{"numero_id": "bm-bmtnabi-1865-12-09-01", "volume": "bmtnabi_1865-12-09_01", "ocr_sha256": "23946973a7d0ecbcde5fe0aa8f47f3493d8eadc2fb17cf298f0d6147c0937dc1", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1865/12/09_01/bmtnabi_1865-12-09_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18651209-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1865-12-09-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1865-12-09_01#c001", "volume": "bmtnabi_1865-12-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "385", "page_fin": "385", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18651209-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "385", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18651209-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 456, "texte": "Inhalt.\nAus Frankfurt am Main (Musicalische Zustände). Von —3—. Aus Göttingen (Akademische Concerte Gast-\nspiele Patti-Concert). Viertes Gesellschafts-Concert in Köln im Gürzenich (Schluss). Tages- und Unterhaltungsblatt\n(Köln, Conservatorium der Musik, Soiree von Leopold Auer, Concert von Herrn und Frau Marchesi Coblenz, Ehrengeschenk an Max\nBruch, Abonnements-Concert Berlin, Musik-Director Jahns Musicalisches aus Schulpforta Richard Wagner u. s. w.)."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1865-12-09-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1865-12-09_01#c002", "volume": "bmtnabi_1865-12-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "385", "page_fin": "388", "image_debut": 1, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18651209-01.2.2", "titre_corps": "Aus Frankfurt am Main.", "titre_sommaire": "Aus Frankfurt am Main.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "385", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18651209-01.1.1", "debut_caractere": 458, "fin_caractere_exclue": 4376, "texte": "Aus Frankfurt am Main.\nWenn ich Ihnen ein Bild der musicalischen Zustände\nunserer Stadt entwerfen und die Verkommenheiten im\nBereiche der Tonkunst berichten soll, so gestatten Sie mir,\nda dieselben seit Jahren in Ihrem geschätzten Blatte kaum\nberührt sind, eine kurze Einleitung über die Anstalten\nund Institute, von welchen die musicalischen Bestrebungen\nausgehen. Seit Anton Schindler's kritische Expectorationen\nverstummt sind, welche zwar ob ihrer rücksichtslosen Frei-\nmüthigkeit vielfach empfindlich verletzten, aber auch für\nden Schreiber, dem es nur einzig um die gute Sache zu\nthun war und der mit erbarmungsloser Strenge für seine\nheilige Tonkunst zu Felde zog, wahre Hochachtung einflöss-\nten —, seitdem ist die frankfurter Musik in Ihrem Blatte\nvergessen. Es sind nun bald zwei Jahre, dass der alte\nFreund Beethoven's auf dem bockenheimer Friedhofe ruht,\nwenige Schritte von der Grabstätte Guhr's entfernt.\nDieser Guhr, ein höchst talentvoller, aber leichtsinni-\nger Künstler, war es, der, um das hiesige Musikleben\nvielfach verdient, beinahe dreissig Jahre lang (bis zum\nJahre 1848) die Oper und die Museums-Concerte leitete,\nwelche letztere damals freilich in bescheideneren Verhält-\nnissen existirten. Die Oper war jedoch unter ihm von an-\nderer Bedeutung, als sie es jetzt ist. Denn wenn auch die\njetzigen Opern-Dirigenten sehr tüchtige Künstler sind, so\nist ihnen doch eine gewisse Selbständigkeit des Handelns\nuntersagt, und darum gelingt es ihnen weder, ein der Be-\ndeutung unserer Stadt angemessenes Opern-Personal zu-\nsammen zu bringen, noch ein wahrhaft künstlerisches Zu-\nsammenspiel zu organisiren, noch ein interessantes Reper-\ntoire ins Leben zu rufen. So kommt es, dass die Umgegend\nnicht nach Frankfurt in das Theater strömt, sondern dass\ndas frankfurter demoralisirte Opern-Publicum die Deco-\nrations-Oper in Darmstadt allsonntäglich frequentirt. So\nkommt es. Dass die Bühnen einiger Nachbarstädte, wie\nMannheim und Karlsruhe, unter kunstverständiger Leitung\nbei viel bescheidenerem Budget weit mehr leisten, als das\nhiesige Theater. In beiden Städten werden neben den\nbesten alten Opern (namentlich denen von Gluck) viele\nOpern jüngerer deutscher Tonsetzer auf die Bühne ge-\nbracht, während es hier als eine That gilt, wenn die „Tra-\nviata\" von Verdi vom Stapel läuft. Von einer Bildung des\nKunstgeschmackes durch die Bühne kann da gar keine\nRede mehr sein. Um jedem Einwurfe zu begegnen, fügen\nwir noch hinzu, dass das einzige Verdienst der hiesigen\nOper in den letzten drei Jahren die Einstudirung von Cosi\n/an tutte und Idomeneo (letzterer in sehr ungenügender\nBesetzung) war. Vergebens wartet man aber auf neuere\nWerke, die an anderen Orten mit Interesse gehört wur-\nden, z. B. auf Bruch's Loreley und Hiller's Katakomben.\nGlücklicher Weise sieht es in unserem eigentlichen\nMusikleben erfreulicher aus. Der Mann, welcher um die\nKenntniss und Pflege der ernsten Musik in unserer Stadt\ndas grösste Verdienst hatte, war Schelble, der Begrün-\nder des Cäcilien-Vereins. Er wusste das Interesse und das\nStudium der Musikfreunde und namentlich der Mitglieder\nseines Vereins auf die classischen Vorbilder hinzulenken,\nbesonders auf Sebastian Bach, dessen Werke noch immer\nden Kern der Aufführungen des Cäcilien-Vereins bilden.\nSo steht die Matthäus-Passion fast alljährlich auf dem Pro-\ngramme und auch die hohe Messe ist zu öfterer Auffüh-\nrung gelangt. Nach Schelble's Ausscheiden und einem\nmehrjährigen Interim, während dessen auch Ferd. Ries,\nMendelssohn, F. Hiller sich des Vereins annahmen, blühte\nder Verein unter Leitung von Franz Messer fort, wenn\nauch hier und da eine kleine Ermattung eintrat. Messer\nwar ein feuriger Mann mit vielen Vorzügen und Schwä-\nchen, der Verein war für ihn begeistert, unter den Künst-\nlern hatte er viele Gegner. Nach seinem Ableben ist Karl\nMüller (früher in Münster) Dirigent des Vereins gewor-\nden und hat sich durch sein bedeutendes Directions-Talent"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "386", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18651209-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5382, "texte": "allgemeinste Achtung erworben. Der Cäcilien-Verein mag\ngegenwärtig über 250 Chorstimmen gebieten und veran-\nstaltet in jedem Winter drei Concerte.\nEs geht nichts über eine tüchtige Concurrenz. Haupt-\nsächlich auf Veranlassung Schnyder's von Wartensee bil-\ndete sich zu Anfang der fünfziger Jahre noch ein anderer\nChorverein, der Rühl'sche Gesangverein. Er zeichnete sich\nvon Beginn an durch grossen Eifer und durch frische, vor-\ntreffliche Aufführungen aus. Er zog auch andere Aufga-\nben in seinen Bereich, als nur hauptsächlich die in dem\nCäcilien-Vereine gepflegten Werke von Bach, Händel und\nMendelssohn. Gleich in den ersten Jahren brachte er ge-\nlungene Aufführungen der grossen e von Beet-\nhoven zu Stande. Diese Concurrenz hatte ihre Folgen, in-\ndem nun beide Vereine sich in Anstrengungen überboten\nund sich so gegenseitig anfeuerten. Auch der Rühl'sche\nGesangverein besteht noch in voller Blüthe, gegenwärtig\nunter Leitung des Musik-Directors Friederich, hat un-\ngefähr 150 active Mitglieder und gibt gleichfalls drei\nConcerte.\nWenn ich gesagt habe, dass der Rühl'sche Verein\nsich auch andere Aufgaben gestellt habe, wie der Cäcilien-\nVerein, so bezieht sich das keineswegs auf die Einstudi-\nrung und Aufführung von Werken lebender Componisten.\nIn d ieser Beziehung waren beide Vereine bis jetzt gleich\nexclusiv, und es ist daher freudig zu begrüssen, dass zum\nersten Male, auf den diesjährigen Programmen einige\nneuere Werke figuriren. Der Cäcilien-Verein bringt Hil-\nler's „Zerstörung Jerusalems\", der Rühl'sche Verein hat\nin seinem ersten Concerte ein Requiem von Bernhard\nScholz gesungen, auf welches ich später zurückkommen\nwerde.\nUeberhaupt hat die strenge Verehrung des Classi-\nschen, die vorzugsweise von den früheren Leitern des Cä-\ncilien-Vereins gehegt wurde und welche allerdings auch\neinen vortheilhaften Einfluss auf die musicaliscbe Richtung\nunserer Musikfreunde geübt hat, doch auch eine gewisse\nEinseitigkeit bei vielen Dilettanten zur Folge gehabt, die\nmeistens ohne wirkliches Verständniss auf alle Neueren\nmit Verachtung herab zu sehen pflegen und sich allen\nnoch unbekannten Werken gegenüber immer kühl und\nabweisend verhalten. Nur ein neuerer Meister wurde von\nBeginn seines Wirkens an hier hochverehrt, wie überall:\ndas war Mendelssohn; in neuester Zeit ist diese Verehrung\nöfters in Herabsetzung umgewandelt. Das Maasshalten in\nder Vorführung seiner Compositionen und die Zeit wer-\nden die richtige Würdigung des feinsinnigen Tondichters\nwieder herstellen. Dagegen sind die Schumann'schen Ton-\nwerke noch heute nicht so in Frankfurt anerkannt, wie\nsie es sein sollten; der übertriebene Schumann-Cultus im\nnördlichen Deutschland thut der Würdigung dieses Mei-\nsters im Süden Eintrag, wo man überhaupt dem sinnlich-\nmelodischen Elemente in der Musik stets gern den Vorzug\nvor dem geistreich-reflectirten zu geben geneigt ist. Werke\nlebender Componisten haben fast immer einen sehr schwe-\nren Stand gehabt, und ein vollständiger Erfolg kann nach\nmeiner Erinnerung fast nur bei den zwei Suiten von Franz\nLachner nachgewiesen werden, welche in den Museums-\nConcerten zur Aufführung kamen.\nDiese Museums-Concerte bilden einen weiteren Factor\nunseres Musiklebens; sie sind vorzugsweise der Instrumen-\ntalmusik gewidmet. Aus einem literarisch-artistischen In-\nstitute entsprungen, das im Jahre 1808 begründet wor-\nden, waren es zuerst Abend-Unterhaltungen, in welchen\nVorträge und Declamationen mit Musik wechselten. Erst\nallmählich fanden sie den Uebergang zu eigentlichen Con-\ncerten. Lange Zeit waren diese noch in ihrer Ausdehnung\nbehindert durch eine beschränkte Räumlichkeit, bis im\nJahre 1861 der grosse Concertsaal, einer der schönsten\nDeutschlands, eröffnet wurde. Seitdem haben sich die\nConcerte in ungeahnter Weise entwickelt. Ihre Anzahl\nbeträgt zwölf in jedem Winter, der Abonnentenstock\n1200, wobei viele Anmeldungen zurückgewiesen werden\nmüssen. Zwei Galerieen gewähren den Eintritt zu niedri-\ngen Preisen und werden gewöhnlich von 3—400 Per-\nsonen besucht, so dass die Zuhörerschaft eines jeden Con-\ncertes sich in der Regel auf 15—1600 Personen beläuft.\nNeuerdings hat man sogar (ähnlich wie im Conservatoire\nin Paris) die Einrichtung getroffen, dass die Abonnenten\nihre Plätze für einzelne Concerte abtreten und an der\nCasse verkaufen lassen können. Die Grundlage der Pro-\ngramme bildet selbstverständlich die Sinfonie, gefolgt von\nSolovorträgen, Ouvertüren und dergleichen. In einigen\nConcerten finden auch Chor-Aufführungen Statt, wobei\nvornehmlich grössere Chor- und Orchesterstücke mit ver-\nbindendem Gedichte, Concert-Cantaten, kleinere Chöre\nberücksichtigt werden. Das Oratorium ist ganz ausge-\nschlossen, da dasselbe in den Concerten der beiden Ver-\neine seinen geeigneten Platz findet. Die Museums-Concerte\nsind nicht so glücklich, einen ständigen Chor zu besitzen,\nwie die Gürzenich-Concerte; vielmehr vereinigen sich Mit-\nglieder des Cäcilien-Vereins zu dieser Unterstützung des\nMuseums nur dann, wenn solches mit den Concert-Proben\ndes Cäcilien-Vereins nicht collidirt. Auch eine Orgel (die\nder Gürzenich, so viel mir bekannt ist, schon längere Zeit\nbesitzt) ist hier noch ein frommer Wunsch; doch besteht\nein Comite zur Sammlung des dazu erforderlichen Fonds.\nDie Leitung der Museums-Concerte ist dem Director des\nCäcilien-Vereins, Karl Müller, übertragen; derselbe, ein\näusserst gewandter Orchester-Dirigent und vortrefflicher"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "387", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18651209-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5382, "texte": "Musiker, erringt die schönsten Erfolge und bat sich na-\nmentlich zu den Mitgliedern des etwas republicanisch ge-\nsinnten Theater-Orchesters so gut zu stellen gewusst, dass\ndie beste Disciplin und freundlichste Unterordnung herrscht,\nwährend der Vorgänger diese Zuneigung nie zu gewinnen\nwusste. Das Museums-Orchester besteht nämlich aus dem\nTheater-Orchester und aus einer Anzahl anderer hiesiger\nKünstler; die Gesammtzahl der Mitwirkenden mag ungefähr\n66 6B betragen; das Streich-Quartett zählt etwa 15\nerste, 12 zweite Geigen, 8 Bratschen, 7 Celli, 6 Contra-\nbässe. Eine Vermehrung der Bässe, die in der grossen Lo-\ncalität sehr erspriesslich wäre, ist dem Vernehmen nach\nim Werke, aber aus Mangel an geeigneten Kräften bis\njetzt nicht gelungen.