{"numero_id": "bm-bmtnabi-1866-07-28-01", "volume": "bmtnabi_1866-07-28_01", "ocr_sha256": "4a54cb1e2cf6f3e54adf57fc93dcc4fa7b55027684b9294b1fefd2a3f08d7909", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1866/07/28_01/bmtnabi_1866-07-28_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660728-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1866-07-28-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1866-07-28_01#c001", "volume": "bmtnabi_1866-07-28_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "233", "page_fin": "233", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660728-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "233", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660728-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 451, "texte": "Inhalt.\nPariser Briefe (Noch einmal „Don Juan\" Nicolais „Lustige Weiber\" Flotow's „Zilda\" „La Colombe\" von\nGounod „Jose Maria\" von J. Cohen Concerte Musicalische Zustände). Von B. P. Die Musik in Neapel und Rom. Tages-\nund Unterhaltungsblatt (Köln, Miss Victoria Rosenfeld Ems, die Saison Leipzig, Theaterbau Tenorist Dr. Liebertf\nVieuxtemps Ordens-Verleihung Wien, Theater Brüssel, der Horn-Virtuose Vivier Lüttich, Männergesang-Wettstreit u. s. w.)."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1866-07-28-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1866-07-28_01#c002", "volume": "bmtnabi_1866-07-28_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "233", "page_fin": "236", "image_debut": 1, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660728-01.2.2", "titre_corps": "Pariser Briefe.", "titre_sommaire": "Pariser Briefe.", "signature_source": "B. 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Dass die Italiäner mit\nihrem Don Giovanni entschiedenes Fiasco machten, habe\nich schon früher berichtet; es war das übrigens nichts\nNeues, denn so lange ich wenigstens hier lebe, hat das\nWerk in jedem Jahre eine ähnliche Verunstaltung erfah-\nren. Von dem Don Juan der grossen Oper erwartete man\nmehr, und die Journale behaupten auch, die Aufführung\nsei vortrefflich gewesen. Dem ist aber nicht also; Nie-\nmand, der den Don Juan auf guten deutschen Bühnen ge-\nsehen hat, wird ihn in der Vorstellung der grossen Oper\nin Paris wiedergefunden haben; zum Beweise genügte\nallein das Finale des ersten Actes, welches ganz misslang\nund in welchem selbst das Masken-Terzett spurlos vor-\nüberging, ohne den geringsten Eindruck zu machen. So\nhatten denn dem Theätre lyrique die beiden grossen Opern-\nbübnen die Aufgabe erleichtert, und obwohl auch hier\nnoch viel zu wünschen übrig blieb, so war doch im Gan-\nzen und auch in vielem Einzelnen der Don Juan dieses\nTheaters der beste von den dreien, denn was dem Ein-\ndrucke in der ersten Vorstellung schadete, war Aeusser-\nliches, namentlich die Menge von Zwischenacten, die zu-\nweilen sehr lange dauerten und nach endlichem Aufziehen\ndes Zwischenvorhanges keinen Grund für die störende\nMaassregel entdecken Hessen. Zu bemerken ist, dass man\ndie Oper mit Dialog gab, in welchen hier und da einige\nWitze aus Molräre's Le Festin de pierre eingeflickt waren.\nUebrigens wurden mit Ausnahme des später für Wien\ncomponirten Duettes zwischen Zerline und Leporello alle\nNummern der Partitur gemacht, auch das Sextett am\nSchlüsse; es zeigte sich aber auch bei diesem Versuche\nwieder, dass der ungeheure Eindruck der Scene zwischen\ndem Geiste und Don Juan diesen Convenienz- oder Moral-\nschluss ganz und gar erdrückt und nicht im geringsten\nzur Geltung kommen lässt. Man hat ihn denn auch bei\nden folgenden Vorstellungen weggelassen. Die Donna\nAnna der Madame Charton-Demeur, welche mehrere\nJahre in Wien gewesen ist, war eine gute Leistung; die\nErscheinung der Demoiselle Nilson als Elvira machte die\nTreulosigkeit Don Juan's zu einem doppelten Verbrechen,\nso schön war sie; auch ihr Gesang war untadelhaft. Ma-\ndame Miolan war wie immer allerliebst als Zerline. Auch\nder weiche Tenor Michot's passte recht schön zu den\nFrauenstimmen, und ein neuer Bariton, Barre, der so\nkühn gewesen, den Don Juan als Debüt zu wählen, er-\nwarb mit Recht durch Stimme und sehr einnehmende\näussere Erscheinung Beifall. Trotz alledem hat die Oper\ndoch das Haus nicht so anhaltend und so vollständig ge-\nfüllt, als die Zauberflöte.\nEine Neuigkeit waren in demselben Theater Nico-\nlai's „Lustige Weiber von Windsor\" (Les joyeuses\nCommeres de Windsor). Barbier hatte den deutschen Text\nvon Mosenthal gut übersetzt, aber statt der Recitative\nDialog, zum Theil nach Shakespeare, eingelegt, nicht eben\nzum Vortheil des Ganzen. Die französische komische Oper\nwill den gesprochenen Dialog nicht gern entbehren, und\nim Princip ist es wenigstens sehr zweifelhaft, ob dieses\nFestbalten an der älteren, zum Verständnisse der Hand-\nlung unendlich viel beitragenden Form nicht den Vorzug\nvor der pedantischen Forderung, auch in der lustigen\nOper nur Gesang zu dulden was am Ende doch wieder\nnur reine Nachahmung der Italiäner ist —, den Vorzug"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "234", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660728-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5369, "texte": "verdient. Nicolai's Musik hat sehr gefallen, obschon die\nBesetzung, da die besten Künstler im Don Juan, der eine\nZeitlang daneben gegeben wurde, beschäftigt waren, nicht\nvorzüglich war. Sonderbar, dass die Ouvertüre, durch die\nConeerts populaires und die Garten-Concerte im Elysee\nsehr populär geworden, im Theater keinen Applaus her-\nvorrief.\nDrei Tage nach der ersten Vorstellung der „ Lustigen\nWeiber\" ging von Flotow's „ZUda*\net une Nuits), Oper in zwei Acten, auf dem Theater der\nkomischen Oper in Scene (den 28. Mai).\nDer Zusatz auf dem Zettel: „Conte des Mille et une\nNuits\", ist mehr auf das Anziehende jener orientalischen\nMärchen für das Publicum, als auf urkundliche Wahrheit\nder Quellen des Libretto's begründet, da die Verfasser\nde St. Georges und Chivot hauptsächlich eine Erzählung\nVoltaire's benutzt haben. Die schöne Frau eines Kauf-\nmannes' kommt nach Bagdad, um eine Forderung ihres\nMannes bei einem alten Arzte einzutreiben. Der Schuldner\nerkennt die Forderung an, macht aber der schönen Gläu-\nbigerin Anträge, deren Gewährung dertreuen Gattin un-\nmöglich ist. Sie beklagt sich beim Kadi; zufälliger Weise\nlüftet sich ihr Schleier, und der Kadi setzt denselben Preis\nauf seine Gerechtigkeitspflege, wie der Arzt auf seine Zah-\nlung. Sie wendet sich an die höchste Instanz, den Gross-\nvezir: dieselbe Geschichte! Glücklicher Weise ist der\nex machina,der überall hülfreiche Harun al Raschid, bei\nder Hand, der als Derwisch, dann als Corsar sich ein-\nmischt und am Ende als Kalif die drei Nebenbuhler zu\nZahlung der dreifachen Summe verurtheilt. Vorher aber,\num sich und das Publicum zu amusiren, gibt er der jun-\ngen Frau den Rath, allen Dreien bei einer Vertrauten\nein Stelldichein zu geben, wobei Einer vor dem Anderen\nins Versteck flüchten muss, nachdem die Schöne ihre\nVerliebtheit benutzt hat. sie zum Spielzeug ihrer Laune\nzu machen. Diese Scene nimmt den ganzen zweiten Act\nein, während im ersten sich die Vorgeschichte entwickelt.\nAehniiches ist freilich schon sehr oft da gewesen, und\nman kann nicht sagen, dass das Libretto durch Erfindung\nglänzt : denn es knüpft, allerdings mit französischer Bühnen-\nkenntniss, eine Reihe von Scenen an einander, die im ersten\nActe sich im Wiederholen derselben Situation bewegen und\nim zweiten Acte das Komische oft bis zum Possenhaften\ntreiben, wiewohl überall eine gewisse anständige Eleganz\ndes Ausdrucks in der Sprache und setzen wir auch\ngleich hinzu —in der Musik beobachtet ist. Die Musik\nlässt sich mit einer geistvollen, den gebildeten Weltton\nfesthaltenden, auch das Gewöhnliche mit einer einnehmen-\nden Wortfülle und glatten Zierlichkeit sagenden Conver-\nsation im Salon vergleichen. Einige Ensembles zeigen den\ngewandten Musiker in der Führung der Stimmen,\nwelche nirgend etwas Schwerfälliges oder Gezwungenes\nhat. Der Melodieen sind eine Menge da, jedoch wirklich\nausgeführt und zu schönem Gesangstücke abgerundet\nkaum eine einzige; statt sich dazu der Mühe und Arbeit\nzu unterziehen, setzt Flotow lieber gleich ein anderes\nStück Zeug an, wodurch dann freilich das Kleid zuweilen\netwas bunt wird; um uns das aber wieder aus den Augen\nzu rücken, lässt er am Ende Wimpel und Schleifen von\nblendenden Bändern in Form zwitschernder Coloratur\ndarüber hinwehen. Und dazu ist Madame Cabel (Zilda)\nmit ihrer spitzen und dünnen, aber wunderbar geschulten\nStimme wie geschaffen; auch merkt man, dass ihr das\nalles, wie man zu sagen pflegt, auf den Leib zugeschnit-\nten ist, was wir aber keineswegs dem Componisten zum\nVorwurf machen. Wie man es denn ferner einem Meister\nin der gesellschaftliehen Unterhaltung nicht übel nimmt,\nwenn er seine fliessende Rede mit Copieen und Erinnerun-\ngen geistreicher Aussprüche berühmter Schriftsteller\nwürzt, so muss man auch mit Herrn von Flotow Nach-\nsicht haben, wenn er etwas Bellini, Donizetti, Adam, Au-\nber u. s. w. anbringt. Wenn er will, kann er stolz sein\nauf den Ausspruch der hiesigen Kritik, dass die Musik\nseiner neuen Oper echt französisch sei. Im Ganzen sind\ndie Vorzüge Flotow's, Frische und Lebendigkeit, leichter\nFluss, wenn auch zuweilen auf Kosten des tieferen musi-\ncalischen Gehalts, meist, hübsche Instrumentirung, auch in\nder „Zilda\" sichtbar: im Ganzen aber scheint der Com-\nponist der „Martha\" nicht höher emporgestiegen zu sein,\nein Urtheil, welches auch das hiesige Publicum bestätigt,\nindem die ersten Vorstellungen mehr einen mässigen, als\neinen entschieden günstigen oder gar enthusiastischen Er-\nfolg errangen und die folgenden einige und zwanzig\nbis zum Urlaub der Madame Cabel - zwar gut besucht\nwaren, jedoch das Haus keineswegs überfüllten, was im\nTheätre lyrique bei den mehr als fünfzig Vorstellungen\nder „Martha\" in der vergangenen Saison stets der Fall\nwar. Uebrigens fehlt es der „Zilda\" nicht aB glänzender\nAusstattung und an lockendem Spectakel, als da sind\nMarkt und Chor ä la„Stumme von Portici\", türkischer\nMarsch der Wache des Kalifen, Tanz der Almeen und\ndergleichen mehr.\nAcht Tage nach der „Zilda\" brachte dasselbe Theater\neine zweiactige komische Oper: nLa Colombe\", mit Musik\nvon Gounod. Sie ist bereits vor sechs Jahren für Herrn\nBenazet's Theater in Baden-Baden geschrieben worden;\nder Ruf des Componisten des „Faust\" hat ihr jetzt Zutritt\nauf den pariser Brettern verschafft, sie hat aber diesen\nRuf eben nicht erhöht. Der Inhalt des Libretto ist zu kin-\ndisch, um ein erwachsenes Publicum interessiren zu kön-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "235", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660728-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5274, "texte": "nen: ein Anbeter Sylviens bat sich ihr zu Liebe ruinirt\nund hat nur noch eine zahme, zu Kunststücken abgerich-\ntete Taube im Vermögen; Aminta, eine andere Schöne,\nbesitzt einen eben so berühmten Papagei. Sylvie, welche\nder Anderen in Allem den Rang abzulaufen trachtet, ladet\nsich bei ihrem verarmten Anbeter zu Tisch ein; am Ende\ndes Soupers bittet sie ihn, ihr die Taube zu schenken.