{"numero_id": "bm-bmtnabi-1866-01-20-01", "volume": "bmtnabi_1866-01-20_01", "ocr_sha256": "5b09958e5fd55bd355882eaf4e122646f7fa3047ed139ed3954d44f5f74cb06c", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1866/01/20_01/bmtnabi_1866-01-20_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660120-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1866-01-20-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1866-01-20_01#c001", "volume": "bmtnabi_1866-01-20_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "17", "page_fin": "17", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660120-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "17", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660120-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 444, "texte": "Inhalt.\nBemerkungen über das Quartettspiel (Fortsetzung, statt Schluss). Aus Bonn (Abonnements-Concerte). Von —h.\nDas musicalische Wien (Musikleben und Musik-Institute). Aus Berlin (Ouvertüre von Vinc. Lacbner —'Patti-Concert Roger\nKotzolt'scher Verein: Chorlieder von Vierling u. s. w.) Sechstes Gesellschafts-Concert in Köln im Gürzenich. 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S. Nr. 2.)\nEs fragt sich : können die Gesetze des Vortrags eines\nMusikstückes im Geiste des Componisten für das Quartett\nandere sein, als für alle übrige Musik?\nMan sollte meinen, dass eine solche Frage keine Frage\nsein könnte, da das Quartett als die reinste und höchste\nGattung der Instrumentalmusik unmöglich andere oder\ngar geringere Forderungen an den ästhetischen Vortrag\nstellen könne und dürfe, als jede andere Composition.\nTrotzdem, dass diese Schlussfolge durch innere Eigen-\nschaften der Quartett-Compositionen unmöglich umgestos-\nsen werden kann, hat man doch in dem äusseren Um-\nstände, dass das Quartett durch vier Spieler und nicht\ndurch Einen ausgeführt wird, einen Grund finden wollen,\ndie Freiheit im Vortrage desselben zu beschränken, was\nnichts Anderes ist, als den Ausdruck um seine Seele brin-\ngen. Wenn der Ausspruch über eine Quartettleistung von\nvier Künstlern: „sie spielen wie Ein Mann\", sich nur auf\ndie Präcision beziehen soll, so lässt ein solches Lob heut-\nzutage sich unschwer verdienen; bezieht es sich aber nicht\nauf die technische und tactische Nuancirung und Genauig-\nkeit, sondern auf die vollkommenste Uebereinstimmung\nerstens bei der dynamischen Schattirung nicht bloss im\nforte und piano,sondern auch im und dimi-\nnuendo mit allen darin liegenden Feinheiten, zweitens bei\ndem Ausdrucke des Innerlichen durch entsprechende Mo-\ndification des Tones und Freiheit in der Bewegung, dann\nenthält jener Ausspruch das grösste Lob, das man einem\nQuartett-Vereine spenden kann.\nWenn man nun auch das Erste, die dynamische\nSchattirung durch Stark und Schwach, den Quartettspie-\nlern einräumt und diese Art des Ausdrucks im Vortrage\nnicht nur für berechtigt, sondern auch für nothwendig\nerachtet, also in demselben Maasse dem Quartette als\nwesentlich zuerkennt, wie jeder anderen Musik und\nauch die Quartettspieler die Forderung dieser Ausdrucks-\nweise oft sogar zu scharf ins Auge fassen, so dass ihre\nContraste zwischen forte und piano affectirt und coquett\nerscheinen und ihr piano zu einem unvernehmbaren Ton-\ngesäusel wird: so hört man doch oft Stimmen, welche\nden Quartetlspielern das Recht der Freiheit im Zeitmaasse\nBehufs des seelischen Ausdrucks absprechen wollen. Son-\nderbar! Als wenn man die Wahrheit nur stückweise \"gel-\nten lassen und, was bei der Clavier-Sonate und jedem\nGesang- und Instrumental-Solo verlangt wird, beim Quar-\ntette verpönen müsste!\nWir kommen also auf diejenige Art des Vortrages zu\nreden, welche die älteren Italiäner im Allgemeinen mit\nTempo rvhato bezeichneten, die Deutschen neuerdings\nTactfreiheit zu nennen pflegen. Da der Leser durch das\nbisher Gesagte wohl schon erwarten wird, dass wir uns\nfür die Anwendung jener Freiheit auch im Quartettspiel\nerklären, so erinnern wir im voraus, um Missverständnis-\nsen zu begegnen, an dasjenige, was wir über die so ge-\nnannte individuelle Auffassung und über den „Geist der\nNeuzeit\" oben bemerkt haben; beiden machen wir auch\nin diesem besonderen Punkte der Vortragsfreiheit nicht\ndie geringste Concession, sondern erkennen nur, wenn\nman so sagen kann, eine Haydn'sche, Mozart'sche, Beet-\nhoven'sche, Spohr'sche Auffassung, d. h. eine solche, wie\nsie der jedesmalige Charakter des Stückes oder der ein-\nzelnen Stelle bedingt, als die allein richtige und allein\nmaassgebende an.\nEs ist allgemein anerkannt, dass das Abspielen eines\nMusikstückes nach dem Metronom den eigentlichen Aus-\ndruck des Geistes der Composition unmöglich macht. Es\nist diese Annahme aber nicht etwa eine Errungenschaft\nder neuesten Zeit, wofür man sie zuweilen ausgeben will,\nsondern dieselbe Ueberzeugung war bei den Musikern\nschon längst da und wurde, wenn auch nicht so häufig"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "18", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660120-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5449, "texte": "als Lehrsatz ausgesprochen, doch im Vortrage befolgt.\nDas geht namentlich aus den Gesangschulen der älteren\nItaliäner hervor, und auch für die Instrumental-, nament-\nlich Ciaviermusik hat es nicht an Bemerkungen und Vor-\nschriften darüber und an Zeugnissen für die Anwendung\ndieser Vortragsweise durch die grössten Tonkünstler ge-\nfehlt. So sagt schon C. Ph. Em. Bach in seinem „Ver-\nsuche über die wahre Art, das Ciavier zu spielen\", in dem\ndritten Hauptstücke: „Ueber den Vortrag\", §.7: „Es\ngehört dazu eine Freiheit der Bewegung, die alles Sclavi-\nsche und Maschinenmässige ausschliesst; aus der Seele\nmuss man spielen und nicht wie ein abgerichteter Vogel.\"\nDen freien Vortrag hat derselbe C. P. E. Bach ge-\nschildert. Er sagt („Vom Vortrage\" S. 134) unter An-\nderem: „Aus Affect lässt man zuweilen sowohl die Noten\nals Pausen länger gelten, als die Schreibart erfordert. Die-\nser Ausdruck kommt aber eher in langsamem oder ge-\nmässigtem, als sehr geschwindem Zeitmaasse vor. Im er-\nsten Allegro und darauf folgenden Adagio der sechsten\nSonate in H-mollmeines zweiten gedruckten Theiles sind\nauch Beispiele hiervon. Besonders im Adagio kommt ein\nGedanke durch eine dreimalige Transposition, in der rech-\nten Hand mit Octaven und in der linken mit geschwinden\nNoten, vor; dieser wird geschickt durch ein allmähliches,\ngelindes Eilen bei jeder Uebersetzung ausgeführt, welches\nkurz darauf sehr wohl mit einem Anhalten im Tacte ab-\nwechselt. Man hüte sich bei dem affectuösen Spiele aber,\ndass man nicht zu oft, nicht gar zu sehr anhalte, und end-\nlich auch nicht das ganze Tempo biedurch schleppend\nmache. Der Affect verführt hierzu gar leicht. Hieher ge-\nhört das Tempo rubato.ln der Andeutung desselben ha-\nben die Figuren bald mehr, bald weniger Noten, als die\nEintheilung des Tactes erlaubt. Man kann dadurch einen\nTheil des Tactes, einen ganzen, auch mehrere Tacte so\nzu sagen verziehen. Das Schwerste und Hauptsächlichste\nhierbei ist, dass alle Noten von gleicher Geltung auch\naufs strengste gleich vorgetragen werden müssen. Wenn\ndie Ausführung so ist, dass man mit der einen Hand wi-\nder den Tact zu spielen scheint, während die andere aufs\npünktlichste alle Tacttheile anschlägt, so hat man gethan,\nwas man hat thun sollen. Langsame Noten, schmeichelnde\nund traurige Gedanken sind alsdann die geschicktesten.\nAuch dissonirende Harmonieen schicken sich hierzu besser,\nals consonirende Sätze. Es gehört zur richtigen Ausfüh-\nrung dieses Tempo's viel Urtheilskraft und ganz besonders\nviel Empfindung. Wer Beides hat, dem wird es nicht\nschwer fallen, mit aller Freiheit, die nicht den ge-\nringsten Zwang verträgt, seinen Vortrag einzurich-\nten, und er würde, wenn es sein müssle und dürfte, alle\nGedanken verziehen können. Anders aber wird bei aller\nMühe, ohne hinlängliche Empfindung, nichts Rechtes aus-\ngerichtet werden können. In meinen Ciaviersachen findet\nman viele Proben von diesem Tempo. Die Eintheilung\nund Andeutung davon ist so gut, als es sein konnte, aus-\ngedrückt. Wer Meister in der Ausführung dieses Tempo's\nist, bindet sich nicht immer an die hingesetzten Zahlen.\"\nNoch merkwürdiger und wichtiger für das Ziel, das\nwir hauptsächlich bei diesem Aufsatze im Auge haben,\nnämlich auch in dem Quartettspiel die Anwendung des\nfreien Vortrages zu rechtfertigen und zu verlangen, ist\nfolgende Stelle (S. 1*24): „Wiewohl man, um nicht un-\ndeutlich zu werden, alle Pausen sowohl als Noten nach\nder Strenge des erwählten Tempo aushalten muss, ausge-\nnommen in Fermaten und Cadenzen, kann man doch öfter\ndie schönsten Fehler wider den Tact mit Fleiss begehen,\nnur mit dem Unterschiede, dass, wenn man allein oder\nmit wenigen und zwar verständigen Personen\nzusammenspielt, solches dergestalt geschehen muss,\ndass man der ganzen Bewegung zuweilen einige Ge-\nwalt anthut; die Mitspielenden werden darüber aufmerk-\nsam werden und in unsere Absichten eingehen.\"\nSehr richtig drückt sich Ferdinand Hand in seiner\n„Aesthetik der Tonkunst\" (auch schon vor dreissig Jah-\nren!), einem Werke, das mehr musicalische Vernunft ent-\nhält, als fünfzig andere Bücher neuester Aesthetiker und\nAusleger, über den freien Vortrag aus. „Nicht weniger\"\nsagt er 186 ff. „als die Tonfolge ist das Rhythmi-\nsche dem Gesetze der formalen Schönheit unterworfen.\nIn so fern der Rhythmus, in welchem die Töne zur Er-\nscheinung kommen und Geltung gewinnen, an eine Gesetz-\nlichkeit gebunden ist, welche wir im regelmässigen Ab-\nschlüsse Tact nennen, muss, wenn er als schön wirken\nsoll, das Symmetrische in freie Bewegung treten und das\nGleichmaass mit dem Mannigfaltigen so sich verbinden,\ndass die vom Rhythmus verliehene Form und Gestaltung\ninnerhalb ihrer Begränzung geistiges Leben erkennen lässt.\nSo bewegt sich in dem gleichartigen Tacte ein durch die\nRegungen des Gefühls frei gestalteter Rhythmus; wo da-\ngegen das Gleichmässige beschränkend vorherrscht, ent-\nsteht eine berechnete Verständigkeit, welche zum Schwer-\nfälligen und zur Steifheit werden, ja, bis zur gänzlichen\nUnschönheit herabsinken kann. Jede willkürliche Ver-\nletzung des Rhythmus und Tactes übt eine zerstörende\nWirkung auf Melodie und Harmonie aus und kann auf\neine völlige Destruction der Musik führen, besonders in\neinem Quartette, und dennoch darf dem Vortrage die\nFreiheit nicht fehlen, welche die Schönheit überall er-\nheischt. Tactfreiheit ist nicht Tactlosigkeit. Schön\nwird daher derjenige vortragen, welcher den Tact nicht\nals anzulegende Fessel, sondern frei behandelt, ohne je-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "19", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660120-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5242, "texte": "raals aus dem Tacte zu kommen. Dies verstehen aber die-\njenigen Musiker falsch, welche durch ein willkürliches\nZögern und Eilen einen individuellen Ausdruck erzielen,\nan das begleitende Orchester oder den singenden Chor\neine fast grausame Anforderung fortdauernden Nachge-\nbens richten und dabei oftmals den Charakter und Sinn\neines Kunstwerkes zerstören. Bei einem Vortrage, welcher\nmit dem Zeitmaasse nach Willkür schaltet, erscheinen\nnicht selten ganz verschiedene Figuren, und es ergibt sich\nein anderer Sinn, ja, ein dem Kunstwerke ganz fremdarti-\nger Inhalt. Rhythmen, in denen die Zeitverhältnisse mit\ndem Kraftverhältnisse einstimmen und beide in sich aus-\ngeglichen sind, erscheinen schöner, als diejenigen, in wel-\nchen das Eine oder das Andere überwiegt. Auch hier\nwird Einheit und Ebenmaass erfordert.