{"numero_id": "bm-bmtnabi-1866-07-21-01", "volume": "bmtnabi_1866-07-21_01", "ocr_sha256": "a9e9f6c68e295063789a5ce794d300d68a303a4d1c3027b5dbf64cea38bf574a", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1866/07/21_01/bmtnabi_1866-07-21_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660721-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1866-07-21-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1866-07-21_01#c001", "volume": "bmtnabi_1866-07-21_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "225", "page_fin": "225", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660721-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "225", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660721-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 406, "texte": "Inhalt.\nDer Theresismus. Die Concerte bei Einweihung der neuen Orgel in der Kathedrale St. Pierre zu Genf. Von L. B.\nAus Bielefeld (Der Winter von 1865—1866). Tages- und Unterhaltungsblatt (Leipzig, neue Werke im Verlage von\nBreitkopf und Härtel Theuerungs-Zulage, Landestheater Wien, Frau Peschka-Leutner Salzburg, Concertmeister Hans Blau\nUllman will Concerte in Frankreich geben Paris, Thtätre lyrique)."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1866-07-21-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1866-07-21_01#c002", "volume": "bmtnabi_1866-07-21_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "225", "page_fin": "227", "image_debut": 1, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660721-01.2.2", "titre_corps": "Der Theresismus", "titre_sommaire": "Der Theresismus", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "225", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660721-01.1.1", "debut_caractere": 408, "fin_caractere_exclue": 4311, "texte": "Der Theresismus\n*).\nDie Haupt-Aufgabe der Musik ist, die reinsten Ge-\nfühle auszudrücken und anzuregen und die Seele des\nMenseben in höhere Regionen zu erheben. Dem Menschen\nist diese erhabene Sprache von Gott gegeben, um die edel-\nsten Empfindungen und Regungen des Herzens auszu-\nsprechen. Ihr Zweck ist, das Schöne zu erstreben und es\nin schöner Form zu offenbaren. Mag sie nun in den Re-\ngionen des Spiritualismus schweben oder die Leidenschaf-\nten und Gefühle des menschlichen Herzens schildern, im-\nmer muss sie nur danach trachten, das Schöne zur Er-\nscheinung zu bringen. In jedem genialen Componisten\nlebt ein göttlicher Hauch, welcher die feingebildeten Or-\nganisationen und auch die Naturen von derberem Stoffe ent-\nzückend anweht, und desshalb sind die Namen Haydn,\nMozart, Beethoven von strahlender Glorie umgeben und\nwerden in alle Zeit forttönen. Denn das Schöne ist der\nAbglanz des Wahren, und die Werke, in denen sich diese\nWahrheit am leuchtendsten offenbart, behalten auch den\nGlanz ewiger Jugend.\nWir wollen und dürfen indess nicht zu ausschliesslich\nsein; neben der Musik der höheren Sphäre geben wir al-\nlerdings auch eine andere zu, die einen weniger erhabe-\nnen, weniger ernsten Charakter hat, deren Zweck ist, die\nsparsamen Mussestunden im Treiben des bürgerlichen Le-\nbens zu erheitern. Geist und Witz, leichter Sinn und Mun-\nterkeit bilden einen der hervorragendsten Züge des fran-\nzösischen Charakters. Frankreich war stets das classische\nLand der munteren Gesänge (chansons); selbst im Missge-\nschicke summten unsere Väter die beliebten Melodieen:\nwie sollte ihnen der fröhliche Sinn bei glücklichen Zu-\nständen fehlen? Die populär poetische und musicalische\nLiteratur zählt eine Menge mehr oder weniger berühmter\nNamen. Wir werden auch keineswegs den Franzosen je-\nmals das Recht, zu lachen, streitig machen wollen; sie müs-\nsen Chansons haben, und unsere Sympathie ist denjenigen\nErzeugnissen dieser Gattung gewiss, welche mit den witzi-\ngen Einfällen und dem Erfindungs- und Form-Talente die\nAchtung vor Anständigkeit und gutem Geschmacke ver-\nbinden.\nWas wir aber nicht zulassen können, was wir mit\naller Kraft zurückweisen und verwerfen, was alle Men-\nschen von Einsicht und Bildung des Verstandes und Her-\nzens nicht energisch genug brandmarken können, das sind\njene unzüchtigen Producte, jene innerlich faule Literatur,\njene Schamlosigkeit im Volksgesange, welche in unseren\nTagen auf erschreckende Weise überhand genommen hat.\nDas ist ein scheussliches Geschwür, ein nagender Krebs,\nder mit dem glühenden Eisen der öffentlichen Meinung\nausgebrannt werden muss. Wir wollen hier keine Sitten-\npredigt halten und unseren Zeitgenossen Tugendlehren\ngeben: allein man wird uns gestatten, in Erinnerung zu\nbringen, dass zwischen der Kunst und der Gesittung mehr\nwechselseitige Beziehungen bestehen, als man gewöhnlich\nglaubt. Wir glauben desshalb, dass es hohe Zeit ist, im\nNamen der Interessen der Kunst gegen die gemeinen und\ndummen Bänkelsängereien aufzutreten, deren Verbreitung\nund Erfolg beim Volke den Sinn für das Schöne abzu-\nstumpfen und ganz und gar zu unterdrücken droht.\nEs gibt in den grossen Städten, den Mittelpunkten der\nCivilisation, eine zahllose Menge ohne Erziehung und Bil-\n\n*) Man kennt den Namen der Mademoiselle Therese in Paris\nund die Huldigungen, die man dieser Bänkelsängerin dort ohne zu\nerröthen gebracht hat. Da der Geschmack an ihren und ähnlichen\nGesängen in den Cafes-chantants oder Cafös-concerts, wie sie jetzt\nheissen, sich wie eine Epidemie verbreitet, so hat die France mu-\nsicale dieser Krankheit den Namen Le Theresisme gegeben und in\nihrer Nr. 26 vom 1. Juli einen Artikel, unterzeichnet M. Escudier,\ngebracht, welcher den vergiftenden Einfluss der gemeinen Musik-\nProductionen und die daraus bereits hervorgegangenen traurigen mu-\nsicalischen Zustände mit Freimüthigkeit schildert und energisch da-\ngegen auftritt. Die Redaction."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "226", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660721-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5260, "texte": "dung, deren ganze Thätigkeit durch unablässige und müh-\nsame Arbeit in Anspruch genommen wird. Diese Classe\nder Bevölkerung hat weder Zeit noch Mittel, sich zu bilden.\nAllein sie ist, namentlich in Paris, höchst empfänglich für\näussere Eindrücke. Alles, was sie hört und sieht, hinter-\nlässt tiefe Spuren in ihrem Innern, welches allen edleren\nGefühlen zugänglich ist; allein sie nimmt auch ohne stren-\ngere Sichtung alles in sich auf, was niedrigen Trieben\nschmeichelt. Sie bedarf der Erholung und Zerstreuung.\nDarum hat man für sie besondere Arten von Bühnen er-\nfunden, von denen namentlich die so genannten Cafes-\nconcerts floriren. Im Princip haben wir nichts gegen\ndiese Anstalten, wo man für ein geringes Eintrittsgeld\neinige Erfrischungen und zugleich Musik geniesst, die von\nmehr oder weniger geschickten Sängern ausgeführt wird.\nAber die Art und Weise, wie diese Anstalten von Specu-\nlanten ausgebeutet werden, welche aus Eigennutz für ihr\nGeschäft die Interessen der Kunst auf gemeine Weise\nhintansetzen, diese verdient die schärfste Rüge.\nAn und für sich hätte vielleicht das Cafe-concert un-\nter guter Leitung nicht unerspriesslich sein können, indem\nes jüngere Talente, denen die Pforten der Theater noch\nverschlossen sind, ans Licht gebracht und dem Publicum\nProgramme geboten hätte, in denen neben Stücken von\ngrösserem Stile Compositionen leichterer Gattung, gut\ngewählt und von einnehmender Anziehungskraft, das Volk\nzum Geschmacke an wirklichem Kunstschönen gewöhnt\nhaben würden. Aber leider ist dies gar nicht der Fall\ngewesen.\nWir wollen nicht über alle Künstler, die sich in die-\nsen Cafe's produciren, den Stab brechen; es hat deren\nschon gegeben, die ihre später glänzende Laufbahn an\neinem Operntheater dort begonnen hatten. Allein das sind\nseltene Ausnahmen: im Allgemeinen sind die Sänger der\nCafe's höchst mittelmässig, sie kümmern sich eben so we-\nnig um Talent, als um Fleiss, und ihr Gesang mit Stim-\nmen ohne alle Bildung und allen Reiz dient nur dazu,\nläppische Possen zu reissen und sie mit lächerlichen Gri-\nmassen und Pantomimen zu begleiten.\nUnd doch haben sie ihre Berühmtheiten! Wir wollen\nüber deren Werth nicht weiter sprechen: alle Menschen\nvon Bildung und Geschmack sind längst einig über den\nWerth und das wirkliche Verdienst gewisser Sängerinnen,\nderen ganzes Talent darin besteht, Zweideutigkeiten des\nTextes und Situationen, welche die Schambaftigkeit em-\npören, vorzutragen und sie durch Geberden, Blicke und\nAction ins Licht zu stellen. Eine dieser Berühmtheiten\nerhält eine fabelhafte Summe als Gehalt, was bei den\nFreunden der Moral eben so wie bei den Freunden der\nKunst schwere Bedenken erregen muss*).\nMan wird uns nicht der Uebertreibung beschuldigen\nkönnen, wenn wir behaupten, dass das Repertoire der\nCafös-Concerts den Freunden der rohen und plumpen\nSpässe nichts zu wünschen lässt. Reine Ausdrücke vermö-\ngen diese Musik zu cbarakterisiren, in der das Gemeine\nund Triviale die äusserste Gränze erreicht, diese Souter-\nrain-Literatur, die aus Zweideutigkeiten, Lazzi, Calem-\nbourgs und Spässen ohne Geist und Witz, ohne Sinn und\nVerstand besteht. Wende man nicht ein, das Volk müsse\nsich doch amüsiren! Wir sind der Meinung, dass dieser\nZweck erreicht werden könne, ohne dessen Intelligenz und\nGefühl zu erniedrigen.\nWenn nun diese liederliche Musik, deren traurigen\nEinfluss wir anklagen, sich auf die Cafes-Concerts be-\nschränkte, so würde das Uebel doch nur einen beschränk-\nten Wirkungskreis haben; allein seine Verwüstungen blei-\nben nicht innerhalb dieser Gränzen stehen: in Unzahl ver-\nbreitet, zu Hunderttausenden von Exemplaren verkauft,\ndringen diese gemeinen Producte in die Werkstätten, ja,\nin die Häuslichkeit der Familien ein. Die Drehorgeln wie-\nderholen sie auf allen Strassen und zu jeder Tageszeit,\nund so werden sie die geistige Nahrung, das tägliche Brod\neiner ungeheuren Bevölkerung.\nDieser Zustand der Dinge ist ein Zeichen von Verfall,\nvon vollständigem Sinken des Barometers der Kunst.\nVon den niederen Gründen der menschlichen Gesell-\nschaft fangen diese ungesunden Dünste an in die höheren\nSchichten hinauf zu steigen, wo sie die Ueberlieferungen\ndes Geschmacks, des feinen Anstandes, des Urtbeils über\ndas Schöne vergiften. Selbst die in der Schule der Meister\ngebildeten Componisten erliegen dem Einflüsse einer Mu-\nsik, welche aus jedem Echo der grossen Hauptstadt wie-\nderhallt, und am Ende beginnen ihre Werke die allge-\nmeine Verwirrung der Begriffe und die gänzliche Auflö-\nsung des Kunstschönen ins Triviale wiederzuspiegeln. Denn\nman weiss, wie empfänglich die Musiker für äussere Ein-\ndrücke sind: ein Hauch genügt oft, ihr Nervensystem zu\nerschüttern. Wie sollten sie nicht den Rückschlag einer\nRevolution empfinden, welche die populäre Musik auf ganz\nandere Bahnen wirft? Wahrlich, wir dürfen nicht ablas-\nsen, ihnen zuzurufen: „Nehmt euch in Acht, verschliesset\neuer Ohr den Tönen einer leichtfertigen Musik, die ihre\nPopularität in der Schamlosigkeit sucht; sammelt euch in\nStudium und Nachdenken, steiget immer mehr zu den\n\n*) Man bemerke, wie selbst ein pariser Blatt, das seinen Le-\nserkreis doch nur in den gebildeten Ständen findet, es nicht wagt,\ndiese Berühmtheit, die Therese, mit ihrem Namen zu bezeichnen!