1865-07-22_01#c003", "volume": "bmtnabi_1865-07-22_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "227", "page_fin": "230", "image_debut": 3, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650722-01.2.3", "titre_corps": "Johann Sebastian Bach.", "titre_sommaire": "Johann Sebastian Bach.", "signature_source": "C. H. Bitter", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "227", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650722-01.1.3", "debut_caractere": 2437, "fin_caractere_exclue": 4837, "texte": "Johann Sebastian Bach.\nVon C. H. Bitter.\nIII.\n(I. s. Nr. 23. 11. Nr. 28.)\nIn Bezug auf die Lebensereignisse und den Entwick-\nlungsgang Bach's bringt die neue Biographie ausser dem\nbei Mizler u. s. w. bereits Gegebenen auch manche nicht\nunwichtige Actenstücke aus Archiven zum ersten Male in\ndie Oeflentlicbkeit. Darunter sind einzelne sehr bezeich-\nnend für Bach's künstlerisches Streben und für seinen\nCharakter.\nSo geht z. B. aus seinem bisher unbekannten Entlas-\nsungsgesuche von der Organistenstelle in Mühlhausen, den\n25. Juni 1708, (1., S. 73) hervor, dass er „so schlecht\nauch seine Lebensart war\", mit der Besoldung*)—er war\nbereits verheirathet nicht auskommen konnte; ferner\naber, dass eine „regulirte, wohl zu fassende Kirchen Mu-\nsik zu Gottes Ehren\" schon damals der Zweck seines\nStrebens war. Nicht erst eine Folge seiner späteren Le-\nbensstellung zu Leipzig war diese in grÖsstem Maasse aus-\ngeführte Organisation des musicalischen Kirchendienstes,\ndie wir dort bewundern. Bach hat vielmehr, wie das Pro-\nmemoria deutlich ergibt, sein ganzes Leben als eine Vor-\nbereitung zu einer solchen Stelle betrachtet. Auch die in\npecuniärer Beziehung bessere Stelle zu Weimar war für\nihn besonders wegen der „ohne Verdriesslichkeit Andrer\nwohl zu fassenden Kirchen Musik\" erwünscht. Es hatte\nsich in Mühlhausen „ohne VViedrigkeit nicht fügen wol-\nlen\", dass er seinem „Endzweck\" in seiner Weise näher\ntrat, und es war auch „zur Zeit die wenigste\ndass sich dies anders fügen möchte\".\nSo sehen wir ihn in sein thätiges, reiches Leben mit\nganz bestimmten Zielpunkten eintreten und diese in be-\nwusstem Willen und in fester Consequenz bis an sein Le-\nbensende verfolgen. Ihm stand hierbei kein Lehrer, kein\nFreund ralhend, helfend, mitwirkend zur Seile. Ihn trieb\ndas äussere Leben nicht vorwärts, wie es Händel seiner\ngrossen Bestimmung entgegen führte. Aus sich selbst\nheraus musste er, wie schwer dies sein mochte, die Be-\ndingungen schaffen, unter denen er seine Aufgabe, wie er\nsie in sich trug, zu erfüllen vermochte.\nCharakteristisch ist ferner unter Anderem ein Brief\nan den Kirchen-Vorstand zu Halle vom 19. März 1714\n(1., S. 91). Bach, seit 1708 in Weimar, hatte den An-\ntrag der Organistenstelle an der Marienkirche in Halle\nvorläufig angenommen, nach Einsicht der ausgefertigten\n\n*) Sie bestand aus 85 Gulden, 3 Maltern Korn, 2 Klaftern Holz\nund 6 Schock Reisig „vor die Thür geführt\"!\nn"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "228", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650722-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5019, "texte": "Vocation aber abgelehnt. Auf das hierauf erfolgte Schrei-\nben des Vorstandes, der sich beleidigt fühlte und ihm zu\nverstehen gegeben, dass seine Bewerbung wohl nur Mittel\ngewesen, um vom Herzoge zu Weimar Zulage zu erhal-\nten, erwiederte der gereizte Meister:\n„Hoch Edler u. s. w. Herr! Dass das Hochlöbl. Kir-\nchen -Collegiummeine Abschlagung der (wie Sie\nmeinen) Organisten Stelle befremdet, befremdet mich gar\nnicht, indem ich ersehe, wie es so gar wenig die Sache\nüberleget.\n„Sie meinen, ich hätte um die erwehnte Organisten\nStelle angehalten, da mir doch von nichts weniger als da-\nvon etwas bewusst. Soviel weiss ich wohl, dass ich mich\ngemeldet, und das Hochlöbliche Collegium bei mir ange-\nhalten; denn ich war ja, nachdem ich mich\ngleich Willens wiederum fort zu reisen, wenn des Herrn\nD. HeinecciiBefehl und höfliches anhalten mich nicht ge-\nnöthigt, das bewuste Stücke zu componiren und aufzufüh-\nren (die Cantate: „Ich hatte viel Bekümmerniss\"), Zudem\nist nicht zu praesumiren, dass man an einen Ohrt gehen\nsolte, wo man sich verschlimmert; dieses aber habe in 14\nTagen biss 3 Wochen so accurnicht erfahren können,\nweil ich der gäntzlichen Meinung, man könne seine\nan einem Ohrte, wo man die zur Besoldung\nrechnen muss, nicht in etlichen Jahren, geschweige denn\nin 14 Tagen erfahren; und dieses ist einigermaassen die\nUrsach warum die Bestallung angenommen und auf Be-\ngehren wiederum von mir gegeben. Doch ist aus allen\ndiesen noch lange nicht zu schliessen, als ob ich solche\ntourdem Hochlöbl. Collegiogespielet hätte, um dadurch\nmeinem gnädigsten Herrn zu einer Zulage meiner Besol-\ndung zu vermögen, da derselbe ohnedem schon so viel\nGnade vor meine Dienste und Kunst hat, dass meine Be-\nsoldung zu vergrössern ich nicht erst nach Halle reisen\ndarfF. Bedaure also, dass des Hochlöbl. Collegii so gewisse\npersuasion ziemlich ungewiss abgelaufen, und setze noch\ndieses hinzu, wenn ich auch in Halle ebenso starke Besol-\ndung bekommen als hier in Weimar, wäre ich denn nicht\ngehalten die erstere Dienste denen andern vorzuziehen?\nSie können als ein Rechts-Verständiger am Besten darvon\njudiciren und wenn ich bitten darff, diese meine Recht-\nfertigung dem Hochlöbl. Collegio hinterbringen, ich ver-\nharre davor Ew. Hoch Ed. gehorsamer\nJoh. Seb. Bach.\nConcertmeister und Hofl'org.\nWeimar, 19. März 1714.\nA. Monsieur\nMonsieur A. Becker Licentie en Droit.\nMon tres honore Ami ä Halle*).\nTrotzdem lud derselbe Kirchen-Vorstand den Meister\nim Jahre 1716 zur Revision der neuen Orgel in der Ma-\nrienkirche ein. Bach nahm das ehrenvolle Amt mittels\nhöflichen Schreibens an. Das höchst interessante Orgel-\nRevisions-Protocoll ist S. 99 —lO3 abgedruckt.\nUm Bach's Verdienst um die Organisation der Kir-\nchenmusik in Leipzig gehörig zu würdigen, ist das „Pro-\nject\" von Kuhnau (vom 29. Mai 1720, Th. 1., S. 424\nabgedruckt) über die „Verbesserung der Kirchenmusik in\nLeipzig\" nachzulesen, worin von „Leuten, welche bisher\ndie Music dirigiret und von dem wahren Kirchen\nnicht viel Wissen können\", ferner vom Untreu werden der\n„Thomanerschüler, die es lieber mit der lustigen Music in\nder Opera und in denen CaffeeHäusern, als mit unserm\nChoro halten\", dann von „ungewaschenen Händen, die\nüber die Orgel gerathen\", u. dgl. m. die Rede ist.\nBach übernahm nun die Aufgabe der „Regulirung\"\nder Kirchenmusik in Leipzig mit dem 1. Juni 1723. Da-\ndurch, dass er ausser den Passions- und Festtags-Musiken\ndie Aufführung einer entsprechenden Musik für jeden an-\nderen Sonntag des Kirchenjahres möglich zu machen\nsuchte, entstand die unglaublich grosse Anzahl von seinen\nKi rchen - Can ta ten. Am Schlüsse der „aligemeinen\"\nBemerkungen über diese (vor der Besprechung der einzel-\nnen) drückt sich der Verfasser der neuen Biographie\nalso aus:\n„Bach hat fünf vollständige Jahrgänge solcher Can-\ntaten geschrieben. Es mussten ihrer daher etwa 380 vor-\nhanden gewesen sein. Leider ist eine grosse Zahl dersel-\nben verloren gegangen. Unsererseits haben wir von den\nfür bestimmte Sonn- und Festtage (ausschliesslich des\nWeihnachts-Oratoriums) gesetzten Cantaten 186 nachge-\nwiesen, ausserdem noch 32, welche nicht für besondere\nFesttage oder specielle kirchliche Veranlassungen bestimmt\nwaren. Wenn nun angenommen wird, dass von diesen\nCantaten ohne nähere Bezeichnung einzelne dazu gedient\nhaben mochten, jene fünf Jahrgänge von Kirchen-Musiken\nvervollständigen zu helfen, so würde immer noch der Ver-\nlust von etwa hundert achtzig dieser schönen Werke zu be-\nklagen sein.\n„Bach schrieb diese herrlichen Werke für den Ge-\nbrauch beim Gottesdienste. Der Zuhörerkreis war die Kir-\nchen-Gemeinde. An ihr ging die ungeheure Zahl derselben\nals Mittel der Erbauung, gewiss in ihrer Weise gewürdigt,\naber doch muthmaasslich ohne nachhaltige Aufmerksam-\nkeit zu erregen, vorüber. Weitere Kreise nahmen daran\nschwerlich Antheil. Die Kritik, zu jener Zeit überhaupt\nnoch in bescheidener Stellung, schenkte ihnen keine Auf-\nmerksamkeit. Sie kamen und gingen, wie etwas Notwen-\ndiges kommt und geht.\n\n*) Aus dem Archiv der Marienkirche zu Halle."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "229", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650722-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5502, "texte": "Bei dem jetzigen Stande der Kunst, bei der Aufmerk-\nsamkeit, die ihr von allen Seiten her zu Theil wird, so\nwie bei dem gegenwärtigen Gange des öffentlichen Le-\nbens und dessen kritischer Empfindlichkeit würde eine\nsolche Erscheinung kaum mehr möglich sein.