\n„Sie haben sie so eben verspeist,\" antwortet Horace;\nhierauf tiefe Rührung Sylviens und Heirath!*) Nicht ge-\nnug: der feinste Theatercoup kommt erst noch. Ein klei-\nner Neffe des Horace bringt die vom Opfertode durch ihn\ngerettete Taube, und was haben die Liebenden gespeist?\nDen Papagei der Aminta, den der prächtige Junge gefan-\ngen hat!!— Die Musik ist eben so schwach, wie der Text,\nobwohl das Talent feiner Instrumentirung sich auch in\nihr nicht verläugnet.\nIch übergehe einige einactige Opern, welche gekom-\nmen und gegangen sind, und erwähne nur noch die letzte\nNeuigkeit des unermüdlichen Theaters der komischen\nOper: „Jose Maria\",in drei Acten, Musik von Jules\nCohen.\nHerr Cohen ist ein Musiker, dem man es zum Vor-\nwurfe macht, von Hause aus zu denjenigen zu gehören,\ndenen ihr Reichthum die rauhen Pfade der Künstler-\nLaufbahn ebnet, zu den Nachfolgern von Mendelssohn\nund Meyerbeer d. h. in ihren äusseren Verhältnissen.\nIn anderer Beziehung lässt aber Cohen auch nicht den\nAnschluss an beide Meister, vorzugsweise jedoch an Meyer-\nbeer, verkennen, dessen Factur er bis zu sprechender\nAehnlichkeit nachahmt. Er hat sich bisher der Richtung\nauf ernste Musik befleissigt, wovon seine Compositionen\nder Chöre zu Racine's „Athalia\" und „Esther\" sehr an-\nerkennenswerthe Beweise liefern, die aber freilich einer\nGattung von Musik angehören, mit welcher hier Niemand\ndurchdringt. Seine erste Oper, „MaUre Claude\", kenne\nich nicht, nach der zweiten, „ Jose Maria\", zu urtheilen,\nscheint mir aber das dramatische' Fach, namentlich das\nkomische Genre, seinem Talente weniger zuzusagen. Die\nChöre, die er sich, wie man glauben möchte, in grösserer\nZahl, als der Stoff einer komischen Oper es mit sich bringt,\nbei den Verfassern des Buches bestellt hat, sind auch hier\ndas Beste. Im Uebrigen stehen hübsche melodische Motive\nneben sehr gewöhnlichen, und dem Ganzen fehlt die Fri-\nsche der Erfindung und der lebendige Stil, den diese Gat-\ntung von Musik erfordert. Das Stück spielt in Mexico zur\nspanischen Zeit; Jose Maria hat zwar der Oper den Na-\nmen gegeben, ist aber schon todt; das Volk glaubt nicht\nan den Tod des berühmten Räubers, und das macht sich\nein unternehmender Mann zu Nutze und erobert dadurch\ndie Hand einer schönen und reichen jungen Witwe.\nMan sieht, mit dem Operncomponiren geht es immer\nflott voran und auch mit dem Ertrage der Tantiemen,\ndenn in der letzten Versammlung des Vereins der\net Compositeurs dramatiquesweist das vergangene Ge-\nschäftsjahr die Einnahme von 2,088,508 Francs nach,\nwovon 1,499,824 Fr. auf Paris, 507,200 Fr. auf die\nProvinzen, 61,734 Fr. auf das ehemalige Weichbild von\nParis und 19,741 Fr. auf das Ausland kommen. Die\nAufführungen in Paris und dem Weichbilde verhalten\nsich also zu denen in dem ganzen übrigen Frankreich wie\nanderthalbe Million zu einer halben!\nDas Geschäft geht also brillant, aber die Kunst?\nSie zehrt von den Capitalien alter Stiftungen. Zwar fehlt\nes nicht an vielen neuen Muthungen auf ihrem Gebiete,\num den Bergwerks-Ausdruck zu gebrauchen: aber die\nSchachte liefern keine Ausbeute, die Adern edlen Metalles\nbleiben in der Tiefe verborgen und unaufgefunden. Son-\ndert man von der ganzen heutigen pariser Musik-Pro-\nduction auch der besseren Gattung, welche das Opern-\nund Concertwesen umfasst, alles dasjenige, was Schein\nund Reclame ist, ab, so bleibt nur ein geringer Kern\nübrig, der die wahre Kunst repräsentirt.\nAber Ihr habt ja die Concerte des Conservatoires und\ndie Concerts populaires de rf sind das\ndenn nicht echt künstlerische Institute?\nJe nun, es ist mit ihnen auch eine eigene Sache. Aller-\ndings haben sie ihr Gutes; die Conservatoire-Gesellschaft\nhat den Kreis ihrer Abonnenten durch eine zweite Serie\nerweitert, und in Pasdeloup's Circus gewähren die auf-\nmerksamen Tausende von Zuhörern ein grossartiges\nSchauspiel. Allein es lässt sich doch Zweierlei nicht läug-\nnen: erstens, dass auch bei diesen Anstalten nach und\nnach das Geschäft seine Rolle spielt, und zweitens, dass sie\nfür die Anregung zu bedeutender musicalischer Production\nwenig oder gar nichts gewirkt haben. Das Conservatoire\nist ein alter Rentier, der seinen Gästen stets feine und aus-\ngesucht zubereitete Speisen vorsetzt, aber immer dieselben\nGerichte, und der dabei auch die sonderbare Sitte nicht\nablegt, zwischen diese Gerichte allerlei Fragmente als\nLeckerei zu kosten zu geben. Und die populären Concerte\nbeginnen auch, sich die Sache bequem zu machen; Wieder-\nholungen eines und desselben Repertoires erfordern nicht\nso viele, mitunter gar keine Proben, und das vergrössert\ndie Revenue. Und wer hat auch in Paris Zeit, neue Par-\ntituren anzusehen oder gar zu studiren, um gutes Neues\nzu finden und zur Aufführung zu bringen?\n\n*) „Horace. rtest plus: vous en avez dind. Que ne\nvous ai-je servi mon coeur hsa place — Welche pariser Dame\nkann widerstehen, wenn ihr der Liebende „sein gebratenes Herz\"\nzum Diner anbietet!!\n[*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "236", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660728-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3770, "texte": "Und die Concerte einzelner Künstler? Sie waren in\ndiesem Jahre von Januar bis Juni eben so, wie sie im vo-\nrigen waren und im künftigen sein werden, d. h. eine\nPlage, die der Dilettantismus hervorruft und der Ton der\ngrossen Welt nährt. Denn wer nicht eine Soiree geben\nkann, in welcher Musik gemacht wird und dieser oder\njener Virtuose aus Freundschaft für das Haus auftritt,\ngehört nicht zur vornehmen Gesellschaft. Diese Soireen\nwerden aber die Quelle einer Flut von Privat-Concerten.\nDies geht so zu.\nDie Musik gehört zum Welttone und —zum Conver-\nsationstone. Man will jede Gattung der Tonkunst, jede\nForm derselben, jede Ausdrucksweise kennen lernen, hier\nund da aus wirklicher Liebe zur Sache, meistens aber, um\ndarüber mitsprechen zu können. Keine Gesellschaft ohne\nMusik; man ist glücklich und stolz, seinem Cirkel einen\nausgezeichneten Künstler vorführen zu können, welcher\nnichts kostet. Man sucht direct oder indirect seine Be-\nkanntschaft, nimmt einige Stunden bei ihm, ladet ihn ein\npaar Mal zu Tische. Dann bittet man ihn, den Abend in\nder Familie zuzubringen und un peu du musique zu ma-\nchen. Der Künstler geht darauf ein: er weiss, dass die\nSoireen, welche etwas einbringen, in Paris immer seltener\nwerden; es ist ihm auch ganz recht, sich vor einem aus-\ngewählten Kreise hören zu lassen, und endlich hofft er,\nsich bald auf andere Weise, wie wir gleich sehen werden,\nzu entschädigen.\nFür die Dame vom Hause ist eine solche Gefälligkeit\nunschätzbar. Die Musik überhebt sie aller Anstrengungen\nvon Liebenswürdigkeit, geistreicher Unterhaltung, Vor-\nstellungs-Redensarten u. s. w. Sie pfropft so viel Damen\nwie möglich in den Salon, die Herren ins ausgeräumte\nSchlafzimmer, und lässt Zuckerwasser, höchstens ein Glas\nEis oder Himbeersaft herumreichen. Das fängt gewöhn-\nlich so gegen eilf Uhr Abends an und hört gegen, ein Uhr\nauf. Man dankt ihr für den himmlischen Abend, den\nman bei ihr zugebracht, und zieht sich beglückt zurück.\nNicht lange darauf erhält dieselbe Dame ein fein ge-\nfaltetes Couvert mit mehr oder weniger Eintrittskarten\nfür ein Concert. Die Zahl derselben wechselt zwischen\nzwei und zwanzig, je nach der Intimität des Künstlers und\nseiner wiederholten Bereitwilligkeit, ein Bisschen Musik\nzu machen. Was thun? Selten werden diese Billette zu-\nrückgeschickt; doch kommt der Fall auch vor, dass ein\nHaus der Meinung ist, der Künstler könne mit der Ehre\nder Einladung zufrieden sein, zumal da man ihm auch\nErfrischungen gereicht habe.\nSo ist denn der Besuch der Privat-Concerte in den\nmeisten Fällen nur Entschädigung für geleistete Dienste;\ndaher die vielen Concerte, indem jeder Künstler die Vor-\nSchüsse an Talent, die er gemacht hat, auf dies« Weise\neinzucassiren bedacht ist. Die Leute, die sich\ngre entschliessen, ihre derartigen Schulden zu bezahlen,\nbilden alsdann das Publicum, dessen stille, passive und fast\nresignirte Haltung, die dem Fremden auffällt, daraus er-\nklärlich wird: es bezahlt dem Musiker seine Rechnung,\nwie dem Decorateur des Salons, und ist sich dessen voll-\nkommen bewusst.\nJetzt ist nun diese grosse Liquidation für die vergan-\ngene Saison beendigt; indess bei manchem Künstler dürf-\nten die Passiva noch immer die Activa übersteigen.\nIch schliesse mit der neuen, aber sicheren Nachricht,\ndass Frankreich mit Deutschland, d; h. Paris mit Richard\nWagner, Friede auf dem Gebiete der Tonkunst machen\nwill. Der Director des Theätre hat bereits die Prä-\nliminarien unterzeichnet; er willigt ein, dass Wagner zu\nAnfang des Winters seinen Ritter vom heiligen Gral, den\nschwanholden Lohengrin, hieher schickt oder in Person\nhergeleitet. Ob er daran wohl thut und nicht eine Wie-\nderholung des „Tannhäuser\" oder eine Aufführung des\n„Fliegenden Holländer\" zweckdienlicher gewesen wäre?\nDie Zeit wird's lehren.\n\nB. P."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1866-07-28-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1866-07-28_01#c003", "volume": "bmtnabi_1866-07-28_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "236", "page_fin": "239", "image_debut": 4, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660728-01.2.3", "titre_corps": "Die Musik in Neapel und Rom", "titre_sommaire": "Die Musik in Neapel und Rom", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "236", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660728-01.1.4", "debut_caractere": 3772, "fin_caractere_exclue": 5003, "texte": "Die Musik in Neapel und Rom\n*).\n%\nJetzt über musicalische Zustände in Italien zu spre-\nchen, ist freilich ein Anachronismus. Man horcht auf ganz\nandere Sinfonieen in der Lombardei und Venetien, als\nauf den Orchesterlärm von Verdi und Mercadante. Die\nBedeutung der Worte bravura, kommt in\nihrem wahren Sinne wieder zur Geltung.\nMan kann aus dem Wechsel der Bedeutung und des\nGebrauches von Worten, der zu verschiedenen Zeiten in\nder Sprache einer Nation eintritt, auf eine charakteristi-\nsche Stimmung der öffentlichen Meinung schliessen. Dass\ndie Ausdrücke opera (ein „Werk\" vorzugsweise), maestro,\nbravura, virtuoso, diva u. s. w., welche alle einen hohen\nGrad von Vollkommenheit bezeichnen, so lange nur auf\ndie Musik angewendet worden, war die Folge davon, dass\ndie Musik Jahrhunderte lang der allein belebende Genius,\nder alleinige Ruhm der Italiäner war, so dass sie sich für\ndie einzige musicalische Nation, für die geborenen Musi-\nker hielten. Jetzt machen sie sich nicht viel mehr daraus,\nwenn man ihnen sagt, dass ihre sehr schwach\nsind, ihre bravura langweilt, ihre maestri in die Schule\ngehen müssen und ihre Conservatorien von den alten Tra-\n\n*) Auszug aus einem Reise-Feuilleton von Gustav Bertrand\nim Journal Le Nord."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "237", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660728-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5355, "texte": "ditionen nichts mehr conserviren. Der musicalische Ruhm\nwird ihnen gleichgültiger; sie wollen ein Volk, sie wollen\nein Staat sein.