\nAuch die duftigste Blume im Garten der Tonkunst\nblüht bei uns, natürlich nicht für den grossen Haufen,\nsondern nur für den eigentlichen Musikfreund: ich meine\ndie Quartettmusik. Schon früher bestand ein Quartett des\nConcertmeisters Heinr. Wolff, das später wieder ein-\nging. Vor sechs Jahren vereinigte dann Ludwig Straus,\nder bekannte talentvolle Geiger (der indessen mehr für\nsinnige Kammermusik, wie für elegantes Concertspiel be-\ngabt ist), einige Kunstgenossen zu einem Quartette, wel-\nches den grössten Anklang fand und hier allgemein beliebt\nund bewundert war, ja, selbst dem grösseren Publicum\nzur Modesache wurde. Leider wurde dieses ausgezeichnete\nQuartett durch Straus' Abgang nach London zerrissen.\nSeitdem hat der Geiger Hugo Heermann Quartett-\nProductionen organisirt, in denen recht Erfreuliches ge-\nleistet wird. Aber die Einheit und Freiheit im Zusammen-\nspiel, welche nur durch langes gemeinsames Studium und\ndurch ein gewisses Ineinanderleben erzielt wird, fehlt noch\nund kann auch nicht kommen, da mehrfacher Personen-\nwechsel Statt fand. Gegenwärtig betheiligt sich auch un-\nser Landsmann Martin Walienstein, ein Ciavierspieler\nvon grosser musicalischer und technischer Begabung, an\ndiesen Quartett-Abenden, an welchen zwischen zwei\nStreich-Quartetten ein Clavier-Trio eingeschaltet wird.\nSolche vortrefflich ausgeführte Kammermusik, bei welcher\nalle äusserlichen Effecte wegfallen, trägt mehr als alles\nAndere zur Bildung des musicalischen Geschmackes bei,\nund man darf wohl sagen, dass diese Wirkung hier, und\nzwar besonders durch das Straus'sche Quartett, in reich-\nstem Maasse erzielt worden ist.\nDass bei so ausgedehntem Interesse an der Tonkunst\ndie zahlreichen Dilettanten sich zu Orchester-Vereinen zu-\nsammentbun, ist natürlich. Seit langen Jahren besteht be-\nreits der Philharmonische Verein, früher unter Leitung\nvon Aloys Schmitt, Messer, Henkel, jetzt unter der\nvon Friederich. In diesem Jahre hat sich noch ein Di-\nlettanten-Orchester-Verein unter Max Wolff gebildet.\nDiese Vereine veranstalten auch Concerte, an welche man\njedoch keinen höheren Maassstab anlegen darf. Das Rich-\ntigere wäre wohl, wenn diese Aufführungen nicht öffent-\nlich, sondern bloss für die Familien der Mitglieder be-\nstimmt wären.\nDer Männergesang, der in vielen anderen Städten,\nnamentlich am Niederrheine, eine künstlerische Bedeutung\nin Anspruch nehmen kann und zu dessen Hebung manche\njüngere Componisten durch tüchtige Werke beigetragen\nhaben, ist in Frankfurt sehr zurückgeblieben. Keiner der\nsechszehn hier existirenden Männer-Gesangvereine leistet\nNennenswerthes. Der bekannteste dieser Vereine ist der\n„Liederkranz\", welcher seit Jahren mehr der Geselligkeit\nals der Tonkunst huldigt und vielleicht schon längst ein-\ngegangen wäre, wenn er nicht zugleich der Gründer und\nVerwalter der Mozart-Stiftung wäre. Diese Mozart-Stif-\ntung, welche vorläufig ihren Wirkungskreis darin findet,\nheranwachsende Componisten-Talente zu unterstützen,,\nund welche bekanntlich mit ihren Stipendiaten bis jetzt\nbesonderes Glück und vielen Erfolg gehabt hat, soll in\nein Conservatorium umgewandelt werden, sobald die Mittel\n. zu einer bestimmten grösseren Summe herangewachsen sind.\nUebrigens besteht seit mehreren Jahren dahier bereits\neine Musikschule, die aber nur ein bescheidenes Dasein\nfristet. Die Gründer und Eigenthümer dieser Musikschule,\neinige renommirte hiesige Musiklehrer, haben weder die\nZeit, noch die Mittel, noch den Einlluss, um aus ihrer\nkleinen Schöpfung ein grösseres, die Kunst wirklich för-\nderndes Institut zu gestalten. Gewiss wird aber immerhin\nrecht Erfreuliches in dieser Anstalt geleistet.\nIm Vorstehenden habe ich Ihnen ungefähr eineUeber-\nsicbt der Mittel gegeben, welche der Tonkunst hier zu\nGebote stehen. Aus der Mannigfaltigkeit derselben geht\nhervor, wie vielseitig und wie allgemein das Interesse ist,\nwelches sich hier für die tonkünstlerischen Bestrebungen\nkundgibt. Die Brennpunkte bleiben die Museums-Concerte\nund die zwei grossen Chorvereine. Die letzteren gehören\nzu den ausgezeichnetsten, die in Deutschland zu finden\nsind; die orchestralen Kräfte sind gleichfalls vortrefflich,\nwenn auch im Verhältnisse zu den vorhandenen Räumlich-\nkeiten nicht stark genug. Und doch könnte noch mehr\nerreicht werden, wenn der Grundsatz: „Einigkeit macht\nstark!\" strenger beobachtet, und wenn die Liebe zur\nSache dem Vortheil der Person immer vorangestellt\nwürde. Es ist eine sonderbare Erfahrung, die nicht allein\nin Frankfurt gilt, dass nirgends mehr Misshelligkeit und\nMissgunst herrscht, als unter den Jüngern der Tonkunst.\nDoch hat sich auch hierin in unserer Stadt Vieles gegen\nfrüher gebessert.\n\nn"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "388", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18651209-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 123, "texte": "Ein weiterer Brief möge Ihnen über die Leistungen\nberichten, deren wir uns im Anfange dieses Winters zu\nerfreuen hatten. —3"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1865-12-09-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1865-12-09_01#c003", "volume": "bmtnabi_1865-12-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "388", "page_fin": "389", "image_debut": 4, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18651209-01.2.3", "titre_corps": "Aus Göttingen.", "titre_sommaire": "Aus Göttingen.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "388", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18651209-01.1.4", "debut_caractere": 125, "fin_caractere_exclue": 5040, "texte": "Aus Göttingen.\nEnde November 1865.\nDer Beginn der gegenwärtigen Saison gemahnt mich,\neine alte Schuld zu tilgen und, damit Göttingen für diesen\nZeitraum nicht unvertreten bleibe in Ihrer Zeitung, einen\nkurzen Bericht vom letztvergangenen Winter-Semester\nnachzuliefern.\nDie fünf akademischen Concerte des Musik-Directors\nHille brachten mit geringen Ausnahmen von grösseren\nWerken nur solche, welche man hier selten oder noch gar\nnicht gehört halte. Sie dürfen Sich nicht wundern, Sachen\ndarunter zu finden, die an anderen Orten zu den gewöhn-\nlichen Bepertoirestücken gehören. Hier liegen die Ver-\nhältnisse aber anders; hier gilt es, nachzuholen, was bei\njahrelangem Mangel an einem stehenden Orchester ver-\nsäumt werden musste. Vor allen Dingen war man mit\nBeethoven in Rückstand gekommen, und von ihm hör-\nten wir denn auch die Eroica und die achte Sinfonie, die\nOuvertüren zu Leonore (Nr. 3 in C) und zu Prometheus,\ndie Phantasie für Chor, Piano und Orchester, AUegretto\n(Gratulations-Menuett) und Ouvertüre, Marsch und Chor\naus den „Buinen von Athen\". Von anderen Meistern:\nOuvertüre, Scherzo und Finale von Rob. Schumann,\ndie und Hebriden-Ouverture von Men-\ndelssohn, Suite (Nr. 2, E-moll) von Franz Lachner,\nund von kleineren Gesangwerken: Hymne an die heilige\nCäcilia von Spohr, vier irische Lieder für gemischten\nChor, Bomanzen für Frauenstimmen von Schumann,\nund Ständchen für eine Solostimme nebst Frauenchor von\nFranz Schubert. Die Chorsachen wurden je nach Er-\nforderniss von der ganzen Sing-Akademie oder einem Theile\nderselben, und zwar durchweg lobenswerth gesungen. Be-\nsonderen Eindruck auf das Publicum machte der weihe-\nvolle Marsch und Chor aus den Ruinen von Athen; auch\ndie irischen Lieder mit ihren sinnigen Melodieen und ihrem\necht nationalen Gepräge sprachen sehr an; nicht weniger\nsetzte sich die Beethoven'sche Phantasie sofort in der\nGunst des Publicums fest. Den Ciavierpart in derselben\nführte Herr Dr. Oesterley hierselbst im Ganzen befrie-\ndigend aus. Das Sopran-Solo in der Spohr'schen Hymne\nsang Frau Ulrich mit allgemeinem Beifalle.\nWas den Vortrag der Orchesterwerke betrifft, so wird\nder aufmerksame Beobachter nicht unerhebliche Fort-\nschritte gegen früher wahrgenommen haben. Diese beste-\nhen hauptsächlich in feinerer Nuancirung und einem fe-\nsteren Ensemble. Von Kleinigkeiten abgesehen, verdient\ndie Ausführung der Werke durchgängig Lob, das wir\num so lieber ertheilen, als wir wissen, dass Alle, der Di-\nrigent sowohl wie sämmtliche Orchester-Mitglieder, keine\nMühe und Zeit, keine Proben scheuten, um die Werke\nmit möglichster Sicherheit und Berücksichtigung der be-\nsonderen Eigentümlichkeit jedes Werkes und Satzes vor-\nzuführen. Ausnahmsweise liess die Mendelssohn'sche He-\nbriden-Ouverture in Bezug auf klare Ausführung zu wün-\nschen übrig. Dem dritten Satze des Schumann'schen Wer-\nkes und der Ouvertüre zu Prometheus gegenüber verhielt\nsich das Publicum gänzlich theilnamlos, während die übri-\ngen Sachen mit Beifall und Wärme aufgenommen wurden.\nDas neueste Werk, die Suite von Lachner, erwarb sich\nauch hier viele Freunde. Wie schade übrigens, dass der\nComponist in diesem interessanten, zum Theil geistreichen\nWerke verschiedene Trivialitäten nicht zu vermeiden ge-\nwusst hat!\nIm dritten Concerte fand die Aufführung des „Pau-\nlus\" von Mendelssohn Statt, die, einige kleine, vielleicht\nkaum bemerkte Verstösse im Chor abgerechnet, das Werk\nin allen seinen Theilen zu voller Geltung brachte. Chor\nund Orchester waren sicher und nuancirten richtig und\ngut. Besonders lobend hervorzuheben ist die Zurückhal-\ntung des Blechs, das bei den grossen Mendelssohn'schen\nGesangwerken überhaupt gar leicht den Chor erdrückt,\nwenn der Dirigent es nicht im Zaume hält. Den Solo-So-\npran sang unsere tüchtige Oratoriensängerin Frau Ulrich,\nden kleinen Alt-Part eine Schülerin derselben, eine hie-\nsige junge Dame. Der Hof-Opernsänger Pirk aus Han-\nnover war ein würdiger Vertreter der Tenor-Partie und\nwirkte neben seiner klangvollen Stimme an sich noch be-\nsonders durch seinen natürlichen und einfach noblen Vor-\ntrag. Hof-Opernsänger Haas aus Hannover, der Solo-\nBass, ist ein zu geschickter Sänger, als dass ihn eine kleine\nIndisposition, mit der er anfänglich zu kämpfen hatte, in\ndem Bestreben lässig machen könnte, seine Partie mit\nEhren und zu allgemeiner Befriedigung durchzuführen.\nUnd diesen Erfolg erzielte derselbe denn auch.\nAls Gäste hatten wir sonst noch: Hof-Opernsänger\nBietzacher aus Hannover, der sich durch seine künst-\nlerischen Vorträge, bestehend in einer Arie aus dem\n„Messias\" und zwei Balladen: „Belsazar\" von Schumann\nund „Harald\" von Löwe, die Zuhörer zu Dank verpflich-\ntete. Hof-Capellmeister Bott aus Meiningen (jetzt in Han-\nnover) spielte unter rauschendem Beifalle das siebente\nViolin-Concert von Spohr und „Andante und Capriccio\",\nein brillantes Salonstück eigener Composition. Der talent-\nvolle Ciavier- und Orgelspieler Emil Weiss trug die"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "389", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18651209-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2993, "texte": "chromatische Phantasie und Fuge von Bach und den Car-\nneval von Schumann vor. Dem Publicum ward, um es\nüber das letztere Werk einiger Maassen zu orientiren, eine\nkurze, gedruckte Erklärung desselben eingehändigt, eine\ndankenswerthe Zugabe, wie wir sie ähnlich für manches\nandere Werk wünschen möchten. Herr Weiss spielte beide\nWerke ihrem Charakter entsprechend und mit anerken-\nnendem Beifalle. Den Schluss des Carnevals hätten wir\nkräftiger und markirter gewünscht. Den Preis müssen wir\ndem Vortrage der Bacb'schen Fuge zuerkennen, wie der\njunge Künstler denn überhaupt vorzugsweise ein vortreff-\nlicher Bach-Spieler ist. Dass Frau Ulrich uns durch den\nVortrag Schumann'scher Lieder erfreute, mag ebenfalls\nnoch erwähnt werden.\nNoch einiger anderer Concerte wollen wir kurz ge-\ndenken. Zunächst einer von einer Ciavierspielerin, Fräulein\nv. Aston aus Wien, gegebenen Soiree, in der Herr und\nFrau Joachim mitwirkten. Dass das Joachim'sche Ehe-\npaar das Interesse vorzugsweise in Anspruch nahm, lässt\nsich denken: indessen gelang es trotzdem Fräulein v. Aston,\nsich durch ihr Spiel Anerkennung zu erwerben. Frau\nJoachim sang Schubert'sche Lieder und entzückte das Pu-\nblicum durch ihre herrliche Stimme und ihren edlen und\ninnigen Vortrag; nicht weniger Herr Joachim durch sein\nmeisterhaftes Spiel. Eine andere Soiree gab Capellmeister\nScholz aus Hannover, ebenfalls mit Unterstützung von\nFrau Joachim, deren Liedervorträge von demselben Er-\nfolge begleitet waren. Herr Scholz spielte die letzten drei\nSonaten von Beethoven. Wenn wir auch nicht in Allem\nmit der Auffassung und Vortragsweise des Spielers ein-\nverstanden sind, so stehen wir doch nicht an, seine Lei-\nstungen als künstlerisch durchdachte anzuerkennen.