{"numero_id": "bm-bmtnabi-1865-09-16-01", "volume": "bmtnabi_1865-09-16_01", "ocr_sha256": "c7ffaf87dde01c1fa56fc4d8db69cec955881e393e4791a7253a54d11d5c11df", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1865/09/16_01/bmtnabi_1865-09-16_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650916-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1865-09-16-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1865-09-16_01#c001", "volume": "bmtnabi_1865-09-16_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "289", "page_fin": "289", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650916-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "289", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650916-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 432, "texte": "Inhalt.\nEobert Schumann (August Eeissmann: Robert Schumann, sein Leben und seine Werke\"). Von E. Krüger. Nachricht\nTOn einem in Thüringen gefeierten seltenen Musikfeste. Tages- und Unterhaltungsblatt (Berlin, Rossini's „Teil\" Hannover,\nitaliänische Oper Auszeichnungen Meiningen, Hof-Capellmeister Jean Bott Stuttgart, Orchesterschule Wien, Operntheater\nFerdinand Laub Herr Ullman Erasmus Laub j Gent, Einweihung einer neuen Orgel)."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1865-09-16-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1865-09-16_01#c002", "volume": "bmtnabi_1865-09-16_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "289", "page_fin": "293", "image_debut": 1, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650916-01.2.2", "titre_corps": "Robert Schumann.", "titre_sommaire": "Robert Schumann.", "signature_source": "E. Krüger", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "289", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650916-01.1.1", "debut_caractere": 434, "fin_caractere_exclue": 4156, "texte": "Robert Schumann.\n\nReissmann's Buch über Schumann*) zeigt eigene\nForschung, Selbsterlebtes und Kenntniss des Handwerks.\nGegen seine früheren, mit gemischter, doch meist abweh-\nrender Empfindung aufgenommenen Arbeiten Allge-\nmeine Musiklehre, Geschichte des deutschen Liedes u. s. w.\nzeigt die heute vorliegende einen Fortschritt zur Klar-\nheit, wobei jedoch die eingefleischte speculative Denkungs-\nart, welche aus allgemeinen Zeit-Ideen die Person des\nKünstlers, und aus dieser wieder dessen Werke und Ein-\nfluss „mit Notwendigkeit\" darzulegen liebt, den Leser\nzur Vorsicht auffordert. Weil aber die Thatsachen treu,\ndie Urtheile sachkundig ausgesprochen sind, so darf man\ndem Verfasser getrost folgen, selbst in die trüben Regio-\nnen, wo der Streit beginnt zwischen der Einheit und Viel-\nheit der Ideen.\nDer Inhalt ist in acht Capitel getheilt: 1) Kindheit\nund Jugend bis Heidelberg; 2) Entscheidung zum Künst-\nlerberufe; 3) Op. 1—23, so genannte oppositionelle Com-\npositionen; 4) bräutliche Zeit, Lieder; 5) kritische Thätig-\nkeit; 6) Werke der Reife; 7) Zersplitterung, tragisches\nEnde; 8) Ergebniss, kunstgeschichtliche Bedeutung.\nAnhang: Schumann's Werke chronologisch geordnet.\nDie Lebensgeschichte Schumann's hat Wasielewski\nanspruchslos thatsächlich erzählt: Reissmann legt sie zu\nGrunde und gibt sie wieder mit wenig neuen Thatsachen,\ndesto mehr mit geistreichen Anmerkungen. Wras den Jüng-\nling charakterisirte und den Mann auf dem Gipfel des Le-\nbens nicht verliess: seine widerspänstige Unerziehbarkeit,\neigenwilliges Selbstlernen und Selbstmachen das wird\nhier ungeschminkt und unbeschönigt wiedererzählt. Dass\nein jüngstes Kind, wie Schumann war, verzogen und ver-\nzärtelt wird, dass es eine „Eigenart der Individualität, die\nnicht eigentlich erzogen werden konnte\" (S. 13), zur Mit-\ngift ins Leben erhält, ist weder ungewöhnlich, noch wun-\nderbar. Auch Rousseau rühmte sich dessen und meinte\nein allereinzigstes Individuum ohne Gleichen zu sein, wäh-\nrend freilich ein Grösserer, der eingeborene Dichter un-\nseres Weltalters, in tiefer Demuth die Stimme von oben\nvernahm: Wie viel bist du von Anderen unterschieden?\nErkenne dich, leb' mit der Welt in Frieden!— Bei Schu-\nmann werden wir sehen, wie viel diese Einzigkeit der\nEigenart sowohl dem individuellen als künstlerischen Le-\nben geben und nehmen sollte.\nDer Vater, ein Mann von rühriger Thatkraft und be-\nweglichem Herzen, Anfangs des Sohnes Kunstliebe för-\ndernd, dann der ängstlichen Mutter eine solidere Berufs«-\nwähl zugestehend, starb früh. Dem Jünglinge fehlte die\nstarke Faust Eines, der über ihn war. Wie nützlich aber\ndiese eben den auserwählten Genies ist, um den brausen-\nden Gang des Feuerrosses zu rechter Stunde zu zügeln,\nwissen wir aus der Jugend Goethe's, Mozart's und Bach's.\nDer Widerwille, den alle Jugend gegen systematische\nZucht hat, hindert nicht, dass echte Genialität eben dieses\nSystematische rasch ergreift, um sich das eigentliche\nHandwerk anzueignen, auf dessen goldenem Boden allein\ndie künstlerische Freiheit gedeiht. Wir dürfen daher\nSchumann's langes formloses Tasten freilich mit eigenwil-\nligen Gelüsten entschuldigen, aber der Kunst halber nur\nbedauern, ohne (Jesshalb vom Einflüsse der Erziehung Al-\nles zu erwarten, als könne diese ein Individuum von Grund\naus umgestalten.\nDie Grundsätze, die unser Biograph bezüglich solcher\nFragen verficht, rühren an den Kern des Kunstlebens, da-\nher wir bei ihnen verweilen, um seinen Schumann und\ndessen welthistorische Sendung zu verstehen. Reissmann\nnimmt zweierlei Kunstrichtungen an als gegenteilige, aber\ngleichberechtigte Ströme des Kunsttriebes: Darlegen\n\n*) August Eeissmann: Eobert Schumann, sein Leben und seine\nWerke. Berlin, Guttenberg, 1865. VII und 240 S. 8."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "290", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650916-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5541, "texte": "und Gestalten. Das Erste ist ihm die Aussprache*) des\nVorhandenen, die ethischen Ergebnisse eines Weltzustan-\ndes fixirend, dergleichen in allem möglichen Kunstwerke,\nsei es krank oder gesund, rationalistisch oder rhythmisch\nformirt, zu Tage kommen; die andere Art heisst ihm die\ngestaltende, darstellende, ewige Bilder der Schönheit wir-\nkende, was nach neudeutscher Redeweise das Monumen-\ntale genannt wird (S. 9, 205, 210. Vgl. auch Beiss-\nmann, Allgem. Musiklehre, 279).—Aufrichtig angesehen,\nist diese Gleichrechtigkeit unberechtigt. Die erste Art, die\npathologische, hat ihre richtige Stelle nicht im Gebiete\nder Kunst, sondern in dem der Lehre, Kritik und Cultur-\ngeschichte; die von R. Wagner spöttisch so genannte mo-\nnumentale ist die allein berechtigte ästhetische, und\nwird es bleiben, so lange die Worte im üblichen Sinne\ngelten, dass die schöne Kunst schön sei, und als solche\nsich selbst bezeuge, die Seele unmittelbar ergreife, nicht\nerst durch ausserhalb liegende Voraussetzun-\ngen verständlich werde.\nIndem nun unser Verfasser letztere Species Kunst-\nwerke selbst verwirft (S. 207), widerspricht er dem selbst-\ngewählten Principe des Individualismus und Subjectivis-\nmus, in welchem Schumann's Grösse ruhen soll (21, 230,\n269); denn auch Reissmann's Restrictionen laufen darauf\nhinaus, hier einen Mangel anzuerkennen. Ganz richtig:\njedes weltbewegende Kunstwerk ist nur als monumentales\nObject zu denken, über welchem die pathologische Ab-\nsonderlichkeit des persönlichen Zeugungsactes vergessen\nwird; merkwürdig ist nur, dass eine gewisse Secte von\nSchülern der ewigen Weisheit bei unverhohlener Angst vor\nallem Persönlichen in den obersten Begionen desto zärt-\nlicher hegt und anbetet, was hier drunten die kleinen\nPersönlichkeiten Gutes und Böses thun denn „der Pro-\nfessor ist eine Person, Gott ist keine\", Goethe 47, 248.\nMit diesem scharfen Schusse treffen wir nicht den Ver-\nfasser selbst, aber sein Princip, dessen Gefahren wir be-\nkämpfen, ohne zu übersehen, wo er zum Glücke diesem\nPrincipe untreu wird, indem er z. B. zugesteht, wie wenig\nMonumentales Schumann geleistet (206), wie ihm das\nVocale, das Geistliche, das Dramatische nie vollkommen\ngelungen sei (96, 177, 211), ja, dass er auch wohl seine\nKraft überschätzt habe, da es ihm schwer ward, „sich in\nchristliche Anschauungsweise hinein zu leben\" (193), und\ner dessen ungeachtet mehrere Messen schrieb. Wir ineinen\nkeineswegs mit den unbedingten Gegnern der modernsten\nRichtungen, dass alles Subjective und Individuelle an sich\nkrankhaft, oder dass nur das Derbe gesund sei (231);\nvielmehr sind alle tüchtigen Poeten und Künstler von je\nher sehr subjective Individuen gewesen, aber sie haben\nnicht den Schmerz selbst schmerzend, die Verzweiflung\nselbst verzweifelnd in Bilder gefasst, wie denn auch Heiss-\nverliebte nicht gut Liebesrollen spielen: sondern sie haben\naus der Flut der Leidenschaft Perlen aufbewahrt und\nihre Schmerzen nach dem Schmerze erklärt; es sind die\nnaiüvLOL o idlvsg,überwundene und heilbringende\nSchmerzen eines gesund empfindenden Herzens, die der\nrechte Philosoph so gut wie der rechte Dichter erlebt ha-\nben muss.\n- •' * I * # . # •\nWeiter bemerkt der Verfasser, dass die nur äusser-\nlich aus vorhandenen Kunstwerken abstrahirten Theorieen\ndem Genius Fesseln anlegen, und dass solchen Theorieen\neben Schumann tiefe Wunden geschlagen habe; „die\nTheorie der Zukunft\" müsse nun dahin trachten, die ewi-\ngen Gesetze, die in allen Jahrhunderten walten, zu abstra-\nhiren, um „den Organismus des Kunstwerkes\" klar dar-\nzulegen (222—224). Schöne Worte! wenn man nur das\nWie absähe. Es wird wohl immer dabei bleiben, dass die\nTheorie ans Vorhandene anlehnt, die Philosophie die ewi-\ngen Ideen darstellt und das Genie uniehrbar ist. Wenn\nnun Vieles von dem, was Reissmann allgemeinen Inhalts\naus speculativen Ergebnissen einflicht, bei Schumann in\naphoristischer Form jeanpaulisirend vorgebildet ist, so ge-\nwahren wir darin die ganz moderne Erscheinung reflecti-\nrender Künstlerschaft, die nicht uns allein bedrohlich\nscheint. Zuweilen scheint es doch, dass die einsame Grü-\nbelei, die vordringende Reflexion, die kritische Thätigkeit\nSchumann mehr auf Abwege geführt hat, als Reissmann\nzugestehen mag (S. 101 —ll6, 169); freuen wir uns\ndaher des Kernsatzes, der Schumann's willentliche Schei-\ndung von den Zukunfts-Musicanten bestimmt ausspricht:\n„Die Hauptsache bleibt, ob die Musik ohne Text und Er-\nläuterung an sich etwas ist, ob ihr Geist innewohnt!\" da-\nmit wird vergütet, was Schumann selbst träumend hin-\nwarf von „Zukunftsmusik\" (104), ohne Ahnung darüber,\nwelches Feuer dieses Wort dereinst entzünden sollte.\nLesenswerth sind die Erörterungen, in denen Reiss-\nmann nachweist, woran es Schumann gefehlt, und wie er\nseiner Mängel durch ernstes Arbeiten Herr geworden.