\nNatürlich, sie hat ja sogar bei Hofe gesungen!"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "227", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660721-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2738, "texte": "Höhen der Kunst empor, suchet in euren Herzen und in\neurer Phantasie und in den Werken der Meister, die euch\nvorangegangen sind, eine Schranke und Hülfsquelle gegen\ndie heillosen Tendenzen, welche jeden heiligen Funken,\njede Begeisterung, jedes Genie in euch zu ersticken\ndrohen!\"\nLeider ist Frankreich das einzige Land civilisirter Na-\ntionen, wo das von uns gerügte Uebel so grosse Maass-\nVerhältnisse angenommen hat. Wir bestätigen diesen\nAusspruch mit Bedauern, aber die Thatsache ist un-\nläugbar.\nDeutschland besitzt Volkslieder, die ebenfalls den\nZweck haben, die arbeitende Classe in Stadt und Land zu\nvergnügen, aber diese Lieder durchzieht der Hauch einer\nsanften Munterkeit, einer reizenden Gemüthlichkeit; Kunst\nund Anstand erscheinen darin überall geachtet. In Berlin,\nWien, München, Dresden, Frankfurt, Köln wird man nir-\ngend solche Stücke und Gesänge hören, die denen ähnlich\nwären, welche die grosse Mehrheit der pariser Bevölke-\nrung mit so grosser Gunst aufnimmt. Die Deutschen wür-\nden erröthen, solche fade Gemeinheiten mit anzuhören:\nsie wollen, dass die Musik sich stets auf einer gewissen\nHöhe halte, und würden nicht dulden, dass man vor ihren\nOhren die edelste von allen Künsten entweihe.\nItalien ist ebenfalls vor dem Eindringen jener schlech-\nten Musik gesichert, deren Monopol heutzutage Frankreich\nallein zu besitzen scheint. Italien bleibt im Ganzen seinen\nTraditionen treu, es vergisst seine ruhmvolle Vergangen-\nheit nicht, vergisst nicht, dass es die Wiege der grössten\nMeister von Palestrina bis auf Rossini gewesen ist.\nUnd Frankreich hat doch gewiss in dieser Beziehung\nauch Ansprüche auf die Bewunderung der Welt, aber\nseine Pflicht ist, sie aufrecht zu erhalten. Es muss durch\nentschiedene Verachtung gegen die Machwerke protesti-\nren, die eine immerwährende Aufreizung zur Herabwür-\ndigung von allem, was schön ist, sind, auf dass man uns\nnicht länger vorwerfen könne, zum Sinken der Tonkunst,\ndie in Frankreich so ausgezeichnete Vertreter gezählt bat,\nbeigetragen zu haben.\nWir wissen sehr wohl, dass die Freimütigkeit un-\nserer Sprache lebhafte Anschuldigungen erfahren wird.\nWir wissen, dass die Literatur, gegen die unsere Angriffe\ngerichtet sind, einen bedeutenden und fruchtbaren Zweig\nder Industrie hervorgetrieben hat und dass beträchtliche\nInteressen sich an die Verbreitung dieser sogenannt popu-\nlären Literatur und Musik knüpfen. Die Capitalisten,\nwelche ihr Vermögen in solchen Unternehmungen ange-\nlegt haben, werden einen Schrei des Entsetzens über\nuns ausstossen. Aber das kann uns nicht rühren: wo die\nKunst durch das feindliche Eindringen des schlechten\nGeschmacks bedroht ist, muss jedes Blatt, das sich ihren\nInteressen widmet, mit erneutem Eifer seiner Aufgabe\ngerecht werden*)."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1866-07-21-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1866-07-21_01#c003", "volume": "bmtnabi_1866-07-21_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "227", "page_fin": "230", "image_debut": 3, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660721-01.2.3", "titre_corps": "Die Concerte bei Einweihung der neuen Orgel in der Kathedrale St. Pierre zu Genf.", "titre_sommaire": "Die Concerte bei Einweihung der neuen Orgel in der Kathedrale St. Pierre zu Genf.", "signature_source": "L. B", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "227", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660721-01.1.3", "debut_caractere": 2740, "fin_caractere_exclue": 5367, "texte": "Die Concerte bei Einweihung der neuen Orgel in\nder Kathedrale St. Pierre zu Genf.\n\n(Vergl. Nr. 28.)\nDass bei der Bevölkerung der Schweiz in Bezug auf\nWissenschaft und deren Einfluss auf Freiheit und Selb-\nständigkeit der Gesinnung und der Verfassungen bei den\nBewohnern von beiden Theilen des glücklichen Landes,\ndes deutschredenden wie des französischredenden (des\nWälschlandes, wie es in der Volkssprache der deutschen\nSchweizer genannt wird), die geistigen Bestrebungen auf\ngleicher Höhe stehen, ist eine oft gemachte und im Allge-\nmeinen auch ganz richtige Bemerkung, wenn auch in der\nArt und Weise der Forschung und noch mehr in der Dar-\nstellung der Resultate durch die Literatur sich die charak-\nteristischen Eigenheiten beider Racen offenbaren. Weit\nmehr als in der Literatur tritt aber die nationale Verschie-\ndenheit in der Kunst hervor; namentlich in der Tonkunst\nist in der deutschen Schweiz der deutsche musicalische\nSinn und Charakter bei Weitem überwiegend, während im\nWälschlande mehr französischer Geschmack und jenes di-\nlettantische Musiktreiben vorherrscht, welches von Paris\nher und nicht gerade aus den besseren musicalischen\nKreisen der Weltstadt seine Losung erhält. Während\ndie deutschen Städte Basel, Bern, Zürich, selbst kleinere,\nwie z. B. Zofingen und andere, Vereine besitzen, die im\nStande sind, die Grundlage der musicalischen Kräfte zur\nVeranstaltung von regelmässigen Winter-Concerten und\nAufführungen classiscber Orchester- und Gesangwerke,\nvon Sinfonieen und Oratorien zu bilden, Vereine, welche\n\n*) Wenn man die Verhältnisse und Zustände in Paris kennt,\nso muss man Herrn M. Escudier's Wahrheitsliebe und Kühnheit\nrühmend anerkennen, denn er hat offenbar in ein Wespennest ge-\nstochen, da fast die ganze neueste pariser Operetten-Literatur, mit\nberühmten Namen an der Spitze, auf jener Frivolität und Lieder-\nlichkeit der Poesie und der Melodie beruht, welche er mit Recht\nso scharf geisselt. Bis jetzt verdienen wir in Deutschland noch das\nLob,/das er unserem richtigen musicalischen Gefühle zollt: allein\nes gibt der Vorzeichen schon gar manche, dass auch wir gegen das\nHereinbrechen des Geschmacks an läppischen Possen mit Musikbe-\ngleitung auf der Hut sein müssen. Die Kaffee- und Bier wirtschaf-\nten mit obligater Musik und pantomimisch-theatralisch unterstütztem\nGesänge nehmen auch in unseren grossen Städten sehr zu (man ver-\ngleiche nur z. B. die Tagesanzeigen in der Kölnischen Zsitung),\nund wenn auch allerdings die Unsittlichkeit ihnen noch fern ist, so\ntragen sie doch wahrlich, eben so wenig wie die Sommertheater,\nzur Erhaltung des gesunden Geschmacks bei.\nDie Redaction.\n[*J"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "228", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660721-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5360, "texte": "über gehörige Geldmittel verfügen und durch die Bemü-\nhungen und die künstlerische Tüchtigkeit von technischen\nDirigenten, wie die Herren Reiter in Basel, Frank in\nBern, Petzold in Zofingen u. s. w., zu immer grösserer\nBlüthe gelangen, vermisst man in der französischen Schweiz\nähnliche Institute noch fast überall.\nSelbst in Genf, dieser glänzenden und ihren Ruf in\nBezug auf intellectuelle Bildung so wohl verdienenden\nStadt, scheint erst in neuester Zeit der Sinn für die Ton-\nkunst in so fern eine edlere Richtung anzunehmen, als\nmehrere Gesangvereine sich gebildet haben, die der\nernsteren Gattung der Musik ihre Studien widmen und\nvon dem Resultate derselben bereits erfreuliche Beweise\ngeben. Auch spricht die Opferwilligkeit der protestanti-\nschen Gemeinde, durch welche die bedeutenden Mittel zur\nAufstellung der in der vorigen Nummer d. 81. beschrie-\nbenen herrlichen Orgel in der St.-Peterskirche beschafft\nworden sind, und eben so die zahlreiche Theilnahme des\nPublicums an drei hinter einander folgenden Kirchen-Con-\ncerten, die zu deren Einweihung veranstaltet wurden, gar\nsehr für die Empfänglichkeit der Bevölkerung für gute\nMusik ernsterer Gattung und für die Zunahme des Sinnes\nfür die Tonkunst überhaupt. Es kommt nun nur darauf\nan, diesen Sinn immer mehr zu wecken und durch gesunde\nKost zu nähren, und in dieser Beziehung haben die dor-\ntigen Künstler und Musiklehrer wenn auch keine leichte,\nso doch eine durch den Erfolg lohnende Aufgabe zu lösen.\nIn wie weit das Conservatorium der Musik in Genf\neine einflussreiche Wirksamkeit nach dieser Richtung hin\nausübe, können wir aus der einzigen Leistung seines\nChors im zweiten Kirchen-Concerte nicht beurtheilen. Der\nGesang war rein und nicht ohne Ausdruck, namentlich\nhörten wir schöne Sopranstimmen dabei. Allein die Auf-\nführung einer Composition wie der 90. Psalm von Manna\nfür Solostimmen, Chor und Orgel wäre in Deutschland\nund in der deutseben Schweiz in einer Kirche unmöglich\ngewesen, und sprach wenig für die Gewöhnung der Zög-\nlinge an edle Musik, da das ganze Werk im Stile der ita-\nliänischen Oper von der allergewöhnlichsten Gattung ge-\nschrieben ist. Unter dem dortigen Conservatorium darf\nman sich überhaupt nicht eine Anstalt zur ausschliesslichen\nBildung von Künstlern von Fach und Lehrern der Kunst\nvorstellen, wiewohl allerdings auch solche daraus hervor-\ngehen können. Das Institut, reichlich ausgestattet und von\neiner nach dem allgemeinen Urtbeile trefflichen Direction\nund tüchtigen Lehrern geleitet, ist eine grosse Musikschule,\ndie von Schülerinnen und Schülern jedes Standes und\nAlters besucht wird, welche sich irgend eine mehr oder\nweniger tiefe musicalische Bildung durch Fertigkeit auf\neinem Instrumente, hauptsächlich dem Ciavier, und durch\nTheilnahme am Gesang-Unterricht u. s. w. zu eigen ma-\nchen wollen. Man kann sich ungefähr die Aufgabe und\nden Charakter des Instituts vorstellen, wenn man hört,\nwie uns von Herrn Michel Bergson, der als rühmlichst\nbekannter Pianist Director des gesammten Clavier-Unter-\nrichts ist, mitgetheilt wurde, dass die Clavierclassen im\nGanzen 340 Schüler (hauptsächlich Schülerinnen) ent-\nhalten.\nNach dem Berichte des Comite's (vom 30. Juni d. J.)\nzählte die Anstalt in 129 Classen im ersten Semester des\nSchuljahres 673, im zweiten 631 Schüler unter der Lei-\ntung von 29 Professoren und 2 Hülfslehrern. Diese Na-\ntional-Anstalt besteht seit dem Jahre 1835. Erst seit\neinem Jahre sind mit dem Clavier-Unterricht der höheren\nAbtheilung auch Stunden für die Elemente der Harmonie-\nlehre verbunden. Herr Reymond, Lehrer des Violin-\nspiels, der einen Quartett-Verein gegründet bat, aus dem\nsich vielleicht ein Orchester, das noch ganz fehlt, ent-\nwickeln kann, leitet auch das Pianofortespiel mit Beglei-\ntung; allein es ist kein erfreuliches Zeichen für die Zu-\nnahme des höheren musicalischen Sinnes, dass bis jetzt\nnur sieben Schülerinnen an dieser Uebung in classischer\nKammermusik Theil genommen haben. Für den Unterricht\nim Orgelspiel gibt das Consistorium und der Verein der\nPrediger einen Zuschuss, welcher es möglich gemacht hat,\neinige Zöglinge aufzunehmen, deren Befähigung für Orga-\nnistenstellen auf dem Lande sich immer mehr entwickelt.