{"numero_id": "bm-bmtnabi-1866-06-02-01", "volume": "bmtnabi_1866-06-02_01", "ocr_sha256": "c7481e8d144417b718b3280453808525a3ffaf5cc0a99c7c4ebad6f03d27f669", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1866/06/02_01/bmtnabi_1866-06-02_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660602-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1866-06-02-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1866-06-02_01#c001", "volume": "bmtnabi_1866-06-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "169", "page_fin": "169", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660602-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "169", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660602-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 345, "texte": "Inhalt.\nDas 43. Niederrheinische Musikfest. I. Zur Geschichte der Musik (Schluss). Von E. Krüger. Tages- und Un-\nterhaltungsblatt (Berlin, Prof. Dr. A. B. Marx f Coburg, Tonkünstler-Versammlung Karlsruhe, Cäcilien-Verein, viertes und\nfünftes Concert, Abonnements-Concert der grossherzoglichen Hof-Kirchenmusik Königsberg, Sing-Akademie Rossini)."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1866-06-02-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1866-06-02_01#c002", "volume": "bmtnabi_1866-06-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "169", "page_fin": "173", "image_debut": 1, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660602-01.2.2", "titre_corps": "Das 43. Niederrheinische Musikfest.", "titre_sommaire": "Das 43. 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Jetzt ist nun der Garten der-\nselbe geblieben, ja, noch vergrössert worden, in ihm aber\nhat man einen kolossalen steinernen Bau errichtet, der\neinen neuen, grossen Concertsaal enthält, welcher durch\neinen ebenfalls neuen Vorsaal mit dem früheren so ge-\nnannten Rittersaale verbunden ist; durch die Vereinigung\ndieser drei Säle ist ein Local geschaffen, das für die gröss-\nten Festlichkeiten ausreicht und nur in den volkreichsten\nStädten seines Gleichen findet.\nAn den Rittersaal von 120 Fuss Länge und 40 Fuss\nBreite schliesst sich der Neubau, in derselben Axenrich-\ntung weiter geführt, an: zunächst der Verbindungs-Saal,\n80 Fuss lang, 40 Fuss breit und 26 Fuss hoch, dann der\neigentliche Concertsaal, 180 Fuss lang, 78 Fuss breit\n• und 52 Fuss hoch, so dass die ganze Länge, einschliess-\nlich des Vorgemachs vom Rittersaale, 460 Fuss beträgt,\nIm Hauptsaale nimmt die stufenweise aufsteigende Or-\nchesterbühne den südlichen Theil in einem Halbkreise ein,\nüber den die Orgel (von Schulze aus Paulinzelle) in einer\nbreiten Nische emporragt. Dem Orchester gegenüber be-\nfinden sich zwei Galerieen über einander und an den Lang-\nseiten je eine; zu allen führen bequeme Treppen. Die Be-\nleuchtung erfolgt durch zehn in die Decke eingeschnittene\nSonnenbrenner, weiche mit ihrem Gaslichte einen Glanz\nverbreiten, der bei der Höhe der Decke die Zuschauer\nauch auf der Galerie nicht blendet.\nDie Zahl der Ausführenden gab das Textbuch auf\n735 im Chor und 141 im Orchester an; allein die seit\nden Anmeldungen zum Mitwirken eingetretenen Verhält-\nnisse hatten das Sänger-Personal bis auf etwa 500 ver-\nmindert, auch war im Chor der Einfluss der schwülen\npolitischen Luft in so fern wahrzunehmen, dass der frische,\nmuntere Sang und Klang, den wir an unseren rheinischen\nChören gewohnt sind, nicht immer so muthig und schwung-\nvoll sich über die Instrumental-Massen erhob, als sonst,\nwomit indess keineswegs geläugnet werden soll, dass, rein\ntechnisch genommen, die Händel'schen Chöre bis auf einige\nmatte Einsätze gut ausgeführt wurden und namentlich\nbei dem Stamme des Chors von tüchtiger Einübung Zeug-\nniss gaben.\nDas Orchester war vorzüglich: es zählte 50 Violinen,\n20 Violen, 20 Violoncelle, 15 Contrabässe, doppelt be-\nsetzte Blas-Instrumente (5 Flöten, 6 Hörner), 2 Harfen\n(Fräulein Jansen aus Köln und Herr Hankel aus Dessau)\nund Orgel (Herr Musik-Direclor Weber aus Köln). Im\nQuartett bemerkten wir die Herren Violinisten Bargheer\naus Detmold und Münster, Blagrove aus London, von Kö-\nnigslöw aus Köln, Röntgen aus Leipzig, Wenigmann aus\nAachen, die Violoncellisten de Sweert aus Brüssel und\nDüsseldorf, J. Wenigmann aus Aachen, die Bassisten A.\nBreuer aus Köln, Simon aus Sondershausen u. s. w. Der\nKlang in dem neuen Saale war gut, wiewohl nicht auf\nallen Plätzen gleich stark und deutlich; unserer Ansicht\nnach könnten die Stufen der Tonbühne noch etwas mehr\nansteigen.\nDer Congress von auswärtigen Künstlern und Diri-\ngenten war nicht so zahlreich, wie er sonst zu sein pflegt.\nAus Paris und aus Holland fehlten sie ganz, aus Brüssel\nsahen wir Herrn Samuel, Director der populären Con-\ncerte, aus dem Bheinlande und Westfalen die Herren"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "170", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660602-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5363, "texte": "Hiller (der auf Ersuchen des Comite's am zweiten Fest-\ntage seine Frühlings-Composition „Pfingsten\" selbst diri-\ngirte), Breunung, Bruch, Gernsheim, Grimm, Krause,\nLux, Schornstein, Zur Nieden u. s. w., aus grösserer Ferne\ndie Herren Deppe aus Hamburg, Dietrich aus Oldenburg,\nEngel aus Bremen, Reinecke aus Leipzig, Scholz aus Flo-\nrenz, Wüllner aus München u. s. w. Vereinigungspunkte\nfür Künstler und Kunstfreunde waren die Vorsäle der\nTonhalle, der Breidenbacher Hof u. s. w., wo überall eine\nüber alles Erwarten zahlreiche und belebte Gesellschaft\nzu finden war, die sich das Wort gegeben zu haben schien,\ndie Politik auf einige Tage ruhen zu lassen: „Ernst ist das\nLeben, heiter ist die Kunst\", mit welchen Worten die\nVorrede zum Textbuche schliesst, war der allgemeine\nSinnspruch, der indess den kritischen Ernst in den Gesprä-\nchen über die heitere Kunst nicht ausschloss.\nMöge denn unser rheinisches Fest, das in Düsseldorf\nzum sechszehnten Male gefeiert wurde, noch viele Jahre\nder Zukunft überdauern, wobei wir aber den Wunsch\naussprechen müssen, dass es auch seinen überlieferten mu-\nsicalischen Charakter sich bewahre, dass jede Anordnung\nund Berufung nur die Würde der Tonkunst zum höchsten\nund einzigen Bestimmungsgrunde habe, und dass es vor\nAllem ein deutsches Fest bleibe, welches alles Ausländi-\nsche in Sitte und Brauch und dessen Eindringen in den\nCultus deutscher Musik von sich fern halte. Die deutsche\nMuse der Tonkunst ist die Lehrerin des Auslandes gewor-\nden, und es ist lächerlich, wenn die Schüler von dort her\nberufen werden, ihren Meistern in Deutschland zu zeigen,\nob sie etwas von ihnen gelernt haben. Ein solcher Ver-\nsuch zu Gunsten einer einzelnen Persönlichkeit ist allen-\nfalls für ein Mal zu entschuldigen: eine Wiederholung\nkann aber durch nichts, auch wenn dadurch die Mitwir-\nkung der grössten Sängerin der Welt erkauft werden\nkönnte, gerechtfertigt werden, weil ein solches Verfahren\ndas Einzelne über das Ganze, die Personen über die\nWerke setzt, bei einem deutschen Musikfeste aber die\nAufführung der ganzen Werke im Geiste ihrer Schöpfer\ndie Hauptsache ist, nicht der Vortrag einzelner Sologe-\nsänge. Greift aber vollends der Einfluss ausgezeichneter\nPersönlichkeiten in den Organismus des ganzen Festes\nein, dann kommen wir mit unseren Festen auf den Stand-\npunkt der Opernbühnen, und das Fest-Comite steigt zu\nder Stellung und den Concessionen eines Theater-Unter-\nnehmers herab.\nDie zwei Hauptmomente zur Bewahrung des Cha-\nrakters der niederrheinischen Musikfeste sind die Aufstel-\nlung des Programms und die Wahl des Dirigenten.\nDas Programm wich diesmal in zwei wesentlichen\nPunkten von der bisherigen Einrichtung ab. Dass am drit-\nten Tage neben den Einzel-Vorträgen auch einige grös-\nsere Gesammtwerke gebracht wurden, ist an und für sich\nzu billigen und auch früher schon oft geschehen; dass\naber die Aufführung der Haupt-Sinfonie auf den dritten\nTag gelegt wurde, wie dieses Mal geschehen, ist nicht\nbloss der Tradition, sondern auch dem Zwecke und der\nBedeutung des Musikfestes zuwider. Das Fest vereinigt\ndie beiden Factoren der Aufführung, Chor und Orche-\nster, in einer solchen Anzahl und Tüchtigkeit, dass beide\ngleich berechtigt sind, die classischen Werke der zwei\nHauptgattungen der Tonkunst, Oratorium und Sinfonie,\nin möglichster Vollkommenheit der Ausführung zur Gel-\ntung zu bringen: daher also der wohlbegründete Gebrauch,\nden ersten Festtag dem Oratorium, den zweiten der Sin-\nfonie vorzugsweise zu widmen, um dadurch den eigent-\nlichen Zweck der aussergewöhnlichen Versammlung so\nbedeutender Kräfte zu erfüllen. Dazu kommt die prakti-\nsche Rücksicht in Betracht, dass die möglichste Vollkom-\nmenheit der Ausführung der Sinfonie am dritten Tage\nschwerer zu erreichen ist, weil das Orchester alsdann be-\nreits durch fünf Hauptproben und zwei Aufführungen der-\nmaassen in Anspruch genommen worden ist, dass die\nsechste Probe und die dritte Aufführung offenbar un-\nter der Abspannung leiden, wie das denn auch dieses Mal\nbei der Ausführung der Eroica selbst vom grösseren Pu-\nblicum, das sich an einzelne Verstösse hält, wahrzunehmen\nwar, weil gerade zwei der besten von allen Bläsern den\nTon ihres Instrumentes nicht mehr sicher in der Gewalt\nhatten. Dass aber durch eine solche Anordnung des drit-\nten Concertes die löbliche Absicht des Comite's, der un-\ngeeigneten Wahl von Künstler-Vorträgen entgegen zu\ntreten, nicht erreicht wird, bewies der dritte Abend; ja,\neine Arie, wie die aus der „Braut von Venedig\" von Be-\nnedikt und ein an anderer Stelle als beim Musikfeste er-\ngötzlicher Gesang, wie Rossini's Marinari, erscheinen dop-\npelt unpassend, wenn das Concert mit einer Sinfonie\nvon Beethoven beginnt und mit einem Chor von Bach\nschliesst.\nFerner sind bei unseren Musikfesten Concert-Vor-\nträge, wenn auch mit Orchester, aus Gründen, die in der\neben angegebenen Bestimmung der Feste liegen, stets auf\nden dritten Tag gelegt worden. Für die Berechtigung der\nkünstlerischen Virtuosität auf den Festen haben wir stets\ngesprochen, und wenn vollends eine Clara Schumann\nauftritt, so liegt in ihrer genialen Leistung auch wieder\nein neuer, schlagender Beweis dafür. Allein das kann die\nMeinung des Publicums nicht zum Schweigen bringen,\nwelche die diesmalige Anordnung als eine Concession be-\nzeichnet, die es nicht zu einem für die Zukunft maassge-\nbenden Beispiele erhoben zu sehen wünscht."