{"numero_id": "bm-bmtnabi-1866-02-03-01", "volume": "bmtnabi_1866-02-03_01", "ocr_sha256": "a82833db392ab50b1d7de11f9d3627299b72f89ca28f335b6eabea315cc6627f", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1866/02/03_01/bmtnabi_1866-02-03_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660203-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1866-02-03-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1866-02-03_01#c001", "volume": "bmtnabi_1866-02-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "33", "page_fin": "33", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660203-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "33", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660203-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 462, "texte": "Inhalt.\nUeber die Instrumentalmusik. Von Charles Beauquier. 11. Aus Münster (Concert-Aufführungen. Von ***.\nDas Patti-Concert am 27. Januar. Aus Aachen (Aufführung von Handelns „Samson\"). Tages- und Unterhaltungsblatt\n(Bielefeld, Singverein, Soireen für Kammermusik Lennep, Aufführung des „Freischütz\" Erfurt, Concert Berlin, Fräulein von\nEdelsberg München, Theater-Vorstellungen, Kammermusik-Verein Wien, Eröffnung eines neuen Theaters, „Africanerin\" u. s. w.)."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1866-02-03-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1866-02-03_01#c002", "volume": "bmtnabi_1866-02-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "33", "page_fin": "35", "image_debut": 1, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660203-01.2.2", "titre_corps": "Ueber die Instrumentalmusik.", "titre_sommaire": "Ueber die Instrumentalmusik.", "signature_source": "Charles Beauquier", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "33", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660203-01.1.1", "debut_caractere": 464, "fin_caractere_exclue": 4042, "texte": "Ueber die Instrumentalmusik.\nVon Charles Beauquier.\nII.\n(I. s. Nr. 4.)\nWir haben in der vorigen Nummer bei der Mitthei-\nlung der Ansichten des französischen Aesthetikers über\ndas Wesen der Instrumentalmusik verheissen, auf das Buch\nüberhaupt zurück zu kommen, und namentlich auf die Ab-\nschnitte, welche die Begründung jener Ansichten durch\nBetrachtung der allgemeinen Eigenschaften der Musik\ndarlegen. Diese Betrachtung enthalten im zweiten Theile\ndes Büchleins besonders die Abschnitte: „VI. Ueber die\nMusik und ihr Verhältniss zu dem sinnlichen Organismus.\nVII. Die Musik und das Gefühl. VIII. D ie Musik und der\nVerstand.\" Der erste Theil bespricht in fünf Capiteln\nin populärer, nirgends tiefer eingehender Weise die Be-\ngriffe Klang, Ton, Rhythmus, Tonart, Melodie, Harmonie.\nMehr Interesse hat im zweiten Theile gleich das sechste\nCapitel über die körperliche Erregung des Zuhörers durch\ndie Musik. Daran schliesst sich dann der Abschnitt über\n„Musik und Gefühl\", welcher folgender Maassen beginnt:\n„Es gibt vielleicht keinen Ausspruch, dem weniger\nEinwürfe entgegengestellt worden sind, als der Satz: „Die\nMusik ist die Kunst des Gefühls.\" Er geht von Einem\nzum Anderen wie eine Münze, die Jedermann für gültig\nhält, ohne dass es ihm einfällt, ihren Gehalt einmal zu\nprüfen.\n„Vor Allem müssen wir uns fragen, was das Gefühl sei.\n„Unter den Namen von Gefühlen hat der Mensch\neine lange, vielleicht die längste Zeit seines Lebens alles\ngebracht, was ihm Freude oder Betrübniss erregte, Nei-\ngungen, Affecte, Aufregungen, Leidenschaften aller Art,\ndie den Reiz oder die Qual des Daseins ausmachen. Es\ndürfte unmöglich sein, alle ihre Verschiedenheiten und\nfeinsten Nuancen zu zergliedern und aufzuzählen, aus so\nmannigfaltigen Elementen besteben sie, sinnlichen Ein-\ndrücken und Producten des Verstandes oder der Phantasie.\nIm Grunde aber beruhen sie alle auf der physischen Eigen-\ntümlichkeit des Menschen. Ihr Wesen unterscheidet sich\neben dadurch von den Ideen der reinen Vernunft, dass\nihre Basis die organische Thätigkeit ist, welche auf ver-\nschiedene Weise durch den Verstand, oder die Phantasie,\noder die Erinnerung modificirt wird. Denn allerdings kön-\nnen diese Gefühle, obwohl sie auf dem Organismus beru-\nhen, durch Ideen aller Art geläutert und erhöht werden.\n„Aber an und für sich betrachtet, erzeugt die orga-\nnische Thätigkeit, als Substrat der geistigen Erregung,\nreine, unvermischte Gefühle in uns, d. h. allgemeine See-\nlenstimmungen, die, eng mit dem körperlichen Leben ver-\nbunden, unabhängig von unserem Willen, ohne dass wir\nuns weder des Objectes noch der Ursache bewusst sind,\nuns ergreifen.\n»Ich kann z. B. des Abends in der heitersten Stim-\nmung zu Bette gehen und am Morgen unlustig, mürrisch,\nreizbar aufwachen. Mich beherrscht da ein unbestimmtes\nGefühl, dessen Ursache mir unbekannt ist, ein Gefühl,\ndas keinen bestimmten Gegenstand hat und folglich weder\nVerlangen und Wunsch, noch Abneigung und Hass ist;\ndenn wenn ich liebe oder hasse, so kenne ich den Gegen-\nstand beider Affecte sehr gut. Solche allgemeine Seelen-\nstimmungen hangen von einer Menge von Ursachen, haupt-\nsächlich aber von den körperlichen Zuständen, der inneren\nBeschaffenheit oder den momentan gestörten oder erreg-\nten Functionen des Organismus, von jenem unbewussten\nLeben im Schlafe, welches bis in den Tag hinein wirkt,\nvom Erwachen schlummernder unbestimmter Eindrücke,\nvon der Atmosphäre, in welcher wir athmen, von Licht\nund Wärme, Elektricität, kurz, von unzähligen Einflüssen\nab, denen unser physisches Leben gehorcht, ohne dass wir\nein Bewusstsein davon haben."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "34", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660203-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5152, "texte": "„Jede Kunst kann nur auf zweierlei Art auf den Men-\nschen wirken: entweder übernimmt sie die Rolle eines\nAgens, das denen gleicht, die wir eben aufgezählt haben,\nund wirkt auf die sinnliche Natur des Menschen, so dass\nsie unbestimmte, allgemeine, unbewusste Stimmungen er-\nzeugt; oder ihr Einfluss geht durch den Verstand und\nerweckt Vorstellungen und Ideen, welche den Gefühlen\nbestimmte Richtungen geben. Malerei und Sculptur sind\ndurch den Stoff und die Gegenstände, die sie behandeln,\nauf diese genauere Bestimmung der Gefühle angewiesen;\nnoch mehr als sie die Dichtkunst.\n„Die Musik hingegen vermag nicht, dem Verstände\nfestumrissene, genau erkennbare Vorstellungen und Be-\ngriffe zu geben, sie ist auf das Gefühl an sich, auf das\nallgemeine und unbestimmte, beschränkt.\n„Die Schwingung der Körper wird durch besondere\nphysische und mathematische Gesetze bedingt, der Orga-\nnismus des Menschen ist nur der Wiederhall jener Schwin-\ngung, er gehorcht ihren Gesetzen, seine Schwingung\nsetzt die Seele selbst in ihrem materiellen Leben in Be-\nwegung, und die Natur dieser Bewegung wird oft auch\nUrsache moralischer Stimmungen. Der Ton an und für\nsich wird bekanntlich desto höher, je schneller die schwin-\ngende Bewegung ist, die ihn erzeugt; je höher er wird,\ndesto mehr entwickelt er seine Lebenskraft, und folglich\nmacht er auf uns den Eindruck, den jede erhöhte Thätig-\nkeit der Lebenskraft macht, er stimmt uns heiterer, leb-\nhafter, als die tiefen Töne. Bei diesen nähert sich der\nlangsam schwingende Körper schon mehr dem Zustande\nder Trägheit der Materie. Der ganz tiefe Ton (z. B. im\nOrgel-Pedal) hat etwas Erschreckendes, es fällt uns\nschwer, ihn mit der Aeusserung von Leben, mit der Be-\nwegung, in Verbindung zu bringen: er überrascht uns\nwie eine Offenbarung des Wesens der Materie in einer\nGestalt, die uns am fernsten liegt. Das Schnelle nennen\nwir lebendig, die grösste Thätigkeit betrachten wir als\neine Vollkommenheit des Wesens.\n„Was von der Höhe des Tones und der Schnelligkeit\nseiner Schwingungen gilt, findet um so mehr auf eine\nReihe von Tönen Anwendung. Die Beschaffenheit der Be-\nwegung, dazu der Rhythmus, die Tonleiter, die und\nder eigenthümliche Klang {Je timbre), „ „den\ndie Deutschen poetisch die Farbe des Tones nennen\"\"\ndas alles vermag jene allgemeinen Gefühle oder richtiger\nStimmungen zu erzeugen, die auf der Erregung des phy-\nsischen Organismus beruhen, wovon wir gesprochen ha-\nben. Der Klang, Resultat der eigentümlichsten Form der\nSchwingung, wirkt auf solche Weise am deutlichsten; ein\neinziger Ton, z. B. eines Horns oder einer Glocke von\nMetall oder Glas, kann durch seinen besonderen Klang\neine eigene Stimmung in unserem Innern als Wiederhall\nseiner Einwirkung auf das Nervensystem hervorrufen.\n„Die Musik kann also nur die Grundstimmung\nfür bestimmte Gefühle anregen, nicht die Gefühle selbst;\ndiese aus jener zu bewusster Empfindung zu entwickeln,\nvermag sie nicht. Jenes Vermögen aber ist einer ihrer\nVorzüge vor anderen Künsten; sie ist die einzige Kunst,\nwelche directen Einfluss auf das Gefühl im Allgemeinen,\nauf die Stimmung der Seele hat, weil ihre materiellen\nElemente, Ton und Bewegung, am stärksten den mensch-\nlichen Organismus afficiren, auf den sie wie auf ein In-\nstrument wirken.\n„Die anderen Künste kommen ihr in dieser directen\nEinwirkung nicht gleich. Die Malerei besitzt ein entfernt\nähnliches Vermögen, aber das Licht beeinflusst die Nerven-\nzustände viel weniger, als der Ton; wenn wir von heitern\noder traurigen, lebhaften oder melancholischen Farben\nsprechen, so ist das mehr Convenienz und Metapher, als\nWahrheit.\n„Wir wissen also jetzt, was wir von der Wirkung\nder Musik auf die Gefühle zu halten haben; auf ihre\nMittel allein beschränkt, erzeugt sie sie nicht, drückt sie\nnicht charakteristisch aus, sondern versetzt nur den Kör-\nper in einen gewissen Zustand, welcher eine unbestimmte\nallgemeine Seelenstimmung zur Folge hat. Das ist viel,\ndas ist aber auch Alles.\n„Verlassen wir das Gebiet der unbewussten Gefühle,\nwelches den rein sinnlichen Eindrücken so nahe liegt, dass\nsogar die Thiere davon berührt werden, und treten wir\nin den engeren Kreis der bewussten, bestimmten Gefühle,\nso sind wir in der Sphäre der Intelligenz. Die Kunst kann\ndiesen Uebergang nicht anders vermitteln, als wenn sie\ndurch Zeichen ausdrücken kann, dass es sich hier um ein\nbestimmtes Gefühl handelt.\n„Die Malerei und die Sculptur benutzen dazu die Zei-\nchen der natürlichen Sprache: die Stellung des Körpers,\nden Ausdruck der Gesichtszüge, die äusseren Erscheinun-\ngen, welche die Gefühle begleiten und der Leidenschaft\ngleichsam zum Rahmen dienen. Die gewaltigen Aufregun-\ngen der Seele haben in der Regel eine ihnen eigenthüm-\nlicbe, leicht erkennbare Physiognomie. Lehren doch so-\ngar die Zeichenschulen auf dem Unterrichts-Stadium für\nden Ausdruck gewisse Linien und pbysiognomische Züge,\nwelche bestimmte Leidenschaften charakterisiren. Von der\nDichtkunst braucht natürlich gar nicht die Rede zu sein,\nda ihr ausser der Hauptsache, dem Worte, das auf der\nStelle die richtige Vorstellung gibt, auch die Schilderung\naller äusseren Erscheinungen, welche das Gefühl beglei-\nten, zu Gebote steht."