\nDie letztere Bemerkung führt uns wieder auf die Kir-\nchen-Concerte zurück, die am 27., 28. und 29. Juni\nzu Ehren der neuen Orgel in der Peterskirche gegen Ein-\ntrittsgeld Statt fanden und denen am Sonntag den 1. Juli,\nNachmittags um 3 Uhr, noch ein Volks-Concert mit freiem\nEintritt folgte. Die schöne, geräumige Peterskirche, deren\nAkustik, wenn sie gefüllt, vortrefflich ist, war jedes Mal\nvon einer zahlreichen Zuhörerschaft besetzt, am Sonntag\nvon Tausenden.\nDie Programme der Concerte enthielten Orgel-Vor-\nträge und Chor- und Sologesänge. Am interessantesten\nwaren die ersteren, da ein Verein von sehr tüchtigen und\nzum Theil in der musicalischen Welt berühmten Orga-\nnisten, wie z. B. die Herren Vogt aus Freiburg (in der\nSchweiz) und Batiste aus Paris, durch das Consistorium\neingeladen, bei dieser Gelegenheit sich und das neue In-\nstrument hören Hessen.\nDas erste Concert eröffnete Herr Anton Häring,\nOrganist der Peterskirebe, den also die neue Orgel beson-\nders anging, mit einer sehr präcisen Ausführung des Prä-\nludiums und der Fuge über von J. S. Bach,\nwelcher er nachher noch zwei Sätze aus einer Orgel-So-\nnate von Mendelssohn, ein Pastorale von Neukomm (?) und"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "229", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660721-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5389, "texte": "ein Finale von Mendelssohn hinzufügte. Wir lernten in\nHerrn Häring einen recht wackeren Orgelspieler von deut-\nscher Schule kennen, der mit Leichtigkeit die Schwierig-\nkeiten der Bach'schen Fuge überwand und das unge-\nwohnte neue Instrument schon mit grosser Gewandtheit\nbeherrschte. Herr Eduard Batiste, Professor am Con-\nservatorium und Organist an St. Eustache in Paris, trug\neine Elevation in E-mollund eine Communion in\nvor, nachher eine Phantasie zur Geltendmachung der ver-\nschiedenen Register und zuletzt einen pompösen Finalsatz\n—ob eigene Improvisation oder nicht, ist uns unbekannt\ngeblieben vor. Der in Frankreich eines ausgebreiteten\nRufes geniessende Künstler zeigte sich nicht nur auf der\nOrgel überhaupt zu Hause, sondern zeigte auch durch\nlängere Bekanntschaft mit den Orgeln aus den Werkstät-\nten von Merklin-Scbütze eine grosse Gewandtheit in der\nBenutzung der Combinations-Pedale und Anwendung der\nverschiedenen Klangfarben durch geschickte Benutzung\nder Register. Natürlich bleibt der französische Geschmack,\nder die Orgel ausser dem Gottesdienste als Concert-Instru-\nment betrachtet und von ihr mehr Reiz für die Sinne, als\nNahrung für den musicaliscben Verstand und die Erha-\nbenheit des Gefühls verlangt, nicht ohne Einfluss auf die\nfranzösischen Organisten; Herr Batiste hat uns aber be-\nsonders durch seine letzte Production bewiesen, dass er\nauch die sämmtlichen Hülfsmittel der Orgel zu grossarti-\nger Entwicklung musicalischer Gedanken zu benutzen und\nzu beherrschen weiss. Zu bedauern war es, dass uns der\nGenuss dieser imposanten Leistung durch das geräusch-\nvolle Aufbrechen der Zuhörer verkümmert wurde; leider\nstand auf dem Programm als Bezeichnung dieser letzten\nNummer ganz einfach: „Sortie\", was das Publicum für\neinen nicht zu verachtenden Wink nahm.\nZwischen den Orgel-Vorträgen sang die Sbetete de\nChant sacreunter der Direction des Herrn Wehrstedt\nden 42. Psalm von Goudimel, harmonisirt von Wehrstedt,\nden Chor der Engel von Bortnianski, die Hymne für Chor\nund Solo-Sopran von Mendelssohn und das Hallelujah aus\ndem „Messias\" von Händel; ausserdem trug eine Dilet-\ntantin mit schöner Stimme das von Mozart für\nAlt vor. Die Gesänge, namentlich der Chor von Bort-\nnianski, machten einen recht schönen Eindruck; für das\nHallelujah war die Chormasse zu schwach und die Prä-\ncision wegen der Stellung des Chors, dessen Dirigenten\nder Organist nicht sehen konnte, zu schwierig.\nIm zweiten Concerte war Herr J. Vogt allein Ver-\ntreter des Orgelspiels. Herr Vogt ist Organist an der St.-\nNikolauskirche zu Freiburg in der Schweiz, deren Orgel\nmit ihren 67 Registern, von AI. Mooser (j- 1839) erbaut,\nzu den berühmten Instrumenten gehört. Herr Vogt, aus\ndem Canton Basel gebürtig, versieht die bedeutende Stelle\nin Freiburg bereits in einer Reihe von Jahren, und seine\nLeistungen haben ihm den Ruf eines der ersten Orgel-\nspieler in der Schweiz verschafft. Er bewährte diesen Ruf\nauch in Genf vollkommen durch den Vortrag einer Fuge\nvon Händel (mit eigener Introduction), eines Adagio reli-\ngiös*) von eigener Composition und zwei gut gewählter\nConcertstücke von Merkel und von Töpfer, von denen be-\nsonders das letzte vortrefflich geeignet ist, einen imposan-\nten Eindruck zu machen. Herrn Vogt's Spiel können wir\nnicht besser charakterisiren, als wenn wir sagen, dass es\nüberall in vollem Maasse künstlerisch war, auch in dem\nPräludium und Concertino von seiner Composition, das\nauf die Anwendung der sanfteren Solostimmen der Orgel\nberechnet war.— Die Gesang-Vorträge führte dieses Mal\ndie Societe du Conservatoire aus: 25. Psalm, harmonisirt\nvon Wehrstedt, Atta beata Trinita, recht gut a capeUa\ngesungen, 90. Psalm von Manna, Alt-Solo (ein Gellert'-\nsches Lied von Beethoven), durch Madame Landi. Wir\nhaben oben bereits die Reinheit des Gesanges dieses Ver-\neins gerühmt, mussten aber die Composition von Manna\nals ungeeignet und, auch abgesehen von ihrer Unkirchlicb-\nkeit, als werthlos bezeichnen.\nIm dritten Concerte lernten wir in Herrn Rudolph\nLow, Organisten an der schönen neuen Elisabethkirche\nzu Basel mit einer trefflichen Orgel, die gleichfalls aus\ndem Etablissement Merklin-Schütze hervorgegangen ist,\neinen tüchtigen Musiker und sehr guten Orgelspieler\nkennen. Sein Vortrag des Präludiums in von Bach,\nder Hymne von Liszt (eines wirkungsvollen Orgelstückes)\nund der grossen Toccata in D-mott von Bach bewies Si-\ncherheit und Leichtigkeit der Technik in der Beherrschung\nder Schwierigkeiten und eine besonders erfreuliche Klar-\nheit der Stimmführung und des reichen Figurenwerkes.\nHerr Renaud de Vilbac, Organist an der Kirche\nSte. Eugenie in Paris, zeigte in seinen Vorträgen eigener\nComposition eine gewandte Benutzung der verschiedenen\nSolo- und Combinationsstimmen der neuen Orgel, wobei\ner sich jedoch ganz und gar in dem engeren Kreise des\nfranzösischen Geschmacks hielt. Herr de Lange aus\nHolland bewährte sich durch den Vortrag einer etwas\ntrockenen Toccata von Muffat als Orgelspieler guter\nSchule. Die Gesänge führte ein dritter Verein, die\neiete la Cecilienne,aus; er trug das „Abendlied\" von Jos.\nHaydn, ein einfach schönes, sehr ansprechendes kleines\nGesangstück, recht gut vor; weniger befriedigte der Män-\nnerchor durch das bekannte „Kirchlein\" von Becker. Den\nSchluss des Concertes bildete der schon erwähnte Vortrag\nder Bach'schen Toccata durch Herrn Low auf würdigste\nWeise, obwohl auch hier wieder, wie an den beiden vo-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "230", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660721-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1085, "texte": "rigen Nachmittagen, die Unsitte des Aufbruches der Mehr-\nzahl der Zuhörer bei dem letzten Stücke störend war.\nEine Improvisation im französischen Stile würde sie viel-\nleicht eher, als der alte Bach mit seinen rücksichtslosen\nAnsprüchen auf denkende Hörer, festgehalten haben. In-\ndessen fanden wir doch in einem genfer Nachbar auf den\nreservirten Sitzen, dessen Name uns leider entfallen ist,\neinen trefflich musicaliscb gebildeten Dilettanten, der ein\nentschiedener Verehrer Bach's war und fast alle Werke\ndesselben, namentlich die Passionen und Cantaten und die\nFugen für Orgel und Ciavier aus den Partituren, die er\nbesass, kannte, was uns in der That überraschte, wie er\ndenn auch mit uns bis zum letzten Accorde der Toccata\nin D-mollin sichtbar erregter und befriedigter Spannung\nsich dem Genüsse des gewaltigen Werkes hingab.\nSo boten denn die Tage in Genf gar manches Schöne\nund Interessante dar, und werden besonders auch noch\ndurch die gastfreundliche und ehrenvolle Aufnahme, welche\nden fremden Künstlern zu Theil wurde, bei diesen in an-\ngenehmer Erinnerung bleiben.\n\nL. B."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1866-07-21-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1866-07-21_01#c004", "volume": "bmtnabi_1866-07-21_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "230", "page_fin": "232", "image_debut": 6, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660721-01.2.4", "titre_corps": "Aus Bielefeld.", "titre_sommaire": "Aus Bielefeld.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "230", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660721-01.1.6", "debut_caractere": 1087, "fin_caractere_exclue": 5182, "texte": "Aus Bielefeld.\n(Der Winter von 1865—1866.)\nIm Anscbluss an die Notizen, welche Ihre Zeitung\nüber unsere Musik von Zeit zu Zeit brachte, schulde ich\nnoch eine ähnliche üher die letzten Concerte, von denen\ndas am 8. Juli auf der Tonhalle, die über 1200 Menschen\nin sich aufgenommen hatte, einen eben so musicalisch\nglänzenden, als hinsichtlich seines wohlthätigen Zweckes\nes fand für die Truppen und deren Zurückgebliebene\nStatt—erfreulichen Abschluss machte. Ich sehe davon ab,\nweil es mir bei einem Ueberblicke des Ganzen nicht nö-\nthig erscheint, vorher noch die Schluss-Details zu liefern,\nwelche, in ihm enthalten, kein genügendes Interesse bie-\nten können. Das Ganze möchte ich aber noch einmal zu-\nsammenfassen, natürlich ganz in der Kürze, um ein Ge-\nsammtbild zu gewähren, das mir gestattet, meine kriti-\nschen Bemerkungen daran zu knüpfen.\nDie Concerte hier gehen entweder von einem Vereine\naus oder werden durch Künstler mit und ohne Mitwir-\nkung eines oder mehrerer Vereine gegeben. Eine Ver-\neinigung sämmtlicher Kräfte kommt bisher immer noch\nnur ausnahmsweise und nicht in einer Art vor, die man\neine wirkliche, mehr als augenblickliche Verschmelzung\nnennen könnte. Die Gründe für das noch nicht vollstän-\ndige Gelingen derartiger Unternehmungen sind theils ganz\nlocaler Natur, d. h. es fehlt an einem grossen, etwa 1000\nPersonen fassenden Saale aussei der Tonhalle, die im\nWinter zu unbequem liegt, theils conventioneilen, theils\nauch politischen Ursprungs. Von den beiden letzteren er-\nscheinen mir die Conventionellen nicht von Bedeutung,\ndenn es herrscht hier ein Einvernehmen zwischen den\nhöheren und niederen Ständen, wie selten; die politischen\njedoch sind von solchem Gewichte, dass es das Beste ist,\ndurch einen Compromiss die Parteien zu befriedigen und für\ndie Musik ein neutrales Gebiet zu gewinnen. Da unser\nMusik-Director Herr Albert Hahn die Lage richtig zu\nerkennen scheint und danach handelt, so ist ihm gelungen,\nwas bisher scheiterte und was vorher als unmöglich galt;\nhoffentlich wird er darin nicht müde, und es tritt späterhin\neine Verschmelzung der Kräfte ein, wobei dann keine\nAufgabe mehr als zu hoch gestellt für unsere Musik an-\nzusehen wäre. Bis jetzt können leise Klagen darüber, dass\nnicht ein jeder das Seine thut, der dazu in der Lage ist,\nund zwar „von selbst\", nicht zuerst geehrt durch per-\nsönliche Aufforderung, doch noch nicht ganz zurückge-\nhalten werden.