\n„Der Zweck freier Bewegung, welche das Regelmäs-\nsige dem Zwange entreisst, hat die synkopirte Bewegung\nund die rhythmische Rückung erfinden und anwenden\nlassen. In der Synkope, wo der zweite leichte Tacttheil\nden Ton an sich zieht, der dem folgenden guten Tact-\ntheile zufallen sollte, mag immerhin dem Regelmässigen\nEintrag geschehen, die gewonnene Bewegung verräth ein\ngeistiges Princip. Auch die rhythmische Mannigfaltigkeit,\nwelche erreicht wird, indem in ungerader Eintheilung des\nTactes dem ersten, kürzeren und schwächeren Theile der\nzweite, an sich minder schwere durch Länge und Kraft\nvorgezogen wird, darf nicht als Verzerrung der rhythmi-\nschen Proportion betrachtet werden, sondern dient, auch\nausser charakteristischer Zeichnung (wie in Pergolese's\nStabat Mater die vielbesprochene Stelle zur Bezeichnung\ndes Scbluchzens der weinenden Mutter), zum Gewinne rein\nformaler Schönheit. Neuere Meister, namentlich Beetho-\nven, haben für diesen Zweck auch neue Wege gefunden.\"\nFügen wir nun von den Tonkünstlern unseres Jahr-\nhunderts noch C. M. von Weber's Ansicht über dieselbe\nSache hinzu. „Der Tact, das Tempo soll nicht ein tyran-\nnisch hemmend oder treibender Mühlenhammer sein, son-\ndern dem Musikstücke das, was der Pulsschlag dem Leben\ndes Menschen ist. Es gibt kein langsames Tempo, in dem\nnicht Stellen vorkämen, die eine raschere Bewegung for-\nderten; es gibt kein Presto, das nicht eben so, im Gegen-\nsatze, den ruhigen Vortrag mancher Stelle verlangt, um\nnicht durch Uebereilen die Mittel zum Ausdrucke zu\nbenehmen*). Das Vorwärtsgehen im Tempo, wie das Zu-\nRückbalten, darf aber nie das Gefühl des Rückenden oder\nGewaltsamen erzeugen, es kann in musicalischer und\npoetischer Bedeutung nur perioden- und phrasen-\nweise geschehen, bedingt durch die Leidenschaftlichkeit\ndes Ausdrucks. Für alles dieses haben wir keine Bezeich-\nnungsmittel: diese liegen allein in der fühlenden Men-\nschenbrust, und finden sie sich da nicht, so hilft weder\nder Metronom, noch die ausführlichsten Andeutungen.\"\n(Brief an Präger. Berliner Mus.-Ztg., 1827, Nr. 28.)\nVon Beethoven wissen wir durch Ries, Schindler,\nCzerny und einzelne Bemerkungen des Meisters selbst\n(z. B. auf dem Manuscripte des Liedes: „So oder so\",\nfrüher im Besitze von Artaria: „100 nach Mälzl, doch\nkann dies nur von den ersten Tacten gelten, denn die Em-\npfindung hat auch ihren Tact\"), dass er seine Compositionen\nselbst mit freier Tempobewegung vorgetragen und bei\nAusführungen durch Andere sehr auf dieselbe Art des\nVortrages gehalten habe. J. Seyfried sagt in Beziehung\nauf Letzteres (Charakterzüge und Anekdoten, S. 18): „Be-\nzüglich des Ausdrucks, der kleineren Nuancen, der eben-\nmässigen Vertheilung von Licht und Schatten, so wie\neines wirksamen Tempo hielt er auf grosse\nGenauigkeit und besprach sich gern einzeln mit Jedem\ndarüber. Wenn er nur gewahrte, wie die Musiker in seine\nIdeen eingingen, mit wachsendem Feuer zusammen spiel-\nten u. s. w., dann verklärte sich freudig sein Antlitz und\nein bravi tutti belohnte die gelungene Kunstleistung.\"\nDiese Stelle bezieht sich, wie man sieht, nicht bloss\nauf Einzel-, sondern auch auf Gesammt-Vorträge, und\nführt uns speciel auf unser Thema zurück, dass ein „wirk-\nsames Tempo rubato\" auch im Quartette, ja, wir gehen\nnoch weiter, auch in Orchester-Musikstücken am Orte\nsein könne.\nEin Tempo ruhatol Verständigen wir uns zuerst\nüber die Ausdrücke, über die Art der Bezeichnung\ndesjenigen Vortragsmittels, welches in der theilweisen Ab-\nweichung vom strengen Maasse der Bewegung besteht.\nDie Italiäner im vorigen Jahrhundert und früher hat-\nten bei dem ihnen angeborenen musicalischen Sinne sehr\nbald erkannt, dass „die Empfindung ihren besonderen\nTact\" habe, und bezeichneten die Freiheit der Bewegung\nim Vortrage gewisser Stellen, welche einen besonderen\nGefühls-Ausdruck erfordern, durch Tempo rubato, oder\nRubamento di tempo,d. h. wörtlich: „geraubtes, d. i.\nentzogenes, entrücktes, aufgehobenes Tempo\". Es war\ndies nicht „eine Mode\" des achtzehnten Jahrhunderts, wie\nMarx (Vortrag Beetboven'scher Ciavierwerke, S. 68) sagt,\nsondern die Bezeichnung einer Ausdrucksweise der Gan-\ntilene, durch welche der Empfindung ihr Recht über das\nZeitmaass in Bezug auf langsamere oder schnellere Bewe-\n\n*) Ein Beispiel gibt das bekannte Finale der (7-c2wr-Sonate\ndes Meisters, in welcher er selbst die Stelle, wo der Bass mit den\nfragenden Achteln eintritt, u. s. w., stets langsamer\nnahm. Die Bedaction.\nIs"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "20", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660120-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2422, "texte": "gung eingeräumt und der strenge Tact für die damit be-\nzeichneten Stellen aufgehoben wurde. Es wurde also da-\nmit diejenige dem Geiste und Charakter des Stückes an-\ngemessene Freiheit des Vortrages bezweckt, welche bis\nauf den heutigen Tag eine allgemein anerkannte Forde-\nrung an den Vortragenden ist. Für die Entartung in\nein Tact und Harmonie zerstörendes Schleppen oder Eilen\noder Verweilen auf Einem Tone darf man die Sache selbst\nnicht verantwortlich machen, sondern nur die Personen,\ndie sie missbrauchen und einen Vorzug im Vortragen zur\nUnart machen, was allerdings die italiänischen Sänger nicht\nnur des vorigen Jahrhunderts gethan haben, sondern ge-\ngenwärtig noch thun, und die deutschen auf noch plum-\npere Manier nachahmen!\nDie deutschen Musik-Schriftsteller, z. B. Hand (s. oben)\nund Andere, haben das Wesen der Sache durch „Tact-\nfreiheit\" bezeichnet, ein Wort, welches durch unseren\nSprachgebrauch: „im Tacte spielen\", womit wir das\nWahrnehmen eines gleichen Tempo's bezeichnen, gerecht-\nfertigt wird. „Freiheit der Bewegung\" würde indess die\nSache deutlicher ausdrücken, da in der Hauptsache beim\nTempo rubatonicht der Tact in sich, sondern das Tempo\ngeändert wird. Der Tact ist das Metrum; so wie dieses\nim Vortrage des Verses durch die bewegte Declamation\nnicht verwischt werden darf, so verhält es sich mit der\nBeobachtung des Tactes in sich bei der Modification des\nTempo's einer Phrase. Zum Beispiel in der bekannten\nStelle zu Anfang des Scherzo der fünften Sinfonie von\nBeethoven:\ndarf bei der zurückaltenden Bewegung der Dreiviertel-\nTact, das metrische Verhältniss von 2 und 1, der rela-\ntive Werth der Noten in jedem Tacte nicht verändert wer-\nden. Soll Beides Statt finden, Aufhebung des Tempo's\nund demselben entsprechende Aenderung des Tactes, so\nmuss dieses besonders bezeichnet werden, wie z. B. bei\nBeethoven im Scherzo der Erowo die Stelle:\nin den Alla-brev\nübergeht.\nSind denn nun diese Stellen etwas Anderes, als\nrubato? Wenn ein Dirigent sie, ohne dass die Bezeich-\nnungen ritardando und alla breve dabei ständen, im Tem-\npo rubato hätte ausführen lassen, würde er dadurch nicht\nBeethoven's Intention errathen haben? Und warum hat\nsie Beethoven so bezeichnet, wie er gethan? Doch offen-\nbar, um der pedantischen Ausführung in strengem Tempo\nvorzubeugen! Und das noch dazu in der Sinfonie! Und\nwas er dem Orchester vorschreibt, das sollte bei dem\nQuartett verpönt sein?\n(Schluss folgt.)"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1866-01-20-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabi_1866-01-20_01#c006", "volume": "bmtnabi_1866-01-20_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "20", "page_fin": "21", "image_debut": 4, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660120-01.2.3", "titre_corps": "Aus Bonn.", "titre_sommaire": "Aus Bonn.", "signature_source": "—h", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "20", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660120-01.1.4", "debut_caractere": 2424, "fin_caractere_exclue": 4203, "texte": "Aus Bonn.\n\nDen 15. Januar 1866.\nAls wir nach dem Schlüsse der letzten Concert-Saison\nin diesen Blättern einen Ueberblick über die hier Statt\ngehabten Aufführungen gaben, schlössen wir unseren Be-\nricht mit dem Erwarten, dass alle an der Pflege und He-\nbung der Musik Betheiligten ihr Interesse für diese Kunst\nrege erhalten und nach Möglichkeit erhöhen würden.\nEs gereicht uns zur Freude, heute sagen zu können, dass\nwir uns in diesen Erwartungen nicht getäuscht finden;\ndie Zahl der Besucher der Concerte scheint uns zum min-\ndesten nicht abgenommen zu haben, und gegenüber einer\naufmerksamen Zuhörerschaft bemerken wir ein wohlbe-\nsetztes Orchester und einen Chor, welcher die an ihn\nherantretenden Aufgaben mit Fleiss und Liebe zu lösen\nbestrebt ist.\nDen bis jetzt Statt gehabten drei Concerten waren\nfolgende Programme zu Grunde gelegt:\nI. Concert. 1. Cherubini, Ouvertüre zu den Abenee-\nragen. 2. Spohr, Concert für die Violine (Nr. IX), vorge-\ntragen von Herrn Ludwig Straus aus London. 3. Hil-\nler, „0 weint um sie\", für Solo, Chor und Orchester\n(Sopran-Solo: Frau Knöpges-Saart aus Köln). 4. a)\nPräludium von J. S. Bach, b) Abendlied von Schumann,\nfür Violine, vorgetragen von Herrn Straus. 5. Schu-\nmann, R., „Zigeunerleben\" für Chor und Orchester. 6.\nBeethoven, L. van, Sinfonie Nr. VI,\n11. Concert. „Elias\", Oratorium von F. Mendelssohn-\nBartholdy. (Solisten: Frau Knöpges-Saart, Sopran;\nFräulein Adele Asmann aus Barmen, Alt; Herr Göb-\nbels aus Aachen, Tenor; Herr C. Hill aus Frankfurt,\nBass.)\n111. Concert. 1. Rietz, J., Concert-Ouverture. 2. Re-\ngina coeli,Chor von Antonio Caldara (1678) mit Instru-\nmentation von C. J. Brambach. 3. Concert für Pianoforte\n[C-moU) von Beethoven (vorgetragen von Frau Pflug-\nhaupt, herzoglich Sachsen-Meiningen'schen Hofpianistin)."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "21", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660120-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2576, "texte": "4. Zwei Weihnachtsliedlein für gemischten Chor von Leon-\nhard Schröter (componirt 1587). 5. Barcarole von\nRubinstein, b) La Campanella, Etüde nach Paganini von\nLiszt (vorgetragen von Frau Pflughaupt). 6. Sinfonie\nNr. 1 (B-dur)von R. Schumann.\nUnter der bewährten Leitung des städtischen Musik-\nDirectors Herrn J. Brambach waren die Ausführungen\ndieser Programme zufriedenstellend, und Hessen bei den\nmeisten Nummern die Zuhörer es an den üblichen Beifalls-\nbezeigungen nicht fehlen. So machte namentlich die prä-\ncise und schwungvolle Aufführung der Sinfonie Pastorale\nin dem ersten und der Sinfonie von Schumann in\ndem dritten Concerte den gewohnten erhebenden Ein-\ndruck, wie denn auch die Solo-Vorträge des Herrn Straus\n(I. Concert) das Publicum zu enthusiastischem Applaus und\nHervorruf veranlassten. Wir bedauern, nicht das Gleiche\nüber den Erfolg der Frau Pflughaupt sagen zu können;\nes gelang ihr weder durch das Concert von Beethoven,\nnoch durch die Solostücke von Rubinstein und Liszt, die\nZuhörer zu erwärmen, geschweige denn zu begeistern,\nund sie errang daher auch nur einen succes d'estime.