\nWiewohl die eigentliche Saison schon vorüber war,\nso hörte ich doch noch in Neapel Mercadante's Oper\n„Virginia\" in dem berühmten Theater von San Carlo.\nDas jetzige Haus ist 1817 wieder neu aufgebaut\nworden und ist bekanntlich eines der grössten in der Welt.\nEs bat, wie die Scala in Mailand, seine Schönheit eigent-\nlich nur in der Grösse, welche durch die Einfachheit der\nArchitektur um so imposanter wirkt. Die fünf Reihen Lo-\ngen über einander bilden einen Halbkreis, der nur in der\nMitte durch die kolossale königliche Loge unterbrochen\nwird, sonst aber weder hervorspringende Balcons noch\ngrosses Proscenium hat. Die Akustik ist vortrefflich.\nDie Zuhörerschaft war glänzend; die neapolitanische\nAristokratie zählt wunderbare Schönheiten unter der Da-\nmenwelt, und das Haus war vollständig besetzt, wie das\nbei einer neuen Oper in Italien gewöhnlich der Fall ist,\nda ein Jeder sich sein Urtheil selbst bilden und nicht erst\nabwarten will, was die Journale sagen. Auch steht Mer-\ncadante hier in hohem Ansehen. Uebrigens hatte diese\nNeuigkeit schon viele Jahre lang im Pulte des Maestro\ngelegen und war schon vor seiner letzten Oper „Pelagio\"\n(1857) geschrieben. Am auffallendsten darin ist die lär-\nmende Instrumentirung: wenn die Trompeten pausiren,\nkommen die Posaunen daran, und meistens gehen beide\nzusammen ins Geschirr. Dabei erscheint die banda, die\nkriegerische Blechmusik, ausserdem noch bei der unbe-\ndeutendsten Gelegenheit auf der Bühne. Selbst die Arien\nund Romanzen sind mit dieser Blech-Unterlage gefüttert;\nein zarter, recht lieblicher Frauenchor wurde mit Posau-\nnen begleitet! Wo sind die Zeiten hin, in denen Mozart's\nOrchester den Italiäriern zu geräuschvoll war! Uebrigens\nist sonst die musicalische Behandlung geschickt und cor-\nrect; es fehlt aber an Originalität und persönlich cbarak-\nterisirter Eigentümlichkeit der Gedanken. Jedenfalls ist\nMercadante's Ruf in Italien viel grösser, als sein Verdienst.\nEr versteht das Handwerk und weiss durch gehäufte\nKlangwirkungen den jetzigen Geschmack der Italiäner zu\nbefriedigen; auch ist sein Orchester besonders in den Füll-\nstimmen besser geschrieben, als es Donizetti, Bellini\nu. s. w. gekonnt oder gewollt haben. Wenn er sich aber\nniemals zu tief sinken lässt, so erhebt er sich auch nie\nüber sich selbst. Von eigentlich dramatischer Musik ist\ntrotz mehrerer ansprechenden Melodieen nicht die Rede,\nund Virginia singt in ihrer tragischen Situation ein mit\nColoratur gespicktes Allegro* das nur ein\nvertragen kann. Das letzte Finale ist breit behandelt und\nwirkungsvoll: es entschied den Erfolg der Oper, Am\nSchlüsse war ich dann Zeuge eines wie man\nihn nur in italiänischen Theatern erlebt: sieben- bis acht-\nmaliger Hervorruf der Haupt-Darsteller, ein Regen von\nBouquets, donnernder Applaus und enthusiastische Bravo's.\nDoch fielen auch einige starke Stimmen mit dem Rufe:\nbasta! basta!(genug!) dazwischen, denn es gibt nach und\nnach immer mehr vernünftige Leute, die gegen diese\nUebertreibungen des Beifalls auftreten.\nWas mich aber noch mehr wunderte, war, dass mir\ngebildete Musiker versicherten, dass dieser Sturm von Ap-\nplaus, der mich betäubte, noch gar nicht einen entschie-\ndenen und grossen Erfolg bedeute; er sei nur ein Zeichen\nvon Achtung und Wohlwollen gegen den alten und durch\nBlindheit und Schwäche an sein Zimmer gefesselten Mei-\nster gewesen.\nSänger und Orchester konnten befriedigen, die So-\npranistin und der Bariton waren sogar vorzüglich. Alles\nScenische und Plastische auf dem Theater war nichts we-\nniger als glänzend. Der Director erhält eine Staats-Unter-\nstützung von 300,000 Francs und es steht ihm ein Auf-\nsichtsrath zur Seite. Das Gerücht, dass bei den schlechten\nZeiten diese Summe ausfallen solle, machte viel böses\nBlut; denn wenn man dem Italiäner seine Oper nimmt,\nso nimmt man ihm das halbe Leben.\nDie Bibliothek des Conservatoriums besitzt interessante\nHandschriften von berühmten Componisten von Pergolese\nbis auf Rossini, Donizetti und Bellini, unter anderen auch\ndie Original-Partitur von Cimarosa's\nBellini's Partituren enthalten fast nur die Melodieen, die\nOrchester-Partie ist iheils gar nicht ausgefüllt, theils sehr\nundeutlich hingeschmiert. Das Conservatorium hat hundert\nZöglinge, welche auf Staatskosten nicht bloss Musik-, son-\ndern auch Schulunterricht erhalten; sie werden aus talent-\nvollen Kindern unter fünfzehn Jahren gewählt. Ausserdem\nhat die Anstalt mehrere zahlende Schüler aus der Stadt\nund 120 auswärtige, im Ganzen in 15 Classen. Allein\nwas wird geleistet? was ist aus der berühmten neapolita-\nnischen Pflanzschule grosser Meister geworden? Ihre jetzi-\ngen Leistungen erfahren am Orte selbst eine sehr scharfe\nBeurtheilung.\nEs hat sich überhaupt eine Reform-Partei gebildet,\nan deren Spitze ein tüchtiger Musiker und Kritiker, Na-\nmens Bonamici, steht, welcher vor zwei Jahren den\nmusicalischen Congress in Neapel veranlasst hatte. Wie\nauf allen dergleichen Versammlungen, wurde viel geredet,\nviel vorgeschlagen, viel gewünscht, viel gefordert, was alles\nin gedruckten, starken Protocollen niedergelegt ist. Indess\nist doch auch ein praktisches Resultat daraus hervorge-\ngangen, der Circolo Bonamici, der Mittelpunkt derjenigen,\ndie eine gründliche Reform der italiänischen Musik und"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "238", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660728-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5319, "texte": "des Geschmacks anstreben. Ihr Organ ist\ncircolo Bonamici,in welchem die Grundsätze einer ratio-\nnellen Kritik aufgestellt und richtige Ansichten über clas-\nsische Meisterwerke anderer Nationen, besonders der Deut-\nschen, verbreitet werden.\nAusser dem San Carlo hat Neapel noch ein halbes\nDutzend anderer Theater, auf denen die\nblüht. Obwohl sie ihren alten National-Charakter, wie die\nPatrioten klagen, durch Einlenken in die moderne Vaude-\nville-Gattung nach und nach alterirt, so gibt es doch noch\nsowohl ganze Vorstellungen, als einzelne Künstler, welche\nzum Theil durch ihren komischen Inhalt, mehr aber durch\nden unerschöpflichen Humor und die fabelhafte Beweglich-\nkeit und Gewandtheit der Darsteller in Spiel und Gesang\ndas Zwerchfell so erschüttern, dass man nicht zum Bewusst-\nsein über den Mangel eines künstlerischen Hintergrundes\nkommt, auf welchem sich diese echt komischen Figuren\nbewegen. Die eigentlichen Pagliasse und Pulcinelle kann\nman nur hier sehen, und der Fremde kann sich aus sei-\nner Heimat her gar keine Vorstellung von dieser Art von\nKomödie machen. Auf diesen kleineren Theatern findet\nman noch immer höchst originelle Talente, wie z. B. auf\nder Bühne im Wintergarten einen gewissen Bottero, einen\nBassisten, der vom tiefen JE, das er in reinem und kräfti-\ngem Ansätze hat, durch zwei Octaven mit einer Coloratur-\nfertigkeit hinaufgeht, deren Correctheit nichts zu wünschen\nübrig lässt, und dann am Ende mit einem täuschenden\nund ganz wohlklingenden Sopran-Falset eine Primadonna-\nArie singt. Als berühmtester eigentlicher Puicinell gilt\njetzt Petitti, der auch noch durch improvisirte Witze glän-\nzen soll. Uebrigens gehen dem Fremden eine Menge von\ndiesen Spässen verloren, denn man mag noch so gut des\nItaliänischen mächtig sein, diesem neapolitanischen Volks-\nDialekte ist man nicht gewachsen, da selbst die Italiäner\naus Toscana und aus Piemont Mühe haben, ihn zu ver-\nstehen.\nEin Hauptreiz meiner Reise nach Italien war der\nheisse Wunsch gewesen, in Rom die Gesänge der päpst-\nlichen Capelle in der Charwoche zu hören und die Kirchen-\nmusik in der Hauptstadt des Kirchenstaates zu studiren.\nDer erste Eindruck davon war für mich eine grosse\nEnttäuschung. Hätte ich gleich nach den Aufführungen\nam Mittwoch, Donnerstag und Freitag der Charwoche\ndiesen Eindruck geschildert, so hätte ich nichts Anderes\nsagen können, als dass ich aus Verdruss, den gregoriani-\nschen Gesang viel nachlässiger und roher ableiern zu hö-\nren, als in Frankreich, die Sixtinische Capelle verlassen\nhabe, um mich durch das Anschauen der Denkmale der\nMalerei und Architektur zu erholen und zu erfrischen;\ndass ich, empört, Palestrina's und seiner Zeitgenossen\nWerke tact- und ausdruckslos und sogar unrein singen\nzu hören, mich zur Betrachtung des jüngsten Gerichtes\nvon Michel Angelo geflüchtet habe, eines Werkes, das,\nobwohl es von der Zeit gelitten, doch überall noch das\nGepräge des Genius trägt. Wie anders ist es mit den Wer-\nken des Musikers! Der Genius des Componisten ist der\nBehandlung seiner Dolmetscher überantwortet. Wie oft\nhat er die grösste Mühe, bei seinem Leben würdige zu\nfinden, was kann man für ihn drei Jahrhunderte nach\nseinem Tode erwarten?\nDennoch hoffte ich für Palestrina; ich sagte mir, dass die\nTradition doch nicht unterbrochen worden sei, und dass\ndie Kirche, wenn sie nur wolle, die Mittel und die Macht\nhabe, die Tradition zu retten, dass die Sänger der päpst-\nlichen Capelle die Erinnerung an ihn bewahrt haben\nmüssten, und dass das Local helfe, das Ideal von dem Ein-\ndruck der heiligen Klänge, das man sich gebildet, zu ver-\nwirklichen. Das Letztere ist nun allerdings der Fall; aber\nwas hilft das, wenn die Sänger falsch singen, schlecht di-\nrigirt werden und die moralische und geistige Bedeutung\nder Töne nicht ahnen? Hier und da, aber nur sehr selten,\ntauchten einzelne augenblickliche Schönheiten des Ge-\nsammtklanges oder einer einzelnen Stimme auf, und diese\nMomente konnten allenfalls eine Idee von dem geben, was\nder Gesang der Sixtina früher gewesen sein mag.\nEine sehr schöne Composition war eine Passion von\nVittoria; die Erzählung des Evangelisten ist einem\nTenor, die Worte Jesu einer Bassstimme gegeben, dazwi-\nschen Chöre der Juden. Das Einfache und Erhabene die-\nses Werkes ist bewundernswerth. Wenn die Sänger nur\neinen Funken von Verständniss und Gefühl für das hätten,\nwas sie vortragen! Dabei fallen die Fermaten und Caden-\nzen, welche sie anbringen, auf; auf den ersten Augenblick\nkommen sie uns lächerlich vor, indessen führen sie diesel-\nben manchmal so gut aus, dass man sich daran gewöhnt,\nund sie behaupten, diese Schnörkel hätten sie durch Tra-\ndition überliefert bekommen. Sie singen übrigens auch\ndiese Verzierungen nur materiel genommen gut; von tie-\nfer empfundenem Ausdrucke ist auch dabei nicht die Rede.\nDie Compositionen aber sind der Art, dass ihre religiöse\nWahrheit und ihre eigenthümliche Harmonisirung\nauch durch die Schleier der Ausführung hindurch einen\nmerkwürdigen Eindruck macht. Wenn sie stellenweise\nrein und schön gesungen werden, so ist es, bei der wun-\nderbaren Akustik der Capelle, als wenn man eine himm-\nlische Musik hörte: nur schade, dass man dann aber\ndurch Fehler, die kaum Anfängern zu verzeihen sind,\nplötzlich wieder aus den Wolken auf die Erde fällt. Einen\nCapellmeister hat die Capelle nicht, der älteste Bassist"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "239", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660728-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2629, "texte": "führt den Tactstock, aber kein Mensch bekümmert sich\num ihn. Die Capelle hat 30 bis 32 Mitglieder.