\nNach dieser Abschweifung zurückkehrend, ist hinzu-\nzufügen, dass die Concerte aber alle (im Gegensatze zu\nfrüher) vollständig in der Hand des Musik-Directors liegen.\nDieser Umstand gereicht unserem Musikleben seit 1864,\nwo Hahn herkam, nach und nach zu grösserem Vortheil.\nDie Technik der Ausführung steigert sich consequenter\nMaassen, da alle Proben von Einer Hand geleitet werden.\nUnd bei der Wahl der Musik, welche auf das Programm\nkommt, herrscht eine bestimmte, der künstlerischen Indi-\nvidualität Habn's entsprechende Richtung.\nDer Musikverein gab acht Concerte, davon nur drei\nmit Orchester, ein Missverhältniss, welches der Zufall vor\nAllem herbeiführte. Das Abonnement geht hier nämlich\nvon Neujahr zu Neujahr; daher kommt es zuweilen, dass\ndie Orchester-Concerte sich nicht richtig vertheilen, wie\nauch dieses Mal. Ferner wurden in diesen dreien freilich\nder „Paulus\", und zwar vollständig, Gluck's Oper „Or-\npheus\" gleichfalls und die C-dur-Messe von Beethoven auf-\ngeführt, also Werke, deren materielle Ausdehnung schon\nviele Proben erforderte. Endlich aber fand sich in anderen\nConcerten noch Gelegenheit, etwas, wenn schon nur we-\nnig, Orchestermusik zu geben. Durch Herbeirufung frem-\nder Künstler wurden uns dagegen verhältnissmässig viele\nGenüsse geboten. Fräulein Elise Bempel erfreute im\n„Paulus\", wie auch bei späterer Gelegenheit in einem\nimprovisirten Concerte, durch die Correctbeit ihres Gesan-\nges, wie durch die klare, leicht ansprechende und wohl-\nthuend ausklingende Stimme. Fräulein Adele Assmann\naus Barmen machte mit der einzigen Alt-Arie im „Pau-\nlus\" einen tiefen Eindruck und den Wunsch rege, sie mehr\nzu hören. Herr Fritz Jansen, der auch in einem Con-"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "231", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660721-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5419, "texte": "certe der Liedertafel Lieder und Arien vortrug, erhielt\nsich die ihm von der Bühne her bewahrten Sympathieen,\nweniger allerdings durch die Schönheit seines Baritons,\nals durch feinen, wenn auch nicht charaktervoll, so doch\nintelligent zu nennenden Vortrag. Fräul. Marie Cruvelli\nwar bei der Aulführung des „Orpheus\" trefflich dispo-\nnirt und wusste die Partie so gut durchzuführen, dass sie\ndadurch wesentlich zu dem wirklich überaus grossen Er-\nfolge beitrug, den Gluck's Oper hier errang. Frau Hahn\ntrat allein und mit ihrem Gemahl in Compositionen für\nzwei Flügel (Sonate von Mozart u. s. w.) auf und erhielt\nsich dauernd in der höchsten Gunst des Publicums. Fräu-\nlein Regan, königliche Hof-Opernsängerin aus Hanno-\nver, mit ungemein lieblichem Organ eine tadelfreie, nur\netwas kühle Behandlung vereinend, Herr Pick, ein lyri-\nscher Tenor, der nicht gut disponirt war, und Herr Stä-\ngemann, dessen vorzügliche Leistungen in einer Arie\nder „Schöpfung\" und Liedern von Schumann, Goltermann\nund Marschner sich auf das brillanteste darthaten, gaben\nein wohlthuendes Bild von dem musicalischen Geiste, der\nan der Bühne in Hannover herrscht. Neben den grossen\nWerken kamen noch Grell's sinnig-frommes Pfingstlied,\nHiller's anmuthige Christnacht und Schumann's im\nguten Sinne genrehafte Pilgerfahrt der Rose, ausserdem\neinzelne Chöre aus Oratorien und Quartette für Chor\nvon Mendelssohn, Reichardt, Herzberg, Hahn und Ande-\nren zu Gehör.\nDas Concert, welches sich seinem inneren und äusse-\nren Gehalte nach an diese' acht Concerte anschliesst und\nwelches darum gleich besprochen werden soll, war das\nletzte, am 8. Juli, welches Herr Musik-Director Hahn zum\nBesten der Truppen und ihrer Zurückgebliebenen gab. Er\nhatte trotz des Widerstandes, den er Anfangs hierbei\nfand, die besten Kräfte zu einem Männerchor zu vereini-\ngen verstanden, wie ihn Bielefeld vielleicht zahlreicher\nschon, aber nicht qualitativ besser gestellt hat. Das Orche-\nster gab die Ouvertüren zu „Prometheus\" und „Titus\",\ndiese beiden Pracht-Beispiele klarster Form und ursprüng-\nlicher Gedankenfrische, und wirkte unter Anderem in\nHiller's „Edda-Gesängen\" (des Dichters Ellar Ling) mit.\nFrau Hahn wusste durch Compositionen von Thalberg\nund Schulhoff auf einem Steinweg'schen Concertflügel das\nPublicum so zu befriedigen, dass sie dem Dacapo-Rufen\nnachgeben musste. Gleiche Auszeichnung wurde einer vor-\nzüglichen Dilettantin zu Theil, welche die erste Jessonda-\nArie sang, deren echt deutsche Traumseligkeit allgemeine\nRührung hervorrief. Auch die anderen Nummern, Duette\nvon Rossini [Mira la Uanca und aus Schumann's\n„Genofeva\", das Quartett aus dem „Oberon\", Solo- und\nOhorlieder von Weber, Hummel und Abt, wie der be-\nkannte, durch sein Anschwellen und Abnehmen so effect-\nvoile Chor aus den „Beiden Geizigen\" von Gretry, erran-\ngen alle den ihrer tüchtigen Beproduction übrigens auch\ngebührenden Beifall. Den Glanzpunkt bildeten aber unbe-\nstritten Hiller's „Edda-Gesänge\", welche bei dem vorzüg-\nlichen Ineinandergreifen von Chor und Orchester eine un-\ngemeine Wirkung hatten. Es sind deren zwei, die vom\nComponisten so iu Musik gesetzt worden sind, dass der\nzweite sich dem ersten enge anschliesst. Der erste ist dü-\nsterer gehalten, wie es der Refrain: „In der Nacht, in der\nNacht\", schon erheischt, gleich dem Dunkel der Nacht;\nwie Flammen erheben sich daraus die Melodie-Stellen, mit\nihren feurigen Zügen des Herzens Ahnen und Sehnen ma-\nlend. Enthielt der erste Gesang, „Osterfeuer\", einen nor-\ndisch-mythischen Wuodans-Dienst, so bringt der zweite\neine Anrufung Ostara's der Name ist mir übrigens in\nden alten, bekannten Edda-Sagen nicht begegnet—, der\nFrühlings- und Friedens-Göttin. Sie beginnt mit innigen,\nlang hinziehenden Klängen, die sich allmählich zu gestei-\ngerter Innigkeit erheben und in fortdauernder Gipfelung\ndurch neue musicalische Gedanken, in dem zweiten, auch\ndem Tempo nach bewegteren Theile namentlich durch den\nglücklichen Gegensatz melodischer und fugirter Stilart\neinen stets anwachsenden Aufschwung repräsentiren. Klar\nin der Form, originel in den Gedanken, interessant in der\nSchreibart und untadelhaft in der Factur, scheint mir das\nWerk zu den besten der Männergesangs-Literatur zu ge-\nhören. Es bildete den Schluss des ersten Theiles, und ob-\nwohl nach langem, anhaltendem Regen das wie auf höhe-\nren Befehl plötzlich eingetretene schöne Wetter aus der\nHalle auf den Vorplatz lockte, dessen Panorama zu den\nschönsten gehört, welche die Ausläufer des Teutoburger\nWaldes besitzen, blieb Alles noch auf den Plätzen, um\ndurch anhaltenden Beifall seiner Begeisterung Ausdruck\nzu geben. Inmitten der trüben Ereignisse, die Niemanden\nunberührt lassen, war dieses Concert neben dem reichen\nErtrage (über 1100 Billets waren verkauft) ein Moment\ndes abseitigsten Genusses, der einem Jeden lange unver-\ngessen bleiben wird.\nMit Orchester fand noch das Concert von Fräulein\nMarie Cruvelli Statt. Es spielte die Ouvertüre zum\n„Freischütz\" und zum „Wasserträger\". Fräulein Cruvelli\ngefiel am meisten und mit Recht mit Schumann'schen und\nSchubert'schen Liedern. Indem ich diese Thatsache mit\nihrer Durchführung der Orpheus-Partie zusammenhalte,\nkann ich nicht umhin, meine Ansicht dahin auszusprechen,\ndass die Sängerin richtiger thäte, ihren mit der pariser\nLuft eingesogenen Geschmack für Arditi, Verdi und Meyer-\nbeer ihrer deutschen Abstammung gemäss zu germanisi-\nren. Sie trug diesen Winter mit ihrer Schwester, die als"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "232", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660721-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2647, "texte": "Dilettantin eine hervorragende Stellung einnimmt beide\nwirkten in zwei bis drei Concerten mit —, zur Bereiche-\nrung unseres Musiklebens bei. Die Eigenschaften, welche\ndie berühmte Schwester Sophie (jetzige Baronin Vigier)\nzierten, bilden auch die Grundlage ihrer Begabung: Ta-\nlent für grosse Effecte, künstlerischer Sinn und allgemeine\nmusicalische Veranlagung. Eine Ausführung des Verglei-\nches würde zu weit führen.\nUeber das Concert der Liedertafel, dessen wir oben\nErwähnung thaten, verweise ich auf die frühere Notiz.\nBei dieser Gelegenheit sei erwähnt, dass wir sechs Männer-\nGesangvereine, ausser jener den Arion, die Harmonie, den\nTurner-Gesangverein, den Teutoburger und den Arbeiter-\nBildungs-Gesangverein hier besitzen, von denen der Arion\nund die Liedertafel Preise aufzuweisen haben.\nDie letzten drei Concerte dieser Saison waren die Kam-\nmermusik-Sitzungen der Frau Hahn und des Hof-Capell-\nmeisters Bargheer aus Detmold, in denen Trio's, Sona-\nten und Solostücke der verschiedensten, hauptsächlich clas-\nsischen Meister gegeben wurden. Das neue Unternehmen\nist vollständig geglückt und wird auch trotz der Missgunst\nder Verhältnisse, so steht zu hoffen, sich eines gleichen\nErfolges in der Zukunft erfreuen; denn der Geschmack an\nsolcher Musik ist hier, obwohl ihm öffentlich in dieser\nWeise bisher nichts geboten, allgemein verbreitet, und die\nbeiden Künstler sind wohl geeignet, durch correcte und\nbegeisterte Interpretation das Classische auch weiteren\nKreisen näher zu tragen.\nEin Blick auf die vierzehn Concerte des Winters lehrt,\ndass wir entschieden vorwärts gehen. Nach diesem Aus-\nspruche, wie dem vielen Anerkennenden des vorhergehen-\nden Berichtes, muss aber gesagt werden, woran es noch\nfehlt. Zuerst muss der Frauenchor wohl durch Hinzuzie-\nhung der musicalischen Kräfte, welche sich notorisch noch\naus unmusicalischen Gründen zurückhalten, verstärkt wer-\nden; dann müssen die Männer-Gesangvereine in einer so-\nlideren Weise etwa durch vierzehntägige Versammlun-\ngen— sich einander nähern; endlich, die Verhältnisse sind\njetzt freilich nicht danach, wo die Kriegsfurie Milliarden\nverschlingt, muss das Orchester verstärkt werden, dass es\nin sich vollständig ist. Unterstützen uns die Mitglieder des\ndetmolder vorzüglichen Hof-Orchesters (einmal mussten\nwir uns sogar bis nach Braunschweig wenden), so wird\ndie Verschmelzung zwar nicht anders als ganz zu Gunsten\nder Leistung fühlbar: dasselbe kann aber nicht von den\nanderen Kräften so unbedingt ausgesprochen werden. Sind\ndiese drei Ziele, deren Erreichung nicht mehr fern liegt,\ngewonnen, so wird der künstlerische Standpunkt wirklich\nerrungen sein, der uns gebührt."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1866-07-21-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1866-07-21_01#c005", "volume": "bmtnabi_1866-07-21_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "232", "page_fin": "232", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660721-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "232", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660721-01.1.8", "debut_caractere": 2649, "fin_caractere_exclue": 4277, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nBei Breitkopf und Härtel in Leipzig werden erscheinen:\nO. Jahn's „Gesammelte Aufsätze über Musik\" und Ed. Krüger's\n„System der Musik\".