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "35", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660203-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5175, "texte": "„Was hat denn nun die reine Musik, die Musik an\nund für sich, ohne Worte, für ähnliche Mittel, um mit\nHülfe des Verstandes oder der Phantasie bestimmte Ge-\nfühls-Eindrücke hervorzurufen? Befragt man die Meinung\nder Menge, so ist die Sache bald entschieden, denn sie\nbehauptet ohne Weiteres, die Musik sei die Sprache des\nGefühls.\n„Diese Behauptung, welche ohne genauere Prüfung\nsich so fortgepflanzt hat, dass sie beinahe für ein Axiom\ngilt, hat doch offenbar keinen Sinn, wenn sie nicht nach-\nweist, dass die Musik einen Complex von Zeichen besitzt,\nwelche bestimmte Gefühle genau kennbar machen.\n„Jede Sprache kann nur ein System von Zeichen sein.\nMan nimmt in der Regel drei Arten davon an: die natür-\nliche oder Geberdensprache, die Wortsprache, die auf\nconventioneilen Zeichen beruht, und die symbolische\nSprache, welche die Gedanken durch concrete Formen\nandeutet.\n„Wenn wir den Ton als eine Erscheinung, die in der\nStimme liegt, betrachten, so kann man sagen, dass auch\ner ein Element, und ein vorzügliches, der Natursprache\nist, weil der Ton der Stimme eng mit gewissen Empfin-\ndungen verbunden ist.\n„Die Stimme ist der eigentliche Ton des Körpers,\nwenn man diesen als nervöses Instrument betrachtet.\nWenn eine heftige Aufregung physischer oder moralischer\nNatur unseren Organismus erschüttert, so stossen wir\neinen Schrei aus, wie die Materie, welche ein Stoss oder\nSchlag in Schwingung bringt, einen Klang von sich gibt.\nDie Stimme ist das eigentliche Organ, das bestimmt ist,\nunsere Nebenmenschen in unser inneres Leben blicken zu\nlassen. Alle unsere inneren Bewegungen offenbaren sich\nin verschiedenen Abstufungen durch die Stimme; sie ver-\nändern mehr oder weniger wahrnehmbar irgend einen\nTheil dieses complicirten und zarten Instrumentes. Wie\ndas geschieht, gehört in die Physiologie der Stimme; wir\nhaben es nur mit den erfahrungsmässigen Erscheinungen\nzu thun, welche zum Beispiel folgende sind: der physische\nSchmerz verstärkt die Stimme, macht sie höher oder tie-\nfer, je nach dem Temperamente des Leidenden; der mo-\nralische Schmerz macht sie bebend, erstickt sie beinahe,\nbricht sie bis zum Schluchzen; Furcht macht sie tiefer,\nStaunen ausgedehnter; Zorn macht sie kreischend oder\nheiser, Freude gibt ihr einen hellen Klang. Bei ruhigen\nEmpfindungen wird ihr Klang milde und schwach. Wir\nsind so sehr daran gewöhnt, aus diesen äusseren Modifi-\ncationen der Stimme auf die Vorgänge im Innern des\nMenschen zu schliessen, dass wir schon in der Ferne, ohne\ndie Worte zu verstehen, bloss aus dem Klange der Stim-\nmen errathen, welche Gefühle die Leute, die weit von\nuns sprechen, beleben. Wegen dieser Eigenschaften hat\ndenn auch das Organ an und für sich bei dem Redner,\nSchauspieler u. s. w. einen so grossen Reiz. Schon durch\ndas Organ allein, abgesehen von Betonung, können sie\ndas Innere der zuhörenden Menge zu verschiedenen Stim-\nmungen anregen. Man erkennt an dem Tone der Stimme\nWohlwollen, Verachtung, Stolz, Mitleid, Zorn u. s. w.,\nja, man möchte behaupten, dass jedes Gefühl seinen na-\ntürlichen Ton in der menschlichen Stimme habe. Die\ngrösste Kunst in der Verstellung hat oft Mühe, jenen Ton\nzu unterdrücken oder ihn zu erheucheln.\nfait la musique, sagt das französische Volk und trifft da-\ndurch mit gesundem Menschenverstände die Wahrheit.\nWir brauchen noch kaum zu erwähnen, wie wir nach der\nStimme (oder der Sprache, wie man ungenauer zu sagen\npflegt) sogar den Charakter des Menschen beurtheilen,\nvielleicht eben so sicher, als die Physiognomen und Pbre-\nnologen nach den Gesichtszügen und Schädelformen. Die\nBlinden gehen darin am sichersten; sie erkennen wie auch\ndie Sehenden, nur genauer, als diese, den Bekannten an\nder Stimme wieder, und irren sich selten in der Ahnung\ndes Charakters aus dem Klange des Organs.\n„Auf solche Weise betrachtet, gehört der Klang der\nSprachstimme eben so gut wie die Gesten und Geberden\nzu den Zeichen der Natursprache. Aber darf man die\nStimme an und für sich mit der Musik identificiren und\ndaraus den Schluss ziehen, dass die Musik die Sprache\ndes Gefühls sei? Dieser Schluss würde eben so falsch sein,\nals wenn man, von dem Satze ausgehend, dass die körper-\nlichen Bewegungen und Geberden durch Affecte und\nLeidenschaften erzeugt werden und folglich diese Affecte\nkennzeichnen können, behaupten wollte, der Tanz sei die\nSprache des Gefühls.\n„Es ist überflüssig, zu beweisen, dass die natürlichen\nLaute, welche in physischer oder seelischer Aufregung\nihre Quelle haben, keine Musik sind, wiewohl es Philoso-\nphen gegeben hat, die sogar den Ursprung der Musik\ndarauf zurückführen, und wieder andere, die selbst den\nInstrumenten eine Gefühls-Charakteristik andichten! Die\nFähigkeit der Stimme, Affecte zu bezeichnen, besteht nur\nin ihrer eigenthümlichen Klangfarbe, die aber rein per-\nsönlich ist. Nimmt man diese hinweg, so bleiben für sie\nnur Höbe und Tiefe übrig, also die Verhältnisse eines\njeden anderen Instrumentes. Und ist denn eine Reihen-\nfolge von unarticulirten Lauten eine Melodie? Hat jede\nFolge von Klängen, zumal wenn sie dem Schall und dem\nGeräusch nahe stehen, irgend etwas mit Musik gemein?\nDas wäre gerade so, als wenn man behaupten wollte, eine\nReihe von Farben sei ein Gemälde.\"\n[*]"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1866-02-03-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1866-02-03_01#c003", "volume": "bmtnabi_1866-02-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "36", "page_fin": "37", "image_debut": 4, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660203-01.2.3", "titre_corps": "Aus Münster.", "titre_sommaire": "Aus Münster.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "36", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660203-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5327, "texte": "Aus Münster.\nDen 29. Januar 1866.\nAlter Sitte gemäss feiert der hiesige Musik-Verein den\nCäcilien-Tag oder 22. November durch Aufführung eines\ngrösseren Tonwerkes für Chor und Orchester, an welche\nsich folgenden Tages ein Künstler-Concert schliesst. Be-\nsondere Umstände machten in dem jüngst abgelaufenen\nJahre die Verlegung des Festes auf den 27. und 28. Ja-\nnuar d. J. nothwendig. Für den ersten Tag wurden die\nzweite und dritte Abtheilung des R. Schumann'schen\nWerkes: Scenen aus Goethe's Faust, und die neunte\nSinfonie von Beethoven zur Aufführung gewählt. Ueber\nden Schumann'schen „Faust\" selbst hier etwas zu sagen,\nerscheint bei der ausgedehnten Bekanntschaft, welche die\nMusikfreunde mit dieser mindestens originellen Compo-\nsition während der letzten Jahre durch mannigfache Be-\nurteilung in Ihrer und anderen musicalischen Zeitschrif-\nten und durch dessen Aufführung in fast allen sich stän-\ndiger Musik-Vereine erfreuenden Städten zu machen Ge-\nlegenheit fanden, überflüssig. Doch darf nicht unerwähnt\nbleiben, dass, wenngleich der die hiesigen Verhältnisse\ninsgesammt durchziehende conservative Sinn, welcher auf\nmusicalischem Gebiete mit Zähigkeit an den grossen Mei-\nstern der classischen Zeit festhält und mit Vorsicht, ja,\nmit Misstrauen sich dem Modernen, selbst in dessen bes-\nseren Vertretern, nähert, die Mehrzahl der hiesigen Musik-\nfreunde auch der Schumann'schen Muse nicht in unbe-\ndingter Allgemeinheit nach allen ihren Richtungen hin\nhuldigen lässt, doch durch die vorgestrige Aufführung des\n„Faust\" diesem Werke auch hier viele neue Freunde ge-\nwonnen sind. Allerdings war auch die Aufführung selbst\nunter der Leitung unseres allgemein verehrten, feinen und\nunermüdlichen Vereins-Dirigenten, des Musik-Directors\nJ. 0. Grimm, eine in hohem Grade gelungene. Den\nChor bildeten 87 Sängerinnen und 50 Sänger, das Or-\nchester 55 Streicher und 20 Bläser u. s. w. Der Chor,\nwelcher bisher eine Leistungsfähigkeit und Tüchtigkeit,\nwie die gegenwärtige, noch nicht gehabt hat, sang mit\nfrischem, klangvollem Tone, mit correctester Reinheit und\nSicherheit und gab die feine Auffassung seines Dirigenten\nin schönem Ausdrucke wieder. Auch das Orchester, dem\ndas Werk keine geringe Aufgabe stellt, war im Ganzen\ndurchaus lobenswerth; in der Begleitung einzelner Soli\nwäre ein strengeres Piano wünschenswerth gewesen. Vor-\nzugsweise gelangen die Chöre: „Wenn sich lau die Lüfte\nfüllen\", ferner: „Waldung, sie schwankt heran\", und der\nprächtige Schlusscbor: „Alles Vergängliche ist nur ein\nGleichniss\". Die Sopran- und Alt-Soli wurden von hiesi-\ngen Dilettantinnen, welche als Vereins-Mitglieder auch in\nden regelmässigen Vereins-Concerten die Solo-Partieen zu\nübernehmen pflegen, mit schöner Stimme und innigem\nAusdrucke gesungen. Es gebührt ihnen dafür ein beson-\nderer Dank. Für die Tenor- und Bass-Soli waren die\nHerren Hof-Opernsänger E. Pirk aus Hannover und Con-\ncert-Director J. Stockbausen aus Hamburg gewonnen.\nHerr Pirk sang die Partie des Uriel und des Pater Ecsta-\nticus. Seine klangvolle Stimme und sein feiner, ausdrucks-\nvoller Vortrag erwarben ihm grossen Beifall. Herr Stock-\nhausen ist gewisser Maassen par excellence der Sänger des\nFaust geworden. Das Werk mag bis jetzt wenige Auffüh-\nrungen erfahren haben, in denen er nicht diese Haupt-\nPartie desselben gesungen hätte. Dazu übernahm er auch\ndie des Pater Profundus, des Pater Seraphicus und des\nDoetor Marianus,des verklärten Faust. Es macht sich\njedes Mal beim Anhören dieses vollendeten Sängers das\nGefühl geltend, als habe hier die Darstellung durch Wort-\nAusdruck und Ton den möglichen Höhepunkt erreicht.\nEs bleibt sich dieses auch gleich sowohl im dramatischen\nals im lyrischen Vortrage. Seine Auffassung und sein Vor-\ntrag zwingen den Hörer, alle eigene, selbst die höchste\nVorstellung von der Darstellung des Kunstwerkes aufzu-\ngeben. Sie führen denselben über alles, was er davon auch\nin höchster Potenz bisher innerlich bei sich selbst zur Vor-\nstellung gebracht, hinaus und bringen ihm, ohne irgend\netwas hineinzulegen, was nicht auch der Componist ge-\nwollt hätte, das Kunstwerk zur vollkommenen Anschauung.\nIn solcher Weise sang Stockhausen auch hier. Es kann\ndaher auch nichts hervorgehoben werden, was vorzugs-\nweise gelungen wäre. Dass das Werk bei den Zuhörern\neine besondere Begeisterung hervorgerufen, lässt sich trotz\nseiner vortrefflichen Aufführung und des wahrhaft künst-\nlerischen Gesanges Stockhausen's nicht behaupten. Ohne\nZweifel ist dazu bei einem solchen Werke, wie Schü-\nmanns „Faust\", welches, weil es in die Tiefe steigt, auch\nnicht auf der Oberfläche zu erfassen ist, eine genaue\nKenntniss desselben erforderlich. Es entscheidet daher\njener Umstand weder etwas über den Werth des Werkes\nselbst, noch über den musicalischen Geschmack seiner hie-\nsigen Hörer.\nBeethoven's neunte Sinfonie hat auch das Geschick er-\nfahren, sich in langem Kampfe die Herzen erobern zu\nmüssen. Dass sich ihr Sieg auch bis hieher erstreckt, da-\nvon zeugte der vorgestrige Beifallssturm nach jedem Satze.