\nUnter den grösseren Musikstücken müssen wir den\n„Elias\" von Mendelssohn, als den Glanzpunkt der Con-\ncerte bildend, bezeichnen. Die Ausführung war vorzüg-\nlich, und ist namentlich in Bezug auf dieses Werk das\nzu bestätigen, was wir bereits oben über den Chor sagen\nkonnten.\nBei manchen Zuhörern, welchen Frau Knöpges-Saart\nin dem ersten Concerte nicht sehr gefallen, hat sich in\ndem zweiten, in welchem,sie ebenfalls die Sopran-Partie\nsang, ein günstigeres Urtheil gebildet. Anerkennung\nund Beifall erlangte in höherem Grade Fräulein Adele\nAsmann, deren Stimme an Wohllaut und Stärke zuge-\nnommen; sie trug ihre Partie mit richtigem Verständnisse\nund ausdrucksvoll vor. Herr Göbbels war bemüht, seine\nAufgabe nach besten Kräften zu lösen. Die Leistungen\ndes Herrn Hill, des Trägers der Hauptrolle, sind zu be-\nkannt, als dass wir es für nöthig halten, zu dessen Lobe\nnoch etwas zu sagen. Unter den Oratoriensängern Deutsch-\nlands unstreitig einen der ersten Plätze einnehmend, fügt\nHerr Hill durch jedes Auftreten seinem wohlverdienten\nLorberkranze ein neues Blatt zu. Wie prächtig und mit\nwelch hinreissender Kraft trug er, um nur Eines hervor-\nzuheben, die Arie: „Ist nicht des Herrn Wort wie ein\nFeuer und wie ein Hammer, der Felsen zerschlägt?\" vor,\nWorte, die man wohlauf die Stimme und den Vortrag die-\nses Künstlers anwenden könnte. Ueber die noch Statt'\nfindenden drei Concerte und sonstige musicalische Ereig-\nNisse behalten wir uns vor, später zu berichten.\n\n—h."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1866-01-20-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabi_1866-01-20_01#c007", "volume": "bmtnabi_1866-01-20_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "21", "page_fin": "23", "image_debut": 5, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660120-01.2.4", "titre_corps": "Das musicalische Wien.", "titre_sommaire": "Das musicalische Wien.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "21", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660120-01.1.5", "debut_caractere": 2578, "fin_caractere_exclue": 5126, "texte": "Das musicalische Wien.\nEin Aufsatz in einer der letzten Nummern des ver-\ngangenen Jahres der „Recensionen\", deren Erscheinen,\ngewiss zum Bedauern jedes wahren Theater- und Musik-\nfreundes, im neuen Jahre aufgehört hat, enthält über\n„Wien als Musikstadt\" einige Bemerkungen, die sowohl\nim Allgemeinen, als im Besonderen für das Musikleben\nin Wien interessant sind. Wir theilen daraus die folgen-\nden mit, sind aber mit der Meinung des Verfassers von\nder Zweckmässigkeit oder gar Notwendigkeit eines mu-\nsicalischen Vorortes in Deutschland keineswegs einver-\nstanden. Er sagt unter Anderem :\n„In dem Lande der offenen Fragen, in unserem viel-\ngestaltigen Deutschland, bleibt auch die Frage nach einem\nmusicalischen Vororte vor der Hand eine unentschiedene.\nIst es das reinvernünftige, Kritik-durchtränkte Berlin, oder\nWien, die Heimat der Gemüthlichkeit und des Genusses?\nSoll es München sein, das zukunftsbegnadete, oder Leipzig,\ndie heilige Stätte Bach's und Mendelssohn's? Der genialen\nProduction folgt jetzt der Nachgenuss, die Sammlung. Es\nist die Epoche der Eklektiker. Da werden die Archive der\nVergangenheit rastlos durchforscht, um Verborgenes an\ndas Licht zu fördern, Concerte und andere musicalische\nDarstellungen kehren den instructiven Charakter hervor,\nüberall will historisches und kritisches Bewusstsein sich\ngeltend machen; endlich gewahren wir Anstrengungen,\num vom Boden der Theorie und der Reflexion aus den\narchimedischen Punkt zu finden, die musicalische Welt\naus den Angeln zu heben und in neue Bahnen zu lenken.\nEs gilt nun, diesen Charakter unserer Kunst-Epoche rich-\ntig zu erfassen und die Bewegung in veredelte Formen zu\nbringen; es gilt, das Material der Vergangenheit zu sich-\nten und der Nachwelt zu bewahren, so wie das Beste der\nZeit zu schirmen und zu pflegen; es gilt, dem sich ent-\nwickelnden Keime eine günstige Stätte zu bereiten. Solche\nMission zu verwirklichen, bedarf es aber einer sich be-\nwussten, zusammengefassten Kraft, so wie auch zu ihrer\nlebensvollen Wirkung und nährenden Anregung des\nfruchtbaren Bodens, es bedarf dazu einer grossen Mu-\nsikstadt. (?)\n„Forschen wir nach den Bedingungen einer Musik-\nstadt, so können wir nicht zögern, vor Allem die natür-\nliche Anlage und die lebhafte Theilnahme der Bevölkerung\nals die unerlässlichste Eigenschaft anzusprechen; diese bil-\nden die Atmosphäre, welche Kunst und Kunstleistung be-\nlebend durchdringt, überall Kräftigung und Gedeihen ver-\nbreitend.\n„Soll aber solcher allgemeinen Theilnahme die Rich-\ntung auf das Wahre und Schöne gegeben werden, so be-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "22", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660120-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5407, "texte": "darl es weiter der bedeutenden Männer und ihres Zusam-\nmenwirkens.\n»Auch der werkthätige Schutz des Staates darf der\nKunst nicht fehlen, eines Staates, der seine edleren Auf-\ngaben erkennt; strahlt doch das Ansehen, welches er der\nKunst verleiht, vortheilhaft auf ihn zurück!\n„Betrachten wir unter diesen Gesichtspunkten die\nmusicalische Situation Wiens, indem wir uns auf flüchtige\nUmrisse beschränken. Die betreffenden Nutzanwendungen\nwerden sich leicht von selbst ergeben.\n„In allen Schichten der Gesellschaft finden wir den\nlebhaftesten Musikbetrieb; alle Nuancen vom ernsten Stu-\ndium bis zum sinngefälligen Genüsse, von dem wahren,\ninneren Bedürfnisse bis zum Mode-Zeitvertreib sind reich-\nlich vertreten. Eine glückliche Mischung der Nationalitäten,\nvon denen manche einen wahren musicalischen Humus\nbilden, dazu Sitte, frische Stimmen, öffentliches Leben ver-\neinigen sich zu solcher Wirkung. Doch dieses Bild hat\neine Kehrseite. Gar viele Lieder sind über die musicali-\nschen Leiden einer Grossstadt gesungen worden, und die\nimmer neuen Melodieen, die sich dazu finden, beweisen\ndie Unerscböpflichkeit des Thema's. Gleich der Memnons-\nsäule bei dem ersten Sonnenstrahle, beginnt es mit dem\nMorgengrauen in diesem Steinmeere überall zu tönen.\nSchon weckt uns die rohe Faust des clavierspielenden\nNachbars, Echo um Echo wird laut, und musicalische Fol-\ntern, von den kleinen Daumschrauben schüchterner Ge-\nsangsübungen bis zur eisernen Jungfrau, dem Monster-\nLeierkasten, lösen sich in bunter Reihe ab, bis die Nacht\nhereingebrochen, und oft bringt auch diese nicht Erlösung.\n„Wenn wir nach diesen mehr quantitativen Betrach-\ntungen nun einen Blick auf den eigentlichen Kunstge-\nschmack werfen, so gewahren wir vor Allem eine eigen-\nthümliche Umwandlung, die sich in wenigen Jahren voll-\nzog. Wo ist die steife Haltung der Gelehrten im Lande?\nwo ihre ängstlich misstrauende Miene? wo das harmlos\ngleichgültige Wesen der Geniessenden? Wir lauschen ihrer\nRede kaum erkennen wir sie wieder. Was ist mit die-\nsen Leuten vorgegangen? Sie sind „ „liberal\"\" geworden.\nDoch sie suchen wir, die bei den Klängen ihrer Kind-\nheit in behäbigem Genügen schwelgten, sie, die überall\nvon dem Gespenste der „ „Zukunftsmusik\"\" verfolgt, sich\nvor allem Neuen scheu verkrochen; ihn müssen wir wie-\ndersehen, der über den Druckfehler in einer Bach'schen\nFuge Thränen vergoss, ihn, den Fanatiker der Melodie,\nund ihn, der mit contrapunktischen Formeln die Geister\nbannte. Sie sind verschwunden. Ein Königreich für einen\nReactionär! Vergebens, sie alle sind liberal geworden. Es\nist nicht uninteressant, die verschiedenen Phasen zu verfol-\ngen, welche zu diesem Resultate führten. Da berauscht\nman sich eine Zeitlang in Schumann's Klängen; Jedermann\nwill sein unverstandenes, schmerzlich durchwühltes Inneres\nhier wiederfinden: man verbannt Alles neben dem Erko-\nrenen, es bildet sich eine förmliche Schumann-Gemeinde;\ndoch nach den zudringlichen und endlosen Liebkosungen\nder Dilettanten, die aber in Wahrheit zahllosen Misshand-\nlungen glichen, zerfliesst Schumann in mattere Umrisse.\nNun entdeckt man zunächst Schubert, den Instrumental-\nund Opern-Componisten. In einer anderen Saison will man\ndurchaus die Runenschrift des letzten Beethoven enträth-\nseln. Nun werden wir von einer wahren Bach-Manie heim-\ngesucht. Vergebens forschen wir nach einem Gesetze, wel-\nches diesen Wandlungen zu Grunde liegt. Vielmehr schei-\nnen sie, da echte historische Uebersicht noch nicht Ge-\nmeingut geworden, mehr den Charakter der Mode an\nsich zu tragen.\n„Diese allgemeine Bewegung überragend, ihr Rich-\ntung, Charakter zu verleihen, sind bedeutende Künstler,\nsind die Pflegestätten der Kunst berufen. Indem wir nach\ndiesen forschen, erblicken wir in der That eine ansehn-\nliche Reihe tüchtiger Kräfte, denen nur das Zusammen-\nwirken fehlt, während manchen Vereinigungen wieder zu-\nweilen die bedeutenden Männer fehlen. Solchen Kunst-\ngrössen, wenn sie anderswo bereits die Weihe des Ruhmes\nerhalten, ward in unserer Mitte niemals ein glänzender\nEmpfang versagt, nur verschmähte man es, oder vermochte\nnicht, sie dauernd zu fesseln, und so sehen wir sie an den\nverschiedensten Orten, oft untergeordneten Ranges, ihren\nhäuslichen Heerd aufschlagen, nur die Erinnerung bei uns\nzurücklassend. Doch nur solche auf der Höhe der Kunst\nstehende Männer vermögen es, den musicalischen Institu-\ntionen zu jenem Range zu verhelfen, den die beste Orga-\nnisation und die reichste Dotirung allein nicht schaffen.\nEs ist hier nicht unsere Absicht, von diesen musicalischen\nCentraipunkten, wie die Hofcapelle für Kirchenmusik, die\nOper, von den Concert-Instituten und Vereinen speciel zu\nsprechen. Erwähnen wir nur kurz des Conservatoriums\nfür Musik. Wir denken uns dabei eine musicalische Uni-\nversität im wahren Sinne des Wortes. Weit entfernt, in\neinem mehr oder minder mechanischen Lehr-Systeme ihr\nHeil zu suchen, richtet sie ihre Ziele auf die Leitung des\nMusiklebens überhaupt. Ihr Einfluss auf alle Fragen der\nKunst ist bestimmend und wirkt reinigend und veredelnd\nauch auf die weitesten Kreise. Durch musterwürdige Lei-\nstung wird die Mittelmässigkeit schärfer bezeichnet, es\nschwindet der Nimbus von musicalischen Gecken und\nCharlatanen, und das in ihnen gleichsam schlummernde\nnichtsdurchbohrende Gefühl wird heilsam geweckt. Auch\ndie niedrigste Sorte von Unterhaltungsmusik, die darum\nweder aufhören wird noch soll, wird durch den allmäh-"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "23", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660120-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1786, "texte": "lieh in die unteren Schichten dringenden Sinn für richti-\ngen Rhythmus und edlere Melodie verbessert. Die Anstalt,\nwelche den eigentlichen Elemenlar-Unterricht ausschliesst,\nbegibt sich desshalb nicht ihres Einflusses auf die erste\nrausicalische Bildung, sie hat zweckmässig organisirte Pä-\ndagogen-Curse zur Verbreitung rationeller Unterrichts-\nMethode und erhält dadurch einst gut vorgebildete Zög-\nlinge, von denen sie nur wirkliche Talente aufnimmt. Sie\nsorgt für allgemeine humane Bildung ihrer Zöglinge, für\nintelligente Auffassung des Künstlerberufes. Auch die Ver-\nöffentlichung besonders gelungener Werke lässt sie sich\nangelegen sein, und manches Andere, was zur Förderung\nvon Kunst und Künstlern gehört. Dies sind Wünsche,\ndie vielleicht bald ihrer Verwirklichung nahen. Eine neue\nAera scheint für Oper und Conservatorium anzubrechen.