\n„Dass der grosse Tonsetzer in der derartigen Uebung\nseiner Kunst von seiner Zeit geleitet worden sei, kann nicht\nzweifelhaft sein. Die orthodox-religiöse Richtung jener\nZeit-Periode, die Breite der kirchlichen Erörterungen, das\nDogmatische ihres Inhalts konnten auf die Arbeiten eines\nMannes nicht ohne Nachwirkung bleiben, der eben im\nSinne der die dortige Gemeinde leitenden Theologen zu\nwirken berufen war. Deyling war ein streng orthodoxer,\neifriger Mann, und die übrigen vier Geistlichen der Kirche\nsind es auch gewesen, wie Bach es war. Dass diese Nach-\nwirkung besonders in den Einzelgesängen bemerkbar wird,\nbei denen schon die damals gebräuchliche Form nicht sel-\nten eine gewisse Trockenheit herbeigeführt hat, ist klar\nersichtlich. Dennoch konnten die Kirchen-Cantaten, weiin\nsie nach ihrem unmittelbaren und ursprünglichen Zwecke\nbeurtheilt werden, nicht wohl anders gestaltet, nicht an-\nders behandelt werden, als dies durch Bach geschehen ist.\nUnd so ist es nicht zweifelhaft, dass sie ihrer Zeit und de-\nren Bedürfnissen in vollem Maasse entsprochen, dass sie\naber zugleich, über diese weit hinausreichend, eine blei-\nbende und grosse Bedeutung für die Kunst gewonnen ha-\nben. Ob sie im dogmatischen Sinne kirchlich oder\nnicht kirchlich gewesen (cf. von Winterfeld, evange-\nlischer Kirchengesang, Thl. 111, S. 410 ff), ob sie anders,\nihre Zeit noch mehr überflügelnd, hätten gesetzt werden\nkönnen, ob in ihnen, wie Zelter merkwürdiger Weise ge-\nsagt hat (Briefwechsel mit Goethe, Bd. IV, Nr. 534 und\n543), „entstanden ist, was nicht besteht\", und ob\nBach in ihnen, wie Zelter gleichfalls behauptet hat, dem\nEinflüsse fremder Kunstrichtungen (Couperin) mehr, als\nzulässig, unterworfen gewesen sei, alles dies sind müssige\nFragen dem gegenüber, was wir besitzen und bewundern.\nKirchlich ist eben ein relativer Begriff, und es kommt\nbei übergrosser Strenge darauf hinaus, dass am Ende nur\nder Choral, und kaum überall noch dieser, kirchlich bleibt.\n„Wenn, wie obenerwähnt, behauptet worden ist, dass\nin Bach's Kirchen-Cantaten eigentliche Kirchenmusik nicht\ngegeben sei, dass sie für die Kirche im streng evangeli-\nschen Sinne nicht passten und in ihr eine bleibende Stelle\nnicht finden könnten; wenn man zur Begründung dieser\nAnsicht angeführt hat, dass die lebendige Wahrheit des\nAusdrucks, der kunstreiche, dem Laien nicht überall leicht\nverständliche Satz, selbst die Schwierigkeit der technischen\nAusführung, welche die Künstler von dem Gottesdienste\nauf die praktischen Forderungen der ausübenden Kunst\nzurückweise, diese Musiken dem Boden der Kirche fremd\nmachten, ja, wenn selbst die Form mancher Theile der-\nselben, im Grunde das nicht ausschliesslich Cho-\nralmässige, strengen Kritikern (wir nennen als solche\neben Zelter und von Winterfeld) Veranlassung gegeben\nhaben, den Kirchen-Cantaten Bach's den Charakter der\nKirchlichkeit zu versagen, so sind dies Ansichten, wel-\nchen wir eine durchgreifende Berechtigung nicht zuerken-\nnen können. Von Winterfeld hat den Kirchen-Musiken\nBach's besonders (Thl. 111, S. 427) die zu künstliche Form\nzum Vorwurf gemacht. Er behauptet ausserdem, dass sie\nein zu treuer Spiegel der Zeit seien, in der sie entstanden.\nAber bestimmt denn die Form das Wesen und den Cha-\nrakter einer Sache? Muss dieser nicht aus dem Inhalt ge-\nschöpft werden? Und liegt nicht, wenn in der That die\nBach'schen Kirchen-Compositionen ihre Stelle bei dem\nGottesdienste nicht mehr sollten finden können, die Schuld\ndafür vorzugsweise an dem veränderten Ritus desselben?\nEinen vorgeschriebenen und ein für alle Mal ausschliess-\nlich gültigen Kirchen-Stil gibt es nicht, und wenn aner-\nkannt werden muss, dass Bach vorzugsweise und überall\nnur seinen eigenen Stil geschrieben hat, so kann dies\neben nur zu der Frage führen, ob dieser Bach'sche\nStil den Bedürfnissen des lutherischen Gottesdienstes sei-\nner Zeit entsprochen habe und noch jetzt in der Kirche\neine fromme und religiös gesammelte Stimmung erwecken\nkönne. Diese Frage muss bejahend beantwortet werden.\nHiermit ist aber die Sache selbst entschieden. Für die\nKirche hat Bach aus vollster Seele und mit dem reichen\nSchatze seines grossen Genius gearbeitet. Nur im Sinne\nder Religion und der evangelischen Kirche sind seine der-\nartigen Werke verständlich. Ihnen ihre Stelle dort versa-\ngen, sie allein in die Akademieen und Gesangvereine ver-\nweisen, heisst ihnen ihren Boden entziehen, ihnen die Le-\nbensluft nehmen.\nDer wunderlichste Einwand, den der sonst so ver-\ndienstvolle von Winterfeld gegen die Kirchlichkeit dieser\nTonwerke erhebt, ist der, dass sich in ihnen eine zu grosse\nHinneigung zu dem Theatralischen bekunde (S. 427).\nBach hat sich gewiss in seinen für den Gebrauch beim\nGottesdienste bestimmten Schöpfungen von dieser Neigung\nnicht beherrschen lassen. Wohl aber mag er sich mit kla-\nrem Verständnisse der Bedürfnisse der Kunst gesagt ha-\nben, dass der Ausdruck der Wahrheit in den Gefühlen\nund Empfindungen ein aus der Seele gegriffener sein müsse,\nund dass er nicht das Recht habe, ihn zu opfern, weil die\nBühne an ihre Kunstschöpfungen ähnliche Anforderungen\nstelle. Nur dann würde jener Einwand eine Berechtigung\nhaben, wenn sich in Bach's derartigen Compositionen pro-\nfane Gedanken, weltlich sinnliche Reizmittel fänden, welche"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "230", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650722-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1526, "texte": "dieselben um ihrer inneren Würdelosigkeit willen von der\nKirche ausschliessen müssten. Dass dies irgendwo der Fall\nsei, hat Niemand behauptet und behaupten können. Wenn\nwirklich hier und da die Form der Arien sich den in dem\nOpernstile jener Zeit gebräuchlichen Formen annähert,\nauch einige Chöre weniger polyphon als andere gesetzt\nsind, so kann dies gar nicht in Betracht kommen. Denn\nso wie Bach mit Recht die alten Kirchenweisen in ihrem\ninnersten Werthe und Kern in die damals moderne Musik-\nrichtung aufnahm und dadurch jene wunderbar sinnigen\nKunstgestaltungen geschaffen hat, die jetzt als Meister-\nwerke höchster Bedeutung anerkannt werden, so hatte er\nauch das Recht, die zu seiner Zeit bestehenden Kunstfor-\nmen, so weit sie ihre Berechtigung hatten, mochten sie\nnun von Couperin, von Hasse oder sonst wem herrühren,\nin den Kreis seiner Gebilde zu ziehen und nach seiner\nbesonderen Individualität zu gestalten. Der hatte\nsich „verwunderungswürdig geändert\" und „die\nehemal ige Art der Musik wollte den Ohren nicht\nmehr klingen\"*).\nIn seinen Äirchen-Cantaten treten nun alle jene be-\nsonderen Vorzüge und Eigenschaften, durch welche der\ngrosse Tonsetzer sich von allen anderen Kirchen-Compo-\nnisten so bestimmt unterscheidet, auf das glänzendste her-\nvor. Es ist in den Chören sowohl als in den Arien eine\nIndividualität und Objectivität des Ausdrucks, welche, so-\nbald man sie einmal in sich aufgenommen hat, die Mög-\nlichkeit irgend einer anderen Auffassungs- und Ausdrucks-\nweise geradezu auszuschliessen scheint."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1865-07-22-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1865-07-22_01#c004", "volume": "bmtnabi_1865-07-22_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "230", "page_fin": "231", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650722-01.2.4", "titre_corps": "Triester Musikleben.", "titre_sommaire": "Triester Musikleben.", "signature_source": "g", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "230", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650722-01.1.6", "debut_caractere": 1528, "fin_caractere_exclue": 5087, "texte": "Triester Musikleben.\n\nTrotz der zahlreichen Vergnügungs-Züge, die hier\neintreffen, ist Triest noch immer eine in ihren Eigenthüm-\nlichkeiten wenig gekannte und gewürdigte Stadt. Nicht\neinmal über ihre architektonische Beschaffenheit können\ndie Herren Reisenden vollkommen einig werden; diejeni-\ngen, die, während sie hier verweilten, ihr Weg durch die\nVia Cavana führte, behaupten, Triest sei eine winkelige\nStadt mit engen Gässchen, während diejenigen, die durch\ndie Corsia Stadion spazirt sind, die imposante Breite und\nSchönheit unserer Strassen nicht genug bewundern kön-\nnen. Es ist daher nicht zu verwundern, wenn auch in Be-\nziehung auf unser musicalisches Leben auswärts Ansichten\nverbreitet sind, die auf unvollständiger und einseitiger\nWahrnehmung der Dinge beruhen.\nKürzlich stiessen wir in einer von Selmar Bagge in\nLeipzig herausgegebenen Musik-Zeitung auf eine Notiz,\nworin es unter Anderem hiess: „Von der Thätigkeit des\ntalentvollen Violinisten Julius Heller, der es unternehmen\nwollte, dort ein deutsches Musikleben zu gründen, verlau-\ntet wenig oder gar nichts.\" Diese Notiz beruht auf gänz-\nlicher Unkenntniss der hiesigen Verhältnisse.