{"numero_id": "bm-bmtnabi-1865-10-21-01", "volume": "bmtnabi_1865-10-21_01", "ocr_sha256": "28f5f717308c68f33a3fb9e19e4c1656251aa9f0f1f637bc48d96a920b396378", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1865/10/21_01/bmtnabi_1865-10-21_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18651021-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1865-10-21-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1865-10-21_01#c001", "volume": "bmtnabi_1865-10-21_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "329", "page_fin": "329", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18651021-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "329", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18651021-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 389, "texte": "Inhalt.\nTUrlJn /P * n 6 *\"fan\"ohe °T£f m Münche» von 1654-1787. - Koch's musicalisches Lexikon von Arrey von üo.nmer. - Aus\n!ro 1 attl-C°\"Cerit des Herrn Ullman). Von G. E. - Tages- und Unterhaltungsblatt (Köln, Erstes Abonnements-Concert im\ng Adelina Patti Crefeld, bevorstehende musicalische Soiree - Bremen, HUndel's „Salomon\" zur AufführunK vor-\nbereitet, Orgel-Concerte mit Gesang). 6"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1865-10-21-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1865-10-21_01#c002", "volume": "bmtnabi_1865-10-21_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "329", "page_fin": "332", "image_debut": 1, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18651021-01.2.2", "titre_corps": "Die italiänische Oper in München von 1654—1787.", "titre_sommaire": "Die italiänische Oper in München von 1654—1787.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "329", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18651021-01.1.1", "debut_caractere": 391, "fin_caractere_exclue": 4317, "texte": "Die italiänische Oper in München von 1654—1787.\nDies ist Titel und Inhält des ersten Theiles einer\nGeschichte der Oper am Hofe zu München.\nNach archivalischen Quellen bearbeitet von Fr.\nM. Rudhart. Freising, Verlag von F. Datterer.\n1865. VI und 193 S. Gr. 8.\ndie wir als einen neuen Beitrag zur Begründung einer all-\ngemeinen Geschichte der Musik auf historischen Mono-\ngraphieen begrüssen.\nDas Buch ist auf Anregung des verstorbenen Königs\nMaximilian 11. von Baiern und durch Bewilligung der dazu\nnöthigen Müsse für den Verfasser entstanden. Dieser hat\naus dem in München so reich seit Mitte des sechszehnten\nJahrhunderts sich entfaltenden musicalischen Leben am\nHofe und in der Kirche versucht, das Material zu einer\nGeschichte der Oper, und zwar zunächst der italiäni-\nschen), die dort eine grosse Rolle spielte, in so weit es\nnoch erreichbar ist, zu sammeln und zu sichten. Ausser\nden dürftigen Notizen in Lipowsky's „bayerischem Musik-\nLexicon\" (München, 1811), welche übrigens durch den\nVerfasser noch mehrfache Berichtigungen erfahren rouss-\nten, liegt über den Gegenstand des Buches bis jetzt nichts\ngedruckt vor, wiewohl Lipowsky's Arbeit immerhin aner-\nkennenswerth ist und willkommene Anhaltspunkte bietet.\nRudhart sah sich also auf die Nachrichten in den Archiven\nund auf eine Sammlung gedruckter Opern-Textbücher in\nder königlichen Hof- und Staats-Bibliothek beschränkt.\nDieses Material hat er zur Aufstellung der äusseren\nGeschichte der Oper in München während des auf dem\nTitel genannten Zeitraumes sorgfältig benutzt, und diese\nbietet allerdings des Beachtenswerthen und Interessanten\ngar Vieles. Zu bedauern ist aber, dass „der Mangel an\nnoch vorhandenen Partituren der älteren Opernu sich so\nfühlbar macht, dass eine Entwicklung des musicalischen\nDrama's in seiner Ausbildung als Kunstwerk bis zu Gluck\nund Mozart hier eben so wenig zu suchen und verhältniss-\nmässig unmöglich ist, wie in den meisten bisher erschie-\nnenen Monographieen ähnlicher Art. Ungeachtet dessen\nist das, was vorliegt, eine recht dankenswerthe Arbeit, zu\nderen Fortsetzung in einem zweiten Theile, der die Pe-\nriode von 1787 bis auf unsere Zeit enthalten soll, wir\nden Verfasser sehr aufmuntern.\nDas Buch zerfällt in fünf Capitel, denen eine „Ein-\nleitung\" (S. 1—27) vorangeht und ein Anhang von\nsechs Beilagen (S. 177 193) folgt; auch ein Regi-\nster fehlt nicht. Die Beilagen enthalten: I. Verzeichniss\nder von 1654—1787 aufgeführten Opern und scenisch-\nmusicalischen Vorstellungen, mit den Namen der Dichter\nund Componisten. Es sind ihrer 188. 11. Verzeichniss der\nSänger und Sängerinnen während derselben Periode. 111.\nVerzeichniss der Intendanten, IV. der Capellmeister, V.\nder Architekten und Maler, VI. der Ballet- und Fecht-\nmeister.\nDie Einleitung macht natürlich keine Ansprüche auf\nneue Entdeckungen in der Geschichte der Entstehung der\nOper. Sie enthält indessen ein paar interessante Acten-\nstücke aus dem münchener Archive: einen lateinischen\nSteckbrief gegen zwei italiänische Sänger nebst deren De-\nscriptio (Signalement) vom 27. April 1570. Diese hatten\neinen Collegen aus Hass wegen unbedeutender Ursache\n\n*) Wir können unsere philologische Befriedigung über die An-\nWendung der richtigen Orthographie des Wortes „italienisch\"\nnicht bergen, welche seit einigen Jahren durch das, was Grimm\n„SchulmeisterWeisheit\" nannte, jetzt in so vielen Büchern und Zei-\ntungen durch die verkehrte Schreibart „italienisch\" fast verdrängt\nworden ist. So wenig wie die deutsche Sprache von Spanien „spa-\nnienisch\", von Schweden „schwedenisch\", von Mähren „mährenisch\"\nu. s. w. bildet, sondern „spanisch\" u. s. w., eben so wenig bildet\nsie aus Italien „italienisch\", sondern die zwei Formen: „italisch\"\naus Italia und „italiänisch\" aus italiano, eben so wie „fränkisch\"\naus France und „französisch\" auf frangois (die Schreibart frangais\nist unhistorisch). Wer weiss, ob die Verschlimmbesserer nicht auch\nnoch „franzesisch\" befürworten!"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "330", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18651021-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5186, "texte": "(<ob nullius fere momenti causam) vor den Thoren von\nLandshut ermordet und waren dann flüchtig geworden.\nDer Eine von ihnen war Massimo Trojano, Sänger, Dich-\nter und Schriftsteller, den der Steckbrief unter Anderem\nalso charakterisirt: „Er trägt das Haar nach hinten ge-\nkämmt und hat einen kurzen, dichten Bart,\nsoiticam vocant,singt Contra-Tenor mit ziemlich hoher,\naber etwas forcirter Stimme (coacta voce)', in allen Reden\nund Geberden zeigt er Stolz und Hochmuth. Der Andere,\nCamillus, ist viel dicker und stärker. Er hat eine Stimme,\nquam Bassum dicimus,von Klang, aber etwas rauh. Da\nbeide Musici sind, so werden sie sich überall als solche\nzeigen und sind leicht an ihren Stimmen zu erkennen.\nTrojanus trägt auch gewöhnlich die goldenen Medaillen\nmit dem Brustbilde der Herzoge Albert und Wilhelm um\nden Hals.\"\nDerselbe Trojano hatte zwei Jahre vorher die sceni-\nschen Festlichkeiten bei der Vermählung des Herzogs Wil-\nhelm mit Renata von Lothringen (1568) beschrieben,\nwozu er selbst die Fest-Komödie gedichtet hatte, die Or-\nlando di Lasso in Musik setzte. Rudhart theilt den In-\nhalt derselben, der sich von anderen Arlequinaden dersel-\nben Zeit nicht unterscheidet, aus der italiänischen Fest-\nbeschreibung Trojano's, der auch selbst darin aufgetreten,\nmit, wovon uns nur interessirt, was Lassus betrifft. Nach\ndem Prolog führte dieser „eines seiner angenehmsten\nfünfstimmigen Madrigale auf. Dann trat Orlando di Lasso\nselbst als vornehmer Venetianer auf, gekleidet in ein\nWamms von rothem Atlas, rothe Beinkleider, langen,\nschwarzen Mantel, spielte auf der Laute und sang\ncon un liuto alle mani sonando\nquesla strada etc. Hierauf legte er die. Laute weg und\nhielt einen langen Monolog über den armen Pantalon und\ndessen Liebe, welche Scene alle Zuschauer lachen\nmachte.\" (Lassus, der Hofkirchen-Capellmeister!)—Am\nEnde des ersten Actes begann „eine sehr liebliche Musik\nmit fünf Violinen und eben so vielen Singstimmen\".\nFerner wird erwähnt „eine Musik von vier Singstimmen\nmit zwei Lauten, einem Clavicembalo, einem pifaro (Pfeife)\nund einer Bassgeige (basso di\nDas zweite curiose, für die Geschichte der abscheu-\nlichen Verstümmelung von Knaben der Gesangstimme\nwegen wichtige Actenstück betrifft einen Vorfall in Mün-\nchen vom Jahre 1564, welcher beweist, dass schon ge-\nraume Zeit vor dem siebenzebnten Jahrhundert in Rom\nCastraten gebraucht wurden, während man gewöhnlich\nannimmt, dass der Castratengesang in der päpstlichen Ca-\npelle erst im Anfange des genannten Jahrhunderts begon-\nnen habe. Das Actenstück („aus den unedirten Acten des\nk. Reichs-Archivs\") enthält die Nachricht über den Ver-\nlauf einer Untersuchung wegen Entmannung von sechs\nKnaben, Schülern der Jesuiten; von den unglücklichen\nOpfern wurden fünf nach Rom geschickt, einer aber ent-\nlief und flüchtete nach Neuburg, der Residenz des Pfalz-\ngrafen Wolfgang. Herzog Albert V. von Baiern liess den\nKnaben nach München zurückkommen und ordnete eine\nUntersuchung an. Der Knabe wiederholte seine umständ-\nlichen Aussagen später aber widerrief er; es fanden\nsich Aerzte, die ihn für „unangetastet\" erklärten, und die\nJesuiten erhielten „gegen die in Truckh gegebene Lester-\nschrift\" eine officielle Mittheilung zu ihrer Vertheidigung.\nDer fünf übrigen Knaben geschieht weiter keine Erwäh-\nnung in dem Actenstücke.\nDreissig Jahre später hatte auch die münchener Hof-\ncapelle ihre Castraten und „einen Aufseher umb wegen\n6 Bueben\". Das waren die Folgen des Verbotes, dass\nFrauenzimmer nicht in der Kirche singen durften. Und\ndieses Verbot will man im Jahre 1865 erneuern?\ndeant consules ne quid detrimenti\nDas erste Capitel enthält die Geschichte der fünfund-\nzwanzig ersten Jahre des Bestehens der italiänischen Oper\nin München bis um 1680. Von den Opern der damaligen\nCapellmeister Kerl und der beiden Bernabei ist keine\nPartitur aufzufinden gewesen.