{"numero_id": "bm-bmtnabi-1866-07-14-01", "volume": "bmtnabi_1866-07-14_01", "ocr_sha256": "a82c5d8f07245ab81c7436b449d3e0d5dba7423249fedca749a7fa4180b392db", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1866/07/14_01/bmtnabi_1866-07-14_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660714-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1866-07-14-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1866-07-14_01#c001", "volume": "bmtnabi_1866-07-14_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "217", "page_fin": "217", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660714-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "217", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660714-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 356, "texte": "Inhalt.\nDie Musik in Hamburg während der Coneertzeit 1865—1866 (Schluss). 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S. Nr. 26 und 27.)\nWas vor allem Anderen einen erfreulieben Beweis\nder ernsten Richtung des hiesigen Sinnes für Tonkunst\nund der thatsächlichen Wirkungen desselben gibt, das sind\ndie Gesangvereine, deren wohl keine Stadt in Deutsch-\nland so vieie und zugleich so gediegene aufzuweisen hat,\nwie Hamburg.\nEs sind die Sing-Akademie von Stockhausen, die\nAkademie von Deppe, der Verein von Otten, der Cä-\ncilien-Verein von Voigt, die Bach-Gesellschaft von Arm-\nbrust. Alle diese Vereine zeichnen sich durch Studien\nclassischer Musik aus und bekunden durch eine oder meh-\nrere Aufführungen von grossen Vocalwerken mit Orche-\nster ihre künstlerischen Bestrebungen. Wenn diese Auf-\nführungen namentlich in Bezug auf die Stärke des Chors\nnicht den grossartigen Charakter haben mögen, wie die\nConcerte in Köln und Aachen, weil in der Regel jeder\nVerein für sich sie veranstaltet, so haben sie doch für die\nFortbildung des Geschmacks eine erfolgreiche Wirkung,\nund ein gewisser Wetteifer zwischen den Vereinen schlägt\nnur zum Vortheile der Kunst aus.\nIn dem vergangenen Musikjahre borten wir zuerst\nam 3. und 6. October Mendelssohn's „Elias\" und\nBeethoven's grosse Missa solemnis in D unter Leitung\ndes Herrn Otten. Es waren dies zwei sehr gut vorbe-\nreitete, musikfestartige Aufführungen in der Michaelis-\nkirche; die Eröffnung der Saison durch solche Werke\nund die zahlreiche und gespannte Theilnahme des Publi-\ncums daran gaben ein sprechendes Zeugniss für unsere\nobigen Bemerkungen. Herr Otten hatte ansehnliche Solo-,\nChor- und Orchesterkräfte zusammengezogen, und die\nAufführung war in den Solo-Partieen als vortrefflich, im\nUebrigen als durchschnittlich recht wohlgelungen zu be-\nzeichnen. Der Chor befriedigte im Ganzen, wiewohl seine\nKraftwirkung nicht immer der beträchtlichen Sängerzahl\nentsprach, hin und wieder einiger Mangel an energischer\nAccentuation sich bemerklich machte. Die Orgel (durch\nHerrn Organisten Osterhol dt gespielt) wirkte in Kraft-\nMomenten vortrefflich, wie sie denn überhaupt im Orato-\nrium niemals fehlen sollte; dass sie in hiesigen Kirchen der\nVerwendung so schwer zugänglich scheint, macht das Ver-\nlangen nach baldiger Herstellung eines grossen Oratorien-\nsaales um so dringlicher. Auch das Orchester that im All-\ngemeinen nicht minder seine Schuldigkeit. Den Glanzpunkt\naber bildeten die Solo-Partieen; Stockhausen's vortreff-\nliche Leistungen sind so allbekannt, dass wiederholte Be-\ntonung ihrer Vorzüge ermüden würde; der Elias ist über-\ndies eine seiner schönsten Partieen, in der er nicht leicht\nvon Jemandem sich übertroffen sehen wird. Eine echte\nOratoriensängerin, Frau Joachim, stand ihm würdig zur\nSeite; ihre herrlich sonore, wohlgeschulte Stimme besiegt\nauch den grössten Kirchenraum; Auffassung und Vortrag\nsind einfach, edel und maassvoll, aber nicht minder ein-\ndringlich. Mochte man hingegen dem Gesänge der Frau\nMichaeli zu Zeiten etwas mehr Belebung wünschen, so\nwirkt doch ihr einer schönen Knabenstimme fast ähnliches\nOrgan in der Kirche gleichsam üherirdisch durch wun-\ndervolle Klarheit und eigentümliche Leidenschaftslosig-\nkeit der Klangfarbe besonders in der höheren Lage. Auch\nHerr Karl Schneider befriedigte besonders durch Ver-\nständniss und Sorgfalt in der Ausführung.\nUeber die Ausführung der D-dur-Messe konnte man\nmit Rücksicht auf die grossen Schwierigkeiten, deren Be-\nwältigung das Werk von den Solisten und dem Orchester,\ninsbesondere aber vom Chor fordert, sowohl von durch-\ngängigem Fleisse und Eifer der Mitwirkenden, als auch\nvon einem im Grossen und Ganzen glücklichen Resultate\nihrer Bestrebungen Zeugniss geben. Eine ganz vollendete\nAusführung dieses Werkes, namentlich der Chöre, ist so"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "218", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660714-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5351, "texte": "selten, dass auch ein geringerer Grad von Vollkommen-\nheit immer noch sehr schätzenswerth bleibt. Der Chor\nhatte recht gut studirt; man setzte stets aufmerksam ein,\nüberwand auch unsangbare Partieen und die hohen So-\npranstellen häufig mit Freiheit und Leichtigkeit und be-\nwies, dass es Hamburg an brauchbaren Chorkräften kei-\nneswegs fehlt. Der Klang des Soprans war gut, frisch und\nhinlänglich kräftig; die übrigen Stimmen, insbesondere\nTenor und Alt, hätten stärker sein sollen. Dem Alt eine\nAnzahl wohlgeschulter Knabenstimmen beizugeben, wäre\nstets sehr vortheilhaft; jeder Verein kann Gelegenheit fin-\nden, solche heranzubilden. Das Kyrie ging tadellos und\nerschien von allen Chören am meisten abgerundet; das\nGloria stand ihm hinsichtlich der Festigkeit und Frische\nkaum nach, aber der Gesammtwirkung entschieden nach-\ntheilig war, dass Herr Otten die schnellen Chöre übereilte.\nSo verlor das Beethoven'sche Werk viel von jener höchst\nnothwendigen Ruhe und Mässigung, welche ihm zu er-\nhalten (theilweise beinahe zu verleihen), ein Capelimeister\num so mehr bedacht sein muss, als seine ganze Eurhythmie\nschon eine sehr wechselvolle ist und die häufig starke Er-\nregtheit seines Ausdrucks dem Leidenschaftlichen des welt-\nlich-dramatischen Stils doch bereits sehr nahe kommt.\nAuch die sehr reich ausgestattete, dem Vocalchor als\nein durchaus sinfonisch durchgebildeter Chor selbstän-\ndiger Instrumentaistimmen zugesellte Orchester-Partie litt\nhin und wieder unter jenen Uebereilungen an Undeutlich-\nkeit. Eine noch etwas stärkere Besetzung der Geigen und\nContrabässe hätte überdies dem Gesammtklange mehr\nSchärfe und Glanz, so wie ein markigeres Fundament\nverliehen. Im Ganzen aber hielt sich das Orchester, unter\nförderndem Einflüsse des Herrn Böie als Concertmeister,\nrecht wacker und war dem Chor eine wesentliche Stütze,\nwenn auch mehr Proben noch manche Einzelheit geklärt\nhaben würden. Dass Herr Joachim seinen Künstlerruf\ndurch vollendeten Vortrag des Violin-Solo's aufs Neue be-\nwährte, bedarf keiner Auseinandersetzung. Die Orgel\nwirkte mächtig, die Registrirung war gut, die Präcision\nder Einsätze (Herr Armbrust dirigirte dem Organisten\nHerrn Osterholdt zu) lobenswerth.\nDie Solisten waren dieselben, wie im „Elias\", nur\ndass für Herrn Stockhausen Herr Schultze das Bass-\nSolo übernommen hatte, dessen metallreiche Stimme dem\nEnsemble eine gediegene Grundlage gibt, so wie sein echt\noratorischer Gesang, frei von jeder Manier, stets von gros-\nser Wirkung ist.\nDie Sing-Akademie des Herrn Stockhausen\nbrachte im Januar in einem Concerte zum Besten der Pen-\nsionscasse der hiesigen Musiker Mendelssohn's „erste\nWalpurgisnacht\" und Beethoven's neunte Sinfonie. Die\nAusführung des erstgenannten Werkes unter der Leitung\ndes Herrn Graden er Stockhausen sang die Bariton-\nPartie war eine sehr gelungene. Die neunte Sinfonie\ndirigirte Herr Stockhausen (vgl. den Bericht über das Mu-\nsikfest in Hamburg in Nr. 23); dem Chor und Orchester\ngebührte Lob, von den Solostinamen waren Sopran und\nAlt der Aufgabe nicht gewachsen, hingegen leisteten\nTenor (Herr Schild) und Bass (Herr Bietzacher) Vor-\ntreffliches.\nDerselbe Verein führte am 27. März in der Michaelis-\nkirche die Passion nach dem Evangelium Johannes\nvon J. S. Bach auf. Herr Grädener dirigirte; die Soli\nsangen Fräulein Rosa Mandl (Sopran), Herr 0. L. Wol-\nters aus Braunschweig (Tenor), Herr Stockhausen\n(Bass). Ueber die jetzt so häufigen Aufführungen der\nBach'schen Passionen überhaupt scheint mir ein Wort von\nRiccius in der hiesigen Zeitung der Mittheilung werth.\n„Zwei Ursachen sind es, welche die der Vergessenheit\nfrüher anheimgefallenen kunstvollen Passionswerke von\nBach wieder an das Tageslicht förderten. Zuerst die\ndurch einzelne bedeutende Tonmeister der neuesten Zeit\nwieder angebahnte Kenntniss des vergessenen Altmeisters\nBach und die nach der Zurückdrängung des Rationalismus\nwieder aufgetauchte und vom Staate gepflegte orthodoxe\nRichtung in kirchlichen Dingen. Beide Bestrebungen in\nihrer Vereinigung haben die kirchlichen Werke Bach's\nwieder zu Ehren gebracht oder, ohne Scheu sei es gesagt,\nsie zur Mode gemacht und in dem grossen Publicum eine\nBegeisterung geschaffen, die nicht immer auf gerechter\nBasis ruht und den verderblichen Einfluss geäussert hat,\nmusicalische Kunstwerke gleicher Art, die allerdings auf\ndie Anschauungen des Rationalismus [?] sich stützen, fast\ngänzlich zu beseitigen. Abgesehen von diesen nicht gut zu\nheissenden Erscheinungen, bleibt der Werth der Bach'-\nschen Kirchenwerke ein unbestreitbarer, und zwar aus\ninneren und äusseren Gründen. Bach und sein ganzes\nWesen gehört der Kirche an. Keiner hat so wie er Gottes\nWort mit wahrster Glaubenstreue verkündet. Die äussere\nVollendung seiner Kunstformen ist wenigstens im contra-\npunktischen Sinne von keinem Nachfolger erreicht worden.\nUnd doch ist es nicht die mathematische Vollendung, die\nihm vielseitig vorwurfsvoll nachgerühmt wird, die wir\nhervorheben sollen, es ist vielmehr die logische Durchfüh-\nrung des Gedankens, die er im organischen Wachstbum\nzu Ende zu führen weiss. Darum darf man bei Bach nicht\nden oberflächlichen Genuss suchen; der Hörer muss auch\nden Muth mitbringen, zu denken.\" Wenn nun auch die\nJohannes-Passion bescheidenere Kräfte zur Ausführung\nbeansprucht, so bleiben die zu überwindenden Schwierig-\nkeiten; wie bei allen Bach'schen, uns so entfremdet gewor-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "219", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660714-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5415, "texte": "denen Werken immer noch erheblicher Art, so dass auch\nbei aller Anerkennung des Geleisteten doch die Auffüh-\nrung nicht überall der gestellten Aufgabe gerecht wurde.