\nBis in die Mitte des laufenden Jahrhunderts waren\ndie Tanzweisen der wiener Walzerkönige so ziemlich das\nEinzige, was von deutscher Instrumental-Musik in unserer\nguten Hafenstadt öffentlich zu hören war. Im Jahre 185*2\naber fand sich eine Anzahl von grossentheils deutschen\nMusikfreunden und Dilettanten zusammen, die einen Ver-\nein zur Pllege classischer Musik stifteten, den sie mit dem\neinfachen Titel einer „Societä benannten. Vier\nInstrumental-Uebungen sollten monatlich im Schoosse des\nVereins Statt finden. Im Laufe zweier Jahre jedoch sank\ndie Zahl der Mitglieder, die erst von 20 auf 200 gestie-\ngen war, wieder bis auf 80 herab, stieg aber neuerdings\nwieder auf 157. Im Jahre 1857 wurde ein Concurs für\ndie als nothwendig erkannte Capelimeister-Stelle des\nVereins in öffentlichen Blättern ausgeschrieben, und die\nauf diesem Wege für den Verein gewonnene musicalische\nKraft war Herr Julius Heller, ein kenntnissreicher und\nbegabter, aus dem wiener Conservatorium hervorgegan-\ngener junger Künstler. Zunächst im geschlossenen Kreise\ndes Vereins wirkend, vereinigte er mehrere strebsame\nMusiker und brachte in öffentlichen Concerten deutsche\nQuartett-Musik zur Aufführung. Aber noch war die Zer-\nfahrenheit der musicalisch gebildeten und empfänglichen\nKreise zu gross, noch fehlte dem Streben Heller's, der\nseine Aufgabe ernst nahm, ein hinlänglich sicherer Mittel-\npunkt, von welchem aus sich auf weitere Kreise wirken\nliess. Diesen gewährte ihm erst der Schiller-Verein,\nder aus Anlass der Säcularl'eier von Schiller's Geburt im\nJahre 1859 gegründet wurde. In diesen löste die\nmusicale sich auf und überliess jenem ihr Mobiliar, ihre\nMusicalien und ihren Capellmeister, Herrn Julius Heller.\nZum ersten Male wurde nun in Triest eine Beetho-\nven'sche und Mozart'sche Sinfonie gehört, und zwar in\neiner Ausführung, welche die Kenner zufrieden stellte. Mit\ngleichem Ernste und Eifer übernahm Herr Heller etwas\nspäter auch die Leitung der Liedertafel des Vereins,\nund es ist ihm in neuester Zeit gelungen, dem männlichen\nChor auch einen weiblichen zuzugesellen, der bereits er-\nfreuliche Proben seiner Thätigkeit gegeben hat. Allgemein\nanerkannt ist Heller's Tüchtigkeit als Dirigent. Vor-\ntrefflich als Quartettspieler, ist er auch als Solo-Concertist\nauf seinem Instrumente sehr geschätzt und in allen Con-\ncerten eine gesuchte, willkommene Kraft.\n\n*) Cf. Bacli's Schreiben an den Rath zu Leipzig."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "231", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650722-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4536, "texte": "Dem unter seiner Leitung gepflegten Musikleben, des-\nsen Bedeutung bei der grossen Zahl der Vereins-Theilneh-\nmer und bei dem Umstände, dass der Verein auch öffent-\nliche Concerte gibt, nicht mehr als eine private bezeichnet\nwerden darf, stellt sich ein anderes Musikleben in bewuss-\ntem scharfen Contraste gegenüber, das sich für ein speci-\nfisch italiänisches hält. Princip desselben ist ausschliessliche\nPflege der Op-ern m usik , nicht bloss im Theater, sondern\nauch im Concertsaale, natürlich bloss der italiänischen,\nmit einzelnen schüchternen Ausnahmen zu Gunsten Meyer-\nbeer s. Man hat den Grund der hiermit zusammenhangen-\nden strengen Ausschliessung der sonst in der ganzen ge-\nbildeten Welt eingebürgerten deutschen Musik und der\neigentlichen Instrumental-Musik in nationalen Antipathieen\nfinden wollen, es ist aber nach unserer Ueberzeugung\nwirklich nur der Mangel an Sinn für jede Art von Mu-\nsik, die nicht in der Form der Opern-Arie auftritt, was\njene Ausschliessung veranlasst, es ist die bei jeder Gele-\ngenheit freimüthig eingestandene Unfähigkeit, bei dem\ngemüthvollsten deutschen Liede, bei dem rührendsten\nBeethoven'schen Adagio etwas zu e m pfi n d en. Auf Natur-\nfehler lässt sich kein moralischer Vorwurf gründen; man\nkann eine solche natürliche Beschränktheit des musicali-\nschen Sinnes nur bedauern, wie man andererseits die\nBeschränktheit der Zeloten an der Spree und an der Do-\nnau zu bedauern hat, die kein Ohr haben für die Ton-\nweisen Bellini's und Donizetti's. Dass aber der in solcher\nArt beschränkte Kunstgeschmack sich nicht für einen spe-\neifisch italiänischen halten darf, ist jedem klar, der\nweiss, dass, während deutsche Musik in Triest so zu sagen\nnur in geschlossener Gesellschaft und von Deutschen ge-\npflegt werden darf, in Mailand, Florenz, Turin, Neapel\nu. s. w. diese Pflege von den Italiänern selbst betrieben\nwird; dass dort überall Quartett-Gesellschaften gegründet\nwerden und die bisher allzu engherzigen musicalischen\nAnschauungen der Itaüäner immer mehr denen der übri-\ngen gebildeten Welt sich anschliessen und von den hiesi-\ngen sich bedeutend unterscheiden. So sagt z. B. die turiner\n, Gazzetta ufficiale del regno \": „\ncondo uno sciagurato nostro vezzo, ci siamo infatuati\ndella nostra eecellenza, talmente ci siamo creduti in\neterno possesso della supremazia,\nimportanza alla grand.ezza della\npressoche ignoti i nomi di Mendelssohn, di Haydn, di We-\nber, di Beethoven, per poco no Fer-\nner die mailänder „Illustrazione generale\": „II\ndi Mozart suscitö un entusiasmo indescrivibile,com-\nmosse fino alle lag rime. Questo pezzo, cosi ricco di\nmelodia e d'espressione fu\nun modo da mettere i brividi\"(dass einem ein Schauer\nüberlief). Wie lange mag es noch dauern, bis ein italie-\nnischer triester Kritiker von einem Mozart'schen Quin-\ntett zu Thränen gerührt wird!\nOft haben wir Veranlassung gehabt, die Monotonie\nunserer öffentlichen Concerte zu beklagen. Herr A. tritt\nauf und singt eine Opern-Arie, Herr B. erscheint und geigt\neine Opern-Arie, Herr C. folgt und (lötet eine Opern-\nArie, Fräulein C. macht den Schluss und spielt eine Opern-\nArie auf dem Piano dies das ständige Programm. Kommt\nein berühmter Virtuose, so wird ihm eingeschärft: „Nur\nOpern-Arien!\" Als Sivori hier concerlirte, wagten wir zu\nbehaupten, Opern-Transscriptionen seien nicht das Höchste\nder Instrumental-Musik; man nahm uns dies sehr übel.\nIn Mailand und Turin aber spielen Sivon und Bazzini das\nMendelssohn sehe Concert, und über die Opern-Transscrip-\ntionen des ersteren urtheilt die „Illustrazione\" fast buch-\nstäblich, wie wir, indem sie sagt: „Le sue fantasie su mo-\ntivi d'opcra, i suoi Carncvali cli Cuba, di Veneria ecc.\n/anno al pubblico una impressione\ndal punto dt vista dell' arte ein un artista\ncome lui non sapreiapprovare. E\ncomposiziune, che none di qu\ngiungere ü Sivori, egli cosl sublime neU inlerpreta-\nzione de lla musica classica. Di questa sua emi-\nnente capacitä diede saggio\nmento della Soeietä del quartetto,\ndelssohn in quella stessa maniera ajjaseinante, ehe ave-\nvamo ammirato alcun tempo\nL'adagio del Quintetto in Si\nun effetlo di vera emozione di lag rime...\nWenn also die Zahl der Unglücklichen, die keinen\nSinn haben für die Melodie eines Schubert'schen Liedes\noder eines Beethoven'schen Adagio, auch in Italien, wo\nman sich am längsten dagegen verschloss, immer geringer\nwird, so ist wohl gegründete Hoffnung vorhanden, dass\nauch in unserer Stadt, wo das italiänische Element mit\ndem deutschen so mannigfach verschwistert ist, die tren-\nnenden Vorurtheile schwinden.\n\ng."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1865-07-22-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1865-07-22_01#c005", "volume": "bmtnabi_1865-07-22_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "231", "page_fin": "232", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650722-01.2.5", "titre_corps": "Curiosa.", "titre_sommaire": "Curiosa.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "231", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650722-01.1.7", "debut_caractere": 4538, "fin_caractere_exclue": 4966, "texte": "Curiosa.\nVon dem um die Geschichte und die Literatur der\nMusik hochverdienten Dr. Johann Nikolaus Forkel\n(1749—1828), Verfasser einer Geschichte der Musik,\neiner Lebensbeschreibung von Joh. Seb. Bach u. s. w.\nu. s. w., ist uns in Original-Handschrift ein Blatt aus des-\nsen täglichen Aufzeichnungen mitgetheilt, auf welchem\nAeusserungen von ihm über Beethoven und Mozart\nstehen, die über die bekannte einseitige Vorliebe des be-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "232", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650722-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1584, "texte": "rühmten Mannes für die Musik voriger Jahrhunderte merk-\nwürdiges Zeugniss geben. Auch gegen Gluck trat er\nscharf auf, und seine Aufsätze über dessen System haben\nnicht bloss historischen Werth, sondern enthalten auch\nfür unsere Zeit noch manches Beachtenswerthe.\nDas Blatt enthält Folgendes:\nBeethoven. Er hat alles, was die Natur geben kann,\nnur nichts gelernt. Bei Beethoven ist es, als wenn man\nvon einer Ruine auf die andere springen müsse, so wild,\nzerrissen und aus einander gesprengt ist Alles. Und was\ndas Schlimmste ist, die Ruinen sind einander so ähnlich,\ndass kein anderer Unterschied unter ihnen ist, als dass die\neine etwas auf einem Hügel, die andere in einem Thale\nliegt. D iese Hügel und Thäler sind zwar von verschiedener\nHöhe und Tiefe: aber die zerrissenen, gemantschtenStim-\nmen in den so genannten Modulationen, die man so gern\nReichthum der Erfindung nennt, sind doch nicht viel an-\nders bei ihm, als Transpositionen eines und eben dessel-\nben Gedankens aus der Tiefe in die Höhe oder aus der\nHöhe in die Tiefe. Auch nicht ein Werk hat er gemacht,\nvon dem man sagen kann, es sei in seinem Zusammenhang\nreines Meisterwerk. Er sucht das Collosalische und macht\ndas Pianoforte zu einem vollständigen Orchester.