{"numero_id": "bm-bmtnabi-1865-10-07-01", "volume": "bmtnabi_1865-10-07_01", "ocr_sha256": "70b39b6809798b2e706c2c6bca4967b4cb05a9902c100c24519d9c44a954355b", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1865/10/07_01/bmtnabi_1865-10-07_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18651007-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1865-10-07-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1865-10-07_01#c001", "volume": "bmtnabi_1865-10-07_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "313", "page_fin": "313", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18651007-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "313", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18651007-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 325, "texte": "Inhalt.\nDas Verhältniss der Wissenschaft zur Musik. Von Alb. Hahn. 11. Adelina Patti (Lebensskizze). Das Musikfest\nin Brüssel am -26. September 1865. Tages- und Unterhaltungsblatt (Die Quartettspieler Gebrüder Müller aus Meiningen Frau\nWilhelmine Szarvady-Clauss Mülheim an der Ruhr, Concert-Aufführung Chicago, Karl Formes)."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1865-10-07-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1865-10-07_01#c002", "volume": "bmtnabi_1865-10-07_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "313", "page_fin": "316", "image_debut": 1, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18651007-01.2.2", "titre_corps": "Dag Verhältniss der Wissenschaft zur Musik.", "titre_sommaire": "Dag Verhältniss der Wissenschaft zur Musik.", "signature_source": "Alb. 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Wir sehen des-\nsen ganze Masse vermittels der Knöchelchen in Schwin-\ngungen versetzt, die am ovalen Fenster der einen beweg-\nlichen Begränzungs-Oeffnung, erregt durch eine andere,\nwieder ausschwingen, und erkennen in dieser Masse ein\ntrennendes Häutchen, die so genannte mittlere Treppe,\nwelche, von den Schwingungen mit ergriffen, nach Koel-\nliker ungefähr 3000 von den durch Corti entdeckten Bö-\ngen enthält, deren Construction ganz geeignet ist, von Tö-\nnen bestimmter Schwingungs-Anzahl in Mitschwingung\nversetzt zu werden. Da diese Bögen mit den Enden der\nNerven, welche aus dem Gehirn kommen, in Verbindung\nstehen, so ist es mehr als wahrscheinlich, dass diese Bögen\nein jeder einer bestimmten Tonhöhe entsprechen und mit\nanklingen, sobald deren Schwingungs-Verhältniss in dem\neindringenden Wellen-Systeme, d. h. in der Summe aller\nerregten Wellen enthalten ist. So sehen wir aus der Summe\nder einzelnen Töne den Klang entstehen, der im Ohre\nwieder durch den physiologischen, eben beschriebenen\nApparat zerlegt und dem Kopfe zugetragen wird. Es\nnimmt der Geist also auch nicht den Klang als ein con-\ncretes Ganzes wahr, sondern er überschaut wiederum alle\nTbeile desselben einzeln. Dieser Vorgang ist freilich den\nMeisten nicht bewusst, der Künstler aber, dessen Können\nvon dem Bewusstsein über die Mittel seiner Kunst wesent-\nlich bedingt ist, erbält durch diese Theorie den Abschluss\nfür die grosse Summe der bereits gemachten, für ihn\nhöchst wichtigen Untersuchungen über die Klangfarben,\nderen Grundgedanken wir möglichst kurz darzustellen\nversuchten.\nDer Hauptinhalt der für die Musik wichtigen physio-\nlogischen Untersuchungen besteht in der Nachweisung\ndessen, was dem Ohre angenehm und weniger wohlthuend,\nunangenehm und schliesslich unerträglich ist. Wie Curven\naddirt werden, wenn zwei Wellen-Systeme zugleich erregt\nwurden und ein drittes sich aus ihnen zusammensetzt, ha-\nben wir oben erläutert; treffen von zwei gleichen Curven\nBerg auf Thal, so wird die Curve zu einer geraden Linie,\nso verschwinden die Wellen und müsste statt des doppel-\nten Tones Ruhe eintreten. Diese Interferenz-Erscheinung\nkann man an gedackten Orgelpfeifen, Stimmgabeln, wo\ndie Wellen der einen Zinke die der anderen in gewissen\nRichtungen aufheben, was leicht wahrzunehmen ist, wenn\nman die Gabel vor dem Ohre herumdreht, beobachten,\nund hat Helmholtz eine Doppel-Sirene construirt, welche\nsie am deutlichsten herstellt. Findet die Interferenz des\nSchalles nicht absolut Statt, so kann sie darum doch theil-\nweise eintreten, d. b.: wird der Schall nicht ganz aufge-\nhoben, so kann der Fall sich begeben, dass zwei Wellen-\nSysteme sich zeitweise durch ihre Zusammensetzung ver-\nstärken, d. h. höhere Berge und tiefere Thäler bilden,\nzeitweise verringern. Dann wird der Ton auch in abwech-\nselnder Stärke wahrnehmbar werden und stossartig an-\nschwellen und abnehmen. Dergleichen ungleichmässige\nErregungen der Sinnesthätigkeit sind anstrengender und\nweniger angenehm, wie wir das beim Sehen, ohne darauf\naufmerksam gemacht zu werden, wahrnehmen. Sie finden"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "314", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18651007-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5522, "texte": "Statt bei flackerndem Lichte, wenn wir an Gitterzäunen\nvorbeigehen, durch deren Zwischenräume die Sonnen-\nstrahlen unser Auge treffen, wenn die Oeffnungen von\nGasröhren sich zeitweise verengen, wenn zerrissene Wol-\nken vor der Sonne vorbeigetrieben werden, und in ähn-\nlichen Fällen. Helmholtz nennt diese partiellen Interferen-\nzen des Schalles Schwebungen. Sie können aber nicht nur\ndurch die Grundtöne und Obertöne, welche die Klänge\nbilden, entstehen, sondern auch durch die Combinations-\ntöne, welche aus der Combination von den in den Klän-\ngen enthaltenen Tönen ihr Dasein herleiten. Hat ein Ton\nnämlich 100 Wellen, ein anderer 300, so bildet sich aus\nihren Systemen ein drittes, das nicht nur jene beiden, son-\ndern auch die Töne von 200 und 400, der Differenz und\nder Summe von 100 und 300 hören lässt. Diese Töne\nheissen Differenz- oder Summationstöne, je nachdem sie\ndurch Subtraction oder Addition entstanden sind. Die letz-\nteren sind sehr schwach, die ersteren aber von grosser\nStärke, wie das leicht bei den Zungenregistern und den\nSaiten-Instrumenten zu hören ist, daher auch ein Organist\nund ein Violinspieler, Sorge und Tartini, sie zuerst\nentdeckten. Man hat nur Töne, die in einem möglichst\nrationalen Zahlen-Verhältnisse zu einander stehen, gleich-\nzeitig erklingen zu lassen, um sie deutlich wahrzunehmen.\nFür den Violinspieler sind sie häufig störend, bieten aber\nauch zum Reinspielen heutiger Zeit, wo die temperirte\nStimmung nicht nur das Gehör der Pianisten und Orgel-\nspieler ganz beherrscht und verbildet hat, sondern auch\ndie Sänger und die Instrumentalisten, welche den Ton in\nbeliebiger Höhe hervorbringen können, das Gefühl für die\nphysikalisch reinen Intervalle verloren haben, einen An-\nhalt zur Wiedergewinnung des Gehörs, wie es die Sänger\nund Spieler früherer Zeit besassen, welche mit der Zau-\nbergewalt der Töne Wunder verrichteten, die von unseren\nZeitgenossen in das Reich der Fabel gewiesen werden.\nFreilich war es damals kein Verdienst, natürlich rein die\nIntervalle zu nehmen, denn die temperirten, einer höhe-\nren geistigen Herrschaft zu Liebe angenommenen falschen\nwaren noch unbekannt, und es wird jetzt ein um so grös-\nseres sein, wenn es geschieht. Ein seltenes ist es gewiss,\ndenn nur ausnahmsweise sind alle Mitglieder eines En-\nsemble-Gesanges, resp. Chors und einer Streichmusik, ge-\nschweige Orchesters so begabt, dass sie von selbst die\nAccorde natürlich abstimmen; doch kommt es vor, na-\nmentlich bei Chören, die von fein hörenden Dirigenten\neinstudirt, und bei Streich-Quartetten, die von ausgezeich-\nneten Spielern gespielt werden. Im letzteren Falle hat so-\ngar die Wissenschaft den Beweis dafür angetreten und\naus der Berechnung der Curven das Gesagte bewiesen.\nIn der Wirklichkeit übt diese Kunst des natürlich Rein-\nspielens eine Macht, die durch wissenschaftliche, planmäs-\nsige Pflege auf den musicalischen Bildungs-Anstalten viel\nallgemeiner entwickelt werden müsste. Joachim und die\nJenny Lind verdanken ihre ungeheuren Erfolge neben den\nanderen vorzüglichsten Eigenschaften ihrer Leistungen der\nvielleicht nicht einmal hewussten und nur vermöge genia-\nler Selbstbestimmung herausgefühlten natürlichen Rein-\nheit der Intervalle. Die natürlichen Intervalle haben einen\nWohlklang, der so viel angenehmer und wohlthuender\ndas Ohr berührt, dass ein jedes musicalisches Gehör die-\nselben nicht nur augenblicklich von den temperirten als\nsehr zu ihren Gunsten abweichend herauserkennt, sondern\nsich unzweifelhaft für sie erklären wird; und wir begrei-\nfen die heftigen und unablässigen Fehden, mit denen sich\ndie Anhänger der reinen und der temperirten Stimmung\nlange Zeit gegenüberstanden, bei einem solchen Vergleiche\nsehr wohl. Es sind die Schwebungen für alle Intervalle\nberechnet, und eine graphische Darstellung der Rauhig-\nkeiten der Intervalle liess sich danach liefern, indem man\nauf einer geraden horizontalen die chromatische, tempe-\nrirte Tonleiter nach ihren Schwingungszahlen abtrug und\nnun darüber die Zahl der Schwebungen durch proportio-\nnale Abstände bezeichnete. Das Auge übersieht hier leicht,\ndass unsere Intervalle sehr verloren haben. Eine solche\nZeichnung ist ein vortreffliches Hülfsmittel für Haupt-\nmanns Harmonik. Aus der Berechnung der Schwebun-\ngen ergibt sich die Reihenfolge, in der die Intervalle von\ndem absoluten Wohlklange des Einklangs bis zur grell-\nsten Dissonanz, die zwischen Prime und deren Halbtönen\nnach oben und unten liegt, sich anordnen. Es würde uns\nzu weit führen, diese hier anzugeben: es genüge, dass sie\nwesentlich mit der musicalischen Grammatik unserer Zeit\nübereinstimmt. Die Rauhigkeit der Intervalle, welche logi-\nscher Weise nur von der Zahl der Schwebungen bestimmt\nwerden müsste, wird übrigens durch die Eigentümlich-\nkeit des Ohres noch modificirt, dass dasselbe in der Höhe\nund der Tiefe verschieden empfänglich ist. Dieselbe An-\nzahl von Schwebungen ist in der Tiefe angenehm, die in\nder Höhe sehr wehe thut. Die Quinte z.B. hat\nmit dem Halbtone Jt' c\" die gleiche Anzahl. Auch hiefür\nist die Wissenschaft den Grund nicht schuldig geblieben.\nDie Corti'schen Bögen nämlich sind so angeordnet, dass\nauf jeden halben Ton 3373 kommen; während bei h'\nalso der 34. Bogen erschüttert wird, ist das bei\nnur mit dem sieben Mal 33gasten der Fall, und es ist\neinleuchtend, dass die Erscheinung der Schwebungen da-\ndurch abgeschwächt werden muss.