\nMan kann dem Ganzen keinen allgemeinen Vorwurf ma-\nchen, darf aber nicht verschweigen, dass der Eindruck\nkein durchweg erbauender war. Die für die grossen\nRäume der Michaeliskirche zu geringen Chormassen konn-\nten wegen Schwäche des Tonklanges nicht diejenige Klar-\nheit und Fülle zugleich hervorbringen, welche dazu ge-\nhört, um mit den polyphonen Sätzen eindringlich zu wir-\nken. Auch der Vortrag der Soli, obwohl befriedigend,\nentbehrte doch oft der innigen Wärme; doch verdient der\nGesang der Alt-Arie: „Es ist vollbracht!\" durch eine\nDame aus Altona Auszeichnung. Herr Wolters sang den\nEvangelisten mit Verständniss und ausreichenden Stimm-\nmitteln, allein seine gar zu epische Ruhe in der Erzählung\nwurde nach und nach ermüdend.\nDie Sing-Akademie des Herrn Deppe hat Hän-\ndel's „Judas Maccabäus\" zwei Mal aufgeführt, am 7.\nDecember v. J. und am 5. April d. J. Herr Ludwig\nDeppe geniesst mit Recht den Ruf eines- vorzüglichen\nDirigenten, wozu ihn nicht nur sein musicalisches Wissen\nund sein richtiges Verständniss der classischen Meister-\nwerke, sondern auch eine bewährte Praxis im Einstudiren\nund im Zusammenhalten und energischen Leiten der Mas-\nsen befähigen. Beide Aufführungen fanden in der Michaelis-\nkirche Abends 7 Uhr Statt. Das Personal sämmtlicher\nMitwirkenden in Chor und Orchester zählte etwa 300\nMitglieder; das Orchester führte Herr Concertmeister\nJ. Böie an, die Orgel spielte Herr Osterholdt.\nDa wenige Wochen vorher das Oratorium „Jephta\"\nvon Händel vom Cäcilien-Vereine (s. unten) aufgeführt\nworden war, so fand das damals so lebhaft angeregte In-\nteresse für diese Musik in dem Werke „Judas Maccabäus\"\nneue Nahrung, zu gleicher Zeit aber erfuhr die Befürch-\ntung, dass so nahe bei einander stehende Anfführungen\nHändel'scher Werke die Theilnahme dafür abschwächen\nwürden, die glänzendste Widerlegung, nicht allein zuerst\ndurch den Umstand, dass die weiten Hallen der Kirche\nvon einer gewaltigen, aufmerksamen Zuhörerschar ange-\nfüllt waren, sondern auch durch die erfreuliche Wahrneh-\nmung, dass die Versammelten die theilnahmvollste Auf-\nmerksamkeit dem Werke widmeten und sich durch den\nZauber der hohen, genialen Tonweisen zum innigsten Ge-\nniessen hinreissen liessen. Die bei der Aufführung benutzte\nPartitur in der Bearbeitung von Friedrich Schneider war\nzweckmässig, weil sich dieselbe in ihrer Ausdrucksweise\nden Grundzügen des Originals nicht in so fremder Weise\ngegenüberstellt, wie wir dies bei einzelnen früheren Be-\narbeitungen, besonders bei der Mosel'schen, finden. Die\nim Original nur sehr sparsam benutzten Blas-Instrumente\ngelangen in der Bearbeitung zwar zu thätigerer, aber nicht\nstörender Theilnahme, die Messing-Instrumente mit weni-\ngen Ausnahmen fast nur in den von Händel selbst mar-\nkirten Stellen. Der in der Original-Partitur nicht verstat-\ntete Gebrauch der Posaunen bedarf bei so weiser Be-\nnutzung, wie im vorliegenden Falle, keiner ausführliche-\nren Entschuldigung.\nDie Solosätze des Oratoriums tragen je nach Verhält-\nniss ihres Inhalts verschiedenes Gepräge; Schmerz und\nTrauer erklingen in ruhig gehaltenen Weisen, die freudige\nund anregende Stimmung gründet ihren Ausdruck auf\nlebhaft rhythmische und figurenreiche Tongebilde. Die\nletztere Form tritt, dem Sinne des Ganzen angemessen, in\nden Vordergrund, dem aufregenden Gedankengange sich\nwohl anfügend, eine dem eifrigen Thatendrange entspre-\nchende Illustration. Diese zu Händel's Zeiten übliche An-\nhäufung von Melismen ist unseren ästhetischen Anschauun-\ngen fremd geworden, gewiss mit Recht: es sprechen keine\ninneren Gründe dafür, denn ihre Entstehung wurzelt in\nden meisten Fällen in Zweckmässigkeits-Gründen, in dem\nfür jene Zeiten hinsichtlich des Gesanges geltenden Mode-\nzuge. Unsere heutigen Gesangeskünstler lösen nur in sel-\ntenen Fällen mit Geschick und Verständniss diese Aufga-\nben. In der diesmaligen Aufführung war es allein Fräu-\nlein Tietjens, die dieser virtuosen Aufgabe im edelsten\nund brillantesten Sinne gerecht wurde. Die Anfangs ein\nwenig matter klingende Stimme der Sängerin klärte sich\nspäter zur ergiebigsten und klarsten Klangwirkung, und\ndie weiten Hallen der Kirche tönten von dem lieblichen\nund doch so voll schallenden Gesänge. Feuer und edles\nLeben, frische Munterkeit und Elasticität durchströmten\ndie ganze Leistung in solchem Maasse, dass auch der ru-\nhige, prüfende und erfahrene Zuhörer sich der so wohl-\nthätigen Wirkung nicht entziehen konnte und sich edel-\nstem Genüsse hingeben durfte. Abgesehen von dem rich-\ntigen musicalischen Verständnisse und dem pietätvollen\nErfassen der Composition, gewiss die zuerst zu rühmenden\nTugenden bei dem Vollbringen so ernster Dinge, durfte\nman sich an der vollendeten Gesangkunst erfreuen. Die\nschwersten Fiorituren perlten fliessend vorüber; besonders\nzu rühmen bleibt die grosse Kunst des Athmens, welche\ndie oft so lang ausgedehnten Figuren in unzerrissener und\ndesshalb so erquickender Weise erklingen liess. Den zün-\ndendsten Schluss, dessen Reiz Niemand widerstehen konnte,\nbildete die eingelegte Arie mit der begleitenden Solo-\nTrompete (Herr G. Nüss). Eine solche Leistung, die einen\nso vollständigen Abglanz der früher so hochstehenden\nTrompeterkunst gab, darf gern mit vollem Lobe erwähnt\nwerden, zumal ausser dem schönen Tone und der Vir-\n\n[*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "220", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660714-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5355, "texte": "tuosität des Künstlers auch sein discretes Anschmiegen an\ndie Sängerin die Doppel-Aufgabe so wacker gelingen liess.\nDie Leistungen der übrigen Solisten lassen sich in der\nKürze besprechen. Die nicht umfangreiche Alt-Partie sang\nFräulein Francisca Schreck aus Köln, eine von den\nrheinischen Musikfesten her wohlbekannte Persönlichkeit.\nDie ihr dort gezollte Anerkennung wird durch die von ihr\nhier gelöste Aufgabe nicht beeinträchtigt werden. Sie sang\nsicher und mit wohlklingender Stimme und zeigte in ihrem\nVortrage die vertraute Bekanntschaft mit ernsten, künst-\nlerischen Aufgaben. Herrn Otto aus Berlin, der für den\nleider verhinderten Herrn Karl Schneider aus Rotterdam\nden Tenor-Part übernommen hatte, gebührt sicher Dank\nfür seine Bereitwilligkeit, doch weder die äusseren Mittel\ndes Sängers, noch seine Auffassung liessen zu einem gänz-\nlich wohlthuenden Genüsse kommen. Herr Schultze von\nhier, dessen Verdienste bei anderen Aufgaben rühmend\nanzuerkennen sind, sang musicalisch richtig, verstand es\naber nicht, zu erwärmen und zu interessiren.\nHerr L. Deppe leitete die Aufführung in durchaus\nzu rühmender Weise; er verstand es wohl, die gut einstu-\ndirten Chöre und das Orchester mit fester Hand zusam-\nmenzuhalten. Der Eindruck der ganzen Aufführung über-\nhaupt war ein erhebender, und die Erinnerung an das\ngenossene Vortreffliche so überwiegend, dass kleine Miss-\nstände erblassend in den Hintergrund treten.\nBei der Wiederholung am 5. April war die Kirche\nebenfalls wieder mit mehr als 2500 Menschen gefüllt.\nFräulein Therese Tietjens sang abermals die Sopran-\nPartie; die junge Altistin Fräulein Kruls trug musicalisch\nvor, konnte aber weder durch Voll- und Wohlklang der\nStimme, noch durch edeln Stil ihre Vorgängerin Fräulein\nSchreck ersetzen. Die Tenor-Partie war bei Herrn J.\nSchild in guten Händen.\nDieselbe Akademie veranstaltete noch ein geistli-\nches Concert in der deutsch-reformirten Kirche (am 7.\nMai d. J.), welches durch die Aufführung zweier hier und\nauch wohl in Deutschland überhaupt noch nicht gehörter\nKirchenstücke sehr anziehend war. Es waren dies ein fünf-\nstimmiger Chor: „Was betrübst du dich, meine Seele?\"\nvon Heinrich Schütz (1639) und Händel's Anthem\nauf den Tod der Königin Caroline von England\n(1737) beide mit Orchester und Orgel, letzteres nach\nder von Chrysander hergestellten Original-Partitur in der\nAusgabe der deutschen Händel-Gesellschaft. Auffassung\nund Ausführung beider Werke waren lobenswerth; der\nKlangwirkung ist indess diese Kirche für den Gesammtton\nnicht eben günstig. Den alten H. Schütz gewinnt man im-\nmer lieber, je mehr man von ihm hört. An gläubiger In-\nnigkeit und heiligem Ernste der religiösen Empfindung\nwird er auch von Bach nicht übertroffen, wozu es wie\nein Vorzug kommt, dass der ältere Meister bei dem Zu-\nhörer nicht eine so formgewandte Auffassungsfähigkeit\nwie Bach voraussetzt. Schütz ist mittels der Empfindung\nallein schon zu gemessen. Die künstlerisch viel mannig-\nfaltigeren Gestalten von Bach bedürfen in der musivischen\nFeinheit, den Verwicklungen, Sätzen und Gegensätzen\nihrer harmonischen Gewebe einer gedankenvollen Mit-\narbeit von Seiten des Auditoriums, wofür wir uns erst das\nmusicalische Wissen zu erobern haben. Die Deppe'sche\nAkademie gab den schweren Chor so leicht und natürlich\nwieder, dass dem Zuhörer die Selbstverständlichkeit des\nSatzes um so besser einleuchtete.\nDie Trauer- und Preis-Hymne von Händel hat acht\nNummern, und zwar sechs Chöre und zwei Solo-Quar-\ntette, keine Arien und Recitative. Sie ist ein in jeder Be-\nziehung vollendetes Meisterwerk von hoher Reinheit und\nErhabenheit der Empfindung und grosser Mannigfaltigkeit\nund edler Freiheit in der Tongestaltung, welche Eigen-\nschaften ihm eine Stelle unter den vorzüglichsten Werken\nHändel's anweisen und es, wie nicht minder die Schütz'-\nsche Motette, als ein echtes Vorbild kirchlicher Tonkunst\nerscheinen lassen. Daneben aber ist es auch eine Aufgabe\nfür den Chor, welche sogleich bei einer ersten Auffüh-\nrung mit aller Vollkommenheit gelöst zu sehen, man kaum\nbeanspruchen darf. Es gewährt schon grosse Befriedigung,\ndie Mitwirkenden so durchaus ernsten Werken gegenüber\nmit Eifer und Liebe bei der Sache zu wissen; und dass\nhiermit immer auch ein bereits höherer Grad des Wohl-\ngelingens verbunden sein wird, liegt auf der Hand und\nwurde auch diesmal bestätigt. In den Solo-Quartetten wa-\nren die klangvollen Organe der Altistin Fräulein Hausen\naus Berlin und des Herrn Schultze von besonders gu-\nter Wirkung. Das ganze Concert gereichte der Akademie\nund ihrem Dirigenten zu neuer Auszeichnung. Eine dan-\nkenswerte Zugabe waren die Orgel-Vorträge des Herrn\nEmil Weiss aus Göttingen, eines jungen Künstlers, der\nmit grossem Talente für das Orgelspiel begabt ist und\nbereits einl3 ausgezeichnete Fertigkeit auf Manual und Pe-\ndal sich zu eigen gemacht hat. Er eröffnete das Concert\nmit Bach's Toccata in D-moll und spielte zwischen den\nVocalwerken auch noch die Phantasie und Fuge in G-moll\nmit einer Leichtigkeit und Reinlichkeit, die nur bedauern\nliess, dass die Orgel in der genannten Kirche nicht eben\nzu den besten gehört.