\nMozart. In der grossen Welt, worin er schon als\nKind herum geführt wurde und desswegen nie zu einem\nruhigen Studium der Kunst auf sich selbst kommen konnte,\nist der Gebrauch der Musik nicht nach der Vollkommen-\nheit der menschlichen Natur, sondern nach ihrer Unvoll-\nkommenheit berechnet; fast eben so, wie die Verfassun-\ngen der Staaten berechnet sind."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1865-07-22-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabi_1865-07-22_01#c006", "volume": "bmtnabi_1865-07-22_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "232", "page_fin": "232", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650722-01.2.6", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "232", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650722-01.1.8", "debut_caractere": 1586, "fin_caractere_exclue": 4522, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nIn Jena kam am 21. Juni in der Universitätskirche Händel's\n„Messias\" zur Aufführung.\n• * •' , •\nElfis, 16. Juli. Gestern ging hier auf dem französischen\nTheater im Cursaale eine neue Operette in zwei Acten: „Cosco-\nletto\", Musik von Jakob Offenbach, die er für Ems geschrie-\nben und deren erste Vorstellung er auch selbst dirigirte, in Scene.\nDer beliebte Componist wurde von dem sehr gewählten Publicum\naus der Aristokratie aller Nationen, welches trotz der heissen Tem-\nperatur den Saal bis in die äussersten Winkel füllte, bei seinem\nErscheinen am Directionspulte mit rauschendem Applaus empfangen\nund im Laufe des Stückes, das mit steigendem Beifalle aufgenommen\nwurde, zwei Mal gerufen. Das Buch von Nuitter und Trefeu behan-\ndelt eine sehr leicht geschürzte Intrigue, in welcher Coscoletto, der\nhübsche, muntere, junge Lazarone von Neapel, wo das Stück spielt,\ndie Hauptrolle hat, die für einen Sopran geschrieben ist und von\nDemoiselle Albrecht allerliebst ausgeführt wurde. Das Haupt-Ver-\ndienst des anspruchslosen Libretto ist, dass es mannigfache Gelegen-\nheit zu hübschen Einzel- und Ensemble-Gesängen gibt, welche Of-\nfenbach trefflich durch seine Melodieen und originellen Rhythmen\nzu verwerthen gewusst hat. Auch an komischen Scenen fehlt es\nnicht, von denen das Finale des zweiten Actes, wo sich Alles durch\neine Schüssel Macaroni vergiftet glaubt, besonders auf die Lach-\nmuskeln wirkt.\nIn einem Berichte aus Frankfurt am Main in den wiener\n„Recensionen\" über die Aufführung von Haydn's „Jahreszeiten\"\nheisst es unter Anderem: „Unsere Städter, die das Landleben und\ndamit das ungetrübte deutsche Wesen nur bei Sonntags-Spazirgän-\ngen sehen, sind freilich noch nicht im Stande, die Jahreszeiten in\nscharfer Charakteristik darzustellen. [Darin liegt viel Wahres, be-\nsonders wenn wir an die Darstellung des Hannchen durch eine\nberühmte englische Sängerin bei dem letzten Musikfeste in Köln\ndenken.] Aber es sind auch hier grosse Fortschritte gemacht: die\nHerbstscenen waren ausserordentlich gelungen, die Solosänger ganz\nvortrefflich. Denner aus Kassel (Lucas) ein poesievoller, verstän-\ndiger Sänger, Fräulein Rothenberger aus Köln eine innige, ge-\nmüthvolle Natur, und Karl Hill sangen einen Wettgesang, dem\nauch die strengste Kritik die Palme nicht versagen konnte.\"\nAnton Rubinstein, welcher sich einige Tage in Leipzig\naufhielt, auch in einer Abend-Unterhaltung des Conservatoriums\ndurch sein Spiel entzückte, ging von dort nach München, um der\ndritten Aufführung von Wagner's „Tristan und Isolde\" beizuwoh-\nnen; er wird dann zunächst seinen Aufenthalt in Baden-Baden neh-\nmen und später, nach seiner dort Statt findenden Vermählung mit\neiner jungen und schönen Russin, Fräulein Wera Tschikona-\nnoff, den Sommer in der Schweiz zubringen.\nWieil. Die erste Novität im Hof-Operntheater wird Hiller's\n„Deserteur\" sein. Man hofft, dass der berühmte Meister sein Werk\npersönlich leiten wird."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "225", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650722-01.1.1", "texte": "Inhalt.\n- * •\nDie Wahrheit über Meyerbeer und die Africanerin. Von Joseph d'Ortigue.\"— Johann Sebastian Bach. Von C. H.\nBitter. 111. Priester Musikleben. Curiosa (Dr. J. N. Forkel's Aeusserungen über Beethoven und Mozart). Tages- und Un-\nterhaltungsblatt (Jena, Händel's „Messias1' Ems, „Coscoletto\" von J. Offenbach Frankfurt am Main, Haydn's „Jahreszeiten\"\nAnton Kubinstein Wien, F. Hiller's „Deserteur\").\n\nDie Wahrheit über Meyerbeer und die Africanerin.\nVon Joseph d’Ortigue\n*)•\nObwohl die „Africanerin\" seit zwei Monaten ans Ta-\ngeslicht getreten, so ist es doch noch nicht hell um sie\ngeworden; es fehlt noch an jener ruhigen, unparteiischen\nBeleuchtung, die es allein möglich macht, ein Kunstwerk\nin seiner wahren Gestalt zu erkennen und seinen Werth\nzu bestimmen. Wir befinden uns noch in der Periode, wo\nman eben so sehr gegen die unüberlegte hier und da\nindess wohl überlegte und berechnete Begeisterung, als\ngegen die leidenschaftliche Herabwürdigung auf der Hut\nsein muss. Trotz beider wird die .„Africanerin\" ihren\nRang durch die öffentliche Stimme unter den Opern des\nMeisters und unter den Kunst-Denkmalen unserer Zeit\neinnehmen, und sowohl der Weihrauch als die Herab-\nsetzung werden dazu beitragen, ihr die richtige Stellung\nanzuweisen. Am Ende wird die „Africanerin\" selbst ihre\neigene Verteidigung und ihre eigene Kritik sein.\nHört man aber die Meisten, welche die Oper gesehen\nhaben, so steht ihre Meinung darüber lest. Wir Franzo-\nsen sind bald fertig mit unserem Verdict über ein Kunst-\nwerk, sei's Roman, Drama, Gemälde, Partitur. Wir wis-\nsen gleich, woran wir sind. Es würde mich selbst gar\nnicht wundern, wenn Viele sich ihr Urtheil schon vor der\nAufführung zurecht gemacht hätten, das entweder lobend\noder mit Vorbehalt, jedenfalls elastisch abgefasst worden\nwäre, um sich den etwaigen Widersprüchen zu fügen.\nFür die Leute von Welt reicht das hin: für sie ist der\nKern der Frage die Anwesenheit bei der ersten Vorstel-\nlung und die Vorbereitung einer Antwort auf die Frage:\n„Was halten Sie davon?\"\nAnders freilich, wer ein wirkliches Urlheil fällen\nsoll. Er weiss, dass man über eine Composition von sol-\nchem Umfange keine entscheidende Stimme abgeben kann,\nbevor man sie oft genug gehört, damit der Verstand, ab-\ngesehen von der Ausführung und der theatralischen Vor-\nstellung, sich rein musicalisch Rechenschaft von dem\nGanzen geben könne, von der Vertheilung in Scenen und\nActe und ihrer Verbindung, von den Recitativen, Arien,\nEnsembles, von den bedeutenderen Modulationen, der wie-\nderholten Anwendung gewisser Motive, von der Behand-\nlung der Singstimmen, von den Klangwirkungen des Or-\nchesters, von der Verschiedenheit der Rhythmen, von der\nWahl der Tonarten, vor Allem von der Natur des Stils,\nvon den Grundbestandteilen dieses Stils und dem Ver-\nfahren des Componisten. Die Kritik soll den Effect nach\ndem Werthe der Mittel, die dazu verwandt sind, würdi-\ngen und in die Betrachtung der Quellen desselben, d. h.\ndes schöpferischen Gedankens, der künstlerischen Begei-\nsterung sich vertiefen. Je mehr Nachdenken und Arbeit,\nGeduld und Beharrlichkeit von Seiten des Autors ein\nWerk offenbart, desto mehr darf er die ähnlichen Eigen-\nschaften bei uns, wenn wir es beurtheilen wollen, ver-\nlangen.\n\n*) Der Aufsatz: nLa V&rit6 sur Meyerbeer b projoos de VAfri-\ncaineu, erschienen im 29. Bande (2. Heft vom 25. Juni) der Zeit-\nschrift „Le Correspondantu ist uns von dem Herrn Verfasser, in\nwelchem wir schon längst einen der gründlichst gebildeten und\nunheilsfähigsten Musiker und musicalischen Schriftsteller Frank-\nreichs schätzen, persönlich mitgetheilt worden, und wir beeilen uns,\nihn unseren Lesern zugänglich zu machen, denn derselbe ist auf\ndem Gebiete der heutigen französischen Kritik geradezu ein Ereig-\nniss. Ein so selbständiges, auf richtigen Grundsätzen über die Erforder-\nnisse des Schönen in der Musik und besonders in der dramatischen\nberuhendes, ohne Rücksicht auf irgend welche Convenienz oder Conni-\nvenz ausgesprochenes Urtheil über Meyerbeer ist in Frankreich noch nie\nvernommen worden. Schon desswegen verdient der vortreffliche Ar-\ntikel auch in Deutschland Beachtung, wenn auch die deutsche Kri-\ntik in der Charakteristik Meyerbeer's längst dieselben Ansichten\ngeltend gemacht hat, welche der französische Kritiker jetzt, mitten\nin der höchsten Flut der pariser Reclame, seinen Landsleuten ins\nGesicht zu sagen den Muth hat. Besonders interessant dürften ausser\ndem allgemeinen Inhalt auch die Belege dazu sein, die der Verfas-\nser in der Africanerin nachweist. Die Redaction."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "226", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650722-01.1.2", "texte": "Wenn die Kritik sich jedem bedeutenden musicali-\nschen Werke gegenüber also verhalten muss, so ist dies\num so nothwendiger bei einem complicirten Genie, wel-\nches die Strahlen der entgegengesetztesten Ideen und Stil-\ngattungen, manchmal selbst die seiner Natur widerstre-\nbendsten Elemente, in sich zu concentriren strebte.