\nBereits sehen wir das prachtvolle Aeussere der einen sich\nerheben, das andere erscheint freilich erst in der Form\nvon Bauplatz und Plan, Beides gehüllt in die nebelhaften\nUmrisse eines Lotterie-Unternehmens. Möge in die neuen\nHäuser auch neues Leben einziehen!\"\nIn Bezug auf die Unterstützung durch den Staat er-\nzählt der Verfasser folgende Parabel: „Einst soll die Ton-\nkunst in Person irgend einem imaginären Minister ihre\nVisite gemacht haben, um ihn um thätige Förderung und\nSchutz zu ersuchen. „ „Meine Beste,\"\" sagte die Excellenz,\n„ „lassen Sie mich nur erst zur Ruhe kommen, alle meine\nAngelegenheiten ordnen, meine Schulden bezahlen und\netwas Erkleckliches zurücklegen, dann will ich einen\nKlingklang veranstalten, dass die Mauern Jericho's zu-\nsammenstürzen.\"\"— „„Lassen Ew. Excellenz nur immer\nanfangen,\"\" war die Antwort, „ „so wird man doch einst\nsagen können, Ihre Regierung habe wenigstens in Einer\nBeziehung Lärm gemacht.\"\""}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1866-01-20-01-c008", "article_bluemountain": "bmtnabi_1866-01-20_01#c008", "volume": "bmtnabi_1866-01-20_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "23", "page_fin": "23", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660120-01.2.5", "titre_corps": "Aus Berlin.", "titre_sommaire": "Aus Berlin.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "23", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660120-01.1.7", "debut_caractere": 1788, "fin_caractere_exclue": 6682, "texte": "Aus Berlin.\n(Ouvertüre von Yine. Lachner. Patti-Concert. Roger.\nKotzolt'scher Verein: Chorlieder von Vieri ing u. s. w.)\nDen 15. Januar 1866.\nDie vierte Sinfonie-Soiree der königlichen Capelle brachte aus-\nser den Sinfonieen in Es und B von Mozart und Beethoven und\nder Ouvertüre zu „Ruy Blas\" von Mendelssohn als Novität eine\nOuvertüre zu „Demetrius\" von Vincenz Lachner. In dem Werke\nglaubten wir eine deutsche Capellmeister-Arbeit im guten Sinne des\nWortes zu erkennen. Mit Ouvertüren, wie diese eine ist, wird kaum\nein gut eingespieltes Orchester Gefahr laufen, Fiasco zu machen,\nweil ihm der Componist den Handwerksgruss nirgend schuldig bleibt.\nNach glänzenden Erfolgen in Wien, wo, abgesehen von einigen\nWohlthätigkeits-AufFührungen, vierzehn Concerte veranstaltet wur-\nden und keines unter ihnen die Zuhörerräume wie die Casse des\nklugen Impresario ungefüllt liess, ist die Ullm an'sehe Virtuosen-\nGesellschaft auf ein paar Abende zu uns zurückgekehrt. Das in den\nRäumen des Friedrich-Wilhelmstädiischen Theaters Statt gefundene\nPatti-Concert brachte Altes und Neues in bunter Reihe. In die\nStelle Jaell's und Piatti's sind die Herren Brassin und Grütz-\nmacher eingetreten. Der Erstere erwies sich als einen Pianisten\nvon allseitig entwickelter Technik und einer bis ins Einzelne sorg-\nfältig und maassvoll ausgearbeiteten Vortragsweise. Der Ton des\nCellisten hat, wie uns dünkt, gegen früher an Kern und Fülle, sein\nAusdruck an Objectivität noch erheblich gewonnen. Die Reinheit\nder Intonation, wie die Sauberkeit der Passage sind tadellos; in dem\nSchmelz und der Süssigkeit des Klanges, wie in dem individuellen\nReize der Auffassung erreicht er freilich nicht den Vorgänger. Als\nneuer Alliirter hat sich dem Ullman'schen Wander-Concerte Roger\nangeschlossen. Zwar seinem Erlkönig vermochten wir diesmal eben\nso wenig als früher irgend welchen Genuss abzugewinnen. In dem\nSoldatenliede aus der Weissen Dame, das zuerst französisch, dann\nauf den Dacaporuf der Hörer deutsch gesungen wurde, fanden wir\ndagegen den Tenoristen, den geistvollsten und liebenswürdigsten\nunter allen, die an unserer Erinnerung vorüberschreiten, in seinem\nheimischen Elemente. Bewunderungswürdig war die Kunst, welche\nhier über das durch die Zeit verwüstete Material schaltete. Noch\nimmer schätzen wir diesen Schattenriss des einst so farbenfrischen\nBildes ungleich höher, als alles, was uns die übrigen Sänger des\nGeorge Brown in der Arie zu bieten vermochten. Carlotta Patti\nbeschenkte uns mit ihren hellsten Ton-Krystallen; kaum entsinnen\nwir uns, dass ihr die Stimme so gewogen gewesen, als diesmal.\nWährend der ersten Arie aus Verdi's Traviata durfte sie ihre hohen\nTrümpfe unbekümmert in Petto behalten; der von feinem Schön-\nheitsgefühle abgewogene, in jedem Zuge lebendig charakterisirte\nVortrag brachte ihr den lauten Beifall der Massen, wie die geräusch-\nlosere Anerkennung aller Kundigen ein.\nDie Kotzolt'sehen Liederabende, deren Ertrag in die\nUnterstützungs-Casse des Tonkünstler-Vereins fliesst, nahmen am\nDonnerstag im Arnim'schen Saale ihren Anfang. Sie stellen sich\nals ein weltliches Pendant unserer Domchor-Soireen dar und erwer-\nben sich das Verdienst, einige Gattungen der Kunst, die bisher un-\nserem Concertwesen ziemlich fern lagen, weiteren Kreisen zum Ge-\nnüsse darzubieten. Ein paar Madrigale von John Dowland (1597)\nund Hans Leo Hassler (1601) standen an der Spitze des Programms.\nDas Hassler'sche Madrigal war zu unserer Ueberraschung nichts\nAnderes, als der bekannte Choral: „Befiehl du deine Wege\", oder:\n„Wenn ich einmal soll scheiden\". Auch die Lebenden gelangten in\ndem Concerte zum Worte. Vierling war durch zwei Chorlieder\nvertreten, das Goethe'sche „Füllest wieder Busch und Thal\", und\n„Die Täuschung\" von Beck. Beide gehören zu dem Besten, das uns\ndie jüngste Zeit in dieser Gattung geboten; das erstere (für Alt, zwei\nTenore und Bass) fesselt durch den ruhigen Fluss der Polyphonie,\nwie durch das harmonische Colorit der Stimmung, das andere durch\ndramatische Lebendigkeit. Das Goethe'sche Gedicht, eines der me-\nlodischsten Gebilde unserer Literatur, das scheinbar von Musik über-\nquillt, widerstrebt dabei doch in nicht geringem Maasse der Ueber-\ntragung in Klang und Ton. Mit nicht geringem Geschicke hat hier\nder Componist die gehäuften Schwierigkeiten der Aufgabe überwun-\nden. Dem Reissmann1 sehen Nachtliede: „Schlaf' ein, mein Herz\",\nvon Rückert sind ernste Innerlichkeit und gewandte formelle Ge-\nstaltung nachzurühmen. Die übrigen Chorsätze bestanden in eini-\ngen Mendelssohn'schen Quartetten und dem so anmuthvollen, mit\nder Naivetät des Volksliedes glücklich wetteifernden Schumann'schen\n„Schifflein\". Mit sämmtlichen Vorträgen legte der Kotzolt'sche\nVerein besondere Ehre ein; wir freuten uns der sicheren Intonation,\ndes gebildeten Stimmklangs und der fein empfundenen Züge im\nAusdrucke. In den Sologesang theilten sich Fräulein Antonie\nKotzolt und Herr Otto."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1866-01-20-01-c009", "article_bluemountain": "bmtnabi_1866-01-20_01#c009", "volume": "bmtnabi_1866-01-20_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "24", "page_fin": "24", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660120-01.2.6", "titre_corps": "Sechstes Gesellschafts-Concert in Köln im Gürzenich,", "titre_sommaire": "Sechstes Gesellschafts-Concert in Köln im Gürzenich,", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "24", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660120-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3060, "texte": "Sechstes Gesellschafts-Concert in Köln im Gürzenich,\nDinstag, den 16. Januar 1866.\nProgramm. I. Theil. 1. Macfarren, Ouvertüre zu Chevy\nChace (historische Ballade). Manuscript. (Zum ersten Male.) 2.\nL. Spohr, Concertante für zwei Violinen und Orchester (die Her-\nren Concertmeister von König slow und Jap ha). 3. Arie des\nTristan d'Acunha aus Jessonda von Spohr (Herr Hof-Opernsänger\nMax Stägemann aus Hannover). 4. Beethoven, Sinfonie\nNr. VIII.\n11. Theil. Max Bruch, Scenen aus der Frithjofs-Sage,\nfür Soli, Männerchor und Orchester. Unter Leitung des Componisten.\n(Soli: Fräulein Elise Eempel: Ingeborg. Herr M. Stägemann:\nFrithjof.) Zum ersten Male.\nWegen Unwohlseins des Herrn Capelimeisters Hiller hatte Herr\nMusik-Director Franz Weber die Direction übernommen.\nDie Ouvertüre nach oder zu einer Ballade, deren Inhalt eine\nJagd darstellt, schildert den Jagdlärm etwas gar zu handgreiflich\nund scheint uns keines der besseren Werke des in England geschätz-\nten Componisten, dessen musicalisches Wissen wir ebenfalls achtend\nanerkennen, zu sein.\nDie Doppel-Concertante von Spohr kommt als Composition\nden meisten Concerten des grossen Geigers für die Violine nicht\ngleich, hat aber, wie Alles von Spohr, fliessende Melodieen und\nhübsche Modulationen und wurde von den beiden Spielern vortreff-\nlich vorgetragen, so dass sie nach jedem Satze rauschenden Applaus\ndavontrugen. Herr Stägemann sang die Arie aus Jessonda\nmit schöner Stimme und edlem Vortrage und ärntete wiederholten\nBeifall und Hervorruf. Die achte Sinfonie von Beethoven wurde\nrecht brav ausgeführt, namentlich der erste, dritte und vierte Satz\nderselben; das reizende Allegretto hätte etwas zarter und duftiger\nsein können.\nBruch's „Frithj of\" kam denn endlich, nachdem er in Aachen,\nCrefeld, Leipzig, Wien aufgeführt, auch in der Vaterstadt des Com-\nponisten zur Aufführung, eine Verspätung, die in den bekannten\nSchwierigkeiten liegt, welche sich überall zeigen, wenn es sich um\neine Vereinigung von Männerchören aus den verschiedenen „Ver-\neinen\" handelt. Wenn diese Schwierigkeiten bei der hiesigen Auf-\nführung auch äusserlich gehoben erschienen, so war dennoch der\nChor, zu welchem der kölner Männer-Gesangverein, der Sänger-\nbund, der Concertchor, der städtische Singverein und die Akademie\nihr Contingent geliefert hatten, zu schwach gegen das Gürzenich-\nOrchester, und auch die Ausführung der Chöre liess an Präcision\nund Ausdruck gar Manches zu wünschen übrig. Eines bloss künst-\nlerischen Zweckes wegen alle Proben zu besuchen, ist zu viel ver-\nlangt! Die Soli wurden vortrefflich gesungen. Fräulein Rempel\ntrug die Arioso's der Ingeborg, namentlich „Ingeborg's Klage\", mit\nihrer sympathischen Stimme mit ergreifendem Ausdrucke vor, und\nHerr Stägemann war sowohl in den dramatischen, Stellen er-\nschütternd gross, als in den lyrischen zart und gefühlvoll; jedem\nAusdrucke, den die schöne Composition, über deren hohen Werth\nwir uns schon wiederholt ausgesprochen, fordert, verstand der treff-\nliche Sänger seine vollklingende Baritonstimme auf echt künstleri-\nsche Weise anzupassen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1866-01-20-01-c010", "article_bluemountain": "bmtnabi_1866-01-20_01#c010", "volume": "bmtnabi_1866-01-20_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "24", "page_fin": "24", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660120-01.2.7", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "24", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660120-01.1.8", "debut_caractere": 3062, "fin_caractere_exclue": 5278, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKLolil, 19. Januar. Gestern gaben die Herren Gebrüder\nMüller auf ihrer Reise nach Paris hier noch eine Soiree, in wel-\ncher sie ein Quartett von Haydn [B-dur mit dem originellen Trio\ndes Menuetts), dann Nr. 5 von Op. 18 von Beethoven, und das\nQuartett in G-dur von Franz Schubert mit ihrer bekannten Mei-\nsterschaft vortrugen. Die Virtuosität war am meisten in dem ge-\nwaltigen, etwas wilden und wüsten Werke von Schubert zu bewun-\ndern; die Krone der Leistung in vollendet künstlerischem Vortrage\nwaren die Variationen von Beethoven.