\nDie Aufführung war aber auch eine in jeder Beziehung\nanerkennenswerthe. Das Orchester spielte mit einer Leich-\ntigkeit und Sicherheit, dass das in seiner Ausführung so\nschwierige W7erk diese Eigenschaft verloren zu haben\nschien. Besonders verdienen der zarte Ausdruck und das\nWeiche und Fliessende in dem herrlichen Adagio und"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "37", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660203-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4688, "texte": "Andante moderato, die Maasshaltung in den Tempi,-welche\nbei dem beständigen Wechsel und den besonders den letz-\nten Satz durchziehenden Steigerungen ihre Schwierigkeit\nhat, der vortreffliche Vortrag des Gesang-Quartetts im\nletzten Satze und die Sicherheit und Reinheit, mit welcher\nder Chor hier seine Aufgabe löste, erwähnt zu werden.\nVor Allem aber gebührt der beste Dank unserem ausge-\nzeichneten Dirigenten, Musik-Director Grimm, ohne dessen\nEnergie das grosse Werk kaum zur Wahl gekommen,\nviel weniger zu so schöner Aufführung gelangt wäre.\nAm zweiten Tage eröffnete Beethoven's Septett\nOp. 20 das Künstler-Concert. Wer kennt nicht diese lieb-\nliche, klare und duftige Composition? Welcher Kunstfreund\nhat sich, wenn ihm auch die ursprüngliche Form unbe-\nkannt blieb, nicht an dem Trio, in welches Beethoven\nselbst sein Septett umgestaltete, oder an einem der vielen\nsonstigen Arrangements als Ciavier-Quartett (arrangirt\nvon Schwencke) oder zu vier Händen u. s. w. ergötzt?\nDas Septett war in allen Stimmen gut besetzt und seine\nAusführung dem entsprechend.— Herr E. Pirk sang so-\ndann eine Kirchen-Arie von A. Stradella, deren schöner\nVortrag grossen Beifall erregte. In gleicher Weise wur-\nden von ihm noch zwei Lieder aus der Winterreise von\nF. Schubert gesungen. Herr Concertmeister G. A. Barg-\nheer von hier trug ein Adagio für die Violine von L. Spohr\nvor. Sein prächtiger Ton, in Verbindung mit der Beherr-\nschung aller Schwierigkeiten seines Instrumentes und mit\neiner classischen Ruhe des Vortrages, dem es nicht an\nWärme fehlt, machen ihn zu 'einem sehr achtungswerthen\nKünstler, dem auch hier die allgemeine Anerkennung zu\nTheil wird. Herr Stockhausen sang drei Eichendorf'-\nsche Lieder von Schumann und beschloss das schöne Fest\nmit dem Liederkreise „An die ferne Geliebte\" von Beet-\nhoven. Der entzückende Vortrag dieser einfachen, innigen\nLieder rief einen ausserordentlichen Beifallssturm hervor.\nNach solchen Resultaten, sollte man meinen, müsste\nes hier gut um die Tonkunst stehen. Das lässt sieb auch\naugenblicklich noch mit vollem Rechte sagen. Es würde\naber ein falsches Licht auf die hiesigen Musik-Verhältnisse\nwerfen, wenn ein Umstand unerwähnt bliebe, welcher als\nein Krankheits-Symptom erscheint und für die Zukunft\nkeine günstige Prognose stellen lässt. Das bisherige Or-\nchester des Musik-Vereins hatte eine wesentliche Stütze\nin den Mitgliedern der früheren, seit mehreren Jahren in\nFolge der Abschaffung der so genannten musicalischen\nMessen eingegangenen Dom-Capelle. Diese Mitglieder er-\nhielten als solche eine feste Besoldung und konnten daher\nauch dem Musik-Vereine theils gegen geringe Remune-\nration, theils unentgeltlich ihre Kräfte zuwenden. Ihre\nZahl ist schon jetzt nicht unerheblich durch den Tod ge-\nlichtet. Soll daher der Verein neue Triebe ansetzen, die\nnicht bloss dilettantischer Natur sind und der langbewähr-\nten Tüchtigkeit seiner bisherigen Leistungen entsprechen,\nso kann er des Zuwachses äusserer Mittel zur Erwerbung\nneuer Kräfte für seine Existenz nicht entbehren. Seine\nalleinigen Mittel bestehen nur in den Beiträgen seiner Mit-\nglieder, welche keine Erhöhung erleiden können, wenn\nnicht schon jetzt für seine Fortdauer Gefahr erwachsen\nsoll; auch lässt sich von seiner Umwandlung in einen blos-\nsen Verein zur Veranstaltung öffentlicher Concerte noch\nweniger Hülfe erwarten. Das alleinige Mittel besteht in der\nUnterstützung des Vereins Seitens der städtischen Behör-\nden, wie solche in einer grossen Zahl anderer Städte längst\ngeleistet wird, und die sich durch Gründung einer städti-\nschen Capelle, oder durch die Besoldung des Vereins-Diri-\ngenten, oder auf manche andere Weise bewirken Hesse.\nLeider sind dazu die Väter der Stadt bisher nicht zu be-\nwegen gewesen, so dass selbst in der Miethe des Concert-\nLocales, des neuen Saales des hiesigen Rathhauses, von\nder Stadt ein Nachlass nicht zu erzielen war. Möchte darin\neine andere Ansicht Raum gewinnen, und unsere städti-\nschen Behörden auch für die Interessen der Kunst durch\ndie bewährte Erfahrung gestimmt werden, dass die Kunst,\ninsbesondere wenn sie in so würdiger und tüchtiger Weise\ngeübt wird, wie vom hiesigen Musik-Vereine unter Lei-\ntung seines ausgezeichneten Dirigenten, nicht bloss dem\nErgötzen weniger Berufenen dient, sondern in einer für\noffene Augen sichtbaren Weise durch Eingang in die\nKreise des Familienlebens Herz und Sinn für alles Schöne\nund Gute öffnet und ihren Anhängern eine gewiss eben\nso gute Rente einträgt, wie gemeinnützige Anlagen mate-\nrieller Art, denen hiedurch gewiss nicht widersprochen,\nwohl aber die Förderung jener Interessen als mindestens\nebenbürtig und auf gleicher Berechtigung stehend an die\nSeite gestellt werden soll."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1866-02-03-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1866-02-03_01#c004", "volume": "bmtnabi_1866-02-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "37", "page_fin": "38", "image_debut": 5, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660203-01.2.4", "titre_corps": "Das Patti-Concert am 27. Januar.", "titre_sommaire": "Das Patti-Concert am 27. Januar.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "37", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660203-01.1.5", "debut_caractere": 4690, "fin_caractere_exclue": 5332, "texte": "Das Patti-Concert am 27. Januar.\nDie Künstler-Gesellschaft, welche uns Herr Ullman\nam 27. v. Mts. in dem letzten Patti-Concerte neben der\ngrossen Sängerin, deren Namen seine Concerte tragen,\nvorführte, erschien in etwas veränderter Gestalt, indem die\nfrüheren Repräsentanten der Violine, des Piano's und des\nVioloncells—Vieuxtemps, Jaell, Piatli— fehlten. Da der\nerstere durch eine Verletzung der Hand am Spielen gehin-\ndert war, so fiel die Violine ganz aus; die beiden Anderen\nwaren nach Ablauf ihres Contractes durch die Herren\nL. Brassin und Jul. de Swert ersetzt worden, welche\nals ebenfalls ausgezeichnete Virtuosen ihren Platz rühmlich"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "38", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660203-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5330, "texte": "ausfüllten. Aber Herr Ullman hat das Publicum verwö-hnt;\nes erwartet in seinen Concerten nur europäische oder wo\nmöglich Weltberühmtheiten, und so bewährte er wieder\nseinen richtigen Tact dadurch, dass er Roger für den\nletzten Cyklus der Concerte dieser Saison gewonnen hatte.\nCarlotta Patti war nicht bloss dieselbe, die sie früher\nwar, jene wunderbar von der Natur ausgestattete Sängerin,\nsondern sie offenbarte bei ihrem diesmaligen Auftreten na-\nmentlich durch den vortrefflichen Vortrag der Verdi'schen\nArie aus der „Traviata\", dass sie als Künstlerin eine Reife\nerlangt habe, welche man aus ihren Bravour-Partieen frü-\nher noch nicht mit Sicherheit voraussagen konnte. In der\nAusführung dieser Arie zeigte sie in vollem Maasse Ver-\nständniss und Gefühl für das wahrhaft Schöne im Ausdruck\ndurch Gesang, und nicht bloss die höhere Tonregion, son-\ndern auch die mittlere erhielt durch richtige artistische\nBehandlung einen weicheren, egaleren und wohllauten-\nderen Klang, als sie früher hatte. Aber auch auf die Bra-\nvourleistungen hat diese künstlerische Entwicklung einen\ngünstigen Eintluss gehabt, wie wir besonders an dem Vor-\ntrage des „Lachliedes\" von Auber bemerkten, das die\nKünstlerin nach wiederholtem Hervorrufe zugab. Hier hielt\nsie die bei diesem Genre so leicht überschrittene feine\nGränze zwischen Kunst und Natur so trefflich inne, dass\nihre Leistung aus der niederen Region der Nachahmung\nvon Naturlauten vollständig in die höhere der Kunst über-\nging und eine Meisterschaft in Behandlung der Stimme,\nin der Technik und in dem Ausdruck der Anmuth und des\nnatürlichen Humors offenbarte, wie wir sie seit dem Ge-\nsänge der schwedischen Lieder durch Jenny Lind nicht\nwieder gehört haben.\nNeben so vielem Talente und Reiz hätte jeder andere\nSänger einen schweren Stand gehabt, nur Roger nicht,\nder, vom Publicum bei seinem Auftreten mit Applaus em-\npfangen, Schubert's „Erlkönig\", Gumbert's „0 bitt' euch,\nliebe Vögelein\", und die erste Arie des George Brown\naus der „Weissen Dame\", Alles mit rauschendem Beifalle\nund Hervorruf sang, nach welchem er die Arie mit deut-\nschem Texte wiederholte. Wir hatten diesen Sänger aller\nSänger seit seinem letzten Gastspiele auf hiesiger Bühne\nnicht wieder gehört, und wiewohl wir die Neigung der\nBlasirten in allen Ländern recht gut kennen, eine jugend-\nliche Schönheit von zwanzig Jahren „passirt\" zu nennen,\nweil sie nicht mehr sechszehn oder siebenzehn Jahre zählt,\nund eben so den Sängerinnen und Sängern, wenn man sie\neinige Jahre lang gehört hat, die weitere Berechtigung\nzum Auftreten abzusprechen—: wiewohl wir diese Unart\nkennen und den Urtheilen, die sie erzeugt, keinen Werth\nbeilegen, so waren wir dennoch erstaunt, Roger noch im\nVollbesitze derselben Stimme zu hören, die er vor zehn\nJahren hatte, einer Stimme, die sich nicht nur allen Mo-\ndificationen des Klanges fügt, sondern auch mit ihrem\nkräftigen Tone den grossen Raum des Gürzenichsaales\nfüllt. Es ist diese seltene Conservation der Stimme bei\nschönen Organen eine Folge der kunstgemässen, auf an-\ndauernden und richtigen Gesangstudien beruhenden Be-\nhandlung derselben, und die drei Heroen des französischen\nTenorgesanges, Nourrit, Duprez und Roger, haben davon\ndie glänzendsten Beweise geliefert. Roger ist der letzte\nderselben, der noch öffentlich auftritt; an seinem Vortrage\nkann das gegenwärtige Geschlecht allein noch lernen, was\ndie Kunst des Gesanges im dramatischen Ausdrucke jeder\nArt, ernsten oder heiteren Charakters, zu leisten vermag.\nBei ihm ist nicht bloss von Schule die Rede, sondern von\nStil, von dargestelltem Leben. Man kann ihm freilich auf-\nfallendere, glänzendere Berühmtheiten unserer Zeit, was\ndas Organ betrifft, entgegen stellen, aber eine vollkom-\nmenere, anziehendere Künstler-Individualität dürfte es\nkaum geben.\nDie Herren Brassin und de Swert eröffneten das\nConcert mit Beethoven's A-dur-Se für Pianoforte und\nVioloncell; sie bewährten sich durch die Auffassung der\nschönen Composition, richtige Tempi und ausdrucksvollen\nVortrag als Meister in der Wiedergabe classischer Musik.