{"numero_id": "bm-bmtnabi-1866-04-21-01", "volume": "bmtnabi_1866-04-21_01", "ocr_sha256": "fecf01933f196056de08c6f8a235cbe930b80fae20dcaa4fe8e5533c0519f97f", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1866/04/21_01/bmtnabi_1866-04-21_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660421-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1866-04-21-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1866-04-21_01#c001", "volume": "bmtnabi_1866-04-21_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "121", "page_fin": "121", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660421-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "121", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660421-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 470, "texte": "Inhalt.\nUeber Kirchenmusik. Haydn, Mozart und Beethoven's Kirchenmusik und ihre katholischen und protestantischen Gegner.\nVon Dr. Franz Lorenz. Aus Darmstadt („Donna Maria\", Infantin von Spanien, Oper in zwei Acten, Musik von Reiset und Bangen).\nVon x. Theater in Köln (Gastspiel der Frau Jauner-Krall). Karl Tausig. 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B.\nThibaut, der Protestant, es sich gewiss nicht träumen liess,\ndass seine Ansicht über Unwürdigkeit der katholischen\nKirchenmusik aus dem achtzehnten und Anfange des neun-\nzehnten Jahrhunderts von einem grossen Theile der katho-\nlischen Geistlichkeit in unseren Tagen aufgenommen, zu\ndem Aeussersten führen würde, die musicalische Messe\nsowohl für Festtage als für Todtenfeier gänzlich aus der\nKirche zu verweisen. Selbst die grössten Meister in dieser\nGattung, die beiden Haydn, Mozart, Beethoven und Che-\nrubini, verfallen dem Bannfluche, und die Erzeugnisse des\ngrössten Wunders in der Schöpfung Gottes, des mensch-\nlichen Geistes, der sieb in der Kunst offenbart, werden\nfür unwürdig erklärt, die Wunder Gottes zu verkünden.\nUns befremdet freilich eine solche Erscheinung der\nZeit nicht im Geringsten; seitdem man angefangen, Gottes-\ndienst und Religion, Kirchlichkeit und Christenthum zu\nunterscheiden, war der Starrgläubigkeit und ihrer inqui-\nsitorischen Anmaassung gegen Andersdenkende Thür und\nThor geöffnet, und während das pietistische Muckerthum\nauf der einen Seite blühet, wundert uns nur, dass die\nneueren Bilderstürmer der Tongemälde auf der anderen\nSeite die vielgerühmte Consequenz in so fern aufgeben,\ndass sie nicht jeden Ton, mögen ihn schwingende Saiten,\noder Luftzug, oder die menschliche Stimme erzeugen, für\nunheilig erklären.\nWer sich recht ausführlich über die Streitfrage orien-\ntiren will, dem empfehlen wir das Studium der Reden\nund Abbandlungen, die in den letzten Jahren auf den\nwissenschaftlichen Congressen in unseren Nachbarländern\ngehalten und vorgelesen worden sind. Diese Congresse\nfanden 1860 in Paris, 1863 und 1864 in Mecheln in\nBelgien Statt, und die musicalisch-kirchliche Section auf\ndenselben zählte im Jahre 1863 an 80, 1864 an 100\nMitglieder, meist Geistliche, Organisten und einige Com-\nponisten und Schriftsteller. Nun haben jetzt die Herren\nDe Vroye und van Elewyck sämmtliche Protocolle,\nErörterungen, Reden, Beschlüsse u. s. w. der drei Ver-\nsammlungen drucken lassen*). Herr de Vroye, Canonicus\nan der Kathedrale zu Lüttich, war Vorsitzender der mu-\nsicalisch-kirchlichen Section in Mecheln, Herr van Ele-\nwyck Schriftführer. F&is, der das Buch in der pariser\nGazette musicaleanzeigt, lässt zwischen den folgenden\nZeilen ein Urtheil lesen, das mit denen, die wir früher\nvon Obrenzeugen vernommen haben, übereinstimmt. Er\nsagt:\n„Wie es bei allen grossen berathenden Versammlun-\ngen ähnlicher Art zu gehen pflegt, so sind auch hier die\nHauptfragen oft in einer Flut von Vorschlägen und Ideen\nuntergegangen, welche das eigentliche Ziel der Erörterung\naus den Augen verloren; man verbrachte die Zeit mit Di-\ngressionen nach rechts und links, und wenn man gewahr\nwurde, dass der Schluss der Sitzung nahte, so endete man\nin Eile und fasste eben so übereilt Beschlüsse. So ist man\ndenn, um die Wahrheit zu sagen, auf allen drei Congres-\nsen manchmal an der Lösung der zu erörternden Frage\nvorbeigegangen, ohne es zu merken; vielleicht sind auch\ndie Fragen nicht immer richtig und genau genug ge-\nstellt worden. Indess ist vortrefflich gesprochen worden\"\nu. s. w. u. s. w.\nWer also Lust hat, den Stand der Frage in Belgien\nund Frankreich und die Ausführungen der Geistlichkeit\n\n*) Les Congrös de Malines et de Paris et la Mgislation de\nVEglise sur la Musique religieuse. Paris, 1866. Bvo."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "122", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660421-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5299, "texte": "(denn diese hat den Gongress und namentlich die mu-\nsicalische Section beherrscht) kennen zu lernen, der lese\ndie Actenstücke, jedenfalls interessante Documente einer\nZeit, in welcher neben der Wissenschaft und dem prak-\ntisch verständigen Weltverkehr, die beide mit Dampf und\nElektricität vorwärts eilen, die Kunst mit Hülfe von Zug-\nthieren und Handkurbeln rückwärts gebracht werden soll,\num noch einmal von vorn anzufangen. Es ist natürlich,\ndass solch ein Treiben in der Kunst zu einer Reaction\nauffordert, welche dann wieder über's Ziel hinausschiesst,\nindem sie den Fortschritt ä toutprix verlangt, selbst um\nden Preis des Schönen, worin sie denn, nämlich im letzten\nPunkte, am Ende wieder der anderen Secte ähnlich wird,\ndenn les extremes se touchent! Brauchen wir noch auf\nein schlagenderes Beispiel hinzuweisen, als die letzten Com-\npositionen und namentlich die kirchlichen des berühmten\nAbbe zur Bestätigung der Wahrheit dieses Satzes dar-\nbieten?\nEine andere Stimme klingt über dieselbe Frage von\nOesterreich zu uns her. Sie spricht sich, ebenfalls aus\ndem katholischen Lager, aber nicht aus dem mittelalter-\nlichen, entschieden gegen die Abschaffung der Musik in\nder katholischen Kirche aus und tritt in religiöser und mu-\nsicalischer Hinsicht als warme Vertheidigerin der Heroen\nderselben: Haydn, Mozart, Beethoven und der zahlreichen\nweniger bekannten Kirchen-Componisten Oesterreichs im\nvorigen Jahrhundert auf. Die kleine Schrift führt den Titel:\nHaydn, Mozart und Beethoven's Kirchen-\nmusik und ihre katholischen und protestanti-\nschen Gegner. Von Dr. Franz Lorenz. Breslau,\nbei Leuckart (C. Sander). 1866. VIII und 96\nSeiten 8.\nDer Verfasser äussert in dem Vorworte, welches\n„Wiener Neustadt, Ende Juni\" unterzeichnet ist, dass ihm\ngewisser Maassen das Si natu\nversumdie Feder in die Hand gegeben, indem er die Ent-\nwürdigung der von ihm so hoch verehrten Meisterwerke\nnicht länger habe ertragen können, und entschuldigt seine\nzuweilen hervortretende Gereiztheit durch die Aufregung\ndes Gemüthes „bei der peinlichen Lecture aller gegen die\nösterreichische Kirchenmusik*) und ihre Haupt-Repräsen-\ntanten geschleuderten Diatriben und der Erinnerung an\ndas freche Wort eines Gegners: „ „Seit Jos. Haydn ist die\nösterreichische Kirchenmusik gottlos in des Wortes schar-\nfer Betonung geworden\"\".\nIm Ganzen hat sich jedoch Dr. Lorenz der Objectivi-\ntät befleissigt. Er ist Dilettant, und man darf in seiner\nSchrift keine musikwissenschaftliche Erörterung der Gat-\ntung, über die er schreibt, erwarten; dagegen ist er aber\nauch frei vom theologischen Argumentiren und trägt nicht\ndas Dogma als Princip in die Discussion hinein, dem sich\ndie Kunst beugen müsse; er stellt sich auf den Stand-\npunkt eines genauen Kenners der kirchlichen Musikwerke,\nder mit einer allgemeinen ästhetischen und musicalischen\nBildung das aufrichtige Gefühl für Religion und Bedeu-\ntung der Kunst für dieselbe verbindet.\nNach Bemerkungen über das Verhältniss der Kunst\nüberhaupt zur Religion berichtet der Verfasser über\nOesterreichs Kirchen-Componisten und den erstaunlichen\nReichthum der Literatur dieser Gattung in dortigen Lan«\nden. Ausser den beiden Haydn, Mozart und Beethoven\nerscheinen da die Namen Albrechtsberger, Eybler, Fux,\nGassmann, Pasterwitz, Preindl, Stadler, Hummel, Toma-\nscheck, Reutter, Weigl u. s. w. immer nur noch als her-\nvorragende Meister unter der Masse der übrigen.\n„In der That\", sagt der Verfasser, »kennen wir selbst\nin Oesterreich viele dieser Meister kaum dem Namen, so\nwie den Umfang ihrer oft enormen Leistungen sicherlich\nnicht der Zahl nach; bei dem regen Antheil, den in der\nBlüthezeit jeder einiger Maassen gebildete Chorregent,\nworunter oft die bedeutendsten, aber über ihren Wohn-\nsitz hinaus wenig bekannten Talente, an der Sache durch\neigene Compositionen zu nehmen pflegte, so wie bei dem\nUmstände, dass diese Werke, selbst jene der Grossmeister,\nmeistentheils nur in Abschriften circulirten, sind gewiss\ndereinst noch wichtige Entdeckungen auf diesem Gebiete\nzu gewärtigen, während schon das bereits Vorhandene\nund Bekannte über die Regsamkeit, die in diesem Fache\ngeherrscht, und die Menge vortrefflicher Schöpfungen, die\nsie ans Licht gebracht, gerechtes Erstaunen hervorzurufen\ngeeignet ist.\n„Eine ungefähre Berechnung führt gleich in die Hun-\nderte und Tausende. Mich. Haydn's und Albrechtsberger's\nKirchenwerke allein schon ergeben zusammen ein halb\nTausend Nummern. Jedes grosse Kirchenmusik-Archiv\nbesitzt, wie sich der Verfasser durch theilweise Verglei-\nchung selbst überzeugt hat, ein anderes Inventar. So be-\nwahrt beispielshalber von Mich. Haydn's Messen das Stift\nSt. Peter in Salzburg 26 Nummern oben erwähnte Ka-\ntaloge aus Salzburg geben mit Ausschluss der fünf deut-\nschen dieselbe Zahl —, die Hofcapelle in Wien 11, Sanct\nStephan 12, Stift Göttweig 31, Kremsmünster 26, Li-\nlienfeld 28, das fürstliche Musik-Archiv zu Eisenstadt 29;\nhinwieder von den Gradualien und Offertorien, deren jene\nKataloge 188 namentlich aufführen, das Stift St. Peter\n249 (?), Hofcapelle 82, St. Stephan 141, Göttweig 163,\nLilienfeld 94, Kremsmünster 153, Eisenstadt 119, welch\n\n*) Der Verfasser hat als kurze Bezeichnung den Ausdruck:\n„österreichische Kirchenmusik\", für die ganze Gattung derjenigen\ndeutschen Kirchenmusik gewählt, deren Spitzen Haydn u. s. w. bilden."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "123", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660421-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5443, "texte": "letzteres Archiv von M. Haydn's Kirchen-Compositionen\n40 in autographer Handschrift des Meisters besitzt.\"\nUeber einige dieser weniger bekannten österreichi-\nschen Componisten theilt der Verfasser in Kürze Man-\nches Neue mit, z. B. über Pasterwitz (-}• 1803), dessen\nMessen sich Mich. Haydn eigenhändig in Partitur setzte.\n„Der Verfasser dankt der zuvorkommenden Güte des ge-\ngenwärtigen Herrn Chorregenten zu Kremsmünster, P.\nMax Kerschbauer, nähere Nachrichten über diesen merk-\nwürdigen, als Mensch, Gelehrten und Künstler gleich an-\nziehenden und doch selbst in Oesterreich so wenig ge-\nkannten Benedictiner, der aus einem adeligen Hause ent-\nsprossen, auf Reisen durch Europa zum Weltmanne ge-\nbildet, als Mensch durch die Reinheit seiner Sitten und\ndie Liebenswürdigkeit seines Charakters die Freundschaft\nder ausgezeichnetsten Köpfe Oesterreichs, als Mann der\nWissenschaft die Aufmerksamkeit eines Sonnenfels und\nberliner und göttinger Gelehrten sich erworben, als Kir-\nchen-Componist nicht bloss, wie erwähnt, von M. Haydn,\nsondern auch von Mozart, Albrechtsberger, Salieri, die\nihn, als er nach Wien übersiedelte, mit offenen Armen\nempfingen, höchlichst geschätzt ward, und der unter einem\nvielbewegten Leben innerhalb und ausserhalb seines Stiftes\nnoch Zeit gefunden, nicht bloss eine grosse Zahl tüchtiger\nSchüler im Kirchenfache zu bilden, sondern auch über\n200 Kirchen-Compositionen, die Advents- und Passions-\nArien nicht einmal gerechnet, zu hinterlassen. Diese wich-\ntige Verlassenschaft gesammelt, geordnet und vor Zersplit-\nterung beschützt zu haben, ist das dankbar und öffentlich\nanzuerkennende Verdienst des obenerwähnten Herrn Chor-\nregenten Kerschbauer.