\nWas ich gehört habe, waren eine fünfstimmige La-\nmentation von Palestrina, das Miserere von Bai'ni; am\nDonnerstag die beiden Miserere von Allegri und von Bai,\nwelche die Sänger so durch einander werfen, dass sie erst\neinen Vers des einen, dann einen Vers des anderen und\nso fort singen; dann die prächtigen Improperien von Pa-\nlestrina, die oben erwähnte Passion von Vittoria und ein\nMiserere von Mustapha, dem ersten Sopranisten der Ca-\npelle, einem achtunddreissigjährigen tüchtigen Musiker,\nder auch die Soli in Allegri's Miserere stellenweise recht\nschön singt. Er und sein Bruder, der Bassist, sind gebo-\nrene Türken.\nAusser in St. Peter wird fast in allen den 377 Kir-\nchen und Capellen von Rom während der Charwoche\nMusik gemacht. Von eigentlichem Orgelspiel ist nicht die\nRede, die meisten Orgeln, selbst in der Peterskirche, sind\nklein und schlecht; bei grossen Processionen spielt das\nMusikcorps der Schweizergarde oder das der Gensd'arme-\nrie in der Kirche, zuletzt von einer der Galerieen in der\nKuppel herab, was allerdings durch die Grösse und Weite\ndes prachtvollen Gebäudes einen eigentümlichen Effect\nmacht. Indess muss man gestehen, dass der allgemeine\nEindruck, den man aus der Kirche mit hinausnimmt, kein\nerbaulicher ist, weder durch die Musik, noch durch das\nCeremoniel, welches für nordländische Katholiken gar zu\ntheatralisch ist und in der.Andacht stört.\nDie beiden Operntheater in Rom, Apollo und die Ar-\ngentina, sind von keiner Bedeutung und werden von San\nCarlo, Scala, Fenice (in Venedig) und selbst von vielen in\nden kleineren Städten übertroffen. Auffallend für den Frem-\nden sind die Serenaden, die hier noch sehr im Schwünge\nsind und Einen recht daran erinnern, dass man in Italien\nist. Ausser dem Gesänge von stets hübschen, wohlklingen-\nden Stimmen spielen die Guitarre und die Mandoline, mit\neinem zugespitzten Federkiel gespielt, die Hauptrollen;\naber auch förmliche Abendmusiken kleiner Orchester un-\nter freiem Himmel sind nicht selten.\nIm Ganzen kann man nicht anders sein Urtheil über\nRom in musicalischer Beziehung abschliessen, als durch den\nAusspruch, dass die Tonkunst daselbst im Verfalle ist. Bild-\nhauer, Baumeister, Maler finden hier zur Belehrung, An-\nregung und Begeisterung herrlichen Stoff: was aber die\nMusiker hier sollen, begreift man nicht. Und doch hält man\nin Paris an dem alten Zopfe fest, die gekrönten Preisbe-\nwerber der Akademie der Musik auf Staatskosten nach\nRom zu schicken, während sie in Deutschland und in Paris\nselbst viel mehr lernen können, als in Italien!"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1866-07-28-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1866-07-28_01#c004", "volume": "bmtnabi_1866-07-28_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "239", "page_fin": "239", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660728-01.2.4", "titre_corps": "Aus Löwen in Belgien.", "titre_sommaire": "Aus Löwen in Belgien.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "239", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660728-01.1.7", "debut_caractere": 2631, "fin_caractere_exclue": 4647, "texte": "Aus Löwen in Belgien.\nDer katholische Congress zu Löwen hatte im Jahre\n1864 beschlossen, ein Preis-Ausschreiben für eine vier-\nstimmige Vocalmesse mit Orgelbegleitung nebst Gra-\nduaie, Offertorium und einem Motetto zu erlassen. Com-\nponisten aller Länder konnten sich um die Preise bewer-\nben: 1. Goldene Medaille und 1000 Frcs. 2. Vergol-\ndete Silber-Medaille und 500 Frcs. 3. 250 Frcs.\nEs waren bis zum End-Termine (den 1. Juni 1866)\nnicht weniger als 76 Partituren eingesandt worden, und\nzwar aus Belgien, Frankreich, England, Oesterreich,\nPreussen, Baiern, Würtemberg, deutschen Herzogthü-\nmern, Italien, Rom, Spanien, Holland.\nZu Preisrichtern waren eingeladen und hatten sich in\nden Tagen vom 18. bis 20. Juli zu Löwen eingefunden\nfür Belgien die Herren Fetis, So über (Director des\nConservatoriums zu Lüttich), Gevaert, Canonicus de\nVroye von Lüttich als Präsident der Jury. Für Frankreich\ndie Herren Hector Berlioz, J. d'Ortigue, Saint-\nSaens, Ed. Batiste. Für Deutschland die Herren Ferd.\nHiller, Damke, Ferd. Kufferath. Für Holland Herr\nVer h ulst. Für England Herr Pfarrer M a her aus London.\nUnter den 76 eingegangenen Arbeiten wurden 19\nals bewerbungsfähig und berücksichtigungswerth aner-\nkannt. Wie man sich erzählt, soll indess auch unter diesen\nkeine auf ein absolutes Urtheil vollkommener Befriedigung\nunbeanstandete Ansprüche gehabt haben. Die Jury einigte\nsich jedoch bald darüber, dass unter den vorliegenden\nPartituren der erste Preis einer Messe u. s. w. gebühre,\nals deren Autor die Oeffnung der Devise Herrn Eduard\nSil as laus Holland, Organisten an einer katholischen Kirche\nzu London, offenbarte. Den zweiten Preis erhielt Herr\nGottfried Preyer, Capellmeister an der St.-Stephans-\nkirche zu Wien; den dritten Herr Johann Habert,\nOrganist zu Gmünden in Oesterreich. Die Jury be-\ndauerte, dass die Arbeit mit der Devise: Soli\nnicht berücksichtigt werden konnte, weil sie nur eine\nMesse ohne Graduale u. s. w. enthielt, folglich den Vor-\nbedingungen des Programms nicht vollständig entsprach."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1866-07-28-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1866-07-28_01#c005", "volume": "bmtnabi_1866-07-28_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "239", "page_fin": "240", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660728-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "239", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660728-01.1.7", "debut_caractere": 4649, "fin_caractere_exclue": 5189, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\n-84 öl Ei. Dieser Tage hatten wir Gelegenheit, Miss Victoria\nRosenfeld aus Manchester, eine der besten Pianistinnen, die aus\ndem hiesigen Conservatorium hervorgegangen, in einem Privatcirkel\nzu hören. Die junge Dame hat ein bedeutendes musicalisches Ta-\nlent, das sich auch in den musikwissenschaftlichen Studien gezeigt\nbat, für das Ciavierspiel schon jetzt zu einem hohen Grade von\ntechnischer Abrundung mit schönem Anschlage entwickelt, wobei\nes dem Vortrage keineswegs an Ausdruck und verständiger Schat-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "240", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660728-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5759, "texte": "tirung fehlt, so dass wir ihr eine glückliche Künstler-Zukunft pro-\nphezeien können und sie mit den besten Wünschen dafür in ihre\nHeimat begleiten.\nEms« Nach der Nummer 61 des in Ems erscheinenden „VEt6*\nvom 23. d. Mts. haben die Durchmärsche und die Anwesenheit\npreussischer Heer-Abtheilungen eben so wenig die Cur der Bade-\nund Brunnengäste, als die Geselligkeit gestört; alle Nachrichten\nvom Gegentheil und von den Schrecken, die man hier ausgestanden,\nwerden für baare Erfindungen erklärt, und die Fremdenliste weist\nin letzter Woche in der That die Zunahme von Gästen aus Russ-\nland, Galizien, Frankreich und England nach.\nUngeachtet der ungünstigen Zeitverhältnisse ist der Bau des\nneuen Theaters in Leipzig nicht unterbrochen worden. Die Haupt-\nfronte ist nach dem Augustusplatze gerichtet, und bildet der ganze\nBau eigentlich eine Gruppe von drei Gebäuden, welche zusammen\neine Fläche von 51,980 Quadratfuss bedecken, wobei aber der von\ndem Terrassenbau, den Veranden u. s. w. eingenommene Kaum noch\nnicht mitgerechnet ist. Das höhere Mittelgebäude ist das eigentliche\nTheater. Es hat 160 Fuss Breite und 300 Fuss Länge. Vier geräu-\nmige Treppenhäuser vermitteln den Eingang in die Zuschauerräume.\nDas Auditorium selbst fasst in Parquet, Parterre, Parterre-Logen\nund vier Rängen, wovon der zweite nur durch Logen gebildet wird,\nderen sich auch im ersten befinden, in Summa 2000 Personen. Die\nForm des Zuschauerraumes ist die in der Neuzeit am meisten be-\nwährte eines Halbkreises mit angesetztem, sich wenig verjüngenden,\naber tiefen Proscenium. Die Bühne ist so geräumig, dass auch\ngrosse Volksscenen und Kämpfe mit zahlreichem Personale darauf\nin Scene gesetzt werden können; sie misst 7566 Quadratfuss. Die\nBühnenöffnung ist 51 Fuss breit und 48 Fuss hoch. Der Bühnen-\nraum selbst aber ist Behufs ungebrochener Aufziehung der Hinter-\nund Zwischengardinen über 100 Fuss hoch, und unter ihm befinden\nsich 30 Fuss hohe Räume für Versenkungen, Maschinenräume u. dgl.\nDer Tenorist Dr. Lieb ert, früher am Stadttheater in Köln\nengagirt, ist am 11. d. Mts. zu Chemnitz im Armenhause gestorben.\nVieuxtemps' Villa bei Frankfurt am Main ist zu verkaufen. Er\nwill fortan in Paris wohnen.\nDer König von Baiern hat dem Liszt das Gross-Com-\nthurkreuz des St.-Michaels-Ordens verliehen.\nWien« In dem Zustande unserer mit wahrer Selbstaufopfe-\nrung thätigen Bühnen hat sich auch in der abgelaufenen Woche\nnichts geändert. Im Gegentheil, die augenblicklich eingerissene\nAgonie des Publicums, die nur eine rasche Wendung der unglück-\nseligen Kriegsverhältnisse ändern könnte, hat vielmehr zugenommen.\nDer Besuch der Theater blieb ein äusserst schwacher.\n(W. 81. f. Kunst.)\nWiener Musik-Zeitungen vom 3. Juli (!) brachten noch die\nNachricht, dass in den beiden Theatern in Graz die Kunde von\neiner gewonnenen Schlacht der österreichischen Nordarmee mit end-\nlosem Jubel aufgenommen worden; eben so im deutschen Landes-\ntheater zu Prag!\nDer berühmte französische Horn-Virtuose Vivier, dem man\nbekanntlich, jedoch mit Unrecht, die Erfindung des Kunststückes,\nmehrstimmige Sätze zu blasen, zuschreibt, hat kürzlich in Brüssel\nconcertirt und eine scharfe Beurtheilung gefunden. Sein Ton sei\nschwach und unschön und nur durch den Missbrauch, den er mit\nvorwiegender Benutzung der gestopften Töne treibt, einiger Maassen\nmaskirt. Wenn nach einer langen Reihe erstickter Klänge ein offe-\nner Ton erscheine, dann klinge er allerdings verhältnissmässig kräf-\ntig. Im Grunde sei aber sein ganzer Vortrag höchst manierirt und\neine widerwärtige Gefühlsheuchelei.\n* Ueber den Wettstreit von Männer-Gesangvereinen in Lüttich\nbei Gelegenheit der dortigen National-Festlichkeiten geht uns von\ncompetenter Seite das Urtheil zu, dass die dort aus Belgien und\ndem nördlichen Frankreich versammelten Vereine durch präcise und\nfein ausgearbeitete Vorträge einen ausserordentlichen Fortschritt in\nder Gesangkunst offenbart haben, der von angestrengtem Fleisse und\nernsten Studien zeugt. Der Verein von Ar ras im nördlichen Frank-\nreich könne sich mit den besten deutschen Vereinen messen; er er-\nwarb einen doppelten Preis. Bei dem jprix d'excellence konnte er\nden Bedingungen des Programms gemäss nicht mit concurriren:\ndieser Preis wurde dem Vereine des Artisans reunis von Brüssel\nzuerkannt, welcher ebenfalls recht gut sang, aber keinen Mitbewer-\nber in den Schranken des Kampfplatzes hatte.\nParis« Zum ersten Male sind als Preise in den Communal-\nschulen auch musicalische Werke vertheilt worden, z. B. Mendels-\nsohn's „Elias\", Beethoven's „Ruinen von Athen\", M&ul's „Joseph\"\nu. s. w.