\nHerrn Brassin kennen und schätzen wir schon lange als\neinen Pianisten ersten Ranges, der dem Rufe, den er sich\nauch in den musicalischen Kreisen von Paris und Brüssel\nbegründet hat, vollkommen entspricht; die beiden Solo-\nstücke, die er uns dieses Mal vorführte, eine ungarische\nRhapsodie und die Transscription des Soldatenchors im\n»Faust\", haben uns nicht besonders angesprochen: wir\nkennen gar manche Bravour-Compositionen von ihm, sei-\nner gewaltigen „Etüden\" nicht zu erwähnen, welche mehr\nMusik und Genie enthalten. Herrn Julius de Swert, gegen-\nwärtig in Düsseldorf fixirt, hörten wir hier zum ersten\nMale. Er spielte ausser der gedachten Sonate das Andante\nund Rondo aus einem Concerte von Molique, und wir\nlernten in ihm einen vortrefflichen Violoncellspieler ken-\nnen, dessen Technik auf dem schwierigen Instrumente den\nhöchsten Anforderungen in allem entspricht, was Reinheit\ndes Tones in allen Lagen und vollendet correcte Passagen-\nAusführung betrifft. Dass Herr de Swert auch einen schö-\nnen Klang des Tones hat, bewiesen die Stellen von lang-\nsamerem Tempo in der Sonate und den Concertsätzen; bei\nden Passagen stand die feine und zierliche Nuancirung zu\ndem grossen Gürzenicbsaale nicht in dem richtigen Ver-\nhältnisse, um sich überall so wie in der Nähe geltend zu\nmachen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1866-02-03-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1866-02-03_01#c005", "volume": "bmtnabi_1866-02-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "39", "page_fin": "39", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660203-01.2.5", "titre_corps": "Aus Aachen.", "titre_sommaire": "Aus Aachen.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "39", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660203-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2223, "texte": "Aus Aachen.\nHerr Musik-Director Breunung ist dem überlieferten Ge-\nbrauche treu geblieben, uns wenigstens ein Mal im Jahre in den\nAbonnements-Concerten ein Oratorium von Händel vorzuführen;\ndie Wahl des „Samson\" war um so mehr zu billigen, als, abge-\nsehen von den inneren Schönheiten des Werkes, das unter den Wer-\nken Händel's einen hohen Rang einnimmt, dieses Oratorium seit\ndem Musikfeste im Jahre 1843 hier nicht gehört worden war. Aus-\nser den prachtvollen Chören sind besonders auch die Sologesänge\nso vortrefflich, dass in der Mehrzahl der übrigen Händel'schen Ora-\ntorien nur wenige Arien denen im „Samson\" als gleichberechtigt\nan die Seite zu stellen sein dürften.\nDie Aufführung war würdig, correct und voll Feuer und\nSchwung. Der Chor war zahlreich und bildete eine Masse klang-\nvoller Stimmen, die durch Sicherheit, Liebe und Eifer, die bis zur\nletzten Note anhielten, das ganze Auditorium hinrissen und unter\nder sicheren Leitung des Dirigenten, Herrn Breunung, den tief-\nsten Eindruck machten, namentlich bei dem glaubensfreudigen Chor:\n„Erhaben über Tod und Zeit\", eben so dem mit dem rührenden\nSolo Micah's verbundenen Chor: „Sie treten Deinen Knecht in Staub\",\nsodann in dem die vollsten harmonischen Wirkungen erzielenden\nDoppelchor: „Ehret auf seinem Thron\", und nicht minder in dem'\nprachtvollen Donnerchor. Es war zu bedauern, dass für einen so\nvollkommenen Oratoriensänger wie Herr Hill die Partie des Ma-\nnoah nicht bedeutender war, da die Gelegenheit, so ausgezeichnete\nSänger zu hören, so selten ist. Ein Gleiches liesse sich von Dalila\n(Fräulein Rempel) sagen, welche diese Partie mit jenem schönen\nTalente ausführte, das wir seit lange schon zu schätzen und zu\nbewundern gewohnt sind.\nDas Wiederauftreten unserer hochgeschätzten Dilettantin Frau\nPotthof-Diehl in unseren Concerten ward mit der grössten Be-\nfriedigung aufgenommen, und mit Recht. Die ungemein schöne Partie\nder Micah zeigte uns diese vortreffliche Oratoriensängerin in ihrem\nvollen Glänze; der Ausdruck, den sie unter Anderem in die Arie:\n„0 hör' mein Fleh'n\", legte, war wahrhaft ergreifend. Herr Göb-\nbels zog sich mit Ehren aus der Partie des Samson; der schöne\nVortrag der Arie: „Nacht ist umher\", verdient lobende Erwähnung."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1866-02-03-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabi_1866-02-03_01#c006", "volume": "bmtnabi_1866-02-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "39", "page_fin": "40", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660203-01.2.6", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "39", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660203-01.1.7", "debut_caractere": 2225, "fin_caractere_exclue": 6925, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nBielefeld. Am Sonntag den 14. Januar gab der Singverein\nSchumann's „Der Rose Pilgerfahrt\"; die Composition fand bei\nden Mitgliedern des Chors vollen, beim Publicum indess nur ge-\ntheilten Anklang. Die Soireen für Kammermusik, veranstaltet\nvon Frau Bertha Hahn, der talentvollen Gattin unseres Musik-\nDirectors Herrn Alb. Hahn, und Herrn Hof-Capellmeister Bargheer\naus Detmold, haben grosse Theilnahme erregt. Sie brachten gröss-\ntenteils classische Musik, z. B. Beethoven' s grosse Sonate in J.,\nKreutzer gewidmet, dessen Trio in 2), Op. 70; von J. Haydn ein\nTrio in C-dur, Adagio aus dem neunten Violin-Concerte von Spohr\nund einige brillante Salonstücke von Thalberg und Alfred Jaell\nfür Pianoforte und von Ernst für Violine.\nIn Lennep ist neulich Weber's „Freischütz\" vom Gesang-\nvereine unter Herrn O. Standke's Direction aufgeführt worden;\nes wird aber nicht gesagt, ob im Costume und auf einer Bühne, oder\nim Concertsaale; im letzteren müsste die Wolfsschlucht-Musik sich\ncurios ausgenommen haben.\n*** Erfurt, 21. Januar. Gestern gab der erfurter Musik-\nverein ein recht schönes Concert im Theatersaale unter Mitwirkung\nder Concertsängerin Fräulein Elise Rempel aus Köln und des\nHerrn Louis Lübeck, Professors am Conservatorium zu Leipzig.\nVon Orchestersachen hörten wir Beethoven's Sinfonie in B-dur\nund dessen Ouvertüre zum Trauerspiel Coriolan. Fräulein Rempel\nsang die Arie der Michal aus Hill er' s Oratorium „Saul\", die Ca-\nvatine aus Linda von Chamounix von Donizetti und zwei Lie-\nder: Kirchner's „Sie sagen, es wäre die Liebe\" und Schubert's\n„Haideröslein\" Alles mit ausserordentlichem Beifall. Herr Lü-\nbeck spielte ein Concert für Yioloncell in drei Sätzen von J. H.\nLübeck, die Höverie von Vieuxtemps für das Yioloncell und\nein Capriccio von Servais mit ausgezeichneter Virtuosität.\nFräulein von Edelsberg hat ihr Debüt an der berliner Oper\nals Angelica in Auber's „Schwarzem Domino\" und als Orpheus in\nGluck's gleichnamiger Oper fortgesetzt und besonders in letzter\nRolle ungetheilten Beifall errungen. Das Publicum folgte der vor-\ntrefflichen Leistung mit stets wachsender Theilnahme und lohnte\ndieselbe durch wiederholte Hervorrufe. Sie war zuerst als Fides am\n21. December v. J. aufgetreten.\nIn München wurden in den beiden königlichen Theatern im\nvergangenen Jahre 294 Vorstellungen gegeben, und zwar 244 im\nHof- und National-Theater und 50 im Residenz-Theater; davon ge-\nhören 135 dem Schauspiele, 125 der Oper und 24 dem Ballette an.\nUnter den Componisten ist Mozart 15 Mal, Lortzing 12 Mal und\nMeyerbeer 11 Mal vertreten.\nDer münchener Verein für Kammermusik besteht jetzt aus den\nHerren Jos. Walter (erste) und Ad. Closner (zweite Violine),\nAnt. Thoms (Viola) und Hippolyt Müller (Violoncell), sämmt-\nlich Mitgliedern der Hofcapelle.\nWien, 16. Januar. In der letzten La üb'sehen Quartett-Pro-\nduetion herrschte eine ungemein animirte Stimmung, die durch die\nvorzügliche Ausführung des Programms angeregt und von dem Be-\ndürfnisse, dem scheidenden Primarius die Beweise der Sympathie mit\nvollen Händen zu spenden, genährt wurde. Dass Laub's Abschieds-\nConcert sich zu einem wahrhaft demonstrativen Feste gestaltete, in\nwelchem die Rufe: „Dableiben!\" und Tücherschwenken nebst zahl-\nlosen Hervorrufungen an der Tagesordnung waren, kann bei der\nBeliebtheit dieses Künstlers nicht auffallen. Nach technischer Seite\nverdienen seine Leistungen auch in der That die Bewunderung, die\nihnen zu Theil wird, und welche bei einzelnen Individuen sich zur\nEkstase steigert. Er spielte das Spohr'sche J9-moZ/-Concert, die Tar-\ntini'sche Teufels-Sonate, die ungarische Phantasie von Ernst. Am\nSchlüsse gab er die Solo-Paraphrase über das Lucia-Sextett, ein fa-\nbelhaftes Virtuosenstück, das ab und zu freilich die Schönheitslinie\nüberschreitet, zum Besten.\nVon Franz Liszt sind in Wien bei J. N. Dunkl erschienen:\n„Zwei Legenden.\" 1. „Franz von Assisi's Vogelpredigt.\" 2.\n„Franz von Paula auf den Wogen schreitend.\" Zwei Hefte,\njedes zu 1 Fl. 20 Kr.\n/\nDas sechste Theater Wiens, das in einem Zeiträume von acht-\nzig Tagen von dem jungen Architekten Wagner fertig stand, wurde\nSamstag den 20. Januar eröffnet. Der äussere Schauplatz mahnt an\ndas Burgtheater, er bildet ein längliches Viereck, doch ist der An-\nblick ein ungleich freundlicherer. Das Theater besitzt bloss ein\nräumliches Parquet, eine Galerie mit amphitheatralisch aufstreben-\nden Sitzreihen, einen den Halbkreis des Schauplatzes beschreibenden\nBalcon und eine Anzahl Galerie- und Parterre-Logen. In der Aus-\nschmückung ist der gothische Geschmack beibehalten. Gold und\nHolzfarbe bilden den Hauptton der Malereien. Das Ganze macht\nden Eindruck, als wenn es mit Gobelins überzogen wäre. Die Be-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "40", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660203-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3114, "texte": "leuchtung ist eine splendide und strömt aus mehreren massiv gear-\nbeiteten Bronce-Candalabern. Das Foyer und die Couloirs sind räum-\nlich und elegant, wie überhaupt der Total-Eindruck ein freundlicher\nund gewinnender ist. Die erste Vorstellung, die zum Besten des\nWaisenhauses in der Alservorstadt natürlich bei ausverkauftem Hause\nStatt fand, wurde mit einer Ouvertüre vom Capellmeister Bachrich\neröffnet. Hierauf folgte ein nach dem Französischen bearbeitetes\nLustspiel: „Ein Morgenbesuch\", von Heinrich Hollpein. Man\nhätte diesem Schriftsteller, der sich bereits mit werthvollen Bühnen-\nwerken einen Namen gemacht, mehr kritischen Geschmack zuge-\ntraut, als die Wahl solch langweiliger Stoffe, wie der oben gebo-\ntene, der weder durch anziehende Charaktere gehoben, noch durch\neinen gehaltvollen Dialog zugänglich gemacht wird. Das darauf\ngegebene Genrebild: „Der tappere Landsoldat\", das der Verfasser,\nHerr Rethwisch, dem Schauspieler Herrn Rethwisch an den\nLeib geschrieben, kam um zwei Jahre zu spät ins Land, um einen\nnachhaltigen Erfolg zu erzielen. Die Ehre des Abends rettete die\nkomische Oper (?): „Ein Abenteuer auf Vorposten\", Text von Erik\nNessl, Musik von Barbieri. Doch diese Ehre musste Euterpe\nzum grössten Theile Terpsychoren abtreten, denn Signorina Conti\naus Mailand, eine Tänzerin von virtuoser Technik, grosser Sicher-\nheit und genügender Grazie, erregte die meiste Aufmerksamkeit\nund den meisten Beifall, woran auch der kühne Tänzer Herr Hol-\nzer und die gewandte Ballerina Fräulein Schellenberg partici-\npirten. Herrn Barbieri ist diesmal mehr eingefallen, als in seinem\njüngst am Carltheater begrabenen „Herrn Hauptmann\". Die Operette\nscheint über frische, aber noch wenig geschulte Stimmen zu verfü-\ngen. Die Ausstattung der Oper in Costumen ist glänzend und ge-\nschmackvoll, die decorative Ausstattung überhaupt anständig. Beim\nEingange des Theaters erhielt man einen in Versen abgefassten\nProlog, die Damen kleine Bouquets. (81. f. Th. u. M.)