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "171", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660602-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5383, "texte": "Die Uebertragung der musicalischen Leitung der\nHaupt-Aufführungen an einen grossen Meister, der nicht\nnur als praktischer Dirigent der Sache vollkommen ge-\nwachsen ist, sondern auch als Componist einen Ruf be-\nsitzt, der dem Musikfeste Glanz verleihen könne, war bis-\nher Regel. Von diesem Grundsatze ist man im Laufe von\nachtundvierzig Jahren nicht abgewichen: die Namen Fried-\nrich Schneider, Ferdinand Ries, Louis Spohr, Felix Men-\ndelssohn, Julius Rietz, C. Kreutzer, Reissiger, Heinrich\nDorn, Lindpaintner, Robert Schumann, Ferdinand Hiller\nsind Beweise. Vor drei Jahren machte man in Düsseldorf\nzuerst eine Ausnahme davon, indem man Herrn Otto\nGoldschmidt aus bekannten Gründen die Direction der\nHaupt-Aufführungen übertrug. Wiewohl Herr Gold-\nschmidt in Deutschland fast ganz unbekannt war, so be-\nsiegte er doch das Misstrauen gegen ihn durch eine tadel-\nfreie und verständige Leitung der Aufführung von Men-\ndelssohn's „Elias\" und Händel's „Cäcilien-Ode\" und fand\nbeim Publicum und der Kritik eine freundliche Aufnahme.\nMan Hess die einmalige Ausnahme von der Regel gelten,\nweil man mehr fand, als man erwartet hatte. Andere An-\nsprüche macht man aber mit Recht, wenn eine solche\nWahl zum zweiten Male wiederkehrt, während in Deutsch-\nland die grossen Meister der Composition Gott sei Dank\nnoch lange nicht ausgestorben sind und überall eine ganz\nandere Directions-Tüchtigkeit bewähren, als sie Herr Gold-\nschmidt dieses Mal entwickelt hat. Denn bei aller Achtung\nvor ihm als Musiker können wir doch nicht verschweigen,\ndass seine Auffassung vieler Nummern in Händel's „Mes-\nsias\" und die dafür gewählten Tempo's verfehlt waren.\nDazu kommt, dass Herrn Goldschmidt die Ruhe, die er\nvor drei Jahren bewährte, ganz verlassen hat: sein Diri-\ngiren mit langem Stabe und mit beiden, keinen Augen-\nblick in ruhiger Haltung bleibenden Armen war in so\narger Weise störend, dass man die Augen schliessen\nmusste, um sich einen reinen Eindruck der Musik auch\nbei denjenigen Chören und Sologesängen zu retten, welche\nin richtigem Zeitmaasse und vorzüglich gut ausgeführt\nwurden.\nWenn wir uns gegen die Anordnung des Programms\nund gegen den Beruf des Dirigenten mit derjenigen Offen-\nherzigkeit aussprechen, die bei der gegenwärtigen Herr-\nschaft der Convenienz und Connivenz im geselligen Leben\nund in der Kritik, wozu im Reiche der letzteren noch das\nCoteriewesen kommt, vielleicht hier und da überrascht,\nso sind wir der Ansicht, dass uns die Rücksicht auf die\nZukunft unseres Musikfestes und die Erfahrungen, die wir\nin einer mehr als vierzigjährigen Theilnahme an denselben\ngemacht haben, dazu einige Berechtigung geben, wo nicht\neine zwingende Verpflichtung auflegen. Die Wahl der\nWerke selbst, welche zur Aufführung kamen, wurde aller-\ndings auch von Manchen angefochten, was aber haupt-\nsächlich wohl nur daher rührte, dass man das Programm\ndes zweiten Tages wegen Mangels eines classischen Instru-\nmentalwerkes nicht für ein echt musikfestliches gelten\nHess. An und für sich aber waren Händel's „Messias\"\nund Beethoven's „.Eroicau gewiss würdigste Aufgaben\nfür die vereinigten Kräfte; die Wahl von Mendelssohn's\nAthalia-Musik, Schumanri's zweitem Theile von „Para-\ndies und Peri\", Hiller's „Pfingsten\", Rietz's Fest-\nOuverture war Zeugniss von der Pietät gegen die früheren\ndüsseldorfer Musik-Directoren, die Ouvertüre von Tausch\nvon der Rücksicht auf den gegenwärtigen; auch halten die\n„Athalia\", „Pfingsten\" und l'ausch's Ouvertüre noch\nausserdem den Reiz der ersten Aufführung, beziehungs-\nweise neuer Composition. Dennoch möchten wir nicht\nwünschen, dass dieses System localer Pietät maassgebend\nwürde: es führt leicht zu einer Zerstückelung, wenn von\nJedem etwas gebracht werden soll, und die wahre Pietät\nbei einem Musikfeste muss dem Andenken der Heroen der\nTonkunst und ihren monumentalen Werken geweiht sein.\nHändel's „Messias\" ist auf den niederrheinischen\nMusikfesten fünf Mal ganz und ein Mal in einer Auswahl\ngegeben worden: 1818 in Elberfeld (Dirigent Schorn-\nstein), 1826 Düsseldorf (15 Nummern, F. Ries), 1839\nDüsseldorf (Mendelssohn), 1847 Köln (Dorn), 1853\nDüsseldorf (Schumann), 1857 Aachen (Liszt).\nDas Oratorium wurde mit Mozart's Instrumentirung\ngegeben; die Orgel ein neues für die Tonhalle von\nSchulze in Paulinzelle gebautes schönes Werk griff'\nmit bescheidener Anwendung ein. Wir wollen den alten\nStreit über die Instrumentirung Händel'scher Oratorien\nund alles, was man gegen Mozart vorgebracht hat (er war\nübrigens nicht der Erste, der dazu Hand anlegte), nicht\nweiter als in so fern berühren, dass uns die düsseldorler\nAufführung von Neuem wieder im Ganzen mit dem Ver-\nfahren Mozart's versöhnt hat, und gestehen, dass z. B. ge-\nrade die seit Thibaut so oft getadelte Instrumentirung der\nArie in ff-moll: „Das Volk, das im Dunkeln wandelt\",\nim Verein mit Stock ha u s en's unübertrefflichem Vor-\ntrage, durch die wahrhaft geniale Zuthat des neueren Mei-\nsters nicht wenig dazu beigetragen bat. Jedenfalls sind\nwir vollkommen mit 0. Jahn einverstanden, „dass der\nphilologisch-historische Standpunkt, der da verlangt, dass\nein Kunstwerk, so wie es der Künstler geschaffen, zur\nDarstellung komme, zwar im Princip der richtige sei,\naber bei der Reproduction musicalischer Kunstwerke\nmanche praktisch nothwendige Einschränkungen erfährt,\nund dass es zweifelhaft ist, wie weit das grosse Publicum,\ndas sich den Anforderungen der Gebildeten fügen muss,\n\n[*J"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "172", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660602-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5112, "texte": "für den historischen Genuss befähigt sei; jedenfalls ist sehr\nzu wünschen, dass nicht die Gelehrten den Ton\nangeben.\" (0. Jahn. Mozart, IV, S. 467.) Wir sind\naber auf dem besten Wege zu dieser Tonangebung; es\ngibt bereits so feinhörige Händelianer, dass sie in wenigen\nAccorden. z. B. der Mendelssohn'schen Orgelstimme zu\neinigen Recitativen in „Israel in Aegypten\", den Mangel\nan Händel'schem Geiste constatiren und an irgend einem\nnorddeutschen Orte ein altes Spinett aufgetrieben haben,\num die historische Ciavierbegleitung in urechter Form zu\nreproduciren! Wir theilen in dieser Beziehung die Ansicht\ndes römischen Dichters:\nPrise a juvent alios: ego\nGratulorJ*) (Ovid.)\nDie Auslassungen von übrigens nur wenigen Num-\nmern bei der düsseldorfer Aufführung waren zu billigen.\nBekanntlich sehen manche Händelianer auch die Zusam-\nmenstellungen der Texte der Oratorien als unvergleichliche\nund ohne Verletzung der Einheit des Kunstwerkes nicht\nanzutastende Kunstwerke an. Eine solche Pedanterie be-\ndarf keiner Widerlegung. Wie lose es um die Einheit der\nHandlung in manchen Händel'schen Oratorien bestellt sei,\nist schon öfter in dieser Zeitschrift nachgewiesen worden,\nz. B. am „Josua\", „Judas Maccabäus\" u. s. w. Der „Mes-\nsias\" ist eigentlich mehr eine Cantate, als ein Oratorium,\nund durch die Vorherrschung des lyrischen Elementes,\nwelches selbst noch die wenigen epischen Stellen durch-\ndringt, ist er mehr rein kirchlich, als die anderen Oratorien\ndes Meisters. Daher ist der einzige dramatische Chor\nNr. 27 C-moll, in welchem das Volk den Heiland verspot-\ntet: „Er trauete Gott, der helfe ihm nun, aus\" u. s. w.—\nauffallend. Er passt weit mehr in eine Passion, als in einen\nText, der nicht die Erzählung der Thatsachen beim Tode\ndes Erlösers, sondern die Verherrlichung der Idee der Er-\nlösung zum Ziele hat. Während der ganze Händel'sche\nMessias der Ausdruck der Gefühle der christlichen Mensch-\nheit in Freude und Wehmuth über die Geburt und den\nOpfertod des Heilandes, die Ausbreitung des Christen-\nthums, die Erlösung und das ewige Leben ist, tritt ein\nChor der Juden auf einmal handelnd auf! Er wird dess-\nhalb mit Recht weggelassen, und wir wären neugierig,\nwie ihn die Schwärmer für die Einheit rechtfertigen woll-\nten, da er diese sehr handgreiflich stört.\nWenn die Verkürzungen in der Aufführung vernünf-\ntiger Weise nicht anzufechten sind, so ist es dagegen mit\nder Angabe der Tempi eine andere Sache, und wenn die\nvon Herrn Goldschmidt genommenen etwa durch die so\ngenannte Tradition in England gerechfertigt werden sollen,\nso müssen wir uns dagegen sehr ernstlich verwahren. Wir\ngehören durchaus nicht zu denen, die ihren Respect vor\ndem Worte Oratorium überall durch langsame oder gar\nschleppende Tempi bethätigen zu müssen glauben, denn\nder Charakter einer jeden Nummer muss ihr Tempo be-\nstimmen: wo die Recitative, Arien und Chöre Feuer und\nLeidenschaft athmen, muss auch das Maass der Bewegung\ndiesen entsprechen, und oft sündigen namentlich Solosän-\nger dagegen, wenn sie aus Furcht vor dem Theatrali-\nschen das Dramatische in den Oratorien vernachlässigen.\nAllein auf der anderen Seite muss man von den lyrischen\nund reflectirenden Gesängen im Oratorium wie der deut-\nsche Dichter von der Muse sagen:\n„Beseligend war ihre Nähe\nUnd alle Herzen wurden weit:\nDoch eine Würde, eine Höhe\nEntfernte die Vertraulichkeit.\"\nDieses Maass des „würdigen\" Vortrags fanden wir—und\nmit uns die anwesenden Musiker und gebildeten Kunst-\nfreunde mehrere Male so sehr überschritten, dass der\nEindruck der davon betroffenen Musikstücke stark beein-\nträchtigt wurde. Es gehörten dahin die Alt-Arie in D-dur\nAndante (Nr. 26): ,0 du, die Wonne verkündet in Zion\",\nwo der 6/s-Tact jede Uebereilung doppelt gefährlich\nmacht, da er leichter als andere Rhythmen durch zu\nschnelle Bewegung ins Vulgäre fällt. Noch ärger war der\nMissgriff bei der Alt-Arie in (Nr. 22): „Er\nward verschmähet\", deren zweiter, erschütternd schöner\nTheil: „Er gab den Schlägen seinen Rücken\", fast zu\neinem Allegro gemacht wurde! Sollte dieses Tempo etwa\ndie Maierei der Geisselung im Orchester recht realistisch\nhervorheben, so müssen wir eine solche Auffassung für\nhöchst unwürdig erklären. Und wie passt zu solchem\nTempo das darauf folgende erhabene (Nr. 23):\n„Wahrlich, er trug unsre Qual!\"\nAuch der Chor Nr. 24: „Durch seine Wunden sind\nwir gebeilt\", obwohl Alla b über-\nschrieben, war zu schnell, vollends aber der Chor in\n(Nr. 25): „Der Herde gleich\" u. s. w. Hier wurde das\nAllegro moderatoein im Verhältnisse zum Händel'schen\nStile förmliches Allegro molto, so dass man wahrlich nicht\nzu viel sagt, wenn man behauptet, dass der Chor wie ein\nlustiger Gesang ausgelassener Menschen klang, dem dann\ndas Adagio in Moll als Strafpredigt folgte! Wenn man er-\nwägt, dass von den sündigen Verirrungen der Menschen\ndie Rede ist, deren Schuld der Herr auf den Erlöser ge-\nlegt, ferner, dass dieser Chor mitten in die sechs bis sie-\nben Nummern tritt, welche der Passion gewidmet\nsind, so begreift man ein so arges Vergreifen des Tempo's\n\n*) „Freut euch am Alten! Doch ich, dass ich jetzt auf die Welt\nerst gekommen,\nWünsche mir Glück!