\nIm physikalischen Theile sehen wir die Analyse des\nKlanges jetzt siegreich bis zu den letzten Factoren dessel-\nben vordringen, in dem physiologischen werden uns die"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "315", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18651007-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5466, "texte": "Abstufungen zwischen den Gränzen des Angenehmen und\nUnangenehmen aus der Natur der Sinnesnerven erklärt;\nwir kommen jetzt zu dem dritten Theile, welcher der\npsychologischen Ergründung der Musik eine reale Basis\nunterzubreiten sucht. Dieser wird von den Musikern na-\ntürlicher Weise mit dem grössten Misstrauen betrachtet\nwerden. Und doch bedarf es für die Aesthetik mehr als\nje einer solchen. Den Zukunftsmusikern und Programm-\nSchwärmern, die das Wesen der wahren, „seelischen\"\nMusik so arg verkennen, dass sie als Postulat aufstellen,\nsie soll ihre höhere Natur verläugnen und einer Schwester-\nkunst sieb, sei es, wie es sei, unterthänig machen, steht\neine skeptische Richtung gegenüber, die in dem geistvollen\nund so trefflich in allen Gebieten der Kunstgeschichte be-\nwanderten Dr. Hanslick ihren Hauptvertreter gefunden.\nDazwischen und daneben bearbeitet die Aesthetik, von\nihren allgemeinen Thesen und philosophischen Axiomen\nausgehend, das übergross gewordene Gebiet der Töne im-\nmer von Neuem, häufig in eben so tiefsinniger als geist-\nreicher Weise, wie Vischer's Werk. Angesichts dieser\nneben und aus einander gehenden Richtungen ist es zum\nmindesten interessant, zu hören, wie ein Gelehrter, der\nunter seinen Fachgenossen zu den ersten Geistern unserer\nZeit gezählt wird, von seinem Standpunkte aus den Gegen-\nstand behandelt.\nEs treten hier die Geschichte und die ästhetische wie\nmusicalische Kritik in so nahe Beziehung, dass wir zuerst\nangeben wollen, wie sich Helmholtz dazu verhält. Aus\ndem ersteren Gebiete hält er sich nur an die fertigen Sy-\nsteme, die in den grossen Kunst-Perioden zum Ausbau\ngekommen sind ; es bleibt daher der Speculation noch ein\nweites Feld, dessen Ausbau dem Historiker obliegen wird,\nwenn er sich mit der wissenschaftlichen Auffassung be-\nfreundet. In der anderen Hinsicht bleibt Helmholtz streng\ndabei, nur die Basen zu erklären, so weit sie unter dem\ndirecten Einflüsse der physiologischen Eigenthümlichkeit\ndes Gehörs stehen, von denen er selbst sagt, dass sie auf\nden eigentlichen Gebieten der Aesthetik, doch wohl nur\nin sehr untergeordneter Weise, Einfluss haben. Die Ver-\nwicklungen der psychischen Momente, welche den interes-\nsanteren Theil der musicalischen Aesthetik bilden, aus de-\nnen schliesslich die Wunder der grossen Kunstwerke zu\nerklären sind, überlässt er, so lockend das Ziel ihm als\nDilettanten erscheint, den Fachgelehrten zur Ergründung.\nDer homophonen und polyphonen Musik wird die\nharmonische als dritte Stilgattung zugefügt. In der ersten\nvermittelt das physiologische Moment des Angenehmen die\nTöne in ihrem Verhältnisse nach einander, in der zweiten\nbleibt dieses Gesetz noch gelten, es machen sich harmo-\nnische Gesetze hierbei nur in negativer Weise geltend, in\nso fern der Zusammenklang an und für sich und ohne Be-\nziehung zu der Folge der entstehenden Accorde den An-\nsprüchen des Gehörsinnes an den Zusammenklang zu ge-\nnügen hat. In der dritten wird die Folge der Harmonie\nebenfalls zum bewussten Objecte der Sinnes-Empfindun-\ngen, und es entwickelt sich aus diesem neuen Bedürfnisse\ndie moderne Tonalität, die im Gegensatze zu der früheren\nder Kirchen-Tonarten das melodische Tonarten-System\nmit dem harmonischen verschmilzt. Indem so die Allein-\nherrschaft der melodischen Tonalität einem Compromiss\nmit der harmonischen die Hand bieten muss, woher auch\nder Name „harmonisch\" für diedritteStilgattung sich ablei-\ntet, entsteht ein System, dessen einzelne Bausteine, die In-\ntervalle nämlich, in ihrer Reinheit nicht ohne eintretende\nDivergenzen durchzuführen sind.\nIm Gegensatze zu der schaffenden Thätigkeit des Ge-\nnius muss die Wissenschaft zerlegen; jene schaltet nach\nhöherer Willkür über die Natur und die Sinne, indem sie\nden seelischen Impulsen folgt, diese soll erklären, was de-\nren Emanationen bedeuten, und muss das Verhältniss der\nMaterie zu den Sinnen aus dem Wesen der beiden erklä-\nren. Erstes Gesetz der Materie ist das des Beharrenwollens,\nerstes des Sinnes das des Angenehmberührtseinwollens.\nAenderungen treten auf äusseren Zwang, der bei\nKunstwerken auszuschliessen ist, da sie nur der höheren\nWillkür ihr Dasein verdanken, oder innere metaphy-\nsische Anregung ein. Die Aenderung wird den beiden\nGesetzen nach ursprünglich so gering als möglich sein und\nimmer nur der dazu drängenden höheren Macht entspre-\nchend grösser werden. Hat die Wissenschaft das einfachste\nWellen-System aufgefunden und die wohlthuendste Erre-\ngung in ihrem Verhältnisse dazu begriffen, so wird sie\nhierin ihren Ausgangspunkt zu sehen haben und von hier\naus die nächsten und die daran sich schliessenden Schritte\nund Abweichungen herleiten müssen. Es lässt sich nun\nnicht läugnen, dass ihr das für die Tonarten alten und\nneuen Stils und deren Harmonie-Systeme in der Weise\ngelungen ist, dass sich nicht nur keine Widersprüche mit\nden Aussprüchen der Musikgelehrten herausstellen, son-\ndern dass dieselben sogar ihre Begründung erhalten. Be-\nsonders erfreulich ist die Uebereinstimmung mit Haupt-\nmann's aus reiner Empirie sich herleitenden Lehren, da\ndieser vortreffliche Künstler in dem Gebiete, um das es\nsich handelt, von den Musikern als Autorität betrachtet\nwird. Viele aber, denen Hauptmanns Werk nicht nur der\nallerdings schwer verständlichen Schreibart halber, son-\ndern seinem stofflichen Musikgehalte nach kein Interesse\nabgewann, werden den durch die Experimente und Be-\nrechnungen begründeten Erklärungen das Verständniss\nder höchst genialen Hauptmann'schen Thesen danken.\n\n[*l"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "316", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18651007-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3781, "texte": "Wir halten den Zeitpunkt für das Hinzutreten der\nWissenschaft für ausserordentlich günstig. Die Gegenwart\nist trotz des Reichthums an grossen Kunstwerken, der\nJedermann zugänglich gemacht worden ist, und trotz der\ntrefflichen Aufführungen durch einzelne Künstler und de-\nren Genossenschaften so zersplittert, wo es gilt, das Höhere\nvom Niederen zu sondern, und darum im Ganzen so rich-\ntungslos, dass wir allen Grund haben, die Basen der Mu-\nsik aufzusuchen und uns an den Grundmitteln derselben\nder Elemente bewusst zu werden, aus denen der Nectar\ngemischt ist, den uns die Kunst in goldener Schale bietet.\nIn letzter Zeit ist so viel dazu gethan, die reine Flut in\nirdisch berauschenden Wein zu wandeln, dass der Gaumen\nüber den starken Reizen den natürlichen Wohlgeschmack\nfast verloren zu haben scheint. Die Wissenschaft führt uns\ndurch ihre Versuche und Instrumente an den Quell, wo\ndas reine Wasser der ursprünglichen Accorde und Inter-\nvalle uns sprudelt. Unsere verflachende Zeit, die sogar\ndie Grammatik schon in den nivellisirenden Materialismus\nhineinzieht und von den Unterschieden der Intervalle und\nAccorde, wie sie Hauptmann mit dem Gefühle, Helmholtz\nmit dem Geiste erfassten, keine Ahnung hat, wird sich wie-\nder bekehren, wenn der Musiksinn durch Gehör-Uebun-\ngen mit wissenschaftlich construirten Instrumenten (mit\neinem Manual) geschärft und purificirt wird. Statt des\nHaschens nach drastischen Wirkungsmitteln werden dann\ndie Classiker und ihr einfacher Sinn wieder nicht nur der\nAusgangspunkt, sondern auch das Ziel sein. Statt der Re-\nclame und des Beifallsschwindels werden die Kreise, die\ndes himmlischen Behagens halber die Kunst lieben und\npflegen, den Areopag bilden, der jetzt verlassen zu stehen\nscheint.\nDie temperirte Stimmung war eine Nothwendigkeit\ndes Compromisses, den die Melodik mit der Harmonik zu\nschliessen hatte. Sie ist und bleibt aber ein nothwendiges\nUebel, und wenn heute das Ciavierspielerthum mit seiner\nFinger-Genialität die Kunstwelt zu erobern versucht, so\nist es als eine zu rechter Zeit von aussen kommende Hülfe\nanzusehen, dass gerade jetzt die Wissenschaft uns einer-\nseits lehrt, wie dem Uebel zu begegnen ist. Wir gehen\ndes Näheren auf den letzten Theil hier nicht ein, weil das\nmindestens einen Artikel für sich beanspruchte und wir\nfür diesen Gegenstand in dieser Zeitung, die so viele In-\nteressen zu vertreten hat, vielleicht schon die Aufmerksam-\nkeit der Leser zu viel in Anspruch nehmen. Die Resultate\nsind folgende: 1. Es wird ein System der Temperatur zu-\ngegeben, in dem die Terzen von den Quinten abgesondert\ntemperirt werden. 2. Es wird vermittels eines Kunstgrif-\nfes, den ursprünglich die arabisch-persischen Musiker er-\nfunden haben, ein Instrument construirt, auf dem man,\nvon einem Manuale zum anderen übergehend, nicht ma-\nthematisch, aber für das Gefühl vollständig natürlich\nreine Intervalle haben kann. 3. Es wird den Künstlern,\nwelchen bei der Reproduction die Tonhöhe in die Hand\ngegeben, wissenschaftlich dargethan, dass kleine Rückun-\ngen in der Höhe bei den Modulationen, überhaupt bei\nder Herstellung reiner Intervalle, dem Melodieenflusse\neinen weniger empfindlichen Schaden anthun, als die tem-\nperirten Intervalle in vielen Fällen dem Zusammenklange\nder Harmonieen.\nWenn wir durch unsere Behauptung, dass die neue\nDisciplin des Gehörs, wie wir sie vorschlagen, den Kunst-\ngeschmack unserer Zeit läutern wird, von mancher Seite\nden Vorwurf der Ueberschwänglicbkeit auf uns ziehen\nmögen, so werden wir unter den ersten Grössen der aus-\nübenden Künstler, excl. Pianisten, sicher Gesinnungsgenos-\nsen antreffen; schwerlich dürfte uns aber die Zustimmung\nversagt werden, wenn wir bei der Wiedergabe der alten\nitaliänischen und niederländischen Musik auf Verdrängung\nder temperirten Stimmung dringen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1865-10-07-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1865-10-07_01#c003", "volume": "bmtnabi_1865-10-07_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "316", "page_fin": "317", "image_debut": 4, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18651007-01.2.3", "titre_corps": "Adelina Patti.", "titre_sommaire": "Adelina Patti.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "316", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18651007-01.1.4", "debut_caractere": 3783, "fin_caractere_exclue": 5139, "texte": "Adelina Patti.