\nDass wir ferner auch unser Patti-Concert hatten\nmit Jaell, Vieuxterops und Steffens, wollen wir\nnicht vergessen, zu registriren. Am meisten interessirte\nuns der Vortrag der Kreutzer-Sonate von Beethoven und\ndas vollendete Zusammenspiel der Vortragenden. Und zum\nSchlüsse erwähnen wir noch einer von Fräulein A. Ben-\nfey, der Tochter des berühmten Orientalisten Professors\nBenfey, hierselbst gegebenen Soiree. Fräulein Benfey ist\nClavierspielerin und Schülerin des Capellmeisters Reiss in\nKassel, der sie auch persönlich hier einführte und unter-\nstützte. Fräulein Benfey spielt recht nett, klar und mit\nVerständniss und wird gewiss eine ganz respectable Spie-\nlerin werden, wenn sie fleissig fortstudirt. Sie ist noch\njung und hat also noch viel Zeit vor sich. Die Opernsän-\ngerin Fräulein Grün, die Herren Hofmusiker Herzo-\ngenrath (Violine) und Knoop (Violoncell), sämmtlich\naus Kassel, unterstützten ausserdem die Concertgeberin\nmit bestem Erfolge.\nNoch kurz erwähnen möchten wir, dass am 9. No-\nvember das erste akademische Concert in dieser Saison,\nund zwar unter Mitwirkung des Pianisten Herrn Wal-\nlenstein aus Frankfurt am Main, Statt fand, und dass\nllans von Biilow am 24. d. Mts. eine gut besuchte\nSoiree für ältere und neuere Ciaviermusik gab. Später\nmehr hierüber."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1865-12-09-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1865-12-09_01#c004", "volume": "bmtnabi_1865-12-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "389", "page_fin": "390", "image_debut": 5, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18651209-01.2.4", "titre_corps": "Viertes Gesellschafts-Concert in Köln im Gürzenich, unter Leitung des städtischen Capellmeisters, Herrn Ferdinand Hiller.", "titre_sommaire": "Viertes Gesellschafts-Concert in Köln im Gürzenich, unter Leitung des städtischen Capellmeisters, Herrn Ferdinand Hiller.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "389", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18651209-01.1.5", "debut_caractere": 2995, "fin_caractere_exclue": 5694, "texte": "Viertes Gesellschafts-Concert in Köln im Gürzenich,\nunter Leitung des städtischen Capellmeisters, Herrn\nFerdinand Hiller.\nDinstag, den 28. November 1865.\n(Schluss. S. Nr. 48.)\nDiese Frage ist schwer zu beantworten; die Componisten selbst\ndürften wohl kaum übereinstimmende Gründe für die Wahl der alter-\nthümlichen Benennung Suite anzugeben haben. Die Vorliebe für Ar-\nchaismen, die Mode, etwas aus den früheren Epochen der Entwick-\nlung der Tonkunst zn bringen, das, weil vergessen, für Neues gelten\noder wenigstens die Neugier reizen könne, mögen ihr Theil daran\nhaben, da ja aus denselben Gründen sogar die Programme von Vir-\ntuosen-Concerten mit Scarlatti, Rameau, Bach, Händel und für Ge-\nsang mit noch älteren Productionen gespickt werden. Eine zweite\nVeranlassung dürfte darin liegen, dass eine gewisse Richtung unse-\nrer Zeit sich gern über die herrschenden Formen sowohl in der\nOper als in der Sinfonie erheben oder richtiger hinwegheben möchte,\nweil entweder deren meisterliche Abrundung und Vollendung\ndrückt, oder weil sie wenigstens zu bequem, vielleicht auch unfähig\nsind, sie durch geistvolle Erfindung und gediegene Arbeit mit Neuem\nzu füllen. Daher denn die „symphonischen Dichtungen\" und im\nGegensatze zu denselben die „Suiten\", und zwar in lobenswerthem\nGegensatze; denn wenn jene auf ihr Panier die Ungebundenheit\nschreiben, so halten diese doch an der thematischen und selbst con-\ntrapunktischen Form fest, und wenn auch die Sinfonie grösseren\nZuschnitt, höheren Schwung der Ideen und mehr dramatische Farbe\nverlangt, als die Suite, so zeigen doch die Schöpfungen der neueren\n„Suitiers\", wie Franz Lachner, Joachim Raff, Heinrich Esser und\nGrimm, dass sie das Handwerk ihrer Kunst aufs gründlichste verste-\nhen, und Lachner hat es sogar erreicht, auch in die strenge Ar-\nbeit seiner Suiten Schwung und gehaltvolles Tonleben zu bringen.\nDie neueren Suiten haben übrigens diese Art der Arbeit allein\nmit den älteren gemein, in allem Uebrigen bilden sie eine neue\nGattung. Denn erstens vernachlässigen sie den Haupt-Charakter der\nälteren, die gleiche Tonart aller Stücke, und zweitens sind ihre Be-\nstandteile nach der Einleitung oder dem Präludium nicht Tänze,\nsondern symphonische Sätze. In so fern ist also der Name nicht\npassend. Von langsamerem Tempo waren in der Suite nur das Me-\nnuett und die Sarabande: an ein Adagio war in der Reihe der länze\nnicht zu denken, wenngleich die Sarabande gewöhnlich mehr in die\nMitte gestellt und der Schluss meist mit der schnell dahin eilenden\nGigue gemacht wurde. Von einem Andante pensieroso, einem ntiei-\nsinnigen\", „schwermüthigen\" Andante, wie H. Esser seinen zweiten\nSatz betitelt, kann in einer eigentlichen Suite gar nicht die Redd"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "390", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18651209-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 6233, "texte": "sein. Nun, zur Sühne ist die Tiefe auch eben nicht bedeutend in\ndiesem Satze. Eher lässt sich Nr. 3, das „Scherzo\", rechtfertigen,\neine Benennung, welche wir auch schon bei J. S. Bach, wenn auch\nnicht in der „Suite\", doch in der „Partita\", einem ähnlichen An-\neinander yon Stücken, finden.\nNach allem diesem wird das Haupt-Prädicat, welches der neue-\nren Suite zukommt, nur mit dem fremden Worte „interessant\",\nwie ja auch das Titelwort ein fremdes ist, auszudrücken sein. Und\ndas ist denn auch die Suite in fünf Sätzen von H. Esser: sie ist\ndurch feine Arbeit und trefflich geführte Polyphonie für den Musiker\nhöchst interessant, für den Dilettanten, dem die polyphone Schreib-\nart nicht fremd ist, ebenfalls interessant, für die Mehrzahl der Mu-\nsikfreunde aber fehlt es an und Glanz, an Temperatur- und\nFarbenwechsel, Der erste Satz liess daher das Publicum kalt, das\nScherzo und Finale wurden mit Applaus aufgenommen.\nDie Haupt-Aufführung des Abends bildete die „Semele\" von\nG. F. Händel, welche hier zum ersten Male zu Gehör kam, und\nzwar mit einem solchen Erfolge, dass wir jeder Concert-Gesellschaft,\nwelche die Mittel dazu besitzt, die Aufführung dieses schönen Wer-\nkes empfehlen können*). Die Mittel bestehen nur in einem stark\nbesetzten Orchester der Streich-Instrumente, einem guten Chor und\nzweien vorzüglichen Sängerinnen, Sopran und Alt, oder Mezzo-So-\npran mit tiefem Register, während die Männer-Partieen, Bass und\nTenor (wenn die Bravour-Arie des letzteren wegbleibt), keine gros-\nsen Ansprüche an Virtuosität machen.\nDas Textbuch war ursprünglich für die Oper bestimmt und zu\ndiesem Zwecke schon im Jahre 1707 verfasst, fand aber keinen\nComponisten, da die Katastrophe sich nicht auf dem Theater vor-\nstellen liess. Erst über dreissig Jahre später nahm Händel es wieder\n* auf, änderte Einiges daran und führte seine Composition desselben\nzum ersten Male in London am 10. Februar 1744 im Coventgarden-\nTheater auf» Der Titel lautete: nThe Story of Semele1* > »Die Ge-\nschichte von Semele\", weil man das Werk wegen seines antik-my-\nthischen Stoffes nicht Oratorium nennen wollte und doch die ora-\ntorienartige musicalische Behandlung dem Titel „Oper\" widersprach»\nEs gehört also zu den so genannten weltlichen Oratorien, wie „Acis\nund Galatea\" und „Herakles\", und ist auf dem hiesigen Programme\nmit Recht eine „dramatische Cantate\" genannt.\nDer Inhalt ist kurz der, dass Semele, die vom Zeus erkorene\nGeliebte, von ihrem Vater Kadmos mit Athamas vermählt werden\nsoll, dessen sie sich aus Liebe zu Zeus weigert. Zeus lässt sie durch\nseinen Adler entführen und umgibt sie mit Götterglanz. Doch Ban-\ngigkeit vor dem Verluste dieses Glückes einer Sterblichen trübt\nihre Freude. Zu ihrem Tröste zaubert der Gott ihre Schwester Ino\nherbei. Aber Zeus' Gattin Here nahet ihr unter Ino's Gestalt mit\narglistigem Trug und verführt sie, gegen Zeus den Wunsch auszu-\nsprechen, ihr in seiner wahren Gestalt als Donnergott zu erschei-\nnen, das werde ihr Fortdauer ihres Glückes und Unsterblichkeit\nbringen. Die Arme lässt sich bethören, Zeus schwört beim Styx, ihr\njeden Wunsch zu gewähren, und sie wird dadurch ein Opfer des\nboshaften Planes der Here.\nDie bei der hiesigen Aufführung gemachten Kürzungen erschei-\nnen als sehr zweckmässig, da sie den Wechsel der Situationen und\ndas dramatische Leben fördern. Sie bestehen in dem Uebergehen\nder frostigen Episode der Liebe der Ino zu Athamas, dem Weglas-\nsen einer von den grossen Coloratur-Arien der Semele, welche Hän-\ndel sicherlich nur für eine bestimmte Gesangs-Virtuosin geschrieben\nhat, und der oben schon erwähnten Arie des Zeus (Tenor, Act 11,\nD-dur). Der Gott, der Semele's Sehnsucht nach Unsterblichkeit\ndurchschaut, aber nicht erhören darf, wie er im Recitativ (welches\nbeibehalten wird) sagt, hält ein Selbstgespräch : „Ich muss schnell\nsie zerstreuen (amuse), eh' sie sich zu deutlich erklärt\", welches\nden Inhalt der Arie bildet, die ein schlagender Beweis dafür ist,\nwenn es für den Unbefangenen dessen bedürfte, dass Händel seine\nColoraturen oft bloss für den Virtuosen ohne alle Berücksichtigung\nder Situation und des Textes geschrieben hat, denn er gibt hier dem\nSänger drei Mal auf das Wort „erklärt\" („explain\") instrumentale\nColoraturen! Jeder vernünftige Dirigent wird diese Arie, die an\ndieser Stelle geradezu etwas Komisches hat, weglassen *).\nEinen schöneren Vortrag, als die berühmte Oratoriensängerin\nFrau Rudersdorf aus London dem Arioso in E-dur: „0 holder\nSchlaf!\" gab, kann man sich gar nicht denken, denn einen solchen\nAusdruck inniger und schwärmerischer Sehnsucht der Liebe kann\nnur die Verbindung einer gefühlvollen Seele mit der vollendeten\nKunst des Gesanges, welche hier in der Herrschaft über die höch-\nsten Aufgaben der Tonbildung und der Tonbehandlung besteht, er-\nreichen. Das Ganze war ein Triumph der Reinheit, des Wohllautes\nund des schwellenden und verschwindenden Klingens des schönen\nTones mit einer Meisterschaft, die gegenwärtig immer seltener wird\nund ganz auszusterben droht. Wie sehr die Sängerin aber auch\nMeisterin des höchst correcten und trefflich schattirten Vortrages der\nvirtuosen Coloratur ist, zeigte sie auch dieses Mal wiederum in der\nArie mit dem Spiegel, welche, auch an und für sich reizend, als\nnothwendig für die dramatische Handlung beibehalten war.\nIn Frau Collin-Tobisch, einer früheren Schülerin der Frau\nMarchesi in Wien, gegenwärtig in Amsterdam, lernten wir eine Sän-\ngerin kennen, welche in den Alt- und Mezzosopran-Partieen der\nHere und der Ino eine Stimme von bedeutendem Umfange und sym-\npathischem Wohllaut entwickelte und durch den Vortrag der ihr zu-\ngetheilten Stücke, welcher in den Arien, von denen besonders die\nArie der Ino (A-dur im zweiten Acte) vorzüglich gut gesungen\nwurde, und in den Recitativen sich durch richtiges Verständniss\nund einfach edle, künstlerische Wiedergabe auszeichnete, verdienten\nBeifall erwarb.\nChor und Orchester waren recht gut, die ganze Aufführung der\nArt, dass die Zuhörerschaft in vollster Befriedigung den Saal verliess*\n*) Die erste in Deutschland, wie wir in der Köln. Ztg. ge-\nsagt haben, war diese Aufführung nicht, da die „Semele\" im Jahre\n1861 zuerst von dem Oratorien-Vereine in München unter\nvon PerfalTs Leitung aufgeführt wurde. Jahrg. 1861, S. 191."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1865-12-09-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1865-12-09_01#c005", "volume": "bmtnabi_1865-12-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "390", "page_fin": "392", "image_debut": 6, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18651209-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "390", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18651209-01.1.6", "debut_caractere": 6235, "fin_caractere_exclue": 6618, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKolli, 4. December. Aus dem in der gestrigen General-Ver-\nsammlung des Conservatoriums der Musik vorgetragenen Berichte\nist der gedeihliche Fortgang zu entnehmen, dessen sich die für die\nmusicalischen Interessen unserer Stadt so wichtige Kunstanstalt zu\n\n*) Vergl. den Artikel über Händel's „Semele\" in Nr. 32 und\n33 des Jahrgangs 1861 dieses Blattes."