\nMeine übersichtliche Musterung hat bereits so viel\nRaum in Anspruch genommen, dass ich von den Abonne-\nments-Concerten des Cäeilien-Vereins unter Leitung\ndes Herrn Karl Voigt nur noch das erste erwähnen will,\nin welchem uns Händel's Oratorium „Jephta\" in recht"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "221", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660714-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1873, "texte": "wackerer Weise vorgeführt wurde. Die Chöre strebten\nmit grossem und zu gutem Ziele führendem Eifer, ihre\nAufgabe zu lösen, nur war freilich die Besetzung für die\nmeisten Chöre nicht stark genug; es verdient aber um so\nmehr Anerkennung, wenn eine kleine, wohlgeschulte Schar\nsolche Aufgaben muthig zu lösen unternimmt. Der Cäci-\nlien-Verein zeichnet sich übrigens auch durch vorzügliche\nLeistungen im Gesänge a capellaus. Die Sopran-Partie\nim „Jephta\" sang Fräulein Garthe aus Hannover cor-\nrect, aber ohne Wärme. Herr Schild führte die beiden\nPartieen des Jephta und Hamor sehr befriedigend aus.\nMosel's Bearbeitung musste leider mit in den Kauf genom-\nmen werden.\nUeber das Concert der Bach - Gesellschaft unter\nLeitung des Herrn Armbrust („Die sieben Worte\" von\nH. Schütz und das Stabat mater von Astorga) enthält\nIhre Zeitung bereits in Nr. 12 vom 24. März einen\nBericht.\nNehmen Sie nun noch hinzu, dass auch die Kammer-\nmusik durch das Quartett der Herren BÖie und Lee\nnebst Hohnrath und Schmal und die Trio-Soireen des\nHerrn Nie mann und des Herrn C. von Holten (mit\nBöie und Lee) vertreten ist, so werden Sie Sich überzeu-\ngen, dass Hamburg volle Ansprüche hat, auf dem Gebiete\nder Kunst wieder den Rang eingenommen zu haben, der\nseiner grossen musicalischen Vergangenheit würdig ist.\nUeber die Programme der sechs Quartett-Unterhal-\ntungen muss ich zur Charakteristik der musicalischen\nPhysiognomie des Publicums noch hinzufügen, dass sie,\nmit Ausnahme des Sextettes von Grädener, nur Werke\nder älteren Classiker (Mendelssohn und Schumann jedoch\nnicht ganz ausgeschlossen) brachten, gemäss der Vorliebe\nder bei weitem grösseren Zahl der Abonnenten. Aus der\nletzten Sitzung (am 9. März) ist das Trio-Divertimento\nin Es-durvon Mozart besonders zu erwähnen Und zu\nempfehlen, indem schwer zu entscheiden sein dürfte, wel-\ncher von dessen sechs Sätzen der reizendste ist."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1866-07-14-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1866-07-14_01#c003", "volume": "bmtnabi_1866-07-14_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "221", "page_fin": "224", "image_debut": 5, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660714-01.2.3", "titre_corps": "Die neue Orgel in der Kathedrale St. Pierre zu Genf.", "titre_sommaire": "Die neue Orgel in der Kathedrale St. Pierre zu Genf.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "221", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660714-01.1.5", "debut_caractere": 1875, "fin_caractere_exclue": 4351, "texte": "Die neue Orgel in der Kathedrale St. Pierre zu Genf.\nDie belgische Gesellschaft für Orgelbau, welche in\nden Etablissements Merklin-Schütze zu Brüssel und\nParis ihre Werkstätten hat, deren technische Direction\nHerr J. M er kl in führt, hat, seitdem wir in diesen Blät-\ntern (Jahrgang 1856, Nr. 42) ausführliche Nachricht über\ndie Einrichtung und den Betrieb dieser Fabrik und über\ndie schönen Resultate ihrer Bestrebungen mitgetheilt ha-\nben, ihre Thätigkeit verdoppelt und ihre Arbeit vervoll-\nkommnet, wodurch sie ihre Wirksamkeit über ganz Frank-\nreich und Belgien zu wahrer Förderung des musicalischen\nTheiles des Gottesdienstes und zur allmählichen würdi-\ngeren Benutzung des Orgelspiels zur Erweckung und He-\nbung des Sinnes für ernste Musik auf erfolgreiche Weise\nausgedehnt hat.\nDie neuesten bedeutendsten Arbeiten, die aus ihren\nWerkstätten hervorgegangen, sind die Orgel für das kö-\nnigliche Conservatorium zu Brüssel in dem Palaste der\nHerzogsstrasse und die Orgel in der Kathedrale St. Pierre,\nder Hauptkirche der Eglise nationale protestante zu Genf\nin der Schweiz.\nDie erstere hat auf vier Ciavieren nebst Pedal (von\n30 Tasten) 54 Stimmen. Fetis, Berichterstatter der Prü-\nfungs-Commission für die Abnahme der Orgel, äussert\nsich am Schlüsse des Berichtes folgender Maassen: „Durch\ndieses Instrument ist Belgien zum ersten Male in Besitz\neiner grossen Musterorgel gekommen, die den Vergleich\nmit den vollkommensten Instrumenten in Europa nicht zu\nscheuen braucht, und die besten Organisten des Auslan-\ndes können endlich in Brüssel ein Instrument finden, das\nes ihnen ermöglicht, ihr Talent in allen Beziehungen gel-\ntend zu machen. [Moniteur B\nZur Prüfung der Orgel in der Kathedrale zu Genf\nund zu den musicalischen Einweihungs-Festlichkeiten zu-\ngleich mit den unten genannten Künstlern aus Frankreich\nund der Schweiz eingeladen, theilen wir die Disposition\ndes Werkes und das Ergebniss der Revision in Folgen-\ndem mit.\nDie neue Orgel hat auf drei Ciavieren (jedes von 56\nTasten) und dem freien Pedal (von 27 Tasten) 45 Stim-\nmen, welche wie folgt vertheilt sind :\nErstes Ciavier. Positiv.\n1. Bourdon 16 Fuss.\n2. Rohrflöte 8 „\n3. Principal . 8 „\n4. Viola di Gamba ... 8 „\n5. Salicional 8 „\n6. Harmonische Flöte . . 4 „\nCombinationsstimmen.\n7. Mixtur drei- bis vierfach.\n8. Flautino 2 Fuss.\n9. Trompete 8 „\n10. Clarinette 8 B\nZweites Ciavier. Hauptwerk.\n1. Principal 16 Fuss.\n2. Bourdon 16 „\n3. Principal 8 „\n4. Bourdon 8\n5. Harmonische Flöte . . 8 „\n6. Gamba 8"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "222", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660714-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4183, "texte": "7. Dulciana . . 8 Fuss.\n8. Octavflöte ....... 4 „\n9. Quintflöte 3 „\n10. Prästant 4 „\nCombinationsstimmen.\n11. Doublette 2 Fuss.\n12. Fortschreitende Mixtur 4 „\n13. Cornet 8 „\n14. Ophicleide und Horn. 16 „\n15. Trompete 8 „\n16. Clairon 4 „\nDrittes Ciavier. Recit expressiv.\n1. Harmonische Flöte . 8 Fuss.\n2. Bourdon 8 „\n3. Gamba 8 „\n# %\n4. Voix Celeste 8 „\n5. Echoflöte 4 „\n6. Vox humana 8 „\nCombinationsstimmen.\n7. Fugara 4 Fuss.\n8. Cornet 8 „\n9. Fagott und Oboe . . 8 „\n10. Trompete 8 „\nViertes Ciavier. Pedal.\n1. Subbass. . 32 Fuss.\n2. Subbass 16 „\n3. Contrabass 16 „\n4. Octavbass 8 „\n5. Violoncell 8 „\n6. Octavflöte ...... 4 „\nCombinationsstimmen.\n7. Bombarde (Posaune) . 16 Fuss,\n8- Trompete 8 „\n9. Clairon 4 „\nUnter „Combinationsstimmen\" [Jeux de combinaison)\nwerden diejenigen verstanden, welche vermittels eines\nPedaltrittes mit einigen oder allen Stimmen verbunden und\nabgestossen werden können. Für diesen Zweck hat die\nOrgel fünf Pedaltritte, die über der Claviatur des\neigentlichen Pedals (welches die Franzosen jetzt\nPedalier zum Unterschiede von jenen Pedales nennen) an-\ngebracht sind und auf ähnliche Art wie die Pedale an den\nFortepiano's in Wirksamkeit gesetzt werden. Ausserdem\nliegen in derselben Reihe noch sieben Pedaltritte, ver-\nmöge deren sieben verschiedene Koppelungen bewirkt\nwerden können. Der Mechanismus aller dieser Pedale\nwirkt im Nu und ohne alles Geräusch.\nDer Commissionsbericht über die Abnahme des Wer-\nkes lautet in deutscher Uebersetzung:\n„Die unterzeichnete Commission hat die Vor- und\nNachmittage des 25. und 26. Juni zu einer gewissenhaf-\nten Untersuchung und Prüfung der Orgel in der Kathe-\ndrale St. Peter, welche die Gesellschaft für Orgelbau in\nParis und Brüssel, deren technischer Director Herr\nJ. Merklin ist, geliefert hat, angewandt.\n„Bevor die Commission zu der Prüfung der einzelnen\nTheile überging, hielt sie für zweckmässig, die vereinigten\nStimmen eines jeden Manuals und dann das volle Werk\neinschliesslich des Pedals zu hören, um einen allgemeinen\nEindruck von dem Gesammttone und der Klangwirkung\nder vereinigten Labial- und Zungenstimmen zu erhalten.\nDas Resultat dieser im Laufe des Prüfungsgeschäftes öfter\nund namentlich nach Ende desselben wiederholten Anhö-\nrung war eine vollständige Zufriedenheit mit dem gross-\nartigen und majestätischen Ton-Charakter des Instrumen-\ntes, welcher den Glanz der Zungenstimmen mit dem run-\nden und markigen Klange der Labialstimmen vereinigt\nund einen Gesammtton bildet, welcher staunen macht und\nzugleich dem Ohr durch Frische und Fülle wohlthut, die\nSeele durch seine majestätische Stimme erhebt und zu-\ngleich den künstlerischen Forderungen an ein musicali-\nsches Instrument entspricht.\n„Dieser fast exceptionelle Charakter der neuen Orgel\nist das Product der Verschmelzung zweier Systeme des\nOrgelbaues, des deutschen und des französischen. Herr\nMerklin, der beide Systeme genau studirt hat, fasste den\nGedanken, die vorzugsweise guten Resultate eines jeden\nvon beiden sich anzueignen und sie dem hohen Zwecke,\nden er im Auge behielt, zinsbar zu machen. Sehr wohl be-\nkannt mit der Tonfülle der Labialstimmen der deutschen\nOrgelbauer,jedoch mit den grossen Verbesserungen der Zu-\nngenstimmen in neuerer Zeit durch die französischen fort-\nwährend Schritt haltend, ist ihm ein eigentümliches Sy-\nstem dadurch gelungen, dass er das Gute aus jedem Sy-\nsteme annahm und das Mangelhafte in jedem zu vermei-\nden suchte. Denn wenn es allerdings ausgemacht ist, dass\nin der Kunst die Specialität die Vollkommenheit fördert, so\nlässt sich doch auch nicht läugnen, dass sie durch den\nGeist der Ausschliesslichkeit auch oft zu Vorurtheil und\nVorliebe und zu Üfeberschätzung führt. Durch dieses Ver-\nfahren hat die Gesellschaft Merklin-Schütze einen Charak-\nter des vollen Werkes hervorzubringen erreicht, welcher,\nohne dem Ohr durch schreiende Register wehe zu thun,\nnoch es durch schwirrende, unklare Brummstimmen zu\nverwirren, sich durch die Verschmelzung von Glanz mit\nWeichheit, von durchdringender, aber nicht vorherrschen-\nder, Stärke der scharfen Töne mit der reichen harmoni-\nschen Fülle der übrigen, welche die Grundlage eines schö-\nnen Orgeltones bilden, sehr vortheilhaft auszeichnet."