\nISratinschweig. In einem der letzten Concerte im vori-\ngen Jahre hörten wir das Oratorium „Jephta\" von Reinthaler.\nSehr verschieden ist in der Composition der Charakter der beiden\nAbtheilungen gehalten. Während der erste Theil durch sehr kunst-\nvolle Formen sich auszeichnet, dabei aber etwas zu breit und trocken\nerscheint, bietet die zweite Abtheilung viele schöne Einzelheiten.\nSehr schön ist das Quartett Nr. 11, bei welchem leider die Indispo-\nsition des Herrn Thelen die volle Klarheit der Wirkung störte.\nVon reizender Wirkung ist dann auch das Frauen-Terzett Nr. 23;\nferner bietet die ganze Partie der Mirjam viele anmuthige und ge-\nfällige Stellen. Von wahrhaft grossartiger Wirkung ist gegen den\nSchluss der Chor des Volkes: „Wehe uns, die Stimme des Herrn44\nu. s. w., welche durch wirksame Instrumentirung noch besonders\ngehoben wird. Die Aufführung, welche Herr Hof-Capellmeister Abt\nleitete, wurde durch Unwohlsein des Herrn Thelen auf bedauer-\nliche Weise gestört; die Heiserkeit nöthigte ihn zuletzt, einen gros-\nsen Theil der Partie ganz wegzulassen. Fräulein Rothenberger\naus Köln, von einer früheren Aufführung der „Schöpfung\" hier im\nbesten Andenken, sang die Sopran-Partie mit sehr schöner Stimme,\nmusicalisch correct und mit vortrefflichem Ausdrucke. Namentlich\ngelang ihr auch der Triller sehr gut. Fräulein Gindele entfaltete\ndie Schönheit ihrer Stimme sehr wirksam. Besonders lobenswerth\nsang Herr Wolters, dessen gründliche musicalische Anlage im\nOratoriengesange zur schönsten Geltung kommt.\nAbbe Franz Liszt wird im Mai in London erwartet, wo\ner nebst einer neuen auch seine Graner Messe zur Aufführung zu\nbringen gedenkt."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "17", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660120-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nBemerkungen über das Quartettspiel (Fortsetzung, statt Schluss). Aus Bonn (Abonnements-Concerte). Von —h.\nDas musicalische Wien (Musikleben und Musik-Institute). Aus Berlin (Ouvertüre von Vinc. Lacbner —'Patti-Concert Roger\nKotzolt'scher Verein: Chorlieder von Vierling u. s. w.) Sechstes Gesellschafts-Concert in Köln im Gürzenich. Tages- und Unter-\nhaltungsblatt (Köln, Soiree der Gebrüder Müller Braunschweig, Reinthaler's „Jephta\").\n\nBemerkungen über das Quartettspiel.\n(Fortsetzung, statt Schluss. S. Nr. 2.)\nEs fragt sich : können die Gesetze des Vortrags eines\nMusikstückes im Geiste des Componisten für das Quartett\nandere sein, als für alle übrige Musik?\nMan sollte meinen, dass eine solche Frage keine Frage\nsein könnte, da das Quartett als die reinste und höchste\nGattung der Instrumentalmusik unmöglich andere oder\ngar geringere Forderungen an den ästhetischen Vortrag\nstellen könne und dürfe, als jede andere Composition.\nTrotzdem, dass diese Schlussfolge durch innere Eigen-\nschaften der Quartett-Compositionen unmöglich umgestos-\nsen werden kann, hat man doch in dem äusseren Um-\nstände, dass das Quartett durch vier Spieler und nicht\ndurch Einen ausgeführt wird, einen Grund finden wollen,\ndie Freiheit im Vortrage desselben zu beschränken, was\nnichts Anderes ist, als den Ausdruck um seine Seele brin-\ngen. Wenn der Ausspruch über eine Quartettleistung von\nvier Künstlern: „sie spielen wie Ein Mann\", sich nur auf\ndie Präcision beziehen soll, so lässt ein solches Lob heut-\nzutage sich unschwer verdienen; bezieht es sich aber nicht\nauf die technische und tactische Nuancirung und Genauig-\nkeit, sondern auf die vollkommenste Uebereinstimmung\nerstens bei der dynamischen Schattirung nicht bloss im\nforte und piano,sondern auch im und dimi-\nnuendo mit allen darin liegenden Feinheiten, zweitens bei\ndem Ausdrucke des Innerlichen durch entsprechende Mo-\ndification des Tones und Freiheit in der Bewegung, dann\nenthält jener Ausspruch das grösste Lob, das man einem\nQuartett-Vereine spenden kann.\nWenn man nun auch das Erste, die dynamische\nSchattirung durch Stark und Schwach, den Quartettspie-\nlern einräumt und diese Art des Ausdrucks im Vortrage\nnicht nur für berechtigt, sondern auch für nothwendig\nerachtet, also in demselben Maasse dem Quartette als\nwesentlich zuerkennt, wie jeder anderen Musik und\nauch die Quartettspieler die Forderung dieser Ausdrucks-\nweise oft sogar zu scharf ins Auge fassen, so dass ihre\nContraste zwischen forte und piano affectirt und coquett\nerscheinen und ihr piano zu einem unvernehmbaren Ton-\ngesäusel wird: so hört man doch oft Stimmen, welche\nden Quartetlspielern das Recht der Freiheit im Zeitmaasse\nBehufs des seelischen Ausdrucks absprechen wollen. Son-\nderbar! Als wenn man die Wahrheit nur stückweise \"gel-\nten lassen und, was bei der Clavier-Sonate und jedem\nGesang- und Instrumental-Solo verlangt wird, beim Quar-\ntette verpönen müsste!\nWir kommen also auf diejenige Art des Vortrages zu\nreden, welche die älteren Italiäner im Allgemeinen mit\nTempo rvhato bezeichneten, die Deutschen neuerdings\nTactfreiheit zu nennen pflegen. Da der Leser durch das\nbisher Gesagte wohl schon erwarten wird, dass wir uns\nfür die Anwendung jener Freiheit auch im Quartettspiel\nerklären, so erinnern wir im voraus, um Missverständnis-\nsen zu begegnen, an dasjenige, was wir über die so ge-\nnannte individuelle Auffassung und über den „Geist der\nNeuzeit\" oben bemerkt haben; beiden machen wir auch\nin diesem besonderen Punkte der Vortragsfreiheit nicht\ndie geringste Concession, sondern erkennen nur, wenn\nman so sagen kann, eine Haydn'sche, Mozart'sche, Beet-\nhoven'sche, Spohr'sche Auffassung, d. h. eine solche, wie\nsie der jedesmalige Charakter des Stückes oder der ein-\nzelnen Stelle bedingt, als die allein richtige und allein\nmaassgebende an.\nEs ist allgemein anerkannt, dass das Abspielen eines\nMusikstückes nach dem Metronom den eigentlichen Aus-\ndruck des Geistes der Composition unmöglich macht. Es\nist diese Annahme aber nicht etwa eine Errungenschaft\nder neuesten Zeit, wofür man sie zuweilen ausgeben will,\nsondern dieselbe Ueberzeugung war bei den Musikern\nschon längst da und wurde, wenn auch nicht so häufig"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "18", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660120-01.1.2", "texte": "als Lehrsatz ausgesprochen, doch im Vortrage befolgt.\nDas geht namentlich aus den Gesangschulen der älteren\nItaliäner hervor, und auch für die Instrumental-, nament-\nlich Ciaviermusik hat es nicht an Bemerkungen und Vor-\nschriften darüber und an Zeugnissen für die Anwendung\ndieser Vortragsweise durch die grössten Tonkünstler ge-\nfehlt. So sagt schon C. Ph. Em. Bach in seinem „Ver-\nsuche über die wahre Art, das Ciavier zu spielen\", in dem\ndritten Hauptstücke: „Ueber den Vortrag\", §.7: „Es\ngehört dazu eine Freiheit der Bewegung, die alles Sclavi-\nsche und Maschinenmässige ausschliesst; aus der Seele\nmuss man spielen und nicht wie ein abgerichteter Vogel.\"\nDen freien Vortrag hat derselbe C. P. E. Bach ge-\nschildert. Er sagt („Vom Vortrage\" S. 134) unter An-\nderem: „Aus Affect lässt man zuweilen sowohl die Noten\nals Pausen länger gelten, als die Schreibart erfordert. Die-\nser Ausdruck kommt aber eher in langsamem oder ge-\nmässigtem, als sehr geschwindem Zeitmaasse vor. Im er-\nsten Allegro und darauf folgenden Adagio der sechsten\nSonate in H-mollmeines zweiten gedruckten Theiles sind\nauch Beispiele hiervon. Besonders im Adagio kommt ein\nGedanke durch eine dreimalige Transposition, in der rech-\nten Hand mit Octaven und in der linken mit geschwinden\nNoten, vor; dieser wird geschickt durch ein allmähliches,\ngelindes Eilen bei jeder Uebersetzung ausgeführt, welches\nkurz darauf sehr wohl mit einem Anhalten im Tacte ab-\nwechselt. Man hüte sich bei dem affectuösen Spiele aber,\ndass man nicht zu oft, nicht gar zu sehr anhalte, und end-\nlich auch nicht das ganze Tempo biedurch schleppend\nmache. Der Affect verführt hierzu gar leicht. Hieher ge-\nhört das Tempo rubato.ln der Andeutung desselben ha-\nben die Figuren bald mehr, bald weniger Noten, als die\nEintheilung des Tactes erlaubt. Man kann dadurch einen\nTheil des Tactes, einen ganzen, auch mehrere Tacte so\nzu sagen verziehen. Das Schwerste und Hauptsächlichste\nhierbei ist, dass alle Noten von gleicher Geltung auch\naufs strengste gleich vorgetragen werden müssen. Wenn\ndie Ausführung so ist, dass man mit der einen Hand wi-\nder den Tact zu spielen scheint, während die andere aufs\npünktlichste alle Tacttheile anschlägt, so hat man gethan,\nwas man hat thun sollen. Langsame Noten, schmeichelnde\nund traurige Gedanken sind alsdann die geschicktesten.\nAuch dissonirende Harmonieen schicken sich hierzu besser,\nals consonirende Sätze. Es gehört zur richtigen Ausfüh-\nrung dieses Tempo's viel Urtheilskraft und ganz besonders\nviel Empfindung. Wer Beides hat, dem wird es nicht\nschwer fallen, mit aller Freiheit, die nicht den ge-\nringsten Zwang verträgt, seinen Vortrag einzurich-\nten, und er würde, wenn es sein müssle und dürfte, alle\nGedanken verziehen können. Anders aber wird bei aller\nMühe, ohne hinlängliche Empfindung, nichts Rechtes aus-\ngerichtet werden können. In meinen Ciaviersachen findet\nman viele Proben von diesem Tempo. Die Eintheilung\nund Andeutung davon ist so gut, als es sein konnte, aus-\ngedrückt. Wer Meister in der Ausführung dieses Tempo's\nist, bindet sich nicht immer an die hingesetzten Zahlen.\"\nNoch merkwürdiger und wichtiger für das Ziel, das\nwir hauptsächlich bei diesem Aufsatze im Auge haben,\nnämlich auch in dem Quartettspiel die Anwendung des\nfreien Vortrages zu rechtfertigen und zu verlangen, ist\nfolgende Stelle (S. 1*24): „Wiewohl man, um nicht un-\ndeutlich zu werden, alle Pausen sowohl als Noten nach\nder Strenge des erwählten Tempo aushalten muss, ausge-\nnommen in Fermaten und Cadenzen, kann man doch öfter\ndie schönsten Fehler wider den Tact mit Fleiss begehen,\nnur mit dem Unterschiede, dass, wenn man allein oder\nmit wenigen und zwar verständigen Personen\nzusammenspielt, solches dergestalt geschehen muss,\ndass man der ganzen Bewegung zuweilen einige Ge-\nwalt anthut; die Mitspielenden werden darüber aufmerk-\nsam werden und in unsere Absichten eingehen.\"\nSehr richtig drückt sich Ferdinand Hand in seiner\n„Aesthetik der Tonkunst\" (auch schon vor dreissig Jah-\nren!), einem Werke, das mehr musicalische Vernunft ent-\nhält, als fünfzig andere Bücher neuester Aesthetiker und\nAusleger, über den freien Vortrag aus. „Nicht weniger\"\nsagt er 186 ff. „als die Tonfolge ist das Rhythmi-\nsche dem Gesetze der formalen Schönheit unterworfen.\nIn so fern der Rhythmus, in welchem die Töne zur Er-\nscheinung kommen und Geltung gewinnen, an eine Gesetz-\nlichkeit gebunden ist, welche wir im regelmässigen Ab-\nschlüsse Tact nennen, muss, wenn er als schön wirken\nsoll, das Symmetrische in freie Bewegung treten und das\nGleichmaass mit dem Mannigfaltigen so sich verbinden,\ndass die vom Rhythmus verliehene Form und Gestaltung\ninnerhalb ihrer Begränzung geistiges Leben erkennen lässt.