\n„Ein kleiner Irrthum sei bei dieser Gelegenheit be-\nrichtigt. Die Musik-Lexica und auch 0. Jahn nennen Süss-\nmayr einen Schüler von Pasterwitz. Wie aber die Rotula,\neine Art Currende, die, den Nekrolog eines verblichenen\nOrdensbruders enthaltend, an die affiliirten Stifter versandt\nzu werden pflegt, meldet, war Süssmayr's Lehrer, und\nnicht er selbst ein Schüler dieses trefflichen Tonsetzers.\n„Einen anderen tüchtigen Kirchen-Componisten be-\nsass Krerosmünster an P. Günther Kronberger, dessen\nTodten-Vesper noch alljährlich daselbst am Vorabende des\n11. December zum Gedächtnisse des Ordensstifters als ein\nausgezeichnetes Werk mit Vorliebe aufgeführt wird, und\nder unter Anderem auch M. Haydn's\nbei dessen Tviha mirum jenen der Tod überraschte, zu er-\ngänzen unternommen. Wer die Grossartigkeit in der An-\nlage dieses Werkes, das nach M. Haydn's eigenem Ge-\nständnisse ein Rivale des Mozart'schen werden sollte, eini-\nger Maassen kennt, wird die Kühnheit eines solchen Un-\nternehmens zu würdigen wissen, aber auch zugeben, dass\nschon der blosse Versuch, sich an einen solchen Meister\nheran zu wagen, selbst wenn er, was wahrscheinlich, kaum\nmehr als annähernd geglückt sein sollte, einen gewiss nicht\nalltäglichen Verein von Talent und Wissen bei einem Ton-\nsetzer voraussetzt, dessen Kirchen-Compositionen doch ge-\ngenwärtig, gleich jenen von Pasterwitz, kaum über die\nSchwelle seines Klosters hinaus bekannt sind.\"\nDann gibt Dr. Lorenz folgenden Epilog zu seinem\nAbschnitte über die österreichische Kirchenmusik:\n„Es war eine herrliche, grosse, für Oesterreich wohl\nnie mehr wiederkehrende Zeit, die Periode von jenem kai-\nserlichen Capellmeister Fux bis zu den zwei Heroen Beet-\nhoven und Schubert herauf! Eines jener goldenen Zeitalter\nder Kunst, wie es dem Menschengeschlechte so äusserst\nselten, nur in ungeheuren Zeit-Distanzen, vom Geschicke\ngegönnt wird. Die Tonkunst war kein Naschwerk für bla-\nsirte, übersättigte Mägen, sie war bei Hohen und Niede-\nren zu einem Bedürfnisse des Herzens, fast zu einer Art\nreligiösen Cultus geworden. Kaiser musicirten und com-\nponirten, Prinzen und Prinzessinnen wirkten bei Musik-\nProductionen in der Hofburg, Fürsten und Grafen, wie\nRasumovsky, Lamberg, Fuchs bei jenen des Fürsten Ester-\nhazy in Eisenstadt persönlich mit, in Klöstern und Städten\nfand die Kirchenmusik ihre eifrigsten Pfleger, ja, häufig\nselbst in unscheinbaren Marktflecken und Dörfern würdige\nVertreter wir erinnern beispielshalber nur an den be-\nkannten trefflichen Kirchen-Componisten Rieder, simplen\nSchulmeister im Markte Berchtoldsdorf bei Wien —, in\nder Residenz aber selbst bildeten sich mitten unter einer\nim Ganzen ziemlich cruden Bevölkerung zahlreiche Oasen\nechter, ungeschminkter Humanität und Cultur, jene edlen,\nvon Jahn mit sichtlicher Liebe geschilderten Kreise, die die\nFamilien Thun, Jacquin, Greiner, Martinez, Kress, Spiel-\nmann u. s. w. um sich versammelten, und wo alles, was\ngut und schön, vor Allem aber die Tonkunst, die reinste, be-\ngeisterte Verehrung gefunden. Hervorgegangen aus dieser\nZeitströmung und getragen und gehoben von ihr, wirkten\nund schufen unsere grossen Meister. Wo ist ein Fach ihrer\nKunst: Oratorium, Oper, Sinfonie, Concert, Quartett\nu. s. w. bis zur Sonate und dem Liede herab, in dem nicht\nvon ihnen ewige Musterwerke für alle Zeiten geschaffen\nworden? Wo ist aber auch auf kirchlichem Gebiete ein\nFach, das nicht von diesen Koryphäen und anderen Mei-\nstern, von denen wir oben nur die kleinste Zahl namhaft\ngemacht, mit Werken in fast unübersehbarer Menge, und\nden bewunderungswürdigsten darunter, geschmückt wor-\nden wäre?\n„Ja, diese Werke, wie die Aussprüche selbst, die diese\ngrossen Meister und zugleich Kenner, wie keine anderen,\nüber ihre Leistungen gegenseitig getban, bezeugen es für\n\n[*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "124", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660421-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3462, "texte": "Jeden, der nicht um Parteizwecke willen Augen und Ohren\nverscbliesst, dass auch auf kirchlichem Gebiete hier die\nTonkunst im schönen Stile, wie einst unter Palestrina\nim erhabenen, ihre Vollendung gefeiert: eine Vollendung,\nwie sie in dieser Art erst jetzt durch das merkwürdige,\nauch in anderen Zweigen beobachtete Zusammentreffen\nder grössten Genies mit der ihrer Culmination sich nähern-\nden, all ihrer reichen Mittel endlich bewusst gewordenen\nKunst möglich gewesen.\n»Der schöne Stil\" sagt Vi sc her in seiner Aesthe-\ntik, „ist der freie, Anmuth, Reiz und Effect nie einseitig\nerstrebende, auf Ausdruck bedachte, aber ihn von einsei-\ntigem, gefühligem Sichvordrängen zurückhaltende, gemütb-\nreiche, aber nicht sentimentalisirende, das Charakteristische,\nIndividuelle, Naturalistische mit dem reinen Duft gehobe-\nner Idealität umgebende, auch die strengen Formen mit\nAbstreifung ihrer abstracten Regelmässigkeit frei in sich\nverarbeitende Stil, der nichts, was die Musik an Formen\nund Mitteln bietet, verschmäht, eben so aber auch Alles\nzu in sich abgerundeter, klarer Einheit zusammenfasst. Er\nbefriedigt zwar für sich allein nicht alle Anforderungen,\nda man das Hohe und Ideale nicht bloss als Element, son-\ndern in eigener, selbständiger Ausprägung vernehmen will,\naber er ist der Gipfel des musicalischen Stils durch seine\nUniversalität, durch seine allseitige Vollendung.\"\nHelmholtz fixirt in seinem Werke „Ueber Ton-\nEmpfindungen\" den Werth der neueren Musik auf\nfolgende Weise:\n„In der That, die Art, wie das Tonmaterial der Musik\njetzt für den künstlerischen Gebrauch zurecht gemacht, ist\nan sich schon ein bewunderungswürdiges Kunstwerk, an\nwelchem die Erfahrung, der Scharfsinn und der künstleri-\nsche Geschmack der europäischen Nationen seit Terpander\nund Pythagoras nun dritthalb Jahrtausend gearbeitet ha-\nben. Mit diesem Ton-Systeme, welches grossen Reichthum\nvon Formen bei festgeschlossener künstlerischer Consequenz\nzuliess, ist es nun möglich geworden, Kunstwerke zu schaf-\nfen, viel grösser an Umfang, viel reicher in Formen und\nStimmen, viel energischer im Ausdrucke, als es irgend eine\nvorausgegangene Zeit produciren konnte, und wir sind da-\nher gar nicht geneigt, mit den modernen Musikern zu\nrechten, wenn sie es für das vorzüglichste von allen\nerklären; nur dürfen sie nicht vergessen, dass neben die-\nsem Systeme und vor ihm andere aus anderen Principien\nentwickelt worden sind, in deren jedem gewisse beschränkte\nAufgaben der Kunst so gelöst worden sind, dass auch da der\nhöchste Grad künstlerischer Schönheit entwickelt wurde.\"\n„Sollte es also wirklich dahin kommen, wozu man\nleider in einigen Erzdiöcesen am Rheine, in Schlesien und\nBöhmen bereits den Anfang gemacht, dass die katholische\nHierarchie diesen ganzen edlen Zweig mit dem Interdict\nbelegt, auf das Geschrei vieler katholischer und protestan-\ntischer Idioten und Schreihälse lieber horchend, als auf\ndas Urtheil weniger, aber grosser Künstler und gründlicher\nForscher, von welch letzteren wir so eben zwei namhaft\ngemacht, dann fürwahr wäre die Braut Christi, mit pflicht-\nschuldigster Aufrichtigkeit sei's gesagt, unter den sieben\nthörichten Jungfrauen die thörichtste zu nennen, indem sie\neinen herrlichen Schmuck voll der kostbarsten Juwelen,\nden ihr die trefflichsten Meister aufs Haupt gesetzt, von\nsich und in den Roth warf, weil ein oder der andere Stein\nnicht ganz die gehörige Fassung, vielleicht auch hier und\nda einen kleinen Flecken hatte!\"\n(Schluss folgt.)"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1866-04-21-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1866-04-21_01#c003", "volume": "bmtnabi_1866-04-21_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "124", "page_fin": "125", "image_debut": 4, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660421-01.2.3", "titre_corps": "Aus Darmstadt.", "titre_sommaire": "Aus Darmstadt.", "signature_source": "x", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "124", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660421-01.1.4", "debut_caractere": 3464, "fin_caractere_exclue": 5117, "texte": "Aus Darmstadt.\n„Donna Maria“, Infantin von Spanien, Oper in zwei\nActen, Musik von Reiset und Bangen\n\n*)•\nDen 14. April 1866.\nDas Werk, das den Namen zweier Autoren an der\nSpitze trägt, ohne dass wir jedoch mit Genauigkeit zu sa-\ngen wüssten, ob Ersterem allein die Ehre der Erfindung,\nLetzterem die der Ausarbeitung und Instrumentirung ge-\nbührt, wurde bis jetzt zwei Mal auf hiesiger Bühne gege-\nben und günstig aufgenommen. Graf Reiset, der eine\nComponist der Oper, ist ein hochgeachteter Diplomat,\ngegenwärtig französischer Gesandter am Hofe von Hanno-\nver, dem Herr Banger, Mitglied der grossherzoglichen\nHofcapelle, hülfreich bei seinen dramatischen Arbeiten\nbisher zur Seite stand. Ein grosser Kunstfreund und einer\nFamilie angehörend, die stets die Tonkunst sehr cultivirte\n(die Mutter des Grafen hat selbst Vieles componirt, was\nim Stich erschienen), hat der Graf bereits vor zwei Jahren,\nals er Minister-Resident am hiesigen Hofe war, eine Ope-\nrette: „Die Müllerin von Marly\", aufführen lassen, wel-\ncher erste Versuch ein gelungener in so fern zu nennen\nwar, als diese Bluette keinen Mangel an natürlichen und\nungesuchten Melodieen hatte. Das gegenwärtige zweite\nWerk nimmt grössere Dimensionen an, bedingt durch\ndas Libretto, was ein zahlreicheres Personal, Chöre und\nBallet erfordert, und beurkundet sich jedenfalls als ein\nFortschritt im Vergleich mit dem Früheren. Die Hand-\nlung spielt in Aranjuez 1623. Eine Heirath, die zwischen\ndem Sohne König Jakob's von England, dem Prinzen Karl\nStuart, und der Infantin Maria von Spanien beschlossen\nist, ohne dass sie sich beide kennen, bestimmt denselben,\n\n*) Und das Textbuch, von wem? Die Red."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "125", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660421-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4028, "texte": "sich in einer Verkleidung der Prinzessin zu nähern und\nihre Liebe um seiner selbst willen zu gewinnen. Die Prin-\nzessin aber, welche von diesem Plane Kenntniss erhält,\nbeschliesst, ihn mit gleicher Münze zu bezahlen, legt die\nKleider von Michaela, der Braut des Hofgärtners, an und\nlässt diese als Donna Maria figuriren, während sie selbst\nals Gärtnerin mit dem Prinzen Duette singt und ihn ver-\nliebt macht. Hiedurch entspinnt sich eine Eifersuchts-\nScene mit dem Gärtner, der seine vermeintliche Braut für\nungetreu hält, u. s. w. Endlich folgen Hochzeits-Feierlich-\nkeiten, bei denen ein Lied der fürstlichen Gärtnerin das\nGeheimniss aufklärt und den englischen Prinzen zu ihren\nFüssen führt, das Jawort zu empfangen. Entsprechend\ndieser einfachen Handlung, ist die Musik in einem gefälli-\ngen, melodiösen Stile gehalten, der dem Sänger günstige\nMomente zum Applaus bietet, da die beiden Verfasser\nkeine Gelegenheiten vorüber gehen liessen, die üblichen\nSchluss-Cadenzen und Fermaten anzubringen. Neue Bah-\nnen und prägnante Charakteristik vermochten wir bei\nsolchen Concessionen nicht zu entdecken. Die Ein-\n✓\ntheilung der Partieen verlangt eine gewandte Coloratur-\nsängerin für die Infantin, einen Mezzo-Sopran für die\nEhrendame und eine Soubrette für die Gärtnersbraut, einen\nhohen Tenor für den Prinzen und einen Bariton für den\nGärtner. Alle diese Rollen befanden sich hier in den Hän-\nden der ersten Mitglieder, welche sie vortrefflich ausführ-\nten, fortwährenden Beifall des Publicums erhielten und\nsogar mit Hervorrufen ausgezeichnet wurden. Ihrer Aus-\nführung dankt die Oper unstreitig einen grossen Theil\ndes Gelingens. Obgleich die vorurtheilsfreie Kritik sich\ndurch solche äussere Zeichen nicht bestimmen lassen wird,\ndie meistens nur der Person und nicht der Sache gelten,\nzumal wenn sie durch Lieblinge den Zuhörern geboten\nwerden, so würde es doch eben so ungerecht wenn\nman mit hoher Kennermiene geringschätzend auf ein dra-\nmatisches Erzeugniss blicken wollte, welches unverkenn-\nbare Beweise von gutem Willen im Vereine mit Talent\nund Wissen bezüglich der Behandlung der Formen der\nEinzel- und Ensemblestücke, des Orchesters u. s. w. bietet.