\nPrag, 13. Juli. Der böhmische Landes-Ausschuss hat dem\nDirector des deutschen Landestheaters der ungünstigen Zeitverhält-\nnisse wegen eine Unterstützung von 3000 Fl. bewilligt. An dem\nTage des Einrückens der Preussen wurde im Landestheater aufge-\nführt: „Eine Ohrfeige um jeden Preis\". Hierauf: „Die Stiefmutter\".\n(Warum nicht lieber „Der Stiefvater\"?)\n13. Juli. Die Coloratursängerin Frau Peschka-\nLeutner wird als eine neue glänzende Erscheinung auf dem Hof-\nOperntheater gerühmt, und man bedauert nur, dass bei der vorwal-\ntenden Stimmung der Bevölkerung der Beifall immer nur von einem\ngering besetzten Hause ausgeht.\nHans Blau, bisher Mitglied des kaiserlichen Hof-Opernorche-\nsters in Wien, ist als Concertmeister am Mozarteum in Salzburg\nengagirt worden.\nUllman wird im nächsten Winter, da seine grosse Unterneh-\nmung von Volks-Concerten in Wien durch die Zeitverhältnisse un-\nausführbar geworden, mit Carlotta Patti, welche noch ein Jahr\nlang mit ihm Contract hat, Frankreich bereisen und in Paris, Lyon,\nMarseille, Toulon, Nizza, Avignon, Nimes, Cette, Bordeaux, Tou-\nlouse, Nantes, Rennes, Orleans, Lille, Metz, Nancy, Strassburg und\nin allen Städten von mehr als 20,000 Einwohnern Concerte geben.\nWelche Künstler er ausser der berühmten Sängerin noch engagirt\nhat, ist uns noch nicht bekannt geworden.\nIn der Saison von 1865 —66 sind im Thtätre lyrique zu Paris\n„Die Zauberflöte\" 58 Mal, „Don Juan\" 24, „Martha\" 55,\n„Rigoletto\" 46 Mal gegeben worden."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "225", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660721-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nDer Theresismus. Die Concerte bei Einweihung der neuen Orgel in der Kathedrale St. Pierre zu Genf. Von L. B.\nAus Bielefeld (Der Winter von 1865—1866). Tages- und Unterhaltungsblatt (Leipzig, neue Werke im Verlage von\nBreitkopf und Härtel Theuerungs-Zulage, Landestheater Wien, Frau Peschka-Leutner Salzburg, Concertmeister Hans Blau\nUllman will Concerte in Frankreich geben Paris, Thtätre lyrique).\n\nDer Theresismus\n*).\nDie Haupt-Aufgabe der Musik ist, die reinsten Ge-\nfühle auszudrücken und anzuregen und die Seele des\nMenseben in höhere Regionen zu erheben. Dem Menschen\nist diese erhabene Sprache von Gott gegeben, um die edel-\nsten Empfindungen und Regungen des Herzens auszu-\nsprechen. Ihr Zweck ist, das Schöne zu erstreben und es\nin schöner Form zu offenbaren. Mag sie nun in den Re-\ngionen des Spiritualismus schweben oder die Leidenschaf-\nten und Gefühle des menschlichen Herzens schildern, im-\nmer muss sie nur danach trachten, das Schöne zur Er-\nscheinung zu bringen. In jedem genialen Componisten\nlebt ein göttlicher Hauch, welcher die feingebildeten Or-\nganisationen und auch die Naturen von derberem Stoffe ent-\nzückend anweht, und desshalb sind die Namen Haydn,\nMozart, Beethoven von strahlender Glorie umgeben und\nwerden in alle Zeit forttönen. Denn das Schöne ist der\nAbglanz des Wahren, und die Werke, in denen sich diese\nWahrheit am leuchtendsten offenbart, behalten auch den\nGlanz ewiger Jugend.\nWir wollen und dürfen indess nicht zu ausschliesslich\nsein; neben der Musik der höheren Sphäre geben wir al-\nlerdings auch eine andere zu, die einen weniger erhabe-\nnen, weniger ernsten Charakter hat, deren Zweck ist, die\nsparsamen Mussestunden im Treiben des bürgerlichen Le-\nbens zu erheitern. Geist und Witz, leichter Sinn und Mun-\nterkeit bilden einen der hervorragendsten Züge des fran-\nzösischen Charakters. Frankreich war stets das classische\nLand der munteren Gesänge (chansons); selbst im Missge-\nschicke summten unsere Väter die beliebten Melodieen:\nwie sollte ihnen der fröhliche Sinn bei glücklichen Zu-\nständen fehlen? Die populär poetische und musicalische\nLiteratur zählt eine Menge mehr oder weniger berühmter\nNamen. Wir werden auch keineswegs den Franzosen je-\nmals das Recht, zu lachen, streitig machen wollen; sie müs-\nsen Chansons haben, und unsere Sympathie ist denjenigen\nErzeugnissen dieser Gattung gewiss, welche mit den witzi-\ngen Einfällen und dem Erfindungs- und Form-Talente die\nAchtung vor Anständigkeit und gutem Geschmacke ver-\nbinden.\nWas wir aber nicht zulassen können, was wir mit\naller Kraft zurückweisen und verwerfen, was alle Men-\nschen von Einsicht und Bildung des Verstandes und Her-\nzens nicht energisch genug brandmarken können, das sind\njene unzüchtigen Producte, jene innerlich faule Literatur,\njene Schamlosigkeit im Volksgesange, welche in unseren\nTagen auf erschreckende Weise überhand genommen hat.\nDas ist ein scheussliches Geschwür, ein nagender Krebs,\nder mit dem glühenden Eisen der öffentlichen Meinung\nausgebrannt werden muss. Wir wollen hier keine Sitten-\npredigt halten und unseren Zeitgenossen Tugendlehren\ngeben: allein man wird uns gestatten, in Erinnerung zu\nbringen, dass zwischen der Kunst und der Gesittung mehr\nwechselseitige Beziehungen bestehen, als man gewöhnlich\nglaubt. Wir glauben desshalb, dass es hohe Zeit ist, im\nNamen der Interessen der Kunst gegen die gemeinen und\ndummen Bänkelsängereien aufzutreten, deren Verbreitung\nund Erfolg beim Volke den Sinn für das Schöne abzu-\nstumpfen und ganz und gar zu unterdrücken droht.\nEs gibt in den grossen Städten, den Mittelpunkten der\nCivilisation, eine zahllose Menge ohne Erziehung und Bil-\n\n*) Man kennt den Namen der Mademoiselle Therese in Paris\nund die Huldigungen, die man dieser Bänkelsängerin dort ohne zu\nerröthen gebracht hat. Da der Geschmack an ihren und ähnlichen\nGesängen in den Cafes-chantants oder Cafös-concerts, wie sie jetzt\nheissen, sich wie eine Epidemie verbreitet, so hat die France mu-\nsicale dieser Krankheit den Namen Le Theresisme gegeben und in\nihrer Nr. 26 vom 1. Juli einen Artikel, unterzeichnet M. Escudier,\ngebracht, welcher den vergiftenden Einfluss der gemeinen Musik-\nProductionen und die daraus bereits hervorgegangenen traurigen mu-\nsicalischen Zustände mit Freimüthigkeit schildert und energisch da-\ngegen auftritt. Die Redaction."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "226", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660721-01.1.2", "texte": "dung, deren ganze Thätigkeit durch unablässige und müh-\nsame Arbeit in Anspruch genommen wird. Diese Classe\nder Bevölkerung hat weder Zeit noch Mittel, sich zu bilden.\nAllein sie ist, namentlich in Paris, höchst empfänglich für\näussere Eindrücke. Alles, was sie hört und sieht, hinter-\nlässt tiefe Spuren in ihrem Innern, welches allen edleren\nGefühlen zugänglich ist; allein sie nimmt auch ohne stren-\ngere Sichtung alles in sich auf, was niedrigen Trieben\nschmeichelt. Sie bedarf der Erholung und Zerstreuung.\nDarum hat man für sie besondere Arten von Bühnen er-\nfunden, von denen namentlich die so genannten Cafes-\nconcerts floriren. Im Princip haben wir nichts gegen\ndiese Anstalten, wo man für ein geringes Eintrittsgeld\neinige Erfrischungen und zugleich Musik geniesst, die von\nmehr oder weniger geschickten Sängern ausgeführt wird.\nAber die Art und Weise, wie diese Anstalten von Specu-\nlanten ausgebeutet werden, welche aus Eigennutz für ihr\nGeschäft die Interessen der Kunst auf gemeine Weise\nhintansetzen, diese verdient die schärfste Rüge.\nAn und für sich hätte vielleicht das Cafe-concert un-\nter guter Leitung nicht unerspriesslich sein können, indem\nes jüngere Talente, denen die Pforten der Theater noch\nverschlossen sind, ans Licht gebracht und dem Publicum\nProgramme geboten hätte, in denen neben Stücken von\ngrösserem Stile Compositionen leichterer Gattung, gut\ngewählt und von einnehmender Anziehungskraft, das Volk\nzum Geschmacke an wirklichem Kunstschönen gewöhnt\nhaben würden. Aber leider ist dies gar nicht der Fall\ngewesen.\nWir wollen nicht über alle Künstler, die sich in die-\nsen Cafe's produciren, den Stab brechen; es hat deren\nschon gegeben, die ihre später glänzende Laufbahn an\neinem Operntheater dort begonnen hatten. Allein das sind\nseltene Ausnahmen: im Allgemeinen sind die Sänger der\nCafe's höchst mittelmässig, sie kümmern sich eben so we-\nnig um Talent, als um Fleiss, und ihr Gesang mit Stim-\nmen ohne alle Bildung und allen Reiz dient nur dazu,\nläppische Possen zu reissen und sie mit lächerlichen Gri-\nmassen und Pantomimen zu begleiten.\nUnd doch haben sie ihre Berühmtheiten! Wir wollen\nüber deren Werth nicht weiter sprechen: alle Menschen\nvon Bildung und Geschmack sind längst einig über den\nWerth und das wirkliche Verdienst gewisser Sängerinnen,\nderen ganzes Talent darin besteht, Zweideutigkeiten des\nTextes und Situationen, welche die Schambaftigkeit em-\npören, vorzutragen und sie durch Geberden, Blicke und\nAction ins Licht zu stellen. Eine dieser Berühmtheiten\nerhält eine fabelhafte Summe als Gehalt, was bei den\nFreunden der Moral eben so wie bei den Freunden der\nKunst schwere Bedenken erregen muss*).\nMan wird uns nicht der Uebertreibung beschuldigen\nkönnen, wenn wir behaupten, dass das Repertoire der\nCafös-Concerts den Freunden der rohen und plumpen\nSpässe nichts zu wünschen lässt. Reine Ausdrücke vermö-\ngen diese Musik zu cbarakterisiren, in der das Gemeine\nund Triviale die äusserste Gränze erreicht, diese Souter-\nrain-Literatur, die aus Zweideutigkeiten, Lazzi, Calem-\nbourgs und Spässen ohne Geist und Witz, ohne Sinn und\nVerstand besteht. Wende man nicht ein, das Volk müsse\nsich doch amüsiren! Wir sind der Meinung, dass dieser\nZweck erreicht werden könne, ohne dessen Intelligenz und\nGefühl zu erniedrigen.\nWenn nun diese liederliche Musik, deren traurigen\nEinfluss wir anklagen, sich auf die Cafes-Concerts be-\nschränkte, so würde das Uebel doch nur einen beschränk-\nten Wirkungskreis haben; allein seine Verwüstungen blei-\nben nicht innerhalb dieser Gränzen stehen: in Unzahl ver-\nbreitet, zu Hunderttausenden von Exemplaren verkauft,\ndringen diese gemeinen Producte in die Werkstätten, ja,\nin die Häuslichkeit der Familien ein. Die Drehorgeln wie-\nderholen sie auf allen Strassen und zu jeder Tageszeit,\nund so werden sie die geistige Nahrung, das tägliche Brod\neiner ungeheuren Bevölkerung.\nDieser Zustand der Dinge ist ein Zeichen von Verfall,\nvon vollständigem Sinken des Barometers der Kunst.