\nIn dem zweiten Capitel befindet sich folgende Stelle\nüber den berühmten Componisten Agostino Steffani,\nwelche zur Ergänzung der trefflichen Studie über diesen\nMeister in Chrysander's Leben Händel's (Theil 1) wei-\ntere Verbreitung verdient. Rudhart sagt S. 81 ff.:\n„Im Jahre 1688 den 18. Januar gab man „La glo-\nria festeggiante, introducimento\nTorneo\" u. s. w., wozu Orlandi den Text, Anton Berna-\nbei aber die Musik geliefert hatte, dann (wahrscheinlich\nim Carneval, die Widmung des Buches ist vom 1. Januar\ndatirt) kam „Niobe, regina di Thebe* zur Aufführung,\nText von L. Orlandi, Musik von Steffani. Es war dieses\nMeisters letztes Werk für München. Welcher Art die\nGründe gewesen, welche ihn vermochten, die fast zur\nzweiten Heimat gewordene baierische Residenzstadt zu\nverlassen, lässt sich schwer erklären. Vom Kurfürsten nach\nseinem Werthe geschätzt und mit Gnadenbezeigungen\nüberhäuft (unterm 27. Juni 1685 waren ihm „wegen\nseiner gemachten 2 Opern und zu einer Badecur nach\nItalien 750 Fl. bewilligt\"), an einem Hofe, an welchem\ndie treffliche Vocal- und Instrumental-Capelle seinem\nEhrgeize als Componist vollkommenste Befriedigung ver-\nsprach, mit dem Range und Titel eines Kammermusik-\nDirectors und ausreichender Besoldung placirt was\nkonnte den Meister zum Abgange bewogen haben? In\nden ohnedies dürftigen Acten suchen wir vergebens Auf-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "331", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18651021-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5392, "texte": "klärung; sie enthalten nur ein Decret, d. d. 14. Mai 1686,\nwonach „ „dem churfürstlichen Kammermusik-Director,\nHerrn Augustin Steffani, wieder nach Welschland sich zu\nbegeben die gnädige Erlaubniss ertheilt und zugleich be-\nwilligt worden, in Ansehung seiner 21jährigen Diener-\nschalt ihme die Besoldung nicht allein bis zu Ende Juni,\nsondern auch vom Monat Juli an noch auf drei Jahre lang\no\nals Recompens ausfolgen zu lassen, wobei es aber nit ver-\nblieben, sondern es hat besagter Steffani inhaltlich eines\nandern an mich, Hofzahlmeister, ausgefertigten Dekrets\nsoviel noch ausgewirkt, dass man bei dem Hofzahlamte\nseine gemachten Schulden, wie er anzeigen und spezifizi-\nren werde, aus dem bewilligten Recompens des 3jährigen\nSoldes bezahlen und was davon noch übrig bleibt ihm\nnach Welschland zu übermachen. Weil seine Besoldung\njährlich 1080 Fl. gewesen, also auf drei Jahre 3240 Fl.\nmacht, so hat man nach Abzug von 1959 Fl. eingewie-\nsener Schulden i hm mit Wexl 1281 Fl. nach Vene-\ndig Übermacht\"\". (Hofzahlamts-Rechnungen pro 1688,\nfol. 427.)\n„Chrysander in seinem „„Leben Händel's\"\", 1., 315,\nbehauptet, an die im Jahre 1685 aufgeführte Oper „ nSer-\nvio Tuttio\"\" habe sich das weitere Schicksal Steffani's\ngeknüpft. Herzog Ernst August von Hannover, welcher\nden damals angestellten Feierlichkeiten beigewohnt, habe\nan Steffani's Musik und Gesangskunst Gefallen gefunden\nund ihn zu bereden gesucht, als Capellmeister nach Han-\nnover zu gehen; da die Capellmeister-Stelle in München\ndem Sohne Erc. Bernabei's zugedacht gewesen, sei Stef-\nlani, der doch über kurz oder lang anderswo sein Glück\nhabe suchen müssen, der Einladung nach Hannover ge-\nfolgt: noch im selben Jahre 1685 wäre Steffani in\nHannover angelangt, worüber das k. Archiv dieser Stadt\nden Nachweis gebe. Vor Allem wäre es nun wünschens-\nwert!), den Wortlaut dieses archivalischen Nachweises zu\nkennen, welcher, in so fern er von einer dauernden Ueber-\nsiedelung Steffani's spräche, in offenen Widerspruch mit\nder unbezweifelten Thatsache treten muss, dass der Com-\nponist 1687 den „ „ Alarico\"\", im Jahre 1688 die\n„„Niobe\"\" in und für München geschrieben hat, welcher\nferner mit den vorgetragenen hiesigen Archivalien in kei-\nner Weise in Einklang zu bringen ist, und welchem end-\nlich der Umstand entgegensteht, dass Steffani in den Jah-\nren 1685 —I6BB unverändert als Musik-Director in den\nbaierischen Hof-Zahlamtsbüchern und Besoldungs-Listen\naufgeführt wird. Es kann jener Aufenthalt in Hannover\nim Jahre 1685 wohl nur ein vorübergehender gewesen\nsein, wozu er den ihm vom Kurfürsten bewilligten Urlaub\nzu einer Badereise (Decref vom 27. Juni 1685) benutzt\nhaben mag. Auch der Umstand, dass G. Ant. Bernabei\nihm als designirter Capellmeister im Wege gestanden\nhätte, mag den Kammermusik-Director weniger berührt\nund ihm keinen Anlass zum Abschied von München gege-\nben haben, es dürften pecuniäre Verlegenheiten gewesen\nsein, welche ihn von hier wegtrieben; wie wir sahen, halte\ner sich einer Schuldenlast von beinahe 2000 Fl. zu ent-\nledigen, deren Tilgung ihm erst die Freigebigkeit des\nKurlürsten ermöglichte. Aus seinem Abgange nach Han-\nnover scheint er ein Geheimniss gemacht zu haben; wie\nihm im Jahre 1685 „ „zu einer Badecur nach Italien\"\"\nUrlaub gegeben worden war, welchen er, wie es scheint,\nin Hannover zubrachte, so lautet auch das Abschieds-De-\ncret, d. d. 14. Mai 1688, auf die Erlaubniss, „ „sich wie-\nder nach Welschland zu begeben\"\" nach Vene-\ndig soll ihm der nach Abzug der Schulden verbleibende\nGratifications-Rest einer dreijährigen Besoldungs-Summe\ngeschickt werden, und dorthin scheint er sich auch vor-\nerst begeben zu haben, denn erst im folgenden Jahre kam\nsein „„Henrico Leone\"\" in Hannover zur Aufführung.\nIn letztgenannter Stadt verbrachte er den Rest seines lan-\ngen, wahrhaft thatenreichen Lebens. Nicht weniger als\nzehn grosse Opern schrieb er für den dortigen Hof, welche\nauch anderwärts mit Erfolg gegeben, den Ruhm ihres\nSchöpfers weithin verbreiteten. Aber auch auf diplomati-\nschem Felde holte sich der kluge italiänische Abbate\nreichliche Lorbern: seine Thätigkeit als Envoye extraor-\ndinatre wurde ihm von seinem Fürsten mit reichlichem\nGolde, vom Papste mit dem Bisthume Spiga gelohnt.\nIm Jahre 1729 zog der Wunsch, die geliebte Heimat\nnoch einmal zu sehen, den 74jährigen Greis über die Al-\npen; in seiner Gesellschaft befand sich Händel; nach einem\nJahre zurückgekehrt, starb Steffani, eben wieder auf einer\ndiplomatischen Mission seines Hofes begriffen, in Frank-\nfurt am Main (1730).\"\nNach glänzenden Zeiten, welche die Oper und Hof-\ncapelle in München erlebt hatten, brach im Anfange des\nachtzehnten Jahrhunderts die furchtbare Katastrophe auch\nüber sie herein, welche die blinde Anhänglichkeit des\nKurfürsten Max Emanuel an Frankreich und alles Fran-\nzösische über das ganze Land brachte. Schon durch die\nAbreise des Kurfürsten als Statthalters der spanischen Nie-\nderlande (1692) nach Brüssel wurde die Capelle gelheilt;\nda die besten Mitglieder und Sänger dorthin folgen muss-\nten, hörten die Opern-Vorstellungen in München auf.\nNach der Rückkehr des Kurfürsten nach München (1701)\nberief er eine französische Schauspieler-Gesellschaft aus\nAntwerpen, welche für Reisekosten 2400 Fl. und für\nsechs Monate 6000 Fl. erhielt. Er liess ihr ein besonde-\nres Theater bauen, besonders die Damen der Gesellschaft\nwurden sehr begünstigt und beschenkt, eben so eine Tan-\n\n[*l"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "332", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18651021-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3850, "texte": "zerin aus Brüssel. Alle diese W eiber standen in französi-\nschem Solde. Max Emanuel brach mit Oesterreich, und\ndie Schlacht bei Höchstädt (13. August 1704) machte\nder französischen Herrlichkeit in München ein Ende. Der\nKurfürst entlloh nach Brüssel. „Bis zum Jahre 1708\nwurde den auf wenige Köpfe zusammengeschmolzenen\nMitgliedern (einige, wie der seit 1703 zum Kammermusik-\nDirector ernannte P. Torri, waren dem Kurfürsten ins\nExil gefolgt, andere hatten sich gleich beim Beginne der\nKatastrophe aus dem Staube gemacht} die Hälfte ihres\nseitherigen Einkommens von der österreichischen Admini-\nstration belassen. Am 21. Mai 1708 aber erging von\ndieser Behörde die Weisung, dem Capellmeister J. Ant.\nBernabei eine Demissions-Signatur zustellen zu lassen; be-\nzüglich der Uebrigen hiess es in lakonischer Kürze:\n„„Weill selbige nach Abreise der Prinzen khaine Dienste\nmehr zu versehen haben, also wird auch khain Sold mehr\nverabreicht.\"\" —So war mit Einem Federzuge ein Institut\nvernichtet, welches seit nahezu 150 Jahren den Thron der\nBaiernfürsten mit Glanz umgeben und durch seine hohen\nkünstlerischen Leistungen die gerechte Bewunderung der\nWelt rege gemacht hatte. Wer nicht auswärts\nDienste hatte finden können, durfte unter der rücksichts-\nlosen österreichischen Verwaltung im tiefsten Elende\nschmachten.\n„Nach iangem Flehen erhielt der Tenorist Filippo\nPontano, welcher „„36 Jahre in der Capelle gedient\nhatte\"\", im Jahre 1710 eine monatliche Pension von 6\nFl. Der Arme, welcher einst bessere Tage gesehen hatte,\nmusste, wie er selbst in einer der rührenden Eingaben er-\nzählt, von Haus zu Haus sein Brod betteln gehen. Cä-\ncilie Eckhart bittet in einer Eingabe vom October 1712\nKaiserliche Majestät um einige Scheffel Korn. Ein ge-\nwisser Ignaz Dormilian bittet, da ihn die höchste Noth\ntreibe, nur um einen Scheffel Korn.— „ „ A bgeschlagen\"\",\nlautet der Bescheid, u. s. w.\n„Das Opernhaus war verödet und drohte in Folge\nbaulicher Vernachlässigung den Einsturz; nach einer lan-\ngen, desfalls eingeleiteten Correspondenz erging die Wei-\nsung (18. Februar 1710): „„Nachdem man das alhiesige\nComödienhaus bei Bau zu erhalten und zu dem Ende\neinige Reparaturen vorzunehmen gedenkt, ergeht hiemit\nder Befehl, an das hiesige bauamt die Verfügung zu thun,\ndass sogleich für die Arbeit gesorgt und die erforderlichen\n84 Fl. (!) aus dem Hofzahlamt verabfolgt werden.\"\"\nBeiläufig wird berichtigt, dass der berühmte A les -\nsandro Scarlatti eine Oper für München componirt\nund dort aufgeführt habe, welche irrthümliche Angabe\nfrüherer Schriftsteller wahrscheinlich auf Namens-Ver-\nwechslung mit einem Abbate Scarlatti und einem Baron\nPompeo Scarlatti, welche beide baierische Agenten in\nRom waren, beruhe.\nDurch den badener Frieden war Baierns Kurfürsten\ndie Rückkehr in sein Land ermöglicht worden. Am 10.\nApril, Nachts 11 Uhr, zog Max Emanuel in die Residenz\nzu München ein; mit ihm kehrte die alte Pracht und Herr-\nlichkeit der Hoffeste wieder, und auch die Oper nahm in\nMitte all dieses Glanzes den gewohnten Platz ein. Er starb\nden 26. Februar 1726 und hinterliess eine Schulden-\nmasse von 30 Millionen Gulden, wobei das Hofamt mit\nI\nmehr als Million betheiligt war. Leider — sagt Rud-\nhart S. 95 — ist eine der Hauptquellen, aus welcher wir\nbisher schöpften, die Hofzahlamts-Rechnungen, fortan für\neinen Zeitraum von 35 Jahren völlig versiegt. Die statt-\nliche Reihe jener solid in Schweinsleder gebundenen Fo-\nlianten weist vom Jahre 1707 bis 1750 eine vollständige,\nnicht genug zu beklagende Lücke auf, so dass wir fortan\ndas Material aus den in verschiedener Richtung zerstreu-\nten Acten, in den gedruckten Textbüchern und anderen\ngleichzeitigen Druckwerken sparsam enthaltenen Notizen\nnicht ohne Mühe zusammenzutragen genöthigt waren, ein\nUmstand, welcher der Vollständigkeit der Darstellung nicht\nunwesentlichen Abbruch that.\n(Schluss folgt.)"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1865-10-21-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1865-10-21_01#c003", "volume": "bmtnabi_1865-10-21_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "332", "page_fin": "335", "image_debut": 4, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18651021-01.2.3", "titre_corps": "Koch’s musicalisches Lexikon von Arrey von Dommer.", "titre_sommaire": "Koch’s musicalisches Lexikon von Arrey von Dommer.