\n[Wir übergehen, was der Verfasser über Meyerbeers\nAuftreten in Frankreich, über „Robert\", über die „Hu-\ngenotten\", über den „Propheten\" schreibt. Um „gewisse\nTendenzen, gewisse Meyerbeer zur Gewohnheit gewordene\nManieren, die er niemals ganz abgeschüttelt hat, zu er-\nklären, müsse man\" sagt der Verfasser „auf seine\nWandlungen zurückgehen\", und fährt dann also fort:]\nDer beste Rath, den man Meyerbeer hätte geben\nkönnen, ehe er nach Italien ging, wäre gewesen, das zu\nthun, was Haydn, Mozart und Beethoven und später We-\nber und Mendelssohn gethan haben, nämlich Kammer-\nmusik zu schreiben und die Gelegenheit abzuwarten, um\nfür die Bühne zu arbeiten. Aber ihn verzehrte die Sucht\nnach Erfolgen, Erfolgen um jeden Preis; er dürstete da-\nnach und musste den berauschenden Becher an seine Lip-\npen führen. Er ging also nach Italien mit dem Entschlüsse,\ndie deutsche Weise daran zu geben und den alten gründ-\nlich geschulten Menschen auszuziehen. Kaum hatte er\nRossini's „Tancred\" gehört, so beeilte er sich, das ganze\nZeug von Cabaletten, Pizzicato's, Passagen, Läufern, perio-\ndischen Crescendo's, Vocalisations-Raketen und Rouladen-\nBatterieen sich zu eigen zu machen. Sein Freund Weber\nsah mit Schmerz diese Umwandlung, während Andere das\nTalent priesen, mit welchem er eine so vollständige Um-\ngestaltung durchgesetzt habe. Auch später geschah es noch,\ndass man diese Art seines Talentes bei Weitem über-\nschätzte; denn wenn ein Musiker nur einiger Maassen das\nHandwerk versteht, so ist nichts leichter, als sich die ita-\nliänischen Formen anzueignen. Es kommt dabei nur auf\neine mehr oder weniger glücklich gefundene Melodie an,\ndie sich leicht und ansprechend über ein banales Accom-\npagnement hinleiert; man bringt sie in einen Rahmen von\nGemeinplätzen, nimmt die gewöhnlichen Ausfüllungsfor-\nmeln und lärmende Tutti hinzu, führt sie durch ein ge-\nschicktes Ritornel wieder zurück und setzt ihr die Krone\ndurch den ewigen Schluss felicitä auf. Für alles das steht\neine fertige Schablone zu Diensten, welche von keiner\nlogischen Gedankenfolge, keiner Verflechtung der Motive,\nkeiner Entwicklung der Situation, ja, selbst von keinem\nAusdrucke der Empfindung etwas weiss. In dieser Gattung\nerrang Meyerbeer seine erste Meisterschaft.\nEr eignete sich aber nicht nur das Recept des italiä-\nnischen Maestro, sondern auch seine Schnellfertigkeit an.\nBinnen sieben Jahren gab er sieben Werke und fast alle\nmit Erfolg. So ging es fort von (1818)\nbis zum Crociato in Egitto(lß24).\nDamit schliesst die italienische Periode der Laufbahn\nMeyerbeer's.\nHier muss aber zunächst ein Missverständniss aufge-\nklärt werden, welches in dem oft wiederholten Ausspruche\nbesteht, dass Meyerbeer von diesem Augenblicke an auf\nimmer den italiänischen Formen Lebewohl gesagt und im\n„Robert\" gänzlich mit ihnen gebrochen habe. Die Wahr-\nheit ist nur, dass er keine Oper mehr im ausschliesslich\nitaliänischen Stile geschrieben hat; er wurde wieder deutsch\nin der Anwendung harmonischer Combinationen, im all-\ngemeinen Colorit, in der Instrumentirung, in dem Suchen\nnach malerischen, phantastischen Effecten: aber das ist\nauch Alles. Er wurde nicht wieder deutsch in der Ein-\nheit und Sicherheit des Stils, in dem freien und reinen\nFluss und Guss, ohne welche der Stil keinen festen Halt,\nkein Gepräge hat. Er versuchte, Elemente der deutschen\nSchule mit jenen der italiänischen zu verschmelzen, welche\nihm geeignet schienen, ihm ferner noch den Beifall eines\nPublicums zu verschaffen, dem er geschmeichelt hatte, um\nErfolge bei ihm zu erlangen, die es ihm auch bewilligt\nhatte. Er blieb also Italiäner in klingendem Unsinn,\nhergebrachten Gemeinplätzen, schwülstigen Tiraden und\nbanalen Schlussformeln. Er behielt zum Theil aus Ge-\nwohnheit und Handwerk, theils in wohlüberlegter Absicht\nein italienisches Kauderwälsch bei, eine Art von musicali-\nscher Freimaurersprache, vermittels deren er sicher war,\nBrüder und Freunde unter allen Classen des Publicums\nzu finden. Das muss man nicht aus den Augen verlie-\nren, wenn man sich von dem Stile in der „Africanerin\"\nRechenschaft geben will.\nBl eiben wir bei der „Africanerin\" stehen, so suchen\nwir zunächst vergeblich uns zu erklären, was Meyerbeer\nbewogen haben mag, dieses Libretto vorzugsweise in Mu-\nsik zu setzen. Ein dramatischer Angelpunkt ist nicht darin;\nich glaube daher, dass der Componist durch auffallende\nAeusserlichkeiten sich hat bestechen lassen, als da sind\nzwei braungelbe Malayen, und diese im Contraste mit\neinem Inquisitionsrathe von Bischöfen; dann die geogra-\nphische Lection, die Selika dem Vasco gibt, das Schiff\nder Matrosengesang, der Schiffbruch, die Ersteigung durch\ndie Barbaren, der Oberpriester des Brahma, die Vermäh-\nlung nach indischem Ritus, der Giftbaum! Dergleichen\nAussendinge hatten in Meyerbeer's Augen einen gewissen\nWerth; man denke nur an den Wasserfall und die Ziege\nin der „Wallfahrt nach Ploermel\"!\nDie Haupt-Situation des ersten Actes [wir übergehen\ndie Einzelheiten der Handlung, die unseren Lesern aus\nunseren früheren Berichten bekannt sind] hat Meyerbeer"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "227", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650722-01.1.3", "texte": "nicht verfehlt. Er hat dabei reiche musicalische Hilfsquel-\nlen strömen lassen, Pomp und Grossartigkeit entfaltet, den\nDialog lebhaft und gedrängt gehalten, schöne Contraste\nund jenen Ausdruck von Fanatismus angebracht, den wir\naus den „Hugenotten\" und dem „Propheten44 kennen.\nZu bedauern ist nur, dass die Gedanken nicht immer be-\ndeutend sind, dass das Gewebe ungleich ist und verschie-\ndene Stilarten durch einander mischt. Indess fühlt man\nsich mit fortgerissen, das Interesse steigert sich und die\nMangel der Erfindung verschwinden unter den imponiren-\nden lonmassen und den manchmal freilich übermässigen\nÜ\nKlang-Effecten. Man kann da allerdings mit Vitet sagen:\n„Es geht von der Trompete zur Posaune, von der Posaune\nzum Ophikleide, vom Ophikleide zum Tamtam und zum\nKanonenschusse.\"\nDie Musik des zweiten Actes (die Scenen im Gefäng-\nnisse Vaseo's) enthält sehr beachtenswerthe Sachen neben\nanderen durchaus verwerflichen. Ich gebe zu, dass das\nSchlummerlied denSelika hübsch und anmuthig ist,\nobwohl es mehr den Charakter einer Ballet-Melodie, als\neines Schlummerliedes hat, wenn man mir einräumt, dass\ndie Modulation oft zu gesucht ist, dass der Componist mit\nkindischen Nachahmungen des Vogelgesanges (des Bengali)\nspielt und dass die Cadenz auf der Fermate ordinär und\nviel zu lang ist. Ich gebe zu, dass Nelusko's Arie: „Fille\ncles rois,<4 toil'hommage\", in mit einer schönen\nInstrumental-Einleitung in A,eine edle und musicalische\nEingebung ist, die in gerader Linie von der Schule eines\nflavdn und Mozart herstammt; wenn man mir einräumt,\ndass das Schluss-Thema dieser Arie: „Quand l'amour\nm'entmine\", nicht die geringste Berührung mit Haydn\nund Mozart hat. Ich gebe zu, dass der Anfang des Duetts\nzwischen Selika und Vasco:\nrage\"', glücklich erfunden ist, wenn man mir einräumt,\ndass der folgende e/8-Tact melodisch trivial ist und noch\nmehr trivial wird durch sein Unisono und vollends trivial\ndurch die Vocalisen im Unisono. Das Finale ist schön, ob-\nwohl es etwas schwerfällig und verstrickt einhergeht; man\nbemerkt darin reiche Instrumental-EfFecte, eine schöne\nund rührende Melodie der In&s:\ntoui jamais\", und das Septett, welches mit dem Gesänge\nin H-dur schliesst, welcher als zweites Motiv in der Or-\nchester-Introduction zur Oper benutzt worden ist. Diese\nMelodie schwebt hier über den vollen Accorden der Har-\nfen, dem Tremolo der Violinen in der Höhe und den tie-\nfen Tönen der Clarinetten.\n(Schluss folgt.)\n\nJohann Sebastian Bach.\nVon C. H. Bitter.\nIII.\n(I. s. Nr. 23. 11. Nr. 28.)\nIn Bezug auf die Lebensereignisse und den Entwick-\nlungsgang Bach's bringt die neue Biographie ausser dem\nbei Mizler u. s. w. bereits Gegebenen auch manche nicht\nunwichtige Actenstücke aus Archiven zum ersten Male in\ndie Oeflentlicbkeit. Darunter sind einzelne sehr bezeich-\nnend für Bach's künstlerisches Streben und für seinen\nCharakter.\nSo geht z. B. aus seinem bisher unbekannten Entlas-\nsungsgesuche von der Organistenstelle in Mühlhausen, den\n25. Juni 1708, (1., S. 73) hervor, dass er „so schlecht\nauch seine Lebensart war\", mit der Besoldung*)—er war\nbereits verheirathet nicht auskommen konnte; ferner\naber, dass eine „regulirte, wohl zu fassende Kirchen Mu-\nsik zu Gottes Ehren\" schon damals der Zweck seines\nStrebens war. Nicht erst eine Folge seiner späteren Le-\nbensstellung zu Leipzig war diese in grÖsstem Maasse aus-\ngeführte Organisation des musicalischen Kirchendienstes,\ndie wir dort bewundern. Bach hat vielmehr, wie das Pro-\nmemoria deutlich ergibt, sein ganzes Leben als eine Vor-\nbereitung zu einer solchen Stelle betrachtet. Auch die in\npecuniärer Beziehung bessere Stelle zu Weimar war für\nihn besonders wegen der „ohne Verdriesslichkeit Andrer\nwohl zu fassenden Kirchen Musik\" erwünscht. Es hatte\nsich in Mühlhausen „ohne VViedrigkeit nicht fügen wol-\nlen\", dass er seinem „Endzweck\" in seiner Weise näher\ntrat, und es war auch „zur Zeit die wenigste\ndass sich dies anders fügen möchte\".