\nSeit vier Jahren erzählen die öffentlichen Blätter aller\nHauptstädte von Europa von den wunderbaren Erfolgen\neiner Sängerin, die nach der allgemeinen Stimme der Kri-\ntik, der gebildeten Kunstfreunde und des grossen Publi-\ncums zu den seltensten Phänomenen auf dem Gebiete der\nitaliänischen Oper gehört, von Adelina Patti. Durch eine\nbesondere Gunst der Umstände für uns berührt die Bahn\ndieses glänzenden Gestirns jetzt auch unseren Meridian,\nund wir werden seine Erscheinung nicht bloss am fernen\nHorizonte schimmern sehen, sondern in der Nähe be-\nwundern können.\nAdelina Patti gehört zu denjenigen Ausnahmewesen,\ndenen die Natur schon bei ihrer Geburt eine musicalische\nSeele und als Sprache derselben Musik und Gesang gege-\nben hat. Schon in ihrem fünften Jahre offenbarte sich der\nentschiedene Beruf des Kindes zur Tonkunst durch eine\nklare Silberstimme, richtiges und jede Melodie schnell fas-\nsendes Gehör und eine unwiderstehliche Neigung, selbst\ndie Sprache melodisch und gesangartig zu gestalten. Ihre\nMutter war die Sängerin Barilli, die in den Jahren 1830\nbis 1843 auf den Opernbühnen Italiens glänzte und sich\nmit dem ebenfalls geschätzten Sänger Salvator Patti ver-\nmählt hatte. Adelina, von vier Geschwistern die jüngste,\nwurde zu Madrid am 19. Februar 1843 geboren. Nach\nvier Jahren kehrte die Familie nach Italien zurück, und"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "317", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18651007-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5292, "texte": "da sie schon im folgenden Jahre (1848) sich nach Ame-\nrica einschiffte, so hat Adelina nur als Kind Italien gesehen.\nIn New-York war damals Moriz Strakosch Director\nder italiänischen Oper. Er wurde durch seine Vermählung\nmit ihrer ältesten Schwester Amalia Adelina's Schwager,\nund dies war ein Glück für sie, da Strakosch die jetzt im-\nmer sichtbarer hervortretende geniale Gesangsnatur in ihr\nrichtig erkannte und bei ihrer allgemeinen und musicali-\nschen Erziehung mehr beobachtend und nur die natürliche\nEntwicklung überwachend eintrat, als dass er auf irgend\neine Weise sie als eine Treibhaus-Pflanze behandelt hätte.\nWohl aber gab er ihr Gelegenheit, eine Sontag, eine Lind,\neine Grisi und andere Grössen der Oper zu hören, und so\nentfaltete Adelina allmählich, sich selbst unbewusst, ihr\nTalent, wie eine Blume ihren duftenden Kelch.\nIndessen waren ihre Fortschritte doch zu auffallend,\nihre genialen Eigenschaften zu glänzend, als dass ihr die\nLaufbahn eines Wunderkindes verschlossen bleiben konnte.\nSo trat sie denn in ihrem achten Jahre zum ersten Male\nöffentlich in einem Concerte zu New-York auf und erregte\nallgemeines Erstaunen durch die Reinheit ihres Gesanges,\ndie Biegsamkeit der Stimme und die wunderbare natür-\nliche Leichtigkeit der Coloratur. Kurz vor diesem Concerte\nhatte die Alboni, der sie etwas vorgesungen, sie mit Ent-\nzücken umarmt und gesagt: „Du wirst einst unsere Na-\nmen alle verdunkeln!\"\nDarauf folgten in ihrem zwölften und dreizehnten\nJahre Reisen durch einen grossen Theil von America und\ndie westindischen Inseln. Ueberall wiederholte sich der\nEnthusiasmus, der zumal bei den Bevölkerungen dieser\nRegionen gar keine Schranken kennt. Bei ihrer Rückkehr\nnach New-York war sie volle dreizehn Jahre alt und hatte\nbereits in dreihundert Concerten gesungen.\nJetzt war wahrlich eine Zeit der Ruhe nöthig, und\nsie wurde ihr drei Jähre lang zu Theil, welche Moriz Stra-\nkosch zu ihrer völligen Ausbildung, namentlich für die\nBühne, anwandte. Es ist interessant, zu hören, wie vor-\nsichtig dabei verfahren werden musste, denn Adelina's\nCharakter hatte sich sehr selbständig entwickelt, von pe-\ndantischem Zwange oder nur irgend etwas, das dem ähn-\nlich sah, durfte nicht die Rede sein, und jetzt im Bewusst-\nsein ihrer genialen Natur war sie eine Feindin jeder Art\nvon eigentlichen Studien. Vor Allem musste man ihre Lust\nan einer neuen Partie rege zu machen suchen, und so wie\ndie Melodieen ihr gefielen, war das Spiel gewonnen, da\nsie alsdann eine so fabelhafte Schnelligkeit der Auffassung\nund Sicherheit des Gedächtnisses besitzt, dass sie eine\nPartie in wenigen Tagen lernt; nur muss man ja nicht\neinen bestimmten Termin dafür ansetzen, denn alsdann\nist es mit dem Studium vorbei.\nAuf diese Weise hatte sie denn bis zu ihrem sieben-\nzehnten Jahre neunzehn grosse Partieen vollständig inne.\nDennoch würde ihre Familie sie noch eine Zeit lang vom\nAuftreten auf der Bühne zurückgehalten haben, wenn\nnicht die durch Voraussicht des Bürgerkrieges gefährdeten\nVerhältnisse des italiänischen Theaters in New-York ein\nausserordentliches Mittel nothwendig gemacht hätten.\nSo beschloss man denn, Adelina auftreten zu lassen,\nund am 24. November 1859 erschien sie als Lucia auf\ndem Theater der italiänischen Oper in New-York. Obwohl\nAnfangs befangen, brachte sie doch sehr bald ein sichtba-\nres Erstaunen hervor, dem sich selbst diejenigen nicht\nentziehen konnten, die wenig oder gar nichts von ihr als\nBühnensängerin erwarteten oder zu erwarten vorgaben. Die\nfolgenden Vorstellungen steigerten den Erfolg ins Fabelhafte.\nDas folgende Jahr brachte die jugendliche Künstlerin\nnoch in den Vereinigten Staaten zu, im Jahre 1861 aber\nkam sie nach Europa und trat zuerst in London auf dem\nCoventgarden-Theater am 14. Mai als Amina in der\nNachtwandlerin auf. Von diesem Abende an wiederhallten\nalle Organe der Presse von der Bewunderung, die sie er-\nregte. Die glänzendsten Anträge liefen von den grössten\nTheatern ein, Adelina Patti zog es aber vor, die ganze\nSaison in London zu bleiben. Nach Beendigung derselben\nsang sie in Madrid und Wien und trat am 17. November\n1862 in Paris auf. In ihrer Vaterstadt Madrid konnte\nman das Gedränge am Theater nur durch polizeiliche\nMaassregeln in Schranken halten, und am folgenden Tage\nmusste man einem förmlichen Aufstande entgegentreten,\nda die Menge in Erfahrung brachte, dass die Zuschauer\nam ersten Abende schon das ganze Haus für den folgen-\nden gemiethet hatten.\nAuch in Paris wählte sie zum ersten Auftreten „die\nNachtwandlerin\", und trotzdem, dass ihre berühmten Vor-\ngängerinnen in dieser Rolle, eine Persiani, Sontag, Frezzo-\nlini, Cruvelli u. s. w., noch im besten Andenken bei den\nälteren Theaterfreunden standen, riss Gesang und Darstel-\nlung Adelina's Alles zu begeistertem Beifalle hin, der sich\nseitdem, wo sie abwechselnd in der Saison von Paris und\nLondon singt, und eben so in den deutschen Residenz-\nstädten, in denen sie bisher aufgetreten, stets gesteigert hat.\nAdelina Patti ist jetzt zweiundzwanzig Jahre alt, und\nwelche Triumphe hat sie schon gefeiert! Der Blumen und\nKränze bedarf sie nicht mehr; doch wissen wir, dass es\nder berühmten, aber eben so bescheidenen Künstlerin kei-\nneswegs gleichgültig ist, welche Aufnahme sie in Deutsch-\nland, im „Lande der Musik\", wie die Franzosen es jetzt\nnennen, findet."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1865-10-07-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1865-10-07_01#c004", "volume": "bmtnabi_1865-10-07_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "318", "page_fin": "320", "image_debut": 6, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18651007-01.2.4", "titre_corps": "Das Musikfest in Brüssel am 26. September 1865.", "titre_sommaire": "Das Musikfest in Brüssel am 26. 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Musik-Zeitung.] Versuche dazu waren in\nBrüssel, Gent, Antwerpen, Lüttich gemacht worden, aber\nsie waren aus Mangel an Mitteln und Kräften und an ge-\nhöriger Organisation gescheitert, d. h. hauptsächlich an\nden Schwierigkeiten, welche die Vereinigung von gemisch-\nten Chören und das öffentliche Auftreten der Damen aus\nden Kreisen der Dilettanten herbeiführten. Indess scheint\nes, nach dem Feste vom 26. September zu urtheilen,\nwelches der bedeutendste Verein in Belgien, die Rennion\nlyrique, unter Begünstigung der Regierung und der\nstädtischen Behörde veranstaltet hat, dass die Vorurtheile\nam Verschwinden sind und dass der Erlolg des Festes eine\nVorbedeutung für die Zukunft und lür das (ernere\nBestehen sein wird.\nDer Aufruf im Namen der Kunst hatte einen kräftigen\nWiederhall in den bedeutenderen Städten gefunden, der\ndie Zahl der mitwirkenden Sänger aul 600 gebracht hatte.\nDas Orchester, welches die Hauptstadt allein geliefert hatte,\nzählte 149 Mitglieder. Die Zuhörerschaft war zahlreich:\nIhre Königl. Hoheiten der Herzog und die Herzogin von\nBrabant und der Gral von Flandern beehrten die Auffüh-\nrungen mit ihrer Gegenwart. Der Saal bestand in einer\ngrossen, von Holz erbauten und mit Glas gedeckten Halle;\nda das Concert um 12 Uhr begann und bis 4 Uhr dauerte\nund die Sonne ihre glühendsten Strahlen auf das Dach\nherabgoss, so entstand im Saale die Temperatur eines\nTreibhauses, die durch nichts gemildert wurde, als durch\nzwei breite Thüren an jedem Ende der Halle, die man\noffen liess, was aber freilich wieder der Akustik schadete.\nDie Musik klang wie in freier Luft, und die Wirkung der\nMassen entsprach keineswegs der gehabten Erwartung. An-\ndererseits war aber auch die Aufstellung von Chor und\nOrchester mangelhaft: die Bühne war zu niedrig, beson-\nders in der Mitte, das Streich-Quartett stand auf gleicher\nEbene hinter den Sängern, so dass der Ton der Saiten-\ninstrumente sich zum Theil in den vollen Kleiderstoffen\nder Sängerinnen verlor. Ein anderer Uebelstand war, dass\ndie Bühne viel zu breit im Verhältnisse zu ihrer Tiefe war:\nder Klang des Ganzen konnte sich nicht concentriren. Die\nErfahrung nauss in diesen Dingen Lehrerin sein.\nDie technische Direction war den Herren Hanssens\nund Fischer anvertraut. Eine Ouvertüre des ersteren,\nfür das Fest componirt, eröffnete das Concert und zeigte\ndas Orchester in seinem Glänze durch reine Stimmung»\nSicherheit und Schwung. Das Werk selbst offenbarte, aus-\nser der geschickten Bearbeitung von Melodieen, die be-\nsonders in der Introduction an Beethoven erinnerten, eine\ngediegene Kenntniss des Satzes und der Instrumental-Ef-\nfecte. Man könnte dem Allegro etwas mehr Guss und Fluss.\nwünschen, allein das hindert nicht, Geschmack und Klar-\nheit anzuerkennen, die man nicht immer in den Werken\nder neueren Periode findet. Die Wahl von Händel's Arier\n„ Verdi prati\", durch Fräulein Artöt können wir nicht\nwohl begreifen, da sie, abgesehen von der schlechten In-\nstrumentirung, gar nicht geeignet war, die glänzenden\nEigenschaften der berühmten Sängerin ins Licht zu stellen.