\nVon den niederen Gründen der menschlichen Gesell-\nschaft fangen diese ungesunden Dünste an in die höheren\nSchichten hinauf zu steigen, wo sie die Ueberlieferungen\ndes Geschmacks, des feinen Anstandes, des Urtbeils über\ndas Schöne vergiften. Selbst die in der Schule der Meister\ngebildeten Componisten erliegen dem Einflüsse einer Mu-\nsik, welche aus jedem Echo der grossen Hauptstadt wie-\nderhallt, und am Ende beginnen ihre Werke die allge-\nmeine Verwirrung der Begriffe und die gänzliche Auflö-\nsung des Kunstschönen ins Triviale wiederzuspiegeln. Denn\nman weiss, wie empfänglich die Musiker für äussere Ein-\ndrücke sind: ein Hauch genügt oft, ihr Nervensystem zu\nerschüttern. Wie sollten sie nicht den Rückschlag einer\nRevolution empfinden, welche die populäre Musik auf ganz\nandere Bahnen wirft? Wahrlich, wir dürfen nicht ablas-\nsen, ihnen zuzurufen: „Nehmt euch in Acht, verschliesset\neuer Ohr den Tönen einer leichtfertigen Musik, die ihre\nPopularität in der Schamlosigkeit sucht; sammelt euch in\nStudium und Nachdenken, steiget immer mehr zu den\n\n*) Man bemerke, wie selbst ein pariser Blatt, das seinen Le-\nserkreis doch nur in den gebildeten Ständen findet, es nicht wagt,\ndiese Berühmtheit, die Therese, mit ihrem Namen zu bezeichnen!\nNatürlich, sie hat ja sogar bei Hofe gesungen!"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "227", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660721-01.1.3", "texte": "Höhen der Kunst empor, suchet in euren Herzen und in\neurer Phantasie und in den Werken der Meister, die euch\nvorangegangen sind, eine Schranke und Hülfsquelle gegen\ndie heillosen Tendenzen, welche jeden heiligen Funken,\njede Begeisterung, jedes Genie in euch zu ersticken\ndrohen!\"\nLeider ist Frankreich das einzige Land civilisirter Na-\ntionen, wo das von uns gerügte Uebel so grosse Maass-\nVerhältnisse angenommen hat. Wir bestätigen diesen\nAusspruch mit Bedauern, aber die Thatsache ist un-\nläugbar.\nDeutschland besitzt Volkslieder, die ebenfalls den\nZweck haben, die arbeitende Classe in Stadt und Land zu\nvergnügen, aber diese Lieder durchzieht der Hauch einer\nsanften Munterkeit, einer reizenden Gemüthlichkeit; Kunst\nund Anstand erscheinen darin überall geachtet. In Berlin,\nWien, München, Dresden, Frankfurt, Köln wird man nir-\ngend solche Stücke und Gesänge hören, die denen ähnlich\nwären, welche die grosse Mehrheit der pariser Bevölke-\nrung mit so grosser Gunst aufnimmt. Die Deutschen wür-\nden erröthen, solche fade Gemeinheiten mit anzuhören:\nsie wollen, dass die Musik sich stets auf einer gewissen\nHöhe halte, und würden nicht dulden, dass man vor ihren\nOhren die edelste von allen Künsten entweihe.\nItalien ist ebenfalls vor dem Eindringen jener schlech-\nten Musik gesichert, deren Monopol heutzutage Frankreich\nallein zu besitzen scheint. Italien bleibt im Ganzen seinen\nTraditionen treu, es vergisst seine ruhmvolle Vergangen-\nheit nicht, vergisst nicht, dass es die Wiege der grössten\nMeister von Palestrina bis auf Rossini gewesen ist.\nUnd Frankreich hat doch gewiss in dieser Beziehung\nauch Ansprüche auf die Bewunderung der Welt, aber\nseine Pflicht ist, sie aufrecht zu erhalten. Es muss durch\nentschiedene Verachtung gegen die Machwerke protesti-\nren, die eine immerwährende Aufreizung zur Herabwür-\ndigung von allem, was schön ist, sind, auf dass man uns\nnicht länger vorwerfen könne, zum Sinken der Tonkunst,\ndie in Frankreich so ausgezeichnete Vertreter gezählt bat,\nbeigetragen zu haben.\nWir wissen sehr wohl, dass die Freimütigkeit un-\nserer Sprache lebhafte Anschuldigungen erfahren wird.\nWir wissen, dass die Literatur, gegen die unsere Angriffe\ngerichtet sind, einen bedeutenden und fruchtbaren Zweig\nder Industrie hervorgetrieben hat und dass beträchtliche\nInteressen sich an die Verbreitung dieser sogenannt popu-\nlären Literatur und Musik knüpfen. Die Capitalisten,\nwelche ihr Vermögen in solchen Unternehmungen ange-\nlegt haben, werden einen Schrei des Entsetzens über\nuns ausstossen. Aber das kann uns nicht rühren: wo die\nKunst durch das feindliche Eindringen des schlechten\nGeschmacks bedroht ist, muss jedes Blatt, das sich ihren\nInteressen widmet, mit erneutem Eifer seiner Aufgabe\ngerecht werden*).\n\nDie Concerte bei Einweihung der neuen Orgel in\nder Kathedrale St. Pierre zu Genf.\n\n(Vergl. Nr. 28.)\nDass bei der Bevölkerung der Schweiz in Bezug auf\nWissenschaft und deren Einfluss auf Freiheit und Selb-\nständigkeit der Gesinnung und der Verfassungen bei den\nBewohnern von beiden Theilen des glücklichen Landes,\ndes deutschredenden wie des französischredenden (des\nWälschlandes, wie es in der Volkssprache der deutschen\nSchweizer genannt wird), die geistigen Bestrebungen auf\ngleicher Höhe stehen, ist eine oft gemachte und im Allge-\nmeinen auch ganz richtige Bemerkung, wenn auch in der\nArt und Weise der Forschung und noch mehr in der Dar-\nstellung der Resultate durch die Literatur sich die charak-\nteristischen Eigenheiten beider Racen offenbaren. Weit\nmehr als in der Literatur tritt aber die nationale Verschie-\ndenheit in der Kunst hervor; namentlich in der Tonkunst\nist in der deutschen Schweiz der deutsche musicalische\nSinn und Charakter bei Weitem überwiegend, während im\nWälschlande mehr französischer Geschmack und jenes di-\nlettantische Musiktreiben vorherrscht, welches von Paris\nher und nicht gerade aus den besseren musicalischen\nKreisen der Weltstadt seine Losung erhält. Während\ndie deutschen Städte Basel, Bern, Zürich, selbst kleinere,\nwie z. B. Zofingen und andere, Vereine besitzen, die im\nStande sind, die Grundlage der musicalischen Kräfte zur\nVeranstaltung von regelmässigen Winter-Concerten und\nAufführungen classiscber Orchester- und Gesangwerke,\nvon Sinfonieen und Oratorien zu bilden, Vereine, welche\n\n*) Wenn man die Verhältnisse und Zustände in Paris kennt,\nso muss man Herrn M. Escudier's Wahrheitsliebe und Kühnheit\nrühmend anerkennen, denn er hat offenbar in ein Wespennest ge-\nstochen, da fast die ganze neueste pariser Operetten-Literatur, mit\nberühmten Namen an der Spitze, auf jener Frivolität und Lieder-\nlichkeit der Poesie und der Melodie beruht, welche er mit Recht\nso scharf geisselt. Bis jetzt verdienen wir in Deutschland noch das\nLob,/das er unserem richtigen musicalischen Gefühle zollt: allein\nes gibt der Vorzeichen schon gar manche, dass auch wir gegen das\nHereinbrechen des Geschmacks an läppischen Possen mit Musikbe-\ngleitung auf der Hut sein müssen. Die Kaffee- und Bier wirtschaf-\nten mit obligater Musik und pantomimisch-theatralisch unterstütztem\nGesänge nehmen auch in unseren grossen Städten sehr zu (man ver-\ngleiche nur z. B. die Tagesanzeigen in der Kölnischen Zsitung),\nund wenn auch allerdings die Unsittlichkeit ihnen noch fern ist, so\ntragen sie doch wahrlich, eben so wenig wie die Sommertheater,\nzur Erhaltung des gesunden Geschmacks bei.\nDie Redaction.\n[*J"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "228", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660721-01.1.4", "texte": "über gehörige Geldmittel verfügen und durch die Bemü-\nhungen und die künstlerische Tüchtigkeit von technischen\nDirigenten, wie die Herren Reiter in Basel, Frank in\nBern, Petzold in Zofingen u. s. w., zu immer grösserer\nBlüthe gelangen, vermisst man in der französischen Schweiz\nähnliche Institute noch fast überall.\nSelbst in Genf, dieser glänzenden und ihren Ruf in\nBezug auf intellectuelle Bildung so wohl verdienenden\nStadt, scheint erst in neuester Zeit der Sinn für die Ton-\nkunst in so fern eine edlere Richtung anzunehmen, als\nmehrere Gesangvereine sich gebildet haben, die der\nernsteren Gattung der Musik ihre Studien widmen und\nvon dem Resultate derselben bereits erfreuliche Beweise\ngeben. Auch spricht die Opferwilligkeit der protestanti-\nschen Gemeinde, durch welche die bedeutenden Mittel zur\nAufstellung der in der vorigen Nummer d. 81. beschrie-\nbenen herrlichen Orgel in der St.-Peterskirche beschafft\nworden sind, und eben so die zahlreiche Theilnahme des\nPublicums an drei hinter einander folgenden Kirchen-Con-\ncerten, die zu deren Einweihung veranstaltet wurden, gar\nsehr für die Empfänglichkeit der Bevölkerung für gute\nMusik ernsterer Gattung und für die Zunahme des Sinnes\nfür die Tonkunst überhaupt. Es kommt nun nur darauf\nan, diesen Sinn immer mehr zu wecken und durch gesunde\nKost zu nähren, und in dieser Beziehung haben die dor-\ntigen Künstler und Musiklehrer wenn auch keine leichte,\nso doch eine durch den Erfolg lohnende Aufgabe zu lösen.\nIn wie weit das Conservatorium der Musik in Genf\neine einflussreiche Wirksamkeit nach dieser Richtung hin\nausübe, können wir aus der einzigen Leistung seines\nChors im zweiten Kirchen-Concerte nicht beurtheilen. Der\nGesang war rein und nicht ohne Ausdruck, namentlich\nhörten wir schöne Sopranstimmen dabei. Allein die Auf-\nführung einer Composition wie der 90. Psalm von Manna\nfür Solostimmen, Chor und Orgel wäre in Deutschland\nund in der deutseben Schweiz in einer Kirche unmöglich\ngewesen, und sprach wenig für die Gewöhnung der Zög-\nlinge an edle Musik, da das ganze Werk im Stile der ita-\nliänischen Oper von der allergewöhnlichsten Gattung ge-\nschrieben ist. Unter dem dortigen Conservatorium darf\nman sich überhaupt nicht eine Anstalt zur ausschliesslichen\nBildung von Künstlern von Fach und Lehrern der Kunst\nvorstellen, wiewohl allerdings auch solche daraus hervor-\ngehen können. Das Institut, reichlich ausgestattet und von\neiner nach dem allgemeinen Urtbeile trefflichen Direction\nund tüchtigen Lehrern geleitet, ist eine grosse Musikschule,\ndie von Schülerinnen und Schülern jedes Standes und\nAlters besucht wird, welche sich irgend eine mehr oder\nweniger tiefe musicalische Bildung durch Fertigkeit auf\neinem Instrumente, hauptsächlich dem Ciavier, und durch\nTheilnahme am Gesang-Unterricht u. s. w. zu eigen ma-\nchen wollen. Man kann sich ungefähr die Aufgabe und\nden Charakter des Instituts vorstellen, wenn man hört,\nwie uns von Herrn Michel Bergson, der als rühmlichst\nbekannter Pianist Director des gesammten Clavier-Unter-\nrichts ist, mitgetheilt wurde, dass die Clavierclassen im\nGanzen 340 Schüler (hauptsächlich Schülerinnen) ent-\nhalten.\nNach dem Berichte des Comite's (vom 30. Juni d. J.)\nzählte die Anstalt in 129 Classen im ersten Semester des\nSchuljahres 673, im zweiten 631 Schüler unter der Lei-\ntung von 29 Professoren und 2 Hülfslehrern. Diese Na-\ntional-Anstalt besteht seit dem Jahre 1835. Erst seit\neinem Jahre sind mit dem Clavier-Unterricht der höheren\nAbtheilung auch Stunden für die Elemente der Harmonie-\nlehre verbunden. Herr Reymond, Lehrer des Violin-\nspiels, der einen Quartett-Verein gegründet bat, aus dem\nsich vielleicht ein Orchester, das noch ganz fehlt, ent-\nwickeln kann, leitet auch das Pianofortespiel mit Beglei-\ntung; allein es ist kein erfreuliches Zeichen für die Zu-\nnahme des höheren musicalischen Sinnes, dass bis jetzt\nnur sieben Schülerinnen an dieser Uebung in classischer\nKammermusik Theil genommen haben. Für den Unterricht\nim Orgelspiel gibt das Consistorium und der Verein der\nPrediger einen Zuschuss, welcher es möglich gemacht hat,\neinige Zöglinge aufzunehmen, deren Befähigung für Orga-\nnistenstellen auf dem Lande sich immer mehr entwickelt.\nDie letztere Bemerkung führt uns wieder auf die Kir-\nchen-Concerte zurück, die am 27., 28. und 29. Juni\nzu Ehren der neuen Orgel in der Peterskirche gegen Ein-\ntrittsgeld Statt fanden und denen am Sonntag den 1. Juli,\nNachmittags um 3 Uhr, noch ein Volks-Concert mit freiem\nEintritt folgte. Die schöne, geräumige Peterskirche, deren\nAkustik, wenn sie gefüllt, vortrefflich ist, war jedes Mal\nvon einer zahlreichen Zuhörerschaft besetzt, am Sonntag\nvon Tausenden.