\nAlfred Jaell hat sich auf seiner Rückkehr von London, wo\ner neue Lorbern geärntet, einige Tage hier aufgehalten und geht\nvon hier nach Spa.\nDer überaus fruchtbare und durch das frische Colorit seines\nStils mit Recht beliebte Schriftsteller Mery, Dichter, Novellist,\nRomanschreiber, Dramatiker u. s. W.ist am 17. Juni, 68 Jahre alt,\nin Paris gestorben. Für die Oper hat er das Buch der Semiramis,\nHerculanum, Erostrate, Maitre Wolfram und zuletzt Don Carlos\nnach Schiller (Manuscript für Gounod) geschrieben* Unter seinen\nGedichten hat NapoMon en Egypte seiner Zeit grossen Erfolg ge-\nhabt. Er besass ein ganz besonderes Talent für Versbau und Reim.\nDer rühmlichst bekannte Componist Gevaert gibt unter dem\nTitel: Les Gloires de Vltalie, eine Sammlung von italiänischen\nCompositionen aus dem siebenzehnten und achtzehnten Jahrhundert\nheraus, wovon die erste Lieferung in Paris erschienen ist. Sie ent-\nhält Arie von Giulio Caccini (1600), Cantate von Carissimi (1650),\nDuett von Stradella (1675), Solo-Cantate von Scarlatti (1700), Arioso\nvon Jomelli (1750), Aria buffa von Cimarosa (1778). Je vier Lie-\nferungen bilden einen Band. Die Clavierbegleitung ist von Gevaert.\nJede Lieferung kostet 5 Frcs."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "233", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660728-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nPariser Briefe (Noch einmal „Don Juan\" Nicolais „Lustige Weiber\" Flotow's „Zilda\" „La Colombe\" von\nGounod „Jose Maria\" von J. Cohen Concerte Musicalische Zustände). Von B. P. Die Musik in Neapel und Rom. Tages-\nund Unterhaltungsblatt (Köln, Miss Victoria Rosenfeld Ems, die Saison Leipzig, Theaterbau Tenorist Dr. Liebertf\nVieuxtemps Ordens-Verleihung Wien, Theater Brüssel, der Horn-Virtuose Vivier Lüttich, Männergesang-Wettstreit u. s. w.).\n\nPariser Briefe.\n\n(Noch einmal „Don Juan\" Nicolai's „Lustige Weiber\"\nFlotow's „Zilda\" „La Colombeu von Gounod „Jose\nMaria* von J. Cohen Concerte Musicalische\nZustände.)\nDie Monate Mai und Juni sind die erklärten Feinde\nder Theater-Directionen; um sie zu bekämpfen, machen\nsämmtliche Bühnen Anstrengungen und suchen das Ende\nder Saison durch Neuigkeiten oder neue Inscenesetzungen\nälterer Meisterwerke interessant zu machen. Dem\nlyrique ist dies zunächst durch Mozart's „Don Juan\" (erste\nVorstellung den 8. Mai) gelungen. Dass die Italiäner mit\nihrem Don Giovanni entschiedenes Fiasco machten, habe\nich schon früher berichtet; es war das übrigens nichts\nNeues, denn so lange ich wenigstens hier lebe, hat das\nWerk in jedem Jahre eine ähnliche Verunstaltung erfah-\nren. Von dem Don Juan der grossen Oper erwartete man\nmehr, und die Journale behaupten auch, die Aufführung\nsei vortrefflich gewesen. Dem ist aber nicht also; Nie-\nmand, der den Don Juan auf guten deutschen Bühnen ge-\nsehen hat, wird ihn in der Vorstellung der grossen Oper\nin Paris wiedergefunden haben; zum Beweise genügte\nallein das Finale des ersten Actes, welches ganz misslang\nund in welchem selbst das Masken-Terzett spurlos vor-\nüberging, ohne den geringsten Eindruck zu machen. So\nhatten denn dem Theätre lyrique die beiden grossen Opern-\nbübnen die Aufgabe erleichtert, und obwohl auch hier\nnoch viel zu wünschen übrig blieb, so war doch im Gan-\nzen und auch in vielem Einzelnen der Don Juan dieses\nTheaters der beste von den dreien, denn was dem Ein-\ndrucke in der ersten Vorstellung schadete, war Aeusser-\nliches, namentlich die Menge von Zwischenacten, die zu-\nweilen sehr lange dauerten und nach endlichem Aufziehen\ndes Zwischenvorhanges keinen Grund für die störende\nMaassregel entdecken Hessen. Zu bemerken ist, dass man\ndie Oper mit Dialog gab, in welchen hier und da einige\nWitze aus Molräre's Le Festin de pierre eingeflickt waren.\nUebrigens wurden mit Ausnahme des später für Wien\ncomponirten Duettes zwischen Zerline und Leporello alle\nNummern der Partitur gemacht, auch das Sextett am\nSchlüsse; es zeigte sich aber auch bei diesem Versuche\nwieder, dass der ungeheure Eindruck der Scene zwischen\ndem Geiste und Don Juan diesen Convenienz- oder Moral-\nschluss ganz und gar erdrückt und nicht im geringsten\nzur Geltung kommen lässt. Man hat ihn denn auch bei\nden folgenden Vorstellungen weggelassen. Die Donna\nAnna der Madame Charton-Demeur, welche mehrere\nJahre in Wien gewesen ist, war eine gute Leistung; die\nErscheinung der Demoiselle Nilson als Elvira machte die\nTreulosigkeit Don Juan's zu einem doppelten Verbrechen,\nso schön war sie; auch ihr Gesang war untadelhaft. Ma-\ndame Miolan war wie immer allerliebst als Zerline. Auch\nder weiche Tenor Michot's passte recht schön zu den\nFrauenstimmen, und ein neuer Bariton, Barre, der so\nkühn gewesen, den Don Juan als Debüt zu wählen, er-\nwarb mit Recht durch Stimme und sehr einnehmende\näussere Erscheinung Beifall. Trotz alledem hat die Oper\ndoch das Haus nicht so anhaltend und so vollständig ge-\nfüllt, als die Zauberflöte.\nEine Neuigkeit waren in demselben Theater Nico-\nlai's „Lustige Weiber von Windsor\" (Les joyeuses\nCommeres de Windsor). Barbier hatte den deutschen Text\nvon Mosenthal gut übersetzt, aber statt der Recitative\nDialog, zum Theil nach Shakespeare, eingelegt, nicht eben\nzum Vortheil des Ganzen. Die französische komische Oper\nwill den gesprochenen Dialog nicht gern entbehren, und\nim Princip ist es wenigstens sehr zweifelhaft, ob dieses\nFestbalten an der älteren, zum Verständnisse der Hand-\nlung unendlich viel beitragenden Form nicht den Vorzug\nvor der pedantischen Forderung, auch in der lustigen\nOper nur Gesang zu dulden was am Ende doch wieder\nnur reine Nachahmung der Italiäner ist —, den Vorzug"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "234", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660728-01.1.2", "texte": "verdient. Nicolai's Musik hat sehr gefallen, obschon die\nBesetzung, da die besten Künstler im Don Juan, der eine\nZeitlang daneben gegeben wurde, beschäftigt waren, nicht\nvorzüglich war. Sonderbar, dass die Ouvertüre, durch die\nConeerts populaires und die Garten-Concerte im Elysee\nsehr populär geworden, im Theater keinen Applaus her-\nvorrief.\nDrei Tage nach der ersten Vorstellung der „ Lustigen\nWeiber\" ging von Flotow's „ZUda*\net une Nuits), Oper in zwei Acten, auf dem Theater der\nkomischen Oper in Scene (den 28. Mai).\nDer Zusatz auf dem Zettel: „Conte des Mille et une\nNuits\", ist mehr auf das Anziehende jener orientalischen\nMärchen für das Publicum, als auf urkundliche Wahrheit\nder Quellen des Libretto's begründet, da die Verfasser\nde St. Georges und Chivot hauptsächlich eine Erzählung\nVoltaire's benutzt haben. Die schöne Frau eines Kauf-\nmannes' kommt nach Bagdad, um eine Forderung ihres\nMannes bei einem alten Arzte einzutreiben. Der Schuldner\nerkennt die Forderung an, macht aber der schönen Gläu-\nbigerin Anträge, deren Gewährung dertreuen Gattin un-\nmöglich ist. Sie beklagt sich beim Kadi; zufälliger Weise\nlüftet sich ihr Schleier, und der Kadi setzt denselben Preis\nauf seine Gerechtigkeitspflege, wie der Arzt auf seine Zah-\nlung. Sie wendet sich an die höchste Instanz, den Gross-\nvezir: dieselbe Geschichte! Glücklicher Weise ist der\nex machina,der überall hülfreiche Harun al Raschid, bei\nder Hand, der als Derwisch, dann als Corsar sich ein-\nmischt und am Ende als Kalif die drei Nebenbuhler zu\nZahlung der dreifachen Summe verurtheilt. Vorher aber,\num sich und das Publicum zu amusiren, gibt er der jun-\ngen Frau den Rath, allen Dreien bei einer Vertrauten\nein Stelldichein zu geben, wobei Einer vor dem Anderen\nins Versteck flüchten muss, nachdem die Schöne ihre\nVerliebtheit benutzt hat. sie zum Spielzeug ihrer Laune\nzu machen. Diese Scene nimmt den ganzen zweiten Act\nein, während im ersten sich die Vorgeschichte entwickelt.\nAehniiches ist freilich schon sehr oft da gewesen, und\nman kann nicht sagen, dass das Libretto durch Erfindung\nglänzt : denn es knüpft, allerdings mit französischer Bühnen-\nkenntniss, eine Reihe von Scenen an einander, die im ersten\nActe sich im Wiederholen derselben Situation bewegen und\nim zweiten Acte das Komische oft bis zum Possenhaften\ntreiben, wiewohl überall eine gewisse anständige Eleganz\ndes Ausdrucks in der Sprache und setzen wir auch\ngleich hinzu —in der Musik beobachtet ist. Die Musik\nlässt sich mit einer geistvollen, den gebildeten Weltton\nfesthaltenden, auch das Gewöhnliche mit einer einnehmen-\nden Wortfülle und glatten Zierlichkeit sagenden Conver-\nsation im Salon vergleichen. Einige Ensembles zeigen den\ngewandten Musiker in der Führung der Stimmen,\nwelche nirgend etwas Schwerfälliges oder Gezwungenes\nhat. Der Melodieen sind eine Menge da, jedoch wirklich\nausgeführt und zu schönem Gesangstücke abgerundet\nkaum eine einzige; statt sich dazu der Mühe und Arbeit\nzu unterziehen, setzt Flotow lieber gleich ein anderes\nStück Zeug an, wodurch dann freilich das Kleid zuweilen\netwas bunt wird; um uns das aber wieder aus den Augen\nzu rücken, lässt er am Ende Wimpel und Schleifen von\nblendenden Bändern in Form zwitschernder Coloratur\ndarüber hinwehen. Und dazu ist Madame Cabel (Zilda)\nmit ihrer spitzen und dünnen, aber wunderbar geschulten\nStimme wie geschaffen; auch merkt man, dass ihr das\nalles, wie man zu sagen pflegt, auf den Leib zugeschnit-\nten ist, was wir aber keineswegs dem Componisten zum\nVorwurf machen. Wie man es denn ferner einem Meister\nin der gesellschaftliehen Unterhaltung nicht übel nimmt,\nwenn er seine fliessende Rede mit Copieen und Erinnerun-\ngen geistreicher Aussprüche berühmter Schriftsteller\nwürzt, so muss man auch mit Herrn von Flotow Nach-\nsicht haben, wenn er etwas Bellini, Donizetti, Adam, Au-\nber u. s. w. anbringt. Wenn er will, kann er stolz sein\nauf den Ausspruch der hiesigen Kritik, dass die Musik\nseiner neuen Oper echt französisch sei. Im Ganzen sind\ndie Vorzüge Flotow's, Frische und Lebendigkeit, leichter\nFluss, wenn auch zuweilen auf Kosten des tieferen musi-\ncalischen Gehalts, meist, hübsche Instrumentirung, auch in\nder „Zilda\" sichtbar: im Ganzen aber scheint der Com-\nponist der „Martha\" nicht höher emporgestiegen zu sein,\nein Urtheil, welches auch das hiesige Publicum bestätigt,\nindem die ersten Vorstellungen mehr einen mässigen, als\neinen entschieden günstigen oder gar enthusiastischen Er-\nfolg errangen und die folgenden einige und zwanzig\nbis zum Urlaub der Madame Cabel - zwar gut besucht\nwaren, jedoch das Haus keineswegs überfüllten, was im\nTheätre lyrique bei den mehr als fünfzig Vorstellungen\nder „Martha\" in der vergangenen Saison stets der Fall\nwar. Uebrigens fehlt es der „Zilda\" nicht aB glänzender\nAusstattung und an lockendem Spectakel, als da sind\nMarkt und Chor ä la„Stumme von Portici\", türkischer\nMarsch der Wache des Kalifen, Tanz der Almeen und\ndergleichen mehr.