\nGleich die Instrumental-Introduction, welche an der Stelle\nder Ouvertüre steht, ist ein breit ausgeführtes und wir-\nkungsvolles Adagio, das zugleich die Arie des Prinzen bil-\ndet, dessen Motiv mehrmals im Laufe der Oper erscheint.\nEs gehört zu den besten Nummern des Werkes. Auch\nder kleine dreistimmige Canon beginnt recht gut und wäre\nihm nur eine grössere und harmonisch reichere Ausfüh-\nrung wünschenswert!] gewesen. Wir bemerken unter man-\nchem Anderen noch die Arie der Ehrendame, Adagio und\nBolero im ersten Acte, die der Infantin im zweiten, das\nDuett zwischen ihr und dem Prinzen, das Quintett, welche\nStücke wir in dieser 24 Nummern enthaltenden Oper am\nmeisten auszeichnen. Manche von ihnen, so wie auch be-\nsonders die Balletmusik, tragen das Gepräge spanischer\nMotive in Melodie und Rhythmus und gewinnen hiedurch\neine gewisse locale Färbung. Auffallend ist es, dass die\nbeiden Autoren wenig rasche Musikstücke und meistens\nnur langsame Bewegungen aufnahmen, was jedenfalls der\nLebendigkeit Eintrag thut. Unbedingt vermeiden würden\nwir die bereits erwähnten viel zu häufigen Cadenzen, die\ndurch nichts gerechtfertigt werden, und nicht minder die\nmonotonen Schlüsse beinahe sämmtlicher Nummern, wel-\nche sich unausgesetzt nach der Septime der Tonart wen-\nden und ein elegisches Anhängsel bringen, eine längst ab-\ngethane veraltete Form. Wenn, worauf wir bereits Ein-\ngangs dieses Berichtes hingewiesen haben, die Herren\nVerfasser mehr Selbständigkeit und Unabhängigkeit erlangt\nhaben, strenger mit sich in Bezug auf Anklänge an Da-\ngewesenes verfahren werden und sich frei von verbrauch-\nten Formen zu machen verstehen, so wird bei so schönen\nMitteln und solcher Gewandtheit auch Charakter und\nEigenthümlichkeit, das geistige Merkmal des Genius, in\nihren Werken hervortreten und eine innige Verschmelzung\nvon Poesie und Tonkunst die Folge davon sein.\n\nx."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1866-04-21-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1866-04-21_01#c004", "volume": "bmtnabi_1866-04-21_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "125", "page_fin": "126", "image_debut": 5, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660421-01.2.4", "titre_corps": "Theater in Köln.", "titre_sommaire": "Theater in Köln.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "125", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660421-01.1.5", "debut_caractere": 4030, "fin_caractere_exclue": 5285, "texte": "Theater in Köln.\n(Gastspiel der Frau Jauner-Krall.)\nNachdem wir die zwei grossen dramatischen Sänge-\nrinnen der Opernbühnen von Wien und London hier ge-\nhört haben, hat die rastlose Sorge der Direction uns jetzt\nauch die Gelegenheit verschafft, eine Berühmtheit in an-\nderer Kunstgattung, Frau Jauner-Krall vom k. Hof-\ntheater zu Dresden, auf unserer Bühne kennen zu lernen,\nund wie dankbar wir dafür sein müssen, hat bereits das\n\\\nerste Auftreten der liebenswürdigen Dame in Donizetti's\n„Regimentstochter\" am 12. d. Mts. gezeigt, in welcher\nsie die Gunst des Publicums, die sich durch rauschenden\nApplaus und wiederholten Hervorruf kund gab, auf der\nStelle eroberte. Ihre „Marie\" erinnerte uns lebhaft an\nHenriette Sontag in ihrer Erscheinung und ihrem liebli-\nchen und anmuthigen Wesen; in Spiel und Gesang ver-\neinigt Frau Krall in ähnlicher Weise, wie die Unvergess-\nliche, die köstliche Laune mit dem tiefen Gefühle, die\nreizende Natürlichkeit mit der vollendeten Kunst. Das\nFach der feineren Soubretten-Partieen in der Oper, wei-\nches neben der Gewandtheit und leichten Beweglichkeit\nauf der Bühne zugleich einen künstlerisch untadelhaften\nGesang mit vollkommener Schule verlangt, die über alle\nMittel der Stimme gebietet, um die Zierden der techni-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "126", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660421-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5354, "texte": "sehen Ausführung mit Leichtigkeit nur wie einen liebli-\nchen Duft um die Melodie dahinzuhauchen, dieses Fach\nder Marieen und Susannen und Zerlinen fordert ein in\njeder Hinsicht so gebildetes Talent, dass dessen noble Ver-\ntreterinnen bei der jetzigen Art und Weise, Theater-Lauf-\nbahn zu machen, fast ausgestorben sind. Um so mehr\nmuss es uns freuen, die im deutschen Osten und Norden\nso hoch gefeierte Künstlerin in diesem Fache auch am\nRheine bewundern zu können, wo sie uns zwar nicht ganz\nunbekannt ist, da sie vor einigen Jahren auf einem hiesi-\ngen Musikfeste gesungen und namentlich in den Scenen\naus Gluck's „Armide\" und den Concert-Vorträgen am\ndritten Tage das Publicum zu ausserordentlichem Beifalle\nhingerissen hat. Allein auf der Bühne sehen wir sie jetzt\nhier zum ersten Male, und ihre Leistung am 12. d. Mts.\nhat uns überzeugt, dass der Ruf, der ihr von Dresden,\nBerlin u. s. w. vorausgegangen, keineswegs zu viel sagt,\ndenn sie ist unstreitig eine der Hauptzierden der angege-\nbenen Kunstgattung, wo nicht die einzige würdige Reprä-\nsentantin derselben in unserer Zeit. Die Stimme der Frau\nKrall hat bei hinlänglichem Umfange jenen frischen, aber\nniemals forcirt erscheinenden, lieblichen Klang, der sich\nin allen Registern gleich bleibt, und den Reiz dieses Wohl-\nlauts opfert die treffliche Sängerin nie durch zu scharfe\nAccentuation oder durch Haschen nach Effect mit unkünst-\nlerischen Mitteln auf, wohl aber erhöht sie ihn bedeutend\ndurch vollkommen ausgebildete, correcte Coloratur- und\nTriller-Verzierung. Ihre ganze Darstellung der „Marie\"\nwar ein Bild der Wahrheit und Natürlichkeit, in der\nZartheit eben so weit von der Treibhaus-Atmosphäre ent-\nfernt, als in der Laune und dem kecken Trotz von dem\nCasernenton, in welchem sich so manche Regimentstöchter\ngefallen. Sie verschmähte im Gegentheil alle die verbrauch-\nten Aeusserlichkeiten, Trommel, Gewehr und soldatische\nFaxen; nur aus sich selbst entfaltete sie den echten Mäd-\nchen-Charakter, der dieses Kind der Natur zu einem in-\nteressanten, anmuthigen Wesen stempelt, und diesen Cha-\nrakter gab die harmonische Zusammenwirkung von Er-\nscheinung, Gang, Mimik, Sprache und vor Allem Gesang\naufs schönste wieder. Dass der letztere, der Gesang, bis\nzu vollkommener Virtuosität ausgebildet ist, zeigten ausser\nder Durchführung der ganzen Partie und deren geschmack-\nvollen Verzierungen auch besonders noch die Vorträge der\nEinlagen, denen jedes Mal ein stürmischer Applaus folgte.\nDie nächste Rolle der ausgezeichneten Künstlerin war\ndie des Carlo Broschi in der Oper „Des Teufels Antbeil\"\n(La part du diable).Die Wiederaufnahme dieser lange\nnicht gegebenen Auber'schen Oper hat am 15. d. Mts.\neinen so ungetheilten Beifall gefunden, dass eine baldige\nWiederholung gewiss ein zahlreiches Publicum anziehen\nwird. Freilich gehört, um einen so durchschlagenden Er-\nfolg zu bewirken, eine Ausführung der Hauptrolle des\nCarlo Broschi dazu, wie Frau Jauner-Krall gab; denn\neinem Teufelchen, das so allerliebst und liebenswürdig ist,\nso viel Humor und doch so viel menschliches Gefühl dabei\nbesitzt, dem verschreibt man sich gar zu gern mit ganzer\nSeele, wenn man auch nicht hoffen kann, die vertrags-\nmässige Hälfte von allem Liebreiz und allem Talent jemals\nzu erhalten, welche dieser kleine Beelzebub entwickelt.\nLebten wir noch in Arkadien, so würden wir unbedingt\nan den Mythus glauben, dass die Grazien, durch eine be-\nsondere Liebhaberei getrieben, einmal die Unterwelt durch-\nflogen und ein Dämonenkind entführt hätten, aus dem sie\ndann oben unter dem heiteren Himmel ihren Liebling\nmachten. Freilich haben sie ihn etwas verzogen, denn er\ngeht mit Königen um wie mit seines Gleichen, und er\nkann machen, was er will, Alles kleidet ihn gut, und die\nKölner, obschon keine Griechen, bestärken ihn in seinem\nThun und Treiben durch immerwährenden Applaus. Da-\nbei hat dieser niedliche Dämon sich so vortrefflich in die\nnobeln Manieren der feinen Gesellschaft eingewöhnt, ohne\ndoch seine Natürlichkeit aufzugeben, dass man ihn für\neinen vornehmen Pagen hält, der mit Recht die Zierde\ndes königlichen Hofes ist. Fängt er aber vollends an zu\nsingen, dann weiss man nicht, ob der kecke Humor, mit\ndem er den frommen Herrn zum Schrecken der hoben\nGeistlichkeit von dem Kirchgänge abhält, uns mehr er-\ngötzt, oder die sympathische Stimme und der innige Vor-\ntrag des schönen Liedes, dem weder der König, noch das\nPublicum widerstehen können, mehr rührt und entzückt.\nKurz, Frau Jauner trägt und hält und hebt die ganze\nOper; man glaubt daran, dass dieser Gesang den König\nPhilipp V. von Spanien von seiner Melancholie geheilt und\nden Carlo Broschi zum allmächtigen Günstling des Königs\nund der Königin gemacht bat, wie die Geschichtsbücher\nberichten. Dabei wollen wir aber nicht vergessen, was\nDichter und Componist dieser Oper es ist die zweiund-\ndreissigste unter den mehr als vierzig Opern Auber's\nfür Talent bewiesen haben, indem sie eine solche Rölle\nschufen. Interessante und glänzende Rollen sind es, welche\nden Erfolg einer Oper bedingen, und das muss man den\nfranzösischen Operndicbtern und Componisten lassen, dass\nsie besonders in der komischen Operngattung dergleichen\nRollen zu erfinden und auszustatten wissen, während so\nmanche deutsche Oper an einem Text zu Grunde geht,\nbei welchem das Publicum nicht weiss, für wen es sich in\nder dramatischen Handlung interessiren soll."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1866-04-21-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1866-04-21_01#c005", "volume": "bmtnabi_1866-04-21_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "127", "page_fin": "127", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660421-01.2.5", "titre_corps": "Karl Tausig.", "titre_sommaire": "Karl Tausig.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "127", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660421-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4374, "texte": "Karl Tausig.\nKarl Tausig, der vor etwa zwölf Jahren als heranwachsen-\nder Jüngling in Weimar von Liszt wegen seiner eminenten Anlage\nzur Musik und namentlich zum Clavierspiel vor allen Anderen, die\nsich um seinen Unterricht bewarben, bevorzugt wurde, hat die Pro-\nphezeiungen des Meisters über die künftige Grösse des Schülers in\nglänzender Weise wahr gemacht. Sein Spiel in der Soiree am Dins-\ntag hierselbst hat trotz des grossen Rufes, der ihm voranging, uns\nindess offen gestanden durch die Art, wie er in manchen\nBlättern verbreitet wurde, eher misstrauisch als zuversichtlich machte,\nunsere allerdings hoch gespannten Erwartungen noch übertroffen.