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "223", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660714-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5628, "texte": "„Obgleich die Commission die Prüfung der einzelnen\nRegister erst nach der Untersuchung der mechanischen\nArbeiten vornahm, so ziehen wir doch vor, hier gleich\nalles dasjenige anzufügen, was den klingenden Theil der\nOrgel betrifft. Alles dahin Gehörende ist bis ins Einzelste\ngeprüft worden, erst durch den Anschlag von Ton für Ton\neines jeden Registers, dann in vollstimmigen Accorden, zu-\nletzt mit Hinzufügung irgend eines oder mehrerer Register,\nwelche durch Verwandtschaft oder Contrast geeignet sind,\nden Ton des zu prüfenden noch mehr zur Geltung zu\nbringen. Auf diese Weise wurden sämmtliche Stimmen\nder drei Manuale und des Pedals durchgegangen. Ueberall\nhaben wir bei der grossen Verschiedenheit der Klangfar-\nben eine vollkommen reine und schöne Intonation und den\nCharakter des Instrumentes, welchen das Register wieder-\ngeben sollte, zu gelungenem Ausdruck gebracht gefunden.\nDie neue Orgel ist eine siegreiche Protestation gegen die\nübertriebene Anhäufung der Register, von denen die mei-\nsten in den älteren Orgeln eine so treffende Familien-\nAehnlichkeit haben, dass es unmöglich ist, die charakte-\nristischen Züge ihrer Physiognomie zu entdecken,\n„Wir können hier nicht in die Besonderheiten jeder\nStimme ins Einzelne gehen, wollen aber nicht unterlassen,\nzunächst im Allgemeinen zu bemerken, dass die Principal-\nstimmen von guter Ton-Qualität besonders iro Bass und\nim Medium und die Bourdons vortrefflich sind, dass die\nRegister des Haupt-Manuals einen imposanten Verein, die-\njenigen des Positivs und dritten Manuals emeti Zusammen-\nklang weicher und lieblicher Töne bilden, and dass es\nden Pedalstimmen nicht an Fülle und Deutlichkeit fehlt,\nwelche noch besonders durch die Combinationsstimmen\ndes Pedals, namentlich die sechszehnfüssige Posaune und\ndie achtfüssige Trompete gehoben werden. Sodann müssen\nwir im Besonderen als vorzüglich gelungen bezeichnen im\nPositiv das Salicional, die harmonische Flöte, das Flautino\nund die Clarinette; im Haupt-Manual die Principale 1 und\n3, die Bourdons, die Flöten, das Ophicleide; im jßedt\nexpressif den Bourdon, die Gambe, Echoflöte, die Vox\nhumana, Fagott und Oboe; im Pedal den Contrabass 16\nFuss, den Subbass 32 Fuss, das Violoncell und die Po-\nsaune 16 Fuss.\n„Was nun die mechanische Arbeit an der Orgel be-\ntrifft, so hat die Commission, nach genauester Ansicht der-\nselben in allen ihren Theilen, sie einstimmig für bewun-\ndernswert!) in jeder Beziehung erklärt-. Noch nie hat man\neine solche Solidität mit solcher Feinheit und Genauigkeit\nder Arbeit verbunden gefunden; sie ist ein wahres Uhrwerk,\nwie Herr Batiste aus Paris sehr bezeichnend sagte.\n„Unsere Aufmerksamkeit wendete sich vorzüglich zwei\nneueren Erfindungen zu, welche die Vortreff lichkeit der\nMechanik an der neuen Orgel vorzugsweise ins Licht stel-\nlen: es sind dies der pneumatische Hebel und die Combi-\nnations-Pedale.\n„Herr Merklin, der seiner Zeit die Erfindung des\nHerrn Barker auf der Stelle in sein Gebiet zog, hat sie so\nvervollkommnet, dass Jeder, der die Arbeit und Wirksam-\nkeit des pneumatischen Hebels, wie er jetzt bei der Orgel\nin der Kathedrale St. Peter angewendet ist, untersucht\nund probirt haben wird, der Ueberzeugung Raum geben\nmuss, dass die Herstellung einer grossen Orgel zu ihrer\nVollkommenheit die Anwendung des pneumatischen He-\nbels nicht mehr entbehren kann. Die pneumatische Ma-\nschine ist hier selbst bei dem Pedal angebracht und mit\nsolcher Kunst gearbeitet, dass ihre Wirkung auf die Leich-\ntigkeit des Spiels selbst bei der Koppelung aller Claviere\nund des Pedals ganz dieselbe bleibt und eben so schnell\nund präcis agirt, als sie es auf jedem einzelnen Claviere\ntbut*).\n„Wenn der pneumatische Hebel dem Organisten die\nLeichtigkeit der Handhabung der Claviaturen verschafft,\nderen Schwere ihn so lange gedrückt hat, so kommen die\nCombinations-Pedale dem Talente des Künstlers im\nVortrage und der Nuancirung durch die Anwendung der\nverschiedenen Klangfarben der Stimmen vortrefflich zu\nStatten**).\n„Mittels dieser Pedale kann der Spieler durch einen\nleichten und augenblicklichen Fusstritt verschiedene Stim-\nmen der verschiedenen Claviere vereinigen, von der ein-\nfachen Koppelung eines Manuals mit dem anderen bis zur\nHerbeiziebung von fünf bis sechs Combinationsstimmen\noder bis zur grössten Stärke des gesammten vollen Werkes.\nEr kann also, ohne die Hand vom Ciavier zu nehmen,\nüber alle Hülfsquellen des Ausdrucks, die ihm das Instru-\nment bietet, nach seinem Willen verfügen, und man sieht\n\n*) Unsere deutschen Orgelbauer sträuben sich noch immer ge-\ngen die Anwendung des pneumatischen Hebels, und man hört wohl\ndie Bemerkung, dass derselbe allerdings die Spielart erleichtere, aber\nder Conservirung des Werkes nachtheilig sei. Es ist aber gerade das\nGegentheil der Fall, denn der pneumatische Hebel egalisirt, wie\nman sich leicht überzeugen kann, die Oeffnung der Ventile in den\nWindladen und verhindert dadurch auf nachhaltige Weise den\nYerschleiss der Ventile, welcher durch den ungleichen Anschlag,\nden geringeren oder stärkeren (und in beiden Beziehungen wech-\nselnden) Niederdruck der Tasten, befördert wird. Freilich dürfen wir\nauch nicht vergessen, dass den deutschen Orgelbauern eine so ver-\nmehrte und vervollkommnete Arbeit von den Gemeinden nicht be-\nzahlt wird, welche schon einen Weheruf erheben, wenn von 5-bis 6000\nThlrn. die Rede ist, während die Gemeinde und die Stadt in Genf\nüber 18,000 Thlr. angelegt haben, um ein vollkommen gutes Instru-\nment zu erhalten. Anmerkung der Eedaction.\n**) Es ist oben schon erinnert, dass diese Pedale oder Fuss-\ntritte nicht mit dem klingenden Pedal und dessen Claviatur ver-\nwechselt werden dürfen."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "224", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660714-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2514, "texte": "den grossen Vortheil, den ihm dies gewährt, leicht ein,\nwenn man bedenkt, dass der Organist nicht das glückliche\nLoos des Pianisten theilt, der im Stande ist, den Ton durch\nden Anschlag zu ändern und seine Finger den Empfin-\ndungen seiner Seele gehorsam zu machen.\n»Fügen wir noch hinzu, dass die ganze Mechanik der\nneuen Orgel mit erstaunlicher Leichtigkeit und ohne das\ngeringste Geräusch arbeitet.\n„Dies sind die Gründe, welche die Commission be-\nwogen haben, die mechanische Partie der Orgel für be-\nwundernswerth und bis heute einzig in ihrer Art zu erklären.\n„Das Gebläse, die Windladen, das Regierwerk sind\nebenfalls gut gearbeitet und die Aufstellung der Pfeifen\nzweckmässig befunden worden, wobei die Localität, ob-\ngleich nicht sehr geräumig, geschickt benutzt ist, so dass\nman zu allen Theilen ohne besondere Unbequemlichkeit\ngelangen kann. Das Material, Holz und Metall, istunta-\ndelhaft; es ist übrigens von selbst einleuchtend, dass eine\nso solide und ausgezeichnete Arbeit, wie die Orgel zeigt,\nnur mit vortrefflichem Material gemacht werden kann.\n„Hiernach schlägt die Commission dem Consistorium\nu. s. w. die unbedingte Annahme der Orgel, als eines zu\nvollkommener Zufriedenheit ausgeführten Instrumentes, vor.\n„Der unterzeichnete Berichterstatter, der vor einigen\nJahren die grosse Orgel für die Kathedrale zu Murcia in\nSpanien, die in dem grossen Saale des Etablissements\nMerklin-Schütze in Brüssel aufgestellt war, in Ueberein-\nstimmung mit Herrn Fätis für ein Meisterwerk anerkannte,\nhält sich für verpflichtet, zu erklären, dass die hiesige Or-\ngel nach seiner Ansicht jene noch übertrifft.\n„Die Commission hat die Ehre und die Befriedigung,\ndem Consistorium und der Gemeinde zu dem Besitze eines\nsolchen Instrumentes Glück zu wünschen. Die Orgel in\nSt. Peter wird zu den Merkwürdigkeiten Genfs zählen\nund allen denen zur Ehre gereichen, die dazu beigetragen\nhaben, für die Nachwelt dieses ruhmvolle Denkmal der\nfrommen und kunstliebenden Gesinnung des gegenwärti-\ngen Gesehlechts zu errichten.\n„Genf, 28. Juni 1866.\n„Gez. L. Bise hoff, Vorsitzender und Berichterstatter,\naus Köln. Ed. Batiste, Prof. am Conservatoire\nund Organist von St.Eustache in Paris. J. Vogt,\nOrganist von St. Nikolaus in Freiburg. Ren.\nde Vilbac, Organist von St. Eugenie in Paris.\nAnt. Häring, Organist von St. Peter in Genf.\nR ud. Low, Organist von St. Elisabeth in Basel.\nEl. Wartmann, Prof. in Genf. Em. Feig er 1\nin Genf. Blanck, Pastor in Colmar*).\n\n*) Ueber die drei Einweihungs-Concerte in der nächsten Nummer."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1866-07-14-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1866-07-14_01#c004", "volume": "bmtnabi_1866-07-14_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "224", "page_fin": "224", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660714-01.2.4", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "224", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660714-01.1.8", "debut_caractere": 2516, "fin_caractere_exclue": 4535, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nBerlin. In Folge der eingetroffenen Nachrichten von dem\nWaffenglücke der preussischen Armee haben die Theater Pest-Vor-\nstellungen zum Besten des „Wilhelms-Vereins\" angesetzt. Das Wall-\nner-Theater spielte zu halben Preisen, das Friedrich-Wilhelmstädti-\nsche Theater öffnete seine Pforten dem Publicum ohne Entröe, wäh-\nrend in aufgestellte Büchsen jeder Zuschauer nach Kräften bei-\nsteuerte. Der Jubel in der Stadt ist eben so allgemein, als gross.\nWien. In Herrn Nachbauer vom Hoftheater in Darmstadt,\nder am 4. Juli als Arnold im „Teil\" ein vorläufig auf drei Rollen\nfixirtes Gastspiel eröffnete, hat man Gelegenheit gehabt, den Eigen-\nthümer einer sehr hübschen Tenorstimme kennen zu lernen. Das\nOrgan des Gastes, hell timbrirt und leicht ansprechend in der Höhe,\nin der Klangfarbe, wenn auch nicht in der Fülle an die Stimme\nWachtel's erinnernd, ist bestechend, und da unser Publicnm für\nschöne Stimmen zunächst empfänglich ist, so wurde es Herrn Nach-\nbauer nicht schwer, sich bei demselben sofort in Gunst zu setzen,\nwelche letztere sich in Beifall und Hervorrufen äusserte. Von den\nsonstigen Qualitäten dieses Sängers ist wohl die wichtigste, dass er\ngut musicalisch zu sein und ein gutes Gehör zu haben scheint, da\nsein anfängliches Zuhochsingen lediglich der Befangenheit, vielleicht\nauch der ungewohnten Stimmung zuzuschreiben sein dürfte. Die\nAussprache ist sehr deutlich, die Erscheinung nicht unvortbeilhaft.