\nWie ihm erst später „die Idee der Form\" aufgegangen,\nsucht Reissmann unter Anderem daran nachzuweisen, dass\nseinen Jugendwerken oft die Einheit gefehlt, und die rich-\ntige Contrastirung von Haupt- und Nebensatz, Vorder-\n\nj:) Sprache geradehin zu sagen, wie unser Verfasser thut, S.\n10, führt leicht zu dem Missverstande, an dem die Zukünftler ver-\nbluten. Ist damit ganz allgemein Ausdruck des Innern gemeint,\ngleichwie man sagt Geberden-, Zeichen-, Finger-Sprache u. s. w.,\nso mag es hingehen; bedeutet es aber „vollkommene (logische) Ver-\nständlichkeit'4, wie man nach S. 10, 4 vermuthen muss, so hat sol-\nchen Inhalt keine Sprache ausser der Wortsprache. Richtig ant-\nwortet Maler Runge den Ideenfragern: „Wenn ich's sagen könnte,\nhätte ich's nicht gemalt.u"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "291", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650916-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5585, "texte": "und Nachsatz erst nach bitteren Erfahrungen gelungen\nsei (57, 71, 118, 188). Wenn übrigens Schumann ein-\nzelne Namen-Kategorieen wunderlich gebraucht, z. B.\nTanzform (63), so ist das eben so unerheblich, wie die\nFrage, wer den richtigen Balladen- und Romanzen-Stil\nerfunden (97). D iese Art Formfragen, bei denen Reiss-\nmann mit Vorliebe sowohl hier als in seinen früheren Wer-\nken verweilt, erreichen nicht, was sie wollen, und helfen\nder psychologisch ästhetischen „Theorie der Zukunft\" gar\nwenig.— Mit Recht wird hervorgehoben, dass Schumann,\nabweichend von den meisten, auch grössten Künstlern, in\nseinen Jugendwerken kaum einiges Anlehnen an Vorhan-\ndenes verrathe; das stimmt wohl zu der Anfangs beschrie-\nbenen Constitution und erklärt einiger Maassen sein nicht\nvorübergehendes, sondern bleibendes Ringen mit der Form,\nweil er eben in der Jugend zu wenig gelernt. Was ist\nWachsen und Lernen anders, als Empfängniss und Fort-\ngenuss aus dem Erbe der Väter? Dieser naturgemässe\nGang ist bisher der Gang der besten Kunstgenies gewe-\nsen; erst nachdem die kindliche Jüngerschaft vollendet,\ntritt die selbstschöpferische Kraft ein mit der Jugendreife,\num im Mannesalter ewige Werke zu gestalten. Damit wird\nHegel's Unglimpf wider die Frühreife musicalischer Genies,\nals wäre nun alle Musik geistlose Naturgabe (Aesthet. 3,\n214), zurückgewiesen; selbst Mozart hat vor Eintritt der\nJünglingsreife kein selbständiges Kunstwerk, sondern nur\nNachbildliches geleistet. —Wenn aber Reissmann der zu-\nkünftigen Formenlehre ein so entscheidendes Gewicht\nbeilegt, so wäre schon hier erwünscht, darauf etwas ernst-\nlicher einzugehen, al§ an der Hauptstelle S. 224 geschieht,\nwo uns Prädicate und Vergleiche, nicht Begriffe geboten\nwerden; auch seine „Allgemeine Musiklehre\" gibt nur\nnegative Definitionen und geht dann sogleich in historische\nSpecial-Kategorieen der Form ein. Schiller's Ideal und Le-\nben, in Prosa umgesetzt, würde hier vielleicht zum Ziele\nführen: aber wo ist der glückliche Finder des „rechten\nWortes\", das, hier anknüpfend, die logischen Lücken des\nVischer'schen Systems füllte?\nStatt der postulirten Formenlehre bietet uns der Ver-\nfasser eine Reihe Einzel-Urtheile, die meist treffend und\nannehmbar sind, wenn auch Dunkeles und Weitschweifi-\nges mit unterläuft. Hervorgehoben wird Schumann's Nei-\ngung zu neuen Klang-Effecten; die dazu erfundene\nAuflösung der Accorde ist das Absonderliche, wo-\ndurch Schumann's Technik über die Vorfahren hinausgeht\nund den Jüngeren willkommenes, doch gefährliches Muster\nder Nachahmung wird. Unter solcher Auflösung versteht\nReissmann, der den Terminus aufgebracht, die arpeggirte\nund figurirte Zerbrechung der harmonischen Massen, oft\nmit harmoniefreien Tönen durchbrochen (47, 89), welche\nSchumann in seinem heimatlichen Gebiete, der Clavier-\nComposition, gleichsam an Stelle der älteren contrapunkti-\nschen Polyphonie (46) einführte. Hinzu kommt noch der\nmoderne Gebrauch des Pedals, den ebenfalls Schumann's\nfrühe und späte Compositionen so sehr erheischen, dass\ner einmal in einer gewissen Laune geradeswegs erklärte:\nwir setzen den durchgehenden Gebrauch des Pedals (der\ngehobenen Dämpfung) voraus, und werden nur andeuten,\nwo es ausnahmsweise nicht geschehen soll. Strenge Rich-\nter haben ihm das zum Vorwurfe gemacht und die mo-\nderne Pedalisirung im Allgemeinen verworfen; mit Un-\nrecht: denn das Pedal, die Specialität des Ciavierspiels,\ngewährt ein ätherisches Schweben und Klingen, wie in\nSchallgewöiben aus wiederhallender Luft, wodurch der\nstarre, brüchige Metallklang nicht nur gesänftigt, sondern\nan Tonfarbe gar über die belebteren Geigen- und Bläser-\nklänge emporgehoben wird: ein Vorzug der modernen\nTechnik, der durch unkünstlerischen Missbrauch nimmer-\nmehr zerstört werden kann*). Jene figurirte Auflösung\nindess, sammt den harmoniefreien richtiger harmonie-\nfremden Tönen sind nicht Schumann's Erfindung, son-\ndern in Seb. Bach's Präludien und Orgel-Phantasieen be-\nreits ausgebildet vorhanden; neu ist nur, dass durch den\nPedalgebrauch, zumal bei überoctavigen Griffen, die über-\nthürmten Tonmassen in ein neues Licht gestellt und ge-\nwisser Maassen verständlicher werden. Dass Schumann\nvom Ciavierspiel den Ausgang nahm,» fühlt sich hindurch\nbei allen späteren sowohl orchestralen als vocalen Com-\npositionen.\nIn der Specialkritik der Hauptwerke finden wir Reiss-\nmann's Ansichten technisch begründet und grossentheils\nannehmbar. Sehr zu loben ist, dass reichliche Noten-Bei-\nspiele gegeben und diese durch specielle Exegese erläutert\nsind; der Mangel an solchen Exempeln ist ein Uebelstand,\nder in manchen, sonst schätzbaren Werken das Verständ-\nnis erschwert. Unzweifelhaft ist die Peri (1843) der\nGipfelpunkt des für Schumann Erreichbaren. Ihr zunächst\nwürden wir die (Sinf. 11, Op. 61, 1846)\nund Manfred stellen, unter den kleineren Arbeiten aber\ndie jugendlichen Phantasiestücke und Davidsbündler-Tänze\n\n*) Daher auch die pedantische Regel zu verwerfen ist, als dürfe\ndas Pedal nur bei gebrochenen Accorden, niemals bei scalenhaf-\nten Melismen gebraucht werden. Arpeggien und Accordbriiche ohne\nPedal sind oft richtiger und wirksamer, als pedalisirte, z. B. Beeth,\nOp. 13, Son. Adagio, Tact 50—52; dagegen sind peda-\nlisirte Scalen ein ätherisches Schwirren und Sausen, wie die\nOrgelscala in leerem, widerhallenden Kirchengewölbe oft nicht\nnur verständlich, sondern ausdrucksvoll, und nicht erst durch Schu-\nmann und Chopin zuweilen ausdrücklich vorgeschrieben, sondern\nauch durch Beethoven's genialen Spielvortrag bekräftigt. Auch\nder Triller wird durch Pedalisirung über den starren Metallklang\nerhöht.\nn"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "292", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650916-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5468, "texte": "(1837) nicht so gnädig concessiv ansehen, vielmehr unter\ndie glücklichsten und bedeutsamsten Aeusserungen des\nSchumann'schen Genius zählen; ausser ihnen aber einige\nfast verschollene, z. B. Hauptmanns Weib (N. Z. f. M.,\nZulage, 1840, Heft 9), Maria Stuart's Lieder (Op. 134,\nwelches Reissmann S. 192 gleichgültig ansieht); endlich\nwürden wir auch Eichendorff's Waldgespräch (? Op. 39 ?\nR. 88, 235) wegen der phantastischen und doch\nmenschlichen Schönheit der Melodie herausheben.\nEs wäre hier wohl an der Stelle, die Begriffe Classisch\nund Romantisch nebst ihren Abzweigungen, welche die\nmusicalische Aesthetik aufs Neue beunruhigen, entweder\nschärfer zu begränzen, als R. Allg. M. L. 111. Cap. 3, ge-\nthan, oder falls sie der musicalischen Erkenntniss wenig\nFörderniss bringen, ganz fallen .zu lassen. Was E. T. A.\nHoffmann unter Romantik im Tongebiete verstand,\nschliesst sich eng an die Denkweise der romantischen\nDichterschule und bezieht sich zunächst auf Beethoven.\nSpätere Aesthetiker haben über den historisch gegebenen\nBegriff hinaus allerlei Wunderliches hinein geheimnisst,\nbis sie sein überdrüssig waren, über dem allem aber miss-\nachteten, was die reine Menschlichkeit, der Humanismus\nder Mozart'schen Periode ans Licht gebracht, jene unver-\ngänglichen Bilder tiefer Liebe und wahrer Schönheit. Um\nnun über der heiligen Liebesschönheit ein neues, noch\nnicht da gewesenes Zeit-Ideal empor zu thürmen, erfand\nman nebst Titanismus und Dämonismus die tendentiösen\nUngeheuer, um welche jetzt der Streit schwebt. Hier han-\ndelt es sich aber um ethisch poetische Principien, deren\nUebertragung in die Ton weit doch nicht so leicht ist, wie\nzuweilen angenommen wird; und dennoch ist man mit\ntendentiösen Anwendungen leicht fertig, um danach den\nkünstlerischen oder zeitlichen Werth abzumessen.\nMit Recht hebt Reissmann als Schumann's Eigengabe\nhervor: die phantastisch zauberische Art, das, was bestrickt\nund berückt (S. 57 und öfter), und dieses ist denn wohl\neminent romantisch zu nennen. Allerdings ist diese Gabe\nihm und Chopin unter allen Neueren vorzüglich gegeben,\ndoch bleibt die Frage, ob das ihr substantielles Centrum\noder nur sporadische Blitze ihres Genius sind: eine tie-\nfere Untersuchung würde bald darthun, ob diese ganze\nRichtung eine centrale oder peripherische ist. Chopin's\nheimatloses Sehnen thut sich in allen seinen Werken kund,\nmehr düster als heroisch, während er sonst an genialer\nSelbständigkeit allen Zeitgenossen voransteht; Schumann\nhat das ruhelose, selbstquälerische Schweifen, die hypo-\nchondrische Wühlerei in Töne gebracht: beides ist natur-\ngemäss eher den Instrumenten als den Menschenstimmen\nanzuvertrauen. Wie anders jedoch diese Ruhelosigkeit ge-\ngen die unerschöpflich strömenden Tonquellen in S. Bach's\nhöheren Instrumentalien: auch sie scheinbar rastlos, ohne\nAnhalt zum Besinnen, und doch abschliessend und erfül-\nlend; sollte hier der Gegensatz Classisch-Romantisch fühl-\nbar sein?— Reissmann unterlässt es, hier das letzte Wort\nzu sprechen, zielt aber darauf hin, Schumann eine welt-\nhistorische Stellung mit Nothwendigkeit anzuweisen (34,\n228, 232).\nDie moderne Lehre von Missionen, Nothwendigkeiten\nund dergleichen, obwohl fast schon überwundener Stand-\npunkt, wird doch nicht aufhören, gläubige Scharen gefan-\ngen zu führen, so lange es sehnende, irrende Jugend gibt;\nfreilich gehört Glaube dazu, stärker, als man an an-\nderen Gläubigen verspottet, um sich in gewisse Stand-\npunkte einzuwohnen und aufs Haar zu wissen, welche\nStelle dem Individuum im Weltenplane gebühre, daher\nsogleich zu erkennen, ob das Neue neu ist, oder alte Fetzen,\nmit neuem Flitter vergoldet. Die eigentliche Kunstfrage\nwird sich am letzten Ende, sei es auch erst im Zeugnisse\nder zu früh beschworenen Zukunft, doch durchsetzen: ob\ndas Kunstwerk, wie es von Anfang war, Abbild vergan-\ngener und Vorbild künftiger Herrlichkeit sei, ein Welt-\nspiegel, um das niedere Leben zu erhöhen und zu beseli-\ngen, oder ob es Vergängliches darstelle von unten her und\nden Fanatismus der Hässlichkeit nicht scheuen dürfe, gleich\nden mongolischen Götzenbildern. Ueber Wahrheit und\nNothwendigkeit des Schönen hat Schelling's Einleitung\nzur Aesthetik längst das Gültige gesagt, und kürzlich erst\nA. Reichensperger in der köstlichen Schrift: „Die Kunst\nJedermann's Sache\" (Frankfurt, 1865), ausgesprochen,\nwas dem Kunstleben Gesundheit und Freiheit gewähre.