\nSo sehen wir ihn in sein thätiges, reiches Leben mit\nganz bestimmten Zielpunkten eintreten und diese in be-\nwusstem Willen und in fester Consequenz bis an sein Le-\nbensende verfolgen. Ihm stand hierbei kein Lehrer, kein\nFreund ralhend, helfend, mitwirkend zur Seile. Ihn trieb\ndas äussere Leben nicht vorwärts, wie es Händel seiner\ngrossen Bestimmung entgegen führte. Aus sich selbst\nheraus musste er, wie schwer dies sein mochte, die Be-\ndingungen schaffen, unter denen er seine Aufgabe, wie er\nsie in sich trug, zu erfüllen vermochte.\nCharakteristisch ist ferner unter Anderem ein Brief\nan den Kirchen-Vorstand zu Halle vom 19. März 1714\n(1., S. 91). Bach, seit 1708 in Weimar, hatte den An-\ntrag der Organistenstelle an der Marienkirche in Halle\nvorläufig angenommen, nach Einsicht der ausgefertigten\n\n*) Sie bestand aus 85 Gulden, 3 Maltern Korn, 2 Klaftern Holz\nund 6 Schock Reisig „vor die Thür geführt\"!\nn"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "228", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650722-01.1.4", "texte": "Vocation aber abgelehnt. Auf das hierauf erfolgte Schrei-\nben des Vorstandes, der sich beleidigt fühlte und ihm zu\nverstehen gegeben, dass seine Bewerbung wohl nur Mittel\ngewesen, um vom Herzoge zu Weimar Zulage zu erhal-\nten, erwiederte der gereizte Meister:\n„Hoch Edler u. s. w. Herr! Dass das Hochlöbl. Kir-\nchen -Collegiummeine Abschlagung der (wie Sie\nmeinen) Organisten Stelle befremdet, befremdet mich gar\nnicht, indem ich ersehe, wie es so gar wenig die Sache\nüberleget.\n„Sie meinen, ich hätte um die erwehnte Organisten\nStelle angehalten, da mir doch von nichts weniger als da-\nvon etwas bewusst. Soviel weiss ich wohl, dass ich mich\ngemeldet, und das Hochlöbliche Collegium bei mir ange-\nhalten; denn ich war ja, nachdem ich mich\ngleich Willens wiederum fort zu reisen, wenn des Herrn\nD. HeinecciiBefehl und höfliches anhalten mich nicht ge-\nnöthigt, das bewuste Stücke zu componiren und aufzufüh-\nren (die Cantate: „Ich hatte viel Bekümmerniss\"), Zudem\nist nicht zu praesumiren, dass man an einen Ohrt gehen\nsolte, wo man sich verschlimmert; dieses aber habe in 14\nTagen biss 3 Wochen so accurnicht erfahren können,\nweil ich der gäntzlichen Meinung, man könne seine\nan einem Ohrte, wo man die zur Besoldung\nrechnen muss, nicht in etlichen Jahren, geschweige denn\nin 14 Tagen erfahren; und dieses ist einigermaassen die\nUrsach warum die Bestallung angenommen und auf Be-\ngehren wiederum von mir gegeben. Doch ist aus allen\ndiesen noch lange nicht zu schliessen, als ob ich solche\ntourdem Hochlöbl. Collegiogespielet hätte, um dadurch\nmeinem gnädigsten Herrn zu einer Zulage meiner Besol-\ndung zu vermögen, da derselbe ohnedem schon so viel\nGnade vor meine Dienste und Kunst hat, dass meine Be-\nsoldung zu vergrössern ich nicht erst nach Halle reisen\ndarfF. Bedaure also, dass des Hochlöbl. Collegii so gewisse\npersuasion ziemlich ungewiss abgelaufen, und setze noch\ndieses hinzu, wenn ich auch in Halle ebenso starke Besol-\ndung bekommen als hier in Weimar, wäre ich denn nicht\ngehalten die erstere Dienste denen andern vorzuziehen?\nSie können als ein Rechts-Verständiger am Besten darvon\njudiciren und wenn ich bitten darff, diese meine Recht-\nfertigung dem Hochlöbl. Collegio hinterbringen, ich ver-\nharre davor Ew. Hoch Ed. gehorsamer\nJoh. Seb. Bach.\nConcertmeister und Hofl'org.\nWeimar, 19. März 1714.\nA. Monsieur\nMonsieur A. Becker Licentie en Droit.\nMon tres honore Ami ä Halle*).\nTrotzdem lud derselbe Kirchen-Vorstand den Meister\nim Jahre 1716 zur Revision der neuen Orgel in der Ma-\nrienkirche ein. Bach nahm das ehrenvolle Amt mittels\nhöflichen Schreibens an. Das höchst interessante Orgel-\nRevisions-Protocoll ist S. 99 —lO3 abgedruckt.\nUm Bach's Verdienst um die Organisation der Kir-\nchenmusik in Leipzig gehörig zu würdigen, ist das „Pro-\nject\" von Kuhnau (vom 29. Mai 1720, Th. 1., S. 424\nabgedruckt) über die „Verbesserung der Kirchenmusik in\nLeipzig\" nachzulesen, worin von „Leuten, welche bisher\ndie Music dirigiret und von dem wahren Kirchen\nnicht viel Wissen können\", ferner vom Untreu werden der\n„Thomanerschüler, die es lieber mit der lustigen Music in\nder Opera und in denen CaffeeHäusern, als mit unserm\nChoro halten\", dann von „ungewaschenen Händen, die\nüber die Orgel gerathen\", u. dgl. m. die Rede ist.\nBach übernahm nun die Aufgabe der „Regulirung\"\nder Kirchenmusik in Leipzig mit dem 1. Juni 1723. Da-\ndurch, dass er ausser den Passions- und Festtags-Musiken\ndie Aufführung einer entsprechenden Musik für jeden an-\nderen Sonntag des Kirchenjahres möglich zu machen\nsuchte, entstand die unglaublich grosse Anzahl von seinen\nKi rchen - Can ta ten. Am Schlüsse der „aligemeinen\"\nBemerkungen über diese (vor der Besprechung der einzel-\nnen) drückt sich der Verfasser der neuen Biographie\nalso aus:\n„Bach hat fünf vollständige Jahrgänge solcher Can-\ntaten geschrieben. Es mussten ihrer daher etwa 380 vor-\nhanden gewesen sein. Leider ist eine grosse Zahl dersel-\nben verloren gegangen. Unsererseits haben wir von den\nfür bestimmte Sonn- und Festtage (ausschliesslich des\nWeihnachts-Oratoriums) gesetzten Cantaten 186 nachge-\nwiesen, ausserdem noch 32, welche nicht für besondere\nFesttage oder specielle kirchliche Veranlassungen bestimmt\nwaren. Wenn nun angenommen wird, dass von diesen\nCantaten ohne nähere Bezeichnung einzelne dazu gedient\nhaben mochten, jene fünf Jahrgänge von Kirchen-Musiken\nvervollständigen zu helfen, so würde immer noch der Ver-\nlust von etwa hundert achtzig dieser schönen Werke zu be-\nklagen sein.\n„Bach schrieb diese herrlichen Werke für den Ge-\nbrauch beim Gottesdienste. Der Zuhörerkreis war die Kir-\nchen-Gemeinde. An ihr ging die ungeheure Zahl derselben\nals Mittel der Erbauung, gewiss in ihrer Weise gewürdigt,\naber doch muthmaasslich ohne nachhaltige Aufmerksam-\nkeit zu erregen, vorüber. Weitere Kreise nahmen daran\nschwerlich Antheil. Die Kritik, zu jener Zeit überhaupt\nnoch in bescheidener Stellung, schenkte ihnen keine Auf-\nmerksamkeit. Sie kamen und gingen, wie etwas Notwen-\ndiges kommt und geht.\n\n*) Aus dem Archiv der Marienkirche zu Halle."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "229", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650722-01.1.5", "texte": "Bei dem jetzigen Stande der Kunst, bei der Aufmerk-\nsamkeit, die ihr von allen Seiten her zu Theil wird, so\nwie bei dem gegenwärtigen Gange des öffentlichen Le-\nbens und dessen kritischer Empfindlichkeit würde eine\nsolche Erscheinung kaum mehr möglich sein.\n„Dass der grosse Tonsetzer in der derartigen Uebung\nseiner Kunst von seiner Zeit geleitet worden sei, kann nicht\nzweifelhaft sein. Die orthodox-religiöse Richtung jener\nZeit-Periode, die Breite der kirchlichen Erörterungen, das\nDogmatische ihres Inhalts konnten auf die Arbeiten eines\nMannes nicht ohne Nachwirkung bleiben, der eben im\nSinne der die dortige Gemeinde leitenden Theologen zu\nwirken berufen war. Deyling war ein streng orthodoxer,\neifriger Mann, und die übrigen vier Geistlichen der Kirche\nsind es auch gewesen, wie Bach es war. Dass diese Nach-\nwirkung besonders in den Einzelgesängen bemerkbar wird,\nbei denen schon die damals gebräuchliche Form nicht sel-\nten eine gewisse Trockenheit herbeigeführt hat, ist klar\nersichtlich. Dennoch konnten die Kirchen-Cantaten, weiin\nsie nach ihrem unmittelbaren und ursprünglichen Zwecke\nbeurtheilt werden, nicht wohl anders gestaltet, nicht an-\nders behandelt werden, als dies durch Bach geschehen ist.\nUnd so ist es nicht zweifelhaft, dass sie ihrer Zeit und de-\nren Bedürfnissen in vollem Maasse entsprochen, dass sie\naber zugleich, über diese weit hinausreichend, eine blei-\nbende und grosse Bedeutung für die Kunst gewonnen ha-\nben. Ob sie im dogmatischen Sinne kirchlich oder\nnicht kirchlich gewesen (cf. von Winterfeld, evange-\nlischer Kirchengesang, Thl. 111, S. 410 ff), ob sie anders,\nihre Zeit noch mehr überflügelnd, hätten gesetzt werden\nkönnen, ob in ihnen, wie Zelter merkwürdiger Weise ge-\nsagt hat (Briefwechsel mit Goethe, Bd. IV, Nr. 534 und\n543), „entstanden ist, was nicht besteht\", und ob\nBach in ihnen, wie Zelter gleichfalls behauptet hat, dem\nEinflüsse fremder Kunstrichtungen (Couperin) mehr, als\nzulässig, unterworfen gewesen sei, alles dies sind müssige\nFragen dem gegenüber, was wir besitzen und bewundern.\nKirchlich ist eben ein relativer Begriff, und es kommt\nbei übergrosser Strenge darauf hinaus, dass am Ende nur\nder Choral, und kaum überall noch dieser, kirchlich bleibt.