\nDie Orchester-Proben zur „Africanerin\" haben am 22. Januar\nim Hof-Operntheater in Wien begonnen und dürfte sonach die erste\nAufführung ungefähr Mitte Februar vom Stapel laufen. Fräulein\nBettelheim wird die Rolle der Selika zuerst singen.\nHerr Dr. Gunz, der mit der Direction des Hof-Operntheaters\nin Wien ein, wie man hört, sechswöchentliches Gastspiel contra-\nhirte, hat dasselbe am 24. Januar als Elvin in der „Nachtwandlerin\"\nbegonnen. Wie sehr das Publicum nach einer Veränderung lechzt,\nund sei diese Abwechslung selbst die ausgesungene „Nachtwandle-\nrin\", bewies das volle Haus. Der Gast fand beifällige Aufnahme,\nja, die Leistung des Fräuleins Murska als Amina schien sogar\neinen Theil der Zuhörerschaft zu enthusiasmiren.\nDie kleine Violinspielerin Therese Liebe aus Strassburg\nconcertirt gegenwärtig mit* vielem Glücke in der französischen\nSchweiz und wird sich nach ihrer Rückkunft von dort nach Paris\nbegeben, um hei Alard ihre Ausbildung zu vollenden. Von Paris\nwird die jugendliche Künstlerin nach London gehen. Sie hat in letz-\nterer Zeit unter der Leitung ihrer Pathin Therese Milanollo\nausserordentliche Fortschritte gemacht."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "33", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660203-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nUeber die Instrumentalmusik. Von Charles Beauquier. 11. Aus Münster (Concert-Aufführungen. Von ***.\nDas Patti-Concert am 27. Januar. Aus Aachen (Aufführung von Handelns „Samson\"). Tages- und Unterhaltungsblatt\n(Bielefeld, Singverein, Soireen für Kammermusik Lennep, Aufführung des „Freischütz\" Erfurt, Concert Berlin, Fräulein von\nEdelsberg München, Theater-Vorstellungen, Kammermusik-Verein Wien, Eröffnung eines neuen Theaters, „Africanerin\" u. s. w.).\n\nUeber die Instrumentalmusik.\nVon Charles Beauquier.\nII.\n(I. s. Nr. 4.)\nWir haben in der vorigen Nummer bei der Mitthei-\nlung der Ansichten des französischen Aesthetikers über\ndas Wesen der Instrumentalmusik verheissen, auf das Buch\nüberhaupt zurück zu kommen, und namentlich auf die Ab-\nschnitte, welche die Begründung jener Ansichten durch\nBetrachtung der allgemeinen Eigenschaften der Musik\ndarlegen. Diese Betrachtung enthalten im zweiten Theile\ndes Büchleins besonders die Abschnitte: „VI. Ueber die\nMusik und ihr Verhältniss zu dem sinnlichen Organismus.\nVII. Die Musik und das Gefühl. VIII. D ie Musik und der\nVerstand.\" Der erste Theil bespricht in fünf Capiteln\nin populärer, nirgends tiefer eingehender Weise die Be-\ngriffe Klang, Ton, Rhythmus, Tonart, Melodie, Harmonie.\nMehr Interesse hat im zweiten Theile gleich das sechste\nCapitel über die körperliche Erregung des Zuhörers durch\ndie Musik. Daran schliesst sich dann der Abschnitt über\n„Musik und Gefühl\", welcher folgender Maassen beginnt:\n„Es gibt vielleicht keinen Ausspruch, dem weniger\nEinwürfe entgegengestellt worden sind, als der Satz: „Die\nMusik ist die Kunst des Gefühls.\" Er geht von Einem\nzum Anderen wie eine Münze, die Jedermann für gültig\nhält, ohne dass es ihm einfällt, ihren Gehalt einmal zu\nprüfen.\n„Vor Allem müssen wir uns fragen, was das Gefühl sei.\n„Unter den Namen von Gefühlen hat der Mensch\neine lange, vielleicht die längste Zeit seines Lebens alles\ngebracht, was ihm Freude oder Betrübniss erregte, Nei-\ngungen, Affecte, Aufregungen, Leidenschaften aller Art,\ndie den Reiz oder die Qual des Daseins ausmachen. Es\ndürfte unmöglich sein, alle ihre Verschiedenheiten und\nfeinsten Nuancen zu zergliedern und aufzuzählen, aus so\nmannigfaltigen Elementen besteben sie, sinnlichen Ein-\ndrücken und Producten des Verstandes oder der Phantasie.\nIm Grunde aber beruhen sie alle auf der physischen Eigen-\ntümlichkeit des Menschen. Ihr Wesen unterscheidet sich\neben dadurch von den Ideen der reinen Vernunft, dass\nihre Basis die organische Thätigkeit ist, welche auf ver-\nschiedene Weise durch den Verstand, oder die Phantasie,\noder die Erinnerung modificirt wird. Denn allerdings kön-\nnen diese Gefühle, obwohl sie auf dem Organismus beru-\nhen, durch Ideen aller Art geläutert und erhöht werden.\n„Aber an und für sich betrachtet, erzeugt die orga-\nnische Thätigkeit, als Substrat der geistigen Erregung,\nreine, unvermischte Gefühle in uns, d. h. allgemeine See-\nlenstimmungen, die, eng mit dem körperlichen Leben ver-\nbunden, unabhängig von unserem Willen, ohne dass wir\nuns weder des Objectes noch der Ursache bewusst sind,\nuns ergreifen.\n»Ich kann z. B. des Abends in der heitersten Stim-\nmung zu Bette gehen und am Morgen unlustig, mürrisch,\nreizbar aufwachen. Mich beherrscht da ein unbestimmtes\nGefühl, dessen Ursache mir unbekannt ist, ein Gefühl,\ndas keinen bestimmten Gegenstand hat und folglich weder\nVerlangen und Wunsch, noch Abneigung und Hass ist;\ndenn wenn ich liebe oder hasse, so kenne ich den Gegen-\nstand beider Affecte sehr gut. Solche allgemeine Seelen-\nstimmungen hangen von einer Menge von Ursachen, haupt-\nsächlich aber von den körperlichen Zuständen, der inneren\nBeschaffenheit oder den momentan gestörten oder erreg-\nten Functionen des Organismus, von jenem unbewussten\nLeben im Schlafe, welches bis in den Tag hinein wirkt,\nvom Erwachen schlummernder unbestimmter Eindrücke,\nvon der Atmosphäre, in welcher wir athmen, von Licht\nund Wärme, Elektricität, kurz, von unzähligen Einflüssen\nab, denen unser physisches Leben gehorcht, ohne dass wir\nein Bewusstsein davon haben."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "34", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660203-01.1.2", "texte": "„Jede Kunst kann nur auf zweierlei Art auf den Men-\nschen wirken: entweder übernimmt sie die Rolle eines\nAgens, das denen gleicht, die wir eben aufgezählt haben,\nund wirkt auf die sinnliche Natur des Menschen, so dass\nsie unbestimmte, allgemeine, unbewusste Stimmungen er-\nzeugt; oder ihr Einfluss geht durch den Verstand und\nerweckt Vorstellungen und Ideen, welche den Gefühlen\nbestimmte Richtungen geben. Malerei und Sculptur sind\ndurch den Stoff und die Gegenstände, die sie behandeln,\nauf diese genauere Bestimmung der Gefühle angewiesen;\nnoch mehr als sie die Dichtkunst.\n„Die Musik hingegen vermag nicht, dem Verstände\nfestumrissene, genau erkennbare Vorstellungen und Be-\ngriffe zu geben, sie ist auf das Gefühl an sich, auf das\nallgemeine und unbestimmte, beschränkt.\n„Die Schwingung der Körper wird durch besondere\nphysische und mathematische Gesetze bedingt, der Orga-\nnismus des Menschen ist nur der Wiederhall jener Schwin-\ngung, er gehorcht ihren Gesetzen, seine Schwingung\nsetzt die Seele selbst in ihrem materiellen Leben in Be-\nwegung, und die Natur dieser Bewegung wird oft auch\nUrsache moralischer Stimmungen. Der Ton an und für\nsich wird bekanntlich desto höher, je schneller die schwin-\ngende Bewegung ist, die ihn erzeugt; je höher er wird,\ndesto mehr entwickelt er seine Lebenskraft, und folglich\nmacht er auf uns den Eindruck, den jede erhöhte Thätig-\nkeit der Lebenskraft macht, er stimmt uns heiterer, leb-\nhafter, als die tiefen Töne. Bei diesen nähert sich der\nlangsam schwingende Körper schon mehr dem Zustande\nder Trägheit der Materie. Der ganz tiefe Ton (z. B. im\nOrgel-Pedal) hat etwas Erschreckendes, es fällt uns\nschwer, ihn mit der Aeusserung von Leben, mit der Be-\nwegung, in Verbindung zu bringen: er überrascht uns\nwie eine Offenbarung des Wesens der Materie in einer\nGestalt, die uns am fernsten liegt. Das Schnelle nennen\nwir lebendig, die grösste Thätigkeit betrachten wir als\neine Vollkommenheit des Wesens.\n„Was von der Höhe des Tones und der Schnelligkeit\nseiner Schwingungen gilt, findet um so mehr auf eine\nReihe von Tönen Anwendung. Die Beschaffenheit der Be-\nwegung, dazu der Rhythmus, die Tonleiter, die und\nder eigenthümliche Klang {Je timbre), „ „den\ndie Deutschen poetisch die Farbe des Tones nennen\"\"\ndas alles vermag jene allgemeinen Gefühle oder richtiger\nStimmungen zu erzeugen, die auf der Erregung des phy-\nsischen Organismus beruhen, wovon wir gesprochen ha-\nben. Der Klang, Resultat der eigentümlichsten Form der\nSchwingung, wirkt auf solche Weise am deutlichsten; ein\neinziger Ton, z. B. eines Horns oder einer Glocke von\nMetall oder Glas, kann durch seinen besonderen Klang\neine eigene Stimmung in unserem Innern als Wiederhall\nseiner Einwirkung auf das Nervensystem hervorrufen.\n„Die Musik kann also nur die Grundstimmung\nfür bestimmte Gefühle anregen, nicht die Gefühle selbst;\ndiese aus jener zu bewusster Empfindung zu entwickeln,\nvermag sie nicht. Jenes Vermögen aber ist einer ihrer\nVorzüge vor anderen Künsten; sie ist die einzige Kunst,\nwelche directen Einfluss auf das Gefühl im Allgemeinen,\nauf die Stimmung der Seele hat, weil ihre materiellen\nElemente, Ton und Bewegung, am stärksten den mensch-\nlichen Organismus afficiren, auf den sie wie auf ein In-\nstrument wirken.\n„Die anderen Künste kommen ihr in dieser directen\nEinwirkung nicht gleich. Die Malerei besitzt ein entfernt\nähnliches Vermögen, aber das Licht beeinflusst die Nerven-\nzustände viel weniger, als der Ton; wenn wir von heitern\noder traurigen, lebhaften oder melancholischen Farben\nsprechen, so ist das mehr Convenienz und Metapher, als\nWahrheit.\n„Wir wissen also jetzt, was wir von der Wirkung\nder Musik auf die Gefühle zu halten haben; auf ihre\nMittel allein beschränkt, erzeugt sie sie nicht, drückt sie\nnicht charakteristisch aus, sondern versetzt nur den Kör-\nper in einen gewissen Zustand, welcher eine unbestimmte\nallgemeine Seelenstimmung zur Folge hat. Das ist viel,\ndas ist aber auch Alles.\n„Verlassen wir das Gebiet der unbewussten Gefühle,\nwelches den rein sinnlichen Eindrücken so nahe liegt, dass\nsogar die Thiere davon berührt werden, und treten wir\nin den engeren Kreis der bewussten, bestimmten Gefühle,\nso sind wir in der Sphäre der Intelligenz. Die Kunst kann\ndiesen Uebergang nicht anders vermitteln, als wenn sie\ndurch Zeichen ausdrücken kann, dass es sich hier um ein\nbestimmtes Gefühl handelt.