\""}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "173", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660602-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3986, "texte": "kaum; es rächte sich auch noch dadurch, dass der Chor,\neinmal von dem Dirigenten in Schuss gebracht, in den\nColoraturstellen obenein noch eilte. Am Schlüsse der Pas-\nsion wurde das Arioso in A-d (Nr.\n31): „Doch Du liessest ihn im Grabe nicht\", auch wie-\nder zu einem Andante con moto, wiewohl Text und Melo-\ndie einen gläubigen Aufblick zum Herrn, nicht aber einen\nfreudigen Hymnus aussprechen. Der Aufschwung folgt erst\nin dem prächtigen Chor: „Hoch thut euch auf, ihr Tbore\nder Welt!\" —welcher, wie auch nachher das „Halleluja\",\nauf würdige Weise ausgeführt wurde.\nSchliesslich müssen wir noch bemerken, dass das\nvieldirigiren unzweckmässig für die Mitwirkenden und stö-\nrend (besonders bei den Sologesängen!) für die Zuschauer\nist. Der Dirigent soll nur die guten Tacttheile markiren,\nnicht den Werth der Noten; thut er mehr z. B. wenn\ner im 9/s-oder 12/s-Tact auch jedes nach einem Viertel\nfolgende dritte Achte! in der Luft bezeichnet—,so verwirrt\ner, anstatt sicher zu führen. Ferner sind die Pausen zwi-\nschen den einzelnen Nummern durchaus nicht willkürlich\nlang oder kurz zu machen, denn die richtige unmittelbare\nVerbindung der zu einander gehörigen, so wie die\nSonderung der contrastirenden Stücke ist ein wirksa-\nmes Mittel zur Erleichterung des Verständnisses eines\nKunstwerkes. Wer jede Nummer für sich absingen lässt,\nnach jeder eine förmliche Pause zum Niedersetzen, Räu-\nspern, Schnupfen und anderen prosaischen Erholungen\nmacht, der vernichtet die Einheit eines Kunstwerkes mehr,\nals wer einige Nummern weglässt. Was im „Messias\" in-\nnerhalb der drei Theile wieder enger zusammengehört,\nergibt sich leicht, z. B. im ersten Theile erst die Verkün-\ndigung, dann die Geburt des Heilandes, zuletzt der Segen,\nden die Erscheinung Christi auf Erden der Menschheit\nbrachte. Eine genauere Betrachtung der Reihenfolge\nder Tonarten wird auf dasselbe Resultat führen und\nzeigen, dass der Meister auch dadurch eine Wirkung be-\nabsichtigt hat, die noch zu wenig beachtet worden ist und\ndie durch längere Absätze zwischen den einzelnen Num-\nmern verloren geht.\nGehen wir mit wenigen Worten auf die Solisten über,\nso haben wir weder an der Stimme und natürlich noch\nviel weniger an der künstlerischen Behandlung derselben\nin den Vorträgen von Frau Jenny Goldschmidt-Lind\neine Veränderung seit drei Jahren, sondern immer noch\ndieselben nie genug zu bewundernden Eigenschaften ge-\nfunden, welche den merkwürdigen Zauber bilden, den nur\ndiese Sängerin auf Ohr und Herz übt, wie keine andere\nvor und neben ihr, und wie ihn schwerlich nach ihr eine\nZweite noch einmal wieder üben wird. Ob die Vortrags-\nweise (z. B. der ersten Arie: „Er weidet seine Herde\")\nüberall, namentlich in den Contrasten, musicaliscb zu recht-\nfertigen sei, mag vielleicht bezweifelt werden können: wir\ngestehen aber gern, dass die wunderbare Vollendung der\nAusführung uns nicht zu einer Untersuchung darüber\nkommen liess. Fräulein von Edelsberg Hess bedauern,\ndass sie ihren schönen Tönen nicht mehr Wärme einzu-\nhauchen versteht. Die kleine Sopran-Arie: „Wie lieblich\nist der Boten Schritt\", wurde von Fräulein Julie Ro-\nthenberger recht ausdrucksvoll vorgetragen, was um so\nmehr anzuerkennen ist, da sie dieselbe erst in der Gene-\nralprobe übernommen hatte. Herr Dr. Gunz erreicht als\nOratoriensänger eine immer höhere Stufe, nicht nur durch\ndie technisch vervollkommnete Herrschaft über seine schöne\nund frische Tenorstimme, welche sich besonders in der\nAbrundung der Coloratur zeigt, sondern auch durch den\nkünstlerischen Vortrag, der auf Verständniss und Gefühl\nberuht. Ueber Herrn Stockhausen können wir nur sa-\ngen, dass, wer ihn in dem „Messias\" am ersten Pfingst-\ntage, namentlich in den Recitativen und Arien des ersten\nTheiles, gehört hat, einen so vollendet künstlerisch schö-\nnen Gesang in der erhabenen oratorischen Gattung auch\nvon ihm selbst wohl noch nie gehört haben mag. Der Vor-\ntrag des Recitativs und der Arie: „Das Volk, das im Dun-\nkeln wandelt\", allein sicherte ihm die Palme des Abends."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1866-06-02-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1866-06-02_01#c003", "volume": "bmtnabi_1866-06-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "173", "page_fin": "176", "image_debut": 5, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660602-01.2.3", "titre_corps": "Zur Geschichte der Musik.", "titre_sommaire": "Zur Geschichte der Musik.", "signature_source": "E. Krüger", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "173", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660602-01.1.5", "debut_caractere": 3988, "fin_caractere_exclue": 5347, "texte": "Zur Geschichte der Musik.\n\n(Schluss. S. Nr. 21.)\nAndere Fragen berühren wir nur in der Hoffnung,\nes möge unserem Verfasser gefallen, bei weiterer Be-\nmühung in diesem Felde auch darauf ein Auge zu richten.\nUeber das Quintsingen Hucbald's, das unserem Ohr so\nwiderspänstig klingt, hat O. Paul sein in der Allg. Musik-\nZeitung, 1863, 217, gegebenes Versprechen einer gründ-\nlichen Aufklärung noch nicht gelöst; Coussemaker, Hist.\n14, 15, 19, beharrt dabei, jene Quinten für authentisch\nbezeugt zu nehmen, und auch wir müssen dabei beharren,\nda Guido v. Arezzo, Gb. 2, 21a, die parallele Bewegung\nder Quarten, Quinten und Octaven nicht scheut, sondern\nlobt als aptae vocum copulationes*);das wäre eine Auf-\n\n*) Ob unsere Ohren so gar fein geworden, wie Riehl behaup-\ntet? Im Jahre 1848 fahr auf dem Weser-Dampfschiffe ein Blech-\nmusik-Corps mit und stimmte auf Verlangen die Marseillaise an.\nDa sie keine Noten dazu hatten, so bliesen sie lustig los mit ex-\ntemporirter Begleitung contrappunto alla mente! würde P. Giam-\nbattista Martini sagen. Da begab sich's, dass zur siebenten Zeile:\n„ils viennent jusque dans vos ftras\", die tiefe Posaune zur oberen\nin reinen Quinten secundirte. Von den vielen idle travellers\nward kaum Einer in seiner Gemüthlichkeit gestört; wenige Idioten\nmerkten es und wunderten sich, dass die Anderen es nicht merkten.\nWohl zu merken!"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "174", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660602-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5298, "texte": "gäbe für die Art harmonique, hier Entscheid zu geben.\nDas Wort Litera bei Franco und Anderen ist seit Kiese-\nwetter fraglich geblieben, ob es Text bedeute, oder Vor-\nzeichnung (Clavis), oder Vocal zum Gegensatze von In-\nstrumental. Nach Coussemaker, Scr. 341b, 343a und Gb.\n3, 14b, 15b, muss es Gesangtext bedeuten, insbeson-\ndere den ersten Eintritt desselben, wie zu schliessen aus\nder letztgenannten Stelle: Quo\nfigurae similiter evenerint, sola prima debet percuti, re-\nliquae vero in floratura teneantur = „Wenn im mehrstim-\nmigen Gesänge mehrere Noten zusammen zum Vorscheine\nkommen, so muss nur die erste angeschlagen, d. h. nur\nder ersten Note eine Text-Sylbe gegeben werden, wäh-\nrend die übrigen Noten floriren oder coloriren\" —vielleicht\nmit Rücksicht auf den Missbrauch gesagt, wonach zuwei-\nlen ein gedehntes und florirtes Ma ria zersungen\nward in Ma Ma Ma .... Ria, dessen Gleichen in einigen\nFällen sogar geschrieben ist, während in anderen Fäl-\nlen nur das erste Wort eines bekannten Tenor-Textes\ngeschrieben ward, die übrigen Worte aber und überhaupt\ndie Sylben-Unterlage dem Sänger überlassen blieb. Da\ndergleichen noch bis ins sechszehnte Jahrhundert vor-\nkommt, so ist die Zuversicht derer zu bewundern, die auf\ndas genaueste zu wissen vorgeben, wie den alten Ton-\nsätzen der Text unterzulegen sei, was höchstens am Ende\ndesselben Jahrhunderts mit Sicherheit aus alten Drucken\nzu erlesen ist. Dieses als Ergänzung zu Coussemaker's\nHist. 55. n. 1.\nUeber die rhythmische Construction ist gelegentlich\ndes Numerus Ternarius zu bemerken, dass nach den Ur-\nkunden, übereinstimmend mit den Lehrsätzen, die Drei-\ntheiligkeit der Ton-Rhythmen bis zum Ausgange des drei-\nzehnten Jahrhunderts allgemein anzunehmen ist, wobei es\nauffällt, bei zweisylbigem Metrum überwiegend die Form\nvi. _ angewandt zu finden, statt der bei uns üblicheren\nForm J. |, nämlich so, dass in unserem Dreiviertel-Tact\ndie zwei ersten zusammengezogen den Accent an sich\nziehen, trochaisch während jene ältere jamboidische\nForm uns als die seltnere, gleichsam synkoptische er-\nscheint. Doch kommen auch trochaische Melodieen vor.\nDas Stossige in ihr ist der heutzutage bei den Ungarn\nund Slawen beliebten Weise ähnlich. Uebrigens ist, wie\naus der Natur des Rhythmus hervorgeht, die\nnaria, das Gleichmaass des Pendelschwunges, dennoch\ndas Aeltere, Ursprüngliche, wie ausdrücklich bezeugt W.\nOdington (1226) in Coussemaker's Script. 1, 235.\nVgl. 378.\nBezüglich des Tritonus ist die Behauptung S. 97, 9:\nProscrit et reprouve dans le piain chant, cet emploi (du\ntriton) est la base et le fondement de la musique moderne,\nwie jeder Renner siebt, beiderseits übertrieben, denn es\nkommen auch in der alten Tonalität Tritoni im Durch-\ngange oder in Gegenbewegung vor, und dass die neuere\nMusik auf dem Gebrauche des Tritonus Basis und Funda-\nment habe, ist nicht wahr. Wenn aber Coussemaker die\nBeizeichnung der Musica ficta,also hier des fehlenden\num den Tritonus zu meiden, in Hist. Trad. p. XXXIV,\nTact 8, 11 und sonst richtig eintreten lässt, so muss das\nin ähnlichem Falle überall geschehen, z. B. auf derselben\nSeite Tact 20, wo der ohnebin rauhe Quartengang durch\nden Tritonus auf der Sylbe (sa ganz unleidlich wird.\nDie Beispiele, fast ein Sechstel des Mscr. MP.\n51 : 345 sind, wie begreiflich, nicht des Genusses oder\nder Schönheit willen beigegeben, vielmehr als lehrhaftes\nBild der Kunstentwicklung anzusehen. Von dauerndem\nWerthe und auch modernem Kunstsinne, fasslich und an-\nmuthend, sind unter den Beispielen sieben: Nr. 17, 18\n(von Franco), 34, 46, 47, 48, 49. Hinzugefügt ist einer\nder schönsten mittelalterlichen Tonsätze, der altenglische\nCanon: Sumer is icumen in, 1226 aufgezeichnet durch\neinen Mönch John Fornsete von der Abtei Beading\nin Norfolk, Nr. 20, vgl. Text S. 72, welcher schon länger\naus Burney und Forkel bekannt, bei Coussemaker jedoch\nemendirt ist in den Pausenzeichen. Interessante Melodieen\nohne glückliche Ausführung sind in Nr. 25, 26, 36, 37,\nin denen unser Autor S. 90 künstlerische Tendenz\npensee artistique wahrnimmt, in so fern sie sich über\ndie eigentlichen Volksweisen, mebdies populaires, sponta-\nnees, franches et naturelles (S. 86), zu erheben scheinen.