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "332", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18651021-01.1.4", "debut_caractere": 3852, "fin_caractere_exclue": 5066, "texte": "Koch’s musicalisches Lexikon von Arrey von\nDommer.\nMit dem Erscheinen der achten Lieferung ist dieses\nWerk zum Abschlüsse gekommen und bildet nun eine\nencyklopädische Darstellung der Musik-Wissenschaft, die\ndurch Inhalt und Form und durch gesunde Ansichten des\nVerfassers in Theorie und Aesthetik der Tonkunst allen\nMusikern und Kunstfreunden angelegentlich zu empfehlen\nist, da dieses Lexikon in unserer Zeit, in welcher das un-\nübersehbare Anschwellen der Literatur jeder Disciplin der\nWissenschaft und Kunst dergleichen Werke für die Orien-\ntirung und Befriedigung des Bedürfnisses einer partiellen\nBelehrung nothwendig macht, ein wirkliches Bedürfniss\nwar. Wie wir schon in früheren Artikeln erwähnt haben\n(vgl. 1864, Nr. 19 und Nr. 33), hat sich Arrey von Dom-\nmer an das musicalische Lexikon von Heinr. Christ. Roch\nangeschlossen, welcher in Deutschland (1802) zuerst ver-\nsuchte, die wichtigsten Gegenstände der Theorie der Mu-\nsik in lexikalischer Form darzustellen. Was spätere musi-\ncalische Encyklopädieen, wie das Buch von Schilling und\nneuerlich das „Universal- (!) Lexikon der Tonkunst\" von\nBernsdorf, auf diesem Gebiete brachten, war bei den „uni-\nversalen\" Tendenzen dieser Werke, von denen man mit"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "333", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18651021-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5442, "texte": "Recht sagen konnte: „Qui trop embrasse, mal etreint\",\ntheils auf sehr wenig Raum beschränkt, da das biographi-\nsche Element bei Weitem vorherrschte, theils so oberfläch-\nlich und ohne selbständiges Nachdenken hingeworfen, dass\nder alte Koch dagegen immer noch wie ein Heros erschien.\nMit Recht hat nun von Dommer in seiner Arbeit auf\nGrundlage von Koch's Buch dieGränzen, welche sich Koch\ngesteckt hatte, inne gehalten und ohne Aufnahme des\nBiographischen das Gebiet der Kunstlehre allein zum Ge-\ngenstande genommen. Ueber die Art und Weise, wie er\ndabei verfahren, spricht er sich in dem (der letzten Lie-\nferung beigegebenen) Vorworte also aus:\n„Mit dem Plane zu einer ähnlichen Arbeit umgehend,\nkonnte mir der Vorschlag des Herrn Verlegers, eine Um-\narbeitung des Koch'schen Buches zu übernehmen, nur\nwillkommen sein, um so mehr, da die Art jenes Vorschla-\nges meiner Vorstellung von der Behandlungsweise eines\nsolchen Werkes entsprach, ausserdem durch Anschluss an\nein bereits vorhandenes Buch, wenigstens hinsichtlich der\nalphabetischen Anlage, mir einige Erleichterung gewährt\nzu werden schien. Dass nun dieser Anschluss nicht viel\nweiter als bis auf die alphabetische Anordnung und auch\nüber diese nur zum Theil sich erstrecken konnte, während\nich im Uebrigen durchaus selbständig verfahren musste,\nliegt in der Sache und ist bedingt einestheils durch die\nseit Erscheinen des Koch'schen Werkes gemachten Fort-\nschritte in der Musik-Wissenschaft und ihrer Darstellung\nüberhaupt, anderenteils durch die mir zugänglich gewe-\nsene grössere Anzahl älterer Schriften, welche Koch unbe-\nkannt geblieben sind. Es wäre daher überflüssig, aus einan-\nder zu setzen, dass es bei einer blossen Bearbeitung sein\nBewenden nicht haben konnte, wenn in meine Arbeit eine\nEinheitlichkeit hineinkommen sollte, abgesehen davon, wie\nweit mir gelungen ist, eine solche zu erreichen. Eine Auf-\nzählung dessen, was in diesem Werke von mir herrührt,\noder wo ich etwa an Roch mich angelehnt habe, würde\njedoch ermüden, ohne zu interessiren; dem Sachverständi-\ngen wird eine nähere Vergleichung beider Werke ohne\nSchwierigkeit darthun, dass ich Koch kaum weiter benutzen\nkonnte, als so manche andere von ihm nicht berücksichtigte\noder erst später erschienene Schrift. Die Erhaltung des\nNamens meines ehrenwerthen Vorgängers aber erschien\nsowohl mir als dem Herrn Verleger nicht anders als in\nder Ordnung, nicht allein um des erwähnten Verdienstes\nwillen, welches Koch seiner Zeit um die Art der encyklo-\npädischen Behandlung der Musik-Wissenschaft sich erwor-\nben hat, sondern auch hinsichtlich des in seinem Buche ent-\nhaltenen unverkennbar Tüchtigen, welches ich, wenngleich\nschon der Stileinheit wegen in durchaus veränderter Ge-\nstalt, zu benutzen nicht verfehlt habe. lndem aber die\nalphabetische Ordnung nicht nur die Behandlung vielglie-\nderiger Gegenstände wesentlich erschwert, sondern auch\nder Uebersichtlichkeit des Zusammenhanges im Grossen\nsehr leicht hinderlich wird, habe ich, so weit thunlich, zu-\nsammenhangende Dinge zu grösseren Abhandlungen ver-\neinigt und ihre einzelnen Theile durch Buchstaben und\nZahlen markirt, um vom entsprechenden Orte aus darauf\nhinweisen zu können und den Gegenstand doch zugleich\nmehr als ein Ganzes zu haben. Beispiele dafür sind unter\nanderen die Artikel Tonart, Mensural-Notenschrift, Con-\ntrapunkt, Orgel, Harmonie, Consonanz und Dissonanz,\nFuge, Fortschreitung der Intervalle u. s. w. Freilich wird\nin der äusseren Einrichtung, wie auch nicht minder in der\nBehandlung des einen oder anderen der ja so ungemein\nzahlreichen und verschiedenartigen Gegenstände wohl so\nManches zu wünschen übrig bleiben; dass meine Thätig-\nkeit an diesem Werke unausgesetzt drei Jahre gedauert\nhat, spricht wohl wenigstens für den Willen, eine brauch-\nbare Arbeit zu liefern. Dem Sachkenner bleibt es nun-\nmehr anheim gegeben, zu bestimmen, wie weit das Re-\nsultat die Absicht betätigt.\" ,\nJeder verständige Beurtheiler des Werkes wird, wenn\ner die Schwierigkeiten einer einheitlichen Darstellung ir-\ngend einer wissenschaftlichen Disciplin in einer so durch-\nbrochenen Form, wie sie die lexikalische Ordnung be-\ndingt, in Anschlag bringt, dem Verfasser gern zugestehen,\ndass er in dieser Beziehung das Mögliche geleistet hat.\nEs zieht sich durch die verschiedenen Artikel von A bis\nZein Faden, an den das allgemein Güllige, durch Ueber-\nlieferung und Erprobtheit in den Meisterwerken Bewährte\nmit Berücksichtigung neuerer Berichtigung so wie Verfäl-\nschung der theoretischen und ästhetischen Grundbestim-\nmungen so folgerichtig gereiht ist, dass sich daraus eine\nsystematische Reife der Ueberzeugung des Verfassers er-\ngibt. Es fliesst in allen Adern dieses literarischen Buch-\nkörpers ein gesundes Blut, und das ist heutzutage, wo die\nkunstphilosophischen musikgefährlichen Krankheiten gras-\nsiren, von grossem Werthe.\nAus der letzten Lieferung führen wir als Belege zu\nbesonderer Berücksichtigung die Artikel: Vergleichung der\nVerhältnisse und der Intervalle; Vorausnehme, Vorberei-\ntung der Dissonanzen, Vorhalt (alle drei v. S. 940 954)\nan und theilen die erste Hälfte des Artikels „Vocal-\nmusik\" mit:\nVocalmusik, diejenige der beiden Hauptgattungen\nder Musik, in welcher der Ton durch das natürliche Kiang-\norgan, die menschliche Stimme, und zwar durch diejenige\nModification derselben, welche wir Singstimme nennen,\nerzeugt wird. Indem blosse Tonhervorbringung allein in\nder Kunst nicht die Bestimmung eines O/gans sein kann,"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "334", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18651021-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5584, "texte": "welches uns auch zur Mittheilung der höchsten, für den\nmenschlichen Geist fassbaren Ideen verliehen ist, verbindet\nsich im Gesänge mit dem Tone das Wort. Wie nun das\nWort den Inhalt des Tonausdruckes nach Seiten des Be-\ngrifflichen hin unserem Denkvermögen vermittelt und in\nunserem Geiste Vorstellungen erweckt, so wendet sich der\nTonausdruck selbst unmittelbar an das Gefühl, nach die-\nser Seite hin ergänzend, was das Wort an sich unerledigt\nlassen muss. Dass die menschliche Stimme bei Weitem frü-\nher als irgend ein Instrument Bedeutung als musicalischer\nFactor erlangt hat, kann nicht bezweifelt werden; nicht\nallein dass man ihrer, als des durch die Natur verliehenen\nOrganes, auch naturgemäss früher als irgend eines künst-\nlichen Werkzeuges zu einer Art musicalischen Empfin-\ndungs-Ausdruckes sich bedient hat, sondern man hat die-\nses auch unzweifelhaft mit viel grösserem Erfolge getban,\nals durch Instrumente in jenem primitiven Zustande, wo-\nrin sie so lange verharrten, je möglich geworden wäre.\nAller Gesang verdankt seinen Ursprung dem eingeborenen\nDrange und Bedürfnisse des Menschen, seine Empfindun-\ngen und Gefühle in einer über die praktische Begriffs-\nsprache hinausgehenden Weise auszudrücken; aller Gesang\nist Gefühlserguss in leidenschaftlich bewegten Tönen, de-\nren Folge, Hebung, Senkung, Accentuation und Gruppi-\nrung eine gewisse Uebereinstimmung oder Analogie mit\nder Bewegungsart des auszudrückenden Gefühles aufwei-\nsen; er ist weder entdeckt noch erfunden, noch dem Pfei-\nfen und Zwitschern der Vögel oder anderen unorganischen\nNaturlauten abgelauscht und nachgeahmt, sondern dem\nMenschen eingeboren und in seinen ersten Keimen als be-\ndeutsamer Empfindungslaut unzweifelhaft bei weitem älter\nals alle Spuren irgend einer Articulation und Begriffs-\nsprache. Demgemäss ist auch die Stimme das vornehmste\nOrgan aller Musikäusserung, nicht nur im Alterthume,\nsondern auch bis weit ins achtzehnte Jahrhundert christ-\nlicher Zeit hinein geblieben; noch in der ersten Hälfte des\nsiebenzehnten Jahrhunderts ist alle Kunstmusik im Wesent-\nlichen Vocalmusik, und erst gegen 1700 hin beginnt das\nInstrumentenspiel mit dem Gesänge gleiche Bechte zu ge-\nwinnen und jener Umschwung in der- Musikempfindung,\ndurch welchen in neuester Zeit die Instrumentalmusik zur\nHerrschaft über den Gesang gelangt ist, sich vorzubereiten.\nDass der Gesang in seiner Entwicklung einen so weiten\nVorsprung vor dem Instrumentenspiele gewinnen konnte,\nliegt nicht allein in den vorhin erwähnten Gründen der\nUnmittelbarkeit seines natürlichen Organs, sondern auch\nund vorzugsweise in seiner Verbindung mit dem Worte.