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "391", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18651209-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 7691, "texte": "erfreuen hat. Ihre Schülerzahl hat die durch den Raum gegebene\nGränze fast erreicht, und unter den vielen auswärtigen Schülern\n(im Winter-Semester 3864—65: 38, im Sommer-Semester 1865: 42)\nbefinden sich Americaner, Russen, Polen, Engländer und Holländer.\nDie Zahl der wöchentlichen Unterrichtsstunden betrug im Winter\n123, im Sommer 134. Von den 13 Lehrern, welche an der Schule\nthätig sind, traten aus: am 1. April 1. J. Herr F. Breunung, der\nan der Anstalt seit April 1854 unterrichtete und zu Aachen städti-\nscher Capellmeister geworden ist; am 1. October Herr Ferdinand\nBöhme, der seit Herbst 1858, und Herr Woldemar Bargiel, der seit\nHerbst 1859 Lehrer der Anstalt war, jener aus Gesundheits-Rück-\nsichten, dieser in Folge seiner Wahl zum Director des Conservato-\nriums und der Concerte zu Rotterdam. Herr Breunung wurde durch\nHerrn Friedrich Gernsheim, bisherigen Musik-Director in Saar-\nbrücken, Herr Bargiel durch Herrn Ernst Rudorff, der zuletzt neben\nStockhausen die philharmonischen Concerte in Hamburg leitete, und\nHerr Böhme durch Frau Mathilde Marchesi ersetzt, welche während\nsieben Jahre die Gesangclassen am Conservatorium zu Wien geleitet\nhat und Sängerinnen ersten Ranges, wie Antoinette Fricci, Ilma\nMurska, Gabriele Kraus und Therese Tietjens, unter ihren Schüle-\nrinnen zählt. Den trefflichen Lehrkräften entsprechend, haben die\nResultate der Schule fortgefahren, durchaus erfreuliche zu sein.\nNeben dem Contingent von acht tüchtigen Geigen, das sie dem Or-\nchester unserer Gürzenich-Concerte stellt, neben achtungswerthen\nSängerinnen, die sie für öffentliche Productionen. und gediegenen\nMusiklehrern, die sie für den Privat-Unterricht fortwährend heran-\nbildet, hat sie in diesem Jahre zum zweiten Male einen ihrer Schü-\nler das Stipendium der frankfurter Mozart-Stiftung davontragen und\ndrei ihrer Schüler Musik-Directoren in rheinischen, resp. westfäli-\nschen Städten werden sehen. Das Conservatorium, das im ver-\nflossenen Jahre aus Gaben einzelner Gönner dem Gürzenichsaale die\nHauptzierde einer Orgel zu geben in die Lage gesetzt wurde, hat\nauch in diesem Jahre von Seiten der Herren Geheimen Commercien-\nrath Abr. Oppenheim, Commercienrath V. Wendelstadt, Louis Mer-\ntens, des kölner Sängerbundes und des sich aus-\nserordentlicher, zum Theil reicher Geldgeschenke zu erfreuen gehabt.\nDie Unterstützung der Stadt, die Beiträge der Zeichner haben sich\nauf gleicher Höhe gehalten, und so darf der Hoffnung des Vorstan-\ndes in der gestrigen General-Versammlung beigetreten werden, dass\nin Zukunft dem trefflichen Institute nicht nur die regelmässigen Bei-\nsteuern verbleiben werden, deren es zu seiner Existenz bedarf, son-\ndern dass es durch grössere Geldspenden allmählich in die Lage\nkommen möge, aus eigenen Mitteln seine künstlerischen Zwecke\nund die Ausbildung des musicalischen Lebens unserer Vaterstadt zu\nerreichen. (K. Z.)\nHerr Concertmeister Leopold Auer aus Düsseldorf gab am\n5. d. Mts. eine Soiree im Hotel Disch, in welcher er durch den\nVortrag der Violinstimme in dem Duo appassionato für Pianoforte\nund Violine von F. Hill er, der die Ciavierstimme selbst ausführte,\nferner eines Adagio von Spohr, des Perpetuum mobile von Paga-\nnini, einer fugirten Sonate von Bach und Variationen von Ernst\neine Meisterschaft bewährte, welche sieb durch einen vollen Ton\nund eminente Virtuosität charakterisirt. In Bezug auf die jetzt über-\nhand nehmende Mode, Bach'sche Fugen und Musik ähnlicher Gat-\ntung in Concerten zu spielen, können wir die Bemerkung nicht\nzurückhalten, dass die Beweise von Virtuosität in Ueberwindung der\nSchwierigkeiten dieser Musik eigentlich doch nicht vor das grosse\nPublicum gehören. Die Violine ist kein Instrument für mehrstim-\nmige Compositionen; wir gestehen, dass die Hervorbringung einer\nReihe von Accorden, welche der Natur der Sache nach doch nie-\nmals in einem völligen Zusammen, sondern immer nur in einem\nwenn auch rapiden Nacheinander erklingen, auf uns niemals einen\nmusicalisch-schönen Eindruck gemacht hat, und dasselbe ist der Fall\nmit den dreistimmig oder gar vierstimmig fugirten Sätzen. Kritik\nund sehr achtungswerthe Künstler eifern gegen die Scbausteliung\nder technischen Wertigkeit in Bravourstücken: kann denn aber der\nUmstand, dass bei den contrapunktischen Virtuosenstücken der Mu-\nsiker und Kenner die Arbeit mit Interesse verfolgt, eine Rechtferti-\ngung der Production im Concerte abgeben? Die Antwort darauf\nmöge dieses Mal, umgekehrt wie sonst, eine Frage geben, nämlich\ndie: „Wird die gedachte Composition um ihrer selbst willen, oder\nzum Beweise der technischen Fertigkeit gespielt?*4 Und nun\nkommt bei der Violine hinzu, dass eine ihrer schönsten Eigenschaf-\nten, die Wirkung der Doppelgriffe von zwei Tönen, dadurch\nüberboten und verdrängt wird. Man denke nur an den herrlichen\nEindruck dieser Doppelgriffe z. B. in Spohr's Gesangscene und\nüberall da, wo sie nach der einlachen Melodie, die das eigentliche\nWesen der Violine ist, eintreten! Auch Spohr waren jene Bach'-\nschen Sonaten und Fugen keineswegs unbekannt; er liess sie seine\nSchüler spielen, und wir haben sie von einem der tüchtigsten unter\ndiesen, Karl Probst, in den 1820 er Jahren Concertmeister in der\nHofcapelle zu Dessau, oft gehört: aber sie öffentlich als Bravour-\nstücke zu produciren oder produciren zu lassen, fiel ihm nicht ein.\nDie Herren Hill er und R udorf f trugen drei vierhändige Cla-\nvierstücke von Rudorff vor, und Herr Wolf sang die Tenor-Arie:\n„Dies Bildniss\" u. s. w. von Mozart. Letzteren müssen wir erin-\nnern, dass wenn ein Sänger am Schlüsse das jedenfalls ungehörige\nhohe b mit der Brust nimmt, ihm allenfalls diese Eitelkeit, um seine\nStimme zu zeigen, verziehen werden könne: dasselbe b aber mit\ndem Falset genommen, wird geradezu lächerlich.\nAm Donnerstag den 7. d. Mts. gaben Herr und Frau Mar-\nchesi im Hotel Discb ihr zweites historisches Concert, worin sie\ndie Entwicklung der Arie und des Duetts von Porpora (1735) bis\nRossini durch ihre Vorträge anschaulich machten. Die Herren Seiss,\nGernsheim und Rudorff unterstützten das Künstlerpaar durch\nVorträge auf dem Pianoforte. Leider waren wir durch Unwohlsein\nverhindert, dem interessanten Concerte beizuwohnen, dessen Pro-\ngramm durchweg mit grossem Beifalle ausgeführt worden sein soll.\n(Jobidiz, 4. December. Ihre Majestät die Königin Augusta\nzeichnete durch ein huldvolles Ehrengeschenk, eine Garnitur von\nKnöpfen mit Brillanten, den Director des Musik-Instituts, Herrn\nMax Bruch, aus, welches Sie ihm vor Ihrer Abreise nach Berlin\n„in Anerkennung seiner schönen Leistungen\" zu übersenden ge-\nruhte. In dem Abonnements-Concerte in voriger Woche wurden die\n„Scenen aus der Frithj ofs -S age\" von M. Bruch mit ganz aus-\nserordentlichem Erfolge gegeben; eine Vereinigung aus den hiesigen\nMänner-Gesangvereinen bildete den Chor, die Soli sangen Fräulein\nElise Rempel aus Köln und Herr Bertram vom Hoftheater zu\nWiesbaden, und erwarb namentlich der ausdrucksvolle Vortrag der\nGesänge der „Ingeborg\" der Sängerin lebhaften Beifall. Der Enthu-\nsiasmus des Publicums war gross und offenbarte sich nach jeder\nNummer durch stürmischen Applaus.\nHerrn Musik-Director Jähns in Berlin hat der von ihm gelei-\ntete Gesangverein bei der Feier seines zwanzigsten Stiftungstages\neinen Tactstock, ein wahres Kunstwerk aus der Werkstatt der Gold-\narbeiter Sy und Wagner überreicht. Herr Jähns ist als ein enthu-\nsiastischer Verehrer C. M. von Weber's bekannt: er sammelt alle\nReliquien des Meisters, hat das Landhaus desselben zu Hösterwitz\nbei Dresden mit einer Lyra geschmückt u. s. w. Ihm verdanken\nwir auch die chronologisch geordneten Verzeichnisse der musi-\ncalischen und literarischen Arbeiten von C. M. von Weber in der\nBiographie desselben von Max Maria von Weber."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "392", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18651209-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 6041, "texte": "Musicalisches aus Schulpforta. Die Lnde »Juli d. J. in\nSchulpforta Statt gefundene Versammlung des Gustav-Adolf-Vereins\ngab Veranlassung, dass nach dem in der Buchenhalle bei Kösen ab-\ngehaltenen Fest-Gottesdienste in der Anstaltskirche zu Pforta eine\nAufführung geistlicher Tonwerke zum Besten der Vereinszwecke\nveranstaltet wurde. Von dem Sängerchor wurden unter Leitung des\nMusik-Directors Seiffert die von dem letzteren auf das Programm\ngestellten geistlichen Tonstücke, als: „Jerusalem, du hochbegabte\nStadt\" (rhythmischer Choral), Psalm von J. Schnabel, Hirte\nIsraels\" von Bortniansky und „Verlass' mich nicht\" von Greef aus-\ngeführt. Ausserdem erfreute sich das Concert der gefälligen Mitwir-\nkung des zur Zeit im Bade Kösen sich aufhaltenden Professors\nSieber aus Berlin, indem derselbe die Arie: „Gott sei mir gnädig!\"\naus Paulus und eine Umschreibung des Vater unser von Dante (von\nHerrn Sieber componirt) mit sonorer Stimme und ausdrucksvoll vor-\ntrug, so wie auch eine Schülerin desselben eine Arie aus dem\n„Elias\" von Mendelssohn und ein geistliches Lied von Frank mit\nwohlklingender, gut gebildeter Stimme zu Gehör brachte. Sämmt-\nliche Vorträge, zu deren Einleitung Musik-Director Seiffert Prä-\nludium und Fuge von J. S. Bach (D-moll) in correcter Weise\nspielte, erweckten allgemeine Befriedigung. Noch ist eines Con-\ncertes Erwähnung zu thun, welches vor dem Schlüsse der Anstalts-\nFerien in Verbindung mit dem in Schulpforta bestehenden Gesang-\nvereine Statt fand. In dem ersten Theile desselben brachte Musik-\nDirector Seiffert die Chöre aus dem Bergmannsgruss (eine Art\nMelodrama) von Anacker zur Aufführung, und wurden die Solo-\npartieentheils aus dem Anstaltschor, theils aus dem Gesangvereine\nvertreten. Den zweiten Theil bildete die Ouvertüre zu Egmont, der\nFestgesang an die Künstler von Mendelssohn, ein Lied von Schu-\nbert und die Ariette In questa tomba von Beethoven. Bei der letz-\nteren (von Beethoven im Jahre 1801 componirt) dürfte es von In-\nteresse sein, auf die Entstehungsart zurückzugehen. Bei einer As-\nsemblee in Wien wird von einer Gräfin auf dem Flügel phantasirt,\nwährend dessen sich dem Dichter Caspani seine Empfindungen zu\nvorerwähntem Gedichte gestalten, das von allen damaligen wiener\nComponisten (von Zingarelli zehn Mal) in Musik gesetzt wurde; die\nBeethoven'sche Composition aber hat alle übrigen überdauert und\nist in neuerer Zeit wieder aufgelegt worden.\nRichard Wagner ist doch ein wahres Glückskind! Nicht\ndesswegen, dass er immer wieder Freunde findet, die ihm ihr Geld\nin den Schooss werfen, sobald der Vorrath durch's Danaidenfass\nverlaufen, sondern dadurch, dass sein höchster Wunsch, Aufsehen\nzu machen, stets wieder aufs Neue in Erfüllung geht, wenn er ir-\ngendwo fehlgeschlagen. Hierin hat er mehr Glück, als sein Freund\nin Rom; denn während dieser, der sich von der Welt zurückzieht,\num Effect zu machen, es erleben muss, dass man kaum davon\nspricht, sondern höchstens die Achseln zuckt, betritt Wagner auf\neinmal wieder die politische Bahn oder wird von einer Partei, die\nihn benutzt, auf dieselbe vorgeschoben, und siehe! alle Zeitungen\nsind voll davon, an ihrer Spitze sogar die Neue Preussische! Sie\nmacht ihn zu einem Intriganten gegen den Geheim-Secretär des\nKönigs von Baiern, der freilich die Bewilligung seiner Anträge auf\nneuen Theater- und Strassenbau und Errichtung einer Propaganda-\nschule für sein Musik-System widerrathen haben soll. Nach einem\nTelegramm der K. Ztg. vom 7. d. Mts. aus München meldet die\nBayerische Zeitung, der König habe, über die thatsächlichen Ver-\nhältnisse der vielbesprochenen Confiicte informirt, Herrn Richard\nWagner den Wunsch ausgedrückt, derselbe möge einige Monate aus\nBaiern verreisen. Nach anderen Nachrichten aus München soll\nWagner das Opfer einer Intrigue der ultramontanen und reactionä-\nren Partei sein.\nDen zahlreichen Freunden und Schülern unseres verehrten\nM. Hauptmann theilen wir mit, dass so eben ein neues Portrait\nvon ihm erschienen ist, eine aus dem bewährten Atelier des Herrn\nHecker in Dresden hervorgegangene grosse Photographie. Sie ist\ngefertigt nach einer von Frau Dr. Hauptmann entworfenen und aus-\ngeführten Kreidezeichnung, die sich eben so durch die liebevolle\nund lebenswahre Wiedergabe der Persönlichkeit des Meisters, wie\ndurch feine künstlerische Durchbildung auszeichnet. Zu beziehen\nist dieses Portrait, dessen Vortrefflichkeit und bescheidener Preis\neine grössere Verbreitung hoffen lässt, durch die Hinrichs'sche\nBuchhandlung in Leipzig.