\nWir getrauen uns nicht, über die nachbeethove'n'schen\nTonkünstler das letzte Wort der Nothwendigkeit bereits\ngefunden zu haben, glauben aber den drei vorzüglichsten,\nwo nicht centrale und ewige Bedeutung, doch die richtige\nStellung zuzuschreiben, wenn wir Chopin's phantastische\nUrsprünglichkeit, Schubert's weltförmige Gestaltung\nvocaler Schönheit, Schumann's instrumental schwär-\nmende Versunkenheit mit ethischer Färbung für die we-\nsentlichsten Aeusserungen des Zeitgeistes erkennen. Im\nGrunde stimmt Reissmann mit unserer Auffassung zusam-\nmen.— Das Biographische anlangend, hätte er wohl auf das\nwundersame Ehebündniss mehr Gewicht legen können,\nals er gethan. Denn es ist unzweifelhaft, dass Clara Schu-\nmann nicht allein die vollkommenste Darstellerin seiner\nhellen und dunklen Träume gewesen, sondern auch in\nKraft wahrer Liebe und hoher Weiblichkeit ihm den rech-\nten Halt in Leben und Kunst gewährt, ja, über sein trau-\nriges Ende hinaus den Ruhm seines Namens erhöhet hat.\nWer ihr lebendiges Bild vor Augen gesehen, erinnert sich\nwohl der nicht äusserlich blendenden, aber innerlich be-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "293", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650916-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 316, "texte": "rückenden Anmuth ihrer edlen Gestalt, deren Blick sich\nwiederspiegelt in den Liedern aus dem „Liebesfrühling\"\n(Schumann, Op. 37, N. 4, 11, Reissmann, P. 88), wo\ndeutsche Innigkeit und römische Gluth in einander wirken,\nklarer und ergreifender, als manche berühmte Lieder von\nweisen Meistern das vermögen.\n\nE. Krüger."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1865-09-16-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1865-09-16_01#c003", "volume": "bmtnabi_1865-09-16_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "293", "page_fin": "295", "image_debut": 5, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650916-01.2.3", "titre_corps": "Nachricht von einem in Thüringen gefeierten seltenen Musikfeste", "titre_sommaire": "Nachricht von einem in Thüringen gefeierten seltenen Musikfeste", "signature_source": "E. L. Gerber", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "293", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650916-01.1.5", "debut_caractere": 318, "fin_caractere_exclue": 5084, "texte": "Nachricht von einem in Thüringen gefeierten\nseltenen Musikfeste\n\n*).\nAm 20. und 21. Juni dieses Jahres feierte man der\nTonkunst in der vier Stunden von Sondershausen liegen-\nden schwarzburg-rudolstädtischen Stadt Frankenhausen\ndurch Aufführung der „Schöpfung\" von Haydn und eines\ngrossen Concertes, im Vereine von mehr als hundert Sän-\ngern und mehr als hundert Instruraentisten ein sehr ehren-\nvolles Fest, ein Fest, eben so merkwürdig durch die so\nglücklich überwundenen mannigfaltigen Schwierigkeiten\nbei Veranstaltung des Ganzen, als durch den hohen Grad\nder Vortrefflichkeit, mit der hier auf Tausende von Zuhö-\nrern von mehr als zwanzig Meilen im Umkreise gewirkt\nwurde. Der Herr Cantor Bischoff zu Frankenhausen,\nein junger, thätiger und für Musik glühender Mann, der\nschon im Jahre 1804 mit Hülfe seiner Nachbarn und eini-\nger Mitglieder der herzoglich gothaischen Capelle, unter\nder Direction der Herren Concertmeister Fischer aus Er-\nfurt und Ernst aus Gotha, die „Schöpfung\" mit etwa acht-\nzig Sängern und Instrumentisten zur allgemeinen Zufrie-\ndenheit der Zuhörer in dasiger Hauptkirche aufgeführt\nhatte, fühlte sich dadurch aufgemuntert, dies grosse Kunst-\nwerk noch einmal durch 200 Sänger und Instrumentisten\nzu geben. Lange hinderten Hin- und Herzüge fremder Völ-\nker die Ausführung seines Vorhabens. Endlich wagte er\nes bei der gegenwärtig scheinbaren Ruhe in Deutschland,\nsein Vorhaben auszuführen. Er besuchte desswegen schon\nvor einiger Zeit Weimar, Gotha und Erfurt, in mehrere\nStädte wurden schriftliche Aufforderungen geschickt, und\naller Orten fanden seine Einladungen ein geneigtes Ohr,\nso dass sich am 19. Juni früh zur Probe bereits 101 Sän-\nger und 106 Instrumentisten, grösstentheils aus Thürin-\ngen, eingefunden hatten.\nUnter den Instrumentisten befanden sich 20 Künstler\naus Gotha nebst ihrem berühmten Director, Herrn Con-\ncertmeister Spohr, die übrigen aus Weimar, Ballenstädt,\nRudolstadt, Sondershausen, Leipzig, Erfurt und aus 17\nanderen thüringischen Städten, theils Tonkünstler und Ca-\npellisten, theils ausgezeichnete Dilettanten und zum Theil\nVirtuosen vom ersten Range.\nDie Sänger hingegen bestanden ausser den drei Solo-\nsängern, mehreren braven Dilettanten aus Halle, Erfurt,\nLeipzig u. s. w. grösstentheils aus einer Auswahl der be-\nsten und geübtesten Choristen aus den thüringen'schen\nStädten.\nDaraus ergab sich nachstehender Bestand: Director:\nHerr Concertmeister Spohr; Sopran-Solo: Mad. Scheid-\nler aus Gotha; lenor-Solo: Herr Kammersänger Meth-\nfessel aus Rudolstadt; Bass-Solo: Herr Kammersänger\nStromeyer aus Weimar. Orgel: Herr Concertmeister\nFischer und Herr Prof. Scheibner, beide aus Erfurt;\nFlügel: Herr Capellmeister Krille aus Stollberg. Chor-\nDirector: Herr Cantor Bischoff in Frankenhausen.\nChor: Sopran 28, Alt 20, Tenor 20 und Bass 30 Cho-\nristen.—42 Violinen, an deren Spitze die Herren Malthäi\naus Leipzig, Preysing aus Gotha, Eberwein aus Rudolstadt,\nKreibe aus Ballenstädt, Rose aus Quedlinburg u. s. w. 12\nBratschen, an deren Spitze Herr Organist Voigt aus Leip-\nzig. 11 Violoncelle, an deren Spitze Herr Dotzauer aus\nLeipzig, die Herren Preysing und Rode aus Gotha, Herr\nMüller aus Rudolstadt, zwei Herren Schrödel aus Ballen-\nstädt, lauter vorzügliche Künstler, u. s. w. 9 Contrabässe,\nan deren Spitze der würdige Herr Wach aus Leipzig mit\neinem der grössten dieser Instrumente von Hunger's Arbeit,\nHerr Dr. Nicolai aus Rudolstadt, Herr Schade aus Gotha\nu. s. w., lauter Meister ihres Instrumentes. 4 Clarinetten,\nan deren Spitze Herr Musik-Director Hermstedt aus Son-\ndershausen. 4 Flöten, an deren Spitze Herr Müller aus\nLeipzig, Herr Mende aus Gotha. 4 Hoboen. 4 Fagotte.\n1 Basshorn. 4 Horner. 3 Trompeten. 3 Posaunen. Pau-\nken: Herr Berg-Assessor Hachmeister aus Clausthal und\nder würdige Herr Musik-Director Rose aus Quedlinburg.\nDieses Orchester gab also nach einer am 19. Juni\ngehaltenen Probe am 20. Nachmittags die „Schöpfung\"\nund den 21. Vormittags ein grosses, glänzendes Concert\nin Frankenhausen, beides in der dasigen wohlgebauten\nund heiteren Hauptkirche, wo sich keine plumpen Pfeiler\ndem Auge entgegenstellen und die Umsicht hemmen.\nDas Orchester nahm vor und unter der Orgel die ganze\nBreite der Kirche auf einer stufenweisen Erhöhung ein.\nAuf der oberen Orgel-Galerie nahmen die Choristen die\nBreite der Kirche ein, so dass der Herr Cantor Bischoff\nals ihr Anführer in der Mitte über Herrn Spohr stand.\nDiese zweckmässige Stellung, wobei jeder Platz genug\num sich und den Director beständig vor Augen hatte, trug\nunstreitig nicht wenig zu der nach einer einzigen Probe\ngelungenen Ausführung so grosser, zum Theil neuer und\nhöchst schwieriger Kunstwerke bei, wie besonders am\n\n*) Auszug aus einem gleichzeitigen Berichte (1810) von E. L*\nGerber über das erste deutsche Musikfest."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "294", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650916-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5325, "texte": "zweiten Tage aufgeführt wurden. Dies waren: 1. Eine\ngrosse, neue Ouvertüre fürs ganze Orchester (auch mit\nPosaunen) von Herrn Spohr. 2. Eine grosse italiänische\nScene für Bass von Righini, welche Herr Stromeyer sang.\n3. Ein neues, von Herrn Spohr ausdrücklich für dieses\nFest geschriebenes welches Herr\nMusik-Director Hermstedt vortrug.\" Hierauf machte 4. Herr\nConcertmeister Fischer auf der vollen Orgel eine kunst-\nvolle Einleitung zum 5. letzten Chor aus Haydn's „Jah-\nreszeiten\", welcher unmittelbar darauf folgte. Nach einer\nPause folgte 6. ein Doppel-Concert für zwei Violinen, eben-\nfalls von Herrn Spohr's origineller Arbeit, durch Herrn\nSpohr selbst und Herrn Matthäi vorgetragen. Hierauf 7.\nein grosses Rondo aus einem Concerte, D-dur, von Herrn\nBern. Romberg, durch Herrn Dotzauer's kunstvollen Vor-\ntrag. 8. Die Symphonie aus Cvon Beethoven, welche\nden Beschluss des Ganzen machte.\nIch erlaube mir, von dem Effecte Rechenschaft zu ge-\nben, welchen diese Künstler und Kunstwerke, aber frei-\nlich nur nach einmaligem Hören, auf mich gemacht ha-\nben, weit entfernt, diese Rechenschaft als allgemeines Ur-\ntheil geltend machen zu wollen.\nDas Erste betrifft Herrn Spohr's Direction mit der\nPapierrolle, ohne alles Geräusch und ohne die geringste\nGrimasse. Man möchte sie eine graziöse Direction nennen,\nwenn dieses Wort ausser dem gefälligen Anstände auch\ndie Bestimmtheit und Wirksamkeit seiner Bewegungen auf\ndie ganze ihm und sich selbst fremde Masse ausdrückte.\nDiesem glücklichen Talente des Herrn Spohr schreibe ich\nden grössten Theil der Vortrefflichkeit und Präcision so-\nwohl in der erschütternden Gewalt wie dem sanften An-\nschmiegen des zahlreichen Orchesters an die Sänger beim\nVortrage der „Schöpfung\" zu.\nDie für eine grosse Kirche geeignete, volltönende und\ndoch auch biegsame Stimme der Mad. Scheidler, der aus-\ndrucksvolle Vortrag des in der Kunst erfahrenen Herrn\nMethfessel, die herrliche Bassstimme des Herrn Stromeyer,\nunstreitig die schönste, die ich je gehört habe, vom contra\nD bis zum eingestrichenen G, durchaus beides, kräftig und\nangenehm, ohne Knarren in der Tiefe und ohne Nasen-\ntöne in der Höhe, und ausgebildet aufs vollkommenste,\nwovon er nicht nur beim Vortrage der „Schöpfung\" und\nder Scene von Righini, sondern auch und vornehmlich in\nseinen Fermaten so grossen, edlen, durchaus dem Charak-\nter der Bassstimme gemässen Gebrauch zu machen ver-\nstand, und womit er noch eine deutliche Aussprache so-\nwohl des Italiänischen als des Deutschen verband: diese\ndrei Solosänger, im Vereine so vieler ausgezeichneten Vir-\ntuosen an der Spitze jeder Stimme, wo Jeder freiwillig\nund mit Lust sang oder spielte, machen mir die Versiche-\nrung leicht, dass diese Ausführung der „Schöpfung\" die\nkräftigste, ausdrucksvollste, mit Einem Worte gelungenste\nwar, der ich je beigewohnt habe.\nDie Orgel war nur unter mehreren Chören hörbar,\nman fühlte, wie das ganze Orchester bebte. Wahrschein-\nlich wurden bloss die sechszehnfüssigen Stimmen zur Un-\nterstützung der Orchester-Bässe gebraucht.