\nDem Vortrage jedoch mangelt der ästhetische Schliff und das schöne\nMaass; das Spiel leidet an Unbeholfenheit. Das aber sind Mängel,\ndie durch fetudium, Uebung und Vorbilder beseitigt werden können.\nParis. Beim Eintreffen der Nachricht von der Anrufung der\nVermittlung Napoleon's 111. in der Noth Oesterreichs hatten alle\nTheater geflaggt und waren Abends glänzend illuminirt „zur Feier\nder Unterwürfigkeit einer fremden Grossmacht\".\nParis« Auber ist trotz seines hohen Alters wiederum mit\nder Composition eines dreiactigen Werkes für die komische Oper\nbeschäftigt."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "217", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660714-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nDie Musik in Hamburg während der Coneertzeit 1865—1866 (Schluss). Die neue Orgel in der Kathedrale St. Pierre\nzu Genf. Tages- und Unterhaltungsblatt (Berlin, Siegesfeier in den Theatern Wien, Gastdarstellungen des Herrn Nachbauer\nvom Hoftheater in Darmstadt Paris, Siegesfeier der pariser Theater, Auber mit einer neuen komischen Oper beschäftigt).\n\nDie Musik in Hamburg während der Concertzeit\n1865-1866.\n(Schluss. S. Nr. 26 und 27.)\nWas vor allem Anderen einen erfreulieben Beweis\nder ernsten Richtung des hiesigen Sinnes für Tonkunst\nund der thatsächlichen Wirkungen desselben gibt, das sind\ndie Gesangvereine, deren wohl keine Stadt in Deutsch-\nland so vieie und zugleich so gediegene aufzuweisen hat,\nwie Hamburg.\nEs sind die Sing-Akademie von Stockhausen, die\nAkademie von Deppe, der Verein von Otten, der Cä-\ncilien-Verein von Voigt, die Bach-Gesellschaft von Arm-\nbrust. Alle diese Vereine zeichnen sich durch Studien\nclassischer Musik aus und bekunden durch eine oder meh-\nrere Aufführungen von grossen Vocalwerken mit Orche-\nster ihre künstlerischen Bestrebungen. Wenn diese Auf-\nführungen namentlich in Bezug auf die Stärke des Chors\nnicht den grossartigen Charakter haben mögen, wie die\nConcerte in Köln und Aachen, weil in der Regel jeder\nVerein für sich sie veranstaltet, so haben sie doch für die\nFortbildung des Geschmacks eine erfolgreiche Wirkung,\nund ein gewisser Wetteifer zwischen den Vereinen schlägt\nnur zum Vortheile der Kunst aus.\nIn dem vergangenen Musikjahre borten wir zuerst\nam 3. und 6. October Mendelssohn's „Elias\" und\nBeethoven's grosse Missa solemnis in D unter Leitung\ndes Herrn Otten. Es waren dies zwei sehr gut vorbe-\nreitete, musikfestartige Aufführungen in der Michaelis-\nkirche; die Eröffnung der Saison durch solche Werke\nund die zahlreiche und gespannte Theilnahme des Publi-\ncums daran gaben ein sprechendes Zeugniss für unsere\nobigen Bemerkungen. Herr Otten hatte ansehnliche Solo-,\nChor- und Orchesterkräfte zusammengezogen, und die\nAufführung war in den Solo-Partieen als vortrefflich, im\nUebrigen als durchschnittlich recht wohlgelungen zu be-\nzeichnen. Der Chor befriedigte im Ganzen, wiewohl seine\nKraftwirkung nicht immer der beträchtlichen Sängerzahl\nentsprach, hin und wieder einiger Mangel an energischer\nAccentuation sich bemerklich machte. Die Orgel (durch\nHerrn Organisten Osterhol dt gespielt) wirkte in Kraft-\nMomenten vortrefflich, wie sie denn überhaupt im Orato-\nrium niemals fehlen sollte; dass sie in hiesigen Kirchen der\nVerwendung so schwer zugänglich scheint, macht das Ver-\nlangen nach baldiger Herstellung eines grossen Oratorien-\nsaales um so dringlicher. Auch das Orchester that im All-\ngemeinen nicht minder seine Schuldigkeit. Den Glanzpunkt\naber bildeten die Solo-Partieen; Stockhausen's vortreff-\nliche Leistungen sind so allbekannt, dass wiederholte Be-\ntonung ihrer Vorzüge ermüden würde; der Elias ist über-\ndies eine seiner schönsten Partieen, in der er nicht leicht\nvon Jemandem sich übertroffen sehen wird. Eine echte\nOratoriensängerin, Frau Joachim, stand ihm würdig zur\nSeite; ihre herrlich sonore, wohlgeschulte Stimme besiegt\nauch den grössten Kirchenraum; Auffassung und Vortrag\nsind einfach, edel und maassvoll, aber nicht minder ein-\ndringlich. Mochte man hingegen dem Gesänge der Frau\nMichaeli zu Zeiten etwas mehr Belebung wünschen, so\nwirkt doch ihr einer schönen Knabenstimme fast ähnliches\nOrgan in der Kirche gleichsam üherirdisch durch wun-\ndervolle Klarheit und eigentümliche Leidenschaftslosig-\nkeit der Klangfarbe besonders in der höheren Lage. Auch\nHerr Karl Schneider befriedigte besonders durch Ver-\nständniss und Sorgfalt in der Ausführung.\nUeber die Ausführung der D-dur-Messe konnte man\nmit Rücksicht auf die grossen Schwierigkeiten, deren Be-\nwältigung das Werk von den Solisten und dem Orchester,\ninsbesondere aber vom Chor fordert, sowohl von durch-\ngängigem Fleisse und Eifer der Mitwirkenden, als auch\nvon einem im Grossen und Ganzen glücklichen Resultate\nihrer Bestrebungen Zeugniss geben. Eine ganz vollendete\nAusführung dieses Werkes, namentlich der Chöre, ist so"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "218", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660714-01.1.2", "texte": "selten, dass auch ein geringerer Grad von Vollkommen-\nheit immer noch sehr schätzenswerth bleibt. Der Chor\nhatte recht gut studirt; man setzte stets aufmerksam ein,\nüberwand auch unsangbare Partieen und die hohen So-\npranstellen häufig mit Freiheit und Leichtigkeit und be-\nwies, dass es Hamburg an brauchbaren Chorkräften kei-\nneswegs fehlt. Der Klang des Soprans war gut, frisch und\nhinlänglich kräftig; die übrigen Stimmen, insbesondere\nTenor und Alt, hätten stärker sein sollen. Dem Alt eine\nAnzahl wohlgeschulter Knabenstimmen beizugeben, wäre\nstets sehr vortheilhaft; jeder Verein kann Gelegenheit fin-\nden, solche heranzubilden. Das Kyrie ging tadellos und\nerschien von allen Chören am meisten abgerundet; das\nGloria stand ihm hinsichtlich der Festigkeit und Frische\nkaum nach, aber der Gesammtwirkung entschieden nach-\ntheilig war, dass Herr Otten die schnellen Chöre übereilte.\nSo verlor das Beethoven'sche Werk viel von jener höchst\nnothwendigen Ruhe und Mässigung, welche ihm zu er-\nhalten (theilweise beinahe zu verleihen), ein Capelimeister\num so mehr bedacht sein muss, als seine ganze Eurhythmie\nschon eine sehr wechselvolle ist und die häufig starke Er-\nregtheit seines Ausdrucks dem Leidenschaftlichen des welt-\nlich-dramatischen Stils doch bereits sehr nahe kommt.\nAuch die sehr reich ausgestattete, dem Vocalchor als\nein durchaus sinfonisch durchgebildeter Chor selbstän-\ndiger Instrumentaistimmen zugesellte Orchester-Partie litt\nhin und wieder unter jenen Uebereilungen an Undeutlich-\nkeit. Eine noch etwas stärkere Besetzung der Geigen und\nContrabässe hätte überdies dem Gesammtklange mehr\nSchärfe und Glanz, so wie ein markigeres Fundament\nverliehen. Im Ganzen aber hielt sich das Orchester, unter\nförderndem Einflüsse des Herrn Böie als Concertmeister,\nrecht wacker und war dem Chor eine wesentliche Stütze,\nwenn auch mehr Proben noch manche Einzelheit geklärt\nhaben würden. Dass Herr Joachim seinen Künstlerruf\ndurch vollendeten Vortrag des Violin-Solo's aufs Neue be-\nwährte, bedarf keiner Auseinandersetzung. Die Orgel\nwirkte mächtig, die Registrirung war gut, die Präcision\nder Einsätze (Herr Armbrust dirigirte dem Organisten\nHerrn Osterholdt zu) lobenswerth.\nDie Solisten waren dieselben, wie im „Elias\", nur\ndass für Herrn Stockhausen Herr Schultze das Bass-\nSolo übernommen hatte, dessen metallreiche Stimme dem\nEnsemble eine gediegene Grundlage gibt, so wie sein echt\noratorischer Gesang, frei von jeder Manier, stets von gros-\nser Wirkung ist.\nDie Sing-Akademie des Herrn Stockhausen\nbrachte im Januar in einem Concerte zum Besten der Pen-\nsionscasse der hiesigen Musiker Mendelssohn's „erste\nWalpurgisnacht\" und Beethoven's neunte Sinfonie. Die\nAusführung des erstgenannten Werkes unter der Leitung\ndes Herrn Graden er Stockhausen sang die Bariton-\nPartie war eine sehr gelungene. Die neunte Sinfonie\ndirigirte Herr Stockhausen (vgl. den Bericht über das Mu-\nsikfest in Hamburg in Nr. 23); dem Chor und Orchester\ngebührte Lob, von den Solostinamen waren Sopran und\nAlt der Aufgabe nicht gewachsen, hingegen leisteten\nTenor (Herr Schild) und Bass (Herr Bietzacher) Vor-\ntreffliches.\nDerselbe Verein führte am 27. März in der Michaelis-\nkirche die Passion nach dem Evangelium Johannes\nvon J. S. Bach auf. Herr Grädener dirigirte; die Soli\nsangen Fräulein Rosa Mandl (Sopran), Herr 0. L. Wol-\nters aus Braunschweig (Tenor), Herr Stockhausen\n(Bass). Ueber die jetzt so häufigen Aufführungen der\nBach'schen Passionen überhaupt scheint mir ein Wort von\nRiccius in der hiesigen Zeitung der Mittheilung werth.\n„Zwei Ursachen sind es, welche die der Vergessenheit\nfrüher anheimgefallenen kunstvollen Passionswerke von\nBach wieder an das Tageslicht förderten. Zuerst die\ndurch einzelne bedeutende Tonmeister der neuesten Zeit\nwieder angebahnte Kenntniss des vergessenen Altmeisters\nBach und die nach der Zurückdrängung des Rationalismus\nwieder aufgetauchte und vom Staate gepflegte orthodoxe\nRichtung in kirchlichen Dingen. Beide Bestrebungen in\nihrer Vereinigung haben die kirchlichen Werke Bach's\nwieder zu Ehren gebracht oder, ohne Scheu sei es gesagt,\nsie zur Mode gemacht und in dem grossen Publicum eine\nBegeisterung geschaffen, die nicht immer auf gerechter\nBasis ruht und den verderblichen Einfluss geäussert hat,\nmusicalische Kunstwerke gleicher Art, die allerdings auf\ndie Anschauungen des Rationalismus [?] sich stützen, fast\ngänzlich zu beseitigen. Abgesehen von diesen nicht gut zu\nheissenden Erscheinungen, bleibt der Werth der Bach'-\nschen Kirchenwerke ein unbestreitbarer, und zwar aus\ninneren und äusseren Gründen. Bach und sein ganzes\nWesen gehört der Kirche an. Keiner hat so wie er Gottes\nWort mit wahrster Glaubenstreue verkündet. Die äussere\nVollendung seiner Kunstformen ist wenigstens im contra-\npunktischen Sinne von keinem Nachfolger erreicht worden.