\nSo bewegt sich in dem gleichartigen Tacte ein durch die\nRegungen des Gefühls frei gestalteter Rhythmus; wo da-\ngegen das Gleichmässige beschränkend vorherrscht, ent-\nsteht eine berechnete Verständigkeit, welche zum Schwer-\nfälligen und zur Steifheit werden, ja, bis zur gänzlichen\nUnschönheit herabsinken kann. Jede willkürliche Ver-\nletzung des Rhythmus und Tactes übt eine zerstörende\nWirkung auf Melodie und Harmonie aus und kann auf\neine völlige Destruction der Musik führen, besonders in\neinem Quartette, und dennoch darf dem Vortrage die\nFreiheit nicht fehlen, welche die Schönheit überall er-\nheischt. Tactfreiheit ist nicht Tactlosigkeit. Schön\nwird daher derjenige vortragen, welcher den Tact nicht\nals anzulegende Fessel, sondern frei behandelt, ohne je-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "19", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660120-01.1.3", "texte": "raals aus dem Tacte zu kommen. Dies verstehen aber die-\njenigen Musiker falsch, welche durch ein willkürliches\nZögern und Eilen einen individuellen Ausdruck erzielen,\nan das begleitende Orchester oder den singenden Chor\neine fast grausame Anforderung fortdauernden Nachge-\nbens richten und dabei oftmals den Charakter und Sinn\neines Kunstwerkes zerstören. Bei einem Vortrage, welcher\nmit dem Zeitmaasse nach Willkür schaltet, erscheinen\nnicht selten ganz verschiedene Figuren, und es ergibt sich\nein anderer Sinn, ja, ein dem Kunstwerke ganz fremdarti-\nger Inhalt. Rhythmen, in denen die Zeitverhältnisse mit\ndem Kraftverhältnisse einstimmen und beide in sich aus-\ngeglichen sind, erscheinen schöner, als diejenigen, in wel-\nchen das Eine oder das Andere überwiegt. Auch hier\nwird Einheit und Ebenmaass erfordert.\n„Der Zweck freier Bewegung, welche das Regelmäs-\nsige dem Zwange entreisst, hat die synkopirte Bewegung\nund die rhythmische Rückung erfinden und anwenden\nlassen. In der Synkope, wo der zweite leichte Tacttheil\nden Ton an sich zieht, der dem folgenden guten Tact-\ntheile zufallen sollte, mag immerhin dem Regelmässigen\nEintrag geschehen, die gewonnene Bewegung verräth ein\ngeistiges Princip. Auch die rhythmische Mannigfaltigkeit,\nwelche erreicht wird, indem in ungerader Eintheilung des\nTactes dem ersten, kürzeren und schwächeren Theile der\nzweite, an sich minder schwere durch Länge und Kraft\nvorgezogen wird, darf nicht als Verzerrung der rhythmi-\nschen Proportion betrachtet werden, sondern dient, auch\nausser charakteristischer Zeichnung (wie in Pergolese's\nStabat Mater die vielbesprochene Stelle zur Bezeichnung\ndes Scbluchzens der weinenden Mutter), zum Gewinne rein\nformaler Schönheit. Neuere Meister, namentlich Beetho-\nven, haben für diesen Zweck auch neue Wege gefunden.\"\nFügen wir nun von den Tonkünstlern unseres Jahr-\nhunderts noch C. M. von Weber's Ansicht über dieselbe\nSache hinzu. „Der Tact, das Tempo soll nicht ein tyran-\nnisch hemmend oder treibender Mühlenhammer sein, son-\ndern dem Musikstücke das, was der Pulsschlag dem Leben\ndes Menschen ist. Es gibt kein langsames Tempo, in dem\nnicht Stellen vorkämen, die eine raschere Bewegung for-\nderten; es gibt kein Presto, das nicht eben so, im Gegen-\nsatze, den ruhigen Vortrag mancher Stelle verlangt, um\nnicht durch Uebereilen die Mittel zum Ausdrucke zu\nbenehmen*). Das Vorwärtsgehen im Tempo, wie das Zu-\nRückbalten, darf aber nie das Gefühl des Rückenden oder\nGewaltsamen erzeugen, es kann in musicalischer und\npoetischer Bedeutung nur perioden- und phrasen-\nweise geschehen, bedingt durch die Leidenschaftlichkeit\ndes Ausdrucks. Für alles dieses haben wir keine Bezeich-\nnungsmittel: diese liegen allein in der fühlenden Men-\nschenbrust, und finden sie sich da nicht, so hilft weder\nder Metronom, noch die ausführlichsten Andeutungen.\"\n(Brief an Präger. Berliner Mus.-Ztg., 1827, Nr. 28.)\nVon Beethoven wissen wir durch Ries, Schindler,\nCzerny und einzelne Bemerkungen des Meisters selbst\n(z. B. auf dem Manuscripte des Liedes: „So oder so\",\nfrüher im Besitze von Artaria: „100 nach Mälzl, doch\nkann dies nur von den ersten Tacten gelten, denn die Em-\npfindung hat auch ihren Tact\"), dass er seine Compositionen\nselbst mit freier Tempobewegung vorgetragen und bei\nAusführungen durch Andere sehr auf dieselbe Art des\nVortrages gehalten habe. J. Seyfried sagt in Beziehung\nauf Letzteres (Charakterzüge und Anekdoten, S. 18): „Be-\nzüglich des Ausdrucks, der kleineren Nuancen, der eben-\nmässigen Vertheilung von Licht und Schatten, so wie\neines wirksamen Tempo hielt er auf grosse\nGenauigkeit und besprach sich gern einzeln mit Jedem\ndarüber. Wenn er nur gewahrte, wie die Musiker in seine\nIdeen eingingen, mit wachsendem Feuer zusammen spiel-\nten u. s. w., dann verklärte sich freudig sein Antlitz und\nein bravi tutti belohnte die gelungene Kunstleistung.\"\nDiese Stelle bezieht sich, wie man sieht, nicht bloss\nauf Einzel-, sondern auch auf Gesammt-Vorträge, und\nführt uns speciel auf unser Thema zurück, dass ein „wirk-\nsames Tempo rubato\" auch im Quartette, ja, wir gehen\nnoch weiter, auch in Orchester-Musikstücken am Orte\nsein könne.\nEin Tempo ruhatol Verständigen wir uns zuerst\nüber die Ausdrücke, über die Art der Bezeichnung\ndesjenigen Vortragsmittels, welches in der theilweisen Ab-\nweichung vom strengen Maasse der Bewegung besteht.\nDie Italiäner im vorigen Jahrhundert und früher hat-\nten bei dem ihnen angeborenen musicalischen Sinne sehr\nbald erkannt, dass „die Empfindung ihren besonderen\nTact\" habe, und bezeichneten die Freiheit der Bewegung\nim Vortrage gewisser Stellen, welche einen besonderen\nGefühls-Ausdruck erfordern, durch Tempo rubato, oder\nRubamento di tempo,d. h. wörtlich: „geraubtes, d. i.\nentzogenes, entrücktes, aufgehobenes Tempo\". Es war\ndies nicht „eine Mode\" des achtzehnten Jahrhunderts, wie\nMarx (Vortrag Beetboven'scher Ciavierwerke, S. 68) sagt,\nsondern die Bezeichnung einer Ausdrucksweise der Gan-\ntilene, durch welche der Empfindung ihr Recht über das\nZeitmaass in Bezug auf langsamere oder schnellere Bewe-\n\n*) Ein Beispiel gibt das bekannte Finale der (7-c2wr-Sonate\ndes Meisters, in welcher er selbst die Stelle, wo der Bass mit den\nfragenden Achteln eintritt, u. s. w., stets langsamer\nnahm. Die Bedaction.\nIs"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "20", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660120-01.1.4", "texte": "gung eingeräumt und der strenge Tact für die damit be-\nzeichneten Stellen aufgehoben wurde. Es wurde also da-\nmit diejenige dem Geiste und Charakter des Stückes an-\ngemessene Freiheit des Vortrages bezweckt, welche bis\nauf den heutigen Tag eine allgemein anerkannte Forde-\nrung an den Vortragenden ist. Für die Entartung in\nein Tact und Harmonie zerstörendes Schleppen oder Eilen\noder Verweilen auf Einem Tone darf man die Sache selbst\nnicht verantwortlich machen, sondern nur die Personen,\ndie sie missbrauchen und einen Vorzug im Vortragen zur\nUnart machen, was allerdings die italiänischen Sänger nicht\nnur des vorigen Jahrhunderts gethan haben, sondern ge-\ngenwärtig noch thun, und die deutschen auf noch plum-\npere Manier nachahmen!\nDie deutschen Musik-Schriftsteller, z. B. Hand (s. oben)\nund Andere, haben das Wesen der Sache durch „Tact-\nfreiheit\" bezeichnet, ein Wort, welches durch unseren\nSprachgebrauch: „im Tacte spielen\", womit wir das\nWahrnehmen eines gleichen Tempo's bezeichnen, gerecht-\nfertigt wird. „Freiheit der Bewegung\" würde indess die\nSache deutlicher ausdrücken, da in der Hauptsache beim\nTempo rubatonicht der Tact in sich, sondern das Tempo\ngeändert wird. Der Tact ist das Metrum; so wie dieses\nim Vortrage des Verses durch die bewegte Declamation\nnicht verwischt werden darf, so verhält es sich mit der\nBeobachtung des Tactes in sich bei der Modification des\nTempo's einer Phrase. Zum Beispiel in der bekannten\nStelle zu Anfang des Scherzo der fünften Sinfonie von\nBeethoven:\ndarf bei der zurückaltenden Bewegung der Dreiviertel-\nTact, das metrische Verhältniss von 2 und 1, der rela-\ntive Werth der Noten in jedem Tacte nicht verändert wer-\nden. Soll Beides Statt finden, Aufhebung des Tempo's\nund demselben entsprechende Aenderung des Tactes, so\nmuss dieses besonders bezeichnet werden, wie z. B. bei\nBeethoven im Scherzo der Erowo die Stelle:\nin den Alla-brev\nübergeht.\nSind denn nun diese Stellen etwas Anderes, als\nrubato? Wenn ein Dirigent sie, ohne dass die Bezeich-\nnungen ritardando und alla breve dabei ständen, im Tem-\npo rubato hätte ausführen lassen, würde er dadurch nicht\nBeethoven's Intention errathen haben? Und warum hat\nsie Beethoven so bezeichnet, wie er gethan? Doch offen-\nbar, um der pedantischen Ausführung in strengem Tempo\nvorzubeugen! Und das noch dazu in der Sinfonie! Und\nwas er dem Orchester vorschreibt, das sollte bei dem\nQuartett verpönt sein?\n(Schluss folgt.)\n\nAus Bonn.\n\nDen 15. Januar 1866.\nAls wir nach dem Schlüsse der letzten Concert-Saison\nin diesen Blättern einen Ueberblick über die hier Statt\ngehabten Aufführungen gaben, schlössen wir unseren Be-\nricht mit dem Erwarten, dass alle an der Pflege und He-\nbung der Musik Betheiligten ihr Interesse für diese Kunst\nrege erhalten und nach Möglichkeit erhöhen würden.\nEs gereicht uns zur Freude, heute sagen zu können, dass\nwir uns in diesen Erwartungen nicht getäuscht finden;\ndie Zahl der Besucher der Concerte scheint uns zum min-\ndesten nicht abgenommen zu haben, und gegenüber einer\naufmerksamen Zuhörerschaft bemerken wir ein wohlbe-\nsetztes Orchester und einen Chor, welcher die an ihn\nherantretenden Aufgaben mit Fleiss und Liebe zu lösen\nbestrebt ist.\nDen bis jetzt Statt gehabten drei Concerten waren\nfolgende Programme zu Grunde gelegt:\nI. Concert. 1. Cherubini, Ouvertüre zu den Abenee-\nragen. 2. Spohr, Concert für die Violine (Nr. IX), vorge-\ntragen von Herrn Ludwig Straus aus London. 3. Hil-\nler, „0 weint um sie\", für Solo, Chor und Orchester\n(Sopran-Solo: Frau Knöpges-Saart aus Köln). 4. a)\nPräludium von J. S. Bach, b) Abendlied von Schumann,\nfür Violine, vorgetragen von Herrn Straus. 5. Schu-\nmann, R., „Zigeunerleben\" für Chor und Orchester. 6.\nBeethoven, L. van, Sinfonie Nr. VI,\n11. Concert. „Elias\", Oratorium von F. Mendelssohn-\nBartholdy. (Solisten: Frau Knöpges-Saart, Sopran;\nFräulein Adele Asmann aus Barmen, Alt; Herr Göb-\nbels aus Aachen, Tenor; Herr C. Hill aus Frankfurt,\nBass.)\n111. Concert. 1. Rietz, J., Concert-Ouverture. 2. Re-\ngina coeli,Chor von Antonio Caldara (1678) mit Instru-\nmentation von C. J. Brambach. 3. Concert für Pianoforte\n[C-moU) von Beethoven (vorgetragen von Frau Pflug-\nhaupt, herzoglich Sachsen-Meiningen'schen Hofpianistin)."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "21", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660120-01.1.5", "texte": "4. Zwei Weihnachtsliedlein für gemischten Chor von Leon-\nhard Schröter (componirt 1587). 5. Barcarole von\nRubinstein, b) La Campanella, Etüde nach Paganini von\nLiszt (vorgetragen von Frau Pflughaupt). 6. Sinfonie\nNr. 1 (B-dur)von R. Schumann.\nUnter der bewährten Leitung des städtischen Musik-\nDirectors Herrn J. Brambach waren die Ausführungen\ndieser Programme zufriedenstellend, und Hessen bei den\nmeisten Nummern die Zuhörer es an den üblichen Beifalls-\nbezeigungen nicht fehlen. So machte namentlich die prä-\ncise und schwungvolle Aufführung der Sinfonie Pastorale\nin dem ersten und der Sinfonie von Schumann in\ndem dritten Concerte den gewohnten erhebenden Ein-\ndruck, wie denn auch die Solo-Vorträge des Herrn Straus\n(I. Concert) das Publicum zu enthusiastischem Applaus und\nHervorruf veranlassten. Wir bedauern, nicht das Gleiche\nüber den Erfolg der Frau Pflughaupt sagen zu können;\nes gelang ihr weder durch das Concert von Beethoven,\nnoch durch die Solostücke von Rubinstein und Liszt, die\nZuhörer zu erwärmen, geschweige denn zu begeistern,\nund sie errang daher auch nur einen succes d'estime.