\nVon den Marienliedern heisst es S. 89, dass ein Theil in\nVolksweisen gesungen und diese unter den damals gang-\nbaren die ältesten scheinen, nämlich Nr. 14, 17, 18.\nAn welchen inneren oder äusseren Merkmalen nun\nhier das höhere Alter oder im Zweifelfalle die Urgestaft.\nder Melodie kennbar sei, unterlässt der Verfasser zu sa-\ngen, wo man es erwarten müsste, S. 90, 17:\npris dans les airs populaires y [in den mehrstimmigen Ge-\nsängen] conservent leur melodie\nintacte, du moins assez entiere pour permettre d'en di-\nstinguer le caractere. Da nun ein grosser Theil der Volks-\nweisen nicht anders als in mehrstimmiger Aufzeichnung\nbekannt geworden, so fragt sich, woher nun die ältere\nGestalt der nackten Urmelodie zu entnehmen sei. Fast\nfürchten wir, es könne hier gehen, wie anderswo, wenn\nwir Spätgeborenen aus tausendjährigen Denkmälern nach\ninneren Gründen herauslesen wollen, was alt und was\nuralt sei, oder uns vermessen, in den ältesten Geschichten\ndas Liedhafte vom Chronicalischen rein abzuschälen nach\nkeinem anderen Maassstabe, als der prosaischen Wahr-\nscheinlichkeit moderner Vorstellung. Vor wenigen Jahren"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "175", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660602-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5318, "texte": "hat so Dr. F. W. Arnold in Elberfeld mit grösster Zu-\nversicht aufgestellt, welches die Urgestalt des Liedes Het\ndaghet in den Oosten sein müsse, und wie selbige in\ndie Zeit des Nibelungenliedes, jenseit 1150, zurückreiche,\nund hat dafür bei den Niederländern Lob und Preis em-\npfangen; er selbst wünscht am Schlüsse seiner Abhand-\nlung, es möge ihm später gelingen, die aus inneren\nGründen gewagten Behauptungen durch Beweise zu be-\nstätigen! Einmal hat nun Coussemaker allerdings einen\ntreffenden Vergleich zwischen Ursprünglichem und Abge-\nleitetem vorgestellt an dem Liede von Adam de la Haie:\nRobin m'aime, Robin m'a, S. 86, 88, vgl. Beisp. Nr. 28.\nDort soll sich die von Coussemaker älter genannte als die\neinfachere wahrscheinlich dadurch bezeugen, dass sie rein\ndiatonisch ist, während die abgeleitete zwei Mal chroma-\ntisch modulirt. Dass aber das Chroma nicht volkstüm-\nlich sei, ist noch zu beweisen; sicherlich ward es schon sehr\nfrüh in den Haupt-Cadenzen gebraucht, z. B. HA GFisG,\nstatt HAGFG;und das schliessen wir aus dem ebenfalls\nsehr alten Gebrauche, auch im Kunstgesange das\nnicht geschrie bene Chroma doch zu singen; diese\nso genannte falsa s. ficia musica finden wir von den älte-\nsten Mensuralisten bis in Palestrina's Zeit. Coussemaker\nselbst gesteht das zu, z. B. Hist. 22, 3 u. a., und unzäh-\nlige Male wird es von den Theoreten ausdrücklich ver-\nsichert. Wegen der beiden Redactionen von A. de Hale's\nMelodie aber wissen wir noch immer nicht, welches die\nälteste wirklich ist. Wir läugnen nicht die Berechtigung\nder Frage, nicht die Möglichkeit annähernder Lösung,\nwünschen aber, dass bei solchem Nachspüren alle Gerech-\ntigkeit erfüllt werde, damit nicht durch persönliches Mei-\nnen und geistreiche Combinationen eher der Zweifel als\ndie Gewissheit Zuwachs erhalte. In Coussemaker's Histoire\nsind eine ansehnliche Zahl einstimmiger Melodieen mit-\ngetheilt unter den Monuments; von Volksweisen solcher\nArt, wie hier gemeint, ist dort keine enthalten, ausser der\neinzigen, welche mit gesuchtem Scharfsinne combinirt wird\naus dem Mon. Planche VIII, (S. Text\n105, 107 und Ebert Ueberlieferungen zur Geschichte\n1, 77). Coussemaker's Combination ergibt nur, dass die-\nses lateinische Lied, weil nicht antik rhythmisch gemessen,\noffenbar dem Sangtone der nordischen Völker nachgebil-\ndet sein müsse die Traduction aber aus jenem Facsi-\nmile herauszulesen, ist selbst mit Hülfe der Neumen-Ta-\nfeln pl. XXXVII, XXXVIII unmöglich, weil diese nur\nNeumen durch Neumen erklären und über das Rhyth-\nmische nichts sagen; also Melodie ohne Sicherheit\nder Intervalle und Rhythmen ein Messer ohne\nGriff und Klinge. Denn die von Lambillote,\nmel. gregor.(lßsl), versuchte Induction, welche er rühmt\nbis zur philosophischen Evidenz geführt zu haben (p. 13),\ngeschiebt auf keinem anderen Wege, als es bereits durch\nLossius und seine Nachfolger versucht ist, und bringt\nkeine sicheren, sondern concessiv annehmbare Resultate,\nwie man an dem treffendsten aller Beispiele, der\ntation de Rachel, C. Hist. Trad. Nr. 18, aus Facsimile\nPI. 12, 38, 3 ersehen kann.\nUebrigens finden sich bei Coussemaker überall, sowohl\nin der Hist. als in dem neuesten Werke, sehr interessante\nStücke, deren einige freilich mehr dem Philologen beleh-\nrend sein werden, z. B. die köstlichen altfranzösischen\nChansons, C. A. Nr. 37. 38, 39, 40, 41, ferner in der\nHist. das Drame liturgique des vierges sages et vierges\n/olles, deren cantillirende Recitation eintönig aber naiv,\nfür die musicalische Erkenntniss jedoch nicht eben aus-\ngiebig ist.\nDie Reihenfolge, welche in den Beispielen gewählt\nist, geschieht nicht nach der Reihe des Mscr. MP., son-\ndern, wie wir annehmen müssen, nach didaktischen Rück-\nsichten, indem von den einfachsten Formen zur Imitation,\ndann zum doppelten Contrapunkte, zur Vierstimmigkeit\nu. s. w. fortgegangen wird. Nach der Beschreibung des\nMscr. MP. S. 5 —l2 sollte man, zumal bei der Hypo-\nthese, es sei aus acht Fascikeln zusammengesetzt, auf eine\nhistorische Reihenfolge rechnen; Coussemaker hat eine\nscheinbar instructive gewählt, an welcher kein Tadel wäre,\nwenn ein innerer Fortschritt von den dunkeln Anfängen\nzu den edeln Kunstwerken wirklich Statt fände, oder auch\nnur nach Anlage der theoretischen Capitel wahrnehmbar\nwäre.\nSehr viele Melodieen, öfter des Discantus als des Te-\nnors, sind an sich lieblich und anmuthend, während der\nharmonische Verlauf sich in Knäuel verstrickt, als sollte\ndarin das mühevolle Ringen zur vollendeten Kunst abge-\nbildet werden z. B. Nr. 23, 25, 29, 36, 37, 43.\nEs scheint, dass die Schwierigkeit der älteren Perio-\nden sich der völligen Aufklärung wohl für immer entzieht.\nAufgefallen ist uns, dass die Traductionen zur Histoire mehr\nschöne, singbare Beispiele als die zur Art darbieten, ob-\nwohl sie theilweise derselben archaistischen Periode zuge-\nhören; beim Vergleich der Originale, aus denen sie über-\nsetzt sind, entsteht oft der Verdacht, dass Coussemaker\nsie mehr mundrecht gemacht hat; denn wer ein so wohl-\nklingendes, ja, elegantes Bicinium, wie Hist. Trad. Nr. 22\np. XXI aus der dunklen Neumen-Schrift Mon. pl. XXIII,\n2 {Mira lege)herausliest\nMehr Wahrscheinlichkeit hat ebenda Trad. 23 aus Mon.\npl. 24, weil letzteres Notenlinien hat, doch ist die Rhyth-\nmik, wie immer in den Neumen, unentschieden, und\nCoussemaker hier mehr Componist, als Forscher."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "176", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660602-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 600, "texte": "Indem wir schliesslich für die mancherlei Mittheilung\nund Belehrung aus Coussemaker's Werken unsere Aner-\nkennung aussprechen, fügen wir nur den Wunsch hinzu,\ndass die versprochenen Fortsetzungen in conciserer und\nmehr thatsächlicher Form gehalten seien. Bald dürfen wir\nwohl ausser dem vorhin genannten auch den zweiten\nTheil der Scriptores erwarten, wo wir begierig sind auf\nden von Ambros gerühmten Henr. de Zeelandia und\nauf Job. de Muris, dessen Hauptwerk: Speculum Mu-\nsicae, Gerbert seines Umfanges wegen nicht abgedruckt\nhat, Coussemaker aber wiederholt als wichtige Quelle\nnennt.\n\nE. Krüger."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1866-06-02-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1866-06-02_01#c004", "volume": "bmtnabi_1866-06-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "176", "page_fin": "176", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660602-01.2.4", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "176", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660602-01.1.8", "debut_caractere": 602, "fin_caractere_exclue": 3952, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nBerlin. Am 17. Mai starb hier nach langen Leiden der Pro-\nfessor an der Universität Dr. Adolf Bernard Marx. Durch seine\nmusicalischen Werke, durch seine Lebensbeschreibungen Gluck's\nund Beethoven's, neuerdings auch durch die Darstellung seiner eige-\nnen Erlebnisse in den weitesten Kreisen gekannt, geschätzt und ge-\nachtet, ist er seinen zahlreichen Freunden und Bekannten durch\ndie Liebenswürdigkeit seines Wesens, die Lauterkeit seines Lebens\nund die Tapferkeit seiner Gesinnung lieb und werth gewesen.\nDie diesjährige Tonkünstler-Versammlung in Coburg ist laut\nBekanntmachung des Geschäftsführers des „Allgemeinen deutschen\nMusikvereins\" in Anbetracht der wenig günstigen Zeitverbältnisse\nvertagt worden.\nKarlsruhe. Cäcilien-Verein. Das vierte Concert den\n9. April brachte I. 1) Septett für Violine u. s. w. von L. van Beet-\nhoven; 2) Arie für Alt mit Chor aus dem Oratorium „Samson\" von\nG. Fr. Händel, gesungen von Fräulein M. Bürklin. 11. 3) „Ver-\nleih' uns Frieden\", Chor von F. Mendelssohn; 4) Zwei Duette für\nSopran: a. „Heimliche Liebe\" von F. Hiller, b. Frühlingslied von\nL. Spohr; 5) Ständchen von Grillparzer, für eine Altstimme und\nvierstimmigen Frauenchor von Fr. Schubert; 6) „Die Wach' ist da!\"\nChor aus der Oper „Die beiden Geizigen\" von A. E. 7)\nZwei Lieder für Alt von H. Esser und gesungen von Fräulein\nBürklin; 8) Schottische Lieder von Bums für Solostimmen und\nChor von Rob. Schumann.\nFünftes Concert, Mittwoch den 16. Mai. I. Der 137. Psalm für\nTenor-Solo, Chor und Orchester von Georg Vierling (unter Leitung\ndes Comßonisten). 11. Felix Mendelssohn-Bartholdy's Musik zur\n„Athalia\" von Racine. Mit den Zwischenreden zur Verbindung von\nEd. Devrient.\nMontag den 30. April: Drittes Abonnements-Concert der gross-\nherzoglichen Hof-Kirchenmusik. I. 1) Präludium und Fuge für die\nOrgel (A-moll) von Joh. Seb. Bach. 2) Zwei Chöre a capella: a.\n„Sicut cervus desiderat; b. „Adoramus\", Motette von J. P. da Pa-\nlestrina (geb. 1524, gest. 1594). 3) Recitativ und Arie für Sopran\naus dem Oratorium „Der Tod Jesu\" von Graun (Frau Braun ho-\nfer). 4) Adagio für Orgel und Violine von J. S. Bach (die Herren\nBarner und Hofmusicus Spies). 5) Cavatine für Tenor aus dem\nOratorium „Paulus\" von F. Mendelssohn (Hof-Opernsänger Bran-\ndes). 6) Der 84. Psalm: „Wie lieblich sind deine Wohnungen\",\nfür Soli und achtstimmigen Doppelchor von Moriz Hauptmann.