\nDie Ouvertüre, womit am folgenden Tage das Con-\ncert anhub, gehört im eigentlichen Verstände unter die\nKunststücke im Moduliren. Fast mit jedem neuen Tacte\ndrängt ein Inganno das andere, so dass sie als eine zusam-\nmenhangende Reihe von Studien in der Modulation ange-\nsehen werden kann. Wahrscheinlich bezieht sich diese Un-\nruhe, dieses Schwanken auf den Inhalt der Alruna, zu wel-\nchem Drama sie geschrieben sein soll. So gewiss aber\ndiese Ouvertüre vor dem Theater von grossem Effecte sein\nkann, so schien sie als Concertmusik doch den Eindruck\nnicht zu machen, den man von der Ausführung eines so\nbraven Orchesters erwarten durfte. Dies lässt sich nicht\nanders erklären, als durch eine Musik, welche das Ohr bis\nzum Ende in seinen Erwartungen täuscht und nie befrie-\ndigt. Lauter krumme, mitunter rauhe Wege, welche zu\nkeinem Ziele, zu keiner Ruhe und zu weiter keinem Ge-\nnüsse führen, und wodurch der Componist bloss den Ver-\nstand des Zuhörers beschäftigt, ermüden zuletzt.\nDie durch Herrn Stromeyer vorgetragene grosse Scene\nvon Righini versetzte die ganze Versammlung in Enthu-\nsiasmus. Das hierauf von Herrn Musik-Director Hermstedt\nvorgetragene Clarinett-Concert aus jvon Herrn Spohr\ngehört unstreitig zu den vollendetsten Kunstwerken dieser\nArt. Eine grosse und brillante Behandlung des concerti-\nrenden Instrumentes, verbunden mit einer ganz originellen\nBehandlung des Orchesters, wo gleichsam jede Stimme,\nselbst die Pauke, obligat ist, berechtigt zu dieser hohen\nStelle. Die herrliche Ausführung machte dem Compo-\nnisten, dem Concertisten, so wie dem Orchester sehr viel\nEhre; auch brachte sie Tausende von Händen der Zuhö-\nrer in lebhafteste und anhaltende Bewegung.\nHierauf überraschte der Herr Concertmeister Fischer\ndas Orchester, so wie das Auditorium nicht wenig, indem\ner mit der vollen Orgel einfiel, um den nun folgenden gros-\nsen Schluss-Chor aus C-dur einzuleiten. Diese neue Art\nvon Musik, wovon in der Probe nichts gehört worden\nwar, seine künstliche Verkettung der Stimmen, seine har-\nmonischen Wendungen und seine meisterhaften Modula-\ntionen machten jedes Mitglied des Orchesters und die Zu-\nhörer doppelt aufmerksam.\nNach einer Pause gewährten uns Herr Spohr und\nHerr Matthäi durch die vollendete Ausführung eines Dop-\npel-Concertes von Herrn Spohr die beglückendsten Genüsse"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "295", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650916-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3018, "texte": "in immer wechselnder Bewunderung, Erstaunen und\nFreude. Vor Allem bewundernswerth war das Adagio\ndieses Meisterwerkes, in welchem man nach einem Trio\nvon zwei Violoncellen und einem Contrabasse ein Quadro\nin gezogenen und gebundenen Harmonieen, gleichsam als\nvon einer Harmonica hörte; aber alle Arme ruhten, und\nnur die Bogen der Herren Spohr und Matthäi waren es\neinzig und allein, welche dieses Quadro hören liessen.\nDie Symphonie aus C-dur von Beethoven machte den\nSchluss, unstreitig seine gefälligste und populärste. Sie\nwurde unverbesserlich, mit Liebe, Feuer und höchster\nPräcision vorgetragen. Einen besonderen, unbeschreiblich\nsüssen Genuss gewährte dabei das Corps der Bläser in dem\nTrio der Menuette. Das Ohr glaubte die Töne einer höchst\nreinen Harmonica zu hören. Ein anhaltendes und allge-\nmeines Applaudissement bewies den Dank und die Zufrie-\ndenheit des Auditoriums mit der Wahl der aufgeführten\nMeisterwerke und mit der Ausführung der dazu vereinig-\nten Künstler.\nWenn oben von den glücklich überstandenen Schwie-\nrigkeiten des Herrn Unternehmers, sowohl in der Veran-\nstaltung für die geistige als für die leibliche Unterhaltung\nseiner so zahlreichen Gäste die Rede war, so scheint es\nPflicht zu sein, auch über letztere noch Einiges beizubrin-\ngen. Sie war in solch einem kleinen Oertchen gewiss keine\nKleinigkeit.\nDie hundert Choristen waren in verschiedene Gasthöfe\nvertheilt, wo sie Beköstigung und Nachtlager fanden. Die\nsämmtlichen Virtuosen, Sänger und Dilettanten hingegen\nfanden ihr Absteige- und Nachtquartier in anständigen\nPrivathäusern. Um aber diesen aus so entfernten Gegen-\nden versammelten braven Musikfreunden den Genuss ihres\nVereins aufs möglichste zu erleichtern und zu verschönern,\nhatte Herr BischofF sein unmittelbar hinter dem Hause\nliegendes Blumengärtchen aufgeopfert und es in einen\nSpeisesaal umwandeln lassen. Der zu diesem Zwecke er-\nrichtete Salon war mit jungem Grün ausgeschmückt, des-\nsen Zweige der Gesellschaft freundlich entgegenwinkten.\nIn diesem Saale waren die Tafeln aufgestellt und wurde\nservirt. Es war eine Freude, mit anzusehen, wie sich hier\nso viele wackere, zu einem und demselben Zwecke froh\nvereinigte Künstler und Kunstfreunde zu Allem gemein-\nschaftlich zusammenfanden, zur beglückenden Arbeit aus-\nzogen, von dieser zum heiteren Genüsse sich wieder sam-\nmelten und namentlich auch mit unverkennbarer, herz-\nlicher Theilnahme dem grossen Vater Haydn, dem treff-\nlichen Spohr und mehreren anderen vorzüglichen Künst-\nlern ihre Dankopfer bei vollen Gläsern darbrachten. Ge-\nwöhnlich wurde das Vergnügen an den Abendtafeln noch\ndurch munteren und schönen Gesang erhöht.\nDa jeden dieser Tage die schönste Witterung begün-\nstigte, so war in beiden Aufführungen die grosse Kirche\ngedrängt voll, grösstenteils von Fremden, die bis auf\nzwanzig Meilen im Umkreise herbeigeströmt waren. Selbst\ndie Kanzel war mit Damen und Herren angefüllt. Dies\nlässt hoffen, dass Herr Dischoff wenigstens für seine nros-\ni i ■* ■\nsen Auslagen gedeckt sei.\n\nE. L. Gerber."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1865-09-16-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1865-09-16_01#c004", "volume": "bmtnabi_1865-09-16_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "295", "page_fin": "296", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650916-01.2.4", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "295", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650916-01.1.7", "debut_caractere": 3020, "fin_caractere_exclue": 5824, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nMan schreibt aus Berlin: „Am Samstag hatte die Aufführung\nvon Rossini's Teil das Opernhaus bis auf den letzten Platz gefüllt.\nDie trefflich besetzte und gegebene Oper entbehrt zwar nie zahlrei-\nchen Besuches, allein das erste Auftreten des Herrn Wachtel hatte\ndenselben last verdoppelt und namentlich die anwesenden Fremden\nangelockt. Nächst dem Postillon gilt Arnold für Herrn Wachtel's\nglänzendste Partie; der Sänger unterliess denn auch nicht, seine\nStimme und Bravour in das hellste Licht zu stellen. Den drei gros-\nsen Nummern, in denen die Partie Arnold's gipfelt, folgte wieder-\nholter Herausruf, ja, ein Theil der Enthusiasten schien gewillt zu\nsein, sowohl das Duett mit Mathilde, als auch das berühmte Män-\nner-Terzett des zweiten Actes wiederholen zu lassen, wurde jedoch\ndurch die einsichtigere Mehrheit besänftigt.\"\nDer König von Hannover hat das Engagement einer italiäni-\nschen Opcm-Gesellschaft iür den nächsten Winter angeordnet. Die-\nselbe wird nebst anderen Opern auch die vom Könige componirte\nOper: „Der Eremit von Peloponnes\", aufführen.\nDer Herzog von Nassau hat dem Violin-Virtuosen Ole Bull\ndas Ritterkreuz des nassauischen Verdienst-Ordens verliehen. —Ro-\nbert Heller in Hamburg hat vom Grossherzog von Weimar das\nRitterkreuz des t alken-Ordens erster Classe als Anerkennung seiner\nliterarischen Leistungen erhalten.\nHof-Capellmeister Jean Bott in Meiningen ist zum Capell-\nmeister des königlich hannoverschen Hoforchesters und Hoftheaters\nernannt worden, und wird derselbe in seiner Function dem könig-\nlichen Hof-Capellmeister Fischer gleichgestellt werden. Ausserdem\nhat Herr Bott noch die Verpflichtung übernommen, in einigen Abon-\nnements- und Hof-Concerten, die er abwechselnd mit Hof-Capell-\nmeister Fischer dirigiren wird, Solo zu spielen. Sobald Herr Bott\nseine Entlassung vom Herzoge von Meiningen erhalten haben wird,\nbeabsichtigt er sogleich seinen neuen Dienst anzutreten.\nIn Stuttgart tritt auf königlichen Befehl eine Orchesterschule\nzur Heranbildung tüchtiger Orchester- und Solospieler für die Hof-\ncapelle ins Leben. Den Unterricht erhalten die Zöglinge unentgelt-\nlich und werden desshalb bloss aus der Zahl der besonders befähig-\nten jungen Leute genommen, welche das sechszehnte Lebensjahr\nüberschritten haben. Auch ist dort jüngst die Concession zu\neinem neuen Volkstheater ertheilt worden.\nWien. Die alljährige Penelopen-Arbeit im Operntheater ist\nauch bereits in dieser Saison mit bewundernswerther Consequenz in\nAngriff genommen worden. Hiller's „Deserteur\" wurde zur Auf-\nführung angenommen, ausgetheilt, studirt und zurückgelegt.\nJetzt wird mit Langert's „Des Sängers Fluch\" wahrscheinlich\ndiese Uebung im Fortschreiten mit einem Schritt vor und zwei zu-\nrück fortgesetzt werden. In zwei Monaten wird es heissen; „Wegen"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "296", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650916-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3083, "texte": "der Vorbereitungen für die „„Africanerin\"\" muss die bereits halb\nstudirte Oper Langert's für diese Saison zurückgelegt werden.\"\nDann wird man mit grosser Anstrengung die „Africanerin\" in der\nletzten Woche der Saison herausbringen, und während der ganzen\nfrüheren Zeit wird der alte „Waffenschmied\" als einzige Novität im\nRepertoire glänzen. Und dies alles geschieht ganz ohne Zauberei,\nes ist pure, reine Geschicklichkeit,\nDer Tenorist Herr Brunner hat sein Gastspiel bereits am ver-\nflossenen Sonntag begonnen, wie bereits gemeldet, als Lyonel und\nsoll trotz sichtlicher Befangenheit eine ehrenvolle Aufnahme gefun-\nden haben.\nHerr Ferdinand Laub wird auch in der bevorstehenden Sai-\nson einen Cyklus von acht Quartett-Productionen in Wien geben.\nDa Herr Laub sich nach Moskau begibt, dürfte dies für längere\nZeit sein letztes Auftreten in Wien sein.\nHerr Uli man, der Impresario der Patti-Concerte, weilt seit\neinigen Tagen in Wien, um die letzten Arrangements für seine im\nNovember dort Statt findenden sechs Concerte zu treffen. Ausser\nCarlotta Patti hat Herr Ullman, wie wir hören, folgende Künst-\nler für seine dortigen Concerte bereits engagirt: für das Streich-\nQuartett: Vieuxtemps, Hellmesberger, Auer, Piatti; fürs\nCiavier Alfred Jaell, Brassin; für Gesang: Roger, Gunz;\nfür Declamation: Frau Nie man n- S eebach. Die Concerte werden\nin dem eigens hierzu adoptirten.Dianasaale Statt finden; die Preise\nsind von 4—l Fl. 50 Kr. festgesetzt.\nHerr Erasmus Laub, Vater des bekannten Violin-Virtuosen\nFerdinand Laub, ist dieser Tage, 72 Jahre alt, in Prag gestorben.