\nUnter den grösseren Musikstücken müssen wir den\n„Elias\" von Mendelssohn, als den Glanzpunkt der Con-\ncerte bildend, bezeichnen. Die Ausführung war vorzüg-\nlich, und ist namentlich in Bezug auf dieses Werk das\nzu bestätigen, was wir bereits oben über den Chor sagen\nkonnten.\nBei manchen Zuhörern, welchen Frau Knöpges-Saart\nin dem ersten Concerte nicht sehr gefallen, hat sich in\ndem zweiten, in welchem,sie ebenfalls die Sopran-Partie\nsang, ein günstigeres Urtheil gebildet. Anerkennung\nund Beifall erlangte in höherem Grade Fräulein Adele\nAsmann, deren Stimme an Wohllaut und Stärke zuge-\nnommen; sie trug ihre Partie mit richtigem Verständnisse\nund ausdrucksvoll vor. Herr Göbbels war bemüht, seine\nAufgabe nach besten Kräften zu lösen. Die Leistungen\ndes Herrn Hill, des Trägers der Hauptrolle, sind zu be-\nkannt, als dass wir es für nöthig halten, zu dessen Lobe\nnoch etwas zu sagen. Unter den Oratoriensängern Deutsch-\nlands unstreitig einen der ersten Plätze einnehmend, fügt\nHerr Hill durch jedes Auftreten seinem wohlverdienten\nLorberkranze ein neues Blatt zu. Wie prächtig und mit\nwelch hinreissender Kraft trug er, um nur Eines hervor-\nzuheben, die Arie: „Ist nicht des Herrn Wort wie ein\nFeuer und wie ein Hammer, der Felsen zerschlägt?\" vor,\nWorte, die man wohlauf die Stimme und den Vortrag die-\nses Künstlers anwenden könnte. Ueber die noch Statt'\nfindenden drei Concerte und sonstige musicalische Ereig-\nNisse behalten wir uns vor, später zu berichten.\n\n—h.\n\nDas musicalische Wien.\nEin Aufsatz in einer der letzten Nummern des ver-\ngangenen Jahres der „Recensionen\", deren Erscheinen,\ngewiss zum Bedauern jedes wahren Theater- und Musik-\nfreundes, im neuen Jahre aufgehört hat, enthält über\n„Wien als Musikstadt\" einige Bemerkungen, die sowohl\nim Allgemeinen, als im Besonderen für das Musikleben\nin Wien interessant sind. Wir theilen daraus die folgen-\nden mit, sind aber mit der Meinung des Verfassers von\nder Zweckmässigkeit oder gar Notwendigkeit eines mu-\nsicalischen Vorortes in Deutschland keineswegs einver-\nstanden. Er sagt unter Anderem :\n„In dem Lande der offenen Fragen, in unserem viel-\ngestaltigen Deutschland, bleibt auch die Frage nach einem\nmusicalischen Vororte vor der Hand eine unentschiedene.\nIst es das reinvernünftige, Kritik-durchtränkte Berlin, oder\nWien, die Heimat der Gemüthlichkeit und des Genusses?\nSoll es München sein, das zukunftsbegnadete, oder Leipzig,\ndie heilige Stätte Bach's und Mendelssohn's? Der genialen\nProduction folgt jetzt der Nachgenuss, die Sammlung. Es\nist die Epoche der Eklektiker. Da werden die Archive der\nVergangenheit rastlos durchforscht, um Verborgenes an\ndas Licht zu fördern, Concerte und andere musicalische\nDarstellungen kehren den instructiven Charakter hervor,\nüberall will historisches und kritisches Bewusstsein sich\ngeltend machen; endlich gewahren wir Anstrengungen,\num vom Boden der Theorie und der Reflexion aus den\narchimedischen Punkt zu finden, die musicalische Welt\naus den Angeln zu heben und in neue Bahnen zu lenken.\nEs gilt nun, diesen Charakter unserer Kunst-Epoche rich-\ntig zu erfassen und die Bewegung in veredelte Formen zu\nbringen; es gilt, das Material der Vergangenheit zu sich-\nten und der Nachwelt zu bewahren, so wie das Beste der\nZeit zu schirmen und zu pflegen; es gilt, dem sich ent-\nwickelnden Keime eine günstige Stätte zu bereiten. Solche\nMission zu verwirklichen, bedarf es aber einer sich be-\nwussten, zusammengefassten Kraft, so wie auch zu ihrer\nlebensvollen Wirkung und nährenden Anregung des\nfruchtbaren Bodens, es bedarf dazu einer grossen Mu-\nsikstadt. (?)\n„Forschen wir nach den Bedingungen einer Musik-\nstadt, so können wir nicht zögern, vor Allem die natür-\nliche Anlage und die lebhafte Theilnahme der Bevölkerung\nals die unerlässlichste Eigenschaft anzusprechen; diese bil-\nden die Atmosphäre, welche Kunst und Kunstleistung be-\nlebend durchdringt, überall Kräftigung und Gedeihen ver-\nbreitend.\n„Soll aber solcher allgemeinen Theilnahme die Rich-\ntung auf das Wahre und Schöne gegeben werden, so be-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "22", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660120-01.1.6", "texte": "darl es weiter der bedeutenden Männer und ihres Zusam-\nmenwirkens.\n»Auch der werkthätige Schutz des Staates darf der\nKunst nicht fehlen, eines Staates, der seine edleren Auf-\ngaben erkennt; strahlt doch das Ansehen, welches er der\nKunst verleiht, vortheilhaft auf ihn zurück!\n„Betrachten wir unter diesen Gesichtspunkten die\nmusicalische Situation Wiens, indem wir uns auf flüchtige\nUmrisse beschränken. Die betreffenden Nutzanwendungen\nwerden sich leicht von selbst ergeben.\n„In allen Schichten der Gesellschaft finden wir den\nlebhaftesten Musikbetrieb; alle Nuancen vom ernsten Stu-\ndium bis zum sinngefälligen Genüsse, von dem wahren,\ninneren Bedürfnisse bis zum Mode-Zeitvertreib sind reich-\nlich vertreten. Eine glückliche Mischung der Nationalitäten,\nvon denen manche einen wahren musicalischen Humus\nbilden, dazu Sitte, frische Stimmen, öffentliches Leben ver-\neinigen sich zu solcher Wirkung. Doch dieses Bild hat\neine Kehrseite. Gar viele Lieder sind über die musicali-\nschen Leiden einer Grossstadt gesungen worden, und die\nimmer neuen Melodieen, die sich dazu finden, beweisen\ndie Unerscböpflichkeit des Thema's. Gleich der Memnons-\nsäule bei dem ersten Sonnenstrahle, beginnt es mit dem\nMorgengrauen in diesem Steinmeere überall zu tönen.\nSchon weckt uns die rohe Faust des clavierspielenden\nNachbars, Echo um Echo wird laut, und musicalische Fol-\ntern, von den kleinen Daumschrauben schüchterner Ge-\nsangsübungen bis zur eisernen Jungfrau, dem Monster-\nLeierkasten, lösen sich in bunter Reihe ab, bis die Nacht\nhereingebrochen, und oft bringt auch diese nicht Erlösung.\n„Wenn wir nach diesen mehr quantitativen Betrach-\ntungen nun einen Blick auf den eigentlichen Kunstge-\nschmack werfen, so gewahren wir vor Allem eine eigen-\nthümliche Umwandlung, die sich in wenigen Jahren voll-\nzog. Wo ist die steife Haltung der Gelehrten im Lande?\nwo ihre ängstlich misstrauende Miene? wo das harmlos\ngleichgültige Wesen der Geniessenden? Wir lauschen ihrer\nRede kaum erkennen wir sie wieder. Was ist mit die-\nsen Leuten vorgegangen? Sie sind „ „liberal\"\" geworden.\nDoch sie suchen wir, die bei den Klängen ihrer Kind-\nheit in behäbigem Genügen schwelgten, sie, die überall\nvon dem Gespenste der „ „Zukunftsmusik\"\" verfolgt, sich\nvor allem Neuen scheu verkrochen; ihn müssen wir wie-\ndersehen, der über den Druckfehler in einer Bach'schen\nFuge Thränen vergoss, ihn, den Fanatiker der Melodie,\nund ihn, der mit contrapunktischen Formeln die Geister\nbannte. Sie sind verschwunden. Ein Königreich für einen\nReactionär! Vergebens, sie alle sind liberal geworden. Es\nist nicht uninteressant, die verschiedenen Phasen zu verfol-\ngen, welche zu diesem Resultate führten. Da berauscht\nman sich eine Zeitlang in Schumann's Klängen; Jedermann\nwill sein unverstandenes, schmerzlich durchwühltes Inneres\nhier wiederfinden: man verbannt Alles neben dem Erko-\nrenen, es bildet sich eine förmliche Schumann-Gemeinde;\ndoch nach den zudringlichen und endlosen Liebkosungen\nder Dilettanten, die aber in Wahrheit zahllosen Misshand-\nlungen glichen, zerfliesst Schumann in mattere Umrisse.\nNun entdeckt man zunächst Schubert, den Instrumental-\nund Opern-Componisten. In einer anderen Saison will man\ndurchaus die Runenschrift des letzten Beethoven enträth-\nseln. Nun werden wir von einer wahren Bach-Manie heim-\ngesucht. Vergebens forschen wir nach einem Gesetze, wel-\nches diesen Wandlungen zu Grunde liegt. Vielmehr schei-\nnen sie, da echte historische Uebersicht noch nicht Ge-\nmeingut geworden, mehr den Charakter der Mode an\nsich zu tragen.\n„Diese allgemeine Bewegung überragend, ihr Rich-\ntung, Charakter zu verleihen, sind bedeutende Künstler,\nsind die Pflegestätten der Kunst berufen. Indem wir nach\ndiesen forschen, erblicken wir in der That eine ansehn-\nliche Reihe tüchtiger Kräfte, denen nur das Zusammen-\nwirken fehlt, während manchen Vereinigungen wieder zu-\nweilen die bedeutenden Männer fehlen. Solchen Kunst-\ngrössen, wenn sie anderswo bereits die Weihe des Ruhmes\nerhalten, ward in unserer Mitte niemals ein glänzender\nEmpfang versagt, nur verschmähte man es, oder vermochte\nnicht, sie dauernd zu fesseln, und so sehen wir sie an den\nverschiedensten Orten, oft untergeordneten Ranges, ihren\nhäuslichen Heerd aufschlagen, nur die Erinnerung bei uns\nzurücklassend. Doch nur solche auf der Höhe der Kunst\nstehende Männer vermögen es, den musicalischen Institu-\ntionen zu jenem Range zu verhelfen, den die beste Orga-\nnisation und die reichste Dotirung allein nicht schaffen.\nEs ist hier nicht unsere Absicht, von diesen musicalischen\nCentraipunkten, wie die Hofcapelle für Kirchenmusik, die\nOper, von den Concert-Instituten und Vereinen speciel zu\nsprechen. Erwähnen wir nur kurz des Conservatoriums\nfür Musik. Wir denken uns dabei eine musicalische Uni-\nversität im wahren Sinne des Wortes. Weit entfernt, in\neinem mehr oder minder mechanischen Lehr-Systeme ihr\nHeil zu suchen, richtet sie ihre Ziele auf die Leitung des\nMusiklebens überhaupt. Ihr Einfluss auf alle Fragen der\nKunst ist bestimmend und wirkt reinigend und veredelnd\nauch auf die weitesten Kreise. Durch musterwürdige Lei-\nstung wird die Mittelmässigkeit schärfer bezeichnet, es\nschwindet der Nimbus von musicalischen Gecken und\nCharlatanen, und das in ihnen gleichsam schlummernde\nnichtsdurchbohrende Gefühl wird heilsam geweckt. Auch\ndie niedrigste Sorte von Unterhaltungsmusik, die darum\nweder aufhören wird noch soll, wird durch den allmäh-"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "23", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660120-01.1.7", "texte": "lieh in die unteren Schichten dringenden Sinn für richti-\ngen Rhythmus und edlere Melodie verbessert. Die Anstalt,\nwelche den eigentlichen Elemenlar-Unterricht ausschliesst,\nbegibt sich desshalb nicht ihres Einflusses auf die erste\nrausicalische Bildung, sie hat zweckmässig organisirte Pä-\ndagogen-Curse zur Verbreitung rationeller Unterrichts-\nMethode und erhält dadurch einst gut vorgebildete Zög-\nlinge, von denen sie nur wirkliche Talente aufnimmt. Sie\nsorgt für allgemeine humane Bildung ihrer Zöglinge, für\nintelligente Auffassung des Künstlerberufes. Auch die Ver-\nöffentlichung besonders gelungener Werke lässt sie sich\nangelegen sein, und manches Andere, was zur Förderung\nvon Kunst und Künstlern gehört. Dies sind Wünsche,\ndie vielleicht bald ihrer Verwirklichung nahen. Eine neue\nAera scheint für Oper und Conservatorium anzubrechen.\nBereits sehen wir das prachtvolle Aeussere der einen sich\nerheben, das andere erscheint freilich erst in der Form\nvon Bauplatz und Plan, Beides gehüllt in die nebelhaften\nUmrisse eines Lotterie-Unternehmens. Möge in die neuen\nHäuser auch neues Leben einziehen!