\nDie Coloratur-Arie „Hallelujah\" aus Händel's „Esther\",,\noder „Horch' auf des Vogels muntres Lied\" aus „Josua\"\nwäre für die Sängerin und für uns geeigneter gewesen.\nDoch kommen wir auf Fräulein Artöt zurück.\nDie dritte Nummer des Programms war der erste\nTheil von Mendelssobn's „Paulus\", jenes bewun-\nderriswerthen, erhabenen Werkes, durch das Mendelssohn\nder deutschen Tonkunst in Bezug auf Vocalmusik neue\nKraft und monumentale Grösse verlieh. Durch den ersten\nmajestätischen Chor bekamen wir den Eindruck von der\nschönen und imponirenden Chormasse und von der Liebe,\nmit welcher sie an die Lösung ihrer schwierigen Aufgabe\nging. Wenn strenge Präcision des Ensembles die lobens-\nwerten Anstrengungen nicht immer krönte und in eini-\ngen Chören sehr merkliche Schwankungen vorkamen, so\nmuss man den Grund davon in den wenigen Gesammt-\nProben suchen, wodurch die verschiedenen Vereine zu\nwenig Gelegenheit hatten, sich an die Direction des Herrn\nHanssens zu gewöhnen, der freilich es thut uns leid, es\nsagen zu müssen nicht immer glücklich in der Wahl\nder Tempi und auch zu wenig zuvorkommend gegen die\nSolisten war. So hat namentlich Herr Vidal, der erst im\nletzten Augenblicke berufen wurde, um den unwohl ge-\nwordenen Herrn Depoitier zu ersetzen, die schlimme Wir-\nkung davon erfahren, indem durch das übereilte Tempo\nder Eindruck der tief empfundenen und pathetischen Arie\ndes reuigen Paulus ganz verloren gehen musste, wie denn\nauch manche Chöre durch zu schnelle Bewegung ihre er-\nhabene Grösse einbüssten. Herr Hanssensist gewiss ein\nguter Dirigent, allein es gehört ein sehr geschickter Len-\nker dazu, um so grosse Tonmassen in Schranken zu hal-\nten; das musicalische Wissen allein macht es nicht aus;."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "319", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18651007-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5224, "texte": "Erfahrung, Uebung, tactvolle Berücksichtigung aller mit-\nwirkenden Elemente und geistig anregende Behandlung\nderselben sind zu einer guten Leitung von solchen Auf-\nführungen durch ein auf solche Art zusammengesetztes\nPersonal unumgänglich nothwendig.\nUnter den Chören, die am meisten durchschlugen,\nsind die Klage um Stephanus, der Schluss-Chor und der\nprächtige Choral: „Wachet auf!\" zu nennen; bei letzte-\nrem war die Begleitung der Blech-Instrumente, wie denn\nüberhaupt das Orchester überall sehr lobenswerth, da\nauch die Schattirungen des Ausdrucks meist gut zum\nAusdruck kamen.\nDie vierte Nummer des Programms war die Can-\ntate „Jacques van Artevelde*von Gevaert, eine Com-\nposition, die zwar keine grosse Erfindungsgabe verräth,\nsich aber durch echt künstlerisches und edles Streben aus-\nzeichnet; das melodische Element zeigt sich in leicht fass-\nlichen Formen, und es gelingt dem Componisten oft, den\nInhalt des Gedichtes zu charakterisiren. Oft ist indessen\ndieser charakteristische Ausdruck zu gesucht. Unter den\nChören, die eben nicht durch Polyphonie glänzen, hat der\npatriotische Gesang: „Qui fit durch le-\nbensvolle Melodie und markige Bhythmen das Publicum\nergriffen und musste wiederholt werden. Die Ausführung\nunter Herrn Fischer's sicherer Direction war gut.\nDen Schluss des fast zu reichen Programms bildeten\n»Der Herbst\" und „Der Winter\" aus Haydn's „Jah-\nreszeiten\". Diese einfache und natürliche Musik erregte\no\nbei Manchen ein Lächeln zweifelhafter Erwartung, das sich\naber durch den magischen Eindruck derselben in wahren\nEnthusiasmus verwandelte. Auch müssen wir sagen, dass\ndas schöne Werk im Ganzen mit Liebe und Eifer ausge-\nführt wurde. Der Chor: „0 Fleiss\", und der Jagd-Chor,\nbei welchem die Hörner lobende Erwähnung verdienen,\nwurden mit Begeisterung gesungen, und der „Wein-Chor\"\nwar eine wahre Apologie des Traubensaftes von 1865;\neine kleine Schwankung in der Mitte, welche das nicht\nfeste Innehalten des Tempo's verursachte, wurde bald von\nden Sopranen mit lautem „Juchhe!\" überwunden. In dem\n„Winter\" nahm Herr Hanssens einige Tempi (selbst Hann-\nchen's Lied presto!)wieder so schnell, dass die Klarheit\ndes Verständnisses darunter litt.\nSolisten waren Demoiselle Desiree Artöt und die\nHerren Warnots (Tenor) und Vidal (Bass). Mademoi-\nfeile Artöt hat ihre vortrefflichen künstlerischen Eigen-\nschaften nicht in demselben Glänze wie sonst gezeigt; es\nschien ihr so zu gehen, wie manchen Theatersängern, dass\nsie aus Furcht, zu theatralisch zu werden, in Monotonie\nfallen. Herr Warnots ist im Besitze einer weichen, ange-\nnehmen, reinen Stimme und ist ein geschickter Sänger;\nim „Paulus1- reichte der Klang des Tones nicht ganz aus.\nund in der Partie des Lucas verwischte der allzu drama-\ntische Vortrag hier und da den Charakter der Musik; wo\ndiese aber einen solchen Vortrag erlaubte, brachte der\nSänger ihre Schönheiten zu voller Geltung und offenbarte\nauch ein tiefes Gefühl im Ausdrucke. Was Herrn Vidal\nbetrifft, so haben wir schon gesagt, dass er erst spät die\nPartie des Paulus übernommen hatte; er löste seine Auf-\ngabe als guter Sänger, ohne jedoch geistig auf der Höhe\ndes Werkes zu stehen.\nSchliesslich können wir nicht genug unsere Verwun-\nderung über die Ausdauer, die Hingabe und die Anstren-\ngungen des Chors ausdrücken, welche dazu gehörten, eine\nsolche Aufführung möglich zu machen, und fühlen uns\ngedrungen, den Dank auszusprechen für die Liebe, den\nEifer und die Wärme, mit welchen die Werke unserer\ngrossen deutschen Meister studirt und ausgeführt worden\nsind. Das Fest-Comite und besonders der Vorstand der\nReunion lyrique haben sich ein Verdienst um die Kunst\nerworben, und das belgische Publicum, das mit gespann-\nter Aufmerksamkeit der langen Sitzung beiwohnte, hat\ngezeigt, wie empfänglich es für das wahre Schöne der\nlonkunst ist, und in welche Begeisterung dafür es aus-\nbricht, wenn es ihm auf würdige Weise dargeboten wird.\nHoffentlich werden sich die vereinigten Kräfte nicht wie-\nder zersplittern, und dieses Fest-Concert den Grund bil-\nden, auf welchem fortgebaut werden wird.\nN.\nEiner anderen uns zugegangenen Correspondenz ent-\nnehmen wir noch die Notizen, dass der Chor 125 Soprane.\n126 Alte, 149 Tenöre und 200 Bässe zählte; im Sopran\nund Alt befanden sich unter dieser Zahl 49 und 53 Stim-\nmen von jungen Mädchen und Knaben, die noch in den\nSchuljahren sind. Das Orchester hatte 28 erste und 28\nzweite Violinen, 20 Bratschen, 18 Violoncelle und 18\nContrabässe (!), die Blas-Instrumente doppelt besetzt, zu-\nsammen 149 Instrumentalisten. Der Eindruck des Ora-\ntoriums „Paulus\" konnte dadurch, dass der einfache\nbiblische, deutsche Text in französische Verse gebracht\nworden war (von einem Herrn Belanger), kein vollständi-\nger sein. Als Titel führte der erste Theil, der allein auf-\ngeführt wurde, die Aufschrift:\npunüion et repentir de Saul.\"—Die „Jahreszeiten\" wur-\nden nach Roger's Uebersetzung des Textes ins Französi-\nsche gesungen. Leider bestätigt auch diese zweite Cor-\nrespondenz in noch schrofferer, aber durch Beispiele er-\nhärteter Weise, dass der Dirigent die Werke „eben so\nwenig begriff, als kannte\". Abgesehen von dem Vergrei-\nfen der Tempi in den Chören Mendelssohn's, wollen wir\nnur ein Beispiel aus den „Jahreszeiten\" mittheilen. In"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "320", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18651007-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 470, "texte": "dem Liede Hannchen's mit dem Chor-Refrain nahm Herr\nHanssens ein prestoartiges Tempo: Fräulein Artöt setzte\nim richtigen Tempo ein und hielt es auch fest; der Diri-\ngent gab nach, was nicht ohne einige Störung abging;\nsobald aber die Sängerin mit ihrer Strophe fertig war,\nnahm er sein Presto wieder auf, und so fort cum gratia\nusque ad finerriy wodurch denn der Chor ganz entsetzlich\nnatürlich wurde. Vielleicht findet diese Auffassung bei\nden neuesten Realisten Gunst!"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1865-10-07-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1865-10-07_01#c005", "volume": "bmtnabi_1865-10-07_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "320", "page_fin": "320", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18651007-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "320", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18651007-01.1.8", "debut_caractere": 472, "fin_caractere_exclue": 3285, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nDie berühmten Quartettspieler Gebrüder Müller aus Mei-\nningen werden in diesen Tagen eine Kunstreise am Rheine antre-\nten, am 9. October in Frankfurt am Main beginnen und auch\nnach Köln kommen, um von da nach Holland zu gehen. Nach\nallen Berichten hat dieser Brüder-Verein im classischen Zusammen-\nspiel und ausdrucksvollen Vortrage der Quartette unserer grossen\nMeister es jetzt zu einer Vollendung gebracht, die zu den seltensten\nErscheinungen auf dem Gebiete der Tonkunst gehört.\nFrau Wilhelmine Szarvady-Clauss, eine der genialsten\ndeutschen Clavierspielerinnen, die seit Jahren sich eine hervorra-\ngende Stellung in Paris geschaffen, wird um die Hälfte des Octo-\nber eine grössere Kunstreise durch Deutschland beginnen, welche\nsie nach dem Besuche der Städte am Main und Mittelrheine über\nKassel, Leipzig und Dresden wahrscheinlich bis in ihre Vaterstadt\nPrag ausdehnen wird, um dann über Lübeck, Hamburg, Bremen\nund Belgien nach Paris zurückzukehren.\nMülheim an der Ruhr, 24. Sept. Das gestrige Con-\ncert des mülheimer und essener Gesangvereins brachte hier Zur\nNieden's „Martinswand\" zur Aufführung, ein Werk von selte-\nnem Ideen-Reichthum und durchgearbeiteter Form. (Vgl. die Beur-\ntheilung des Werkes in Nr. 12 des Jahrg. 1864.) Die Ausführung\nwar eine sehr gelungene. Die Langenbach'sche Capelle, durch einige\ndüsseldorfor Künstler, namentlich den Concertmeister Auer, ver-\nstärkt, bewährte ihren Ruf. Die Solo-Partieen waren alle gut, zum\nTheil vortrefflich besetzt. „BellastraV (Sopran) Seelenkampf wurde\nmit ergreifender Wahrheit gesungen. Die „jungfräulich milde\" Alt-\nstimme eignete sich sehr gut für die sanfte Schwärmerei der „Ma-\nria\", und der lyrisch-weiche Tenor sang die Geister-Romanze, die\nleise, wie geträumt, von dem Wasserspiegel zu uns herübertönt,\nganz vortrefflich. Die Stimme des Baritons (Max) hat eine mächtige\nWucht; die gedrückte Stimmung des besiegten Königs wurde sehr\ngut wiedergegeben; hier kam die etwas dunkle Klangfarbe der\nStimme dem Sänger sehr zu Statten. Die prächtige Stimme des\nBasses (Dämon) kam besonders im ersten Duette zur vollen Geltung.