\nC*eilt, 10. Sept. Vor einigen Tagen wurde in der hiesigen\nSt. Martinskirche eine neue Orgel eingeweiht, welche als ein her-\nvorragendes Erzreugniss deutscher Orgelbaukunst die vollste Aner-\nkennung verdient. Sie ist aus der Fabrik der Gebrüder Ibach in\nBarmen hervorgegangen und besteht aus zwei Claviaturen mit zwan-\nzig Registern, einem freien Pedal mit sechs Registern und vier Ne-\nben-Registern. Herr Capellmeister Breunung aus Aachen war ein-\ngeladen worden, die ersten Vorträge vor einem gewählten und ur-\nteilsfähigen Publicum auf der neuen Orgel zu halten. Durch sein\nwahrhaft künstlerisches Spiel wurden die Erwartungen, welche man\nnach seinem schon vorher abgegebenen Urtheile über die Vortreff-\nlichkeit der Orgel hegen konnte, noch bei Weitem übertroffen. Herr\nBreunung trug nur Werke deutscher Meister von Bach, Mendels-\nsohn, Schumann und Mozart vor, namentlich aber war es eine\nFuge des alten Bach, welche ganz besonders ansprach, und der tiefe\nEindruck, den die ernste Richtung der deutschen Kunst auf das\nmehr den französischen Einflüssen zugängliche belgische Publicum\nim Allgemeinen machte, war gar nicht zu verkennen, was um so\naugenfälliger hervortrat, als sich ein namhafter französischer Orga-\nnist an die Orgel setzte, dessen Spiel, gegenüber den meisterhaften\nVorträgen des Herrn Breunung, die Zuhörer nicht zu fesseln ver-\nmochte. Die Gebrüder Ibach haben in dieser Orgel ihr erstes Werk\nnach Belgien geliefert und, wie wir annehmen dürfen, ihren Ruf im\nhiesigen Lande damit begründet."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "289", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650916-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nEobert Schumann (August Eeissmann: Robert Schumann, sein Leben und seine Werke\"). Von E. Krüger. Nachricht\nTOn einem in Thüringen gefeierten seltenen Musikfeste. Tages- und Unterhaltungsblatt (Berlin, Rossini's „Teil\" Hannover,\nitaliänische Oper Auszeichnungen Meiningen, Hof-Capellmeister Jean Bott Stuttgart, Orchesterschule Wien, Operntheater\nFerdinand Laub Herr Ullman Erasmus Laub j Gent, Einweihung einer neuen Orgel).\n\nRobert Schumann.\n\nReissmann's Buch über Schumann*) zeigt eigene\nForschung, Selbsterlebtes und Kenntniss des Handwerks.\nGegen seine früheren, mit gemischter, doch meist abweh-\nrender Empfindung aufgenommenen Arbeiten Allge-\nmeine Musiklehre, Geschichte des deutschen Liedes u. s. w.\nzeigt die heute vorliegende einen Fortschritt zur Klar-\nheit, wobei jedoch die eingefleischte speculative Denkungs-\nart, welche aus allgemeinen Zeit-Ideen die Person des\nKünstlers, und aus dieser wieder dessen Werke und Ein-\nfluss „mit Notwendigkeit\" darzulegen liebt, den Leser\nzur Vorsicht auffordert. Weil aber die Thatsachen treu,\ndie Urtheile sachkundig ausgesprochen sind, so darf man\ndem Verfasser getrost folgen, selbst in die trüben Regio-\nnen, wo der Streit beginnt zwischen der Einheit und Viel-\nheit der Ideen.\nDer Inhalt ist in acht Capitel getheilt: 1) Kindheit\nund Jugend bis Heidelberg; 2) Entscheidung zum Künst-\nlerberufe; 3) Op. 1—23, so genannte oppositionelle Com-\npositionen; 4) bräutliche Zeit, Lieder; 5) kritische Thätig-\nkeit; 6) Werke der Reife; 7) Zersplitterung, tragisches\nEnde; 8) Ergebniss, kunstgeschichtliche Bedeutung.\nAnhang: Schumann's Werke chronologisch geordnet.\nDie Lebensgeschichte Schumann's hat Wasielewski\nanspruchslos thatsächlich erzählt: Reissmann legt sie zu\nGrunde und gibt sie wieder mit wenig neuen Thatsachen,\ndesto mehr mit geistreichen Anmerkungen. Wras den Jüng-\nling charakterisirte und den Mann auf dem Gipfel des Le-\nbens nicht verliess: seine widerspänstige Unerziehbarkeit,\neigenwilliges Selbstlernen und Selbstmachen das wird\nhier ungeschminkt und unbeschönigt wiedererzählt. Dass\nein jüngstes Kind, wie Schumann war, verzogen und ver-\nzärtelt wird, dass es eine „Eigenart der Individualität, die\nnicht eigentlich erzogen werden konnte\" (S. 13), zur Mit-\ngift ins Leben erhält, ist weder ungewöhnlich, noch wun-\nderbar. Auch Rousseau rühmte sich dessen und meinte\nein allereinzigstes Individuum ohne Gleichen zu sein, wäh-\nrend freilich ein Grösserer, der eingeborene Dichter un-\nseres Weltalters, in tiefer Demuth die Stimme von oben\nvernahm: Wie viel bist du von Anderen unterschieden?\nErkenne dich, leb' mit der Welt in Frieden!— Bei Schu-\nmann werden wir sehen, wie viel diese Einzigkeit der\nEigenart sowohl dem individuellen als künstlerischen Le-\nben geben und nehmen sollte.\nDer Vater, ein Mann von rühriger Thatkraft und be-\nweglichem Herzen, Anfangs des Sohnes Kunstliebe för-\ndernd, dann der ängstlichen Mutter eine solidere Berufs«-\nwähl zugestehend, starb früh. Dem Jünglinge fehlte die\nstarke Faust Eines, der über ihn war. Wie nützlich aber\ndiese eben den auserwählten Genies ist, um den brausen-\nden Gang des Feuerrosses zu rechter Stunde zu zügeln,\nwissen wir aus der Jugend Goethe's, Mozart's und Bach's.\nDer Widerwille, den alle Jugend gegen systematische\nZucht hat, hindert nicht, dass echte Genialität eben dieses\nSystematische rasch ergreift, um sich das eigentliche\nHandwerk anzueignen, auf dessen goldenem Boden allein\ndie künstlerische Freiheit gedeiht. Wir dürfen daher\nSchumann's langes formloses Tasten freilich mit eigenwil-\nligen Gelüsten entschuldigen, aber der Kunst halber nur\nbedauern, ohne (Jesshalb vom Einflüsse der Erziehung Al-\nles zu erwarten, als könne diese ein Individuum von Grund\naus umgestalten.\nDie Grundsätze, die unser Biograph bezüglich solcher\nFragen verficht, rühren an den Kern des Kunstlebens, da-\nher wir bei ihnen verweilen, um seinen Schumann und\ndessen welthistorische Sendung zu verstehen. Reissmann\nnimmt zweierlei Kunstrichtungen an als gegenteilige, aber\ngleichberechtigte Ströme des Kunsttriebes: Darlegen\n\n*) August Eeissmann: Eobert Schumann, sein Leben und seine\nWerke. Berlin, Guttenberg, 1865. VII und 240 S. 8."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "290", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650916-01.1.2", "texte": "und Gestalten. Das Erste ist ihm die Aussprache*) des\nVorhandenen, die ethischen Ergebnisse eines Weltzustan-\ndes fixirend, dergleichen in allem möglichen Kunstwerke,\nsei es krank oder gesund, rationalistisch oder rhythmisch\nformirt, zu Tage kommen; die andere Art heisst ihm die\ngestaltende, darstellende, ewige Bilder der Schönheit wir-\nkende, was nach neudeutscher Redeweise das Monumen-\ntale genannt wird (S. 9, 205, 210. Vgl. auch Beiss-\nmann, Allgem. Musiklehre, 279).—Aufrichtig angesehen,\nist diese Gleichrechtigkeit unberechtigt. Die erste Art, die\npathologische, hat ihre richtige Stelle nicht im Gebiete\nder Kunst, sondern in dem der Lehre, Kritik und Cultur-\ngeschichte; die von R. Wagner spöttisch so genannte mo-\nnumentale ist die allein berechtigte ästhetische, und\nwird es bleiben, so lange die Worte im üblichen Sinne\ngelten, dass die schöne Kunst schön sei, und als solche\nsich selbst bezeuge, die Seele unmittelbar ergreife, nicht\nerst durch ausserhalb liegende Voraussetzun-\ngen verständlich werde.\nIndem nun unser Verfasser letztere Species Kunst-\nwerke selbst verwirft (S. 207), widerspricht er dem selbst-\ngewählten Principe des Individualismus und Subjectivis-\nmus, in welchem Schumann's Grösse ruhen soll (21, 230,\n269); denn auch Reissmann's Restrictionen laufen darauf\nhinaus, hier einen Mangel anzuerkennen. Ganz richtig:\njedes weltbewegende Kunstwerk ist nur als monumentales\nObject zu denken, über welchem die pathologische Ab-\nsonderlichkeit des persönlichen Zeugungsactes vergessen\nwird; merkwürdig ist nur, dass eine gewisse Secte von\nSchülern der ewigen Weisheit bei unverhohlener Angst vor\nallem Persönlichen in den obersten Begionen desto zärt-\nlicher hegt und anbetet, was hier drunten die kleinen\nPersönlichkeiten Gutes und Böses thun denn „der Pro-\nfessor ist eine Person, Gott ist keine\", Goethe 47, 248.\nMit diesem scharfen Schusse treffen wir nicht den Ver-\nfasser selbst, aber sein Princip, dessen Gefahren wir be-\nkämpfen, ohne zu übersehen, wo er zum Glücke diesem\nPrincipe untreu wird, indem er z. B. zugesteht, wie wenig\nMonumentales Schumann geleistet (206), wie ihm das\nVocale, das Geistliche, das Dramatische nie vollkommen\ngelungen sei (96, 177, 211), ja, dass er auch wohl seine\nKraft überschätzt habe, da es ihm schwer ward, „sich in\nchristliche Anschauungsweise hinein zu leben\" (193), und\ner dessen ungeachtet mehrere Messen schrieb. Wir ineinen\nkeineswegs mit den unbedingten Gegnern der modernsten\nRichtungen, dass alles Subjective und Individuelle an sich\nkrankhaft, oder dass nur das Derbe gesund sei (231);\nvielmehr sind alle tüchtigen Poeten und Künstler von je\nher sehr subjective Individuen gewesen, aber sie haben\nnicht den Schmerz selbst schmerzend, die Verzweiflung\nselbst verzweifelnd in Bilder gefasst, wie denn auch Heiss-\nverliebte nicht gut Liebesrollen spielen: sondern sie haben\naus der Flut der Leidenschaft Perlen aufbewahrt und\nihre Schmerzen nach dem Schmerze erklärt; es sind die\nnaiüvLOL o idlvsg,überwundene und heilbringende\nSchmerzen eines gesund empfindenden Herzens, die der\nrechte Philosoph so gut wie der rechte Dichter erlebt ha-\nben muss.\n- •' * I * # . # •\nWeiter bemerkt der Verfasser, dass die nur äusser-\nlich aus vorhandenen Kunstwerken abstrahirten Theorieen\ndem Genius Fesseln anlegen, und dass solchen Theorieen\neben Schumann tiefe Wunden geschlagen habe; „die\nTheorie der Zukunft\" müsse nun dahin trachten, die ewi-\ngen Gesetze, die in allen Jahrhunderten walten, zu abstra-\nhiren, um „den Organismus des Kunstwerkes\" klar dar-\nzulegen (222—224). Schöne Worte! wenn man nur das\nWie absähe. Es wird wohl immer dabei bleiben, dass die\nTheorie ans Vorhandene anlehnt, die Philosophie die ewi-\ngen Ideen darstellt und das Genie uniehrbar ist. Wenn\nnun Vieles von dem, was Reissmann allgemeinen Inhalts\naus speculativen Ergebnissen einflicht, bei Schumann in\naphoristischer Form jeanpaulisirend vorgebildet ist, so ge-\nwahren wir darin die ganz moderne Erscheinung reflecti-\nrender Künstlerschaft, die nicht uns allein bedrohlich\nscheint. Zuweilen scheint es doch, dass die einsame Grü-\nbelei, die vordringende Reflexion, die kritische Thätigkeit\nSchumann mehr auf Abwege geführt hat, als Reissmann\nzugestehen mag (S. 101 —ll6, 169); freuen wir uns\ndaher des Kernsatzes, der Schumann's willentliche Schei-\ndung von den Zukunfts-Musicanten bestimmt ausspricht:\n„Die Hauptsache bleibt, ob die Musik ohne Text und Er-\nläuterung an sich etwas ist, ob ihr Geist innewohnt!\" da-\nmit wird vergütet, was Schumann selbst träumend hin-\nwarf von „Zukunftsmusik\" (104), ohne Ahnung darüber,\nwelches Feuer dieses Wort dereinst entzünden sollte.\nLesenswerth sind die Erörterungen, in denen Reiss-\nmann nachweist, woran es Schumann gefehlt, und wie er\nseiner Mängel durch ernstes Arbeiten Herr geworden.