\n11. 7) Ave Maria für Tenor-Solo, achtstimmigen Chor und Orgel\nvon F. Mendelssohn. 8) Arie für Alt aus dem Stabat Mater von\nJos. Haydn. 9) Zwei Chöre mit Orgelbegleitung: a. Pilgergesang\naus dem Oratorium „Die heilige Helena\" von Leonh. Leo (geb*\n1694, gest. 1742); b. „Alta Trinita beata\", Volksmelodie aus dem\nfünfzehnten Jahrhundert, für Chor bearbeitet von H. Giehne. 10)\nnAve verum\" für zwei Soprane und Alt-Soli von Ludwig Cherubini.\n11) Fuge für die Orgel, aus den sechs Fugen über den Namen\nBach von Rob. Schumann. 12) Motette für Doppelchor: „Lob und\nEhre und Weisheit\" von Joh. Seb. Bach.\nZu Königsberg führte die Sing-Akademie als hundertstes Con-\ncert unter Laudien's Leitung den „Judas Maccabäusa auf.\nRossini soll sich mit einer ausführlichen Vorstellung an den\nPapst gewandt haben, um Se. Heiligkeit zur Aufhebung des Decrets\nzu bestimmen, welches der Mitwirkung weiblicher Gesangkräfte auf\nden Chören der meisten römischen Kirchen entgegensteht."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "169", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660602-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nDas 43. Niederrheinische Musikfest. I. Zur Geschichte der Musik (Schluss). Von E. Krüger. Tages- und Un-\nterhaltungsblatt (Berlin, Prof. Dr. A. B. Marx f Coburg, Tonkünstler-Versammlung Karlsruhe, Cäcilien-Verein, viertes und\nfünftes Concert, Abonnements-Concert der grossherzoglichen Hof-Kirchenmusik Königsberg, Sing-Akademie Rossini).\n\nDas 43. Niederrheinische Musikfest.\nI.\nDie diesjährige Festfeier hatte für die Stadt Düssel-\ndorf noch eine besondere örtliche Bedeutung. Bisher fehlte\nes ihr an einem geräumigen und den gegenwärtigen Be-\ndürfnissen entsprechenden Concertsaale: sie hatte nur ein\nSurrogat eines solchen, dem jedoch seine Lage in dem\nschönen Geissler'schen Garten einen eigentümlichen und\nfür die Geselligkeit sehr erspriesslichen Vorzug im Ver-\ngleiche zu anderen, durch ihre unmittelbare Umgebung\nbeschränkten Localen gab. Jetzt ist nun der Garten der-\nselbe geblieben, ja, noch vergrössert worden, in ihm aber\nhat man einen kolossalen steinernen Bau errichtet, der\neinen neuen, grossen Concertsaal enthält, welcher durch\neinen ebenfalls neuen Vorsaal mit dem früheren so ge-\nnannten Rittersaale verbunden ist; durch die Vereinigung\ndieser drei Säle ist ein Local geschaffen, das für die gröss-\nten Festlichkeiten ausreicht und nur in den volkreichsten\nStädten seines Gleichen findet.\nAn den Rittersaal von 120 Fuss Länge und 40 Fuss\nBreite schliesst sich der Neubau, in derselben Axenrich-\ntung weiter geführt, an: zunächst der Verbindungs-Saal,\n80 Fuss lang, 40 Fuss breit und 26 Fuss hoch, dann der\neigentliche Concertsaal, 180 Fuss lang, 78 Fuss breit\n• und 52 Fuss hoch, so dass die ganze Länge, einschliess-\nlich des Vorgemachs vom Rittersaale, 460 Fuss beträgt,\nIm Hauptsaale nimmt die stufenweise aufsteigende Or-\nchesterbühne den südlichen Theil in einem Halbkreise ein,\nüber den die Orgel (von Schulze aus Paulinzelle) in einer\nbreiten Nische emporragt. Dem Orchester gegenüber be-\nfinden sich zwei Galerieen über einander und an den Lang-\nseiten je eine; zu allen führen bequeme Treppen. Die Be-\nleuchtung erfolgt durch zehn in die Decke eingeschnittene\nSonnenbrenner, weiche mit ihrem Gaslichte einen Glanz\nverbreiten, der bei der Höhe der Decke die Zuschauer\nauch auf der Galerie nicht blendet.\nDie Zahl der Ausführenden gab das Textbuch auf\n735 im Chor und 141 im Orchester an; allein die seit\nden Anmeldungen zum Mitwirken eingetretenen Verhält-\nnisse hatten das Sänger-Personal bis auf etwa 500 ver-\nmindert, auch war im Chor der Einfluss der schwülen\npolitischen Luft in so fern wahrzunehmen, dass der frische,\nmuntere Sang und Klang, den wir an unseren rheinischen\nChören gewohnt sind, nicht immer so muthig und schwung-\nvoll sich über die Instrumental-Massen erhob, als sonst,\nwomit indess keineswegs geläugnet werden soll, dass, rein\ntechnisch genommen, die Händel'schen Chöre bis auf einige\nmatte Einsätze gut ausgeführt wurden und namentlich\nbei dem Stamme des Chors von tüchtiger Einübung Zeug-\nniss gaben.\nDas Orchester war vorzüglich: es zählte 50 Violinen,\n20 Violen, 20 Violoncelle, 15 Contrabässe, doppelt be-\nsetzte Blas-Instrumente (5 Flöten, 6 Hörner), 2 Harfen\n(Fräulein Jansen aus Köln und Herr Hankel aus Dessau)\nund Orgel (Herr Musik-Direclor Weber aus Köln). Im\nQuartett bemerkten wir die Herren Violinisten Bargheer\naus Detmold und Münster, Blagrove aus London, von Kö-\nnigslöw aus Köln, Röntgen aus Leipzig, Wenigmann aus\nAachen, die Violoncellisten de Sweert aus Brüssel und\nDüsseldorf, J. Wenigmann aus Aachen, die Bassisten A.\nBreuer aus Köln, Simon aus Sondershausen u. s. w. Der\nKlang in dem neuen Saale war gut, wiewohl nicht auf\nallen Plätzen gleich stark und deutlich; unserer Ansicht\nnach könnten die Stufen der Tonbühne noch etwas mehr\nansteigen.\nDer Congress von auswärtigen Künstlern und Diri-\ngenten war nicht so zahlreich, wie er sonst zu sein pflegt.\nAus Paris und aus Holland fehlten sie ganz, aus Brüssel\nsahen wir Herrn Samuel, Director der populären Con-\ncerte, aus dem Bheinlande und Westfalen die Herren"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "170", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660602-01.1.2", "texte": "Hiller (der auf Ersuchen des Comite's am zweiten Fest-\ntage seine Frühlings-Composition „Pfingsten\" selbst diri-\ngirte), Breunung, Bruch, Gernsheim, Grimm, Krause,\nLux, Schornstein, Zur Nieden u. s. w., aus grösserer Ferne\ndie Herren Deppe aus Hamburg, Dietrich aus Oldenburg,\nEngel aus Bremen, Reinecke aus Leipzig, Scholz aus Flo-\nrenz, Wüllner aus München u. s. w. Vereinigungspunkte\nfür Künstler und Kunstfreunde waren die Vorsäle der\nTonhalle, der Breidenbacher Hof u. s. w., wo überall eine\nüber alles Erwarten zahlreiche und belebte Gesellschaft\nzu finden war, die sich das Wort gegeben zu haben schien,\ndie Politik auf einige Tage ruhen zu lassen: „Ernst ist das\nLeben, heiter ist die Kunst\", mit welchen Worten die\nVorrede zum Textbuche schliesst, war der allgemeine\nSinnspruch, der indess den kritischen Ernst in den Gesprä-\nchen über die heitere Kunst nicht ausschloss.\nMöge denn unser rheinisches Fest, das in Düsseldorf\nzum sechszehnten Male gefeiert wurde, noch viele Jahre\nder Zukunft überdauern, wobei wir aber den Wunsch\naussprechen müssen, dass es auch seinen überlieferten mu-\nsicalischen Charakter sich bewahre, dass jede Anordnung\nund Berufung nur die Würde der Tonkunst zum höchsten\nund einzigen Bestimmungsgrunde habe, und dass es vor\nAllem ein deutsches Fest bleibe, welches alles Ausländi-\nsche in Sitte und Brauch und dessen Eindringen in den\nCultus deutscher Musik von sich fern halte. Die deutsche\nMuse der Tonkunst ist die Lehrerin des Auslandes gewor-\nden, und es ist lächerlich, wenn die Schüler von dort her\nberufen werden, ihren Meistern in Deutschland zu zeigen,\nob sie etwas von ihnen gelernt haben. Ein solcher Ver-\nsuch zu Gunsten einer einzelnen Persönlichkeit ist allen-\nfalls für ein Mal zu entschuldigen: eine Wiederholung\nkann aber durch nichts, auch wenn dadurch die Mitwir-\nkung der grössten Sängerin der Welt erkauft werden\nkönnte, gerechtfertigt werden, weil ein solches Verfahren\ndas Einzelne über das Ganze, die Personen über die\nWerke setzt, bei einem deutschen Musikfeste aber die\nAufführung der ganzen Werke im Geiste ihrer Schöpfer\ndie Hauptsache ist, nicht der Vortrag einzelner Sologe-\nsänge. Greift aber vollends der Einfluss ausgezeichneter\nPersönlichkeiten in den Organismus des ganzen Festes\nein, dann kommen wir mit unseren Festen auf den Stand-\npunkt der Opernbühnen, und das Fest-Comite steigt zu\nder Stellung und den Concessionen eines Theater-Unter-\nnehmers herab.\nDie zwei Hauptmomente zur Bewahrung des Cha-\nrakters der niederrheinischen Musikfeste sind die Aufstel-\nlung des Programms und die Wahl des Dirigenten.\nDas Programm wich diesmal in zwei wesentlichen\nPunkten von der bisherigen Einrichtung ab. Dass am drit-\nten Tage neben den Einzel-Vorträgen auch einige grös-\nsere Gesammtwerke gebracht wurden, ist an und für sich\nzu billigen und auch früher schon oft geschehen; dass\naber die Aufführung der Haupt-Sinfonie auf den dritten\nTag gelegt wurde, wie dieses Mal geschehen, ist nicht\nbloss der Tradition, sondern auch dem Zwecke und der\nBedeutung des Musikfestes zuwider. Das Fest vereinigt\ndie beiden Factoren der Aufführung, Chor und Orche-\nster, in einer solchen Anzahl und Tüchtigkeit, dass beide\ngleich berechtigt sind, die classischen Werke der zwei\nHauptgattungen der Tonkunst, Oratorium und Sinfonie,\nin möglichster Vollkommenheit der Ausführung zur Gel-\ntung zu bringen: daher also der wohlbegründete Gebrauch,\nden ersten Festtag dem Oratorium, den zweiten der Sin-\nfonie vorzugsweise zu widmen, um dadurch den eigent-\nlichen Zweck der aussergewöhnlichen Versammlung so\nbedeutender Kräfte zu erfüllen. Dazu kommt die prakti-\nsche Rücksicht in Betracht, dass die möglichste Vollkom-\nmenheit der Ausführung der Sinfonie am dritten Tage\nschwerer zu erreichen ist, weil das Orchester alsdann be-\nreits durch fünf Hauptproben und zwei Aufführungen der-\nmaassen in Anspruch genommen worden ist, dass die\nsechste Probe und die dritte Aufführung offenbar un-\nter der Abspannung leiden, wie das denn auch dieses Mal\nbei der Ausführung der Eroica selbst vom grösseren Pu-\nblicum, das sich an einzelne Verstösse hält, wahrzunehmen\nwar, weil gerade zwei der besten von allen Bläsern den\nTon ihres Instrumentes nicht mehr sicher in der Gewalt\nhatten. Dass aber durch eine solche Anordnung des drit-\nten Concertes die löbliche Absicht des Comite's, der un-\ngeeigneten Wahl von Künstler-Vorträgen entgegen zu\ntreten, nicht erreicht wird, bewies der dritte Abend; ja,\neine Arie, wie die aus der „Braut von Venedig\" von Be-\nnedikt und ein an anderer Stelle als beim Musikfeste er-\ngötzlicher Gesang, wie Rossini's Marinari, erscheinen dop-\npelt unpassend, wenn das Concert mit einer Sinfonie\nvon Beethoven beginnt und mit einem Chor von Bach\nschliesst.\nFerner sind bei unseren Musikfesten Concert-Vor-\nträge, wenn auch mit Orchester, aus Gründen, die in der\neben angegebenen Bestimmung der Feste liegen, stets auf\nden dritten Tag gelegt worden. Für die Berechtigung der\nkünstlerischen Virtuosität auf den Festen haben wir stets\ngesprochen, und wenn vollends eine Clara Schumann\nauftritt, so liegt in ihrer genialen Leistung auch wieder\nein neuer, schlagender Beweis dafür. Allein das kann die\nMeinung des Publicums nicht zum Schweigen bringen,\nwelche die diesmalige Anordnung als eine Concession be-\nzeichnet, die es nicht zu einem für die Zukunft maassge-\nbenden Beispiele erhoben zu sehen wünscht."