\nUnd doch ist es nicht die mathematische Vollendung, die\nihm vielseitig vorwurfsvoll nachgerühmt wird, die wir\nhervorheben sollen, es ist vielmehr die logische Durchfüh-\nrung des Gedankens, die er im organischen Wachstbum\nzu Ende zu führen weiss. Darum darf man bei Bach nicht\nden oberflächlichen Genuss suchen; der Hörer muss auch\nden Muth mitbringen, zu denken.\" Wenn nun auch die\nJohannes-Passion bescheidenere Kräfte zur Ausführung\nbeansprucht, so bleiben die zu überwindenden Schwierig-\nkeiten; wie bei allen Bach'schen, uns so entfremdet gewor-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "219", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660714-01.1.3", "texte": "denen Werken immer noch erheblicher Art, so dass auch\nbei aller Anerkennung des Geleisteten doch die Auffüh-\nrung nicht überall der gestellten Aufgabe gerecht wurde.\nMan kann dem Ganzen keinen allgemeinen Vorwurf ma-\nchen, darf aber nicht verschweigen, dass der Eindruck\nkein durchweg erbauender war. Die für die grossen\nRäume der Michaeliskirche zu geringen Chormassen konn-\nten wegen Schwäche des Tonklanges nicht diejenige Klar-\nheit und Fülle zugleich hervorbringen, welche dazu ge-\nhört, um mit den polyphonen Sätzen eindringlich zu wir-\nken. Auch der Vortrag der Soli, obwohl befriedigend,\nentbehrte doch oft der innigen Wärme; doch verdient der\nGesang der Alt-Arie: „Es ist vollbracht!\" durch eine\nDame aus Altona Auszeichnung. Herr Wolters sang den\nEvangelisten mit Verständniss und ausreichenden Stimm-\nmitteln, allein seine gar zu epische Ruhe in der Erzählung\nwurde nach und nach ermüdend.\nDie Sing-Akademie des Herrn Deppe hat Hän-\ndel's „Judas Maccabäus\" zwei Mal aufgeführt, am 7.\nDecember v. J. und am 5. April d. J. Herr Ludwig\nDeppe geniesst mit Recht den Ruf eines- vorzüglichen\nDirigenten, wozu ihn nicht nur sein musicalisches Wissen\nund sein richtiges Verständniss der classischen Meister-\nwerke, sondern auch eine bewährte Praxis im Einstudiren\nund im Zusammenhalten und energischen Leiten der Mas-\nsen befähigen. Beide Aufführungen fanden in der Michaelis-\nkirche Abends 7 Uhr Statt. Das Personal sämmtlicher\nMitwirkenden in Chor und Orchester zählte etwa 300\nMitglieder; das Orchester führte Herr Concertmeister\nJ. Böie an, die Orgel spielte Herr Osterholdt.\nDa wenige Wochen vorher das Oratorium „Jephta\"\nvon Händel vom Cäcilien-Vereine (s. unten) aufgeführt\nworden war, so fand das damals so lebhaft angeregte In-\nteresse für diese Musik in dem Werke „Judas Maccabäus\"\nneue Nahrung, zu gleicher Zeit aber erfuhr die Befürch-\ntung, dass so nahe bei einander stehende Anfführungen\nHändel'scher Werke die Theilnahme dafür abschwächen\nwürden, die glänzendste Widerlegung, nicht allein zuerst\ndurch den Umstand, dass die weiten Hallen der Kirche\nvon einer gewaltigen, aufmerksamen Zuhörerschar ange-\nfüllt waren, sondern auch durch die erfreuliche Wahrneh-\nmung, dass die Versammelten die theilnahmvollste Auf-\nmerksamkeit dem Werke widmeten und sich durch den\nZauber der hohen, genialen Tonweisen zum innigsten Ge-\nniessen hinreissen liessen. Die bei der Aufführung benutzte\nPartitur in der Bearbeitung von Friedrich Schneider war\nzweckmässig, weil sich dieselbe in ihrer Ausdrucksweise\nden Grundzügen des Originals nicht in so fremder Weise\ngegenüberstellt, wie wir dies bei einzelnen früheren Be-\narbeitungen, besonders bei der Mosel'schen, finden. Die\nim Original nur sehr sparsam benutzten Blas-Instrumente\ngelangen in der Bearbeitung zwar zu thätigerer, aber nicht\nstörender Theilnahme, die Messing-Instrumente mit weni-\ngen Ausnahmen fast nur in den von Händel selbst mar-\nkirten Stellen. Der in der Original-Partitur nicht verstat-\ntete Gebrauch der Posaunen bedarf bei so weiser Be-\nnutzung, wie im vorliegenden Falle, keiner ausführliche-\nren Entschuldigung.\nDie Solosätze des Oratoriums tragen je nach Verhält-\nniss ihres Inhalts verschiedenes Gepräge; Schmerz und\nTrauer erklingen in ruhig gehaltenen Weisen, die freudige\nund anregende Stimmung gründet ihren Ausdruck auf\nlebhaft rhythmische und figurenreiche Tongebilde. Die\nletztere Form tritt, dem Sinne des Ganzen angemessen, in\nden Vordergrund, dem aufregenden Gedankengange sich\nwohl anfügend, eine dem eifrigen Thatendrange entspre-\nchende Illustration. Diese zu Händel's Zeiten übliche An-\nhäufung von Melismen ist unseren ästhetischen Anschauun-\ngen fremd geworden, gewiss mit Recht: es sprechen keine\ninneren Gründe dafür, denn ihre Entstehung wurzelt in\nden meisten Fällen in Zweckmässigkeits-Gründen, in dem\nfür jene Zeiten hinsichtlich des Gesanges geltenden Mode-\nzuge. Unsere heutigen Gesangeskünstler lösen nur in sel-\ntenen Fällen mit Geschick und Verständniss diese Aufga-\nben. In der diesmaligen Aufführung war es allein Fräu-\nlein Tietjens, die dieser virtuosen Aufgabe im edelsten\nund brillantesten Sinne gerecht wurde. Die Anfangs ein\nwenig matter klingende Stimme der Sängerin klärte sich\nspäter zur ergiebigsten und klarsten Klangwirkung, und\ndie weiten Hallen der Kirche tönten von dem lieblichen\nund doch so voll schallenden Gesänge. Feuer und edles\nLeben, frische Munterkeit und Elasticität durchströmten\ndie ganze Leistung in solchem Maasse, dass auch der ru-\nhige, prüfende und erfahrene Zuhörer sich der so wohl-\nthätigen Wirkung nicht entziehen konnte und sich edel-\nstem Genüsse hingeben durfte. Abgesehen von dem rich-\ntigen musicalischen Verständnisse und dem pietätvollen\nErfassen der Composition, gewiss die zuerst zu rühmenden\nTugenden bei dem Vollbringen so ernster Dinge, durfte\nman sich an der vollendeten Gesangkunst erfreuen. Die\nschwersten Fiorituren perlten fliessend vorüber; besonders\nzu rühmen bleibt die grosse Kunst des Athmens, welche\ndie oft so lang ausgedehnten Figuren in unzerrissener und\ndesshalb so erquickender Weise erklingen liess. Den zün-\ndendsten Schluss, dessen Reiz Niemand widerstehen konnte,\nbildete die eingelegte Arie mit der begleitenden Solo-\nTrompete (Herr G. Nüss). Eine solche Leistung, die einen\nso vollständigen Abglanz der früher so hochstehenden\nTrompeterkunst gab, darf gern mit vollem Lobe erwähnt\nwerden, zumal ausser dem schönen Tone und der Vir-\n\n[*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "220", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660714-01.1.4", "texte": "tuosität des Künstlers auch sein discretes Anschmiegen an\ndie Sängerin die Doppel-Aufgabe so wacker gelingen liess.\nDie Leistungen der übrigen Solisten lassen sich in der\nKürze besprechen. Die nicht umfangreiche Alt-Partie sang\nFräulein Francisca Schreck aus Köln, eine von den\nrheinischen Musikfesten her wohlbekannte Persönlichkeit.\nDie ihr dort gezollte Anerkennung wird durch die von ihr\nhier gelöste Aufgabe nicht beeinträchtigt werden. Sie sang\nsicher und mit wohlklingender Stimme und zeigte in ihrem\nVortrage die vertraute Bekanntschaft mit ernsten, künst-\nlerischen Aufgaben. Herrn Otto aus Berlin, der für den\nleider verhinderten Herrn Karl Schneider aus Rotterdam\nden Tenor-Part übernommen hatte, gebührt sicher Dank\nfür seine Bereitwilligkeit, doch weder die äusseren Mittel\ndes Sängers, noch seine Auffassung liessen zu einem gänz-\nlich wohlthuenden Genüsse kommen. Herr Schultze von\nhier, dessen Verdienste bei anderen Aufgaben rühmend\nanzuerkennen sind, sang musicalisch richtig, verstand es\naber nicht, zu erwärmen und zu interessiren.\nHerr L. Deppe leitete die Aufführung in durchaus\nzu rühmender Weise; er verstand es wohl, die gut einstu-\ndirten Chöre und das Orchester mit fester Hand zusam-\nmenzuhalten. Der Eindruck der ganzen Aufführung über-\nhaupt war ein erhebender, und die Erinnerung an das\ngenossene Vortreffliche so überwiegend, dass kleine Miss-\nstände erblassend in den Hintergrund treten.\nBei der Wiederholung am 5. April war die Kirche\nebenfalls wieder mit mehr als 2500 Menschen gefüllt.\nFräulein Therese Tietjens sang abermals die Sopran-\nPartie; die junge Altistin Fräulein Kruls trug musicalisch\nvor, konnte aber weder durch Voll- und Wohlklang der\nStimme, noch durch edeln Stil ihre Vorgängerin Fräulein\nSchreck ersetzen. Die Tenor-Partie war bei Herrn J.\nSchild in guten Händen.\nDieselbe Akademie veranstaltete noch ein geistli-\nches Concert in der deutsch-reformirten Kirche (am 7.\nMai d. J.), welches durch die Aufführung zweier hier und\nauch wohl in Deutschland überhaupt noch nicht gehörter\nKirchenstücke sehr anziehend war. Es waren dies ein fünf-\nstimmiger Chor: „Was betrübst du dich, meine Seele?\"\nvon Heinrich Schütz (1639) und Händel's Anthem\nauf den Tod der Königin Caroline von England\n(1737) beide mit Orchester und Orgel, letzteres nach\nder von Chrysander hergestellten Original-Partitur in der\nAusgabe der deutschen Händel-Gesellschaft. Auffassung\nund Ausführung beider Werke waren lobenswerth; der\nKlangwirkung ist indess diese Kirche für den Gesammtton\nnicht eben günstig. Den alten H. Schütz gewinnt man im-\nmer lieber, je mehr man von ihm hört. An gläubiger In-\nnigkeit und heiligem Ernste der religiösen Empfindung\nwird er auch von Bach nicht übertroffen, wozu es wie\nein Vorzug kommt, dass der ältere Meister bei dem Zu-\nhörer nicht eine so formgewandte Auffassungsfähigkeit\nwie Bach voraussetzt. Schütz ist mittels der Empfindung\nallein schon zu gemessen. Die künstlerisch viel mannig-\nfaltigeren Gestalten von Bach bedürfen in der musivischen\nFeinheit, den Verwicklungen, Sätzen und Gegensätzen\nihrer harmonischen Gewebe einer gedankenvollen Mit-\narbeit von Seiten des Auditoriums, wofür wir uns erst das\nmusicalische Wissen zu erobern haben. Die Deppe'sche\nAkademie gab den schweren Chor so leicht und natürlich\nwieder, dass dem Zuhörer die Selbstverständlichkeit des\nSatzes um so besser einleuchtete.