\n„Die Malerei und die Sculptur benutzen dazu die Zei-\nchen der natürlichen Sprache: die Stellung des Körpers,\nden Ausdruck der Gesichtszüge, die äusseren Erscheinun-\ngen, welche die Gefühle begleiten und der Leidenschaft\ngleichsam zum Rahmen dienen. Die gewaltigen Aufregun-\ngen der Seele haben in der Regel eine ihnen eigenthüm-\nlicbe, leicht erkennbare Physiognomie. Lehren doch so-\ngar die Zeichenschulen auf dem Unterrichts-Stadium für\nden Ausdruck gewisse Linien und pbysiognomische Züge,\nwelche bestimmte Leidenschaften charakterisiren. Von der\nDichtkunst braucht natürlich gar nicht die Rede zu sein,\nda ihr ausser der Hauptsache, dem Worte, das auf der\nStelle die richtige Vorstellung gibt, auch die Schilderung\naller äusseren Erscheinungen, welche das Gefühl beglei-\nten, zu Gebote steht."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "35", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660203-01.1.3", "texte": "„Was hat denn nun die reine Musik, die Musik an\nund für sich, ohne Worte, für ähnliche Mittel, um mit\nHülfe des Verstandes oder der Phantasie bestimmte Ge-\nfühls-Eindrücke hervorzurufen? Befragt man die Meinung\nder Menge, so ist die Sache bald entschieden, denn sie\nbehauptet ohne Weiteres, die Musik sei die Sprache des\nGefühls.\n„Diese Behauptung, welche ohne genauere Prüfung\nsich so fortgepflanzt hat, dass sie beinahe für ein Axiom\ngilt, hat doch offenbar keinen Sinn, wenn sie nicht nach-\nweist, dass die Musik einen Complex von Zeichen besitzt,\nwelche bestimmte Gefühle genau kennbar machen.\n„Jede Sprache kann nur ein System von Zeichen sein.\nMan nimmt in der Regel drei Arten davon an: die natür-\nliche oder Geberdensprache, die Wortsprache, die auf\nconventioneilen Zeichen beruht, und die symbolische\nSprache, welche die Gedanken durch concrete Formen\nandeutet.\n„Wenn wir den Ton als eine Erscheinung, die in der\nStimme liegt, betrachten, so kann man sagen, dass auch\ner ein Element, und ein vorzügliches, der Natursprache\nist, weil der Ton der Stimme eng mit gewissen Empfin-\ndungen verbunden ist.\n„Die Stimme ist der eigentliche Ton des Körpers,\nwenn man diesen als nervöses Instrument betrachtet.\nWenn eine heftige Aufregung physischer oder moralischer\nNatur unseren Organismus erschüttert, so stossen wir\neinen Schrei aus, wie die Materie, welche ein Stoss oder\nSchlag in Schwingung bringt, einen Klang von sich gibt.\nDie Stimme ist das eigentliche Organ, das bestimmt ist,\nunsere Nebenmenschen in unser inneres Leben blicken zu\nlassen. Alle unsere inneren Bewegungen offenbaren sich\nin verschiedenen Abstufungen durch die Stimme; sie ver-\nändern mehr oder weniger wahrnehmbar irgend einen\nTheil dieses complicirten und zarten Instrumentes. Wie\ndas geschieht, gehört in die Physiologie der Stimme; wir\nhaben es nur mit den erfahrungsmässigen Erscheinungen\nzu thun, welche zum Beispiel folgende sind: der physische\nSchmerz verstärkt die Stimme, macht sie höher oder tie-\nfer, je nach dem Temperamente des Leidenden; der mo-\nralische Schmerz macht sie bebend, erstickt sie beinahe,\nbricht sie bis zum Schluchzen; Furcht macht sie tiefer,\nStaunen ausgedehnter; Zorn macht sie kreischend oder\nheiser, Freude gibt ihr einen hellen Klang. Bei ruhigen\nEmpfindungen wird ihr Klang milde und schwach. Wir\nsind so sehr daran gewöhnt, aus diesen äusseren Modifi-\ncationen der Stimme auf die Vorgänge im Innern des\nMenschen zu schliessen, dass wir schon in der Ferne, ohne\ndie Worte zu verstehen, bloss aus dem Klange der Stim-\nmen errathen, welche Gefühle die Leute, die weit von\nuns sprechen, beleben. Wegen dieser Eigenschaften hat\ndenn auch das Organ an und für sich bei dem Redner,\nSchauspieler u. s. w. einen so grossen Reiz. Schon durch\ndas Organ allein, abgesehen von Betonung, können sie\ndas Innere der zuhörenden Menge zu verschiedenen Stim-\nmungen anregen. Man erkennt an dem Tone der Stimme\nWohlwollen, Verachtung, Stolz, Mitleid, Zorn u. s. w.,\nja, man möchte behaupten, dass jedes Gefühl seinen na-\ntürlichen Ton in der menschlichen Stimme habe. Die\ngrösste Kunst in der Verstellung hat oft Mühe, jenen Ton\nzu unterdrücken oder ihn zu erheucheln.\nfait la musique, sagt das französische Volk und trifft da-\ndurch mit gesundem Menschenverstände die Wahrheit.\nWir brauchen noch kaum zu erwähnen, wie wir nach der\nStimme (oder der Sprache, wie man ungenauer zu sagen\npflegt) sogar den Charakter des Menschen beurtheilen,\nvielleicht eben so sicher, als die Physiognomen und Pbre-\nnologen nach den Gesichtszügen und Schädelformen. Die\nBlinden gehen darin am sichersten; sie erkennen wie auch\ndie Sehenden, nur genauer, als diese, den Bekannten an\nder Stimme wieder, und irren sich selten in der Ahnung\ndes Charakters aus dem Klange des Organs.\n„Auf solche Weise betrachtet, gehört der Klang der\nSprachstimme eben so gut wie die Gesten und Geberden\nzu den Zeichen der Natursprache. Aber darf man die\nStimme an und für sich mit der Musik identificiren und\ndaraus den Schluss ziehen, dass die Musik die Sprache\ndes Gefühls sei? Dieser Schluss würde eben so falsch sein,\nals wenn man, von dem Satze ausgehend, dass die körper-\nlichen Bewegungen und Geberden durch Affecte und\nLeidenschaften erzeugt werden und folglich diese Affecte\nkennzeichnen können, behaupten wollte, der Tanz sei die\nSprache des Gefühls.\n„Es ist überflüssig, zu beweisen, dass die natürlichen\nLaute, welche in physischer oder seelischer Aufregung\nihre Quelle haben, keine Musik sind, wiewohl es Philoso-\nphen gegeben hat, die sogar den Ursprung der Musik\ndarauf zurückführen, und wieder andere, die selbst den\nInstrumenten eine Gefühls-Charakteristik andichten! Die\nFähigkeit der Stimme, Affecte zu bezeichnen, besteht nur\nin ihrer eigenthümlichen Klangfarbe, die aber rein per-\nsönlich ist. Nimmt man diese hinweg, so bleiben für sie\nnur Höbe und Tiefe übrig, also die Verhältnisse eines\njeden anderen Instrumentes. Und ist denn eine Reihen-\nfolge von unarticulirten Lauten eine Melodie? Hat jede\nFolge von Klängen, zumal wenn sie dem Schall und dem\nGeräusch nahe stehen, irgend etwas mit Musik gemein?\nDas wäre gerade so, als wenn man behaupten wollte, eine\nReihe von Farben sei ein Gemälde.\"\n[*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "36", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660203-01.1.4", "texte": "Aus Münster.\nDen 29. Januar 1866.\nAlter Sitte gemäss feiert der hiesige Musik-Verein den\nCäcilien-Tag oder 22. November durch Aufführung eines\ngrösseren Tonwerkes für Chor und Orchester, an welche\nsich folgenden Tages ein Künstler-Concert schliesst. Be-\nsondere Umstände machten in dem jüngst abgelaufenen\nJahre die Verlegung des Festes auf den 27. und 28. Ja-\nnuar d. J. nothwendig. Für den ersten Tag wurden die\nzweite und dritte Abtheilung des R. Schumann'schen\nWerkes: Scenen aus Goethe's Faust, und die neunte\nSinfonie von Beethoven zur Aufführung gewählt. Ueber\nden Schumann'schen „Faust\" selbst hier etwas zu sagen,\nerscheint bei der ausgedehnten Bekanntschaft, welche die\nMusikfreunde mit dieser mindestens originellen Compo-\nsition während der letzten Jahre durch mannigfache Be-\nurteilung in Ihrer und anderen musicalischen Zeitschrif-\nten und durch dessen Aufführung in fast allen sich stän-\ndiger Musik-Vereine erfreuenden Städten zu machen Ge-\nlegenheit fanden, überflüssig. Doch darf nicht unerwähnt\nbleiben, dass, wenngleich der die hiesigen Verhältnisse\ninsgesammt durchziehende conservative Sinn, welcher auf\nmusicalischem Gebiete mit Zähigkeit an den grossen Mei-\nstern der classischen Zeit festhält und mit Vorsicht, ja,\nmit Misstrauen sich dem Modernen, selbst in dessen bes-\nseren Vertretern, nähert, die Mehrzahl der hiesigen Musik-\nfreunde auch der Schumann'schen Muse nicht in unbe-\ndingter Allgemeinheit nach allen ihren Richtungen hin\nhuldigen lässt, doch durch die vorgestrige Aufführung des\n„Faust\" diesem Werke auch hier viele neue Freunde ge-\nwonnen sind. Allerdings war auch die Aufführung selbst\nunter der Leitung unseres allgemein verehrten, feinen und\nunermüdlichen Vereins-Dirigenten, des Musik-Directors\nJ. 0. Grimm, eine in hohem Grade gelungene. Den\nChor bildeten 87 Sängerinnen und 50 Sänger, das Or-\nchester 55 Streicher und 20 Bläser u. s. w. Der Chor,\nwelcher bisher eine Leistungsfähigkeit und Tüchtigkeit,\nwie die gegenwärtige, noch nicht gehabt hat, sang mit\nfrischem, klangvollem Tone, mit correctester Reinheit und\nSicherheit und gab die feine Auffassung seines Dirigenten\nin schönem Ausdrucke wieder. Auch das Orchester, dem\ndas Werk keine geringe Aufgabe stellt, war im Ganzen\ndurchaus lobenswerth; in der Begleitung einzelner Soli\nwäre ein strengeres Piano wünschenswerth gewesen. Vor-\nzugsweise gelangen die Chöre: „Wenn sich lau die Lüfte\nfüllen\", ferner: „Waldung, sie schwankt heran\", und der\nprächtige Schlusscbor: „Alles Vergängliche ist nur ein\nGleichniss\". Die Sopran- und Alt-Soli wurden von hiesi-\ngen Dilettantinnen, welche als Vereins-Mitglieder auch in\nden regelmässigen Vereins-Concerten die Solo-Partieen zu\nübernehmen pflegen, mit schöner Stimme und innigem\nAusdrucke gesungen. Es gebührt ihnen dafür ein beson-\nderer Dank. Für die Tenor- und Bass-Soli waren die\nHerren Hof-Opernsänger E. Pirk aus Hannover und Con-\ncert-Director J. Stockbausen aus Hamburg gewonnen.\nHerr Pirk sang die Partie des Uriel und des Pater Ecsta-\nticus. Seine klangvolle Stimme und sein feiner, ausdrucks-\nvoller Vortrag erwarben ihm grossen Beifall. Herr Stock-\nhausen ist gewisser Maassen par excellence der Sänger des\nFaust geworden. Das Werk mag bis jetzt wenige Auffüh-\nrungen erfahren haben, in denen er nicht diese Haupt-\nPartie desselben gesungen hätte. Dazu übernahm er auch\ndie des Pater Profundus, des Pater Seraphicus und des\nDoetor Marianus,des verklärten Faust. Es macht sich\njedes Mal beim Anhören dieses vollendeten Sängers das\nGefühl geltend, als habe hier die Darstellung durch Wort-\nAusdruck und Ton den möglichen Höhepunkt erreicht.\nEs bleibt sich dieses auch gleich sowohl im dramatischen\nals im lyrischen Vortrage. Seine Auffassung und sein Vor-\ntrag zwingen den Hörer, alle eigene, selbst die höchste\nVorstellung von der Darstellung des Kunstwerkes aufzu-\ngeben. Sie führen denselben über alles, was er davon auch\nin höchster Potenz bisher innerlich bei sich selbst zur Vor-\nstellung gebracht, hinaus und bringen ihm, ohne irgend\netwas hineinzulegen, was nicht auch der Componist ge-\nwollt hätte, das Kunstwerk zur vollkommenen Anschauung.\nIn solcher Weise sang Stockhausen auch hier. Es kann\ndaher auch nichts hervorgehoben werden, was vorzugs-\nweise gelungen wäre. Dass das Werk bei den Zuhörern\neine besondere Begeisterung hervorgerufen, lässt sich trotz\nseiner vortrefflichen Aufführung und des wahrhaft künst-\nlerischen Gesanges Stockhausen's nicht behaupten. Ohne\nZweifel ist dazu bei einem solchen Werke, wie Schü-\nmanns „Faust\", welches, weil es in die Tiefe steigt, auch\nnicht auf der Oberfläche zu erfassen ist, eine genaue\nKenntniss desselben erforderlich. Es entscheidet daher\njener Umstand weder etwas über den Werth des Werkes\nselbst, noch über den musicalischen Geschmack seiner hie-\nsigen Hörer.\nBeethoven's neunte Sinfonie hat auch das Geschick er-\nfahren, sich in langem Kampfe die Herzen erobern zu\nmüssen. Dass sich ihr Sieg auch bis hieher erstreckt, da-\nvon zeugte der vorgestrige Beifallssturm nach jedem Satze.