\nDas anwesende, freilich wenig zahlreiche Publicum, da die Soiree\nmit einer Gastvorstellung des Jauner'schen Künstlerpaares in der\nOper zusammentraf, war durch die staunenswerthen Leistungen Tau-\nsig's überwältigt, da diese in der technischen Ausführung eine wirk-\nlich fabelhafte Höhe erreichten. Wir wissen sehr wohl, dass es clas-\nsischer Dilettantenton ist, mit einem bemerkbaren Achselzucken vor-\nzugsweise die „Technik\" eines solchen Virtuosen zu loben; aber\nder neidlose Musiker wird über ein solches Achselzucken mitleidig\nlächeln, weil er weiss, dass ohne angeborenes Genie diese technische\nVollendung der Ausführung unmöglich ist. In der Musik gibt es\ndreierlei Genies: das Genie der Erfindung, das Genie der themati-\nschen und contrapunktischen Arbeit, das Genie der Virtuosität. Alle\ndrei sind selten oder fast nie vereint, wenn wir das Wort Genie in\nseiner wahren Bedeutung nehmen : Mozart macht darin, wie in Al-\nlem, eine Ausnahme. Geben wir daher jeder einzelnen dieser Bega-\nbungen, wo sie die Natur verliehen hat, ihren gebührenden Lorber,\nund so werden z. B. Paganini und Liszt als unerreichte technische\nGenies uns immer unendlich hoch stehen. Wir sagen: „unerreichte\",\nund das halten wir in Bezug auf Liszt auch Bülow und Tausig ge-\ngenüber fest. Tausig führt Dinge auf dem Pianoforte aus, die wir\nallerdings selbst von Liszt nicht in derselben Vollkommenheit und,\nwir möchten sagen: in der erschütternden Wirkung gehört haben;\nallein von jenem zauberhaften, geistigen, aber freilich unnennbaren\nEtwas, welches bei Liszt's sowohl melodischem als bravourmässi-\ngem Spiel die Seele des Zuhörers ergriff und in eine ganz eigen-\ntümliche, gehobene Stimmung versetzte, davon haben wir weder\nbei Bülow noch bei Tausig, trotz ihres unverkennbaren Virtuosen-\nGenie's, ein Analoges gefunden. Uebrigens scheint uns Tausig auch\nin hohem Grade Meister des Ausdrucks im zarteren Vortrage zu\nsein, wie sein Spiel eines Notturno's von Field und eines uns unbe-\nkannten Caprice-Walzers von F. Schubert bewies, einer liebli-\nchen, aber curiosen Composition, bei welcher die linke Hand den\nLändlertritt in fortwährenden drei Vierteln festhält, während die\nRechte mit Blumen und Blättern, die vom Säuseln des Windes be-\nwegt werden, ein wechselndes, anmuthiges Spiel treibt. Das Blüthen-\nduftige dieses Spiels wusste der Künstler durch zarten Anschlag\nund durchsichtige Correctheit der leicht hingehauchten Figuren vor-\ntrefflich wiederzugeben. Ein wahres JSfon jplus ultra der Meisterschaft\nentwickelte er aber in Liszt's Tarantella über das Chormotiv aus\nder Stummen von Portici und in Chopin's gewaltiger Polonaise in\nAs (Op. 53). Wenn Liszt einmal sagte, in Chopin's Polonaisen muss\nman die Säbel und Sporen der Polen klingen lassen, so können wir\nbehaupten, dass Tausig die Erde unter den Hufen eines Ulanen-\nRegiments erdröhnen lässt in jenem anhaltenden, furchtbaren Cres-\ncendo im Bass, welches er nicht vom 'piano zum forte, sondern\nvom forte zum fortissimo und von diesem zu einer Klangfülle stei-\ngert, wie man sie noch nie auf einem Pianoforte gehört und auch\nnicht für möglich gehalten hat. Eine solche Elasticität des An-\nschlags, die bei raschem Tempo so lang ausdauernd immer und im-*\nmer an Kraft zunimmt, gränzt in der That an das Unbegreifliche.\nWir gestehen, dass uns selbst alle die glatten und glänzenden Ter-\nzen- und Sextenläufe, die auch Niemand so leicht nachmacht, nicht\nso in Erstaunen gesetzt haben, als der prächtige Vortrag der Cho-\npin'schen Polonaise, und da Herr Tausig zu unserer grossen Freude\nam Samstag den 21. d. Mts. ein zweites Concert zu geben sich\nentschlossen hat, so sprechen wir nur einen allgemeinen Wunsch\naus, wenn wir ihn bitten, die Polonaise in As-dur zu wiederholen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1866-04-21-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabi_1866-04-21_01#c006", "volume": "bmtnabi_1866-04-21_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "127", "page_fin": "128", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660421-01.2.6", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "127", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660421-01.1.7", "debut_caractere": 4376, "fin_caractere_exclue": 7508, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nliennep, 10. April. Unsere musicalischen Zustände gestalten\nsich durch den Eifer des Herrn Otto Standke, so wie durch des-\nsen Lehrgabe und Directions-Talent zu einem Aufschwünge, den\nman früher bei den hier obwaltenden Verhältnissen nicht geahnt\nhätte, und der nicht verfehlen kann, eine höchst erfreuliche Wir-\nkung auf die musicalische Bildung der Jugend zu haben. Ueber-\nzeugt davon hat uns ausser mehreren Aufführungen von Oratorien-\nund Opernmusik mit den hiesigen Gesangeskräften auch vorgestern\ninsbesondere das Concert der Zöglinge der Musikschule des Herrn\nStandke, welche 31 Ciavier- und Gesangschüler beiderlei Geschlechts\nzählt, die alle recht hübsche Proben ihrer Fortschritte gaben.\nGreift, 6. April. Am Charfreitage hatte der „Musicalische\nVerein für Gera\" ein Concert in der St. Salvatorkirche veranstaltet.\nZur Aufführung gelangten: eine Cantate von Seb. Bach, eine Arie\naus Händel's „Messias\", Recitativ und Chöre aus dem ersten und\nzweiten Theile von Mendelssohn's unvollendetem Oratorium „Christus\",\nso wie aus dessen „Paulus\" die Tenor-Cavatine: „Sei getreu bis\nin den Tod\", und das Sanctus und JBenedictus aus Mozart's i?e-\nquiem. Herr Wiedemann aus Leipzig sang die Tenor-Soli, wäh-\nrend die übrigen Solo-Partieen durch hiesige Kräfte besetzt waren.\nDie einzelnen Meisterwerke gelangten unter der bekannten tüchtigen\nLeitung W. Tschirch' s sämmtlich zu verständnissvoller Ausführung.\nKarlsruhe, 2. April. Am 28. Februar brachte das zweite\nAbonnements-Concert der Hof-Kirchenmusik ausser einigen Orgel-\nstücken unter Anderem: Zwei Chöre a capella von Jos. Okt. Pitoni\nund Jak. Gallus; das Crucifixus für sechsstimmigen Chor von Ant.\nLotti; „Misericordias Dominifür achtstimmigen Chor (Doppelchor)\nvon Franz Durante. Ferner: „Er ist verwundet\", Passions-Motette\nfür Chor von Friedr. Kücken; Regina coeli laetare für Chor und\nOrgel von Ant. Caldara; den 23. Psalm für vier weibliche Stimmen\nund Orgel von Franz Schubert, und den 43. Psalm für achtstimmi-\ngen Chor von F. Mendelssohn-Bartholdy.\nDer Cäcilien-Verein brachte am 7. März in seinem dritten Con-\ncerte zu Gehör: Litanei vom Altarssacrament für Soli, Chor und\nOrchester von W. A. Mozart; zwei Arien: für Sopran (Frau Braun-\nhofer) von Mendelssohn, und für Alt (Fräulein Bürklin) von G. Fr.\nHändel, und die „Comala\" von Niels W. Gade.\nAus den Vorträgen des „Liederkranzes\" in dem Concerte\nam 19. März heben wir die Motette: „Ehre sei Gott in der Höhe\"\nvon M. Hauptmann und von Franz Schubert „Die Nacht\"\nund der „Geisterchor\" mit Begleitung von Hörnern und Posaunen\naus der Oper „Rosamunda\" hervor.\nStuttgart, 12. April. In den beiden Prüfungs-Concerten des\nConservatoriums am 9. und 10. April kamen unter Anderem\nzum Vortrage die Clavier-Concerte von Hummel (A-moll und H-dur),\nBeethoven (G-moll und G-dur)y Mozart (D-moll)} Moscheies (jF-dur)y\nJ. S. Bach (für drei Claviere); Violin-Concert (D-dur) von de Be-\nriot und einige Gesangstücke.\nMamburg; 6. April. Von Jahr zu Jahr ist Fräulein The-\nrese Tietjens mit immer frischerer und grösserer Stimme nach\nHamburg zurückgekehrt, und unter anderen anziehenden Eigenschaft"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "128", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660421-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 6715, "texte": "ten scheint das Organ der Sängerin auch diejenige mit dem Magnet\ngemein zu haben, dass seine Kraft unter der Höhe und Ausdauer\nder ihm zugeinutheten Aufgaben wächst. Sonst wäre es nicht auf\neine natürliche Weise zu erklären, dass sie am Dinstag im Stadt-\ntheater die Valentine in den „Hugenotten\", am Mittwoch eben da-\nselbst den Fidelio mit voller Stärke und Freiheit im Gebrauche\nihrer Mittel durchführen, daneben auch eine Hauptprobe in der Mi-\nchaeliskirche überwinden konnte, wovon die letztere bereits ein\nglänzendes Bild ihrer sämmtlichen Leistungen in dem gestern gege-\nbenen Maccabäus-Oratorium lieferte, und dass wir dennoch auch\nfür den heutigen Abend wieder die Oper „Norma\" mit dem näm-\nlichen Fräulein Tietjens in der Titelrolle angesetzt sehen. Zu schwei-\ngen von der viel bewundernswertheren geistigen Spannung, welche\ndazu gehört, so verschiedene Stilarten und so mannigfache theatra-\nlische und kirchenmusicalische Gestalten in ununterbrochener Reihen-\nfolge zu charaktervollem Ausdruck zu bringen! Die „Hugenotten\"\ngingen zum Einnahme-Antlieil des Herrn Jansen (Nevers) in Scene.\n„Fidelio\" ward zum Vortheil des Herrn Hellmuth (Rocco) gege-\nben, allein die Aufmerksamkeit des gedrängt gefüllten Hauses rich-\ntete sich jedesmal mit einer solchen Ausschliesslichkeit auf die Er-\nscheinung des Fräuleins Tietjens, dass wir das Publicum einer allzu\nschnöden Behandlung der Mitglieder unserer Bühne zu zeihen ha-\nben. In den „Hugenotten\" hätte Frau Rübsamen-Veit (Marga-\nrethe) und Herr Koloman Schmidt einen lebhafteren Dank ver-\ndient, und im „Fidelio\" wäre Herrn Hellmuth ein allgemeinerer\nGruss beim Empfange um so eher zu gönnen gewesen, als er so-\ndann auch von den neben Fräulein Tietjens beschäftigten Sängern\ndas meiste Lob verdiente. Dass die Leonoren-Ouverture zu Anfang\ndes zweiten Actes wegen Erkrankung des Fagottisten in Wegfall\ngerieth, das beklagen wir nicht, weil sie eine unpassende Einlage\nist, sobald sie, anstatt zu Anfang der Vorstellung, in der Mitte einer\nHandlung auftritt, deren Inhalt sie geistig recapitulirt. Wer die\nweiten Räume kennt, welche die grosse Michaeliskirche einem mu-\nsicalischen Auditorium zur Aufnahme bietet, der wird die Thatsache\nzu würdigen wissen, die sich in den Worten ausdrückt, dass das\nMaccabäus-Oratorium am Abende des 5. April daselbst so zu sagen\nvor ausverkauftem Hause zur Aufführung gelangte. Zur Hauptprobe\nbereits waren so viel Eintrittskarten gelöst worden, wie sonst zu\neinem förmlichen Kirchen-Concerte, das wir schon ein stattlich be-\nsuchtes nennen. Mit derselben Freude, womit wir auf eine eben so\nausserordentliche wie allgemeine Theilnahme des Publicums hinwei-\nsen, haben wir über die Gestalt zu berichten, in welcher Händel's\nWerk von den darin beschäftigten Kräften durch die Sing-Akademie\ndes Herrn Deppe und unter dessen Direction zu Gehör gebracht\nward. Den Chören gegenüber, die schon im December vortrefflich\ngingen, ist das ihnen damals gespendete Lob jetzt verstärkt zu wie-\nderholen. Die Verbindung von Orchester, Orgel und Menschenstim-\nmen war eine harmonisch zusammengreifende, und die ganze Aus-\nführung bewies von Neuem die ausgezeichnete Fähigkeit des Herrn\nLudwig Deppe. Fräulein Tietjens war am Abende der Ausführung\nim Vollbesitze ihrer Mittel. Als die edelste Perle unter den Kleino-\nden, zu welchen sie ihre Partie ausmünzt, möchte wohl die Arie:\n„Er nahm den Raub der Königsmacht\", zu bezeichnen sein. Aber\nauch die lebendige Charakteristik der heidnischen Anschauung: „Fal-\nscher Weisheit Hirngespinnste\", und im Gegensatze dazu das fromme\nBeruhen auf der Gottergebenheit des Herzens ist im Vortrage der\nTietjens von einem eigenthümlich einnehmenden Reiz. Ihren be-\nstechendsten Zauber übte ihre Stimme endlich in der Arie, deren\nTrompetenbegleitung von Herrn G. Nüss geblasen wird. Die Bass-\nSoli sang Herr Ad. Schulze, die Tenor-Partie Herr Schild aus\nLeipzig.\nPhjfiSj 10. April. In dem siebenten Concert Bopulaire von\nPasdeloup am 8. d. Mts, wurde das Adagio und Scherzo aus Ferd.\nHill er's Sinfonie „Es muss doch Frühling werden\" ausgeführt und\nmit grossem Beifalle aufgenommen.\nIn demselben Concerte spielte Alfred Jaell das Clavier-Con-\ncert von Schumann, welches hier zum ersten Male dem grossen\nPublicum vorgeführt wurde; früher hatten Frau Szarvady und Herr\nSaint-Saens es in Privat-Concerten gespielt; Jaell's Leistung erregte\nEnthusiasmus: der allgemeinste Applaus brach schon nach dem er-\nsten Satze aus und steigerte sich am Schlüsse zum Hervorruf. Jaell\nwird in den nächsten Tagen hier mit Sivori zwei Coneert-Soireen\nveranstalten. In Marseille und Lyon hat der eminente Pianist\ngrosse Triumphe gefeiert, in Lyon binnen vierzehn Tagen acht\nConcerte gegeben, was bei den jetzt überall obwaltenden Schwierig-\nkeiten, Virtuosen-Concerte mit Erfolg zu Stande zu bringen, ein\nwahres Ereignissist.\nHerr von Flotow ist hier angekommen und hat die vollendete\nPartitur seiner neuen komischen Oper „Silda\" mitgebracht, deren\nProben er beiwohnen wird. Adelina Patti hat am 9. April,\nihrem Geburtstage, im Concerte in den Tuilerieen gesungen und\nvom Kaiser einen prachtvollen Schmuck erhalten.