\nWie ihm erst später „die Idee der Form\" aufgegangen,\nsucht Reissmann unter Anderem daran nachzuweisen, dass\nseinen Jugendwerken oft die Einheit gefehlt, und die rich-\ntige Contrastirung von Haupt- und Nebensatz, Vorder-\n\nj:) Sprache geradehin zu sagen, wie unser Verfasser thut, S.\n10, führt leicht zu dem Missverstande, an dem die Zukünftler ver-\nbluten. Ist damit ganz allgemein Ausdruck des Innern gemeint,\ngleichwie man sagt Geberden-, Zeichen-, Finger-Sprache u. s. w.,\nso mag es hingehen; bedeutet es aber „vollkommene (logische) Ver-\nständlichkeit'4, wie man nach S. 10, 4 vermuthen muss, so hat sol-\nchen Inhalt keine Sprache ausser der Wortsprache. Richtig ant-\nwortet Maler Runge den Ideenfragern: „Wenn ich's sagen könnte,\nhätte ich's nicht gemalt.u"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "291", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650916-01.1.3", "texte": "und Nachsatz erst nach bitteren Erfahrungen gelungen\nsei (57, 71, 118, 188). Wenn übrigens Schumann ein-\nzelne Namen-Kategorieen wunderlich gebraucht, z. B.\nTanzform (63), so ist das eben so unerheblich, wie die\nFrage, wer den richtigen Balladen- und Romanzen-Stil\nerfunden (97). D iese Art Formfragen, bei denen Reiss-\nmann mit Vorliebe sowohl hier als in seinen früheren Wer-\nken verweilt, erreichen nicht, was sie wollen, und helfen\nder psychologisch ästhetischen „Theorie der Zukunft\" gar\nwenig.— Mit Recht wird hervorgehoben, dass Schumann,\nabweichend von den meisten, auch grössten Künstlern, in\nseinen Jugendwerken kaum einiges Anlehnen an Vorhan-\ndenes verrathe; das stimmt wohl zu der Anfangs beschrie-\nbenen Constitution und erklärt einiger Maassen sein nicht\nvorübergehendes, sondern bleibendes Ringen mit der Form,\nweil er eben in der Jugend zu wenig gelernt. Was ist\nWachsen und Lernen anders, als Empfängniss und Fort-\ngenuss aus dem Erbe der Väter? Dieser naturgemässe\nGang ist bisher der Gang der besten Kunstgenies gewe-\nsen; erst nachdem die kindliche Jüngerschaft vollendet,\ntritt die selbstschöpferische Kraft ein mit der Jugendreife,\num im Mannesalter ewige Werke zu gestalten. Damit wird\nHegel's Unglimpf wider die Frühreife musicalischer Genies,\nals wäre nun alle Musik geistlose Naturgabe (Aesthet. 3,\n214), zurückgewiesen; selbst Mozart hat vor Eintritt der\nJünglingsreife kein selbständiges Kunstwerk, sondern nur\nNachbildliches geleistet. —Wenn aber Reissmann der zu-\nkünftigen Formenlehre ein so entscheidendes Gewicht\nbeilegt, so wäre schon hier erwünscht, darauf etwas ernst-\nlicher einzugehen, al§ an der Hauptstelle S. 224 geschieht,\nwo uns Prädicate und Vergleiche, nicht Begriffe geboten\nwerden; auch seine „Allgemeine Musiklehre\" gibt nur\nnegative Definitionen und geht dann sogleich in historische\nSpecial-Kategorieen der Form ein. Schiller's Ideal und Le-\nben, in Prosa umgesetzt, würde hier vielleicht zum Ziele\nführen: aber wo ist der glückliche Finder des „rechten\nWortes\", das, hier anknüpfend, die logischen Lücken des\nVischer'schen Systems füllte?\nStatt der postulirten Formenlehre bietet uns der Ver-\nfasser eine Reihe Einzel-Urtheile, die meist treffend und\nannehmbar sind, wenn auch Dunkeles und Weitschweifi-\nges mit unterläuft. Hervorgehoben wird Schumann's Nei-\ngung zu neuen Klang-Effecten; die dazu erfundene\nAuflösung der Accorde ist das Absonderliche, wo-\ndurch Schumann's Technik über die Vorfahren hinausgeht\nund den Jüngeren willkommenes, doch gefährliches Muster\nder Nachahmung wird. Unter solcher Auflösung versteht\nReissmann, der den Terminus aufgebracht, die arpeggirte\nund figurirte Zerbrechung der harmonischen Massen, oft\nmit harmoniefreien Tönen durchbrochen (47, 89), welche\nSchumann in seinem heimatlichen Gebiete, der Clavier-\nComposition, gleichsam an Stelle der älteren contrapunkti-\nschen Polyphonie (46) einführte. Hinzu kommt noch der\nmoderne Gebrauch des Pedals, den ebenfalls Schumann's\nfrühe und späte Compositionen so sehr erheischen, dass\ner einmal in einer gewissen Laune geradeswegs erklärte:\nwir setzen den durchgehenden Gebrauch des Pedals (der\ngehobenen Dämpfung) voraus, und werden nur andeuten,\nwo es ausnahmsweise nicht geschehen soll. Strenge Rich-\nter haben ihm das zum Vorwurfe gemacht und die mo-\nderne Pedalisirung im Allgemeinen verworfen; mit Un-\nrecht: denn das Pedal, die Specialität des Ciavierspiels,\ngewährt ein ätherisches Schweben und Klingen, wie in\nSchallgewöiben aus wiederhallender Luft, wodurch der\nstarre, brüchige Metallklang nicht nur gesänftigt, sondern\nan Tonfarbe gar über die belebteren Geigen- und Bläser-\nklänge emporgehoben wird: ein Vorzug der modernen\nTechnik, der durch unkünstlerischen Missbrauch nimmer-\nmehr zerstört werden kann*). Jene figurirte Auflösung\nindess, sammt den harmoniefreien richtiger harmonie-\nfremden Tönen sind nicht Schumann's Erfindung, son-\ndern in Seb. Bach's Präludien und Orgel-Phantasieen be-\nreits ausgebildet vorhanden; neu ist nur, dass durch den\nPedalgebrauch, zumal bei überoctavigen Griffen, die über-\nthürmten Tonmassen in ein neues Licht gestellt und ge-\nwisser Maassen verständlicher werden. Dass Schumann\nvom Ciavierspiel den Ausgang nahm,» fühlt sich hindurch\nbei allen späteren sowohl orchestralen als vocalen Com-\npositionen.\nIn der Specialkritik der Hauptwerke finden wir Reiss-\nmann's Ansichten technisch begründet und grossentheils\nannehmbar. Sehr zu loben ist, dass reichliche Noten-Bei-\nspiele gegeben und diese durch specielle Exegese erläutert\nsind; der Mangel an solchen Exempeln ist ein Uebelstand,\nder in manchen, sonst schätzbaren Werken das Verständ-\nnis erschwert. Unzweifelhaft ist die Peri (1843) der\nGipfelpunkt des für Schumann Erreichbaren. Ihr zunächst\nwürden wir die (Sinf. 11, Op. 61, 1846)\nund Manfred stellen, unter den kleineren Arbeiten aber\ndie jugendlichen Phantasiestücke und Davidsbündler-Tänze\n\n*) Daher auch die pedantische Regel zu verwerfen ist, als dürfe\ndas Pedal nur bei gebrochenen Accorden, niemals bei scalenhaf-\nten Melismen gebraucht werden. Arpeggien und Accordbriiche ohne\nPedal sind oft richtiger und wirksamer, als pedalisirte, z. B. Beeth,\nOp. 13, Son. Adagio, Tact 50—52; dagegen sind peda-\nlisirte Scalen ein ätherisches Schwirren und Sausen, wie die\nOrgelscala in leerem, widerhallenden Kirchengewölbe oft nicht\nnur verständlich, sondern ausdrucksvoll, und nicht erst durch Schu-\nmann und Chopin zuweilen ausdrücklich vorgeschrieben, sondern\nauch durch Beethoven's genialen Spielvortrag bekräftigt. Auch\nder Triller wird durch Pedalisirung über den starren Metallklang\nerhöht.\nn"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "292", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650916-01.1.4", "texte": "(1837) nicht so gnädig concessiv ansehen, vielmehr unter\ndie glücklichsten und bedeutsamsten Aeusserungen des\nSchumann'schen Genius zählen; ausser ihnen aber einige\nfast verschollene, z. B. Hauptmanns Weib (N. Z. f. M.,\nZulage, 1840, Heft 9), Maria Stuart's Lieder (Op. 134,\nwelches Reissmann S. 192 gleichgültig ansieht); endlich\nwürden wir auch Eichendorff's Waldgespräch (? Op. 39 ?\nR. 88, 235) wegen der phantastischen und doch\nmenschlichen Schönheit der Melodie herausheben.\nEs wäre hier wohl an der Stelle, die Begriffe Classisch\nund Romantisch nebst ihren Abzweigungen, welche die\nmusicalische Aesthetik aufs Neue beunruhigen, entweder\nschärfer zu begränzen, als R. Allg. M. L. 111. Cap. 3, ge-\nthan, oder falls sie der musicalischen Erkenntniss wenig\nFörderniss bringen, ganz fallen .zu lassen. Was E. T. A.\nHoffmann unter Romantik im Tongebiete verstand,\nschliesst sich eng an die Denkweise der romantischen\nDichterschule und bezieht sich zunächst auf Beethoven.\nSpätere Aesthetiker haben über den historisch gegebenen\nBegriff hinaus allerlei Wunderliches hinein geheimnisst,\nbis sie sein überdrüssig waren, über dem allem aber miss-\nachteten, was die reine Menschlichkeit, der Humanismus\nder Mozart'schen Periode ans Licht gebracht, jene unver-\ngänglichen Bilder tiefer Liebe und wahrer Schönheit. Um\nnun über der heiligen Liebesschönheit ein neues, noch\nnicht da gewesenes Zeit-Ideal empor zu thürmen, erfand\nman nebst Titanismus und Dämonismus die tendentiösen\nUngeheuer, um welche jetzt der Streit schwebt. Hier han-\ndelt es sich aber um ethisch poetische Principien, deren\nUebertragung in die Ton weit doch nicht so leicht ist, wie\nzuweilen angenommen wird; und dennoch ist man mit\ntendentiösen Anwendungen leicht fertig, um danach den\nkünstlerischen oder zeitlichen Werth abzumessen.\nMit Recht hebt Reissmann als Schumann's Eigengabe\nhervor: die phantastisch zauberische Art, das, was bestrickt\nund berückt (S. 57 und öfter), und dieses ist denn wohl\neminent romantisch zu nennen. Allerdings ist diese Gabe\nihm und Chopin unter allen Neueren vorzüglich gegeben,\ndoch bleibt die Frage, ob das ihr substantielles Centrum\noder nur sporadische Blitze ihres Genius sind: eine tie-\nfere Untersuchung würde bald darthun, ob diese ganze\nRichtung eine centrale oder peripherische ist. Chopin's\nheimatloses Sehnen thut sich in allen seinen Werken kund,\nmehr düster als heroisch, während er sonst an genialer\nSelbständigkeit allen Zeitgenossen voransteht; Schumann\nhat das ruhelose, selbstquälerische Schweifen, die hypo-\nchondrische Wühlerei in Töne gebracht: beides ist natur-\ngemäss eher den Instrumenten als den Menschenstimmen\nanzuvertrauen. Wie anders jedoch diese Ruhelosigkeit ge-\ngen die unerschöpflich strömenden Tonquellen in S. Bach's\nhöheren Instrumentalien: auch sie scheinbar rastlos, ohne\nAnhalt zum Besinnen, und doch abschliessend und erfül-\nlend; sollte hier der Gegensatz Classisch-Romantisch fühl-\nbar sein?— Reissmann unterlässt es, hier das letzte Wort\nzu sprechen, zielt aber darauf hin, Schumann eine welt-\nhistorische Stellung mit Nothwendigkeit anzuweisen (34,\n228, 232).\nDie moderne Lehre von Missionen, Nothwendigkeiten\nund dergleichen, obwohl fast schon überwundener Stand-\npunkt, wird doch nicht aufhören, gläubige Scharen gefan-\ngen zu führen, so lange es sehnende, irrende Jugend gibt;\nfreilich gehört Glaube dazu, stärker, als man an an-\nderen Gläubigen verspottet, um sich in gewisse Stand-\npunkte einzuwohnen und aufs Haar zu wissen, welche\nStelle dem Individuum im Weltenplane gebühre, daher\nsogleich zu erkennen, ob das Neue neu ist, oder alte Fetzen,\nmit neuem Flitter vergoldet. Die eigentliche Kunstfrage\nwird sich am letzten Ende, sei es auch erst im Zeugnisse\nder zu früh beschworenen Zukunft, doch durchsetzen: ob\ndas Kunstwerk, wie es von Anfang war, Abbild vergan-\ngener und Vorbild künftiger Herrlichkeit sei, ein Welt-\nspiegel, um das niedere Leben zu erhöhen und zu beseli-\ngen, oder ob es Vergängliches darstelle von unten her und\nden Fanatismus der Hässlichkeit nicht scheuen dürfe, gleich\nden mongolischen Götzenbildern. Ueber Wahrheit und\nNothwendigkeit des Schönen hat Schelling's Einleitung\nzur Aesthetik längst das Gültige gesagt, und kürzlich erst\nA. Reichensperger in der köstlichen Schrift: „Die Kunst\nJedermann's Sache\" (Frankfurt, 1865), ausgesprochen,\nwas dem Kunstleben Gesundheit und Freiheit gewähre.