\nDie Chöre waren im Ganzen gut. An einzelnen Stellen wäre ein\netwas festeres Eingreifen, namentlich der Männerstimmen, wün-\nschenswerth gewesen. Ein glänzendes Publicum war versammelt und\ndas Werk fand den ungetheiltesten und lebhaftesten Beifall.\nMan schreibt aus Chicago, Ende August: „Wir freuen uns,\nzu berichten, dass der berühmte Sänger Karl Formes seine präch-\ntige Stimme durch die Behandlung des Dr. Sax, eines Schülers von\nDiefenbach, vollständig wieder erhalten hat. Er hat in einem Con-\ncerte in Hyde Park mit ausserordentlichem Erfolge gesungen, die\nStimme hat ihre volle Kraft und wunderbare Biegsamkeit ganz wie-\ndergewonnen und das Publicum eben so wie früher enthusiasmirt."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "313", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18651007-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nDas Verhältniss der Wissenschaft zur Musik. Von Alb. Hahn. 11. Adelina Patti (Lebensskizze). Das Musikfest\nin Brüssel am -26. September 1865. Tages- und Unterhaltungsblatt (Die Quartettspieler Gebrüder Müller aus Meiningen Frau\nWilhelmine Szarvady-Clauss Mülheim an der Ruhr, Concert-Aufführung Chicago, Karl Formes).\n\nDag Verhältniss der Wissenschaft zur Musik.\nVon Alb. Hahn,\nII.\n(I. s. Nr. 39.>\nWir schliessen den Hinblick auf den physikalischen\nTheil und knüpfen an ihn die Theorie des Ohres, die zwar\nnur hypothetisch zum Abschlüsse gekommen ist, allein\nauch so Jedem einleuchtet und sicher nicht lange auf ihre\nBegründung zu warten haben wird. Ohne uns bei einer\nErklärung des den Schall einführenden Gehörganges, des\nihn aufnehmenden Trommelfelles, der ihn von hier zum\nLabyrinthe übertragenden Gehörknöchelchen aufzuhalten,\ngehen wir gleich zum Labyrinthe, in welches das Mi-\nkroskop den Ariadnefaden geboten hat. Wir sehen des-\nsen ganze Masse vermittels der Knöchelchen in Schwin-\ngungen versetzt, die am ovalen Fenster der einen beweg-\nlichen Begränzungs-Oeffnung, erregt durch eine andere,\nwieder ausschwingen, und erkennen in dieser Masse ein\ntrennendes Häutchen, die so genannte mittlere Treppe,\nwelche, von den Schwingungen mit ergriffen, nach Koel-\nliker ungefähr 3000 von den durch Corti entdeckten Bö-\ngen enthält, deren Construction ganz geeignet ist, von Tö-\nnen bestimmter Schwingungs-Anzahl in Mitschwingung\nversetzt zu werden. Da diese Bögen mit den Enden der\nNerven, welche aus dem Gehirn kommen, in Verbindung\nstehen, so ist es mehr als wahrscheinlich, dass diese Bögen\nein jeder einer bestimmten Tonhöhe entsprechen und mit\nanklingen, sobald deren Schwingungs-Verhältniss in dem\neindringenden Wellen-Systeme, d. h. in der Summe aller\nerregten Wellen enthalten ist. So sehen wir aus der Summe\nder einzelnen Töne den Klang entstehen, der im Ohre\nwieder durch den physiologischen, eben beschriebenen\nApparat zerlegt und dem Kopfe zugetragen wird. Es\nnimmt der Geist also auch nicht den Klang als ein con-\ncretes Ganzes wahr, sondern er überschaut wiederum alle\nTbeile desselben einzeln. Dieser Vorgang ist freilich den\nMeisten nicht bewusst, der Künstler aber, dessen Können\nvon dem Bewusstsein über die Mittel seiner Kunst wesent-\nlich bedingt ist, erbält durch diese Theorie den Abschluss\nfür die grosse Summe der bereits gemachten, für ihn\nhöchst wichtigen Untersuchungen über die Klangfarben,\nderen Grundgedanken wir möglichst kurz darzustellen\nversuchten.\nDer Hauptinhalt der für die Musik wichtigen physio-\nlogischen Untersuchungen besteht in der Nachweisung\ndessen, was dem Ohre angenehm und weniger wohlthuend,\nunangenehm und schliesslich unerträglich ist. Wie Curven\naddirt werden, wenn zwei Wellen-Systeme zugleich erregt\nwurden und ein drittes sich aus ihnen zusammensetzt, ha-\nben wir oben erläutert; treffen von zwei gleichen Curven\nBerg auf Thal, so wird die Curve zu einer geraden Linie,\nso verschwinden die Wellen und müsste statt des doppel-\nten Tones Ruhe eintreten. Diese Interferenz-Erscheinung\nkann man an gedackten Orgelpfeifen, Stimmgabeln, wo\ndie Wellen der einen Zinke die der anderen in gewissen\nRichtungen aufheben, was leicht wahrzunehmen ist, wenn\nman die Gabel vor dem Ohre herumdreht, beobachten,\nund hat Helmholtz eine Doppel-Sirene construirt, welche\nsie am deutlichsten herstellt. Findet die Interferenz des\nSchalles nicht absolut Statt, so kann sie darum doch theil-\nweise eintreten, d. b.: wird der Schall nicht ganz aufge-\nhoben, so kann der Fall sich begeben, dass zwei Wellen-\nSysteme sich zeitweise durch ihre Zusammensetzung ver-\nstärken, d. h. höhere Berge und tiefere Thäler bilden,\nzeitweise verringern. Dann wird der Ton auch in abwech-\nselnder Stärke wahrnehmbar werden und stossartig an-\nschwellen und abnehmen. Dergleichen ungleichmässige\nErregungen der Sinnesthätigkeit sind anstrengender und\nweniger angenehm, wie wir das beim Sehen, ohne darauf\naufmerksam gemacht zu werden, wahrnehmen. Sie finden"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "314", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18651007-01.1.2", "texte": "Statt bei flackerndem Lichte, wenn wir an Gitterzäunen\nvorbeigehen, durch deren Zwischenräume die Sonnen-\nstrahlen unser Auge treffen, wenn die Oeffnungen von\nGasröhren sich zeitweise verengen, wenn zerrissene Wol-\nken vor der Sonne vorbeigetrieben werden, und in ähn-\nlichen Fällen. Helmholtz nennt diese partiellen Interferen-\nzen des Schalles Schwebungen. Sie können aber nicht nur\ndurch die Grundtöne und Obertöne, welche die Klänge\nbilden, entstehen, sondern auch durch die Combinations-\ntöne, welche aus der Combination von den in den Klän-\ngen enthaltenen Tönen ihr Dasein herleiten. Hat ein Ton\nnämlich 100 Wellen, ein anderer 300, so bildet sich aus\nihren Systemen ein drittes, das nicht nur jene beiden, son-\ndern auch die Töne von 200 und 400, der Differenz und\nder Summe von 100 und 300 hören lässt. Diese Töne\nheissen Differenz- oder Summationstöne, je nachdem sie\ndurch Subtraction oder Addition entstanden sind. Die letz-\nteren sind sehr schwach, die ersteren aber von grosser\nStärke, wie das leicht bei den Zungenregistern und den\nSaiten-Instrumenten zu hören ist, daher auch ein Organist\nund ein Violinspieler, Sorge und Tartini, sie zuerst\nentdeckten. Man hat nur Töne, die in einem möglichst\nrationalen Zahlen-Verhältnisse zu einander stehen, gleich-\nzeitig erklingen zu lassen, um sie deutlich wahrzunehmen.\nFür den Violinspieler sind sie häufig störend, bieten aber\nauch zum Reinspielen heutiger Zeit, wo die temperirte\nStimmung nicht nur das Gehör der Pianisten und Orgel-\nspieler ganz beherrscht und verbildet hat, sondern auch\ndie Sänger und die Instrumentalisten, welche den Ton in\nbeliebiger Höhe hervorbringen können, das Gefühl für die\nphysikalisch reinen Intervalle verloren haben, einen An-\nhalt zur Wiedergewinnung des Gehörs, wie es die Sänger\nund Spieler früherer Zeit besassen, welche mit der Zau-\nbergewalt der Töne Wunder verrichteten, die von unseren\nZeitgenossen in das Reich der Fabel gewiesen werden.\nFreilich war es damals kein Verdienst, natürlich rein die\nIntervalle zu nehmen, denn die temperirten, einer höhe-\nren geistigen Herrschaft zu Liebe angenommenen falschen\nwaren noch unbekannt, und es wird jetzt ein um so grös-\nseres sein, wenn es geschieht. Ein seltenes ist es gewiss,\ndenn nur ausnahmsweise sind alle Mitglieder eines En-\nsemble-Gesanges, resp. Chors und einer Streichmusik, ge-\nschweige Orchesters so begabt, dass sie von selbst die\nAccorde natürlich abstimmen; doch kommt es vor, na-\nmentlich bei Chören, die von fein hörenden Dirigenten\neinstudirt, und bei Streich-Quartetten, die von ausgezeich-\nneten Spielern gespielt werden. Im letzteren Falle hat so-\ngar die Wissenschaft den Beweis dafür angetreten und\naus der Berechnung der Curven das Gesagte bewiesen.\nIn der Wirklichkeit übt diese Kunst des natürlich Rein-\nspielens eine Macht, die durch wissenschaftliche, planmäs-\nsige Pflege auf den musicalischen Bildungs-Anstalten viel\nallgemeiner entwickelt werden müsste. Joachim und die\nJenny Lind verdanken ihre ungeheuren Erfolge neben den\nanderen vorzüglichsten Eigenschaften ihrer Leistungen der\nvielleicht nicht einmal hewussten und nur vermöge genia-\nler Selbstbestimmung herausgefühlten natürlichen Rein-\nheit der Intervalle. Die natürlichen Intervalle haben einen\nWohlklang, der so viel angenehmer und wohlthuender\ndas Ohr berührt, dass ein jedes musicalisches Gehör die-\nselben nicht nur augenblicklich von den temperirten als\nsehr zu ihren Gunsten abweichend herauserkennt, sondern\nsich unzweifelhaft für sie erklären wird; und wir begrei-\nfen die heftigen und unablässigen Fehden, mit denen sich\ndie Anhänger der reinen und der temperirten Stimmung\nlange Zeit gegenüberstanden, bei einem solchen Vergleiche\nsehr wohl. Es sind die Schwebungen für alle Intervalle\nberechnet, und eine graphische Darstellung der Rauhig-\nkeiten der Intervalle liess sich danach liefern, indem man\nauf einer geraden horizontalen die chromatische, tempe-\nrirte Tonleiter nach ihren Schwingungszahlen abtrug und\nnun darüber die Zahl der Schwebungen durch proportio-\nnale Abstände bezeichnete. Das Auge übersieht hier leicht,\ndass unsere Intervalle sehr verloren haben. Eine solche\nZeichnung ist ein vortreffliches Hülfsmittel für Haupt-\nmanns Harmonik. Aus der Berechnung der Schwebun-\ngen ergibt sich die Reihenfolge, in der die Intervalle von\ndem absoluten Wohlklange des Einklangs bis zur grell-\nsten Dissonanz, die zwischen Prime und deren Halbtönen\nnach oben und unten liegt, sich anordnen. Es würde uns\nzu weit führen, diese hier anzugeben: es genüge, dass sie\nwesentlich mit der musicalischen Grammatik unserer Zeit\nübereinstimmt. Die Rauhigkeit der Intervalle, welche logi-\nscher Weise nur von der Zahl der Schwebungen bestimmt\nwerden müsste, wird übrigens durch die Eigentümlich-\nkeit des Ohres noch modificirt, dass dasselbe in der Höhe\nund der Tiefe verschieden empfänglich ist. Dieselbe An-\nzahl von Schwebungen ist in der Tiefe angenehm, die in\nder Höhe sehr wehe thut. Die Quinte z.B. hat\nmit dem Halbtone Jt' c\" die gleiche Anzahl. Auch hiefür\nist die Wissenschaft den Grund nicht schuldig geblieben.\nDie Corti'schen Bögen nämlich sind so angeordnet, dass\nauf jeden halben Ton 3373 kommen; während bei h'\nalso der 34. Bogen erschüttert wird, ist das bei\nnur mit dem sieben Mal 33gasten der Fall, und es ist\neinleuchtend, dass die Erscheinung der Schwebungen da-\ndurch abgeschwächt werden muss.