\nAcht Tage nach der „Zilda\" brachte dasselbe Theater\neine zweiactige komische Oper: nLa Colombe\", mit Musik\nvon Gounod. Sie ist bereits vor sechs Jahren für Herrn\nBenazet's Theater in Baden-Baden geschrieben worden;\nder Ruf des Componisten des „Faust\" hat ihr jetzt Zutritt\nauf den pariser Brettern verschafft, sie hat aber diesen\nRuf eben nicht erhöht. Der Inhalt des Libretto ist zu kin-\ndisch, um ein erwachsenes Publicum interessiren zu kön-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "235", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660728-01.1.3", "texte": "nen: ein Anbeter Sylviens bat sich ihr zu Liebe ruinirt\nund hat nur noch eine zahme, zu Kunststücken abgerich-\ntete Taube im Vermögen; Aminta, eine andere Schöne,\nbesitzt einen eben so berühmten Papagei. Sylvie, welche\nder Anderen in Allem den Rang abzulaufen trachtet, ladet\nsich bei ihrem verarmten Anbeter zu Tisch ein; am Ende\ndes Soupers bittet sie ihn, ihr die Taube zu schenken.\n„Sie haben sie so eben verspeist,\" antwortet Horace;\nhierauf tiefe Rührung Sylviens und Heirath!*) Nicht ge-\nnug: der feinste Theatercoup kommt erst noch. Ein klei-\nner Neffe des Horace bringt die vom Opfertode durch ihn\ngerettete Taube, und was haben die Liebenden gespeist?\nDen Papagei der Aminta, den der prächtige Junge gefan-\ngen hat!!— Die Musik ist eben so schwach, wie der Text,\nobwohl das Talent feiner Instrumentirung sich auch in\nihr nicht verläugnet.\nIch übergehe einige einactige Opern, welche gekom-\nmen und gegangen sind, und erwähne nur noch die letzte\nNeuigkeit des unermüdlichen Theaters der komischen\nOper: „Jose Maria\",in drei Acten, Musik von Jules\nCohen.\nHerr Cohen ist ein Musiker, dem man es zum Vor-\nwurfe macht, von Hause aus zu denjenigen zu gehören,\ndenen ihr Reichthum die rauhen Pfade der Künstler-\nLaufbahn ebnet, zu den Nachfolgern von Mendelssohn\nund Meyerbeer d. h. in ihren äusseren Verhältnissen.\nIn anderer Beziehung lässt aber Cohen auch nicht den\nAnschluss an beide Meister, vorzugsweise jedoch an Meyer-\nbeer, verkennen, dessen Factur er bis zu sprechender\nAehnlichkeit nachahmt. Er hat sich bisher der Richtung\nauf ernste Musik befleissigt, wovon seine Compositionen\nder Chöre zu Racine's „Athalia\" und „Esther\" sehr an-\nerkennenswerthe Beweise liefern, die aber freilich einer\nGattung von Musik angehören, mit welcher hier Niemand\ndurchdringt. Seine erste Oper, „MaUre Claude\", kenne\nich nicht, nach der zweiten, „ Jose Maria\", zu urtheilen,\nscheint mir aber das dramatische' Fach, namentlich das\nkomische Genre, seinem Talente weniger zuzusagen. Die\nChöre, die er sich, wie man glauben möchte, in grösserer\nZahl, als der Stoff einer komischen Oper es mit sich bringt,\nbei den Verfassern des Buches bestellt hat, sind auch hier\ndas Beste. Im Uebrigen stehen hübsche melodische Motive\nneben sehr gewöhnlichen, und dem Ganzen fehlt die Fri-\nsche der Erfindung und der lebendige Stil, den diese Gat-\ntung von Musik erfordert. Das Stück spielt in Mexico zur\nspanischen Zeit; Jose Maria hat zwar der Oper den Na-\nmen gegeben, ist aber schon todt; das Volk glaubt nicht\nan den Tod des berühmten Räubers, und das macht sich\nein unternehmender Mann zu Nutze und erobert dadurch\ndie Hand einer schönen und reichen jungen Witwe.\nMan sieht, mit dem Operncomponiren geht es immer\nflott voran und auch mit dem Ertrage der Tantiemen,\ndenn in der letzten Versammlung des Vereins der\net Compositeurs dramatiquesweist das vergangene Ge-\nschäftsjahr die Einnahme von 2,088,508 Francs nach,\nwovon 1,499,824 Fr. auf Paris, 507,200 Fr. auf die\nProvinzen, 61,734 Fr. auf das ehemalige Weichbild von\nParis und 19,741 Fr. auf das Ausland kommen. Die\nAufführungen in Paris und dem Weichbilde verhalten\nsich also zu denen in dem ganzen übrigen Frankreich wie\nanderthalbe Million zu einer halben!\nDas Geschäft geht also brillant, aber die Kunst?\nSie zehrt von den Capitalien alter Stiftungen. Zwar fehlt\nes nicht an vielen neuen Muthungen auf ihrem Gebiete,\num den Bergwerks-Ausdruck zu gebrauchen: aber die\nSchachte liefern keine Ausbeute, die Adern edlen Metalles\nbleiben in der Tiefe verborgen und unaufgefunden. Son-\ndert man von der ganzen heutigen pariser Musik-Pro-\nduction auch der besseren Gattung, welche das Opern-\nund Concertwesen umfasst, alles dasjenige, was Schein\nund Reclame ist, ab, so bleibt nur ein geringer Kern\nübrig, der die wahre Kunst repräsentirt.\nAber Ihr habt ja die Concerte des Conservatoires und\ndie Concerts populaires de rf sind das\ndenn nicht echt künstlerische Institute?\nJe nun, es ist mit ihnen auch eine eigene Sache. Aller-\ndings haben sie ihr Gutes; die Conservatoire-Gesellschaft\nhat den Kreis ihrer Abonnenten durch eine zweite Serie\nerweitert, und in Pasdeloup's Circus gewähren die auf-\nmerksamen Tausende von Zuhörern ein grossartiges\nSchauspiel. Allein es lässt sich doch Zweierlei nicht läug-\nnen: erstens, dass auch bei diesen Anstalten nach und\nnach das Geschäft seine Rolle spielt, und zweitens, dass sie\nfür die Anregung zu bedeutender musicalischer Production\nwenig oder gar nichts gewirkt haben. Das Conservatoire\nist ein alter Rentier, der seinen Gästen stets feine und aus-\ngesucht zubereitete Speisen vorsetzt, aber immer dieselben\nGerichte, und der dabei auch die sonderbare Sitte nicht\nablegt, zwischen diese Gerichte allerlei Fragmente als\nLeckerei zu kosten zu geben. Und die populären Concerte\nbeginnen auch, sich die Sache bequem zu machen; Wieder-\nholungen eines und desselben Repertoires erfordern nicht\nso viele, mitunter gar keine Proben, und das vergrössert\ndie Revenue. Und wer hat auch in Paris Zeit, neue Par-\ntituren anzusehen oder gar zu studiren, um gutes Neues\nzu finden und zur Aufführung zu bringen?\n\n*) „Horace. rtest plus: vous en avez dind. Que ne\nvous ai-je servi mon coeur hsa place — Welche pariser Dame\nkann widerstehen, wenn ihr der Liebende „sein gebratenes Herz\"\nzum Diner anbietet!!\n[*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "236", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660728-01.1.4", "texte": "Und die Concerte einzelner Künstler? Sie waren in\ndiesem Jahre von Januar bis Juni eben so, wie sie im vo-\nrigen waren und im künftigen sein werden, d. h. eine\nPlage, die der Dilettantismus hervorruft und der Ton der\ngrossen Welt nährt. Denn wer nicht eine Soiree geben\nkann, in welcher Musik gemacht wird und dieser oder\njener Virtuose aus Freundschaft für das Haus auftritt,\ngehört nicht zur vornehmen Gesellschaft. Diese Soireen\nwerden aber die Quelle einer Flut von Privat-Concerten.\nDies geht so zu.\nDie Musik gehört zum Welttone und —zum Conver-\nsationstone. Man will jede Gattung der Tonkunst, jede\nForm derselben, jede Ausdrucksweise kennen lernen, hier\nund da aus wirklicher Liebe zur Sache, meistens aber, um\ndarüber mitsprechen zu können. Keine Gesellschaft ohne\nMusik; man ist glücklich und stolz, seinem Cirkel einen\nausgezeichneten Künstler vorführen zu können, welcher\nnichts kostet. Man sucht direct oder indirect seine Be-\nkanntschaft, nimmt einige Stunden bei ihm, ladet ihn ein\npaar Mal zu Tische. Dann bittet man ihn, den Abend in\nder Familie zuzubringen und un peu du musique zu ma-\nchen. Der Künstler geht darauf ein: er weiss, dass die\nSoireen, welche etwas einbringen, in Paris immer seltener\nwerden; es ist ihm auch ganz recht, sich vor einem aus-\ngewählten Kreise hören zu lassen, und endlich hofft er,\nsich bald auf andere Weise, wie wir gleich sehen werden,\nzu entschädigen.\nFür die Dame vom Hause ist eine solche Gefälligkeit\nunschätzbar. Die Musik überhebt sie aller Anstrengungen\nvon Liebenswürdigkeit, geistreicher Unterhaltung, Vor-\nstellungs-Redensarten u. s. w. Sie pfropft so viel Damen\nwie möglich in den Salon, die Herren ins ausgeräumte\nSchlafzimmer, und lässt Zuckerwasser, höchstens ein Glas\nEis oder Himbeersaft herumreichen. Das fängt gewöhn-\nlich so gegen eilf Uhr Abends an und hört gegen, ein Uhr\nauf. Man dankt ihr für den himmlischen Abend, den\nman bei ihr zugebracht, und zieht sich beglückt zurück.\nNicht lange darauf erhält dieselbe Dame ein fein ge-\nfaltetes Couvert mit mehr oder weniger Eintrittskarten\nfür ein Concert. Die Zahl derselben wechselt zwischen\nzwei und zwanzig, je nach der Intimität des Künstlers und\nseiner wiederholten Bereitwilligkeit, ein Bisschen Musik\nzu machen. Was thun? Selten werden diese Billette zu-\nrückgeschickt; doch kommt der Fall auch vor, dass ein\nHaus der Meinung ist, der Künstler könne mit der Ehre\nder Einladung zufrieden sein, zumal da man ihm auch\nErfrischungen gereicht habe.\nSo ist denn der Besuch der Privat-Concerte in den\nmeisten Fällen nur Entschädigung für geleistete Dienste;\ndaher die vielen Concerte, indem jeder Künstler die Vor-\nSchüsse an Talent, die er gemacht hat, auf dies« Weise\neinzucassiren bedacht ist. Die Leute, die sich\ngre entschliessen, ihre derartigen Schulden zu bezahlen,\nbilden alsdann das Publicum, dessen stille, passive und fast\nresignirte Haltung, die dem Fremden auffällt, daraus er-\nklärlich wird: es bezahlt dem Musiker seine Rechnung,\nwie dem Decorateur des Salons, und ist sich dessen voll-\nkommen bewusst.\nJetzt ist nun diese grosse Liquidation für die vergan-\ngene Saison beendigt; indess bei manchem Künstler dürf-\nten die Passiva noch immer die Activa übersteigen.\nIch schliesse mit der neuen, aber sicheren Nachricht,\ndass Frankreich mit Deutschland, d; h. Paris mit Richard\nWagner, Friede auf dem Gebiete der Tonkunst machen\nwill. Der Director des Theätre hat bereits die Prä-\nliminarien unterzeichnet; er willigt ein, dass Wagner zu\nAnfang des Winters seinen Ritter vom heiligen Gral, den\nschwanholden Lohengrin, hieher schickt oder in Person\nhergeleitet. Ob er daran wohl thut und nicht eine Wie-\nderholung des „Tannhäuser\" oder eine Aufführung des\n„Fliegenden Holländer\" zweckdienlicher gewesen wäre?\nDie Zeit wird's lehren.\n\nB. P.\n\nDie Musik in Neapel und Rom\n*).\n%\nJetzt über musicalische Zustände in Italien zu spre-\nchen, ist freilich ein Anachronismus. Man horcht auf ganz\nandere Sinfonieen in der Lombardei und Venetien, als\nauf den Orchesterlärm von Verdi und Mercadante. Die\nBedeutung der Worte bravura, kommt in\nihrem wahren Sinne wieder zur Geltung.\nMan kann aus dem Wechsel der Bedeutung und des\nGebrauches von Worten, der zu verschiedenen Zeiten in\nder Sprache einer Nation eintritt, auf eine charakteristi-\nsche Stimmung der öffentlichen Meinung schliessen. Dass\ndie Ausdrücke opera (ein „Werk\" vorzugsweise), maestro,\nbravura, virtuoso, diva u. s. w., welche alle einen hohen\nGrad von Vollkommenheit bezeichnen, so lange nur auf\ndie Musik angewendet worden, war die Folge davon, dass\ndie Musik Jahrhunderte lang der allein belebende Genius,\nder alleinige Ruhm der Italiäner war, so dass sie sich für\ndie einzige musicalische Nation, für die geborenen Musi-\nker hielten. Jetzt machen sie sich nicht viel mehr daraus,\nwenn man ihnen sagt, dass ihre sehr schwach\nsind, ihre bravura langweilt, ihre maestri in die Schule\ngehen müssen und ihre Conservatorien von den alten Tra-\n\n*) Auszug aus einem Reise-Feuilleton von Gustav Bertrand\nim Journal Le Nord."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "237", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660728-01.1.5", "texte": "ditionen nichts mehr conserviren. Der musicalische Ruhm\nwird ihnen gleichgültiger; sie wollen ein Volk, sie wollen\nein Staat sein.