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "171", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660602-01.1.3", "texte": "Die Uebertragung der musicalischen Leitung der\nHaupt-Aufführungen an einen grossen Meister, der nicht\nnur als praktischer Dirigent der Sache vollkommen ge-\nwachsen ist, sondern auch als Componist einen Ruf be-\nsitzt, der dem Musikfeste Glanz verleihen könne, war bis-\nher Regel. Von diesem Grundsatze ist man im Laufe von\nachtundvierzig Jahren nicht abgewichen: die Namen Fried-\nrich Schneider, Ferdinand Ries, Louis Spohr, Felix Men-\ndelssohn, Julius Rietz, C. Kreutzer, Reissiger, Heinrich\nDorn, Lindpaintner, Robert Schumann, Ferdinand Hiller\nsind Beweise. Vor drei Jahren machte man in Düsseldorf\nzuerst eine Ausnahme davon, indem man Herrn Otto\nGoldschmidt aus bekannten Gründen die Direction der\nHaupt-Aufführungen übertrug. Wiewohl Herr Gold-\nschmidt in Deutschland fast ganz unbekannt war, so be-\nsiegte er doch das Misstrauen gegen ihn durch eine tadel-\nfreie und verständige Leitung der Aufführung von Men-\ndelssohn's „Elias\" und Händel's „Cäcilien-Ode\" und fand\nbeim Publicum und der Kritik eine freundliche Aufnahme.\nMan Hess die einmalige Ausnahme von der Regel gelten,\nweil man mehr fand, als man erwartet hatte. Andere An-\nsprüche macht man aber mit Recht, wenn eine solche\nWahl zum zweiten Male wiederkehrt, während in Deutsch-\nland die grossen Meister der Composition Gott sei Dank\nnoch lange nicht ausgestorben sind und überall eine ganz\nandere Directions-Tüchtigkeit bewähren, als sie Herr Gold-\nschmidt dieses Mal entwickelt hat. Denn bei aller Achtung\nvor ihm als Musiker können wir doch nicht verschweigen,\ndass seine Auffassung vieler Nummern in Händel's „Mes-\nsias\" und die dafür gewählten Tempo's verfehlt waren.\nDazu kommt, dass Herrn Goldschmidt die Ruhe, die er\nvor drei Jahren bewährte, ganz verlassen hat: sein Diri-\ngiren mit langem Stabe und mit beiden, keinen Augen-\nblick in ruhiger Haltung bleibenden Armen war in so\narger Weise störend, dass man die Augen schliessen\nmusste, um sich einen reinen Eindruck der Musik auch\nbei denjenigen Chören und Sologesängen zu retten, welche\nin richtigem Zeitmaasse und vorzüglich gut ausgeführt\nwurden.\nWenn wir uns gegen die Anordnung des Programms\nund gegen den Beruf des Dirigenten mit derjenigen Offen-\nherzigkeit aussprechen, die bei der gegenwärtigen Herr-\nschaft der Convenienz und Connivenz im geselligen Leben\nund in der Kritik, wozu im Reiche der letzteren noch das\nCoteriewesen kommt, vielleicht hier und da überrascht,\nso sind wir der Ansicht, dass uns die Rücksicht auf die\nZukunft unseres Musikfestes und die Erfahrungen, die wir\nin einer mehr als vierzigjährigen Theilnahme an denselben\ngemacht haben, dazu einige Berechtigung geben, wo nicht\neine zwingende Verpflichtung auflegen. Die Wahl der\nWerke selbst, welche zur Aufführung kamen, wurde aller-\ndings auch von Manchen angefochten, was aber haupt-\nsächlich wohl nur daher rührte, dass man das Programm\ndes zweiten Tages wegen Mangels eines classischen Instru-\nmentalwerkes nicht für ein echt musikfestliches gelten\nHess. An und für sich aber waren Händel's „Messias\"\nund Beethoven's „.Eroicau gewiss würdigste Aufgaben\nfür die vereinigten Kräfte; die Wahl von Mendelssohn's\nAthalia-Musik, Schumanri's zweitem Theile von „Para-\ndies und Peri\", Hiller's „Pfingsten\", Rietz's Fest-\nOuverture war Zeugniss von der Pietät gegen die früheren\ndüsseldorfer Musik-Directoren, die Ouvertüre von Tausch\nvon der Rücksicht auf den gegenwärtigen; auch halten die\n„Athalia\", „Pfingsten\" und l'ausch's Ouvertüre noch\nausserdem den Reiz der ersten Aufführung, beziehungs-\nweise neuer Composition. Dennoch möchten wir nicht\nwünschen, dass dieses System localer Pietät maassgebend\nwürde: es führt leicht zu einer Zerstückelung, wenn von\nJedem etwas gebracht werden soll, und die wahre Pietät\nbei einem Musikfeste muss dem Andenken der Heroen der\nTonkunst und ihren monumentalen Werken geweiht sein.\nHändel's „Messias\" ist auf den niederrheinischen\nMusikfesten fünf Mal ganz und ein Mal in einer Auswahl\ngegeben worden: 1818 in Elberfeld (Dirigent Schorn-\nstein), 1826 Düsseldorf (15 Nummern, F. Ries), 1839\nDüsseldorf (Mendelssohn), 1847 Köln (Dorn), 1853\nDüsseldorf (Schumann), 1857 Aachen (Liszt).\nDas Oratorium wurde mit Mozart's Instrumentirung\ngegeben; die Orgel ein neues für die Tonhalle von\nSchulze in Paulinzelle gebautes schönes Werk griff'\nmit bescheidener Anwendung ein. Wir wollen den alten\nStreit über die Instrumentirung Händel'scher Oratorien\nund alles, was man gegen Mozart vorgebracht hat (er war\nübrigens nicht der Erste, der dazu Hand anlegte), nicht\nweiter als in so fern berühren, dass uns die düsseldorler\nAufführung von Neuem wieder im Ganzen mit dem Ver-\nfahren Mozart's versöhnt hat, und gestehen, dass z. B. ge-\nrade die seit Thibaut so oft getadelte Instrumentirung der\nArie in ff-moll: „Das Volk, das im Dunkeln wandelt\",\nim Verein mit Stock ha u s en's unübertrefflichem Vor-\ntrage, durch die wahrhaft geniale Zuthat des neueren Mei-\nsters nicht wenig dazu beigetragen bat. Jedenfalls sind\nwir vollkommen mit 0. Jahn einverstanden, „dass der\nphilologisch-historische Standpunkt, der da verlangt, dass\nein Kunstwerk, so wie es der Künstler geschaffen, zur\nDarstellung komme, zwar im Princip der richtige sei,\naber bei der Reproduction musicalischer Kunstwerke\nmanche praktisch nothwendige Einschränkungen erfährt,\nund dass es zweifelhaft ist, wie weit das grosse Publicum,\ndas sich den Anforderungen der Gebildeten fügen muss,\n\n[*J"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "172", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660602-01.1.4", "texte": "für den historischen Genuss befähigt sei; jedenfalls ist sehr\nzu wünschen, dass nicht die Gelehrten den Ton\nangeben.\" (0. Jahn. Mozart, IV, S. 467.) Wir sind\naber auf dem besten Wege zu dieser Tonangebung; es\ngibt bereits so feinhörige Händelianer, dass sie in wenigen\nAccorden. z. B. der Mendelssohn'schen Orgelstimme zu\neinigen Recitativen in „Israel in Aegypten\", den Mangel\nan Händel'schem Geiste constatiren und an irgend einem\nnorddeutschen Orte ein altes Spinett aufgetrieben haben,\num die historische Ciavierbegleitung in urechter Form zu\nreproduciren! Wir theilen in dieser Beziehung die Ansicht\ndes römischen Dichters:\nPrise a juvent alios: ego\nGratulorJ*) (Ovid.)\nDie Auslassungen von übrigens nur wenigen Num-\nmern bei der düsseldorfer Aufführung waren zu billigen.\nBekanntlich sehen manche Händelianer auch die Zusam-\nmenstellungen der Texte der Oratorien als unvergleichliche\nund ohne Verletzung der Einheit des Kunstwerkes nicht\nanzutastende Kunstwerke an. Eine solche Pedanterie be-\ndarf keiner Widerlegung. Wie lose es um die Einheit der\nHandlung in manchen Händel'schen Oratorien bestellt sei,\nist schon öfter in dieser Zeitschrift nachgewiesen worden,\nz. B. am „Josua\", „Judas Maccabäus\" u. s. w. Der „Mes-\nsias\" ist eigentlich mehr eine Cantate, als ein Oratorium,\nund durch die Vorherrschung des lyrischen Elementes,\nwelches selbst noch die wenigen epischen Stellen durch-\ndringt, ist er mehr rein kirchlich, als die anderen Oratorien\ndes Meisters. Daher ist der einzige dramatische Chor\nNr. 27 C-moll, in welchem das Volk den Heiland verspot-\ntet: „Er trauete Gott, der helfe ihm nun, aus\" u. s. w.—\nauffallend. Er passt weit mehr in eine Passion, als in einen\nText, der nicht die Erzählung der Thatsachen beim Tode\ndes Erlösers, sondern die Verherrlichung der Idee der Er-\nlösung zum Ziele hat. Während der ganze Händel'sche\nMessias der Ausdruck der Gefühle der christlichen Mensch-\nheit in Freude und Wehmuth über die Geburt und den\nOpfertod des Heilandes, die Ausbreitung des Christen-\nthums, die Erlösung und das ewige Leben ist, tritt ein\nChor der Juden auf einmal handelnd auf! Er wird dess-\nhalb mit Recht weggelassen, und wir wären neugierig,\nwie ihn die Schwärmer für die Einheit rechtfertigen woll-\nten, da er diese sehr handgreiflich stört.\nWenn die Verkürzungen in der Aufführung vernünf-\ntiger Weise nicht anzufechten sind, so ist es dagegen mit\nder Angabe der Tempi eine andere Sache, und wenn die\nvon Herrn Goldschmidt genommenen etwa durch die so\ngenannte Tradition in England gerechfertigt werden sollen,\nso müssen wir uns dagegen sehr ernstlich verwahren. Wir\ngehören durchaus nicht zu denen, die ihren Respect vor\ndem Worte Oratorium überall durch langsame oder gar\nschleppende Tempi bethätigen zu müssen glauben, denn\nder Charakter einer jeden Nummer muss ihr Tempo be-\nstimmen: wo die Recitative, Arien und Chöre Feuer und\nLeidenschaft athmen, muss auch das Maass der Bewegung\ndiesen entsprechen, und oft sündigen namentlich Solosän-\nger dagegen, wenn sie aus Furcht vor dem Theatrali-\nschen das Dramatische in den Oratorien vernachlässigen.\nAllein auf der anderen Seite muss man von den lyrischen\nund reflectirenden Gesängen im Oratorium wie der deut-\nsche Dichter von der Muse sagen:\n„Beseligend war ihre Nähe\nUnd alle Herzen wurden weit:\nDoch eine Würde, eine Höhe\nEntfernte die Vertraulichkeit.\"\nDieses Maass des „würdigen\" Vortrags fanden wir—und\nmit uns die anwesenden Musiker und gebildeten Kunst-\nfreunde mehrere Male so sehr überschritten, dass der\nEindruck der davon betroffenen Musikstücke stark beein-\nträchtigt wurde. Es gehörten dahin die Alt-Arie in D-dur\nAndante (Nr. 26): ,0 du, die Wonne verkündet in Zion\",\nwo der 6/s-Tact jede Uebereilung doppelt gefährlich\nmacht, da er leichter als andere Rhythmen durch zu\nschnelle Bewegung ins Vulgäre fällt. Noch ärger war der\nMissgriff bei der Alt-Arie in (Nr. 22): „Er\nward verschmähet\", deren zweiter, erschütternd schöner\nTheil: „Er gab den Schlägen seinen Rücken\", fast zu\neinem Allegro gemacht wurde! Sollte dieses Tempo etwa\ndie Maierei der Geisselung im Orchester recht realistisch\nhervorheben, so müssen wir eine solche Auffassung für\nhöchst unwürdig erklären. Und wie passt zu solchem\nTempo das darauf folgende erhabene (Nr. 23):\n„Wahrlich, er trug unsre Qual!