\nDie Programme der Concerte enthielten Orgel-Vor-\nträge und Chor- und Sologesänge. Am interessantesten\nwaren die ersteren, da ein Verein von sehr tüchtigen und\nzum Theil in der musicalischen Welt berühmten Orga-\nnisten, wie z. B. die Herren Vogt aus Freiburg (in der\nSchweiz) und Batiste aus Paris, durch das Consistorium\neingeladen, bei dieser Gelegenheit sich und das neue In-\nstrument hören Hessen.\nDas erste Concert eröffnete Herr Anton Häring,\nOrganist der Peterskirebe, den also die neue Orgel beson-\nders anging, mit einer sehr präcisen Ausführung des Prä-\nludiums und der Fuge über von J. S. Bach,\nwelcher er nachher noch zwei Sätze aus einer Orgel-So-\nnate von Mendelssohn, ein Pastorale von Neukomm (?) und"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "229", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660721-01.1.5", "texte": "ein Finale von Mendelssohn hinzufügte. Wir lernten in\nHerrn Häring einen recht wackeren Orgelspieler von deut-\nscher Schule kennen, der mit Leichtigkeit die Schwierig-\nkeiten der Bach'schen Fuge überwand und das unge-\nwohnte neue Instrument schon mit grosser Gewandtheit\nbeherrschte. Herr Eduard Batiste, Professor am Con-\nservatorium und Organist an St. Eustache in Paris, trug\neine Elevation in E-mollund eine Communion in\nvor, nachher eine Phantasie zur Geltendmachung der ver-\nschiedenen Register und zuletzt einen pompösen Finalsatz\n—ob eigene Improvisation oder nicht, ist uns unbekannt\ngeblieben vor. Der in Frankreich eines ausgebreiteten\nRufes geniessende Künstler zeigte sich nicht nur auf der\nOrgel überhaupt zu Hause, sondern zeigte auch durch\nlängere Bekanntschaft mit den Orgeln aus den Werkstät-\nten von Merklin-Scbütze eine grosse Gewandtheit in der\nBenutzung der Combinations-Pedale und Anwendung der\nverschiedenen Klangfarben durch geschickte Benutzung\nder Register. Natürlich bleibt der französische Geschmack,\nder die Orgel ausser dem Gottesdienste als Concert-Instru-\nment betrachtet und von ihr mehr Reiz für die Sinne, als\nNahrung für den musicaliscben Verstand und die Erha-\nbenheit des Gefühls verlangt, nicht ohne Einfluss auf die\nfranzösischen Organisten; Herr Batiste hat uns aber be-\nsonders durch seine letzte Production bewiesen, dass er\nauch die sämmtlichen Hülfsmittel der Orgel zu grossarti-\nger Entwicklung musicalischer Gedanken zu benutzen und\nzu beherrschen weiss. Zu bedauern war es, dass uns der\nGenuss dieser imposanten Leistung durch das geräusch-\nvolle Aufbrechen der Zuhörer verkümmert wurde; leider\nstand auf dem Programm als Bezeichnung dieser letzten\nNummer ganz einfach: „Sortie\", was das Publicum für\neinen nicht zu verachtenden Wink nahm.\nZwischen den Orgel-Vorträgen sang die Sbetete de\nChant sacreunter der Direction des Herrn Wehrstedt\nden 42. Psalm von Goudimel, harmonisirt von Wehrstedt,\nden Chor der Engel von Bortnianski, die Hymne für Chor\nund Solo-Sopran von Mendelssohn und das Hallelujah aus\ndem „Messias\" von Händel; ausserdem trug eine Dilet-\ntantin mit schöner Stimme das von Mozart für\nAlt vor. Die Gesänge, namentlich der Chor von Bort-\nnianski, machten einen recht schönen Eindruck; für das\nHallelujah war die Chormasse zu schwach und die Prä-\ncision wegen der Stellung des Chors, dessen Dirigenten\nder Organist nicht sehen konnte, zu schwierig.\nIm zweiten Concerte war Herr J. Vogt allein Ver-\ntreter des Orgelspiels. Herr Vogt ist Organist an der St.-\nNikolauskirche zu Freiburg in der Schweiz, deren Orgel\nmit ihren 67 Registern, von AI. Mooser (j- 1839) erbaut,\nzu den berühmten Instrumenten gehört. Herr Vogt, aus\ndem Canton Basel gebürtig, versieht die bedeutende Stelle\nin Freiburg bereits in einer Reihe von Jahren, und seine\nLeistungen haben ihm den Ruf eines der ersten Orgel-\nspieler in der Schweiz verschafft. Er bewährte diesen Ruf\nauch in Genf vollkommen durch den Vortrag einer Fuge\nvon Händel (mit eigener Introduction), eines Adagio reli-\ngiös*) von eigener Composition und zwei gut gewählter\nConcertstücke von Merkel und von Töpfer, von denen be-\nsonders das letzte vortrefflich geeignet ist, einen imposan-\nten Eindruck zu machen. Herrn Vogt's Spiel können wir\nnicht besser charakterisiren, als wenn wir sagen, dass es\nüberall in vollem Maasse künstlerisch war, auch in dem\nPräludium und Concertino von seiner Composition, das\nauf die Anwendung der sanfteren Solostimmen der Orgel\nberechnet war.— Die Gesang-Vorträge führte dieses Mal\ndie Societe du Conservatoire aus: 25. Psalm, harmonisirt\nvon Wehrstedt, Atta beata Trinita, recht gut a capeUa\ngesungen, 90. Psalm von Manna, Alt-Solo (ein Gellert'-\nsches Lied von Beethoven), durch Madame Landi. Wir\nhaben oben bereits die Reinheit des Gesanges dieses Ver-\neins gerühmt, mussten aber die Composition von Manna\nals ungeeignet und, auch abgesehen von ihrer Unkirchlicb-\nkeit, als werthlos bezeichnen.\nIm dritten Concerte lernten wir in Herrn Rudolph\nLow, Organisten an der schönen neuen Elisabethkirche\nzu Basel mit einer trefflichen Orgel, die gleichfalls aus\ndem Etablissement Merklin-Schütze hervorgegangen ist,\neinen tüchtigen Musiker und sehr guten Orgelspieler\nkennen. Sein Vortrag des Präludiums in von Bach,\nder Hymne von Liszt (eines wirkungsvollen Orgelstückes)\nund der grossen Toccata in D-mott von Bach bewies Si-\ncherheit und Leichtigkeit der Technik in der Beherrschung\nder Schwierigkeiten und eine besonders erfreuliche Klar-\nheit der Stimmführung und des reichen Figurenwerkes.\nHerr Renaud de Vilbac, Organist an der Kirche\nSte. Eugenie in Paris, zeigte in seinen Vorträgen eigener\nComposition eine gewandte Benutzung der verschiedenen\nSolo- und Combinationsstimmen der neuen Orgel, wobei\ner sich jedoch ganz und gar in dem engeren Kreise des\nfranzösischen Geschmacks hielt. Herr de Lange aus\nHolland bewährte sich durch den Vortrag einer etwas\ntrockenen Toccata von Muffat als Orgelspieler guter\nSchule. Die Gesänge führte ein dritter Verein, die\neiete la Cecilienne,aus; er trug das „Abendlied\" von Jos.\nHaydn, ein einfach schönes, sehr ansprechendes kleines\nGesangstück, recht gut vor; weniger befriedigte der Män-\nnerchor durch das bekannte „Kirchlein\" von Becker. Den\nSchluss des Concertes bildete der schon erwähnte Vortrag\nder Bach'schen Toccata durch Herrn Low auf würdigste\nWeise, obwohl auch hier wieder, wie an den beiden vo-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "230", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660721-01.1.6", "texte": "rigen Nachmittagen, die Unsitte des Aufbruches der Mehr-\nzahl der Zuhörer bei dem letzten Stücke störend war.\nEine Improvisation im französischen Stile würde sie viel-\nleicht eher, als der alte Bach mit seinen rücksichtslosen\nAnsprüchen auf denkende Hörer, festgehalten haben. In-\ndessen fanden wir doch in einem genfer Nachbar auf den\nreservirten Sitzen, dessen Name uns leider entfallen ist,\neinen trefflich musicaliscb gebildeten Dilettanten, der ein\nentschiedener Verehrer Bach's war und fast alle Werke\ndesselben, namentlich die Passionen und Cantaten und die\nFugen für Orgel und Ciavier aus den Partituren, die er\nbesass, kannte, was uns in der That überraschte, wie er\ndenn auch mit uns bis zum letzten Accorde der Toccata\nin D-mollin sichtbar erregter und befriedigter Spannung\nsich dem Genüsse des gewaltigen Werkes hingab.\nSo boten denn die Tage in Genf gar manches Schöne\nund Interessante dar, und werden besonders auch noch\ndurch die gastfreundliche und ehrenvolle Aufnahme, welche\nden fremden Künstlern zu Theil wurde, bei diesen in an-\ngenehmer Erinnerung bleiben.\n\nL. B.\n\nAus Bielefeld.\n(Der Winter von 1865—1866.)\nIm Anscbluss an die Notizen, welche Ihre Zeitung\nüber unsere Musik von Zeit zu Zeit brachte, schulde ich\nnoch eine ähnliche üher die letzten Concerte, von denen\ndas am 8. Juli auf der Tonhalle, die über 1200 Menschen\nin sich aufgenommen hatte, einen eben so musicalisch\nglänzenden, als hinsichtlich seines wohlthätigen Zweckes\nes fand für die Truppen und deren Zurückgebliebene\nStatt—erfreulichen Abschluss machte. Ich sehe davon ab,\nweil es mir bei einem Ueberblicke des Ganzen nicht nö-\nthig erscheint, vorher noch die Schluss-Details zu liefern,\nwelche, in ihm enthalten, kein genügendes Interesse bie-\nten können. Das Ganze möchte ich aber noch einmal zu-\nsammenfassen, natürlich ganz in der Kürze, um ein Ge-\nsammtbild zu gewähren, das mir gestattet, meine kriti-\nschen Bemerkungen daran zu knüpfen.\nDie Concerte hier gehen entweder von einem Vereine\naus oder werden durch Künstler mit und ohne Mitwir-\nkung eines oder mehrerer Vereine gegeben. Eine Ver-\neinigung sämmtlicher Kräfte kommt bisher immer noch\nnur ausnahmsweise und nicht in einer Art vor, die man\neine wirkliche, mehr als augenblickliche Verschmelzung\nnennen könnte. Die Gründe für das noch nicht vollstän-\ndige Gelingen derartiger Unternehmungen sind theils ganz\nlocaler Natur, d. h. es fehlt an einem grossen, etwa 1000\nPersonen fassenden Saale aussei der Tonhalle, die im\nWinter zu unbequem liegt, theils conventioneilen, theils\nauch politischen Ursprungs. Von den beiden letzteren er-\nscheinen mir die Conventionellen nicht von Bedeutung,\ndenn es herrscht hier ein Einvernehmen zwischen den\nhöheren und niederen Ständen, wie selten; die politischen\njedoch sind von solchem Gewichte, dass es das Beste ist,\ndurch einen Compromiss die Parteien zu befriedigen und für\ndie Musik ein neutrales Gebiet zu gewinnen. Da unser\nMusik-Director Herr Albert Hahn die Lage richtig zu\nerkennen scheint und danach handelt, so ist ihm gelungen,\nwas bisher scheiterte und was vorher als unmöglich galt;\nhoffentlich wird er darin nicht müde, und es tritt späterhin\neine Verschmelzung der Kräfte ein, wobei dann keine\nAufgabe mehr als zu hoch gestellt für unsere Musik an-\nzusehen wäre. Bis jetzt können leise Klagen darüber, dass\nnicht ein jeder das Seine thut, der dazu in der Lage ist,\nund zwar „von selbst\", nicht zuerst geehrt durch per-\nsönliche Aufforderung, doch noch nicht ganz zurückge-\nhalten werden.\nNach dieser Abschweifung zurückkehrend, ist hinzu-\nzufügen, dass die Concerte aber alle (im Gegensatze zu\nfrüher) vollständig in der Hand des Musik-Directors liegen.\nDieser Umstand gereicht unserem Musikleben seit 1864,\nwo Hahn herkam, nach und nach zu grösserem Vortheil.\nDie Technik der Ausführung steigert sich consequenter\nMaassen, da alle Proben von Einer Hand geleitet werden.\nUnd bei der Wahl der Musik, welche auf das Programm\nkommt, herrscht eine bestimmte, der künstlerischen Indi-\nvidualität Habn's entsprechende Richtung.