\nWien. Aus vollkommen verlässlicher Quelle erfahren wir,\ndass der Grund, warum der Hill er1 sehe „Deserteur\" Seitens unse-\nrer Hofoper zurückgelegt worden sei, in der Ablehnung einer\nHauptpartie Seitens eines Sängers beruhe, der zur Uebernahme\nnichtseriöser Köllen nicht verpflichtet ist. Das ist ein Motiv, das\nman gelten lassen kann. Warum aber ein offieiöses Blatt statt die-\nses einfachen, wahrheitsgetreuen Grundes die Schwäche des nach-\ngelieferten zweiten Actes vorschützt, wo doch das ganze Werk\nschon früher in Köln und Karlsruhe aufgeführt worden ist, lässt\nsich nicht einsehen. Wir haben keinen Grund, für Ililler Lanzen\nzu brechen, aber wir haben es nie vermocht, zu schweigen, 'wenn\nJemanden offenes Unrecht geschah, und thun es daher auch in die-\nsem Falle nicht.\nAuffindung von S chubert-Manuscrip ten. Man schreibt\naus Wien, 6. December: Herrn Herbeck wurde im Laufe der\nletzten Tage von der Witwe Ferdinand Schuberts ein Päckchen\nbisher ganz unbekannt gebliebener Manuscripte seines Bruders Franz\nzum Kaufe angeboten. Herbeck kaufte diesen höchst werthvollen\nNachlass des deutschen Liederfürsten für den Männer-Gesangverein\nan und hat zunächst einen der vielen Chöre, die sich darin skizzirt\nvorfinden, mit Orchesterbegleitung eingerichtet. Derselbe führt den\nTitel: „Morgengesang im Walde\", und ist von hinreissender Wir-\nkung. Dieser Chor gelangt in dem nächsten Concerte des Männer-\nGesangvereins, das am 10. December im Redoutensaale Statt findet,\nzur Aufführung.\nVor Kurzem hat Tichatschek die Partie des Rienzi zum\nhundertsten Male gesungen."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "385", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18651209-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nAus Frankfurt am Main (Musicalische Zustände). Von —3—. Aus Göttingen (Akademische Concerte Gast-\nspiele Patti-Concert). Viertes Gesellschafts-Concert in Köln im Gürzenich (Schluss). Tages- und Unterhaltungsblatt\n(Köln, Conservatorium der Musik, Soiree von Leopold Auer, Concert von Herrn und Frau Marchesi Coblenz, Ehrengeschenk an Max\nBruch, Abonnements-Concert Berlin, Musik-Director Jahns Musicalisches aus Schulpforta Richard Wagner u. s. w.).\n\nAus Frankfurt am Main.\nWenn ich Ihnen ein Bild der musicalischen Zustände\nunserer Stadt entwerfen und die Verkommenheiten im\nBereiche der Tonkunst berichten soll, so gestatten Sie mir,\nda dieselben seit Jahren in Ihrem geschätzten Blatte kaum\nberührt sind, eine kurze Einleitung über die Anstalten\nund Institute, von welchen die musicalischen Bestrebungen\nausgehen. Seit Anton Schindler's kritische Expectorationen\nverstummt sind, welche zwar ob ihrer rücksichtslosen Frei-\nmüthigkeit vielfach empfindlich verletzten, aber auch für\nden Schreiber, dem es nur einzig um die gute Sache zu\nthun war und der mit erbarmungsloser Strenge für seine\nheilige Tonkunst zu Felde zog, wahre Hochachtung einflöss-\nten —, seitdem ist die frankfurter Musik in Ihrem Blatte\nvergessen. Es sind nun bald zwei Jahre, dass der alte\nFreund Beethoven's auf dem bockenheimer Friedhofe ruht,\nwenige Schritte von der Grabstätte Guhr's entfernt.\nDieser Guhr, ein höchst talentvoller, aber leichtsinni-\nger Künstler, war es, der, um das hiesige Musikleben\nvielfach verdient, beinahe dreissig Jahre lang (bis zum\nJahre 1848) die Oper und die Museums-Concerte leitete,\nwelche letztere damals freilich in bescheideneren Verhält-\nnissen existirten. Die Oper war jedoch unter ihm von an-\nderer Bedeutung, als sie es jetzt ist. Denn wenn auch die\njetzigen Opern-Dirigenten sehr tüchtige Künstler sind, so\nist ihnen doch eine gewisse Selbständigkeit des Handelns\nuntersagt, und darum gelingt es ihnen weder, ein der Be-\ndeutung unserer Stadt angemessenes Opern-Personal zu-\nsammen zu bringen, noch ein wahrhaft künstlerisches Zu-\nsammenspiel zu organisiren, noch ein interessantes Reper-\ntoire ins Leben zu rufen. So kommt es, dass die Umgegend\nnicht nach Frankfurt in das Theater strömt, sondern dass\ndas frankfurter demoralisirte Opern-Publicum die Deco-\nrations-Oper in Darmstadt allsonntäglich frequentirt. So\nkommt es. Dass die Bühnen einiger Nachbarstädte, wie\nMannheim und Karlsruhe, unter kunstverständiger Leitung\nbei viel bescheidenerem Budget weit mehr leisten, als das\nhiesige Theater. In beiden Städten werden neben den\nbesten alten Opern (namentlich denen von Gluck) viele\nOpern jüngerer deutscher Tonsetzer auf die Bühne ge-\nbracht, während es hier als eine That gilt, wenn die „Tra-\nviata\" von Verdi vom Stapel läuft. Von einer Bildung des\nKunstgeschmackes durch die Bühne kann da gar keine\nRede mehr sein. Um jedem Einwurfe zu begegnen, fügen\nwir noch hinzu, dass das einzige Verdienst der hiesigen\nOper in den letzten drei Jahren die Einstudirung von Cosi\n/an tutte und Idomeneo (letzterer in sehr ungenügender\nBesetzung) war. Vergebens wartet man aber auf neuere\nWerke, die an anderen Orten mit Interesse gehört wur-\nden, z. B. auf Bruch's Loreley und Hiller's Katakomben.\nGlücklicher Weise sieht es in unserem eigentlichen\nMusikleben erfreulicher aus. Der Mann, welcher um die\nKenntniss und Pflege der ernsten Musik in unserer Stadt\ndas grösste Verdienst hatte, war Schelble, der Begrün-\nder des Cäcilien-Vereins. Er wusste das Interesse und das\nStudium der Musikfreunde und namentlich der Mitglieder\nseines Vereins auf die classischen Vorbilder hinzulenken,\nbesonders auf Sebastian Bach, dessen Werke noch immer\nden Kern der Aufführungen des Cäcilien-Vereins bilden.\nSo steht die Matthäus-Passion fast alljährlich auf dem Pro-\ngramme und auch die hohe Messe ist zu öfterer Auffüh-\nrung gelangt. Nach Schelble's Ausscheiden und einem\nmehrjährigen Interim, während dessen auch Ferd. Ries,\nMendelssohn, F. Hiller sich des Vereins annahmen, blühte\nder Verein unter Leitung von Franz Messer fort, wenn\nauch hier und da eine kleine Ermattung eintrat. Messer\nwar ein feuriger Mann mit vielen Vorzügen und Schwä-\nchen, der Verein war für ihn begeistert, unter den Künst-\nlern hatte er viele Gegner. Nach seinem Ableben ist Karl\nMüller (früher in Münster) Dirigent des Vereins gewor-\nden und hat sich durch sein bedeutendes Directions-Talent"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "386", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18651209-01.1.2", "texte": "allgemeinste Achtung erworben. Der Cäcilien-Verein mag\ngegenwärtig über 250 Chorstimmen gebieten und veran-\nstaltet in jedem Winter drei Concerte.\nEs geht nichts über eine tüchtige Concurrenz. Haupt-\nsächlich auf Veranlassung Schnyder's von Wartensee bil-\ndete sich zu Anfang der fünfziger Jahre noch ein anderer\nChorverein, der Rühl'sche Gesangverein. Er zeichnete sich\nvon Beginn an durch grossen Eifer und durch frische, vor-\ntreffliche Aufführungen aus. Er zog auch andere Aufga-\nben in seinen Bereich, als nur hauptsächlich die in dem\nCäcilien-Vereine gepflegten Werke von Bach, Händel und\nMendelssohn. Gleich in den ersten Jahren brachte er ge-\nlungene Aufführungen der grossen e von Beet-\nhoven zu Stande. Diese Concurrenz hatte ihre Folgen, in-\ndem nun beide Vereine sich in Anstrengungen überboten\nund sich so gegenseitig anfeuerten. Auch der Rühl'sche\nGesangverein besteht noch in voller Blüthe, gegenwärtig\nunter Leitung des Musik-Directors Friederich, hat un-\ngefähr 150 active Mitglieder und gibt gleichfalls drei\nConcerte.\nWenn ich gesagt habe, dass der Rühl'sche Verein\nsich auch andere Aufgaben gestellt habe, wie der Cäcilien-\nVerein, so bezieht sich das keineswegs auf die Einstudi-\nrung und Aufführung von Werken lebender Componisten.\nIn d ieser Beziehung waren beide Vereine bis jetzt gleich\nexclusiv, und es ist daher freudig zu begrüssen, dass zum\nersten Male, auf den diesjährigen Programmen einige\nneuere Werke figuriren. Der Cäcilien-Verein bringt Hil-\nler's „Zerstörung Jerusalems\", der Rühl'sche Verein hat\nin seinem ersten Concerte ein Requiem von Bernhard\nScholz gesungen, auf welches ich später zurückkommen\nwerde.\nUeberhaupt hat die strenge Verehrung des Classi-\nschen, die vorzugsweise von den früheren Leitern des Cä-\ncilien-Vereins gehegt wurde und welche allerdings auch\neinen vortheilhaften Einfluss auf die musicaliscbe Richtung\nunserer Musikfreunde geübt hat, doch auch eine gewisse\nEinseitigkeit bei vielen Dilettanten zur Folge gehabt, die\nmeistens ohne wirkliches Verständniss auf alle Neueren\nmit Verachtung herab zu sehen pflegen und sich allen\nnoch unbekannten Werken gegenüber immer kühl und\nabweisend verhalten. Nur ein neuerer Meister wurde von\nBeginn seines Wirkens an hier hochverehrt, wie überall:\ndas war Mendelssohn; in neuester Zeit ist diese Verehrung\nöfters in Herabsetzung umgewandelt. Das Maasshalten in\nder Vorführung seiner Compositionen und die Zeit wer-\nden die richtige Würdigung des feinsinnigen Tondichters\nwieder herstellen. Dagegen sind die Schumann'schen Ton-\nwerke noch heute nicht so in Frankfurt anerkannt, wie\nsie es sein sollten; der übertriebene Schumann-Cultus im\nnördlichen Deutschland thut der Würdigung dieses Mei-\nsters im Süden Eintrag, wo man überhaupt dem sinnlich-\nmelodischen Elemente in der Musik stets gern den Vorzug\nvor dem geistreich-reflectirten zu geben geneigt ist. Werke\nlebender Componisten haben fast immer einen sehr schwe-\nren Stand gehabt, und ein vollständiger Erfolg kann nach\nmeiner Erinnerung fast nur bei den zwei Suiten von Franz\nLachner nachgewiesen werden, welche in den Museums-\nConcerten zur Aufführung kamen.\nDiese Museums-Concerte bilden einen weiteren Factor\nunseres Musiklebens; sie sind vorzugsweise der Instrumen-\ntalmusik gewidmet. Aus einem literarisch-artistischen In-\nstitute entsprungen, das im Jahre 1808 begründet wor-\nden, waren es zuerst Abend-Unterhaltungen, in welchen\nVorträge und Declamationen mit Musik wechselten. Erst\nallmählich fanden sie den Uebergang zu eigentlichen Con-\ncerten. Lange Zeit waren diese noch in ihrer Ausdehnung\nbehindert durch eine beschränkte Räumlichkeit, bis im\nJahre 1861 der grosse Concertsaal, einer der schönsten\nDeutschlands, eröffnet wurde. Seitdem haben sich die\nConcerte in ungeahnter Weise entwickelt. Ihre Anzahl\nbeträgt zwölf in jedem Winter, der Abonnentenstock\n1200, wobei viele Anmeldungen zurückgewiesen werden\nmüssen. Zwei Galerieen gewähren den Eintritt zu niedri-\ngen Preisen und werden gewöhnlich von 3—400 Per-\nsonen besucht, so dass die Zuhörerschaft eines jeden Con-\ncertes sich in der Regel auf 15—1600 Personen beläuft.\nNeuerdings hat man sogar (ähnlich wie im Conservatoire\nin Paris) die Einrichtung getroffen, dass die Abonnenten\nihre Plätze für einzelne Concerte abtreten und an der\nCasse verkaufen lassen können. Die Grundlage der Pro-\ngramme bildet selbstverständlich die Sinfonie, gefolgt von\nSolovorträgen, Ouvertüren und dergleichen. In einigen\nConcerten finden auch Chor-Aufführungen Statt, wobei\nvornehmlich grössere Chor- und Orchesterstücke mit ver-\nbindendem Gedichte, Concert-Cantaten, kleinere Chöre\nberücksichtigt werden. Das Oratorium ist ganz ausge-\nschlossen, da dasselbe in den Concerten der beiden Ver-\neine seinen geeigneten Platz findet. Die Museums-Concerte\nsind nicht so glücklich, einen ständigen Chor zu besitzen,\nwie die Gürzenich-Concerte; vielmehr vereinigen sich Mit-\nglieder des Cäcilien-Vereins zu dieser Unterstützung des\nMuseums nur dann, wenn solches mit den Concert-Proben\ndes Cäcilien-Vereins nicht collidirt. Auch eine Orgel (die\nder Gürzenich, so viel mir bekannt ist, schon längere Zeit\nbesitzt) ist hier noch ein frommer Wunsch; doch besteht\nein Comite zur Sammlung des dazu erforderlichen Fonds.\nDie Leitung der Museums-Concerte ist dem Director des\nCäcilien-Vereins, Karl Müller, übertragen; derselbe, ein\näusserst gewandter Orchester-Dirigent und vortrefflicher"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "387", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18651209-01.1.3", "texte": "Musiker, erringt die schönsten Erfolge und bat sich na-\nmentlich zu den Mitgliedern des etwas republicanisch ge-\nsinnten Theater-Orchesters so gut zu stellen gewusst, dass\ndie beste Disciplin und freundlichste Unterordnung herrscht,\nwährend der Vorgänger diese Zuneigung nie zu gewinnen\nwusste. Das Museums-Orchester besteht nämlich aus dem\nTheater-Orchester und aus einer Anzahl anderer hiesiger\nKünstler; die Gesammtzahl der Mitwirkenden mag ungefähr\n66 6B betragen; das Streich-Quartett zählt etwa 15\nerste, 12 zweite Geigen, 8 Bratschen, 7 Celli, 6 Contra-\nbässe. Eine Vermehrung der Bässe, die in der grossen Lo-\ncalität sehr erspriesslich wäre, ist dem Vernehmen nach\nim Werke, aber aus Mangel an geeigneten Kräften bis\njetzt nicht gelungen.