\nWiewohl die eigentliche Saison schon vorüber war,\nso hörte ich doch noch in Neapel Mercadante's Oper\n„Virginia\" in dem berühmten Theater von San Carlo.\nDas jetzige Haus ist 1817 wieder neu aufgebaut\nworden und ist bekanntlich eines der grössten in der Welt.\nEs bat, wie die Scala in Mailand, seine Schönheit eigent-\nlich nur in der Grösse, welche durch die Einfachheit der\nArchitektur um so imposanter wirkt. Die fünf Reihen Lo-\ngen über einander bilden einen Halbkreis, der nur in der\nMitte durch die kolossale königliche Loge unterbrochen\nwird, sonst aber weder hervorspringende Balcons noch\ngrosses Proscenium hat. Die Akustik ist vortrefflich.\nDie Zuhörerschaft war glänzend; die neapolitanische\nAristokratie zählt wunderbare Schönheiten unter der Da-\nmenwelt, und das Haus war vollständig besetzt, wie das\nbei einer neuen Oper in Italien gewöhnlich der Fall ist,\nda ein Jeder sich sein Urtheil selbst bilden und nicht erst\nabwarten will, was die Journale sagen. Auch steht Mer-\ncadante hier in hohem Ansehen. Uebrigens hatte diese\nNeuigkeit schon viele Jahre lang im Pulte des Maestro\ngelegen und war schon vor seiner letzten Oper „Pelagio\"\n(1857) geschrieben. Am auffallendsten darin ist die lär-\nmende Instrumentirung: wenn die Trompeten pausiren,\nkommen die Posaunen daran, und meistens gehen beide\nzusammen ins Geschirr. Dabei erscheint die banda, die\nkriegerische Blechmusik, ausserdem noch bei der unbe-\ndeutendsten Gelegenheit auf der Bühne. Selbst die Arien\nund Romanzen sind mit dieser Blech-Unterlage gefüttert;\nein zarter, recht lieblicher Frauenchor wurde mit Posau-\nnen begleitet! Wo sind die Zeiten hin, in denen Mozart's\nOrchester den Italiäriern zu geräuschvoll war! Uebrigens\nist sonst die musicalische Behandlung geschickt und cor-\nrect; es fehlt aber an Originalität und persönlich cbarak-\nterisirter Eigentümlichkeit der Gedanken. Jedenfalls ist\nMercadante's Ruf in Italien viel grösser, als sein Verdienst.\nEr versteht das Handwerk und weiss durch gehäufte\nKlangwirkungen den jetzigen Geschmack der Italiäner zu\nbefriedigen; auch ist sein Orchester besonders in den Füll-\nstimmen besser geschrieben, als es Donizetti, Bellini\nu. s. w. gekonnt oder gewollt haben. Wenn er sich aber\nniemals zu tief sinken lässt, so erhebt er sich auch nie\nüber sich selbst. Von eigentlich dramatischer Musik ist\ntrotz mehrerer ansprechenden Melodieen nicht die Rede,\nund Virginia singt in ihrer tragischen Situation ein mit\nColoratur gespicktes Allegro* das nur ein\nvertragen kann. Das letzte Finale ist breit behandelt und\nwirkungsvoll: es entschied den Erfolg der Oper, Am\nSchlüsse war ich dann Zeuge eines wie man\nihn nur in italiänischen Theatern erlebt: sieben- bis acht-\nmaliger Hervorruf der Haupt-Darsteller, ein Regen von\nBouquets, donnernder Applaus und enthusiastische Bravo's.\nDoch fielen auch einige starke Stimmen mit dem Rufe:\nbasta! basta!(genug!) dazwischen, denn es gibt nach und\nnach immer mehr vernünftige Leute, die gegen diese\nUebertreibungen des Beifalls auftreten.\nWas mich aber noch mehr wunderte, war, dass mir\ngebildete Musiker versicherten, dass dieser Sturm von Ap-\nplaus, der mich betäubte, noch gar nicht einen entschie-\ndenen und grossen Erfolg bedeute; er sei nur ein Zeichen\nvon Achtung und Wohlwollen gegen den alten und durch\nBlindheit und Schwäche an sein Zimmer gefesselten Mei-\nster gewesen.\nSänger und Orchester konnten befriedigen, die So-\npranistin und der Bariton waren sogar vorzüglich. Alles\nScenische und Plastische auf dem Theater war nichts we-\nniger als glänzend. Der Director erhält eine Staats-Unter-\nstützung von 300,000 Francs und es steht ihm ein Auf-\nsichtsrath zur Seite. Das Gerücht, dass bei den schlechten\nZeiten diese Summe ausfallen solle, machte viel böses\nBlut; denn wenn man dem Italiäner seine Oper nimmt,\nso nimmt man ihm das halbe Leben.\nDie Bibliothek des Conservatoriums besitzt interessante\nHandschriften von berühmten Componisten von Pergolese\nbis auf Rossini, Donizetti und Bellini, unter anderen auch\ndie Original-Partitur von Cimarosa's\nBellini's Partituren enthalten fast nur die Melodieen, die\nOrchester-Partie ist iheils gar nicht ausgefüllt, theils sehr\nundeutlich hingeschmiert. Das Conservatorium hat hundert\nZöglinge, welche auf Staatskosten nicht bloss Musik-, son-\ndern auch Schulunterricht erhalten; sie werden aus talent-\nvollen Kindern unter fünfzehn Jahren gewählt. Ausserdem\nhat die Anstalt mehrere zahlende Schüler aus der Stadt\nund 120 auswärtige, im Ganzen in 15 Classen. Allein\nwas wird geleistet? was ist aus der berühmten neapolita-\nnischen Pflanzschule grosser Meister geworden? Ihre jetzi-\ngen Leistungen erfahren am Orte selbst eine sehr scharfe\nBeurtheilung.\nEs hat sich überhaupt eine Reform-Partei gebildet,\nan deren Spitze ein tüchtiger Musiker und Kritiker, Na-\nmens Bonamici, steht, welcher vor zwei Jahren den\nmusicalischen Congress in Neapel veranlasst hatte. Wie\nauf allen dergleichen Versammlungen, wurde viel geredet,\nviel vorgeschlagen, viel gewünscht, viel gefordert, was alles\nin gedruckten, starken Protocollen niedergelegt ist. Indess\nist doch auch ein praktisches Resultat daraus hervorge-\ngangen, der Circolo Bonamici, der Mittelpunkt derjenigen,\ndie eine gründliche Reform der italiänischen Musik und"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "238", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660728-01.1.6", "texte": "des Geschmacks anstreben. Ihr Organ ist\ncircolo Bonamici,in welchem die Grundsätze einer ratio-\nnellen Kritik aufgestellt und richtige Ansichten über clas-\nsische Meisterwerke anderer Nationen, besonders der Deut-\nschen, verbreitet werden.\nAusser dem San Carlo hat Neapel noch ein halbes\nDutzend anderer Theater, auf denen die\nblüht. Obwohl sie ihren alten National-Charakter, wie die\nPatrioten klagen, durch Einlenken in die moderne Vaude-\nville-Gattung nach und nach alterirt, so gibt es doch noch\nsowohl ganze Vorstellungen, als einzelne Künstler, welche\nzum Theil durch ihren komischen Inhalt, mehr aber durch\nden unerschöpflichen Humor und die fabelhafte Beweglich-\nkeit und Gewandtheit der Darsteller in Spiel und Gesang\ndas Zwerchfell so erschüttern, dass man nicht zum Bewusst-\nsein über den Mangel eines künstlerischen Hintergrundes\nkommt, auf welchem sich diese echt komischen Figuren\nbewegen. Die eigentlichen Pagliasse und Pulcinelle kann\nman nur hier sehen, und der Fremde kann sich aus sei-\nner Heimat her gar keine Vorstellung von dieser Art von\nKomödie machen. Auf diesen kleineren Theatern findet\nman noch immer höchst originelle Talente, wie z. B. auf\nder Bühne im Wintergarten einen gewissen Bottero, einen\nBassisten, der vom tiefen JE, das er in reinem und kräfti-\ngem Ansätze hat, durch zwei Octaven mit einer Coloratur-\nfertigkeit hinaufgeht, deren Correctheit nichts zu wünschen\nübrig lässt, und dann am Ende mit einem täuschenden\nund ganz wohlklingenden Sopran-Falset eine Primadonna-\nArie singt. Als berühmtester eigentlicher Puicinell gilt\njetzt Petitti, der auch noch durch improvisirte Witze glän-\nzen soll. Uebrigens gehen dem Fremden eine Menge von\ndiesen Spässen verloren, denn man mag noch so gut des\nItaliänischen mächtig sein, diesem neapolitanischen Volks-\nDialekte ist man nicht gewachsen, da selbst die Italiäner\naus Toscana und aus Piemont Mühe haben, ihn zu ver-\nstehen.\nEin Hauptreiz meiner Reise nach Italien war der\nheisse Wunsch gewesen, in Rom die Gesänge der päpst-\nlichen Capelle in der Charwoche zu hören und die Kirchen-\nmusik in der Hauptstadt des Kirchenstaates zu studiren.\nDer erste Eindruck davon war für mich eine grosse\nEnttäuschung. Hätte ich gleich nach den Aufführungen\nam Mittwoch, Donnerstag und Freitag der Charwoche\ndiesen Eindruck geschildert, so hätte ich nichts Anderes\nsagen können, als dass ich aus Verdruss, den gregoriani-\nschen Gesang viel nachlässiger und roher ableiern zu hö-\nren, als in Frankreich, die Sixtinische Capelle verlassen\nhabe, um mich durch das Anschauen der Denkmale der\nMalerei und Architektur zu erholen und zu erfrischen;\ndass ich, empört, Palestrina's und seiner Zeitgenossen\nWerke tact- und ausdruckslos und sogar unrein singen\nzu hören, mich zur Betrachtung des jüngsten Gerichtes\nvon Michel Angelo geflüchtet habe, eines Werkes, das,\nobwohl es von der Zeit gelitten, doch überall noch das\nGepräge des Genius trägt. Wie anders ist es mit den Wer-\nken des Musikers! Der Genius des Componisten ist der\nBehandlung seiner Dolmetscher überantwortet. Wie oft\nhat er die grösste Mühe, bei seinem Leben würdige zu\nfinden, was kann man für ihn drei Jahrhunderte nach\nseinem Tode erwarten?\nDennoch hoffte ich für Palestrina; ich sagte mir, dass die\nTradition doch nicht unterbrochen worden sei, und dass\ndie Kirche, wenn sie nur wolle, die Mittel und die Macht\nhabe, die Tradition zu retten, dass die Sänger der päpst-\nlichen Capelle die Erinnerung an ihn bewahrt haben\nmüssten, und dass das Local helfe, das Ideal von dem Ein-\ndruck der heiligen Klänge, das man sich gebildet, zu ver-\nwirklichen. Das Letztere ist nun allerdings der Fall; aber\nwas hilft das, wenn die Sänger falsch singen, schlecht di-\nrigirt werden und die moralische und geistige Bedeutung\nder Töne nicht ahnen? Hier und da, aber nur sehr selten,\ntauchten einzelne augenblickliche Schönheiten des Ge-\nsammtklanges oder einer einzelnen Stimme auf, und diese\nMomente konnten allenfalls eine Idee von dem geben, was\nder Gesang der Sixtina früher gewesen sein mag.\nEine sehr schöne Composition war eine Passion von\nVittoria; die Erzählung des Evangelisten ist einem\nTenor, die Worte Jesu einer Bassstimme gegeben, dazwi-\nschen Chöre der Juden. Das Einfache und Erhabene die-\nses Werkes ist bewundernswerth. Wenn die Sänger nur\neinen Funken von Verständniss und Gefühl für das hätten,\nwas sie vortragen! Dabei fallen die Fermaten und Caden-\nzen, welche sie anbringen, auf; auf den ersten Augenblick\nkommen sie uns lächerlich vor, indessen führen sie diesel-\nben manchmal so gut aus, dass man sich daran gewöhnt,\nund sie behaupten, diese Schnörkel hätten sie durch Tra-\ndition überliefert bekommen. Sie singen übrigens auch\ndiese Verzierungen nur materiel genommen gut; von tie-\nfer empfundenem Ausdrucke ist auch dabei nicht die Rede.\nDie Compositionen aber sind der Art, dass ihre religiöse\nWahrheit und ihre eigenthümliche Harmonisirung\nauch durch die Schleier der Ausführung hindurch einen\nmerkwürdigen Eindruck macht. Wenn sie stellenweise\nrein und schön gesungen werden, so ist es, bei der wun-\nderbaren Akustik der Capelle, als wenn man eine himm-\nlische Musik hörte: nur schade, dass man dann aber\ndurch Fehler, die kaum Anfängern zu verzeihen sind,\nplötzlich wieder aus den Wolken auf die Erde fällt. Einen\nCapellmeister hat die Capelle nicht, der älteste Bassist"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "239", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660728-01.1.7", "texte": "führt den Tactstock, aber kein Mensch bekümmert sich\num ihn. Die Capelle hat 30 bis 32 Mitglieder.