\n„Wenn, wie obenerwähnt, behauptet worden ist, dass\nin Bach's Kirchen-Cantaten eigentliche Kirchenmusik nicht\ngegeben sei, dass sie für die Kirche im streng evangeli-\nschen Sinne nicht passten und in ihr eine bleibende Stelle\nnicht finden könnten; wenn man zur Begründung dieser\nAnsicht angeführt hat, dass die lebendige Wahrheit des\nAusdrucks, der kunstreiche, dem Laien nicht überall leicht\nverständliche Satz, selbst die Schwierigkeit der technischen\nAusführung, welche die Künstler von dem Gottesdienste\nauf die praktischen Forderungen der ausübenden Kunst\nzurückweise, diese Musiken dem Boden der Kirche fremd\nmachten, ja, wenn selbst die Form mancher Theile der-\nselben, im Grunde das nicht ausschliesslich Cho-\nralmässige, strengen Kritikern (wir nennen als solche\neben Zelter und von Winterfeld) Veranlassung gegeben\nhaben, den Kirchen-Cantaten Bach's den Charakter der\nKirchlichkeit zu versagen, so sind dies Ansichten, wel-\nchen wir eine durchgreifende Berechtigung nicht zuerken-\nnen können. Von Winterfeld hat den Kirchen-Musiken\nBach's besonders (Thl. 111, S. 427) die zu künstliche Form\nzum Vorwurf gemacht. Er behauptet ausserdem, dass sie\nein zu treuer Spiegel der Zeit seien, in der sie entstanden.\nAber bestimmt denn die Form das Wesen und den Cha-\nrakter einer Sache? Muss dieser nicht aus dem Inhalt ge-\nschöpft werden? Und liegt nicht, wenn in der That die\nBach'schen Kirchen-Compositionen ihre Stelle bei dem\nGottesdienste nicht mehr sollten finden können, die Schuld\ndafür vorzugsweise an dem veränderten Ritus desselben?\nEinen vorgeschriebenen und ein für alle Mal ausschliess-\nlich gültigen Kirchen-Stil gibt es nicht, und wenn aner-\nkannt werden muss, dass Bach vorzugsweise und überall\nnur seinen eigenen Stil geschrieben hat, so kann dies\neben nur zu der Frage führen, ob dieser Bach'sche\nStil den Bedürfnissen des lutherischen Gottesdienstes sei-\nner Zeit entsprochen habe und noch jetzt in der Kirche\neine fromme und religiös gesammelte Stimmung erwecken\nkönne. Diese Frage muss bejahend beantwortet werden.\nHiermit ist aber die Sache selbst entschieden. Für die\nKirche hat Bach aus vollster Seele und mit dem reichen\nSchatze seines grossen Genius gearbeitet. Nur im Sinne\nder Religion und der evangelischen Kirche sind seine der-\nartigen Werke verständlich. Ihnen ihre Stelle dort versa-\ngen, sie allein in die Akademieen und Gesangvereine ver-\nweisen, heisst ihnen ihren Boden entziehen, ihnen die Le-\nbensluft nehmen.\nDer wunderlichste Einwand, den der sonst so ver-\ndienstvolle von Winterfeld gegen die Kirchlichkeit dieser\nTonwerke erhebt, ist der, dass sich in ihnen eine zu grosse\nHinneigung zu dem Theatralischen bekunde (S. 427).\nBach hat sich gewiss in seinen für den Gebrauch beim\nGottesdienste bestimmten Schöpfungen von dieser Neigung\nnicht beherrschen lassen. Wohl aber mag er sich mit kla-\nrem Verständnisse der Bedürfnisse der Kunst gesagt ha-\nben, dass der Ausdruck der Wahrheit in den Gefühlen\nund Empfindungen ein aus der Seele gegriffener sein müsse,\nund dass er nicht das Recht habe, ihn zu opfern, weil die\nBühne an ihre Kunstschöpfungen ähnliche Anforderungen\nstelle. Nur dann würde jener Einwand eine Berechtigung\nhaben, wenn sich in Bach's derartigen Compositionen pro-\nfane Gedanken, weltlich sinnliche Reizmittel fänden, welche"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "230", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650722-01.1.6", "texte": "dieselben um ihrer inneren Würdelosigkeit willen von der\nKirche ausschliessen müssten. Dass dies irgendwo der Fall\nsei, hat Niemand behauptet und behaupten können. Wenn\nwirklich hier und da die Form der Arien sich den in dem\nOpernstile jener Zeit gebräuchlichen Formen annähert,\nauch einige Chöre weniger polyphon als andere gesetzt\nsind, so kann dies gar nicht in Betracht kommen. Denn\nso wie Bach mit Recht die alten Kirchenweisen in ihrem\ninnersten Werthe und Kern in die damals moderne Musik-\nrichtung aufnahm und dadurch jene wunderbar sinnigen\nKunstgestaltungen geschaffen hat, die jetzt als Meister-\nwerke höchster Bedeutung anerkannt werden, so hatte er\nauch das Recht, die zu seiner Zeit bestehenden Kunstfor-\nmen, so weit sie ihre Berechtigung hatten, mochten sie\nnun von Couperin, von Hasse oder sonst wem herrühren,\nin den Kreis seiner Gebilde zu ziehen und nach seiner\nbesonderen Individualität zu gestalten. Der hatte\nsich „verwunderungswürdig geändert\" und „die\nehemal ige Art der Musik wollte den Ohren nicht\nmehr klingen\"*).\nIn seinen Äirchen-Cantaten treten nun alle jene be-\nsonderen Vorzüge und Eigenschaften, durch welche der\ngrosse Tonsetzer sich von allen anderen Kirchen-Compo-\nnisten so bestimmt unterscheidet, auf das glänzendste her-\nvor. Es ist in den Chören sowohl als in den Arien eine\nIndividualität und Objectivität des Ausdrucks, welche, so-\nbald man sie einmal in sich aufgenommen hat, die Mög-\nlichkeit irgend einer anderen Auffassungs- und Ausdrucks-\nweise geradezu auszuschliessen scheint.\n\nTriester Musikleben.\n\nTrotz der zahlreichen Vergnügungs-Züge, die hier\neintreffen, ist Triest noch immer eine in ihren Eigenthüm-\nlichkeiten wenig gekannte und gewürdigte Stadt. Nicht\neinmal über ihre architektonische Beschaffenheit können\ndie Herren Reisenden vollkommen einig werden; diejeni-\ngen, die, während sie hier verweilten, ihr Weg durch die\nVia Cavana führte, behaupten, Triest sei eine winkelige\nStadt mit engen Gässchen, während diejenigen, die durch\ndie Corsia Stadion spazirt sind, die imposante Breite und\nSchönheit unserer Strassen nicht genug bewundern kön-\nnen. Es ist daher nicht zu verwundern, wenn auch in Be-\nziehung auf unser musicalisches Leben auswärts Ansichten\nverbreitet sind, die auf unvollständiger und einseitiger\nWahrnehmung der Dinge beruhen.\nKürzlich stiessen wir in einer von Selmar Bagge in\nLeipzig herausgegebenen Musik-Zeitung auf eine Notiz,\nworin es unter Anderem hiess: „Von der Thätigkeit des\ntalentvollen Violinisten Julius Heller, der es unternehmen\nwollte, dort ein deutsches Musikleben zu gründen, verlau-\ntet wenig oder gar nichts.\" Diese Notiz beruht auf gänz-\nlicher Unkenntniss der hiesigen Verhältnisse.\nBis in die Mitte des laufenden Jahrhunderts waren\ndie Tanzweisen der wiener Walzerkönige so ziemlich das\nEinzige, was von deutscher Instrumental-Musik in unserer\nguten Hafenstadt öffentlich zu hören war. Im Jahre 185*2\naber fand sich eine Anzahl von grossentheils deutschen\nMusikfreunden und Dilettanten zusammen, die einen Ver-\nein zur Pllege classischer Musik stifteten, den sie mit dem\neinfachen Titel einer „Societä benannten. Vier\nInstrumental-Uebungen sollten monatlich im Schoosse des\nVereins Statt finden. Im Laufe zweier Jahre jedoch sank\ndie Zahl der Mitglieder, die erst von 20 auf 200 gestie-\ngen war, wieder bis auf 80 herab, stieg aber neuerdings\nwieder auf 157. Im Jahre 1857 wurde ein Concurs für\ndie als nothwendig erkannte Capelimeister-Stelle des\nVereins in öffentlichen Blättern ausgeschrieben, und die\nauf diesem Wege für den Verein gewonnene musicalische\nKraft war Herr Julius Heller, ein kenntnissreicher und\nbegabter, aus dem wiener Conservatorium hervorgegan-\ngener junger Künstler. Zunächst im geschlossenen Kreise\ndes Vereins wirkend, vereinigte er mehrere strebsame\nMusiker und brachte in öffentlichen Concerten deutsche\nQuartett-Musik zur Aufführung. Aber noch war die Zer-\nfahrenheit der musicalisch gebildeten und empfänglichen\nKreise zu gross, noch fehlte dem Streben Heller's, der\nseine Aufgabe ernst nahm, ein hinlänglich sicherer Mittel-\npunkt, von welchem aus sich auf weitere Kreise wirken\nliess. Diesen gewährte ihm erst der Schiller-Verein,\nder aus Anlass der Säcularl'eier von Schiller's Geburt im\nJahre 1859 gegründet wurde. In diesen löste die\nmusicale sich auf und überliess jenem ihr Mobiliar, ihre\nMusicalien und ihren Capellmeister, Herrn Julius Heller.\nZum ersten Male wurde nun in Triest eine Beetho-\nven'sche und Mozart'sche Sinfonie gehört, und zwar in\neiner Ausführung, welche die Kenner zufrieden stellte. Mit\ngleichem Ernste und Eifer übernahm Herr Heller etwas\nspäter auch die Leitung der Liedertafel des Vereins,\nund es ist ihm in neuester Zeit gelungen, dem männlichen\nChor auch einen weiblichen zuzugesellen, der bereits er-\nfreuliche Proben seiner Thätigkeit gegeben hat. Allgemein\nanerkannt ist Heller's Tüchtigkeit als Dirigent. Vor-\ntrefflich als Quartettspieler, ist er auch als Solo-Concertist\nauf seinem Instrumente sehr geschätzt und in allen Con-\ncerten eine gesuchte, willkommene Kraft.\n\n*) Cf. Bacli's Schreiben an den Rath zu Leipzig."