\nAuch die duftigste Blume im Garten der Tonkunst\nblüht bei uns, natürlich nicht für den grossen Haufen,\nsondern nur für den eigentlichen Musikfreund: ich meine\ndie Quartettmusik. Schon früher bestand ein Quartett des\nConcertmeisters Heinr. Wolff, das später wieder ein-\nging. Vor sechs Jahren vereinigte dann Ludwig Straus,\nder bekannte talentvolle Geiger (der indessen mehr für\nsinnige Kammermusik, wie für elegantes Concertspiel be-\ngabt ist), einige Kunstgenossen zu einem Quartette, wel-\nches den grössten Anklang fand und hier allgemein beliebt\nund bewundert war, ja, selbst dem grösseren Publicum\nzur Modesache wurde. Leider wurde dieses ausgezeichnete\nQuartett durch Straus' Abgang nach London zerrissen.\nSeitdem hat der Geiger Hugo Heermann Quartett-\nProductionen organisirt, in denen recht Erfreuliches ge-\nleistet wird. Aber die Einheit und Freiheit im Zusammen-\nspiel, welche nur durch langes gemeinsames Studium und\ndurch ein gewisses Ineinanderleben erzielt wird, fehlt noch\nund kann auch nicht kommen, da mehrfacher Personen-\nwechsel Statt fand. Gegenwärtig betheiligt sich auch un-\nser Landsmann Martin Walienstein, ein Ciavierspieler\nvon grosser musicalischer und technischer Begabung, an\ndiesen Quartett-Abenden, an welchen zwischen zwei\nStreich-Quartetten ein Clavier-Trio eingeschaltet wird.\nSolche vortrefflich ausgeführte Kammermusik, bei welcher\nalle äusserlichen Effecte wegfallen, trägt mehr als alles\nAndere zur Bildung des musicalischen Geschmackes bei,\nund man darf wohl sagen, dass diese Wirkung hier, und\nzwar besonders durch das Straus'sche Quartett, in reich-\nstem Maasse erzielt worden ist.\nDass bei so ausgedehntem Interesse an der Tonkunst\ndie zahlreichen Dilettanten sich zu Orchester-Vereinen zu-\nsammentbun, ist natürlich. Seit langen Jahren besteht be-\nreits der Philharmonische Verein, früher unter Leitung\nvon Aloys Schmitt, Messer, Henkel, jetzt unter der\nvon Friederich. In diesem Jahre hat sich noch ein Di-\nlettanten-Orchester-Verein unter Max Wolff gebildet.\nDiese Vereine veranstalten auch Concerte, an welche man\njedoch keinen höheren Maassstab anlegen darf. Das Rich-\ntigere wäre wohl, wenn diese Aufführungen nicht öffent-\nlich, sondern bloss für die Familien der Mitglieder be-\nstimmt wären.\nDer Männergesang, der in vielen anderen Städten,\nnamentlich am Niederrheine, eine künstlerische Bedeutung\nin Anspruch nehmen kann und zu dessen Hebung manche\njüngere Componisten durch tüchtige Werke beigetragen\nhaben, ist in Frankfurt sehr zurückgeblieben. Keiner der\nsechszehn hier existirenden Männer-Gesangvereine leistet\nNennenswerthes. Der bekannteste dieser Vereine ist der\n„Liederkranz\", welcher seit Jahren mehr der Geselligkeit\nals der Tonkunst huldigt und vielleicht schon längst ein-\ngegangen wäre, wenn er nicht zugleich der Gründer und\nVerwalter der Mozart-Stiftung wäre. Diese Mozart-Stif-\ntung, welche vorläufig ihren Wirkungskreis darin findet,\nheranwachsende Componisten-Talente zu unterstützen,,\nund welche bekanntlich mit ihren Stipendiaten bis jetzt\nbesonderes Glück und vielen Erfolg gehabt hat, soll in\nein Conservatorium umgewandelt werden, sobald die Mittel\n. zu einer bestimmten grösseren Summe herangewachsen sind.\nUebrigens besteht seit mehreren Jahren dahier bereits\neine Musikschule, die aber nur ein bescheidenes Dasein\nfristet. Die Gründer und Eigenthümer dieser Musikschule,\neinige renommirte hiesige Musiklehrer, haben weder die\nZeit, noch die Mittel, noch den Einlluss, um aus ihrer\nkleinen Schöpfung ein grösseres, die Kunst wirklich för-\nderndes Institut zu gestalten. Gewiss wird aber immerhin\nrecht Erfreuliches in dieser Anstalt geleistet.\nIm Vorstehenden habe ich Ihnen ungefähr eineUeber-\nsicbt der Mittel gegeben, welche der Tonkunst hier zu\nGebote stehen. Aus der Mannigfaltigkeit derselben geht\nhervor, wie vielseitig und wie allgemein das Interesse ist,\nwelches sich hier für die tonkünstlerischen Bestrebungen\nkundgibt. Die Brennpunkte bleiben die Museums-Concerte\nund die zwei grossen Chorvereine. Die letzteren gehören\nzu den ausgezeichnetsten, die in Deutschland zu finden\nsind; die orchestralen Kräfte sind gleichfalls vortrefflich,\nwenn auch im Verhältnisse zu den vorhandenen Räumlich-\nkeiten nicht stark genug. Und doch könnte noch mehr\nerreicht werden, wenn der Grundsatz: „Einigkeit macht\nstark!\" strenger beobachtet, und wenn die Liebe zur\nSache dem Vortheil der Person immer vorangestellt\nwürde. Es ist eine sonderbare Erfahrung, die nicht allein\nin Frankfurt gilt, dass nirgends mehr Misshelligkeit und\nMissgunst herrscht, als unter den Jüngern der Tonkunst.\nDoch hat sich auch hierin in unserer Stadt Vieles gegen\nfrüher gebessert.\n\nn"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "388", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18651209-01.1.4", "texte": "Ein weiterer Brief möge Ihnen über die Leistungen\nberichten, deren wir uns im Anfange dieses Winters zu\nerfreuen hatten. —3\n\nAus Göttingen.\nEnde November 1865.\nDer Beginn der gegenwärtigen Saison gemahnt mich,\neine alte Schuld zu tilgen und, damit Göttingen für diesen\nZeitraum nicht unvertreten bleibe in Ihrer Zeitung, einen\nkurzen Bericht vom letztvergangenen Winter-Semester\nnachzuliefern.\nDie fünf akademischen Concerte des Musik-Directors\nHille brachten mit geringen Ausnahmen von grösseren\nWerken nur solche, welche man hier selten oder noch gar\nnicht gehört halte. Sie dürfen Sich nicht wundern, Sachen\ndarunter zu finden, die an anderen Orten zu den gewöhn-\nlichen Bepertoirestücken gehören. Hier liegen die Ver-\nhältnisse aber anders; hier gilt es, nachzuholen, was bei\njahrelangem Mangel an einem stehenden Orchester ver-\nsäumt werden musste. Vor allen Dingen war man mit\nBeethoven in Rückstand gekommen, und von ihm hör-\nten wir denn auch die Eroica und die achte Sinfonie, die\nOuvertüren zu Leonore (Nr. 3 in C) und zu Prometheus,\ndie Phantasie für Chor, Piano und Orchester, AUegretto\n(Gratulations-Menuett) und Ouvertüre, Marsch und Chor\naus den „Buinen von Athen\". Von anderen Meistern:\nOuvertüre, Scherzo und Finale von Rob. Schumann,\ndie und Hebriden-Ouverture von Men-\ndelssohn, Suite (Nr. 2, E-moll) von Franz Lachner,\nund von kleineren Gesangwerken: Hymne an die heilige\nCäcilia von Spohr, vier irische Lieder für gemischten\nChor, Bomanzen für Frauenstimmen von Schumann,\nund Ständchen für eine Solostimme nebst Frauenchor von\nFranz Schubert. Die Chorsachen wurden je nach Er-\nforderniss von der ganzen Sing-Akademie oder einem Theile\nderselben, und zwar durchweg lobenswerth gesungen. Be-\nsonderen Eindruck auf das Publicum machte der weihe-\nvolle Marsch und Chor aus den Ruinen von Athen; auch\ndie irischen Lieder mit ihren sinnigen Melodieen und ihrem\necht nationalen Gepräge sprachen sehr an; nicht weniger\nsetzte sich die Beethoven'sche Phantasie sofort in der\nGunst des Publicums fest. Den Ciavierpart in derselben\nführte Herr Dr. Oesterley hierselbst im Ganzen befrie-\ndigend aus. Das Sopran-Solo in der Spohr'schen Hymne\nsang Frau Ulrich mit allgemeinem Beifalle.\nWas den Vortrag der Orchesterwerke betrifft, so wird\nder aufmerksame Beobachter nicht unerhebliche Fort-\nschritte gegen früher wahrgenommen haben. Diese beste-\nhen hauptsächlich in feinerer Nuancirung und einem fe-\nsteren Ensemble. Von Kleinigkeiten abgesehen, verdient\ndie Ausführung der Werke durchgängig Lob, das wir\num so lieber ertheilen, als wir wissen, dass Alle, der Di-\nrigent sowohl wie sämmtliche Orchester-Mitglieder, keine\nMühe und Zeit, keine Proben scheuten, um die Werke\nmit möglichster Sicherheit und Berücksichtigung der be-\nsonderen Eigentümlichkeit jedes Werkes und Satzes vor-\nzuführen. Ausnahmsweise liess die Mendelssohn'sche He-\nbriden-Ouverture in Bezug auf klare Ausführung zu wün-\nschen übrig. Dem dritten Satze des Schumann'schen Wer-\nkes und der Ouvertüre zu Prometheus gegenüber verhielt\nsich das Publicum gänzlich theilnamlos, während die übri-\ngen Sachen mit Beifall und Wärme aufgenommen wurden.\nDas neueste Werk, die Suite von Lachner, erwarb sich\nauch hier viele Freunde. Wie schade übrigens, dass der\nComponist in diesem interessanten, zum Theil geistreichen\nWerke verschiedene Trivialitäten nicht zu vermeiden ge-\nwusst hat!\nIm dritten Concerte fand die Aufführung des „Pau-\nlus\" von Mendelssohn Statt, die, einige kleine, vielleicht\nkaum bemerkte Verstösse im Chor abgerechnet, das Werk\nin allen seinen Theilen zu voller Geltung brachte. Chor\nund Orchester waren sicher und nuancirten richtig und\ngut. Besonders lobend hervorzuheben ist die Zurückhal-\ntung des Blechs, das bei den grossen Mendelssohn'schen\nGesangwerken überhaupt gar leicht den Chor erdrückt,\nwenn der Dirigent es nicht im Zaume hält. Den Solo-So-\npran sang unsere tüchtige Oratoriensängerin Frau Ulrich,\nden kleinen Alt-Part eine Schülerin derselben, eine hie-\nsige junge Dame. Der Hof-Opernsänger Pirk aus Han-\nnover war ein würdiger Vertreter der Tenor-Partie und\nwirkte neben seiner klangvollen Stimme an sich noch be-\nsonders durch seinen natürlichen und einfach noblen Vor-\ntrag. Hof-Opernsänger Haas aus Hannover, der Solo-\nBass, ist ein zu geschickter Sänger, als dass ihn eine kleine\nIndisposition, mit der er anfänglich zu kämpfen hatte, in\ndem Bestreben lässig machen könnte, seine Partie mit\nEhren und zu allgemeiner Befriedigung durchzuführen.\nUnd diesen Erfolg erzielte derselbe denn auch.\nAls Gäste hatten wir sonst noch: Hof-Opernsänger\nBietzacher aus Hannover, der sich durch seine künst-\nlerischen Vorträge, bestehend in einer Arie aus dem\n„Messias\" und zwei Balladen: „Belsazar\" von Schumann\nund „Harald\" von Löwe, die Zuhörer zu Dank verpflich-\ntete. Hof-Capellmeister Bott aus Meiningen (jetzt in Han-\nnover) spielte unter rauschendem Beifalle das siebente\nViolin-Concert von Spohr und „Andante und Capriccio\",\nein brillantes Salonstück eigener Composition. Der talent-\nvolle Ciavier- und Orgelspieler Emil Weiss trug die"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "389", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18651209-01.1.5", "texte": "chromatische Phantasie und Fuge von Bach und den Car-\nneval von Schumann vor. Dem Publicum ward, um es\nüber das letztere Werk einiger Maassen zu orientiren, eine\nkurze, gedruckte Erklärung desselben eingehändigt, eine\ndankenswerthe Zugabe, wie wir sie ähnlich für manches\nandere Werk wünschen möchten. Herr Weiss spielte beide\nWerke ihrem Charakter entsprechend und mit anerken-\nnendem Beifalle. Den Schluss des Carnevals hätten wir\nkräftiger und markirter gewünscht. Den Preis müssen wir\ndem Vortrage der Bacb'schen Fuge zuerkennen, wie der\njunge Künstler denn überhaupt vorzugsweise ein vortreff-\nlicher Bach-Spieler ist. Dass Frau Ulrich uns durch den\nVortrag Schumann'scher Lieder erfreute, mag ebenfalls\nnoch erwähnt werden.\nNoch einiger anderer Concerte wollen wir kurz ge-\ndenken. Zunächst einer von einer Ciavierspielerin, Fräulein\nv. Aston aus Wien, gegebenen Soiree, in der Herr und\nFrau Joachim mitwirkten. Dass das Joachim'sche Ehe-\npaar das Interesse vorzugsweise in Anspruch nahm, lässt\nsich denken: indessen gelang es trotzdem Fräulein v. Aston,\nsich durch ihr Spiel Anerkennung zu erwerben. Frau\nJoachim sang Schubert'sche Lieder und entzückte das Pu-\nblicum durch ihre herrliche Stimme und ihren edlen und\ninnigen Vortrag; nicht weniger Herr Joachim durch sein\nmeisterhaftes Spiel. Eine andere Soiree gab Capellmeister\nScholz aus Hannover, ebenfalls mit Unterstützung von\nFrau Joachim, deren Liedervorträge von demselben Er-\nfolge begleitet waren. Herr Scholz spielte die letzten drei\nSonaten von Beethoven. Wenn wir auch nicht in Allem\nmit der Auffassung und Vortragsweise des Spielers ein-\nverstanden sind, so stehen wir doch nicht an, seine Lei-\nstungen als künstlerisch durchdachte anzuerkennen.