\nDie Trauer- und Preis-Hymne von Händel hat acht\nNummern, und zwar sechs Chöre und zwei Solo-Quar-\ntette, keine Arien und Recitative. Sie ist ein in jeder Be-\nziehung vollendetes Meisterwerk von hoher Reinheit und\nErhabenheit der Empfindung und grosser Mannigfaltigkeit\nund edler Freiheit in der Tongestaltung, welche Eigen-\nschaften ihm eine Stelle unter den vorzüglichsten Werken\nHändel's anweisen und es, wie nicht minder die Schütz'-\nsche Motette, als ein echtes Vorbild kirchlicher Tonkunst\nerscheinen lassen. Daneben aber ist es auch eine Aufgabe\nfür den Chor, welche sogleich bei einer ersten Auffüh-\nrung mit aller Vollkommenheit gelöst zu sehen, man kaum\nbeanspruchen darf. Es gewährt schon grosse Befriedigung,\ndie Mitwirkenden so durchaus ernsten Werken gegenüber\nmit Eifer und Liebe bei der Sache zu wissen; und dass\nhiermit immer auch ein bereits höherer Grad des Wohl-\ngelingens verbunden sein wird, liegt auf der Hand und\nwurde auch diesmal bestätigt. In den Solo-Quartetten wa-\nren die klangvollen Organe der Altistin Fräulein Hausen\naus Berlin und des Herrn Schultze von besonders gu-\nter Wirkung. Das ganze Concert gereichte der Akademie\nund ihrem Dirigenten zu neuer Auszeichnung. Eine dan-\nkenswerte Zugabe waren die Orgel-Vorträge des Herrn\nEmil Weiss aus Göttingen, eines jungen Künstlers, der\nmit grossem Talente für das Orgelspiel begabt ist und\nbereits einl3 ausgezeichnete Fertigkeit auf Manual und Pe-\ndal sich zu eigen gemacht hat. Er eröffnete das Concert\nmit Bach's Toccata in D-moll und spielte zwischen den\nVocalwerken auch noch die Phantasie und Fuge in G-moll\nmit einer Leichtigkeit und Reinlichkeit, die nur bedauern\nliess, dass die Orgel in der genannten Kirche nicht eben\nzu den besten gehört.\nMeine übersichtliche Musterung hat bereits so viel\nRaum in Anspruch genommen, dass ich von den Abonne-\nments-Concerten des Cäeilien-Vereins unter Leitung\ndes Herrn Karl Voigt nur noch das erste erwähnen will,\nin welchem uns Händel's Oratorium „Jephta\" in recht"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "221", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660714-01.1.5", "texte": "wackerer Weise vorgeführt wurde. Die Chöre strebten\nmit grossem und zu gutem Ziele führendem Eifer, ihre\nAufgabe zu lösen, nur war freilich die Besetzung für die\nmeisten Chöre nicht stark genug; es verdient aber um so\nmehr Anerkennung, wenn eine kleine, wohlgeschulte Schar\nsolche Aufgaben muthig zu lösen unternimmt. Der Cäci-\nlien-Verein zeichnet sich übrigens auch durch vorzügliche\nLeistungen im Gesänge a capellaus. Die Sopran-Partie\nim „Jephta\" sang Fräulein Garthe aus Hannover cor-\nrect, aber ohne Wärme. Herr Schild führte die beiden\nPartieen des Jephta und Hamor sehr befriedigend aus.\nMosel's Bearbeitung musste leider mit in den Kauf genom-\nmen werden.\nUeber das Concert der Bach - Gesellschaft unter\nLeitung des Herrn Armbrust („Die sieben Worte\" von\nH. Schütz und das Stabat mater von Astorga) enthält\nIhre Zeitung bereits in Nr. 12 vom 24. März einen\nBericht.\nNehmen Sie nun noch hinzu, dass auch die Kammer-\nmusik durch das Quartett der Herren BÖie und Lee\nnebst Hohnrath und Schmal und die Trio-Soireen des\nHerrn Nie mann und des Herrn C. von Holten (mit\nBöie und Lee) vertreten ist, so werden Sie Sich überzeu-\ngen, dass Hamburg volle Ansprüche hat, auf dem Gebiete\nder Kunst wieder den Rang eingenommen zu haben, der\nseiner grossen musicalischen Vergangenheit würdig ist.\nUeber die Programme der sechs Quartett-Unterhal-\ntungen muss ich zur Charakteristik der musicalischen\nPhysiognomie des Publicums noch hinzufügen, dass sie,\nmit Ausnahme des Sextettes von Grädener, nur Werke\nder älteren Classiker (Mendelssohn und Schumann jedoch\nnicht ganz ausgeschlossen) brachten, gemäss der Vorliebe\nder bei weitem grösseren Zahl der Abonnenten. Aus der\nletzten Sitzung (am 9. März) ist das Trio-Divertimento\nin Es-durvon Mozart besonders zu erwähnen Und zu\nempfehlen, indem schwer zu entscheiden sein dürfte, wel-\ncher von dessen sechs Sätzen der reizendste ist.\n\nDie neue Orgel in der Kathedrale St. Pierre zu Genf.\nDie belgische Gesellschaft für Orgelbau, welche in\nden Etablissements Merklin-Schütze zu Brüssel und\nParis ihre Werkstätten hat, deren technische Direction\nHerr J. M er kl in führt, hat, seitdem wir in diesen Blät-\ntern (Jahrgang 1856, Nr. 42) ausführliche Nachricht über\ndie Einrichtung und den Betrieb dieser Fabrik und über\ndie schönen Resultate ihrer Bestrebungen mitgetheilt ha-\nben, ihre Thätigkeit verdoppelt und ihre Arbeit vervoll-\nkommnet, wodurch sie ihre Wirksamkeit über ganz Frank-\nreich und Belgien zu wahrer Förderung des musicalischen\nTheiles des Gottesdienstes und zur allmählichen würdi-\ngeren Benutzung des Orgelspiels zur Erweckung und He-\nbung des Sinnes für ernste Musik auf erfolgreiche Weise\nausgedehnt hat.\nDie neuesten bedeutendsten Arbeiten, die aus ihren\nWerkstätten hervorgegangen, sind die Orgel für das kö-\nnigliche Conservatorium zu Brüssel in dem Palaste der\nHerzogsstrasse und die Orgel in der Kathedrale St. Pierre,\nder Hauptkirche der Eglise nationale protestante zu Genf\nin der Schweiz.\nDie erstere hat auf vier Ciavieren nebst Pedal (von\n30 Tasten) 54 Stimmen. Fetis, Berichterstatter der Prü-\nfungs-Commission für die Abnahme der Orgel, äussert\nsich am Schlüsse des Berichtes folgender Maassen: „Durch\ndieses Instrument ist Belgien zum ersten Male in Besitz\neiner grossen Musterorgel gekommen, die den Vergleich\nmit den vollkommensten Instrumenten in Europa nicht zu\nscheuen braucht, und die besten Organisten des Auslan-\ndes können endlich in Brüssel ein Instrument finden, das\nes ihnen ermöglicht, ihr Talent in allen Beziehungen gel-\ntend zu machen. [Moniteur B\nZur Prüfung der Orgel in der Kathedrale zu Genf\nund zu den musicalischen Einweihungs-Festlichkeiten zu-\ngleich mit den unten genannten Künstlern aus Frankreich\nund der Schweiz eingeladen, theilen wir die Disposition\ndes Werkes und das Ergebniss der Revision in Folgen-\ndem mit.\nDie neue Orgel hat auf drei Ciavieren (jedes von 56\nTasten) und dem freien Pedal (von 27 Tasten) 45 Stim-\nmen, welche wie folgt vertheilt sind :\nErstes Ciavier. Positiv.\n1. Bourdon 16 Fuss.\n2. Rohrflöte 8 „\n3. Principal . 8 „\n4. Viola di Gamba ... 8 „\n5. Salicional 8 „\n6. Harmonische Flöte . . 4 „\nCombinationsstimmen.\n7. Mixtur drei- bis vierfach.\n8. Flautino 2 Fuss.\n9. Trompete 8 „\n10. Clarinette 8 B\nZweites Ciavier. Hauptwerk.\n1. Principal 16 Fuss.\n2. Bourdon 16 „\n3. Principal 8 „\n4. Bourdon 8\n5. Harmonische Flöte . . 8 „\n6. Gamba 8"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "222", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660714-01.1.6", "texte": "7. Dulciana . . 8 Fuss.\n8. Octavflöte ....... 4 „\n9. Quintflöte 3 „\n10. Prästant 4 „\nCombinationsstimmen.\n11. Doublette 2 Fuss.\n12. Fortschreitende Mixtur 4 „\n13. Cornet 8 „\n14. Ophicleide und Horn. 16 „\n15. Trompete 8 „\n16. Clairon 4 „\nDrittes Ciavier. Recit expressiv.\n1. Harmonische Flöte . 8 Fuss.\n2. Bourdon 8 „\n3. Gamba 8 „\n# %\n4. Voix Celeste 8 „\n5. Echoflöte 4 „\n6. Vox humana 8 „\nCombinationsstimmen.\n7. Fugara 4 Fuss.\n8. Cornet 8 „\n9. Fagott und Oboe . . 8 „\n10. Trompete 8 „\nViertes Ciavier. Pedal.\n1. Subbass. . 32 Fuss.\n2. Subbass 16 „\n3. Contrabass 16 „\n4. Octavbass 8 „\n5. Violoncell 8 „\n6. Octavflöte ...... 4 „\nCombinationsstimmen.\n7. Bombarde (Posaune) . 16 Fuss,\n8- Trompete 8 „\n9. Clairon 4 „\nUnter „Combinationsstimmen\" [Jeux de combinaison)\nwerden diejenigen verstanden, welche vermittels eines\nPedaltrittes mit einigen oder allen Stimmen verbunden und\nabgestossen werden können. Für diesen Zweck hat die\nOrgel fünf Pedaltritte, die über der Claviatur des\neigentlichen Pedals (welches die Franzosen jetzt\nPedalier zum Unterschiede von jenen Pedales nennen) an-\ngebracht sind und auf ähnliche Art wie die Pedale an den\nFortepiano's in Wirksamkeit gesetzt werden. Ausserdem\nliegen in derselben Reihe noch sieben Pedaltritte, ver-\nmöge deren sieben verschiedene Koppelungen bewirkt\nwerden können. Der Mechanismus aller dieser Pedale\nwirkt im Nu und ohne alles Geräusch.\nDer Commissionsbericht über die Abnahme des Wer-\nkes lautet in deutscher Uebersetzung:\n„Die unterzeichnete Commission hat die Vor- und\nNachmittage des 25. und 26. Juni zu einer gewissenhaf-\nten Untersuchung und Prüfung der Orgel in der Kathe-\ndrale St. Peter, welche die Gesellschaft für Orgelbau in\nParis und Brüssel, deren technischer Director Herr\nJ. Merklin ist, geliefert hat, angewandt.\n„Bevor die Commission zu der Prüfung der einzelnen\nTheile überging, hielt sie für zweckmässig, die vereinigten\nStimmen eines jeden Manuals und dann das volle Werk\neinschliesslich des Pedals zu hören, um einen allgemeinen\nEindruck von dem Gesammttone und der Klangwirkung\nder vereinigten Labial- und Zungenstimmen zu erhalten.\nDas Resultat dieser im Laufe des Prüfungsgeschäftes öfter\nund namentlich nach Ende desselben wiederholten Anhö-\nrung war eine vollständige Zufriedenheit mit dem gross-\nartigen und majestätischen Ton-Charakter des Instrumen-\ntes, welcher den Glanz der Zungenstimmen mit dem run-\nden und markigen Klange der Labialstimmen vereinigt\nund einen Gesammtton bildet, welcher staunen macht und\nzugleich dem Ohr durch Frische und Fülle wohlthut, die\nSeele durch seine majestätische Stimme erhebt und zu-\ngleich den künstlerischen Forderungen an ein musicali-\nsches Instrument entspricht.\n„Dieser fast exceptionelle Charakter der neuen Orgel\nist das Product der Verschmelzung zweier Systeme des\nOrgelbaues, des deutschen und des französischen. Herr\nMerklin, der beide Systeme genau studirt hat, fasste den\nGedanken, die vorzugsweise guten Resultate eines jeden\nvon beiden sich anzueignen und sie dem hohen Zwecke,\nden er im Auge behielt, zinsbar zu machen. Sehr wohl be-\nkannt mit der Tonfülle der Labialstimmen der deutschen\nOrgelbauer,jedoch mit den grossen Verbesserungen der Zu-\nngenstimmen in neuerer Zeit durch die französischen fort-\nwährend Schritt haltend, ist ihm ein eigentümliches Sy-\nstem dadurch gelungen, dass er das Gute aus jedem Sy-\nsteme annahm und das Mangelhafte in jedem zu vermei-\nden suchte. Denn wenn es allerdings ausgemacht ist, dass\nin der Kunst die Specialität die Vollkommenheit fördert, so\nlässt sich doch auch nicht läugnen, dass sie durch den\nGeist der Ausschliesslichkeit auch oft zu Vorurtheil und\nVorliebe und zu Üfeberschätzung führt. Durch dieses Ver-\nfahren hat die Gesellschaft Merklin-Schütze einen Charak-\nter des vollen Werkes hervorzubringen erreicht, welcher,\nohne dem Ohr durch schreiende Register wehe zu thun,\nnoch es durch schwirrende, unklare Brummstimmen zu\nverwirren, sich durch die Verschmelzung von Glanz mit\nWeichheit, von durchdringender, aber nicht vorherrschen-\nder, Stärke der scharfen Töne mit der reichen harmoni-\nschen Fülle der übrigen, welche die Grundlage eines schö-\nnen Orgeltones bilden, sehr vortheilhaft auszeichnet."