\nWas ich gehört habe, waren eine fünfstimmige La-\nmentation von Palestrina, das Miserere von Bai'ni; am\nDonnerstag die beiden Miserere von Allegri und von Bai,\nwelche die Sänger so durch einander werfen, dass sie erst\neinen Vers des einen, dann einen Vers des anderen und\nso fort singen; dann die prächtigen Improperien von Pa-\nlestrina, die oben erwähnte Passion von Vittoria und ein\nMiserere von Mustapha, dem ersten Sopranisten der Ca-\npelle, einem achtunddreissigjährigen tüchtigen Musiker,\nder auch die Soli in Allegri's Miserere stellenweise recht\nschön singt. Er und sein Bruder, der Bassist, sind gebo-\nrene Türken.\nAusser in St. Peter wird fast in allen den 377 Kir-\nchen und Capellen von Rom während der Charwoche\nMusik gemacht. Von eigentlichem Orgelspiel ist nicht die\nRede, die meisten Orgeln, selbst in der Peterskirche, sind\nklein und schlecht; bei grossen Processionen spielt das\nMusikcorps der Schweizergarde oder das der Gensd'arme-\nrie in der Kirche, zuletzt von einer der Galerieen in der\nKuppel herab, was allerdings durch die Grösse und Weite\ndes prachtvollen Gebäudes einen eigentümlichen Effect\nmacht. Indess muss man gestehen, dass der allgemeine\nEindruck, den man aus der Kirche mit hinausnimmt, kein\nerbaulicher ist, weder durch die Musik, noch durch das\nCeremoniel, welches für nordländische Katholiken gar zu\ntheatralisch ist und in der.Andacht stört.\nDie beiden Operntheater in Rom, Apollo und die Ar-\ngentina, sind von keiner Bedeutung und werden von San\nCarlo, Scala, Fenice (in Venedig) und selbst von vielen in\nden kleineren Städten übertroffen. Auffallend für den Frem-\nden sind die Serenaden, die hier noch sehr im Schwünge\nsind und Einen recht daran erinnern, dass man in Italien\nist. Ausser dem Gesänge von stets hübschen, wohlklingen-\nden Stimmen spielen die Guitarre und die Mandoline, mit\neinem zugespitzten Federkiel gespielt, die Hauptrollen;\naber auch förmliche Abendmusiken kleiner Orchester un-\nter freiem Himmel sind nicht selten.\nIm Ganzen kann man nicht anders sein Urtheil über\nRom in musicalischer Beziehung abschliessen, als durch den\nAusspruch, dass die Tonkunst daselbst im Verfalle ist. Bild-\nhauer, Baumeister, Maler finden hier zur Belehrung, An-\nregung und Begeisterung herrlichen Stoff: was aber die\nMusiker hier sollen, begreift man nicht. Und doch hält man\nin Paris an dem alten Zopfe fest, die gekrönten Preisbe-\nwerber der Akademie der Musik auf Staatskosten nach\nRom zu schicken, während sie in Deutschland und in Paris\nselbst viel mehr lernen können, als in Italien!\n\nAus Löwen in Belgien.\nDer katholische Congress zu Löwen hatte im Jahre\n1864 beschlossen, ein Preis-Ausschreiben für eine vier-\nstimmige Vocalmesse mit Orgelbegleitung nebst Gra-\nduaie, Offertorium und einem Motetto zu erlassen. Com-\nponisten aller Länder konnten sich um die Preise bewer-\nben: 1. Goldene Medaille und 1000 Frcs. 2. Vergol-\ndete Silber-Medaille und 500 Frcs. 3. 250 Frcs.\nEs waren bis zum End-Termine (den 1. Juni 1866)\nnicht weniger als 76 Partituren eingesandt worden, und\nzwar aus Belgien, Frankreich, England, Oesterreich,\nPreussen, Baiern, Würtemberg, deutschen Herzogthü-\nmern, Italien, Rom, Spanien, Holland.\nZu Preisrichtern waren eingeladen und hatten sich in\nden Tagen vom 18. bis 20. Juli zu Löwen eingefunden\nfür Belgien die Herren Fetis, So über (Director des\nConservatoriums zu Lüttich), Gevaert, Canonicus de\nVroye von Lüttich als Präsident der Jury. Für Frankreich\ndie Herren Hector Berlioz, J. d'Ortigue, Saint-\nSaens, Ed. Batiste. Für Deutschland die Herren Ferd.\nHiller, Damke, Ferd. Kufferath. Für Holland Herr\nVer h ulst. Für England Herr Pfarrer M a her aus London.\nUnter den 76 eingegangenen Arbeiten wurden 19\nals bewerbungsfähig und berücksichtigungswerth aner-\nkannt. Wie man sich erzählt, soll indess auch unter diesen\nkeine auf ein absolutes Urtheil vollkommener Befriedigung\nunbeanstandete Ansprüche gehabt haben. Die Jury einigte\nsich jedoch bald darüber, dass unter den vorliegenden\nPartituren der erste Preis einer Messe u. s. w. gebühre,\nals deren Autor die Oeffnung der Devise Herrn Eduard\nSil as laus Holland, Organisten an einer katholischen Kirche\nzu London, offenbarte. Den zweiten Preis erhielt Herr\nGottfried Preyer, Capellmeister an der St.-Stephans-\nkirche zu Wien; den dritten Herr Johann Habert,\nOrganist zu Gmünden in Oesterreich. Die Jury be-\ndauerte, dass die Arbeit mit der Devise: Soli\nnicht berücksichtigt werden konnte, weil sie nur eine\nMesse ohne Graduale u. s. w. enthielt, folglich den Vor-\nbedingungen des Programms nicht vollständig entsprach.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\n-84 öl Ei. Dieser Tage hatten wir Gelegenheit, Miss Victoria\nRosenfeld aus Manchester, eine der besten Pianistinnen, die aus\ndem hiesigen Conservatorium hervorgegangen, in einem Privatcirkel\nzu hören. Die junge Dame hat ein bedeutendes musicalisches Ta-\nlent, das sich auch in den musikwissenschaftlichen Studien gezeigt\nbat, für das Ciavierspiel schon jetzt zu einem hohen Grade von\ntechnischer Abrundung mit schönem Anschlage entwickelt, wobei\nes dem Vortrage keineswegs an Ausdruck und verständiger Schat-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "240", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660728-01.1.8", "texte": "tirung fehlt, so dass wir ihr eine glückliche Künstler-Zukunft pro-\nphezeien können und sie mit den besten Wünschen dafür in ihre\nHeimat begleiten.\nEms« Nach der Nummer 61 des in Ems erscheinenden „VEt6*\nvom 23. d. Mts. haben die Durchmärsche und die Anwesenheit\npreussischer Heer-Abtheilungen eben so wenig die Cur der Bade-\nund Brunnengäste, als die Geselligkeit gestört; alle Nachrichten\nvom Gegentheil und von den Schrecken, die man hier ausgestanden,\nwerden für baare Erfindungen erklärt, und die Fremdenliste weist\nin letzter Woche in der That die Zunahme von Gästen aus Russ-\nland, Galizien, Frankreich und England nach.\nUngeachtet der ungünstigen Zeitverhältnisse ist der Bau des\nneuen Theaters in Leipzig nicht unterbrochen worden. Die Haupt-\nfronte ist nach dem Augustusplatze gerichtet, und bildet der ganze\nBau eigentlich eine Gruppe von drei Gebäuden, welche zusammen\neine Fläche von 51,980 Quadratfuss bedecken, wobei aber der von\ndem Terrassenbau, den Veranden u. s. w. eingenommene Kaum noch\nnicht mitgerechnet ist. Das höhere Mittelgebäude ist das eigentliche\nTheater. Es hat 160 Fuss Breite und 300 Fuss Länge. Vier geräu-\nmige Treppenhäuser vermitteln den Eingang in die Zuschauerräume.\nDas Auditorium selbst fasst in Parquet, Parterre, Parterre-Logen\nund vier Rängen, wovon der zweite nur durch Logen gebildet wird,\nderen sich auch im ersten befinden, in Summa 2000 Personen. Die\nForm des Zuschauerraumes ist die in der Neuzeit am meisten be-\nwährte eines Halbkreises mit angesetztem, sich wenig verjüngenden,\naber tiefen Proscenium. Die Bühne ist so geräumig, dass auch\ngrosse Volksscenen und Kämpfe mit zahlreichem Personale darauf\nin Scene gesetzt werden können; sie misst 7566 Quadratfuss. Die\nBühnenöffnung ist 51 Fuss breit und 48 Fuss hoch. Der Bühnen-\nraum selbst aber ist Behufs ungebrochener Aufziehung der Hinter-\nund Zwischengardinen über 100 Fuss hoch, und unter ihm befinden\nsich 30 Fuss hohe Räume für Versenkungen, Maschinenräume u. dgl.\nDer Tenorist Dr. Lieb ert, früher am Stadttheater in Köln\nengagirt, ist am 11. d. Mts. zu Chemnitz im Armenhause gestorben.\nVieuxtemps' Villa bei Frankfurt am Main ist zu verkaufen. Er\nwill fortan in Paris wohnen.\nDer König von Baiern hat dem Liszt das Gross-Com-\nthurkreuz des St.-Michaels-Ordens verliehen.\nWien« In dem Zustande unserer mit wahrer Selbstaufopfe-\nrung thätigen Bühnen hat sich auch in der abgelaufenen Woche\nnichts geändert. Im Gegentheil, die augenblicklich eingerissene\nAgonie des Publicums, die nur eine rasche Wendung der unglück-\nseligen Kriegsverhältnisse ändern könnte, hat vielmehr zugenommen.\nDer Besuch der Theater blieb ein äusserst schwacher.\n(W. 81. f. Kunst.)\nWiener Musik-Zeitungen vom 3. Juli (!) brachten noch die\nNachricht, dass in den beiden Theatern in Graz die Kunde von\neiner gewonnenen Schlacht der österreichischen Nordarmee mit end-\nlosem Jubel aufgenommen worden; eben so im deutschen Landes-\ntheater zu Prag!\nDer berühmte französische Horn-Virtuose Vivier, dem man\nbekanntlich, jedoch mit Unrecht, die Erfindung des Kunststückes,\nmehrstimmige Sätze zu blasen, zuschreibt, hat kürzlich in Brüssel\nconcertirt und eine scharfe Beurtheilung gefunden. Sein Ton sei\nschwach und unschön und nur durch den Missbrauch, den er mit\nvorwiegender Benutzung der gestopften Töne treibt, einiger Maassen\nmaskirt. Wenn nach einer langen Reihe erstickter Klänge ein offe-\nner Ton erscheine, dann klinge er allerdings verhältnissmässig kräf-\ntig. Im Grunde sei aber sein ganzer Vortrag höchst manierirt und\neine widerwärtige Gefühlsheuchelei.\n* Ueber den Wettstreit von Männer-Gesangvereinen in Lüttich\nbei Gelegenheit der dortigen National-Festlichkeiten geht uns von\ncompetenter Seite das Urtheil zu, dass die dort aus Belgien und\ndem nördlichen Frankreich versammelten Vereine durch präcise und\nfein ausgearbeitete Vorträge einen ausserordentlichen Fortschritt in\nder Gesangkunst offenbart haben, der von angestrengtem Fleisse und\nernsten Studien zeugt. Der Verein von Ar ras im nördlichen Frank-\nreich könne sich mit den besten deutschen Vereinen messen; er er-\nwarb einen doppelten Preis. Bei dem jprix d'excellence konnte er\nden Bedingungen des Programms gemäss nicht mit concurriren:\ndieser Preis wurde dem Vereine des Artisans reunis von Brüssel\nzuerkannt, welcher ebenfalls recht gut sang, aber keinen Mitbewer-\nber in den Schranken des Kampfplatzes hatte.\nParis« Zum ersten Male sind als Preise in den Communal-\nschulen auch musicalische Werke vertheilt worden, z. B. Mendels-\nsohn's „Elias\", Beethoven's „Ruinen von Athen\", M&ul's „Joseph\"\nu. s. w.\nAlfred Jaell hat sich auf seiner Rückkehr von London, wo\ner neue Lorbern geärntet, einige Tage hier aufgehalten und geht\nvon hier nach Spa.\nDer überaus fruchtbare und durch das frische Colorit seines\nStils mit Recht beliebte Schriftsteller Mery, Dichter, Novellist,\nRomanschreiber, Dramatiker u. s. W.ist am 17. Juni, 68 Jahre alt,\nin Paris gestorben. Für die Oper hat er das Buch der Semiramis,\nHerculanum, Erostrate, Maitre Wolfram und zuletzt Don Carlos\nnach Schiller (Manuscript für Gounod) geschrieben* Unter seinen\nGedichten hat NapoMon en Egypte seiner Zeit grossen Erfolg ge-\nhabt. Er besass ein ganz besonderes Talent für Versbau und Reim.\nDer rühmlichst bekannte Componist Gevaert gibt unter dem\nTitel: Les Gloires de Vltalie, eine Sammlung von italiänischen\nCompositionen aus dem siebenzehnten und achtzehnten Jahrhundert\nheraus, wovon die erste Lieferung in Paris erschienen ist. Sie ent-\nhält Arie von Giulio Caccini (1600), Cantate von Carissimi (1650),\nDuett von Stradella (1675), Solo-Cantate von Scarlatti (1700), Arioso\nvon Jomelli (1750), Aria buffa von Cimarosa (1778). Je vier Lie-\nferungen bilden einen Band. Die Clavierbegleitung ist von Gevaert.\nJede Lieferung kostet 5 Frcs."}]}