\nDass wir ferner auch unser Patti-Concert hatten\nmit Jaell, Vieuxterops und Steffens, wollen wir\nnicht vergessen, zu registriren. Am meisten interessirte\nuns der Vortrag der Kreutzer-Sonate von Beethoven und\ndas vollendete Zusammenspiel der Vortragenden. Und zum\nSchlüsse erwähnen wir noch einer von Fräulein A. Ben-\nfey, der Tochter des berühmten Orientalisten Professors\nBenfey, hierselbst gegebenen Soiree. Fräulein Benfey ist\nClavierspielerin und Schülerin des Capellmeisters Reiss in\nKassel, der sie auch persönlich hier einführte und unter-\nstützte. Fräulein Benfey spielt recht nett, klar und mit\nVerständniss und wird gewiss eine ganz respectable Spie-\nlerin werden, wenn sie fleissig fortstudirt. Sie ist noch\njung und hat also noch viel Zeit vor sich. Die Opernsän-\ngerin Fräulein Grün, die Herren Hofmusiker Herzo-\ngenrath (Violine) und Knoop (Violoncell), sämmtlich\naus Kassel, unterstützten ausserdem die Concertgeberin\nmit bestem Erfolge.\nNoch kurz erwähnen möchten wir, dass am 9. No-\nvember das erste akademische Concert in dieser Saison,\nund zwar unter Mitwirkung des Pianisten Herrn Wal-\nlenstein aus Frankfurt am Main, Statt fand, und dass\nllans von Biilow am 24. d. Mts. eine gut besuchte\nSoiree für ältere und neuere Ciaviermusik gab. Später\nmehr hierüber.\n\nViertes Gesellschafts-Concert in Köln im Gürzenich,\nunter Leitung des städtischen Capellmeisters, Herrn\nFerdinand Hiller.\nDinstag, den 28. November 1865.\n(Schluss. S. Nr. 48.)\nDiese Frage ist schwer zu beantworten; die Componisten selbst\ndürften wohl kaum übereinstimmende Gründe für die Wahl der alter-\nthümlichen Benennung Suite anzugeben haben. Die Vorliebe für Ar-\nchaismen, die Mode, etwas aus den früheren Epochen der Entwick-\nlung der Tonkunst zn bringen, das, weil vergessen, für Neues gelten\noder wenigstens die Neugier reizen könne, mögen ihr Theil daran\nhaben, da ja aus denselben Gründen sogar die Programme von Vir-\ntuosen-Concerten mit Scarlatti, Rameau, Bach, Händel und für Ge-\nsang mit noch älteren Productionen gespickt werden. Eine zweite\nVeranlassung dürfte darin liegen, dass eine gewisse Richtung unse-\nrer Zeit sich gern über die herrschenden Formen sowohl in der\nOper als in der Sinfonie erheben oder richtiger hinwegheben möchte,\nweil entweder deren meisterliche Abrundung und Vollendung\ndrückt, oder weil sie wenigstens zu bequem, vielleicht auch unfähig\nsind, sie durch geistvolle Erfindung und gediegene Arbeit mit Neuem\nzu füllen. Daher denn die „symphonischen Dichtungen\" und im\nGegensatze zu denselben die „Suiten\", und zwar in lobenswerthem\nGegensatze; denn wenn jene auf ihr Panier die Ungebundenheit\nschreiben, so halten diese doch an der thematischen und selbst con-\ntrapunktischen Form fest, und wenn auch die Sinfonie grösseren\nZuschnitt, höheren Schwung der Ideen und mehr dramatische Farbe\nverlangt, als die Suite, so zeigen doch die Schöpfungen der neueren\n„Suitiers\", wie Franz Lachner, Joachim Raff, Heinrich Esser und\nGrimm, dass sie das Handwerk ihrer Kunst aufs gründlichste verste-\nhen, und Lachner hat es sogar erreicht, auch in die strenge Ar-\nbeit seiner Suiten Schwung und gehaltvolles Tonleben zu bringen.\nDie neueren Suiten haben übrigens diese Art der Arbeit allein\nmit den älteren gemein, in allem Uebrigen bilden sie eine neue\nGattung. Denn erstens vernachlässigen sie den Haupt-Charakter der\nälteren, die gleiche Tonart aller Stücke, und zweitens sind ihre Be-\nstandteile nach der Einleitung oder dem Präludium nicht Tänze,\nsondern symphonische Sätze. In so fern ist also der Name nicht\npassend. Von langsamerem Tempo waren in der Suite nur das Me-\nnuett und die Sarabande: an ein Adagio war in der Reihe der länze\nnicht zu denken, wenngleich die Sarabande gewöhnlich mehr in die\nMitte gestellt und der Schluss meist mit der schnell dahin eilenden\nGigue gemacht wurde. Von einem Andante pensieroso, einem ntiei-\nsinnigen\", „schwermüthigen\" Andante, wie H. Esser seinen zweiten\nSatz betitelt, kann in einer eigentlichen Suite gar nicht die Redd"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "390", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18651209-01.1.6", "texte": "sein. Nun, zur Sühne ist die Tiefe auch eben nicht bedeutend in\ndiesem Satze. Eher lässt sich Nr. 3, das „Scherzo\", rechtfertigen,\neine Benennung, welche wir auch schon bei J. S. Bach, wenn auch\nnicht in der „Suite\", doch in der „Partita\", einem ähnlichen An-\neinander yon Stücken, finden.\nNach allem diesem wird das Haupt-Prädicat, welches der neue-\nren Suite zukommt, nur mit dem fremden Worte „interessant\",\nwie ja auch das Titelwort ein fremdes ist, auszudrücken sein. Und\ndas ist denn auch die Suite in fünf Sätzen von H. Esser: sie ist\ndurch feine Arbeit und trefflich geführte Polyphonie für den Musiker\nhöchst interessant, für den Dilettanten, dem die polyphone Schreib-\nart nicht fremd ist, ebenfalls interessant, für die Mehrzahl der Mu-\nsikfreunde aber fehlt es an und Glanz, an Temperatur- und\nFarbenwechsel, Der erste Satz liess daher das Publicum kalt, das\nScherzo und Finale wurden mit Applaus aufgenommen.\nDie Haupt-Aufführung des Abends bildete die „Semele\" von\nG. F. Händel, welche hier zum ersten Male zu Gehör kam, und\nzwar mit einem solchen Erfolge, dass wir jeder Concert-Gesellschaft,\nwelche die Mittel dazu besitzt, die Aufführung dieses schönen Wer-\nkes empfehlen können*). Die Mittel bestehen nur in einem stark\nbesetzten Orchester der Streich-Instrumente, einem guten Chor und\nzweien vorzüglichen Sängerinnen, Sopran und Alt, oder Mezzo-So-\npran mit tiefem Register, während die Männer-Partieen, Bass und\nTenor (wenn die Bravour-Arie des letzteren wegbleibt), keine gros-\nsen Ansprüche an Virtuosität machen.\nDas Textbuch war ursprünglich für die Oper bestimmt und zu\ndiesem Zwecke schon im Jahre 1707 verfasst, fand aber keinen\nComponisten, da die Katastrophe sich nicht auf dem Theater vor-\nstellen liess. Erst über dreissig Jahre später nahm Händel es wieder\n* auf, änderte Einiges daran und führte seine Composition desselben\nzum ersten Male in London am 10. Februar 1744 im Coventgarden-\nTheater auf» Der Titel lautete: nThe Story of Semele1* > »Die Ge-\nschichte von Semele\", weil man das Werk wegen seines antik-my-\nthischen Stoffes nicht Oratorium nennen wollte und doch die ora-\ntorienartige musicalische Behandlung dem Titel „Oper\" widersprach»\nEs gehört also zu den so genannten weltlichen Oratorien, wie „Acis\nund Galatea\" und „Herakles\", und ist auf dem hiesigen Programme\nmit Recht eine „dramatische Cantate\" genannt.\nDer Inhalt ist kurz der, dass Semele, die vom Zeus erkorene\nGeliebte, von ihrem Vater Kadmos mit Athamas vermählt werden\nsoll, dessen sie sich aus Liebe zu Zeus weigert. Zeus lässt sie durch\nseinen Adler entführen und umgibt sie mit Götterglanz. Doch Ban-\ngigkeit vor dem Verluste dieses Glückes einer Sterblichen trübt\nihre Freude. Zu ihrem Tröste zaubert der Gott ihre Schwester Ino\nherbei. Aber Zeus' Gattin Here nahet ihr unter Ino's Gestalt mit\narglistigem Trug und verführt sie, gegen Zeus den Wunsch auszu-\nsprechen, ihr in seiner wahren Gestalt als Donnergott zu erschei-\nnen, das werde ihr Fortdauer ihres Glückes und Unsterblichkeit\nbringen. Die Arme lässt sich bethören, Zeus schwört beim Styx, ihr\njeden Wunsch zu gewähren, und sie wird dadurch ein Opfer des\nboshaften Planes der Here.\nDie bei der hiesigen Aufführung gemachten Kürzungen erschei-\nnen als sehr zweckmässig, da sie den Wechsel der Situationen und\ndas dramatische Leben fördern. Sie bestehen in dem Uebergehen\nder frostigen Episode der Liebe der Ino zu Athamas, dem Weglas-\nsen einer von den grossen Coloratur-Arien der Semele, welche Hän-\ndel sicherlich nur für eine bestimmte Gesangs-Virtuosin geschrieben\nhat, und der oben schon erwähnten Arie des Zeus (Tenor, Act 11,\nD-dur). Der Gott, der Semele's Sehnsucht nach Unsterblichkeit\ndurchschaut, aber nicht erhören darf, wie er im Recitativ (welches\nbeibehalten wird) sagt, hält ein Selbstgespräch : „Ich muss schnell\nsie zerstreuen (amuse), eh' sie sich zu deutlich erklärt\", welches\nden Inhalt der Arie bildet, die ein schlagender Beweis dafür ist,\nwenn es für den Unbefangenen dessen bedürfte, dass Händel seine\nColoraturen oft bloss für den Virtuosen ohne alle Berücksichtigung\nder Situation und des Textes geschrieben hat, denn er gibt hier dem\nSänger drei Mal auf das Wort „erklärt\" („explain\") instrumentale\nColoraturen! Jeder vernünftige Dirigent wird diese Arie, die an\ndieser Stelle geradezu etwas Komisches hat, weglassen *).\nEinen schöneren Vortrag, als die berühmte Oratoriensängerin\nFrau Rudersdorf aus London dem Arioso in E-dur: „0 holder\nSchlaf!\" gab, kann man sich gar nicht denken, denn einen solchen\nAusdruck inniger und schwärmerischer Sehnsucht der Liebe kann\nnur die Verbindung einer gefühlvollen Seele mit der vollendeten\nKunst des Gesanges, welche hier in der Herrschaft über die höch-\nsten Aufgaben der Tonbildung und der Tonbehandlung besteht, er-\nreichen. Das Ganze war ein Triumph der Reinheit, des Wohllautes\nund des schwellenden und verschwindenden Klingens des schönen\nTones mit einer Meisterschaft, die gegenwärtig immer seltener wird\nund ganz auszusterben droht. Wie sehr die Sängerin aber auch\nMeisterin des höchst correcten und trefflich schattirten Vortrages der\nvirtuosen Coloratur ist, zeigte sie auch dieses Mal wiederum in der\nArie mit dem Spiegel, welche, auch an und für sich reizend, als\nnothwendig für die dramatische Handlung beibehalten war.\nIn Frau Collin-Tobisch, einer früheren Schülerin der Frau\nMarchesi in Wien, gegenwärtig in Amsterdam, lernten wir eine Sän-\ngerin kennen, welche in den Alt- und Mezzosopran-Partieen der\nHere und der Ino eine Stimme von bedeutendem Umfange und sym-\npathischem Wohllaut entwickelte und durch den Vortrag der ihr zu-\ngetheilten Stücke, welcher in den Arien, von denen besonders die\nArie der Ino (A-dur im zweiten Acte) vorzüglich gut gesungen\nwurde, und in den Recitativen sich durch richtiges Verständniss\nund einfach edle, künstlerische Wiedergabe auszeichnete, verdienten\nBeifall erwarb.\nChor und Orchester waren recht gut, die ganze Aufführung der\nArt, dass die Zuhörerschaft in vollster Befriedigung den Saal verliess*\n*) Die erste in Deutschland, wie wir in der Köln. Ztg. ge-\nsagt haben, war diese Aufführung nicht, da die „Semele\" im Jahre\n1861 zuerst von dem Oratorien-Vereine in München unter\nvon PerfalTs Leitung aufgeführt wurde. Jahrg. 1861, S. 191.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKolli, 4. December. Aus dem in der gestrigen General-Ver-\nsammlung des Conservatoriums der Musik vorgetragenen Berichte\nist der gedeihliche Fortgang zu entnehmen, dessen sich die für die\nmusicalischen Interessen unserer Stadt so wichtige Kunstanstalt zu\n\n*) Vergl. den Artikel über Händel's „Semele\" in Nr. 32 und\n33 des Jahrgangs 1861 dieses Blattes."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "391", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18651209-01.1.7", "texte": "erfreuen hat. Ihre Schülerzahl hat die durch den Raum gegebene\nGränze fast erreicht, und unter den vielen auswärtigen Schülern\n(im Winter-Semester 3864—65: 38, im Sommer-Semester 1865: 42)\nbefinden sich Americaner, Russen, Polen, Engländer und Holländer.\nDie Zahl der wöchentlichen Unterrichtsstunden betrug im Winter\n123, im Sommer 134. Von den 13 Lehrern, welche an der Schule\nthätig sind, traten aus: am 1. April 1. J. Herr F. Breunung, der\nan der Anstalt seit April 1854 unterrichtete und zu Aachen städti-\nscher Capellmeister geworden ist; am 1. October Herr Ferdinand\nBöhme, der seit Herbst 1858, und Herr Woldemar Bargiel, der seit\nHerbst 1859 Lehrer der Anstalt war, jener aus Gesundheits-Rück-\nsichten, dieser in Folge seiner Wahl zum Director des Conservato-\nriums und der Concerte zu Rotterdam. Herr Breunung wurde durch\nHerrn Friedrich Gernsheim, bisherigen Musik-Director in Saar-\nbrücken, Herr Bargiel durch Herrn Ernst Rudorff, der zuletzt neben\nStockhausen die philharmonischen Concerte in Hamburg leitete, und\nHerr Böhme durch Frau Mathilde Marchesi ersetzt, welche während\nsieben Jahre die Gesangclassen am Conservatorium zu Wien geleitet\nhat und Sängerinnen ersten Ranges, wie Antoinette Fricci, Ilma\nMurska, Gabriele Kraus und Therese Tietjens, unter ihren Schüle-\nrinnen zählt. Den trefflichen Lehrkräften entsprechend, haben die\nResultate der Schule fortgefahren, durchaus erfreuliche zu sein.