\nDer Musikverein gab acht Concerte, davon nur drei\nmit Orchester, ein Missverhältniss, welches der Zufall vor\nAllem herbeiführte. Das Abonnement geht hier nämlich\nvon Neujahr zu Neujahr; daher kommt es zuweilen, dass\ndie Orchester-Concerte sich nicht richtig vertheilen, wie\nauch dieses Mal. Ferner wurden in diesen dreien freilich\nder „Paulus\", und zwar vollständig, Gluck's Oper „Or-\npheus\" gleichfalls und die C-dur-Messe von Beethoven auf-\ngeführt, also Werke, deren materielle Ausdehnung schon\nviele Proben erforderte. Endlich aber fand sich in anderen\nConcerten noch Gelegenheit, etwas, wenn schon nur we-\nnig, Orchestermusik zu geben. Durch Herbeirufung frem-\nder Künstler wurden uns dagegen verhältnissmässig viele\nGenüsse geboten. Fräulein Elise Bempel erfreute im\n„Paulus\", wie auch bei späterer Gelegenheit in einem\nimprovisirten Concerte, durch die Correctbeit ihres Gesan-\nges, wie durch die klare, leicht ansprechende und wohl-\nthuend ausklingende Stimme. Fräulein Adele Assmann\naus Barmen machte mit der einzigen Alt-Arie im „Pau-\nlus\" einen tiefen Eindruck und den Wunsch rege, sie mehr\nzu hören. Herr Fritz Jansen, der auch in einem Con-"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "231", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660721-01.1.7", "texte": "certe der Liedertafel Lieder und Arien vortrug, erhielt\nsich die ihm von der Bühne her bewahrten Sympathieen,\nweniger allerdings durch die Schönheit seines Baritons,\nals durch feinen, wenn auch nicht charaktervoll, so doch\nintelligent zu nennenden Vortrag. Fräul. Marie Cruvelli\nwar bei der Aulführung des „Orpheus\" trefflich dispo-\nnirt und wusste die Partie so gut durchzuführen, dass sie\ndadurch wesentlich zu dem wirklich überaus grossen Er-\nfolge beitrug, den Gluck's Oper hier errang. Frau Hahn\ntrat allein und mit ihrem Gemahl in Compositionen für\nzwei Flügel (Sonate von Mozart u. s. w.) auf und erhielt\nsich dauernd in der höchsten Gunst des Publicums. Fräu-\nlein Regan, königliche Hof-Opernsängerin aus Hanno-\nver, mit ungemein lieblichem Organ eine tadelfreie, nur\netwas kühle Behandlung vereinend, Herr Pick, ein lyri-\nscher Tenor, der nicht gut disponirt war, und Herr Stä-\ngemann, dessen vorzügliche Leistungen in einer Arie\nder „Schöpfung\" und Liedern von Schumann, Goltermann\nund Marschner sich auf das brillanteste darthaten, gaben\nein wohlthuendes Bild von dem musicalischen Geiste, der\nan der Bühne in Hannover herrscht. Neben den grossen\nWerken kamen noch Grell's sinnig-frommes Pfingstlied,\nHiller's anmuthige Christnacht und Schumann's im\nguten Sinne genrehafte Pilgerfahrt der Rose, ausserdem\neinzelne Chöre aus Oratorien und Quartette für Chor\nvon Mendelssohn, Reichardt, Herzberg, Hahn und Ande-\nren zu Gehör.\nDas Concert, welches sich seinem inneren und äusse-\nren Gehalte nach an diese' acht Concerte anschliesst und\nwelches darum gleich besprochen werden soll, war das\nletzte, am 8. Juli, welches Herr Musik-Director Hahn zum\nBesten der Truppen und ihrer Zurückgebliebenen gab. Er\nhatte trotz des Widerstandes, den er Anfangs hierbei\nfand, die besten Kräfte zu einem Männerchor zu vereini-\ngen verstanden, wie ihn Bielefeld vielleicht zahlreicher\nschon, aber nicht qualitativ besser gestellt hat. Das Orche-\nster gab die Ouvertüren zu „Prometheus\" und „Titus\",\ndiese beiden Pracht-Beispiele klarster Form und ursprüng-\nlicher Gedankenfrische, und wirkte unter Anderem in\nHiller's „Edda-Gesängen\" (des Dichters Ellar Ling) mit.\nFrau Hahn wusste durch Compositionen von Thalberg\nund Schulhoff auf einem Steinweg'schen Concertflügel das\nPublicum so zu befriedigen, dass sie dem Dacapo-Rufen\nnachgeben musste. Gleiche Auszeichnung wurde einer vor-\nzüglichen Dilettantin zu Theil, welche die erste Jessonda-\nArie sang, deren echt deutsche Traumseligkeit allgemeine\nRührung hervorrief. Auch die anderen Nummern, Duette\nvon Rossini [Mira la Uanca und aus Schumann's\n„Genofeva\", das Quartett aus dem „Oberon\", Solo- und\nOhorlieder von Weber, Hummel und Abt, wie der be-\nkannte, durch sein Anschwellen und Abnehmen so effect-\nvoile Chor aus den „Beiden Geizigen\" von Gretry, erran-\ngen alle den ihrer tüchtigen Beproduction übrigens auch\ngebührenden Beifall. Den Glanzpunkt bildeten aber unbe-\nstritten Hiller's „Edda-Gesänge\", welche bei dem vorzüg-\nlichen Ineinandergreifen von Chor und Orchester eine un-\ngemeine Wirkung hatten. Es sind deren zwei, die vom\nComponisten so iu Musik gesetzt worden sind, dass der\nzweite sich dem ersten enge anschliesst. Der erste ist dü-\nsterer gehalten, wie es der Refrain: „In der Nacht, in der\nNacht\", schon erheischt, gleich dem Dunkel der Nacht;\nwie Flammen erheben sich daraus die Melodie-Stellen, mit\nihren feurigen Zügen des Herzens Ahnen und Sehnen ma-\nlend. Enthielt der erste Gesang, „Osterfeuer\", einen nor-\ndisch-mythischen Wuodans-Dienst, so bringt der zweite\neine Anrufung Ostara's der Name ist mir übrigens in\nden alten, bekannten Edda-Sagen nicht begegnet—, der\nFrühlings- und Friedens-Göttin. Sie beginnt mit innigen,\nlang hinziehenden Klängen, die sich allmählich zu gestei-\ngerter Innigkeit erheben und in fortdauernder Gipfelung\ndurch neue musicalische Gedanken, in dem zweiten, auch\ndem Tempo nach bewegteren Theile namentlich durch den\nglücklichen Gegensatz melodischer und fugirter Stilart\neinen stets anwachsenden Aufschwung repräsentiren. Klar\nin der Form, originel in den Gedanken, interessant in der\nSchreibart und untadelhaft in der Factur, scheint mir das\nWerk zu den besten der Männergesangs-Literatur zu ge-\nhören. Es bildete den Schluss des ersten Theiles, und ob-\nwohl nach langem, anhaltendem Regen das wie auf höhe-\nren Befehl plötzlich eingetretene schöne Wetter aus der\nHalle auf den Vorplatz lockte, dessen Panorama zu den\nschönsten gehört, welche die Ausläufer des Teutoburger\nWaldes besitzen, blieb Alles noch auf den Plätzen, um\ndurch anhaltenden Beifall seiner Begeisterung Ausdruck\nzu geben. Inmitten der trüben Ereignisse, die Niemanden\nunberührt lassen, war dieses Concert neben dem reichen\nErtrage (über 1100 Billets waren verkauft) ein Moment\ndes abseitigsten Genusses, der einem Jeden lange unver-\ngessen bleiben wird.\nMit Orchester fand noch das Concert von Fräulein\nMarie Cruvelli Statt. Es spielte die Ouvertüre zum\n„Freischütz\" und zum „Wasserträger\". Fräulein Cruvelli\ngefiel am meisten und mit Recht mit Schumann'schen und\nSchubert'schen Liedern. Indem ich diese Thatsache mit\nihrer Durchführung der Orpheus-Partie zusammenhalte,\nkann ich nicht umhin, meine Ansicht dahin auszusprechen,\ndass die Sängerin richtiger thäte, ihren mit der pariser\nLuft eingesogenen Geschmack für Arditi, Verdi und Meyer-\nbeer ihrer deutschen Abstammung gemäss zu germanisi-\nren. Sie trug diesen Winter mit ihrer Schwester, die als"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "232", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660721-01.1.8", "texte": "Dilettantin eine hervorragende Stellung einnimmt beide\nwirkten in zwei bis drei Concerten mit —, zur Bereiche-\nrung unseres Musiklebens bei. Die Eigenschaften, welche\ndie berühmte Schwester Sophie (jetzige Baronin Vigier)\nzierten, bilden auch die Grundlage ihrer Begabung: Ta-\nlent für grosse Effecte, künstlerischer Sinn und allgemeine\nmusicalische Veranlagung. Eine Ausführung des Verglei-\nches würde zu weit führen.\nUeber das Concert der Liedertafel, dessen wir oben\nErwähnung thaten, verweise ich auf die frühere Notiz.\nBei dieser Gelegenheit sei erwähnt, dass wir sechs Männer-\nGesangvereine, ausser jener den Arion, die Harmonie, den\nTurner-Gesangverein, den Teutoburger und den Arbeiter-\nBildungs-Gesangverein hier besitzen, von denen der Arion\nund die Liedertafel Preise aufzuweisen haben.\nDie letzten drei Concerte dieser Saison waren die Kam-\nmermusik-Sitzungen der Frau Hahn und des Hof-Capell-\nmeisters Bargheer aus Detmold, in denen Trio's, Sona-\nten und Solostücke der verschiedensten, hauptsächlich clas-\nsischen Meister gegeben wurden. Das neue Unternehmen\nist vollständig geglückt und wird auch trotz der Missgunst\nder Verhältnisse, so steht zu hoffen, sich eines gleichen\nErfolges in der Zukunft erfreuen; denn der Geschmack an\nsolcher Musik ist hier, obwohl ihm öffentlich in dieser\nWeise bisher nichts geboten, allgemein verbreitet, und die\nbeiden Künstler sind wohl geeignet, durch correcte und\nbegeisterte Interpretation das Classische auch weiteren\nKreisen näher zu tragen.\nEin Blick auf die vierzehn Concerte des Winters lehrt,\ndass wir entschieden vorwärts gehen. Nach diesem Aus-\nspruche, wie dem vielen Anerkennenden des vorhergehen-\nden Berichtes, muss aber gesagt werden, woran es noch\nfehlt. Zuerst muss der Frauenchor wohl durch Hinzuzie-\nhung der musicalischen Kräfte, welche sich notorisch noch\naus unmusicalischen Gründen zurückhalten, verstärkt wer-\nden; dann müssen die Männer-Gesangvereine in einer so-\nlideren Weise etwa durch vierzehntägige Versammlun-\ngen— sich einander nähern; endlich, die Verhältnisse sind\njetzt freilich nicht danach, wo die Kriegsfurie Milliarden\nverschlingt, muss das Orchester verstärkt werden, dass es\nin sich vollständig ist. Unterstützen uns die Mitglieder des\ndetmolder vorzüglichen Hof-Orchesters (einmal mussten\nwir uns sogar bis nach Braunschweig wenden), so wird\ndie Verschmelzung zwar nicht anders als ganz zu Gunsten\nder Leistung fühlbar: dasselbe kann aber nicht von den\nanderen Kräften so unbedingt ausgesprochen werden. Sind\ndiese drei Ziele, deren Erreichung nicht mehr fern liegt,\ngewonnen, so wird der künstlerische Standpunkt wirklich\nerrungen sein, der uns gebührt.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nBei Breitkopf und Härtel in Leipzig werden erscheinen:\nO. Jahn's „Gesammelte Aufsätze über Musik\" und Ed. Krüger's\n„System der Musik\".\nPrag, 13. Juli. Der böhmische Landes-Ausschuss hat dem\nDirector des deutschen Landestheaters der ungünstigen Zeitverhält-\nnisse wegen eine Unterstützung von 3000 Fl. bewilligt. An dem\nTage des Einrückens der Preussen wurde im Landestheater aufge-\nführt: „Eine Ohrfeige um jeden Preis\". Hierauf: „Die Stiefmutter\".\n(Warum nicht lieber „Der Stiefvater\"?)\n13. Juli. Die Coloratursängerin Frau Peschka-\nLeutner wird als eine neue glänzende Erscheinung auf dem Hof-\nOperntheater gerühmt, und man bedauert nur, dass bei der vorwal-\ntenden Stimmung der Bevölkerung der Beifall immer nur von einem\ngering besetzten Hause ausgeht.\nHans Blau, bisher Mitglied des kaiserlichen Hof-Opernorche-\nsters in Wien, ist als Concertmeister am Mozarteum in Salzburg\nengagirt worden.\nUllman wird im nächsten Winter, da seine grosse Unterneh-\nmung von Volks-Concerten in Wien durch die Zeitverhältnisse un-\nausführbar geworden, mit Carlotta Patti, welche noch ein Jahr\nlang mit ihm Contract hat, Frankreich bereisen und in Paris, Lyon,\nMarseille, Toulon, Nizza, Avignon, Nimes, Cette, Bordeaux, Tou-\nlouse, Nantes, Rennes, Orleans, Lille, Metz, Nancy, Strassburg und\nin allen Städten von mehr als 20,000 Einwohnern Concerte geben.\nWelche Künstler er ausser der berühmten Sängerin noch engagirt\nhat, ist uns noch nicht bekannt geworden.\nIn der Saison von 1865 —66 sind im Thtätre lyrique zu Paris\n„Die Zauberflöte\" 58 Mal, „Don Juan\" 24, „Martha\" 55,\n„Rigoletto\" 46 Mal gegeben worden."}]}