\nDer Text bot den ersten Anhalt dar für Bildung einer mu-\nsicalischen Form und Ausdrucksweise; und waren die frü-\nhesten Gesangformen auch nur Eigenthum der Poesie oder\nmetrisch und rhythmisch geordneten und gegliederten\nRede, schloss auch die Hebung, Senkung und metrische\nBewegung des Tonganges durchaus den Bewegungen der\nSprach-Declamation sich an, so gewann die Musik hieran\ndoch eine Grundlage, worauf sie fussen und allmählich zu\nselbsteigenem Gestalten sich erheben konnte. Als man nach\nund nach lernte, Bewegungen der Seele durch Tonbewe-\ngung zu analogisiren, Gefühle und Leidenschaften durch\ngeordnete Tonfolgen auf eine dem Kunslgefüble erkenn-\nbare Weise auszudrücken, da verselbständigte sich die Me-\nlodie auch dem Texte gegenüber in so fern, als der Ton-\ndichter den durch das Wort ausgesprochenen Gedanken\nin sich aufzunehmen und auf selbstschöpferische Weise in\neinen gleichbedeutenden Musikgedanken umgewandelt, wie-\nder herauszustellen vermochte, wobei sich dann von selbst\nversteht, dass Wort- und Tongedanke sich decken müssen,\nweil ja beide, wenngleich durch verschiedene Mittel aus-\ngedrückt und eine verschiedene Wirkung auf unsere See-\nlenkräfte äussernd, doch eine Einheit sind. Indem aber der\nTongedanke auch in der Vocalmusik von dem durch den\nText nur angeregten Tongeiste auf solche selbständige Art\nerzeugt wird, ist auch der Gesang eben so gut reine Mu-\nsik, wie das Instrumentenspiel; seine Melodieen und Ton-\ngestaltungen entstehen eben so frei, wie die der Instrumen-\ntalmusik, hier wie dort durch nichts bedingt als durch den\nauszudrückenden Stimmungs- und Gefühlsgehalt, nur mit\ndem Unterschiede, dass dieser hier zugleich auch durch\nden Text ausgesprochen wird, während er in der Instru-\nmentalmusik zwar eben so gut dem Tonausdrucke zu\nGrunde liegt und ihn bestimmt, nicht aber zur begrifflichen\nDeutlichkeit gelangt. Erscheint hiernach die so häufig auf-\ngeworfene Frage, ob denn eigentlich die Vocal- oder die\nInstrumentalmusik die reine Musik sei, als durchans müs-\nsig, so entspringt aus der Stellung der Musik zum Worte\ndoch ein grosser innerer Wesens-Unterschied beider Haupt-\nTongattungen und die höhere Stellung der Vocalmusik.\nIndem letztere, während sie durch den Ton das Gefühl er-\nregt, zugleich durch das Wort den Geist über das, was der\nTon sagen will, aufklärt, vermag sie auch die höchsten und\nbedeutsamsten Dinge nicht nur in ihren Kreis zu ziehen,\nwas die Instrumentalmusik ja auch thut, sondern unserem\nGefühle und Geiste zu deutlichem Verständnisse zu bringen.\nSie hat die Deutlichkeit vor der Instrumentalmusik voraus.\nNun ist es zwar eine besondere Wesens-Eigenthümlichkeit\nder Musik, dass sie der eigenen Phantasie- und Gefühls-\nthätigkeit des Hörers beim Empfangen des Tonwerkes einen\nso weiten Spielraum lässt, den Empfangenden auf umfäng-\nliche Weise zum Mitschöpfer des Kunstwerkes macht, doch\nbegibt sie sich dieser Eigenschaft durch ihre Verbindung\nmit dem Worte ja durchaus nicht. Die Tongestaltung,"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "335", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18651021-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1901, "texte": "auch wenn sie durch einen in Worten ausgedrückten Ge-\ndanken hervorgerufen ist, bleibt ja etwas für sich durch-\naus Selbständiges, daher die Mitthätigkeit des Hörers im\nErfassen der Musik durch das Wort keineswegs beschränkt\nwird. Und nach Seiten der Unmittelbarkeit für das Ge-\nfühl und der Wirkung auf die Phantasie greift der Ton\nunendlich weit über das Wort hinaus, der Text würde\nnicht Worte genug finden, um das zu sagen, was die Musik\ndurch wenige Züge in uns zu erwecken vermag; desshalb\nist er für die Verbindung mit Musik auch stets am besten\nso beschaffen, dass er die Situation oder Stimmung nur\nbezeichnet, das volle Ausgestalten derselben aber dem Tone\nüberlässt, wodurch er durchaus nichts von seiner allgemei-\nnen Bedeutung für die Musik verliert, weil er wiederum\nin allen solchen Dingen, die mit Deutlichkeit begriffen\nwerden sollen, durch ein einziges Wort unser musicalisches\nEmpfinden und Ahnen zu einer Gewissheit aufklärt, welche\n■die Musik an sich zu gewähren niemals vermag. So ergän-\nzen sich Wort und Ton in der Vocalmusik zu einer Gefühl\nund Phantasie tief erregenden und zugleich den Geist durch\nDeutlichkeit befriedigenden Einheit. Indem nun aber der\nunmittelbare Ausdruck des Gefühls durch gesangreiche\nMelodie der eigentliche Wirkungskreis der Vocalmusik ist,\nbei Weitem weniger die darstellende Schilderung oder Ma-\nlerei durch eine grosse Mannigfaltigkeit von Figuren, Rhyth-\nmen, Klangbildern u. s. w., welche wiederum der Instru-\nmentalmusik in weitestem Umfange zu Gebote stehen, fin-\ndet der Gesang in der Verbindung mit dem Instrumenten-\nspiele doch eine Bereicherung und Ergänzung der wichtig-\nsten Art, indem ihm alsdann die schildernde Kraft des letz-\nteren zu Gute kommt. Hinsichtlich des Ausdrucks und der\nDarstellung erscheint daher die Tonkunst erst dann ihrem\nvollen Umfange nach erfüllt, wenn Vocal- und Instrumen-\ntalmusik mit einander sich vereinigen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1865-10-21-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1865-10-21_01#c004", "volume": "bmtnabi_1865-10-21_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "335", "page_fin": "335", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18651021-01.2.4", "titre_corps": "Aus Berlin.", "titre_sommaire": "Aus Berlin.", "signature_source": "G. 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Wenn früher ein Virtuose sich in der Regel mit\nKräften untergeordneten Ranges verband, wie sie ihm gerade der\nZufall darbot, so haben wir hier das Zusammenwirken von vier\nKünstlern, deren drei (Vieuxtemps, Jaell, Piatti) sich längst\nden Ruf erworben haben, in je ihrem Fache zu den Ersten zu ge-\nhören, während die Sängerin, die den Mittelpunkt des Unternehmens\nbildet, selbst demjenigen, der weniger günstig für sie gestimmt sein\nsollte, als eine Specialität erscheinen muss, welche kennen gelernt\nzu haben, jedem Freunde der Gesangskunst ein hohes Interesse ge-\nwähren wird. Fräulein Carlotta Patti begann mit einer Arie aus\nLinda di Chamounix. Wir glauben uns nicht zu irren, wenji wir\ndie Ansicht aussprechen, dass das, was den eigenthümlichen Vorzug\nin Carlotta 1 atti s Stimme bildet, ihre in der That erstaunenswürdige\nHöhe, von einer gewissen Unvollkommenheit der Mitteltöne ab-\nhängt; dei Organismus der menschlichen Stimme ist ein Ganzes,\nund man kann iD keinem Theile umgestalten, ohne dass die übrigen\neinen Einfluss davon erfahren. Mit dem ergten höheren Tone, den\nwii hörten, etwa dem zweigestrichenen e, änderte sich der Eindruck.\nVon hier ab gebietet unsere Sängerin über mehr als eine Octave\nvon Tönen. Die gesammte hohe Lage ist zu einer wirklich künst-\nlerischen Entwicklung gelangt. Alle diese Töne sind von schönem\nKlange und stehen ihr in jeder Abstufung der Kraft, in freiem An-\nsätze, in sprungweisem und tonleiterartigem Erfassen, legato und\nstaccato zu Gebote. Schon in der Arie aus Linda fanden wir viel-\nfache Gelegenheit, uns an der sauberen, geläufigen und geschmack-\nvollen Coloratur der Sängerin zu erfreuen, der wohl hier und da\neine einzelne Passage, namentlich wenn sie in die Mittellage hinein-\nreicht, nicht in höchster Vollendung gelingt, die doch aber im Gros-\nsen und Ganzen den Anspruch auf wahrhaft künstlerische Bedeutung\nmachen kann. Der Triller ist meistens eben so correct, als leicht\nund flüssig, von ganz besonderer Vollendung aber das staccato, das\nwir, wenn unsere Erinnerung uns nicht täuscht, auch von der\nSchwester Adelina kaum sicherer, gewandter und anmuthiger gehört\nhaben. Mitunter ist ihr eine Art von Portament, namentlich beim\nUebergange von tieferen zu höheren Tönen, eigen, welche die Be-\nrührung von musicalisch nicht mehr bestimmbaren Tönen zu fühl-\nbar macht, als dass wir sie schön finden könnten; wir sind im\nZweifel, ob wir darin Absicht oder eine naturalistische Gewöhnung\nfinden sollen: jedenfalls ist dies ein Punkt, wo ein strengeres künst-\nlerisches Gewissen sich mit dem, was Fräulein Patti gibt, nicht ein-\nverstanden erklären kann. Was endlich Vortrag und Auffassung\nvon Carlotta Patti betrifft, so ist sie weder eine gefühlvolle Sän-\ngerin, noch beansprucht sie, es zu sein; dass sie aber Kunstverstand\nund Kunstgeschmack besitzt, beweist sie durch die feine Gliederung\nihrer Coloratur, durch geschickte und wirkungsvolle Contraste (wir\nerwälinen beispielshalber einen sehr fein ausgeführten Wiedereintritt\ndes Haupt-Thema1 s nach vorhergegangenen Verzierungen in der\nSchattentanz-Arie), durch die natürliche Liebenswürdigkeit und An-\nmuth, die ihrem Gesichtsausdrucke, wie dem Klange ihrer Stimme\neigen ist. Eine Sängerin, die, wie es hier der Fall, in den wesent-\nlichen Dingen, wenn auch nicht als ausgezeichnet, so doch als gut\nund tüchtig, theilweise als hervorragend gelten darf, durch ihre\nStimmlage aber ohne Gleichen ist, hat gewiss das Recht, die Auf-\nmerksamkeit des Publicums in hohem Grade auf sich zu lenken;\nwir glauben daher, dass auch für die noch folgenden Concerte die\nGunst der Zuhörer ihr in gleichem Maasse zu Theil werden wird,\nals es in dem ersten der Fall war."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1865-10-21-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1865-10-21_01#c005", "volume": "bmtnabi_1865-10-21_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "335", "page_fin": "336", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18651021-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "335", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18651021-01.1.7", "debut_caractere": 5883, "fin_caractere_exclue": 6700, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKöln. Erstes Abonnements-Concert im grossen Gür-\nzenichsaale, unter Leitung des städtischen Capellmeisters Herrn\nFerdinand Hiller, Dinstag den 17. October. Programm:\nErster Theil. 1. Symphonie in C-dur von W\". A. Mozart. 2. Das\nMädchen von Kola, Elegie für Chor und Orchester, nach Ossian's\n„Darthula\" componirt von Karl Reinthaler (zum ersten Male).\n3. Violin-Concert Nr. 111, componirt und vorgetragen von Herrn\nJoseph Joachim (zum ersten Male). Zweiter Theil. 4. König\nStephan, Vorspiel von A. von Kotzebue, componirt zur Eröffnung\ndes Theaters in Pesth im Jahre 1812 von L. van Beethoven\n(zum ersten Male). Ouvertüre. Nr. 1 und 2. Chor der Edeln Un-\ngarns. Nr. 3. Siegesmarsch. Nr. 4. Chor der Frauen. Nr. 5. Melo-\ndram. Nr. 6. Allgemeiner Chor. Nr. 7. Melodram. Nr. 8. Geistlicher"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "336", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18651021-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2327, "texte": "Marsch und Chor. Melodram. Nr. 9. Schluss-Chor. (Wir kommen\ndarauf zurück.)\nDem Vernehmen nach wird Adelina Patti am Dinstag den\n24. d. Mts. als Margarethe in Gounod's „Faust\" noch einmal\nauftreten.\n** Crefelil. Samstag den 28. October wird hierselbst eine\nmusicalische Soiree unter Mitwirkung der Musik-Directoren\nHerren Alexander Dorn und Hermann Wolff, so wie der\nFräulein Maria Büschgens und Ottilie Friese Statt finden.