\nNeben dem Contingent von acht tüchtigen Geigen, das sie dem Or-\nchester unserer Gürzenich-Concerte stellt, neben achtungswerthen\nSängerinnen, die sie für öffentliche Productionen. und gediegenen\nMusiklehrern, die sie für den Privat-Unterricht fortwährend heran-\nbildet, hat sie in diesem Jahre zum zweiten Male einen ihrer Schü-\nler das Stipendium der frankfurter Mozart-Stiftung davontragen und\ndrei ihrer Schüler Musik-Directoren in rheinischen, resp. westfäli-\nschen Städten werden sehen. Das Conservatorium, das im ver-\nflossenen Jahre aus Gaben einzelner Gönner dem Gürzenichsaale die\nHauptzierde einer Orgel zu geben in die Lage gesetzt wurde, hat\nauch in diesem Jahre von Seiten der Herren Geheimen Commercien-\nrath Abr. Oppenheim, Commercienrath V. Wendelstadt, Louis Mer-\ntens, des kölner Sängerbundes und des sich aus-\nserordentlicher, zum Theil reicher Geldgeschenke zu erfreuen gehabt.\nDie Unterstützung der Stadt, die Beiträge der Zeichner haben sich\nauf gleicher Höhe gehalten, und so darf der Hoffnung des Vorstan-\ndes in der gestrigen General-Versammlung beigetreten werden, dass\nin Zukunft dem trefflichen Institute nicht nur die regelmässigen Bei-\nsteuern verbleiben werden, deren es zu seiner Existenz bedarf, son-\ndern dass es durch grössere Geldspenden allmählich in die Lage\nkommen möge, aus eigenen Mitteln seine künstlerischen Zwecke\nund die Ausbildung des musicalischen Lebens unserer Vaterstadt zu\nerreichen. (K. Z.)\nHerr Concertmeister Leopold Auer aus Düsseldorf gab am\n5. d. Mts. eine Soiree im Hotel Disch, in welcher er durch den\nVortrag der Violinstimme in dem Duo appassionato für Pianoforte\nund Violine von F. Hill er, der die Ciavierstimme selbst ausführte,\nferner eines Adagio von Spohr, des Perpetuum mobile von Paga-\nnini, einer fugirten Sonate von Bach und Variationen von Ernst\neine Meisterschaft bewährte, welche sieb durch einen vollen Ton\nund eminente Virtuosität charakterisirt. In Bezug auf die jetzt über-\nhand nehmende Mode, Bach'sche Fugen und Musik ähnlicher Gat-\ntung in Concerten zu spielen, können wir die Bemerkung nicht\nzurückhalten, dass die Beweise von Virtuosität in Ueberwindung der\nSchwierigkeiten dieser Musik eigentlich doch nicht vor das grosse\nPublicum gehören. Die Violine ist kein Instrument für mehrstim-\nmige Compositionen; wir gestehen, dass die Hervorbringung einer\nReihe von Accorden, welche der Natur der Sache nach doch nie-\nmals in einem völligen Zusammen, sondern immer nur in einem\nwenn auch rapiden Nacheinander erklingen, auf uns niemals einen\nmusicalisch-schönen Eindruck gemacht hat, und dasselbe ist der Fall\nmit den dreistimmig oder gar vierstimmig fugirten Sätzen. Kritik\nund sehr achtungswerthe Künstler eifern gegen die Scbausteliung\nder technischen Wertigkeit in Bravourstücken: kann denn aber der\nUmstand, dass bei den contrapunktischen Virtuosenstücken der Mu-\nsiker und Kenner die Arbeit mit Interesse verfolgt, eine Rechtferti-\ngung der Production im Concerte abgeben? Die Antwort darauf\nmöge dieses Mal, umgekehrt wie sonst, eine Frage geben, nämlich\ndie: „Wird die gedachte Composition um ihrer selbst willen, oder\nzum Beweise der technischen Fertigkeit gespielt?*4 Und nun\nkommt bei der Violine hinzu, dass eine ihrer schönsten Eigenschaf-\nten, die Wirkung der Doppelgriffe von zwei Tönen, dadurch\nüberboten und verdrängt wird. Man denke nur an den herrlichen\nEindruck dieser Doppelgriffe z. B. in Spohr's Gesangscene und\nüberall da, wo sie nach der einlachen Melodie, die das eigentliche\nWesen der Violine ist, eintreten! Auch Spohr waren jene Bach'-\nschen Sonaten und Fugen keineswegs unbekannt; er liess sie seine\nSchüler spielen, und wir haben sie von einem der tüchtigsten unter\ndiesen, Karl Probst, in den 1820 er Jahren Concertmeister in der\nHofcapelle zu Dessau, oft gehört: aber sie öffentlich als Bravour-\nstücke zu produciren oder produciren zu lassen, fiel ihm nicht ein.\nDie Herren Hill er und R udorf f trugen drei vierhändige Cla-\nvierstücke von Rudorff vor, und Herr Wolf sang die Tenor-Arie:\n„Dies Bildniss\" u. s. w. von Mozart. Letzteren müssen wir erin-\nnern, dass wenn ein Sänger am Schlüsse das jedenfalls ungehörige\nhohe b mit der Brust nimmt, ihm allenfalls diese Eitelkeit, um seine\nStimme zu zeigen, verziehen werden könne: dasselbe b aber mit\ndem Falset genommen, wird geradezu lächerlich.\nAm Donnerstag den 7. d. Mts. gaben Herr und Frau Mar-\nchesi im Hotel Discb ihr zweites historisches Concert, worin sie\ndie Entwicklung der Arie und des Duetts von Porpora (1735) bis\nRossini durch ihre Vorträge anschaulich machten. Die Herren Seiss,\nGernsheim und Rudorff unterstützten das Künstlerpaar durch\nVorträge auf dem Pianoforte. Leider waren wir durch Unwohlsein\nverhindert, dem interessanten Concerte beizuwohnen, dessen Pro-\ngramm durchweg mit grossem Beifalle ausgeführt worden sein soll.\n(Jobidiz, 4. December. Ihre Majestät die Königin Augusta\nzeichnete durch ein huldvolles Ehrengeschenk, eine Garnitur von\nKnöpfen mit Brillanten, den Director des Musik-Instituts, Herrn\nMax Bruch, aus, welches Sie ihm vor Ihrer Abreise nach Berlin\n„in Anerkennung seiner schönen Leistungen\" zu übersenden ge-\nruhte. In dem Abonnements-Concerte in voriger Woche wurden die\n„Scenen aus der Frithj ofs -S age\" von M. Bruch mit ganz aus-\nserordentlichem Erfolge gegeben; eine Vereinigung aus den hiesigen\nMänner-Gesangvereinen bildete den Chor, die Soli sangen Fräulein\nElise Rempel aus Köln und Herr Bertram vom Hoftheater zu\nWiesbaden, und erwarb namentlich der ausdrucksvolle Vortrag der\nGesänge der „Ingeborg\" der Sängerin lebhaften Beifall. Der Enthu-\nsiasmus des Publicums war gross und offenbarte sich nach jeder\nNummer durch stürmischen Applaus.\nHerrn Musik-Director Jähns in Berlin hat der von ihm gelei-\ntete Gesangverein bei der Feier seines zwanzigsten Stiftungstages\neinen Tactstock, ein wahres Kunstwerk aus der Werkstatt der Gold-\narbeiter Sy und Wagner überreicht. Herr Jähns ist als ein enthu-\nsiastischer Verehrer C. M. von Weber's bekannt: er sammelt alle\nReliquien des Meisters, hat das Landhaus desselben zu Hösterwitz\nbei Dresden mit einer Lyra geschmückt u. s. w. Ihm verdanken\nwir auch die chronologisch geordneten Verzeichnisse der musi-\ncalischen und literarischen Arbeiten von C. M. von Weber in der\nBiographie desselben von Max Maria von Weber."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "392", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18651209-01.1.8", "texte": "Musicalisches aus Schulpforta. Die Lnde »Juli d. J. in\nSchulpforta Statt gefundene Versammlung des Gustav-Adolf-Vereins\ngab Veranlassung, dass nach dem in der Buchenhalle bei Kösen ab-\ngehaltenen Fest-Gottesdienste in der Anstaltskirche zu Pforta eine\nAufführung geistlicher Tonwerke zum Besten der Vereinszwecke\nveranstaltet wurde. Von dem Sängerchor wurden unter Leitung des\nMusik-Directors Seiffert die von dem letzteren auf das Programm\ngestellten geistlichen Tonstücke, als: „Jerusalem, du hochbegabte\nStadt\" (rhythmischer Choral), Psalm von J. Schnabel, Hirte\nIsraels\" von Bortniansky und „Verlass' mich nicht\" von Greef aus-\ngeführt. Ausserdem erfreute sich das Concert der gefälligen Mitwir-\nkung des zur Zeit im Bade Kösen sich aufhaltenden Professors\nSieber aus Berlin, indem derselbe die Arie: „Gott sei mir gnädig!\"\naus Paulus und eine Umschreibung des Vater unser von Dante (von\nHerrn Sieber componirt) mit sonorer Stimme und ausdrucksvoll vor-\ntrug, so wie auch eine Schülerin desselben eine Arie aus dem\n„Elias\" von Mendelssohn und ein geistliches Lied von Frank mit\nwohlklingender, gut gebildeter Stimme zu Gehör brachte. Sämmt-\nliche Vorträge, zu deren Einleitung Musik-Director Seiffert Prä-\nludium und Fuge von J. S. Bach (D-moll) in correcter Weise\nspielte, erweckten allgemeine Befriedigung. Noch ist eines Con-\ncertes Erwähnung zu thun, welches vor dem Schlüsse der Anstalts-\nFerien in Verbindung mit dem in Schulpforta bestehenden Gesang-\nvereine Statt fand. In dem ersten Theile desselben brachte Musik-\nDirector Seiffert die Chöre aus dem Bergmannsgruss (eine Art\nMelodrama) von Anacker zur Aufführung, und wurden die Solo-\npartieentheils aus dem Anstaltschor, theils aus dem Gesangvereine\nvertreten. Den zweiten Theil bildete die Ouvertüre zu Egmont, der\nFestgesang an die Künstler von Mendelssohn, ein Lied von Schu-\nbert und die Ariette In questa tomba von Beethoven. Bei der letz-\nteren (von Beethoven im Jahre 1801 componirt) dürfte es von In-\nteresse sein, auf die Entstehungsart zurückzugehen. Bei einer As-\nsemblee in Wien wird von einer Gräfin auf dem Flügel phantasirt,\nwährend dessen sich dem Dichter Caspani seine Empfindungen zu\nvorerwähntem Gedichte gestalten, das von allen damaligen wiener\nComponisten (von Zingarelli zehn Mal) in Musik gesetzt wurde; die\nBeethoven'sche Composition aber hat alle übrigen überdauert und\nist in neuerer Zeit wieder aufgelegt worden.\nRichard Wagner ist doch ein wahres Glückskind! Nicht\ndesswegen, dass er immer wieder Freunde findet, die ihm ihr Geld\nin den Schooss werfen, sobald der Vorrath durch's Danaidenfass\nverlaufen, sondern dadurch, dass sein höchster Wunsch, Aufsehen\nzu machen, stets wieder aufs Neue in Erfüllung geht, wenn er ir-\ngendwo fehlgeschlagen. Hierin hat er mehr Glück, als sein Freund\nin Rom; denn während dieser, der sich von der Welt zurückzieht,\num Effect zu machen, es erleben muss, dass man kaum davon\nspricht, sondern höchstens die Achseln zuckt, betritt Wagner auf\neinmal wieder die politische Bahn oder wird von einer Partei, die\nihn benutzt, auf dieselbe vorgeschoben, und siehe! alle Zeitungen\nsind voll davon, an ihrer Spitze sogar die Neue Preussische! Sie\nmacht ihn zu einem Intriganten gegen den Geheim-Secretär des\nKönigs von Baiern, der freilich die Bewilligung seiner Anträge auf\nneuen Theater- und Strassenbau und Errichtung einer Propaganda-\nschule für sein Musik-System widerrathen haben soll. Nach einem\nTelegramm der K. Ztg. vom 7. d. Mts. aus München meldet die\nBayerische Zeitung, der König habe, über die thatsächlichen Ver-\nhältnisse der vielbesprochenen Confiicte informirt, Herrn Richard\nWagner den Wunsch ausgedrückt, derselbe möge einige Monate aus\nBaiern verreisen. Nach anderen Nachrichten aus München soll\nWagner das Opfer einer Intrigue der ultramontanen und reactionä-\nren Partei sein.\nDen zahlreichen Freunden und Schülern unseres verehrten\nM. Hauptmann theilen wir mit, dass so eben ein neues Portrait\nvon ihm erschienen ist, eine aus dem bewährten Atelier des Herrn\nHecker in Dresden hervorgegangene grosse Photographie. Sie ist\ngefertigt nach einer von Frau Dr. Hauptmann entworfenen und aus-\ngeführten Kreidezeichnung, die sich eben so durch die liebevolle\nund lebenswahre Wiedergabe der Persönlichkeit des Meisters, wie\ndurch feine künstlerische Durchbildung auszeichnet. Zu beziehen\nist dieses Portrait, dessen Vortrefflichkeit und bescheidener Preis\neine grössere Verbreitung hoffen lässt, durch die Hinrichs'sche\nBuchhandlung in Leipzig.\nWien. Aus vollkommen verlässlicher Quelle erfahren wir,\ndass der Grund, warum der Hill er1 sehe „Deserteur\" Seitens unse-\nrer Hofoper zurückgelegt worden sei, in der Ablehnung einer\nHauptpartie Seitens eines Sängers beruhe, der zur Uebernahme\nnichtseriöser Köllen nicht verpflichtet ist. Das ist ein Motiv, das\nman gelten lassen kann. Warum aber ein offieiöses Blatt statt die-\nses einfachen, wahrheitsgetreuen Grundes die Schwäche des nach-\ngelieferten zweiten Actes vorschützt, wo doch das ganze Werk\nschon früher in Köln und Karlsruhe aufgeführt worden ist, lässt\nsich nicht einsehen. Wir haben keinen Grund, für Ililler Lanzen\nzu brechen, aber wir haben es nie vermocht, zu schweigen, 'wenn\nJemanden offenes Unrecht geschah, und thun es daher auch in die-\nsem Falle nicht.\nAuffindung von S chubert-Manuscrip ten. Man schreibt\naus Wien, 6. December: Herrn Herbeck wurde im Laufe der\nletzten Tage von der Witwe Ferdinand Schuberts ein Päckchen\nbisher ganz unbekannt gebliebener Manuscripte seines Bruders Franz\nzum Kaufe angeboten. Herbeck kaufte diesen höchst werthvollen\nNachlass des deutschen Liederfürsten für den Männer-Gesangverein\nan und hat zunächst einen der vielen Chöre, die sich darin skizzirt\nvorfinden, mit Orchesterbegleitung eingerichtet. Derselbe führt den\nTitel: „Morgengesang im Walde\", und ist von hinreissender Wir-\nkung. Dieser Chor gelangt in dem nächsten Concerte des Männer-\nGesangvereins, das am 10. December im Redoutensaale Statt findet,\nzur Aufführung.\nVor Kurzem hat Tichatschek die Partie des Rienzi zum\nhundertsten Male gesungen."}]}