\nWir getrauen uns nicht, über die nachbeethove'n'schen\nTonkünstler das letzte Wort der Nothwendigkeit bereits\ngefunden zu haben, glauben aber den drei vorzüglichsten,\nwo nicht centrale und ewige Bedeutung, doch die richtige\nStellung zuzuschreiben, wenn wir Chopin's phantastische\nUrsprünglichkeit, Schubert's weltförmige Gestaltung\nvocaler Schönheit, Schumann's instrumental schwär-\nmende Versunkenheit mit ethischer Färbung für die we-\nsentlichsten Aeusserungen des Zeitgeistes erkennen. Im\nGrunde stimmt Reissmann mit unserer Auffassung zusam-\nmen.— Das Biographische anlangend, hätte er wohl auf das\nwundersame Ehebündniss mehr Gewicht legen können,\nals er gethan. Denn es ist unzweifelhaft, dass Clara Schu-\nmann nicht allein die vollkommenste Darstellerin seiner\nhellen und dunklen Träume gewesen, sondern auch in\nKraft wahrer Liebe und hoher Weiblichkeit ihm den rech-\nten Halt in Leben und Kunst gewährt, ja, über sein trau-\nriges Ende hinaus den Ruhm seines Namens erhöhet hat.\nWer ihr lebendiges Bild vor Augen gesehen, erinnert sich\nwohl der nicht äusserlich blendenden, aber innerlich be-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "293", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650916-01.1.5", "texte": "rückenden Anmuth ihrer edlen Gestalt, deren Blick sich\nwiederspiegelt in den Liedern aus dem „Liebesfrühling\"\n(Schumann, Op. 37, N. 4, 11, Reissmann, P. 88), wo\ndeutsche Innigkeit und römische Gluth in einander wirken,\nklarer und ergreifender, als manche berühmte Lieder von\nweisen Meistern das vermögen.\n\nE. Krüger.\n\nNachricht von einem in Thüringen gefeierten\nseltenen Musikfeste\n\n*).\nAm 20. und 21. Juni dieses Jahres feierte man der\nTonkunst in der vier Stunden von Sondershausen liegen-\nden schwarzburg-rudolstädtischen Stadt Frankenhausen\ndurch Aufführung der „Schöpfung\" von Haydn und eines\ngrossen Concertes, im Vereine von mehr als hundert Sän-\ngern und mehr als hundert Instruraentisten ein sehr ehren-\nvolles Fest, ein Fest, eben so merkwürdig durch die so\nglücklich überwundenen mannigfaltigen Schwierigkeiten\nbei Veranstaltung des Ganzen, als durch den hohen Grad\nder Vortrefflichkeit, mit der hier auf Tausende von Zuhö-\nrern von mehr als zwanzig Meilen im Umkreise gewirkt\nwurde. Der Herr Cantor Bischoff zu Frankenhausen,\nein junger, thätiger und für Musik glühender Mann, der\nschon im Jahre 1804 mit Hülfe seiner Nachbarn und eini-\nger Mitglieder der herzoglich gothaischen Capelle, unter\nder Direction der Herren Concertmeister Fischer aus Er-\nfurt und Ernst aus Gotha, die „Schöpfung\" mit etwa acht-\nzig Sängern und Instrumentisten zur allgemeinen Zufrie-\ndenheit der Zuhörer in dasiger Hauptkirche aufgeführt\nhatte, fühlte sich dadurch aufgemuntert, dies grosse Kunst-\nwerk noch einmal durch 200 Sänger und Instrumentisten\nzu geben. Lange hinderten Hin- und Herzüge fremder Völ-\nker die Ausführung seines Vorhabens. Endlich wagte er\nes bei der gegenwärtig scheinbaren Ruhe in Deutschland,\nsein Vorhaben auszuführen. Er besuchte desswegen schon\nvor einiger Zeit Weimar, Gotha und Erfurt, in mehrere\nStädte wurden schriftliche Aufforderungen geschickt, und\naller Orten fanden seine Einladungen ein geneigtes Ohr,\nso dass sich am 19. Juni früh zur Probe bereits 101 Sän-\nger und 106 Instrumentisten, grösstentheils aus Thürin-\ngen, eingefunden hatten.\nUnter den Instrumentisten befanden sich 20 Künstler\naus Gotha nebst ihrem berühmten Director, Herrn Con-\ncertmeister Spohr, die übrigen aus Weimar, Ballenstädt,\nRudolstadt, Sondershausen, Leipzig, Erfurt und aus 17\nanderen thüringischen Städten, theils Tonkünstler und Ca-\npellisten, theils ausgezeichnete Dilettanten und zum Theil\nVirtuosen vom ersten Range.\nDie Sänger hingegen bestanden ausser den drei Solo-\nsängern, mehreren braven Dilettanten aus Halle, Erfurt,\nLeipzig u. s. w. grösstentheils aus einer Auswahl der be-\nsten und geübtesten Choristen aus den thüringen'schen\nStädten.\nDaraus ergab sich nachstehender Bestand: Director:\nHerr Concertmeister Spohr; Sopran-Solo: Mad. Scheid-\nler aus Gotha; lenor-Solo: Herr Kammersänger Meth-\nfessel aus Rudolstadt; Bass-Solo: Herr Kammersänger\nStromeyer aus Weimar. Orgel: Herr Concertmeister\nFischer und Herr Prof. Scheibner, beide aus Erfurt;\nFlügel: Herr Capellmeister Krille aus Stollberg. Chor-\nDirector: Herr Cantor Bischoff in Frankenhausen.\nChor: Sopran 28, Alt 20, Tenor 20 und Bass 30 Cho-\nristen.—42 Violinen, an deren Spitze die Herren Malthäi\naus Leipzig, Preysing aus Gotha, Eberwein aus Rudolstadt,\nKreibe aus Ballenstädt, Rose aus Quedlinburg u. s. w. 12\nBratschen, an deren Spitze Herr Organist Voigt aus Leip-\nzig. 11 Violoncelle, an deren Spitze Herr Dotzauer aus\nLeipzig, die Herren Preysing und Rode aus Gotha, Herr\nMüller aus Rudolstadt, zwei Herren Schrödel aus Ballen-\nstädt, lauter vorzügliche Künstler, u. s. w. 9 Contrabässe,\nan deren Spitze der würdige Herr Wach aus Leipzig mit\neinem der grössten dieser Instrumente von Hunger's Arbeit,\nHerr Dr. Nicolai aus Rudolstadt, Herr Schade aus Gotha\nu. s. w., lauter Meister ihres Instrumentes. 4 Clarinetten,\nan deren Spitze Herr Musik-Director Hermstedt aus Son-\ndershausen. 4 Flöten, an deren Spitze Herr Müller aus\nLeipzig, Herr Mende aus Gotha. 4 Hoboen. 4 Fagotte.\n1 Basshorn. 4 Horner. 3 Trompeten. 3 Posaunen. Pau-\nken: Herr Berg-Assessor Hachmeister aus Clausthal und\nder würdige Herr Musik-Director Rose aus Quedlinburg.\nDieses Orchester gab also nach einer am 19. Juni\ngehaltenen Probe am 20. Nachmittags die „Schöpfung\"\nund den 21. Vormittags ein grosses, glänzendes Concert\nin Frankenhausen, beides in der dasigen wohlgebauten\nund heiteren Hauptkirche, wo sich keine plumpen Pfeiler\ndem Auge entgegenstellen und die Umsicht hemmen.\nDas Orchester nahm vor und unter der Orgel die ganze\nBreite der Kirche auf einer stufenweisen Erhöhung ein.\nAuf der oberen Orgel-Galerie nahmen die Choristen die\nBreite der Kirche ein, so dass der Herr Cantor Bischoff\nals ihr Anführer in der Mitte über Herrn Spohr stand.\nDiese zweckmässige Stellung, wobei jeder Platz genug\num sich und den Director beständig vor Augen hatte, trug\nunstreitig nicht wenig zu der nach einer einzigen Probe\ngelungenen Ausführung so grosser, zum Theil neuer und\nhöchst schwieriger Kunstwerke bei, wie besonders am\n\n*) Auszug aus einem gleichzeitigen Berichte (1810) von E. L*\nGerber über das erste deutsche Musikfest."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "294", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650916-01.1.6", "texte": "zweiten Tage aufgeführt wurden. Dies waren: 1. Eine\ngrosse, neue Ouvertüre fürs ganze Orchester (auch mit\nPosaunen) von Herrn Spohr. 2. Eine grosse italiänische\nScene für Bass von Righini, welche Herr Stromeyer sang.\n3. Ein neues, von Herrn Spohr ausdrücklich für dieses\nFest geschriebenes welches Herr\nMusik-Director Hermstedt vortrug.\" Hierauf machte 4. Herr\nConcertmeister Fischer auf der vollen Orgel eine kunst-\nvolle Einleitung zum 5. letzten Chor aus Haydn's „Jah-\nreszeiten\", welcher unmittelbar darauf folgte. Nach einer\nPause folgte 6. ein Doppel-Concert für zwei Violinen, eben-\nfalls von Herrn Spohr's origineller Arbeit, durch Herrn\nSpohr selbst und Herrn Matthäi vorgetragen. Hierauf 7.\nein grosses Rondo aus einem Concerte, D-dur, von Herrn\nBern. Romberg, durch Herrn Dotzauer's kunstvollen Vor-\ntrag. 8. Die Symphonie aus Cvon Beethoven, welche\nden Beschluss des Ganzen machte.\nIch erlaube mir, von dem Effecte Rechenschaft zu ge-\nben, welchen diese Künstler und Kunstwerke, aber frei-\nlich nur nach einmaligem Hören, auf mich gemacht ha-\nben, weit entfernt, diese Rechenschaft als allgemeines Ur-\ntheil geltend machen zu wollen.\nDas Erste betrifft Herrn Spohr's Direction mit der\nPapierrolle, ohne alles Geräusch und ohne die geringste\nGrimasse. Man möchte sie eine graziöse Direction nennen,\nwenn dieses Wort ausser dem gefälligen Anstände auch\ndie Bestimmtheit und Wirksamkeit seiner Bewegungen auf\ndie ganze ihm und sich selbst fremde Masse ausdrückte.\nDiesem glücklichen Talente des Herrn Spohr schreibe ich\nden grössten Theil der Vortrefflichkeit und Präcision so-\nwohl in der erschütternden Gewalt wie dem sanften An-\nschmiegen des zahlreichen Orchesters an die Sänger beim\nVortrage der „Schöpfung\" zu.\nDie für eine grosse Kirche geeignete, volltönende und\ndoch auch biegsame Stimme der Mad. Scheidler, der aus-\ndrucksvolle Vortrag des in der Kunst erfahrenen Herrn\nMethfessel, die herrliche Bassstimme des Herrn Stromeyer,\nunstreitig die schönste, die ich je gehört habe, vom contra\nD bis zum eingestrichenen G, durchaus beides, kräftig und\nangenehm, ohne Knarren in der Tiefe und ohne Nasen-\ntöne in der Höhe, und ausgebildet aufs vollkommenste,\nwovon er nicht nur beim Vortrage der „Schöpfung\" und\nder Scene von Righini, sondern auch und vornehmlich in\nseinen Fermaten so grossen, edlen, durchaus dem Charak-\nter der Bassstimme gemässen Gebrauch zu machen ver-\nstand, und womit er noch eine deutliche Aussprache so-\nwohl des Italiänischen als des Deutschen verband: diese\ndrei Solosänger, im Vereine so vieler ausgezeichneten Vir-\ntuosen an der Spitze jeder Stimme, wo Jeder freiwillig\nund mit Lust sang oder spielte, machen mir die Versiche-\nrung leicht, dass diese Ausführung der „Schöpfung\" die\nkräftigste, ausdrucksvollste, mit Einem Worte gelungenste\nwar, der ich je beigewohnt habe.\nDie Orgel war nur unter mehreren Chören hörbar,\nman fühlte, wie das ganze Orchester bebte. Wahrschein-\nlich wurden bloss die sechszehnfüssigen Stimmen zur Un-\nterstützung der Orchester-Bässe gebraucht.\nDie Ouvertüre, womit am folgenden Tage das Con-\ncert anhub, gehört im eigentlichen Verstände unter die\nKunststücke im Moduliren. Fast mit jedem neuen Tacte\ndrängt ein Inganno das andere, so dass sie als eine zusam-\nmenhangende Reihe von Studien in der Modulation ange-\nsehen werden kann. Wahrscheinlich bezieht sich diese Un-\nruhe, dieses Schwanken auf den Inhalt der Alruna, zu wel-\nchem Drama sie geschrieben sein soll. So gewiss aber\ndiese Ouvertüre vor dem Theater von grossem Effecte sein\nkann, so schien sie als Concertmusik doch den Eindruck\nnicht zu machen, den man von der Ausführung eines so\nbraven Orchesters erwarten durfte. Dies lässt sich nicht\nanders erklären, als durch eine Musik, welche das Ohr bis\nzum Ende in seinen Erwartungen täuscht und nie befrie-\ndigt. Lauter krumme, mitunter rauhe Wege, welche zu\nkeinem Ziele, zu keiner Ruhe und zu weiter keinem Ge-\nnüsse führen, und wodurch der Componist bloss den Ver-\nstand des Zuhörers beschäftigt, ermüden zuletzt.