\nDieselbe ist ausschliesslich dem Vortrage demnächst im Druck er-\nscheinender Compositionen des königlichen Musik-Directors Karl\nWilhelm gewidmet, der während einer Reihe von 24 Jahren die\nhiesige Liedertafel leitete und sich vor einigen Monaten zur Her-\nstellung seiner Gesundheit nach seiner Heimat in Thüringen zu-\nrückgezogen hat. Das Programm, von Freunden des Componisten\naus bisher nicht in die Oeffentlichkeit getretenen Manuscripten zu-\nsammengestellt, bietet in mannigfaltiger Abwechslung 5 Lieder für\nSopran, 3 Duette für Sopran und Alt, 0 Lieder für Tenor, 2 Lie-\nder für Bariton, 2 Clavier-Piecen, 2 Männer-Quartette, 1 Grablied\nfür Solo, Quartett und Männerchor, so wie 6 Quartette für gemisch-\nten Chor. Diese und noch manche andere Compositionen dürften\nden Ruf des als Componist für Männergesang in weitesten Kreisen\nbekannten Mannes auch auf dem Gebiete des Liedes und besonders\ndesjenigen für gemischten Chor begründen. Wir hoffen, dass der als\nKünstler, Dirigent und Lehrer hierselbst hochgeschätzte Componist,\ndessen Gesundheit in erfreulichster Weise sich in der thüringischen\nHeimat gekräftigt hat, bald einen angemessenen neuen Wirkungs-\nkreis finden werde.\nBrentelg 16. October. Unser Musik-Director Herr Karl\nReinthaler bereitet eine Aufführung von Iländel's „Salomon\"\nvor, in welcher die berühmte rheinische Altistin Fräul. Fransisca\nSchreck die Alt- und Herr Gunz die Tenor-Partie ausführen wer-\nden. Man wird dabei zum ersten Male den Versuch machen, den\nprächtigen grossen Börsensaal, der an 2000 Menschen fasst, zum\nConcertlocale zu benutzen. Die ab und zu veranstalteten Orgel-\nConcerte mit Gesang des Domchors a capella sind sehr besucht.\nIm letzten (den 26. Sept.) hörten wir Gesänge von Schröter,\nEccard, Mendelssohn und eine Ansgarius-Hymne von Rein-\nthaler, welcher die Passacaglia und die Toccata in F von J. S.\nBach und eine eigene Phantasie auf der Orgel vortrug."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "329", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18651021-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nTUrlJn /P * n 6 *\"fan\"ohe °T£f m Münche» von 1654-1787. - Koch's musicalisches Lexikon von Arrey von üo.nmer. - Aus\n!ro 1 attl-C°\"Cerit des Herrn Ullman). Von G. E. - Tages- und Unterhaltungsblatt (Köln, Erstes Abonnements-Concert im\ng Adelina Patti Crefeld, bevorstehende musicalische Soiree - Bremen, HUndel's „Salomon\" zur AufführunK vor-\nbereitet, Orgel-Concerte mit Gesang). 6\n\nDie italiänische Oper in München von 1654—1787.\nDies ist Titel und Inhält des ersten Theiles einer\nGeschichte der Oper am Hofe zu München.\nNach archivalischen Quellen bearbeitet von Fr.\nM. Rudhart. Freising, Verlag von F. Datterer.\n1865. VI und 193 S. Gr. 8.\ndie wir als einen neuen Beitrag zur Begründung einer all-\ngemeinen Geschichte der Musik auf historischen Mono-\ngraphieen begrüssen.\nDas Buch ist auf Anregung des verstorbenen Königs\nMaximilian 11. von Baiern und durch Bewilligung der dazu\nnöthigen Müsse für den Verfasser entstanden. Dieser hat\naus dem in München so reich seit Mitte des sechszehnten\nJahrhunderts sich entfaltenden musicalischen Leben am\nHofe und in der Kirche versucht, das Material zu einer\nGeschichte der Oper, und zwar zunächst der italiäni-\nschen), die dort eine grosse Rolle spielte, in so weit es\nnoch erreichbar ist, zu sammeln und zu sichten. Ausser\nden dürftigen Notizen in Lipowsky's „bayerischem Musik-\nLexicon\" (München, 1811), welche übrigens durch den\nVerfasser noch mehrfache Berichtigungen erfahren rouss-\nten, liegt über den Gegenstand des Buches bis jetzt nichts\ngedruckt vor, wiewohl Lipowsky's Arbeit immerhin aner-\nkennenswerth ist und willkommene Anhaltspunkte bietet.\nRudhart sah sich also auf die Nachrichten in den Archiven\nund auf eine Sammlung gedruckter Opern-Textbücher in\nder königlichen Hof- und Staats-Bibliothek beschränkt.\nDieses Material hat er zur Aufstellung der äusseren\nGeschichte der Oper in München während des auf dem\nTitel genannten Zeitraumes sorgfältig benutzt, und diese\nbietet allerdings des Beachtenswerthen und Interessanten\ngar Vieles. Zu bedauern ist aber, dass „der Mangel an\nnoch vorhandenen Partituren der älteren Opernu sich so\nfühlbar macht, dass eine Entwicklung des musicalischen\nDrama's in seiner Ausbildung als Kunstwerk bis zu Gluck\nund Mozart hier eben so wenig zu suchen und verhältniss-\nmässig unmöglich ist, wie in den meisten bisher erschie-\nnenen Monographieen ähnlicher Art. Ungeachtet dessen\nist das, was vorliegt, eine recht dankenswerthe Arbeit, zu\nderen Fortsetzung in einem zweiten Theile, der die Pe-\nriode von 1787 bis auf unsere Zeit enthalten soll, wir\nden Verfasser sehr aufmuntern.\nDas Buch zerfällt in fünf Capitel, denen eine „Ein-\nleitung\" (S. 1—27) vorangeht und ein Anhang von\nsechs Beilagen (S. 177 193) folgt; auch ein Regi-\nster fehlt nicht. Die Beilagen enthalten: I. Verzeichniss\nder von 1654—1787 aufgeführten Opern und scenisch-\nmusicalischen Vorstellungen, mit den Namen der Dichter\nund Componisten. Es sind ihrer 188. 11. Verzeichniss der\nSänger und Sängerinnen während derselben Periode. 111.\nVerzeichniss der Intendanten, IV. der Capellmeister, V.\nder Architekten und Maler, VI. der Ballet- und Fecht-\nmeister.\nDie Einleitung macht natürlich keine Ansprüche auf\nneue Entdeckungen in der Geschichte der Entstehung der\nOper. Sie enthält indessen ein paar interessante Acten-\nstücke aus dem münchener Archive: einen lateinischen\nSteckbrief gegen zwei italiänische Sänger nebst deren De-\nscriptio (Signalement) vom 27. April 1570. Diese hatten\neinen Collegen aus Hass wegen unbedeutender Ursache\n\n*) Wir können unsere philologische Befriedigung über die An-\nWendung der richtigen Orthographie des Wortes „italienisch\"\nnicht bergen, welche seit einigen Jahren durch das, was Grimm\n„SchulmeisterWeisheit\" nannte, jetzt in so vielen Büchern und Zei-\ntungen durch die verkehrte Schreibart „italienisch\" fast verdrängt\nworden ist. So wenig wie die deutsche Sprache von Spanien „spa-\nnienisch\", von Schweden „schwedenisch\", von Mähren „mährenisch\"\nu. s. w. bildet, sondern „spanisch\" u. s. w., eben so wenig bildet\nsie aus Italien „italienisch\", sondern die zwei Formen: „italisch\"\naus Italia und „italiänisch\" aus italiano, eben so wie „fränkisch\"\naus France und „französisch\" auf frangois (die Schreibart frangais\nist unhistorisch). Wer weiss, ob die Verschlimmbesserer nicht auch\nnoch „franzesisch\" befürworten!"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "330", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18651021-01.1.2", "texte": "(<ob nullius fere momenti causam) vor den Thoren von\nLandshut ermordet und waren dann flüchtig geworden.\nDer Eine von ihnen war Massimo Trojano, Sänger, Dich-\nter und Schriftsteller, den der Steckbrief unter Anderem\nalso charakterisirt: „Er trägt das Haar nach hinten ge-\nkämmt und hat einen kurzen, dichten Bart,\nsoiticam vocant,singt Contra-Tenor mit ziemlich hoher,\naber etwas forcirter Stimme (coacta voce)', in allen Reden\nund Geberden zeigt er Stolz und Hochmuth. Der Andere,\nCamillus, ist viel dicker und stärker. Er hat eine Stimme,\nquam Bassum dicimus,von Klang, aber etwas rauh. Da\nbeide Musici sind, so werden sie sich überall als solche\nzeigen und sind leicht an ihren Stimmen zu erkennen.\nTrojanus trägt auch gewöhnlich die goldenen Medaillen\nmit dem Brustbilde der Herzoge Albert und Wilhelm um\nden Hals.\"\nDerselbe Trojano hatte zwei Jahre vorher die sceni-\nschen Festlichkeiten bei der Vermählung des Herzogs Wil-\nhelm mit Renata von Lothringen (1568) beschrieben,\nwozu er selbst die Fest-Komödie gedichtet hatte, die Or-\nlando di Lasso in Musik setzte. Rudhart theilt den In-\nhalt derselben, der sich von anderen Arlequinaden dersel-\nben Zeit nicht unterscheidet, aus der italiänischen Fest-\nbeschreibung Trojano's, der auch selbst darin aufgetreten,\nmit, wovon uns nur interessirt, was Lassus betrifft. Nach\ndem Prolog führte dieser „eines seiner angenehmsten\nfünfstimmigen Madrigale auf. Dann trat Orlando di Lasso\nselbst als vornehmer Venetianer auf, gekleidet in ein\nWamms von rothem Atlas, rothe Beinkleider, langen,\nschwarzen Mantel, spielte auf der Laute und sang\ncon un liuto alle mani sonando\nquesla strada etc. Hierauf legte er die. Laute weg und\nhielt einen langen Monolog über den armen Pantalon und\ndessen Liebe, welche Scene alle Zuschauer lachen\nmachte.\" (Lassus, der Hofkirchen-Capellmeister!)—Am\nEnde des ersten Actes begann „eine sehr liebliche Musik\nmit fünf Violinen und eben so vielen Singstimmen\".\nFerner wird erwähnt „eine Musik von vier Singstimmen\nmit zwei Lauten, einem Clavicembalo, einem pifaro (Pfeife)\nund einer Bassgeige (basso di\nDas zweite curiose, für die Geschichte der abscheu-\nlichen Verstümmelung von Knaben der Gesangstimme\nwegen wichtige Actenstück betrifft einen Vorfall in Mün-\nchen vom Jahre 1564, welcher beweist, dass schon ge-\nraume Zeit vor dem siebenzebnten Jahrhundert in Rom\nCastraten gebraucht wurden, während man gewöhnlich\nannimmt, dass der Castratengesang in der päpstlichen Ca-\npelle erst im Anfange des genannten Jahrhunderts begon-\nnen habe. Das Actenstück („aus den unedirten Acten des\nk. Reichs-Archivs\") enthält die Nachricht über den Ver-\nlauf einer Untersuchung wegen Entmannung von sechs\nKnaben, Schülern der Jesuiten; von den unglücklichen\nOpfern wurden fünf nach Rom geschickt, einer aber ent-\nlief und flüchtete nach Neuburg, der Residenz des Pfalz-\ngrafen Wolfgang. Herzog Albert V. von Baiern liess den\nKnaben nach München zurückkommen und ordnete eine\nUntersuchung an. Der Knabe wiederholte seine umständ-\nlichen Aussagen später aber widerrief er; es fanden\nsich Aerzte, die ihn für „unangetastet\" erklärten, und die\nJesuiten erhielten „gegen die in Truckh gegebene Lester-\nschrift\" eine officielle Mittheilung zu ihrer Vertheidigung.\nDer fünf übrigen Knaben geschieht weiter keine Erwäh-\nnung in dem Actenstücke.\nDreissig Jahre später hatte auch die münchener Hof-\ncapelle ihre Castraten und „einen Aufseher umb wegen\n6 Bueben\". Das waren die Folgen des Verbotes, dass\nFrauenzimmer nicht in der Kirche singen durften. Und\ndieses Verbot will man im Jahre 1865 erneuern?\ndeant consules ne quid detrimenti\nDas erste Capitel enthält die Geschichte der fünfund-\nzwanzig ersten Jahre des Bestehens der italiänischen Oper\nin München bis um 1680. Von den Opern der damaligen\nCapellmeister Kerl und der beiden Bernabei ist keine\nPartitur aufzufinden gewesen.