\nDie Aufführung war aber auch eine in jeder Beziehung\nanerkennenswerthe. Das Orchester spielte mit einer Leich-\ntigkeit und Sicherheit, dass das in seiner Ausführung so\nschwierige W7erk diese Eigenschaft verloren zu haben\nschien. Besonders verdienen der zarte Ausdruck und das\nWeiche und Fliessende in dem herrlichen Adagio und"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "37", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660203-01.1.5", "texte": "Andante moderato, die Maasshaltung in den Tempi,-welche\nbei dem beständigen Wechsel und den besonders den letz-\nten Satz durchziehenden Steigerungen ihre Schwierigkeit\nhat, der vortreffliche Vortrag des Gesang-Quartetts im\nletzten Satze und die Sicherheit und Reinheit, mit welcher\nder Chor hier seine Aufgabe löste, erwähnt zu werden.\nVor Allem aber gebührt der beste Dank unserem ausge-\nzeichneten Dirigenten, Musik-Director Grimm, ohne dessen\nEnergie das grosse Werk kaum zur Wahl gekommen,\nviel weniger zu so schöner Aufführung gelangt wäre.\nAm zweiten Tage eröffnete Beethoven's Septett\nOp. 20 das Künstler-Concert. Wer kennt nicht diese lieb-\nliche, klare und duftige Composition? Welcher Kunstfreund\nhat sich, wenn ihm auch die ursprüngliche Form unbe-\nkannt blieb, nicht an dem Trio, in welches Beethoven\nselbst sein Septett umgestaltete, oder an einem der vielen\nsonstigen Arrangements als Ciavier-Quartett (arrangirt\nvon Schwencke) oder zu vier Händen u. s. w. ergötzt?\nDas Septett war in allen Stimmen gut besetzt und seine\nAusführung dem entsprechend.— Herr E. Pirk sang so-\ndann eine Kirchen-Arie von A. Stradella, deren schöner\nVortrag grossen Beifall erregte. In gleicher Weise wur-\nden von ihm noch zwei Lieder aus der Winterreise von\nF. Schubert gesungen. Herr Concertmeister G. A. Barg-\nheer von hier trug ein Adagio für die Violine von L. Spohr\nvor. Sein prächtiger Ton, in Verbindung mit der Beherr-\nschung aller Schwierigkeiten seines Instrumentes und mit\neiner classischen Ruhe des Vortrages, dem es nicht an\nWärme fehlt, machen ihn zu 'einem sehr achtungswerthen\nKünstler, dem auch hier die allgemeine Anerkennung zu\nTheil wird. Herr Stockhausen sang drei Eichendorf'-\nsche Lieder von Schumann und beschloss das schöne Fest\nmit dem Liederkreise „An die ferne Geliebte\" von Beet-\nhoven. Der entzückende Vortrag dieser einfachen, innigen\nLieder rief einen ausserordentlichen Beifallssturm hervor.\nNach solchen Resultaten, sollte man meinen, müsste\nes hier gut um die Tonkunst stehen. Das lässt sieb auch\naugenblicklich noch mit vollem Rechte sagen. Es würde\naber ein falsches Licht auf die hiesigen Musik-Verhältnisse\nwerfen, wenn ein Umstand unerwähnt bliebe, welcher als\nein Krankheits-Symptom erscheint und für die Zukunft\nkeine günstige Prognose stellen lässt. Das bisherige Or-\nchester des Musik-Vereins hatte eine wesentliche Stütze\nin den Mitgliedern der früheren, seit mehreren Jahren in\nFolge der Abschaffung der so genannten musicalischen\nMessen eingegangenen Dom-Capelle. Diese Mitglieder er-\nhielten als solche eine feste Besoldung und konnten daher\nauch dem Musik-Vereine theils gegen geringe Remune-\nration, theils unentgeltlich ihre Kräfte zuwenden. Ihre\nZahl ist schon jetzt nicht unerheblich durch den Tod ge-\nlichtet. Soll daher der Verein neue Triebe ansetzen, die\nnicht bloss dilettantischer Natur sind und der langbewähr-\nten Tüchtigkeit seiner bisherigen Leistungen entsprechen,\nso kann er des Zuwachses äusserer Mittel zur Erwerbung\nneuer Kräfte für seine Existenz nicht entbehren. Seine\nalleinigen Mittel bestehen nur in den Beiträgen seiner Mit-\nglieder, welche keine Erhöhung erleiden können, wenn\nnicht schon jetzt für seine Fortdauer Gefahr erwachsen\nsoll; auch lässt sich von seiner Umwandlung in einen blos-\nsen Verein zur Veranstaltung öffentlicher Concerte noch\nweniger Hülfe erwarten. Das alleinige Mittel besteht in der\nUnterstützung des Vereins Seitens der städtischen Behör-\nden, wie solche in einer grossen Zahl anderer Städte längst\ngeleistet wird, und die sich durch Gründung einer städti-\nschen Capelle, oder durch die Besoldung des Vereins-Diri-\ngenten, oder auf manche andere Weise bewirken Hesse.\nLeider sind dazu die Väter der Stadt bisher nicht zu be-\nwegen gewesen, so dass selbst in der Miethe des Concert-\nLocales, des neuen Saales des hiesigen Rathhauses, von\nder Stadt ein Nachlass nicht zu erzielen war. Möchte darin\neine andere Ansicht Raum gewinnen, und unsere städti-\nschen Behörden auch für die Interessen der Kunst durch\ndie bewährte Erfahrung gestimmt werden, dass die Kunst,\ninsbesondere wenn sie in so würdiger und tüchtiger Weise\ngeübt wird, wie vom hiesigen Musik-Vereine unter Lei-\ntung seines ausgezeichneten Dirigenten, nicht bloss dem\nErgötzen weniger Berufenen dient, sondern in einer für\noffene Augen sichtbaren Weise durch Eingang in die\nKreise des Familienlebens Herz und Sinn für alles Schöne\nund Gute öffnet und ihren Anhängern eine gewiss eben\nso gute Rente einträgt, wie gemeinnützige Anlagen mate-\nrieller Art, denen hiedurch gewiss nicht widersprochen,\nwohl aber die Förderung jener Interessen als mindestens\nebenbürtig und auf gleicher Berechtigung stehend an die\nSeite gestellt werden soll.\n\nDas Patti-Concert am 27. Januar.\nDie Künstler-Gesellschaft, welche uns Herr Ullman\nam 27. v. Mts. in dem letzten Patti-Concerte neben der\ngrossen Sängerin, deren Namen seine Concerte tragen,\nvorführte, erschien in etwas veränderter Gestalt, indem die\nfrüheren Repräsentanten der Violine, des Piano's und des\nVioloncells—Vieuxtemps, Jaell, Piatli— fehlten. Da der\nerstere durch eine Verletzung der Hand am Spielen gehin-\ndert war, so fiel die Violine ganz aus; die beiden Anderen\nwaren nach Ablauf ihres Contractes durch die Herren\nL. Brassin und Jul. de Swert ersetzt worden, welche\nals ebenfalls ausgezeichnete Virtuosen ihren Platz rühmlich"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "38", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660203-01.1.6", "texte": "ausfüllten. Aber Herr Ullman hat das Publicum verwö-hnt;\nes erwartet in seinen Concerten nur europäische oder wo\nmöglich Weltberühmtheiten, und so bewährte er wieder\nseinen richtigen Tact dadurch, dass er Roger für den\nletzten Cyklus der Concerte dieser Saison gewonnen hatte.\nCarlotta Patti war nicht bloss dieselbe, die sie früher\nwar, jene wunderbar von der Natur ausgestattete Sängerin,\nsondern sie offenbarte bei ihrem diesmaligen Auftreten na-\nmentlich durch den vortrefflichen Vortrag der Verdi'schen\nArie aus der „Traviata\", dass sie als Künstlerin eine Reife\nerlangt habe, welche man aus ihren Bravour-Partieen frü-\nher noch nicht mit Sicherheit voraussagen konnte. In der\nAusführung dieser Arie zeigte sie in vollem Maasse Ver-\nständniss und Gefühl für das wahrhaft Schöne im Ausdruck\ndurch Gesang, und nicht bloss die höhere Tonregion, son-\ndern auch die mittlere erhielt durch richtige artistische\nBehandlung einen weicheren, egaleren und wohllauten-\nderen Klang, als sie früher hatte. Aber auch auf die Bra-\nvourleistungen hat diese künstlerische Entwicklung einen\ngünstigen Eintluss gehabt, wie wir besonders an dem Vor-\ntrage des „Lachliedes\" von Auber bemerkten, das die\nKünstlerin nach wiederholtem Hervorrufe zugab. Hier hielt\nsie die bei diesem Genre so leicht überschrittene feine\nGränze zwischen Kunst und Natur so trefflich inne, dass\nihre Leistung aus der niederen Region der Nachahmung\nvon Naturlauten vollständig in die höhere der Kunst über-\nging und eine Meisterschaft in Behandlung der Stimme,\nin der Technik und in dem Ausdruck der Anmuth und des\nnatürlichen Humors offenbarte, wie wir sie seit dem Ge-\nsänge der schwedischen Lieder durch Jenny Lind nicht\nwieder gehört haben.\nNeben so vielem Talente und Reiz hätte jeder andere\nSänger einen schweren Stand gehabt, nur Roger nicht,\nder, vom Publicum bei seinem Auftreten mit Applaus em-\npfangen, Schubert's „Erlkönig\", Gumbert's „0 bitt' euch,\nliebe Vögelein\", und die erste Arie des George Brown\naus der „Weissen Dame\", Alles mit rauschendem Beifalle\nund Hervorruf sang, nach welchem er die Arie mit deut-\nschem Texte wiederholte. Wir hatten diesen Sänger aller\nSänger seit seinem letzten Gastspiele auf hiesiger Bühne\nnicht wieder gehört, und wiewohl wir die Neigung der\nBlasirten in allen Ländern recht gut kennen, eine jugend-\nliche Schönheit von zwanzig Jahren „passirt\" zu nennen,\nweil sie nicht mehr sechszehn oder siebenzehn Jahre zählt,\nund eben so den Sängerinnen und Sängern, wenn man sie\neinige Jahre lang gehört hat, die weitere Berechtigung\nzum Auftreten abzusprechen—: wiewohl wir diese Unart\nkennen und den Urtheilen, die sie erzeugt, keinen Werth\nbeilegen, so waren wir dennoch erstaunt, Roger noch im\nVollbesitze derselben Stimme zu hören, die er vor zehn\nJahren hatte, einer Stimme, die sich nicht nur allen Mo-\ndificationen des Klanges fügt, sondern auch mit ihrem\nkräftigen Tone den grossen Raum des Gürzenichsaales\nfüllt. Es ist diese seltene Conservation der Stimme bei\nschönen Organen eine Folge der kunstgemässen, auf an-\ndauernden und richtigen Gesangstudien beruhenden Be-\nhandlung derselben, und die drei Heroen des französischen\nTenorgesanges, Nourrit, Duprez und Roger, haben davon\ndie glänzendsten Beweise geliefert. Roger ist der letzte\nderselben, der noch öffentlich auftritt; an seinem Vortrage\nkann das gegenwärtige Geschlecht allein noch lernen, was\ndie Kunst des Gesanges im dramatischen Ausdrucke jeder\nArt, ernsten oder heiteren Charakters, zu leisten vermag.\nBei ihm ist nicht bloss von Schule die Rede, sondern von\nStil, von dargestelltem Leben. Man kann ihm freilich auf-\nfallendere, glänzendere Berühmtheiten unserer Zeit, was\ndas Organ betrifft, entgegen stellen, aber eine vollkom-\nmenere, anziehendere Künstler-Individualität dürfte es\nkaum geben.\nDie Herren Brassin und de Swert eröffneten das\nConcert mit Beethoven's A-dur-Se für Pianoforte und\nVioloncell; sie bewährten sich durch die Auffassung der\nschönen Composition, richtige Tempi und ausdrucksvollen\nVortrag als Meister in der Wiedergabe classischer Musik.\nHerrn Brassin kennen und schätzen wir schon lange als\neinen Pianisten ersten Ranges, der dem Rufe, den er sich\nauch in den musicalischen Kreisen von Paris und Brüssel\nbegründet hat, vollkommen entspricht; die beiden Solo-\nstücke, die er uns dieses Mal vorführte, eine ungarische\nRhapsodie und die Transscription des Soldatenchors im\n»Faust\", haben uns nicht besonders angesprochen: wir\nkennen gar manche Bravour-Compositionen von ihm, sei-\nner gewaltigen „Etüden\" nicht zu erwähnen, welche mehr\nMusik und Genie enthalten. Herrn Julius de Swert, gegen-\nwärtig in Düsseldorf fixirt, hörten wir hier zum ersten\nMale. Er spielte ausser der gedachten Sonate das Andante\nund Rondo aus einem Concerte von Molique, und wir\nlernten in ihm einen vortrefflichen Violoncellspieler ken-\nnen, dessen Technik auf dem schwierigen Instrumente den\nhöchsten Anforderungen in allem entspricht, was Reinheit\ndes Tones in allen Lagen und vollendet correcte Passagen-\nAusführung betrifft. Dass Herr de Swert auch einen schö-\nnen Klang des Tones hat, bewiesen die Stellen von lang-\nsamerem Tempo in der Sonate und den Concertsätzen; bei\nden Passagen stand die feine und zierliche Nuancirung zu\ndem grossen Gürzenicbsaale nicht in dem richtigen Ver-\nhältnisse, um sich überall so wie in der Nähe geltend zu\nmachen."