\nIm physikalischen Theile sehen wir die Analyse des\nKlanges jetzt siegreich bis zu den letzten Factoren dessel-\nben vordringen, in dem physiologischen werden uns die"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "315", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18651007-01.1.3", "texte": "Abstufungen zwischen den Gränzen des Angenehmen und\nUnangenehmen aus der Natur der Sinnesnerven erklärt;\nwir kommen jetzt zu dem dritten Theile, welcher der\npsychologischen Ergründung der Musik eine reale Basis\nunterzubreiten sucht. Dieser wird von den Musikern na-\ntürlicher Weise mit dem grössten Misstrauen betrachtet\nwerden. Und doch bedarf es für die Aesthetik mehr als\nje einer solchen. Den Zukunftsmusikern und Programm-\nSchwärmern, die das Wesen der wahren, „seelischen\"\nMusik so arg verkennen, dass sie als Postulat aufstellen,\nsie soll ihre höhere Natur verläugnen und einer Schwester-\nkunst sieb, sei es, wie es sei, unterthänig machen, steht\neine skeptische Richtung gegenüber, die in dem geistvollen\nund so trefflich in allen Gebieten der Kunstgeschichte be-\nwanderten Dr. Hanslick ihren Hauptvertreter gefunden.\nDazwischen und daneben bearbeitet die Aesthetik, von\nihren allgemeinen Thesen und philosophischen Axiomen\nausgehend, das übergross gewordene Gebiet der Töne im-\nmer von Neuem, häufig in eben so tiefsinniger als geist-\nreicher Weise, wie Vischer's Werk. Angesichts dieser\nneben und aus einander gehenden Richtungen ist es zum\nmindesten interessant, zu hören, wie ein Gelehrter, der\nunter seinen Fachgenossen zu den ersten Geistern unserer\nZeit gezählt wird, von seinem Standpunkte aus den Gegen-\nstand behandelt.\nEs treten hier die Geschichte und die ästhetische wie\nmusicalische Kritik in so nahe Beziehung, dass wir zuerst\nangeben wollen, wie sich Helmholtz dazu verhält. Aus\ndem ersteren Gebiete hält er sich nur an die fertigen Sy-\nsteme, die in den grossen Kunst-Perioden zum Ausbau\ngekommen sind ; es bleibt daher der Speculation noch ein\nweites Feld, dessen Ausbau dem Historiker obliegen wird,\nwenn er sich mit der wissenschaftlichen Auffassung be-\nfreundet. In der anderen Hinsicht bleibt Helmholtz streng\ndabei, nur die Basen zu erklären, so weit sie unter dem\ndirecten Einflüsse der physiologischen Eigenthümlichkeit\ndes Gehörs stehen, von denen er selbst sagt, dass sie auf\nden eigentlichen Gebieten der Aesthetik, doch wohl nur\nin sehr untergeordneter Weise, Einfluss haben. Die Ver-\nwicklungen der psychischen Momente, welche den interes-\nsanteren Theil der musicalischen Aesthetik bilden, aus de-\nnen schliesslich die Wunder der grossen Kunstwerke zu\nerklären sind, überlässt er, so lockend das Ziel ihm als\nDilettanten erscheint, den Fachgelehrten zur Ergründung.\nDer homophonen und polyphonen Musik wird die\nharmonische als dritte Stilgattung zugefügt. In der ersten\nvermittelt das physiologische Moment des Angenehmen die\nTöne in ihrem Verhältnisse nach einander, in der zweiten\nbleibt dieses Gesetz noch gelten, es machen sich harmo-\nnische Gesetze hierbei nur in negativer Weise geltend, in\nso fern der Zusammenklang an und für sich und ohne Be-\nziehung zu der Folge der entstehenden Accorde den An-\nsprüchen des Gehörsinnes an den Zusammenklang zu ge-\nnügen hat. In der dritten wird die Folge der Harmonie\nebenfalls zum bewussten Objecte der Sinnes-Empfindun-\ngen, und es entwickelt sich aus diesem neuen Bedürfnisse\ndie moderne Tonalität, die im Gegensatze zu der früheren\nder Kirchen-Tonarten das melodische Tonarten-System\nmit dem harmonischen verschmilzt. Indem so die Allein-\nherrschaft der melodischen Tonalität einem Compromiss\nmit der harmonischen die Hand bieten muss, woher auch\nder Name „harmonisch\" für diedritteStilgattung sich ablei-\ntet, entsteht ein System, dessen einzelne Bausteine, die In-\ntervalle nämlich, in ihrer Reinheit nicht ohne eintretende\nDivergenzen durchzuführen sind.\nIm Gegensatze zu der schaffenden Thätigkeit des Ge-\nnius muss die Wissenschaft zerlegen; jene schaltet nach\nhöherer Willkür über die Natur und die Sinne, indem sie\nden seelischen Impulsen folgt, diese soll erklären, was de-\nren Emanationen bedeuten, und muss das Verhältniss der\nMaterie zu den Sinnen aus dem Wesen der beiden erklä-\nren. Erstes Gesetz der Materie ist das des Beharrenwollens,\nerstes des Sinnes das des Angenehmberührtseinwollens.\nAenderungen treten auf äusseren Zwang, der bei\nKunstwerken auszuschliessen ist, da sie nur der höheren\nWillkür ihr Dasein verdanken, oder innere metaphy-\nsische Anregung ein. Die Aenderung wird den beiden\nGesetzen nach ursprünglich so gering als möglich sein und\nimmer nur der dazu drängenden höheren Macht entspre-\nchend grösser werden. Hat die Wissenschaft das einfachste\nWellen-System aufgefunden und die wohlthuendste Erre-\ngung in ihrem Verhältnisse dazu begriffen, so wird sie\nhierin ihren Ausgangspunkt zu sehen haben und von hier\naus die nächsten und die daran sich schliessenden Schritte\nund Abweichungen herleiten müssen. Es lässt sich nun\nnicht läugnen, dass ihr das für die Tonarten alten und\nneuen Stils und deren Harmonie-Systeme in der Weise\ngelungen ist, dass sich nicht nur keine Widersprüche mit\nden Aussprüchen der Musikgelehrten herausstellen, son-\ndern dass dieselben sogar ihre Begründung erhalten. Be-\nsonders erfreulich ist die Uebereinstimmung mit Haupt-\nmann's aus reiner Empirie sich herleitenden Lehren, da\ndieser vortreffliche Künstler in dem Gebiete, um das es\nsich handelt, von den Musikern als Autorität betrachtet\nwird. Viele aber, denen Hauptmanns Werk nicht nur der\nallerdings schwer verständlichen Schreibart halber, son-\ndern seinem stofflichen Musikgehalte nach kein Interesse\nabgewann, werden den durch die Experimente und Be-\nrechnungen begründeten Erklärungen das Verständniss\nder höchst genialen Hauptmann'schen Thesen danken.\n\n[*l"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "316", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18651007-01.1.4", "texte": "Wir halten den Zeitpunkt für das Hinzutreten der\nWissenschaft für ausserordentlich günstig. Die Gegenwart\nist trotz des Reichthums an grossen Kunstwerken, der\nJedermann zugänglich gemacht worden ist, und trotz der\ntrefflichen Aufführungen durch einzelne Künstler und de-\nren Genossenschaften so zersplittert, wo es gilt, das Höhere\nvom Niederen zu sondern, und darum im Ganzen so rich-\ntungslos, dass wir allen Grund haben, die Basen der Mu-\nsik aufzusuchen und uns an den Grundmitteln derselben\nder Elemente bewusst zu werden, aus denen der Nectar\ngemischt ist, den uns die Kunst in goldener Schale bietet.\nIn letzter Zeit ist so viel dazu gethan, die reine Flut in\nirdisch berauschenden Wein zu wandeln, dass der Gaumen\nüber den starken Reizen den natürlichen Wohlgeschmack\nfast verloren zu haben scheint. Die Wissenschaft führt uns\ndurch ihre Versuche und Instrumente an den Quell, wo\ndas reine Wasser der ursprünglichen Accorde und Inter-\nvalle uns sprudelt. Unsere verflachende Zeit, die sogar\ndie Grammatik schon in den nivellisirenden Materialismus\nhineinzieht und von den Unterschieden der Intervalle und\nAccorde, wie sie Hauptmann mit dem Gefühle, Helmholtz\nmit dem Geiste erfassten, keine Ahnung hat, wird sich wie-\nder bekehren, wenn der Musiksinn durch Gehör-Uebun-\ngen mit wissenschaftlich construirten Instrumenten (mit\neinem Manual) geschärft und purificirt wird. Statt des\nHaschens nach drastischen Wirkungsmitteln werden dann\ndie Classiker und ihr einfacher Sinn wieder nicht nur der\nAusgangspunkt, sondern auch das Ziel sein. Statt der Re-\nclame und des Beifallsschwindels werden die Kreise, die\ndes himmlischen Behagens halber die Kunst lieben und\npflegen, den Areopag bilden, der jetzt verlassen zu stehen\nscheint.\nDie temperirte Stimmung war eine Nothwendigkeit\ndes Compromisses, den die Melodik mit der Harmonik zu\nschliessen hatte. Sie ist und bleibt aber ein nothwendiges\nUebel, und wenn heute das Ciavierspielerthum mit seiner\nFinger-Genialität die Kunstwelt zu erobern versucht, so\nist es als eine zu rechter Zeit von aussen kommende Hülfe\nanzusehen, dass gerade jetzt die Wissenschaft uns einer-\nseits lehrt, wie dem Uebel zu begegnen ist. Wir gehen\ndes Näheren auf den letzten Theil hier nicht ein, weil das\nmindestens einen Artikel für sich beanspruchte und wir\nfür diesen Gegenstand in dieser Zeitung, die so viele In-\nteressen zu vertreten hat, vielleicht schon die Aufmerksam-\nkeit der Leser zu viel in Anspruch nehmen. Die Resultate\nsind folgende: 1. Es wird ein System der Temperatur zu-\ngegeben, in dem die Terzen von den Quinten abgesondert\ntemperirt werden. 2. Es wird vermittels eines Kunstgrif-\nfes, den ursprünglich die arabisch-persischen Musiker er-\nfunden haben, ein Instrument construirt, auf dem man,\nvon einem Manuale zum anderen übergehend, nicht ma-\nthematisch, aber für das Gefühl vollständig natürlich\nreine Intervalle haben kann. 3. Es wird den Künstlern,\nwelchen bei der Reproduction die Tonhöhe in die Hand\ngegeben, wissenschaftlich dargethan, dass kleine Rückun-\ngen in der Höhe bei den Modulationen, überhaupt bei\nder Herstellung reiner Intervalle, dem Melodieenflusse\neinen weniger empfindlichen Schaden anthun, als die tem-\nperirten Intervalle in vielen Fällen dem Zusammenklange\nder Harmonieen.\nWenn wir durch unsere Behauptung, dass die neue\nDisciplin des Gehörs, wie wir sie vorschlagen, den Kunst-\ngeschmack unserer Zeit läutern wird, von mancher Seite\nden Vorwurf der Ueberschwänglicbkeit auf uns ziehen\nmögen, so werden wir unter den ersten Grössen der aus-\nübenden Künstler, excl. Pianisten, sicher Gesinnungsgenos-\nsen antreffen; schwerlich dürfte uns aber die Zustimmung\nversagt werden, wenn wir bei der Wiedergabe der alten\nitaliänischen und niederländischen Musik auf Verdrängung\nder temperirten Stimmung dringen.\n\nAdelina Patti.\nSeit vier Jahren erzählen die öffentlichen Blätter aller\nHauptstädte von Europa von den wunderbaren Erfolgen\neiner Sängerin, die nach der allgemeinen Stimme der Kri-\ntik, der gebildeten Kunstfreunde und des grossen Publi-\ncums zu den seltensten Phänomenen auf dem Gebiete der\nitaliänischen Oper gehört, von Adelina Patti. Durch eine\nbesondere Gunst der Umstände für uns berührt die Bahn\ndieses glänzenden Gestirns jetzt auch unseren Meridian,\nund wir werden seine Erscheinung nicht bloss am fernen\nHorizonte schimmern sehen, sondern in der Nähe be-\nwundern können.