\nEin new-yorker Blatt schreibt über ein Concert des Herrn\nTh. Thomas: „Das Programm brachte unter Anderem eine Sinfo-\nnie in C von Bargiel; sie wurde ganz vorzüglich ausgeführt. Die\nComposition ist durchaus nicht das Erzeugniss eines titanischen\nGeistes, sie ist jedoch dafür klar, ungekünstelt und sehr anspre-\nchend. Dass der Componist sich entschieden an Beethoven und\nSchubert anlehnt, dürfte ihm um so weniger zum Vorwurf gereichen,\nals er kein sclavischer Nachahmer ist, sondern selbständige Ideen\nzeigt und mit Geschicklichkeit ausführt. Wenn diese Ideen auch\nnicht gross sind, so sind sie doch frisch, lieblich und entspringen\naus tiefer Empfindung. Was Bargiel am meisten fehlt, ist indessen\ndie Kraft. Er versucht hier und da, sich aufzuraffen, jedoch sinkt\nihm bald wieder die Kraft, und er wird wieder schwach nach kur-\nzer Anstrengung. Die Verwendung der Blech-Instrumente scheint er\nfast ängstlich vermeiden zu wollen, und seine Instrumentation be-\ngünstigt die Saiten-Instrumente oft so, dass die Contraste und Licht\nund Schatten bei Weitem nicht kräftig genug gezeichnet sind. Trotz-\ndem ist das Werk, wie gesagt, recht ansprechend und bedeutend\nwohlthuender, als die Compositionen der jüngeren lebenden Compo-\nnisten, welche glauben, sie dürften nichts schreiben, ohne abstrus,\nunklar und verworren zu werden.\" Im nächsten Concerte, wel-\nches am 10. Februar Statt bot Herr Thomas dem Publicum\ndie Manfred-Ouverture von Schumann, Concert für zwei Pianos\n(.Es-dur) von Mozart, Einleitung zu „Tristan und Isolde* von Wag-\nner und die fünfte Sinfonie von Beethoven, sicher ein anziehendes\nProgramm."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "121", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660421-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nUeber Kirchenmusik. Haydn, Mozart und Beethoven's Kirchenmusik und ihre katholischen und protestantischen Gegner.\nVon Dr. Franz Lorenz. Aus Darmstadt („Donna Maria\", Infantin von Spanien, Oper in zwei Acten, Musik von Reiset und Bangen).\nVon x. Theater in Köln (Gastspiel der Frau Jauner-Krall). Karl Tausig. Tages- und Unterhaltungsblall (Lennep,\nMusikzustände Gera, Concert Karlsruhe, Concerte Stuttgart, Prüfungs-Concerte Hamburg, Fräulein Tietjens u. s. w.).\n\nUeber Kirchenmusik.\nDie Fragen über den Antheil, den die Tonkunst über-\nhaupt an dem Gottesdienste haben solle, und wie sie im\nBesonderen in Bezug auf Form und Stil und Mittel der\nAusführung beschaffen sein müsse, um diese Bestimmung\nwürdig zu erfüllen, sind von Katholiken und Protestanten\nso lange und so scharf besprochen worden, dass z. B.\nThibaut, der Protestant, es sich gewiss nicht träumen liess,\ndass seine Ansicht über Unwürdigkeit der katholischen\nKirchenmusik aus dem achtzehnten und Anfange des neun-\nzehnten Jahrhunderts von einem grossen Theile der katho-\nlischen Geistlichkeit in unseren Tagen aufgenommen, zu\ndem Aeussersten führen würde, die musicalische Messe\nsowohl für Festtage als für Todtenfeier gänzlich aus der\nKirche zu verweisen. Selbst die grössten Meister in dieser\nGattung, die beiden Haydn, Mozart, Beethoven und Che-\nrubini, verfallen dem Bannfluche, und die Erzeugnisse des\ngrössten Wunders in der Schöpfung Gottes, des mensch-\nlichen Geistes, der sieb in der Kunst offenbart, werden\nfür unwürdig erklärt, die Wunder Gottes zu verkünden.\nUns befremdet freilich eine solche Erscheinung der\nZeit nicht im Geringsten; seitdem man angefangen, Gottes-\ndienst und Religion, Kirchlichkeit und Christenthum zu\nunterscheiden, war der Starrgläubigkeit und ihrer inqui-\nsitorischen Anmaassung gegen Andersdenkende Thür und\nThor geöffnet, und während das pietistische Muckerthum\nauf der einen Seite blühet, wundert uns nur, dass die\nneueren Bilderstürmer der Tongemälde auf der anderen\nSeite die vielgerühmte Consequenz in so fern aufgeben,\ndass sie nicht jeden Ton, mögen ihn schwingende Saiten,\noder Luftzug, oder die menschliche Stimme erzeugen, für\nunheilig erklären.\nWer sich recht ausführlich über die Streitfrage orien-\ntiren will, dem empfehlen wir das Studium der Reden\nund Abbandlungen, die in den letzten Jahren auf den\nwissenschaftlichen Congressen in unseren Nachbarländern\ngehalten und vorgelesen worden sind. Diese Congresse\nfanden 1860 in Paris, 1863 und 1864 in Mecheln in\nBelgien Statt, und die musicalisch-kirchliche Section auf\ndenselben zählte im Jahre 1863 an 80, 1864 an 100\nMitglieder, meist Geistliche, Organisten und einige Com-\nponisten und Schriftsteller. Nun haben jetzt die Herren\nDe Vroye und van Elewyck sämmtliche Protocolle,\nErörterungen, Reden, Beschlüsse u. s. w. der drei Ver-\nsammlungen drucken lassen*). Herr de Vroye, Canonicus\nan der Kathedrale zu Lüttich, war Vorsitzender der mu-\nsicalisch-kirchlichen Section in Mecheln, Herr van Ele-\nwyck Schriftführer. F&is, der das Buch in der pariser\nGazette musicaleanzeigt, lässt zwischen den folgenden\nZeilen ein Urtheil lesen, das mit denen, die wir früher\nvon Obrenzeugen vernommen haben, übereinstimmt. Er\nsagt:\n„Wie es bei allen grossen berathenden Versammlun-\ngen ähnlicher Art zu gehen pflegt, so sind auch hier die\nHauptfragen oft in einer Flut von Vorschlägen und Ideen\nuntergegangen, welche das eigentliche Ziel der Erörterung\naus den Augen verloren; man verbrachte die Zeit mit Di-\ngressionen nach rechts und links, und wenn man gewahr\nwurde, dass der Schluss der Sitzung nahte, so endete man\nin Eile und fasste eben so übereilt Beschlüsse. So ist man\ndenn, um die Wahrheit zu sagen, auf allen drei Congres-\nsen manchmal an der Lösung der zu erörternden Frage\nvorbeigegangen, ohne es zu merken; vielleicht sind auch\ndie Fragen nicht immer richtig und genau genug ge-\nstellt worden. Indess ist vortrefflich gesprochen worden\"\nu. s. w. u. s. w.\nWer also Lust hat, den Stand der Frage in Belgien\nund Frankreich und die Ausführungen der Geistlichkeit\n\n*) Les Congrös de Malines et de Paris et la Mgislation de\nVEglise sur la Musique religieuse. Paris, 1866. Bvo."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "122", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660421-01.1.2", "texte": "(denn diese hat den Gongress und namentlich die mu-\nsicalische Section beherrscht) kennen zu lernen, der lese\ndie Actenstücke, jedenfalls interessante Documente einer\nZeit, in welcher neben der Wissenschaft und dem prak-\ntisch verständigen Weltverkehr, die beide mit Dampf und\nElektricität vorwärts eilen, die Kunst mit Hülfe von Zug-\nthieren und Handkurbeln rückwärts gebracht werden soll,\num noch einmal von vorn anzufangen. Es ist natürlich,\ndass solch ein Treiben in der Kunst zu einer Reaction\nauffordert, welche dann wieder über's Ziel hinausschiesst,\nindem sie den Fortschritt ä toutprix verlangt, selbst um\nden Preis des Schönen, worin sie denn, nämlich im letzten\nPunkte, am Ende wieder der anderen Secte ähnlich wird,\ndenn les extremes se touchent! Brauchen wir noch auf\nein schlagenderes Beispiel hinzuweisen, als die letzten Com-\npositionen und namentlich die kirchlichen des berühmten\nAbbe zur Bestätigung der Wahrheit dieses Satzes dar-\nbieten?\nEine andere Stimme klingt über dieselbe Frage von\nOesterreich zu uns her. Sie spricht sich, ebenfalls aus\ndem katholischen Lager, aber nicht aus dem mittelalter-\nlichen, entschieden gegen die Abschaffung der Musik in\nder katholischen Kirche aus und tritt in religiöser und mu-\nsicalischer Hinsicht als warme Vertheidigerin der Heroen\nderselben: Haydn, Mozart, Beethoven und der zahlreichen\nweniger bekannten Kirchen-Componisten Oesterreichs im\nvorigen Jahrhundert auf. Die kleine Schrift führt den Titel:\nHaydn, Mozart und Beethoven's Kirchen-\nmusik und ihre katholischen und protestanti-\nschen Gegner. Von Dr. Franz Lorenz. Breslau,\nbei Leuckart (C. Sander). 1866. VIII und 96\nSeiten 8.\nDer Verfasser äussert in dem Vorworte, welches\n„Wiener Neustadt, Ende Juni\" unterzeichnet ist, dass ihm\ngewisser Maassen das Si natu\nversumdie Feder in die Hand gegeben, indem er die Ent-\nwürdigung der von ihm so hoch verehrten Meisterwerke\nnicht länger habe ertragen können, und entschuldigt seine\nzuweilen hervortretende Gereiztheit durch die Aufregung\ndes Gemüthes „bei der peinlichen Lecture aller gegen die\nösterreichische Kirchenmusik*) und ihre Haupt-Repräsen-\ntanten geschleuderten Diatriben und der Erinnerung an\ndas freche Wort eines Gegners: „ „Seit Jos. Haydn ist die\nösterreichische Kirchenmusik gottlos in des Wortes schar-\nfer Betonung geworden\"\".\nIm Ganzen hat sich jedoch Dr. Lorenz der Objectivi-\ntät befleissigt. Er ist Dilettant, und man darf in seiner\nSchrift keine musikwissenschaftliche Erörterung der Gat-\ntung, über die er schreibt, erwarten; dagegen ist er aber\nauch frei vom theologischen Argumentiren und trägt nicht\ndas Dogma als Princip in die Discussion hinein, dem sich\ndie Kunst beugen müsse; er stellt sich auf den Stand-\npunkt eines genauen Kenners der kirchlichen Musikwerke,\nder mit einer allgemeinen ästhetischen und musicalischen\nBildung das aufrichtige Gefühl für Religion und Bedeu-\ntung der Kunst für dieselbe verbindet.\nNach Bemerkungen über das Verhältniss der Kunst\nüberhaupt zur Religion berichtet der Verfasser über\nOesterreichs Kirchen-Componisten und den erstaunlichen\nReichthum der Literatur dieser Gattung in dortigen Lan«\nden. Ausser den beiden Haydn, Mozart und Beethoven\nerscheinen da die Namen Albrechtsberger, Eybler, Fux,\nGassmann, Pasterwitz, Preindl, Stadler, Hummel, Toma-\nscheck, Reutter, Weigl u. s. w. immer nur noch als her-\nvorragende Meister unter der Masse der übrigen.\n„In der That\", sagt der Verfasser, »kennen wir selbst\nin Oesterreich viele dieser Meister kaum dem Namen, so\nwie den Umfang ihrer oft enormen Leistungen sicherlich\nnicht der Zahl nach; bei dem regen Antheil, den in der\nBlüthezeit jeder einiger Maassen gebildete Chorregent,\nworunter oft die bedeutendsten, aber über ihren Wohn-\nsitz hinaus wenig bekannten Talente, an der Sache durch\neigene Compositionen zu nehmen pflegte, so wie bei dem\nUmstände, dass diese Werke, selbst jene der Grossmeister,\nmeistentheils nur in Abschriften circulirten, sind gewiss\ndereinst noch wichtige Entdeckungen auf diesem Gebiete\nzu gewärtigen, während schon das bereits Vorhandene\nund Bekannte über die Regsamkeit, die in diesem Fache\ngeherrscht, und die Menge vortrefflicher Schöpfungen, die\nsie ans Licht gebracht, gerechtes Erstaunen hervorzurufen\ngeeignet ist.\n„Eine ungefähre Berechnung führt gleich in die Hun-\nderte und Tausende. Mich. Haydn's und Albrechtsberger's\nKirchenwerke allein schon ergeben zusammen ein halb\nTausend Nummern. Jedes grosse Kirchenmusik-Archiv\nbesitzt, wie sich der Verfasser durch theilweise Verglei-\nchung selbst überzeugt hat, ein anderes Inventar. So be-\nwahrt beispielshalber von Mich. Haydn's Messen das Stift\nSt. Peter in Salzburg 26 Nummern oben erwähnte Ka-\ntaloge aus Salzburg geben mit Ausschluss der fünf deut-\nschen dieselbe Zahl —, die Hofcapelle in Wien 11, Sanct\nStephan 12, Stift Göttweig 31, Kremsmünster 26, Li-\nlienfeld 28, das fürstliche Musik-Archiv zu Eisenstadt 29;\nhinwieder von den Gradualien und Offertorien, deren jene\nKataloge 188 namentlich aufführen, das Stift St. Peter\n249 (?), Hofcapelle 82, St. Stephan 141, Göttweig 163,\nLilienfeld 94, Kremsmünster 153, Eisenstadt 119, welch\n\n*) Der Verfasser hat als kurze Bezeichnung den Ausdruck:\n„österreichische Kirchenmusik\", für die ganze Gattung derjenigen\ndeutschen Kirchenmusik gewählt, deren Spitzen Haydn u. s. w. bilden."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "123", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660421-01.1.3", "texte": "letzteres Archiv von M. Haydn's Kirchen-Compositionen\n40 in autographer Handschrift des Meisters besitzt.\"\nUeber einige dieser weniger bekannten österreichi-\nschen Componisten theilt der Verfasser in Kürze Man-\nches Neue mit, z. B. über Pasterwitz (-}• 1803), dessen\nMessen sich Mich. Haydn eigenhändig in Partitur setzte.\n„Der Verfasser dankt der zuvorkommenden Güte des ge-\ngenwärtigen Herrn Chorregenten zu Kremsmünster, P.