\nIn dem zweiten Capitel befindet sich folgende Stelle\nüber den berühmten Componisten Agostino Steffani,\nwelche zur Ergänzung der trefflichen Studie über diesen\nMeister in Chrysander's Leben Händel's (Theil 1) wei-\ntere Verbreitung verdient. Rudhart sagt S. 81 ff.:\n„Im Jahre 1688 den 18. Januar gab man „La glo-\nria festeggiante, introducimento\nTorneo\" u. s. w., wozu Orlandi den Text, Anton Berna-\nbei aber die Musik geliefert hatte, dann (wahrscheinlich\nim Carneval, die Widmung des Buches ist vom 1. Januar\ndatirt) kam „Niobe, regina di Thebe* zur Aufführung,\nText von L. Orlandi, Musik von Steffani. Es war dieses\nMeisters letztes Werk für München. Welcher Art die\nGründe gewesen, welche ihn vermochten, die fast zur\nzweiten Heimat gewordene baierische Residenzstadt zu\nverlassen, lässt sich schwer erklären. Vom Kurfürsten nach\nseinem Werthe geschätzt und mit Gnadenbezeigungen\nüberhäuft (unterm 27. Juni 1685 waren ihm „wegen\nseiner gemachten 2 Opern und zu einer Badecur nach\nItalien 750 Fl. bewilligt\"), an einem Hofe, an welchem\ndie treffliche Vocal- und Instrumental-Capelle seinem\nEhrgeize als Componist vollkommenste Befriedigung ver-\nsprach, mit dem Range und Titel eines Kammermusik-\nDirectors und ausreichender Besoldung placirt was\nkonnte den Meister zum Abgange bewogen haben? In\nden ohnedies dürftigen Acten suchen wir vergebens Auf-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "331", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18651021-01.1.3", "texte": "klärung; sie enthalten nur ein Decret, d. d. 14. Mai 1686,\nwonach „ „dem churfürstlichen Kammermusik-Director,\nHerrn Augustin Steffani, wieder nach Welschland sich zu\nbegeben die gnädige Erlaubniss ertheilt und zugleich be-\nwilligt worden, in Ansehung seiner 21jährigen Diener-\nschalt ihme die Besoldung nicht allein bis zu Ende Juni,\nsondern auch vom Monat Juli an noch auf drei Jahre lang\no\nals Recompens ausfolgen zu lassen, wobei es aber nit ver-\nblieben, sondern es hat besagter Steffani inhaltlich eines\nandern an mich, Hofzahlmeister, ausgefertigten Dekrets\nsoviel noch ausgewirkt, dass man bei dem Hofzahlamte\nseine gemachten Schulden, wie er anzeigen und spezifizi-\nren werde, aus dem bewilligten Recompens des 3jährigen\nSoldes bezahlen und was davon noch übrig bleibt ihm\nnach Welschland zu übermachen. Weil seine Besoldung\njährlich 1080 Fl. gewesen, also auf drei Jahre 3240 Fl.\nmacht, so hat man nach Abzug von 1959 Fl. eingewie-\nsener Schulden i hm mit Wexl 1281 Fl. nach Vene-\ndig Übermacht\"\". (Hofzahlamts-Rechnungen pro 1688,\nfol. 427.)\n„Chrysander in seinem „„Leben Händel's\"\", 1., 315,\nbehauptet, an die im Jahre 1685 aufgeführte Oper „ nSer-\nvio Tuttio\"\" habe sich das weitere Schicksal Steffani's\ngeknüpft. Herzog Ernst August von Hannover, welcher\nden damals angestellten Feierlichkeiten beigewohnt, habe\nan Steffani's Musik und Gesangskunst Gefallen gefunden\nund ihn zu bereden gesucht, als Capellmeister nach Han-\nnover zu gehen; da die Capellmeister-Stelle in München\ndem Sohne Erc. Bernabei's zugedacht gewesen, sei Stef-\nlani, der doch über kurz oder lang anderswo sein Glück\nhabe suchen müssen, der Einladung nach Hannover ge-\nfolgt: noch im selben Jahre 1685 wäre Steffani in\nHannover angelangt, worüber das k. Archiv dieser Stadt\nden Nachweis gebe. Vor Allem wäre es nun wünschens-\nwert!), den Wortlaut dieses archivalischen Nachweises zu\nkennen, welcher, in so fern er von einer dauernden Ueber-\nsiedelung Steffani's spräche, in offenen Widerspruch mit\nder unbezweifelten Thatsache treten muss, dass der Com-\nponist 1687 den „ „ Alarico\"\", im Jahre 1688 die\n„„Niobe\"\" in und für München geschrieben hat, welcher\nferner mit den vorgetragenen hiesigen Archivalien in kei-\nner Weise in Einklang zu bringen ist, und welchem end-\nlich der Umstand entgegensteht, dass Steffani in den Jah-\nren 1685 —I6BB unverändert als Musik-Director in den\nbaierischen Hof-Zahlamtsbüchern und Besoldungs-Listen\naufgeführt wird. Es kann jener Aufenthalt in Hannover\nim Jahre 1685 wohl nur ein vorübergehender gewesen\nsein, wozu er den ihm vom Kurfürsten bewilligten Urlaub\nzu einer Badereise (Decref vom 27. Juni 1685) benutzt\nhaben mag. Auch der Umstand, dass G. Ant. Bernabei\nihm als designirter Capellmeister im Wege gestanden\nhätte, mag den Kammermusik-Director weniger berührt\nund ihm keinen Anlass zum Abschied von München gege-\nben haben, es dürften pecuniäre Verlegenheiten gewesen\nsein, welche ihn von hier wegtrieben; wie wir sahen, halte\ner sich einer Schuldenlast von beinahe 2000 Fl. zu ent-\nledigen, deren Tilgung ihm erst die Freigebigkeit des\nKurlürsten ermöglichte. Aus seinem Abgange nach Han-\nnover scheint er ein Geheimniss gemacht zu haben; wie\nihm im Jahre 1685 „ „zu einer Badecur nach Italien\"\"\nUrlaub gegeben worden war, welchen er, wie es scheint,\nin Hannover zubrachte, so lautet auch das Abschieds-De-\ncret, d. d. 14. Mai 1688, auf die Erlaubniss, „ „sich wie-\nder nach Welschland zu begeben\"\" nach Vene-\ndig soll ihm der nach Abzug der Schulden verbleibende\nGratifications-Rest einer dreijährigen Besoldungs-Summe\ngeschickt werden, und dorthin scheint er sich auch vor-\nerst begeben zu haben, denn erst im folgenden Jahre kam\nsein „„Henrico Leone\"\" in Hannover zur Aufführung.\nIn letztgenannter Stadt verbrachte er den Rest seines lan-\ngen, wahrhaft thatenreichen Lebens. Nicht weniger als\nzehn grosse Opern schrieb er für den dortigen Hof, welche\nauch anderwärts mit Erfolg gegeben, den Ruhm ihres\nSchöpfers weithin verbreiteten. Aber auch auf diplomati-\nschem Felde holte sich der kluge italiänische Abbate\nreichliche Lorbern: seine Thätigkeit als Envoye extraor-\ndinatre wurde ihm von seinem Fürsten mit reichlichem\nGolde, vom Papste mit dem Bisthume Spiga gelohnt.\nIm Jahre 1729 zog der Wunsch, die geliebte Heimat\nnoch einmal zu sehen, den 74jährigen Greis über die Al-\npen; in seiner Gesellschaft befand sich Händel; nach einem\nJahre zurückgekehrt, starb Steffani, eben wieder auf einer\ndiplomatischen Mission seines Hofes begriffen, in Frank-\nfurt am Main (1730).\"\nNach glänzenden Zeiten, welche die Oper und Hof-\ncapelle in München erlebt hatten, brach im Anfange des\nachtzehnten Jahrhunderts die furchtbare Katastrophe auch\nüber sie herein, welche die blinde Anhänglichkeit des\nKurfürsten Max Emanuel an Frankreich und alles Fran-\nzösische über das ganze Land brachte. Schon durch die\nAbreise des Kurfürsten als Statthalters der spanischen Nie-\nderlande (1692) nach Brüssel wurde die Capelle gelheilt;\nda die besten Mitglieder und Sänger dorthin folgen muss-\nten, hörten die Opern-Vorstellungen in München auf.\nNach der Rückkehr des Kurfürsten nach München (1701)\nberief er eine französische Schauspieler-Gesellschaft aus\nAntwerpen, welche für Reisekosten 2400 Fl. und für\nsechs Monate 6000 Fl. erhielt. Er liess ihr ein besonde-\nres Theater bauen, besonders die Damen der Gesellschaft\nwurden sehr begünstigt und beschenkt, eben so eine Tan-\n\n[*l"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "332", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18651021-01.1.4", "texte": "zerin aus Brüssel. Alle diese W eiber standen in französi-\nschem Solde. Max Emanuel brach mit Oesterreich, und\ndie Schlacht bei Höchstädt (13. August 1704) machte\nder französischen Herrlichkeit in München ein Ende. Der\nKurfürst entlloh nach Brüssel. „Bis zum Jahre 1708\nwurde den auf wenige Köpfe zusammengeschmolzenen\nMitgliedern (einige, wie der seit 1703 zum Kammermusik-\nDirector ernannte P. Torri, waren dem Kurfürsten ins\nExil gefolgt, andere hatten sich gleich beim Beginne der\nKatastrophe aus dem Staube gemacht} die Hälfte ihres\nseitherigen Einkommens von der österreichischen Admini-\nstration belassen. Am 21. Mai 1708 aber erging von\ndieser Behörde die Weisung, dem Capellmeister J. Ant.\nBernabei eine Demissions-Signatur zustellen zu lassen; be-\nzüglich der Uebrigen hiess es in lakonischer Kürze:\n„„Weill selbige nach Abreise der Prinzen khaine Dienste\nmehr zu versehen haben, also wird auch khain Sold mehr\nverabreicht.\"\" —So war mit Einem Federzuge ein Institut\nvernichtet, welches seit nahezu 150 Jahren den Thron der\nBaiernfürsten mit Glanz umgeben und durch seine hohen\nkünstlerischen Leistungen die gerechte Bewunderung der\nWelt rege gemacht hatte. Wer nicht auswärts\nDienste hatte finden können, durfte unter der rücksichts-\nlosen österreichischen Verwaltung im tiefsten Elende\nschmachten.\n„Nach iangem Flehen erhielt der Tenorist Filippo\nPontano, welcher „„36 Jahre in der Capelle gedient\nhatte\"\", im Jahre 1710 eine monatliche Pension von 6\nFl. Der Arme, welcher einst bessere Tage gesehen hatte,\nmusste, wie er selbst in einer der rührenden Eingaben er-\nzählt, von Haus zu Haus sein Brod betteln gehen. Cä-\ncilie Eckhart bittet in einer Eingabe vom October 1712\nKaiserliche Majestät um einige Scheffel Korn. Ein ge-\nwisser Ignaz Dormilian bittet, da ihn die höchste Noth\ntreibe, nur um einen Scheffel Korn.— „ „ A bgeschlagen\"\",\nlautet der Bescheid, u. s. w.\n„Das Opernhaus war verödet und drohte in Folge\nbaulicher Vernachlässigung den Einsturz; nach einer lan-\ngen, desfalls eingeleiteten Correspondenz erging die Wei-\nsung (18. Februar 1710): „„Nachdem man das alhiesige\nComödienhaus bei Bau zu erhalten und zu dem Ende\neinige Reparaturen vorzunehmen gedenkt, ergeht hiemit\nder Befehl, an das hiesige bauamt die Verfügung zu thun,\ndass sogleich für die Arbeit gesorgt und die erforderlichen\n84 Fl. (!) aus dem Hofzahlamt verabfolgt werden.\"\"\nBeiläufig wird berichtigt, dass der berühmte A les -\nsandro Scarlatti eine Oper für München componirt\nund dort aufgeführt habe, welche irrthümliche Angabe\nfrüherer Schriftsteller wahrscheinlich auf Namens-Ver-\nwechslung mit einem Abbate Scarlatti und einem Baron\nPompeo Scarlatti, welche beide baierische Agenten in\nRom waren, beruhe.\nDurch den badener Frieden war Baierns Kurfürsten\ndie Rückkehr in sein Land ermöglicht worden. Am 10.\nApril, Nachts 11 Uhr, zog Max Emanuel in die Residenz\nzu München ein; mit ihm kehrte die alte Pracht und Herr-\nlichkeit der Hoffeste wieder, und auch die Oper nahm in\nMitte all dieses Glanzes den gewohnten Platz ein. Er starb\nden 26. Februar 1726 und hinterliess eine Schulden-\nmasse von 30 Millionen Gulden, wobei das Hofamt mit\nI\nmehr als Million betheiligt war. Leider — sagt Rud-\nhart S. 95 — ist eine der Hauptquellen, aus welcher wir\nbisher schöpften, die Hofzahlamts-Rechnungen, fortan für\neinen Zeitraum von 35 Jahren völlig versiegt. Die statt-\nliche Reihe jener solid in Schweinsleder gebundenen Fo-\nlianten weist vom Jahre 1707 bis 1750 eine vollständige,\nnicht genug zu beklagende Lücke auf, so dass wir fortan\ndas Material aus den in verschiedener Richtung zerstreu-\nten Acten, in den gedruckten Textbüchern und anderen\ngleichzeitigen Druckwerken sparsam enthaltenen Notizen\nnicht ohne Mühe zusammenzutragen genöthigt waren, ein\nUmstand, welcher der Vollständigkeit der Darstellung nicht\nunwesentlichen Abbruch that.\n(Schluss folgt.)\n\nKoch’s musicalisches Lexikon von Arrey von\nDommer.