\"\nIn Bezug auf die Unterstützung durch den Staat er-\nzählt der Verfasser folgende Parabel: „Einst soll die Ton-\nkunst in Person irgend einem imaginären Minister ihre\nVisite gemacht haben, um ihn um thätige Förderung und\nSchutz zu ersuchen. „ „Meine Beste,\"\" sagte die Excellenz,\n„ „lassen Sie mich nur erst zur Ruhe kommen, alle meine\nAngelegenheiten ordnen, meine Schulden bezahlen und\netwas Erkleckliches zurücklegen, dann will ich einen\nKlingklang veranstalten, dass die Mauern Jericho's zu-\nsammenstürzen.\"\"— „„Lassen Ew. Excellenz nur immer\nanfangen,\"\" war die Antwort, „ „so wird man doch einst\nsagen können, Ihre Regierung habe wenigstens in Einer\nBeziehung Lärm gemacht.\"\"\n\nAus Berlin.\n(Ouvertüre von Yine. Lachner. Patti-Concert. Roger.\nKotzolt'scher Verein: Chorlieder von Vieri ing u. s. w.)\nDen 15. Januar 1866.\nDie vierte Sinfonie-Soiree der königlichen Capelle brachte aus-\nser den Sinfonieen in Es und B von Mozart und Beethoven und\nder Ouvertüre zu „Ruy Blas\" von Mendelssohn als Novität eine\nOuvertüre zu „Demetrius\" von Vincenz Lachner. In dem Werke\nglaubten wir eine deutsche Capellmeister-Arbeit im guten Sinne des\nWortes zu erkennen. Mit Ouvertüren, wie diese eine ist, wird kaum\nein gut eingespieltes Orchester Gefahr laufen, Fiasco zu machen,\nweil ihm der Componist den Handwerksgruss nirgend schuldig bleibt.\nNach glänzenden Erfolgen in Wien, wo, abgesehen von einigen\nWohlthätigkeits-AufFührungen, vierzehn Concerte veranstaltet wur-\nden und keines unter ihnen die Zuhörerräume wie die Casse des\nklugen Impresario ungefüllt liess, ist die Ullm an'sehe Virtuosen-\nGesellschaft auf ein paar Abende zu uns zurückgekehrt. Das in den\nRäumen des Friedrich-Wilhelmstädiischen Theaters Statt gefundene\nPatti-Concert brachte Altes und Neues in bunter Reihe. In die\nStelle Jaell's und Piatti's sind die Herren Brassin und Grütz-\nmacher eingetreten. Der Erstere erwies sich als einen Pianisten\nvon allseitig entwickelter Technik und einer bis ins Einzelne sorg-\nfältig und maassvoll ausgearbeiteten Vortragsweise. Der Ton des\nCellisten hat, wie uns dünkt, gegen früher an Kern und Fülle, sein\nAusdruck an Objectivität noch erheblich gewonnen. Die Reinheit\nder Intonation, wie die Sauberkeit der Passage sind tadellos; in dem\nSchmelz und der Süssigkeit des Klanges, wie in dem individuellen\nReize der Auffassung erreicht er freilich nicht den Vorgänger. Als\nneuer Alliirter hat sich dem Ullman'schen Wander-Concerte Roger\nangeschlossen. Zwar seinem Erlkönig vermochten wir diesmal eben\nso wenig als früher irgend welchen Genuss abzugewinnen. In dem\nSoldatenliede aus der Weissen Dame, das zuerst französisch, dann\nauf den Dacaporuf der Hörer deutsch gesungen wurde, fanden wir\ndagegen den Tenoristen, den geistvollsten und liebenswürdigsten\nunter allen, die an unserer Erinnerung vorüberschreiten, in seinem\nheimischen Elemente. Bewunderungswürdig war die Kunst, welche\nhier über das durch die Zeit verwüstete Material schaltete. Noch\nimmer schätzen wir diesen Schattenriss des einst so farbenfrischen\nBildes ungleich höher, als alles, was uns die übrigen Sänger des\nGeorge Brown in der Arie zu bieten vermochten. Carlotta Patti\nbeschenkte uns mit ihren hellsten Ton-Krystallen; kaum entsinnen\nwir uns, dass ihr die Stimme so gewogen gewesen, als diesmal.\nWährend der ersten Arie aus Verdi's Traviata durfte sie ihre hohen\nTrümpfe unbekümmert in Petto behalten; der von feinem Schön-\nheitsgefühle abgewogene, in jedem Zuge lebendig charakterisirte\nVortrag brachte ihr den lauten Beifall der Massen, wie die geräusch-\nlosere Anerkennung aller Kundigen ein.\nDie Kotzolt'sehen Liederabende, deren Ertrag in die\nUnterstützungs-Casse des Tonkünstler-Vereins fliesst, nahmen am\nDonnerstag im Arnim'schen Saale ihren Anfang. Sie stellen sich\nals ein weltliches Pendant unserer Domchor-Soireen dar und erwer-\nben sich das Verdienst, einige Gattungen der Kunst, die bisher un-\nserem Concertwesen ziemlich fern lagen, weiteren Kreisen zum Ge-\nnüsse darzubieten. Ein paar Madrigale von John Dowland (1597)\nund Hans Leo Hassler (1601) standen an der Spitze des Programms.\nDas Hassler'sche Madrigal war zu unserer Ueberraschung nichts\nAnderes, als der bekannte Choral: „Befiehl du deine Wege\", oder:\n„Wenn ich einmal soll scheiden\". Auch die Lebenden gelangten in\ndem Concerte zum Worte. Vierling war durch zwei Chorlieder\nvertreten, das Goethe'sche „Füllest wieder Busch und Thal\", und\n„Die Täuschung\" von Beck. Beide gehören zu dem Besten, das uns\ndie jüngste Zeit in dieser Gattung geboten; das erstere (für Alt, zwei\nTenore und Bass) fesselt durch den ruhigen Fluss der Polyphonie,\nwie durch das harmonische Colorit der Stimmung, das andere durch\ndramatische Lebendigkeit. Das Goethe'sche Gedicht, eines der me-\nlodischsten Gebilde unserer Literatur, das scheinbar von Musik über-\nquillt, widerstrebt dabei doch in nicht geringem Maasse der Ueber-\ntragung in Klang und Ton. Mit nicht geringem Geschicke hat hier\nder Componist die gehäuften Schwierigkeiten der Aufgabe überwun-\nden. Dem Reissmann1 sehen Nachtliede: „Schlaf' ein, mein Herz\",\nvon Rückert sind ernste Innerlichkeit und gewandte formelle Ge-\nstaltung nachzurühmen. Die übrigen Chorsätze bestanden in eini-\ngen Mendelssohn'schen Quartetten und dem so anmuthvollen, mit\nder Naivetät des Volksliedes glücklich wetteifernden Schumann'schen\n„Schifflein\". Mit sämmtlichen Vorträgen legte der Kotzolt'sche\nVerein besondere Ehre ein; wir freuten uns der sicheren Intonation,\ndes gebildeten Stimmklangs und der fein empfundenen Züge im\nAusdrucke. In den Sologesang theilten sich Fräulein Antonie\nKotzolt und Herr Otto."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "24", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660120-01.1.8", "texte": "Sechstes Gesellschafts-Concert in Köln im Gürzenich,\nDinstag, den 16. Januar 1866.\nProgramm. I. Theil. 1. Macfarren, Ouvertüre zu Chevy\nChace (historische Ballade). Manuscript. (Zum ersten Male.) 2.\nL. Spohr, Concertante für zwei Violinen und Orchester (die Her-\nren Concertmeister von König slow und Jap ha). 3. Arie des\nTristan d'Acunha aus Jessonda von Spohr (Herr Hof-Opernsänger\nMax Stägemann aus Hannover). 4. Beethoven, Sinfonie\nNr. VIII.\n11. Theil. Max Bruch, Scenen aus der Frithjofs-Sage,\nfür Soli, Männerchor und Orchester. Unter Leitung des Componisten.\n(Soli: Fräulein Elise Eempel: Ingeborg. Herr M. Stägemann:\nFrithjof.) Zum ersten Male.\nWegen Unwohlseins des Herrn Capelimeisters Hiller hatte Herr\nMusik-Director Franz Weber die Direction übernommen.\nDie Ouvertüre nach oder zu einer Ballade, deren Inhalt eine\nJagd darstellt, schildert den Jagdlärm etwas gar zu handgreiflich\nund scheint uns keines der besseren Werke des in England geschätz-\nten Componisten, dessen musicalisches Wissen wir ebenfalls achtend\nanerkennen, zu sein.\nDie Doppel-Concertante von Spohr kommt als Composition\nden meisten Concerten des grossen Geigers für die Violine nicht\ngleich, hat aber, wie Alles von Spohr, fliessende Melodieen und\nhübsche Modulationen und wurde von den beiden Spielern vortreff-\nlich vorgetragen, so dass sie nach jedem Satze rauschenden Applaus\ndavontrugen. Herr Stägemann sang die Arie aus Jessonda\nmit schöner Stimme und edlem Vortrage und ärntete wiederholten\nBeifall und Hervorruf. Die achte Sinfonie von Beethoven wurde\nrecht brav ausgeführt, namentlich der erste, dritte und vierte Satz\nderselben; das reizende Allegretto hätte etwas zarter und duftiger\nsein können.\nBruch's „Frithj of\" kam denn endlich, nachdem er in Aachen,\nCrefeld, Leipzig, Wien aufgeführt, auch in der Vaterstadt des Com-\nponisten zur Aufführung, eine Verspätung, die in den bekannten\nSchwierigkeiten liegt, welche sich überall zeigen, wenn es sich um\neine Vereinigung von Männerchören aus den verschiedenen „Ver-\neinen\" handelt. Wenn diese Schwierigkeiten bei der hiesigen Auf-\nführung auch äusserlich gehoben erschienen, so war dennoch der\nChor, zu welchem der kölner Männer-Gesangverein, der Sänger-\nbund, der Concertchor, der städtische Singverein und die Akademie\nihr Contingent geliefert hatten, zu schwach gegen das Gürzenich-\nOrchester, und auch die Ausführung der Chöre liess an Präcision\nund Ausdruck gar Manches zu wünschen übrig. Eines bloss künst-\nlerischen Zweckes wegen alle Proben zu besuchen, ist zu viel ver-\nlangt! Die Soli wurden vortrefflich gesungen. Fräulein Rempel\ntrug die Arioso's der Ingeborg, namentlich „Ingeborg's Klage\", mit\nihrer sympathischen Stimme mit ergreifendem Ausdrucke vor, und\nHerr Stägemann war sowohl in den dramatischen, Stellen er-\nschütternd gross, als in den lyrischen zart und gefühlvoll; jedem\nAusdrucke, den die schöne Composition, über deren hohen Werth\nwir uns schon wiederholt ausgesprochen, fordert, verstand der treff-\nliche Sänger seine vollklingende Baritonstimme auf echt künstleri-\nsche Weise anzupassen.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKLolil, 19. Januar. Gestern gaben die Herren Gebrüder\nMüller auf ihrer Reise nach Paris hier noch eine Soiree, in wel-\ncher sie ein Quartett von Haydn [B-dur mit dem originellen Trio\ndes Menuetts), dann Nr. 5 von Op. 18 von Beethoven, und das\nQuartett in G-dur von Franz Schubert mit ihrer bekannten Mei-\nsterschaft vortrugen. Die Virtuosität war am meisten in dem ge-\nwaltigen, etwas wilden und wüsten Werke von Schubert zu bewun-\ndern; die Krone der Leistung in vollendet künstlerischem Vortrage\nwaren die Variationen von Beethoven.\nISratinschweig. In einem der letzten Concerte im vori-\ngen Jahre hörten wir das Oratorium „Jephta\" von Reinthaler.\nSehr verschieden ist in der Composition der Charakter der beiden\nAbtheilungen gehalten. Während der erste Theil durch sehr kunst-\nvolle Formen sich auszeichnet, dabei aber etwas zu breit und trocken\nerscheint, bietet die zweite Abtheilung viele schöne Einzelheiten.\nSehr schön ist das Quartett Nr. 11, bei welchem leider die Indispo-\nsition des Herrn Thelen die volle Klarheit der Wirkung störte.\nVon reizender Wirkung ist dann auch das Frauen-Terzett Nr. 23;\nferner bietet die ganze Partie der Mirjam viele anmuthige und ge-\nfällige Stellen. Von wahrhaft grossartiger Wirkung ist gegen den\nSchluss der Chor des Volkes: „Wehe uns, die Stimme des Herrn44\nu. s. w., welche durch wirksame Instrumentirung noch besonders\ngehoben wird. Die Aufführung, welche Herr Hof-Capellmeister Abt\nleitete, wurde durch Unwohlsein des Herrn Thelen auf bedauer-\nliche Weise gestört; die Heiserkeit nöthigte ihn zuletzt, einen gros-\nsen Theil der Partie ganz wegzulassen. Fräulein Rothenberger\naus Köln, von einer früheren Aufführung der „Schöpfung\" hier im\nbesten Andenken, sang die Sopran-Partie mit sehr schöner Stimme,\nmusicalisch correct und mit vortrefflichem Ausdrucke. Namentlich\ngelang ihr auch der Triller sehr gut. Fräulein Gindele entfaltete\ndie Schönheit ihrer Stimme sehr wirksam. Besonders lobenswerth\nsang Herr Wolters, dessen gründliche musicalische Anlage im\nOratoriengesange zur schönsten Geltung kommt.\nAbbe Franz Liszt wird im Mai in London erwartet, wo\ner nebst einer neuen auch seine Graner Messe zur Aufführung zu\nbringen gedenkt."}]}