\nAdelina Patti gehört zu denjenigen Ausnahmewesen,\ndenen die Natur schon bei ihrer Geburt eine musicalische\nSeele und als Sprache derselben Musik und Gesang gege-\nben hat. Schon in ihrem fünften Jahre offenbarte sich der\nentschiedene Beruf des Kindes zur Tonkunst durch eine\nklare Silberstimme, richtiges und jede Melodie schnell fas-\nsendes Gehör und eine unwiderstehliche Neigung, selbst\ndie Sprache melodisch und gesangartig zu gestalten. Ihre\nMutter war die Sängerin Barilli, die in den Jahren 1830\nbis 1843 auf den Opernbühnen Italiens glänzte und sich\nmit dem ebenfalls geschätzten Sänger Salvator Patti ver-\nmählt hatte. Adelina, von vier Geschwistern die jüngste,\nwurde zu Madrid am 19. Februar 1843 geboren. Nach\nvier Jahren kehrte die Familie nach Italien zurück, und"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "317", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18651007-01.1.5", "texte": "da sie schon im folgenden Jahre (1848) sich nach Ame-\nrica einschiffte, so hat Adelina nur als Kind Italien gesehen.\nIn New-York war damals Moriz Strakosch Director\nder italiänischen Oper. Er wurde durch seine Vermählung\nmit ihrer ältesten Schwester Amalia Adelina's Schwager,\nund dies war ein Glück für sie, da Strakosch die jetzt im-\nmer sichtbarer hervortretende geniale Gesangsnatur in ihr\nrichtig erkannte und bei ihrer allgemeinen und musicali-\nschen Erziehung mehr beobachtend und nur die natürliche\nEntwicklung überwachend eintrat, als dass er auf irgend\neine Weise sie als eine Treibhaus-Pflanze behandelt hätte.\nWohl aber gab er ihr Gelegenheit, eine Sontag, eine Lind,\neine Grisi und andere Grössen der Oper zu hören, und so\nentfaltete Adelina allmählich, sich selbst unbewusst, ihr\nTalent, wie eine Blume ihren duftenden Kelch.\nIndessen waren ihre Fortschritte doch zu auffallend,\nihre genialen Eigenschaften zu glänzend, als dass ihr die\nLaufbahn eines Wunderkindes verschlossen bleiben konnte.\nSo trat sie denn in ihrem achten Jahre zum ersten Male\nöffentlich in einem Concerte zu New-York auf und erregte\nallgemeines Erstaunen durch die Reinheit ihres Gesanges,\ndie Biegsamkeit der Stimme und die wunderbare natür-\nliche Leichtigkeit der Coloratur. Kurz vor diesem Concerte\nhatte die Alboni, der sie etwas vorgesungen, sie mit Ent-\nzücken umarmt und gesagt: „Du wirst einst unsere Na-\nmen alle verdunkeln!\"\nDarauf folgten in ihrem zwölften und dreizehnten\nJahre Reisen durch einen grossen Theil von America und\ndie westindischen Inseln. Ueberall wiederholte sich der\nEnthusiasmus, der zumal bei den Bevölkerungen dieser\nRegionen gar keine Schranken kennt. Bei ihrer Rückkehr\nnach New-York war sie volle dreizehn Jahre alt und hatte\nbereits in dreihundert Concerten gesungen.\nJetzt war wahrlich eine Zeit der Ruhe nöthig, und\nsie wurde ihr drei Jähre lang zu Theil, welche Moriz Stra-\nkosch zu ihrer völligen Ausbildung, namentlich für die\nBühne, anwandte. Es ist interessant, zu hören, wie vor-\nsichtig dabei verfahren werden musste, denn Adelina's\nCharakter hatte sich sehr selbständig entwickelt, von pe-\ndantischem Zwange oder nur irgend etwas, das dem ähn-\nlich sah, durfte nicht die Rede sein, und jetzt im Bewusst-\nsein ihrer genialen Natur war sie eine Feindin jeder Art\nvon eigentlichen Studien. Vor Allem musste man ihre Lust\nan einer neuen Partie rege zu machen suchen, und so wie\ndie Melodieen ihr gefielen, war das Spiel gewonnen, da\nsie alsdann eine so fabelhafte Schnelligkeit der Auffassung\nund Sicherheit des Gedächtnisses besitzt, dass sie eine\nPartie in wenigen Tagen lernt; nur muss man ja nicht\neinen bestimmten Termin dafür ansetzen, denn alsdann\nist es mit dem Studium vorbei.\nAuf diese Weise hatte sie denn bis zu ihrem sieben-\nzehnten Jahre neunzehn grosse Partieen vollständig inne.\nDennoch würde ihre Familie sie noch eine Zeit lang vom\nAuftreten auf der Bühne zurückgehalten haben, wenn\nnicht die durch Voraussicht des Bürgerkrieges gefährdeten\nVerhältnisse des italiänischen Theaters in New-York ein\nausserordentliches Mittel nothwendig gemacht hätten.\nSo beschloss man denn, Adelina auftreten zu lassen,\nund am 24. November 1859 erschien sie als Lucia auf\ndem Theater der italiänischen Oper in New-York. Obwohl\nAnfangs befangen, brachte sie doch sehr bald ein sichtba-\nres Erstaunen hervor, dem sich selbst diejenigen nicht\nentziehen konnten, die wenig oder gar nichts von ihr als\nBühnensängerin erwarteten oder zu erwarten vorgaben. Die\nfolgenden Vorstellungen steigerten den Erfolg ins Fabelhafte.\nDas folgende Jahr brachte die jugendliche Künstlerin\nnoch in den Vereinigten Staaten zu, im Jahre 1861 aber\nkam sie nach Europa und trat zuerst in London auf dem\nCoventgarden-Theater am 14. Mai als Amina in der\nNachtwandlerin auf. Von diesem Abende an wiederhallten\nalle Organe der Presse von der Bewunderung, die sie er-\nregte. Die glänzendsten Anträge liefen von den grössten\nTheatern ein, Adelina Patti zog es aber vor, die ganze\nSaison in London zu bleiben. Nach Beendigung derselben\nsang sie in Madrid und Wien und trat am 17. November\n1862 in Paris auf. In ihrer Vaterstadt Madrid konnte\nman das Gedränge am Theater nur durch polizeiliche\nMaassregeln in Schranken halten, und am folgenden Tage\nmusste man einem förmlichen Aufstande entgegentreten,\nda die Menge in Erfahrung brachte, dass die Zuschauer\nam ersten Abende schon das ganze Haus für den folgen-\nden gemiethet hatten.\nAuch in Paris wählte sie zum ersten Auftreten „die\nNachtwandlerin\", und trotzdem, dass ihre berühmten Vor-\ngängerinnen in dieser Rolle, eine Persiani, Sontag, Frezzo-\nlini, Cruvelli u. s. w., noch im besten Andenken bei den\nälteren Theaterfreunden standen, riss Gesang und Darstel-\nlung Adelina's Alles zu begeistertem Beifalle hin, der sich\nseitdem, wo sie abwechselnd in der Saison von Paris und\nLondon singt, und eben so in den deutschen Residenz-\nstädten, in denen sie bisher aufgetreten, stets gesteigert hat.\nAdelina Patti ist jetzt zweiundzwanzig Jahre alt, und\nwelche Triumphe hat sie schon gefeiert! Der Blumen und\nKränze bedarf sie nicht mehr; doch wissen wir, dass es\nder berühmten, aber eben so bescheidenen Künstlerin kei-\nneswegs gleichgültig ist, welche Aufnahme sie in Deutsch-\nland, im „Lande der Musik\", wie die Franzosen es jetzt\nnennen, findet."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "318", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18651007-01.1.6", "texte": "Das Musikfest in Brüssel am 26. September 1865.\nSeit vielen Jahren nährte Belgien den Wunsch, grosse\nmusicalische Feste nach Art der niederrheinischen einzu-\nführen, welche eine der ruhmwürdigen Zierden Deutsch-\nlands sind. Die vorzüglichsten öffentlichen Blätter und ins-\nbesondere die Independance haben sich mit Wärme der\nSache angenommen, welche auch in einer besonderen\nBrochure über die rheinischen Feste in Eduard Seve,\neinem belgischen Literaten, einen beredten Fürsprecher\ngefunden hat. [Vgl. ferner den Bericht des Herrn Benoit\nan den belgischen Minister des Innern —in Nr. 39, S. 308\nder Niederrh. Musik-Zeitung.] Versuche dazu waren in\nBrüssel, Gent, Antwerpen, Lüttich gemacht worden, aber\nsie waren aus Mangel an Mitteln und Kräften und an ge-\nhöriger Organisation gescheitert, d. h. hauptsächlich an\nden Schwierigkeiten, welche die Vereinigung von gemisch-\nten Chören und das öffentliche Auftreten der Damen aus\nden Kreisen der Dilettanten herbeiführten. Indess scheint\nes, nach dem Feste vom 26. September zu urtheilen,\nwelches der bedeutendste Verein in Belgien, die Rennion\nlyrique, unter Begünstigung der Regierung und der\nstädtischen Behörde veranstaltet hat, dass die Vorurtheile\nam Verschwinden sind und dass der Erlolg des Festes eine\nVorbedeutung für die Zukunft und lür das (ernere\nBestehen sein wird.\nDer Aufruf im Namen der Kunst hatte einen kräftigen\nWiederhall in den bedeutenderen Städten gefunden, der\ndie Zahl der mitwirkenden Sänger aul 600 gebracht hatte.\nDas Orchester, welches die Hauptstadt allein geliefert hatte,\nzählte 149 Mitglieder. Die Zuhörerschaft war zahlreich:\nIhre Königl. Hoheiten der Herzog und die Herzogin von\nBrabant und der Gral von Flandern beehrten die Auffüh-\nrungen mit ihrer Gegenwart. Der Saal bestand in einer\ngrossen, von Holz erbauten und mit Glas gedeckten Halle;\nda das Concert um 12 Uhr begann und bis 4 Uhr dauerte\nund die Sonne ihre glühendsten Strahlen auf das Dach\nherabgoss, so entstand im Saale die Temperatur eines\nTreibhauses, die durch nichts gemildert wurde, als durch\nzwei breite Thüren an jedem Ende der Halle, die man\noffen liess, was aber freilich wieder der Akustik schadete.\nDie Musik klang wie in freier Luft, und die Wirkung der\nMassen entsprach keineswegs der gehabten Erwartung. An-\ndererseits war aber auch die Aufstellung von Chor und\nOrchester mangelhaft: die Bühne war zu niedrig, beson-\nders in der Mitte, das Streich-Quartett stand auf gleicher\nEbene hinter den Sängern, so dass der Ton der Saiten-\ninstrumente sich zum Theil in den vollen Kleiderstoffen\nder Sängerinnen verlor. Ein anderer Uebelstand war, dass\ndie Bühne viel zu breit im Verhältnisse zu ihrer Tiefe war:\nder Klang des Ganzen konnte sich nicht concentriren. Die\nErfahrung nauss in diesen Dingen Lehrerin sein.\nDie technische Direction war den Herren Hanssens\nund Fischer anvertraut. Eine Ouvertüre des ersteren,\nfür das Fest componirt, eröffnete das Concert und zeigte\ndas Orchester in seinem Glänze durch reine Stimmung»\nSicherheit und Schwung. Das Werk selbst offenbarte, aus-\nser der geschickten Bearbeitung von Melodieen, die be-\nsonders in der Introduction an Beethoven erinnerten, eine\ngediegene Kenntniss des Satzes und der Instrumental-Ef-\nfecte. Man könnte dem Allegro etwas mehr Guss und Fluss.\nwünschen, allein das hindert nicht, Geschmack und Klar-\nheit anzuerkennen, die man nicht immer in den Werken\nder neueren Periode findet. Die Wahl von Händel's Arier\n„ Verdi prati\", durch Fräulein Artöt können wir nicht\nwohl begreifen, da sie, abgesehen von der schlechten In-\nstrumentirung, gar nicht geeignet war, die glänzenden\nEigenschaften der berühmten Sängerin ins Licht zu stellen.\nDie Coloratur-Arie „Hallelujah\" aus Händel's „Esther\",,\noder „Horch' auf des Vogels muntres Lied\" aus „Josua\"\nwäre für die Sängerin und für uns geeigneter gewesen.\nDoch kommen wir auf Fräulein Artöt zurück.