\nMit dem Erscheinen der achten Lieferung ist dieses\nWerk zum Abschlüsse gekommen und bildet nun eine\nencyklopädische Darstellung der Musik-Wissenschaft, die\ndurch Inhalt und Form und durch gesunde Ansichten des\nVerfassers in Theorie und Aesthetik der Tonkunst allen\nMusikern und Kunstfreunden angelegentlich zu empfehlen\nist, da dieses Lexikon in unserer Zeit, in welcher das un-\nübersehbare Anschwellen der Literatur jeder Disciplin der\nWissenschaft und Kunst dergleichen Werke für die Orien-\ntirung und Befriedigung des Bedürfnisses einer partiellen\nBelehrung nothwendig macht, ein wirkliches Bedürfniss\nwar. Wie wir schon in früheren Artikeln erwähnt haben\n(vgl. 1864, Nr. 19 und Nr. 33), hat sich Arrey von Dom-\nmer an das musicalische Lexikon von Heinr. Christ. Roch\nangeschlossen, welcher in Deutschland (1802) zuerst ver-\nsuchte, die wichtigsten Gegenstände der Theorie der Mu-\nsik in lexikalischer Form darzustellen. Was spätere musi-\ncalische Encyklopädieen, wie das Buch von Schilling und\nneuerlich das „Universal- (!) Lexikon der Tonkunst\" von\nBernsdorf, auf diesem Gebiete brachten, war bei den „uni-\nversalen\" Tendenzen dieser Werke, von denen man mit"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "333", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18651021-01.1.5", "texte": "Recht sagen konnte: „Qui trop embrasse, mal etreint\",\ntheils auf sehr wenig Raum beschränkt, da das biographi-\nsche Element bei Weitem vorherrschte, theils so oberfläch-\nlich und ohne selbständiges Nachdenken hingeworfen, dass\nder alte Koch dagegen immer noch wie ein Heros erschien.\nMit Recht hat nun von Dommer in seiner Arbeit auf\nGrundlage von Koch's Buch dieGränzen, welche sich Koch\ngesteckt hatte, inne gehalten und ohne Aufnahme des\nBiographischen das Gebiet der Kunstlehre allein zum Ge-\ngenstande genommen. Ueber die Art und Weise, wie er\ndabei verfahren, spricht er sich in dem (der letzten Lie-\nferung beigegebenen) Vorworte also aus:\n„Mit dem Plane zu einer ähnlichen Arbeit umgehend,\nkonnte mir der Vorschlag des Herrn Verlegers, eine Um-\narbeitung des Koch'schen Buches zu übernehmen, nur\nwillkommen sein, um so mehr, da die Art jenes Vorschla-\nges meiner Vorstellung von der Behandlungsweise eines\nsolchen Werkes entsprach, ausserdem durch Anschluss an\nein bereits vorhandenes Buch, wenigstens hinsichtlich der\nalphabetischen Anlage, mir einige Erleichterung gewährt\nzu werden schien. Dass nun dieser Anschluss nicht viel\nweiter als bis auf die alphabetische Anordnung und auch\nüber diese nur zum Theil sich erstrecken konnte, während\nich im Uebrigen durchaus selbständig verfahren musste,\nliegt in der Sache und ist bedingt einestheils durch die\nseit Erscheinen des Koch'schen Werkes gemachten Fort-\nschritte in der Musik-Wissenschaft und ihrer Darstellung\nüberhaupt, anderenteils durch die mir zugänglich gewe-\nsene grössere Anzahl älterer Schriften, welche Koch unbe-\nkannt geblieben sind. Es wäre daher überflüssig, aus einan-\nder zu setzen, dass es bei einer blossen Bearbeitung sein\nBewenden nicht haben konnte, wenn in meine Arbeit eine\nEinheitlichkeit hineinkommen sollte, abgesehen davon, wie\nweit mir gelungen ist, eine solche zu erreichen. Eine Auf-\nzählung dessen, was in diesem Werke von mir herrührt,\noder wo ich etwa an Roch mich angelehnt habe, würde\njedoch ermüden, ohne zu interessiren; dem Sachverständi-\ngen wird eine nähere Vergleichung beider Werke ohne\nSchwierigkeit darthun, dass ich Koch kaum weiter benutzen\nkonnte, als so manche andere von ihm nicht berücksichtigte\noder erst später erschienene Schrift. Die Erhaltung des\nNamens meines ehrenwerthen Vorgängers aber erschien\nsowohl mir als dem Herrn Verleger nicht anders als in\nder Ordnung, nicht allein um des erwähnten Verdienstes\nwillen, welches Koch seiner Zeit um die Art der encyklo-\npädischen Behandlung der Musik-Wissenschaft sich erwor-\nben hat, sondern auch hinsichtlich des in seinem Buche ent-\nhaltenen unverkennbar Tüchtigen, welches ich, wenngleich\nschon der Stileinheit wegen in durchaus veränderter Ge-\nstalt, zu benutzen nicht verfehlt habe. lndem aber die\nalphabetische Ordnung nicht nur die Behandlung vielglie-\nderiger Gegenstände wesentlich erschwert, sondern auch\nder Uebersichtlichkeit des Zusammenhanges im Grossen\nsehr leicht hinderlich wird, habe ich, so weit thunlich, zu-\nsammenhangende Dinge zu grösseren Abhandlungen ver-\neinigt und ihre einzelnen Theile durch Buchstaben und\nZahlen markirt, um vom entsprechenden Orte aus darauf\nhinweisen zu können und den Gegenstand doch zugleich\nmehr als ein Ganzes zu haben. Beispiele dafür sind unter\nanderen die Artikel Tonart, Mensural-Notenschrift, Con-\ntrapunkt, Orgel, Harmonie, Consonanz und Dissonanz,\nFuge, Fortschreitung der Intervalle u. s. w. Freilich wird\nin der äusseren Einrichtung, wie auch nicht minder in der\nBehandlung des einen oder anderen der ja so ungemein\nzahlreichen und verschiedenartigen Gegenstände wohl so\nManches zu wünschen übrig bleiben; dass meine Thätig-\nkeit an diesem Werke unausgesetzt drei Jahre gedauert\nhat, spricht wohl wenigstens für den Willen, eine brauch-\nbare Arbeit zu liefern. Dem Sachkenner bleibt es nun-\nmehr anheim gegeben, zu bestimmen, wie weit das Re-\nsultat die Absicht betätigt.\" ,\nJeder verständige Beurtheiler des Werkes wird, wenn\ner die Schwierigkeiten einer einheitlichen Darstellung ir-\ngend einer wissenschaftlichen Disciplin in einer so durch-\nbrochenen Form, wie sie die lexikalische Ordnung be-\ndingt, in Anschlag bringt, dem Verfasser gern zugestehen,\ndass er in dieser Beziehung das Mögliche geleistet hat.\nEs zieht sich durch die verschiedenen Artikel von A bis\nZein Faden, an den das allgemein Güllige, durch Ueber-\nlieferung und Erprobtheit in den Meisterwerken Bewährte\nmit Berücksichtigung neuerer Berichtigung so wie Verfäl-\nschung der theoretischen und ästhetischen Grundbestim-\nmungen so folgerichtig gereiht ist, dass sich daraus eine\nsystematische Reife der Ueberzeugung des Verfassers er-\ngibt. Es fliesst in allen Adern dieses literarischen Buch-\nkörpers ein gesundes Blut, und das ist heutzutage, wo die\nkunstphilosophischen musikgefährlichen Krankheiten gras-\nsiren, von grossem Werthe.\nAus der letzten Lieferung führen wir als Belege zu\nbesonderer Berücksichtigung die Artikel: Vergleichung der\nVerhältnisse und der Intervalle; Vorausnehme, Vorberei-\ntung der Dissonanzen, Vorhalt (alle drei v. S. 940 954)\nan und theilen die erste Hälfte des Artikels „Vocal-\nmusik\" mit:\nVocalmusik, diejenige der beiden Hauptgattungen\nder Musik, in welcher der Ton durch das natürliche Kiang-\norgan, die menschliche Stimme, und zwar durch diejenige\nModification derselben, welche wir Singstimme nennen,\nerzeugt wird. Indem blosse Tonhervorbringung allein in\nder Kunst nicht die Bestimmung eines O/gans sein kann,"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "334", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18651021-01.1.6", "texte": "welches uns auch zur Mittheilung der höchsten, für den\nmenschlichen Geist fassbaren Ideen verliehen ist, verbindet\nsich im Gesänge mit dem Tone das Wort. Wie nun das\nWort den Inhalt des Tonausdruckes nach Seiten des Be-\ngrifflichen hin unserem Denkvermögen vermittelt und in\nunserem Geiste Vorstellungen erweckt, so wendet sich der\nTonausdruck selbst unmittelbar an das Gefühl, nach die-\nser Seite hin ergänzend, was das Wort an sich unerledigt\nlassen muss. Dass die menschliche Stimme bei Weitem frü-\nher als irgend ein Instrument Bedeutung als musicalischer\nFactor erlangt hat, kann nicht bezweifelt werden; nicht\nallein dass man ihrer, als des durch die Natur verliehenen\nOrganes, auch naturgemäss früher als irgend eines künst-\nlichen Werkzeuges zu einer Art musicalischen Empfin-\ndungs-Ausdruckes sich bedient hat, sondern man hat die-\nses auch unzweifelhaft mit viel grösserem Erfolge getban,\nals durch Instrumente in jenem primitiven Zustande, wo-\nrin sie so lange verharrten, je möglich geworden wäre.\nAller Gesang verdankt seinen Ursprung dem eingeborenen\nDrange und Bedürfnisse des Menschen, seine Empfindun-\ngen und Gefühle in einer über die praktische Begriffs-\nsprache hinausgehenden Weise auszudrücken; aller Gesang\nist Gefühlserguss in leidenschaftlich bewegten Tönen, de-\nren Folge, Hebung, Senkung, Accentuation und Gruppi-\nrung eine gewisse Uebereinstimmung oder Analogie mit\nder Bewegungsart des auszudrückenden Gefühles aufwei-\nsen; er ist weder entdeckt noch erfunden, noch dem Pfei-\nfen und Zwitschern der Vögel oder anderen unorganischen\nNaturlauten abgelauscht und nachgeahmt, sondern dem\nMenschen eingeboren und in seinen ersten Keimen als be-\ndeutsamer Empfindungslaut unzweifelhaft bei weitem älter\nals alle Spuren irgend einer Articulation und Begriffs-\nsprache. Demgemäss ist auch die Stimme das vornehmste\nOrgan aller Musikäusserung, nicht nur im Alterthume,\nsondern auch bis weit ins achtzehnte Jahrhundert christ-\nlicher Zeit hinein geblieben; noch in der ersten Hälfte des\nsiebenzehnten Jahrhunderts ist alle Kunstmusik im Wesent-\nlichen Vocalmusik, und erst gegen 1700 hin beginnt das\nInstrumentenspiel mit dem Gesänge gleiche Bechte zu ge-\nwinnen und jener Umschwung in der- Musikempfindung,\ndurch welchen in neuester Zeit die Instrumentalmusik zur\nHerrschaft über den Gesang gelangt ist, sich vorzubereiten.\nDass der Gesang in seiner Entwicklung einen so weiten\nVorsprung vor dem Instrumentenspiele gewinnen konnte,\nliegt nicht allein in den vorhin erwähnten Gründen der\nUnmittelbarkeit seines natürlichen Organs, sondern auch\nund vorzugsweise in seiner Verbindung mit dem Worte.\nDer Text bot den ersten Anhalt dar für Bildung einer mu-\nsicalischen Form und Ausdrucksweise; und waren die frü-\nhesten Gesangformen auch nur Eigenthum der Poesie oder\nmetrisch und rhythmisch geordneten und gegliederten\nRede, schloss auch die Hebung, Senkung und metrische\nBewegung des Tonganges durchaus den Bewegungen der\nSprach-Declamation sich an, so gewann die Musik hieran\ndoch eine Grundlage, worauf sie fussen und allmählich zu\nselbsteigenem Gestalten sich erheben konnte. Als man nach\nund nach lernte, Bewegungen der Seele durch Tonbewe-\ngung zu analogisiren, Gefühle und Leidenschaften durch\ngeordnete Tonfolgen auf eine dem Kunslgefüble erkenn-\nbare Weise auszudrücken, da verselbständigte sich die Me-\nlodie auch dem Texte gegenüber in so fern, als der Ton-\ndichter den durch das Wort ausgesprochenen Gedanken\nin sich aufzunehmen und auf selbstschöpferische Weise in\neinen gleichbedeutenden Musikgedanken umgewandelt, wie-\nder herauszustellen vermochte, wobei sich dann von selbst\nversteht, dass Wort- und Tongedanke sich decken müssen,\nweil ja beide, wenngleich durch verschiedene Mittel aus-\ngedrückt und eine verschiedene Wirkung auf unsere See-\nlenkräfte äussernd, doch eine Einheit sind. Indem aber der\nTongedanke auch in der Vocalmusik von dem durch den\nText nur angeregten Tongeiste auf solche selbständige Art\nerzeugt wird, ist auch der Gesang eben so gut reine Mu-\nsik, wie das Instrumentenspiel; seine Melodieen und Ton-\ngestaltungen entstehen eben so frei, wie die der Instrumen-\ntalmusik, hier wie dort durch nichts bedingt als durch den\nauszudrückenden Stimmungs- und Gefühlsgehalt, nur mit\ndem Unterschiede, dass dieser hier zugleich auch durch\nden Text ausgesprochen wird, während er in der Instru-\nmentalmusik zwar eben so gut dem Tonausdrucke zu\nGrunde liegt und ihn bestimmt, nicht aber zur begrifflichen\nDeutlichkeit gelangt. Erscheint hiernach die so häufig auf-\ngeworfene Frage, ob denn eigentlich die Vocal- oder die\nInstrumentalmusik die reine Musik sei, als durchans müs-\nsig, so entspringt aus der Stellung der Musik zum Worte\ndoch ein grosser innerer Wesens-Unterschied beider Haupt-\nTongattungen und die höhere Stellung der Vocalmusik.