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "223", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660714-01.1.7", "texte": "„Obgleich die Commission die Prüfung der einzelnen\nRegister erst nach der Untersuchung der mechanischen\nArbeiten vornahm, so ziehen wir doch vor, hier gleich\nalles dasjenige anzufügen, was den klingenden Theil der\nOrgel betrifft. Alles dahin Gehörende ist bis ins Einzelste\ngeprüft worden, erst durch den Anschlag von Ton für Ton\neines jeden Registers, dann in vollstimmigen Accorden, zu-\nletzt mit Hinzufügung irgend eines oder mehrerer Register,\nwelche durch Verwandtschaft oder Contrast geeignet sind,\nden Ton des zu prüfenden noch mehr zur Geltung zu\nbringen. Auf diese Weise wurden sämmtliche Stimmen\nder drei Manuale und des Pedals durchgegangen. Ueberall\nhaben wir bei der grossen Verschiedenheit der Klangfar-\nben eine vollkommen reine und schöne Intonation und den\nCharakter des Instrumentes, welchen das Register wieder-\ngeben sollte, zu gelungenem Ausdruck gebracht gefunden.\nDie neue Orgel ist eine siegreiche Protestation gegen die\nübertriebene Anhäufung der Register, von denen die mei-\nsten in den älteren Orgeln eine so treffende Familien-\nAehnlichkeit haben, dass es unmöglich ist, die charakte-\nristischen Züge ihrer Physiognomie zu entdecken,\n„Wir können hier nicht in die Besonderheiten jeder\nStimme ins Einzelne gehen, wollen aber nicht unterlassen,\nzunächst im Allgemeinen zu bemerken, dass die Principal-\nstimmen von guter Ton-Qualität besonders iro Bass und\nim Medium und die Bourdons vortrefflich sind, dass die\nRegister des Haupt-Manuals einen imposanten Verein, die-\njenigen des Positivs und dritten Manuals emeti Zusammen-\nklang weicher und lieblicher Töne bilden, and dass es\nden Pedalstimmen nicht an Fülle und Deutlichkeit fehlt,\nwelche noch besonders durch die Combinationsstimmen\ndes Pedals, namentlich die sechszehnfüssige Posaune und\ndie achtfüssige Trompete gehoben werden. Sodann müssen\nwir im Besonderen als vorzüglich gelungen bezeichnen im\nPositiv das Salicional, die harmonische Flöte, das Flautino\nund die Clarinette; im Haupt-Manual die Principale 1 und\n3, die Bourdons, die Flöten, das Ophicleide; im jßedt\nexpressif den Bourdon, die Gambe, Echoflöte, die Vox\nhumana, Fagott und Oboe; im Pedal den Contrabass 16\nFuss, den Subbass 32 Fuss, das Violoncell und die Po-\nsaune 16 Fuss.\n„Was nun die mechanische Arbeit an der Orgel be-\ntrifft, so hat die Commission, nach genauester Ansicht der-\nselben in allen ihren Theilen, sie einstimmig für bewun-\ndernswert!) in jeder Beziehung erklärt-. Noch nie hat man\neine solche Solidität mit solcher Feinheit und Genauigkeit\nder Arbeit verbunden gefunden; sie ist ein wahres Uhrwerk,\nwie Herr Batiste aus Paris sehr bezeichnend sagte.\n„Unsere Aufmerksamkeit wendete sich vorzüglich zwei\nneueren Erfindungen zu, welche die Vortreff lichkeit der\nMechanik an der neuen Orgel vorzugsweise ins Licht stel-\nlen: es sind dies der pneumatische Hebel und die Combi-\nnations-Pedale.\n„Herr Merklin, der seiner Zeit die Erfindung des\nHerrn Barker auf der Stelle in sein Gebiet zog, hat sie so\nvervollkommnet, dass Jeder, der die Arbeit und Wirksam-\nkeit des pneumatischen Hebels, wie er jetzt bei der Orgel\nin der Kathedrale St. Peter angewendet ist, untersucht\nund probirt haben wird, der Ueberzeugung Raum geben\nmuss, dass die Herstellung einer grossen Orgel zu ihrer\nVollkommenheit die Anwendung des pneumatischen He-\nbels nicht mehr entbehren kann. Die pneumatische Ma-\nschine ist hier selbst bei dem Pedal angebracht und mit\nsolcher Kunst gearbeitet, dass ihre Wirkung auf die Leich-\ntigkeit des Spiels selbst bei der Koppelung aller Claviere\nund des Pedals ganz dieselbe bleibt und eben so schnell\nund präcis agirt, als sie es auf jedem einzelnen Claviere\ntbut*).\n„Wenn der pneumatische Hebel dem Organisten die\nLeichtigkeit der Handhabung der Claviaturen verschafft,\nderen Schwere ihn so lange gedrückt hat, so kommen die\nCombinations-Pedale dem Talente des Künstlers im\nVortrage und der Nuancirung durch die Anwendung der\nverschiedenen Klangfarben der Stimmen vortrefflich zu\nStatten**).\n„Mittels dieser Pedale kann der Spieler durch einen\nleichten und augenblicklichen Fusstritt verschiedene Stim-\nmen der verschiedenen Claviere vereinigen, von der ein-\nfachen Koppelung eines Manuals mit dem anderen bis zur\nHerbeiziebung von fünf bis sechs Combinationsstimmen\noder bis zur grössten Stärke des gesammten vollen Werkes.\nEr kann also, ohne die Hand vom Ciavier zu nehmen,\nüber alle Hülfsquellen des Ausdrucks, die ihm das Instru-\nment bietet, nach seinem Willen verfügen, und man sieht\n\n*) Unsere deutschen Orgelbauer sträuben sich noch immer ge-\ngen die Anwendung des pneumatischen Hebels, und man hört wohl\ndie Bemerkung, dass derselbe allerdings die Spielart erleichtere, aber\nder Conservirung des Werkes nachtheilig sei. Es ist aber gerade das\nGegentheil der Fall, denn der pneumatische Hebel egalisirt, wie\nman sich leicht überzeugen kann, die Oeffnung der Ventile in den\nWindladen und verhindert dadurch auf nachhaltige Weise den\nYerschleiss der Ventile, welcher durch den ungleichen Anschlag,\nden geringeren oder stärkeren (und in beiden Beziehungen wech-\nselnden) Niederdruck der Tasten, befördert wird. Freilich dürfen wir\nauch nicht vergessen, dass den deutschen Orgelbauern eine so ver-\nmehrte und vervollkommnete Arbeit von den Gemeinden nicht be-\nzahlt wird, welche schon einen Weheruf erheben, wenn von 5-bis 6000\nThlrn. die Rede ist, während die Gemeinde und die Stadt in Genf\nüber 18,000 Thlr. angelegt haben, um ein vollkommen gutes Instru-\nment zu erhalten. Anmerkung der Eedaction.\n**) Es ist oben schon erinnert, dass diese Pedale oder Fuss-\ntritte nicht mit dem klingenden Pedal und dessen Claviatur ver-\nwechselt werden dürfen."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "224", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660714-01.1.8", "texte": "den grossen Vortheil, den ihm dies gewährt, leicht ein,\nwenn man bedenkt, dass der Organist nicht das glückliche\nLoos des Pianisten theilt, der im Stande ist, den Ton durch\nden Anschlag zu ändern und seine Finger den Empfin-\ndungen seiner Seele gehorsam zu machen.\n»Fügen wir noch hinzu, dass die ganze Mechanik der\nneuen Orgel mit erstaunlicher Leichtigkeit und ohne das\ngeringste Geräusch arbeitet.\n„Dies sind die Gründe, welche die Commission be-\nwogen haben, die mechanische Partie der Orgel für be-\nwundernswerth und bis heute einzig in ihrer Art zu erklären.\n„Das Gebläse, die Windladen, das Regierwerk sind\nebenfalls gut gearbeitet und die Aufstellung der Pfeifen\nzweckmässig befunden worden, wobei die Localität, ob-\ngleich nicht sehr geräumig, geschickt benutzt ist, so dass\nman zu allen Theilen ohne besondere Unbequemlichkeit\ngelangen kann. Das Material, Holz und Metall, istunta-\ndelhaft; es ist übrigens von selbst einleuchtend, dass eine\nso solide und ausgezeichnete Arbeit, wie die Orgel zeigt,\nnur mit vortrefflichem Material gemacht werden kann.\n„Hiernach schlägt die Commission dem Consistorium\nu. s. w. die unbedingte Annahme der Orgel, als eines zu\nvollkommener Zufriedenheit ausgeführten Instrumentes, vor.\n„Der unterzeichnete Berichterstatter, der vor einigen\nJahren die grosse Orgel für die Kathedrale zu Murcia in\nSpanien, die in dem grossen Saale des Etablissements\nMerklin-Schütze in Brüssel aufgestellt war, in Ueberein-\nstimmung mit Herrn Fätis für ein Meisterwerk anerkannte,\nhält sich für verpflichtet, zu erklären, dass die hiesige Or-\ngel nach seiner Ansicht jene noch übertrifft.\n„Die Commission hat die Ehre und die Befriedigung,\ndem Consistorium und der Gemeinde zu dem Besitze eines\nsolchen Instrumentes Glück zu wünschen. Die Orgel in\nSt. Peter wird zu den Merkwürdigkeiten Genfs zählen\nund allen denen zur Ehre gereichen, die dazu beigetragen\nhaben, für die Nachwelt dieses ruhmvolle Denkmal der\nfrommen und kunstliebenden Gesinnung des gegenwärti-\ngen Gesehlechts zu errichten.\n„Genf, 28. Juni 1866.\n„Gez. L. Bise hoff, Vorsitzender und Berichterstatter,\naus Köln. Ed. Batiste, Prof. am Conservatoire\nund Organist von St.Eustache in Paris. J. Vogt,\nOrganist von St. Nikolaus in Freiburg. Ren.\nde Vilbac, Organist von St. Eugenie in Paris.\nAnt. Häring, Organist von St. Peter in Genf.\nR ud. Low, Organist von St. Elisabeth in Basel.\nEl. Wartmann, Prof. in Genf. Em. Feig er 1\nin Genf. Blanck, Pastor in Colmar*).\n\n*) Ueber die drei Einweihungs-Concerte in der nächsten Nummer.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nBerlin. In Folge der eingetroffenen Nachrichten von dem\nWaffenglücke der preussischen Armee haben die Theater Pest-Vor-\nstellungen zum Besten des „Wilhelms-Vereins\" angesetzt. Das Wall-\nner-Theater spielte zu halben Preisen, das Friedrich-Wilhelmstädti-\nsche Theater öffnete seine Pforten dem Publicum ohne Entröe, wäh-\nrend in aufgestellte Büchsen jeder Zuschauer nach Kräften bei-\nsteuerte. Der Jubel in der Stadt ist eben so allgemein, als gross.\nWien. In Herrn Nachbauer vom Hoftheater in Darmstadt,\nder am 4. Juli als Arnold im „Teil\" ein vorläufig auf drei Rollen\nfixirtes Gastspiel eröffnete, hat man Gelegenheit gehabt, den Eigen-\nthümer einer sehr hübschen Tenorstimme kennen zu lernen. Das\nOrgan des Gastes, hell timbrirt und leicht ansprechend in der Höhe,\nin der Klangfarbe, wenn auch nicht in der Fülle an die Stimme\nWachtel's erinnernd, ist bestechend, und da unser Publicnm für\nschöne Stimmen zunächst empfänglich ist, so wurde es Herrn Nach-\nbauer nicht schwer, sich bei demselben sofort in Gunst zu setzen,\nwelche letztere sich in Beifall und Hervorrufen äusserte. Von den\nsonstigen Qualitäten dieses Sängers ist wohl die wichtigste, dass er\ngut musicalisch zu sein und ein gutes Gehör zu haben scheint, da\nsein anfängliches Zuhochsingen lediglich der Befangenheit, vielleicht\nauch der ungewohnten Stimmung zuzuschreiben sein dürfte. Die\nAussprache ist sehr deutlich, die Erscheinung nicht unvortbeilhaft.\nDem Vortrage jedoch mangelt der ästhetische Schliff und das schöne\nMaass; das Spiel leidet an Unbeholfenheit. Das aber sind Mängel,\ndie durch fetudium, Uebung und Vorbilder beseitigt werden können.\nParis. Beim Eintreffen der Nachricht von der Anrufung der\nVermittlung Napoleon's 111. in der Noth Oesterreichs hatten alle\nTheater geflaggt und waren Abends glänzend illuminirt „zur Feier\nder Unterwürfigkeit einer fremden Grossmacht\".\nParis« Auber ist trotz seines hohen Alters wiederum mit\nder Composition eines dreiactigen Werkes für die komische Oper\nbeschäftigt."}]}