\"\nAuch der Chor Nr. 24: „Durch seine Wunden sind\nwir gebeilt\", obwohl Alla b über-\nschrieben, war zu schnell, vollends aber der Chor in\n(Nr. 25): „Der Herde gleich\" u. s. w. Hier wurde das\nAllegro moderatoein im Verhältnisse zum Händel'schen\nStile förmliches Allegro molto, so dass man wahrlich nicht\nzu viel sagt, wenn man behauptet, dass der Chor wie ein\nlustiger Gesang ausgelassener Menschen klang, dem dann\ndas Adagio in Moll als Strafpredigt folgte! Wenn man er-\nwägt, dass von den sündigen Verirrungen der Menschen\ndie Rede ist, deren Schuld der Herr auf den Erlöser ge-\nlegt, ferner, dass dieser Chor mitten in die sechs bis sie-\nben Nummern tritt, welche der Passion gewidmet\nsind, so begreift man ein so arges Vergreifen des Tempo's\n\n*) „Freut euch am Alten! Doch ich, dass ich jetzt auf die Welt\nerst gekommen,\nWünsche mir Glück!\""}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "173", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660602-01.1.5", "texte": "kaum; es rächte sich auch noch dadurch, dass der Chor,\neinmal von dem Dirigenten in Schuss gebracht, in den\nColoraturstellen obenein noch eilte. Am Schlüsse der Pas-\nsion wurde das Arioso in A-d (Nr.\n31): „Doch Du liessest ihn im Grabe nicht\", auch wie-\nder zu einem Andante con moto, wiewohl Text und Melo-\ndie einen gläubigen Aufblick zum Herrn, nicht aber einen\nfreudigen Hymnus aussprechen. Der Aufschwung folgt erst\nin dem prächtigen Chor: „Hoch thut euch auf, ihr Tbore\nder Welt!\" —welcher, wie auch nachher das „Halleluja\",\nauf würdige Weise ausgeführt wurde.\nSchliesslich müssen wir noch bemerken, dass das\nvieldirigiren unzweckmässig für die Mitwirkenden und stö-\nrend (besonders bei den Sologesängen!) für die Zuschauer\nist. Der Dirigent soll nur die guten Tacttheile markiren,\nnicht den Werth der Noten; thut er mehr z. B. wenn\ner im 9/s-oder 12/s-Tact auch jedes nach einem Viertel\nfolgende dritte Achte! in der Luft bezeichnet—,so verwirrt\ner, anstatt sicher zu führen. Ferner sind die Pausen zwi-\nschen den einzelnen Nummern durchaus nicht willkürlich\nlang oder kurz zu machen, denn die richtige unmittelbare\nVerbindung der zu einander gehörigen, so wie die\nSonderung der contrastirenden Stücke ist ein wirksa-\nmes Mittel zur Erleichterung des Verständnisses eines\nKunstwerkes. Wer jede Nummer für sich absingen lässt,\nnach jeder eine förmliche Pause zum Niedersetzen, Räu-\nspern, Schnupfen und anderen prosaischen Erholungen\nmacht, der vernichtet die Einheit eines Kunstwerkes mehr,\nals wer einige Nummern weglässt. Was im „Messias\" in-\nnerhalb der drei Theile wieder enger zusammengehört,\nergibt sich leicht, z. B. im ersten Theile erst die Verkün-\ndigung, dann die Geburt des Heilandes, zuletzt der Segen,\nden die Erscheinung Christi auf Erden der Menschheit\nbrachte. Eine genauere Betrachtung der Reihenfolge\nder Tonarten wird auf dasselbe Resultat führen und\nzeigen, dass der Meister auch dadurch eine Wirkung be-\nabsichtigt hat, die noch zu wenig beachtet worden ist und\ndie durch längere Absätze zwischen den einzelnen Num-\nmern verloren geht.\nGehen wir mit wenigen Worten auf die Solisten über,\nso haben wir weder an der Stimme und natürlich noch\nviel weniger an der künstlerischen Behandlung derselben\nin den Vorträgen von Frau Jenny Goldschmidt-Lind\neine Veränderung seit drei Jahren, sondern immer noch\ndieselben nie genug zu bewundernden Eigenschaften ge-\nfunden, welche den merkwürdigen Zauber bilden, den nur\ndiese Sängerin auf Ohr und Herz übt, wie keine andere\nvor und neben ihr, und wie ihn schwerlich nach ihr eine\nZweite noch einmal wieder üben wird. Ob die Vortrags-\nweise (z. B. der ersten Arie: „Er weidet seine Herde\")\nüberall, namentlich in den Contrasten, musicaliscb zu recht-\nfertigen sei, mag vielleicht bezweifelt werden können: wir\ngestehen aber gern, dass die wunderbare Vollendung der\nAusführung uns nicht zu einer Untersuchung darüber\nkommen liess. Fräulein von Edelsberg Hess bedauern,\ndass sie ihren schönen Tönen nicht mehr Wärme einzu-\nhauchen versteht. Die kleine Sopran-Arie: „Wie lieblich\nist der Boten Schritt\", wurde von Fräulein Julie Ro-\nthenberger recht ausdrucksvoll vorgetragen, was um so\nmehr anzuerkennen ist, da sie dieselbe erst in der Gene-\nralprobe übernommen hatte. Herr Dr. Gunz erreicht als\nOratoriensänger eine immer höhere Stufe, nicht nur durch\ndie technisch vervollkommnete Herrschaft über seine schöne\nund frische Tenorstimme, welche sich besonders in der\nAbrundung der Coloratur zeigt, sondern auch durch den\nkünstlerischen Vortrag, der auf Verständniss und Gefühl\nberuht. Ueber Herrn Stockhausen können wir nur sa-\ngen, dass, wer ihn in dem „Messias\" am ersten Pfingst-\ntage, namentlich in den Recitativen und Arien des ersten\nTheiles, gehört hat, einen so vollendet künstlerisch schö-\nnen Gesang in der erhabenen oratorischen Gattung auch\nvon ihm selbst wohl noch nie gehört haben mag. Der Vor-\ntrag des Recitativs und der Arie: „Das Volk, das im Dun-\nkeln wandelt\", allein sicherte ihm die Palme des Abends.\n\nZur Geschichte der Musik.\n\n(Schluss. S. Nr. 21.)\nAndere Fragen berühren wir nur in der Hoffnung,\nes möge unserem Verfasser gefallen, bei weiterer Be-\nmühung in diesem Felde auch darauf ein Auge zu richten.\nUeber das Quintsingen Hucbald's, das unserem Ohr so\nwiderspänstig klingt, hat O. Paul sein in der Allg. Musik-\nZeitung, 1863, 217, gegebenes Versprechen einer gründ-\nlichen Aufklärung noch nicht gelöst; Coussemaker, Hist.\n14, 15, 19, beharrt dabei, jene Quinten für authentisch\nbezeugt zu nehmen, und auch wir müssen dabei beharren,\nda Guido v. Arezzo, Gb. 2, 21a, die parallele Bewegung\nder Quarten, Quinten und Octaven nicht scheut, sondern\nlobt als aptae vocum copulationes*);das wäre eine Auf-\n\n*) Ob unsere Ohren so gar fein geworden, wie Riehl behaup-\ntet? Im Jahre 1848 fahr auf dem Weser-Dampfschiffe ein Blech-\nmusik-Corps mit und stimmte auf Verlangen die Marseillaise an.\nDa sie keine Noten dazu hatten, so bliesen sie lustig los mit ex-\ntemporirter Begleitung contrappunto alla mente! würde P. Giam-\nbattista Martini sagen. Da begab sich's, dass zur siebenten Zeile:\n„ils viennent jusque dans vos ftras\", die tiefe Posaune zur oberen\nin reinen Quinten secundirte. Von den vielen idle travellers\nward kaum Einer in seiner Gemüthlichkeit gestört; wenige Idioten\nmerkten es und wunderten sich, dass die Anderen es nicht merkten.\nWohl zu merken!"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "174", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660602-01.1.6", "texte": "gäbe für die Art harmonique, hier Entscheid zu geben.\nDas Wort Litera bei Franco und Anderen ist seit Kiese-\nwetter fraglich geblieben, ob es Text bedeute, oder Vor-\nzeichnung (Clavis), oder Vocal zum Gegensatze von In-\nstrumental. Nach Coussemaker, Scr. 341b, 343a und Gb.\n3, 14b, 15b, muss es Gesangtext bedeuten, insbeson-\ndere den ersten Eintritt desselben, wie zu schliessen aus\nder letztgenannten Stelle: Quo\nfigurae similiter evenerint, sola prima debet percuti, re-\nliquae vero in floratura teneantur = „Wenn im mehrstim-\nmigen Gesänge mehrere Noten zusammen zum Vorscheine\nkommen, so muss nur die erste angeschlagen, d. h. nur\nder ersten Note eine Text-Sylbe gegeben werden, wäh-\nrend die übrigen Noten floriren oder coloriren\" —vielleicht\nmit Rücksicht auf den Missbrauch gesagt, wonach zuwei-\nlen ein gedehntes und florirtes Ma ria zersungen\nward in Ma Ma Ma .... Ria, dessen Gleichen in einigen\nFällen sogar geschrieben ist, während in anderen Fäl-\nlen nur das erste Wort eines bekannten Tenor-Textes\ngeschrieben ward, die übrigen Worte aber und überhaupt\ndie Sylben-Unterlage dem Sänger überlassen blieb. Da\ndergleichen noch bis ins sechszehnte Jahrhundert vor-\nkommt, so ist die Zuversicht derer zu bewundern, die auf\ndas genaueste zu wissen vorgeben, wie den alten Ton-\nsätzen der Text unterzulegen sei, was höchstens am Ende\ndesselben Jahrhunderts mit Sicherheit aus alten Drucken\nzu erlesen ist. Dieses als Ergänzung zu Coussemaker's\nHist. 55. n. 1.\nUeber die rhythmische Construction ist gelegentlich\ndes Numerus Ternarius zu bemerken, dass nach den Ur-\nkunden, übereinstimmend mit den Lehrsätzen, die Drei-\ntheiligkeit der Ton-Rhythmen bis zum Ausgange des drei-\nzehnten Jahrhunderts allgemein anzunehmen ist, wobei es\nauffällt, bei zweisylbigem Metrum überwiegend die Form\nvi. _ angewandt zu finden, statt der bei uns üblicheren\nForm J. |, nämlich so, dass in unserem Dreiviertel-Tact\ndie zwei ersten zusammengezogen den Accent an sich\nziehen, trochaisch während jene ältere jamboidische\nForm uns als die seltnere, gleichsam synkoptische er-\nscheint. Doch kommen auch trochaische Melodieen vor.\nDas Stossige in ihr ist der heutzutage bei den Ungarn\nund Slawen beliebten Weise ähnlich. Uebrigens ist, wie\naus der Natur des Rhythmus hervorgeht, die\nnaria, das Gleichmaass des Pendelschwunges, dennoch\ndas Aeltere, Ursprüngliche, wie ausdrücklich bezeugt W.\nOdington (1226) in Coussemaker's Script. 1, 235.\nVgl. 378.\nBezüglich des Tritonus ist die Behauptung S. 97, 9:\nProscrit et reprouve dans le piain chant, cet emploi (du\ntriton) est la base et le fondement de la musique moderne,\nwie jeder Renner siebt, beiderseits übertrieben, denn es\nkommen auch in der alten Tonalität Tritoni im Durch-\ngange oder in Gegenbewegung vor, und dass die neuere\nMusik auf dem Gebrauche des Tritonus Basis und Funda-\nment habe, ist nicht wahr. Wenn aber Coussemaker die\nBeizeichnung der Musica ficta,also hier des fehlenden\num den Tritonus zu meiden, in Hist. Trad. p. XXXIV,\nTact 8, 11 und sonst richtig eintreten lässt, so muss das\nin ähnlichem Falle überall geschehen, z. B. auf derselben\nSeite Tact 20, wo der ohnebin rauhe Quartengang durch\nden Tritonus auf der Sylbe (sa ganz unleidlich wird.\nDie Beispiele, fast ein Sechstel des Mscr. MP.\n51 : 345 sind, wie begreiflich, nicht des Genusses oder\nder Schönheit willen beigegeben, vielmehr als lehrhaftes\nBild der Kunstentwicklung anzusehen. Von dauerndem\nWerthe und auch modernem Kunstsinne, fasslich und an-\nmuthend, sind unter den Beispielen sieben: Nr. 17, 18\n(von Franco), 34, 46, 47, 48, 49. Hinzugefügt ist einer\nder schönsten mittelalterlichen Tonsätze, der altenglische\nCanon: Sumer is icumen in, 1226 aufgezeichnet durch\neinen Mönch John Fornsete von der Abtei Beading\nin Norfolk, Nr. 20, vgl. Text S. 72, welcher schon länger\naus Burney und Forkel bekannt, bei Coussemaker jedoch\nemendirt ist in den Pausenzeichen. Interessante Melodieen\nohne glückliche Ausführung sind in Nr. 25, 26, 36, 37,\nin denen unser Autor S. 90 künstlerische Tendenz\npensee artistique wahrnimmt, in so fern sie sich über\ndie eigentlichen Volksweisen, mebdies populaires, sponta-\nnees, franches et naturelles (S. 86), zu erheben scheinen.\nVon den Marienliedern heisst es S. 89, dass ein Theil in\nVolksweisen gesungen und diese unter den damals gang-\nbaren die ältesten scheinen, nämlich Nr. 14, 17, 18.