\nMax Kerschbauer, nähere Nachrichten über diesen merk-\nwürdigen, als Mensch, Gelehrten und Künstler gleich an-\nziehenden und doch selbst in Oesterreich so wenig ge-\nkannten Benedictiner, der aus einem adeligen Hause ent-\nsprossen, auf Reisen durch Europa zum Weltmanne ge-\nbildet, als Mensch durch die Reinheit seiner Sitten und\ndie Liebenswürdigkeit seines Charakters die Freundschaft\nder ausgezeichnetsten Köpfe Oesterreichs, als Mann der\nWissenschaft die Aufmerksamkeit eines Sonnenfels und\nberliner und göttinger Gelehrten sich erworben, als Kir-\nchen-Componist nicht bloss, wie erwähnt, von M. Haydn,\nsondern auch von Mozart, Albrechtsberger, Salieri, die\nihn, als er nach Wien übersiedelte, mit offenen Armen\nempfingen, höchlichst geschätzt ward, und der unter einem\nvielbewegten Leben innerhalb und ausserhalb seines Stiftes\nnoch Zeit gefunden, nicht bloss eine grosse Zahl tüchtiger\nSchüler im Kirchenfache zu bilden, sondern auch über\n200 Kirchen-Compositionen, die Advents- und Passions-\nArien nicht einmal gerechnet, zu hinterlassen. Diese wich-\ntige Verlassenschaft gesammelt, geordnet und vor Zersplit-\nterung beschützt zu haben, ist das dankbar und öffentlich\nanzuerkennende Verdienst des obenerwähnten Herrn Chor-\nregenten Kerschbauer.\n„Ein kleiner Irrthum sei bei dieser Gelegenheit be-\nrichtigt. Die Musik-Lexica und auch 0. Jahn nennen Süss-\nmayr einen Schüler von Pasterwitz. Wie aber die Rotula,\neine Art Currende, die, den Nekrolog eines verblichenen\nOrdensbruders enthaltend, an die affiliirten Stifter versandt\nzu werden pflegt, meldet, war Süssmayr's Lehrer, und\nnicht er selbst ein Schüler dieses trefflichen Tonsetzers.\n„Einen anderen tüchtigen Kirchen-Componisten be-\nsass Krerosmünster an P. Günther Kronberger, dessen\nTodten-Vesper noch alljährlich daselbst am Vorabende des\n11. December zum Gedächtnisse des Ordensstifters als ein\nausgezeichnetes Werk mit Vorliebe aufgeführt wird, und\nder unter Anderem auch M. Haydn's\nbei dessen Tviha mirum jenen der Tod überraschte, zu er-\ngänzen unternommen. Wer die Grossartigkeit in der An-\nlage dieses Werkes, das nach M. Haydn's eigenem Ge-\nständnisse ein Rivale des Mozart'schen werden sollte, eini-\nger Maassen kennt, wird die Kühnheit eines solchen Un-\nternehmens zu würdigen wissen, aber auch zugeben, dass\nschon der blosse Versuch, sich an einen solchen Meister\nheran zu wagen, selbst wenn er, was wahrscheinlich, kaum\nmehr als annähernd geglückt sein sollte, einen gewiss nicht\nalltäglichen Verein von Talent und Wissen bei einem Ton-\nsetzer voraussetzt, dessen Kirchen-Compositionen doch ge-\ngenwärtig, gleich jenen von Pasterwitz, kaum über die\nSchwelle seines Klosters hinaus bekannt sind.\"\nDann gibt Dr. Lorenz folgenden Epilog zu seinem\nAbschnitte über die österreichische Kirchenmusik:\n„Es war eine herrliche, grosse, für Oesterreich wohl\nnie mehr wiederkehrende Zeit, die Periode von jenem kai-\nserlichen Capellmeister Fux bis zu den zwei Heroen Beet-\nhoven und Schubert herauf! Eines jener goldenen Zeitalter\nder Kunst, wie es dem Menschengeschlechte so äusserst\nselten, nur in ungeheuren Zeit-Distanzen, vom Geschicke\ngegönnt wird. Die Tonkunst war kein Naschwerk für bla-\nsirte, übersättigte Mägen, sie war bei Hohen und Niede-\nren zu einem Bedürfnisse des Herzens, fast zu einer Art\nreligiösen Cultus geworden. Kaiser musicirten und com-\nponirten, Prinzen und Prinzessinnen wirkten bei Musik-\nProductionen in der Hofburg, Fürsten und Grafen, wie\nRasumovsky, Lamberg, Fuchs bei jenen des Fürsten Ester-\nhazy in Eisenstadt persönlich mit, in Klöstern und Städten\nfand die Kirchenmusik ihre eifrigsten Pfleger, ja, häufig\nselbst in unscheinbaren Marktflecken und Dörfern würdige\nVertreter wir erinnern beispielshalber nur an den be-\nkannten trefflichen Kirchen-Componisten Rieder, simplen\nSchulmeister im Markte Berchtoldsdorf bei Wien —, in\nder Residenz aber selbst bildeten sich mitten unter einer\nim Ganzen ziemlich cruden Bevölkerung zahlreiche Oasen\nechter, ungeschminkter Humanität und Cultur, jene edlen,\nvon Jahn mit sichtlicher Liebe geschilderten Kreise, die die\nFamilien Thun, Jacquin, Greiner, Martinez, Kress, Spiel-\nmann u. s. w. um sich versammelten, und wo alles, was\ngut und schön, vor Allem aber die Tonkunst, die reinste, be-\ngeisterte Verehrung gefunden. Hervorgegangen aus dieser\nZeitströmung und getragen und gehoben von ihr, wirkten\nund schufen unsere grossen Meister. Wo ist ein Fach ihrer\nKunst: Oratorium, Oper, Sinfonie, Concert, Quartett\nu. s. w. bis zur Sonate und dem Liede herab, in dem nicht\nvon ihnen ewige Musterwerke für alle Zeiten geschaffen\nworden? Wo ist aber auch auf kirchlichem Gebiete ein\nFach, das nicht von diesen Koryphäen und anderen Mei-\nstern, von denen wir oben nur die kleinste Zahl namhaft\ngemacht, mit Werken in fast unübersehbarer Menge, und\nden bewunderungswürdigsten darunter, geschmückt wor-\nden wäre?\n„Ja, diese Werke, wie die Aussprüche selbst, die diese\ngrossen Meister und zugleich Kenner, wie keine anderen,\nüber ihre Leistungen gegenseitig getban, bezeugen es für\n\n[*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "124", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660421-01.1.4", "texte": "Jeden, der nicht um Parteizwecke willen Augen und Ohren\nverscbliesst, dass auch auf kirchlichem Gebiete hier die\nTonkunst im schönen Stile, wie einst unter Palestrina\nim erhabenen, ihre Vollendung gefeiert: eine Vollendung,\nwie sie in dieser Art erst jetzt durch das merkwürdige,\nauch in anderen Zweigen beobachtete Zusammentreffen\nder grössten Genies mit der ihrer Culmination sich nähern-\nden, all ihrer reichen Mittel endlich bewusst gewordenen\nKunst möglich gewesen.\n»Der schöne Stil\" sagt Vi sc her in seiner Aesthe-\ntik, „ist der freie, Anmuth, Reiz und Effect nie einseitig\nerstrebende, auf Ausdruck bedachte, aber ihn von einsei-\ntigem, gefühligem Sichvordrängen zurückhaltende, gemütb-\nreiche, aber nicht sentimentalisirende, das Charakteristische,\nIndividuelle, Naturalistische mit dem reinen Duft gehobe-\nner Idealität umgebende, auch die strengen Formen mit\nAbstreifung ihrer abstracten Regelmässigkeit frei in sich\nverarbeitende Stil, der nichts, was die Musik an Formen\nund Mitteln bietet, verschmäht, eben so aber auch Alles\nzu in sich abgerundeter, klarer Einheit zusammenfasst. Er\nbefriedigt zwar für sich allein nicht alle Anforderungen,\nda man das Hohe und Ideale nicht bloss als Element, son-\ndern in eigener, selbständiger Ausprägung vernehmen will,\naber er ist der Gipfel des musicalischen Stils durch seine\nUniversalität, durch seine allseitige Vollendung.\"\nHelmholtz fixirt in seinem Werke „Ueber Ton-\nEmpfindungen\" den Werth der neueren Musik auf\nfolgende Weise:\n„In der That, die Art, wie das Tonmaterial der Musik\njetzt für den künstlerischen Gebrauch zurecht gemacht, ist\nan sich schon ein bewunderungswürdiges Kunstwerk, an\nwelchem die Erfahrung, der Scharfsinn und der künstleri-\nsche Geschmack der europäischen Nationen seit Terpander\nund Pythagoras nun dritthalb Jahrtausend gearbeitet ha-\nben. Mit diesem Ton-Systeme, welches grossen Reichthum\nvon Formen bei festgeschlossener künstlerischer Consequenz\nzuliess, ist es nun möglich geworden, Kunstwerke zu schaf-\nfen, viel grösser an Umfang, viel reicher in Formen und\nStimmen, viel energischer im Ausdrucke, als es irgend eine\nvorausgegangene Zeit produciren konnte, und wir sind da-\nher gar nicht geneigt, mit den modernen Musikern zu\nrechten, wenn sie es für das vorzüglichste von allen\nerklären; nur dürfen sie nicht vergessen, dass neben die-\nsem Systeme und vor ihm andere aus anderen Principien\nentwickelt worden sind, in deren jedem gewisse beschränkte\nAufgaben der Kunst so gelöst worden sind, dass auch da der\nhöchste Grad künstlerischer Schönheit entwickelt wurde.\"\n„Sollte es also wirklich dahin kommen, wozu man\nleider in einigen Erzdiöcesen am Rheine, in Schlesien und\nBöhmen bereits den Anfang gemacht, dass die katholische\nHierarchie diesen ganzen edlen Zweig mit dem Interdict\nbelegt, auf das Geschrei vieler katholischer und protestan-\ntischer Idioten und Schreihälse lieber horchend, als auf\ndas Urtheil weniger, aber grosser Künstler und gründlicher\nForscher, von welch letzteren wir so eben zwei namhaft\ngemacht, dann fürwahr wäre die Braut Christi, mit pflicht-\nschuldigster Aufrichtigkeit sei's gesagt, unter den sieben\nthörichten Jungfrauen die thörichtste zu nennen, indem sie\neinen herrlichen Schmuck voll der kostbarsten Juwelen,\nden ihr die trefflichsten Meister aufs Haupt gesetzt, von\nsich und in den Roth warf, weil ein oder der andere Stein\nnicht ganz die gehörige Fassung, vielleicht auch hier und\nda einen kleinen Flecken hatte!\"\n(Schluss folgt.)\n\nAus Darmstadt.\n„Donna Maria“, Infantin von Spanien, Oper in zwei\nActen, Musik von Reiset und Bangen\n\n*)•\nDen 14. April 1866.\nDas Werk, das den Namen zweier Autoren an der\nSpitze trägt, ohne dass wir jedoch mit Genauigkeit zu sa-\ngen wüssten, ob Ersterem allein die Ehre der Erfindung,\nLetzterem die der Ausarbeitung und Instrumentirung ge-\nbührt, wurde bis jetzt zwei Mal auf hiesiger Bühne gege-\nben und günstig aufgenommen. Graf Reiset, der eine\nComponist der Oper, ist ein hochgeachteter Diplomat,\ngegenwärtig französischer Gesandter am Hofe von Hanno-\nver, dem Herr Banger, Mitglied der grossherzoglichen\nHofcapelle, hülfreich bei seinen dramatischen Arbeiten\nbisher zur Seite stand. Ein grosser Kunstfreund und einer\nFamilie angehörend, die stets die Tonkunst sehr cultivirte\n(die Mutter des Grafen hat selbst Vieles componirt, was\nim Stich erschienen), hat der Graf bereits vor zwei Jahren,\nals er Minister-Resident am hiesigen Hofe war, eine Ope-\nrette: „Die Müllerin von Marly\", aufführen lassen, wel-\ncher erste Versuch ein gelungener in so fern zu nennen\nwar, als diese Bluette keinen Mangel an natürlichen und\nungesuchten Melodieen hatte. Das gegenwärtige zweite\nWerk nimmt grössere Dimensionen an, bedingt durch\ndas Libretto, was ein zahlreicheres Personal, Chöre und\nBallet erfordert, und beurkundet sich jedenfalls als ein\nFortschritt im Vergleich mit dem Früheren. Die Hand-\nlung spielt in Aranjuez 1623. Eine Heirath, die zwischen\ndem Sohne König Jakob's von England, dem Prinzen Karl\nStuart, und der Infantin Maria von Spanien beschlossen\nist, ohne dass sie sich beide kennen, bestimmt denselben,\n\n*) Und das Textbuch, von wem? Die Red."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "125", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660421-01.1.5", "texte": "sich in einer Verkleidung der Prinzessin zu nähern und\nihre Liebe um seiner selbst willen zu gewinnen. Die Prin-\nzessin aber, welche von diesem Plane Kenntniss erhält,\nbeschliesst, ihn mit gleicher Münze zu bezahlen, legt die\nKleider von Michaela, der Braut des Hofgärtners, an und\nlässt diese als Donna Maria figuriren, während sie selbst\nals Gärtnerin mit dem Prinzen Duette singt und ihn ver-\nliebt macht. Hiedurch entspinnt sich eine Eifersuchts-\nScene mit dem Gärtner, der seine vermeintliche Braut für\nungetreu hält, u. s. w. Endlich folgen Hochzeits-Feierlich-\nkeiten, bei denen ein Lied der fürstlichen Gärtnerin das\nGeheimniss aufklärt und den englischen Prinzen zu ihren\nFüssen führt, das Jawort zu empfangen. Entsprechend\ndieser einfachen Handlung, ist die Musik in einem gefälli-\ngen, melodiösen Stile gehalten, der dem Sänger günstige\nMomente zum Applaus bietet, da die beiden Verfasser\nkeine Gelegenheiten vorüber gehen liessen, die üblichen\nSchluss-Cadenzen und Fermaten anzubringen. Neue Bah-\nnen und prägnante Charakteristik vermochten wir bei\nsolchen Concessionen nicht zu entdecken. Die Ein-\n✓\ntheilung der Partieen verlangt eine gewandte Coloratur-\nsängerin für die Infantin, einen Mezzo-Sopran für die\nEhrendame und eine Soubrette für die Gärtnersbraut, einen\nhohen Tenor für den Prinzen und einen Bariton für den\nGärtner. Alle diese Rollen befanden sich hier in den Hän-\nden der ersten Mitglieder, welche sie vortrefflich ausführ-\nten, fortwährenden Beifall des Publicums erhielten und\nsogar mit Hervorrufen ausgezeichnet wurden. Ihrer Aus-\nführung dankt die Oper unstreitig einen grossen Theil\ndes Gelingens. Obgleich die vorurtheilsfreie Kritik sich\ndurch solche äussere Zeichen nicht bestimmen lassen wird,\ndie meistens nur der Person und nicht der Sache gelten,\nzumal wenn sie durch Lieblinge den Zuhörern geboten\nwerden, so würde es doch eben so ungerecht wenn\nman mit hoher Kennermiene geringschätzend auf ein dra-\nmatisches Erzeugniss blicken wollte, welches unverkenn-\nbare Beweise von gutem Willen im Vereine mit Talent\nund Wissen bezüglich der Behandlung der Formen der\nEinzel- und Ensemblestücke, des Orchesters u. s. w. bietet.