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "231", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650722-01.1.7", "texte": "Dem unter seiner Leitung gepflegten Musikleben, des-\nsen Bedeutung bei der grossen Zahl der Vereins-Theilneh-\nmer und bei dem Umstände, dass der Verein auch öffent-\nliche Concerte gibt, nicht mehr als eine private bezeichnet\nwerden darf, stellt sich ein anderes Musikleben in bewuss-\ntem scharfen Contraste gegenüber, das sich für ein speci-\nfisch italiänisches hält. Princip desselben ist ausschliessliche\nPflege der Op-ern m usik , nicht bloss im Theater, sondern\nauch im Concertsaale, natürlich bloss der italiänischen,\nmit einzelnen schüchternen Ausnahmen zu Gunsten Meyer-\nbeer s. Man hat den Grund der hiermit zusammenhangen-\nden strengen Ausschliessung der sonst in der ganzen ge-\nbildeten Welt eingebürgerten deutschen Musik und der\neigentlichen Instrumental-Musik in nationalen Antipathieen\nfinden wollen, es ist aber nach unserer Ueberzeugung\nwirklich nur der Mangel an Sinn für jede Art von Mu-\nsik, die nicht in der Form der Opern-Arie auftritt, was\njene Ausschliessung veranlasst, es ist die bei jeder Gele-\ngenheit freimüthig eingestandene Unfähigkeit, bei dem\ngemüthvollsten deutschen Liede, bei dem rührendsten\nBeethoven'schen Adagio etwas zu e m pfi n d en. Auf Natur-\nfehler lässt sich kein moralischer Vorwurf gründen; man\nkann eine solche natürliche Beschränktheit des musicali-\nschen Sinnes nur bedauern, wie man andererseits die\nBeschränktheit der Zeloten an der Spree und an der Do-\nnau zu bedauern hat, die kein Ohr haben für die Ton-\nweisen Bellini's und Donizetti's. Dass aber der in solcher\nArt beschränkte Kunstgeschmack sich nicht für einen spe-\neifisch italiänischen halten darf, ist jedem klar, der\nweiss, dass, während deutsche Musik in Triest so zu sagen\nnur in geschlossener Gesellschaft und von Deutschen ge-\npflegt werden darf, in Mailand, Florenz, Turin, Neapel\nu. s. w. diese Pflege von den Italiänern selbst betrieben\nwird; dass dort überall Quartett-Gesellschaften gegründet\nwerden und die bisher allzu engherzigen musicalischen\nAnschauungen der Itaüäner immer mehr denen der übri-\ngen gebildeten Welt sich anschliessen und von den hiesi-\ngen sich bedeutend unterscheiden. So sagt z. B. die turiner\n, Gazzetta ufficiale del regno \": „\ncondo uno sciagurato nostro vezzo, ci siamo infatuati\ndella nostra eecellenza, talmente ci siamo creduti in\neterno possesso della supremazia,\nimportanza alla grand.ezza della\npressoche ignoti i nomi di Mendelssohn, di Haydn, di We-\nber, di Beethoven, per poco no Fer-\nner die mailänder „Illustrazione generale\": „II\ndi Mozart suscitö un entusiasmo indescrivibile,com-\nmosse fino alle lag rime. Questo pezzo, cosi ricco di\nmelodia e d'espressione fu\nun modo da mettere i brividi\"(dass einem ein Schauer\nüberlief). Wie lange mag es noch dauern, bis ein italie-\nnischer triester Kritiker von einem Mozart'schen Quin-\ntett zu Thränen gerührt wird!\nOft haben wir Veranlassung gehabt, die Monotonie\nunserer öffentlichen Concerte zu beklagen. Herr A. tritt\nauf und singt eine Opern-Arie, Herr B. erscheint und geigt\neine Opern-Arie, Herr C. folgt und (lötet eine Opern-\nArie, Fräulein C. macht den Schluss und spielt eine Opern-\nArie auf dem Piano dies das ständige Programm. Kommt\nein berühmter Virtuose, so wird ihm eingeschärft: „Nur\nOpern-Arien!\" Als Sivori hier concerlirte, wagten wir zu\nbehaupten, Opern-Transscriptionen seien nicht das Höchste\nder Instrumental-Musik; man nahm uns dies sehr übel.\nIn Mailand und Turin aber spielen Sivon und Bazzini das\nMendelssohn sehe Concert, und über die Opern-Transscrip-\ntionen des ersteren urtheilt die „Illustrazione\" fast buch-\nstäblich, wie wir, indem sie sagt: „Le sue fantasie su mo-\ntivi d'opcra, i suoi Carncvali cli Cuba, di Veneria ecc.\n/anno al pubblico una impressione\ndal punto dt vista dell' arte ein un artista\ncome lui non sapreiapprovare. E\ncomposiziune, che none di qu\ngiungere ü Sivori, egli cosl sublime neU inlerpreta-\nzione de lla musica classica. Di questa sua emi-\nnente capacitä diede saggio\nmento della Soeietä del quartetto,\ndelssohn in quella stessa maniera ajjaseinante, ehe ave-\nvamo ammirato alcun tempo\nL'adagio del Quintetto in Si\nun effetlo di vera emozione di lag rime...\nWenn also die Zahl der Unglücklichen, die keinen\nSinn haben für die Melodie eines Schubert'schen Liedes\noder eines Beethoven'schen Adagio, auch in Italien, wo\nman sich am längsten dagegen verschloss, immer geringer\nwird, so ist wohl gegründete Hoffnung vorhanden, dass\nauch in unserer Stadt, wo das italiänische Element mit\ndem deutschen so mannigfach verschwistert ist, die tren-\nnenden Vorurtheile schwinden.\n\ng.\n\nCuriosa.\nVon dem um die Geschichte und die Literatur der\nMusik hochverdienten Dr. Johann Nikolaus Forkel\n(1749—1828), Verfasser einer Geschichte der Musik,\neiner Lebensbeschreibung von Joh. Seb. Bach u. s. w.\nu. s. w., ist uns in Original-Handschrift ein Blatt aus des-\nsen täglichen Aufzeichnungen mitgetheilt, auf welchem\nAeusserungen von ihm über Beethoven und Mozart\nstehen, die über die bekannte einseitige Vorliebe des be-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "232", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650722-01.1.8", "texte": "rühmten Mannes für die Musik voriger Jahrhunderte merk-\nwürdiges Zeugniss geben. Auch gegen Gluck trat er\nscharf auf, und seine Aufsätze über dessen System haben\nnicht bloss historischen Werth, sondern enthalten auch\nfür unsere Zeit noch manches Beachtenswerthe.\nDas Blatt enthält Folgendes:\nBeethoven. Er hat alles, was die Natur geben kann,\nnur nichts gelernt. Bei Beethoven ist es, als wenn man\nvon einer Ruine auf die andere springen müsse, so wild,\nzerrissen und aus einander gesprengt ist Alles. Und was\ndas Schlimmste ist, die Ruinen sind einander so ähnlich,\ndass kein anderer Unterschied unter ihnen ist, als dass die\neine etwas auf einem Hügel, die andere in einem Thale\nliegt. D iese Hügel und Thäler sind zwar von verschiedener\nHöhe und Tiefe: aber die zerrissenen, gemantschtenStim-\nmen in den so genannten Modulationen, die man so gern\nReichthum der Erfindung nennt, sind doch nicht viel an-\nders bei ihm, als Transpositionen eines und eben dessel-\nben Gedankens aus der Tiefe in die Höhe oder aus der\nHöhe in die Tiefe. Auch nicht ein Werk hat er gemacht,\nvon dem man sagen kann, es sei in seinem Zusammenhang\nreines Meisterwerk. Er sucht das Collosalische und macht\ndas Pianoforte zu einem vollständigen Orchester.\nMozart. In der grossen Welt, worin er schon als\nKind herum geführt wurde und desswegen nie zu einem\nruhigen Studium der Kunst auf sich selbst kommen konnte,\nist der Gebrauch der Musik nicht nach der Vollkommen-\nheit der menschlichen Natur, sondern nach ihrer Unvoll-\nkommenheit berechnet; fast eben so, wie die Verfassun-\ngen der Staaten berechnet sind.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nIn Jena kam am 21. Juni in der Universitätskirche Händel's\n„Messias\" zur Aufführung.\n• * •' , •\nElfis, 16. Juli. Gestern ging hier auf dem französischen\nTheater im Cursaale eine neue Operette in zwei Acten: „Cosco-\nletto\", Musik von Jakob Offenbach, die er für Ems geschrie-\nben und deren erste Vorstellung er auch selbst dirigirte, in Scene.\nDer beliebte Componist wurde von dem sehr gewählten Publicum\naus der Aristokratie aller Nationen, welches trotz der heissen Tem-\nperatur den Saal bis in die äussersten Winkel füllte, bei seinem\nErscheinen am Directionspulte mit rauschendem Applaus empfangen\nund im Laufe des Stückes, das mit steigendem Beifalle aufgenommen\nwurde, zwei Mal gerufen. Das Buch von Nuitter und Trefeu behan-\ndelt eine sehr leicht geschürzte Intrigue, in welcher Coscoletto, der\nhübsche, muntere, junge Lazarone von Neapel, wo das Stück spielt,\ndie Hauptrolle hat, die für einen Sopran geschrieben ist und von\nDemoiselle Albrecht allerliebst ausgeführt wurde. Das Haupt-Ver-\ndienst des anspruchslosen Libretto ist, dass es mannigfache Gelegen-\nheit zu hübschen Einzel- und Ensemble-Gesängen gibt, welche Of-\nfenbach trefflich durch seine Melodieen und originellen Rhythmen\nzu verwerthen gewusst hat. Auch an komischen Scenen fehlt es\nnicht, von denen das Finale des zweiten Actes, wo sich Alles durch\neine Schüssel Macaroni vergiftet glaubt, besonders auf die Lach-\nmuskeln wirkt.\nIn einem Berichte aus Frankfurt am Main in den wiener\n„Recensionen\" über die Aufführung von Haydn's „Jahreszeiten\"\nheisst es unter Anderem: „Unsere Städter, die das Landleben und\ndamit das ungetrübte deutsche Wesen nur bei Sonntags-Spazirgän-\ngen sehen, sind freilich noch nicht im Stande, die Jahreszeiten in\nscharfer Charakteristik darzustellen. [Darin liegt viel Wahres, be-\nsonders wenn wir an die Darstellung des Hannchen durch eine\nberühmte englische Sängerin bei dem letzten Musikfeste in Köln\ndenken.] Aber es sind auch hier grosse Fortschritte gemacht: die\nHerbstscenen waren ausserordentlich gelungen, die Solosänger ganz\nvortrefflich. Denner aus Kassel (Lucas) ein poesievoller, verstän-\ndiger Sänger, Fräulein Rothenberger aus Köln eine innige, ge-\nmüthvolle Natur, und Karl Hill sangen einen Wettgesang, dem\nauch die strengste Kritik die Palme nicht versagen konnte.\"\nAnton Rubinstein, welcher sich einige Tage in Leipzig\naufhielt, auch in einer Abend-Unterhaltung des Conservatoriums\ndurch sein Spiel entzückte, ging von dort nach München, um der\ndritten Aufführung von Wagner's „Tristan und Isolde\" beizuwoh-\nnen; er wird dann zunächst seinen Aufenthalt in Baden-Baden neh-\nmen und später, nach seiner dort Statt findenden Vermählung mit\neiner jungen und schönen Russin, Fräulein Wera Tschikona-\nnoff, den Sommer in der Schweiz zubringen.\nWieil. Die erste Novität im Hof-Operntheater wird Hiller's\n„Deserteur\" sein. Man hofft, dass der berühmte Meister sein Werk\npersönlich leiten wird."}]}