\nIndem letztere, während sie durch den Ton das Gefühl er-\nregt, zugleich durch das Wort den Geist über das, was der\nTon sagen will, aufklärt, vermag sie auch die höchsten und\nbedeutsamsten Dinge nicht nur in ihren Kreis zu ziehen,\nwas die Instrumentalmusik ja auch thut, sondern unserem\nGefühle und Geiste zu deutlichem Verständnisse zu bringen.\nSie hat die Deutlichkeit vor der Instrumentalmusik voraus.\nNun ist es zwar eine besondere Wesens-Eigenthümlichkeit\nder Musik, dass sie der eigenen Phantasie- und Gefühls-\nthätigkeit des Hörers beim Empfangen des Tonwerkes einen\nso weiten Spielraum lässt, den Empfangenden auf umfäng-\nliche Weise zum Mitschöpfer des Kunstwerkes macht, doch\nbegibt sie sich dieser Eigenschaft durch ihre Verbindung\nmit dem Worte ja durchaus nicht. Die Tongestaltung,"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "335", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18651021-01.1.7", "texte": "auch wenn sie durch einen in Worten ausgedrückten Ge-\ndanken hervorgerufen ist, bleibt ja etwas für sich durch-\naus Selbständiges, daher die Mitthätigkeit des Hörers im\nErfassen der Musik durch das Wort keineswegs beschränkt\nwird. Und nach Seiten der Unmittelbarkeit für das Ge-\nfühl und der Wirkung auf die Phantasie greift der Ton\nunendlich weit über das Wort hinaus, der Text würde\nnicht Worte genug finden, um das zu sagen, was die Musik\ndurch wenige Züge in uns zu erwecken vermag; desshalb\nist er für die Verbindung mit Musik auch stets am besten\nso beschaffen, dass er die Situation oder Stimmung nur\nbezeichnet, das volle Ausgestalten derselben aber dem Tone\nüberlässt, wodurch er durchaus nichts von seiner allgemei-\nnen Bedeutung für die Musik verliert, weil er wiederum\nin allen solchen Dingen, die mit Deutlichkeit begriffen\nwerden sollen, durch ein einziges Wort unser musicalisches\nEmpfinden und Ahnen zu einer Gewissheit aufklärt, welche\n■die Musik an sich zu gewähren niemals vermag. So ergän-\nzen sich Wort und Ton in der Vocalmusik zu einer Gefühl\nund Phantasie tief erregenden und zugleich den Geist durch\nDeutlichkeit befriedigenden Einheit. Indem nun aber der\nunmittelbare Ausdruck des Gefühls durch gesangreiche\nMelodie der eigentliche Wirkungskreis der Vocalmusik ist,\nbei Weitem weniger die darstellende Schilderung oder Ma-\nlerei durch eine grosse Mannigfaltigkeit von Figuren, Rhyth-\nmen, Klangbildern u. s. w., welche wiederum der Instru-\nmentalmusik in weitestem Umfange zu Gebote stehen, fin-\ndet der Gesang in der Verbindung mit dem Instrumenten-\nspiele doch eine Bereicherung und Ergänzung der wichtig-\nsten Art, indem ihm alsdann die schildernde Kraft des letz-\nteren zu Gute kommt. Hinsichtlich des Ausdrucks und der\nDarstellung erscheint daher die Tonkunst erst dann ihrem\nvollen Umfange nach erfüllt, wenn Vocal- und Instrumen-\ntalmusik mit einander sich vereinigen.\n\nAus Berlin.\nG. E.\nDen 18. October 1865.\nDas erste der Patti-Concerte des Herrn Ullman fand Mon-\ntag den 16. d. Mts. in der Sing-Akademie Statt, die diesmal bis auf\nden letzten Platz besetzt war. Es war so vorzüglich ausgestattet,\nwie man es bisher bei Virtuosen-Concerten nur in den glücklichsten\nFällen erlebt hat. Wenn früher ein Virtuose sich in der Regel mit\nKräften untergeordneten Ranges verband, wie sie ihm gerade der\nZufall darbot, so haben wir hier das Zusammenwirken von vier\nKünstlern, deren drei (Vieuxtemps, Jaell, Piatti) sich längst\nden Ruf erworben haben, in je ihrem Fache zu den Ersten zu ge-\nhören, während die Sängerin, die den Mittelpunkt des Unternehmens\nbildet, selbst demjenigen, der weniger günstig für sie gestimmt sein\nsollte, als eine Specialität erscheinen muss, welche kennen gelernt\nzu haben, jedem Freunde der Gesangskunst ein hohes Interesse ge-\nwähren wird. Fräulein Carlotta Patti begann mit einer Arie aus\nLinda di Chamounix. Wir glauben uns nicht zu irren, wenji wir\ndie Ansicht aussprechen, dass das, was den eigenthümlichen Vorzug\nin Carlotta 1 atti s Stimme bildet, ihre in der That erstaunenswürdige\nHöhe, von einer gewissen Unvollkommenheit der Mitteltöne ab-\nhängt; dei Organismus der menschlichen Stimme ist ein Ganzes,\nund man kann iD keinem Theile umgestalten, ohne dass die übrigen\neinen Einfluss davon erfahren. Mit dem ergten höheren Tone, den\nwii hörten, etwa dem zweigestrichenen e, änderte sich der Eindruck.\nVon hier ab gebietet unsere Sängerin über mehr als eine Octave\nvon Tönen. Die gesammte hohe Lage ist zu einer wirklich künst-\nlerischen Entwicklung gelangt. Alle diese Töne sind von schönem\nKlange und stehen ihr in jeder Abstufung der Kraft, in freiem An-\nsätze, in sprungweisem und tonleiterartigem Erfassen, legato und\nstaccato zu Gebote. Schon in der Arie aus Linda fanden wir viel-\nfache Gelegenheit, uns an der sauberen, geläufigen und geschmack-\nvollen Coloratur der Sängerin zu erfreuen, der wohl hier und da\neine einzelne Passage, namentlich wenn sie in die Mittellage hinein-\nreicht, nicht in höchster Vollendung gelingt, die doch aber im Gros-\nsen und Ganzen den Anspruch auf wahrhaft künstlerische Bedeutung\nmachen kann. Der Triller ist meistens eben so correct, als leicht\nund flüssig, von ganz besonderer Vollendung aber das staccato, das\nwir, wenn unsere Erinnerung uns nicht täuscht, auch von der\nSchwester Adelina kaum sicherer, gewandter und anmuthiger gehört\nhaben. Mitunter ist ihr eine Art von Portament, namentlich beim\nUebergange von tieferen zu höheren Tönen, eigen, welche die Be-\nrührung von musicalisch nicht mehr bestimmbaren Tönen zu fühl-\nbar macht, als dass wir sie schön finden könnten; wir sind im\nZweifel, ob wir darin Absicht oder eine naturalistische Gewöhnung\nfinden sollen: jedenfalls ist dies ein Punkt, wo ein strengeres künst-\nlerisches Gewissen sich mit dem, was Fräulein Patti gibt, nicht ein-\nverstanden erklären kann. Was endlich Vortrag und Auffassung\nvon Carlotta Patti betrifft, so ist sie weder eine gefühlvolle Sän-\ngerin, noch beansprucht sie, es zu sein; dass sie aber Kunstverstand\nund Kunstgeschmack besitzt, beweist sie durch die feine Gliederung\nihrer Coloratur, durch geschickte und wirkungsvolle Contraste (wir\nerwälinen beispielshalber einen sehr fein ausgeführten Wiedereintritt\ndes Haupt-Thema1 s nach vorhergegangenen Verzierungen in der\nSchattentanz-Arie), durch die natürliche Liebenswürdigkeit und An-\nmuth, die ihrem Gesichtsausdrucke, wie dem Klange ihrer Stimme\neigen ist. Eine Sängerin, die, wie es hier der Fall, in den wesent-\nlichen Dingen, wenn auch nicht als ausgezeichnet, so doch als gut\nund tüchtig, theilweise als hervorragend gelten darf, durch ihre\nStimmlage aber ohne Gleichen ist, hat gewiss das Recht, die Auf-\nmerksamkeit des Publicums in hohem Grade auf sich zu lenken;\nwir glauben daher, dass auch für die noch folgenden Concerte die\nGunst der Zuhörer ihr in gleichem Maasse zu Theil werden wird,\nals es in dem ersten der Fall war.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKöln. Erstes Abonnements-Concert im grossen Gür-\nzenichsaale, unter Leitung des städtischen Capellmeisters Herrn\nFerdinand Hiller, Dinstag den 17. October. Programm:\nErster Theil. 1. Symphonie in C-dur von W\". A. Mozart. 2. Das\nMädchen von Kola, Elegie für Chor und Orchester, nach Ossian's\n„Darthula\" componirt von Karl Reinthaler (zum ersten Male).\n3. Violin-Concert Nr. 111, componirt und vorgetragen von Herrn\nJoseph Joachim (zum ersten Male). Zweiter Theil. 4. König\nStephan, Vorspiel von A. von Kotzebue, componirt zur Eröffnung\ndes Theaters in Pesth im Jahre 1812 von L. van Beethoven\n(zum ersten Male). Ouvertüre. Nr. 1 und 2. Chor der Edeln Un-\ngarns. Nr. 3. Siegesmarsch. Nr. 4. Chor der Frauen. Nr. 5. Melo-\ndram. Nr. 6. Allgemeiner Chor. Nr. 7. Melodram. Nr. 8. Geistlicher"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "336", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18651021-01.1.8", "texte": "Marsch und Chor. Melodram. Nr. 9. Schluss-Chor. (Wir kommen\ndarauf zurück.)\nDem Vernehmen nach wird Adelina Patti am Dinstag den\n24. d. Mts. als Margarethe in Gounod's „Faust\" noch einmal\nauftreten.\n** Crefelil. Samstag den 28. October wird hierselbst eine\nmusicalische Soiree unter Mitwirkung der Musik-Directoren\nHerren Alexander Dorn und Hermann Wolff, so wie der\nFräulein Maria Büschgens und Ottilie Friese Statt finden.\nDieselbe ist ausschliesslich dem Vortrage demnächst im Druck er-\nscheinender Compositionen des königlichen Musik-Directors Karl\nWilhelm gewidmet, der während einer Reihe von 24 Jahren die\nhiesige Liedertafel leitete und sich vor einigen Monaten zur Her-\nstellung seiner Gesundheit nach seiner Heimat in Thüringen zu-\nrückgezogen hat. Das Programm, von Freunden des Componisten\naus bisher nicht in die Oeffentlichkeit getretenen Manuscripten zu-\nsammengestellt, bietet in mannigfaltiger Abwechslung 5 Lieder für\nSopran, 3 Duette für Sopran und Alt, 0 Lieder für Tenor, 2 Lie-\nder für Bariton, 2 Clavier-Piecen, 2 Männer-Quartette, 1 Grablied\nfür Solo, Quartett und Männerchor, so wie 6 Quartette für gemisch-\nten Chor. Diese und noch manche andere Compositionen dürften\nden Ruf des als Componist für Männergesang in weitesten Kreisen\nbekannten Mannes auch auf dem Gebiete des Liedes und besonders\ndesjenigen für gemischten Chor begründen. Wir hoffen, dass der als\nKünstler, Dirigent und Lehrer hierselbst hochgeschätzte Componist,\ndessen Gesundheit in erfreulichster Weise sich in der thüringischen\nHeimat gekräftigt hat, bald einen angemessenen neuen Wirkungs-\nkreis finden werde.\nBrentelg 16. October. Unser Musik-Director Herr Karl\nReinthaler bereitet eine Aufführung von Iländel's „Salomon\"\nvor, in welcher die berühmte rheinische Altistin Fräul. Fransisca\nSchreck die Alt- und Herr Gunz die Tenor-Partie ausführen wer-\nden. Man wird dabei zum ersten Male den Versuch machen, den\nprächtigen grossen Börsensaal, der an 2000 Menschen fasst, zum\nConcertlocale zu benutzen. Die ab und zu veranstalteten Orgel-\nConcerte mit Gesang des Domchors a capella sind sehr besucht.\nIm letzten (den 26. Sept.) hörten wir Gesänge von Schröter,\nEccard, Mendelssohn und eine Ansgarius-Hymne von Rein-\nthaler, welcher die Passacaglia und die Toccata in F von J. S.\nBach und eine eigene Phantasie auf der Orgel vortrug."}]}