\nGleich die Instrumental-Introduction, welche an der Stelle\nder Ouvertüre steht, ist ein breit ausgeführtes und wir-\nkungsvolles Adagio, das zugleich die Arie des Prinzen bil-\ndet, dessen Motiv mehrmals im Laufe der Oper erscheint.\nEs gehört zu den besten Nummern des Werkes. Auch\nder kleine dreistimmige Canon beginnt recht gut und wäre\nihm nur eine grössere und harmonisch reichere Ausfüh-\nrung wünschenswert!] gewesen. Wir bemerken unter man-\nchem Anderen noch die Arie der Ehrendame, Adagio und\nBolero im ersten Acte, die der Infantin im zweiten, das\nDuett zwischen ihr und dem Prinzen, das Quintett, welche\nStücke wir in dieser 24 Nummern enthaltenden Oper am\nmeisten auszeichnen. Manche von ihnen, so wie auch be-\nsonders die Balletmusik, tragen das Gepräge spanischer\nMotive in Melodie und Rhythmus und gewinnen hiedurch\neine gewisse locale Färbung. Auffallend ist es, dass die\nbeiden Autoren wenig rasche Musikstücke und meistens\nnur langsame Bewegungen aufnahmen, was jedenfalls der\nLebendigkeit Eintrag thut. Unbedingt vermeiden würden\nwir die bereits erwähnten viel zu häufigen Cadenzen, die\ndurch nichts gerechtfertigt werden, und nicht minder die\nmonotonen Schlüsse beinahe sämmtlicher Nummern, wel-\nche sich unausgesetzt nach der Septime der Tonart wen-\nden und ein elegisches Anhängsel bringen, eine längst ab-\ngethane veraltete Form. Wenn, worauf wir bereits Ein-\ngangs dieses Berichtes hingewiesen haben, die Herren\nVerfasser mehr Selbständigkeit und Unabhängigkeit erlangt\nhaben, strenger mit sich in Bezug auf Anklänge an Da-\ngewesenes verfahren werden und sich frei von verbrauch-\nten Formen zu machen verstehen, so wird bei so schönen\nMitteln und solcher Gewandtheit auch Charakter und\nEigenthümlichkeit, das geistige Merkmal des Genius, in\nihren Werken hervortreten und eine innige Verschmelzung\nvon Poesie und Tonkunst die Folge davon sein.\n\nx.\n\nTheater in Köln.\n(Gastspiel der Frau Jauner-Krall.)\nNachdem wir die zwei grossen dramatischen Sänge-\nrinnen der Opernbühnen von Wien und London hier ge-\nhört haben, hat die rastlose Sorge der Direction uns jetzt\nauch die Gelegenheit verschafft, eine Berühmtheit in an-\nderer Kunstgattung, Frau Jauner-Krall vom k. Hof-\ntheater zu Dresden, auf unserer Bühne kennen zu lernen,\nund wie dankbar wir dafür sein müssen, hat bereits das\n\\\nerste Auftreten der liebenswürdigen Dame in Donizetti's\n„Regimentstochter\" am 12. d. Mts. gezeigt, in welcher\nsie die Gunst des Publicums, die sich durch rauschenden\nApplaus und wiederholten Hervorruf kund gab, auf der\nStelle eroberte. Ihre „Marie\" erinnerte uns lebhaft an\nHenriette Sontag in ihrer Erscheinung und ihrem liebli-\nchen und anmuthigen Wesen; in Spiel und Gesang ver-\neinigt Frau Krall in ähnlicher Weise, wie die Unvergess-\nliche, die köstliche Laune mit dem tiefen Gefühle, die\nreizende Natürlichkeit mit der vollendeten Kunst. Das\nFach der feineren Soubretten-Partieen in der Oper, wei-\nches neben der Gewandtheit und leichten Beweglichkeit\nauf der Bühne zugleich einen künstlerisch untadelhaften\nGesang mit vollkommener Schule verlangt, die über alle\nMittel der Stimme gebietet, um die Zierden der techni-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "126", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660421-01.1.6", "texte": "sehen Ausführung mit Leichtigkeit nur wie einen liebli-\nchen Duft um die Melodie dahinzuhauchen, dieses Fach\nder Marieen und Susannen und Zerlinen fordert ein in\njeder Hinsicht so gebildetes Talent, dass dessen noble Ver-\ntreterinnen bei der jetzigen Art und Weise, Theater-Lauf-\nbahn zu machen, fast ausgestorben sind. Um so mehr\nmuss es uns freuen, die im deutschen Osten und Norden\nso hoch gefeierte Künstlerin in diesem Fache auch am\nRheine bewundern zu können, wo sie uns zwar nicht ganz\nunbekannt ist, da sie vor einigen Jahren auf einem hiesi-\ngen Musikfeste gesungen und namentlich in den Scenen\naus Gluck's „Armide\" und den Concert-Vorträgen am\ndritten Tage das Publicum zu ausserordentlichem Beifalle\nhingerissen hat. Allein auf der Bühne sehen wir sie jetzt\nhier zum ersten Male, und ihre Leistung am 12. d. Mts.\nhat uns überzeugt, dass der Ruf, der ihr von Dresden,\nBerlin u. s. w. vorausgegangen, keineswegs zu viel sagt,\ndenn sie ist unstreitig eine der Hauptzierden der angege-\nbenen Kunstgattung, wo nicht die einzige würdige Reprä-\nsentantin derselben in unserer Zeit. Die Stimme der Frau\nKrall hat bei hinlänglichem Umfange jenen frischen, aber\nniemals forcirt erscheinenden, lieblichen Klang, der sich\nin allen Registern gleich bleibt, und den Reiz dieses Wohl-\nlauts opfert die treffliche Sängerin nie durch zu scharfe\nAccentuation oder durch Haschen nach Effect mit unkünst-\nlerischen Mitteln auf, wohl aber erhöht sie ihn bedeutend\ndurch vollkommen ausgebildete, correcte Coloratur- und\nTriller-Verzierung. Ihre ganze Darstellung der „Marie\"\nwar ein Bild der Wahrheit und Natürlichkeit, in der\nZartheit eben so weit von der Treibhaus-Atmosphäre ent-\nfernt, als in der Laune und dem kecken Trotz von dem\nCasernenton, in welchem sich so manche Regimentstöchter\ngefallen. Sie verschmähte im Gegentheil alle die verbrauch-\nten Aeusserlichkeiten, Trommel, Gewehr und soldatische\nFaxen; nur aus sich selbst entfaltete sie den echten Mäd-\nchen-Charakter, der dieses Kind der Natur zu einem in-\nteressanten, anmuthigen Wesen stempelt, und diesen Cha-\nrakter gab die harmonische Zusammenwirkung von Er-\nscheinung, Gang, Mimik, Sprache und vor Allem Gesang\naufs schönste wieder. Dass der letztere, der Gesang, bis\nzu vollkommener Virtuosität ausgebildet ist, zeigten ausser\nder Durchführung der ganzen Partie und deren geschmack-\nvollen Verzierungen auch besonders noch die Vorträge der\nEinlagen, denen jedes Mal ein stürmischer Applaus folgte.\nDie nächste Rolle der ausgezeichneten Künstlerin war\ndie des Carlo Broschi in der Oper „Des Teufels Antbeil\"\n(La part du diable).Die Wiederaufnahme dieser lange\nnicht gegebenen Auber'schen Oper hat am 15. d. Mts.\neinen so ungetheilten Beifall gefunden, dass eine baldige\nWiederholung gewiss ein zahlreiches Publicum anziehen\nwird. Freilich gehört, um einen so durchschlagenden Er-\nfolg zu bewirken, eine Ausführung der Hauptrolle des\nCarlo Broschi dazu, wie Frau Jauner-Krall gab; denn\neinem Teufelchen, das so allerliebst und liebenswürdig ist,\nso viel Humor und doch so viel menschliches Gefühl dabei\nbesitzt, dem verschreibt man sich gar zu gern mit ganzer\nSeele, wenn man auch nicht hoffen kann, die vertrags-\nmässige Hälfte von allem Liebreiz und allem Talent jemals\nzu erhalten, welche dieser kleine Beelzebub entwickelt.\nLebten wir noch in Arkadien, so würden wir unbedingt\nan den Mythus glauben, dass die Grazien, durch eine be-\nsondere Liebhaberei getrieben, einmal die Unterwelt durch-\nflogen und ein Dämonenkind entführt hätten, aus dem sie\ndann oben unter dem heiteren Himmel ihren Liebling\nmachten. Freilich haben sie ihn etwas verzogen, denn er\ngeht mit Königen um wie mit seines Gleichen, und er\nkann machen, was er will, Alles kleidet ihn gut, und die\nKölner, obschon keine Griechen, bestärken ihn in seinem\nThun und Treiben durch immerwährenden Applaus. Da-\nbei hat dieser niedliche Dämon sich so vortrefflich in die\nnobeln Manieren der feinen Gesellschaft eingewöhnt, ohne\ndoch seine Natürlichkeit aufzugeben, dass man ihn für\neinen vornehmen Pagen hält, der mit Recht die Zierde\ndes königlichen Hofes ist. Fängt er aber vollends an zu\nsingen, dann weiss man nicht, ob der kecke Humor, mit\ndem er den frommen Herrn zum Schrecken der hoben\nGeistlichkeit von dem Kirchgänge abhält, uns mehr er-\ngötzt, oder die sympathische Stimme und der innige Vor-\ntrag des schönen Liedes, dem weder der König, noch das\nPublicum widerstehen können, mehr rührt und entzückt.\nKurz, Frau Jauner trägt und hält und hebt die ganze\nOper; man glaubt daran, dass dieser Gesang den König\nPhilipp V. von Spanien von seiner Melancholie geheilt und\nden Carlo Broschi zum allmächtigen Günstling des Königs\nund der Königin gemacht bat, wie die Geschichtsbücher\nberichten. Dabei wollen wir aber nicht vergessen, was\nDichter und Componist dieser Oper es ist die zweiund-\ndreissigste unter den mehr als vierzig Opern Auber's\nfür Talent bewiesen haben, indem sie eine solche Rölle\nschufen. Interessante und glänzende Rollen sind es, welche\nden Erfolg einer Oper bedingen, und das muss man den\nfranzösischen Operndicbtern und Componisten lassen, dass\nsie besonders in der komischen Operngattung dergleichen\nRollen zu erfinden und auszustatten wissen, während so\nmanche deutsche Oper an einem Text zu Grunde geht,\nbei welchem das Publicum nicht weiss, für wen es sich in\nder dramatischen Handlung interessiren soll."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "127", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660421-01.1.7", "texte": "Karl Tausig.\nKarl Tausig, der vor etwa zwölf Jahren als heranwachsen-\nder Jüngling in Weimar von Liszt wegen seiner eminenten Anlage\nzur Musik und namentlich zum Clavierspiel vor allen Anderen, die\nsich um seinen Unterricht bewarben, bevorzugt wurde, hat die Pro-\nphezeiungen des Meisters über die künftige Grösse des Schülers in\nglänzender Weise wahr gemacht. Sein Spiel in der Soiree am Dins-\ntag hierselbst hat trotz des grossen Rufes, der ihm voranging, uns\nindess offen gestanden durch die Art, wie er in manchen\nBlättern verbreitet wurde, eher misstrauisch als zuversichtlich machte,\nunsere allerdings hoch gespannten Erwartungen noch übertroffen.\nDas anwesende, freilich wenig zahlreiche Publicum, da die Soiree\nmit einer Gastvorstellung des Jauner'schen Künstlerpaares in der\nOper zusammentraf, war durch die staunenswerthen Leistungen Tau-\nsig's überwältigt, da diese in der technischen Ausführung eine wirk-\nlich fabelhafte Höhe erreichten. Wir wissen sehr wohl, dass es clas-\nsischer Dilettantenton ist, mit einem bemerkbaren Achselzucken vor-\nzugsweise die „Technik\" eines solchen Virtuosen zu loben; aber\nder neidlose Musiker wird über ein solches Achselzucken mitleidig\nlächeln, weil er weiss, dass ohne angeborenes Genie diese technische\nVollendung der Ausführung unmöglich ist. In der Musik gibt es\ndreierlei Genies: das Genie der Erfindung, das Genie der themati-\nschen und contrapunktischen Arbeit, das Genie der Virtuosität. Alle\ndrei sind selten oder fast nie vereint, wenn wir das Wort Genie in\nseiner wahren Bedeutung nehmen : Mozart macht darin, wie in Al-\nlem, eine Ausnahme. Geben wir daher jeder einzelnen dieser Bega-\nbungen, wo sie die Natur verliehen hat, ihren gebührenden Lorber,\nund so werden z. B. Paganini und Liszt als unerreichte technische\nGenies uns immer unendlich hoch stehen. Wir sagen: „unerreichte\",\nund das halten wir in Bezug auf Liszt auch Bülow und Tausig ge-\ngenüber fest. Tausig führt Dinge auf dem Pianoforte aus, die wir\nallerdings selbst von Liszt nicht in derselben Vollkommenheit und,\nwir möchten sagen: in der erschütternden Wirkung gehört haben;\nallein von jenem zauberhaften, geistigen, aber freilich unnennbaren\nEtwas, welches bei Liszt's sowohl melodischem als bravourmässi-\ngem Spiel die Seele des Zuhörers ergriff und in eine ganz eigen-\ntümliche, gehobene Stimmung versetzte, davon haben wir weder\nbei Bülow noch bei Tausig, trotz ihres unverkennbaren Virtuosen-\nGenie's, ein Analoges gefunden. Uebrigens scheint uns Tausig auch\nin hohem Grade Meister des Ausdrucks im zarteren Vortrage zu\nsein, wie sein Spiel eines Notturno's von Field und eines uns unbe-\nkannten Caprice-Walzers von F. Schubert bewies, einer liebli-\nchen, aber curiosen Composition, bei welcher die linke Hand den\nLändlertritt in fortwährenden drei Vierteln festhält, während die\nRechte mit Blumen und Blättern, die vom Säuseln des Windes be-\nwegt werden, ein wechselndes, anmuthiges Spiel treibt. Das Blüthen-\nduftige dieses Spiels wusste der Künstler durch zarten Anschlag\nund durchsichtige Correctheit der leicht hingehauchten Figuren vor-\ntrefflich wiederzugeben. Ein wahres JSfon jplus ultra der Meisterschaft\nentwickelte er aber in Liszt's Tarantella über das Chormotiv aus\nder Stummen von Portici und in Chopin's gewaltiger Polonaise in\nAs (Op. 53). Wenn Liszt einmal sagte, in Chopin's Polonaisen muss\nman die Säbel und Sporen der Polen klingen lassen, so können wir\nbehaupten, dass Tausig die Erde unter den Hufen eines Ulanen-\nRegiments erdröhnen lässt in jenem anhaltenden, furchtbaren Cres-\ncendo im Bass, welches er nicht vom 'piano zum forte, sondern\nvom forte zum fortissimo und von diesem zu einer Klangfülle stei-\ngert, wie man sie noch nie auf einem Pianoforte gehört und auch\nnicht für möglich gehalten hat. Eine solche Elasticität des An-\nschlags, die bei raschem Tempo so lang ausdauernd immer und im-*\nmer an Kraft zunimmt, gränzt in der That an das Unbegreifliche.