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "39", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660203-01.1.7", "texte": "Aus Aachen.\nHerr Musik-Director Breunung ist dem überlieferten Ge-\nbrauche treu geblieben, uns wenigstens ein Mal im Jahre in den\nAbonnements-Concerten ein Oratorium von Händel vorzuführen;\ndie Wahl des „Samson\" war um so mehr zu billigen, als, abge-\nsehen von den inneren Schönheiten des Werkes, das unter den Wer-\nken Händel's einen hohen Rang einnimmt, dieses Oratorium seit\ndem Musikfeste im Jahre 1843 hier nicht gehört worden war. Aus-\nser den prachtvollen Chören sind besonders auch die Sologesänge\nso vortrefflich, dass in der Mehrzahl der übrigen Händel'schen Ora-\ntorien nur wenige Arien denen im „Samson\" als gleichberechtigt\nan die Seite zu stellen sein dürften.\nDie Aufführung war würdig, correct und voll Feuer und\nSchwung. Der Chor war zahlreich und bildete eine Masse klang-\nvoller Stimmen, die durch Sicherheit, Liebe und Eifer, die bis zur\nletzten Note anhielten, das ganze Auditorium hinrissen und unter\nder sicheren Leitung des Dirigenten, Herrn Breunung, den tief-\nsten Eindruck machten, namentlich bei dem glaubensfreudigen Chor:\n„Erhaben über Tod und Zeit\", eben so dem mit dem rührenden\nSolo Micah's verbundenen Chor: „Sie treten Deinen Knecht in Staub\",\nsodann in dem die vollsten harmonischen Wirkungen erzielenden\nDoppelchor: „Ehret auf seinem Thron\", und nicht minder in dem'\nprachtvollen Donnerchor. Es war zu bedauern, dass für einen so\nvollkommenen Oratoriensänger wie Herr Hill die Partie des Ma-\nnoah nicht bedeutender war, da die Gelegenheit, so ausgezeichnete\nSänger zu hören, so selten ist. Ein Gleiches liesse sich von Dalila\n(Fräulein Rempel) sagen, welche diese Partie mit jenem schönen\nTalente ausführte, das wir seit lange schon zu schätzen und zu\nbewundern gewohnt sind.\nDas Wiederauftreten unserer hochgeschätzten Dilettantin Frau\nPotthof-Diehl in unseren Concerten ward mit der grössten Be-\nfriedigung aufgenommen, und mit Recht. Die ungemein schöne Partie\nder Micah zeigte uns diese vortreffliche Oratoriensängerin in ihrem\nvollen Glänze; der Ausdruck, den sie unter Anderem in die Arie:\n„0 hör' mein Fleh'n\", legte, war wahrhaft ergreifend. Herr Göb-\nbels zog sich mit Ehren aus der Partie des Samson; der schöne\nVortrag der Arie: „Nacht ist umher\", verdient lobende Erwähnung.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nBielefeld. Am Sonntag den 14. Januar gab der Singverein\nSchumann's „Der Rose Pilgerfahrt\"; die Composition fand bei\nden Mitgliedern des Chors vollen, beim Publicum indess nur ge-\ntheilten Anklang. Die Soireen für Kammermusik, veranstaltet\nvon Frau Bertha Hahn, der talentvollen Gattin unseres Musik-\nDirectors Herrn Alb. Hahn, und Herrn Hof-Capellmeister Bargheer\naus Detmold, haben grosse Theilnahme erregt. Sie brachten gröss-\ntenteils classische Musik, z. B. Beethoven' s grosse Sonate in J.,\nKreutzer gewidmet, dessen Trio in 2), Op. 70; von J. Haydn ein\nTrio in C-dur, Adagio aus dem neunten Violin-Concerte von Spohr\nund einige brillante Salonstücke von Thalberg und Alfred Jaell\nfür Pianoforte und von Ernst für Violine.\nIn Lennep ist neulich Weber's „Freischütz\" vom Gesang-\nvereine unter Herrn O. Standke's Direction aufgeführt worden;\nes wird aber nicht gesagt, ob im Costume und auf einer Bühne, oder\nim Concertsaale; im letzteren müsste die Wolfsschlucht-Musik sich\ncurios ausgenommen haben.\n*** Erfurt, 21. Januar. Gestern gab der erfurter Musik-\nverein ein recht schönes Concert im Theatersaale unter Mitwirkung\nder Concertsängerin Fräulein Elise Rempel aus Köln und des\nHerrn Louis Lübeck, Professors am Conservatorium zu Leipzig.\nVon Orchestersachen hörten wir Beethoven's Sinfonie in B-dur\nund dessen Ouvertüre zum Trauerspiel Coriolan. Fräulein Rempel\nsang die Arie der Michal aus Hill er' s Oratorium „Saul\", die Ca-\nvatine aus Linda von Chamounix von Donizetti und zwei Lie-\nder: Kirchner's „Sie sagen, es wäre die Liebe\" und Schubert's\n„Haideröslein\" Alles mit ausserordentlichem Beifall. Herr Lü-\nbeck spielte ein Concert für Yioloncell in drei Sätzen von J. H.\nLübeck, die Höverie von Vieuxtemps für das Yioloncell und\nein Capriccio von Servais mit ausgezeichneter Virtuosität.\nFräulein von Edelsberg hat ihr Debüt an der berliner Oper\nals Angelica in Auber's „Schwarzem Domino\" und als Orpheus in\nGluck's gleichnamiger Oper fortgesetzt und besonders in letzter\nRolle ungetheilten Beifall errungen. Das Publicum folgte der vor-\ntrefflichen Leistung mit stets wachsender Theilnahme und lohnte\ndieselbe durch wiederholte Hervorrufe. Sie war zuerst als Fides am\n21. December v. J. aufgetreten.\nIn München wurden in den beiden königlichen Theatern im\nvergangenen Jahre 294 Vorstellungen gegeben, und zwar 244 im\nHof- und National-Theater und 50 im Residenz-Theater; davon ge-\nhören 135 dem Schauspiele, 125 der Oper und 24 dem Ballette an.\nUnter den Componisten ist Mozart 15 Mal, Lortzing 12 Mal und\nMeyerbeer 11 Mal vertreten.\nDer münchener Verein für Kammermusik besteht jetzt aus den\nHerren Jos. Walter (erste) und Ad. Closner (zweite Violine),\nAnt. Thoms (Viola) und Hippolyt Müller (Violoncell), sämmt-\nlich Mitgliedern der Hofcapelle.\nWien, 16. Januar. In der letzten La üb'sehen Quartett-Pro-\nduetion herrschte eine ungemein animirte Stimmung, die durch die\nvorzügliche Ausführung des Programms angeregt und von dem Be-\ndürfnisse, dem scheidenden Primarius die Beweise der Sympathie mit\nvollen Händen zu spenden, genährt wurde. Dass Laub's Abschieds-\nConcert sich zu einem wahrhaft demonstrativen Feste gestaltete, in\nwelchem die Rufe: „Dableiben!\" und Tücherschwenken nebst zahl-\nlosen Hervorrufungen an der Tagesordnung waren, kann bei der\nBeliebtheit dieses Künstlers nicht auffallen. Nach technischer Seite\nverdienen seine Leistungen auch in der That die Bewunderung, die\nihnen zu Theil wird, und welche bei einzelnen Individuen sich zur\nEkstase steigert. Er spielte das Spohr'sche J9-moZ/-Concert, die Tar-\ntini'sche Teufels-Sonate, die ungarische Phantasie von Ernst. Am\nSchlüsse gab er die Solo-Paraphrase über das Lucia-Sextett, ein fa-\nbelhaftes Virtuosenstück, das ab und zu freilich die Schönheitslinie\nüberschreitet, zum Besten.\nVon Franz Liszt sind in Wien bei J. N. Dunkl erschienen:\n„Zwei Legenden.\" 1. „Franz von Assisi's Vogelpredigt.\" 2.\n„Franz von Paula auf den Wogen schreitend.\" Zwei Hefte,\njedes zu 1 Fl. 20 Kr.\n/\nDas sechste Theater Wiens, das in einem Zeiträume von acht-\nzig Tagen von dem jungen Architekten Wagner fertig stand, wurde\nSamstag den 20. Januar eröffnet. Der äussere Schauplatz mahnt an\ndas Burgtheater, er bildet ein längliches Viereck, doch ist der An-\nblick ein ungleich freundlicherer. Das Theater besitzt bloss ein\nräumliches Parquet, eine Galerie mit amphitheatralisch aufstreben-\nden Sitzreihen, einen den Halbkreis des Schauplatzes beschreibenden\nBalcon und eine Anzahl Galerie- und Parterre-Logen. In der Aus-\nschmückung ist der gothische Geschmack beibehalten. Gold und\nHolzfarbe bilden den Hauptton der Malereien. Das Ganze macht\nden Eindruck, als wenn es mit Gobelins überzogen wäre. Die Be-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "40", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660203-01.1.8", "texte": "leuchtung ist eine splendide und strömt aus mehreren massiv gear-\nbeiteten Bronce-Candalabern. Das Foyer und die Couloirs sind räum-\nlich und elegant, wie überhaupt der Total-Eindruck ein freundlicher\nund gewinnender ist. Die erste Vorstellung, die zum Besten des\nWaisenhauses in der Alservorstadt natürlich bei ausverkauftem Hause\nStatt fand, wurde mit einer Ouvertüre vom Capellmeister Bachrich\neröffnet. Hierauf folgte ein nach dem Französischen bearbeitetes\nLustspiel: „Ein Morgenbesuch\", von Heinrich Hollpein. Man\nhätte diesem Schriftsteller, der sich bereits mit werthvollen Bühnen-\nwerken einen Namen gemacht, mehr kritischen Geschmack zuge-\ntraut, als die Wahl solch langweiliger Stoffe, wie der oben gebo-\ntene, der weder durch anziehende Charaktere gehoben, noch durch\neinen gehaltvollen Dialog zugänglich gemacht wird. Das darauf\ngegebene Genrebild: „Der tappere Landsoldat\", das der Verfasser,\nHerr Rethwisch, dem Schauspieler Herrn Rethwisch an den\nLeib geschrieben, kam um zwei Jahre zu spät ins Land, um einen\nnachhaltigen Erfolg zu erzielen. Die Ehre des Abends rettete die\nkomische Oper (?): „Ein Abenteuer auf Vorposten\", Text von Erik\nNessl, Musik von Barbieri. Doch diese Ehre musste Euterpe\nzum grössten Theile Terpsychoren abtreten, denn Signorina Conti\naus Mailand, eine Tänzerin von virtuoser Technik, grosser Sicher-\nheit und genügender Grazie, erregte die meiste Aufmerksamkeit\nund den meisten Beifall, woran auch der kühne Tänzer Herr Hol-\nzer und die gewandte Ballerina Fräulein Schellenberg partici-\npirten. Herrn Barbieri ist diesmal mehr eingefallen, als in seinem\njüngst am Carltheater begrabenen „Herrn Hauptmann\". Die Operette\nscheint über frische, aber noch wenig geschulte Stimmen zu verfü-\ngen. Die Ausstattung der Oper in Costumen ist glänzend und ge-\nschmackvoll, die decorative Ausstattung überhaupt anständig. Beim\nEingange des Theaters erhielt man einen in Versen abgefassten\nProlog, die Damen kleine Bouquets. (81. f. Th. u. M.)\nDie Orchester-Proben zur „Africanerin\" haben am 22. Januar\nim Hof-Operntheater in Wien begonnen und dürfte sonach die erste\nAufführung ungefähr Mitte Februar vom Stapel laufen. Fräulein\nBettelheim wird die Rolle der Selika zuerst singen.\nHerr Dr. Gunz, der mit der Direction des Hof-Operntheaters\nin Wien ein, wie man hört, sechswöchentliches Gastspiel contra-\nhirte, hat dasselbe am 24. Januar als Elvin in der „Nachtwandlerin\"\nbegonnen. Wie sehr das Publicum nach einer Veränderung lechzt,\nund sei diese Abwechslung selbst die ausgesungene „Nachtwandle-\nrin\", bewies das volle Haus. Der Gast fand beifällige Aufnahme,\nja, die Leistung des Fräuleins Murska als Amina schien sogar\neinen Theil der Zuhörerschaft zu enthusiasmiren.\nDie kleine Violinspielerin Therese Liebe aus Strassburg\nconcertirt gegenwärtig mit* vielem Glücke in der französischen\nSchweiz und wird sich nach ihrer Rückkunft von dort nach Paris\nbegeben, um hei Alard ihre Ausbildung zu vollenden. Von Paris\nwird die jugendliche Künstlerin nach London gehen. Sie hat in letz-\nterer Zeit unter der Leitung ihrer Pathin Therese Milanollo\nausserordentliche Fortschritte gemacht."}]}