\nAn welchen inneren oder äusseren Merkmalen nun\nhier das höhere Alter oder im Zweifelfalle die Urgestaft.\nder Melodie kennbar sei, unterlässt der Verfasser zu sa-\ngen, wo man es erwarten müsste, S. 90, 17:\npris dans les airs populaires y [in den mehrstimmigen Ge-\nsängen] conservent leur melodie\nintacte, du moins assez entiere pour permettre d'en di-\nstinguer le caractere. Da nun ein grosser Theil der Volks-\nweisen nicht anders als in mehrstimmiger Aufzeichnung\nbekannt geworden, so fragt sich, woher nun die ältere\nGestalt der nackten Urmelodie zu entnehmen sei. Fast\nfürchten wir, es könne hier gehen, wie anderswo, wenn\nwir Spätgeborenen aus tausendjährigen Denkmälern nach\ninneren Gründen herauslesen wollen, was alt und was\nuralt sei, oder uns vermessen, in den ältesten Geschichten\ndas Liedhafte vom Chronicalischen rein abzuschälen nach\nkeinem anderen Maassstabe, als der prosaischen Wahr-\nscheinlichkeit moderner Vorstellung. Vor wenigen Jahren"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "175", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660602-01.1.7", "texte": "hat so Dr. F. W. Arnold in Elberfeld mit grösster Zu-\nversicht aufgestellt, welches die Urgestalt des Liedes Het\ndaghet in den Oosten sein müsse, und wie selbige in\ndie Zeit des Nibelungenliedes, jenseit 1150, zurückreiche,\nund hat dafür bei den Niederländern Lob und Preis em-\npfangen; er selbst wünscht am Schlüsse seiner Abhand-\nlung, es möge ihm später gelingen, die aus inneren\nGründen gewagten Behauptungen durch Beweise zu be-\nstätigen! Einmal hat nun Coussemaker allerdings einen\ntreffenden Vergleich zwischen Ursprünglichem und Abge-\nleitetem vorgestellt an dem Liede von Adam de la Haie:\nRobin m'aime, Robin m'a, S. 86, 88, vgl. Beisp. Nr. 28.\nDort soll sich die von Coussemaker älter genannte als die\neinfachere wahrscheinlich dadurch bezeugen, dass sie rein\ndiatonisch ist, während die abgeleitete zwei Mal chroma-\ntisch modulirt. Dass aber das Chroma nicht volkstüm-\nlich sei, ist noch zu beweisen; sicherlich ward es schon sehr\nfrüh in den Haupt-Cadenzen gebraucht, z. B. HA GFisG,\nstatt HAGFG;und das schliessen wir aus dem ebenfalls\nsehr alten Gebrauche, auch im Kunstgesange das\nnicht geschrie bene Chroma doch zu singen; diese\nso genannte falsa s. ficia musica finden wir von den älte-\nsten Mensuralisten bis in Palestrina's Zeit. Coussemaker\nselbst gesteht das zu, z. B. Hist. 22, 3 u. a., und unzäh-\nlige Male wird es von den Theoreten ausdrücklich ver-\nsichert. Wegen der beiden Redactionen von A. de Hale's\nMelodie aber wissen wir noch immer nicht, welches die\nälteste wirklich ist. Wir läugnen nicht die Berechtigung\nder Frage, nicht die Möglichkeit annähernder Lösung,\nwünschen aber, dass bei solchem Nachspüren alle Gerech-\ntigkeit erfüllt werde, damit nicht durch persönliches Mei-\nnen und geistreiche Combinationen eher der Zweifel als\ndie Gewissheit Zuwachs erhalte. In Coussemaker's Histoire\nsind eine ansehnliche Zahl einstimmiger Melodieen mit-\ngetheilt unter den Monuments; von Volksweisen solcher\nArt, wie hier gemeint, ist dort keine enthalten, ausser der\neinzigen, welche mit gesuchtem Scharfsinne combinirt wird\naus dem Mon. Planche VIII, (S. Text\n105, 107 und Ebert Ueberlieferungen zur Geschichte\n1, 77). Coussemaker's Combination ergibt nur, dass die-\nses lateinische Lied, weil nicht antik rhythmisch gemessen,\noffenbar dem Sangtone der nordischen Völker nachgebil-\ndet sein müsse die Traduction aber aus jenem Facsi-\nmile herauszulesen, ist selbst mit Hülfe der Neumen-Ta-\nfeln pl. XXXVII, XXXVIII unmöglich, weil diese nur\nNeumen durch Neumen erklären und über das Rhyth-\nmische nichts sagen; also Melodie ohne Sicherheit\nder Intervalle und Rhythmen ein Messer ohne\nGriff und Klinge. Denn die von Lambillote,\nmel. gregor.(lßsl), versuchte Induction, welche er rühmt\nbis zur philosophischen Evidenz geführt zu haben (p. 13),\ngeschiebt auf keinem anderen Wege, als es bereits durch\nLossius und seine Nachfolger versucht ist, und bringt\nkeine sicheren, sondern concessiv annehmbare Resultate,\nwie man an dem treffendsten aller Beispiele, der\ntation de Rachel, C. Hist. Trad. Nr. 18, aus Facsimile\nPI. 12, 38, 3 ersehen kann.\nUebrigens finden sich bei Coussemaker überall, sowohl\nin der Hist. als in dem neuesten Werke, sehr interessante\nStücke, deren einige freilich mehr dem Philologen beleh-\nrend sein werden, z. B. die köstlichen altfranzösischen\nChansons, C. A. Nr. 37. 38, 39, 40, 41, ferner in der\nHist. das Drame liturgique des vierges sages et vierges\n/olles, deren cantillirende Recitation eintönig aber naiv,\nfür die musicalische Erkenntniss jedoch nicht eben aus-\ngiebig ist.\nDie Reihenfolge, welche in den Beispielen gewählt\nist, geschieht nicht nach der Reihe des Mscr. MP., son-\ndern, wie wir annehmen müssen, nach didaktischen Rück-\nsichten, indem von den einfachsten Formen zur Imitation,\ndann zum doppelten Contrapunkte, zur Vierstimmigkeit\nu. s. w. fortgegangen wird. Nach der Beschreibung des\nMscr. MP. S. 5 —l2 sollte man, zumal bei der Hypo-\nthese, es sei aus acht Fascikeln zusammengesetzt, auf eine\nhistorische Reihenfolge rechnen; Coussemaker hat eine\nscheinbar instructive gewählt, an welcher kein Tadel wäre,\nwenn ein innerer Fortschritt von den dunkeln Anfängen\nzu den edeln Kunstwerken wirklich Statt fände, oder auch\nnur nach Anlage der theoretischen Capitel wahrnehmbar\nwäre.\nSehr viele Melodieen, öfter des Discantus als des Te-\nnors, sind an sich lieblich und anmuthend, während der\nharmonische Verlauf sich in Knäuel verstrickt, als sollte\ndarin das mühevolle Ringen zur vollendeten Kunst abge-\nbildet werden z. B. Nr. 23, 25, 29, 36, 37, 43.\nEs scheint, dass die Schwierigkeit der älteren Perio-\nden sich der völligen Aufklärung wohl für immer entzieht.\nAufgefallen ist uns, dass die Traductionen zur Histoire mehr\nschöne, singbare Beispiele als die zur Art darbieten, ob-\nwohl sie theilweise derselben archaistischen Periode zuge-\nhören; beim Vergleich der Originale, aus denen sie über-\nsetzt sind, entsteht oft der Verdacht, dass Coussemaker\nsie mehr mundrecht gemacht hat; denn wer ein so wohl-\nklingendes, ja, elegantes Bicinium, wie Hist. Trad. Nr. 22\np. XXI aus der dunklen Neumen-Schrift Mon. pl. XXIII,\n2 {Mira lege)herausliest\nMehr Wahrscheinlichkeit hat ebenda Trad. 23 aus Mon.\npl. 24, weil letzteres Notenlinien hat, doch ist die Rhyth-\nmik, wie immer in den Neumen, unentschieden, und\nCoussemaker hier mehr Componist, als Forscher."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "176", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660602-01.1.8", "texte": "Indem wir schliesslich für die mancherlei Mittheilung\nund Belehrung aus Coussemaker's Werken unsere Aner-\nkennung aussprechen, fügen wir nur den Wunsch hinzu,\ndass die versprochenen Fortsetzungen in conciserer und\nmehr thatsächlicher Form gehalten seien. Bald dürfen wir\nwohl ausser dem vorhin genannten auch den zweiten\nTheil der Scriptores erwarten, wo wir begierig sind auf\nden von Ambros gerühmten Henr. de Zeelandia und\nauf Job. de Muris, dessen Hauptwerk: Speculum Mu-\nsicae, Gerbert seines Umfanges wegen nicht abgedruckt\nhat, Coussemaker aber wiederholt als wichtige Quelle\nnennt.\n\nE. Krüger.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nBerlin. Am 17. Mai starb hier nach langen Leiden der Pro-\nfessor an der Universität Dr. Adolf Bernard Marx. Durch seine\nmusicalischen Werke, durch seine Lebensbeschreibungen Gluck's\nund Beethoven's, neuerdings auch durch die Darstellung seiner eige-\nnen Erlebnisse in den weitesten Kreisen gekannt, geschätzt und ge-\nachtet, ist er seinen zahlreichen Freunden und Bekannten durch\ndie Liebenswürdigkeit seines Wesens, die Lauterkeit seines Lebens\nund die Tapferkeit seiner Gesinnung lieb und werth gewesen.\nDie diesjährige Tonkünstler-Versammlung in Coburg ist laut\nBekanntmachung des Geschäftsführers des „Allgemeinen deutschen\nMusikvereins\" in Anbetracht der wenig günstigen Zeitverbältnisse\nvertagt worden.\nKarlsruhe. Cäcilien-Verein. Das vierte Concert den\n9. April brachte I. 1) Septett für Violine u. s. w. von L. van Beet-\nhoven; 2) Arie für Alt mit Chor aus dem Oratorium „Samson\" von\nG. Fr. Händel, gesungen von Fräulein M. Bürklin. 11. 3) „Ver-\nleih' uns Frieden\", Chor von F. Mendelssohn; 4) Zwei Duette für\nSopran: a. „Heimliche Liebe\" von F. Hiller, b. Frühlingslied von\nL. Spohr; 5) Ständchen von Grillparzer, für eine Altstimme und\nvierstimmigen Frauenchor von Fr. Schubert; 6) „Die Wach' ist da!\"\nChor aus der Oper „Die beiden Geizigen\" von A. E. 7)\nZwei Lieder für Alt von H. Esser und gesungen von Fräulein\nBürklin; 8) Schottische Lieder von Bums für Solostimmen und\nChor von Rob. Schumann.\nFünftes Concert, Mittwoch den 16. Mai. I. Der 137. Psalm für\nTenor-Solo, Chor und Orchester von Georg Vierling (unter Leitung\ndes Comßonisten). 11. Felix Mendelssohn-Bartholdy's Musik zur\n„Athalia\" von Racine. Mit den Zwischenreden zur Verbindung von\nEd. Devrient.\nMontag den 30. April: Drittes Abonnements-Concert der gross-\nherzoglichen Hof-Kirchenmusik. I. 1) Präludium und Fuge für die\nOrgel (A-moll) von Joh. Seb. Bach. 2) Zwei Chöre a capella: a.\n„Sicut cervus desiderat; b. „Adoramus\", Motette von J. P. da Pa-\nlestrina (geb. 1524, gest. 1594). 3) Recitativ und Arie für Sopran\naus dem Oratorium „Der Tod Jesu\" von Graun (Frau Braun ho-\nfer). 4) Adagio für Orgel und Violine von J. S. Bach (die Herren\nBarner und Hofmusicus Spies). 5) Cavatine für Tenor aus dem\nOratorium „Paulus\" von F. Mendelssohn (Hof-Opernsänger Bran-\ndes). 6) Der 84. Psalm: „Wie lieblich sind deine Wohnungen\",\nfür Soli und achtstimmigen Doppelchor von Moriz Hauptmann.\n11. 7) Ave Maria für Tenor-Solo, achtstimmigen Chor und Orgel\nvon F. Mendelssohn. 8) Arie für Alt aus dem Stabat Mater von\nJos. Haydn. 9) Zwei Chöre mit Orgelbegleitung: a. Pilgergesang\naus dem Oratorium „Die heilige Helena\" von Leonh. Leo (geb*\n1694, gest. 1742); b. „Alta Trinita beata\", Volksmelodie aus dem\nfünfzehnten Jahrhundert, für Chor bearbeitet von H. Giehne. 10)\nnAve verum\" für zwei Soprane und Alt-Soli von Ludwig Cherubini.\n11) Fuge für die Orgel, aus den sechs Fugen über den Namen\nBach von Rob. Schumann. 12) Motette für Doppelchor: „Lob und\nEhre und Weisheit\" von Joh. Seb. Bach.\nZu Königsberg führte die Sing-Akademie als hundertstes Con-\ncert unter Laudien's Leitung den „Judas Maccabäusa auf.\nRossini soll sich mit einer ausführlichen Vorstellung an den\nPapst gewandt haben, um Se. Heiligkeit zur Aufhebung des Decrets\nzu bestimmen, welches der Mitwirkung weiblicher Gesangkräfte auf\nden Chören der meisten römischen Kirchen entgegensteht."}]}