\nWir gestehen, dass uns selbst alle die glatten und glänzenden Ter-\nzen- und Sextenläufe, die auch Niemand so leicht nachmacht, nicht\nso in Erstaunen gesetzt haben, als der prächtige Vortrag der Cho-\npin'schen Polonaise, und da Herr Tausig zu unserer grossen Freude\nam Samstag den 21. d. Mts. ein zweites Concert zu geben sich\nentschlossen hat, so sprechen wir nur einen allgemeinen Wunsch\naus, wenn wir ihn bitten, die Polonaise in As-dur zu wiederholen.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nliennep, 10. April. Unsere musicalischen Zustände gestalten\nsich durch den Eifer des Herrn Otto Standke, so wie durch des-\nsen Lehrgabe und Directions-Talent zu einem Aufschwünge, den\nman früher bei den hier obwaltenden Verhältnissen nicht geahnt\nhätte, und der nicht verfehlen kann, eine höchst erfreuliche Wir-\nkung auf die musicalische Bildung der Jugend zu haben. Ueber-\nzeugt davon hat uns ausser mehreren Aufführungen von Oratorien-\nund Opernmusik mit den hiesigen Gesangeskräften auch vorgestern\ninsbesondere das Concert der Zöglinge der Musikschule des Herrn\nStandke, welche 31 Ciavier- und Gesangschüler beiderlei Geschlechts\nzählt, die alle recht hübsche Proben ihrer Fortschritte gaben.\nGreift, 6. April. Am Charfreitage hatte der „Musicalische\nVerein für Gera\" ein Concert in der St. Salvatorkirche veranstaltet.\nZur Aufführung gelangten: eine Cantate von Seb. Bach, eine Arie\naus Händel's „Messias\", Recitativ und Chöre aus dem ersten und\nzweiten Theile von Mendelssohn's unvollendetem Oratorium „Christus\",\nso wie aus dessen „Paulus\" die Tenor-Cavatine: „Sei getreu bis\nin den Tod\", und das Sanctus und JBenedictus aus Mozart's i?e-\nquiem. Herr Wiedemann aus Leipzig sang die Tenor-Soli, wäh-\nrend die übrigen Solo-Partieen durch hiesige Kräfte besetzt waren.\nDie einzelnen Meisterwerke gelangten unter der bekannten tüchtigen\nLeitung W. Tschirch' s sämmtlich zu verständnissvoller Ausführung.\nKarlsruhe, 2. April. Am 28. Februar brachte das zweite\nAbonnements-Concert der Hof-Kirchenmusik ausser einigen Orgel-\nstücken unter Anderem: Zwei Chöre a capella von Jos. Okt. Pitoni\nund Jak. Gallus; das Crucifixus für sechsstimmigen Chor von Ant.\nLotti; „Misericordias Dominifür achtstimmigen Chor (Doppelchor)\nvon Franz Durante. Ferner: „Er ist verwundet\", Passions-Motette\nfür Chor von Friedr. Kücken; Regina coeli laetare für Chor und\nOrgel von Ant. Caldara; den 23. Psalm für vier weibliche Stimmen\nund Orgel von Franz Schubert, und den 43. Psalm für achtstimmi-\ngen Chor von F. Mendelssohn-Bartholdy.\nDer Cäcilien-Verein brachte am 7. März in seinem dritten Con-\ncerte zu Gehör: Litanei vom Altarssacrament für Soli, Chor und\nOrchester von W. A. Mozart; zwei Arien: für Sopran (Frau Braun-\nhofer) von Mendelssohn, und für Alt (Fräulein Bürklin) von G. Fr.\nHändel, und die „Comala\" von Niels W. Gade.\nAus den Vorträgen des „Liederkranzes\" in dem Concerte\nam 19. März heben wir die Motette: „Ehre sei Gott in der Höhe\"\nvon M. Hauptmann und von Franz Schubert „Die Nacht\"\nund der „Geisterchor\" mit Begleitung von Hörnern und Posaunen\naus der Oper „Rosamunda\" hervor.\nStuttgart, 12. April. In den beiden Prüfungs-Concerten des\nConservatoriums am 9. und 10. April kamen unter Anderem\nzum Vortrage die Clavier-Concerte von Hummel (A-moll und H-dur),\nBeethoven (G-moll und G-dur)y Mozart (D-moll)} Moscheies (jF-dur)y\nJ. S. Bach (für drei Claviere); Violin-Concert (D-dur) von de Be-\nriot und einige Gesangstücke.\nMamburg; 6. April. Von Jahr zu Jahr ist Fräulein The-\nrese Tietjens mit immer frischerer und grösserer Stimme nach\nHamburg zurückgekehrt, und unter anderen anziehenden Eigenschaft"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "128", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660421-01.1.8", "texte": "ten scheint das Organ der Sängerin auch diejenige mit dem Magnet\ngemein zu haben, dass seine Kraft unter der Höhe und Ausdauer\nder ihm zugeinutheten Aufgaben wächst. Sonst wäre es nicht auf\neine natürliche Weise zu erklären, dass sie am Dinstag im Stadt-\ntheater die Valentine in den „Hugenotten\", am Mittwoch eben da-\nselbst den Fidelio mit voller Stärke und Freiheit im Gebrauche\nihrer Mittel durchführen, daneben auch eine Hauptprobe in der Mi-\nchaeliskirche überwinden konnte, wovon die letztere bereits ein\nglänzendes Bild ihrer sämmtlichen Leistungen in dem gestern gege-\nbenen Maccabäus-Oratorium lieferte, und dass wir dennoch auch\nfür den heutigen Abend wieder die Oper „Norma\" mit dem näm-\nlichen Fräulein Tietjens in der Titelrolle angesetzt sehen. Zu schwei-\ngen von der viel bewundernswertheren geistigen Spannung, welche\ndazu gehört, so verschiedene Stilarten und so mannigfache theatra-\nlische und kirchenmusicalische Gestalten in ununterbrochener Reihen-\nfolge zu charaktervollem Ausdruck zu bringen! Die „Hugenotten\"\ngingen zum Einnahme-Antlieil des Herrn Jansen (Nevers) in Scene.\n„Fidelio\" ward zum Vortheil des Herrn Hellmuth (Rocco) gege-\nben, allein die Aufmerksamkeit des gedrängt gefüllten Hauses rich-\ntete sich jedesmal mit einer solchen Ausschliesslichkeit auf die Er-\nscheinung des Fräuleins Tietjens, dass wir das Publicum einer allzu\nschnöden Behandlung der Mitglieder unserer Bühne zu zeihen ha-\nben. In den „Hugenotten\" hätte Frau Rübsamen-Veit (Marga-\nrethe) und Herr Koloman Schmidt einen lebhafteren Dank ver-\ndient, und im „Fidelio\" wäre Herrn Hellmuth ein allgemeinerer\nGruss beim Empfange um so eher zu gönnen gewesen, als er so-\ndann auch von den neben Fräulein Tietjens beschäftigten Sängern\ndas meiste Lob verdiente. Dass die Leonoren-Ouverture zu Anfang\ndes zweiten Actes wegen Erkrankung des Fagottisten in Wegfall\ngerieth, das beklagen wir nicht, weil sie eine unpassende Einlage\nist, sobald sie, anstatt zu Anfang der Vorstellung, in der Mitte einer\nHandlung auftritt, deren Inhalt sie geistig recapitulirt. Wer die\nweiten Räume kennt, welche die grosse Michaeliskirche einem mu-\nsicalischen Auditorium zur Aufnahme bietet, der wird die Thatsache\nzu würdigen wissen, die sich in den Worten ausdrückt, dass das\nMaccabäus-Oratorium am Abende des 5. April daselbst so zu sagen\nvor ausverkauftem Hause zur Aufführung gelangte. Zur Hauptprobe\nbereits waren so viel Eintrittskarten gelöst worden, wie sonst zu\neinem förmlichen Kirchen-Concerte, das wir schon ein stattlich be-\nsuchtes nennen. Mit derselben Freude, womit wir auf eine eben so\nausserordentliche wie allgemeine Theilnahme des Publicums hinwei-\nsen, haben wir über die Gestalt zu berichten, in welcher Händel's\nWerk von den darin beschäftigten Kräften durch die Sing-Akademie\ndes Herrn Deppe und unter dessen Direction zu Gehör gebracht\nward. Den Chören gegenüber, die schon im December vortrefflich\ngingen, ist das ihnen damals gespendete Lob jetzt verstärkt zu wie-\nderholen. Die Verbindung von Orchester, Orgel und Menschenstim-\nmen war eine harmonisch zusammengreifende, und die ganze Aus-\nführung bewies von Neuem die ausgezeichnete Fähigkeit des Herrn\nLudwig Deppe. Fräulein Tietjens war am Abende der Ausführung\nim Vollbesitze ihrer Mittel. Als die edelste Perle unter den Kleino-\nden, zu welchen sie ihre Partie ausmünzt, möchte wohl die Arie:\n„Er nahm den Raub der Königsmacht\", zu bezeichnen sein. Aber\nauch die lebendige Charakteristik der heidnischen Anschauung: „Fal-\nscher Weisheit Hirngespinnste\", und im Gegensatze dazu das fromme\nBeruhen auf der Gottergebenheit des Herzens ist im Vortrage der\nTietjens von einem eigenthümlich einnehmenden Reiz. Ihren be-\nstechendsten Zauber übte ihre Stimme endlich in der Arie, deren\nTrompetenbegleitung von Herrn G. Nüss geblasen wird. Die Bass-\nSoli sang Herr Ad. Schulze, die Tenor-Partie Herr Schild aus\nLeipzig.\nPhjfiSj 10. April. In dem siebenten Concert Bopulaire von\nPasdeloup am 8. d. Mts, wurde das Adagio und Scherzo aus Ferd.\nHill er's Sinfonie „Es muss doch Frühling werden\" ausgeführt und\nmit grossem Beifalle aufgenommen.\nIn demselben Concerte spielte Alfred Jaell das Clavier-Con-\ncert von Schumann, welches hier zum ersten Male dem grossen\nPublicum vorgeführt wurde; früher hatten Frau Szarvady und Herr\nSaint-Saens es in Privat-Concerten gespielt; Jaell's Leistung erregte\nEnthusiasmus: der allgemeinste Applaus brach schon nach dem er-\nsten Satze aus und steigerte sich am Schlüsse zum Hervorruf. Jaell\nwird in den nächsten Tagen hier mit Sivori zwei Coneert-Soireen\nveranstalten. In Marseille und Lyon hat der eminente Pianist\ngrosse Triumphe gefeiert, in Lyon binnen vierzehn Tagen acht\nConcerte gegeben, was bei den jetzt überall obwaltenden Schwierig-\nkeiten, Virtuosen-Concerte mit Erfolg zu Stande zu bringen, ein\nwahres Ereignissist.\nHerr von Flotow ist hier angekommen und hat die vollendete\nPartitur seiner neuen komischen Oper „Silda\" mitgebracht, deren\nProben er beiwohnen wird. Adelina Patti hat am 9. April,\nihrem Geburtstage, im Concerte in den Tuilerieen gesungen und\nvom Kaiser einen prachtvollen Schmuck erhalten.\nEin new-yorker Blatt schreibt über ein Concert des Herrn\nTh. Thomas: „Das Programm brachte unter Anderem eine Sinfo-\nnie in C von Bargiel; sie wurde ganz vorzüglich ausgeführt. Die\nComposition ist durchaus nicht das Erzeugniss eines titanischen\nGeistes, sie ist jedoch dafür klar, ungekünstelt und sehr anspre-\nchend. Dass der Componist sich entschieden an Beethoven und\nSchubert anlehnt, dürfte ihm um so weniger zum Vorwurf gereichen,\nals er kein sclavischer Nachahmer ist, sondern selbständige Ideen\nzeigt und mit Geschicklichkeit ausführt. Wenn diese Ideen auch\nnicht gross sind, so sind sie doch frisch, lieblich und entspringen\naus tiefer Empfindung. Was Bargiel am meisten fehlt, ist indessen\ndie Kraft. Er versucht hier und da, sich aufzuraffen, jedoch sinkt\nihm bald wieder die Kraft, und er wird wieder schwach nach kur-\nzer Anstrengung. Die Verwendung der Blech-Instrumente scheint er\nfast ängstlich vermeiden zu wollen, und seine Instrumentation be-\ngünstigt die Saiten-Instrumente oft so, dass die Contraste und Licht\nund Schatten bei Weitem nicht kräftig genug gezeichnet sind. Trotz-\ndem ist das Werk, wie gesagt, recht ansprechend und bedeutend\nwohlthuender, als die Compositionen der jüngeren lebenden Compo-\nnisten, welche glauben, sie dürften nichts schreiben, ohne abstrus,\nunklar und verworren zu werden.\" Im nächsten Concerte, wel-\nches am 10. Februar Statt bot Herr Thomas dem Publicum\ndie Manfred-Ouverture von Schumann, Concert für zwei Pianos\n(.Es-dur) von Mozart, Einleitung zu „Tristan und Isolde* von Wag-\nner und die fünfte Sinfonie von Beethoven, sicher ein anziehendes\nProgramm."}]}