\nDie dritte Nummer des Programms war der erste\nTheil von Mendelssobn's „Paulus\", jenes bewun-\nderriswerthen, erhabenen Werkes, durch das Mendelssohn\nder deutschen Tonkunst in Bezug auf Vocalmusik neue\nKraft und monumentale Grösse verlieh. Durch den ersten\nmajestätischen Chor bekamen wir den Eindruck von der\nschönen und imponirenden Chormasse und von der Liebe,\nmit welcher sie an die Lösung ihrer schwierigen Aufgabe\nging. Wenn strenge Präcision des Ensembles die lobens-\nwerten Anstrengungen nicht immer krönte und in eini-\ngen Chören sehr merkliche Schwankungen vorkamen, so\nmuss man den Grund davon in den wenigen Gesammt-\nProben suchen, wodurch die verschiedenen Vereine zu\nwenig Gelegenheit hatten, sich an die Direction des Herrn\nHanssens zu gewöhnen, der freilich es thut uns leid, es\nsagen zu müssen nicht immer glücklich in der Wahl\nder Tempi und auch zu wenig zuvorkommend gegen die\nSolisten war. So hat namentlich Herr Vidal, der erst im\nletzten Augenblicke berufen wurde, um den unwohl ge-\nwordenen Herrn Depoitier zu ersetzen, die schlimme Wir-\nkung davon erfahren, indem durch das übereilte Tempo\nder Eindruck der tief empfundenen und pathetischen Arie\ndes reuigen Paulus ganz verloren gehen musste, wie denn\nauch manche Chöre durch zu schnelle Bewegung ihre er-\nhabene Grösse einbüssten. Herr Hanssensist gewiss ein\nguter Dirigent, allein es gehört ein sehr geschickter Len-\nker dazu, um so grosse Tonmassen in Schranken zu hal-\nten; das musicalische Wissen allein macht es nicht aus;."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "319", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18651007-01.1.7", "texte": "Erfahrung, Uebung, tactvolle Berücksichtigung aller mit-\nwirkenden Elemente und geistig anregende Behandlung\nderselben sind zu einer guten Leitung von solchen Auf-\nführungen durch ein auf solche Art zusammengesetztes\nPersonal unumgänglich nothwendig.\nUnter den Chören, die am meisten durchschlugen,\nsind die Klage um Stephanus, der Schluss-Chor und der\nprächtige Choral: „Wachet auf!\" zu nennen; bei letzte-\nrem war die Begleitung der Blech-Instrumente, wie denn\nüberhaupt das Orchester überall sehr lobenswerth, da\nauch die Schattirungen des Ausdrucks meist gut zum\nAusdruck kamen.\nDie vierte Nummer des Programms war die Can-\ntate „Jacques van Artevelde*von Gevaert, eine Com-\nposition, die zwar keine grosse Erfindungsgabe verräth,\nsich aber durch echt künstlerisches und edles Streben aus-\nzeichnet; das melodische Element zeigt sich in leicht fass-\nlichen Formen, und es gelingt dem Componisten oft, den\nInhalt des Gedichtes zu charakterisiren. Oft ist indessen\ndieser charakteristische Ausdruck zu gesucht. Unter den\nChören, die eben nicht durch Polyphonie glänzen, hat der\npatriotische Gesang: „Qui fit durch le-\nbensvolle Melodie und markige Bhythmen das Publicum\nergriffen und musste wiederholt werden. Die Ausführung\nunter Herrn Fischer's sicherer Direction war gut.\nDen Schluss des fast zu reichen Programms bildeten\n»Der Herbst\" und „Der Winter\" aus Haydn's „Jah-\nreszeiten\". Diese einfache und natürliche Musik erregte\no\nbei Manchen ein Lächeln zweifelhafter Erwartung, das sich\naber durch den magischen Eindruck derselben in wahren\nEnthusiasmus verwandelte. Auch müssen wir sagen, dass\ndas schöne Werk im Ganzen mit Liebe und Eifer ausge-\nführt wurde. Der Chor: „0 Fleiss\", und der Jagd-Chor,\nbei welchem die Hörner lobende Erwähnung verdienen,\nwurden mit Begeisterung gesungen, und der „Wein-Chor\"\nwar eine wahre Apologie des Traubensaftes von 1865;\neine kleine Schwankung in der Mitte, welche das nicht\nfeste Innehalten des Tempo's verursachte, wurde bald von\nden Sopranen mit lautem „Juchhe!\" überwunden. In dem\n„Winter\" nahm Herr Hanssens einige Tempi (selbst Hann-\nchen's Lied presto!)wieder so schnell, dass die Klarheit\ndes Verständnisses darunter litt.\nSolisten waren Demoiselle Desiree Artöt und die\nHerren Warnots (Tenor) und Vidal (Bass). Mademoi-\nfeile Artöt hat ihre vortrefflichen künstlerischen Eigen-\nschaften nicht in demselben Glänze wie sonst gezeigt; es\nschien ihr so zu gehen, wie manchen Theatersängern, dass\nsie aus Furcht, zu theatralisch zu werden, in Monotonie\nfallen. Herr Warnots ist im Besitze einer weichen, ange-\nnehmen, reinen Stimme und ist ein geschickter Sänger;\nim „Paulus1- reichte der Klang des Tones nicht ganz aus.\nund in der Partie des Lucas verwischte der allzu drama-\ntische Vortrag hier und da den Charakter der Musik; wo\ndiese aber einen solchen Vortrag erlaubte, brachte der\nSänger ihre Schönheiten zu voller Geltung und offenbarte\nauch ein tiefes Gefühl im Ausdrucke. Was Herrn Vidal\nbetrifft, so haben wir schon gesagt, dass er erst spät die\nPartie des Paulus übernommen hatte; er löste seine Auf-\ngabe als guter Sänger, ohne jedoch geistig auf der Höhe\ndes Werkes zu stehen.\nSchliesslich können wir nicht genug unsere Verwun-\nderung über die Ausdauer, die Hingabe und die Anstren-\ngungen des Chors ausdrücken, welche dazu gehörten, eine\nsolche Aufführung möglich zu machen, und fühlen uns\ngedrungen, den Dank auszusprechen für die Liebe, den\nEifer und die Wärme, mit welchen die Werke unserer\ngrossen deutschen Meister studirt und ausgeführt worden\nsind. Das Fest-Comite und besonders der Vorstand der\nReunion lyrique haben sich ein Verdienst um die Kunst\nerworben, und das belgische Publicum, das mit gespann-\nter Aufmerksamkeit der langen Sitzung beiwohnte, hat\ngezeigt, wie empfänglich es für das wahre Schöne der\nlonkunst ist, und in welche Begeisterung dafür es aus-\nbricht, wenn es ihm auf würdige Weise dargeboten wird.\nHoffentlich werden sich die vereinigten Kräfte nicht wie-\nder zersplittern, und dieses Fest-Concert den Grund bil-\nden, auf welchem fortgebaut werden wird.\nN.\nEiner anderen uns zugegangenen Correspondenz ent-\nnehmen wir noch die Notizen, dass der Chor 125 Soprane.\n126 Alte, 149 Tenöre und 200 Bässe zählte; im Sopran\nund Alt befanden sich unter dieser Zahl 49 und 53 Stim-\nmen von jungen Mädchen und Knaben, die noch in den\nSchuljahren sind. Das Orchester hatte 28 erste und 28\nzweite Violinen, 20 Bratschen, 18 Violoncelle und 18\nContrabässe (!), die Blas-Instrumente doppelt besetzt, zu-\nsammen 149 Instrumentalisten. Der Eindruck des Ora-\ntoriums „Paulus\" konnte dadurch, dass der einfache\nbiblische, deutsche Text in französische Verse gebracht\nworden war (von einem Herrn Belanger), kein vollständi-\nger sein. Als Titel führte der erste Theil, der allein auf-\ngeführt wurde, die Aufschrift:\npunüion et repentir de Saul.\"—Die „Jahreszeiten\" wur-\nden nach Roger's Uebersetzung des Textes ins Französi-\nsche gesungen. Leider bestätigt auch diese zweite Cor-\nrespondenz in noch schrofferer, aber durch Beispiele er-\nhärteter Weise, dass der Dirigent die Werke „eben so\nwenig begriff, als kannte\". Abgesehen von dem Vergrei-\nfen der Tempi in den Chören Mendelssohn's, wollen wir\nnur ein Beispiel aus den „Jahreszeiten\" mittheilen. In"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "320", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18651007-01.1.8", "texte": "dem Liede Hannchen's mit dem Chor-Refrain nahm Herr\nHanssens ein prestoartiges Tempo: Fräulein Artöt setzte\nim richtigen Tempo ein und hielt es auch fest; der Diri-\ngent gab nach, was nicht ohne einige Störung abging;\nsobald aber die Sängerin mit ihrer Strophe fertig war,\nnahm er sein Presto wieder auf, und so fort cum gratia\nusque ad finerriy wodurch denn der Chor ganz entsetzlich\nnatürlich wurde. Vielleicht findet diese Auffassung bei\nden neuesten Realisten Gunst!\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nDie berühmten Quartettspieler Gebrüder Müller aus Mei-\nningen werden in diesen Tagen eine Kunstreise am Rheine antre-\nten, am 9. October in Frankfurt am Main beginnen und auch\nnach Köln kommen, um von da nach Holland zu gehen. Nach\nallen Berichten hat dieser Brüder-Verein im classischen Zusammen-\nspiel und ausdrucksvollen Vortrage der Quartette unserer grossen\nMeister es jetzt zu einer Vollendung gebracht, die zu den seltensten\nErscheinungen auf dem Gebiete der Tonkunst gehört.\nFrau Wilhelmine Szarvady-Clauss, eine der genialsten\ndeutschen Clavierspielerinnen, die seit Jahren sich eine hervorra-\ngende Stellung in Paris geschaffen, wird um die Hälfte des Octo-\nber eine grössere Kunstreise durch Deutschland beginnen, welche\nsie nach dem Besuche der Städte am Main und Mittelrheine über\nKassel, Leipzig und Dresden wahrscheinlich bis in ihre Vaterstadt\nPrag ausdehnen wird, um dann über Lübeck, Hamburg, Bremen\nund Belgien nach Paris zurückzukehren.\nMülheim an der Ruhr, 24. Sept. Das gestrige Con-\ncert des mülheimer und essener Gesangvereins brachte hier Zur\nNieden's „Martinswand\" zur Aufführung, ein Werk von selte-\nnem Ideen-Reichthum und durchgearbeiteter Form. (Vgl. die Beur-\ntheilung des Werkes in Nr. 12 des Jahrg. 1864.) Die Ausführung\nwar eine sehr gelungene. Die Langenbach'sche Capelle, durch einige\ndüsseldorfor Künstler, namentlich den Concertmeister Auer, ver-\nstärkt, bewährte ihren Ruf. Die Solo-Partieen waren alle gut, zum\nTheil vortrefflich besetzt. „BellastraV (Sopran) Seelenkampf wurde\nmit ergreifender Wahrheit gesungen. Die „jungfräulich milde\" Alt-\nstimme eignete sich sehr gut für die sanfte Schwärmerei der „Ma-\nria\", und der lyrisch-weiche Tenor sang die Geister-Romanze, die\nleise, wie geträumt, von dem Wasserspiegel zu uns herübertönt,\nganz vortrefflich. Die Stimme des Baritons (Max) hat eine mächtige\nWucht; die gedrückte Stimmung des besiegten Königs wurde sehr\ngut wiedergegeben; hier kam die etwas dunkle Klangfarbe der\nStimme dem Sänger sehr zu Statten. Die prächtige Stimme des\nBasses (Dämon) kam besonders im ersten Duette zur vollen Geltung.\nDie Chöre waren im Ganzen gut. An einzelnen Stellen wäre ein\netwas festeres Eingreifen, namentlich der Männerstimmen, wün-\nschenswerth gewesen. Ein glänzendes Publicum war versammelt und\ndas Werk fand den ungetheiltesten und lebhaftesten Beifall.\nMan schreibt aus Chicago, Ende August: „Wir freuen uns,\nzu berichten, dass der berühmte Sänger Karl Formes seine präch-\ntige Stimme durch die Behandlung des Dr. Sax, eines Schülers von\nDiefenbach, vollständig wieder erhalten hat. Er hat in einem Con-\ncerte in Hyde Park mit ausserordentlichem Erfolge gesungen, die\nStimme hat ihre volle Kraft und wunderbare Biegsamkeit ganz wie-\ndergewonnen und das Publicum eben so wie früher enthusiasmirt."}]}