\nDie durch Herrn Stromeyer vorgetragene grosse Scene\nvon Righini versetzte die ganze Versammlung in Enthu-\nsiasmus. Das hierauf von Herrn Musik-Director Hermstedt\nvorgetragene Clarinett-Concert aus jvon Herrn Spohr\ngehört unstreitig zu den vollendetsten Kunstwerken dieser\nArt. Eine grosse und brillante Behandlung des concerti-\nrenden Instrumentes, verbunden mit einer ganz originellen\nBehandlung des Orchesters, wo gleichsam jede Stimme,\nselbst die Pauke, obligat ist, berechtigt zu dieser hohen\nStelle. Die herrliche Ausführung machte dem Compo-\nnisten, dem Concertisten, so wie dem Orchester sehr viel\nEhre; auch brachte sie Tausende von Händen der Zuhö-\nrer in lebhafteste und anhaltende Bewegung.\nHierauf überraschte der Herr Concertmeister Fischer\ndas Orchester, so wie das Auditorium nicht wenig, indem\ner mit der vollen Orgel einfiel, um den nun folgenden gros-\nsen Schluss-Chor aus C-dur einzuleiten. Diese neue Art\nvon Musik, wovon in der Probe nichts gehört worden\nwar, seine künstliche Verkettung der Stimmen, seine har-\nmonischen Wendungen und seine meisterhaften Modula-\ntionen machten jedes Mitglied des Orchesters und die Zu-\nhörer doppelt aufmerksam.\nNach einer Pause gewährten uns Herr Spohr und\nHerr Matthäi durch die vollendete Ausführung eines Dop-\npel-Concertes von Herrn Spohr die beglückendsten Genüsse"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "295", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650916-01.1.7", "texte": "in immer wechselnder Bewunderung, Erstaunen und\nFreude. Vor Allem bewundernswerth war das Adagio\ndieses Meisterwerkes, in welchem man nach einem Trio\nvon zwei Violoncellen und einem Contrabasse ein Quadro\nin gezogenen und gebundenen Harmonieen, gleichsam als\nvon einer Harmonica hörte; aber alle Arme ruhten, und\nnur die Bogen der Herren Spohr und Matthäi waren es\neinzig und allein, welche dieses Quadro hören liessen.\nDie Symphonie aus C-dur von Beethoven machte den\nSchluss, unstreitig seine gefälligste und populärste. Sie\nwurde unverbesserlich, mit Liebe, Feuer und höchster\nPräcision vorgetragen. Einen besonderen, unbeschreiblich\nsüssen Genuss gewährte dabei das Corps der Bläser in dem\nTrio der Menuette. Das Ohr glaubte die Töne einer höchst\nreinen Harmonica zu hören. Ein anhaltendes und allge-\nmeines Applaudissement bewies den Dank und die Zufrie-\ndenheit des Auditoriums mit der Wahl der aufgeführten\nMeisterwerke und mit der Ausführung der dazu vereinig-\nten Künstler.\nWenn oben von den glücklich überstandenen Schwie-\nrigkeiten des Herrn Unternehmers, sowohl in der Veran-\nstaltung für die geistige als für die leibliche Unterhaltung\nseiner so zahlreichen Gäste die Rede war, so scheint es\nPflicht zu sein, auch über letztere noch Einiges beizubrin-\ngen. Sie war in solch einem kleinen Oertchen gewiss keine\nKleinigkeit.\nDie hundert Choristen waren in verschiedene Gasthöfe\nvertheilt, wo sie Beköstigung und Nachtlager fanden. Die\nsämmtlichen Virtuosen, Sänger und Dilettanten hingegen\nfanden ihr Absteige- und Nachtquartier in anständigen\nPrivathäusern. Um aber diesen aus so entfernten Gegen-\nden versammelten braven Musikfreunden den Genuss ihres\nVereins aufs möglichste zu erleichtern und zu verschönern,\nhatte Herr BischofF sein unmittelbar hinter dem Hause\nliegendes Blumengärtchen aufgeopfert und es in einen\nSpeisesaal umwandeln lassen. Der zu diesem Zwecke er-\nrichtete Salon war mit jungem Grün ausgeschmückt, des-\nsen Zweige der Gesellschaft freundlich entgegenwinkten.\nIn diesem Saale waren die Tafeln aufgestellt und wurde\nservirt. Es war eine Freude, mit anzusehen, wie sich hier\nso viele wackere, zu einem und demselben Zwecke froh\nvereinigte Künstler und Kunstfreunde zu Allem gemein-\nschaftlich zusammenfanden, zur beglückenden Arbeit aus-\nzogen, von dieser zum heiteren Genüsse sich wieder sam-\nmelten und namentlich auch mit unverkennbarer, herz-\nlicher Theilnahme dem grossen Vater Haydn, dem treff-\nlichen Spohr und mehreren anderen vorzüglichen Künst-\nlern ihre Dankopfer bei vollen Gläsern darbrachten. Ge-\nwöhnlich wurde das Vergnügen an den Abendtafeln noch\ndurch munteren und schönen Gesang erhöht.\nDa jeden dieser Tage die schönste Witterung begün-\nstigte, so war in beiden Aufführungen die grosse Kirche\ngedrängt voll, grösstenteils von Fremden, die bis auf\nzwanzig Meilen im Umkreise herbeigeströmt waren. Selbst\ndie Kanzel war mit Damen und Herren angefüllt. Dies\nlässt hoffen, dass Herr Dischoff wenigstens für seine nros-\ni i ■* ■\nsen Auslagen gedeckt sei.\n\nE. L. Gerber.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nMan schreibt aus Berlin: „Am Samstag hatte die Aufführung\nvon Rossini's Teil das Opernhaus bis auf den letzten Platz gefüllt.\nDie trefflich besetzte und gegebene Oper entbehrt zwar nie zahlrei-\nchen Besuches, allein das erste Auftreten des Herrn Wachtel hatte\ndenselben last verdoppelt und namentlich die anwesenden Fremden\nangelockt. Nächst dem Postillon gilt Arnold für Herrn Wachtel's\nglänzendste Partie; der Sänger unterliess denn auch nicht, seine\nStimme und Bravour in das hellste Licht zu stellen. Den drei gros-\nsen Nummern, in denen die Partie Arnold's gipfelt, folgte wieder-\nholter Herausruf, ja, ein Theil der Enthusiasten schien gewillt zu\nsein, sowohl das Duett mit Mathilde, als auch das berühmte Män-\nner-Terzett des zweiten Actes wiederholen zu lassen, wurde jedoch\ndurch die einsichtigere Mehrheit besänftigt.\"\nDer König von Hannover hat das Engagement einer italiäni-\nschen Opcm-Gesellschaft iür den nächsten Winter angeordnet. Die-\nselbe wird nebst anderen Opern auch die vom Könige componirte\nOper: „Der Eremit von Peloponnes\", aufführen.\nDer Herzog von Nassau hat dem Violin-Virtuosen Ole Bull\ndas Ritterkreuz des nassauischen Verdienst-Ordens verliehen. —Ro-\nbert Heller in Hamburg hat vom Grossherzog von Weimar das\nRitterkreuz des t alken-Ordens erster Classe als Anerkennung seiner\nliterarischen Leistungen erhalten.\nHof-Capellmeister Jean Bott in Meiningen ist zum Capell-\nmeister des königlich hannoverschen Hoforchesters und Hoftheaters\nernannt worden, und wird derselbe in seiner Function dem könig-\nlichen Hof-Capellmeister Fischer gleichgestellt werden. Ausserdem\nhat Herr Bott noch die Verpflichtung übernommen, in einigen Abon-\nnements- und Hof-Concerten, die er abwechselnd mit Hof-Capell-\nmeister Fischer dirigiren wird, Solo zu spielen. Sobald Herr Bott\nseine Entlassung vom Herzoge von Meiningen erhalten haben wird,\nbeabsichtigt er sogleich seinen neuen Dienst anzutreten.\nIn Stuttgart tritt auf königlichen Befehl eine Orchesterschule\nzur Heranbildung tüchtiger Orchester- und Solospieler für die Hof-\ncapelle ins Leben. Den Unterricht erhalten die Zöglinge unentgelt-\nlich und werden desshalb bloss aus der Zahl der besonders befähig-\nten jungen Leute genommen, welche das sechszehnte Lebensjahr\nüberschritten haben. Auch ist dort jüngst die Concession zu\neinem neuen Volkstheater ertheilt worden.\nWien. Die alljährige Penelopen-Arbeit im Operntheater ist\nauch bereits in dieser Saison mit bewundernswerther Consequenz in\nAngriff genommen worden. Hiller's „Deserteur\" wurde zur Auf-\nführung angenommen, ausgetheilt, studirt und zurückgelegt.\nJetzt wird mit Langert's „Des Sängers Fluch\" wahrscheinlich\ndiese Uebung im Fortschreiten mit einem Schritt vor und zwei zu-\nrück fortgesetzt werden. In zwei Monaten wird es heissen; „Wegen"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "296", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18650916-01.1.8", "texte": "der Vorbereitungen für die „„Africanerin\"\" muss die bereits halb\nstudirte Oper Langert's für diese Saison zurückgelegt werden.\"\nDann wird man mit grosser Anstrengung die „Africanerin\" in der\nletzten Woche der Saison herausbringen, und während der ganzen\nfrüheren Zeit wird der alte „Waffenschmied\" als einzige Novität im\nRepertoire glänzen. Und dies alles geschieht ganz ohne Zauberei,\nes ist pure, reine Geschicklichkeit,\nDer Tenorist Herr Brunner hat sein Gastspiel bereits am ver-\nflossenen Sonntag begonnen, wie bereits gemeldet, als Lyonel und\nsoll trotz sichtlicher Befangenheit eine ehrenvolle Aufnahme gefun-\nden haben.\nHerr Ferdinand Laub wird auch in der bevorstehenden Sai-\nson einen Cyklus von acht Quartett-Productionen in Wien geben.\nDa Herr Laub sich nach Moskau begibt, dürfte dies für längere\nZeit sein letztes Auftreten in Wien sein.\nHerr Uli man, der Impresario der Patti-Concerte, weilt seit\neinigen Tagen in Wien, um die letzten Arrangements für seine im\nNovember dort Statt findenden sechs Concerte zu treffen. Ausser\nCarlotta Patti hat Herr Ullman, wie wir hören, folgende Künst-\nler für seine dortigen Concerte bereits engagirt: für das Streich-\nQuartett: Vieuxtemps, Hellmesberger, Auer, Piatti; fürs\nCiavier Alfred Jaell, Brassin; für Gesang: Roger, Gunz;\nfür Declamation: Frau Nie man n- S eebach. Die Concerte werden\nin dem eigens hierzu adoptirten.Dianasaale Statt finden; die Preise\nsind von 4—l Fl. 50 Kr. festgesetzt.\nHerr Erasmus Laub, Vater des bekannten Violin-Virtuosen\nFerdinand Laub, ist dieser Tage, 72 Jahre alt, in Prag gestorben.\nC*eilt, 10. Sept. Vor einigen Tagen wurde in der hiesigen\nSt. Martinskirche eine neue Orgel eingeweiht, welche als ein her-\nvorragendes Erzreugniss deutscher Orgelbaukunst die vollste Aner-\nkennung verdient. Sie ist aus der Fabrik der Gebrüder Ibach in\nBarmen hervorgegangen und besteht aus zwei Claviaturen mit zwan-\nzig Registern, einem freien Pedal mit sechs Registern und vier Ne-\nben-Registern. Herr Capellmeister Breunung aus Aachen war ein-\ngeladen worden, die ersten Vorträge vor einem gewählten und ur-\nteilsfähigen Publicum auf der neuen Orgel zu halten. Durch sein\nwahrhaft künstlerisches Spiel wurden die Erwartungen, welche man\nnach seinem schon vorher abgegebenen Urtheile über die Vortreff-\nlichkeit der Orgel hegen konnte, noch bei Weitem übertroffen. Herr\nBreunung trug nur Werke deutscher Meister von Bach, Mendels-\nsohn, Schumann und Mozart vor, namentlich aber war es eine\nFuge des alten Bach, welche ganz besonders ansprach, und der tiefe\nEindruck, den die ernste Richtung der deutschen Kunst auf das\nmehr den französischen Einflüssen zugängliche belgische Publicum\nim Allgemeinen machte, war gar nicht zu verkennen, was um so\naugenfälliger hervortrat, als sich ein namhafter französischer Orga-\nnist an die Orgel setzte, dessen Spiel, gegenüber den meisterhaften\nVorträgen des Herrn Breunung, die Zuhörer nicht zu fesseln ver-\nmochte. Die Gebrüder Ibach haben in dieser Orgel ihr erstes Werk\nnach Belgien geliefert und, wie wir annehmen dürfen, ihren Ruf im\nhiesigen Lande damit begründet."}]}